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Andreas Falkinger

Alles, nur kein Kabarett Arbeitsnachweis eines Feuilleton-Schreiberlings

Kritken, Kritiken, Kritiken. und Fotos.


Wer? Was? Wo?

Zum Geleit Die südostoberbayerische Kulturszene ist vielfältig. Konzerte, Theaterstücke, musikalische Lesungen, Ausstellungen, und das alles weit jenseits von oberbayerischer Heimattümelei. Der Rockfan wird genauso bedient wie der Klassikliebhaber, der Jazzer, der Blueser und der Punk. Das soll diese kleine Zusammenstellung von Kritiken dokumentieren. Viel Spaß bei der Lektüre

Andreas Falkinger

A Buena Vista Kulturbredl im Hilgerhof Ein Stuhl für Ai Weiwei Aktion bei der Trostberger Kunstmeile 2011 Epiphany Project Baumburger Kultursommer Cristina Braga Kulturbredl im Hilgerhof CTI Allstars Band Jazzwoche Burghausen 2010 Del Gusto Postsaalgewölbe in Trostberg Theater Belacqua Wasserburg The Black Rider im k1 in Traunreut Drums United Jazzwoche Burghausen 2011 Werner Steinmassl Valentin-Hommage, Postsaalgewölbe Trostberg Zeitgeist Maschine Johannes Enders Quartett im k1 in Traunreut Anna Leman Lemansland beim Kulturbredl im Hilgerhof Trombone Shorty Jazzwoche Burghausen 2011 Schauspielhaus Salzburg Ritter Kamenbert im k1 in Traunreut JazzTwoday-Impressionen JazzTwoday-Festival in Trostberg „Im Fokus“ Foto-Ausstellung zu JazzTwoday in Trostberg Al Di Meola Jazzwoche Burghausen 2009 Anthoff, Duda, Glogger Opern auf Bayrisch im k1 in Traunreut Omnitah Kulturbredl im Hilgerhof Die Springer Konzert im k1 in Traunreut Junge Buehne Felix Mitterers „Besuchszeit“ im Postsaal The Floyd Council „Another Brick in the Wall“ in Burgkirchen Zweckinger Mundartfestival im k1 in Traunreut Schotter‘s Jazzhaufen Kulturbredl im Hilgerhof Kein Ende des Mindersinns Kommentar über intelligente deutsche Texte Nicholas Payton Group Jazzwoche Burghausen 2012 Marcus Miller Jazzwoche Burghausen 2012 LischKapelle & Baeck in Town Doppelkonzert im Trostberger Postsaal Papa Joe Band Konzert beim Baumburger Kultursommer 2012 Theaterchen „O“ Calderons „Großes Welttheater“ in Baumburg Nina Hagen Akustikset im k1 in Traunreut Martina Eisenreich Quartett Konzert beim Baumburger Kultursommer 2012 Schauspielhaus Salzburg Ronja Räubertochter Voice & Piano Sting-Hommage beim Kulturbredl im Hilgerhof Le Bang Bang 1-a-Wham!-Traumatherapie beim Kulturbredl Luisenburg-Festspiele „Indien“ von Hader & Dorfer im k1 Hornstein, Bublath & Bittner Feinster zeitgemäßer Jazz beim Kulturbredl Jakob Bruckner & Band Debüt im Hilgerhof macht Lust auf mehr Dylan on the Rocks Feines Konzert beim Kulturbredl im Hilgerhof Junge Buehne Nikolai Gogols „Der Revisor“ im Postsaal Harald C. Lössl Ausstellung „Licht“ in der Baumburger Galerie Kunstmeile Trostberg ‘13 Größte Kunstschau Südostbayerns Sabine & Friends Hinreißender Heimatswing beim Kulturbredl Lackerschmid Connection Mit beinah kindlicher Freude im k1 gejazzt Quadro Nuevo Musiksommer-Konzert im Postsaal LischKapelle Die Sonnenschein-Musikanten beim Kulturbredl Pipeline & Valerie McCleary Irische Nacht beim Baumburger Kultursommer Andreas Pytlik Ausstellung „Grün“ in der Baumburger Galerie Hammerling Programm „Freihändig“ im k1 aufgeführt LischKapelle CD-Releaseparty im „LiBella“ – ohne CD Cafe Caravan Gypsy-Swing beim Kulturbredl im Hilgerhof Eberwein Bairischer Kammersound im k1 Bullage AC/DC unplugged beim Kulturbredl Gehard Polt mit „Und Äktschn!“ Filmpräsentation im Stadtkino Trostberg Irxn Squaredance-Jodler im Schottenrock im Hilgerhof Matthias Matussek Lesung „Das katholische Abenteuer“ Peter Ratzenbeck Gastspiel in Wiesmühl/Alz Elliot Galvin Trio Jazzpreis-Gewinner in Burghausen Jamie Cullum Auftakt der 45. Burghauser Jazzwoche Blassportgruppe Atemberaubendes Präzisionsgebläse im k1

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24. August 2012

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Fortsetzung folgt.


A Buena Vista

Sommer in den Hilgerhof gebracht

A Buena Vista reißen mit lateinamerikanischen Rhythmen mit – Stars der kubanischen Szene hautnah Es ist 25 Grad warm. Mindestens. Lateinamerikanische Rhythmen, Salsa, Rumba, Son, Cha Cha Cha. Es ist heiß – und draußen schneit’s. Und schon? Havanna Club im Hilgerhof ist angesagt – nur ohne Zigarrenqualm. Auf der Bühne stehen vier Musiker, drei Kubaner und einer aus Pittenhart, der viele Jahre in Kuba gelebt hat. A Buena Vista heißt das Bandprojekt und der Anklang an den Buena Vista Social Club ist gerechtfertigt. Die Musiker haben mit der alten Riege kubanischer Künstler zusammengearbeitet, sie sind die neue Generation, die die Tradition hochhält. Eigentlich stehen A Buena Vista nicht wirklich auf einer Bühne. Der Publikumsandrang ist riesig, die Zuhörer sitzen ganz nah an den Künstlern dran. Als spielte das Quartett im Wohnzimmer – so schaut’s eher aus; Musik mit Familienanschluss, der offene Kamin ist angeheizt, Kinder der Musiker wuseln durch den Raum. Vorab wurden kleine Rasseln im Raum verteilt, die ausgiebig genutzt werden. Im Hilgerhof klingt’s, als würden Myriaden von Grillen zirpen. Es ist Sommer. Los geht’s mit dem Welthit des Buena Vista Social Clubs, „Chan Chan“ – und A Buena Vista haben ihr Publikum im Sack. Beim zweiten Stück wird mitgeklatscht, beim dritten mitgesungen. In der ersten Pause werden die vorderen Tische weggerückt, die entstehende Tanzfläche wird genutzt, erst vom Trompeter Mario „El Indio“ Hernandez und der Schwester des Percussionisten Christoph Burger, dann gibt’s kein Halten mehr. Zu kubanischen Rhythmen wiegen sich die Tänzer, als seien sie in Guantanamo, in Havanna, in Santiago aufgewachsen und nicht im Chiemgau. Mit jeder Note, jedem Akkord bringen die Musiker Lebensfreude rüber, Leidenschaft und Herzlichkeit. Dass sich in der Hitze die Gitarren permanent verstimmen, stört niemanden mehr. Das verstärkt nur den Eindruck, dass hier genau die Musik gespielt wird, wie sie in den Straßen und Kneipen von Havanna zu hören ist. Aber dieser

Eindruck wird den Musikern natürlich nicht gerecht. Burger beispielsweise war Meisterschüler von Changuito, Panga und Pepe Espinosa und trat unter anderem mit den Cuba Allstars auf. Hernandez ist derzeit der gefragteste Nachwuchsstar der kubanischen Latin Jazz Szene. Der Trompeter, Saxofonist und Percussionist spielte mit Irakere, Tony Perez und Wynton Marsalis. Mit seinem eigenen Latin-Quintett veröffentlichte er mehrere CDs und spielte auf den größten internationalen Jazzfestivals. Sänger und Gitarrist Roberto Tey Acosta stammt aus Holguin, der Wiege des Son Cubano, und ist seit seiner Kindheit Musiker und Komponist. Talent, Kompetenz, Glaubwürdigkeit, uneingeschränkte Identifikation mit der Musik und den Traditionen Kubas – hier kommt alles zusammen. Das spürt das Publikum, es lässt sich ein auf A Buena Vista, hundertprozentig. Dem kann sich keiner entziehen, keiner bleibt ruhig sitzen, alles ist in Bewegung. Die ehrenamtlichen Helfer im Hilgerhof bedienen ihre Gäste nicht nur, sie tänzeln die Getränke zu den Tischen, ganz entspannt, nichts geht zu Bruch, obwohl’s eng hergeht. Sehr eng. So wie A Buena Vista ihre Lieder darbieten, wird aus jedem Ton deutlich: Die Künstler sind stolz auf ihre Kultur, ihre Musik. Die Freude, die sie daran haben, wollen sie teilen, sie schenken etwas aus ihrem Inneren. Mit „Dos Gardenias“, „De Camino a La Vereda“ und „Comandante Che Guevara“ bringen sie die Saiten in den Zuhörern zum Schwingen. „Ich hab mir immer gewünscht, dass der Hilgerhof eine Begegnungsstätte wird“, erzählt Amalie Oberlechner, zuständig fürs Museum Hilgerhof. Versonnen schaut sie aufs tanzende Publikum. Ihrem Strahlen ist abzulesen, dass dieser Wunsch mit dem Auftritt von A Buena Vista seiner Erfüllung ein großes Stück näher gekommen ist. Vier Stunden lang haben die Zuschauer die Atmosphäre im Hilgerhof genossen. Sie werden wiederkommen.

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ein Stuhl für Ai WeiWei Trostberger Kunstmeile ’11 beteiligt sich an weltweiter Protestaktion für den inhaftierten chinesischen Künstler

Die Kunstmeile ’11 beteiligt sich an der Aktion „1001 Stühle für Ai Weiwei“. Vor 55 Tagen hat man den regimekritischen Künstler verschwinden lassen. Er wurde in dem Moment verhaftet, als Bundesaußenminister Guido Westerwelle samt deutscher Kulturdelegation Peking verließ, wo er die umstrittene Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ im Chinesischen Nationalmuseum eröffnet hatte. „Die Kunst der Aufklärung“ – ein doppeldeutiger Titel. Die Ausstellung in Peking soll ein Schlaglicht auf die Entwicklung einer künstlerischen und wissenschaftlichen Wissbegier und Weltoffenheit werfen, die diese Zeit der europäischen Geschichte geprägt haben. Ai Weiwei praktiziert ebenfalls „Kunst der Aufklärung“ – aber im Hier und Jetzt. Kunst der Aufklärung als abgeschlossene, fremde Epoche ist in Peking wohlgelitten – als lebendige Strömung im eigenen Land ist sie der Regierung zutiefst suspekt und wird bekämpft. Diese Schizophrenie hatte der Trostberger Stadtrat und Kulturreferent Anton Zeitlmayr bei seiner Eröffnungsrede zur Kunstmeile ’11 angesprochen – jetzt zeigte er gemeinsam mit dem Wuppertaler Künstler Rainer Grassmuck Flagge: Mit einem leeren Stuhl, der für Ai Weiwei reserviert ist, setzten sich die beiden schweigend auf den Trostberger Bahnsteig. Danach wurde der Stuhl mit dem Schild „1001 Stühle für Ai Weiwei“ in den Postsaal gebracht. Der Stuhl bleibt während der Kunstmeile für Ai Weiwei reserviert. Die Aktion, an der sich Kulturfreunde unter anderem in München, Berlin, Wien, Paris, London, Stockholm, Moskau, New York und Hongkong beteiligt haben, geht auf Ai Weiweis Arbeit „Fairytale“ (Märchen) zurück. Der Künstler hatte im Jahr 2007 zur documenta 1001 Landsleute und 1001 Holzstühle aus der Quing-Dynastie nach Kassel kommen lassen. Diese Installation war damals kontrovers diskutiert worden – vielen erschien sie obskur. Aber mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking, die von der chinesischen Regierung unverhohlen als Propagandaveranstaltung genutzt worden waren, wurde klarer, was Ai Weiwei mit seiner Aktion bezweckte. „Das prägendste Märchen in meinem Leben war der Mythos vom Kommunismus. Als Zehnjähriger musste ich das kommunistische Manifest auswendig lernen“, sagte der Künstler, Kurator, Kunstkritiker und Architekt Ai in einem Interview, als er nach der Intention des Titels für das Projekt gefragt wurde. „Mich interessiert die Kategorie des Märchens in erster Linie als Dachbegriff für die Trennung zwischen dem Bösen und dem Guten, dem Verhältnis von Wahrheit und Fantasie. Diese Dualismen gibt es ebenso im Verhältnis zwischen China und dem Westen.“ Deutlich wurde diese Diskrepanz bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, die die chinesische Regierung unverhohlen als Propagandaschau nutzte. Damit wurde auch klarer, was Ai Weiwei mit „Fairytale“ ausdrückte. Er hatte noch als Berater am Bau des Olympiastadions – als „Vogelnest“ berühmt geworden – mitgewirkt, sich dann aber zurückgezogen und war auch nicht zur Eröffnungsfeier erschienen. Einer seiner Beweggründe: Im März 2008 waren bei einem Erdbeben in der Provinz Sichuan viele Schulkinder unter den Trümmern begraben worden. Die Namen und die Anzahl der Kinder, die Pfusch am Bau und Korruption der Baubehörden mit dem Leben bezahlten mussten, wurden verschwiegen. Ai Weiwei nutzte Internet und Facebook, um den Skandal öffentlich zu machen und die toten Kinder zu ehren. Freunde in der chinesischen Regierung machte er sich damit nicht – zumal das Märchen von den bevorstehenden schönen Spielen nicht zum Schauermärchen werden sollte.

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Ai Weiwei übt sehenden Auges Regimekritik. Er weiß, was es heißt, sich mit den Mächtigen anzulegen: Sein Vater, der bekannte Dichter Ai Qing, war während der Kulturrevolution in Ungnade gefallen. Das Mao-Regime verbannte ihn für 20 Jahre in die Provinz. Doch das hat ihn nicht zum Schweigen gebracht. Jetzt wird Ai Weiwei an einem unbekannten Ort festgehalten, ein „Wirtschaftsdelikt“ wird ihm vorgeworfen. Hong Wei, Sprecher des chinesischen Außenministeriums, erklärte: „Provokante Menschen wie Ai Weiwei muss man im Zaum halten.“ Das sehen Künstler und Kunstfreunde in aller Welt anders – und drum werden überall Stühle für Ai Weiwei freigehalten. Auch in Trostberg.


Bet Williams

Musik für die Ewigkeit Epiphany Project beim Baumburger Kultursommer: Klar, betörend, ungekünstelt Es sind die schwierigen, die schweren Themen, derer sich das Epiphany Project annimmt. Glaube und Liebe, Heimat und Krieg. Themen, so alt wie die Menschheit. Das Ganze wird minimalistisch instrumentiert – ein elektrisches Klavier, ein Schlagzeug – und eine Stimme, die die Bezeichnung „Instrument“ wahrlich verdient. Bet Williams ist Herrin über vier Oktaven. So ewig wie die Themen klingen die Melodien von Epiphany Project. Als wären sie schon immer da gewesen, als würden sie in Ewigkeit existieren. Und das alles unter dem ehrwürdigen Gewölbe des ehemaligen Rossstalls im Baumburger Gutshof. Ein Zusammenspiel, das unter die Haut ging.

„Epiphany“ bedeutet Erleuchtung, Erscheinung, Offenbarung, Manifestation. Den Namen haben Sängerin Williams und Pianist John Hodian mit Bedacht gewählt. Sie hoffen beim Songschreiben auf Erleuchtung, erzählt Williams. So wie es aussieht, vielmehr wie es sich anhört, hatten die beiden schon einige davon. Die Melodien sind oft magisch, ziehen alle Aufmerksamkeit in sich hinein – und bleiben doch weit entfernt vom beliebigen Meditationsmusik-Blabla. Keine zeitgeistige Effekthascherei mit Klangschälchen, Gongs und Zimbeln. Dafür haben die beiden den Schweizer Schlagzeuger Michi Stulz dabei – der genauso hoch konzentriert wie inspiriert bei der Sache ist. Mit seinen extrem differenzierten Wechseln zwischen lauten und leisen Sequenzen stellt er anfangs den Tontechniker vor einige Probleme.

John Hodian

Auf ihren Reisen durch den Nahen Osten, den Kaukasus und Indien haben Williams und Hodian die Musik studiert, haben sie verinnerlicht. Hodians Wurzeln liegen in Armenien. Deshalb hat es auch nichts Aufgesetztes, wenn er in dieser Tradition komponiert. Williams und Hodian bleiben in ihrer Musik glaubwürdig, sie machen Weltmusik im besten Sinn – ohne überbordende Mystizismen, ohne Mantra- und Chakrengeschwurbel. Williams nimmt sich das „Vater unser“ vor – und singt es in der Sprache, in der es zum ersten Mal gesprochen wurde. Auf Aramäisch. Versteht zwar keiner. Macht aber auch nichts. Man kennt ja die Übersetzung. Es kommt nicht auf die Worte an. Wer religiös berührt sein will, hat ob der Innigkeit des Vortrags Gelegenheit genug dazu. Und die anderen lassen sich von der Melodie und der Reinheit der Harmonien einfangen. Religiosität, die durch Klang die Emotionen anspricht. Über vier Oktaven singt Williams mal locker hinweg. Dabei versteigt sie sich nicht in mühsam aufgebauten Koloratur-Klettereien – die Übergänge fließen, klar, betörend und ungekünstelt. So klar und ungekünstelt wie die erdigen, die ewigen Melodien.

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6 Ricardo Medeiros


Cristina Braga

Zauberin an der blauen Harfe

Cristina Braga im Hilgerhof: Quicklebendiges mit Schwermütigem genial kontrastiert Eigentlich unfassbar. Die Erste Harfenistin an der Oper von Rio de Janairo, eine Professorin an der Uni von Rio, ein Vorstandsmitglied des World Harp Congress tourt durch Europa. Nein, das ist das Unfassbare nicht. Warum sollte Cristina Braga nicht in Paris, Berlin und Lissabon auftreten? Unfassbar ist es, dass sie das im Hilgerhof tut. Nicht in einem Konzertsaal, in einer Philharmonie, sondern auf dem ehemaligen Heuboden eines bayrischen Bauernhausmuseums im ungemütlich grauen bayrischen Winter. Und in Rio ist Hochsommer. Fern der Heimat frönt die Harfenistin nicht der schweren Oper, sie bringt den brasilianischen Sommer mit in den Hilgerhof, Samba und Bossa Nova schweben durch den Raum – und die rund 90 Zuhörer lassen sich mitnehmen, lassen sich verzaubern. Sie haben auch allen Grund dazu. Die Harfe – welche Assoziationen drängen sich da auf? Sanft zupfende gelockte Engel, die leise Hosianna lispeln. Von wegen. Die Braga zupft, sie streicht und schlägt die Saiten, schlägt den Korpus, tritt die Pedale, präzise, virtuos, zurückhaltend und brachial, zurückhaltend und dann auch wieder mit großer Geste, weit ausladenden Bewegungen und gar nicht zimperlich. Saitenund Percussionsinstrument ist die Harfe nach Bragascher Spielart. Wut drückt sie aus und Trauer, Lebensfreude und Ausgelassenheit, Temperament und Leidenschaft. Von wegen „Hosianna lispeln“. Die Braga lässt’s krachen – wenn’s passt. Und genauso nimmt sie sich zurück, stellt sich und ihr Können ganz in den Dienst der Musik, lässt sie fließen, sich entwickeln und den Zuhörer daran teilhaben. Das macht sie bei den jazzigen Bossa-Nova-Stücken und bei Heitor Villa-Lobos‘ Bach-Variationen und seiner Amazonas-Suite gleichermaßen. Egal, welchen Stil sie spielt, egal ob Klassik, brasilia-

nische Folklore oder Jazz – sie nimmt den Zuhörer bei der Hand, verlangt seine ganze Aufmerksamkeit. Und bekommt sie. Die Freude, die sie augenscheinlich beim Musizieren empfindet, springt unweigerlich über. Entrinnen gibt’s keins. Cristina Braga verzaubert. So wie sie ihre blaue Harfe spielt, so singt sie auch. Meistens mit der Sanftheit, mit der Melancholie in der Stimme, die man von Astrud und Bebel Gilberto kennt. Die Stücke handeln von der tiefen Traurigkeit, vom Verlust, der Resignation und dem Hoffen, endlich nicht mehr traurig sein zu müssen. Das Ganze im Tonfall zwischen der unerträglichen Leichtigkeit des Seins und schwerer Bitter-Süße. Quicklebendiges kontrastiert sie mit dem Hang zum Schwermütigen. Langweilig wird das nie. Besonders innig gelingen ihr die Lieder von der Liebe. Ihr und ihrem Mann Ricardo Medeiros, der sie an der Bassgitarre begleitet. Das tut er nicht nur, weil er ihr Mann, sondern weil er ein begnadeter Bassist ist. Die beiden gehen aufeinander ein, sind so sehr aufeinander eingespielt, dass das bloße Zuhören schon an Voyeurismus grenzt. Braga und Medeiros sind einander verbunden, untrennbar. Zumindest machen sie den Eindruck auf der Bühne. Da wird bestaunenswerte Harmonie gelebt, sie reden instrumental miteinander. Dabei entsteht noch nicht einmal der Eindruck, sie erzählten einander dasselbe wie beim selben Stück am vergangenen Abend. Ihre Musik ist weder glattpoliert noch weichgespült – auch wenn sie „Girl From Ipanema“, „Manha de Carnaval“ und „Corcovado“ haucht, zupft und schlägt – jene Stücke, die aber wirklich jeder aus dem Effeff und aus dem Fahrstuhl kennt. So, wie sie die beiden auf der Bühne ausleben, kennt sie keiner. Eigentlich unfassbar.

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HUBErt Laws

Brian Lynch

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GroSSE Namen ohne Gemeinsamen Nenner

CTI All Star Band: Herausragende Individualisten machen noch kein herausragendes Ensemble – Airto Moreiras Niedergang Schwierig, schwierig. Namen sind Schall und Rauch. Aber „CTI All Star Band“ sagt halt schon sehr wenig aus. Und das, was es aussagt, ist nicht unbedingt unproblematisch. CTI, Creed Taylor Inc., das Jazzlabel des Musikproduzenten Taylor schaffte Millionenverkäufe. Mit brillanter Tontechnik, überragendem Coverdesign, mit den Galionsfiguren des Fusion-Jazz. Aber: Die Produktionen gerieten bisweilen glatt und massenkompatibel bis zur Seelenlosigkeit. CTI hat seinen Platz in der Jazzgeschichte eingenommen, einen Platz nicht ohne schalen Beigeschmack. Dem Namen nach gehören die Musiker, die für die CTI All Star Band zusammengewürfelt worden sind, zur Crème de la Crème des Jazz. Einige sind Legenden. Zum Beispiel Airto Moreira, der gehörte mal zur Weltelite der Percussionisten. Der bereicherte die Musik von Miles Davis, Weather Report, Return to Forever, Herbie Hancock. Doch das ist lange her, inzwischen ist er ein Schatten seiner selbst, schleppt sich auf die Bühne, völlig uninspiriert, ausgebrannt, ohne Bindung zum Rhythmus und zum Rest des Ensembles. Dagegen Schlagzeuger Jeff „Tain“ Watts – der brennt. Und seine Stilistik erlaubt es ihm, die Rolle des Percussionisten ganz nebenbei zu übernehmen. Moreira braucht’s nicht mehr, wenn Watts hinterm Schlagzeug sitzt und massiv Spaß hat. Roy Hargrove, vollmündig als CTI-Star angekündigt, erscheint überhaupt nicht – was kein Nachteil ist, weil ihn Grammy-Gewinner Brian Lynch vertritt. Lynch ist der Mann für explosive Phrasierung, ekstatisch, intensiv. Hargrove ist der bekanntere, aber Lynch ist präsenter. Hargrove geht niemandem ab. Der Name All Stars trifft zu: Legende Hubert Laws (Flöte), Gitarrist Russell Malone, Bassist Mark Egan – allesamt Virtuosen, allesamt Spitzen-Jazzer. Die Soli mitreißend, inspiriert, zum Teil experimentell; aber das Ensemble leidet unter dem All-Star-Status, viele Köche verderben den Brei. Leidtragender ist unter anderem Dänemarks erfolgreichster Jazzpianist, Niels Lan Doky. Der muss sich seine Soloparts erkämpfen; eigentlich wird er von den Altstars am liebsten ignoriert. Was hat dieser 46-jährige europäische Lausbub in Sachen Jazz mitzureden? Schade eigentlich, dass der nicht darf, was er kann.

Jeff „Tain“ Watts

Weil „All Star Band“ nicht unbedingt ein Alleinstellungsmerkmal ist, braucht’s natürlich ein Verkaufsargument, damit die Wackerhalle wenigstens halb voll ist. Curtis Stigers muss als Magnet herhalten. Der hat Anfang der 90er 30 Millionen Platten verkauft, wurde dem Pop zugeordnet – zu Unrecht. Mit Abe Laboriel, Buzz Feiten und Paulinho da Costa hatte er Fusion-Mitstreiter, heraus kam die Scheibe mit dem Welthit „I Wonder Why“. Stigers ist ein Crooner, Sympathien gewinnt er als Sänger – wenn er gesund ist. Das ist in Burghausen leider nicht der Fall. Wegen einer Erkältung bleibt sein Auftritt zeitlich überschaubar, Joni Mitchells „Your Mind Is On Vacation“ ist überhaupt nicht im Repertoire, stimmlich ist er zwangsläufig nicht auf der Höhe. Dazu ist Stigers ein respektabler Saxofonist – nicht weniger, aber vor allem nicht mehr, auch wenn er gesund ist. Als Saxofonisten braucht ihn die CTI All Star Band definitiv nicht. Da hat sie Bob Malach. Der schaut zwar auch nicht sonderlich gesund aus, hager bis zaundürr, aber mit einer unbändigen Energie und einem noch größeren Spaß an der Improvisation bläst er Stigers schlicht und ergreifend weg. Wenn Lynch sich zum Bläsersatz dazugesellt, dann hat der Star überhaupt keine Chance mehr. Und so bleibt das Konzert der CTI All Stars Stückwerk – einzeln sind die Musiker stark, kraftvoll außer Moreira, als Ensemble funktioniert die Ansammlung von Individualisten eher holprig bis gar nicht. Da reicht’s noch nicht mal zur gefürchteten CTI-Glätte. Potenzial verschenkt.

Burghausen, Jazzwoche 2011

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Tanja Thaler

Del Gusto ServierT Geschmack

Weltreise mit einem inspirierten Quartett: Kammermusikalis Musikalische Weltreise im Postsaalgewölbe: Die vier Reiseleiter Tanja Thaler (Akkordeon, Gesang, Cajon), Evamaria Forreiter (Harfe, Akkordeon), Bertram Weihs (Violine) und Heinz Lichtmannegger (Kontrabass, Gitarre) – gut bekannt als Del Gusto – hatten eine Route zusammengestellt, die von Polen über Frankreich nach Argentinien führte und dazwischen noch einige Abstecher zuließ. Einer dieser Abstecher war ein besonders warmherziger – sowohl in der Ausführung als auch in der Absicht: Für den Gitarristen von Quadro Nuevo, Robert Wolf, der im vergangenen Jahr bei einem Autounfall unverschuldet schwer verletzt worden ist, spielten Del Gusto dessen melancholisches Stück „Per il mio amore“. Und auch Quadro-Nuevo-Saxofonist Mulo Francel kam zu Del-Gusto-Ehren: Seinem Stück „Swing Vagabond“, das Ferdinand – dem Ford Transit der Band – gewidmet ist, verliehen Del Gusto beschwingt ihre Klangfarben.

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Überhaupt: Die musikalische Nähe zu Quadro Nuevo – bedingt nicht zuletzt durch die ähnliche Instrumentierung – war während der gesamten Soiree zu spüren. Ernst August Quelles „Kommissar Maigret“ fand sich wie bei den Musikern um Francel im Repertoire wie Stücke des Tango-Nuevo-Begründers Astor Piazzolla. Del Gusto ist es gelungen, ein trotz aller Leichtigkeit und Fröhlichkeit anspruchsvolles Programm aus Folklore, Tango, Jazz und Klassik zusammenzustellen und dabei die vielen Talente der Musiker zu präsentieren. Akkordeonistin Tanja Thaler glänzte als Sängerin mit


Evamaria Forreiter

Heinz Lichtmannegger

kvolles

sche Mischung aus Folklore, Jazz, Tango und Klassik Hoagie Carmichaels „Georgia On My Mind“, Heinz Lichtmannegger tauschte den Viersaiter mit der Sechssaitigen und Harfenistin Evamaria Forreiter wusste auch am Akkordeon zu überzeugen. Salonmusik kammermusikalisch und unterhaltsam präsentiert. Mit Dmitri Schostakowitschs Walzer Nr. 2 aus der 5. Suite für Varieté-Orchester bewies das Quartett, dass vier Musiker durchaus in der Lage sein können, ein fürs Sinfonieorchester geschriebenes Werk anspruchsvoll und gleichzeitig unterhaltsam zu intonieren. Del Gusto wurden in ihrer Interpretation dem Charakter des Stücks voll gerecht: stilistische Ähnlichkeiten mit Zirkus- beziehungsweise Varieté-Musik wurden fein herausgearbeitet. „Del Gusto“ kommt vom guten Geschmack. Den hat das Quartett ganz ohne Zweifel. Und es hat die Fähigkeiten, seinen guten Geschmack adäquat auszudrücken und weiterzugeben. Musikalisch ohne Fehl und Tadel, haben Del Gusto als Unterhalter jedoch noch ein kleines Defizit: Mit bisweilen launigen Ansagen stellen sie zwar den Kontakt zum Publikum her, lassen ihn dann aber während der Stücke wieder abreißen. So wird der Zuhörer Zeuge einer besonderen musikalischen Darbietung, aber er wird nicht wirklich ein Teil davon. Die hervorragenden Instrumentalisten schauen hochkonzentriert vor allem in eine Richtung: auf ihre Notenblätter. Kaum ein Blick zum Nebenmann, zur Nebenfrau – und ins Publikum schon gar nicht. Das schafft eine Distanz zwischen Podium und Zuschauerraum, die’s bei Musikern dieser Qualität eigentlich nicht bräuchte.

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Hilmar henjes

Brigitte Solder

Annett Segerer

Thomas Hinrich

Ein grandioser Freischütz

Theater Belacqua gastierte mit Tom Waits‘ „The Black Rider“ im k1: Produktion von Brecht-Weillscher Qualität „Für dieses Werk können an Amateurtheater leider keine Aufführungsrechte vergeben werden.“ Die Vorgabe des Rechteinhabers ist rigide. Mit Recht. Laien würden am Stück zerschellen. Und wenn nicht, dann sollten sie schleunigst Profikarrieren anstreben. „The Black Rider“ jedenfalls ist nichts für Feierabendensembles. Für das Wasserburger „Belacqua“ ist er sehr wohl etwas. Das haben die Schauspieler und Musiker im k1 tief beeindruckend gezeigt. Eine Leistung, die mit weniger als „grandios“ war.

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RegisseurUwe Bertram verbindet die Monstrosität der Kompositionen von Tom Waits und die doppeldeutig-dunklen Texte von Beatnik William S. Burroughs mit einer schräg-morbiden TimBurton-Ästhetik, die die ohnehin greifbare Düsternis des Werks noch potenziert. Und das mit einer lässigen, skurrilen, witzigen Leichtigkeit, die „The Black Rider“ auch gleich wieder jene Schwere nimmt. Dem staunenden Zuschauer bleibt die Spucke weg. Muss. Kultregisseur Robert Wilson hatte Anfang der 90er Jahre gemeinsam mit Burroughs und Waits das „Freischütz“-Thema fürs ThaliaTheater in Hamburg adaptiert; die Inszenierung setzte Maßstäbe.

Maßstäbe, vor denen das „Belacqua“ sich nicht zu ducken braucht. Der Wasserburger schwarze Reiter ist groß. Ganz groß. Das liegt am vollendet gelungenen Zusammenspiel von Musikern, Schauspielern, Maske und Bühnenbild. Regisseur Bertram hat der kruden Handlung einen zweidimensionalen Rahmen verpasst. Die Szenen spielen sich durch die Bank in einem überdimensionierten Setzkasten ab, dessen zeitweise ungenutzten Fächer mit allerlei Türen geschlossen werden. Die dritte Dimenson gehört der Band und Dirigentin Susan Hecker – und die bleiben weitgehend statisch. Das Ensemble nimmt den Zuschauer an der Hand, führt ihn von Szene zu Szene, von Fach zu Fach. Dadurch bekommt das Stück eine unfassbare Intensität, eine konzentrierte Dichte, die nicht überfordert, aber den Atem raubt. Höchst spannend, höchst unterhaltend. Der „Freischütz“ ist laut zeitgenössischer Rezension „die erste in jeder Beziehung rein deutsche Nationaloper“. Wilson, Waits undBurroughs haben das Deutschtum ironisch gebrochen. Nichts ist geblieben von den ursprünglichen Romantizismen, noch nicht mal


Nik Mayr

Susan Hecker

Toby Heinz

Agathe – oder Käthchen, wie die Protagonistin bei Burroughs heißt – überlebt.

Teufel ist kein nach Schwefel stinkender Pferdefüßiger. Die Droge ist der Teufel. Ein Teufel, der mit Süchtigen wie mit Marionetten spielt.

Schreibtischhengst Wilhelm (Hilmar Henjes) liebt Försterstochter Käthchen (Annett Segerer). Förster Bertram (Thomas Hinrich) akzeptiert Wilhelm aber nur als Schwiegersohn, wenn er als Jäger seinen Mann stehen kann. Kann er natürlich nicht. Mit dem Stift ist er stark, nicht mit der Büchse. „Wer denkt, taugt nicht als Mann“, so der Förster, der Käthchen den Jäger Robert (Nik Mayr) zugedacht hat. Der verzweifelte Wilhelm übt und übt – und trifft sozusagen keinen Verwandten. Das ändert sich schlagartig, als nachts im Wald dem schwarzen Reiter, dem Stelzfuß, dem Teufel begegnet. Der gibt ihm Zauberkugeln, „magic bullets“. Wilhelm wird zum zielsicheren Schießwütling. Am Tag der Hochzeit hat er alle Bullets verballert, einmal noch bittet er Stelzfuß um Hilfe. Er bekommt sieben Kugeln und einen Kuhhandel: „Sechs für dich und eine mir – deine treffen, meine äffen...“ Mit der siebten Kugel trifft Wilhelm eine Beinah-Verwandte – seine Braut. Und die Moral: „Teufelspakt ist Narrenpakt“.

Die Maske lässt die Schauspieler tatsächlich wie Marionetten aussehen. Sie scheinen gerade aus Burtons „Nightmare before Christmas“ gesprungen zu sein. Die völlig überzeichneten Gesichter verstärken die verstörenden wie komischen Charaktere noch. Segerer changiert zwischen Naivität und Laszivität, Henjes gibt den weltentrückten, steifen Schreiberling, Hinrich den brummbärigen Förster mit WaitsAnklängen in der Stimme. Die Akteure spielen sich nicht nur die Seele aus dem Leib, sie können auch noch singen. Und wie.

Was hat diese Aussage in einem Stück der säkularen Welt verloren? Doppelbödigkeit liegt nicht darin, dass Burroughs der Geschichte das glückliche „Freischütz“-Ende versagt. Er legte sie als Parabel für sein eigenes Schicksal an – der Autor hatte 1951 im Drogenrausch versehentlich seine Frau erschossen. Teufelspakt ist Narrenpakt. Der

Brigitte Solders Stimme schwebt wie Waits‘ Singende Säge über der Szenerie, Toby Heinz brilliert mit einer Wilderer-Ballade. Gnadenlos diabolisch gibt sich Erzählerin und Dirigentin Hecker. Auch ihr Alt kommt dem Waitsschen Timbre gefährlich nahe. Und die Band? Bassist Georg Karger, Posaunist Peter Holzapfel, Gitarrist Leonhard Schild, Pianistin Regina Alma Semmler und Schlagwerker Anno Kesting schaffen exakt die scharfe Prägnanz, die wohlgesetzte Beiläufigkeit der Interpretationen von Waits. Sie klingen, wie sich der Komponist das wünschen würde, wenn schon jemand anders seine Songs interpretiert: brutal, grummelnd, chansonesk, freakig, überzogen, tragisch, unheilschwanger, komisch. Das ist Theater von Brecht-Weillscher Qualität. Grandios.

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Drums United

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selbstverwirklichung Durch Autogenes trommeln Drums United sind viel, nur nicht united Melodien für Millionen werden das nicht, wenn sich acht Schlagzeuger und Percussionisten durch den Konzertabend trommeln. Drums United nennt sich die Formation des Holländers Lucas van Merwijk, die als Trombone Shortys Vorband die Wackerhalle bei der Internationalen Jazzwoche 2011 beschallte. Acht Percussionisten aus sieben Ländern auf vier Kontinenten, laut van Merwijk allesamt „Meister“ ihrer Geräte, prügelten unerbittlich auf Trommelfelle des toten Inventars – der Schlagwerke – und des lebenden – der Zuschauer – ein. Trotz vollmundig angekündigter Meisterschaft fanden die Akteure bisweilen gar nicht recht zueinander. Durchaus passend für einen Kurs „Angewandte Selbstverwirklichung durch autogenes Trommeln“, für die Jazzwoche eher weniger und als Trombone Shortys Vorband schlichtweg ein beherzter Griff ins Klo.

