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OUT OF THE WILD

OUT OF THE WILD A r c h i t e k t u r t h e o r i e W i n t e r s emester 2008/09

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander

Reader

Manuel de Landa


OUT OF THE WILD

CONTENTS

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa

Otto Neurath Julia Geiger, Sandra Kohlfürst: Die Einheitswissenschaft nach Otto Neurath

4

Christine Lanbach, Birgit Macher: Isotype und das Streben nach Glück

18

Florian Frank, Johannes Gregor Zöschg: Ein Humanist im Konflikt

36

Vasily Koliusis: Otto Neurath strikes back

47

Friedrich Kiesler Heidi Beikircher, Sylvia Baumgartner: Auf den Spuren des Endless House

64

Stefan Graf, Sabrina Negri: Revolutionierter Raum - Friedrich Kiesler und Her-

76

bert Bayer Michael Hörl, Veronika Tribus: InSide - Out

89

Alexandra Gasser und Christopher Perktold: Friedrich Kiesler & Marcel Duchamp

101

Christopher Alexander Andreas Damhofer, Kerstin Teubner: Vom Archetyp zum generativen Prozess

114

Lea Spindler, Birgit Ströbitzer: Patterngebäude

127

Alexander Gogl, Markus Rampl: Die Widersprüchlichkeit der Theorie

151

Christoph Planer, Sabine Schöser: Christopher Alexander - oder warum wir auch

158

noch den Schatten besiegen müssen Manuel De Landa Armin Colz and Ute Niedermayr: Das Machinic Phylum

167

Hannes Erharter, Miriam Dobler: History strikes back

173

Stefanie Budweiser, Hannes Pernthaler: Who’s your daddy?

186

Arno Hofer: Neo-Materialismus und soziale Revolution

195


3 OUT OF THE WILD

Otto Neurath

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa


4 OUT OF THE WILD

D i e E i n h e i t s w i s s e n s c h a f t nach Otto Neurath

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander

b y Julia Geiger, Sandra Kohlfürst

Um diese Fragestellung näher zu untersuchen, soll zunächst eine allgemeine Einführung über Otto Neuraths Werk und über die Einheit der Einheitswissenschaften erklärt werden. Im weiteren Verlauf wird seine für die Einheitswissenschaft entworfene Sprache erläutert. Abschließend wird über die Anwendung gesprochen.

1. Allgemeine Einführung über Neuraths Werk der Einheitswissenschaft Otto Neurath arbeitete an vier großen Themenkomlexen, welche Nationalökonomie, Sozialismus, Bildstatistik und Volksbildung, sowie Einheitswissenschaft und Logischer Empirismus sind. Im Themenkomplex Einheitswissenschaft (EW) laufen alle Bestrebungen Otto Neuraths zusammen. Der Entwurf der Einheitswissenschaft basiert auf dem Logischen Empirismus, er synthetisiert den Gedanken der Planung aus seinen ökonomischen Schriften, den Gedanken der Utopie aus seinen sozialreformerischen Schriften und den Gedanken einer einheitlichen Sprache, die seiner Bildstatistik zugrunde liegt. Die Erörterung seiner Theorie von Sprache und Wahrheit findet sich in der Einheitswissenschaft wieder. Obwohl Otto Neurath schon in den frühen zwanziger Jahren den Plan einer illustrierten Enzyklopädie über alle Wissensgebiete verfolgte, findet sich der Begriff der „Einheitswissenschaft“ in seinen Publikationen erst ab 1929. Im Manifest des Wiener Kreises „Wissenschaftliche Weltauffassung – der Wiener Kreis“ von Neurath, Hans Hahn und Rudolf Carnap anlässlich der Gründung des Vereins „Ernst Mach“ wird definiert: „Wissenschaftliche Weltauffassung ist nicht so sehr durch eigene Thesen charakterisiert als durch die grundsätzliche Einstellung…Als Ziel schwebt Einheitswissenschaft vor. Bestreben geht dahin, die Leistungen der

Manuel de Landa


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einzelnen Forscher auf den verschiedenen Wissenschaftsgebieten in Verbindung und Einklang miteinander zu bringen. Aus dieser Zielsetzung ergibt sich die Betonung der Kollektivarbeit. Hieraus auch die Hervorhebung des intersubjektiv Erfassbaren, hieraus entspringt das Suchen nach einem neutralen Formelsystem, einer von den Schlacken der historischen Sprachen befreiten Symbolik, hieraus auch das Suchen nach einem Gesamtsystem der Begriffe. Sauberkeit und Klarheit werden angestrebt, dunkle Fernen und abgelegene Tiefen abgelehnt; Überall ist Oberfläche: alles Erlebte bildet ein kompliziertes, nicht immer überschaubares, oft nur im Einzelnen fassbares Netz.“1 Ersichtlich wird, dass die damit verbundenen Fragestellungen sprachanalytischer und erkenntnistheorethischer Art Neuraths Veröffentlichungen von 1930-1945 dominieren. Auf philosophischem Gebiet begnügte er sich nicht nur mit theoretischen Ausführungen. Unter anderem war er ab 1935 der Chef des Herausgeberkomitees der „Internationalen Enzyklopädie der Einheitswissenschaften“. Zwischen 1933 und 1938 schrieb er an seiner Schriftenreihe „Einheitswissenschaft“. Ähnliche Überlegungen wie Otto Neurath hatten zuvor schon Gottfried Leibniz und Bertrand Russell: Leibniz (1646-1716) versuchte, eine Art universalen „calculus“ zu schaffen, der zu einer Synthese der Wissenschaften führen sollte. Für ihn war mathematisches Vorgehen wichtig, nicht das Philosophieren. Mit einer Enzyklopädie wollte er theologisches und wissenschaftliches Denken verständlich machen. Ein weiterer Antimetaphysiker war Russell (1872 – 1970). Bei ihm kamen Logik und Empirismus zusammen. Er beeinflusste den Wiener Kreis, dessen Mitglieder darüber abstimmten, dass Wissenschaft und philosophische Formulierungen voneinander getrennt zu halten sind. Russell machte deutlich, dass über der Wissenschaft keine Philosophie existiert, die den Einzelwissenschaften Anweisungen gibt oder gar deren Grundlage ist. Mit diesem Hintergrund entwickelte Neurath seine Idee der Einheitswissenschaft, mit der er durch die Verbindung der Wissenschaften die Menschen bereichern wollte. Auch in diesem Themenkomplex erkennt man seine Intention nach Glück zu streben.

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Frank Hofmann-Grüneberg, „Otto Neurath: Sprache und Wahrheit in der Einheitswissenschaft“, in: Josef Speck (Hrsg.), Grundprobleme der großen Philosophen der Neuzeit 6, Vandenbroeck & Ruprecht, Göttingen, 1992, S.182-221


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2. Einheit der Einheitswissenschaft Neurath: „Ich vertrat, in anderen Worten, die Ansicht, dass wir die Wissenschaft als eine Masse empirischer Sätze aufbauen müssen und alle sie betreffenden Probleme im Rahmen des wissenschaftlichen Ansatzes erörtern müssen.“2 Die Einheit der Einheitswissenschaft ist antimetaphysisch. Neurath ist gegen eine theologisch-philosophische, hierarchische Einteilung der Welt, das heißt, es soll keine höchste Einheit (Bsp. Gott) geben. Weiters besteht die Einheitswissenschaft aus einer Gesamtheit von Sätzen und Aussagen. Sprachlich knüpft sie an die ersten Anfänge menschlicher Sprache an und hat somit eine verankerte Tradition. Es werden Aussagen mit anderen Aussagen verglichen und konfrontiert. Eine Aussage besteht nur dann, wenn man sie eingliedern kann. Ansonsten ist sie unrichtig und wird abgelehnt. Neurath macht deutlich: „Sinnlose Sätze zu eliminieren wurde zu einer Art Spiel, und es machte mir Spaß, wenn ich bei unseren Sitzungen über Wittgensteins Arbeit, der wir soviel verdanken, Sätze ‚sinnlos‘ nennen konnte. Aber bald verspürte ich Unbehagen…“3 Nach Neurath sollten diese unrichtigen Aussagen oder auch Sinnlosigkeiten allerdings so lange abgeändert werden bis auch sie einzugliedern sind. Damit versuchte er zu verhindern, unrichtige Aussagen einfach nur zu löschen. Nach Neurath haben Sinnlosigkeiten in einem korrekten einheitswissenschaftlichen Werk keinen Platz. Beispiele für solche Sinnlosigkeiten sind etwa die Sätze: „Ein blauer Vogel ist ein nichtblauer Vogel“ oder „a ist um 1m höher als b und gleichzeitig b um 1m höher als a“. Kommt es nun zu einem Widerspruch so soll der bestehende Satz geändert, beziehungsweise der neue Satz ausgeschalten werden. Mitglieder des Wiener Kreises schlugen vor, das Wort „Philosophie“ fallenzulassen und es zu ersetzen. Wissenschaftlich waren nun alle „sinnvollen“ Sätze, der Rest war „sinnlos“. Neurath war gegen diese Vorgehensweise. Sein Ziel war die wissenschaftliche Sprache, in welcher es keine „sinnlosen“ Sätze gab, da sie zu „sinnvollen“ Sätzen transformiert oder von vornherein eliminiert werden. „...dafür hielt ich den nicht besonders gebräuchlichen Terminus ‚Einheitswissenschaft‘ für geeignet.“4

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Otto Neurath, „Die Einheitswissenschaft und ihre Enzyklopädie“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.777-786 3

Otto Neurath, „Die Orchestrierung der Wissenschaften durch den Enzyklopädismus des Logischen Empirismus“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-PichlerTempsky, Wien, 1981, S.997-1009 4

Otto Neurath, „Die Orchestrierung der Wissenschaften durch den Enzyklopädismus des Logischen Empirismus“, op.cit., S.997-


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Metaphysisch und damit sinnleer sind: - Sätze, die verschiedene Ebenen in der Wirklichkeit ausdrücken; - Sätze, die über das Verhältnis von Sprache (=Erkennen) und Wirklichkeit als ein Verhältnis zwischen zwei verschiedenen Seinsarten sprechen; - Sätze, die die Realität auf eine abstrakte Einheit bringen (=> übergeordnetes Prinzip) Sowohl die sinnleeren, metaphysischen, als auch die sinnvollen Aussagen lassen sich in drei Klassifikationen gliedern: die Wirklichkeitsaussagen, die Unwahrheiten und die Halluzinationsaussagen. Neurath definiert, dass Unwahrheiten das Sprachzentrum erregen, und Halluzinationsaussagen das Wahrnehmungszentrum. Wirklichkeitsaussagen sind Protokollsätze, die Anerkennung finden. Das wiederum hängt davon ab, ob sie mit anderen Aussagen in Konsistenz gebracht werden können. Es soll ein Netz von Aussagen entstehen, indem es keine Rangabfolge gibt. Alles ist gleichwertig. Es soll möglich sein, „…alle Thesen durch Beobachtungsaussagen zu kontrollieren, aber fern von jedem Absolutismus auch die Grundsätze dieser Kontrolle abzuändern,…“5 Neurath will eine Einheitswissenschaft, die einen nicht-absolutistischen Charakter hat und somit nicht durch ein letztes theoretisches Prinzip begründet wird. Hier sind die Vielfältigkeit und die Unbestimmtheit wesentlich. Diese Unbestimmtheit lässt sich auch in der Sprache wiederfinden und allgemein in der gesamten Wissenschaft. Es gibt keine tabula rasa, an die sich der Wissenschaftler halten kann, schon allein deshalb ist die Bemühung um eine Einheitlichkeit notwendig. Die Vereinheitlichung der Technik der Produktion, des Verkehrs, des Krieges ist ähnlich der Vereinheitlichung der Wissenschaft. So sind etwa Chemie, Mechanik und Optik mit Maschinentechnik verbunden. Im Gegensatz dazu sind Sozialwissenschaften, wo Metaphysik und Theologie eine wichtige Rolle spielen, weniger einheitlich. Die Einheit der Wissenschaft soll nun gemeinschaftliches Arbeiten erzeugen, so dass wissenschaftliches Denken immer bedeutender wird. Aufgabe ist die Abwehr traditioneller Metaphysik, vor allem traditionelle Theologie und traditioneller Anthropomorphismus. Ziel ist es: „Die Einheitswissenschaft direkt zu koordinieren, indem man ihre konkreten Beziehungen aufzeigt und nicht indirekt, indem man sie alle unter ein abstraktes System bringt, das zwar allgemein, aber nicht sauber ist.“6

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Otto Neurath, „Einheit der Wissenschaft als Aufgabe“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.625-630 6 Otto Neurath, „Die Enzyklopädie als „Modell““, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.725-738


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Interessanterweise ergibt sich daraus, dass eine internationale Enzyklopädie die Idee der Einheitswissenschaft verkörpern soll. Es ist eine Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, die am wissenschaftlichen Empirismus interessiert sind (Enzyklopädismus). Menschen auf der ganzen Welt sollen für die Enzyklopädie gewonnen werden, die Mitarbeiter und Organisatoren der Enzyklopädie werden in ihrer Tätigkeit angeregt und somit wird diese immer weiterentwickelt. Die Einheit soll in Kollektivarbeit geschehen. Auch wenn Wissenschaftler auf unterschiedlichen Gebieten in verschiedenen Ländern arbeiten, ist ein erfolgreiches Zusammenarbeiten gesichert.

3. Sprache der Einheitswissenschaft Für eine weitere Untersuchung des Themas soll im weiteren Verlauf der Universalslang als wichtiger Bestandteil der Einheitswissenschaft behandelt werden. Otto Neurath kritisiert die Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, weshalb er es als zentrale Aufgabe sieht, eine einheitliche Sprache zu entwerfen, die er Universalslang nennt. Eine Enzyklopädie, „eine provisorische Ansammlung“ des gesamten Wissens einer Epoche, bietet für ihn das wahre Modell der Wissenschaften in ihrer Gesamtheit. Damit verfolgte er die pädagogische Absicht, die Wissenschaft für die breite Masse verständlich zu machen.7 Für Neurath ist eine einwandfreie Gestaltung der wissenschaftlichen Sprache wichtig. Mit einer wissenschaftlichen Sprache kann die Einheitswissenschaft aufgebaut und Querverbindungen geschaffen werden, damit sich Termini jeder Wissenschaft auf Termini anderer beziehen können. Eine Vereinheitlichung der Sprache soll keine neuen Erkenntnisse über das Wesen der Welt vermitteln, sondern bestimmen, dass alle Wissenschaften mit derselben Methode arbeiten. Keine Wissenschaft darf auf andere Gegenstandsbereiche nicht übertragbare Verfahren anwenden. Beispielsweise dürfe die Philosophie keine nur für die Philosophie verständliche Vokabeln verwenden, wenn diese zum Beispiel in der Physik nicht auch verständlich und anwendbar seien. Die Einheitssprache der Wissenschaft ist nach dem Muster der Physik aufgebaut, das heißt nach der „These des Physikalismus“. Alle Sätze werden durch Beobachtungsaussagen kontrolliert. Untersucht wird die Struktur der Sätze, es soll die Umformung

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Frank Hofmann-Grüneberg, „Otto Neurath: Sprache und Wahrheit in der Einheitswissenschaft“, op.cit., S.182-221


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von Sätzen in einer „Mathematik der Sprache“ gezeigt werden. Der Begriff „prima facie“ bedeutet Physikalismus, die physikalistische Sprache einer Universalsprache der Wissenschaft. Die Definition von Neuraths Begriff des „Physikalismus“ ist: Neurath versteht im Gegensatz zu Carnap darunter „nicht nur eine spezielle These“ (dass alle Wissenschaften in der Sprache der Physik formulierbar sind), sondern eine „Gesamtauffassung“8 über die wissenschaftliche Methode. Physikalismus hat insofern mit der Physik zu tun, als im Physikalismus „mit dem räumlich-zeitlichen System…operiert wird, das dem der Physik entspricht“9. Nach Neurath sind die Träger, das heißt die wichtigsten Bestandteile des Universalslangs, dieses räumlichzeitlichen Systems die klar formulierten Protokollsätze, welche deshalb die Garanten des Physikalismus sind, weil sich durch sie die sinnlose Redeweise vom „Vergleich mit der Wirklichkeit“ erübrigt: „Dass man nicht Sätze mit Fakten vergleicht, ist wesentlich für den Physikalismus, der innerhalt der Sprache bleibt, wenn er von logischer Korrelation spricht.“10 Dies bedeutet, dass durch den streng festgelegten Aufbau der Protolkollsätze, welche später erläutert werden, sinnlose Aussagen vermieden werden. Dieser Universalslang besteht aus der Philosophie der idealen Sprache und der Philosophie der natürlichen Sprache. Die ideale Sprache bedeutet, dass durch Axiome Definitionen selbst geschaffen werden, die die philosophischen Probleme in Exaktheit lösen. Die natürliche Sprache wiederum besteht aus der Analyse und Beschreibung von historisch gewachsenen Sprachen. Man soll von der Alltagssprache ausgehen, so Neurath, von gebräuchlichen Ausdrücken von mittlerer Allgemeinheit, und dann mit der wissenschaftlichen Arbeit einsetzen. Die historisch gewachsene Sprache soll als Basis dienen, weil die wenig präzisen Sätze der Alltagssprache von hoher Beständigkeit sind und die Alltagssprache wegen Mangels an Präzision erlaubt, auch vorläufige, nur grob formulierte Regelmäßigkeiten sprachlich auszudrücken. Die These von Neurath besagt, dass die alltägliche Sprache einiger Modifizierungen bedarf, um als Universalsprache geeignet zu sein. Die historische Trivialsprache besteht aus einer Fülle von unpräzisen, nicht analysierter Termini. Nach Neurath soll sie von metaphysischen Bestandteilen gereinigt werden, woraus eine physikalistische Trivialsprache entsteht. Die physikalistische hoch-wisschaftliche Sprache ist von vornherein metaphysikfrei und wird nur für

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Frank Hofmann-Grüneberg, „Otto Neurath: Sprache und Wahrheit in der Einheitswissenschaft“, op.cit., S.182-221 9

Otto Neurath, „Soziologie im Physikalismus“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.533-562 10

Brief von Otto Neurath an Rudolf Carnap vom 28.5.1935


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bestehende Wissenschaften verwendet. Neuraths Ziel ist es, die Termini der Trivialsprache mit Termini der hochwissenschaftlichen Sprache zu verbinden, was dazu führt, dass in der Praxis Termini beider Sparten sich überschneiden. In einer wissenschaftlichen Abhandlung, die das gesamte Gebiet der Einheitswissenschaft berührt, kann nur ein Slang verwendet werden, der Termini beider Sprachen enthält.11 Somit unterscheidet sich der Universalslang in zwei Punkten von der historisch gewachsenen Alltagssprache. Einerseits fehlen metaphysische Begriffe, die keinen empirischen Gehalt oder kein logisches Argument besitzen, und andererseits gibt es eine Tendenz, unpräzise Begriffe durch exaktere zu ersetzen. Vorbild sind die Sprachen der exakten Wissenschaften. Neurath will die Alltagssprache nicht in physikalistische Sprache übersetzen, sondern durch den Universalslang ersetzen. Somit wird der Universalslang zur Alltagssprache. Er sagt: „Wir werden den von Metaphysik gereinigten Universalslang…von Anfang an die Kinder lehren. Jedes Kind kann so dressiert werden, dass es mit einem vereinfachten Universalslang beginnt und allmählich zum Universalslang der Erwachsenen fortschreitet“.12 Es ist widersprüchlich, Einflüsse, denen die gesprochene Sprache unterworfen ist, derart zu kanalisieren, dass die Sprache immer exakter, wissenschaftlicher wird. Er glaubt nicht an ein Ideal der vollkommenen Sprache, da der Veränderungsprozess prinzipiell nicht abgeschlossen werden könne. Neurath glaubt auch nicht an eine „Tabula rasa“. Eine „Tabula rasa“ bedeutet, dass die menschliche Seele in ihrem ursprünglichen Zustand existiert und zuerst Eindrücke der Außenwelt empfangen muss. Wichtig für die Universalsprache ist auch die Struktur der Protokollsätze. So besteht die Einheitswissenschaft, von Tautologien abgesehen, aus Realsätzen, welche „Protokollsätze“ und „Nicht-Protokollsätze“ genannt werden. Neurath bemüht sich, für die Einheitswissenschaft ein widerspruchsloses System aus Protokoll- und Nicht-Protokollsätzen zu schaffen. Zwei einanderwidersprechende Sätze können in der Einheitswissenschaft nicht verwendet werden, weil sich nicht beide bewähren können, dass heißt, dass nicht beide Sätze wahr sein können. Er betont, dass Protokollsätze nicht prinzipiell von anderen Sätzen der Wissenschaftssprache verschieden seien.

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Otto Neurath, „Protokollsätze“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.577-585

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Otto Neurath, „Protokollsätze“, op.cit., S.577-585


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Protokollsätze sind Realsätze von der derselben Sprachform wie die anderen Realsätze, doch kommt in ihnen immer ein Personenname in bestimmter Verknüpfung mit anderen Termini mehrmals vor. Die Protokollsätze sind so aufgebaut, dass nach deren Auflösung einzelne Realsätze übrigbleiben, die dann aber keine Protokollsätze mehr sind. Ein Satz wie zum Beispiel „Die Sprungschanze von Hadid ist ein architekturtouristisches Highlight.“ kann kein Protokollsatz sein, weil er nur ein Realsatz ist, und nicht definiert wird, wer protokolliert. Um zum Protokollsatz zu werden, müsste er folgendermaßen lauten: „Unser Protokoll um 10 Uhr und 20 Minuten: [Unsere Feststellung war um 10 Uhr und 19 Minuten: (Die von uns um 10 Uhr und 18 Minuten wahrgenomme Sprungschanze von Hadid ist ein architekturtouristisches Highlight)]“ Protokollsätze sollen Beobachtungen protokollieren, Wahrnehmung festhalten und die Information wiedergeben, wann und wie eine Wahrnehmung stattfand, von wem sie gemacht wurde und von wem und wann sie protokolliert wurde. Ein solcher Protokollsatz besteht aus 3 Bestandteilen: 1. Person und Zeit der Protokollaufnahmen; 2. Person und Art der Wahrnehmung mit Zeitangabe; 3. Person und Inhalt der protokollierten Wahrnehmung mit Zeitangabe. Weitere Beispiele für Protokollsätze sind: „Ottos Protokoll um 3 Uhr und 17 Minuten: [Ottos Sprechdenken war um 3 Uhr und 16 Minuten: (Im Zimmer war ein um 3 Uhr und 15 Minuten ein von Otto wahrgenommener Tisch)]“13 „Peters Aufsatz um 9 Uhr und 27 Minuten: [Peters Gedanken um 9 Uhr und 26 Minuten: (Auf dem Tisch lag ein um 9 Uhr und 25 Minuten von Peter wahrgenommener Stift)]“ Protokollsätze gelten als besonders stabil, sind empirische Sätze von bedeutender Form, weil durch die strenge Einhaltung der Gliederung sowohl die Person als auch die Zeit festgelegt wird. Sie dienen zum Zweck der wissenschaftlichen Kontrolle und zur Säuberung des Universalslangs von unscharfen, empirisch mehrdeutigen Begriffen. Doch auch Protokollsätze bedürfen einer Bewährung. Sie sind fallibel, weil auch Wörter vorkommen, deren Bedeutung von der Gesamtheit aller Aussagen abhängen. Neurath erklärt: „Wahrheit ist nichts, was sich durch den Vergleich zwischen zwei Sätzen begeben könnte.“14

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Otto Neurath, „Protokollsätze“, op.cit., S.577-585

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Frank HofmannGrüneberg, „Otto Neurath: Sprache und Wahrheit in der Einheitswissenschaft“, op.cit., S.182-221


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4. Neuraths Anwendung oder Nicht-Anwendung der Einheitswissenschaft Die Einheitswissenschaft lässt sich nur in wenigen Bereichen wiederfinden. Otto Neurath hat die Theorie der Einheitswissenschaften bei zwei wichtigen Themen verfolgt: Für ein eingehendes Verständnis dessen bietet sich die von Neurath geprägte „Internationale Enzyklopädie der Einheitswissenschaften“ an. Neurath war an der Organisation der Internationalen Kongresse für Einheit der Wissenschaften beteiligt, die zwischen 1935-1939 jährlich stattfanden. Beim 1. Kongress in Paris entstand der Plan einer Internationalen Enzyklopädie der Einheitswissenschaften. Neurath wurde als Chef des Herausgeberkomitees bestimmt, das Mundaneum Institute The Hague 15 bereitete die Enzyklopädie vor. Diese Enzyklopädie sollte aus vier Sektionen bestehen: Grundlagen der Einheitswissenschaft A- B- Systematisierung der Wissenschaften, Integration der Wissenschaften, C- Anwendungsbeispiele. D- Jede Sektion bestand aus mehreren Bändern, jeder Band enthielt 10 Monografien (insgesamt 260). Auch eine Ergänzung von einer 10-bändigen Weltübersicht in Bildern, welche seiner Bildstatistischen Methode nachempfunden ist, war vorgesehen. Es wurden noch 10 Monografien der Sektion A zu seinen Lebzeiten fertiggestellt, 1968 folgten neun weitere, u.a. Thomas Kuhns „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“. 1971 wurde die Sektion A vollständig veröffentlicht. Neurath hatte vorhergesehen, dass nie alles veröffentlicht wird, deswegen wollte er, dass jeder Band ein abgeschlossenes Ganzes bildet. Für ihn war diese Enzyklopädie bedeutend, da sie auf seiner Lehre der Einheitswissenschaft gegründet wurde. Mit dieser Sammlung wurde es erstmals möglich, alle Wissenschaften in derselben Sprache und für jeden zugänglich zu machen. „Das Bestreben, ein System von absoluter Geltung erstellen zu wollen, ist eine Gefahr,…“16 Neurath schlägt vor, den Terminus „das System der Wissenschaft“ nicht mehr zu verwenden. Man soll von der Alltagssprache ausgehen und gebräuchliche Ausdrücke mit mittlerer Allgemeinheit

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Mundaneum Institute The Hague wurde 1933 von Otto Neurath in Den Haag gegründet, wo er ab 1934 seine Bildstatistik weiterentwickelte und am Enzyklopädie-Projekt arbeitete.