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Werner Steinmassl

Definitiv kein Wunsthandwerker

Steinmassl lässt Valentins Geist im aufleben – Österreicher beeindruckt mit bayrischer Skurrilität Sind’s net bös, jetzt kommt ganz was damischös: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Sie kommt von „können“, käme sie von „wollen“, müsste es „Wunst“ heißen. Auch der Gesang ist eine Kunst, eine beschwerliche noch dazu, hat sie der Schauspieler Werner Steinmassl wie dermaleinst Karl Valentin doch auf einer Singer gelernt. Die ist bekanntermaßen eine Nähmaschine. Wenn Nähen Handwerk ist, dann ist Singen logischerweise Kunsthandwerk. Zum Glück kann Steinmassl singen – sonst wär er womöglich nur Wünstler oder Wunsthandwerker – und sein Programm, das er am Samstagabend im Postsaal-Gewölbe aufgeführt hat, müsste richtig „Edle Wunst, behüt‘ dich Gott heißen“. So war aber alles ganz so wie sich’s g‘hört. Große Kleinkunst. Ungewohnt ist es schon, die Valentin-Texte im österreichischen Dialekt zu hören. Fremd gar. Ein Fremder unter Fremden ist er, der Steinmassl. Wobei der Schauspieler dem Publikum natürlich deutlich weniger fremd ist als das Samstagabend-Publikum ihm. Er oben auf der Bühne, unten die Zuschauer – Fremde unter einem Fremden halt. Die österreichische Färbung ist es nicht allein, die Steinmassls Valentin zu einem eigenständigen Kunstwerk machen. Er imitiert den Volkssänger nicht, er nimmt die Szenen und setzt sie um: eine Hommage mit Ziehharmonika, Hund und sprechendem Papagei. Die Harmonika spielt er, den Fifi bellt er, den Papagei spricht er selbst. Wo Valentin seine slapstickartigen Verbal-Eulenspiegeleien mit seiner zaundürren, schlenkerndern Körperlichkeit auf der Bühne noch absurder erscheinen ließ, ist Steinmassl als Schauspieler gefordert. Er ist nun mal kein langes Elend, eher eine kurze Not. Und trotzdem vermisst der Zuschauer nichts an Witz, weil Steinmassl über die

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schauspielerischen Mittel verfügt, Valentins Körpergröße im Geiste darzustellen. Es ist nicht zwangsläufig ein Schlaks nötig, um zu erklären, dass es „Semmelnknödeln“ heißen muss und nicht „Semmelknödeln“. Die Logik erschließt sich doch von selbst. Steinmassl braucht nicht viel, um die Skurrilität Valentins auf die Bühne zu bringen: Einen Feuerwehrrock, ein Horn, ein Akkordeon, einen Morgenmantel, Hosenträger, einen Vogelkäfig, eine Angel, einen Schirm, einen Stoffhund. Seine Requisiten holt er zur rechten Zeit hinter dem Vorhang hervor, wobei er diese Zeit für Zwiegespräche nutzt. Viele Valentin-Texte funktionieren oft nur im Dialog – mit diesem Dreh schafft es Steinmassl mühelos, nebenbei noch Liesl Karlstadt zu ersetzen. Der Österreicher zeigt mit seinem Vortrag, wie unmöglich es ist, Valentin einzuordnen. Da gibt’s dadaistische und expressionistische Anklänge, da gibt’s die pure Lust am Wortwitz, Sarkasmus und unverhohlene Kritik am Glauben an die Obrigkeit. Heute wäre Valentin ein Querdenker, sein Zeitgenosse Kurt Tucholsky nannte ihn einen „Linksdenker“. Egal ob quer oder links, die richtige Richtung trifft’s bei Valentin nie, weil der nie gradaus, sondern immer grad aus der anderen Richtung denkt. Eine Kunst, die nach ihm nur wenige in der Perfektion zelebriert haben, Loriot, Gerhard Polt und Helge Schneider vielleicht. Auch schon alte Garde. Aktuelle Comedians jedenfalls sehen da vergleichsweise alt aus. Wenn Valentins Satz „Die Zukunft war früher auch besser“ stimmt, dann braucht sich über die komödiantische Gegenwart wirklich keiner mehr zu wundern. Über Wünstler wie Mario Barth, Cindy aus Marzahn und Atze Schröder schon gleich gar nie nicht. Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist. Mit Werner Steinmassl bestimmt nicht.


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Zeitgeist Maschine


Johannes Enders

Kein Zeitgeist, keine Maschinen. Gottlob

Johannes Enders’ Saxofonquartett Zeitgeist Maschine im k1-Studiotheater: Jazz vom Allerallerfeinsten „Zeitgeist Maschine“. Auf zwei CDs hat Johannes Enders seine Komposition heuer veröffentlicht. Eine sehr lyrische Version in der Besetzung Saxofon-Klavier-Bass-Schlagzeug und eine stark rhythmisch angelegte ohne Klavier. Jetzt hat der Weilheimer Saxofon-Professor sein neuestes Ensemble nach dem Stück benannt, ein SaxofonQuartett. Nicht irgendein Quartett: Das war nur vom Allerfeinsten, was da am Sonntagabend auf der Bühne des k1-Studiotheaters stand. Was soll da auch anderes rauskommen als allerfeinster Jazz? So unterschiedlich die beiden CD-Versionen schimmern, sind sie doch vom selben Geist getrieben. Mit dem Ensemble Zeitgeist Maschine hat Enders die Komposition um eine Facette bereichert. Gleichzeitig spiegelt das Quartett exakt den Motor des Stücks wider. Und der ist bezeichnenderweise genau das Gegenteil, was der Titel suggeriert. Zeitgeist sind Eigenheiten und Eigenarten, die eine Epoche prägen: früher Uniformität, später mal Ellbogenmentalität und Individualisierung um jeden Preis. Doch nichts dergleichen bestätigt der Ensemble-Sound. Sicher: Enders, der Wiener Herwig Gradischnig, die Nürnberger Johannes Ludwig und Lutz Häfner haben ihre Handschrift, tragen ihren Saxofonstil aber nicht vor sich her. Auf der Bühne gibt‘s keinen Wettkampf, sondern ein MiteinanderSpielen. Weil’s Spaß macht, weil’s schön ist und cool. Gleichzeitig sind die Kompositionen nicht vom Zeitgeist getrieben, eher zeitlos sind sie, sie berufen sich auf Tradiertes und sind zugleich modern, frisch, jung. Und können das auch morgen noch sein, wenn der Zeitgeist die Mode längst ins nächste Extrem getrieben hat.

Und die Maschine? Sinnbild für Seelenlosigkeit, für Entfremdung, für vorgestanzte Abläufe – auch das Bild bestätigen die vier Saxofonisten in keiner Sekunde. Nichts von dem, was Enders, Ludwig, Häfner, Gradischnig spielen, erscheint vorgestanzt und nicht mehr wandelbar. Sie holen Luft durch ihre Instrumente und atmen durch ihre Instrumente aus, während des Spiels sind die Saxofone Lebensmittel, die Musik ist Ausdruck der Existenz. Sie treiben einander an, Enders mehr als die anderen. Zumindest körperlich: Seine Mitmusiker klopfen den Takt mit den Beinen, auf der Stelle stehen bleibend – er drängt nach vorn, macht den Schritt, gebeugt und offensiv vorwärts. Der Mann hat Druck. Aber er macht sich nicht wichtig, genauso wenig wie die anderen. Hat auch keiner nötig, im Ensemble ist jeder wichtig. Sie sind eine Einheit, und ist das Solo noch so intensiv. Weil sie immer wieder zusammenfinden. Uhrwerksartig, maschinenartig zumindest hier. „Zeitgeist Maschine“ – das kann nur als Ausdruck des Gegenteils, was eigentlich gesagt werden sollte, genommen werden, als Antiphrase. Die allerdings wäre eine Form der Ironie. Ironisch sind Zeitgeist Maschine nicht, sie erhöhen sich nicht selbst, indem sie anderes oder andere abwerten. Sie bilden ihren eigenen Kontext, den es losgelöst von den Jazz-Traditionen zwar nicht geben würde. Aber ihre Art zu musizieren ist so eigen, dass man das Althergebrachte nicht braucht. Ein Konzert vom Allerfeinsten, ein Konzert, das das k1 schmückt. Zeitgeist Maschine würde jedem großen Jazzfestival zur Ehre gereichen.

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AnnA Leman

Greifbar, verletzlich und hautnah

Runde Sache: Anna Leman mit Lemansland beim Kulturbredl im Hilgerhof

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Samstagabend. Der Dieter und seine Zierfischerl Fernanda und Patrick suchen traditionell vergeblich einen Superstar, austauschbare Kandidaten um die 18 mit – schlimm genug – Bohlenschem Stimmvolumen trällern sich zum Thema „Frühlingsgefühle“ vorgestanztes Chart-Erprobtes zur Konservenmusik aus den choreografierten Leibchen – und mehr als vier Millionen Werberelevante schauen zu. Samstagabend, gleiche Zeit: Anna Leman tritt im Hilgerhof auf. Sie ist keine 18 mehr, macht keine Videoclip-Tanzschrittchen, singt eigene Stücke nicht nur über Frühlingsgefühle, hat ihre leibhaftige Band Lemansland dabei und – was sie für DSDS von vornherein disqualifiziert: Sie hat Stimme, sie hat Ausdruck. Was sie nicht hat: vier Millionen werberelevante Zuschauer.

Die könnte der Hilgerhof ja auch gar nicht fassen. Vier Millionen, die womöglich die im Brotlaib servierte Fastensuppe der Familie Dotterweich probieren wollen. Geht ja gar nicht. Nein, nicht die Masse der Werberelevanten macht die Qualität eines Publikums aus. Das Hilgerhof-Publikum kann zuhören. Es lässt Lemansland wirken, spürt ohne zu atmen dem letzten Akkord nach, der sich im Raum verliert, um nach einem Sekundenbruchteil der Stille zu applaudieren. Das Timing stimmt. Bei allen Beteiligten. Zum Applaudieren hat das Publikum an diesem Abend auch allen Grund. Der filzig-samtene Alt Lemans betört und verstört zugleich. Weil sie mit ihrem Gesang eindringt ins Innerste, weil sie mal flüch-


tig berührt, mal streichelt und dann und wann auch peitscht. Sie singt mit ihrem ganzen Körper, ihr Atem wird Ausdruck. Bisweilen sind ihre Lieder sperrig – man kennt sie nicht, allesamt stammen sie von ihr. Man muss sich einschwingen, sich einlassen auf Lemans Art. Was sich lohnt. Denn sie hat etwas zu erzählen, ihre Lieder drehen sich ums Leben, Erleben, ums Erleiden, um die Kraft und ums Sein. Sie ist greifbar, verletzlich, sie ist hautnah. Emotional tief, handwerklich perfekt: Ihre Stücke hat sie sauber durchkomponiert, manches hat das Zeug zum Ohrwurm. Diesen runden Eindruck unterstreicht die famose Band noch. Die hat definitv Substanz – Alex Czinke begleitet hochsensibel an der

Jazzgitarre, übernimmt bestimmend und glasklar die Führung, um sich dann wieder zurückzunehmen und Leman punktgenau zuzuarbeiten. Chris Lachotta zupfte seinen Kontrabass schon für die Münchner Kammerspiele, für Keith Copeland und Claudio Roditi – und im Hilgerhof ist sofort klar, warum. Kraftvoll und unaufdringlich gibt er den Rhythmus vor, gemeinsam mit dem Ex-Groovepolizisten Wolfgang Peyerl am Schlagzeug, der exakt zum richtigen Zeitpunkt Besen, Schlegel und Sticks rührt, schwingt und schlägt. Jedes Stück wird sauber ausgespielt, ist sauber durcharrangiert. Runde Sache. Aber halt keine Berieselung für vier Millionen Werberelevante.

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Fegt Der Die Leute von den Stühlen

Trombone Shorty gibt denkwürdiges Jazzwochen-Konzert – Der führt den Jazz ins 21. Jahrhundert Wenn der Jazz nicht tot ist, dann hat er wenigstens Pflegestufe 3, leidlich am Leben erhalten durch Zivis wie Jamie Cullum und Norah Jones. Das Ding ist durch. Meinen die meisten. Von wegen! Der Jazz ist längst angekommen im 21. Jahrhundert. Er ist jung, frisch, unverbraucht. Er fetzt, ist cool, hat eine Pornobrille im Gesicht – und heißt Troy Andrews. Was der als „Trombone Shorty“ in der Wackerhalle bei der Jazzwoche abgeliefert hat, das hat Burghausen noch nicht gesehen. Und vor allem nicht gehört. Der Bursche hat für Lenny Kravitz posaunt, für Aerosmith, U2, Green Day. Alles keine ausgewiesenen Jazzer. Und alle schon ewig im Geschäft. Troy Andrews eher nicht – der ist 25 Jahre jung. Aber er hat sie alle im Sack. In der Kürze der Zeit hat er seine eigene Stilistik entwickelt. Mit seiner Scheibe „Backatown“ enterte er die Billboard Jazz-Charts: Ruckzuck auf Platz 1, den er neun Wochen am Stück nicht verlassen hat. Nachvollziehbar. Mit „Backatown“ ist ihm das heißeste Stück Jazz seit Miles Davis‘ „Doo-Bop“ von 1992 gelungen. Wer die Scheibe vor seinem Auftritt bei der Jazzwoche kannte, glaubte zu wissen, was ihn in der Wackerhalle erwartet. „Supafunkrock“ nennt Trombone Shorty das brodelnde Gebräu aus Soul und Blues und Funk und Jazz und Balkanbeats und HipHop. Auf der CD legt er ein Tempo vor, das den Atem raubt, er bläst schlicht die Lauscher weg, um dann wieder auf sanft zu machen wie einst Bill Withers. Eiskalt, kochend heiß, ein emotionales Wechselbad. Auf der CD. Doch das ist alles gar nichts – im Vergleich zu dem, was der Posaunist und Trompeter Trombone Shorty und seine Mitstreiter, genannt Orleans Avenue, auf der Bühne abliefern. Er lässt erst mal die Truppe ran. Die Buben quasi. Tim „True Blood“ McFatter am Saxofon. Wortspiele mit Namen sind zwar verboten, aber der spielt wahrlich ein fettes Tenorsax. Gitarrist Pete Murano schaut betont müde aus der Wäsche, als sei er nicht recht aus den Federn gekommen. Schaut so aus, ist aber nicht so. Der hat sich seine rote Gibson-Jazzgitarre umgeschnallt und zwirbelt massiv Rock raus. Selten so eine satte Gitarre gehört.

ways „Minnie the Moocher“ – natürlich mit Beteiligung des Publikums –, da ein bisschen James Brown, dort ein wenig Louis Armstrong. Das hat aber nicht das Statische bloßen Nachspielens, immer fließt Eigenes ein. Selbst „When the Saints Go Marching In“, das Andrews mit Satchmo-Stimme singt, ist nicht einfach nur ein Imitat und schon gar keine Persiflage – ohne auch nur im Ansatz krampfhaft renoviert und aufgesetzt zu wirken. Die fünf Herren haben einen Heidenrespekt vor den Klassikern, aber sie erstarren nie in Ehrfurcht. Grenzen zwischen musikalischen Genres pulverisieren sie nicht nur: Wenn sie weitergezogen sind, ahnt niemand mehr, dass es jemals Grenzen gegeben hat. Nicht umsonst heißt das erste Stück auf der CD „Hurricane Season“. Alles und jeden reißen die Jungspunde mit. Spätestens nach dem dritten Stück ist klar: Das mit der Bestuhlung hätte sich die IG Jazz getrost sparen können. Auf den Plätzen hält es keinen mehr. Trombone Shorty treibt den Letzten raus aus der Pose des andachtsvoll lauschenden Jazzgenießers. Die Zeit fliegt vorbei, die 14 Stücke von „Backatown“ fliegen vorbei und noch ein paar andere. Zugabe. Und nochmal überrascht das Quintett. Andrews mach den van Gaal, es wird rotiert, was das Personal hergibt: Der Trompeter geht ans Schlagzeug, der Schlagzeuger nimmt die Gitarre, der Gitarrist das Saxofon, der Saxofonist den Bass, der Bassist die Trompete. Das wäre an sich witzig – wenn jetzt das musikalische Chaos ausbrechen würde. Tut’s aber nicht – die können das auch. Wo soll das noch hinführen? Ins 21. Jahrhundert. Samt Jazz und dem ganzen anderen Supafunkrock-Zeug.

Dazu Mike „Bass“ Ballard, der schon mal mit dem Attribut „Monsterbassist“ versehen wird. Zwei Stunden lang schaut er finsterst drei – der macht keine Gefangenen. Und so spielt der ebenfalls 25-Jährige auch, gnadenlos druckvoll gibt er den Rhythmus vor, gemeinsam mit dem – wen wundert’s? – 25-jährigen Joey Peebles an der Schießbude. Wer „das Tier“ aus der Muppetshow noch kennt, kann in etwa ermessen, wie sich Peebles hinter seinen Trommeln aufführt. Optisch passt der besser in eine Garagen-Heavy-Metal-Kapelle denn in eine Jazzband. Und schon? Er gibt Vollgas. Augenblicklich wird klar, warum er einen Ventilator am Schlagzeug installiert hat. Und dann erscheint er. Posaune und Trompete im Anschlag, die Sonnenbrille auf der Nase schlendert er zum Mikro. Und ab geht die Post. Nein, der muss sich nicht in den Konzertabend reinfinden. Der ist vom ersten Augenblick an voll auf der Höhe, mit einem lupenreinen Ansatz, glasklar und mit immensem Druck. Vor allem seine linke Backe wölbt sich, dass der Frosch grün vor Neid wird. Dann greift er zur Trompete. Beherrscht er auch, natürlich, und wie. Er liebt es offenbar, sein Publikum immer wieder zu überraschen. Singen kann er auch noch, nicht nur so lala. Hier ein klarer Bariton, im nächsten Stück plötzlich lupenrein – wenn es so was gibt – im Falsett.

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Trombone Shorty und die Seinen berufen sich immer wieder auf die Vorarbeit der Altvorderen – hier ein „Hidehidehidehi“ aus Cab Callo-

Trombone Shorty


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Ritter kamenbert schwingt sein Käsemesser im k1

Schauspielhaus Salzburg bereitet Kindern und Erwachsenen mit Musical eineinhalb vergnügliche Theaterstunden „Ich bin die Karoline, die stürmische Lawine…“ Samstag, 18.15 Uhr. Kimi, viereinhalb Jahre alt, singt und tanzt durch die Wohnung. Seit zwei Stunden ist das Kindermusical „Ritter Kamenbert“ im k1 schon vorbei. Kimi singt immer noch. „Putz putz gurgel putz putz putz – die Zähne putzt man jeden Tag. Putz putz gurgel gurgel putz – da ärgert sich der Zahnbelag.“ Das Schauspielhaus Salzburg hat mit seinem Gastspiel in Traunreut bleibenden Eindruck hinterlassen – bei der Viereinhalbjährigen sicher genauso wie bei den vielen, vielen anderen Kindern, die den „Ritter Kamenbert“ gesehen haben. Vor mehr als 18 Jahren wurde das Musical uraufgeführt, damals noch an der Salzburger Elisabethbühne, einem Kellertheater, das für seine hochwertigen Inszenierungen sowohl für Kinder als auch für Erwachsene im weiten Umkreis berühmt war. Die Bühne ist inzwischen im Schauspielhaus aufgegangen – den Ritter Kamenbert gibt’s immer noch. Seine Beliebtheit ist ungebrochen. Deshalb wurde er für diese Spielzeit wieder ins Programm aufgenommen. Und deshalb durfte er nun auch zwei Mal im k1 sein Käsemesser anstatt eines Ritterschwerts schwingen. Kamenbert wird nie ein großer Kämpfer: Statt auf Turnieren mit anderen Recken seine Kräfte zu messen, verzieht er sich lieber in die königliche Speisekammer, um sich am Käse zu verlustieren. „Ich ess Kräuterkäse, ich ess Pfefferkäse, aber Leberkäse ess ich nie.“ Das gefällt den drei Käselaiben in der Kammer nicht wirklich. „Das Leben als Käse ist Käse“ singen Emmi, Edi und Roquefort. Die kleinen Zuschauer sperren Mund, Augen und Nasen auf. Gebannt sitzen die Kinder da. Jedenfalls missfällt Kamenberts Unritterlichkeit seinem Vater, dem König von Gorgonzola. Nur wenn es dem Käse fressenden Feigling gelingt, das Zauberschwert Romadur zu erobern, wird Kamenbert nicht enterbt und er darf auf des Vaters Burg bleiben. Meister Alberich kann dieses Schwert aber nur schmieden, wenn es Kamenbert gelingt, dem grausamsten, gefährlichsten und feuerspeiendsten Drachen den Drachenkäse abzunehmen, den dieser in seinem Höllenmaul aufbewahrt.

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Eine schier unlösbare Aufgabe für den feigen Ritter. Aber er bekommt Hilfe von der wilden, mutigen, listigen, rothaarigen Karoline. Die beiden bestehen die Abenteuer gemeinsam – zwei Räuber haben keine Chance und der Drache ist gar nicht so grausam, gefährlich und feuerspeiend. Erst wollen Kamenbert und Karoline die

vermeintliche Bestie überlisten: Sie reden Draki und seinen drei Drachennichten ein, sie könnten als singende Drachen berühmt werden. Wenn Draki singt, fällt ihm der Käse aus dem Maul und Kamenbert und Karoline türmen mit dem wertvollen Stück – so der Plan. Die Macht der Musik macht aus den Untieren einen lammfrommen Chor, Mensch und Bestien werden Freunde, Draki schenkt Kamenbert den Käse. Nachdem die Räuber endgültig überwältigt sind – natürlich mit tatkräftiger Unterstützung des Publikums – und Romadur geschmiedet ist, rehabilitiert der König seinen Sohn, der daraufhin mit seiner Freundin Karoline einen Käseladen eröffnet. Die kindgerechten Texte von Peter Blaikner haben Cosi M. Goehlert und Ernst Wolfgruber kongenial vertont. Die Musik schafft beides: Sie hat Ohrwurmqualität und Erwachsene hören sie eben nicht am liebsten nur durch die geschlossene Kinderzimmertür. Da gibt’s keine quäkenden Synthesizer, keine fiepsigen Micky-Maus-Stimmen, sondern Klavier, Saxofone und Kontrabass. Mit viel Fantasie und Liebe zum Detail werden Kinder vom witzig-spritzig agierenden Ensemble des Schauspielhauses Salzburg an die Theaterluft herangeführt. Dazu braucht’s noch nicht einmal einen Kulissenwechsel. Die Bühne ist alles zugleich: Speisekammer, Wald, Drachenhöhle, Schmiede. Die Handlung nimmt die Kinder derart gefangen, dass Kulisse Nebensache ist. Eine viertelstündige Pause teilt die eineinhalb Stunden Theater in zwei Portionen, die das Sitzfleisch der Kleinen nicht überstrapazieren. Dass die drei Käselaibe später als drei Drachenkinder auftauchen und der Darsteller des Königs auch Draki spielt, irritiert die kleinen Zuschauer nicht im Mindesten. Der Handlungsstrang ist glasklar. Trotz der aufregenden Abenteuer mit Drachen und gefährlichen Räubern kommt das Stück ohne Gewaltszenen aus. Dafür werden die Macht der Musik und die Kraft der Freundschaft kindgerecht transportiert. Eine rundum gelungene Veranstaltungen, mit der sich das k1 da schmücken kann. Inzwischen ist Sonntag. „Schubidubidu quak tick tack ding dong.“ Kim singt immer noch. „Da geh’n wir nächsten Samstag wieder hin!“ Die Aufgabe für die nächsten Tage jedenfalls ist umrissen: Einem kleinen Mädchen klar machen, dass nicht jeden Samstag Theater ist. „Dann lad ich sie halt ein.“ Das wird ein hartes Stück Arbeit.


Schauspielhaus Salzburg: Ritter Kamenbert

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jazz2day-Impressionen aus trostberg

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30 Ausstellungsbeteiligung Andreas Falkinger


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Fausto Beccalossi

Gumbi Ortiz Eszter Horgas

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Al Di Meola

Perfektion, Präzision und Leidenschaft

Phänomen Al Di Meola: Livemusik in höchster Studioqualität, vorgetragen mit kongenialen Kollegen Eigentlich unmenschlich. Desillusionierend. Entmutigend. Eigentlich dürfte der ambitionierte Hobbygitarrist sein Instrument nie wieder anfassen, wenn er aus einem Konzert von Al Di Meola kommt. Weil alles, was danach Gitarreskes zu hören ist, nur unvollkommen sein kann. Unfertig. Unsauber. Irgendwas mit „un-“ auf alle Fälle. Erst sammelt er Musiker ein, die auf ihren Instrumenten ähnliches wie er zu leisten imstande sind, dann setzt er sie rund um sich auf eine Bühne, und dann wird musiziert. Auf unmenschlichem, übermenschlichem Niveau. War Nigel Kennedys Auftritt am Vorabend eine wüste Party, ein Musikgelage, ein Massivbesäufnis ohne nachfolgenden Kater, dann war Di Meolas Konzert ein Gottesdienst, ablaufend nach einem festgelegten Ritus, glasklar, intellektuell nachvollziehbar, selbstverständlich ohne dabei verstehen zu können, wie Musik in dieser Perfektion ohne Studiotricksereien möglich ist. Die Musiker, mit denen sich Di Meola umgibt, sind Virtuosen. Sie sind Individualisten, sicher so sturköpfig und eigenständig und selbstsicher wie jeder andere, der sich in der Weltelite behauptet. Sonst kommt der da gar nicht hin. Sonst würde der wahrscheinlich auch von einem Al Di Meola nicht wirklich wahrgenommen. Also, da umgibt sich dieser Di Meola mit sechs weiteren Individualisten unterschiedlichster Temperamente – und was kommt dabei raus? Ein einheitliches Bild. Ließe man Gauguin, Cézanne und Van Gogh an einem Bild malen, dann wäre das Resultat wahrscheinlich nicht unbedingt erfreulich. Unter der Regie von Di Meola wird aus sechs Ausnahmemusikern ein Orchester. Ein Orchester, dem sich der Ausnahmemusiker Di Meola auch unterordnen kann. Di Meola ist Italo-Amerikaner, die Musiker um ihn herum stammen aus Sardinien, Ungarn, Mittel- und Südamerika, sie spielen ein Stück, dass „Sibiriana“ heißt und doch eint alles eins: Latin-Elemente als große Klammer um Stücke und Ensemble, das südamerikanische Feuer, die weltmusikalische Leidenschaft. Kurzfristig hatte sich der Gitarrist entschlossen, seine Besetzung für die Jazzwoche in Burghausen zu erweitern: Als Zusatzmusiker hat er den Akkordeonisten Fausto Beccalossi aufgeboten. Der lebt den Tango. Der leidet, wenn er der Melodie nachschaut, die er, rastlos Knöpfe drückend, hinüberschickt zu Di Meola. Er untermalt das Ganze mit seinem Gesang, der denjenigen, der ihn nicht im Blick hat, unvermittelt nach einem Synthesizer suchen lässt. Der sich auf dieser Bühne

natürlich nicht findet. Beccalossi macht klar: Ein Akkordeon ist kein behäbiges Instrument. Duelle werden mit der Gitarre ausgetragen. Da gibt’s allerdings nur einen Sieger: den Zuhörer. Höchste Dynamik geht einher mit höchster Präzision. Obwohl ein Percussionist mit von der Partie ist. Percussion ist eher expressionistisch, oft schwer berechenbar, aus dem Augenblick heraus inspiriert. Dieser Eindruck schierer Spielfreude geht bei Gumbi Ortiz nicht verloren. Aber sein Spiel ist eingebettet in Di Meolas Kompositionen. Immer der richtige Schlag zur richtigen Zeit. Die beiden verstehen sich offenbar im Schlaf. Dem steht der ungarische Schlagzeuger Peter Kaszas in nichts nach. Und mit Peo Alfonsi hat Di Meola einen Ausnahmegitarristen an seiner Seite, der durch seine bei weitem mehr als grundsolide Rhythmusarbeit die solistischen Ausflüge des Meisters vorbereitet und erst möglich macht. Als Berühmtheit in ihrer Heimat Ungarn wird die Querflötistin Eszter Horgas eingeführt – wie etwas Anne-Sophie Mutter in Deutschland eine Berühmtheit ist. Warum Horgas als solche gilt, wird schnell ohrenfällig. Kongenial bietet sie den Gitarren Paroli. Vor fast 20 Jahren hat Al Di Meola ein „Greatest Hits“-Album veröffentlicht. Bezeichnend, dass daraus bis zur Zugabe kein einziges Stück gespielt wurde. Da war der Name „Greatest Hits“ zu früh gewählt, da kam einiges nach, da wird noch einiges nachkommen, der 54-Jährige schöpft offensichtlich noch immer aus dem Vollen. Mit einem Paukenschlag ist er vor 35 Jahren auf der Bühne erschienen – als Gitarrist von Chick Coreas Return To Forever, und seither wird ihn der ambitionierte Hobbygitarrist nicht mehr los. Blanke Provokation, als er sich 1981 mit John McLaughlin und Paco de Lucía für „Friday Night In San Francisco“ zusammentat. Drei nicht zu toppende Meister der sechssaitigen Geschwindigkeit. Aus diesem Album bestreiten Di Meola und die Seinen die Zugabe: „Mediterranean Sundance“ wird beim ersten Anschlag erkannt, frenetisch bejubelt. Und dann folgt man dem in Studioqualität vorgetragenen Werk. Was wirklich tröstet, wird erst nach dem Konzert sichtbar. Auf Al Di Meolas Hemd zeichnet sich da, wo über eineinhalb Stunden die Gitarre lag, ein großer Schweißfleck ab. Eins ist jetzt klar: Un- und übermenschlich ist das, was zu hören war. Di Meola selbst schwitzt. Wenigstens ist das an ihm menschlich.

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Arien ohne Gesang, aber mit umso mehr Witz

„Opern auf Bayrisch“: Der José heißt Sepp, die Pamina Wiebke und der Holländer segelt auf dem Starnberger See Da hätte der Wagner Richard auch selber drauf kommen können. Hängt dauernd beim Kini ab und verortet seinen fliegenden Holländer irgendwo auf den Weltmeeren. Undank ist der Welten Lohn. Aber Paul Schallweg hat das berichtigt und den Holländer dahin verpflanzt, wo er hingehört – auf den Starnberger See. Und noch eins ist Schallweg gelungen: Wagner kannte weder Maß noch Ziel, was die Länge seiner Werke betrifft. Schallweg hat den Holländer auf ein erträgliches Maß gestutzt. Eine halbe Stunde muss reichen. Da kann man dann schon mal vier Opern an einem Abend abfeiern. Das Wort „feiern“ ist in diesem Zusammenhang goldrichtig: Ein Fest war die Aufführung der „Opern auf Bayrisch“ im k1. Zum einen, weil Schallweg seinen Opern-Adaptionen Schwung und Witz mitgegeben hat. Und zum anderen, weil die 15 Musiker unter der Leitung von Rolf Wilhelm die orchestralen Werke pfiffig und höchst sensibel ins Blasmusikfach übersetzt haben. Gekrönt haben diese Leistung die Schauspieler Gerd Anthoff und Alexander Duda sowie die Rundfunksprecherin Conny Glogger. Da erscheint nichts aufgesetzt, nichts zwanghaft bavarisiert. Der Schnabel ist ihnen so gewachsen, wie sie reden. Geredet wird, nicht gesungen. Bizets „Carmen, Mozarts „Zauberflöte“, Wagners „Fliegender Holländer“ und als Zugabe Puccinis „Madame Butterfly“ – „Opern auf Bayrisch“ ist ein Parforceritt durch die Musikgeschichte. Die Handlungen hat Schallweg auf das Allerwesentlichste verkürzt – das allein ist schon zwangsläufig lustig. Die Werke werden zur Persiflage ihrer selbst. Bei aller Komik geht aber der Respekt nie verloren – dafür sorgen schon die hervorragenden Musiker. Es sind die Klischees, über die sich Schallweg lustig macht, die weiß-blauen Klischees, die Fensterl-Plattel-Dackel-Idylle.

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Carmen darf noch dort sterben, wo sie hingehört – in Spanien. Wobei das auf der Bühne nicht wirklich ersichtlich ist. Anthoff, Glogger und Duda sitzen am Stubentisch, jeder einen Masskrug vor sich, links daneben die Blasmusik, der Dirigent und der Schlagwerker Werner Hofmeister. Stilecht spielt der auf einer verrostete Paellapfanne. Klar, wir sind in Spanien. Wilhelm dirigiert seine Männer – allesamt Mitglieder Münchner Spitzenorchester – im Sitzen. Weil’s ja „Opern auf Bayrisch“ sind, also gemütlich. Sergeant Don José heißt logischerweise Sepp. Der hat sich in Carmen verliebt, die’s aber mit der Treue nicht so genau nimmt. Erst muss sich der Sepp mit dem Leutnant duellieren – „… da oa sticht auf den andern ei, so bläd konn bloß a Mannsbuid sei“, später hat der Torero Escamillo bei Carmen die deutlich besseren Karten. Die Sprecher bringen die Charaktere so plastisch auf die Bretter, dass ein Bühnenbild gänzlich überflüssig wird. Anthoff wird zum Bayern-Rapper: Aus der Arie „Auf in den Kampf, Torero“ macht er im rhythmischen Sprechge-

sang „Auf in den Kampf, los geht’s mit Dampf. Wos wui denn der Stier vo mir?“ Der Torero ersticht das Viech und der Sepp die Carmen. „Damit ist die Gschicht dann gar.“ Die Gschicht schon, aber es geht sofort weiter, und zwar auf bayerischem Grund und Boden: „Die Zauberflöte oder das Wunder vom Königssee“. Prinz Tamino heißt hier Ignaz Eberle, wohnhaft in Berchtesgaden. Vertragen kann er einiges, Bier, Schnaps, aber keine Preißn nicht. Heiraten würd er schon wollen, aber Braut hat er halt keine. Da sieht er auf dem Marktplatz eine Maid, die ihm gefallen könnte. Von seinem Spezl Bene alias Papageno, der auf das Mädel auch gern bremsig wäre, erfährt er, dass sie beim Wirt z’St. Bartholomä bedient. Da muss er hin. Am Königssee nimmt ihm akurat ein Preiß den letzten Parkplatz weg, am Bootssteg legt er sich mit der versammelten Touristenschar an und als er schließlich doch noch in St. Bartholomä ankommt, hat die Bedienung ihren freien Tag. Nach ausreichend Bier und Schnaps legt sich der Ignaz hin, schläft ein und träumt – nicht von der Königin der Nacht, sondern von der Blaueisgletscherkönigin, die ihm eine Zauberflöte gibt, mit deren Hilfe er das Mädel aus dem Felsmassiv befreien kann. Sarastro heißt König Watzmann, das Mädel Wiebke – und fortan kommt Ignaz mit den Preißn wunderbar aus. Wagners Holländer-Irrtum wird nach der Pause richtiggestellt, die Seele des ruhelosen Seefahrers wird von Zenzi, der Tochter des Bootsunternehmers Beer, mehr aus Versehen gerettet. Mei, sie ertrinkt halt, als sie nach einem Missverständnis dem Schiff des Holländers hinterherschwimmt. Unweit der Stelle, „wo auch Ludwig zwo ertrank“. In einer Szene, wie sich der Zuagroaste den Himmel der Bayern vorstellt, werden Zenzi und ihr Kaskopf für immer vereint. Es geht noch kürzer: Madame Butterfly, eine Japanerin, wird von einem Amerikaner schwanger, der Gloiffe kümmert sich nicht um seinen Buben. Nach ein paar Jahren kehrt er nach Japan zurück, um mit seiner neuen Frau den Sohn abzuholen. Madame Butterfly übergibt den beiden das Kind, Harakiri, Schluss. Eine Riesengaudi sind die Opern auf Bayrisch, auch für OpernNicht-Kenner. Die Melodien hat sowieso jeder im Ohr, auch wenn die nicht immer im Original zu finden sind. Das „Chianti-Lied“ von Gerhard Winter hat in „Carmen“ ebenso wenig verloren wie Griegs „Peer Gynt“ in der Zauberflöte. Aber dramaturgisch passt das. Blasmusikalisch sowieso. Die grandiosen Sprecher Anthoff, Glogger und Duda überzeugen auf ganzer Linie. Und sie hatten für das Traunreuter zum Schluss eine frohe Botschaft parat: Im November 2012 werden sie wieder mit „Opern auf Bayrisch“ ins k1 kommen. Mit anderen natürlich – Schallweg hat 25 Stück übersetzt.