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Otto Neurath, „Die Enzyklopädie als Modell“, op.cit., S.725-738


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anwenden, um zur Enzyklopädie als „Modell“ zu kommen. Neurath glaubt, dass es in Zukunft immer wieder neue Enzyklopädien geben wird, somit ist sie nur eine provisorische Ansammlung von Wissen und keine abgeschlossene Arbeit, die als Standard dienen könnte. „Vielmehr haben wir es mit Enzyklopädien zu tun, von denen jede ein Modell der Wissenschaft ist und von denen wir eine in einer bestimmten Epoche anwenden. Die Wissenschaft schreitet von Enzyklopädie zu Enzyklopädie voran. Es ist diese Auffassung, die wir den Enzyklopädismus nennen.“17 Die Enzyklopädie soll ein logisches Gerüst für alle Wissenschaften sein und auf die Einheit hinweisen.Für das alles ist organisatorische Aktivität notwendig: • jährlicher „Internationaler Kongress für Einheit der Wissenschaft“ (Komitee: Carnap, Frank, Joergensen, Morris, Neurath, Reichenbach, Rougier, Stebbing; Sitz: Den Haag). • „International Encyclopedia of Unified Science“ (Leitung: Carnap, Neurath, Morris). Die Enzyklopädie ist dargestellt als vollkommenste Form, ein Instrument, die Gesamtheit der Wissenschaft darzustellen. Sie soll beispielsweise zeigen, wie die Wahrscheinlichkeitsrechnung oder Koordinierungsmethoden auf alle Bereiche der Wissenschaft angewandt werden könnte. Es wurden Mitarbeiter gesucht, die durch gemeinsames Arbeiten versuchen, sich mit Wissenschaftszweige, die bisher abseits standen, wie etwa die Psychologie, die Biologie oder die Soziologie, zu befassen. Wichtiges Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese Wissenschaften mit der Physik eine gemeinsame Sprache haben. Eine Reihe von Heften stellt eine Basis-„Schicht“ dar, denen man weitere „Schichten“ beifügen kann. Es wird notwendig sein, spezielle Arbeiten für den Zweck der Enzyklopädie zu erstellen, damit interne Verbindungen, ihre Einheit und Verknüpfungen aufgezeigt werden. Die Bilder der Enzyklopädie sind standardisierte Elemente, die in einem Zeichenlexikon aufgezeigt werden. Sie zeigen technische, biologische, soziologische und weitere Dinge und werden mit einer Zeichengrammatik kombiniert. Durch die Bildersprache Isotype soll die Enzyklopädie an Verständnis gewinnen.

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Otto Neurath, „Die Enzyklopädie als Modell“, op.cit., S.725-738


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Ein wichtiges Element des „Enzyklopädismus“ ist die Nicht-Klassifizierung der Wissenschaften. Das optimale System und die natürliche Ordnung der Wissenschaft, sowie auch metaphysische Spekulationen werden vermieden. Klassifizierungen sind Unterteilungen, wie beispielsweise „nicht-biologische Wissenschaften“ (Gegensatz: „biologische Wissenschaften“), „abstrakte Wissenschaften“ (Gegensatz: „konkrete Wissenschaften“), „Geisteswissenschaften“ (Gegensatz: „Naturwissenschaften“). Durch diese Klassifizierungen werden wissenschaftliche Entschlüsse oft schon im Vorhinein entschieden. Deshalb ist eine große Anzahl von wissenschaftlichen Einheiten notwendig, um diesen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen.18 Im Weiteren ergibt sich die Frage um sogenannte „Mischwissenschaften“. „Geologie“ ist eine Unterklasse der „physikalischen Wissenschaften“, und daher eine „nicht-biologische Wissenschaft“. Die paläontologische Geologie hingegen ist ein Teil der Geologie und hat biologischen Charakter. Es müssen Zwischenbeziehungen, sowie gemeinsame Gegenstandsbereiche und logische Eigenschaften der wissenschaftlichen Gebiete geschaffen werden. Als weiteres Beispiel für seine Anwendung der Einheitswissenschaft ist die Universalsprache. Otto Neurath wandte die Universalsprache oft im alltäglichen Umgang und auch in diversen Diskussionen des Wiener Kreises an. Dies führte zu der sogenannten „Protokollsatzdebatte“: In der Protokollsatzdebatte diskutierte der Wiener Kreises über Form und erkenntnistheoretische Stellung von Protokollsätzen und deren Rolle bei der Überprüfung wissenschaftlicher Theorien. Wichtig waren dabei Otto Neurath, Rudolf Carnap und Moritz Schlick. Die bis dahin feste Auffassung der empirischen Basis der Beobachtungsaussagen wurde durch den Fallibilismus (= es kann in einem bestimmten Erkenntnisbereich keine absolute Gewissheit geben, weil es sich niemals ausschließen lässt, dass das, was als wahr akzeptiert wird, falsch sein könnte: das heißt, dass wir uns immer irren können) ersetzt. Man wand sich von Korrespondenztheorien ab und zu einer Kohärenztheorie hin. In der Korrespondenztheorie der Wahrheit sind Aussagen genau dann wahr, wenn sie mit den Tatsachen in der Welt übereinstimmen (korrespondieren). Kohärenztheorien der Wahrheit befassen sich mit Aussagen, die widerspruchsfrei mit anderen sachverhaltsbezogenen Aussagen zusammenpassen.

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Otto Neurath, „Die Untergliederung der Einheitswissenschaft“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.813-819


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Der Auslöser für diese Debatte war eine 1932 von Neurath veröffentlichte Publikation, in der er Carnaps Auffassung von Protokollsätzen kritisierte. In den unterschiedlichen Begriffen von Protokollsätzen finden sich die unterschiedlichen Auffassungen des Physikalismus wieder: Für Carnaps physikalistische Einheitssprache sind im Gegensatz zu Neuraths Universalslang die Protokollsätze nicht wesentlich. Die Form und das Vokabular von Carnaps Sprache liegen fest. Protokollsätze dienen nur zum empirischen Nachprüfen von Systemen von wissenschaftlichen Sätzen. Wichtig ist, dass Carnaps Protokollsätze „nicht einer Bewährung bedürfen, sondern als Grundlage für alle übrigen Sätze der Wissenschaft dienen“19. Die Protokollsprache ist für ihn eine „ursprüngliche“ Sprache außerhalb der wissenschaftlichen Sprache. Beide sind aber durch Übersetzungsregeln verknüpft, so dass wissenschaftliche Theorien durch Protokollsätze kontrolliert werden. Er lehnt eine spezifische Form der Protokollsätze ab. Für Neurath gehören Protokollsätze aber zur selben universellen intersubjektiven Sprache, in der auch Theorien formuliert werden können, sie haben aber bestimmten Formen zu folgen. Sein Procedere ist dem Carnaps diametral entgegengesetzt, es ist viel umfassender mit der wissenschaftlichen Praxis verbunden. Beispiele für Protokollsätze von Carnap: „Versuchsanordnung: an den und den Stellen sind Körper von der und der Berschaffenheit (z.B. „Kupferdraht“, vielleicht dürfte stattdessen nur gesagt werden: ‚Ein dünner, langer, brauner Körper‘, während die Bestimmung „Kupfer“ durch Verarbeitung früherer Protokolle, in denen derselbe Körper auftritt gewonnen wird); jetzt hier Zeiger auf 5, zugleich dort Funke und Knall, dann Ozongeruch“20

5. Fazit Otto Neurath hat in seinem Leben an vielen, sehr verschiedenen Themenkomplexen gearbeitet, mit dem einen Ziel, die Welt für die Menschen verständlicher und glücklicher zu machen. Auch in der von ihm entwickelten „Einheitswissenschaft“ werden diese Gedanken umgesetzt, indem er versuchte, den Menschen die Wissenschaft nahe zu bringen und sie dadurch zu bereichern. Er setzte seine Hoffnungen in den Gebrauch seiner selbst entworfenen Universalsprache und dem Erscheinen der „Internationalen Enzyklopädie der Einheitswissenschaften“,

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Frank HofmannGrüneberg, „Otto Neurath: Sprache und Wahrheit in der Einheitswissenschaft“, op.cit., S.182-221

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Frank HofmannGrüneberg, „Otto Neurath: Sprache und Wahrheit in der Einheitswissenschaft“, op.cit., S.182-221


um seinen Wunsch zu verwirklichen. Obwohl die Überlegungen Neuraths sinnvoll sind und die Menschheit bereichern könnten, war es damals und auch bis heute nicht möglich, die Wissenschaften so zu verknüpfen, wie Neurath es plante. Schade ist es, dass seine Intentionen einer einheitlichen Wissenschaft, beinahe sogar einer einheitlichen Welt, nicht umzusetzen war. Auch seine eigentlich am „einfachsten“ zu verwirklichende Idee der Internationalen Enzyklopädie der Einheitswissenschaften konnte nie ganz zu Ende gebracht werden. Heute erinnert man sich an einen großen Theoretiker, und auch Praktiker, dessen alltägliche Ideen wie zum Beispiel die Bildstatistik vieles veränderte, andere Ideen aber, wie die Einheitswissenschaft, nicht verwirklicht werden konnten. Interessant wäre es, heutzutage diesen Gedanken einer Einheitswissenschaft abermals aufzunehmen und zu versuchen, sie 70 Jahre später doch noch umzusetzen.

6. Quellen Otto Neurath, Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band1 und 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981 Otto Neurath, „Die Einheitswissenschaft und ihre Enzyklopädie“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.777-786 Otto Neurath, „Die Orchestrierung der Wissenschaften durch den Enzyklopädismus des Logischen Empirismus“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schrif-ten Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.997-1009 Otto Neurath, „Einheit der Wissenschaft als Aufgabe“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.625-630 Otto Neurath, „Die Enzyklopädie als „Modell““, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schrif-ten Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.725-738

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Otto Neurath, „Einheitswissenschaft als empiristische Synthese“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.825-831 Otto Neurath, „Soziologie im Physikalismus“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schrif-ten Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.533-562 Otto Neurath, „Protokollsätze“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.577-585 Otto Neurath, „Die Untergliederung der Einheitswissenschaft“, in: Haller, Rutte (Hrsg.), Otto Neurath - Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Band 2, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien, 1981, S.813-819 Frank Hofmann-Grüneberg, „Otto Neurath: Sprache und Wahrheit in der Einheitswissenschaft“, in: Josef Speck (Hrsg.), Grundprobleme der großen Philosophen der Neuzeit 6, Vandenbroeck & Ruprecht, Göttingen, 1992, S.182-221 Karl R. Popper, Vermutungen und Widerlegungen. Teilband 2: Widerlegungen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2000, S.391 Brief von Otto Neurath an Rudolf Carnap vom 28.5.1935

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18 OUT OF THE WILD

Otto Neurath

I S O T Y P E und das Streben nach Glück Ch r i s t i n e L a n b a c h & B i r g i t M a c h e r

Inhalt o o o o o o

Kurze Einführung ISOTYPE – Hauptpunkte Atlas: Gesellschaft und Wirtschaft – Bildstatistisches Elementarwerk Das Museum der Zukunft Modern Man in the Making Fazit

Otto Neurath (1882 - 1945), der sich zu Beginn des Jahrhunderts unter anderem mit der Wiener Siedlungsbewegung und dem Städtebau auseinandersetzte, gilt als Vorläufer der visuellen Kommunikation. Mit der Gründung des „Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums“ in Wien 1925 begann Otto Neuraths bildpädagogische Arbeit. Er selbst hatte die Gemeinde Wien zur Gründung dieses Museums angeregt. Für Neurath sollten Museen Stätten der Aufklärung sein, Foren für Diskussionen, die unmittelbar von den Ausstellungsgegenständen ausgelöst werden. 1934 emigrierte Neurath nach Den Haag und begann dort, seine Ideen weiter umzusetzen und zusammen mit Paul Otlet weiterzuführen. Er erarbeitete ein umfassendes Konzept für den internationalen Einsatz sozialer und aufklärender Ausstellungen. Die Ausführung seiner Aufträge wurde nicht von ihm allein durchgeführt. In kleinen Arbeitsgruppen wurde Schritt für Schritt die Umsetzung eines Themas erarbeitet. Zuerst wurde Material gesammelt, dann Information und Entwurf ausgearbeitet. Anschließend wurden entsprechende Symbole und Bildelemente gezeichnet und im letzten Schritt wurden diese zu einer fertigen Tafel angeordnet. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen 1940 in Holland, war Neurath erneut gezwungen zu emigrieren. Es gelang ihm die Flucht nach England, wo er mit seiner dritten Frau die Arbeit an ISOTYPE (International System Of Typographic Picture Education) wieder aufnahm. Nach Neuraths Tod 1945 wurde seine Arbeit bis in die siebziger Jahre von seiner Frau fortgesetzt.

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa


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Das Grundprinzip, nach welchem ISOTYPE aufgebaut ist, beruht darauf, einfache Symbole in unterschiedlicher Anzahl zu wiederholen, um verschiedene Mengenverhältnisse darstellen zu können. Anders als bei vielen anderen Methoden, die mit unterschiedlichen Größen der Symbole arbeiten, sind durch diese Auflistungen die qualitativen Zusammenhänge leichter fassbar. Um die Verständlichkeit zusätzlich zu erhöhen, verwenden Neurath und sein Team prägnante und einfache Symbole, die im Gegensatz zu abstrakten Grafiken leicht in Verbindung zum realen Geschehen gebracht werden können. Laut Neurath schafft es ISOTYPE auf diese Art, komplexe Vorgänge und Sachverhalte selbst für Laien verständlich darzustellen. Neuraths Hauptanliegen war immer, das Glück des Einzelnen zu erhöhen. Da dieses aber stark von der jeweiligen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung abhängig ist, wollte er diese Ordnungen veranschaulichen und deren Verständnis fördern. Sein Ziel war, das wissenschaftliche Denken jedes Einzelnen zu schulen und eine prinzipielle wissenschaftliche Haltung weiterzugeben, da dies für ihn die Grundlage zur Weiterentwicklung einer demokratischen Gesellschaft ist. Somit stellt sich also die Frage, ob sich mit der ISOTYPE auch ein sozialer Auftrag im Sinne eines glücklichen Menschen ableiten lässt. ISOTYPE- Hauptpunkte 1925 beschloss Otto Neurath, Bilder und Symbole als Kommunikationselemente zu verwenden, da diese eine wesentlich größere Wirkung und ein längere Beständigkeit als Worte haben. Das Einführen einer internationalen Bildersprache wäre laut Neurath auch in Schulen von Vorteil, da durch die einheitliche Bildererziehung auch die Gemeinsamkeit der Völker gestärkt werden könnte. Ein Nachteil von ISOTYPE jedoch ist, dass es sich nicht dazu eignet, „ Ansichten auszutauschen und Gefühle oder Befehle auszudrücken.“1 Besonders großen Wert legte Neurath darauf, seine Bildersprache einfach und direkt zu gestalten. Er wollte, dass sie sich leicht im Gedächtnis einprägt. Der Grundsatz der Wiener Schule war: „Es ist besser, sich vereinfachte Bilder zu merken, als genaue Zahlen zu vergessen!“.2 Daher soll bei ISOTYPE auf den ersten Blick gleich das Wesentliche erkannt werden, auf den zweiten das weniger Wichtige. Danach sollte man nichts Neues mehr entdecken, da Neurath der Überzeugung war, dass es dann ein schlechtes Lehrbild wäre. Neurath möchte, dass seine Bildtafeln auf die Leser wirken, ohne dass es ihnen wirklich bewusst ist. Es sollten also sprechende Zeichen sein, Zeichen, die keinen Text und fast keine Vorkenntnis erfordern.

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Otto Neurath, “Die Internationale Bildersprache” in Rudolf Haller und Robin Kinross (hrsg.), Otto NeurathGesammelte bildpädagogische Schriften Band 3,Wien, 1991, S. 361 2

Otto Neurath, “ Die Museen der Zukunft”, a.a.O.,S.251


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Wichtig für Neurath war die allumfassende Verständlichkeit seiner Bildsprache. Bei früheren Zeichen wie beispielsweise den Hieroglyphen, ist es oft so, dass man sie zwar zu einer gewissen Zeit gut lesen konnte, aber dass es heutzutage nicht mehr möglich ist, ihre Bedeutung zu verstehen. Neuraths Wunsch war es daher, Zeichen zu schaffen, die auch nach längerer Zeit noch aktuell und verständlich, somit also zeitlos sind. Farben waren für Neurath zwar nicht unbedingt notwendig, da man bei schwarz-weißen Bildern auch mit Schraffuren arbeiten kann, aber sie sind doch eine große Hilfe für das Auge, weil sie Zusammengehörigkeiten beziehungsweise Differenzen zwischen einzelnen Elementen schaffen. Ein weiterer wichtiger Punkt für Neurath war, die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken. Er musste sich daher überlegen, was der Betrachter zuerst sehen soll, um die einzelnen Zeichen so anzuordnen, damit die Eindrücke am Besten im Gedächtnis bleiben. Zuletzt ist noch erwähnenswert, dass Neurath mit seinen Bildern eine starke Reaktion hervorrufen wollte und „den Wunsch mehr zu wissen“.3 Seine Bilder sollen Eindruck auf das Bewusstsein machen.

Bezüglich Neuraths Vorstellung einer internationalen allumfassenden Erziehung mittels ISOTYPE drängt sich die Frage der Sinnhaftigkeit einer solchen Pädagogik auf. Deutlich wird an dieser Stelle ein wesentlicher Konflikt, es ist zwar möglich und von Vorteil, allgemeine Inhalte durch Bilder zu vermitteln und sie als ergänzende Veranschaulichung grundlegender Information zu verwenden, tiefer gehende Sachverhalte und komplizierte Themengebiete lassen sich allerdings schwer nur durch Bilder aufzeigen. Durch die vereinfachte Bilddarstellung und das Weglassen detaillierter Information wird ersichtlich, dass die Möglichkeit zur Manipulation der Inhalte erheblich wächst. Dadurch besteht die Gefahr, solche Bilder zu Propagandazwecken und aus Machtinteressen zu missbrauchen.

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Otto Neurath, “Die Internationale Bildersprache”, a.a.O, S.378


Atlas: Gesellschaft und Wirtschaft – Bildstatistisches Elementarwerk

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In dem 1930 erschienenen Atlas „Gesellschaft und Wirtschaft – Bildstatistisches Elementarwerk“ werden mit einer Sammlung von 100 farbigen Bild und 30 Texttafeln Produktionsformen, Gesellschaftsordnungen, Kulturstufen und Lebenshaltungen dargestellt. Dieser Atlas zählt zu der ersten großen Veröffentlichung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien. Otto Neurath versuchte einen weitreichenden Überblick über gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen in verschiedenen Bereichen der Erde zu schaffen. Der Atlas ist chronologisch gegliedert und beginnt mit der Darstellung von Populationen aus verschiedenen Ländern.

Otto Neurath, Atlas: Gesellschaft und WirtschaftBildstatistisches Elementarwerk, New York & London, 1930, S. 3

Zuerst werden die großen Reiche der alten Welt gezeigt, wie zum Beispiel das Reich der Römer, Araber, Mongolen und auch indische und altamerikanische Kulturen. In den darauffolgenden Bildtafeln vermittelt Neurath die heutige Machtverteilung der Welt (Britisches Reich, Französisches Kolonialreich, UdSSR und USA). Weiters wird man informiert über die Bevölkerungsentwicklungen und Produktionen der einzelnen Länder. Im nächsten Teil des Atlas geht Neurath näher auf Kriegsformen ein und zeigt den Unterschied von Kriegern oder Kriegsausrüstung im Altertum, Mittelalter und jetzt. Otto Neurath, a.a.O., S. 25


Auch politische Themen spricht Neurath an, wie zum Beispiel Regierungsformen in Europa oder Verfassungsformen in der abendländischen Kultur. Die Themen Wirtschaft und Handel werden im darauffolgenden Teil des Atlas näher erklärt. Neurath vergleicht die Ressourcenverteilung (Zucker, Kaffee, Baumwolle, Erdöl und Kohle, Eisen, Gold und Silber) und Handelsbeziehungen einzelner Länder. Auch in diesem Teil der Bildtafelsammlung wird nicht nur der Unterschied verschiedener Länder verdeutlicht, sondern auch die Entwicklung des Handels von früher zu heute und Ereignisse oder Erfindungen, die ausschlaggebend für diese Änderungen waren, wie beispielsweise die Entwicklung besserer und schnellerer Transportmittel (Eisenbahn). Neurath geht auch auf die Themen Großstädte und Wohndichte genauer ein. Er zeigt die historische Entwicklung der größeren Städte und stellt Weltstädte wie New York, Rom und Peking einander gegenüber, um auf deren unterschiedliche Raumordnung hinzuweisen. Zudem erklärt er durch einige Bildtafeln die verschiedenen Wanderbewegungen, die ausschlaggebend für die Entwicklung wichtiger Städte waren.

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Otto Neurath, a.a.O., S. 71

Otto Neurath, a.a.O., S. 72


Im letzten Teil des Atlas spricht Neurath soziale Strukturen an. Er erläutert die Arbeitslosigkeitsrate innerhalb einer Gesellschaft, sowie die Arbeits- und Vermögensverteilung der Bevölkerung, und stellt etwaige Zusammenhänge zu den Selbstmordraten und der Häufigkeit von Streiks her. Zuletzt vergleicht er die Entwicklung unterschiedlicher Völkergruppen und Religionen. In den 30 Texttafeln schreibt Neurath noch einmal ausführlicher über einzelne Bildtafeln und ermöglicht es so dem Leser, genauere Daten und Fakten nachzulesen.

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Otto Neurath, a.a.O., S. 96

Zusammenfassend kann man sagen, dass Neurath mit diesem Werk und dieser gewaltigen Themenvielfalt nicht nur eine Sammlung verschiedener Statistiken geschaffen hat, sondern auch eine Art umfassendes Lexikon. Das Buch steht exemplarisch für die gelungene Anwendung von ISOTYPE. Zwar wird das Konzept der Glücksmaximierung hier schon angedeutet, aber noch nicht so deutlich ausformuliert wie in manchen seiner späteren Werke.

Museum der Zukunft Seine Ideen der Bildpädagogik wollte Otto Neurath nicht nur auf Schulen anwenden, sondern auch auf Museen und andere Bildungseinrichtungen ausweiten. Nach der Frage, wie er sich das Museum der Zukunft vorstellen würde, antwortete er: „So etwas wie das Museum der Zukunft gibt es nicht. Ich kann nur über die Museen der Zukunft sprechen“. 4 Die Museen der Zukunft sollten laut Neurath jedoch nicht so aussehen wie er sie sich vorstellt, sondern vielmehr so, wie die Benutzer sie haben wollen. Hierfür bräuchte es einen Interessensvertreter der Besucher, der bestimmt, was dargestellt werden soll. Die Museen der Zukunft sollten, wie beim Wiener Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, einen pädagogischen Zweck haben und dabei international verständlich sein, trotz etwaiger geographischer und soziologischer Differenzen. Neurath wollte hierfür wiederum die Wiener Methode der Bildstatistik verwenden.

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Otto Neurath, “Die Museen der Zukunft”, a.a.O, S.244


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Um die Besucher optimal mit Informationen versorgen zu können, wollte Neurath ein weltumfassendes Netz an Museen schaffen, die sich gegenseitig in ihren Themenschwerpunkten ergänzen. So „sollte zum Beispiel das naturgeschichtliche Museum darauf hinweisen, dass Tierfette in der Seifenindustrie Verwendung finden, dann würde das technische Museum, von diesem, im naturhistorischen Museum nur kurz erwähnten, Faktum ausgehend, die Verfahren jener Industrie in mehr Einzelheiten zeigen. [...] Und in ähnlicher Weise sollte das Gesellschaftsmuseum zeigen, welche Rolle diese besondere Industrie in Beziehung zu Angebot und Nachfrage überhaupt spielt.“ 5 Diese umfassende pädagogische Wirkung wollte Neurath durch eine einheitliche, geplante, zentrale Kontrolle aller Museen gewährleistet sehen. Dabei legte er besonderen Wert darauf, die Prinzipien der Bildstatistik nicht nur in der nördlichen Hemisphäre publik zu machen, sondern sie auch auf die südliche Hälfte, wo die Analphabetismusrate noch deutlich höher liegt, auszudehnen. Otto Neurath konzipierte also ein weltumspannendes Netz an Museen, die sich in ihren Themenschwerpunkten ergänzen und somit eine allumfassende Informationsquelle darstellen. In dieser Serie von Museen war das Wiener Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum eines der ersten die realisiert worden sind. Gemeinsam mit Paul Otlet, der in Brüssel ein Weltmuseum, genannt Mundaneum eröffnen wollte, erarbeitete er ein Konzept um Zweigstellen dieses Museums überall auf der Welt zu gründen. Es wurden Filialen in Moskau, Den Haag, London und New York errichtet, weitere Realisierungen der Gemeinschaftsprojekte scheiterten aber aufgrund mangelnder finanzieller Unterstützung, verursacht durch die Weltwirtschaftskrise. Diesbezüglich ergibt sich die Frage, inwieweit diese Funktion der allumfassenden Informationsquelle heute vom Internet erfüllt wird und ob man die einzelnen Museen mit Servern, bzw. die Besucher mit Clients vergleichen kann. Allerdings sieht Neurath bei den Museen der Zukunft ein zentrales, hierarchisch gegliedertes Kontrollorgan vor, um die Besucher optimal und ihren Bedürfnissen angepasst mit den bestmöglichen Informationen zu versorgen. Das Konzept des Internets sieht keine derartige zentrale Kontrollinstanz vor, sondern ist heterogen organisiert.

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Otto Neurath, “Die Museen der Zukunft”, a.a.O, S.255f


Arten von ISOTYPE

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In seinen Hauptwerken verwendet Neurath vorwiegend sechs verschiedene Typen von ISOTYPE Grafiken, um seine Erkenntnisse zu veranschaulichen. Jede dieser Arten steht für sich, ist in sich schlüssig und für den darzustellenden Inhalt am effektivsten, es kann daher keine Klassifizierung aufgestellt werden. Eine der häufigsten Darstellungsarten ist die geschichtliche Entwicklung, da Neurath sehr oft Veränderungen von der Vergangenheit zur Gegenwart aufzeigen möchte. In der Grafik „Population of Latin Amerika“ geht Neurath zum Beispiel näher auf die Bevölkerunsentwicklung in Lateinamerika ein. Die Entwicklung reicht von 550 bis 1937 und zeigt die Veränderung der Bevölkerung aufgrund verschiedener historischer Ereignisse. Im Jahr 550 lebten beispielsweise nur Einheimische in Lateinamerika. Die Grafik veranschaulicht deutlich, wie nach der Eroberung durch westliche Kolonialherren die native Bevölkerung dramatisch dezimiert wurde. Erst im 19. Jahrhundert nimmt die Bevölkerung Lateinamerikas wieder zu, wobei zu beachten ist, dass die Anzahl der Einheimischen annähernd gleich bleibt, wohingegen der Anteil anderer Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel der Weißen, stark wächst. Otto Neurath will anhand dieser Grafik veranschaulichen, wie stark der Kolonialismus, die Eroberungsfeldzüge und der Sklavenhandel zu einer Vereinheitlichung der Weltbevölkerung führten. Die Grafik „Four Generations of a Family“ zeigt vier Generationen einer Familie und den Unterschied der Altersgruppen von damals und heute. Im 17. Jahrhundert erreichten die Menschen praktisch nie ein so hohes Alter wie im 20. Jahrhundert. Anhand dieser Grafik will Neurath deutlich machen, dass die Verbesserung der Infrastruktur und die Entwicklung einer guten Gesundheitsversorgung heutzutage ein längeres Leben ermöglichen und somit auch Grund für

Otto Neurath, Modern Man in the Making, New York & London, 1939, S. 33

Otto Neurath, a.a.O., S. 56


Die zweite Art von Grafik, die Neurath sehr häufig verwendet sind Vergleiche, da es ihm stets sehr wichtig ist Verknüpfungen zwischen verschiedenen Fakten und Entwicklungen aufzuzeigen und Querverbindungen zu schaffen. Meist verdeutlicht er mithilfe dieser Vergleiche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Ländern oder Bevölkerungsgruppen.

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In der Grafik „Radio, Telephone, Automobiles“ veranschaulicht Neurath beispielsweise sehr deutlich, dass die Vereinigten Staaten, Kanada und Europa den anderen Staaten der Welt in Sachen Mechanisierung und Technologiestandard weit voraus sind, und dass zum Beispiel die Bevölkerung Europas zehnmal so viele Radiogeräte zur Verfügung hat, als alle Länder des Fernen Ostens zusammen.

Otto Neurath, a.a.O, S. 108

„Meal Times“ ist ein Vergleich zwischen dem Leben in der Stadt und dem in ländlichen Regionen. Neurath stellt Tagesabläufe und Lebensgewohnheiten gegenüber und kommt zum Ergebnis, dass es allein schon bei den Mahlzeiten zu großen Unterschieden kommt. Auf dem Land wird sehr früh gefrühstückt und das Mittagessen ist wesentlich wichtiger als das Abendessen. In der Stadt ist es jedoch genau umgekehrt. Zudem ist das Nachtleben in der Stadt ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens, auf dem Land wiederum fehlt dieser Bereich vollkommen.

Otto Neurath, a.a.O., S. 121


Zur Visualisierung von geographischen Fakten oder Entwicklungen setzt Otto Neurath oftmals Landkarten ein, die eine räumliche Ausdehnung oder Entwicklung zeigen.

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Anhand der Grafik „Roman Towns, Roads and Walls“ zeigt er beispielsweise bis zu welchem Ausmaß sich bereits die alten Römer in der damals bekannten Welt ausbreiteten.

Otto Neurath, a.a.O., S. 26

Dasselbe gilt für die Grafik „Vikings“, in der er die Reiserouten der Wikinger darstellt.

Otto Neurath, a.a.O., S. 40

Mittels dieser Karten gelingt es Neurath, Phänomene mit geographischer Relevanz schnell und einfach zu veranschaulichen und Bezüge herzustellen.


Zusätzlich zu den drei eben erwähnten Kategorien von Grafiken gibt es zahlreiche Darstellungen, in denen er diese Arten miteinander kombiniert, um gewisse Zahlen oder Fakten besser darstellen zu können, oder um verschiedene Aspekte einer Entwicklung miteinander in Verbindung bringen zu können.

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„The Growth of Mankind“ ist eine Kombination aus drei Arten von Grafiken. So beinhaltet sie erstens eine Karte, zweitens die Darstellung der historischen Entwicklung in drei verschiedenen Teilen unserer Erde und somit drittens den Vergleich dieser Entwicklung zwischen den einzelnen Bereichen. Mittels dieser Kombination gelingt es Otto Neurath auf exemplarische Art und Weise, das Wachstum der Bevölkerung der Erde von 1800 bis 1935 darzustellen. Durch den Einsatz der geographischen Darstellung auf einer Karte ist es möglich, die drei Zonen räumlich zuzuordnen und die Größe der Fläche der Länder und die Größe der Bevölkerungszahlen direkt miteinander zu vergleichen.

Otto Neurath, a.a.O.,S. 47


Bei der Grafik „Pig-Iron Production“ verbindet er sowohl die Darstellung der historischen Entwicklung der Stahlproduktion von 1900 bis 1938, als auch den Vergleich dieser Entwicklung innerhalb der Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und der Sowjetunion.

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Otto Neurath,a.a.O., S. 74

Eine weitere wichtige ISOTYPE-Variante, die Otto Neurath in seinem Buch zum Einsatz bringt, sind die sogenannten Baumgrafiken. Er verwendet sie, um Verbindungen zwischen verschiedenen Fakten darzustellen und um die Struktur einer Sache zu veranschaulichen. In dem Beispiel „Economic Scheme“ will er die Verknüpfung aller arbeitenden Teile einer Gesellschaft darstellen, um so die Struktur eines Staates analysieren zu können.

Otto Neurath,a.a.O., S. 65

Zuletzt gibt es noch Grafiken, die sich nicht unmittelbar zu einer bestimmten Kategorie zuordnen lassen. Sie haben die Funktion, einen Text klarer zu machen und ihn zu unterstreichen. Beispiele hierfür sind unter anderem die Grafiken „Slavery ships“ und „Elimination of the plague“. Hier veranschaulicht Neurath, auf welch grausame Art Sklaven früher transportiert wurden und wie man es geschafft hat, die Pest und die Ausbreitung dieser Seuche immer mehr einzudämmen und schließlich auf einen sehr kleinen Teil in Asien zu reduzieren. Otto Neurath, a.a.O., S. 34


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Otto Neuraths erklärtes Ziel für den Einsatz von ISOTYPE war es, komplexe Sachverhalte und schwierige Fakten auf eine einfache und verständliche Art darzustellen. Er betonte stets, dass diese Bilder nicht nur als Illustrationen oder als unterhaltsame Comicdarstellungen gesehen werden dürften, sondern dass sie genauso wichtig für das Verständnis seien, wie das Lesen des übrigen Textes. Treffsicher und genau dieser Absicht gerecht, setzte Otto Neurath all die eben gezeigten Grafiken in einer seiner wohl wichtigsten Arbeiten ein: Modern Man in the Making

Otto Neurath, a.a.O., S. 15

Im Jahre 1939 veröffentlichte Otto Neurath das Buch „Modern Man in the Making“, (erschienen in New York und London), welches ohne Frage zu den gehaltvollsten und zentralsten Werken seines Lebens zählt. In diesem Buch versucht Otto Neurath als einer der ganz Wenigen, das Gesamtprojekt der Moderne zu formulieren. Er schreibt über Modernität im Allgemeinen, über die Modernisierungstrends seiner Zeit, und versucht dem Begriff „modern“ erstmals eine klare Definition hinsichtlich wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Eigenschaften zuzuweisen. Hierfür vergleicht er soziale Fakten und Zahlen von weltweiter Bedeutung vom Mittelalter bis hin zur damaligen Zeit. Wesentlich dabei ist, dass in der Moderne, nach Neurath, das Glück eben nicht automatisch “mitkonzipiert” wurde, beziehungsweise dass wissenschaftliches Denken auf sozialer Ebene eine Form von Glück ist. In den insgesamt sechs Kapiteln des Buches versucht Otto Neurath, die wichtigsten Entwicklungen und Veränderungen in den verschiedensten Bereichen des menschlichen Lebens zu erläutern und zu erklären und veranschaulicht seine Erkenntnisse und Schlüsse mittels leicht verständlichen ISOTYPE Bildern. Neurath selbst schreibt „Nations, classes, states, well-to-do and poor people are described by means of simple charts and simple statements in this report, without the use of personal names.“ 6 Laut Neurath ist Modernität ein universelles Phänomen, das weltweit Diskussionen auslöst. Jedoch seien dabei die Fakten, Argumente und Standpunkte so bruchstückhaft und weit verstreut, dass es beinahe unmöglich sei, einen Überblick über die Diversität dieses Phänomens zu erlangen. 6

Otto Neurath, a.a.O., S.7


Daher stellt Neurath sich in diesem Buch der Aufgabe, relevante Fakten zu sammeln, auszuwerten, zusammenzufassen und auf eine verständliche Art zu präsentieren, sodass es erstmals möglich wird, Verbindungen zwischen den unterschiedlichsten Entwicklungen festzustellen und zu analysieren, wodurch welche Strömungen beeinflusst wurden. Neurath ist davon überzeugt, dass eine wissenschaftliche Haltung ein glücklicheres und sichereres Leben ermöglicht. Wie so viele seiner Aktivitäten so zielt auch dieses Buch darauf ab, diese wissenschaftliche Haltung weiterzugeben und dem Leser einen Einblick zu verschaffen, in das, was ihn umgibt und rund um ihn geschieht. Er will es sogar ungebildeten Menschen ermöglichen, eine wissenschaftliche Haltung einzunehmen, sodass sie ihr Umfeld, ihre soziale und wirtschaftliche Realität auf eine rationale Art analysieren und bewerten vermögen und somit ihre Lebensqualität verbessern können. Im ersten Kapitel „Past & Present“ zählt Otto Neurath einige Aspekte auf, in denen sich die für ihn wesentlichen Veränderungen von damals und heute ablesen lassen. So beschreibt er unter anderem, wie es durch internationale Zusammenarbeit gelungen ist, die Pest als einen der Hauptverursacher von Leid und Tod zu besiegen. Er zeigt auf, dass die Sterblichkeitsrate seit dem 16. Jahrhundert generell stark abgenommen hat, er schreibt über Arbeitslosigkeit als eine der größten Epidemien der Neuzeit und veranschaulicht, wie die von ihm benannte „Furcht vor dem Unbekannten“ zu einer immer weitergehenden Vereinheitlichung und Unifizierung der Menschheit führt. Laut Neurath lässt sich die Angleichung an westliche Maßstäbe beispielsweise anhand der Anpassung der früher farben- und formenreichen Armierung unterschiedlicher Völker hin zu Uniformen modernen Formats ablesen. Diesen Trend in Richtung weltweiter Vereinheitlichung führt Otto Neurath im zweiten Kapitel „Unification of Mankind“ weiter aus. Dabei listet er einige so genannte Weltreiche auf und betont, dass es bereits in frühesten Zeiten Verbindungen und Verknüpfungen unter den einzelnen Nationen gegeben hat, wodurch schon damals ein weit reichender Informations- und Technologiefluss gewährleistet worden ist. Diese Theorie untermauert er unter anderem mittels Erläuterungen über die Ausbreitung der Erfindung des Rades, mittels Grafiken über die Seidenstraße und über altrömische Straßen, Mauern und Siedlungen. Weiters beschreibt Otto Neurath, dass die Verbindungen zwischen den einzelnen Nationen heutzutage noch stärker werden als früher, was sich beispielsweise anhand der steigenden Zahl internationaler Friedensabkommen und anderer politischer und wirtschaftlicher Verträge ablesen lässt.

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Diese Verflechtungen beeinflussen, so Neurath, nicht nur das politische und wirtschaftliche Geschehen, sondern auch unmittelbar die Bevölkerung eines Staates und somit das Leben des einfachen Mannes. Er betont jedoch, dass dieses Näherrücken der einzelnen Nationen nicht nur zu weltweiten Friedensverträgen führt, sondern auch zu weltweiten Kriegen. So bestünde, laut Neurath, die Gefahr, dass in dem nächsten Weltkrieg tatsächlich sämtliche moderne Staaten involviert seien. Wie sehr Neurath mit dieser These richtig lag, zeigte der darauffolgende zweite Weltkrieg. In diesem Kapitel verdeutlicht Otto Neurath, welche große Rolle Sklaverei und Sklavenhandel bei der Vereinheitlichung und Vermischung der Bevölkerungsgruppen gespielt haben. Erst durch den Kolonialismus und den daraus resultierenden Menschenhandel hätten sich die Rassen der Erde auf diese Art und Weise vermischen können, wie es heute der Fall sei. Im dritten Kapitel des Buches, „Trends Towards Modernity“, schreibt Otto Neurath über Themen wie Urbanisierung, Mechanisierung, Bevölkerungswachstum, die abnehmende Sterbe- und Geburtenrate und die zunehmende Alphabetisierungsrate und Selbstmordrate. All diese Erscheinungen sind laut Neurath eindeutige Zeichen für Modernisierung und Modernität. So erzähle die sinkende Sterberate die Erfolgsgeschichte der modernen Medizin und deren Versuch, Ereignisse vorauszusagen und die Konsequenzen zu planen und zu kontrollieren; eine wesentliche Leistung des fortschrittlichen Menschen. Ebenso erklärt er die sinkende Geburtenrate, welche erst durch moderne Methoden der Geburtenkontrolle möglich gemacht wurde. Anhand von Grafiken verdeutlicht er den stark variablen Fortschritt in Bezug auf Mechanisierung und Urbanisierung in den verschiedenen Staaten der Welt, wodurch er verdeutlichen will, wie stark schwankend der jeweilige Modernisierungsgrad zwischen den einzelnen Nationen ist. Besonders interessant sind seine Untersuchungen in Bezug auf die steigende Selbstmordrate in vielen Staaten dieser modernen Welt. Obwohl die Zahlen nach wie vor so gering sind, dass sie das generelle Fallen der Sterberate nicht zu beeinflussen vermögen, ist das Steigen der Selbstmordfälle laut Neurath eine wichtige Charakteristik von Modernität. Eine eindeutige Erklärung für diese Entwicklung bringt er in diesem Abschnitt des Buches allerdings nicht. In dem umfangreichen Kapitel „State of the World“ versucht Neurath zu zeigen, wie sehr das Leben jedes Einzelnen, sein Glück oder Unglück, von alten und neuen Gebräuchen, von Institutionen und Behörden, von Technologien und Roh-stoffen und vor allem vom jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Umfeld abhängt. Dabei zeigt er auf, wie ungleichmäßig sämtliche natürliche Ressourcen und Rohstoffe unter den Staaten der Welt aufgeteilt sind.

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Das gleiche gelte für Technologiezugang, Energie- und Rohstoffkonsum oder verfügbare Fläche pro Person, auch hier gäbe es gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten. Neurath betont jedoch, dass trotz dieser Differenzen schlussendlich alle Teile dieser Erde voneinander abhängig sind und sich gegenseitig beeinflussen. Diese Vernetzung versucht Otto Neurath mittels zahlreicher Grafiken zu Welthandel und Produktion, Import und Export oder Migration zu veranschaulichen. Zwei der wichtigsten Themen in diesem Kapitel sind Krieg und internationale Konflikte und welch großen Einfluss diese Erscheinungen auf die politische, wirtschaftliche und soziale Realität eines Landes haben können. Neurath zeigt auf, dass in Kriegszeiten die Wirtschaft eines Landes meist strenger geplant und kontrolliert wird als in Friedenszeiten und dass oftmals genau dieses Verhalten zu einer sehr stabilen Wirtschaftslage mit weniger Schwankungen führt. Weiters erläutert er, dass eine stabile Wirtschaftslage eine Sicherung der Arbeitsplätze bedeutet, woraus wiederum mehr Sicherheit und Zufriedenheit für die Bevölkerung resultiert. Daher beschäftigt sich Otto Neurath mit der Frage, ob eine geplante Wirtschaft, beziehungsweise ob Planung generell die Lebensumstände der Menschen auf Dauer verbessern würde und wie eine solch geplante Weltgemeinschaft organisiert sein könnte. Im Kapitel „Social Environment“ fokussiert Otto Neurath verstärkt auf die Situation der Bevölkerung innerhalb eines beliebigen Staates. So zeigt er auf, dass sogar innerhalb eines Landes die Unterschiede sehr stark ausgeprägt sein können, seien es nun Unterschiede in Bezug auf das Einkommen, die Wohnsituation oder in Bezug auf den sozialen Stand. Über Streikzahlen oder über die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung versucht er, die generelle Zufriedenheit in einem Land messbar zu machen. Er benennt Bewässerung und die Beherrschung von Flutkatastrophen als zwei der großen Leistungen der Zivilisation, betont aber gleichzeitig, dass nicht das Besiegen von Umweltkatastrophen die größte Herausforderung seiner Zeit sei, sondern vielmehr die Beseitigung der Möglichkeit von Krieg, Arbeitslosigkeit und Unterdrückung. Gemeinsam mit dem Profitsystem der Wirtschaft seien dies die wirklich großen Schandflecke einer modernen Gesellschaft. Im letzten und wohl wichtigsten Kapitel„Mans daily life“ versucht Otto Neurath zu verdeutlichen, was all diese Entwicklungen und Modernisierungstendenzen schlussendlich für einen Einfluss auf das Glück jedes Einzelnen haben und welche Veränderungen im täglichen Leben sich dadurch ergeben. Hierfür greift er erneut das Thema der sinkenden Geburtenrate auf und zeigt, wie sich das Einzelkind von einem Sonderfall der Gesellschaft zum Regelfall entwickelt. Als Auslöser für diese Veränderung benennt er erstens die

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fortschreitende Emanzipation der Frau, sowie den zunehmenden Einsatz moderner Verhütungsmaßnahmen. Weitere große Entwicklungen lassen sich, so Neurath,in Bezug auf die Arbeitswelt finden, wo vor allem durch die Mechanisierung der Fertigungsprozesse in den Firmen, durch die Kürzung der Arbeitszeit und die erhöhte Entlohnung bedeutende Veränderungen stattgefunden haben. Durch die vermehrte arbeitsfreie Zeit und das erstmals in dieser Art vorhandene private Kapital fände eine Reorganisation des Privatlebens statt. Die Gestaltung von Freizeit und Sport spielt erstmals eine große Rolle, und die Gemütlichkeit undAttraktivität der eigenen Wohnung bekommt eine neue Bedeutung, verbringt man doch zunehmend mehr Zeit daheim und nicht bei der Arbeit. Dies führe wiederum zur Entstehung zahlreicher Wohnsiedlungen im vorstädtischen Bereich. Den zunehmenden Einflussverlust der katholischen Kirche zählt Otto Neurath ebenfalls zu den Auswirkungen der Modernisierung auf die Gesellschaft. Dies spiegelt sich seiner Meinung nach unter anderem in der steigenden Selbstmordrate, sowie in der zunehmenden Zahl an außerehelichen Partnerschaften und Kindern wieder. Am Ende des Buches betont Otto Neurath erneut, dass Arbeitslosigkeit heutzutage die größte Bedrohung gegenüber einem glücklichen Leben darstellt. Die meisten Menschen, ob arm oder reich, würden in ständiger Angst vor dem Verlust ihrer Arbeit leben oder vor dem Verlust ihrer Ersparnisse oder Investitionen, womit schließlich ein Verlust sämtlicher Lebensqualitäten modernen Formats einherginge. Diese Unsicherheit führt, so Neurath, zu sozialer Instabilität, und diese soziale Instabilität wiederum erhöhe das Risiko für Kriege oder andere internationale Konflikte. Wolle man also Glücklichkeit und Sicherheit einer Gesellschaft dauerhaft gewährleisten, müsse man genau an diesem Punkt ansetzen, international zu arbeiten. Schon der Titel „Modern Man in the Making“ macht deutlich, dass Neurath, das Leben der moderner Menschheit noch nicht für uneingeschränkt modern hält. Noch immer gäbe es unzählige Traditionen und überlieferte Verhaltensund Denkmuster, die im Leben jedes Einzelnen eine Rolle spielen und seine Entscheidungen beeinflussen. Otto Neurath ist sich bewusst, dass eine wissenschaftliche Haltung innerhalb der Gesellschaft nicht unmittelbar aufgebaut werden kann, doch er ist davon überzeugt, dass, je mehr ein Mensch dazu fähig ist, sich selbst und sein Umfeld auf eine wissenschaftliche Art zu analysieren und zu bewerten, desto eher fähig ist, friedlich zu handeln und zu kooperieren. So schreibt Otto Neurath als letzten Satz in seinem Buch: „The more co-operative man is, the more ‘modern’ he is!“. 7 7

Otto Neurath, a.a.O., S.137


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Fazit Otto Neurath war nicht nur Theoretiker, sondern verstand es auch, seine Ideen und Vorstellungen von ISOTYPE anhand zahlreicher Ausstellungen und Bücher in die Praxis umzusetzen. In den Werken Modern Man in the Making und Atlas - Gesellschafts und Wirtschaft gelingt es ihm beispielsweise sein Ideal von einer einheitlichen und international verständlichen Bildsprache anzuwenden. Eines von Neuraths berühmtesten Zitaten ist: „The amount of world’s happiness is too small, it must be made bigger!“. 8 Dieser Satz steht exemplarisch für Otto Neuraths Lebenstraum und sein gesamtes Streben und Schaffen. Mit all seinem Tun versuchte er stets die Lebensumstände der Menschen zu verbessern und zu einer Erhöhung des Glücks beizutragen. So versuchte er mittels ISOTYPE ausschließlich Informationen weiterzugeben und aufzuklären, ohne dabei wirtschaftliche, politische oder eigennützige Ziele zu verfolgen. Als einer der letzten Universalgenies unserer Zeit (William Johnston, 1972) erkannte Neurath, was allen Menschen gemein ist und was uns alle vorwärts treibt: das Streben nach Glück.

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Nader Vossoughian, Facts and Artifacts: Otto Neurath and the Social Science of Socialisation, Columbia University, 2004


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Otto Neurath

Otto Neurath

E i n H u m a n ist im Konflikt

Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa

v on Florian Frank und Johannes G r e g o r Z ö s c h g

EINLEITUNG: Das Streben des Menschen nach Glück - ein Vorgang, der seit Menschengedenken in vielen verschiedenen Kulturen untersucht wird. Auch in heutiger Zeit scheint dieses Streben nach Glück wieder aktuell zu werden. Ungleichgewichte in wirtschaftlichen Fragen, die steigende Anzahl an alten Menschen, Hungersnöte, Naturkatastrophen und Armut - diese Liste ließe sich wahrscheinlich noch endlos fortsetzen - behindern auch den Menschen von heute auf seinem Weg nach persönlicher Glücksempfindung und Selbstverwirklichung. Auch wenn es früher andere Probleme waren, wie etwa mangelndes Gesundheitswesen, Kriege, etc., so lässt sich doch ein roter Faden in der Menschheitsgeschichte erkennen, nämlich, dass Ereignisse, die alle betreffen, auch Auswirkungen auf das Glück jedes Einzelnen haben. Einer, der diese enge Verknüpfung von Masse - Individuum in der Nachkriegszeit erkannt hatte, war Otto Neurath. Sein ganzes Leben lang versuchte er in der Veränderung des Gesellschaftsdenkens der damaligen Zeit, das Glück des Einzelnen zu vermehren.

Abb. 1: Otto Neurath

Auch seine bekanntesten Arbeiten über die Bildstatistik und Bildpädagogik, genannt ISOTYPE, hatten diesen Zweck. Er verstand es als einer der ersten, visuelle Methoden in der Pädagogik, also in der Erziehung der Menschen, zu nutzen. Er glaubte, dass wenn man das Denken der Menschen ändern könne, könne man dadurch die Art und Weise ihres Handelns verbessern.1 So sagt er:

1

Nader Vossoughian, Facts and Artifacts: Otto Neurath and the Social Sience of Socialization, 2004, 10


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„Der moderne Mensch ist durch Kino und Illustrationen sehr verwöhnt. Einen großen Teil seiner Bildung empfängt er in angenehmster Weise, zum Teil während seiner Erholungspausen durch optische Eindrücke. Will man gesellschaftswissenschaftliche Bildung allgemeiner verbreiten, so muss man sich ähnlicher Mittel der Darstellung bedienen. Das moderne Reklameplakat zeigt uns den Weg!” 2 Er beschäftigte sich damit, wie man auf möglichst einfache und anschauliche Weise möglichst vielen Menschen bestimmte wichtige Zusammenhänge erklären könne, z.B. Hygiene und Gesundheit, oder die Tätigkeit eines Fabriksarbeiters in Bezug auf den gesamten Fabrikationsprozess eines Produktes. Zu diesem Zweck gründete er das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien, wo Tafeln ausgestellt wurden, auf denen man mit Hilfe von einfachen Illustrationen und Grafiken Informationen und Statistiken aus den verschiedensten Lebensbereichen präsentierte. Er erhoffte sich durch die einfache Darstellung dieser Zusammenhänge bei der breiten Masse einen pädagogischen Effekt zu erzielen und den Menschen dadurch zu helfen richtige Entscheidungen in ihrem Leben zu treffen, u.z. in allen Lebensbereichen.