Omnitah

Tiefer Blick in die Seele einer Sängerin Omnitah im Hilgerhof: Dem Publikum die Türen zu ihrer Heimat Musik ganz weit aufgemacht

Innig. Kein anderes Wort beschreibt die Atmosphäre des Konzerts am Samstagabend im Hilgerhof treffender. Vielleicht noch sensibel, herzlich, ergreifend, nah. Weil die Künstlerin ihrem Publikum einen tiefen Blick in ihre Seele gewährte. Omnitah saß und stand da auf der Bühne, die „schwedische Norah Jones“, wie sie auch genannt wird. Aber das zielt nicht ganz in die richtige Richtung. Weil sie gar nicht Norah Jones sein will, sein kann. Weil sie Omnitah ist. Seit 35 Jahren schon. Von diesen 35 Lebensjahren stand sie mehr als drei Jahrzehnte lang auf Bühnen. Geboren ist Omnitah in Schweden – als Kind ungarischer Eltern. Die Mutter war eine erfolgreiche Konzertpianistin, der Vater Geigenlehrer. Ihre Muttersprache ist Ungarisch, in Schweden und in Deutschland ist sie aufgewachsen – Schwedisch, Deutsch und Englisch spricht sie fließend. Mit drei Jahren begann sie Klavier und Geige zu lernen, mit vier trat sie zum ersten Mal auf. Sie studierte am Salzburger Mozarteum Geige und Klavier, baute in München ihr erstes Tonstudio auf, lebt inzwischen in Erkelenz nahe Mönchengladbach. Heimat ist für Omnitah kein Ort, keine Stadt – ihre Heimat ist die Musik. Für ihr Publikum macht sie die Tür zu diesem Heim ganz weit auf. Es ist müßig, eine Schublade für Omnitahs Musik finden zu wollen. Jazz, Pop, Klassik, Soul – sie ist alles und nichts davon. Soul mag’s noch am besten beschreiben, Seele. Ja, Omnitahs Musik hat Seele, sie wärmt, sie lässt mitfühlen, sie be- und verzaubert. Diesem Zauber konnte sich im Hilgerhof niemand entziehen. Da war’s auch nicht von Belang, dass sich Omnitah nur mit Hilfe von „Schwedenkräutern, Ipalat, Nasenspray, Taschentüchern, Aspirin und Bachblüten-Notfalltropfen“, wie sie in ihrem Blog schreibt, halbwegs für ihren Auftritt im Hilgerhof fitmachen konnte. Das, was sie zu sagen, zu singen und zu spielen hat, kommt beim Adressaten an, weil es von Herzen kommt. Und weil Omnitah Musiker dabei hatte, die ihren Teil freigiebig dazu beitrugen, dass die Botschaften ankamen: die Querflötistin und Percussionistin Sonja Urban und der Gitarrist Michael Bovie. Unterstützt wurde das Konzert von der ganz speziellen HilgerhofAtmosphäre. Da sitzt das Publikum so nah an den Künstlern, dass es zum direkten Kontakt kommen muss. Solche Konzerte sind Hausmusik im allerbesten Wortsinn, sie werden fast von allein zu ganz besonderen Erlebnissen. Musik wird hier nicht konsumiert, sie wird erlebt. Weil Omnitahs Stücke vom Leben erzählen, von ihrem heimat- und ruhelosen Leben, vom Leben mit Gefühl, mit Liebe, Zorn und Ängsten, vom Leben mit ihren Haustieren. Rund 180 Songs hat die Künstlerin in den vergangenen 14 Jahren komponiert, getextet, arrangiert. Songs für jede Lebenslage, unmittelbare Songs, die sie an Piano oder Geige begleitet. Immer wieder blitzt in den Liedern eine harmonische Nähe zu den Kompositionen eines Bill Withers auf – ohne auch nur ansatzweise von ihm abzukupfern. Soul, Seele, Herz – ganz viel Gefühl transportiert Omnitah mit ihren Auftritten. Innig, sensibel, ergreifend, nah.

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Guido Wimmer

Martin Fuchs

Handbremse lösen und ab die Post

Die Springer im k1: Zweieinhalb schweißtreibende Stunden lang gehüpft, gesungen, gefeiert Lang nichts mehr gehört von den Springern. 2007 die Scheibe „Licht“ veröffentlicht, sieben Auftritte im vergangenen Jahr, davon vier fern der Heimat. Da ist’s mal wieder Zeit geworden, sich um die Gehörgänge der südostoberbayerischen Fans zu kümmern. Und dazu war am Freitagabend Gelegenheit im k1. Eine Gelegenheit, die allerdings nur etwas über 100 Springer-Freunde nutzten. War das wichtig? War’s nicht. Weil das weder die Springer interessierte noch die Leute im Saal. Da zählte nur eins: Handbremse lösen und ab die Post. Die Springer spielten, als stünden 1000 Fans im k1. Und die 100 gingen ab für 1000, das Ganze unterstützt durch perfekten Sound, perfektes Licht – Feuerzaubermagie. Thomas Kazianka, Leiter des k1, blieb nach der ersten Enttäuschung, dass die Hütte nicht voller geworden war, nur noch eines: Augenreiben über die phänomenale Stimmung im Saal: „Die singen ja jedes Stück mit!“ Es ist auch wirklich nicht einzusehen: Die Sportfreunde Stiller nisten sich permanent in den Charts ein – und was ist mit den Sportsfreunden Die Springer? Die sollen da auch hin. Die rocken keinen Deut weniger. Die geben Gas, als wär’s ihr letzter Tag. Und die können auch auf die Sanfte – im k1 zwar nicht so gefragt, aber können tun sie’s.

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Was gehört zu einem Springer-Konzert? Springen natürlich. Oben auf der Bühne wird gesprungen, vor der Bühne wird gesprungen. Das verbindende Element – der Funke springt über, runter ins

Publikum und wieder rauf zu den Springern und wieder runter. So geht’s hin und her, zweieinhalb schweißtreibende Stunden lang. Wer grad nicht springt, der zückt sein Handy und fotografiert und filmt und schneidet mit. Nicht nur die Fans, natürlich geben auch die Springer alles. Einen Querschnitt durch ihre Diskografie zum Beispiel: Songs von „Star“ über „Musik von Welt“ und „Nacktsaison“ bis hin zu „Licht“, Melodien, die sich in die Ohren schrauben und da auch nicht mehr raus wollen. Dazu Texte, die weit mehr zu sagen haben als beispielsweise Silbermond mit ihrem Teilkaskohaftpflichtversicherungssong „Irgendwas bleibt“. Aber die sind in den Hitlisten. Nein, das ist nicht einzusehen. Günter Wimmer (Gesang, Bass), Martin Fuchs (Schlagzeug) und Guido Fuchs (Gitarre) haben was zu sagen – textlich wie musikalisch. Da schwingen natürlich die Beatles mit – und die Ärzte. Sie können roh sein wie New Model Army und fein wie die Stranglers. Jimi Hendrix trifft auf Violent Femmes, Spliff auf The Police. Die Springer sind keine leidigen Weltverbesserer, ihre Stück drehen sich um das, was sie kennen: Sie beschreiben das Leben im Allgemeinen, ihr Leben im Speziellen. Das tun sie mit einer satten Schaufel voll Humor. Oder mit dem nötigen Ernst. Da sind die springlebendigen Musiker ganz flexibel. Wie sie’s auch angehen, die Fans haben ihren Spaß damit. Und springen nach dem Konzert in die Nacht.


G端nter Wimmer

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Ein Stück, das unter die Haut Geht

Junge Buehne mit Mitterers „Besuchszeit“: Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen eindringlich in Szene gesetzt Der Mensch will allzeit mitten im Leben stehen, geliebt oder zumindest respektiert sein, souverän seinen Alltag meistern, in Würde altern. Sein Glück will er mit Macht erzwingen, wenn die Routine, die äußeren Umstände diese Ziele verstellen. Aus dem Menschen, der mitten im Leben steht, wird ein Außenseiter – ein schleichender Prozess hier, ein rasanter dort. Vermeintlich geglückte Lebensentwürfe und ihr zum Teil grandioses Scheitern hat sich die Junge Buehne Trostberg mit dem Felix-Mitterer-Stück „Besuchszeit“ vorgenommen. Damit sind die neun Schauspieler nicht gescheitert – ganz im Gegenteil. Die Ausgangssituation für die vier Einakter – das, was vor den Besuchszeiten passiert und im Stück gar nicht zu sehen ist – ist im Kern identisch: die scheinbare Idylle. Der pensionierte Beamte hatte ein erfülltes Arbeitsleben, genoss gesellschaftliche Anerkennung. Das war der Frau im Krankenhaus zwar verwehrt, aber in ihrer kleinen Welt zwischen Ehemann, Haushalt und Putzstellen hat sie es sich so eingerichtet, dass sie zufrieden leben kann. Die Gefängnisinsassin war treusorgende Mutter und Gattin, hielt die Familie zusammen. Und der Bergbauer im letzten Einakter lebte im Einklang mit sich und der Natur. Mitterer setzt nach den Brüchen im Leben seiner Protagonisten ein. In „Abstellgleis“ sekiert der pensionierte Beamte, den die Familie ins Altersheim gesteckt hat, die Schwiegertochter. Gottfried Putz, eigentlich zu jung, um glaubwürdig den Alten zu geben, macht dieses eigentlich nur optische Manko durch sein intensives Spiel locker wett. Er lebt senile Renitenz mit kleinen, treffenden Gesten. Mit Evi

simon Meyer

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Bräther, die die Schwiegertochter in der ewigen Opferrolle spielt, hat Putz eine adäquate Partnerin. Der Dialog wirkt nie einstudiert, zwangsläufig ergibt ein Wort das andere. Putz ist der Gekränkte, der Abgeschobene, der Mensch, der seiner Familie zur Last wurde. Ja, er wurde aufs Abstellgleis gestellt. Er weiß es, seine Schwiegertochter weiß es, und er lässt seine Schwiegertochter spüren, dass er es weiß. Bräther ist das personifizierte schlechte Gewissen, sie kriecht vor seinen Füßen und sammelt die Erdnussschalen auf, die er böswillig auf den Boden fallen lässt. Er will sie kriechen sehen, will sie bestrafen. Vom Ehemann betrogen, vom Schwiegervater gedemütigt – sie kann sich nur mehr mit Wortlosigkeit wehren. Die Schwiegertochter hat sich mit der Rolle des Opfers perfekt arrangiert. Tragisch ist „Man versteht nichts“. Die Frau liegt in der Klinik, wird mehr schlecht als recht behandelt und ihrem Mann bröckelt derweilen der Sinn seines Lebens weg. Waltraud Hamperl schafft im Krankenbett den Spagat, nur mit Worten und Stimme den Schmerz der Kranken zu transportieren und gleichzeitig den Gatten am Krankenbett aufzurichten. Dany Wröbel sieht der Zuschauer zerbrechen – an der plötzlichen Leere seines Heims, am Leid der Frau. Anfangs ist er es, der die Kranke aufbauen will. Doch gleichzeitig vereinsamt er, er beginnt zu trinken, zu spielen, wird arbeitslos. Immer mehr übernimmt sie die Rolle der Trösterin, trotz ihrer Hinfälligkeit ist sie die Stärkere. Unstet ist Wröbels Blick, eindringlich spielt er den Gestrandeten, den Orientierungs- und Hilflosen. Und letztlich ist er es, der an seinem Leben zerbricht.


„Verbrecherin“ heißt der dritte Einakter: Sie sitzt im Frauengefängnis, er besucht sie ein letztes Mal. Nach 18 Ehejahren, Monotonie und Tablettensucht hat sie ihm das Küchenmesser in den Bauch gerammt. Er versteht die Welt nicht mehr. Normalerweise sind es doch die Männer, die ihre Frauen umbringen. Sepp Karmann und Putzi Ober verleihen dem Paar auf der Bühne die Tiefe, die Mitterer gemeint haben muss, als er die Charaktere schuf. Karmann hat etwas Strizzihaftes, Glattes. Er ist Fassade, eine Jacke mit überdimensionierten Schultern, breitbeinig sitzt er auf dem Stuhl, sich seiner gewesenen Mannhaftigkeit bewusst. Derer hat ihn seine Frau beraubt, er wird im Betrieb ausgelacht, weil er, der Macho, sich von ihr hat anbohren lassen. Die Kinder tanzen ihm und seiner Mutter auf der Nase rum. Jetzt wird ihm erst bewusst, was seine Frau früher geleistet hat. Zu spät. Er hat sich scheiden lassen, weil das so sein muss. Obers Körpersprache zeigt die Verunsicherung der Verbrecherin. Angespannt sitzt sie da, tritt sich selbst auf die Füße, vergräbt das Gesicht in den Händen. Sie ist schiere Verzweiflung, die pure Verwirrtheit – weniger wegen der unerhörten Tat. Sondern weil sie den Mann, seine überkommenen Denkstrukturen, seine Reduktion auf die Rolle, wie ein Mann sein zu hat, so lange ertragen hat. Und weil sie das Gefängnis als Befreiung empfindet. Und er? Er ist bei aller demonstrativer Körperlichkeit und Stärke ein Verlorener. Die letzte Episode „Weizen auf der Autobahn“ handelt vom Bauern, der in die Nervenheilanstalt eingewiesen worden ist. Er wird von Simon Meyer verkörpert, der die Sturschädligkeit und Bauernschläue des Alten genauso perfekt inszeniert wie seine Verletzlichkeit und

seinen Wahn. Er schlürft in Pantoffeln über die Bühne wie der gebrochene Mc Murphy in „Einer flog übers Kuckucksnest“. Die Tochter will er nicht mehr kennen, sie und ihr Mann Rudi waren die Auslöser seines Michael-Kohlhaas-Syndroms: Seinen Querulantenwahn hat er entwickelt, weil sie die Bauernschaft aufgegeben und aus dem Hof ein Hotel gemacht haben. Zutiefst gekränkt hat er um sein Recht gekämpft, er hat die frisch betonierte Autobahn umgeackert, Mist ausgebracht, Weizen drauf gesät. Das hat ihn ins Narrenhaus gebracht. Und die Tochter, überzeugend gespielt von Bettina Stadelmann, ist wirklich den Tränen nah, weil der Vater nicht zuletzt wegen ihr zwischen Realität und Weltverschwörung irrlichtert. Das Stück geht unter die Haut. Jeder Akteur trägt seinen Teil dazu bei; dass da Laien auf der Bühne stehen, vergisst der Zuschauer sofort. Mitterer zeigt auf, dass vieles von dem, wofür der Mensch andere verantwortlich macht, selbstverschuldet ist. Er mahnt zur Selbstverantwortung. Das schafft er durch die szenische Sprachnot der Akteure. Sie hätten in der Vorgeschichte miteinander reden sollen. Jetzt ist es zu spät, jetzt können sie einander nur noch quälen, mit Lust und mit Entsetzen daran. Die einen sind drin – im Altersheim, im Krankenhaus, im Gefängnis, im Narrenhaus – und die anderen sind draußen. Doch frei sind beide Seiten nicht. Weil sie sich selbst in die Rolle der Unfreien hineinmanövriert haben. Durch stereotyp verlebten Alltag, dadurch, dass sie sich auf ihre Rollen festnageln ließen und sie die Konventionen angenommen haben, die ihnen die anderen zugedacht haben. Das stellt das Ensemble der Jungen Buehne grandios dar. Uneingeschränkt sehenswert.

Putzi Ober

Dany Wröbel

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Rockgeschichte würdig auf die Bühne gebracht

The Floyd Council machen Lust auf Pink Floyd – Unterneukirchner Schüler glänzen mit „Another Brick In The Wall“

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Was mehr kann eine Coverband erreichen, als dass der Zuschauer nach dem Konzert mit dem dringenden Bedürfnis, die alten Scheiben wieder rauszukramen, nach Hause geht? Zumal die Band, die da im Burgkirchener Bürgerzentrum auf der Bühne stand, nicht irgendeine Gruppe gecovert hat. The Floyd Council aus dem Raum Salzburg haben sich eine Herausforderung gesucht, an der sie eigentlich scheitern müssten. Tun sie aber nicht. Die neun Musiker bringen Auszüge aus dem Werk einer der komplexesten Bands der Musikgeschichte auf die Bühne: Pink Floyd. Und das gelingt den Österreichern mit technischer Finesse und dem Gefühl für die Songs, die zu Recht zu Klassikern der Rockmusik wurden.

wie The Floyd Council das Werk auf die Bühne bringen, ist aller Ehren wert. Zwangsläufig ist alles in Burgkirchen einige Nummern kleiner als im Londoner Earls Court, wo Pink Floyd 1994 ihr „Pulse“-Material eingespielt haben – die kreisrunde Leinwand, die Bühne, die Lichtshow. Dennoch gelingt es der Coverband, nah ans Original heranzureichen. Vielen Zuhörern – rund 500 waren‘s in Burgkirchen – bleibt erst mal die Spucke weg – blankes Erstaunen im Saal. Dort sind viele altgediente Floyd-Fans. Nie wieder werden sie die Gelegenheit haben, der 1968er Bandbesetzung zu lauschen. Doch die Österreicher bieten würdigen Ersatz. Das sind keine versponnenen Musikenthusiasten, die längst vergangenen Zeiten huldigen wollen. Die haben‘s drauf.

Gleich mit den ersten Akkorden wird im Bürgerzentrum klar, wo die Reise hingeht. „Shine On You Crazy Diamond“ spielen The Floyd Council zum Auftakt – den Song, den der im vergangenen September gestorbene Pink-Floyd-Keyboarder Richard Wright einmal als den besten seiner Band bezeichnete. Das wäre für sich genommen schon ein würdiger Start in den Konzertabend. Doch

Dabei haben sich The Floyd Council ein technisches Umfeld geschaffen, das sie dabei unterstützt, dem Original so nah wie möglich zu kommen. Auf der Leinwand werden die Clips der „Pulse“-Tour eingespielt, Original-Soundfiles führen die Zuhörer in die Songs hinein, die Lichtshow folgt einem ausgefeilten Konzept, der Grazer Lichttechniker hat jeden einzelnen Spot penibel programmiert, alles


ist stimmig. Horst Fischer gibt den introvertierten David Gilmour, der am linken Bühnenrand die jeweils passende Stratocaster aus seinem Gitarrenarsenal auswählt – oder die Lap Steel Slide-Gitarre für „The Great Gig in The Sky“ oder „Breathe“. Natürlich ist Fischer nicht Gilmour, aber schafft es, eine Illusion Gilmours in den Konzertsaal zu bringen. Hierin steht ihm Sänger und Gitarrist Nick Niedt in nichts nach. Unterstützt wird sein Gesang von zwei überzeugenden Background-Vokalistinnen – vor allem Tanja Mazurek erhält ausführlich Gelegenheit sich auszuzeichnen. Ihre Interpretation von „The Great Gig In The Sky“ ist großartig. Bassist Mandi Blühweis und Schlagzeuger Andy Grabner treiben an, sie bringen den Druck in den Sound, ohne sich dabei in den Vordergrund zu spielen. Auf dieser Basis können sich Fischer und Co-Gitarrist Georg „Gic“ Gruber ausleben, was sie auch weidlich nutzen. Und weil für den ausgefeilten Floyd-Sound ein Saxofon nicht reicht, bringt Ewald Wohlmuth gleich ein zweites mit auf die Bühne. Georg Dachs an den Keyboards verkörpert genau das, wofür sein Vorbild Wright von dessen Bandkollegen geschätzt wurde:

Ruhig und bescheiden spielt er seine Parts, ein Fels in der Brandung. Ein Fels, auf den sich The Floyd Council verlassen können. Was wäre „Another Brick In The Wall“ ohne den Gesang der Kinder der Islington Green School geworden? Sicherlich auch ein bemerkenswerter Song. Aber durch die Schüler wurde er zu einer authentischen Anklage, eine Hymne gegen das Schulsystem, gegen Sarkasmus, gegen Gehirnwäsche. Das funktionierte 1979 mit Hilfe der Kinder – und das funktioniert auch heute noch: The Floyd Council haben sich dafür den Chor der Montessori-Schule Unterneukirchen auf die Bühne geholt – und die 30 jungen Sänger schafften es, dass nicht nur ihren Eltern Schauer über den Rücken liefen. Nicht erst nach dem mehr als zweieinhalbstündigen Konzert, bei dem neben den Klassikern von „Dark Side Of The Moon“, „Wish You Were Here“ und „The Wall“ auch selten gehörte Stücke wie „Pigs On The Wing“ gespielt wurden, war klar: Das Original ist schwierig zu erreichen. Aber The Floyd Council haben eine weite Wegstrecke zu diesem Ziel schon hinter sich gebracht.

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Der musikgewordene Brachialwitz

Zweckinger beim Mundartfestival: Mit Brusthaartoupet und Rock’n’Roll hart an der Scherzgrenze Für den, der’s mag, ist’s das Höchste. Die Katz mag Mäuse, und viele mögen Zweckinger. Die meisten jedenfalls, die am Donnerstagabend im k1 waren. Zweckinger als Ausklang eines feuchtfröhlichen Vatertags – ideal. Fürs Bierzelt – ein Knaller. Dabei ist dem Quintett musikalisch noch nicht mal was vorzuwerfen. Ihr Rock’n’Roll hat ordentlich Druck auf dem Kessel. Drei Gitarren, ein Bass, ein Schlagzeug – da geht einiges, von der Rockballade über Irish-FolkAnklänge bis zum Heavy-Metal-Landler, das ganze Arsenal. Vielleicht wär’s ja auch hilfreich gewesen, wenn ihre Liedtexte zu verstehen gewesen wären. Immerhin: Zweckinger waren fürs erste Traunreuter Mundartfestival engagiert worden. Da soll’s auch ein bisserl auf die Worte und den Dialekt ankommen. Aber eine experimentell ausgesteuerte Tonanlage bekämpfte das Textverständnis bisweilen erfolgreich. Selbst Hardcorefans hatten dem Vernehmen nach Probleme, den Ausführungen der Musiker zu folgen. Zweckinger werden bisweilen mit der Spider Murphy Gang verglichen und mit Haindling in einem Atemzug genannt. Zu Hans-Jürgen Buchner fehlt’s nicht nur um ein Hauseck, da sind ganze Regierungsbezirke dazwischen, dagegen ist eine Nähe zu den Spiders nicht von der Hand zu weisen. Deren „Sommer in der Stadt“ findet sich sogar im Zweckinger-Programm – mit einer anderen Melodie und einem anderen Text. Nur das inhaltsschwere „Schubidubi“ haben sie wortwörtlich übernommen, Parodie nennt sich das. Und weil Sänger und Gitarrist Tom Schmidt auf gar keinen Fall nicht mit den Spiders in Verbindung gebracht werden will, verkleidet er sich bei dem Stück bis zur Unkenntlichkeit. Mit gar lustigen Spekuliereisen.

Überhaupt: Die Zweckingers sind wahre Verkleidungskünstler. Für „A Hit muaß her“ verwandelt sich Schmidt aufwändig in einen Rapper. Mit Wollmütze, Sonnenbrille und MC-mäßiger Kette samt Dollar-Zeichen-Anhänger. Ein andermal lässt Co-Gitarrist und CoSänger Gerhard Fürst seine Männlichkeit kräftig raushängen: einen Brusthaar-Flokati. Spitzenwitz. Ihre Themen, wohlfeil und gar nicht abgegriffen: Die aufrechten Bayern üben leidlich originell Kritik an allem, was dem „Mia san mia“-Gefühl zuwider lauft: an Ikea („I geh ja“) und McDonald’s (Metzgerei Königswieser“) beispielsweise. Und der gute, alte boarische Kaffee heißt jetzt Latte, Espresso oder Cappuccino. Was denen alles auffällt. Dass das vorher noch keiner bemerkt hat? Zweckinger sind aber auch typisch bajuwarisch-subversiv: Sie lassen einen rebellischen Spruch gegen die CSU ab und singen für den TSV 1860. Der aufrechte Bayer hat’s halt mit den unterdrückten Minderheiten. Mit den Frauen eher nicht, die sind ja keine Minderheit: „Mei Tisch is wia a Frau, der deckt se ned von alloa.“ Zu toppen nur noch durch das Liedl mit dem Titel – ähem – „Sex“. Die trau’n sich was. Zwischendurch mal wieder der Running Gag von der „Umbaupause“, wenn Fürst seinen Kapodaster auf die Saiten klemmt – bei der dritten Wiederholung immer noch saukomisch. Die Zweckingers sind unbestritten exzellente Instrumentalisten, spieltechnisch höchst versiert, hundertprozentig aufeinander eingespielt. Wenn die losrocken, brennt die Hütte. Aber den Brachialwitz, der da frontal auf den Zuhörer einstürzt, muss man mögen. Dann ist’s das Höchste. Alle anderen müssen auf das Mitleid des Tontechnikers hoffen. Danke.

Gerhard Fürst

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Tom Schmidt


Schotter‘s Jazzhaufen

Holpriger Anfang und feuriges Ende

Schotter’s Jazzhaufen beim Kulturbredl: Nach Startschwierigkeiten doch noch das Publikum mitgerissen Zwei qualitativ völlig unterschiedliche Sets hat Schotter’s Jazzhaufen beim Kulturbredl im Hilgerhof abgeliefert. Zwar ließ das Septett vor der Pause sein Potenzial immer wieder aufblitzen, doch zu sehr verkrampften die Musiker im Versuch, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Da fehlte bisweilen das Gefühl für den Mitmusiker – es drängte sich der Eindruck auf, die Instrumentalisten hätten einander seit Monaten nicht mehr gesehen und vor allem gehört. Gerade zwischen dem Trompeter Hans Kröll und den Saxofonisten Josef „Schotter“ Steiner und Christian Heindl fehlte es ohrenscheinlich an Harmonie. Kröll ließ, was den Ansatz und die Klarheit seines Trompetentons betrifft, keinen Zweifel daran, dass er ein ausgezeichneter Jazztrompeter ist – nur das Timing passte anfangs knapp nicht. Wobei „knapp nicht“ oft ärgerlicher ist als „überhaupt nicht“. Im zweiten Fall sagt sich der Zuhörer: „Ja mei, die können’s halt nicht.“ Ein „Knapp daneben“ lässt die Option, dass die Künstler möglicherweise in der Lage wären, einen runden Ensembleton zu fabrizieren, aber gerade indisponiert sind. Und dem war am Samstagabend im Hilgerhof mit Sicherheit so – wie das Konzert nach der Pause bewies. Da hatten sich die Musiker gefunden – nicht das Zusammenspiel und die damit verbundenen Anstrengungen standen plötzlich im Vordergrund, sondern die Stücke. Wenn’s läuft, dann läuft’s. Nicht dass der erste Teil komplett in die Hose gegangen wäre – einen Glanzpunkt setzten die beiden Saxofonisten mit „Wabash“ von

Julian „Cannonball“ Adderley, das dieser 1959 im Duett mit John Coltrane berühmt gemacht hat. Natürlich fehlt’s im Vergleich zu Trane-Cannonball noch um ein Hauseck – und trotzdem war die Jazzhaufen-Version mehr als nur hörenswert. Der Jazzhaufen hat sich den Jazzstandards verschrieben. Doch die werden nicht einfach nur runtergespielt – gerade bei Standards ein sicheres Rezept, das Publikum zu langweilen. Zu oft hat man „All The Things You Are“, „Summertime“ und Co. schon gehört. Nein, der Jazzhaufen arrangiert frisch und ohne falsche Ehrfurcht um. So frisch, dass die altehrwürdigen Gassenhauer neu aufleben. Da werden Tempi versetzt, Akzente neu gesetzt – oft nur chirurgische Eingriffe, aber mit immenser Wirkung. Was den Jazzhaufen aus Prien von der Masse der Jazzbands am deutlichsten unterscheidet, ist die ausdrucksstarke und eigenständige Stimme: Miriam Arens hat das Quantum Bühnenpräsenz und Stil, das die Band so besonders macht. Ob sie sich Hans Blums „Zigeunerjunge“ vornimmt oder Michael Jarys „Roter Mohn“ – immer lässt sie ihre Zuhörer ungeahnte Facetten der hundert- und tausendfach gehörten Gassenhauer miterleben. Und im zweiten Set durfte Arens ihr Temperament voll ausleben: Nach der Pause wurde das Programm deutlich latin-jazz-lastiger – wobei „lastig“ nichts mit Belastung zu tun hat. Beileibe nicht. Da ging dann die Post ab im Hilgerhof. Doch noch.

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Kein Ende des Mindersinns Man singt Deutsch. Juli, Silbermond, Rosenstolz, Xavier Naidoo, alle dürfen die Charts mal anführen. So was gab‘s schon mal. Viel früher. Der Mantel der Geschichte hat gnädigerweise einiges verhüllt. Die Banalität war über Jahre unübertroffen. „... und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt, und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt“, „Mein Maserati fährt 210, schwupp, die Polizei hat‘s nicht geseh‘n...“. 25 Jahre war weitgehend Ruh, ab und an nöhlte Grönemeyer. Und jetzt – „schwupp“ – ist er zurück, der Deutsch-Pop. Die NDW erzählte kleine, kindische Geschichten, jetzt aber wird‘s kryptisch, mit viel Raum für Interpretation. Auslöser war besagter Grönemeyer. „Momentan ist richtig, momentan ist gut. Nichts ist wirklich wichtig, nach der Ebbe kommt die Flut.“ „‘S ist schon o.k., es tut gleichmäßig weh. Es ist Sonnenzeit, ohne Plan, ohne Geleit.“ Was ein Pfund. Problemlied mit offenem Schluss. Sagenhaft. Und vor allem erfolgreich. Einige dachten sich: „Da satteln wir mal drauf.“ Xavier Naidoo, salbungsvoll, bekennend, bigott, wurde gar mit seiner Ersatz-Hymne „Dieser Weg“ von der Sommermärchen-Elf geadelt. „Setz dein Segel nicht, wenn der Wind das Meer aufbraust.“ Nö, Segelsetzen bei Flaute ist viel effektiver. Und ‘s Xaverl, was macht es, als es den Hype um sein Liedel mitbekommt? Es bereichert geschäftstüchtig das deutsche Liedgut durch kurzhändiges Umtexten seines Gassenhauers. Versmaßmäßig rumpelt das wie die Nationalmannschaft beim Spiel gegen Italien in Florenz. „2010 könnt ihr Weltmeister sein, denn diese Nation steht hinter euch, und zwar sehr.“ Ja, ja, die sehr stehende Nation. Wahrscheinlich hat‘s beim Reimen ein bisserl pressiert. Rosenstolz texteten derweil: „Bin doch gestern erst gebor‘n. Und seit kurzem kann ich geh‘n. Hab mein Gleichgewicht verlor‘n, doch kann trotzdem grade steh‘n.“ Ich bin klein, mein Herz ist rein. Putzig. Und so fragil. Da will man Rosenstolz doch unwillkürlich in den Arm nehmen und ein bisschen hudern. Oder zumindest die Scheibe kaufen, damit‘s ihnen nicht ganz so schlecht geht. Nicht dass englischsprachige Texte intelligenter wären. Es sei an Fools Garden erinnert. In „Lemon Tree“ hieß es: „Isolation is not good for me.” Ein Satz wie in Stein gemeißelt. Wem tut Einsamkeit schon wohl? Einem Not-native-speaker jedenfalls fallen zumindest die Grammatikfehler nicht so auf. Und es ist beileibe leichter, über Nichtssagendes hinwegzuhören. Natürlich gälte auch hier: Wer nichts zu sagen hat, braucht darüber auch nicht zu singen. Ein Ende des gereimten Mindersinns ist nicht in Sicht. Naidoo stürmt gerade wieder die Charts. „Was wir alleine nicht schaffen“ ist inhaltlich eine weichgespülte Psalmodie von „(Was wollen wir trinken) Sieben Tage lang“. „Dazu brauchen wir keinerlei Waffen, unsere Waffe nennt sich unser Verstand“. Da kollabiert offensichtlich das Mentalsystem des Texters in toto. Er sagt eigentlich: Wir brauchen keine Waffen, also auch nicht die Waffe Verstand. Da hat man‘s ja auch viel schöner, man muss nicht so viel denken. „Was soll‘n sie auch machen, wir sind Ritter mit rosarotem Visier. „ Und mit einem pinkfarbenen Staubwedel als Lanze reiten wir gegen die Windmühlen des Schwachsinns an. „Kein Leben, kein Geräusch, dann wäre ich wie blind.“ Ohne Geräusch wie blind und ohne Licht wie taub. Am Rande: Wer ohne Leben seine Blindheit beklagt, hat das eigentlich Beklagenswerte noch gar nicht richtig mitbekommen: Er ist tot. Da sind weniger bedeutungsschwangere Texte doch wirklich erfrischend. Aber leider nicht wirklich erfreulich. Zum Beispiel singen da die anderen Chartstürmer Silbermond: „Dein Lachen macht süchtig, fast so als wäre es nicht von dieser Erde.“ Hä? Hat schon mal irgendjemanden etwas Außerirdisches in eine Sucht gestürzt? Müsste so einer eventuell von einem Ufo entführt worden sein? „Doch ein Zweifel bleibt, dass ich jemand wie dich verdient hab!“ Was für ein larmoyantes Gewinsel!

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Nachtrag Jahre sind ins Land gezogen, die Bands sind reifer geworden. Und die Texte nicht wirklich überzeugender. Nehmen wir beispielsweise „Irgendwas bleibt“, wieder von Silbermond. „Diese Welt ist schnell und hat verlernt beständig zu sein.“ Abgesehen davon, dass Sängerin Stefanie Kloß diese Weisheit gerade mal 24-jährig von sich gibt und sich demzufolge ihr Überblick über den gelebten Weltenlauf auf die wahnwitzige Beschleunigung nicht mal eines Vierteljahrhunderts erstreckt – der Satz wäre auch von einem 100-Jährigen abgesondert ziemlich sinnfrei. Was hat denn bitte Bestand auf Erden? Frag die Dinosaurier. Die Welt hat’s nicht verlernt. Weil man nur verlernen kann, was man mal gelernt hat. Aber weiter im Text: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas das bleibt.“ Ein kleines bisschen Sicherheit soll’s also sein. Das darf sich dann zu Nicoles bisschen Frieden gesellen. Auch Quatsch. Man fühlt sich sicher. Oder man fühlt sich nicht sicher. Wenn man sich nur ein bisschen sicher fühlt, dann ist man de facto unsicher. Kleines bisschen Sicherheit. Was haben wir gegrübelt, bis wir eine Textzeile hatten, deren Sinngehalt Luftblasenqualität hat. Und die ziehen das durch. Später will Fräulein Kloß noch „ein bisschen Halt“. Wer Halt hat, wird gehalten. Wer ein bisschen Halt hat, ist schon im Fallen. Nein, wir sind zu streng. Das Liedlein ist nicht sinnlos. Die Versicherungswirtschaft könnte beispielsweise Werbespots damit unterlegen. „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit.“ Da passt’s doch. Ideal. Wobei sich „Ideal“ in dem Zusammenhang verbietet. Das darf man Annette Humpe nicht antun. Und es geht weiter, immer weiter, kein Ende ist in Sicht. Plötzlich spült’s wieder einen hoch, warum weiß kein Mensch. „Geboren um zu leben.“ Da darf „Der Graf “ salbungsvoll und hymnisch seinen Trennungsschmerz, seine Trauer zelebrieren. Unheilig, die Tonfolge gewordene Depression. Erlaubt ist, was Kohle bringt. Stimmlich ist das die Fortsetzung Roland Kaisers mit anderen Mitteln. Unoriginell, ohne Witz, ohne Charme. Fürchterlich. Früher war nicht alles besser. Aber manches. Und manches „früher“ ist noch gar nicht so lange her. 2005 war’s , als Wir sind Helden „Nur ein Wort“ herausbrachten. Ein Lichtblick. Und im Vergleich zu den logikbefreiten Silbermondbanalitäten ein immerwährender Sonnenaufgang gar. „Wenn du schon auf den Mund fallen musst, warum dann nicht auf meinen?“ Oder: „Dein Schweigen ist dein Zelt. Du stellst es mitten in die Welt, spannst die Schnüre und staunst stumm, wenn nachts ein Mädchen drüber fällt.“ Die spielen mit Sprache, nehmen Bilder auseinander und puzzeln sie neu zusammen, sind kreativ, witzig. Geht doch. Und was machen die? Pausieren auf unbestimmte Zeit. Überlassen das Texten den Phrasendreschern. Das geht gar nicht.


Corey Fonville

Nicholas Payton

Nervtötend virtuos

Nicholas Payton Group strapaziert die Geduld Dieses untrügliche Gespür der IG Jazz, phänomenal. Hätte sie am Freitagabend erst Marcus Miller auftreten lassen und danach Nicholas Payton, hätte der vermutlich vor einer zusehends schrumpfenden Zuschauermenge spielen müssen. Vor Publikum, das sich darauf einlässt, dass Zuhören auch Arbeit sein kann. Und vor Zuschauern, die nicht gehen, weil sie viel Geld für die Eintrittskarten ausgegeben haben. So aber war alles gut. Payton konnte die Wackerhalle gar nicht leerspielen. Man wartete ja auf Marcus Miller. Selten musste man sich einen Auftritt so verdienen.

Zwischendurch singt Johnaye Kendrick die Skalen mit, imitiert Blasinstrumente. Auch hier ist sofort klar: Die Frau kann singen. Fünf Minuten vergehen, atomlos lauscht man den Virtuosen, immer erwartend, dass das Skalengeschrubbe jetzt dann bald in die Melodie münden wird. Es ist spannend, die Abstraktion von Jazz. Nach zehn Minuten dann schon nicht mehr so – überspannt ist der Bogen. Nach einer Viertelstunde endet das Stück, und das Quintett hat sich 15 Minuten lang erfolgreich dagegen gewehrt, so etwas wie eine erkennbare Melodie zu produzieren.

Natürlich ist Payton ein Könner seines Fachs. Allesamt Ausnahmemusiker sind auch seine Kollegen, die mit ihm auf der Bühne stehen. Wobei Payton nicht steht. Der Trompeter sitzt. Die ganze Zeit. Der 38-Jährige sitzt und gefällt sich darin zu demonstrieren, dass er Trompete und Keyboard gleichzeitig spielen kann. Ja, zugegeben, das ist schon so was wie ein Alleinstellungsmerkmal. Zumal er beides alles andere als dilettantisch spielt. Sein Ansatz am Gebläse – vom Feinsten. Sein Anschlag an den Tasten – wirklich nicht übel.