Abb. 2: Darstellung einer Unternehmensstruktur nach der Wiener Methode

Dieses Interesse für das Wohl aller Menschen spiegelt sein vom Sozialismus geprägtes Denken wider und zieht sich auch spürbar durch sein Schaffen. Immer wieder treten Begriffe, wie Gemeinschaft und Gesellschaft, in Neuraths schriftlichen Arbeiten auf.3 Zwar stammen jene Begriffe vom Soziologen Ferdinand Tönnies, allerdings hatte er einen großen Einfluss auf Neuraths Denken, da er sein persönlicher Freund war und über zwanzig Jahre Briefwechsel mit ihm hielt. In seinem 1886 veröffentlichten Werk Gemeinschaft und Gesellschaft beschreibt Tönnies diese Begriffe: In der Gesellschaft sind dem Einzelnen die anderen Mittel zu eigenen individuellen Zwecken, zum Beispiel Aktiengesellschaft. Fühlt sich der Einzelne hingegen als Teil eines größeren sozialen Ganzen, dann orientiert er sein Handeln an diesem übergeordneten Zweck, zum Beispiel in der Familie oder der Kirchengemeinschaft.

2

Otto Neurath, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien - Gesammelte Bildpädagogische Schriften - Band 3, Rudolf Haller und Robin Kinross (Hrsg), Hölder-PichlerTempsky, Wien, 1991)

3

Otto Neurath, Zum österreichischen Auswanderungsgesetzentwurf - Gesammelte ökonomische, soziologische und sozialpolitische Schriften, Band 5, Rudolf Haller und Ulf Höfer (Hrsg), Hölder-PichlerTempsky, Wien, 1991


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Denken und handeln alle so, ist er einem Kollektiv als einer „Gemeinschaft“ zugehörig. Für Neurath waren im Gegensatz zu Tönnies beide Begriffe untrennbar. Eines konnte ohne das andere nicht existieren.4 Er wollte Gemeinschaft durch Gesellschaft erreichen, wie man zum Beispiel später beim Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen sehen wird, wo sich die Menschen zunächst nur aufgrund einer Notsituation zusammengeschlossen haben, schließlich aber dann Teil einer größeren sozialen Struktur wurden - eben zu einer Gemeinschaft.Wie auch der Philosoph und Neurath-Spezialist Nader Vossoughian feststellte, war es Neuraths Anliegen, eine universelle Kultur zu erreichen, d.h. eine Kultur, in der sich die „Gemeinschaft“ des Dorfes mit der „Gesellschaft“ der Großstadt verbindet. Als Negativbeispiel, wie es laut Neurath keinesfalls sein sollte, erwähnt er seine ehemalige Studienstadt Berlin. In einem Brief an Tönnies nennt er Berlin eine „Gesellschaft der übelsten Art” 5, und meint damit wohl die völlige Abwesenheit von Gemeinschaft und die aus dieser Disharmonie entstehende Schmälerung des menschlichen Glückes. Weiters trage die traditionelle Wirtschaftsordnung einen Teil der Schuld, dass der Mensch so unglücklich ist. Sie sei unfähig, die Menschen „glücklich“ zu machen6 ,und müsse somit geändert werden. Wohl um nicht länger bloß bei der Theorie zu bleiben, sondern zur Tat zu schreiten, wurde Neurath in der Münchner Räterepublik politisch aktiv. Er wollte seine Theorien über die Steigerung des Glücksmaximums der Menschen zum ersten Mal in die Tat umsetzen und so übernahm er dort das Amt des Volkswirtschaftsbeauftragten. Außerdem gründete er dort die ersten Arbeitsgruppen für Ökonomie und Sozialentwicklung. Als im Mai 1919 die Reichswehr München gewaltsam einnahm, nahm auch Neuraths politische Karriere ein allzu frühes jähes Ende und er wurde für seine Beteiligung zu 18 Monaten Haft verurteilt, ehe er überhaupt mit seinen Ideen starten konnte. Nur durch den Einsatz der österreichischen Regierung konnte er seine Haft abbrechen und nach Österreich überstellt werden; mit der Bedingung Deutschland bis 1926 nicht mehr zu betreten. VERBAND FÜR SIEDLUNGS- UND KLEINGARTENWESEN Ähnlich wie in München, ergriffen nach dem Zerfall der Monarchie 1918 auch in Österreich die Sozialdemokraten die Macht. Wie überall herrschte auch dort große Armut und Lebensmittelknappheit unter der Bevölkerung. Außerdem zwang ein enormer Bevölkerungszuwachs in Wien und der damit verbundene Mangel an Wohnungen viele Menschen dazu, illegal Siedlungen in der Peripherie auf öffentlichem Grund zu errichten und Kleinviehzucht und Ackerbau zum Selbsterhalt zu betreiben. Mit der Zeit bildeten sich aus diesen Siedlungen kleinere Lokalvereine, wie etwa der Verein der Gartenfreunde, der Verein Hietzing und Umgebung, der Schreibergartenverein am Eisbach, die Gemein-

4

Nader Vossoughian, Facts and Artifacts: Otto Neurath and the Social Sience of Socialization, 2004, 21

5

Brief von Otto Neurath an Ferdinand Tönnies, September 26, 1903 Österreichische Nationalbibliothek Wien, 31.933.

6

Otto Neurath, Through War Economy to Economy in Kind, 1919, 124.


nützige Siedlungsgenossenschaft „Favorit“, die Siedlungsgenossenschaft der Kriegsgeschädigten Österreichs und die Genossenschaft „Aus eigener Kraft“. Im September 1921 einte man alle diese Vereine unter dem großen Dachverband „Österreichischer Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen“, der bereits nach dem ersten Jahr über 50.000 Mitglieder hatte. Der Verband hatte es sich zum Ziel gemacht, Hilfestellungen beim Bau von Häusern, Verleih und Beschaffung von Baumaterial und Werkzeug zu bieten, aber auch verbilligte Großeinkäufe von Baumaterial zu organisieren.

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Otto Neurath spielte dabei als erster Generalsekretär dieses Verbandes eine wichtige Rolle. Er organisierte Proteste und Ausstellungen und war zusammen mit Hans Kampffmeyer Herausgeber der Zeitschrift „Der Siedler“, die eine Auflage von 40.000 hatte. Sie diente als Sprachrohr der Siedlerbewegung

Abb. 3 Aufbau des Verbandes für Siedlungs und Kleingartenwesen

und beschäftigte sich mit Schrebergärten, Gemeinschaft und Gartenthemen. Zeitgleich wurde auch durch Neuraths Unterstützung die „Gemeinnützige Siedlungs- und Baustoffanstalt“ (GESIBA) gegründet, die Baumaterial lieferte und günstige Kredite an Genossenschaften ausstellte. Später wurde sie durch die Massenherstellung von Baumaterialien und kostengünstige Baulösungen bekannt. Neurath wollte die Vorteile der Industrie nutzen, gleichzeitig aber lehnte er die moderne Metropole als Gegenteil der bäuerlich-ländlichen Dorfgemeinschaft als Form der sozialen Organisation ab. Seine Idee war es eine Organisation von unten zu bilden, indem der Verband nur eine beratende Funktion übernahm, um ein Chaos zu vermeiden und die Bauordnung nicht zu verletzen.7 Wesentlich dafür verantwortlich war die Siedlungsschule, in der bekannte Persönlichkeiten, wie etwa Josef Frank, Margarethe Schütte-Lihotzky und Adolf Loos unterrichteten. Angeboten wurden 19 Fächer, von denen sich nur vier mit technischen Inhalten befassten, während die restlichen soziale und kulturelle Aspekte behandelten. Daneben gab es ein Baubüro, welches Pläne

7

Otto Neurath, Kemhausaktion der Gemeinde Wien, Österreichische-StädteZeitung 10: 7, 1923, 78


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von Reihenhäusersiedlungen, Hütten und Kernhäusern anfertigte, damit sie von den Siedlern eigenhändig nachgebaut werden konnten. Da die vom Planungsbüro entworfenen Häuser billigst und mit Hilfe der GESIBA produziert werden konnten, wurden sie zu einem großen Erfolg und es wurden sehr viele gebaut. Begünstigt wurde diese Bewegung anfangs auch durch die österreichische Regierung, die im Selbsterhalt des Siedlungswesens einen Ausweg aus der Lebensmittelknappheit sah. Auch sie bewilligte günstige Kredite und stellte große Förderungen aus. Die Weiterentwicklung dieser Häuser zu den sogenannten Kernhäusern übernahm Margarethe Schütte-Lihotzky. Inspiriert durch ihren Lehrer und Mentor Oskar Strnad entwarf sie Häuser, die aus einem Kern bestanden, der je nach Bedarf erweitert werden konnte. Schütte-Lihotzky übernahm von Neurath ein humanistisches Verständnis des Taylorismus und versuchte Prozesse aus deren Unterordnung an maschinelle Produktion und maschinelle Effizienz zu befreien und in ihrer Architektur umzusetzen. In seinem Aufsatz Das umgekehrte Taylorsystem (1917) beobachtete Neurath, dass Taylorismus im Allgemeinen zu einer „Mechanisierung des Lebens“, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und zu einem „Missbrauch von Mann, Frau und Kind” führte. Neurath fügte hinzu, dass dies keineswegs immer der Fall sein müsse. Einige Elemente des Taylorismus können zu einer treibenden Kraft für eine neue Form des Humanismus werden.8

Abb 4 Kernhaustyp “Typ 7” von Margarethe SchütteLihotzky

Allerdings ließ der Erfolg zu jenem Zeitpunkt nach, als die Häuser den Anforderungen in Bezug auf die Bebauungsdichte nicht mehr effizient genug waren, sodass nur 198 Stück der neuen Kernhäuser gebaut wurden. Von 1919 bis 1923 wurden 3.209 Häuser von der Gemeinde Wien finanziert. Allerdings waren nur 673 davon in Siedlungsgenossenschaften. Die Organisation und die Überwachung dieser Bauvorhaben war ineffizient und teuer in der Verwaltung, nichtsdestotrotz kann gesagt werden, dass diese Art des Wohnbaus

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Otto Neurath, Das umgekehrte Taylorsystem - Kunstwart und Kulturwart, 1917


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der Anfang unseres heutigen sozialen Wohnbaus war und dementsprechend war vielleicht auch das Scheitern dieses Projektes so unglaublich wichtig, um zu erkennen, wie sich sozialer Wohnbau billiger und vor allem effizienter gestalten lässt. Selbst Otto Neurath hatte die Grenzen dieses Siedlungswesens in Form von Kleinfamilienhäusern und Hütten erkannt, sodass er für die Gemeinde Wien einen Generalarchitekturplan ausarbeiten wollte, um das Siedlungswesen in einer mit der Industrialisierung verknüpften Form weiterleben zu lassen. Der Vorschlag Neuraths basierte auf den städtebaulichen Theorien Otto Wagners, eine Balance zwischen kulturellen und sozialen Bedürfnissen einzelner Bezirke zu finden und dabei die Stadt als Ganzes nicht außer Acht zu lassen. Er wollte das Stadtwachstum und die Industrialisierung vorantreiben und nahtlose Übergangszonen zwischen Industrie, Transport und Handel schaffen. Neurath schreibt dazu: „Als das Bürgertum herrschte, hat es die Zentralstellen der Kunst und Wissenschaft in der Nähe der Ringstraße gruppiert, kein Theater lag außerhalb des Gürtels. Die riesigen Arbeiterbezirke Favoriten, Floridsdorf, Ottakring und Hernals besitzen kein Theater. Wohl aber entstehen in den Siedlungsgenossenschaften, in den Kleingartenvereinen, Arbeiterheimen aus dem Bedürfnis des Tages heraus kleine Bühnen. Nach dem Generalarchitekturplan werden wohl vor allem in den Arbeiterbezirken kleine Kulturmittelpunkte errichtet werden, und man kann sich denken, dass etwa auf der Höhe von Laa am Berge irgendeinmal eine Terrasse errichtet wird, mit der Aussicht über ganz Wien, gekrönt von Theatern, Versammlungsbauten, Schulen, und anderen Gebäuden. Im Interesse der breiten Massen wird man auch darangehen Grünzungen zu schaffen, die möglichst nahe an den Hochhausgebieten beginnen, um die Wiener durch Kleingärten und Siedlungen hinaus ins Freie zufuhren.” 9 Für diesen Generalarchitekturplan arbeitete Oskar Strnad ein Projekt für den Teil Favoriten aus, das eine hufeisenförmig um einen offenen Park angeordnete Anlage von Terrassenhäusern vorsah, die Kleingärten mit Spielplätzen und anderen Anlagen umgeben. Von der Stadt her wären sie von zwei Wolkenkratzern begrenzt, während sie auf der anderen Seite abfallend in Siedlungen übergehen sollen, die sich bis zur Höhe der Laaerberge hinziehen sollen.

Abb. 5: Modell zum Projekt von Oskar Strnad

9

Otto Neurath, Generalarchitekturplan und Bauorganisation, Österreichische Städte-Zeitung, March 1,1924, 98


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Solche Entwürfe für Terrassenhäuser liegen auch von Loos und Behrens vor. Die vom Verbandsbüro vorgelegten Pläne wurden von der Gemeinde Wien aus Geldmangel noch zurückgestellt. 10 Dennoch interessant dabei ist die Kompromisslosigkeit und Radikalität, mit der versucht wurde, das anfangs genannte Prinzip der Verbindung der „Gemeinschaft“ des Dorfes mit der „Gesellschaft“ der Großstadt umzusetzen. Auch wenn dieses Vorhaben Neuraths für ein „Neues Wien” gescheitert ist, wurden er und der Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen für ein anderes Projekt ausgezeichnet, nämlich für eines der ersten Superblock - Appartement - Projekte überhaupt: Der Leopold-Winarsky-Hof / Otto-Haas-Hof. Er bestand aus 760 Appartements, einer Bibliothek, einem Mehrzwecksaal, Geschäfte, Ateliers, einem Kindergarten, Gemeinschaftsbädern, Handwerksbetrieben und Waschanlagen.11 Günstig und effizient konnte so vielen Menschen ein Heim angeboten werden. Darüberhinaus waren alle sozialen Einrichtungen und Geschäfte zu Fuß zu erreichen - ein Prinzip das der heutige Städtebau nach wie vor verfolgt!

Abb. 6 Otto-HaasHof

Durch die Bekanntschaft mit Josef Frank hatte Neurath auch Kontakt zum Österreichischen Werkbund und nahm 1932 an der Internationalen Ausstellung der Werkbundsiedlung teil. Bekannte Teilnehmer waren Josef Hoffmann, Oskar Wlach, Walter Sobotka, Clemens Holzmeister, Margarethe SchütteLihotzky, Richard Neutra, Adolf Loos und Gerrit Rietveld. Neuraths Rolle in der Ausstellung war es Touren zu führen, als Sprecher und Unterstützer zu agieren und die Plakate zu gestalten. Neurath empfand diese Lebensart als die „einzig wahre Art des Wohnens“ und zeigte sich begeistert. Er sah die Ausstellung als Beweis, dass eine Typisierung und Normierung Individualität und persönliche Entfaltung nicht ausschließen muss 12 und somit auch nicht ökonomische Effizienz und menschliches Glück.

Abb. 7 Werkbundsiedlung

10

Otto Neurath, Generalarchitekturplan, Das Kunstblatt 8:4, 1924, 108

11

Eve Blau, The Architecture of Red Vienna (19191934), MIT Press, MIT Cambridge, 299

12

Otto Neurath, Die internationale Werkbundsiedlung Wien als ‘Ausstellung, Die Form 7:7, 1932, 208-217


43 Die einzige Kritik geht in Richtung seiner früheren Mitarbeiterin Margarethe Schütte-Lihotzky, die ihre bekannte Arbeit „Frankfurter Küche“ präsentierte. So schreibt er: “Die Ausstellung will nicht zeigen, was für Erfindungen man gemacht hat, wie man technisch den kürzesten Weg innerhalb der Wohnung schafft, innerhalb der Küche, wie man am besten bei der Küchenarbeit sitzen kann usw., sondern wie man in der nächsten Zeit wohl am glücklichsten in wirklichen Wohnungen leben dürfte. Die optimale technische Lösung deckt sich keineswegs immer mit dem Glücksmaximum. Ganz abgesehen davon, daß es nicht klar ist, ob jede Hausfrau Weg sparen will, ob nicht die Bewegung selbst bis zu einem gewissen Grade etwas Erwünschtes ist, der Zwang zum Dauerstand aber etwas Fremdes.”13 1926 traf Otto Neurath Walter Gropius, Leiter des Bauhauses in Dessau, wo Neurath einige Vorträge hielt. Im Zuge des Treffens kommentierte er das Bauhaus als guten Weg um Gemeinschaft durch Instrumente der Gesellschaft umzusetzen. Andererseits jedoch kritisierte er ihre Maschinenästhetik 14 , wie sie etwa beim „Wassily”-Stuhl von Marcel Breuer zu finden ist. Überhaupt scheint Otto Neurath nicht wirklich vollständig von der Moderne überzeugt zu sein. So existiert z.B. ein Brief Otto Neuraths an Josef Frank, in dem er eine nette Anekdote über Le Corbusier erzählt. Zwischen den Zeilen kann man jedoch eine tiefe Abneigung ihm gegenüber herauslesen. “Corbusier war mir immer so unsympathisch, daß ich gern von Ihnen so nette Zitate bekomme, die das als begründet bestätigen. Persönlich behagt er mir schon gar nicht, aber auch seine Häuser, z.B. in Genf, wo man in der Halle die grossen Goldfischgläser hat, und die Wände aus Glas, so das die Damen sich gegen unbefugte Blicke von außen mit Hilfe von gespannten Vorhängen bis Brusthose zu schützen hatten. Und als wir eine Dame fragten, wo das Badezimmer sei, erfuhren wir nach einigem Zögern, daß es ein lichtloses Loch sei, in dem man sich kaum bewegen konnte.” 15 13

Otto Neurath, Die internationale Werkbundsiedlung Wien als ‘Ausstellung, Die Form 7:7, 1932, 208-217

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Otto Neurath, Das neue Bauhaus in Dessau, Der Aufbau: Österreichische Monatshefte für Siedlung und Städtebau 1, 1926 210

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Brief von Otto Neurath an Josef Frank, November 5, 1945, Österreichische National Bibliothek, Wien

CIAM Man kann bemerken, dass Otto Neurath eine Vielzahl an bedeutenden Persönlichkeiten zu seinem Bekanntenkreis zählte, die oft nicht von seiner Kritik verschont geblieben sind. Seine sehr theoretischen Ansichten in Bezug auf Gesellschaft und sein teilweise schon übersteigertes Interesse an Verständlichkeit und Praktabilität - und das in jeder Hinsicht - ließen ihn immer wieder auf Unverständnis stoßen, ganz besonders bei der Diskussion mit Lázló Moholy-Nagy im Laufe des CIAM IV (Internationaler Kongress für Mod-


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erne Architektur), die im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes noch genauer beleuchtet wird. Der Kongress stand unter dem Motto „Die funktionelle Stadt“. Dabei sollten dreißig verschiedene Städte von verschiedenen Ländergruppen nach derselben Methode analysiert werden. Neurath wurde für die technische Ausarbeitung der Tafeln vom Vorsitzenden Cornelis van Eesteren eingeladen. Zu dieser Zeit befand er sich gerade in Moskau, um dort seine Wiener Bildstatistik in dem von Stalin 1931 gegründeten ISOSTAT-Institut zu lehren, das die soziale und ökonomische Informationen garantieren und die Fünf-Jahres Pläne unterstützen sollte. Neurath arbeitete eine Methode aus, nach welcher die einzelnen CIAM- Ländergruppen deren Städte untersuchen sollten. Es sollte drei Karten geben, die demographische Daten, Industrie und Kultur darstellen sollten. Auf die Art und Weise der Darstellung hatte Neurath wenig Einfluss.

Abb. 8 Karte von Amsterdam

So betonte er in seinen Vorträgen, dass die grafische Methode des CIAM nicht genug entwickelt sei, um ein breiteres Publikum anzusprechen! Seine Absicht war es, abstrakte Fakten nach Art des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in ein figuratives Esperanto umzuwandeln.16 In seinen Vorträgen in Athen über die Wiener Methode der Kartographie und der visuellen Statistik im Sinne des Städtebaus, hatte Neurath betont, wie wichtig diese Städte-Analyse des Kongresses sei. Bei einem Treffen gab es ein heftiges Streitgespräch zwischen Lázló MoholyNagy, dem Assistenten Walter Gropius am Bauhaus, und Neurath, in dem es darum ging, zu welchem Zweck sich das Kartenmaterial eigne: Neurath meinte, dass eine perfekte Ausarbeitung der Symbole, die nicht nur für städtebauliche Analysen, sondern auch in anderen Bereichen nutzbar sein sollten, sehr wichtig sei! Moholy Nagy vertrat die Standpunkt, die Karten sollen bloss Einblick in die Arbeit des CIAM geben. Da es ja schlussendlich eine Kartenlegende gäbe, sei die Wahl der Symbole nebensächlich. Auch interessierte sich Moholy-Nagy wenig für Neuraths Universalsprache, in der wohl auch die bei der CIAM entwickelten Symbole ihren Platz gefunden hätten.

16

Kees Somer, The Functional City - The CIAM and Cornelis van Eesteren,1928-1960, NAi Publishers, EFL Foundation


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Zu allem Überfluss schrieb Cornelis van Eesteren Moholy Nagy in einem Brief: „Ich bin wirklich sehr froh darüber, dass du den Kongress mitgemacht hast, nicht nur weil du einen schönen Kongress-Film gemacht hast und die schönen Fotos, die wir noch zu sehen bekommen werden, aber vor allem weil du an der Kongressarbeit so aktiv teilgenommen hast. Von Neuem hat es sich bewiesen, dass an unserem Kongress auch uns nahestehende Nicht-Architekten teilnehmen müssen. Besonders ist mir in Erinnerung geblieben, wie aktiv du an der Besprechung mit Neurath teilgenommen hast - worin du immer das menschliche und psychologisch richtig wirkende in der Diskussion nach vorne gebracht hast, sonst wären wir sicher zu viel dem etwas begrenzten System Neuraths zum Opfer gefallen.” 17 In nächster Zeit wurde die Zusammenarbeit Neurath – van Eesteren einerseits durch eine Erkrankung van Eesterens, andererseits durch die große Distanz zwischen Wien und Amsterdem sehr erschwert. Allerdings fühlte sich Neurath durch diesen Brief van Eesterens verraten und verkauft.

Abb. 9 Cornelis van Eesteren

Im Zuge der Zusammenarbeit mit dem CIAM wurde er eingeladen, bei der Architektengruppe „de 8“ einen Vortrag über „The international symbolic script and its use for urban-planning designs“ zu halten, der allerdings ein Misserfolg wurde! Die Reaktionen darauf waren schwach und die Diskussion endete aufgrund einiger Missverständnisse in hitzigen Streitgesprächen! Auslöser des Streitgespräches war Neuraths Aussage, wonach die Mitglieder von „de 8“ sich zu wenig mit der Materie der Bildsprache auseinandersetzen würden, und dass sie diese Arbeit besser Spezialisten überlassen sollten.18 Allerdings gab es zwischen van Eesteren und Neurath häufiger Grundsatzdiskussionen. Neurath wollte eine Einheitswissenschaft gründen, mit dem Ziel,

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Brief von Cornelis van Eesteren to László Moholy-Nagy, September 4, 1933, Papers of CIAM (Congres Intcrnationaux d’Architecture Moderne), Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, ETH Zürich, Schweiz

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Kees Somer, The Functional City - The CIAM and Cornelis van Eesteren,1928-1960, NAi Publishers, EFL Foundation


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eine umfassende Erziehung der Bevölkerung mit Hilfe visueller Methoden zu erreichen. Er war auf der Suche nach einer neuen visuellen Sprache, die auf einem unabhängigen, überall anwendbaren und universell fassbaren System von Symbolen beruht.20 Für die van Eesteren und die CIAM Mitglieder spielte die Wahl der Symbole hingegen eine untergeordnete Rolle. FAZIT: Das Festhalten an seinem Wunsch, den Menschen glücklicher zu machen, zieht sich wie ein roter Faden durch Otto Neuraths Schaffen. In seinen Arbeiten versuchte er sein Lebenswerk voranzutreiben. Dadurch geriet er teilweise in heftige Streitereien, wie wir gesehen haben, nichtsdestotrotz ließ er sich von seinem Standpunkt nicht abbringen. Auch wenn seine Ideen oftmals zu theoretisch waren, ist jedoch sein unermüdlicher Einsatz für das Wohl aller Menschen hervorzuheben. Als einer der ersten erkannte er die Chancen der Globalisierung, zugleich aber auch die Gefahren, die er in seinen großen Projekten, wie der Siedlerbewegung, dem Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, ISOTYPE und im Engagement beim CIAM kennengelernt hat. Er strebte eine Universalkultur an, er arbeitete an einer Universalsprache und an der Einheitswissenschaft und war somit ein Vordenker des Internets und der Globalisierung. Viele seiner Arbeiten und Methoden könnten auch Besserungen für das Informationschaos unserer Zeit bieten. Denn trotz, dass er in den letzten Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geriet, hat er nichts von seiner Weitsicht verloren, mit der er die Welt von heute schon damals vorausgesehen hat!

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Kees Somer, The Functional City - The CIAM and Cornelis van Eesteren,1928-1960, NAi Publishers, EFL Foundation, 179

Bildnachweis: Abb.1: Die Einheit von Wissenschaft und Gesellschaft, Paul Neurath / Elisabeth Neurath Böhlau 1994 Abb.2: Gesammelte Bildpädagogische Schriften, vol. 3. eds. Rudolf Haller und Robin Kinross Abb.3: Der Siedler. Zeitschrift für Kleingärtner, Siedler und Wohnungsreform 1: 8 (1921): 117 Abb.4: Margarete Schütte-Lihotzky, Noever Peter 1993 Abb.5:Arbeiterbildung in der Zwischenkriegszeit herausgegeben von Friedrich Stadler Abb.6: Die Gemeindebauten des Roten Wien 1919-1934, Hans Hautmann / Rudolf Hautmann 1980 Abb.7,8 und 9: Nader Vossoughian, The Language of the Global Polis NAi Publishers 2008


47 OUT OF THE WILD

Bildpädagogik O t t o N e u r a th strikes back

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander

v on Vasily Koliusis

Manuel de Landa

Allgemeine Definition von Pädagogik Pädagogik ist die Wissenschaft welche sich mit der Praxis und der Theorie von Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationsprozessen aus einandersetzt. Sie erforscht die Ursachen und Wirkungen von Erziehungs- und Bildungsprozessen in unterschiedlichen Handlungsprozessen. Des Weiteren beschäftigt sich die Pädagogik mit den Zielen, Inhalten und Methoden von Erziehungs- und Bildungs-

Abb. 1 prozessen. Somit umfasst diese Wissenschaft soziales Handeln in Form von Unterricht, Informieren, Beraten, Animieren und Arrangieren und befasst sich mit den sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen von Erziehungs-, Bildungs- und Sozialprozessen. Geschichte der Bildpädagogik Otto Neurath war nicht der erste der sich mit dieser Thematik auseinander gesetzt hat. Schon im 17 Jahrhundert befasste sich der böhmischen Volkspädagoge Johann Amos Comenius (1592- 1670) damit Bilder zu didaktischen Zwecken ein zu setzten. Er vertrat die Idee einer enzyklopädisch angelegten, visuell aufbereiteten Wissenssammlung, wobei illustrierte Chroniken schon viel früher in der Druckgeschichte zu finden sind (das berühmteste Beispiel ist Hartmann Schedels Weltchronik von 1493). Als ein Mittel der Errichtung einer guten und gerechten Gesellschaft galt den Autoren des „Turris Babel“, zu denen neben Johann Valentin Andreae und Athanasius Kircher auch Comenius gehört haben dürfte, die Erziehung des Volkes durch Information: trotz der christlich religiösen Grundstimmung handelt es sich um ein wissenschaftliches Reformprogramm zur Wiederherstellung einer kosmischen Vollkommenheit, so wie sie einst vor dem biblischen Sündenfall geherrscht haben soll. Wichtig war die Entstehung der Idee, die Fülle und Unübersichtlichkeit des neuen Wissens, wesentlich ein Effekt der neuzeitlichen Druckkultur, mittels Zusammenfassungen und Übersichten zu begegnen. Man darf nicht verges-

Abb. 1 Isotype Titelbild, Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991


sen, dass das Buch als neues Medium auch eine neue Konzeption von Wissen mit sich gebracht hat. Die Ordnung und Methodisierung des Wissens, wie sie sich in der Bibliotheksordnung oder in der alphabetisch angelegten Wörterbücher und Lexika präsentiert, hat sich erst langsam durchgesetzt. Es gab also zahlreiche Ansätze der Systematisierung, aber auch zur Vermittlung von Wissen. Ein Element davon waren gedruckte Bilder und Zeichnungen. So hatten viele Bücher zahlreiche Kupferstiche enthalten, die vor allem als Illustration von technischen Fertigkeiten und Handwerkskünsten die Artikel ergänzten. So stellten die Autoren ein utopisches Gemeinwesen in Aussicht, in dem Wissen im öffentlichen Raum visuell verbreitet wird, beispielsweise über Wandmalereien. Das Spezialwissen der Eliten müsste in ein universal verfügbares Wissen übersetzt werden, das über reformpädagogische Konzepte unters Volk gebracht wird. Enzyklopädien sollten als Zusammenfassungen alles zur Verfügung stehenden Wissens und die drohende Unübersichtlichkeit bändigen und die Erkenntnisse ordnen. Von Comenius ist ein pädagogisches Werk überliefert, das zum Zweck des Unterrichts von Kindern verfasst wurde und den Titel Orbis Pictus trägt - “Die sichtbare Welt in Bildern” (Johann Amos Comenius: Orbis Sensualium pictus 1658). In diesem Schulbuch nutzte Comenius die sprachliche Mehrstufigkeit und vor allem Bilder. Neben einfachen Wörtern und deutsch-lateinischen Texten vermitteln rund 180 Illustrationen lernenden Kindern ein erstes Wissen von der Welt. Dieses pädagogische Werk war ein ungeheurer Erfolg und blieb bis ins späte achtzehnte Jahrhundert im Gebrauch; noch Goethe sollte als Kind daraus lernen. Heute wird die Bildpädagogik oft eingeschränkt auf das Lesen von Bildern, und in den Kontext der Medienerziehung gestellt. So ist oft, in unserem Zeitalter von Multimedia, abwertend die Rede über Bilder in Mode gekommen. Man darf aber nicht vergessen, dass unter Bedingungen neuer Medientechnologien Bilder zu Trägern neuer oder anderer Wissensformen geworden sind. Es geht nicht länger um die Konfrontation von Bildern und Texten, und auch nicht um eine ideologische Parteinahme, sondern um eine Diskussion des veränderten Bilderstatus. Otto Neuraths Bildpädagogik Information durch Malerei Schon in früher Jugend unterschied Otto Neurath zwischen Bildern als künstlerischem Ganzen und Bildern, deren Ziel es war, durch Linien und Farben zu informieren. Mit der Zeit kam er darauf, Zeichner und Entwerfer von pädagogischen Bildern, als Diener des Publikums zu sehen und nicht als deren Meister. Neurath hatte große Freude an „scharf umrissenen informativen Bilder oder an solchen, die eine Stimmung erzeugten.“ aber er konnte nicht „die prätentiöse Arbeit von Zeichnern ausstehen“, die ihm, so Neurath weiter, „ins stümperhafter Rembrandt- Manier zu zeigen versuchten, wie Dampfmas-

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chinen funktionieren“1. Neurath hatte das Gefühl, daß viele Menschen, die Museen einrichteten oder leiteten, sich so verhielten wie diese Künstler. Sie nahmen sich selber sehr wichtig, verstanden aber weder das Publikum, noch das was es wollte. So war Neurath dann auch immer besonders froh wenn er eine große Karte fand. Er war der Ansicht, daß diese Kartenhersteller sich viel mehr darum bemühen den allgemeinen Wunsch nach Informationen und Wissen zu stillen als jene die vorgeben, visuelle Behelfe zur Verfügung zu stellen.

„Das Kunsthistorische Museum, das eröffnet wurde, als ich ein Knabe war, machte den tiefsten Eindruck auf mich. Sobald man hineinkam, bemerkte man den Widerspruch zwischen der verschwenderischen, überverzierten, pseudoromantischen Eingangshalle mit den vielen Säulen und dem ruhigen, bescheidenen Hauptraum der Ägypten-Abteilung. Ich lief gewöhnlich die breite Marmortreppe hinauf, die zum rechten Flügel des Gebäudes führte, und betrat eine Halle, in der zwei echte ägyptische Säulen von riesiger Größe und aus rotem Granit die Decke stützten. Die Wände waren mit ägyptischen Wandmalereien bedeckt, die mir sehr gefielen, weil ich jede Einzelheit verstehen konnte, ob sie nun vom täglichen Leben der Ägypter oder von Schlachten und Siegen erzählten. Reihenweise wurden Menschen vor einen Herrscher gebracht. Die ägyptische Vergangenheit breitete sich vor meinen Augen aus. Alles war ohne irgendeinen perspektivischen Versuch geordnet; das einzige Ziel war es, einen klaren Eindruck von der Situation zu vermitteln. Ich konnte sehen, was die Menschen taten, ohne durch unbestimmte Hintergründe oder dunkle Ecken gestört zu werden. Alles war einfach, leicht erkennbar und erzählte klar, was zu erzählen war. Ich wusste nicht, was die Hieroglyphenschrift an Information hinzufügte. Mir genügte es, die Bilder zu verstehen.“ 2 Hieroglyphen Der Mensch lehrt über das Auge besser wie über das Ohr. Otto Neurath sprach davon, daß der moderne Mensch sein meistes Wissen, seine Bildung, über Bilder aufnimmt.3 Wie aber zum Beispiel gesellschaftliche Zusammenhänge abbilden? Wie Veränderungen der Klassenschichten oder Zirkulation des Geldes und Waren veranschaulichen? Es ist wichtig, zunächst Abbildungen zu schaffen, die möglichst ohne Text verständlich sind. So werden für Neurath dann Länder zu Flächen, Menschen zu Figuren, die auf ihnen stehen, Einfuhr und Ausfuhr sind zum Beispiel Warenmengen, welche mit Eisenbahnzügen in ein Land hereinkommen, bzw. aus einem Lande hinausgehen. Aber der Verbrauch an Elektrizität ist nicht in gleicher Weise erfassbar. Es bedurfte somit einer symbolischen Darstellung. Kredit und Reingewinn sind ebenfalls schwer zu er-

Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S.638 2 Otto Neurath, From Hieroglyphics to Isotypes, Future Books, Vol. 3, London 1946, S. 93-100. Übersetzt von Marie Neurath 3 Otto Neurath, Österreichische Gemeinde-Zeitung, 3. Jg., Nr. 10, Wien 1926 1


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fassen. Wie sich heraus stellte gibt es schon bei den einfachen statistischen Zusammenhängen große pädagogische Schwierigkeiten aller Art, die erst langsam überwunden werden mussten. Es müssen vor allem Bildzeichen geschaffen werden, die so „gelesen” werden können wie von uns allen Buchstaben und von den Kundigen Noten. Es handelt sich um Schaffung einer Art Hieroglyphenschrift, die einer internationalen Anwendung fähig ist.4

Abb. 2

Otto Neurath, Österreichische Gemeinde-Zeitung, 3. Jg., Nr. 10, Wien 1926

4

So wurde nun auch gefordert, daß die grafische Darstellung von Tatbeständen Abb. 3 mit Hilfe von „Kurve“ abgeschafft werden solle und durch belebte Bänder ersetzt werden sollte. Deren Enden verlaufen aber wieder wie die einer Linie, die sich aber der Betrachter vorstellen kann. Diese Bänder sollen anschaulicher sein, im Gegensatz zu den bisherigen Kurven die meist nur täuschen. „Der realistische Blick leidet unter Kurvendarstellung“. Das ganze führte

Abb. 2 Figurenhäufung als Signatur für Einwohnerzahl von Städten (Ausschnitt). Städte um 1500. Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S.155 Abb. 3 Vereinfachte Wiedergabe der auf der Hygieneausstellung gezeigten Darstellung. Andere Behandlung des gleichen Gegenstandes in den Statistischen monatlichen Mitteilungen der Gemeinde Wien. Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 19


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dann immer mehr dazu, Symbole zu entwickeln, so dass der Betrachter schnell verstand, um was es sich handelte, auch ohne lesen zu müssen. Durch seine Standardisierung von Symbolen wollte Neurath eine Universalsprache entwickeln. Der Isotype. (Englisch: International System Of Typographic Picture Education) Statistiken “Statistik ist Freude für die Erfolgreichen! Statistik ist Notwendigkeit für planmäßige Wirtschaft, daher ist Statistik Sache des sozialistischen Proletariats!“5 „Die Welt in Zahlen“ - Statistik als eine Notwendigkeit für planmäßige Wirtschaft, sie ist Werkzeug und Bestandteil der sozialen Ordnung. Statistik zeigt zum Beispiel, in welchem Umfang für die Bevölkerung gesorgt ist, sie zeigt auch die Erfolge der Fürsorge. Aus ihr erfährt man, um wie viel die Tuberkulosesterblichkeit infolge gesteigerter Fürsorge, verbesserter Lebensverhältnisse abnimmt! Lebenslagenstatistik ist für das Proletariat von größter Wichtigkeit; wie viele Menschen haben große, wie viele kleine Wohnungen, wie viel Brot, Fleisch, Milch entfällt auf die Kinder der verschiedenen Klassen, wie viele Krankheitstage, welches ist die durchschnittliche Sterblichkeit der einzelnen Berufsgruppen, wie hängen Tuberkulosesterblichkeit und Einkommen zusammen! Die schwersten Anklagen gegen die kapitalistische Ordnung können die Arbeiterschaft mit stärkstem Nachdruck auf Grund der Statistik erheben. Begreiflich, daß sehr wichtige Daten, die hierfür in Frage kommen, von bürgerlicher Seite nicht mit besonderem Eifer beschafft werden! Das Bürgertum sichert sich da weniger durch die Lüge als durch ausgebreitete Sabotage! Es ist daher also von größter Wichtigkeit, daß die Arbeiterschaft selbst über den statistischen Erhebungsapparat verfügt.

Otto Neurath, Österreichische Gemeinde-Zeitung, 3. Jg., Nr. 10, Wien 1926 Abb. 4 Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 234 5

Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum

Abb. 4


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Neurath setze sich als Hauptziel für das Gesellschafts- und Wirtschaft Museum, die Bevölkerung zu informieren und aufzuklären, denn er war der Meinung, daß „die Gegenwart von uns allen verstandesmäßige Erfassung gesellschaftlicher Zusammenhänge fordert.“6 Er war davon überzeugt, daß man heute nicht mehr die Allgemeinbildung auf Lesen, Rechnen, Schreiben und einige Kenntnisse auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, der Literatur und der Geschichte beschränken kann. Es sei auch wichtig die gesellschaftlichen Vorgänge zu erläutern und ihr Werden verständlich zu machen. Für ihn war aber klar, daß die Pädagogik in diesem Gebiet noch in den Kinderschuhen steckt. Zu jener Zeit glaubten viele, daß nun das Jahrhundert der Gesellschaftsbeherrschung anbreche, ein Zeitalter, in dem die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens Herz und Sinn aller aufs tiefste erfassen würde. Die geschichtlichen Umwälzungen dieser Jahre, die Demokratisierung der öffentlichen Verwaltung, die Ausdehnung der Rechte der Arbeiter und Angestellten in den Betrieben haben dazu geführt, daß immer mehr Menschen nach Aufklärung über gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorgänge verlangen. Und davon war Neurath fest überzeugt. Aber er sah sich auch der Schwierigkeit dieser Aufgabe entgegen gestellt, „Es ist nicht leicht, dies Begehren zu befriedigen.“7

Wie zum Beispiel kann bzw. soll man die innerhalb eines GesellschaftskörAbb. 5 pers zeigen, die Veränderungen der Klassenschichtung, die Zirkulation des Geldes und der Waren, die Tätigkeit der Banken usw., die Zusammenhänge zwischen Einkommen und Tuberkulose, zwischen Geburtenziffer und Sterblichkeit? Es ist viel einfacher Modelle des menschlichen Herzen zu bauen und den Pumpvorgang im Einzelnen genau demonstrieren. Neurath sah die

Otto Neurath, Kulturwille, 4. Jg., Nr. 9, Leipzig 192 7 Otto Neurath, Österreichische Gemeinde-Zeitung, 2. Jg., Nr. 16, Wien 1925, S. 1-12. Abb. 5 Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 96 6


Möglichkeit, Modelle mit einer graphischen Darstellung. Diese fordern aber eine wesentlich Abstraktion, daß heißt aber auch das diese an den, der sie entwerfen soll aber auch an den Besucher selbst einer größeren Anforderung gestellt wird. Als Generalsekretär für den Verbund von Siedlungs- Kleingartenwesens gehörte es zu Otto Neurath seinen Pflichten pädagogische Projekte zu überwachen und Informationen zu verbreiten. Aber auch etwas über seine Bewegung mitzuteilen, indem er seine Ausstellungen plante (Wohnung und Gartenbau) dort konnten er zu Beispiel der Bevölkerung zeigen, was geleistet worden war, um die Nahrungs- Wohnungsverhältnisse zu verbessern.

Abb. 6 Wiener Methode _ soziale Aufklärung So wie das technische Museum das Funktionieren der Maschine und auch anderer technischen Hilfsmittel zeigte, so klärte das Hygiene- Museum vor allem über die Methoden, die der einzelne anwenden kann, um sich zum Beispiel gegen Krankheiten und Infektionen zu schützen. Ein großer Teil aller hygienischen Verbesserungen aber hängt von der Hebung der Ernährung, von einer Verbesserung des Wohnungswesens und anderen sozialen Maßnahmen ab. Diese Frage bleibt aber bis jetzt in den meisten Fällen unberührt. Es ist aber auch wichtig die Zusammenhänge zu verstehen.

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Abb. 6 Ausstellung im Rathaus, Modelle und Zeichnungen Gemeindebau Projekten, Foto 1925. Eve Blau, The architecture of red Vienna 1919-1934, S. 389


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Abb. 7 Warum sind wir Krank und wie hängt das mit Arbeitslosenzahl zusammen? Die meisten Menschen interessiert es vor allem, woher es kommt, dass in Zeiten höchster technischer Entwicklung, Mangel und Elend herrschen, es kümmert sie weniger, wie die technischen Hilfsmittel funktionieren, die der einzelne Ingenieur erfinden mag. Um solche soziale Aufklärung verbreiten zu können, bedarf es besonderer Hilfsmittel. Im Jahrhundert des Auges kommen in erster Linie Museen und Ausstellungen, Abbildungen und Filme in Frage. Während man aber technische und hygienische Zusammenhänge durch Photographie, Modelle, Schnitte einigermaßen ausreichend veranschaulichen kann, verlangen die gesellschaftlichen Vorgänge besondere, neuartige Methoden. Man muss zu zeigen versuchen, wie sich die Menge der Produktion und des Verbrauches ändert, wie Arbeiterabbau mit Rationalisierung zusammenhängt. Der Gesellschaftstechniker muss uns lehren, wie Menschenmassen sich durch Geburt und Tod, Einwanderung und Auswanderung vergrößern oder verringern, wie durch Verbesserungen auf dem Gebiet des Wohnungswesens Säuglingssterblichkeit und Tuberkulosesterblichkeit ganzer Städte herabgesetzt werden. “Die Gesellschafts- Wirtschaftsordnung ist das Schicksal der breiten Massen, die sich aber über die Zusammenhänge zwischen Produktion, Verbrauch, Wirtschaftsordnung nur schwer ein Bild machen können.”8

Abb. 7 Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 232


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Abb. 8 Wiener Methode in der Schule Pädagogische Bilder sollen nach Wiener Methode im Allgemeinen nicht nur dazu dienen, über einen Tatbestand zu, sondern ihn auch rasch und sicher einzuprägen. Sie sollen von vornherein als Merkbilder entworfen werden. Daraus ergibt sich schon, daß sie womöglich einen auf den ersten Blick verwendbaren Eindruck vermitteln, die Details dagegen erst bei genauerem Zusehen offenbaren. Diese stufenweise Gliederung der Sachbilder zielt darauf ab, daß man das, was man logisch nacheinander darlegen will, optisch nacheinander erfassbar macht. 9 Sachbilder haben schon eine lange Tradition und gehen bis zur Zeit der Ägypter und Babylonier zurück. Für sachliche Mitteilungen wurden Wandbilder angefertigt, auch bei diesen gab es eine gewisse inhaltliche Orientierung und eine bedeutsame Art der kartografischen Anordnung. Spätere Heiligenbilder können zum Teil auch als Sachbilder aufgefasst werden. Etwas moderner sind hingegen Darstellungen von militärischen Vorgängen, wie sie während des 16. und 17. Jahrhunderts angefertigt wurden. Zu dieser Zeit neigte man dazu eine quantitative Darstellung zu verwenden und gründete somit den Anfang der modernen Bildstatistik.

Abb. 8 Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 23 9 Bildstatistik nach Wiener Methode in der Schule Deutscher Verlag für Jugend und Volk, Wien—Leipzig 1933, 51 Seiten.


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Abb. 9 Vorteil dieser Sach- und Merkbilder, die sprechende Zeichen verwenden, ist die Unabhängigkeit von Sprachgrenzen. Die Idee war also nun durch die Wiener Methode eine Bildpädagogik ein internationales Zeichenlexikon zu entwickeln. Dieses soll eine Grundlage für internationale Pädagogik werden und eine Orientierung für Farben und Formen geben. Durch die Wiener Methode werden die Grenzen von Ländern und Völkern überschritten aber auch die Grenzen der der verschiedenen Bildungsstufen. Es kann zwar sein, daß sich gerade ein Gebildeter schwerer tut bildpädagogisch zu lernen wie ein Arbeiter, aber die wesentliche Idee ist es im praktischen Leben eine zuverlässige grobe Orientierung zu vermitteln. Dies führt zu einer gewissen pädagogischen Beschränkung der Menge an Wissen und eine Vereinfachung der Darstellung. So werden Zahlenreihen genau ausgewählt bei bedarf abgerundet und gewissenhaft angeordnet. Beispiel: 10 Man nehme die Reihe 51, 46, 41, 36, 31, 26 wenn man automatisch auf ganze Zehner abrundet, ergibt sich 5, 5, 4, 4, 3, 3. Und wenn nun jedes zweite Glied wählt zeigt man dann im Mengenbild 5, 4, 3. Diese Reihe hat genauso viel Information wie die erste sechsgliedrige veranschaulicht es nur einfacher und klarer. Oder schwierigeres Beispiel wenn man zwei Reihen mit einander vergleich möchte. - 36, 40, 44

Abb. 9 Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 308 10 Otto Neurath, Bildstatistik nach Wiener Methode in der Schule, Deutscher Verlag für Jugend und Volk, Wien— Leipzig 1933, 51 Seiten., Auswählen, Abrunden, Anordnen


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- 72, 80, 88 Würde man nun wieder abrunden, und Zehner als Einheit verwenden würde man dies erhalten: - 4, 4, 4 - 7, 8, 9 Wenn man aber beide Reihen durch 5 teilt bleiben die Proportionen erhalten. - 7, 8, 9 - 13, 14, 18 Es ist für Heranwachsende Menschen oft wichtiger, dauernd im Gedächtnis zu behalten, dass die Entdeckung Amerikas, die Anwendung des Schießpulvers, die Erfindung der Buchdruckerkunst, die Reformation, die Bauernkriege „ungefähr“ auf 1500 fallen, als das die verschieden „genauen“ Zahlen zum größten Teil vergessen werden. “Das wirkende Leben beruht vor allem auf grober Orientierung. Es ist schlimm, wenn man sich die Dezimalen merkt und die Hunderter vergisst.” 11 Museum der Zukunft Allgemein Vom Museum der Zukunft zu sprechen ist, wie vom Automobil der Zukunft zu sprechen. Automobile werden serienmäßig produziert und nicht einzeln in einer Schmiede. Die Idee, dass jedes Museum einzigartige Objekte ausstellen sollte, ist uns aus der Vergangenheit mit überliefert. Und für viele Menschen besteht das Vergnügen eines Museumsbesuchs darin, etwas zu sehen, gleichgültig was, das nur einmal zu sehen ist.12 Für Otto Neurath steht der Betrachter im Mittelpunkt. So fordert er ein Umdenken, ihm ist das Dilemma der Museumspädagogik bewusst: „Oft denken Aussteller hauptsächlich an das, was sie selbst gern zeigen wollen, ohne die Aufnahmefähigkeit der Besucher zu berücksichtigen.”13 In der Kommunikation zwischen Ausstellung und Besuchern ist ihm ganz anderes vorstellbar als bloß wie so oft üblich „im Rahmen einer imposanten allgemeinen Aufmachung der Ausstellung Trivialitäten auf eher überhebliche Weise vorzuführen.” 14 So ergibt sich als erste Frage, wessen Bedürfnisse hier eigentlich erfüllt werden sollen. Gemäß der Forderung nach einer Demokratisierung des Zugangs zum Wissen hat Neurath die Chance gesehen, in den Museen der Zukunft die tiefe Kluft zwischen gelehrten Fachleuten und interessierten Laien zu überbrücken. Wie kommt das Wissen zu denen, die es brauchen? Es ist zunächst wohl wichtig darauf hinzuweisen, in welchem Rezeptionskontext die Bildpäda-

Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 304 12 Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 244 13 Otto Neurath: Health Education through Isotype GSB S. 632 14 Otto Nurath: The Human Approach to visual Education GBS S. 619 11


gogik angewandt worden ist: zuerst nicht nur in Büchern und Magazinen, sondern auf Schautafeln in Ausstellungen. Hart arbeitende Menschen sind abends zu müde, um zu lesen also muss ein anderer Kommunikationskanal gesucht werden. Sie gehen aber auch nicht ins Museum also kommt das Museum mit seinem Wissensbestand zu ihnen. Zwar nicht so, wie es die heutigen Internet-Nutzer gewohnt sind, aber immerhin beispielsweise in Form von Wanderausstellungen in verschiedenen Städten. Arbeitern mit geringer Bildung konnte dadurch einiges von der Schwellenangst genommen werden, die sie daran hinderte, sich in die kontemplativen Musentempel des Bildungsbürgertums hinein zu bewegen. Es war ein Erfolg für Neurath, dass seinem Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum gegen Ende der zwanziger Jahre die „Volkshalle” des Wiener Rathauses für Ausstellungen zur Verfügung gestellt worden ist. Das neue museumspädagogische Konzept hat eine einfache, pragmatische Dimension, doch kommt noch eine fundamentale Revision des traditionellen Verständnisses vom Museum hinzu. Die Umkehrung der Perspektive vom Anbieter zu den Nutzern von Informationen hat erst in zweiter Linie mit der angestrebten verbesserten didaktische Anschaulichkeit zu tun. In erster Linie ging es um eine grundsätzliche Kritik der Museumsidee, das heißt jener Idee, „dass jedes Museum einzigartige Objekte ausstellen sollte” und so eine Sammlung „berühmter Einzelobjekte” darstellt. Neurath dagegen ist sich seines Zeitalters bewusst, das im Zeichen der technischen Reproduzierbarkeit steht. Es werden die Ausstellungstafeln kopiert und unter Bedingung vereinheitlichter Darstellungsmittel reproduziert, Neurath zieht hier einen Vergleich zum Übergang von der Manuskript- zur Buchkultur. Bücher sind technisch vervielfältigte Massenware, die einer Nachfrage entspricht, denen das einzelne Manuskript nicht mehr nachkommen kann. Man kann zwar in einem Museum immer noch berühmte Einzelobjekte sammeln, aber die Idee, allein diese auszustellen, entspricht einem antiquierten Museumskonzept. Die Reproduzierbarkeit ist es, die Verbreitung ermöglicht, das Wissen sichert und damit allgemein verfügbar macht. „Früher war es mit Büchern ebenso: Ein berühmtes Manuskript wurde Teil einer Sammlung, eines einmaligen Schatzes; aber heute gibt es zehntausend Abdrucke desselben Manuskripts. In Zukunft werden Museen so produziert werden wie Bücher heute.” 15 Kopien von Museen, so das Konzept, würden in „Standardserien” produziert und international gezeigt werden. Und diese Reproduzierbarkeit bedeutet eine Steigerung der Verfügbarkeit, also einen potenziell demokratisierenden Effekt, wie auch Walter Benjamin angemerkt hatte. Auch wenn Technik die ästhetische Autonomie des Kunstwerks zerstört, die Zeit verlangt nach einer Ausrichtung der Realität auf die Massen und nach einer Abkehr vom Prinzip der Kontemplation. Neue Rezeptionsformen werden entwickelt, die über op-

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Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 244

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tische (und das bedeutet immer auch: schriftbetonte) Wahrnehmung hinaus eine bestimmte mehrdimensionale Form der Anwendung und des Gebrauchs involvieren.