Jetzt aber. Stück zwei. Und es geht so los, wie das erste Stück aufgehört hat. Tonleitern rauf und runter, Skalen hinauf und hinab, alles extrem sauber, hochrein quasi. Aber auch von allem Leben befreit. Der massige Mann am Horn orgelt, den schwarzen Hut tief in die Stirn gezogen. Kontakt zum Publikum? Gibt’s nicht. Man kann sich des Eindrucks nur schwer erwehren, die Zuhörer seien ihm vollkommen egal. Obwohl in derselben Halle, teilt er die Welt nicht mit seinem Publikum. Er singt mit Kendrick im Duett, sie schnulzen sich gegenseitig an, tiefe Gefühle, alles sehr larmoyant, Weltschmerz. Alles sehr melodiereduziert. Der Unterschied zum Stück eins: Stück zwei dauert 20 Minuten. Mit enervierender Präzision geht’s weiter. Ganz zum Schluss wird’s dann tatsächlich doch noch melodisch. Zu spät für die vielen Zuschauer, die es vorgezogen haben, die Pause vorzuziehen. Was bleibt? Ein hervorragender Jazzer, den man nicht sehen muss, und ein genialer junger Schlagzeuger, den man keinesfalls aus den Augen verlieren sollte.

Das erste Stück des Abends: Der sagenhaft gute und sagenhaft junge Schlagzeuger Corey Fonville gibt ein Tempo vor, das Großes verheißt. Und was machen die Kollegen? Sie lassen ihn. Gehen gar nicht drauf ein. Payton: Solo Trompete, Kombi Trompete-Keyboard, Tonleitern rauf, Tonleitern runter. Fonville trommelt sich die Seele aus dem Leib. Währenddessen Übergabe des Solo-Parts an den Gitarristen Mike Moreno: Glasklar zwirbelt der die Skalen rauf und runter, rauf und runter.

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Marcus Miller


Die ansteckende Freude des Marcus Miller Weltklasse-Konzert des weltbesten Bassisten in Burghausen: Das Wort „cool“ wurde für den New Yorker erfunden Dass man mit nur vier Saiten einen solchen Spaß haben kann! Den hat Marcus Miller offensichtlich. Der strahlt eine Ruhe, eine Gelassenheit aus, während er seinen Fender Jazz Bass schlägt, zupft und streichelt, und gleichzeitig eine selige Freude. Freude an seinem Instrument, an deinen Mitmusikern und am Publikum. Der Mann scheint mit sich und der Restwelt im Reinen. Das springt sofort über. Das und die Energie, die das Quintett auf der Bühne entfesselt. Es ist praktisch unmöglich, aus einem Miller-Konzert rauszugehen und energetisch nicht bis zum Anschlag, bis in die Haarspitzen aufgeladen zu sein. Eigentlich unfassbar, das es bis zur 43. Internationalen Jazzwoche in Burghausen gedauert hat, dass der Bassist, der den Jazzbass seit Anfang der 80er Jahre wesentlich geprägt hat, an der Salzach aufgeschlagen ist. „Mein Name ist John Francis Pastorius III., und ich bin der beste E-Bassist der Welt.“ So stellte sich Jaco Pastorius 1976 bei Joe Zawinul vor, als er bei Weather Report mitspielen wollte. Und damals hatte er sicher Recht. Eine Großspurigkeit, wie sie Miller nie über die Lippen käme. Obwohl er Pastorius längst überflügelt hat. Ganz im Gegenteil: Seine Verehrung für ihn hat er mit dem anrührenden Stück „Mr. Pastorius“ auf Miles Davis‘ Scheibe „Amandla“ ausgedrückt. Über sich macht Miller nicht viele Worte. Er erzählt auf der Bühne von „Miles“, für den er bereits als 22-Jähriger arbeiten durfte. Er erzählt, wie sehr ihn seine jungen Mitmusiker begeistern, mit denen er eigentlich nur für einen Auftritt in Paris gebucht war, inzwischen aber schon drei Jahre lang tourt. Miller ist bescheiden, nimmt sich zurück. Dass er der weltbeste Bassist ist, sagt er nicht – er zeigt es. Und man weiß es eh. Basskollege Dr. h.c. Abe Laboriel, der am Vorabend in der Wackerhalle aufgetreten ist, hat seinen Aufenthalt in Burghausen verlängert, um das Miller-Konzert zu genießen, genauso Randy Brecker, Claus Reichstaller, Nathan Davis. Ein Miller-Konzert versäumt man nicht. Der 52-Jährige steht auf der Bühne, er wiegt sich locker im Takt, lächelt, zieht die Schulter hoch; wenn eine schwierige Passage ansteht – und es stehen eigentlich nur schwierige Passagen an – , dann wird das Mienenspiel ein bisschen angestrengter, um sich sofort in einem Lächeln zu entspannen. Jeder Lauf, jede Note ist direkt seinem Gesicht abzulesen, das Mahlwerk geht beständig. Wenn Miller den Bass spielt, vermisst niemand die Gitarre. Die braucht’s nicht, die spielt Miller am Viersaiter gleich mit. Keine Sekunde hält er still. Ganzkörper-RLS. Er lässt es schnalzen, knallen,

gnadenlose funky Grooves machen jedes Jazzstück tanzbar. Was in der bestuhlten Wackerhalle zwar ein ziemlich sinnloses Unterfangen ist, aber trotzdem immensen Spaß bereitet. Tanzt man halt im Sitzen, und schon? Genau dieses „Und schon?“ ist die Tonart, die das Konzert prägt. Weltbester Bassist – und schon? Der Daumen peitscht die Saiten, Glissandi und Tonkaskaden perlen vom Griffbrett, und schon? Er haut Zwischentöne rein, wo weder nach menschlichem Ermessen weder welche hingehören, noch wie sie nach den anatomischen Grundgegebenheiten gespielt werden können. Aber es passt einfach. Muss man kein Aufhebens machen. Ist doch selbstverständlich. Miller slappt mit der rechten Hand, was das Zeug hält – und der BR, der das Konzert aufzeichnet, zeigt auf der Großleinwand derweil beruhigt, was die linke Hand auf dem Griffbrett veranstaltet – und schon? Was die Rechte macht, kann eh keiner nachvollziehen. Alles vom allerfeinsten, aber so was von locker. Die Vokabeln „lässig“ und „cool“ wurden offenbar für Miller erfunden. Seine Begleiter indes erstarren nicht in Erfurcht. Miller fordert sie, jeden einzelnen. Er duelliert sich mit dem Saxofonisten Alex Han, dem Trompeter Sean Jones, dem Keyboarder Federico Gonzales Pena, dem Schlagzeuger Louis Cato. Aber er duelliert sich nicht, um zu gewinnen. Er treibt sie zu Höchstleistungen. Sie hängen an seinen Augen, folgen ihm, setzen eins drauf, um postwendend die passend Antwort um die Ohren zu bekommen, was sie zum nächsten Gipfelsturm animiert. Das ist trotz der schieren Kraft, die alle an den Tag legen, feinst ausgezirkelt. Raumklang in Perfektion. Keiner würde auf die Idee kommen, dass Miller seit seinem fünften Lebensjahr auf dem rechten Ohr taub ist. Gegenseitig schaukeln sie einander hoch – und nicht erst zum Schluss gewinnen die Zuhörer. Davis‘ „Jean Pierre“ und „Tutu“ von dessen gleichnamigem Album geraten zu verspielten, bisweilen fröhlichen Versionen, befreit von aller Davisschen Konzeptionalität. Miller und seine Mannen geben den Stücken Seele. Dabei versteht es der Bassist, sein Soloinstrument mannschaftsdienlich zu dem zu machen, wozu er eigentlich erfunden wurde: zum bloßen Rhythmusspender. Doch dann rauscht das Quintett mit Vollgas in die Zugabe: Mit „Blast“, in dem Miller den Sound von Istanbul auf den von New York prallen lässt, schüttelt und rüttelt es das Publikum nochmal ordentlich durch. Danach noch ein brandneues Stück und man wird in die Burghauser Nacht entlassen. Frisch aus der Kraft- und Spaßtankstelle.

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Programmatisch unzulänglich

Vorband ist Hauptband, Nachband ist überflüssig: LischKapelle sticht Baeck in Town im Postsaal aus Ein Konzertabend, wie man ihn kennt: Eine Vorgruppe verzögert das musikalische Fortkommen, erhöht lediglich die Spannung, wann, ja wann endlich verzieht sich diese Formation, die ihr lächerliches Hoffen auf Durchbruch daraus nährt, dem Hauptact nur lange genug die Bühne zu verbauen. Dabei ist sie nicht mal Appetithäppchen. Sie vertreibt nur lästig die Zeit des Wartens auf das Ereignis des Abends. Das Gesetz der Bühne: Niemals darf die Vorband größer sein als die Hauptband, das ließe die gar nicht zu. Jeder weiß das, jeder, auch die Freunde und Verwandten der Vormusikanten, pflichtschuldig applaudierend. Ein Konzertabend, wie man ihn nicht kennt: Der Star ist die Vorgruppe. Nein, sie ist nicht die Vorband, sie ist die Band. Intelligente, ab und an witzige, immer originelle Musik, eigen arrangiert. Die Handschrift ist erkennbar, flüssig, ungekünstelt. Man hat sich mal um einen Stil bemüht, Schweiß und vermutlich auch Tränen investiert. Davon merkt der Zuhörer aber nichts mehr, weil es klingt, wie es soll: leicht, luftig und klar. Nicht nur Freunde und Verwandte applaudieren. Und auch nicht pflichtschuldig. Was danach kommt? Die Nachgruppe. Sie lässt den Abend austrudeln, orientierungslos, holterdiepolter, Riffs mit Rumms, immer feste drauf. Das war so ein Konzertabend, wie man ihn nicht kennt, auch nicht

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kennen mag. Erst die Lischkapelle, dann Baeck in Town im Postsaal. Wozu die Nachband? Nein, es passte nicht hinten und nicht vorne: Programmatisch unzulänglich wurden da zwei Gruppen zusammengeschraubt, die nichts gemein haben. Die Vorband war die Hauptband, das Feuer; die Nachband reichte noch nicht einmal zum Wasser, weil überflüssig. Warum dieser Gruppe der Postsaal ausschließlich zum Zwecke überlassen wurde, für sich als Hochzeitskapelle zu werben, erschließt sich nicht. Wo andere inserieren müssen, bekommen Baeck in Town Gage. Nein, Gefallen hat man Baeck in Town mit dieser Konstellation keinen getan. Mag sein, dass das Quintett eine passable Hochzeitsband abgibt, mag sein, dass es Betriebs- und Straßenfeste zu allseitigem Vergnügen beschallt. Eine massenkompatible Randerscheinung, ein Konservenwärmer, was zum Tanzen, zum Mitgrölen. Ein ganz nettes Für-jeden-etwas höchstens. Aber abendfüllend auf der Konzertbühne? Das geht leider gar nicht. Weil’s nicht stimmig ist. Baeck in Town kloppen alles durch, was die letzten 50 Jahre die Hitlisten dominierte. Schon allein das spricht nicht uneingeschränkt für Qualität. Aber im Bemühen, jeden Geschmack zu befriedigen, verirren sich Baeck in Town in den Weiten des konturlosen Rockpop. Es stellt sich die Frage, warum man fünf

LischKapelle


Mäuler durchfüttern soll, wenn’s eine scheppernde Musikbox oder ein uninspirierter Radiosender auch täte. Sie prügeln auf Seal ein – nicht, dass der das nicht verdient hätte – und schnulzen das 1984 schon unerträgliche „Ohne dich (schlaf ’ ich heut’ Nacht nicht ein)“ der Münchener Freiheit. Weil sie „Tage wie diese“ der Toten Hosen spielen, muss zwangsläufig von den Ärzten „Westerland“ folgen. Warum auch immer. Hier was von den Red Hot Chili Peppers, dort was von Jupiter Jones. Karats „Über sieben Brücken musst du gehn“ im Stile Peter Maffays kommt auch noch daher. Wie überhaupt fast jedes Stück im Stile Maffays daherkommt. Fröhlich knödeln Baeck in Town. Die Ansagen dazu sind bemüht munter, bemüht lustig. Und vor „Boys of Summer“ von Don Henley gehen Munter- und Lustigkeit vollends in die Hose: „Wir spielen jetzt zur Abwechslung mal ein Lied, das uns selber ganz gut gefällt.“ Super. Wer Zuhörer mit Musik behelligt, die man noch nicht mal selber toll findet, sollte sich fragen: Wie sinnvoll ist es, außerhalb des Weinstüberls Öffentlichkeit zu suchen? Die pure Respektlosigkeit zahlendem Publikum gegenüber. Im Vorbeigehen geben Baeck in Town auch der Lischkapelle pseudokameradschaftlich eine mit: Weil man gehört habe, dass

die vor allem eigene Stücke spiele, habe man „gestern“ auch noch schnell was komponiert. „Nein, vorgestern war’s.“ Lustig. Irgendwas geknödeltes Maffayeskes. Vorgestern ganz locker aus dem Ärmel geschüttelt, heute ein aufführungsreifer Hittipp. Genau. Totgeburt aus der Retorte. Nein, das hat die Lischkapelle nicht verdient. Die spielt übrigens nicht nur Eigenes. Aber wenn sie covert, dann klingt das nach Lischkapelle. Sie gibt Gabriella Cilmis leicht oberflächlichem „Sweet About Me“ ungeahnte Tiefe. Die Arrangements haben sie haarklein ausgearbeitet, die Stimmen von Susi und Karin Lischka und Andreas Torwesten harmonieren wie die 77er Fleetwood Mac, eine zweistimmige Caro Emerald trifft auf Milow, SingerSongwriter-Indiefolkpop vom Feinsten. Wenn Matthias Pürner statt Klavier- die Akkordeontasten drückt, dann reitet die Lischkapelle trotzdem nicht auf Goisern-Haindling-Wellen. Das gehört einfach so. Und was dem Bandsound richtig gut tut: Die Lischkapelle hat im Münchner Hofbräuhaus Gurdan Thomas aufgelesen, einen Tubisten aus Birmingham. Dem hat’s der Lischkapellensound offenbar gleich angetan und er hat sich adoptieren lassen. Mit seinem Basso Continuo hält der das feingewebt-fragile Konstrukt zusammen. Ein Gewinn. Wie überhaupt das Lischkapellenkonzert. Den Rest hätt’s nicht gebraucht.

Baeck In Town

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PAPA JOE

Papa Joe brennt für Rock’n‘Roll

Mitreißendes Konzert des Innviertlers im Baumburger Gutshof – Leben in Musik gepackt

Natürlich gibt’s die auch, die Bands, die beim ersten Akkord klar machen, wofür sie brennen. Gruppen wie die Papa Joe Band zum Beispiel. Die brennt nicht nur für Rock’n’Roll, die hat auch die Mittel, das Feuer auf der Bühne zu zeigen. Ein Gitarrist, der seine Instrument bis zum letzten Atemzug würgt, ein Bassist und ein Schlagzeuger, die antreiben, Gas geben, genauso konsequent und unbeirrbar der Keyboarder. Und natürlich der Sänger. Ein Sänger, der sein Leben in die Stimme legt. Wenn all diese Komponenten zusammenspielen, dann kann dabei nur eins rumkommen: ein Rockkonzert, das mitreißt. Wie eben das Konzert der Papa Joe Band beim Baumburger Kultursommer. Elektrisch, erdig, ehrlich – so hat sich das Quintett ankündigen lassen. Elektrisch, klar. Erdig? Wofür steht das? Gesunde Basis, fruchtbar, saftig, dreckig. Stimmt. Trifft alles zu. Und ehrlich? Papa Joes Texte sind gradraus, bisweilen kritisch. Passt. Die Musik: Auch gradraus, klare Linie, Rock’n’Roll, Blues, Krautrock – und das handwerklich durchaus edel. Die Papa Joe Band gibt nichts vor, was sie nicht einhält. Ehrlich – stimmt auch.

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Papa Joe ist seit zehn Jahren blind. Das heißt natürlich nicht, dass er blind durchs Leben stolpert. Was ihm stinkt, das macht er zum Thema. Nicht nur, aber auch. Da wird „Sympathy fort he Devil“ mit einem bitterbösen Text versehen, böser als der von den Stones. Kein Spaß für Waffenproduzenten; natürlich auf Deutsch, nein: auf Innviertlerisch. Weil Papa Joe singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Seine Gschichtln erzählt er, ohne den Zeigefinger zu erheben. Aber er zeigt klare Kante. Die Prophezeiung der Apokalypse, die uns laut Mayas im Dezember bevorsteht, macht Papa Joe wenig Freude. Weil sich wieder arme Geister finden werden, die sich rechtzeitig vorher aus dem Leben expedieren. Drum macht er sich seinen eigenen Weltuntergang. In G-Dur, mit einem „Apo-Calypso“ als Zwischenspiel. Die Gschichtln sind mal ernsthaft, mal spaßig. Humor hat er, der Papa Joe. Da ist es nichts weniger als sonderbar, dass er nicht so bekannt ist wie ein Ostbahn-Kurti. Den Schmäh hätte er, die Rock’n’Roll-Stimme auch. Und die Band macht auch nicht weniger Dampf als die Chefpartie. Unglaublich eigentlich, dass die Papa Joe Band nicht mehr als die 60, 70 Leutchen in Baumburg sehen wollten. Die geben Zunder, an dem sich locker das Zehnfache an Musikfreunden erwärmen könnte. Dabei scheint‘s Papa Joe egal zu sein, ob er von 60 oder 600 Zuhörern spielt. Kunststück, er kann’s eh nicht sehen. Nein, im Ernst: Er hat ganz feine Antennen, was die Stimmung im Publikum betrifft. Er und seine Band versprühen Energie, und die kommt zurück. Das ist wohl die Hauptsache für ihn – dass was zurückkommt. Damit scheint er in Baumburg durchaus zufrieden gewesen zu sein. Obwohl vermutlich die wenigsten vorher seine Musik kannten, hat das Publikum den Refrain von „Geh hoam“ mitgesungen. Prächtige Atmosphäre, prächtige Band, prächtige Atmosphäre. Ehrlich, erdig, elektrisch. Aber wirklich.


Die ganze Welt im Baumburger Gutshof

Großartige Inszenierung: Theaterchen O gastiert mit Calderòns „Großem Welttheater“ beim Kultursommer Das Ensemble nennt sich „Theaterchen“ und wagt sich an ein Stück, das „Das große Welttheater“ heißt. Das niedliche Kleine nimmt sich das Gewaltige vor? Kann das gutgehen? Aber wie! Dem Theaterchen O ist mit der Inszenierung von Pedro Calderon de la Barcas Monumentalwerk ein großer Wurf gelungen. Von wegen „Theaterchen“. Die Aufführung ist stimmig, das Ambiente mit dem Innenhof des historischen Baumburger Gutshofs für das Werk aus dem 17. Jahrhundert ideal. Und selbst wenn die Aufführung wegen schlechten Wetters in die Klosterkirche verlegt wird, kann die Kulisse kaum stimmiger sein. Die Regisseurin Lisa Hanöffner hat es geschafft, das Mysterienspiel einfühlsam ins 21. Jahrhundert zu holen und doch seinen barocken Reiz zu erhalten. Mit der Übersetzung des Welttheaters Einsiedeln hat das Theaterchen O einen glücklichen Griff getan, weil diese die bewegenden und dramatischen Züge der heute eher sperrig klingenden Metaphorik Calderòns herausarbeitet. „Das große Welttheater“ ist Theater im Theater. Gott, der „Meister“, lässt spielen. Die Menschen sind sein Ensemble, die Welt ist die Bühne, gegeben wird das Spiel des Lebens – ein Fest, das der Meister für sich selbst inszeniert. Seine Schauspieler sind zunächst alle gleich, keiner hat Vorzüge oder Nachteile. Er weist ihnen ihre Rollen zu, die Welt stattet sie mit den dazugehörigen Insignien ihrer allegorischen Rollen aus – und sie müssen das Beste aus ihrer Rolle machen: Im Welttheater müssen sie sich vor dem Richtergott bewähren – die Macht genauso wie die Mühsal, die Demut wie der Überfluss, die Schönheit wie das Elend oder das totgeborene Kind. Die einzige Regieanweisung, die ihnen der Meister mitgibt, ist: „Handelt recht, denn Gott sieht zu.“ Nicht alle Akteure sind mit ihren Rollen zufrieden, sie halten sich für fehlbesetzt, für um ihr Glück betrogen. Der Meister schaut ihrem menschlichen Treiben zu, ohne es zu beeinflussen. Die Darsteller gehen auf in ihren Rollen, vergessen, dass es nur Rollen sind, identifizieren sich ganz mit ihrem Bühnenleben. Nur das Gesetz der Gnade (Heinz Schmidt) erinnert die Schauspieler immer wieder daran, die eine Regieanweisung zu beherzigen. Ob Gott zusieht oder nicht, ist den Schauspielern einerlei. Hochmut, Geiz, Wollust, Völlerei, Neid, Faulheit, Machtmissbrauch brechen sich Bahn. Doch unweigerlich und folgerichtig steht am Ende der Tag des Jüngsten Gerichts bevor. Die Menschen müssen nach ihrem Auftritt alle Statussymbole wieder ablegen. So wie sie ihre Rolle gespielt haben, erhalten sie vom Richter ihren Lohn. Paradies, Fegefeuer oder Verdammnis.

Die Lehre des Mysterienspiels ist natürlich eine fundamentaltheologische: Kein Mensch hat dem anderen etwas voraus, im Vergleich zu Gott, der einzig ist, sind alle nichts. Diesen Ansatz Calderòns bricht die Theaterchen-O-Inszenierung auf – sie gesteht dem Meister Vielschichtigkeit zu, ausgedrückt dadurch, dass die Rolle sechs Mal besetzt ist – jugendlich und alt, männlich und weiblich, beweglich und statisch. Gerhard Ficker, Berta Berthold, Randolf Schirmer, Nadja Nöhbauer sowie Sarah und Nina Benekam stellen den Meister in allen Schattierungen dar. Und das gleichzeitig, nebeneinander. Der Meister fällt sich sogar selbst ins Wort. Sekundiert wird er von der Welt (Kirsten Benekam), vom Tod mit seiner schwarzen Geige (Bettina Nowak) und vom Teufel (Christian Maryszok). Der spricht während des ganzen Stücks kein Wort, ist aber immer präsent mit seinen glutroten Augen. Er schaut der Macht über die Schulter, hält der gealterten Schönheit den Spiegel vor, verführt die Demut zum Saufen und den Überfluss zum Prassen. Auch die Allegorien sind mehrfach besetzt: Demut, Elend, Mühsal, Macht, Überfluss drei Mal, die Schönheit gar vier Mal. Der Zuschauer erlebt so in zweieinhalb Stunden mit, wie die Menschen auf der Bühne altern. Schwerer Stoff eigentlich, aber das Ensemble – zuvorderst Thomas Breu als Mühsal und Peter Formanek als Überfluss – schaffen es immer wieder, heitere und komische Aspekte herauszuarbeiten. Und Jürgen Hilse bringt das Elend erschreckend greifbar auf die Bühne – nicht zuletzt ein Verdienst der großartigen Maske. Voll überzeugen können auch Florian Holzner als Demut, Christine Mussner, Elisabeth Brandmayr und Uschi Hefele als Schönheit und Laurentius Fischer als Macht. Aber auch die jungen bis sehr jungen Darsteller stehen ihnen in punkto Spielfreude in nichts nach. Die Inszenierung insgesamt ist bildgewaltig – die Geburt der Darsteller zeigt, wie sie als Gleiche unter Gleichen ins Leben purzeln, alles unbeschriebene Blätter, in weiße Ganzköpertrikots gewandet. Nach dem Leben werden sie von fackeltragenden Mönchen abgeführt, die „Dies irae“, den mittelalterlichen Hymnus vom Jüngsten Gericht, singen. Bis hin zum Chor unter der Leitung von Brigitte Solder – hier stimmt einfach alles. Das Publikum vergisst, dass hier eine Laiengruppe auf der Bühne steht. Mehr geht nicht. Theater O, nicht Theaterchen. Das Stück ist noch fünf Mal beim Baumburger Kultursommer zu sehen: am Freitag, 13., am Samstag, 14., am Sonntag, 15., am Freitag, 20., und am Mittwoch, 25. Juli, jeweils um 20 Uhr. Karten gibt’s im Vorverkauf bei Blumen Furtner und Edeka Böhr in Altenmarkt, bei Schreibwaren Brandl und Edeka Scherer in Trostberg sowie im Weinhaus Schmidtner in Traunreut.

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Elvis ist ihr Bruder, und Jesus ist ihr Freund Nina Hagen im k1: Zwischen Gospel, Jazz, Blues und Rock – „Punk-Ikone“ zeigt ihre Klasse Da ist sie und verkündet die frohe Botschaft. Die frrrrohe, natürlich. Rollendes R, rollende Augen, Rock’n‘Roll. Die frrrrohe Botschaft, because Jesus ist ein Freund von ihr. Abgedreht, grell, quietschbunt, schrill – so wird Nina Hagen charakterisiert. Eine Ikone sei sie, die „Godmother of Punk“, eine Diva. Stimmt alles. Aber auch wieder nicht. Nina Hagen ist, was sie ist und wer sie ist. Der Eindruck, sie würde sich sonderlich verstellen müssen, wenn sie auftritt, drängt sich nicht auf. Nicht vor 300.000 Fans in Rio und nicht vor 250 im k1. Die Hagen geht nicht einfach auf die k1-Bühne. Sie erscheint. Knallrote Stoffrosen im pechschwarzen Haar, ein knallrotes Rüschenkleidchen, enge schwarze Leggins. Und Plateaustiefeletten, 14 Zentimeter Absatzhöhe, Stars-&-Stripes-Optik. Kann nicht jede tragen. Eigentlich keine, außer die Hagen und vielleicht Amy Winehouse. Und die kann nicht mehr. Nina Hagen stöckelt in die Bühnenmitte – und füllt die gesamte Bühne aus. Das Wort Bühnenpräsenz – für sie erfunden. Die drei Kollegen, die sie mitbringt, fallen erst mal nicht weiter auf. Sie sind da, gehören dazu, sind außergewöhnliche Musiker. Außergewöhnliches Beiwerk. Die Hagen plappert drauf los, sie trägt das Herz auf der Zunge, kann sich ein bisschen echauffieren über die Piusbrüder, die sich offensichtlich beklagt haben, dass Hagen in Passau in einer Kirche auftreten durfte, ihnen aber keine für ihren Gottesdienst zur Verfügung gestellt wurde. Sie regt sich auf über Bundespräsident Joachim Gauck, weil der bei seinem Antrittsbesuch bei der Führung der Bundeswehr gesagt hatte, Gewalt könne „notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden oder zu unterbinden“. Dieses Plädoyer für eine sinnvolle Gewalt nimmt Nina Hagen dem ehemaligen Pastor richtig übel.

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Dann wird die russische Regierung ermahnt, im Prozess gegen drei Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot Gnade walten zu lassen. Die hatten im Februar in einer Kathedrale ein Punk-Gebet gegen Putin veranstaltet und könnten deshalb mit bis zu sieben Jahren Haft bestraft werden. „Ich appelliere an die russische Regierung und meine orthodoxen Geschwister appellieren, Barmherzigkeit zu zeigen. Es sind ganz junge wilde Menschen, die über die Stränge geschlagen haben. Ich hoffe, Russland zeigt uns sein großes Herz.“ Hagen kritisiert, dass die Kirche Homosexuelle diskriminiere, und spricht sich vehement für die „Beschneidung sämtlicher Kanonen und nuklearen Gewehrläufe“ aus. Punk ist dagegen. Dagegen, dagegen. Hagen ist gegen Homophobie, gegen Ungerechtigkeit, gegen Waffen, gegen Gewalt, gegen Nazis. Dennoch kann Punk sie längst nicht mehr für sich beanspruchen, weil sie vor allem für ist: für Toleranz, für Frieden, für Gleichberechtigung, für Menschlichkeit. Auch wenn sie kritisiert – das Positive steht im Zentrum ihres Konzerts. Völlig unbekümmert plaudert sie drauf los, vergaloppiert sich, findet aus verbalen Sackgassen wieder raus, sprudelt frisch mit der Attitüde der Berliner Göre. Einer 57-jährigen Göre. Es ist nachrangig, ob man ihr die religiöse Erweckung abnimmt oder nicht: Sie zieht das richtig gut durch in ihrem „Acoustic Set“. Sie hat ein Programm zusammengestellt, das Spaß macht. Gospels, Spirituals, Jazz, Rock’n’Roll, einen Hauch Reggae, Chansons, immer mit klaren Botschaften, meistens mit Bezug zum eigenen Lebensweg, manchmal mit Augenzwinkern. Lieder von „Bruder“ Elvis, von Norman Greenbaum und von ihrer sehr verehrten „Schwester“ Rosetta Tharpe – „Geht die mal googeln!“. Und weil ihr der Sinn danach steht, streut sie hier mal Heinz Rühmanns „Wozu ist die Straße da? Zum Marschieren“ ein und dort mal „Bitten der Kinder & An meine Landsleute“ von Bert Brecht und „Ermutigung“ von Wolf Biermann. Die Hagen ist nicht nur religiös, sie ist auch politisch. Die ihr nachgesagten vier Oktaven reizt sie in Traunreut nicht mehr aus, das Repertoire der geerdeten Songs braucht aber auch die hohen Töne nicht so sehr. Wenn sie rauf muss, dann schafft sie’s auch. Sie spielt mit den Noten, im Gesang hat sich Nina Hagen Kindliches bewahrt – was auch ihre Botschaft widerspiegelt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“ Locker-flockig übersetzt sie amerikanische Lieder ins Deutsche: Aus Don Nix’ Blues „Everybody Wants to go to Heaven, But Nobody Wants to Die“ macht sie „Alle wollen immer in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod“, aus Woody Guthries „All You Fascists Bound to Lose“ wird „Alle Faschos werden verlieren“. Damit das auch wirklich jeder versteht. Dabei lässt sie Fred Sauer am Piano, Michael Ryan am Bass und vor allem Warner Poland an der Gitarre immer wieder Freiräume zu brillieren. Die brauchen die Kollegen auch, damit sie von Hagens Bühnenpräsenz nicht komplett weggedrückt werden. Und die haben sie sich auch verdient. Weil sie grandios sind. Grandios ist Nina Hagens Interpretation des Depeche-Mode-Klassikers „Personal Jesus“, der ihrem Bariton exakt in die Karten spielt. Und mit Schuberts „Ave Maria“ beweist sie, dass sie keine Angst vor den hohen Tönen zu haben braucht. Da wird sie im Gesang doch einmal divenhaft. Doch das ist sie nicht wirklich: Nach dem Konzert nimmt sie sich noch eine knappe Dreiviertelstunde Zeit, um mit ihren Fans zu sprechen, Interviews und Autogramme zu geben. Autogrrramme natürlich. Mit rollendem R und rollenden Augen. Rock’n’Roll.

NINA HAGEN

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Einzigartig, einmalig, Eisenreich

Geigerin verzaubert mit ihrem Quartett und musikalischen Gästen – Wolfgang Lohmeier an der Wammerltrommel

Klar, sie ist der Star. Sagt ja schon der Bandname: Martina Eisenreich Quartett. Es steht ihr auch zu, der Star zu sein. Ihr Talent, ihr Können, ihr Gefühl, ihr Ausdruck. Und doch wäre es einseitig, das Konzerterlebnis nur an der Geigerin festzumachen. Weil ihre Band ihr in nichts nachsteht. Weder Christoph Müller an der Gitarre, noch Stephan Glaubitz am Kontrabass. Und Schlagwerker Wolfgang Lohmeier sowieso nicht. Sie alle machen Konzerte des Martina Eisenreich Quartetts einzigartig. Den Vieren beim Musizieren zuzuschauen und zuzuhören macht schlicht und ergreifend Freude. Doch damit nicht genug. Zum Auftritt beim Baumburger Kultursommer hat Martina Eisenreich drei Gastmusiker mitgebracht – den Harfenisten Kiko Pedrozo aus Paraguay, den Akkordeonisten Hansi Zeller aus dem Allgäu und die irische Sängerin Valerie McCleary, ebenfalls allesamt Ausnahmekönner. Ausnahmekönner, die in verschiedenen Formationen immer mal wieder zusammen auf der Bühne standen. Aber eben nicht unbedingt im Septett. Genau hier zeigt sich die Meisterschaft: Ohne bis aufs i-Tüpfelchen aufeinander eingespielt sein zu können gehen sie aufs i-Tüpfelchen auf den Mitmusiker ein. Und genau hier wird deutlich, wie großartig Lohmeier seine Felle, Zimbeln, Becken und sonstigen Gerätschaften samt Wammerltrommel bearbeitet und – nebenbei – auch noch den Tontechniker macht. Hochsensibel führt er seine Kollegen exakt auf dem Punkt zu ihren Einsätzen, er strukturiert die Stücke, Blicke werden getauscht, ganz kurze, kleine Zeichen – und alles sitzt. Das ist vermutlich musikalische Schwerstarbeit. Vermutlich. So genau kann das der Zuhörer nicht beurteilen, weil das Resultat eine luftige Leichtigkeit lebt, den Spaß ausstrahlt, den die Künstler auf der Bühne miteinander haben – und das Publikum unten auf den Rängen nicht weniger. Der ominöse Funke springt. Unablässig. Dabei stand das Konzert im Rossstall nicht unter den günstigsten Vorzeichen. Man hatte eine Freiluftveranstaltung bei trockenem Wetter im Innenhof des historischen Baumburger Gutshofs geplant. Allerdings hatte das Wetter keine Freiluftveranstaltung geplant.

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Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn musste umdisponiert werden. Aufbau, Verkabelung, Soundcheck, alles umsonst, alles auf Anfang. Das verzögerte den Konzertbeginn um gut eine halbe Stunde – eine Verspätung, die selbst der Bahn peinlich wäre. Wer glaubte, das würde die Musiker mehr als das Publikum irritieren, sah sich getäuscht. Eisenreich und Co. ließen sich nicht aus der Bahn werfen – das Konzert wurde nicht umgeworfen, es wurde umwerfend. McCleary singt frisch und frech und rotzig und sanft, ein Destillat aus Janis Joplin, Lana Del Ray und Sheryl Crow. Die 65-Jährige klingt wie eine Endzwanzigerin. Pedrozos paraguayisches Schlaflied „Duerme Negrito“ ist herzergreifend. Kunststück, er gilt als einer der virtuosesten Harfenisten weltweit, die Älteren erinnern sich an ihn noch als Mitglied der „Los Paraguayos“. Und wenn der dann auch noch singt… Bei aller Virtuosität, bei allem Können, bei aller Ergriffenheit: Den Spaß vergisst das Septett nie, das zu acht auf der Bühne steht – Martina Eisenreich wird im September ein Kind zur Welt bringen. Beim berühmten „Dueling Banjos“ aus dem Film „Beim Sterben ist jeder der Erste“ duelliert sich so ziemlich jeder mit jedem, nur kein Banjo. Gitarre mit Geige, Akkordeon mit Bass, es gibt keine Gefangenen und keine Gefallenen, nur Sieger. Lohmeier darf sich bei seiner Komposition „Myth of the Pixies“ austoben. Ein Pixie ist laut Eisenreich ein Kobold mit wild zerzausten blonden Federn und kräftigen Oberarmen. Also ein Lohmeier. Und der spielt noch dazu besagte Wammerltrommel. Weil ihm der Einsatz von zwei Händen und zwei Beinen nicht reicht. Der Bauch muss als Schlaginstrument auch noch ran. Ein Bauch, der nicht gedankenlos angefressen oder gar angesoffen ist, sondern in mühevoller Kleinarbeit als Percussionwerkzeug aufgebaut wurde. Die meisten Stücke, die an diesem Abend zu hören waren, stammen vom aktuellen Album „Violin Tales“. Geigengeschichten. Genau das macht Martina Eisenreich: Sie erzählt Geschichten. Ganz ohne Worte, aber mit ganz viel Herz. Sie lässt ganze Filme ablaufen, ist eins mit ihrer Violine, sie malt Musik. Sie ist der Star.

Martina Eisenreich Quartett & Friends


Ronja räubertochter

Ein bisschen Furcht und ganz viel Mut

Schauspielhaus Salzburg begeistert mit Lindgrens „Ronja Räubertochter“ im k1 – 1355 Zuschauer Karlsson vom Dach, Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, die Kinder aus Bullerbü, Kalle Blomquist – Astrid Lindgren hat Charaktere erfunden, die Generation durch ihre Kindheit begleitet haben. Figuren für die Ewigkeit. Warmherzig und witzig schuf die Schwedin Fixpunkte der Kinder- und Jugendliteratur. Zu ihrem zehnten Todestag hat sich das Schauspielhaus Salzburg einer weiteren Lindgren-Figur angenommen: Ronja Räubertochter. Der Regisseurin Bernadette Heidegger ist es gelungen, Witz und Warmherzigkeit der Autorin auf die Bühne zu bringen. Ein Spaß, den 1355 große und vor allem kleine Zuschauer im k1 miterlebt haben. Wild geht’s zu im Wald. Da wird getanzt, gegrölt, gerauft, geraubt und geflucht – zum Donnerdrummel! –, wenn die Bande des Räuberhauptmanns Mattis, gespielt von Benedikt Vyplel, ihrem Tagesgeschäft nachgeht – das im Wesentlichen aus Tanzen, Grölen, Raufen, Rauben und Fluchen besteht. Die Mattisräuber auf der Mattisburg im Mattiswald sind Raubeine, die zu feiern verstehen. So wie man sich Räuber halt mal vorzustellen hat. Da lässt sich der alte, klapprige Glatzen-Per (Andreas Plank), der bald fertig ist mit seinem Räuberleben, schon mal zu Bocksprüngen hinreißen. Plank ist seit zwei Jahren an der Schauspielschule Schauspielhaus Salzburg und dementsprechend jung und runzelfrei. Und trotzdem gelingt ihm der greise Räuber mit brüchiger Stimme und schleppendem Schritt samt Herzattacke schon ganz gut. Eine ungleich schwerere Aufgabe hat da Tülin Pektas. Auch sie ist seit zwei Jahren Schauspielschülerin in Salzburg und ebenfalls entsprechend jung. Aber sie ist eben keine zehn, elf Jahre mehr. Und trotzdem bringt sie Ronja mit einem mädchenhaften Charme auf die Bühne, der ihr tatsächliches Alter komplett überstrahlt. Wenn sie die Brauen runzelt, wenn sie trotzt, wenn sie mit einem angerauten Grummeln in der Stimme die Kraftausdrücke ihrer Sippe nachplappert, dann ist sie ganz die wild sein wollende Räubertochter. Pektas

spielt, wie Lindgren ihre Heldin angelegt hat: unbekümmert, frisch, neugierig und frech. Damit überstrahlt sie die Kollegen – aber das ist auch richtig so. Das Stück heißt nun mal „Ronja Räubertochter“ und nicht „Räuberhauptmann Mattis“ oder „Birk Borkason“. Wobei auch alles andere als eine schlechte Figur macht: Benjamin Lang schafft erst als „Erbfeind“, dann als „Bruder“ Ronjas, die Werte zu transportieren, die Lindgren vermitteln will: den Mut, für sich und andere einzustehen, die Verlässlichkeit und die Bereitschaft, Vorurteile der Altvorderen über Bord zu schmeißen. Oder in den Höllenschlund. Das Wechselspiel zwischen Pektas und Lang, die zwischen Sippenhass und Zuneigung schwanken, macht das Stück im Sinne Lindgrens rund. Die übrigen Charaktere sind Zugabe, aber eine höchst erfreuliche: Vylpel, der meist Grimmige, der sich bei Saskia Quedenz alias Ronjas Mutter Lovis ausheult, nachdem er aus falschem Stolz die Tochter verstoßen hat; Quedenz selbst, die resolut der Räubersippe zeigt, wo’s langgeht. Und die konkurrierende Borka-Bande, die genau wie die Mattis-Räuber traditionell immer die anderen für „Hosenschisser“ hält. Das Ganze ergibt ein temporeiches Stück ohne Längen – obwohl es mit knapp zwei Stunden Länge schon auch an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit gerade der kleineren Zuschauer geht. Wenn’s gar zu ernst wird – denn Freundschaft, Mut und Verantwortung sind nun mal kein Spiel –, dann tauchen die Rumpelwichte auf, Waldgesellen, die in Höhlen leben und allerlei Unfug treiben. Ein bisserl zum Fürchten sind die rote-gefiederten Wilddruden mit ihren metallenen Stimmen, die Ronja und Birk in ihr Reich locken wollen. Aber die geben immer rasch auf und verschwinden unverrichteter Dinge. So ist’s Leben. Ab und an muss man sich ängstigen, sich hüten und sich was trauen. Zu Tode erschreckt hat Astrid Lindgren eh noch niemanden. Keine Ronja, keinen Rumpelwicht und schon gar keinen Hosenschisser. Zum Donnerdrummel.

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Zum Wespenstachel einen Bienenstich

Voice & Piano beim Kulturbredl im Hilgerhof: Die Musik Stings einfühlsam interpretiert Gordon Sumner ist unverwechselbar. Gut, bisweilen gelingt es Sängern ansatzweise so zu klingen wie er, zuletzt beispielsweise Gotye. Das sind leise Anklänge, wenn überhaupt. Sumner, besser bekannt als „Sting“, hat sich mit seinem fließenden, leicht heiseren, nasalen Falsett in die Gehörgänge geschraubt und ist da auch nicht mehr rauszubekommen. Seit Ende der 70er Jahre, als er mit The Police erste Erfolge feierte. „Message in a Bottle“, „Roxanne“, „Moon over Bourbon Street“, „Englishman in New York“ – jeder kennt irgendwas von Sting. An ihm kommt keiner vorbei. So geht das auch den Musikern Katja Ritter und Jörg Müller. „Wir haben uns endlich daran gewagt, die Musik, die uns das ganze Leben lang begleitet hat, auf die Bühne zu bringen“, erzählt Sängerin Ritter beim Kulturbredl im Hilgerhof. Ein Wagnis? Vielleicht. Seine Lieder sind natürlich mit seiner markanten Stimme untrennbar verbunden. Wer „Fragile“, „Russians“, im Ohr hat, hört unweigerlich Sting. Aber das Wagnis sind schon andere eingegangen, seine Songs zu covern – Silje Nergaard, Take 6, Luciana Souza, Alanis Morissette. Hat funktioniert. Genauso funktioniert’s bei Ritter & Müller, bei „Voice & Piano“. Das liegt zum einen an der unbestreitbaren Qualität der Stücke, die sich die beiden für ihr Programm ausgesucht haben, und zum anderen daran, dass Ritter die Kompositionen auslotet. Sie ist sowohl stimmlich als auch emotional in der Lage dazu, die Tiefe der Songs zu erfassen und ans Publikum weiterzugeben. Stings heiseres, nasales Falsett zu imitieren, daran müsste sie scheitern. Aber dieser Gefahr

Voice & Piano

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setzt sich Ritter überhaupt nicht aus. Zum Glück. Sie singt nicht nach, sie interpretiert. Sting selbst suchte nach seiner Police-Zeit die Nähe zum Jazz – und genau das spielt Ritter und Müller in die Karten. Die intime Zweierbesetzung wird den Kompositionen gerecht. Stimme und Klavier – das genügt vollauf, um die Lieder umzusetzen. Was selbstverständlich auch wieder für deren Qualität spricht. Müller nutzt die Freiräume, um dezent über die Themen zu improvisieren, unterstützt Ritter bisweilen mit der zweiten Stimme. Unaufdringlich, aber auf dem Punkt. Zwischen den Stücken erzählt Ritter ab und an etwas zur Entstehungsgeschichte der Lieder – intensiv haben sich die beiden mit dem Repertoire auseinandergesetzt. Doch das beschränkt sich nicht auf theoretisches, blutleeres Wissen. Sie transportiert dieses Wissen einfühlsam in ihren Vortrag – die wütende, ohnmächtige Traurigkeit von „Every Breath You Take“ ist zu hören, die Trauer von „All This Time“, die Anklage von „They Dance Alone“. Die Hilgerhof-Atmosphäre kommt dem Programm von Voice & Piano entgegen. Innig verweben sich Künstler, Musik und Zuhörer zu einer Einheit. Ritter und Müller müssen singen und spielen, bis zur allerletzten Zugabe nur noch eine Wiederholung übrig bleibt. Sinn für feinen Humor hat übrigens das Hilgerhof-Küchenteam von Renate Dotterweich bewiesen. Das bemüht sich traditionell, zu den Konzerten passende Leckereien anzubieten. Beim Voice-&-PianoKonzert gab’s unter anderem Bienenstich. „Sting“ heißt auf Deutsch Wespenstachel.


Le Bang Bang

1-a-Trauma-therapie beim Kulturbredl Le Bang Bang: Mit Gesang und Bass das Wham!-Syndrom kurieren – Technik, Können und ganz viel Gefühl Überstanden. Diese „Last Christmas”-Jahresenddauerbeschallung durch Radio, Lebensmitteleinzelhandel und Fahrstühle. Im Laufe eines Musikkonsumentenlebens können sich Aversionen zu Traumata entwickeln. Besonders gefürchtet: die „Wham!“-Allergie. Die Zeile „Last Christmas I gave you my heart“ reicht völlig aus – und schon sprießen Quaddeln auf den Trommelfellen. Die Bogengänge im Innenohr fahren Karussell, der Gleichgewichtssinn verliert die Balance, Würgereiz. „Bedingter Reflex“ heißt das in der Verhaltensbiologie. Klassische Konditionierung nach Pawlow. Linderung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Einmal auf George Michaels Gesang konditioniert, löst die Zeile „You put the boom-boom into my heart“ sofort den „Last Christmas“-Reflex aus: „Wake Me Up Before You Go-Go“, Bogengänge rotieren, Balanceverlust, es würgt schon. Hat man keinen Einfluss drauf. Es geschieht, rational kaum erklärbar. So eine Aversion kann allerdings positive Aspekte haben – wenn man sie ganz unverhofft mit jemandem teilt, zum Beispiel. Da ergibt sich eine gemeinsame Ebene. Die Antipathie einer Sache gegenüber bedingt die Sympathie gegenüber einer Person, Solidarität als psychosoziales Bindemittel. Eine Gelegenheit für einen dieser seltenen, erhebenden Augenblicke: das Konzert von Le Bang Bang beim Kulturbredl im Hilgerhof. Le Bang Bang, das sind die Sängerin Stefanie Boltz und der Kontrabassist Sven Faller, mehr nicht. Allerdings auch nicht weniger. Die Minimalbesetzung lässt reduzierte Ausdrucksmöglichkeiten vermuten, zumal die Literatur für Bass und Gesang eine sehr übersichtliche ist. Eigentlich scheint so einer Formation kaum anderes übrig zu bleiben, als ihre Stücke selbst zu schreiben. Faller macht das und er macht das richtig gut. Und trotzdem müssen die beiden Künstler nicht auf Hits verzichten, nur weil die eigentlich für größere Besetzungen geschrieben wurden. Das ist reine Kopfsache. Die Methodik: Sie haben ihre Lieblingsstücke zusammengeworfen und eine Schnittmenge gebildet. „Time after Time“ von Cindy Lauper, „The Weight“ von The Band, „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana, „Junimond“ von Rio Reiser, „Fields Of Joy“ von Lenny Kravitz, „50 Ways To Leave Your Lover“ von Paul Simon, alles ein wenig intellektuell motiviert, eine musikalische Visitenkarte: Man hat sich auf seinem Lebensweg von der „richtigen Musik“ begleiten lassen, mit dem richtigen Mix aus qualitativem Hochwert und hipper Avantgarde. Nur keine Vorbehalte. Eine wilde Mischung, aber sauber austariert. Kopfsache eben. Aber alles nicht für GesangBass geschrieben. Also wurden die Songs umgearbeitet. Faller und Boltz haben alles Zeitgeistige, alles, was sich nach Schnickschnack und Chichi anhörte, weggeschraubt. Bis das nackte Grundgerüst

dastand, die bloße Melodie. Ans Chassis haben sie dann das angeschweißt, was ihnen entspricht. Und trotzdem: Das Resultat klingt alles andere als steril oder verkopft. Weil die beiden die Mittel, die Ausdrucksmöglichkeiten haben, die fremden Werke zu den ihren zu machen. Ein Bassist spielt als Solist auf Dauer eine nachgeordnete Rolle, wenn er nicht Miroslav Vitouš, Victor Bailey oder Marcus Miller heißt. Faller kann Solist – und das liegt nicht nur an der Batterie von Effektgeräten bis hin zum Wah-Wah-Pedal, die er um sich und seinen Kontrabass aufgebaut hat. Kopfgesteuerte, technisierte Musik ist das dennoch nicht. Weil Faller seinen Bass – gezupft, geschlagen oder gestrichen – pulsieren, vibrieren, leben lässt. Faller spielt nicht Bass, Faller ist Bass. Zur Technik kommen Können und ganz viel Gefühl. Die nächste Schnittmenge. Das sind exakt die Eigenschaften, die Boltz‘ Stimme auszeichnen. Die Sängerin hat sich exakt in die Lieder hineingefühlt und ruft das beim Auftritt ab, sie muss sich nicht mehr herantasten, weil sie schon mittendrin ist. Bisweilen klingt sie so unmittelbar wie eine Shania Twain, ohne Ka-Cheng, dafür aber geschmeidiger und mit deutlich mehr Tiefe. „Junimond“ ist ihr Lied wie es das von Rio Reiser war und wie es das von Echt oder Lisa Bassenge nie sein wird. „Smells Like Teen Spirit“ ist ihres wie es das von Nirvana war und wie es das von Avril Lavigne oder gar David Garrett – bewahre! – aber sowas von nie sein wird. Man hat immer das Gefühl, dass hier nicht um des Gassenhausers willen gecovert wird, sondern dass die beiden die Songs verstanden haben und das Publikum an diesem Verständnis teilhaben lassen wollen. Reizvoll, weil man neuen Gefallen finden kann an einem Stück wie „Owner Of A Lonely Heart“ von Yes, das man ob seiner 80er-mäßigen effekthaschenden Gitarrenriffs eigentlich nicht mehr hören will. Genau das ist es: Le Bang Bang haben das Affektierte und das Glattgebügelte aus den Stücken eliminiert, die billigen Effekte durch Emotion ersetzt. Mit „Wake Me Up Before You Go-Go“ quälte einst Fallers großer Bruder in der Münchner Plattenbauwohnung die Restfamilie. Der Grundstein für Fallers Wham!-Trauma. Unerträglich eigentlich. Und trotzdem hat er sich von Boltz überreden lassen, den Titel ins Repertoire aufzunehmen. Es hat sich rentiert – das Stück taugt doch was. Da liefert sich der Bassist mit der Sängerin ein Schlagzeugduell – er trommelt auf seinem Instrument, sie scattet. Das Boom-Boom, das George Michael im Herzen verortet hat, steht plötzlich auf der Bühne – die pure Dynamik. Die Musiker haben Spaß, das Publikum auch. Wenn jetzt noch Vorweihnachtszeit wäre, könnte man sich von den beiden glatt vom „Last Christmas“-Syndrom kurieren lassen. Traumatherapie im Hilgerhof. Feine Sache.

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Urkomisch, makaber und todtraurig

Luisenburg Festspiele mit der Tragikomödie „Indien“ im k1: Auf ganzer Linie überzeugt „Ich glaube, Sie sind einfach nur ein deppertes, ignorantes Arschgeigerl.“ Wenn sich der rechtwinklig-kultivierte Feng-Shui-Müslianer Kurt Fellner zu so einem Ausbruch hinreißen lässt... Normalerweise ruht er ja mehr so hyperaktiv in sich. Aber dieser Heinz Bösel, dieser feist-dumpfe Schnitzelmampfer, der noch nicht mal weiß, dass die nördliche eisbedeckte Region Nordpol heißt, dieser Vollproll – der nervt. So ist es halt. Kollegen kann man sich nicht aussuchen. Genauso wenig wie Verwandte. Oder Nachbarn. Oder das Leben allgemein. In ihrem Theaterstück „Indien“ haben Josef Hader und Alfred Dorfer zwei Typen zusammengespannt, die nicht zueinander zu passen scheinen. Der Spielfilm von 1993, in dem die beiden Kabarettisten die Hauptrollen übernahmen, ist sicher das Maß aller Dinge. Die Umsetzung der Luisenburg Festspiele Wunsiedel, die im k1-Studio mitzuerleben war, blieb dem Streifen nichts schuldig. Das liegt zum einen natürlich am Stoff selbst, zum anderen aber an den Schauspielern. Gerhard Wittmann kommt Hader als Heinzi Bösel nicht nur optisch sehr nahe. Das gilt im Übrigen auch für Johann Anzenberger als Fellner/Dorfer. Die Intensität, mit der die beiden Akteure in ihren Rollen aufgehen, ist des Stückes würdig. So schaffen sie es, ihr „Indien“ trotz der derben, witzig-irrwitzigen Dialoge nie ins Klamaukige abgleiten zu lassen. Das Duo Wittmann/Anzenberger spielt auf großen Klaviatur der Tragikomödie – sarkastisch, ironisch, makaber, todtraurig, urkomisch – und überzeugt dabei auf ganzer Linie. Unterstützt wurden die beiden von k1-Leiter Thomas Kazianka als Wirt, Arzt und Pfarrer sowie von k1-Mitarbeiterin Bettina Meindl, die als Bedienung und Krankenschwester fungierte. Das Theaterstück kommt mit zwei Bühnenbildern aus – eine Gaststube und ein tristes Krankenzimmer. Bösel und Fellner bewerten im Auftrag der Staatsregierung Gasthöfe in der bayrischen Provinz: Wie schaut’s aus mit der Lebensmittelhygiene, entsprechen die sanitären Anlagen den Vorgaben, sind Saunageländer montiert? Bösel testet vorwiegend Schnitzel, dumpf vor sich hin kauend und stierend. Mit Kommunikation hat er’s eher nicht so. Warum sollte er auch mit Gastronomen auf Gespräche einlassen? „90 Prozent der Wirte sind zu 100 Prozent Trottel.“ Oder mit dem Fellner? Der Fellner ist ein Gscheidmeier und Gschaftlhuber, der mit seinen Trivial-Pursuit-Karterln rumwedelt, frisch gepressten Orangensaft statt Bier trinkt und noch nicht lange genug verheiratet ist. Eigentlich gar nicht. Der Bösel aber schon. Seine Frau hat ihm ein Ku-

ckuckskind untergeschoben. Drum ist er auch gern im Außendienst, sonst müsste er womöglich öfter mit der Gattin sprechen. Nein, der Bösel ist kein Menschenfreund. Fellner hat’s aber auch nicht leicht mit seinem Kollegen. Er bemüht sich aufrichtig, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Schnell muss er einsehen, dass Bösel nicht nur wortkarg, sondern auch karg an Gedanken ist. Fellner macht sich lustig über Bösel, der das natürlich merkt, ganz blöd ist er ja auch nicht. Nach einem harten Arbeitstag mit mehreren Schnitzeln, noch mehr Halben und einigen Kurzen eskaliert die Situation – erst landet in Fellners Gesicht ein Schmalzbrot, dann schmeißt Bösel seinen Kollegen auf den Biertisch, um ihm den unbequemen ehelichen Geschlechtsakt zu demonstrieren. Als Fellner reichlich spät mitbekommt, dass seine Freundin fremdgeht – der Neue nimmt in Allerherrgottsfrüh seinen Anruf entgegen – solidarisieren sich die Gastrotester im Angesicht der gemeinsamen Feindbilder, Frauen und Wirte. Wenn es ihnen schon nicht gut geht, warum sollen’s die Trottel von Wirten dann besser haben? Der ehemals überkorrekte Fellner drangsaliert den Gastronomen, gespielt von Kazianka. Nach einer Sockenkontrolle und einer Fuß- und Kopfwaschung mit Hochprozentigem reißt dem bis dato devoten Wirt die Hutschnur, eine handgreifliche Auseinandersetzung kann Bösel knapp vermeiden. Aus anfänglicher Abscheu wird Freundschaft. Ist der erste Akt von den hinreißend komischen Monologen geprägt, in denen Bölsel und Fellner treffsicher aneinander vorbeireden und doch sprachlos bleiben, wenn es um Gefühle geht, wird’s im zweiten Akt tragisch. Nach einer Schmerzattacke lässt sich Fellner im Krankenhaus durchchecken. Die Diagnose: Krebs. Kurtl nimmt das mit Galgenhumor und indischer Gelassenheit – er gibt vor, fest an die Wiedergeburt zu glauben. Betont unaufgeregt nimmt er seinen baldigen Tod hin, nur vereinzelte Panikattacken lassen erahnen, wie es wirklich in ihm aussieht. Heinzi geht das alles heftigst an die Nieren, Wittmann stellt die Hilflosigkeit und die Verlustängste seines Protagonisten zum Greifen auf die Bühne. Anders als der Film, der dem Zuschauer die Illusion und den Trost lässt, Kurti könnte tatsächlich wiedergeboren worden sein, bleibt Heinzi im Stück nach Fellners Tod mutterseelenallein bei der Leiche sitzen. So überzeugend Anzenberger gestorben ist, so ergreifend ist die Leere, die Bodenlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Wittmann auf die Bühne bringt. Ganz großes Theater.

Indien

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Michael Hornstein Matthias Bublath Walter Bittner

Zeitgemässer Jazz vom Allerfeinsten Hornstein, Bublath und Bittner im Hilgerhof: Sternstunde des Kulturbredls irgendwo zwischen Trance und Jazz Kritiker sollten sparsam sein im Gebrauch von Superlativen. Die Besten, Schönsten, Größten, Miesesten – es ist angeraten, solche Wertungen dringend zu vermeiden. Weil’s immer mal noch besser geht. Oder schlechter. Trotzdem: Wer dem Kulturbredl im Hilgerhof halbwegs gerecht werden will, wird ohne Superlativ nicht auskommen. Das, was Michael Hornstein, Matthias Bublath und Walter Bittner da ablieferten, war schlichtweg phänomenal. Die setzen sich nicht hin und spielen ihren Stiefel runter. Nein, die sind witzig, und das auch ohne Worte. Vor dem Konzert hatte das Hilgerhof-Team den Musikern geräucherte Forelle serviert – und die hatte offenbar gemundet. Wie steigt man also in einen Konzertabend ein? Na klar, mit Franz Schubert. Nur schießt Hornsteins Forelle in dem Bächlein helle nicht in froher Eil vorüber wie ein Pfeil, sie lässt’s entspannter angehen, mit Betonung auf der Zwei und der Vier. Ein jamaikanischer Reggae-Fisch. Logisch, er war ja auch geräuchert. Auf Buchenholz, nicht auf Hanf wohlgemerkt. So machen die das. Nehmen ein Stück, das wirklich jeder kennt, und machen was Neues draus. „Summertime“, „Take Five“ und das „Pink Panther Theme“ wurden so oft gecovert, dass die heute wirklich keiner mehr in sein Repertoire aufnehmen muss. Das wächst einem schon bei den Ohren raus. Möchte man meinen. Von wegen. Nehmen sich Hornstein, Bublath und Bittner die Melodien vor, dann wird’s plötzlich wieder spannend. Das allzu Gefällige wird abgeklopft, sie geben den Werken unvermutete Ecken und Kanten. Das ist mehr als eine Renovierung. Die reißen das alte Zeug weg, richten auf dem Fundament wahre Klanggebäude auf. Ach was, Gebäude! Ganze Straßenzüge entstehen, es wird größer und größer, bis zur Stadt mit all ihren strahlenden Boulevards und bluesigen

Schmuddelvierteln. Urban ist er, der Klang der da durch den Hilgerhof schwebt, die weite Welt des zeitgenössischen Jazz. Hornstein gilt als einer der prägenden und meistgehörten Saxofonisten der Gegenwart. Mal erinnert sein Spiel an Grover Washington Jr., mal an Dave Brubeck. Aber – und das muss man heutzutage betonen – er plagiiert nicht. Er hat seine eigene Stilistik entwickelt. So einer bringt natürlich adäquate Kollegen mit: Bublath spielt unaufgeregt, seine Hände fliegen über die beiden Orgelmanuale, er nimmt Hornsteins Zuspiele auf, er duelliert sich mit dem Saxofonisten. Wer gewinnt? Der Zuhörer. Uneingeschränkt. Wenn Bublath Händels „Passacaglia“ oder den „Kanon in D“ von Johann Pachelbel jazzig neu interpretert, dann hat das aber so gar nichts vom epischen Geschwurbel vieler seiner Hammond-Kollegen. Er dröhnt nichts zu, lässt die feinen Nuancen Hornsteins leben und setzt eigene dagegen. Den beiden zuzuhören wäre allein schon ein Genuss; dass sie der Augsburger Bittner begleitet, hebt diesen Spaß nochmal auf ein höheres Level. Der zeigt, dass ein Schlagzeug nicht zwangsläufig laut sein muss. Mit ganz viel Gefühl legt er für seine Mitspieler den feingewebten Rhythmusteppich aus. Und er steuert das bei, was die Musik des Trios ausmacht: Er bearbeitet nicht nur die Felle mit Händen, Besen und Stöcken, nebenbei spielt er vom Laptop Loops und Soundfiles ein, teils gerade aufgenommen, teils Konserve. Er nimmt diese Samples auf, integriert sie in sein Spiel, macht eine Einheit draus, digital und analog funktionieren miteinander. Das Ergebnis: Irgendwas zwischen Jazz, Trance und Trip Hop. Egal, wie man’s nennt, Club- oder Loungemusik – Spaß macht’s. Unbändigen Spaß. Drum hier der versprochene Superlativ: zeitgemäßer Jazz vom Allerfeinsten. Der Auftritt von Hornstein, Bublath und Bittner war eine Sternstunde des Kulturbredls.

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Debüt macht Lust auf mehr – viel mehr

Jakob Bruckner im Hilgerhof: Das Gesamtpaket passt – Intelligente Texte, eingängige Melodien, launige Ansagen Eigentlich ungerecht. Während zum einen Tim Bendzko nur noch kurz die Welt rettet, 148 Mails checkt und als Mitglied irgendwelcher Fernsehjurys seltsame Menschen nach Malmö schickt, singt und spielt Jakob Bruckner nur im Hilgerhof. Nichts gegen den Hilgerhof, um Himmels willen. Aber trotzdem: Bruckner gehört auf die große Bühne. Und da wird auch keiner was dagegen haben, der das zu Recht ausverkaufte Debüt im Hilgerhof miterlebt hat. Trotzdem singt der Bendzko im Radio. Ungerecht eigentlich. Gut, der 23-jährige Pittenharter hat noch nicht das Renommee des 28-jährigen Berliners. Woher auch? Im Landkreis Traunstein weltbekannt, aber sonst? Zu Unrecht. Lehramtsstudent Bruckner schreibt intelligente Texte zu eingängigen Liedern. Er hat was zu sagen. Altersgemäß geht’s selbstredend um Herzschmerz, Bauchschmetterlinge, Unsicherheit. Mit den zeitlosen Themen Zukunftsängste, Heimweh, Hoffnungen gelingt es ihm, auch die reiferen Zuhörer einzufangen. Da wird nichts verklausuliert, keine kryptischen Textchen, die nach allen Seiten offen Interpretationen zulassen. Bruckner singt Klartext. Wenn‘s ihm gut geht, sagt er das. Geht’s ihm schlecht, sagt er’s auch. Ja, wo bleibt denn da die Phantasie? Keine Sorge, kommt nicht zu kurz. Unterschätzt mir die Zuhörer nicht. Die wenden Bruckners Texte aufs eigene Dasein an – dafür ist Interpretationsspielraum genug. Was aber viel wichtiger ist: Bruckner hat ein Händchen – oder Öhrchen – für Melodien. Dass er ein bekennender Jamie-CullumFan ist, hätte er nicht wirklich betonen müssen, man hört’s an der Rhythmik. So wie der Engländer bewegt sich Bruckner traumwandlerisch zwischen Pop, Rock und Jazz. Allerdings ist’s auch nicht nötig, seinen Stil in eine Schublade zu stecken. Das würde ihn zu sehr einschränken und das Publikum der Gelegenheit berauben, immer wieder überrascht von der Wandlungsfähigkeit Bruckners zu sein. Natürlich hat er auch Fehler gemacht, der Auftritt im Hilgerhof war nicht eitel Sonnenschein. Natürlich verspielt man sich im Eifer des Gefechts, natürlich geht nicht alles glatt. Das kann man verschmerzen – zumal beim allerersten Auftritt mit eigenem Programm. Und der österreichische Schlagzeuger Martin Klement spielte nach nur einer einzigen gemeinsamen Probe mit. Wobei das überhaupt keinem aufgefallen wäre. Fremdkörper gibt’s in Bruckners Band sowieso keinen – im Gegenteil. Selbst Ludwig Rössert ist mit seinem für diese Art von Musik

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untypischen Instrument integraler, nicht wegzudenkender Bestandteil. Und der Mann spielt Cello! Das braucht außer Apocalyptica und Andrew Lloyd Webber in der Popularmusik wirklich gar keiner mehr. Hier aber passt’s. Was heißt „passt’s“? Es gehört schlicht und ergreifend zum Sound. Ohne Wenn und Aber. Und überhaupt. Die Instrumentalparts sind allesamt gut gespielt. So leicht sie daherkommen, so viel Arbeit steckt drin. Jahrelanges Lernen und Üben, Blut, Schweiß, Tränen, das ganze Programm. Kunst ist, wenn’s keiner merkt. Bruckners Auftritt ist Kunst. Wie schaut er dann aus, der Brucknersche Fehler? Ein programmatischer Missgriff: Vor der Pause spielt er nur Runterzieher, erst nach der Pause baut er sein Publikum mit rockigen, optimistischeren Songs wieder auf. Das ist zwar ganz nett gemeint, aber es macht die erste Hälfte des Programms schon arg einseitig. Verlassenwerden, Einsamkeit, verlorene Liebe, falsche Entscheidungen, ein Medley von Adele, der Königin der traurigen Lieder, und Jamie Cullum, auch nicht uneingeschränkt der Gaudibursch – da muss man dann nicht überrascht sein, wenn die psychisch labileren Zuhörer krampfhaft nach einer Möglichkeit suchen, das irdische Jammertal vorzeitig hinter sich zu lassen. Den Strick hat dann doch keiner genommen. Was auch gar nicht wirklich nötig war. So ein Konzert lebt nicht von der Musik allein. Da sind auch noch die Künstler. Und Bruckner hat die Leute im Griff. Seine launigen Ansagen allein machen das Konzert zum Erlebnis. Weil er – so wie in seinen Songtexten – frei von der Leber weg erzählt. „Nach unserer ersten gemeinsamen Probe mit Martin haben wir gemerkt, dass wir gar keinen Schlagzeuger suchen. Sondern einen Österreicher.“ Oder seine Grabenkämpfe mit dem kleinen Bruder Matthias. Da ist nichts gekünstelt, nichts konstruiert, bescheiden, aber ohne Falsch. Sehr angenehm, sehr lustig – wenn’s passt. Nichts Aufgesetztes. Man hat permanent den Eindruck, man bekommt das pure Paket. Was mehr soll sich ein Publikum wünschen? Umso freudiger machen die Zuhörer mit, wenn der Künstler mal mehr als nur Beifall verlangt: Schon beim dritten Lied singt das Publikum mit. Na gut, intensive Textkenntnisse setzt Bruckner nicht voraus. „Dadada“ reicht. Aber immerhin. Das Publikum singt, hat Spaß. Genug gesagt, genug Information. Muss nur noch schnell die Welt retten, 148.713 Mails checken. Und drauf hoffen, dass Bruckner das schafft, was er verdient: ganz viele Menschen mit seiner Musik zu erreichen.

Jakob Bruckner & Band


Dylan On the Rocks

Mit Respekt und Können dem Mythos begegnet

Dylan On The Rocks im Hilgerhof: Gänsehaut-Atmosphäre und überbordender Spaß mit der Musik des Altmeisters Dylan On The Rocks haben einen wesentlichen Vorteil dem Original gegenüber: Bob Dylan lässt sein Publikum meist spüren, ob er gerade Böcke auf ein Konzert hat. Wenn das nicht der Fall ist, dann radelt er sein Programm runter, Lied, Lied, Lied, vielleicht noch ein, zwei Zugaben, fertig. Ob Dylan überhaupt wahrnimmt, dass er auf einer Bühne vor löhnenden Zuschauern steht? Unerheblich. Ganz anders die Tributeband Dylan On The Rocks: Die haben richtig Spaß. Und sie lassen das Publikum, wie zuletzt im ausverkauften Hilgerhof, an ihrer Gaudi teilhaben. Doch es ist nicht alles nur Spaß. Da steckt enorme Arbeit dahinter. Dylan On The Rocks sind mit dem Rockprogramm im Hilgerhof. Dylan und Folk, Dylan und Protest, ja. Aber Dylan und Rock? Sicherlich! Nicht umsonst hat das Musikmagazin „Like A Rolling Stone“ zum einflussreichsten Rocksong aller Zeiten gewählt. Diese Facette des „Barden“ bringen Dylan On The Rocks fast drei Stunden lang auf die Bühne. Viel Arbeit? Ja. Die Band spielt nicht nur – in ihren Möglichkeiten – nach. Die Musiker haben sich stundenlang mit dem Originalmaterial beschäftigt, rausgehört, ob der Meister Achtel- oder Sechzehntelnoten gesetzt hat. Es geht um Nuancen. In mühevoller Kleinarbeit schafft sich die Band diese Nuancen drauf. Wenn Dylan bombastrockmäßig orchestral daherkommt, dann machen Dylan On The Rocks mit ihren sieben ausgezeichneten Musikern das auch. ist die Instrumentierung sparsamer – auch kein Problem. So originalgetreu wie nur irgend möglich bringt die Band die Lieder. Dabei ist – und auch das spricht für die unglaubliche Qualität der Musiker – nicht der Hauch einer Anstrengung zu spüren. Alles geht lockerst von den Händen, Saxofon-, Gitarren-, Bassparts.

Und Dylan On The Rocks haben ein weiteres Pfund, mit dem sie wuchern können: Mit Winn Dillon, besser bekannt als Winnie Klima, steht nicht nur ein dezidierter Dylan-Kenner als Frontmann auf der Bühne, der die Lebensstationen des Helden aus dem Effeff kennt. Mit seiner nasalen Stimme kommt er dem Original so nahe, wie die Band den Original-Begleitmusikern. Das Publikum erfährt die Eckdaten jedes Stücks. Wann wurde es komponiert, wann aufgeführt, wie ging‘s Dylan, als er es geschrieben hat? Die Zuschauer hören nicht nur die Klassiker, sie wissen, worum sich Musik und Text drehen. Kriselte es in Dylans Ehe gerade, hatte seien Frau grad den Stammhalter zur Welt gebracht, was machten Konzertveranstalter, um die Launen des Künstlers zu kanalisieren, hatte Dylan ein Tief, hatte er seine christliche Phase? Das alles weiß Klima und er lässt seine Zuhörer an diesem Wissen teilhaben. Es ist höchst spannend zu erfahren, wie der Meister drauf war, als er seine Lieder schrieb – und man hört diese Emotionen tatsächlich raus. Wer’s noch nicht gewusst haben sollte, wie wichtig Bob Dylan für die Pop- und Rockmusik war – nach dem Dylan-On-The-RocksKonzert weiß er es. „Mighty Qinn“, „All Along The Watchtower“, „Forever Young“, „Knocking On Heaven’s Door”, „Hurricane“, und die Liste ließe sich ewig fortsetzen. Alle Kracher spielen Dylan On The Rocks, und das Publikum ist zu Recht dankbar. Nicht nur den Dylanologen treibt’s die Tränen in die Augen, ein Gänsehaut-Schauer jagt im Hilgerhof den anderen. Wenn Bob Dylan auf seiner Never-Ending-Tour je keine Lust haben aufzutreten – soll ja vorkommen –, dann wär’s geschickt von ihm, Klima mit seiner Band Dylan On The Rocks ersatzweise auf die Bühne zu schicken. Die haben’s drauf, die reißen mit – und sie begegnen dem Mythos Dylan mit Respekt. Mehr kann sich eine Legende kaum wünschen.

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„Der Revisor“ lauft wie geschmiert

Junge Buehne begeistert mit Gogols Kritik am korrupten System – Stück so aktuell wie vor 178 Jahren „Ich kenne keinen Menschen, nicht einen Menschen ohne Dreck am Stecken. Es gibt keinen auf dieser Welt, der nicht irgendwelchen Dreck am Stecken hätte. Das hat unser lieber Gott nun mal so eingerichtet.“ Jeder schmiert und jeder wird geschmiert, damit das Zusammenleben wie geschmiert funktioniert. Jedenfalls in Nikolai Gogols Komödie, derer sich die Junge Buehne angenommen hat. Und auch das läuft wie geschmiert. Die Junge Buehne ist nicht einfach ein Provinztheaterensemble, die Junge Buehne hat Anspruch. Den Anspruch, große Werke der Theaterliteratur auf die Bühne zu bringen. Den Anspruch, Qualität abzuliefern. Gut, den Anspruch haben viele. Aber dem Ensemble gelingt es, dieses Qualitätsversprechen zu erfüllen. Dazu gehört auch, dass die Junge Buehne nicht Theater um des Theaters willen macht, sondern dem Publikum etwas geben zu wollen. Auch da bleibt’s nicht beim Wollen. Die Junge Buehne gibt. Woran liegt das? Zum einen natürlich an der Werkauswahl. Den Verantwortlichen gelingt es immer wieder, sich für das Machbare zu entscheiden und das dann optimal in Szene zu setzen. Da greift ein Rädchen ins andere – von der Regie über Bühnenbild, Maske und Technik bis hin zur schauspielerischen Leistung. Auf eine Schiene festlegen lässt sich die Junge Bühne dabei nicht, sie ist im komischen Fach genauso zu Hause wie im tragischen. Die immense Bandbreite beeindruckt. Die zweite wesentliche Komponente für die Überzeugungskraft der Jungen Buehne sind ihre Akteure. Dreh- und Angelpunkt ist Simon Mayer. Er ist Molières eingebildeter Kranker, Ulrich Bechers und Peter Preses‘ Bockerer, Felix Mitterers sturschädliger und querulierender Bauer. Der 59-Jährige könnte jedes Stück dominieren, den Mitspielern die Luft zum Atmen nehmen. Doch er macht das nicht. Auch als Bürgermeister Anton Antonowitsch Skowsnik mit all seinem Machtbewusstsein, seiner Bigotterie und seiner moralischen Verkommenheit nicht. Er nimmt seine Mitspieler mit, zieht sie hoch, treibt sie zu Höchstleistungen – und dennoch bleibt’s spielerisch. Es ist die Leichtigkeit, mit der die Junge Buehne zu punkten weiß. Dass einer der Schauspieler den Eindruck hinterlässt, er sei mit seiner Rolle überfordert – so etwas gibt’s nicht. Kommt nicht vor. Obwohl die alle einen kleinen Nebenjob haben, der mit Schauspielerei wenig zu tun hat. So sensibel die Junge Buehne bei der Werkauswahl ist, so sensibel werden die Rollen besetzt. Jeder spielt das, was er kann, so gut er kann. Und das ist besser, als es die allermeisten Ensembles dieser Größenordnung und finanziellen Ausstattung können. Trostberg kann stolz sein auf diese Truppe. Bis in die kleinste Nebenrolle ist „Der Revisor“ in der Inszenierung von Putzi Ober und Simon Mayer stimmig besetzt. Das gilt für die in ihrer Haupt- und Hosenrolle überaus präsente und über-

zeugende Bettina Stadelmann als vermeintlicher Revisor Iwan Alexandrowitsch Chlestakow genauso wie für Sebastian Hausner als verdruckster Polizist. Oder für Dany Wröbel als stotternder Postmeister. Für Putzi Ober als intrigante Krankenhauschefin. Für Sepp Karmann als Trinker und Schulinspektor, für Fritz Mayer als durch und durch korrupter Kreisrichter, für Kurt Wimmer als Diener Osip mit Bodenhaftung oder Wolfgang Seitz als tapsiger Gutsbesitzer. Alle haben sie besagten Dreck am Stecken, alle wollen sie als mehr scheinen, als sie sind, mehr haben, als ihnen zusteht. Das macht das 178 Jahre alte Stück so aktuell. Da wären wir wieder bei dem untrüglichen Gefühl, die „richtigen“ Stücke auszusuchen. Gogols „Revisor“ ist nicht einfach nur eine Verwechslungskomödie, sie ist ein heftiger Brocken Gesellschaftskritik, der es einem Missverständnis verdankt, nicht an der zaristischen Zensur zerschellt zu sein. Gesellschaftskritik, die heute nicht minder gültig ist als im Zarenreich. Gogol prangert ein durch und durch verkommenes System an, in dem sich jeder, der nur den Hauch der Gelegenheit dazu bekommt, bereichert. Ist das in der Gegenwart weniger ausgeprägt? Wohl kaum. Auf der Liste der schlimmsten Schattenfinanzzentren ist Deutschland auf Rang neun, knapp vor Bahrain und weit vor den Vereinigten Arabischen Emiraten und Korea. Bestechen, bestochen werden, verschleiern, täuschen, plagiieren. Darin sind wir ziemlich gut. Beispiele gefällig? Karl Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis, Dieter Jasper, Annette Schavan. Oder ganz aktuell Uli Hoeneß, der den Gratiswürstchen verteilenden guten Onkel gibt und gleichzeitig Millionen am Fiskus vorbeischleust. Oder die bonigeilen Banker, die noch kassieren, wenn ihre Banken schon an der Wand kleben. Skrupellos, verantwortungslos, aber Spaß dabei. Hauptsache, die Außenwirkung stimmt. Nichts anderes zeigt Gogol, und nichts anderes bringt die Junge Buehne auf die Bühne. Eigentlich müssten wir, die letzten Aufrechten, Grundehrlichen, Anständigen, die wir nur ab und zu bei der Steuererklärung ein bisschen schwindeln und nur ab und zu einen Handwerker ohne Rechnung bezahlen wollen, verzweifeln. Aber die Eleganz, die Leichtigkeit, der Spielwitz der Jungen Buehne macht den ernsten Stoff nicht nur erträglich, sie macht uns einen Spaß draus. Einen Spaß, der den Blick für den Ernst der Lage aber nicht verstellt. Der Zuschauer darf lachen, muss lachen. Es bleibt jedoch nicht beim puren Amüsement. Weil „Der Revisor“ nachwirkt, daheim, wenn in der „Tagesschau“ wieder über einen enttarnten Blender berichtet wird oder gerade mal noch nicht enttarnte Blender in den Talkshows ihre vermeintlich weiße Weste zur Schau stellen dürfen. „Der Revisor“ schärft den Blick, zutiefst moralisch und doch alles andere als moralinsauer. Das schafft die Inszenierung der Jungen Buehne.