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Die Regeln Die erste Regel ist simpel, „Mehr Objekte, mehr Symbole.”16 Neurath meint damit, dass jedes Zeichen eine bestimmte Menge beschreibt und dass wenn sich die Menge erhöht, so sollte sich die Anzahl der Zeichen erhöhen.

Abb. 10 Die zweite Regel besagt, dass alle Grafik-Diagramme nur zweidimensional oder projizierend dargestellt werden sollen. Neurath war der Ansicht das “Würfel und Kugeln sehr sind schwer zu vergleichen.”17 Neurath glaubte auch, dass die dritte Dimension die Zuschauer ablenkt und dass die Beschränkung auf eine zweidimensionale Ebene dazu beiträgt, die Information leichter vermittelt. In seiner dritten Regel, bemerkt Neurath, dass jedes “Schema sollte so entwickelt sein, dass dieses nicht mehr aussagt, als unbedingt notwendig.”18. Er ist der Ansicht gewesen, dass Zeichen lesbar sein sollen sowohl im Hinblick auf ihre Form als auch im Hinblick auf ihre Bedeutung. Die vierte Regel war, dass Farbe “als grundlegendes Instrument für die Differenzierung dienen sollte.”19 Neurath war der Ansicht, dass die geistige Verbände, Farbe provoziert könnte dazu beitragen, die Zuschauer verstehen, ein Diagramm schneller und in der Lage, assimilieren verschiedenen Ebenen der Sinne gleichzeitig. Zum Beispiel, “Männer dunkel, Frauen hell, Kinder grün, grau ältere Menschen.” 20 Die fünfte Regel die Neurath entwickelte, hatte zu tun mit der Bauweise in der die Tafeln entstanden. Die grafischen Zeichen und Symbole sollten im Scherenschnittverfahren hergestellt werden. Für Neurath war es wichtig das dies leicht und einfach herzustellen war und vor allem Zeitsparend. So konnte man schnell große Mengen produzieren und vervielfältigen. Der

16, 17, 18, 19, 20 Otto Neurath, “Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien,” Der Aufbau: österreichische Monatshefte für Siedlung und Städtebau I- (1926) Abb. 10 Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 26


Scherenschnitt ist auch eine bewährte Methode die dem Betrachter vertraut scheint und einfach zu verstehen ist. Somit war diese Methode geeignet und Informationen einfach weiter zugegeben. Die sechste und letzte Regel, die Neurath festlegte, betraf Art und Weise der Beschriftung. Er betonte die Bedeutung einer klaren Schrift und deren Größe. Die Größe der Bildunterschriften muss im Verhältnis zu ihrer Bedeutung liegen. Heißt also wenn eine Information wichtig ist so muss diese auch eine große Schriftgröße haben. “Die bildlichen Diagramme sind so zu gestalten, dass diese auch für sich alleine sprechen können, der Text erschein nur als Beilage. Fett gedruckt werden Wörter die leicht verständliche sein sollen. Für eine genauere Erläuterung werden dann große und kleine Buchstaben verwendet.” 21

Das Team Abb. 11 Das Team, welches um Otto Neurath war, bestand aus mehreren unterschiedlichen Typen von Menschen die interdisziplinär arbeiteten. Edith Matzalik war zu Beispiel Architektin und Grafikdesignerin und damit für das gestallten und beschriften der Grafiken zuständig. Bruno Zuckerman war Gestalter und Entwerfer und kam eigentlich aus der Modebereich. Zuvor beschäftigte er sich mir nationalem Kostüm Design. Josef Scheer, als gelehrter Buchbinder war er für das handwerkliche zuständig. Er laminierte die Grafik - Tafeln sowie das Mischen und die Herstellung von den Farben. Er stand auch für die Überwachung und den gesamten technischen Ablauf. Fritz Jahnel als Gestalter und Geistlicher war für Beratung aber auch Ausführung zuständig. Erwin Bernath war ein bedeutender Grafikdesigner, der Team tatkräftih unterstützte. Friedrich Bauermeister hat Neurath schon bei Siedlungs- und Kleingarten Vereinigung unterstützt. Gerd Arntz Ein Großteil der grafischen Arbeit des Museums für Gesellschaft und Wirtschaft übernahm Gerd Arntz ab 1929. Ein deutscher Künstler, den Otto Neurath zum ersten Mal durch den Kunsthistoriker Franz Roh auf der “GeSoLei”-Ausstellung kennen lernte. Gerd Arntz war ein Mitglied der revo-

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21 Otto Neurath, “Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien,” Der Aufbau: österreichische Monatshefte für Siedlung und Städtebau I- (1926) Abb. 11 Beispiel für darstellungstechniken GWM., Otto Neurath, International Picture Language (1936), Eve Blau, The architecture of red Vienna 1919-1934, S. 292


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lutionäre Gruppe Progressiver Künstler, bei der auch Franz Seiwert, Heinrich Hoerle, Augustin Tschinkel, und der Fotograf August Sander waren. Er war ein radikaler Sozialist wie Neurath selbst. Arntz schuf Holzschnitte und LinoSchnitte, die sich mit Themen der Arbeitnehmer Entfremdung, bürgerlichen Heuchelei, Unruhen und politischen Umwälzungen beschäftigte. 1928, nach seinem ersten Treffen mit Neurath, arbeitete er in regelmäßigen Abständen für das Gesellschaft und Wirtschaftsmuseum, auch um Neurath bei dem Design von seinem Buch „Die bunte Welt“ zu unterstützen. Von 1929 bis 1934 arbeitet er dann auf einer Vollzeit-Basis. Später zog er mit Neurath nach Den Haag, wo er weiter mit Neurath bis 1940 arbeitete. Gerd Arntz war es auch der andere Künstler in das Team brachte wie zum Beispiel Jan Tschichold oder Peter Alma, die beiden waren stark vom der sowjetisch konstruktiven Kunst beeinflusst und passten somit gut hinein. Ausstellungen Gesellschaft und Wirtschaft Museum Im Gesellschaft und Wirtschaftsmuseum wurde versucht Probleme zu erklären wie zum Beispiel Tuberkulose. Und zwar dadurch, indem man es in Zusammenhang gestellt hat mit dem Einkommen und der gesellschaftlichen Stellung. Aber man war auch darum bemüht zu zeigen, woher das Ganze kommt bzw. wie es entsteht. So wurden Schaubilder gezeigt, wie sich verschiedene Krankheitserreger über das Wasser verbreiten können. Es wurde des Weiteren auch aufgeklärt, wie man sich untersuchen lassen kann und wie man sich von den verschiedenen Krankheiten oder Infektionen behandeln lassen kann. Neben den hygienischen Problemen waren auch Themen wie Arbeitslosigkeit ein großes Feld in den Ausstellungen, bei denen Neurath versuchte aufzuklären. So zeigte er den Zusammenhang von technologischem Fortschritt im Kohleabbau und den geringer werdenden Bedarf an Arbeitskräften. Es wurde auch versucht, den gesamten Zusammenhang eines ganzen Unternehmens darzustellen. So konnte jeder seine Position erkennen und mit wem er wie in „Verbindung“ steht. Somit sah Neurath im Allgemeinen seine Hauptverantwortlichkeit, den Menschen zumindest eine grobe Orientierung zu geben. Sie sollen sich ein Bild machen können über die Zusammenhänge zwischen Produktion, Verbrauch und Wirtschaftsordnung. Sich aber nicht mit überflüssigen Zahlen konfrontiert sehen sondern klare allgemeine Verbindungen verstehen. Denn so Neurath: „Es ist schlimm, wenn man sich die Dezimalen merkt und die Hunderter vergisst.“ 22 Ge so Lei Die Große Messe für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen. Diese fand vom 8. Mai bis zum 15. Oktober 1926 in Düsseldorf statt.

Otto Neurath, Band 3 Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S. 305

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Und war mit knapp 8 Millionen Besuchern und 400.000 m² die größte Messe der Weimarer Republik. Ihre politische und soziale Zielsetzung war die Erziehung zum neuen leistungsfähigen Menschen. Die Aufgabe des Gesellschaft und Wirtschaftsmuseums war es die Gründe und Leistungen der österreichischen Sozialversicherung systematisch darzustellen. So wurden Tafeln erstellt, die zum Beispiel die Verteilung von Nichtversicherten in Österreich zeigten. Oder Statistiken von Unfall und Pensionsversicherungen aber auch Krankenversicherungen im Allgemeinen.

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International Town Planning Congress Dieser Kongress fand im September des Jahres 1926 in Wien statt. Und wurde von der Internationalen Gesellschaft für Wohnungs- und Städtebau organisiert, bei der Ebenezer Howard Vorsitzender und Präsident war. Die Redner waren Vertreter aus den Vereinigten Staaten und aus ganz Europa. Die Veranstaltung stand unter der Leitung von Anton Weber. Während der Sitzung gab es Führungen durch Siedlungen, Vorträge, und eine offizielle Ausstellung des Wiener Künstlerhaus, bei der Hans Kampfrmeyer Kurator war. Das Museum für Gesellschaft und Wirtschaft war Teil der Ausstellung und half mit Visualisierung der Gebäude-Programme der Gemeinde Wien. Es besetzten drei Zimmer, eines für Landsiedlungsmuster in Wien, eine zweites das sich neue Bautätigkeit zeigte und ein drittes, dass einen Teil der ständigen Sammlung des Gesellschaft und Wirtschaftsmuseum zeigte.

Abb. 12

Abb. 12 Exhibition of new buildings erected by the municipality of Vienna, prepared for International Town Planning and Housing Congress, 1926. Eve Blau, The architecture of red Vienna 1919-1934, S. 391


63 OUT OF THE WILD

Friedrich Kiesler

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa


64 OUT OF THE WILD

A u f d e n S p u r e n d e s E n d l e ss House

Otto Neurath

Ü b e r d i e E ntwicklung und Theorie des Endless House

Friedrich Kiesler Christopher Alexander

b y Heidi Beikircher Sylvia Baumga r t n e r

Friedrich Kiesler war Architekt, Designer, Bildhauer und Künstler. Er wurde am 22. September 1890 im damaligen österreich-ungarischen Czernowitz geboren, das auf Grund seiner kulturellen Vielfalt zu dieser Zeit auch als „Klein Wien“1 bezeichnet wurde. Ab 1908 - 1909 begann er mit dem Studium an der Technischen Hochschule Wien, von 1910 - 1912 belegte er Kurse an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Sein Architekturstudium schloss Friedrich Kiesler niemals ab,2 dies wurde zu einem Umstand, der ihn ein Leben lang begleiten sollte. Mit dreißig Jahren heiratete er die Philologiestudentin Stefanie Frischer, mit der er ab 1926 in New York lebte.

Auf der Spielwiese des Theaters: Kieslers Experimente mit dem Raum Friedrich Kiesler war ein Architekt der etwas anderen Art, schon früh sprach er sich gegen den „Pseudo - Funktionalismus“3 seiner Zeitgenossen, wie etwa Le Corbusier oder Mies van der Rohe aus. Als Humanist zog es ihn zu allererst in die Welt der Kunst und Illusionen. Noch in Europa realisierte er 1923 sein erstes Bühnenbild für das Theaterstück W.U.R. von Karel Capek in Berlin. Darauf folgte der Auftrag für die Organisation und Gestaltung der Internationalen Ausstellung neuer Theatertechniken in Wien (1924). Hierfür konzipierte er die Raumbühne in Form einer Spirale. Als Antwort auf die Dynamik der Zeit, beginnt sich bei Friedrich Kiesler der Raum selbst zu bewegen.

Manuel de Landa

1

Theo Faulhaber, „KleinWien am Pruth Facetten des alten k. k. Czernowitz“, www.trendconsult.at/docs/ Salisonntag_Faulhaber.pdf am 22.01.2009 2

Wikipedia contributors, „Frederick John Kiesler“, http://en.wikipedia.org/wiki/ Frederick_John_Kiesler am 22.01.2009

3

Frederick Kiesler, „Pseudo – Functionalism in Modern Architecture“, in: MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main/ Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler - Privatstiftung (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Endless House 1947-1961”, Hatje Cantz, Ostfildern Ruit 2003, S. 29

1 Die Raumbühne von Friedrich Kiesler auf der Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik, Wien, 1924


„Das Theater der Zeit ist ein Theater der Geschwindigkeiten. Deshalb ist seine konstruktive Form und das Spiel der Bewegung polydimensional, das heißt: sphärisch. “4 Diese moderne Raumauffassung wird mit der International Theatre Exposition von 1926 noch einmal aufgegriffen. Neben Bühnenbilder des Futurismus, Konstruktivismus und des Bauhauses, stellt Friedrich Kiesler auch einen eigenen Entwurf aus: eine eiförmige Doppelschalenkonstruktion die es ermöglicht, dass sich „das Drama frei im Raum ausdehnen und entfalten kann.“5 1933 entwirft Kiesler ein maßstabgetreues Modell eines Einfamilienhauses für die Modernage Furniture Company in New York, das “Space House“. Darin wurde das gesamte Mobiliar für das Einrichtungshaus ausgestellt. Wand, Decke und Wände gingen ineinander über, bildeten eine Einheit: die von Friedrich Kiesler angestrebte Kontinuität. Die einzelnen Räume wurden nicht durch Wände voneinander isoliert, sondern es wurde dem Besucher selbst überlassen, ob er den Raum durch Vorhänge vergrößern oder verkleinern wollte. Für dieses Projekt überlegte sich Friedrich Kiesler eine neue Bautechnik, die durch Formen aus der Natur inspiriert wurde. „Tatsache ist, daß bislang keine neue Konstruktionsform geschaffen wurde. Wir befinden uns in einer Übergangsphase von der Anhäufung zur Vereinfachung. Die nächste vereinfachte Baumethode: gegossene Einheiten - nicht einzelne Formgußteile für Dach, Boden, Wand oder Pfeiler, sondern eine durchgehende Einheit, die die vierfache Teilung von Pfeiler, Dach, Boden, Wand überwindet. Diese Konstruktion nenne ich Schalen-Monolith. Schnell errichtet, äußerst leichtgewichtig, mobil. Die Trennung in Boden, Wand, Dach, Träger entfällt. Der Boden setzt sich in der Wand fort, die Wand im Dach, das Dach in der Wand, die Wand im Boden. Man könnte dies als Umwandlung der Komprimierung in kontinuierliche Spannung bezeichnen.” 6

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4

Friedrich Kiesler, „Das Railway-Theater“, in: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988, S.19

5

Friedrich Kiesler, „Projekt für ein Raumtheater für 100.000 Besucher“, in: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien,1988, S.31

6

Das theoretische Gerüst von Friedrich Kiesler Auf der Suche nach wissenschaftlich und analytisch begründbaren Theorien für seine ganzheitlichen Ideen gründet Kiesler 1937 an der Columbia University das Laboratory for Design Correlation. Hier beginnt für ihn eine sehr fruchtbare Zeit, während der er zwei seiner wichtigsten theoretischen Werke schreibt: „On Correalism and Biotechnique. A Definition and Test of a New Approach to Building Design“7, deren Gedanken später als „Manifeste du Correalisme“ publiziert wurden sowie seinen bisher unveröffentlichten Buchentwurf „Magic Architecture“8. Der Begriff des Correalismus ist eine Wortneuschöpfung aus „coordinated correlation „und „realsim“, und meint die sehr praxisbezogene Überlegung, dass die Realität sich nicht in einer

Friedrich Kiesler, „Notes on Architecture“, Monika Pessler/Österreichische Friedrich und Lillian KieslerPrivatstiftung, Wien, http:// www.kiesler.org/cms/ index.php?idcat=18, am 22.01.2009

7

„On Correalism and Biotechnique. A Definition and Test of a New Approach to Building Design”, in: Architectural Record, 86/3, September 1939

8

Friedrich Kiesler, Magic Architecture, unveröffentlichtes Typoskript 40er Jahre, Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien


bestimmten Form manifestiert, sondern in der Wechselwirkung zwischen Betrachter und Objekt. „Worin begründet sich für den Designer die Wirklichkeit? Wenn ein Gebäudekomplex nicht nur das ist, was er ausstrahlt, so liegt die Realität in der Wechselwirkung natürlicher Kräfte, die der Designer zusätzlich in seinem künstlich technischen Produkt in eine neue Organisationsform gebracht hat. Diese Realität ist die wahre Wirklichkeit. Seine Objekte und ebenso jene der Natur sind Orte des Kräfteaustauschs. Die Wirklichkeit besteht nicht in den Begrenzungen eines Körpers an sich, sondern in der Kraft zu harmonischen Zusammenwirken. (...)Das Studium der Struktur des inneren Zusammenhangs muss letztlich die Barrieren zwischen allen Wissenschaften zum verschwinden bringen; dieses Einstürzen hat bereits vielerorts begonnen. Aber der Correalismus muss erst als eigene Wissenschaft eingeführt werden. Wenn sich Designer in zunehmende Maße der Erkenntnisse des Correalismus bei der Gestaltung von Gebäuden bedient, wird sich für seine Methode der Begriff Biotechnique durchsetzen.” 9 Damit bezeichnet er die „Wissenschaft von der Behausung des Menschen“10, die zum Ziel hat, die Lebensverhältnisse des einzelnen Menschen zu verbessern. Es war weniger die Technik, die ihn dabei interessierte, als vielmehr „das Studium der Bedingungen und Normen des Lebens selbst“.11 Zu diesem Zweck begann er, die dem Menschen innewohnenden Bedürfnisse, ebenso wie seine körperlichen und geistigen Vorrausetzungen im Bezug auf seine Umwelt zu analysieren.12 Die bereits in der Kunst angestrebte Aufhebung der Gattungsgrenzen wurde im Correalismus auf die Wissenschaften bzw. den Menschen ausgedehnt und schlussendlich im Endless House materialisiert. Es gilt als das Hauptwerk von Friedrich Kiesler, wobei jedoch oft außer Acht gelassen wird, dass das am häufigsten zitierte Endless House von 1958/59 nicht ein Ergebniss darstellt, sondern nur eine von vielen Möglichkeiten, einer sich veränderbaren Architektur.

Von der Zeichnung zum Modell - eine Idee gewinnt an Form Friedrich Kiesler verglich das Haus oft mit einem „lebenden Organismus“,13 der sich je nach Anforderungen verformt - ebenso prozessbezogen waren auch seine vielen Skizzen und Zeichnungen, die er für das Endless House anfertigte. Der Begriff Endless House taucht bei Friedrich Kiesler erstmalig als Titel einer Fotocollage „Endless House – Space House“ in der Zeitschrift VVV aus dem Jahre 1944 auf. Die ersten Skizzen zum Endless House entstehen 1947. Zur selben Zeit arbeitet Friedrich Kiesler an der Ausstellungskonzeption für Bloodflames

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9

Friedrich Kiesler, „Correalism. Bio-Technique. A New Aproach to Building Design”, Monika Pessler/Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien, http://www.kiesler.org/ cms/index.php?idcat=18, am 22.01.2009

10

Ebd.

11

Friedrich Kiesler, „Brief Friedrich Kiesler an Arthur Drexler, Typoskript“, Valentina Sonzogni, „Anhang: Chronology“, in MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main/ Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler - Privatstiftung (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Endless House 1947-1961”, Hatje Cantz, Ostfildern Ruit 2003, S. 108, Fußnote 25 12

Friedrich Kiesler, „Report on the Laboratory for Design Correlation, Typoskript 1939”, Monika Pessler/Österreichische Friedrich und Lillian KieslerPrivatstiftung, Wien, http:// www.kiesler.org/cms/ index.php?idcat=18, am 22.01.2009 13 Silke Rothkrich, „Silke Rothkirch spricht Kiesler“, http://www. formundzweck.com/titel. php?17+100+rothkirc am 22.01.2009


67 2 The Unity of Architecture, Study for exhibition design, Boodflames 1947, Friedrich Kiesler 1947

3 Studie für ein Toothhouse, Friedrich Kiesler, um 1950 Zeichung, Kugelschreiber auf Papier

in der Hugo Gallery in New York, wo er durch farbige Akzente den Galerieraum visuell erweitert. Gleichzeitig wird er von seinen Künstlerkollegen gebeten, die Ausstellung „Exposition Internationale du Surrèalisme” in Paris zu gestalten, wofür er einen Raum in eine Art Höhle verwandelt (Salle de Superstitions), sowie selbst eine Skulptur anfertigt. Dieter Bogner sah in diesen Aufträgen Friedrich Kieslers „Experimentierfeld für die Innenraumgestaltung des endless house“.14 Die Skizzen aus dieser Zeit sind zum Teil in Tempera ausgeführt und wirken daher mehr wie Gemälde, nicht wie herkömmliche Architekturskizzen. In den Pariser Studien zu einer „Maison en trois d étaches“ entstehen organische Räume, die durch Gänge miteinander verbunden sind, Termitenhügeln ähnlich. Diese Verwandschaft mit Formen aus der Natur setzt sich in den Tooth-House Skizzen aus den Jahren 1950 fort. Wie der Titel schon vorwegnimmt, adaptiert Kiesler hier die Form des Zahns und interpretiert ihn als architektonische Form. Ähnlich wie Duchamp, mit dem Kiesler eine enge geistige Freundschaft verband,15

14

Valentina Sonzogni, „Anhang: Chronology“, in MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main/ Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler - Privatstiftung (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Endless House 1947-1961”, Hatje Cantz, Ostfildern Ruit 2003, S.105, Fußnote 7 15

Luyken Gunda, „Frederick Kiesler und Marcel Duchamp. Rekonstruktionen ihres theoretischen und kunsthistorischen Austauschs zwischen 1925 und 1937” Dissertation, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe & Angewandte, 2003


nimmt er ein Objekt aus seinem ursprünglichen Kontext heraus und setzt es in einen neuen, unerwarteten Zusammenhang. Wie bereits erwähnt, war Kiesler stets für eine Überschreitung von Gattungsbegriffen, sei es im Bezug zur Kunst, als auch hinsichtlich des Lebens selbst. Architektur war für ihn kein Schaffen mit Schablonen, sondern stets ein Erforschen von inneren Zusammenhängen. In seinem Werk „Magic Architecture“ begibt er sich auf die Suche nach der ursprünglichen Gestik des Bauens. Dabei bezieht er sowohl kulturgeschichtliche, biologische als auch komplexe geometrische Aspekte mit ein. Anhand von unzähligen Illustrationen stellt Friedrich Kiesler Vergleiche zwischen den Bauten des Menschen und jenen der Tierwelt an. “(…) So wie der Mensch alles isst (Fleisch, Gemüse, Früchte), wendet er alle Methoden des Hausbaus anderer Geschöpfe an.(…) Der Mensch vereint, was Baumaterialien und Bautechniken anbelangt, alle Tiere in sich.”16 Das instinktive Bauen der Tiere faszinierte Friedrich Kiesler, machte ihn aber gleichzeitig bewusst, wie weit sich der Mensch durch seine technische Entwicklung bereits davon entfernt hatte. „Funktionelle Architektur ist Architektur für animalische Bedürfnisse, das heißt sie produziert Strukturen zum Schutz des Körpers. Doch Tiere bauen ökonomischer, da sie lediglich die Tradition der Spezies wiederholen, die ihnen im Blut liegt. Der Mensch ist immer unzufrieden, weil er das Leben eines Herrschenden führen will und deshalb immer auf der Suche nach neuen Materialien, Werkzeugen und Maschinen ist, die ihm als Sklaven dienen sollen. Statt sich auf sich selbst zu verlassen, verlässt sich der Mensch auf den Fortschritt.“17 Friedrich Kiesler war keinesfalls jemand, der den Naturzustand wieder herstellen wollte, oder gar die Natur versuchte zu imitieren. Denn so sagte er selbst: “Indem (der Architekt) die Wege und Absichten (der Natur) versteht, eine Struktur zu erreichen, wird er nicht zu einem Imitator der Natur werden.“ Und „es liegt ein weltweiter Unterschied zwischen den Baumethoden, die der Natur zugänglich sind und jenen des Menschen. Bauen in der Natur heißt wachsen. Bauen des Menschen ist ein Hinzufügen.“18 Vielmehr war es Friedrich Kiesler ein Anliegen, die Sensibilität des Menschen hinsichtlich seiner eigentlichen Bedürfnisse zu schärfen. Er wollte, dass sich der Einzelne von den standardisierten Lebensabläufen emanzipiert und seine gebaute Umwelt hinterfragt. Das Endless House bildete dabei das Anschauungsmaterial für eine mögliche, den Menschen integrierende Architektur. Es mag in diesem Zusammenhang auch nicht verwundern, dass die meisten Beiträge zum Endless House in Rahmen von Ausstellungen

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16 Friedrich Kiesler, „Magic Architecture, 1940s”, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main/ Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler - Privatstiftung (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Endless House 1947-1961”, a.a.O, S. 17 17

Frederick Kiesler, „Pseudo – Functionalsim in Modern Architecture“, a.a.O, S. 32 18 Silke Rothkrich, „Silke Rothkirch spricht Kiesler“, a.a.O.


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der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Bisher hatte Kiesler seine Studien auf Zeichnungen und Skizzen, also zweidimensionale Abbildungen beschränkt. In der Ausstellung The Muralist and The Modern Architect in der Kootz Gallery 1950, zeigt Kiesler neben Zeichnungen, erstmals, auch Modelle vom Endless House. Die Idee eines Einfamilienhauses, auf Basis einer Schalenbauweise, hatte sich bei Kiesler bereits mit dem Space House angekündigt. Das aus zwei Teilen zusammengefügte Tonmodell ruht auf einer Art von Steinfundament ähnlich den Dolmengräbern. Seine Form bildet ein Sphäroid, dessen glatte Oberfläche an die Haptik eines Hühnereis erinnert.

4 Modell für ein Endless House, Friedrich Kiesler, 1950 (in: Dieter Bogner, „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien 1988, S.144)

„Die Eierschale ist das hervorragendste und bekannteste Konstruktionsbeispiel für größtmögliche Widerstandsfähigkeit gegenüber innerer und äußerer Belastung in Verbindung mit größtmöglicher Kraft. (…) Das bedeutet nicht, dass ein Haus wie ein Ei aussehen soll. Die ideale Konfiguration für ein Haus mit dem geringstmöglichen Widerstand gegenüber äußerer wie innerer Belastung folgt keiner ovalen Form, sondern orientiert sich vielmehr an einer kugelförmigen Matrix: eine abgeflachte Kugel. Der Schnitt durch den Äquator ist kreisförmig, der Längsschnitt elliptisch. Hier wird Stromlinienform zu einer organischen Kraft, die mit dem dynamischen Gleichgewicht der Körperbewegung innerhalb eines umschriebenen Raumes in Beziehung steht.“19 Auch der Innenraum passt sich, wie die Skizzen von 1950 belegen, den Bewegungen des Menschen an. Die äußere Form entspricht der inneren Dynamik des Raumes, die durch gekrümmte Wände noch verstärkt wird. Hier werden die Bedingungen des Innenraums auf die äußere Form übertragen, ähnlich der Entwicklung eines Lebewesens innerhalb eines Fötus.

19

Ebd.


70 5 Studie für ein Endless House, Friedrich Kiesler, um 1950 Zeichnung, Kugelschreiber auf Papier

Im November 1959 veröffentlicht Kiesler „The Endless House and Its Psychological Lighting“. Dabei untersucht er das Licht und seine Wirkungsweise auf Betrachter und Raum. Er entwirft eine Farbuhr, die den Innenraum des Endless House mit Tageslicht speist und zugleich dem Bewohner, durch unterschiedliche Farben, ein Gefühl für den kontinuierlichen Ablauf der Zeit gibt.20 6 Studie für eine Color Clock am Endless House,

Im Febraur 1958 erhält Friedrich Kiesler ein Stipendium zur Finanzierung eines 1:1 Modells des Endless House, das im Garten des Museums für Modern Art in New York ausgestellt werden soll. Bis zur Ausstellung 1960 arbeitet er an mehreren Modellen aus Beton, welchen er händisch auf eine Unterkonstruktion aus Metallgittern aufbringt. Das Ausstellungsmodell wird mit einem Beleuchtungssystem versehen und erstmals mit Stützen vom Boden abgehoben, damit, wie Friedrich Kiesler später in einem Fernsehinterview erklärt, auch Autos darunter durchfahren können.21 Leider fällt das Modell schlussendlich aber sehr viel kleiner aus, als es sich Kiesler gedacht hatte.22 Diese Tatsache musste ihn sehr gekränkt haben, waren doch schon mehrere Versuche, das Endless House zu bauen

20 Friedrich Kiesler, „Frederick J. Kiesler´s endless house and it´s psychological lighting“, in: MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main/ Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler - Privatstiftung (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Endless House 1947-1961”, Hatje Cantz, Ostfildern Ruit 2003, S. 50 - 57 21

Ebd., S. 86 „CBS – Interview with Frederick Kiesler“ 22

Valentina Sonzogni „Anhang: Chronology,“ a.a.O., S. 113


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gescheitert. In einem Presseartikel der Sunday Times (27.März 1960) wird Friedrich Kiesler als der „größte nicht bauenden Architekt“ bezeichnet, worauf Kiesler erwiderte, dass es ihm lieber sei, „sich auf ein paar ehrliche Möglichkeiten des Bauens zu konzentrieren und ansonsten zu warten, gleichgültig, ob man „der größte nicht bauende Architekt unserer Zeit“ genannt wird, als, wie es manchmal der Fall ist, „ein meistbauender Nichtarchitekt“ zu sein.23

Das Endless House - eine Archi Noah 24 Ab 1962 arbeitet Friedrich Kiesler wieder verstärkt an skulpturalen Experimenten, darunter auch an der Plastik Bucephalus. Bucephalus war das Streitross Alexander des Großen, anscheinend soll er der einzige gewesen sein der es zu zähmen wusste. Diesem Leibpferd wurde eine Reihe von Denkmälern gesetzt.25 Eine Fotografie aus dem Jahr 1965 26 zeigt Friedrich Kiesler innerhalb einer aus Draht geformten Skulptur, die er mit Zeitungsartikeln austapeziert. Diese Situation erinnert an Kiesler´s Beschreibung vom Nestbau des Orang – Utan: “(…)Er steht aufrecht – wenn auch in leicht gebeugter Haltung – auf einer Astgabel und stützt sich auf seinen linken Arm, während er mit seiner rechten Hand Äste heranholt, die weiter weg sind; er bricht sie mit der Hand ab und häuft sie kreuzweise links und rechts, vor und hinter sich an, bis er von einem Kranz von abgebrochenen Ästen umgeben ist. (…) Wenn das Nest seine Form hat, beginnt er es auszupolstern (…) Er füllt das Gerüst aus. Dann legt sich der Orang –Utahn auf die Seite, zieht die feinen Verzweigungen der Äste zu sich heran und verwebt sie in sein Nest, um so eine kuppelartige Decke zu bilden.“27 7 Friedrich Kiesler bei der Arbeit an der Skulptur „Bucephalus“, 1965 23

Ebd., S.112, Fußnote

24

Michael Sgan-Cohem, „Zur Ikonografie des Endless House“, in: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988, S.243 25

Hans Heiner Buhr, „Bucephalus- was für ein Pferd?” http://www.daf-text. de/bucephalus.htm, am 22.01.2009 26 27

Vgl. Abb. 7

Friedrich Kiesler, „Magic Architecture“, a.a.O., S. 19


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Für Friedrich Kiesler war die Auseinandersetzung mit dem Raum ein ganz wesentlicher Bestandteil seiner Kunst- und Architekturauffassung. Der Grundriss als bloßer Abklatsch einer Idee, war ihm zu wenig, das Haus als mehrdimensionaler Körper verlangte nach einer erlebbaren Atmosphäre. Ebenso unverständlich war für ihn die Planung des eigenen Hauses einem Dritten zu überlassen. „ Der Architekt – Designer hat nie in diesem Haus gelebt, er hat keinen Erfahrungswert, wie es ist hier zu wohnen, und es gibt kein Architekturlabor, in dem er den Menschen in einem architektonischen Umfeld beobachten kann. Diese Erfahrung bleibt dem Bewohner überlassen, wenn es zu spät ist, grundlegende Veränderungen vorzunehmen.”28

8 Entwurf für ein Endless House, Grundriss, Friedrich Kiesler, 1950 Tusche auf Karton 9 Endless House, Grundrisse und Schnitte, Friedrich Kiesler, 1958/59 Bleistift auf Transparentpapier

Wie stark diese Überzeugung in Friedrich Kiesler verwurzelt war, zeigt eine Episode aus den frühen sechziger Jahren. Zu dieser Zeit stellte Kiesler in der Castelli Galerie in New York einige seiner Arbeiten unter dem Titel Shell Sculptures and Galaxies aus, darunter befand sich auch ein Modell des Endless Houses. Eine Frau namens Mary Sisler war so von der Ausstellung angetan, dass sie sich wenig später mit Friedrich Kiesler in Verbindung setzte, um über eine mögliche Errichtung des Endless Houses auf ihrem Grundstück zu sprechen. Doch bereits wenige Monate später platzte der Auftrag, da Sisler zugab, dass das Haus nicht für sie, sondern für potenzielle Grundstückskäufer gedacht war. 29 Friedrich Kieslers erste Konzepte für ein Einfamilienhaus stammen aus der Zeit des New Deals, wo Arbeitslosigkeit und Krisenstimmung an der Tagesordnung standen.30 Kiesler wusste um den sozialen Aspekt von Architektur. Er ging immer vom Menschen aus, sowohl im Großen wie auch im Kleinen, so sah er beispielsweise das Haus als Lebensraum für mehrere Generationen gleichzeitig, aber auch als Ort für das Individuum. „das Endless House ist kontinuierlich und alle Lebensräume sind dadurch in einem Kontinuum enthalten. Das bedeutet aber nicht, dass das Individuum keinen Rückzugsraum hat denn alle Raumnucli können auch isoliert vom Ganzen funktionieren. Gleichzeitig muß es Raum bieten für Gäste, die Besucher aus des Menschen inneren Welt, denn diese ermöglichen eine Art Gemeinschaft mit sich selbst und das Ritual der Meditation.“31

28 Frederick Kiesler, „Pseudo – Functionalsim in Modern Architecture“, a.a.O., S. 34 29

Valentina Sonzogni „Anhang: Chronology,“ a.a.O., S. 114-115 30

Rosemarie Burgstaller, „Friedrich Kiesler: Endless House Remixed“, http:// kunsthistoriker.at/artikel.ph p?itemid=258&menuid=5 &rubrikid=1&pubid=30 am 22.01.2009 31

Dieter Bogner, „Von der Raumstadt zum Endless House“, in: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988, S.240


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Kiesler wollte den Menschen in seiner Ganzheit verstanden wissen und legt dahin auch sein Endless House aus: “Die Natur erschafft die Körper aber die Kunst schafft das Leben. Im Endless House kann man ein überschwängliches Leben führen, nicht nur das Leben eines verdauenden Körpers von sozialen Routinen Verpflichtungen geprägt und vom Ablauf der vier Jahreszeiten und dem Automatismus der Zeit. Das Endless House bietet vielmehr und viel weniger als das Durchschnittshaus der Reichen. Weniger weil es zurück kehrt zu den fundamentalen Bedürfnissen des menschlichen Wesens in seiner Beziehung zu den Menschen, der Industrie und zur Natur.“32

10 Modell des Endless House, Friedrich Kiesler, 1959 Maschendraht, Beton/ Gips

Kiesler konnte Zeit seines Lebens sein Endless House, das er zur Verbesserung des Lebens ersonnen hatte, nicht verwirklichen. Doch für ihn blieb „die Realisierung des Endless Hauses eine unvermeidlich Tatsache.“33 Denn mit zunehmender Entfremdung des Menschen würde auch seine Sehnsucht nach solch einem Ort wachsen. Und somit wird das Endless House zur „letzten Zuflucht des Menschen als Mensch“. 34 Wie in einer Schale, ähnlich dem Mutterschoß, fühlt er sich hier aufgehoben. Das Endless House bildet die schützende Hülle und gibt zugleich den nötigen Raum für den Weg des Menschen zu sich selbst. Das Motiv der Sehnsucht taucht schon in der romantischen Literatur auf und steht für das Bestreben nach einem Zentrum, einer Einheit, dem Weg des Menschen nach innen35 und damit gleichzeitig in die Unendlichkeit. Richtet man den Blick jedoch nach außen, so wird das Endless House als “Ort an dem sich alle Enden Treffen und zwar kontinuierlich“36 zum Fixpunkt ähnlich einer Raumkapsel, die in die Unendlichkeit hinausgeschleudert wird.

32

Ebd., S.241

33

Michael Sgan-Cohem „Zur Ikonografie des Endless House“, a.a.O., S.243 34

Dieter Bogner „Von der Raumstadt zum Endless House“, a.a.O., S.241 35

Marcel Balcu, http://www. maraba.de/Litform/uebroma3.htm am 22.01.2009 36

Michael Sgan-Cohem „Zur Ikonografie des Endless House“, a.a.O., S.242


Literaturnachweis: - Friedrich Kiesler: Endless House 1947-1961, Hrsg. MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main/Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2003 - Frederick J. Kiesler Endless Space, eds. Dieter Bogner, Peter Noever, MAK Center L.A., MAK Wien, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2000 - Friedrich Kiesler 1890 -1965: Inside The Endless House, Hrsg. Dieter Bogner, Historisches Museum der Stadt Wien, Böhlau Verlag, Wien 1997 - Friedrich Kiesler: Architekt, Maler, Bildhauer; 1890 – 1965, Ausst. Kat. „Friedrich Kiesler - Visionär, 1890 – 1965“, Museum d. 20. Jh., Wien, ed. Dieter Bogner, Loecker Verlag, Wien 1988 - Peggy Guggenheim & Frederick Kiesler: The Story of Art of This Century, eds. Susan Davidson, Philip Rylands, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2004 Frederick J Kiesler: Selected Writings,– Kiesler, F J.; Siegfried Gohr, Gunda Luyken (eds.), Gerd Hatje 1996 - The Continuous World Of Frederick J.Kiesler, by Raphael O. Roig. University of California, Los Angeles. Department of Industrial Design. June 1, 1965 - Akos Moravansky: Architekturtheorie im 20. Jahrhundert. Eine kritische Anthologie. In: Moravansky Akos (Hrsg.) 2003, Springer, S. 136 – 141 - http://www.kiesler.org/

Abbildungsnachweis: 1 Die Raumbühne von Friedrich Kiesler auf der Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik, Wien, 1924, aus: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988, S.259 2 The Unity of Architecture, Study for exhibition design, Boodflames 1947, Friedrich Kiesler 1947, aus: http://www.kiesler.org/cms/index.php?idcat=88 3 Studie für ein Tooth-house, Friedrich Kiesler, um 1950, Zeichung, Kugelschreiber auf Papier, Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung (NICHT ZUR VERÖFFENTLICHUNG GENEHMIGT) 4 Modell für ein Endless House, Friedrich Kiesler, 1950 (Gips, 53,3x25,4x 15,2 cm) aus: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988, S.144) 5 Studie für ein Endless House, Friedrich Kiesler, um 1950 Zeichnung, Kugelschreiber auf Papier, Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung (NICHT ZUR VERÖFFENTLICHUNG GENEHMIGT)

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6 Studie für eine Color Clock am Endless House, (Tusche, Gouache auf Zeichenpapier, 37,5x45,7 cm, 1950, Museum of Modern Art, New York 1950, New York) aus: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988 , S.202) 7 Friedrich Kiesler bei der Arbeit an der Skulptur „Bucephalus“, 1965, Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien, aus: http://kiesler.server2.scalar.at/cms/ media/a_sujet/02frederick%20kiesler/02chronology/popups/27.jpg 8 Entwurf für ein Endless House, Grundriß, Friedrich Kiesler, 1950, Tusche auf Karton, 37,5x45,1 cm, aus: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988,s. 146 9 Endless House, Grundrisse und Schnitte, Friedrich Kiesler, 1958/59 Bleistift auf Transparentpapier, aus: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988 , S.159 10 Modell des Endless House, Friedrich Kiesler, 1959 Maschendraht, Beton/Gips, aus: Dieter Bogner (Hrsg.), „Friedrich Kiesler Architekt Maler Bildhauer 1890-1965“, Locker Verlag, Wien, 1988 , S.158

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76 OUT OF THE WILD

R E V O L U T I O N I E RT E R R A UM: F R I E D R I C H K I E S L E R U N D HERBERT BAYER

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa

v on Stefan Graf, Sabrina Negri

Wirklichkeit als dynamisches Beziehungssystem Friedrich Kieslers lebenslange Suche nach der Wirklichkeit, die nicht positivistisch definiert ist, führt ihn zu einer Wirklichkeit, die nicht in den Objekten selbst zu finden ist, sondern in ihrem dynamischen Beziehungsgeflecht. Sein Ansatz in den zwanziger Jahren in Wien ist noch formalistisch-strukturbezogen. In den dreißiger Jahren entwickelt er dann in Amerika eine naturwissenschaftlich-biologistisch ausgerichtete Architektur- und Designkonzeption, den Correalismus. Mit mythisch-religiösen Inhalten gestaltet er in den vierziger Jahren sein Konzept zu einem ganzheitlichen System um. Im Zentrum dieser Untersuchung steht der Correalismus, eine von Kiesler entwickelte Theorie der dynamischen Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und seiner natürlichen, kulturellen und technologischen Umwelt. Als Quelle für diese Betrachtung dienen in erster Linie Kieslers Manifeste und Schriften, die in ihrer eindringlichen und manchmal nahezu poetischen und pathetischen Form den Architekten, Designer, Maler und Bildhauer zusätzlich zum Dichter küren. Correalismus ist eine Wortschöpfung aus den englischen Begriffen ‚correlation‘ und ‚realism‘ oder ‚reality‘: „Reality exists only as co-reality, and the science of this exchange of co-relative forces I call Correalism. This realism is continuity. The term Correalism expresses the impact of the dynamics of continuity.”1 Diese Dynamik des inneren Zusammenhangs beruht auf einem durchaus realistischen Konzept. Der Correalismus ist deshalb keine Utopie, sondern ein alltägliches Modell hinsichtlich der Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt. Nach Kiesler ist der Correalismus eine Wissenschaft, welcher die allgemeinen Bedingungen des Menschen untersucht: Der Mensch ist Teil eines Systems von aufbauenden und zerstörenden Kräften, kein Objekt, sondern Kraftzentrum. Er steht in Wechselbeziehung mit den sichtbaren und unsichtbaren Kräften der Welt. Alle Teile sind in dauernder Bewegung, in ständigem Fluss. Das führt zu immer neuen Konstellationen zwischen ihnen. Nach Kiesler muss der Designer also immer neue Standards entwickeln, um

1

Friedrich Kiesler, On Correalism


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auf diese Veränderungen zu reagieren, denn alle Funktionen sind abhängig von den gesellschaftlichen Entwicklungen und einem dauernden Verwandlungsprozess unterworfen. Er muss sehr flexibel sein und aufmerksam auf die Umwelt achten. Kiesler entwickelt zunächst in den dreißiger Jahren seine Theorie auf der Grundlage neuer Erkenntnisse der Elementar- und Atomphysik und der Biologie. Er setzt sich auch mit der Philosophie auseinander, so der Relationstheorie von Rudolf Carnap: Dessen „Beziehungsbeschreibung“ zeigt auf, welche Wechselbeziehungen zwischen den Gegenständen bestehen, ohne die einzelnen Gegenstände selbst zu beschreiben. Kiesler interessiert sich auch für die moderne Musik, und zwar für die Kompositionstechnik, die auf der Intervallstruktur der Zwölftonreihe aufbaut: Die Zwischentöne der Tonreihen erhalten dort eine ganz neue Bedeutung und Funktion. In dem 1937 an der School of Architecture der Columbia University eigens für seine Forschungsarbeiten gegründeten Laboratory for Design Correlation gab es Vorträge über die Grundlagen der Morphologie, die allgemeinen Baumethoden der Natur, die Struktur der Materie, die Funktion und Form, die Struktur des Elektrons, die Evolutionstheorie, die Gestaltpsychologie.2 Kiesler stellt fest, dass ein Gebäudekomplex nicht nur das sei, was er als geometrische Form darstelle, sondern das, was er ausstrahle; die Realität liege also in der Wechselwirkung natürlicher Kräfte, die der Designer zusätzlich zu seinem künstlich technischen Produkt in eine neue Organisationsform gebracht habe: “Die Wirklichkeit liegt also nicht in einem Objekt, sei es nun natürlich entstanden oder vom Menschen geschaffen, sondern im Correalismus. Correalismus ist die eigentliche, das Leben vorantreibende Kraft. Correalismus ist die Kraft des inneren Zusammenhangs. Er ist der innere Zusammenhang. […] Wenn sich der Designer in zunehmendem Maße der Erkenntnis des Correalismus bei der Gestaltung von Gebäuden bedient, wird sich für seine Methode der Begriff Biotechnique durchsetzen. Diesen Ausdruck habe ich geschaffen, um die Wissenschaft von der Behausung des Menschen zu bezeichnen.“ 3

2

Vgl. Dieter Bogner, Vom

Strukturdenken zum Strukturalismus, in: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien 1988, S. 210-215 3

Friedrich Kiesler, Cor-

realism. Biotechnique. An New Approach to Design, Typoskript, Archiv Friedrich

An dieser holistischen Gestaltungstheorie hielt Kiesler sein Leben lang fest. Grundgedanken formuliert er ansatzweise bereits 1925 im Manifest zur Raumstadt. Dort fordert er einen Bau, „der der Elastizität der Lebensfunktionen adäquat ist“, eine Stadt als „System von Spannungen (tension) im freien Raume“ sowie die „Schaffung neuer Lebensmöglichkeiten und durch sie Bedürfnisse, die die Gesellschaft umbilden“.4 Diese sozialen Forderungen sind in den theoretischen Texten zum Correalismus immer wieder sein zentrales Anliegen.

Kiesler, um 1938, zit. von Dieter Bogner/Matthias Boeckl, Friedrich Kiesler 1890-1965, in: Dieter Bogner, New Standards, Wien 1988, S. 90 4

Friedrich Kiesler, Vitalbau

– Raumstadt – funktionelle Architektur, in: De Stijl, 1924-1925, S. 146


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„Continuous tension“ tritt bei Kiesler an die Stelle von herkömmlichen Baumaterialien und Konstruktionsprinzipien. Er glaubt, mit seinem 1934 gebauten Space House einen Ansatz für sämtliche Konstruktionsprinzipien gefunden zu haben. Er verwandelt im Space House Boden, Wände und Decken in ein „unique continuum“. 1939, in On Correalism and Biotechnique, baut er diese Gedanken weiter aus, ebenso 1947, im Manifeste du Corréalisme. Die Wirklichkeit ist für Kiesler also der Correalismus, die Kraft des inneren Zusammenhangs. Macht der Designer den Correalismus zu seinem Gestaltungsprinzip, wird sich eine neue Wissenschaft vom Wohnen herausbilden, ist Kiesler überzeugt. Als Biotechnique bezeichnet Kiesler dabei die Anwendung des Correalismus hinsichtlich des Wohnens. Er nennt sie in On Correalism and Biotechnique die Wissenschaft von der Behausung des Menschen. Kiesler fordert eine neue Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Behausung: “The house is neither a machine nor a work of art.” 5 Das Haus ist ein lebendiger Organismus, nicht nur totes Material; es ist wie die Haut des menschlichen Körpers und soll den inneren Bedürfnissen des Menschen angepasst sein. Ebenso wichtig wie Stein und Stahl sind soziale Sicherheit, Einkommen und Ressourcen als integrale Bestandteile des Zuhauses. Kiesler analysiert die drei wichtigsten Faktoren, die den Menschen beeinflussen: die Erbanlagen, die natürliche und die technologische Umwelt. Die Gene und die natürlichen Umweltfaktoren könne der Architekt nicht direkt beeinflussen, das technologische Umfeld aber sehr wohl. Deshalb fordert er die Messung und Untersuchung möglichst aller Auswirkungen der technologischen Umwelt auf den Menschen. Die konkrete Anwendung dieser biotechnischen Annäherung an ein Designproblem demonstriert Kiesler zusammen mit seinen Studenten im Laboratory for Design Correlation an der Mobile Home Library. Er gestaltet ein ‚unendlich‘ erweiterbares, flexibles Bibliotekenystem auf der Basis einer genauen Analyse der physischen, psychischen, konstruktiven und umweltbedingten Faktoren.

1 Mobile Home Library, Photo übermalt

5

Vgl. Friedrich Kiesler, Manifeste du Corréalisme


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Als praktische Anwendung des Correalismus und der Biotechnique auf das Einfamilienhaus entwirft Kiesler das biomorphe Endless House. Die Planung müsse vom Volumen der Aktivität, der Bewegung ausgehen, die in einem Haus zu erwarten sei, meint er. Die biomorphe Form leitet er von der sozialen Dynamik von zwei oder drei unter einem Dach lebenden Generationen ab. „Die abgeflachte Kugel, so seine Forderung, müsse daher den Kubus ablösen; diesen versah Kiesler im correalistischen Manifest von 1947/49 mit einem Totenkopf und verdammte ihn als Gefängnis für den Menschen.“6 Im Endless House dagegen verlaufen nach seiner eigenen Aussage die Lebensrhythmen zyklisch und begründen damit die fließende Formgebung. Kieslers Correalismus und die daraus abgeleitete „Theorie der Biotechnique“ finden in der Architektur kaum Anwendung. In seinen Ausstellungskonzepten aber ist eine „Frühform“ des Correalismus erkennbar.