Junge Buehne mit Dany Wröbel & Simon Mayer

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Ausstellung „Licht“ von Harald C. Lössl

Lössls Leuchten schaffen Ruheräume

Ausstellung in der Baumburger Galerie im Gutshof: Meditativer Kontrapunkt zum Alltagsgeschiebe Harald C. Lössl malt mit Glas, mit Stahl, mit Strom, mit Licht. Die Lampen des Lichtdesigners aus Obing sind nicht einfach nur Beleuchtungskörper, Lössl inszeniert sie und damit gleichzeitig den Raum, in dem sie stehen. Seine Objekte spenden Licht – und Atmosphäre. Obwohl die Baumburger Galerie im Gutshof mit ihren Säulen und ihrem Gewölbe atmosphärisch schon ordentlich in Vorleistung tritt: Die Objekte Lössls setzen noch einen drauf, verleihen dem Gemäuer einen einerseits modernen, andererseits beinah sakralen Charakter. Bei aller Erhabenheit zeugen die Arbeiten aber auch vom ausgeprägten Spieltrieb Lössls. Der Künstler setzt sich mit dem Kern der bildenden Kunst auseinander: mit dem Sehen. Zum einen durchbricht er die Sehgewohnheiten, die dem Zeitgeist unterworfen und von der überbordenden Bilderflut der omnipräsenten elektronischen Medien geprägt sind. Seine Leuchten schaffen Ruheräume, die sich bewusst gegen Reizüberflutung stellen. Das heißt nicht, dass Lössls Objekte mit Reizen sparen – sie setzen sie ganz akzentuiert und bewusst, das Licht drängt alles Überflüssige in den Schatten. Reduktion aufs Wesentliche, den Blick unaufdringlich lenken und leiten – das ist Lössls Prinzip sowohl in der Ursache, als auch in der Wirkung. Ursache: Das Design der Leuchten ist aufs Wesentliche

reduziert: Buntes Glas, Lochbleche, Drahtgeflechte, Stahl verleihen den Objekten eine so filigrane wie klare Formensprache. Wirkung: Die Lichtgemälde, die Lössl an die Wände wirft, bieten dem Betrachter eine eigenartige Reinheit und Stille, eine Gelegenheit, sich wohlzufühlen. Aus einem Raum wird ein Kunstraum, in dem es nur noch um die Wahrnehmung selbst geht. Lössl setzt meditative Kontrapunkte zum Alltagsgeschiebe. Dass die Lampen und ihr Schein meistens an Augen erinnern, ist ein so witziges wie konsequentes Detail des Konzeptes. Alles dreht sich um Optik, ums Sehen, um Licht und Schatten. Zwangsläufig sind Augenlicht und Lichtaugen die Mittel, das adäquat auszudrücken. Lössls Arbeit kann mit Leichtigkeit für sich alleine stehen, sie funktioniert aber auch im Kontext mit dem Werk eines Roy Lichtenstein. Der verwendete ein Metallmaschenraster, um die gepunkteten Grundflächen seiner auf Comicstrips aufbauenden Gemälde aufzutragen. Statt der Pigmente gießt Lössl Licht durch solche Maschenraster, erzielt aber einen ähnlichen Effekt. Besonders deutlich wird das bei einer Leuchte, mit der er ein Bild mit verschiedenen Siebdrucken durch ein Lochraster illuminiert und damit eine zweite Ebene im Bild erzielt. Diese ätherische Wirkung dokumentieren auch die Fotoarbeiten, die Lössl in der Galerie im Gutshof zeigt.

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Zeitgenössische Werke, harmonisch vereint

Kunstmeile Trostberg ’13 gibt umfassenden Überblick: Kunst ist Arbeit, Geschmackssache, Ästhetik, Gefühl & Kritik „Ist das Kunst?“ Ein Mann steht im Postsaal-Gewölbe vor Michael Fliegners „Borkenbild“. Der Mühldorfer stellt eine Collage mit gefärbten Rindenstücken aus. Das Bild posaunt seine Aussage nicht in die Welt hinaus, Fliegner ist kein Marktschreier der zeitgenössischen Kunst. Er erschafft eine kleine, trotz realer Zutaten abstrakte Welt. Der Künstler zwingt dem Betrachter weder auf, was er zu denken oder zu fühlen hat, noch was der Künstler beim schöpferischen Akt gefühlt oder gedacht hat. Er lässt Raum für Interpretationen. Kunst als Gelegenheit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Kunst schenkt Freiheit, ist Freiheit. Und drum die klare und eindeutige Antwort: Ja, das ist Kunst. Mehr als 200 Arbeiten präsentiert die Kunstmeile Trostberg ’13, zu besichtigen unter anderem im Postsaal und im Atrium am Stadtmuseum (täglich von 15 bis 18 Uhr; an den Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr). Selbstverständlich ist es legitim, sich bei jedem einzelnen Werk die Frage zu stellen: Ist das Kunst? Genauso selbstverständlich muss die Antwort lauten: Ja. Ob deshalb alles gefallen muss? Sicher nicht. Das verlangt keiner, keiner der Organisatoren und noch nicht mal die Künstler verlangen das. Was man aber einfordern muss: sich mit den Arbeiten auseinanderzusetzen. Drum sollte man schon ein wenig Zeit zur Kunstmeile mitbringen. Sie ist kein Videoclip, den man an sich vorbeirauschen lassen kann, um sich dann wieder mehr oder minder beeindruckt dem Tagesgeschäft zuzuwenden. Kunst fordert, ist Arbeit – für den Produzenten genauso wie für den Konsumenten. Jeder 66 beteiligten Kunstschaffenden hat seine eigene Definition von Ästhetik, Harmonie, Ausdruck. Jeder geht seinen eigenen Weg, pflegt sein künstlerisches Vokabular, auch seine Marotten. Das ist nicht nur legitim, das ist notwendig. In der Gesamtschau über die Kunstmeile ergibt sich so ein umfassendes Bild von zeitgenössischer Kunst – genau das, was die Organisatoren erreichen wollten. Sie hatten den Orchesterklang im Sinn, die Sinfonie aus Farben, Formen, Variationen. Im Orchester braucht‘s die Triangel genauso wie die Kesselpauke und die erste Geige. Welches Kunstwerk, wel-

Kunstmeile ‘13

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cher Künstler für welches Instrument steht, das muss und darf der Kunstmeilenbesucher selbst entscheiden, je nach Gusto. Kunst ist Geschmackssache. Ob man nun ein fröhlich-farbiges Acrylbild mit stilisierten Mohnblumen von Heidi Reil zu seiner persönlichen Triangel macht oder Renate Kohls „U-Weg“ – egal. Ob man Carsten Lewerentz‘ „Präludium und Fuge“ als Violine identifiziert oder Georg Mayerhansers „Evum“ – egal. Oder ob Dieter Krelles „Drache“ die Pauke darstellt oder Alto Hiens „Torso“ oder etwas völlig anderes – egal. Das bleibt dem Auge des Betrachters vorbehalten. Triangel qualifiziert nicht ab, Violine überhöht nicht, Pauke lärmt nicht. Das Zusammenspiel muss stimmen – und das stimmt bei der Kunstmeile. Das Bild wurde trefflich zusammengefügt, die Sinfonie klingt. Kunst ist Harmonie. Jeder der beteiligten Künstler darf sich auf die Fahne schreiben, dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet zu haben, die leisen genauso wie die lauten. Und die leisen Werke können gegen die lauten bestehen, so sensibel, wie sie nebeneinander platziert wurden. Kunst ist Gefühl. Selbstverständlich gibt’s auch bei der Kunstmeile ’13 Werke, die über ihre Ästhetik hinaus wirken, die sich in den Vordergrund spielen, die sich herausheben, die länger in Erinnerung bleiben werden. Herzstück im Postsaal ist die Großinstallation „Das Rennen“ aus Textil, Holz und Keramik von Leon Pollux. Zehn Paviane sitzen auf zehn Wägelchen und peitschen auf Bremsklötze ein. Pollux hat das Rattenrennen zum Affenrennen gemacht, ein Rennen nach Macht, Einfluss, Geld. Ein Affe prügelt los, und alle anderen prügeln hinterher. Kunst ist Gesellschaftskritik. Arbeit, Geschmackssache, Harmonie, Ästhetik, Emotion, Kritik – das alles ist Kunst und das alles findet seinen Niederschlag in der Kunstmeile. Sie ist tatsächlich Südbayerns größte Werkschau zeitgenössischer Kunst. Und dabei bezieht sich „groß“ beileibe nicht nur auf die physische Größe.


Sabine & Friends

Mit Heimatswing begeistert

Sabine & Friends beim Kulturbredl: Intelligente Musik mit hohem Spaßfaktor Ja ganz gfeid. Stubnmusi, wie man sie nicht kennt. Kein Landler, kein Zwiefacher. Nein, die Formation heißt ja auch nicht „D’Sabine und ihre Freind“, sondern Sabine & Friends. Die sind auch als Bavaria Blue bekannt, in der Besetzung Gitarre, Hackbrett, Harfe, Saxofon oder Querflöte und Gesang. Sie spielen Pop, Jazz, Latin und bisweilen Rock. Mit zumeist bairischen Texten, versteht sich. Damit haben Günter Ebel, Alexander Mangstl, Martin Remmelberger, Michael Ross, Sabine Döppel und Gastmusiker Richard Köll das Kulturbredl-Publikum hingerissen. Ganz gfeid. „Heimatswing aus dem Chiemgau“ nennen Bavaria Blue ihre Musik. Heimatswing. Mit Hackbrett und Harfe. Liest sich, als sei da eine Chimäre entstanden, ein Zwitterwesen, zusammengeschraubt aus zwei Stilrichtungen, die so recht nicht zueinander passen wollen. Ist aber nicht so. Im Gegenteil. Die Musik von Bavaria Blue beziehungsweise Sabine & Friends ist ungewöhnlich homogen und erstaunlich stimmig. Extrem feinfühlig kombinieren sie ihre Stubnmusi-Besetzung mit nichtalpiner Rhythmik. Sie haben viele eigene Stücke im Programm. Da fällt zuerst einmal auf, dass sich zu einer intelligenten Musik ansprechende Texte gesellen. Schon allein das ist ein Glücksfall. Mit „Dahoam“ haben sie dem Chiemgau ein musikalisches Denkmal gesetzt. Frisch, ohne aufgesetzte Heimattümelei beschreiben sie, wie das so ist, wenn man hier zu Hause ist: „Im Schlauchboot von Seebruck aus de Alz owetreib’n, im Biergarten in Truchtlaching bis spat hänga bleib’n, radln, wandern, schwimma – was d’wuist, des konnst doa. Und

spürn: da bin i dahoam. Dahoam im Chiemgau, des is mei Welt, wo i hob, wos i brauch und wo ma nix fehlt. Wo i d’Leut vasteh und bin ned alloa, wo i spür do bin i dahoam.“ Das bringt’s auf den Punkt, kurz und bündig. Wenn jemand mal nach einem offiziellen Chiemgau-Lied suchen sollte, einer Hymne – gefunden! Natürlich hat „Dahoam“ nichts Schwülstig-Hymnisches. Aber das Stück passt, wie die Krautinsel zum Chiemsee. Welche Facetten in der Formation stecken, wird richtig deutlich, wenn sie sich um Liedgut aus fremder Feder kümmert. Wenn sie ihre Versionen von Jobims „The Girl from Ipanema“ oder McHughs „On the Sunny Side of the Street“ zum Besten gibt. Ja, wirklich, zum Besten. Das sind Stücke, die sich tausendfach in die Gehörgänge geschraubt haben, kann keiner mehr hören, Fahrstuhlmusik. Bestenfalls. Aber Sabine und ihre Freunde spielen’s eben nicht so, wie man’s kennt. Das ist natürlich schon mal der Instrumentierung geschuldet. Aber was sie draus machen, ist eben nicht nur ein Nachbeten von Tradiertem, das wird zu etwas Neuem, Eigenen. Und die Übersetzung ins Bairische ist auch noch geglückt: „Pfeif auf d’ Sorgen, scheiß aufs Geld und lass endlich moi de Sau raus. Weil wos kannt‘s den scheeners gem ois de Sunnaseitn vom Leb‘n.“ Das spiegelt exakt den Geist des Originals wider – und den Respekt der Musiker vor dem Lied. Genau das ist es: Respekt, Feingefühl, Können und Spaß machen die Musik von Sabine & Friends aus. Das schwingt immer mit und steckt an, zumindest was den Spaß betrifft. Hörenswert ist noch untertrieben. Richtig gfeid.

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Mit beinah kindlicher Freude gejazzt

Wolfgang Lackerschmid Connection im k1-Studio: Musik der Extraklasse – Virtuos, ausgefeilt, ungekünstelt „Papa, wenn ich erwachsen bin, werde ich auch Jazzmusiker!“ – „Da wirst du dich entscheiden müssen – beides gleichzeitig geht nicht.“ So ist das also. Jazzer werden nicht erwachsen. Zumindest hat das Wolfgang Lackerschmid seinem Sohn Silvan so erklärt. Und wer sollte es besser wissen als Lackerschmid? Er gehört zur Liga der außergewöhnlichen deutschen Jazzmusiker, die international Aufmerksamkeit erregen – mit Klaus Doldinger, Barbara Dennerlein, Cornelius Claudius Kreusch und Till Brönner. Ein echtes Jazz-Schwergewicht, das da im k1-Studio aufgeschlagen ist. Umso erschreckender eigentlich, wie spärlich das Studiotheater besetzt war. Einen, der die Legende Chet Baker zum Strahlen gebracht hat, muss man doch live sehen. Wer die Scheibe „Ballads For Two“ kennt und hört, wie Lackerschmid am Vibrafon die Basis dafür legt, dass Baker in einer selten gehörten Intensität wirken darf, der weiß: Das ist ein ganz Großer. Ein unfassbar Großer. Einer für die großen Jazzbühnen, einer für Montreux, für Montreal. Und doch spielt er vor nicht mal 30 Zuhörern in Traunreut – und hat offenkundig unbändigen Spaß dabei. Eine beinah kindliche Freude, unbeschwert, ganz an seine Herzensangelegenheit gebunden, an die Musik. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr keinen echten Spaß an der Musik empfinden. Dieser Gefahr setzt sich Lackerschmid nicht aus – und damit hat er wohl Recht mit seinem Ausspruch „Erwachsen oder Jazzmusiker – beides gleichzeitig geht nicht“. Wie ein Fohlen springt er hinter seinem Instrument rum. Wobei der Zuschauer dankbar sein kann für diese Bewegungen. Denen kann das Auge wenigstens folgen. Was die Hände mit den vier Schlägeln vollführen, ist für das menschliche Auge bisweilen nicht mehr nachvollziehbar. Fürs Ohr umso mehr. Aber es ist ja nicht Lackerschmid allein, der die Zuhörer in den Bann zieht. Er hat Kollegen mitgebracht, die ihm perfekt zuarbeiten und denen er perfekt zuarbeitet. Ständig tauschen sie Blicke aus, sie interagieren, feuern einander an, treiben einander zu Höchstleistungen. Nicht um der Höchstleistung willen, sondern weil sie Freude dran haben, das rauszukitzeln, was Musik jenseits des Üblichen ausmacht. Sie wollen das Außergewöhnliche und sie schaffen das Außergewöhnliche – Paulo Morello an seiner Gibson genauso wie Johannes Ochsenbauer am Bass. Wobei der den schwierigeren

Stand hat. Eigentlich ist Sven Faller der standardmäßige Bassist der Wolfgang Lackerschmid Connection. Weil Faller verhindert war, sprang Ochsenbauer ein. Beide sind hervorragende Bassisten, aber eingespielt scheint vor allem Morello auf Faller. Wo Lackerschmid Ochsenbauer beim Improvisieren an der langen Leine laufen lässt, versucht ihn Morello bisweilen einzufangen und in sein Fahrwasser zu drängen. Dann arbeiten sie für einige Takte gegen- statt miteinander. Aber beide haben die Klasse, diese Dissonanz schnell abzubauen. Auch Morello hat eine beeindruckende Vita: Mit Philip Catherine saß er bei der Burghauser Jazzwoche auf der Bühne, von Attila Zoller, Karl Ratzer, Mike Stern und John Scofield bekam er Gitarrenunterricht. Morello swingt. Und wie. Da schimmern Bucky und John Pizzarelli genauso durch wie Django Reinhardt. Im Verbund mit Lackerschmid und Ochsenbauer schwebt er zwischen sauberst ausgespielten Arrangements und luftig freien Improvisationen. Vom Feinsten. Seit mehr als vier Jahrzehnten steht Lackerschmid mit seinen knapp 57 Jahren auf der Bühne. Da kann er einiges erzählen. Und so spickt er die Pausen mit Anekdoten aus seinem Musikerleben. Er erzählt von seiner Arbeit als Filmkomponist. Als ihn ein Produktionsassistent anruft und sagt „Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie: Ihr Etat wurde auf ein Drittel gekürzt“, reagiert Lackerschmid gelassen: „Kein Problem, ich hab zwölf Noten zur Verfügung – dann nutze ich halt auch nur vier.“ Im Pop sei das gang und gäbe, im Jazz ungleich schwieriger. Und trotzdem hat er’s geschafft: „Four Notes“ heißt das Stück konsequenterweise. Langweilig? Mitnichten! Oder er spielt ein Stück, das belegt, wie wichtig es für einen Musiker ist, sich vor einem Auftritt die Homepage des Veranstalters anzuschauen: „Vor unserem Auftritt spielte ein Orchester Bachs ,Brandenburgische Konzerte‘. Auf der Homepage hieß es, wir würden Motive daraus aufgreifen und frei darüber improvisieren. Nur wussten wir davon nichts.“ Also kramte Lackerschmid in seinem Gedächtnis alles an Brandenburgischen Fragmenten zusammen und notierte das für seine Mitmusiker. Das Ergebnis? Ein höchst erfreuliches, nämlich „Neubrandenburg“. Das zeichnet ihn und seine Begleiter aus: Sie spielen mit Musik. Das hat nichts AkademischGezwungenes. Ausgefeilt ja, intensiv, virtuos, ungekünstelt, ehrlich. Aber keinesfalls erwachsen. So ein Spaß.

Wolfgang Lackerschmid Connection

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Quadro NUEVO

Musik vom Ende des Regenbogens

Quadro Nuevo beim Musiksommer-Konzert im Postsaal: Elegant, melancholisch, ausgelassen Was ist bizarr? Wenn ein einseitig beschuhter Musiker auf der Postsaalbühne steht, mit einem Geigenbogen zwischen den nackten Zehen den Psalter schlägt und gleichzeitig sein Sopransaxofon bläst. Oder wenn er auf der Bassklarinette Didgeridoo spielt – und das Ganze bei einem Konzert aus der Reihe „Musiksommer zwischen Inn und Salzach“. Bizarr. Sommer. Derzeit nur schwer vorstellbar. Und das in der Seenlandschaft zwischen Inn und Salzach, quasi auf der Postsaalinsel … Eine Insel der Glückseligen sozusagen. Das waren die Postsaalbesucher – selig. Weil Quadro Nuevo mit ihrer Musik ein Paralleluniversum erschaffen, in dem außer Ästhetik, Genuss und vollendeter Klang nichts mehr zählt. Die Tour heißt wie die aktuelle CD: „End of the Rainbow“. Auch das passt wie die Faust aufs Auge. Wenn das Ende des Regenbogens auch das Ende des Regens darstellt, dann sind Quadro Nuevo die idealen Musiksommer-Botschafter. Den Goldtopf am Regenbogenende haben sie ja sowieso immer dabei. Akustisch. Ach was, Gold. Platin! Mit dem ersten Akkord, dem ersten Takt von „Que reste-t-il de nos amours“ ziehen Mulo Francel, D.D. Lowka, Andreas Hinterseher und Evelyn Huber die Zuhörer hinein in ihre Welt, mit all der Melancholie und Eleganz, die der Komponist Charles Trenet 1942 in sein Stück gelegt hat, fesseln sie das Publikum, sie erzeugen eine Grundstimmung, die das klare Signal gibt: Ab jetzt gibt’s keinen Alltag mehr, kommt mit uns auf eine Reise durch Raum und Zeit. Frankreich, Argentinien, Italien, Litauen, Türkei, Uruguay, Rosenheim, Tango, Walzer, Klezmer, 1916, 40er, 70er Jahre, gestern, heute, morgen. Dabei spielen die Vier nicht nur auf ihren Saiten, Tasten, Klappen, Zupfzungen, Fellen, sie spielen auf der ganz großen Klaviatur der Emotionen: ausgelassen, traurig, überschäumend, ernst, unbekümmert, tief, ergreifend, jauchzend, zart, leidenschaftlich. Sie führen ihre Zuhörer ins Jammertal der verlorenen Liebe und reißen sie mit auf die Höhen kindlicher Freude. Eins kennen Quadro Nuevo nicht: Stillstand. Weiter, immer weiter geht’s, mal getragen und langsam, dann wieder rasend schnell. Aber immer auf dem Punkt. „End of the Rainbow“ haben Quadro Nuevo mit dem NDR Pops Orchestra unter der Leitung des baskischen Dirigenten und Akkordeonisten Enrique Ugarte aufgenommen. Auch wenn sie die 70, 80 Kollegen nicht in den Postsaal mitgebracht haben – der Freiraum auf der Bühne ist relativ übersichtlich: Hinterseher hat Akkordeon, Vibrandoneon und Bandoneon um sich herum drapiert, Francel hat ein Daumenklavier – die Sansula –, einen Psalter, eine Mandoline,

eine Klarinette, eine Bassklarinette, ein Tenor- und ein Sopransaxofon dabei. Hubers Instrumentarium ist mit einer Konzertharfe und einem Salterio zwar zahlenmäßig übersichtlich, aber kaum weniger platzraubend. Lowka hätte eigentlich den Vorteil, dass er seinen sechssaitigen Kontrabass als vollwertiges Percussioninstrument nutzen kann. Trotzdem braucht er noch eine Darbuka, eine Rahmentrommel und ein Udu. Wobei es für den Udu besser gewesen wäre, er wäre zu Hause geblieben. Es stimmt schon, Percussion hat etwas mit Schlagen zu tun. Aber mit der Rahmentrommel den irdenen Udu zu schrotten, das steht normalerweise nicht im Ablaufplan. Doch Quadro Nuevo sind Meister der Improvisation. Müssen sie sein. Ihre sommerlichen Konzerte auf Stadtplätzen in der italienischen Provinz, irgendwo, wo es sie grad mal wieder hinverschlägt, wären sonst kaum möglich. Man stelle sich nur das Beladen des Tourbusses vor, der vier Musiker und ihr Instrumentarium fassen soll. Also wird improvisiert: In der Pause flickt Lowka seinen Tonkrug mit Panzertape zusammen – und schon klingt er wieder, der Udu. Auf ihren Reisen verfolgen sie eine Mission: Sie müssen Melodien retten, bevor sie vergessen werden. Bezaubernde Melodien, vor 100, vor 50 Jahren gern gehört, aber inzwischen im Dämmerschlaf. Sie finden immer welche. Doch weil ihnen das nicht reicht, komponieren sie auch noch – und treffen dabei den richtigen Ton. Wenn vier Ausnahmemusiker, vier Virtuosen ihre Stücke selber schreiben, könnte man befürchten, dass sie sie überfrachten, weil sie ihr unfassbares Können, all ihre Spielfreude reinpacken. Machen sie nicht. Doch, machen sie schon, aber dezent, fein austariert, mit unendlichem Fingerspitzengefühl. Das Repertoire schöner Melodien wächst und wächst. So wie das Instrumentarium. Zum einen erweitern Quadro Nuevo die Palette der Percussioninstrumente – sie schlagen rhythmisch auf alles, was sie grad in Händen halten. Akkordeon, Bass, Harfe. Sogar das Klappern der Klappen des Saxofons wird perkussiv genutzt. Dass Hinterseher jetzt auch noch Bandoneon spielt, hat einen Grund: Seit 17 Jahren spielen Quadro Nuevo Tango. Für NichtArgentinier ausreichenden Tango, mit Saxofon, Harfe, Bass – und Akkordeon. Doch das war resoluten Argentinierinnen nicht original genug. Sie beschimpften Hinterseher für seinen InstrumentalFehlgriff übelst. Zumindest wenn man Francels launiger Conference glauben darf. Jedenfalls lernte der Akkordeonist Bandoneon und hat jetzt die Lizenz zum Tango – und mit ihm die Band. Autorisierte Tangospieler, endlich. Was mussten wir uns da nur 17 Jahre lang anhören? Bizarr. Eigenartig. „C’est étrange“ würde der Franzose sagen. Das sind auch die ersten Worte der letzten Quadro-Nuevo-Zugabe „Paroles paroles“. Kreis geschlossen.

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Ein Händchen für Melodien

LischKapelle beim Kulturbredl: Die Unbekümmertheit der Sonnenschein-Msuikanten Nein, so was von unprofessionell. Nach dem Kulturbredl-Konzert bedankt sich Andreas Torwesten artig beim Veranstalter, beim Hilgerhof-Team und beim „super Publikum“. „Ihr seid aber auch super!“, ruft eine Zuschauerin quer durch den Raum. Und da passiert’s: Torwesten schaut irritiert ob der spontanen Beifallsäußerung, wird rot. Ein bisschen Lob und schon errötet der. Einem Profi wär das nicht passiert. Zumindest hätte der gedacht, wenn nicht gar gesagt: „Da habt ihr Recht. Was bin ich super.“ Im Ernst: Die Zuhörerin hat’s auf den Punkt gebracht. Angedeutet hat sich das eigentlich von Anfang an. Damals, als Torwesten noch mit Karin und Susi Lischka und Matthias Pürner im Quartett auftrat. Gitarre, mehrstimmiger Gesang, Cajón, Akkordeon und Keyboard. Da spürte man schon: Die haben Spaß, und die können was. Einen Quantensprung bewirkte die Begegnung mit dem Tubisten Gurdan Thomas. Seine Basslinien gaben dem musikalischen Konstrukt, dem noch ein bisschen der Geruch einer überaus ambitionierten Hausmusik anhaftete, Halt. Der Sound der LischKapelle wurde gebundener, griffiger. Wobei die Erweiterung den eigentlichen Charakter der LischKapellenmusik nicht wesentlich veränderte – ausgefeilte Melodien, stimmige Harmonien, Freude am Musizieren, das alles war weiter hör- und spürbar. Und jetzt? Jetzt hat die LischKapelle den nächsten Schritt getan: Der Posaunist Markus Urbauer ist der sechste im Bunde. Und wieder haben die Musiker es geschafft, ihr Spektrum zu erweitern. Das Kollektiv funktioniert – und wie. Gitarre, Gesang und Ziach tragen immer noch die Melodien, zusammengehalten wird das Ganze vom Tubisten, und der Posaunist setzt strahlende Glanzpunkte. Oder

LischKapelle

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dreckige, wenn er sein Instrument spielt, wie Louis Armstrong gesungen hat. Herzstück ist natürlich nach wie vor der Gesang der Namensgeberinnen. Die changieren traumwandlerisch sicher gemeinsam mit Torwesten zwischen erster und zweiter Stimme und entlocken ihren Liedern dadurch auch immer wieder neue Stimmungen und Facetten. Das macht Musikern und Publikum offensichtlich gleichermaßen Spaß. Die haben aber auch ein Händchen für Melodien, die sich ins Ohr und Lächeln in Gesichter schrauben. Das geht mit einer Leichtigkeit über die Bühne, mit einer Unbekümmertheit, die für dieses Niveau zumindest ungewöhnlich ist. Wahre SonnenscheinMusikanten. Zumal der Gesang der Lischka-Schwestern auch noch das Beste aus Björk, Rainbirds und Edie Brickell vereint. Diese Unbekümmertheit zeigt die LischKapelle nicht nur in ihren eigenen Stücken, sondern auch beim Covern. Sie nehmen die Lieder und spielen damit. Dabei ist’s ihnen völlig wurscht, ob’s ein amtlich korrektes Lied ist von den Herren der Hymnen, Coldplay, oder profanes Zeugs von Chart-Popperin Aura Dione. Die machen sich das Dingens zu eigen, mit Ziach, Tuba und Posaune. Nicht respektlos, da wird nicht’s veräppelt, auch wenn’s das „Geronimo“-Gestotter in seiner Originalfassung durchaus verdient hätt. Nein, die LischKapelle zeigt, dass man auch Seichtem Tiefe geben kann. Pürner liebäugelt übrigens schon mit dem nächsten Schritt: „Mit einer Trompete hätten wir einen kompletten Bläsersatz. Das wär schon cool.“ Mal schauen, was sich tut. Vielleicht ist die LischKapelle bei ihrem Konzert beim Baumburger Kultursommer 2014 dann ein Septett.


Valerie McCleary & Pipeline

Kerrygold-Werbung ohne Butter

Pipeline und Valerie McCleary beschließen den Baumburger Kultursommer 2013: Beeindruckende irische Nacht Irische Musik? Das ist doch „Whiskey in the Jar“, „Seven Drunken Nights“. Irgendwas mit Saufen und Grölen. So ist das mit den Klischees. Sie stimmen schon auch. Manchmal. Aber nicht nur. Irische Musik ist auch ganz anders. Sie erzählt, Geschichten aus Zeiten der Entbehrungen und Hungersnöte, Geschichten vom Auswandern und vom Daheimbleiben, von Liebesfreud und Liebesleid, mal traditionell, mal frisch. Irische Musik kann spannend sein. Zumindest wenn Pipeline und Valerie McCleary auf der Bühne stehen. Kultursommer-Organisator Muk Heigl hatte die Eingebung, Dermot Hyde und Tom Hake gemeinsam mit der nordirischen Sängerin auftreten zu lassen. Eine ausgezeichnete Idee, zumal jeder der Beteiligten für sich genommen schon mit seiner Musikalität beeindruckt. Pipeline und McCleary scheinen auf Anhieb den Draht zueinander gefunden zu haben. Sensibel gehen sie aufeinander ein. Hyde und Hake allein: Das klingt bisweilen, als sängen Simon und Garfunkel irische Weisen. Das Pipeline-Instrumentarium ist dagegen deutlich größer: Sie begleiten sich mit Irischer Harfe, Gitarre, Bouzouki, Irischem Dudelsack und Flöten, irische Klangfarben durch und durch. Der Zuhörer kann gar nicht anders, als beim Zuhören an Klippen in rauer See, endlose Wiesen, grasende Schafe und Kühe, prasselnden Regen zu denken. Wenn Pipeline musizieren, dann läuft im Kopfkino Kerrygold-Werbung. Nur ohne Butter. McCleary ergänzt das ohnehin starke Duo nicht nur, sie bereichert es. Die Wahlmünchnerin ist im Januar 66 geworden, ihre Stimme klingt aber so frisch, so kräftig und so verletzlich, als sei die Sängerin im Höchstfall Anfang, Mitte 30. So ein Dudelsack klingt für sich genommen ja doch eher plump und derbe, aber wenn McCleary

dazu singt, dann ist das, als ob die beiden miteinander flirten würden. McCleary ist mit Pipeline ganz in der Heimat angekommen. Das hört sich richtig an, das muss so sein. Als Hyde, Hake und McCleary dann „She Moved through the Fair“ anstimmen, gibt’s kein Entrinnen mehr. Das ist der größte Moment des an großen Momenten nicht armen letzten Konzerts des Baumburger Kultursommers 2013: Die Simple Minds haben dieses Volkslied 1989 für ihren Hit „Belfast Child“ adaptiert. Jeder hat das im Ohr. Dem Trio gelingt es, mit dem Schritt zurück zur ursprünglichen Version vor Augen und Ohren zu führen, wie sehr die Musik von den Simple Minds, U2, Them, Corrs und Cranberries von überlieferten Klängen gespeist wird. Pipeline spannen den Bogen vom Volkslied zu Pop und Rock, sie schließen dem Zuhörer jüngere irische Musik auf, ohne den festen Boden des Folk auch nur im Ansatz zu verlassen. Generationenübergreifendes Verstehen und Verständnis erzeugen sie, und das mit einer schier unerhörten Leichtigkeit. Wer die drei Musiker miteinander erlebt hat, dem fällt es in Zukunft schwer, Irish Folk ausschließlich auf Whiskey und Bier, auf Saufen und Grölen, auf Pogues und Dubliners zu reduzieren. Es ist nicht wirklich überraschend, dass irische Musik aus Emotionen, Erfahrungen, Erleben schöpft, die weit über jedes Klischee hinausgehen. Bairische Volksmusik hat ja auch nichts mit dem zu tun, was die Leute in den Wiesn-Bierhallen auf die Bänke und Tische treibt. Wir wissen das – doch die außerbayrische Wahrnehmung ist davon zu Unrecht geprägt. Den Irien geht’s da nicht anders. Aber Hyde, Hake und McCleary haben mit ihrem intimen, innigen und durchaus humorigen Gastspiel in Baumburg gezeigt, dass solche Konzerte mehr sind als nur musikalische Bespaßung: ein Plädoyer für Toleranz.

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Monochrom, aber nicht monoton

Ausstellung „Grün“ von Andreas Pytlik in der Baumburger Galerie: Das Gegenteil von Harmonie Grün ist doch eine nette Farbe. So beruhigend. Farbe der Hoffnung und der Zufriedenheit. Farbe des Lebens, der Natur, des Frühling, der Frische, der Jugend. In der christlichen Ikonografie die Farbe der Auferstehung. Alles so positiv. Nett. Was ist von einer Ausstellung zu erwarten, deren Titel „Grün“ lautet? Lieblich schöngefärbte Landschaften, über die sich grüner Harmoniekleister legt, der jedes missliebige Unkraut im Keim erstickt? Nicht, wenn’s nach Andreas Pytlik geht, der noch bis Sonntag, 22. September, Bilder, Skulpturen und Installationen in der Galerie im Gutshof zu Baumburg zeigt. Betritt man die Galerie, dominiert zunächst tatsächlich ein Gefühl der Ruhe und Harmonie: grauer Estrich, weiße Wände, daran grüne Bilder, alles klar strukturiert, aufgeräumt, ordentlich. Dazwischen hat Pytlik systematisch seine Installationen im Hauptraum der Galerie angeordnet. Gefällig wirkt das. „Die menschliche Natur liebt nicht Widersprüche, sondern Symmetrie“, wie Ralph Waldo Emerson beobachtete. Aber weil Symmetrie die Kunst der Einfaltspinsel ist, sollte sich der Betrachter nicht in Sicherheit wiegen. Einfaltspinselei erwartet ihn keineswegs. Auch wenn gerade die Arbeiten aus Pytliks „Forestal“-Zyklus immer wieder dasselbe Motiv aufnehmen – grün-schwarze Stämme auf grünem Boden unter Blätterdach vor strahlendem, glühendem Horizont: quasi dasselbe in Grün –, so hat doch jedes der Bilder seine eigene Atmosphäre. Eine künstliche Atmosphäre. Denn obwohl Pytlik seine Motive aus der Natur nimmt, malt er nur bedingt gegenständlich. Das Blätterdach ist konturlos abstrahiert, eine homogene, monochrome Blättermasse, es kommt auf keinen grünen Zweig. Das ist kein Abbild der Natur, das ist ein Abbild von Pytliks eigener Welt. Grün ist sein Kosmos. Grün ist alles. Jedenfalls mehr, als man der Farbe landläufig zugesteht. Grün ist nicht gleich Grün und schon gar nicht monoton. Den Waldboden strukturiert Pytlik durch zahllose Schattierungen von Grün, klar voneinander abgegrenzt. Dadurch bekommen die Bilder Tiefe. Gleichzeitig verzichtet der

Ausstellung „Grün“ von Andreas Pytlik

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Künstler auf einen Fluchtpunkt, wodurch der Betrachter langsam ins Bild hineingezogen, Teil davon wird. Der Bildgegenstand – zweitrangig, Pytliks Welt umschließt den Betrachter, nimmt ihn aus der Zeit: Er sieht den Baum vor lauter Wald nicht mehr. Vor allem wegen des durchstrahlenden Horizonts, der das Gefühl vermittelt, man behielte zumindest den Durchblick. Und doch ist es nur der Durchblick, den der gebürtige Münchner, der in Hochschatzen bei Schnaitsee lebt, dem Beschauer gewährt, eine Sichtweise, die der Künstler ihm unterschiebt. Unaufdringlich, aber doch. Auf seinen Horizont braucht sich der ins Bild Hineingezogene nichts einzubilden – da ist nichts dahinter. Als sei die Erde eine Scheibe: Am Ende fällt man runter. Wer von seinen positiven Grün-Assoziationen eingelullt grenzenlose Harmonie in den Arbeiten vermutete, sieht sich letztlich auf sich selbst zurückgeworfen. Das Gegenteil von Harmonie. Diesen Effekt verstärkt Pytlik, indem er darauf verzichtet, Statisten in seine Bilder aufzunehmen. Der Betrachter ist allein, vom Bild isoliert, gezwungen, sich mit Pytliks Welt und vor allem mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Bilder sind Allegorien für Schein und Sein in allen Facetten. Grün steht ikonografisch nicht umsonst auch für Heimtücke, Gift, Neid, Krankheit und Tod. Mit all diesen Spannungsfeldern spielt Pytlik, oft ernsthaft, wenn möglich ironisch, immer philosophisch. Mit seiner „Grünen Lunge“, eine knallgrün eingefärbte Filzrolle, zitiert er Beuys, ohne ihn zu kopieren. Beuys hatte Filz zum Symbol für Leben stilisiert – Pytlik packt die Farbe des Lebens oben drauf. Beuys zum Quadrat. Grün als Farbe des Verwesens – gibt’s auch: Fragten die Sex Pistols vor 35 Jahren noch „Who killed Bambi?“, steckt Pytlik den selbstverständlich grün bemalten Schädel eines kleinen Rehbocks auf einen Pflock und schreibt lapidar drunter: „Bambi ist tot.“ Die Jagdtrophäe mit einem durch und durch positiv konnotierten Namen zu verknüpfen, das ist nachgerade heimtückisch. Nur noch das Resultat zählt. Wer’s war? Egal. Das ist Punk.


Hammerling

Musik, die den Alltag aufbohrt

Grandios Weltumspannendes vom Duo Hammerling und vom Dichter Paulmichl Ja, was ist denn das? Alphorn, Kuhglocken, Maultrommel – wenn das Instrumentarium auf der Bühne die Erwartung weckt, man bekäme jetzt gleich alpenländische Klänge zu hören, dann kann man die getrost gleich wieder einsalzen. Wenn’s im Konzert von Hammerling im k1-Studio tatsächlich um Heimat gehen sollte, dann fassen die Musiker Erwin Rehling und Fritz Moßhammer den Heimatbegriff sehr, sehr weit. Nein, in die Irre führen Hammerling niemanden. Die anderen Instrumente, die sie auffahren, haben mit Alpinmusik wenig zu tun: Schlagzeug, Steinspiel, Marimba, Flügelhorn und Fujara zeigen schon eher, wo’s langgeht. Ein weltmusikalisches Instrumentarium also. Weltmusik. Machen Rehling und Moßhammer Weltmusik? Wenn man darunter diese ethnisch-esoterisch verschwurbelte Chimäre aus Bach trifft afrikanische Rhythmen, aus Mozart trifft kubanische Musik, diese verklassikpopte Folklore versteht, dann gewiss nicht. Wenn Hammerling Weltmusik machen, dann – aus ihrer Welt. Diese Hammerling-Welt ist bunt, hat zahllose Klangfarben. Volksmusik, mongolischer Obertongesang, Jazzelemente, Tango, Walzer, Polka, Afrika, Balkan, Südamerika. Spielt alles rein. Dennoch ergibt das keinen Mischmasch aus kaum vereinbaren Stilen. So wie es den ersten Jazzern gelungen ist, verschiedene Einflüsse und Stile zu verschmelzen, so schaffen das Hammerling mit ihrer Musik. Weltjazzmusik. Ein solches Etikett brauchen die beiden gar nicht. Schubladen sind für Theoretiker. Rehling und Moßhammer sind Praktiker, und was für welche. Gut, man sollte erwarten dürfen, dass derjenige, der sich auf eine Bühne stellt, sein Instrument beherrscht. Hammerlings Könner- oder Meisterschaft muss also nicht überraschen. Aber wie sie die Instrumente spielen! Im Sinne der Erfinder mag das nicht sein – doch im Sinne der Zuhörer. Moßhammer treibt das Maultrommel-Prinzip auf die Spitze: Wenn schon alle auf dem Ding erzeugbaren Obertöne auf dem Grundton basieren, dann kann man sich auch gleich auf diesen Grundton einschwingen und die Maultrommel als Rhythmusinstrument nutzen. Wobei am eigentlichen Rhythmusinstrument, am Schlagzeug, Kollege Rehling sitzt. Der allerdings schert sich wenig um die dem Schlagwerk zugeschriebenen Aufgaben: Er ist erst mal solistisch unterwegs, experimentiert mit den Klängen der Felle und Becken. Aus den Sounds

wird langsam ein Muster, aus Maultrommel-Rhythmus gegen Schlagzeug-Rhythmus wird eine Einheit verschachtelt, geschichtet, verwoben. Die Maultrommel gibt dem Ganzen etwas MantrischMystisches. Das verstärkt Moßhammer noch, indem er simultan an der Maultrommel vorbeisingt. Der Zuhörer erlebt gespannt bis zur Atemlosigkeit mit, wie sich die Musik entwickelt. Berieseln lassen gibt’s nicht, die oben auf der Bühne erarbeiten das Stück, die unten arbeiten beim Hören mit. Und wenn sich der Zuhörer dann in den archaischen Klang, ins Hammerling-Mantra hineingefühlt hat – legt Moßhammer die Maultrommel weg, schnappt sich das Alphorn und bläst darauf ein Jazzposaunensolo, das sich gewaschen hat. Aber vom Allerfeinsten. Kaum glaubt man zu verstehen, wie Hammerling ticken, machen die beiden etwas völlig anderes. Nur der Langeweile keinen Schwung lassen. Ja, Rehling und Moßhammer arbeiten, sie halten fast permanent Blickkontakt, gehen in den allerkleinsten Nuancen aufeinander ein, spielen sich die Bälle traumwandlerisch sicher zu. Hoch konzentriert und hellwach, die Antennen permanent auf Empfang gestellt, gehen sie zu Werke. Das ist Arbeit, aber Plackerei ist’s offenbar keine. Weil’s trotz aller Komplexität geradlinig und echt bleibt. Außerdem haben die beiden Spaß auf der Bühne. Spricht nicht für Plackerei. Der Spaß überträgt sich unmittelbar aufs Publikum. Zwischen den Stücken liest Rehling Gedichte des Südtiroler Autors und Malers Georg Paulmichl. Der ist als geistig behindert abgestempelt. „Ich bin nicht behindert, ich kann lesen“, sagt Paulmichl. Und er kann schreiben. Seine Gedichte setzen sich aus geistreichen Aphorismen zusammen, er verknüpft Assoziation mit Assoziation. Seine Zeilen sind so überraschend wie klar und direkt. Und oft gipfeln Gedichte in knochentrockenen Pointen. Keine Witze, keine Brüller, nichts, worüber man sich lustig macht, meist entlarvend. Paulmichls Gedichte und Hammerlings Musik haben viel gemein: beide sind eindeutig strukturiert, klar, verwoben, selbstreflexiv, komplex, stimmig in ihrer Welt. Der Autor nimmt Begrifflichkeiten, hört in sie hinein, zerklaubt Wörter, lädt ihren Sinn mit abweichenden Bedeutungen ihrer Wortbestandteile auf, erfindet Begriffe, überrascht. Nicht viel anders machen es Rehling und Moßhammer: Auch sie zerlegen, analysieren, gehen den Klängen auf den Grund und bauen neu auf. Hammerling und Paulmichl – das passt zusammen. Alle drei Künstler arbeiten beständig daran, den Horizont zu erweitern, den Alltag aufzubohren. Grandios weltumspannend.

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Der Weg ist eigentlich nicht das Ziel

Logistik ist, wenn man weiß, wo die Fracht verloren geht: LischKapelle feiert CD-Release ohne CDs Na, wenigstens nennen sie‘s nicht Philosophie. Wo doch jeder Achterbahnschwungscheibenhersteller heute so etwas hat. Eine Firmenphilosophie. Oder die Fußballnationalmannschaft, die hat eine Spielphilosophie. Philosophie heißt „Liebe zur Weisheit“ und beschäftigt sich damit, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten. Wie die Philosophen Platon, Kant, Heidegger. Und natürlich Podolski und der Schiffsschaukelbremsbelagsproduzent. Nein, die „Logistic Group“ hat keine Philosophie, aber ein Leitbild. Was für ein Glück für die Kunden. Was das mit der LischKapelle zu tun hat? Gemach, gemach, kommt schon. Die LischKapelle hat eine spannende Zeit hinter sich. Bandwettbewerb gewonnen, professionelles Coaching, Arbeit im Aufnahmestudio. Nebenbei studieren fünf Bandmitglieder, eines treibt seine Profimusikerkarriere voran. Jedenfalls haben sich die LischKapellmeister trotz betreuten Musizierens nicht verbiegen lassen, haben ihren Sound gepflegt, verfeinert und auf eine CD gepackt. Fertig. Der erste Lebensabschnitt der Band ist damit offiziell beendet. Das Kind, die CD kann laufen.

Jedenfalls hat der Expressdienst die 2000 CDs in Hannover übernommen. In Hildesheim waren sie noch da, in Göttingen auch, und selbstverständlich auch noch in Kassel. Dann wird’s heikel: In Nürnberg waren sie weg. Der Logistiker war so damit beschäftigt, Weg und Ziel zu kennen, dass er die Fracht ein wenig aus den Augen verlor. Man kann sich ja nicht um alles kümmern. Aber weil man mit der Zeit geht und Sendungsverfolgung, so genanntes Tracking, anbietet, ist der Ort, wo die Sendung vom Laster gefallen ist, auf die Schnelle exakt einzugrenzen: zwischen Kassel und Nürnberg. 308 Autobahnkilometer. Na bitte. Muss doch zu finden sein. Wie heißt’s im Firmenleitbild? „Wir begeistern unsere Kunden. Wir behandeln unsere Kunden so, wie wir selbst behandelt werden möchten – freundlich, zuvorkommend und kompetent.“ Und zwar im Expresstempo.

So etwas muss gefeiert werden, mit einer CD-Release-Party im „LiBella“, zum Beispiel. Mit Vorband, Fans, Lichtshow und Getränken in stylischen Pfandplastikbechern. Und, quasi als Höhepunkt, könnte man, wo doch die Fangemeinde grad so schön versammelt ist, die CD verkaufen. So laufen sie eigentlich ab, diese CD-ReleaseKonzerte. Schema F.

Man stelle sich vor, dem Unternehmen kämen die CDs von Justin Bieber oder Helene Fischer abhanden. Da wär was los. Das Gros der Musikfreunde könnte das sicher verschmerzen, aber wenn der Schadensersatzprozess durch ist, dürfte sich die Logistic Group voll auf das Ausfahren von Semmeln oder das Austragen von Prospekten des örtlichen Grüngutentsorgers konzentrieren.

Eigentlich. Wenn da besagte „Logistic Group“ nicht wäre. Die freundlichen Logistiker haben der LischKapelle eine CD-Veröffentlichungsparty beschert, die eben nicht nach Schema F ablief. Einzigartig, einmalig, ein Meilenstein in der Geschichte der Musikindustrie. CD-Release ohne CD. Ohne 2000 CDs. Sagenhaft.

So etwas kann eine junge Band schon aus dem Gleis werfen. CDRelease ohne CDs. Das stellt den Sinn der gesamten Veranstaltung doch ein wenig in Frage. Ablasen und verschieben? Aber niemals! Die LischKapelle zieht das durch. Volles Haus, die Vorgruppe – die Band des LischKapellen-Tubisten Gurdan Thomas – gibt Vollgas, die LischKapelle danach natürlich auch, 300 Fans jubeln, singen mit. Es stört noch nicht einmal groß, dass die Musikanlage die Feinheiten des dreistimmigen Gesangs wegbügelt. Alle haben sie Spaß, die Musiker, die Zuhörer, alle. Da freut man sich doch schon auf die Release-Party für die zweite Scheibe. Gern auch wieder ohne CD.

„Nur wer sein Ziel kennt, wird auch den Weg dahin finden“, schreibt das Baden-Württemberger Transportunternehmen, dessen Namen der Redaktion bekannt ist, auf seiner Homepage unter der Rubrik „Unsere Werte“. Recht hat’s: Wer CDs aus dem Presswerk in Hannover auf dem Expressweg nach Bayern bringen will, sollte diesen Weg

LischKapelle

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kennen. Den kürzesten womöglich, als Fuhrunternehmer allemal. Verzeihung, als Logistic Group natürlich. Logistik, da steckt „Logos“ drin, Vernunft, Sinn, das atmet geplante Vorgehensweise, strahlt Kompetenz aus. Nicht der Weg ist das Ziel, das Ziel ist das Ziel.


Cafe Caravan

Viel Spass mit 16 Saiten und 23 Klappen

Cafe Caravan beim Kulturbredl im Hilgerhof: Band hat Klasse und ist Klasse – Ausverkauftes Haus Vorab gleich mal eine mittlere Majestätsbeleidigung: Wer braucht schon Django Reinhardt und seinen Hot Club de France, wenn er den Hot Club de Niederbrunn haben kann? Das haben um die 100 Musikfreunde offenbar ähnlich gesehen; deshalb war der Hilgerhof beim Kulturbredl-Gastspiel von Cafe Caravan auch knackevoll. Zu Recht. Die vier Musiker zwirbelten ihren Gypsy-Swing auf, dass es eine wahre Lustbarkeit war. Dass 16 Saiten und 23 Klappen eine solche Freude bereiten können. Und nicht nur die, auch die zugehörigen Musiker. Knud Mensing zum Beispiel. Der war in diversen Ensembles bislang vor allem als so virtuoser wie introvertierter Gitarrist aufgefallen. Immer hoch konzentriert, scheu, wie in seiner eigenen Welt versunken wirkte er. Und jetzt? Jetzt kann der plötzlich auch locker. Bei Cafe Caravan wird er zum Entertainer, sucht den Kontakt zum Publikum, macht launige Ansagen. Und natürlich spielt er nach wie vor überragend Gitarre, eh klar. Das Gesamtpaket stimmt. Was Können und Spielwitz angeht, stehen ihm die Kollegen in nichts nach. Michael Vochezer macht die Traunreuter GitarrenConnection komplett. Wie hervorragend die zwei aufeinander eingestellt sind, machen die wenigen Parts deutlich, in denen sie beide Rhythmusgitarre spielen. Das kommt so dermaßen auf dem Punkt, dass der Zuhörer bei geschlossenen Augen nicht sagen könnte, ob da ein oder zwei Musiker bei der Arbeit sind. Gerade beim schweißtreibenden Gypsy-Swing mit seinen wechselnden Tempi, seinen variantenreichen Rhythmen, seinen über viele Takte gespielten Klangteppichen und den Folgen gebrochener Akkorde ist das gar nicht enthusiastisch genug zu würdigen. Walzer-Folklore und Flamenco-Phrasierung, Bebop und swingender Beat – sicher wie Traumwandler bekommen Mensing und Vochezer das hin. Das rhythmische Fundament legt der andalusische Bassist Manolo Diaz; das macht er so souverän wie virtuos. Für die 23 Klappen ist Jurek Zimmermann zuständig – mal am Tenorsax, mal an der Klari-

nette. Ihm gelingt es, dem Gypsy-Swing von Cafe Caravan eine ganz eigene Klangfarbe zu geben, sein Saxofon-Ton ist weich und warm und ergänzt den Saitensound der Mitspieler ideal. Ins Paris der 30er Jahre soll sich der Zuhörer laut Band-Info zurückversetzt fühlen. Das stimmt natürlich, schon allein deshalb, weil der Gypsy-Swing als erster wesentlicher europäischer Beitrag zum Jazz genau dort und genau zu dieser Zeit seinen Anfang nahm. Aber Cafe Caravan bleiben hier nicht stehen, sind keine Hot-ClubEpigonen, keine Trittbrettfahrer, die die Django-Bibel nachbeten. Der Geist seiner Musik durchdringt ihr Spiel, sie haben den GypsySwing verinnerlicht. Aber über Reinhardts Repertoire gehen sie weit hinaus: Aus dem Disney-Klassiker „Das Dschungelbuch“ sind die Ouvertüre und „Ich wäre gern wie du“ in einer Gypsy-Swing-Version zu hören, dem schmalzlastigen Fusion-Klassiker „Straight To The Heart“, den Marcus Miller 1984 dem Altsaxofonisten David Sanborn auf den Leib geschrieben hat, tut der neue, alte Stil richtig gut. Ihre eigenen Kompositionen fügen sich ideal ein ins Gesamtkonzertgefüge, das ist stimmig, das passt zur Zeit, zur Zeit des Paris der 30er wie zur Gegenwart. Cafe Caravan haben Klasse, sind Klasse. Zum Gesamtpaket gehört natürlich auch das Publikum. Und das passt perfekt zur Band, ist hellhörig, saugt die Musik auf, geht mit, klatscht an den richtigen Stellen – nein, das ist nicht selbstverständlich. Sogar getanzt wird beim Kulturbredl. Platz dafür ist zwar keiner, aber den nutzen immerhin zwei Paare. Nur schade, dass sich keiner eine Cafe-Caravan-Konserve mitnehmen konnte. „Nach CDs brauchen Sie uns gar nicht zu fragen. Es gibt keine.“ Wo andere Künstler in der Vorweihnachtszeit mit Nachdruck die Werke ihrer Formation und Nebenformationen an den Mann zu bringen versuchen, da hat Mensing gleich mal gar nichts bei der Hand. Weil die Scheiben ausverkauft sind. Nichts mehr da, Pech gehabt. Aber im Frühjahr geht’s ins Studio, und vielleicht bringen die Musiker zum Auftritt am 12. April im Traunreuter k1 schon ein paar neue CDs mit. Nach Weihnachten ist vor Weihnachten.

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Musik wie das Leben

Eberwein im k1-Studio: Mal melancholisch, mal frech – und immer großartig Ja, schon schad. Eigentlich müssten die Leute diesen Musikern die Bude einrennen. Verdient hätten sie’s. Denn eins steht außer Frage: Eberwein sind großartig. Aber so haben‘s halt nur knapp über 20 mitbekommen. Die allerdings ließen sich im k1-Studio von Marlene Eberwein an der Harfe, Max Seefelder am Bass, Matthias Klimmer an Gitarre und Klarinette und Stefan Lang an Trompete, Flügelhorn und Cajon nach allen Regeln der Kunst verzaubern. Egal, welches Etikett man dem Quartett draufpappen will – neue Heimatmusik, Volksmusik-Crossover oder bayrischer Kammersound –, es ist nachrangig, wie man’s nennt. Die Hauptsach ist: Es macht Spaß. Marlene Eberwein hält die Fäden, oder doch eher die Saiten in der Hand: Alles dreht sich um ihre blaue Harfe, die sie zupft und streicht. Sie spielt nicht einfach nur, sie geht in den Stücken auf und den Stücken auf den Grund. Ihre Musik ist wie das Leben, manchmal ein bisserl melancholisch, manchmal frech, mal laut, mal leise. Warum sie macht, was sie macht, darüber gibt ihre Herkunft Auskunft: Ihr Großvater war Volksliedsammler, ihr Vater Leiter der Dellnhauser Musikanten. Von klein auf hat sie mitbekommen, dass Volksmusik nicht statisch ist, sondern lebt, Einflüsse aufnimmt und sich weiterentwickelt. Das macht die Musik von Eberwein aus: Da wird nicht einfach „Mir san vom Woid dahoam, des kennt a jeder glei“ gespielt, wie’s

jahrzehntelang gespielt wurde. Das ist kein Facelifting, das ist eine energetische Totalsanierung, die die vier Musiker da hinlegen. Rhythmuswechsel und Blue Note inbegriffen. Dazu singt Klimmer mit einem Schmelz, als würde ihn das Heimweh noch mitten im Stück niederstrecken. Und so ist das immer: Man bekommt nicht einfach nur Volksmusik von Eberwein. Oft ist Klezmer beigemischt, manchmal Jazz, manchmal Blues. Manchmal dominant, manmal aber auch nur unterschwellig, so dass Bekanntes einen kleinen, aber entscheidenden Dreh hin zum Frischen, Neuen und Unverbrauchten bekommt. Das liegt auch an der Klasse der Musiker, die gern das Unerwartete liefern – aber immer höchst präzise, filigran und virtuos. Nicht, dass sie ihre Klasse beweisen müssten. Die hört man. Aber trotzdem ein Beispiel: Seefelder hat dem größten lebenden KlezmerMusiker Giora Feidman eine Komposition gewidmet – Grüaß di Gott, Giora“ heißt sie. Feidman ist auf das Stück aufmerksam geworden und hat es für seine CD „The Spirit of Klezmer“ eingespielt. Mit Stolz, und das zu Recht, sagt Seefelder: „Giora spielt das Cover, wir das Original.“ Jedenfalls hat man das Gefühl, den Künstlern hätte keine größere Ehre widerfahren können. Gut, Feidman hat seinen Teil beigetragen, aber der wichtigere Beitrag ist schon die Musik, die Eberwein abliefern. Das nächste Mal sicher gern auch vor mehr Gästen.

Eberwein

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Bullage

„T.N.T., oi, oi, oi“ aus 50, 60 Kehlen

Bullage zelebrieren ausgestöpselt 40 Jahre AC/DC im Hilgerhof: Von „High Voltage“ bis „Hells Bellslein“ Rrrrumms muss immer. Gitarren, Schlagzeug, letzter Akkord – da wird nicht ausgeblendet, live eh nicht. Keine Kompromisse. Der Bass pumpt, fette Stromgitarren, gradaus geht’s mit Ein-Akkord-Riffs, immer gradaus, seit 40 Jahren nur gradaus. Wechselstrom, Gleichstrom, Hochspannung. Strom muss immer, wie das finale Rrrrumms. Strom muss immer? Nicht wirklich. AC/DC und Rrrrumms funktionieren auch ausgestöpselt, wie Bullage beim Kulturbredl im Hilgerhof bewiesen haben. Die Frage, ob die Musik von AC/DC geeignet ist für eine Veranstaltung, die sich „Kulturbredl“ nennt, stellt sich nicht mehr. AC/ DC sind längst konsensfähig. Politiker wie Joschka Fischer und Karl Theodor zu Guttenberg haben sich als Fans geoutet, Jeanette Biedermann darf mit AC/DC-Leibchen durchs Fernsehbildchen hopsen. Shakira hat „Back in Black“ gecovert, die Dandy Warhols „Hells Bells“, John Farnham „It’s a Long Way to the Top“. Na gut, im Iran ist man vielleicht nicht allzu gut auf die Band zu sprechen, nachdem dort 2012 die Atomanlagen mit einem Computerwurm sabotiert wurden, der des Nachts bei voller Lautstärke „Thunderstruck“ abspielte. Aber ansonsten sind AC/DC die Konstante für alle Generationen, alle Schichten. Ein Monument. Natürlich passen AC/DC-Songs zum Kulturbredl, und entsprechend groß war der Zuspruch: ausverkauftes Haus. Und nicht nur das – das Publikum war auch noch textsicher. Mit Sicherheit war es das erste Mal, dass im Hilgerhof 50, 60 Leute, und davon nicht wenige jenseits der 50 Lebensjahre – „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“, „Hells Bells“ und „T.N.T., oi, oi, oi“ – nun ja – gesungen haben. Das liegt zum einen an der genannten Konsensfähigkeit des Kulturguts AC/DC, zum anderen aber vor allem an der Band: Bullage aus dem Landkreis Ebersberg covern AC/DC nicht einfach nur. Das Quintett hat ein Zwei-Stunden-UnpluggedProgramm mit Hits der Australier zusammengestellt. Stromfreies Metall, aber trotzdem stahlhart. Die Band bringt den rohen Rock’n’Roll von Angus Young & Co. glaubwürdig rüber. Bullage waren 2004 die Tourband des allerersten AC/DC-Sänger Dave Evans. Begegnungen mit Young und

Brian Johnson bestärkten sie in ihrem Anspruch, eine der besten AC/CD-Coverbands zu werden. Das haben Hans Wurmannstetter (Bassgitarre), Bernhard Heiter (Leadgitarre), Anton Braun (Rhythmusgitarre) und Andreas Brühl (Cajon) geschafft – sie waren bereits Vorgruppe von Nazareth und Wishbone Ash. „Wenn man nicht nach fünf Sekunden unerschütterlich erkannt hat, dass es sich um einen Song von AC/DC handelt, handelt es sich nicht um einen Song von AC/DC“, hat Angus Young einmal gesagt. Bei Bullage braucht er sich da keine Sorgen zu machen: Zweifelsohne erkennt man jedes Stück innerhalb der ersten fünf Sekunden als AC/ DC-Werk. Auch ohne elektrische Verstärker, ohne Effektgeräte. Sogar das charakteristische, zwischen H-Dur und e-Moll wechselnde Riff vom „Thunderstruck“-Anfang, man möchte’s kaum glauben, haut ohne E-Gitarre hin. Der rohe Charme ist zum Greifen. Nicht jede Note perlt da sauber und rein von den Gitarrensaiten, bisweilen greifen die Gitarristen knapp daneben. Der Verzerrer verzeiht manche Unsauberkeit, die Akustikgitarre nicht. Und schon? Das ist Rock’n’Roll. Bullage kommen an. Leadgitarrist Heiter kommt stilecht mit einer Art roter Schuluniform, ganz im Sinne Angus Youngs. Der Star der Truppe ist aber Bobo Carrington. Der Sänger schaut mit seinen blonden Rastalocken nun gar nicht aus wie ein Hardrocker oder gar wie ein Schwermetaller. Als erstes zieht er sich die Schuhe aus und hockt sich im Schneidersitz auf den Stuhl hinters Mikrofon. Und so bleibt er, das ganze Konzert über. Trotzdem klingt’s wahrlich nicht nach eingeschlafenen Füßen, wenn er singt. Er gilt als „bester BonScott-Soundalike Süddeutschlands“. Will heißen, er hört sich halt an wie Bon Scott. Runtergerissen. Zwei Stunden lang Bluessopran. Das macht‘s müßig drüber zu diskutieren, ob Scott oder Johnson der bessere AC/DC-Sänger ist. Carrington singt die Lieder der PostScott-Ära eh wie Scott sie gesungen hätte. Da ist er gnadenlos. Und witzig, es schlägt nicht 13, es tschinellt 13: „Hells Bells“ läuten nicht Kirchenglocken ein, wie sich’s gehören würde. Nein, das ist ja ein Akustik-Set, ausgestöpselt. Carrington schlägt zwei winzige Zimbeln aneinander. Hells Bellslein quasi. Aber ansonsten bleiben Bullage natürlich nah am Original, so nah, wie’s ohne Strom nur geht. Bis hin zum Rrrrumms.

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„Da kommen richtig gute Gespräche raus“

„Und Äktschn!“: Gerhard Polt stellt sich im Stadtkino Trostberg den Fragen des Publikums – Film mit Lokalkolorit Jetzt steht er also da. Grad war sein Gesicht noch leinwandfüllend auf der, wie soll man sagen, na, Leinwand halt. Und jetzt steht er da. Nein, ein Zwetschgenmandl ist er nicht gerade, eher so lebensgroß, nicht wahr. Mitten auf der Bühne vor der Leinwand, auf der er grad noch drauf war. Direkt zutraulich ist er, spricht die Menschen im Saal unvermittelt an. So unvermittelt dann auch wieder nicht, weil die Menschen schon ein bisserl damit gerechnet haben, dass einer, der mitten auf einer Bühne steht, die auch nutzen und was sagen wird. Ja, so ist er, der Gerhard Polt. Kaum steht er auf einer Bühne, schon sagt er was. Polt ist auf Kinotour, wirbt für seinen Film „Und Äktschn!“. Vorletztes Wochenende hat er sich den Fragen des Publikums in Wasserburg, Bad Aibling, Penzberg, Wolfratshausen, Vilsbiburg und Wolnzach gestellt, am Freitag war er in Straubing und in zwei Nürnberger Kinos. Vorletzte Station war am Samstag das Stadtkino Trostberg, danach ging’s weiter nach Burghausen. Kreuz und quer durch Bayern. Macht das Spaß oder ist’s doch eher lästige Pflicht? „So eine Kinotour hab ich zum ersten Mal gemacht. Gestern war’s ein bisserl anstrengend, über Straubing nach Nürnberg, drei Kinos und wieder zurück. Aber die Leute sind interessiert, stellen meistens gute Fragen. Da kommen richtig gute Gespräche dabei raus.“ Wie lange der Dreh gedauert hat, will ein Trostberger Zuschauer wissen. „Nach 25 Drehtagen war alles im Kasten“, gibt Polt Auskunft. Im Film geht’s um Dilettantismus, um Leute, die die Stufe ihrer Inkompetenz auf ihren Karriereleitern längst überschritten haben. So glaubwürdig die Schauspieler dilettieren, so professionell haben sie und die Mannschaft hinter der Kamera gearbeitet, sonst wäre ein solches Pensum in 25 Tagen nicht zu schaffen. Entsprechend schlank waren die Produktionskosten. Genaue Zahlen nennt Polt nicht. Die Ausgaben entsprächen in etwa denen für eine „Tatort“-Folge, heißt es. Und die liegen laut ARD bei rund 1,4 Millionen Euro. Ein anderer Zuschauer möchte wissen, warum gerade in Freilassing gedreht worden sei. „Ach, hätten wir in Trostberg drehen sollen?“, fragt Polt zurück. „Nein, zum einen ist den Freilassingern mit ihrer Belastung durch den Fluglärm nichts zu neiden. Außerdem ist ,Und Äktschn‘ von der Finanzierung her zu einem großen Teil ein österreichischer Film. Das schlägt sich zum einen im Ensemble nieder und zum anderen in der geografischen Nähe des Spielorts zu Österreich.“ Seine Mitspieler lobt Polt – völlig zurecht – in den höchsten Tönen: „Ich glaube, dass man Eva Braun so darstellen muss, mit dieser Naivität, wie das wohl nur Gisela Schneeberger kann. Ohne die Schneeberger hätte ich den Film nicht gemacht.“ Über Michael Ostrowski, der den Banker Faltermeier spielt, habe der Freilassinger Sparkassendirektor gesagt, so einen würde er sofort einstellen. Begeistert zeigt sich Polt von der Leistung Robert Mayers, der den

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Plattenhändler und Hitler-Darsteller Günther Fleischbauer spielt. Mayer ist in Bad Reichenhall geboren, hat in Trostberg gelebt und ist heute Direktor der Wiener Volksoper. „Die Trostberger können wirklich stolz sein auf Robert Mayer. Er ist Träger des Nestroy-Rings und einer der besten Schauspieler Wiens.“ Überhaupt glänzt „Und Äktschn!“ mit viel Lokalkolorit – nicht nur, weil in und um Freilassing gedreht wurde, nicht nur, weil Meyer ein Exil-Trostberger und Maximilian Brückner, der Polts Neffen Alfons spielt, ein Riederinger ist. Im Film spielt ein angeblich von Eva Braun handgeschriebenes Gedicht eine Rolle – und dieses Gedicht hat der Trostberger Hermann Lammers kalligrafiert. Für die Außenrequisite war der Obinger Hermann Größ verantwortlich – wie schon bei den Filmen „Vaterfreuden“, „Dampfnudelblues“ und „Türkisch für Anfänger“. „Und Äktschn!“ ist fest in südostbayerischer Hand. Der nächste Fragensteller will etwas über die Motivation Polts wissen, Hitler zum Sujet seines Films zu machen. Der Kabarettist und Schauspieler beruft sich auf den Hitler-Biografen Werner Maser, der sich gegen Legendenbildungen über Hitler gewandt hatte. „Maser hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der brüllende Hitler oder die Witzfigur Hitler übermächtig sind in der Vorstellung.“ Dabei Polt klar geworden, dass der tatsächliche Hitler auch eine andere, eine private Seite gehabt haben müsse. „Wie kann es sonst kommen, dass so ein mittelmäßiger, unscheinbarer Mensch in die Salons der Münchner Gesellschaft kommt? Der muss sowas wie Charme gehabt haben.“ Polt nähert sich der Person Hitler, er entmystifiziert ihn. Die Gefahr, ihn zu verharmlosen, muss Polt nicht fürchten – die Verbrechen bleiben unbestritten. Die Figur Hitler ist eigentlich nur Aufhänger für die Geschichte, die Polt in „Und Äktschn!“ erzählt, ein Ausrufezeichen, das Aufmerksamkeit garantiert. Tatsächlich geht’s – wie immer – um Polts Leib- und Magenthemen: um Doppelmoral, um Intoleranz und Borniertheit. „Und Äktschn!“ ist keine bissige Parodie aufs kleinbürgerliche Leben, es ist vielmehr eine satirische Parabel über das gesellschaftliche Leben insgesamt, das mehr vom Schein als vom Sein bestimmt wird. Nach zahllosen Hitler-Biografien, „Spiegel“-Titeln, Guido-KnoppDokumentationen, nach Charlie Chaplin, Bruno Ganz, Helge Schneider, Christoph Maria Herbst und Tom Schilling mutet Gerhard Polt dem Zuschauer einiges zu, über Hitler zur Satire zu gelangen. Aber das gelingt ihm deutlich besser als kürzlich Timur Vermes mit seinem weitestgehend humorbefreiten Satire-Bestseller „Er ist wieder da“, dessen beeindruckendste Leistung noch das Umschlagbild ist. Wenn der Schinken demnächst verfilmt ist, wird man „Und Äktschn!“ richtig würdigen können. Da ist Polt drin. Wie hat er in seinem Sketch „Der Cineast“ gesagt? „Ein großer deutscher Film mit internäschnal deimenschn. Da ist alles drin, was ein großer Film heute braucht. Da ist alles drin, blad, swät änd tiers, sex änd creim, trädschedy, comedy. Alles da drin.“


IRXN

Squaredance-Jodler im Schottenrock

Irxn beim Kulturbredl im Hilgerhof: Musikhandwerklich in Ordnung, spaßorientiert, aber zu bemüht originell Ja, ganz fein. Für den, der gälisch-keltischen Mittelalter-HillbillyVolksmusik-Bierzelt-Folk-Rock zum Mitklatschen hart an der Schunkelgrenze mag. Und zwar exakt in dieser Kombination. Diese Minimalanforderung an seinen Musikgeschmack sollte der Zuhörer schon erfüllen. Ansonsten hat er halt Pech gehabt. Irxn sind beim gut besuchten Kulturbredl im Hilgerhof in Niederbrunn bei Pittenhart aufgeschlagen, genau mit diesem „explosiven Gemisch“, wie sie das selber nennen. So kann man’s auch sehen. Ja was! Die Zuhörer waren doch begeistert. Wird das jetzt eine Publikumsbeschimpfung? Nein, wirklich nicht. Fakt ist: Irxn machen das, was sie machen, tatsächlich gut. Handwerklich völlig in Ordnung. Sie gehen auf die Leute ein, schaffen es, dass die mitgehen und ihre Gaudi haben. Mehr kann man von einem Konzert kaum verlangen. Immerhin weiß der Fan im Voraus, was er zu erwarten hat und was nicht, wenn er zu Irxn geht. Und die Band hat geliefert. Kein G’red. Trotzdem muss das dem Nicht-Fan nicht gefallen. Woran liegt’s? Weil wenig von dem, was Irxn machen, echt ist. Da geht’s vorwiegend um Effekte und Affekte, um zwanghafte Originalität und größtmögliche Kompatibilität. Das Projekt Irxn scheint schon sehr konstruiert, von der Optik bis zur Definition der Zielgruppen. Mit seiner Bandbreite kann das Quintett auf Folkrock- und Mundartfestivals genauso auftreten wie bei Mittelalterfesten. Oder beim Volkstanz. Oder beim Squaredance. Auf alle Fälle im Wiesnzelt. Was an der Optik rumzukritteln ist? Die ist doch wohl nur zweitrangig; es geht bei einer Band nur um die Musik, oder? Prinzipiell ja. Aber wozu die bemüht originelle Verpackung, wenn sie kein Ziel verfolgte? Schottenrock kombiniert mit Haferlschuhen, einem Zylinder samt Greifvogelfeder und Schweißerbrille – was soll das darstellen? Einen nebenerwerbswildernden, schottisch-bayrischen Working-Class-Hero-Naturburschen? Dort ein Amulett und ein keltisch anmuten sollender Oberarmreif, hier ein paar Nieten, da Leder, dazu Leinenhemd, grober Mantel und Weste. Ach, was sind wir geerdet. Originell-geerdet. Ist aber auch schwierig, dem musikalischen Stilmix im Erscheinungsbild gerecht zu werden. Irxn spielen Stücke nach Art mittelalterlicher Spielmannslieder. Und irisch anmutenden Folk. Und – yippie-ya-yeah – eine bairische Interpretation von „Cotton Eyed Joe“. Wobei nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass es schon die Version der Rednex nicht gebraucht hätte. Eine bairische Version von Steve Millers „The Joker“ hätt‘s definitiv nicht gebraucht: „I bin

a Joker, bin a Stalker, bin a Mitternachts-Toker.“ Ja, um Himmels willen. Da hatten Texter und Versmaß kurz mal Pause. Das hat der Miller nicht verdient. Und dann gibt’s rockige Lieder und eine Prise Volksmusik. Was soll man dazu tragen? Cowboystiefel und Loiferl, Krachlederne mit aufgesprühtem Anarchie-A, Kettenhemd und dazu ein keltisches Kurzschwert? Schwierig, schwierig. Die nächste Schwierigkeit: Mittelalterliche Lieder brauchen Texte. Aber was weiß man schon über Feinheiten des mittelalterlichen Alltags? Jenseits von „Braveheart“ und „Ritter der Kokosnuss“ recht wenig. Was bleibt da einem Texter anderes übrig, als Phrase an Phrase zu klopfen? Genau das ist das Leidige an manchen deutschsprachigen Texten – man bekommt den übersichtlichen Gehalt in seiner vollkommenen Banalität unbarmherzig mit, samt Vögerln, die singen und – völlig überraschend – Nesterl bauen. „Wild ist das weite Land, es ist mir gut bekannt. Ich kenn hier jeden Baum, die Schluchten und die Au’n. Die Flüsse flüstern mir: Dein Platz ist doch nur hier.“ Was ein Idyll, dieses Mittelalter. Bis auf die Tatsache, dass kaum einer älter als 35 wurde. Sei’s drum. Aber die Schluchten und Auen, die hat er wenigstens gekannt. In der Absicht ist vieles gar nicht so schlecht. Die Geschichte vom Bayrischen Hiasl in einem Liederzyklus zu würdigen, die Umstände seines Lebens, Liebens und Sterbens, kombiniert mit dem Volkslied und einer Jodeleinlage, das ist schon ein ehrenwertes Unterfangen. Leider bleibt die Absicht dann doch wieder in Romantizismen übers ach so freie Wildererleben stecken. Gelungen ist da schon eher das Lied „Schatten hinter dir“, praktizierte Lebenshilfe: „Drah dei Gsicht zur Sunna hi, dann foin de Schatten hinter di.“ Tatsächlich sind Irxn dort textlich stark, wo sie keinen Bezug zu fremden oder ausgestorbenen Kulturen drechseln müssen. Was Wunder. An der musikalischen Darbietung selbst ist so gut wie nichts auszusetzen; die Lieder von Irxn sind eingängig bis ohrwurmtauglich, das Quintett spielt schmissig bis mitreißend, doch bisweilen arg fiedellastig, nah am Kilkenny-Whiskey-Kerrygold-Kitsch. Und das mit der Flöte sollten sie lieber ganz lassen. Wer jemals einem Flötenkind beim Üben bröckelnder Melodiebögen zuhören musste, weiß, was ich meine. Mit Sicherheit kann man mit Irxn durchaus seinen Spaß haben, Frontmann Bernhard Maisberger versteht es, sein Publikum um den Finger zu wickeln, er hat Schmäh, ist Entertainer. Wer dagegen immun sein sollte, kann sich dennoch freuen: Obwohl keltenaffin, benutzen Irxn keinen Dudelsack. Auch schön. Yippieya-yeah, holladrio.

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Provokation um der Provokation willen

Matussek liest aus „Das katholische Abenteuer“: Wie Emanzen, Homosexuelle und Laien dem Glauben schaden „Ich bin so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor 40 Jahren Marxist war. Warum? Weil mein Verein angegriffen wird.“ Matthias Matussek hat sich in „Das katholische Abenteuer. Eine Provokation“ engagiert zu seinem Katholizismus bekannt. Aus diesem Buch las der ehemalige „Spiegel“-Kulturredakteur und jetzige „Welt“-Journalist bei der 2. christlichen Kulturwoche im Altenmarkter Pfarrheim. Matusseks „Verein“ ist die katholische Kirche, die er ungerechtfertigt attackiert sieht. Von der Journaille, die Kirche überaus kritisch beäugt. Vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken und von der „Kirche von unten“, die ihm zu viele gesellschaftliche Aspekte in seine Kirche hineintragen wollen. Von Heiner Geißler, der nicht einsieht, dass Demokratie in seiner Kirche nichts verloren hat. Von Bundestagspräsident Norbert Lammert, der das „Vater unser“ bis zur Beliebigkeit umgedichtet hat. Von Religionslehrern, die nicht einmal mehr glauben, aber auf Kinder losgelassen werden. Von ExBundespräsident Christian Wulff, der behauptete, der Islam gehöre zu Deutschland. Von der säkularen Gesellschaft, die das tradierte Modell der Familie auflöst. Das alles bedroht Matusseks Katholizismus. Der Autor will polarisieren – und drum poltert er. So lange das halbwegs pointiert rüberkommt, kann er bei den knapp 100 Zuhörern im Altenmarkter Pfarrheim punkten. Er schimpft über die emanzipierte Frau, die „Kinder plant wie den Barbarossafeldzug“, die Karrieristin, die „ihre Eier einfrieren lässt, um zum passenden Zeitpunkt aus den hinterlegten Produktionsmitteln ihr Wunschkind herzustellen“. Er schießt gegen Homosexuelle, die sich ihr defizitäres Familienleben komplettieren, indem sie sich „Kinder über Leihmütter in der Ukraine oder Indien organisieren“. Das alles führe zum Zerfall der Gesellschaft, weil es gegen die Familie ziele, gegen die Keimzelle für Vermittlung von Glauben. Das Abendland ist im Untergang begriffen. Wieder mal. Matusseks Gegenentwurf ist der Katholizismus, der echte, der reine, der überlieferte. Der, den er in seiner Kindheit eingepflanzt bekommen hat. Der, bei dem der Pfarrer mit dem Rücken zur Gemeinde steht. Sein Katholizismus. Dieser Ansatz macht deutlich, was eigentlich im Zentrum steht: Matussek und wie er die Welt sieht. Das wird in den Passagen augenfällig, die er vorliest, und mehr noch in den Erzählungen und Anekdoten, die diese Passagen verbinden. So erfährt der Zuhörer nebenbei, dass Matussek letzte Woche in New York gespeist hat. Tut nix zur Sache, ist aber wichtig. Dass er Papst Benedikt zum Weltjugendtag in Madrid begleiten durfte. Dass Papst Franziskus „bislang die Stilfrage sehr ins Zentrum gestellt hat – da wird’s für viele noch ein böses Erwachen geben“. Für ihn, Matussek, nicht. Dass die Bergpredigt „eine Art kommunistisches Manifest ist, wenn man sie falsch versteht“. Er versteht sie nicht falsch. Dass sich Marx für einen abgeklärten Rechner hielt – „in Wirklichkeit war er ein Romantiker“. Marx sah sich falsch, Matussek sieht ihn richtig. Dass er für den „Spiegel“ die erfolgreiche Titelgeschichte über die Todsünden geschrieben hat. Er, er, er. Superb. Superbia ist die erste Todsünde. Hochmut, Eitelkeit, Stolz. Kennt er, der Matussek, kann er drüber schreiben. Er will nur für seinen Glauben streiten, für seine Religion. Er unterscheidet nicht zwischen Religion und Glaube, zwischen dem systemischen Unterbau und dem persönlichen Aspekt. Alles ist eins. Gewissenhaftes journalistisches Vorgehen sieht anders aus. Das ist aber auch nicht zu erwarten – „Eine Provokation“ lautet der Untertitel des Buches. Matussek provoziert grundsätzlich, auch mit seinen beiden anderen Bestsellern, „Die vaterlose Gesellschaft“ und „Wir Deutschen“. Provokation als Selbstzweck. Mit irgendeiner Masche muss man seine literarische Nische ja besetzen.

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Eine Provokation also. Da stellt sich die Frage: Wen will er denn provozieren? Geißler, Lammert, Wulff, das Zentralkomitee samt seinem Präsidenten Alois Glück? Gut, das garantiert Matussek zu entsprechend hochkochenden Themen verkaufsfördernde Präsenz in diversen Talkshows. Menschen, die der katholischen Kirche fern stehen, wird er mit seinen Thesen nicht provozieren. Denen sind die hauptsächlich egal. Bleiben noch die Laien. Die bringen sich ein, wollen etwas bewegen, wollen eine lebendige Kirche, sind die lebendige Kirche. Dumm nur, dass sie nicht Matusseks, also dem

richtigen, dem obrigkeitshörigen Glauben anhängen. Wie geschickt ist das denn, dem Ersthelfer am Unfallort zu erklären, wie man in der Vergangenheit ein Dreieckstuch angelegt hat, während der Verunglückte in der Gegenwart verblutet? Alles, was der eigenen Argumentation schadet, bürstet Matussek weg. Missbrauch in der Kirche? Er zitiert den Kriminologen Prof. Christian Pfeiffer, der den Anteil katholischer Geistlicher an der Gesamtheit der Missbrauchstäter bei 0,1 Prozent sieht. Woher Pfeiffer diese Zahl nimmt, bleibt sein Geheimnis. Und ob die Tatsache, dass sich gerade Menschen, die sich Nächstenliebe zum Beruf gemacht haben, an Kindern vergreifen, durch potenziell 99,9 Prozent nichtklerikaler Kinderschänder erträglicher wird, sei dahingestellt. Den Diskussionen um den Zölibat entzieht Matussek jegliche Berechtigung und reduziert sie auf die Frage der glaubwürdigen Eheberatung: „Warum soll ein geschiedener protestantischer Priester eine bessere Eheberatung geben können als sein zölibatär lebender katholischer Kollege?“ Dass da noch ein, zwei andere Aspekte zu beleuchten wären, blendet Matussek aus. Und so relativiert er Kritikpunkt um Kritikpunkt, um letztlich vor dem hehren Dom seines kindlichen Katholizismus, vor der seiner Ansicht nach reinen Lehre samt Krippenspiel zu stehen. Gegenwind bekommt er aber auch: Matusseks Vorbehalte gegen die Laienbewegung bleiben nicht unwidersprochen. Die Religionspädagogin und Diözesanratsdelegierte Gabriele Graf wirft ihm vor, argumentativ doch sehr an der Oberfläche zu bleiben, wo es doch nicht zuletzt die Laien und ihr Engagement sind, die die Kirche am Leben erhalten. Da verliert Matussek jede Souveränität, er wird laut, wird zum Missionar nahe am Aushilfshassprediger: Wenn die katholische Kirche mehr Mitspracherecht einräume, mehr Demokratie zulasse, dann werde sie „so dämlich wie die Protestanten. Und die sind ja ein ziemlich beliebiger Verein geworden.“ Die Biege kriegt er nur so eben. Ohne weiter auf die Einwände einzugehen, schießt er eine Tirade gegen die Kirchensteuer ab. Die verhindere nämlich den Gottesdienstbesuch, das sei wie ein Abo, das man vergessen habe zu kündigen. „Sakramente gegen Vorkasse, das geht nicht“, sagt Matussek. In Ländern, in denen es keine Kirchensteuer gibt – Brasilien, USA –, sei der Glaube lebendiger. Oder die katholische Kirchengemeinde St. Elisabeth in HamburgEppendorf, die zwar weder in Brasilien, noch in den USA, dafür aber in Hamburg-Eppendorf ist: Die habe das Kirchendach nicht aus Mitteln der Kirchensteuer, sondern mit Spenden repariert – „das schweißt zusammen“. Dass das gängige Praxis ist und lediglich zehn Prozent des Steueraufkommens in den Erhalt der kirchlichen Gebäude gesteckt werden – genauso viel wie in soziale und karitative Projekte, verschweigt er. So ist das: Marxisten sind „dumpf und dumm“, Protestanten „dämlich“ und „Rolling Stone“-Leser halten nicht viel von Keuschheit, auch wenn der Papst im zerbeulten Renault auf dem Titel ist. Matusseks Katholizismus ist ein Festhalten an Vorurteilen, eine Religion der Rituale, ein starres Konstrukt, an das sich Mensch und Zeit anzupassen haben. Für Empathie, Altruismus, Mitmenschlichkeit und Entwicklung ist da wenig Platz.


Peter Ratzenbeck

Durch Irland und Wiens Kanalisation

Gitarrenvirtuose Peter Ratzenbeck in Wiesmühl: „Mr. Fingerpicking“ und die Kunst des Weglassens Die Beine übereinandergeschlagen, den Kopf ganz nah am Korpus seiner Gitarre, als wollte er kein noch so winziges Tönchen verpassen, sitzt er da und wiegt sich im Takt, während seine Hände das Kontrastprogramm in sich ruhenden Bild vom versunkenen Gitarristen abliefern: Die sind alles andere als ruhig. Dass auch Peter Ratzenbeck nur zehn Finger hat, passt so gar nicht zu dem, was und wie er im LBV-Vortragsraum in Wiesmühl spielt. Das ist schon bisweilen Schwindel erregend. Dabei ist Ratzenbeck keiner von den unangenehmen, arroganten Gitarrenschnöseln, die ohren- und vor allem augenfällig brillieren, damit die Zuhörerschaft kollektiv in Ehrfurcht erstarrt. Im Gegenteil. Der Künstler ist nahbar, er führt sein Publikum in die Stücke hinein, meistens mit viel Schmäh, wie es einem Österreicher geziemt. Und wenn der Mann mit dem Ehrentitel „Mr. Fingerpicking“ dann spielt, ist das natürlich virtuos. Aber er packt keinen Ton zu viel in seine Werke. Die Kunst des Weglassens beherrscht er aus dem Effeff – und trotzdem fehlt nichts. Kein Ton, keine Note, keine Nuance. Ratzenbeck ist ein Meister. Wer dafür noch eine Bestätigung brauchte, kann sie sich von Martin abholen. C. F. Martin & Co., Inc. aus Nazareth, Pennsylvania, baut Gitarren. Die Leute dort machen das schon ziemlich lang – seit 1833 gibt’s Martin-Gitarren – und sie machen’s ziemlich gut. Martin hat einige Signature-Modelle aufgelegt; das sind Instrumente, die nach Vorgaben besonderer Gitarristen gebaut werden. Eric Clapton hat eine bekommen, Stephen Stills, Joan Baez, Johnny Cash, Mark Knopfler, Tom Petty und Elvis Presley auch. Und – Peter Ratzenbeck. Seit Ende Februar hat er sein eigenes Signature-Modell. Wenn’s eines Ritterschlags bedurft hätte – das ist er. Der dritte, um genau zu sein: Die ebenfalls renommierten Gitarrenbauer Larrivee und Stevens Custom Guitars haben Ratzenbeck auch schon ein Signature-Instrument gewidmet. Kann man sich offenbar dran gewöhnen. Sich an die Musik Ratzenbecks, an seine Fingerfertigkeit, an seine Virtuosität zu gewöhnen braucht’s nicht lang. Ratzenbeck zieht die

Zuhörer hinein in seine Stücke. Nein, er lässt keine Filme vor dem inneren Auge der Zuhörer ablaufen, das ist eindeutig zu schwach ausgedrückt. Ratzenbeck führt die Gedanken seines Publikums Gassi, an der ganz langen Leine, Eindrücke über Eindrücke ziehen vorbei, bis sie und die Gitarre vollständig Besitz ergriffen haben von den Gedankenwelten der Zuhörer. Und plötzlich ist alles nur noch Musik – Katharsis. Es geht durchs Waldviertel, durch die Wiener Kanalisation, über wilde irische Landschaften, durch Wälder und an Bächen vorbei. Sogar auf eine Odyssee nimmt er die Leute mit – seine dauert zwar nur knapp fünf Minuten, episch ist sie aber allemal. Seine eigenen Stücke sind zauberisch, sie atmen Ratzenbeck-Atmosphäre von Anfang bis Ende. Er hat Stil. Seinen Stil. Und das ist bei der Menge an herausragenden Gitarristen etwas ganz Besonderes. Das liegt mit Sicherheit auch an seiner Stimmung. Nicht unbedingt an seiner Laune, sondern daran, wie er die Gitarre stimmt. Tief aus dem Moll heraus kommen seine Kompositionen, sie sind sofort ganz nah am Zuhörer, vertraut, innig und intim. Es gibt kein Entrinnen – wenn jemand sein Publikum mitnimmt, dann Ratzenbeck. Das Frappierende daran ist: Der Steirer hat erst mit 16 Jahren begonnen Gitarre zu spielen. Noten lesen kann er nicht. Braucht er auch nicht. Spielt er ein Stück nach, dann kommt’s ihm nicht drauf an, das Note für Note runterzuspulen. Er erfasst die Idee des Stücks und baut darauf ganze Melodie-Architekturen auf. Wenn er Beatles nachspielt, dann sind das unverkennbar Beatles-Lieder, aber genauso unverkennbar auch Ratzenbeck-Lieder. Dazwischen gibt er Anekdoten aus seiner rund 40-jährigen Karriere zum Besten – und davon gibt’s einen unerschöpflichen Fundus. Man erfährt zum Beispiel, dass ihm Anton Karas quasi das Leben gerettet hat. Total abgebrannt sicherte er sich als Straßenmusiker an irischen U-Bahn-Ausgängen mit dem „Harry Lime Thema“ aus dem „Dritten Mann“ das Geld für die Mahlzeiten. Dafür kann man Karas aber wirklich dankbar sein, auch wenn das „Harry Lime Thema“ manchem schon aus den Ohren rauswächst. Und so wie’s Ratzenbeck spielt, ist’s wieder ein Erlebnis. So gern geht man selten durch Wiens Abwasserkanäle.

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Spiel mit dem Experimentierkasten Musik

Sieger des Burghauser Nachwuchs-Jazzpreises: Elliot Galvin Trio räumt witzig und virtuos mit Hörgewohnheiten auf Per definitionem ist so ein Flügel ja doch erst einmal leicht limitiert: piano, forte – leise, laut. Alles, was darüber hinausgeht, hängt stark vom Können des Spielers ab. Anschlag, Timing, Gefühl, musikalische Vorstellungskraft und die Möglichkeit, diese umzusetzen, Talent und das ganze Gedöns. Jedenfalls scheint es, als seien die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments in den letzten 300 Jahren fast bis Anschlag ausgereizt worden. Die Messe ist gesungen, sozusagen. Fast. Weil’s dann doch immer wieder Überraschungen gibt, wie beim Auftakt der 45. Internationalen Jazzwoche Burghausen, zum Beispiel. Weil da ein klassisches Jazztrio gar nicht so klassisch agierte, nämlich das Elliot Galvin Trio. Pianist Galvin, Bassist Tom McGradie und Schlagzeuger Simon Roth haben im Finale des 6. Europäischen Burghauser Nachwuchs-Jazzpreises vier Konkurrenten versägt, darunter die Bad Aiblinger Formation Levantino, die auch nicht gerade als Dilettanten-Truppe verschrien ist. Jedenfalls durfte das Elliot Galvin Trio nicht nur die 10.000 Euro Preisgeld einstreichen, sondern vor großem Publikum in der Wackerhalle die Jazzwoche eröffnen. Nicht uneingeschränkt beneidenswert eigentlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Zuschauer nur wegen des zweiten Konzerts, wegen Jamie Cullum gekommen sind. Und trotzdem machten die drei jungen Briten die Leute zu ihrem Publikum, bis auf drei ungustiöse Jamie-Zwischenrufer, die Probleme haben, Musikern Respekt entgegenzubringen. Respekt ist das Mindeste, was Galvin, Roth und McGradie verdienen. Ehrlichen Respekt, auch wenn ihre Musik mit Sicherheit nicht jedermanns Sache ist. Selbst beim Vorbeihören müsste klar werden, dass da Spitzenpersonal an den Geräten sitzt und steht, bestens ausgebildete Virtuosen, Meister trotz ihrer Jugend. Viel anderes als Musik dürften die Drei in ihrem Leben noch nicht gemacht haben. Jedenfalls, wenn man vom Einband aufs Buch, vom Erscheinungsbild auf die Könnerschaft schließt. Wer nicht weiß, wie er sich einen Nerd vorzustellen hat, der sollte einen Blick auf Galvin werfen: Der ist eher blass, eher schmächtig, trägt eine Nerd-Brille, Nerd-Koteletten und einen Nerd-Kinnbart. Wäre er kein Pianist, müsste er Programmierer sein. Oder vielleicht ein Snowden. Im ersten Anklang mag die Herangehensweise Galvins an seine Musik auch so strategisch-strukturiert sein, wie ein ComputerSpezialist seinen Job angeht. Gut, die drei Künstler sind Briten und als solche der europäischen Jazztradition verhaftet. Die gilt nun mal bisweilen als akademisch, verkopft, auf Teufel komm raus filigran und virtuos bis an die Grenze des Erträglichen. Jazz, dem man die

animalische Wärme entzogen hat. Das trifft’s aber beim Elliot Galvin Trio so gar nicht. Der akademische Hintergrund ist zwar immer zu erspüren, aber Galvin, Roth und McGradie lassen dieses Stadium weit hinter sich. Nicht die Lehre und die Theorie stehen im Zentrum – die Drei spielen. Wie die Kinder, die beim Spiel kognitive und motorische Fähigkeiten entwickeln. Sie nehmen den Baukasten der neueren Musikgeschichte und puzzeln drauf los, zerlegen Althergebrachtes und bauen es neu zusammen. Sie spielen mit der Tradition, mit der Auffassung, wie Musik zu klingen hat, und mit den Hörgewohnheiten ihres Publikums. Sie spielen, weil sie Spaß dran haben, Spaß am Neuen, am Unerwarteten und an der Spannung, die sie beim Zuhörer aufbauen. Wenn er sich denn drauf einlässt. Ihre Musik fordert, Easy-Listening ist das nicht. Das Publikum hört die Eigenkompositionen wachsen, sie fügen sich aus scheinbar willkürlich gesetzten Tönen und Tempi zusammen, sie schwellen an, es wird melodiös – um dann urplötzlich abzureißen. Und alles löst sich in Dissonanzen auf. Dabei sind die Künstler – trotz oder gerade wegen ihrer Virtuosität – extrem sparsam. Da wird kein Ton zu viel gesetzt, sie sind Meister des Weglassens. Das spiegelt sich schon in den Titeln der Werke wider: Eine Komposition in A-Dur heißt einfach „A Major“, die Variation über einen Blues heißt „Blues“. Kein unnötiger Zierrat, kein Blendwerk, keine Ablenkung vom Wesentlichen. So sehen Kernmusiker aus. Noch nicht einmal der schöne, der reine Klang spielt eine tragende Rolle. Die Ausdrucksmöglichkeiten des Klaviers sind ausgereizt? Von wegen. Galvin wirft seinen kompletten Werkzeugkasten in den Bauch des Bösendorfers, nur um Klänge zu erzeugen, die eben nicht schön und rein sind. Der Flügel klingt wie ein RummelplatzWalzenklavier, dessen Notenrolle einem Fliehkraft-Test unterzogen wurde. Wenn das nicht reicht, dann bedient sich Galvin eines Spielzeugklaviers. Das klingt wirklich nervenaufreibend naiv. Roth packt allerlei Utensilien, Dosen, Ketten und Blechschachteldeckel auf die Trommelfelle. Es scheppert und klingelt, aber es passt, weil’s gleichzeitig nicht passt. Spannend ist das immer und oft auch ziemlich witzig. Da kündigt Galvin das Stück „Periodical Cicada“ an, erzählt, das die Komposition der nordamerikanischen Siebzehnjahr-Zikade gewidmet ist, die 17 Jahre braucht, um sich voll zu entwickeln. Nach einem Bass-Schlagzeug-Donnergrollen lässt Galvin die Finger über die Tasten flitzen, er spielt eine wieselflinke Melodie, ein leichter Beckenschlag – und aus. 17 Jahre braucht die Zikade, „Periodical Cicada“ keine 15 Sekunden. Originell, einzigartig – vom Elliot Galvin wird mit Sicherheit noch zu hören sein.

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Die Bühne ist nicht genug: Cullum geht ab

Auftakt der 45. Internationalen Jazzwoche Burghausen: Volles Haus, voll auf die Ohren und direkt in die Beine Wie erklärt man das Phänomen Jamie Cullum? Hmm. Cullum ist ein Michael Bublé – aber mit Stimme. Cullum misst 1,64 Meter, sein Ego aber mindestens 2,65. Cullum ist ein Schwiegermuttertyp wie Markus Lanz, aber sympathisch. Er ist ein Poser wie Axl Rose, Billy Idol und alle ehemaligen, gegenwärtigen und zukünftigen Bandmitglieder von Kiss zusammen, aber charismatisch. Er lacht spitzbübisch locker wie der Michel von Lönneberga und verausgabt sich wie ein Marathonläufer im Endspurt. Nur, damit man mal eine vage Vorstellung hat. Cullum ist der Star des jungen Jazz in England, seit mehr als zehn Jahren produziert er jazz-untypische Chartplatzierungen im Vereinigten Königreich. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er bei der Burghauser Jazzwoche aufschlagen würde. Lang hat’s zwar gedauert, aber immerhin. Der – ähem – Mut der IG Jazz, den 33-Jährigen zu engagieren, wurde prompt belohnt: Die Wackerhalle war zum Auftakt der 45. Internationalen Jazzwoche ausverkauft. Wie zu erwarten war. Was ist Jazz? Wenn alte Männer auf der Bühne rumsitzen, jeder virtuos was anderes spielt, dazu ab und an eine mehr oder minder mächtige Sängerin im Mezzosopran drüberphrasiert und im Publikum angegraute Damen und Herren wohlwollend applaudieren. Genau, das ist Jazz. Auch. Oder ganz anders: Wenn fünf junge Männer auf der Bühne loslegen, als gäb’s kein Morgen mehr, der eine – Thomas Richards – wechselt zwischen Saxofon, Keyboards, Percussion und Mikrofon, der Nächste – Rory Simmons – spielt Gitarre, Trompete, Percussion, Synthie und singt, der Dritte – Laurence Garratt – tauscht erst den Kontragegen einen E-Bass, um dann die Percussions zu übernehmen oder zu singen. Der Vierte – Bradley Webb – ist eher statisch. Liegt an

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seinem Instrument. Das Schlagzeug schränkt die Bewegungsfreiheit doch ein wenig ein. Aber zumindest singt auch er – offenbar ist er mit Hand- und Beinarbeit allein nicht ausgelastet. An und für sich wär da also schon ziemlich Dynamik drin, jeder ist Multitasker, kann vieles, und das richtig gut. Ach was – die blasen das Publikum um und weg, jazzmäßig, funk-, soul-, rockmäßig und maßlos. Volle Lotte Jazz & Co., aber so was von zeitgemäß.


Schwer beeindruckend, was die auf der Bühne leisten. „Performance“ nennt man das wohl entsprechend zeitgeistig. Die Herrschaften „performen“ sich die Hände und Lippen wund, sehr zur Freude der geneigten – und es gibt völlig zu Recht fast ausschließlich geneigte – Zuhörer, übrigens alles andere als nur im Laufe der Jazzgeschichte ergraute Damen und Herren. Doch einer stellt alle in den Schatten – der Fünfte im Bunde. Besser noch: Cullums besagtes Ego. Wenn der in der Sonne steht, trifft kein Strahl mehr irgendjemanden, der sich in seinem Dunstkreis von hier bis München Ostbahnhof aufhält. Der Bösendorfer-Flügel der IG Jazz hat schon einiges mitgemacht. Cullum aber ist ein echter Härtetest für das ehrwürdige Instrument. Der beansprucht den Kasten in Gänze, nicht nur die 88 Tasten, und zwar alle. Nein, beherzt greift Cullum schon mal ins zartbesaitete Innenleben und spielt damit Harfe oder Zither oder was auch immer. Oder er nutzt das Flügelholz als Schlagzeug. Und wenn der Bühnenrausch sich Bahn bricht, dann steigt der 33-Jährige dem Bösendorfer aufs Dach, um dann runterzuspringen. Der pure Übermut. Cullum spielt aber auch auf dem Flügel, so wie’s der Erfinder einst geplant hat. Zumindest so ähnlich, manchmal ein bisserl wilder. Und dann singt er natürlich, mit seinem charakteristischen finalen Gaumensegel-Kratzen ab und an. Unverwechselbar macht ihn das, und es hebt ihn weit, weit ab von allen, die sich in der jüngeren Vergangenheit als Crooner versucht haben. Pianist, Sänger – reicht das? Wo doch die Kollegen mindestens drei Bühnenandockstellen haben, je nach Aufgabe. Natürlich reicht das nicht. Da wären noch das Rhodes-Piano und die Trommel. Und Cullums Rolle als Entertainer. Ab dem ersten Takt, ab dem ersten Basswummern ist er da. Anlauf-

schwierigkeiten? Kennt er nicht. Handbremse? Hat er nicht. Schon beim zweiten Stück besteigt er zum ersten Mal den Flügel, beim dritten hat er die Leute so weit, dass sie endphasen-enthusiasmiert mitklatschen. Es geht ab. Jazz, Pop, Soul, leise, laut, schnell, langsam, allein, mit der Band, egal. So ein Jazzer will sich – zumal in dem Alter – bewegen. Die nicht kleine Bühne in der Wackerhalle böte dafür Gelegenheit genug. Doch: Die Bühne ist nicht genug. Cullum springt runter, nimmt ein Bad in der Menge, singt und tanzt sich durch den Saal, bleibt vor der Tribüne stehen und gibt für ein junges Paar ein paar Takte Privatkonzert. Die beiden himmeln ihn an, was vor allem für den jungen Mann noch zum Problem werden dürfte, wenn seine Freundin das im Fernsehen sieht. Live hatte sie dazu keine Gelegenheit, sie war ja selber mit Himmeln beschäftigt, wofür dank der Videoleinwände die vollständige Wackerhallenbelegschaft Zeugnis ablegen wird. Zwischendurch gibt’s immer wieder mal Komplimente für die Stadt Burghausen im Allgemeinen und das Jazzfestival im Speziellen. Cullum lässt nichts aus, er muss die Sympathien des Publikums, des Veranstalters und des ganzen Rests gar nicht pflücken. Nachgeschmissen werden sie ihm. Ein 1,64-Meter-Charmebolzen, und dabei ist er in seiner Musik cool wie ein Eimer flüssigen Stickstoffs. Oder heiß wie Weißglut. Für seinen allerersten Hit „Twentysomething“ löst er dann auch noch die seit 45 Jahren tradierte Sitzordnung auf – die auf der Bühne und die unten im Saal. Die Gemeinde versammelt sich an der Bühnenkante, singt, tanzt, zappelt, reißt die Arme in die Höhe, klatscht. Cullum hat sie alle im Griff. Das Phänomen Cullum, Entertainer, Musikmagier, Lausejunge.

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Ein atemberaubendes Präzisionsgebläse

Die Blassportgruppe fetzt im k1-Studio und der Sänger hat ein Megafon. Und ein zu knappes Trikot. Die Mannschaft ist taktisch auf der Höhe der Zeit. Das 4-2-3-1-System hat sie verinnerlicht. Schnelles Umschaltspiel? Überhaupt kein Problem. Die Männer verschieben und pressen, dass es eine wahre Freude ist. Und grad beim Pressen merkt man, dass die gewaltig Druck auf dem Ventil haben. Nur einer bekommt leider keinen rechten Zugriff aufs Spiel – seine Vollstreckerqualitäten lassen doch zu wünschen übrig. Ansonsten ist das ganz großer Sport, den die Blassportgruppe im k1 abgeliefert hat. Blassportgruppe – wenn das mal kein Hinweis darauf ist, wie das Dezett Musik begreift. Klingt nach Hochleistungsmusik, mannschaftsdienlich umgesetzt. Nach tropfendem Schweiß und viel Bewegung. Und genau so ist es, in dieser Reihenfolge. Die einzelnen Mannschaftsteile glänzen mit einem dynamischen Spielverständnis und variablem Spiel. Die Vierer-Abwehrreihe passt auf, dass der Spielaufbau geordnet abläuft: Stefan Hering Cerin an der Basstrommel und Christian Huber an der Snare sind Blassportler nur auf den zweiten Blick: So wie die abgehen, kommen sie durchaus ins Pusten und Blasen. Ihnen zur Seite steht einer, der richtig viel Luft bewegt: Matthew Bookert am Sousafon. Die Hintermannschaft komplettiert Sven Pudil am Baritonsax. Spiele gewinnt man vorne. Mustergültig wechseln sich die fünf Akteure des äußerst offensiv ausgerichteten Mittelfeldes ab, hier strahlt die Blassportgruppe, hier gleißt und glänzt und blinkt sie. Brillant spielen sich Felix Fromm und Franz Johannes Goltz (Posaunen), Joe Reinhuber (Sax), Alexander Hartmann und Christoph Moschberger (Trompeten) die Bälle zu. Das ist musikalisches Kurzpassspiel auf allerhöchstem Niveau. An Spielermaterial ist das bislang allererste Sahne, alles Künstler am Gerät, Virtuosen gar. Die riberysieren, kroosen und schweinsteigern, dass es eine wahre Freude ist. Nur die Spitze lahmt ein wenig – und das ist nicht vom Philipp abgeleitet, bewahre. Die ist mehr so ein Mario Gomez aus dem 2008er EM-Gruppenspiel gegen Österreich. Zweieinhalb Meter vorm Tor und mit Karacho drüber die Pille. Ein sicherer Chancentod, vermutlich mit soliden Anlagen, aber er bringt sie nicht wirklich auf den Platz. Patrick Kukwa hat’s schwer, muss sich mit seiner Stimme gegen sieben Bläser und zwei Schlagzeuger behaupten. Er hat aber auch nur so ein Dutzendorgan, kennt man zu hunderten. Das allein wäre durchaus noch gut erträglich, würde er nicht dauernd mit einer Flüstertüte durch die Musik grätschen. Einmal bringt er durch unkontrolliertes Kreischen ins Megafon rund 75 Prozent des Publikums an den Rand eines Hörsturzes. Das kann der medizinischen Grundversorgung des Landkreises

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schon ihre Grenzen aufzeigen. 15 Hörstürze en bloc, da rotiert die Notaufnahme. Das Megafon hat außerdem die unangenehme Eigenschaft, dass es auch sonst noch nervige Signaltöne von sich geben kann. Davon macht Kukwa mit windmühlenartig rudernden Armen ausgiebig Gebrauch. Wobei das Armrudern zwei Funktionen hat: Zum einen zeigt es, dass es tatsächlich der Sänger ist, der für die Geräuschergänzung verantwortlich ist, und zum anderen bietet es die gern genutzte Gelegenheit, das knappe Trikot bis zum Bauchnabel hochrutschen zu lassen und das nicht vorhandene Sixpack zu präsentieren. Wenn mal ein Stück ohne ihn auskommt – kaum vorstellbar eigentlich –, dann verlässt er gern die Bühne, Tür auf, Tür zu, Tür auf, Tür zu, während sich seine Kollegen voll reinhängen. Man merkt halt schon, wer der wirklich Star der Truppe ist. Genauer: Vermutlich merkt er’s exklusiv. Die Blassportgruppe funktioniert hervorragend ohne Gesang. Die Stück sind blitzsauber durcharrangiert, das hat Zug, Witz und Charme. Die Musiker überschlagen sich schier in ihrer Improvisationslust. Mit Esprit hat sich Arrangeur Fromm einiger wohl- und zu wohlbekannter Stücke angenommen und bewiesen, dass man auch aus abgegriffenem Material noch etwas Feines zaubern kann. Die Resteverwertung ist – ein bisschen angejazzt, aufgepeppt und zugespitzt – meistens viel erfreulicher als das Original. Und wenn das schon was taugte, dann ist die Blassportgruppen-Version zumindest gleichwertig. Ohne Gesang, versteht sich. Das liegt nicht nur am Sänger, sondern auch an den Texten. Die sind meistens aufgesetzt lustig. Aus Jimi Hendrix‘ „Crosstown Traffic“ wird „Muttersöhnchen“, aus „Everybody“ von den unsäglichen Backstreet Boys wird ein unsägliches „Körperklaus“. Aber weil man keine reine Gaudi-Band ist, macht man auch was mit Tiefgang. Zum Beispiel „Solange man Träume noch leben kann“ von der Münchener Freiheit, da wird der Originaltext beibehalten. Musikalisch ist das super, die Blassportgruppe schöpft das Potenzial des Liedes voll aus. Was überrascht, weil bislang noch gar nicht bekannt war, dass es musikalisches Potenzial hat. Aber den sagenhaften intellektuellen Tiefgang von „Ein Jahr ist schnell vorüber, wenn der Regen fällt…“ kann man sich auch schenken. Da braucht‘s kein Münchener-Freiheit-Gewinsel. Dagegen ist die Leistung Kukwas bei „Feuerwerk“, einer Coverversion von Katy Perrys „Firework“ adäquat. Mit dem Stück ist auch die Originalinterpretin stimmlich überfordert. „Give It Away“ von den Red Hot Chili Peppers vertont er komplett durch den Lautsprecher. Die Stücke sind atemberaubend arrangiert – nur überkleistert der Gesang einiges an Finessen. Schade eigentlich.


Alles, nur kein Kabarett