Raum im Fluss: Friedrich Kieslers neues Ausstellungskonzept Die Gestaltung der Ausstellung Art of this Century für die berühmte Kunstsammlerin Peggy Guggenheim bietet Friedrich Kiesler 1942 Gelegenheit, seine Theorie des Correalismus in die Tat umzusetzen. Im fließenden, sich biegenden Raum der Galerie werden die von ihren Rahmen befreiten Bilder auf Baseball-Schlägern angebracht und an Drahtkonstrktionen befestigt. So werden sie von der Wand abgehoben und nähern sich dem Betrachter. Sie scheinen sich im Raum zu bewegen und sind nicht mehr Dekoration an der Wand. Auch im Paternoster gleiten sie am Betrachter vorbei, immer in Bewegung. Ein exzentrisches Licht- und Geräuschsystem – alle zwei Minuten wird im tunnelartigen Ausstellungsraum das Dröhnen eines herannahenden Zuges erzeugt – unterstreicht noch die Wirkung. Angestrebt wird ein neues System für die Koordination von Architektur, Malerei und Skulptur und deren Beziehung zum Betrachter. Diese radikal neuen Präsentationstechniken sind das Ergebnis von Kieslers Streben nach einer Maximierung des Wahrnehmungsprozesses. Kiesler bemerkt dazu: „Es ist die Aufgabe des Architekten-Technikers von heute, ein Mittel zu erfinden, das eine solche Einheit von Vision und Realität – in der es keine Rahmen oder Grenzen zwischen Kunst, Raum und Leben gibt -, von kreativem Bewußtsein und täglicher Umgebung des Menschen ermöglicht. Durch den Verzicht auf Bilderrahmen erkennt der Betrachter seinen Akt

6

Dieter Bogner, Von der Raumstadt zum Endless House, in: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien 1988, S. 238-239


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des Sehens, das Aufnehmen, als Teilnahme am kreativen Prozeß, der um nichts weniger bedeutsam und direkter ist als der des Künstlers selbst.“7 Der Betrachter wird also in den kreativen Prozess der Wahrnehmung miteinbezogen, er nimmt interaktiv daran teil.

2 Einblick in die surrealistische Galerie in Peggy Guggenheims Ausstellung Art of this Century, New York, 1942

Für die Ausstellung Art of this Century entwirft Kiesler 1942 auch ein multifunktionales Möbelstück, einen Nucleus (Kern), wie er im Manifest du Corréalisme erklärt wird. Es verkörpert eine biomorphe Primärstruktur, die als Sitz zum bequemen Betrachten von Kunstwerken entwickelt wurde. Die Grundform des Sessels, die Kiesler auch als Ruheform bezeichnet, entsteht aus Kieslers Prinzip der kontinuierlichen Spannung. Die Sitze sind wellenförmig ausgebildet, Objekte ohne Anfang und Ende. Da die Ruheform weder Armlehnen noch Stützen hat und somit auf jeder Seite stehen kann, lässt sie sich in einen Sessel, in die Stütze für eine Skulptur, in ein Bild, in einen Tisch oder eine Bank verwandeln. 18 verschiedene Funktionen können erfüllt werden. Kiesler hatte nach seiner eigenen Aussage nur 6 Funktionen vorgesehen, die anderen Funktionen seien als Ergebnis der Wechselbeziehungen mit den Bedingungen des Umraums zum Vorschein gekommen. Er hält diese Ruheform für praktischer, ökonomischer und funktionell adäquater als einen Sessel, ein Sofa oder einen Stuhl und stellt fest: “Wir haben hier das konkrete Beispiel der Effektivität des Correalismus. Das ist die Bezeichnung, die ich meiner Design-Theorie gab. Der funktionelle Kern war so kraftvoll verdichtet, dass er zu seiner Hauptfunktion andere Funktionen erzeugte, wie sie gerade praktisch waren und unvorhergesehen. Diese 18 Möglichkeiten waren nicht das Ergebnis eines technischen Popanzes, sie waren in der ersten Struktur, in der Anfangszelle des Projektes

7

Zit. von Lisa Philips, Der Environment-Künstler Friedrich Kiesler, in: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien 1988,S. 223


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enthalten, wie die vielseitig spezialisierten Funktionen der Organe schon im amorphen Embryo des Menschen vorhanden sind.“8

3 Friedrich Kiesler, Zeichnung von vier Funktionen des correalistischen Möbelstücks

In der Ausstellung Art of this Century stellt Kiesler so eine dreiseitige Wechselbeziehung zwischen Raum, Betrachter und Kunstgegenstand her: Dieser wird so ein correalistisches Objekt im realen Raum. Den realen Raum verändert er, um eine plastische Raumkonzeption zu schaffen, d.h. eine fließende Wechselbeziehung zwischen Subjekt und Objekt herzustellen. Dem Betrachter weist er eine aktive Rolle zu; dieser bewegt sich durch den Raum und interagiert mit ihm. Der Kunstgegenstand wird so reales Objekt im realen Raum. In seinen theoretischen Schriften zu den Galaxies – an der Wand und im Raum installierte vielteilige Bilder und Skulpturen - die er seit 1947 gestaltet, führt Kiesler diese Konzeption noch weiter: „Die Galaxies unterscheiden sich von Gemälden dadurch, dass sie nicht aus einem einzigen Bild bestehen, sondern aus mehreren Werken; ihre Abstände zueinander sind genau vorbestimmt. Während ein Gemälde eine Hinzufügung zum Raum ist, ist eine Galaxy eine Vereinigung mit dem Raum. Deshalb sind Zwischenräume der Elemente einer Galaxy genauso wichtig wie die einzelnen Elemente selbst, speziell da die Zwischenräume fließend in den Umraum übergehen und sich mit diesem verbinden.“9 Dieser Zwischenraum gewährleistet die Autonomie der einzelnen Elemente. Jedes Element ist somit zwar individuell, besitzt aber auch gleichzeitig einen angeborenen Zusammenhalt mit dem Ganzen. Kiesler vergleicht diese Verbindung mit der Beziehung, die zwischen den Mitgliedern einer Familie besteht. Auf kosmologischer Ebene beobachtet er dasselbe: „Wir waren bis zur Herstellung der von Menschen gemachten Satelliten wahre Anhänger der Isolation, soweit es den Weltraum anbelangt. Aber als die ersten ‚Space-

8

Friedrich Kiesler, RestForm, in: Transparent 3/4, 1984, S. 68

9

Friedrich Kiesler, A Short Note on the Galaxies, Friedrich und Lillian Kiesler Privatstiftung


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niks‘ in die Leere der Nacht geschossen wurden und im Weltraum blieben, war dies ein Schock. Inzwischen ist unsere ganze Existenz mehr und mehr mit allem um uns in Bezug, unabwendbar in Wechselbeziehung mit dem Schicksal unseres Sonnensystems oder zumindest ein Teil einer gewaltigen Super-Milchstraße… Der Anstoß kam, als Nuklearwissenschaft, Atomspaltung, Verschmelzung und Satelliten unerwartet jedermanns Phantasie in den Weltraum katapultierten und plötzlich das Endlose zu etwas Natürlichem wurde.“10 Die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt hat sich ins Weltall verlagert, der Raum ist endlos geworden.

4 Galaxy H, siebenteilig, Pastell, Kohle auf Papier, 1961

Herbert Bayer: Der mobile Raum als werbepsychlogische Strategie Friedrich Kieslers Ausstellungskonzept, das auf dem Correalismus beruht, soll nun mit Herbert Bayers Raumgestaltungen verglichen werden. Seine Erfahrungen aus der Studienzeit am Bauhaus zwischen 1921 und 1925 hält Herbert Bayer in der hommage à gropius: prosagedicht in poetischer Form fest: „… äußere strömungen und innere tendenzen / schufen eine atmosphäre explosiver evolution. / die meisten von uns erfüllte romantischer expressionismus. / dadaismus entsprach unserer ablehnung jeder geheiligten ordnung. / die arbeit der stijl-gruppe, anziehend in ihrer rauheit, / der konstruktivismus trug seinen teil / zum künstlerischen aufruhr bei, / aber die welt der maschinenproduktion / mit den ihr eigenen fakten und funktionen / bestimmte schon das zukunftsbild. / …“11 Bis 1928 leitet er in Dessau die neue Werkstatt für Druck und Reklame.

10

Zit. von Lisa Philips, Der Environment-Künstler Friedrich Kiesler, in: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien 1988, S. 227 11

Zit. von Bernhard Widder, herbert bayer. architektur / skulptur / landschaftsgestaltung, Wien/New York, 2000, S. 3


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1928 macht Bayer erste Erfahrungen mit Ausstellungsgestaltungen bei der Pressa-Ausstellung in Köln. Er bemerkt dazu: „ein revolutionärer wendepunkt kam, als el lissitzky neue konstruktivistische ideen in einem konkreten projekt bei der presseausstellung in köln 1928 verwendete. Die innovation bestand im konzept des dynamischen raums anstelle einer starren symmetrie, in der unkonventionellen verwendung mehrerer materialien (einführung neuer materialien wie cellophan für gekrümmte, transparente flächen) und in der anwendung eines neuen maßstabs, indem er riesige fotografien verwendete.“12 Lissitzkys Ansatz beeinflusst Bayers „Gesichtsfeld“-Konzeption: Der menschliche Blick kann ein Bild nur unverzerrt wahrnehmen, wenn er die Augen senkrecht darauf richtet. Bayer erweitert das Gesichtsfeld des Betrachters, indem er nicht nur die üblichen Wandflächen benutzt, sondern durch Aufhängen der Bilder an Drähten weitere räumliche Bereiche aktiviert. Dieses Konzept setzt er erstmals bei der Pariser Werkbund-Ausstellung 1930 um.

5 Herbert Bayer, Ausstellung des deutschen Werkbundes, Paris, 1930

1937 ist Bayer auf Erkundungsreise in den USA und plant mit Walter Gropius die Ausstellung des Museum of Modern Art Bauhaus 1919-1928. Bayer greift auf seine Gesichtsfeld-Konzeption zurück; an Hängeseilen befestigt er Fotografien und Kunstobjekte in ungewöhnlichen Winkelpositionen. Auf den Boden lässt er Fußabdrücke und Pfeile malen, die den Besucher mäanderartig durch die kleinen Galerien dirigieren sollen. Publikum und Kritiker bringen jedoch wenig Verständnis für dieses Konzept auf, da sie es für unübersichtlich und krampfhaft um Originalität bemüht hielten. 12

op. cit., S.7


84 6 Herbert Bayer, Gesichtsfeldkonzeption

1939 veröffentlicht Bayer den Artikel “Fundamentals of Exhibition Design”, den er bereits 1936 verfasst hat. Er zeigt darin seine Intentionen klar auf: „Gemälde, Fotografien etc. bilden bloß einen Aspekt eines neuen und vielschichtigen Kommunikationsmediums. Ein ausgestelltes Thema sollte keine Distanz zum Betrachter anstreben, es sollte ihm vielmehr nahe gebracht werden, ihn berühren und bei ihm einen Eindruck hinterlassen. Es sollte erklären, demonstrieren und sogar zu einer beabsichtigten und unmittelbaren Reaktion veranlassen oder hinführen.“13 Diese Ziele lassen sich nach Bayers Vorstellung nur mit werbepsychologischen Strategien erreichen. Eine erfolgreich geplante Ausstellung müsse „Mobilität“, „Überwältigung“, „wechselseitige Durchdringung und Überschneidung“, „die Bewegung des Individuums“ umfassen. Als Resultat der dem Menschen eigenen Dynamik entstehe eine dynamische und zielgerichtete Ausstellungsdgestaltung. Grundriss der Ausstellung und Lenkung des Besucherstroms müssten eins werden, fordert Bayer14. Trotz der negativen Reaktion auf sein Konzept für die Bauhaus-Ausstellung erhält Bayer 1942 vom Museum of Modern Art den Auftrag zur Gestaltung der Propaganda-Ausstellung Road to Victory. Er kanalisiert den Besucherstrom sehr eng, um den Eindruck der großformatigen Fotografien und Texttafeln zu verstärken; die Betrachter sollen beeinflusst werden. Bayers Grundkonzeption ist also dynamisch. Raum und Betrachter sollen sich wechselseitig durchdringen. Die Werbepsychologie wird manipulierend eingesetzt, der Besucher bewusst gelenkt.

13

Zit. von Joan Ockman, Pragmatist oder Pragmatiker. Alexander Dorner und Herbert Bayer, ARCH+ 156, Aachen, Mai 2001, S. 93

14

a.a.O., S93


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Grundkonstante des dynamischen Raums: Friedrich Kiesler und Herbert Bayer

In Stefi Kieslers Kalendertagebuch sind vier Treffen mit Herbert Bayer erwähnt: am 9. Juli 1944: „10.30t Juella & H. Bayer“; am 17. Februar 1945: „6h to Bayer cocktails, dinner with Juella, Herbert���; am 1. Dezember 1945: „eve. to Herbert Bayer and Juella“; am 14. März 1946: eve. Herbert & Juella here“.15 Friedrich Kiesler und Herbert Bayer treffen sich also in den vierziger Jahren mehrmals. Über die wechselseitige Beeinflussung der früheren Ausstellungskonzeptionen kann nur spekuliert werden. 1924 entwickelt Kiesler in Wien mit seinem Leger- und Trägersystem für die Internationale Ausstellung neuer Theatertechniken ein Konzept zur freien Anordnung von Bildern im Raum. Es ist anzunehmen, dass Bayer die Ausstellung gekannt hat. 7 Internationale Ausstellung neuer Theatertechniken, New York, 1926

Da sich Kiesler 1930 in Paris aufhält16 , besucht er dort wohl die Werkbundausstellung. Gegenseitige Beeinflussungen zwischen Friedrich Kiesler und Herbert Bayer sind also wahrscheinlich. Dies gilt dann besonders für die verschiedenen Ausstellungskonzepte von Kiesler und Bayer in New York. Dieter Bogner gibt einen Hinweis darauf, dass Bayer sich in den vierziger Jahren die Funktion der Raumstadt als Ausstellungsarchitektur zum Vorbild nimmt und daraus ein flexibles Stellwandsystem für eine Wanderausstellung entwickelt.17

15 Mit Dank an Herrn Zillner von der Kiesler-Stiftung Wien für die Informationen

El Lissitzkys konstruktivistisches Konzept bildet zweifellos ein Verbindungsglied zwischen den Arbeiten von Kiesler und Bayer: Das Konzept des dynamischen Raums wirkt jeweils prägend.

16 Vgl. Dieter Bogner, Friedrich Kiesler. Architekt Maler Bildhauer. 1890-1965, in: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien 1988, S. 35

Der Unterschied zwischen Kieslers und Bayers Ausstellungskonzeption ist weniger technischer als vielmehr ideologischer Natur:

Vgl. Dieter Bogner, Von der Raumstadt zum Endless House, in: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien 1988, S. 234

17


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Bayer arbeitet auf der Grundlage der Werbepsychologie und verwischt so den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Manipulation. Die moderne Kunst dient damit der Propaganda und Reklame. Im Zentrum steht die bewusste Lenkung und Steuerung des Ausstellungsbesuchers. Ein neues Kommunikationsmodell bildet sich heraus. Kiesler dagegen verknüpft seine Konzeption mit einer anthropozentrischholistischen Vision: Im Zentrum stehen der Mensch und seine Beziehungen, die sich immer mehr erweitern, auch hinaus in den Kosmos, und endlos werden. Als endlos zyklisch bezeichnet er auch die Lebensrhythmen. Und endlos ist für ihn auch der menschliche Körper. Aus dem Vergleich zwischen Kiesler und Bayer wird deutlich, dass beide die Anregungen, die die diversen Wissenschaftsbereiche in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren bieten, aufgreifen und weiterentwickeln. Allerdings vertreten sie verschiedene ideologische Richtungen, wie oben gezeigt wurde. Kiesler und Bayer setzen sich jeweils auch theoretisch mit den neuen kulturellen und technologischen Konzepten ihrer Zeit auseinander. Kieslers Konzept des Correalismus regt zu einer Auseinandersetzung mit einem weiteren Aspekt der Wirklichkeit an, die als Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt verstanden wird: dem System der Spannungen im freien Raum, den Intervallen.

Das System der Spannungen im freien Raum - The intervals are called live Als vierte Dimension in Kieslers Konzeptionen bietet sich „das System von Spannungen im freien Raum“ an, das ihn seit den zwanziger Jahren beschäftigt. „Künstlerisch relevant sind in dieser Konzeption nicht die das Werk visuell bestimmenden materiellen Elemente, sondern die durch sie gebildeten Intervalle; im Intervall wirken integrative Kräfte, die die Teile zum Ganzen (zur Gestalt) zusammenschließen: Das Beziehungssystem der Intervalle, die Intervallstruktur, enthält das Wesen des Werks.“, ist Dieter Bogner überzeugt.18 Dieses Beziehungssystem, diese Korrelation, erklärt Friedrich Kiesler selbst so: „Meine Bilder bestehen aus vielen Bildern, das heißt aus kleineren und größeren Einheiten, die durch verschieden dimensionierte Intervalle voneinander getrennt sind, obzwar sie wie eine Gruppe, eine Nova oder eine Galaxy zusammengehören. Auch meine Skulpturen bestehen aus unterschiedlichen Materieklumpen, die, obwohl voneinander isoliert, ähnlich wie galaktische Strukturen zusammengehalten werden, wobei jeder Teil mit den

18

Dieter Bogner, Vom Strukturdenken zum Strukturalismus, in: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien 1988, S. 210


anderen ein Leben der Koexistenz, der ‚Correality‘, führt. Diese Korrelation, egal ob sie eine kleine oder große Distanz betrifft, hängt nicht notwendigerweise von physischen Verbindungen ab. Wie im Fall der drahtlosen Elektrizität handelt es sich um eine Korrelation ohne Verbindung. Diese endlosen Bilder und Plastiken führen ein Leben des inneren Zusammenhangs. Zwischen diesen körperlichen Einheiten befinden sich die unterschiedlichsten leeren Spannungsfelder, die die Teile zusammenhalten wie Planeten im leeren Raum.“19

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Die Intervalle bilden Spannungsfelder, welche eine Korrelation zwischen den unterschiedlichen Materieklumpen, wie Kiesler sie nennt, herstellen. Sie halten das Ganze zusammen, erzeugen Wechselwirkungen, schaffen also Wirklichkeit, Leben. Kiesler zieht noch einmal einen Vergleich mit dem menschlichen Körper: „Yes! The human body is the most extraordinary universe. It is the summa summarum of the planets. How poverty-stricken, by comparison with the human being, is our Earth, without will of her own, subject to innumerable influences, from hard rocks to invisible forces, living in all its details, from birth to death, from death to birth, and the intervals are called live.” Im Dezember 1965, seinem Todesmonat, bringt Friedrich Kiesler seine Erkenntnisse auf eine einfache Formel: Das Intervall heißt Leben. Es sorgt für Spannung, für Verbindung, für Wechselbeziehung, es revolutioniert den Raum. Er wird zusammengehalten durch dieses Spannungsfeld und verliert sich doch im Endlosen. Wirklichkeit wird so zu Leben im revolutionierten Raum in steter Wechselbeziehung im ständigen Spannungsfeld im endlosen Universum.

19 Friedrich Kiesler, Note on Correalism, in: 15 Americans, Ausstellungskatalog, Museum of Modern Art, 1952, S. 9


Bildnachweis: Abb.1, S.3: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien, 1988, S. 96 Abb.2, S.4: Dierter Bogner (Hg.), New Standards, Wien, 1988, S. 102 Abb.3, S.6: Susan Davidson,Philip Rylands (Hg), Peggy Guggenheim & Frederick Kiesler. The Story of Art of This Century S.246 Abb.4, S. 7: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien, 1988, S.171 Abb.5, S, 8: Bernhard Widder, herbert bayer. architektur / skulptur / landschaftsgestaltung, Wien/New York, 2000, S.9 Abb.6, S.8: ARCH+ 156, Aachen, Mai 2001, S. 94 Abb.7, S.10: Dieter Bogner (Hg.), New Standards, Wien, 1988, S.14

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89 OUT OF THE WILD

INs i d e - O U T

Otto Neurath Friedrich Kiesler

Betrachtungen zur „Magic Architecture“ des Friedrich J. Kiesler

Christopher Alexander Manuel de Landa

b y Michael Hörl, Veronika Tribus

Vorwort Die grundlegende Intention dieser Arbeit besteht in der Untersuchung von Gesellschaftssystemen, welche vom individuellen Einzelmenschen ausgehen, auf diesem aufbauen. In Friedrich Kiesler (*1890, †1965) fanden wir einen sehr speziellen Vertreter dieser Auffassung. Seine vielschichtigen, eigenen Theorien bedürfen unserer Auffassung nach einem gesonderten Verständnis; in Geist, Gefühl als auch Methodik. Die projektbezogene Einstimmung sollte dabei durch Sean Penns Film „Into the Wild“ erfolgen. Dieser thematisiert die Lage des Menschen im Spannungsfeld zwischen Natur, Gesellschaft und Technik. Bezeichnend eine besondere, sehr bewegende Filmsequenz: der junge Hauptdarsteller entdeckt inmitten der weiten Wildnis Alaskas einen alten Schulbus, nistet sich in ihm ein und bezeichnet das Gefährt ab diesem Zeitpunkt als den „Magic Bus“. Gerade aus heutiger Sicht ist diese Szene wohl bereits sehr nahe an einem begrifflichen Verständnis der „Magic Architecture“ Kieslers. Im Grunde stellte der gesamte Film, inklusive dem ersten Auftauchen dieser (für uns aus Geist und Gefühl symbiotisch entstehenden) Begrifflichkeit einen wahrlich treffenden Einstieg in die nachfolgende Forschungsarbeit dar. Die möglichst weitreichende Durchdringung von Kieslers Theorien war dabei von Beginn an das erklärte Ziel. Aus dieser Konsequenz erhoben wir den Mensch hinter der These zum ebenso bemerkenswerten Faktor. Kieslers Wille zu „Eigen-heit“1 steht dabei im Wechselspiel mit umweltlichen Lebenserfahrungen, mit Beeinflussung durch das wissenschaftlichkünstlerische Umfeld der Zeit. Versucht man die Zusammensetzung dieses individuell entstandenen Überzeugungsapparates in seiner Gesamtheit nachzuvollziehen, macht es die personenbezogenen Beweggründe, respektive die daraus entstehenden Theorien klarer. Kiesler selbst würde dies wohl ähnlich sehen, auch für ihn muss „in Wahrheit […] jeder Architekt, der heutige Strukturen entwirft, in seinem Entwurf seine Lebensphilosophie, nach der er lebt, offenbaren“.2

1

Kiesler spricht von stetiger Erneuerung durch eigene Lebenserfahrungen. Geburt erfolgt in diesem Sinne nicht durch die Mutter, man muss sich selbst gebären. Vgl. „To give birth to oneself“ in: Frederick Kiesler, Inside the endless house: Art, People and Architecture: A Journal, New York: Simon and Schuster 1966, S.323. 2 Friedrich Kiesler, „The Universal“aus: Ausstellungskatalog, „The Ideal Theatre: Eight Concepts“, New York 1962, Übersetzt in: Transparent, H. 3/4, 1984, in: Dieter Bogner (Hrsg.), Friedrich Kiesler: Architekt Maler Bildhauer, 1890-1965, Wien: Löcker Verlag 1988, S.173.


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Inside-Out In der einschlägigen Beschäftigung mit Originaltexten drängte sich uns irgendwann das zu gewissem Grad sehr intuitiv entstandene, Kiesler aber doch entsprechende Anschauungsmodell der Innen-Außen-Unterscheidung heraus. Nach Einführung dieses Raummodells versuchten wir ebenjenes zeitlich zu kontextualisieren, wollten in der Folge Teile von Kieslers Schriften auf diese Ansichtsart hin überprüfen. Die begriffshistorisch erste und für das neuzeitliche Verständnis entscheidende Prägung machten wir in diesem Zuge bei René Descartes aus.3 Klarerweise ging schon diese Definition über die einfache (materielle) Unterscheidung von Innen und Außen hinaus. Vielmehr bezeichnet die Terminologie ein auf kartesischem Dualismus aufbautes System, welches der transzendenten Welt das Greifbare gegenüberstellt. Ungeachtet der Diskussion bezüglich Sinn, Möglichkeiten und Grenzen dieses Raummodells sehen wir in dessen Anwendung auf Kiesler Potential. Seine Inhalte konvergieren in diesem Sinne mit der Definition einer „Phänomenologie der Räumlichkeit“4, bei Kiesler als auch in der Phänomenologie liegt der thematische Schwerpunkt neben Wahrnehmung und Leiblichkeit eben insbesondere auf Räumlichkeit. Damit generierte sich eine Leseart, welche Kiesler einerseits sehr entspricht, andererseits aber das Potenzial einer Neubeleuchtung seiner Gedanken in sich trägt. Das Raumodell wird somit gleichermaßen zu Auslegung als auch Teilaspekt der „Magic Architecture“. Thematisch beinhaltet „Inside-Out“ aber mehr als die bisher getätigten Ausführungen. Der bewusst vielschichtig angelegte Titel spielt unter anderem auch auf das „Into-“ und „Out of the Wild“ an, stellt die Frage nach der Aktualität Kieslers. Nicht zuletzt ist es aber auch Ausdruck einer gefühlten Geistesverwandtschaft und deshalb mit dem Wunsch/Vergnügen verbunden, Kiesler möglichst „in und auswendig“ kennen zu lernen. Magic Architecture Für Kiesler ist „Magic Architecture“ keine Form von Architektur, welche lediglich durch das Adjektiv des Magischen erweitert wird. Es ist eine grundlegende Neudefinition; beide Einzelworte verschmelzen zu einem einzigen Begrifflichkeitskörper, unterscheiden sich schon in der Basis klar von den vielen anderen bereits formulierten Architekturdefinitionen. Für Kiesler ist „genug Architektur gemacht worden.“ Er will „keine Neuauflage und sei sie noch so klug erdacht“.5 Seine Form von Architektur befasst sich mit dem Einzelmenschen, fragt nach dessen Position in der Welt. Es soll der

3

René Descartes, zitiert nach Jörg Dünne/Stephan Günzel, Raumtheorie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S.22. 4 Ebd. S.105. 5 Friedrich Kiesler, De Stijl, 6. Jg., 10-11, 1925, in: Dieter Bogner (Hrsg.), Architekt Maler Bildhauer 1890-1965,


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Aufbau eines individuellen Weltbildes gefördert werden, welches schließlich durch Befriedigung von inneren als auch äußeren, von physischen als auch metalen Bedürfnissen in der Einheit eines subjektiv schönen Lebens mündet.6 Kiesler spricht sich aber auch für eine unterschiedliche Gewichtung dieser Dualität aus, neigt die Waage zugunsten des Innnen. Ohne das Außen damit gänzlich abzulehen ist für ihn das Innen von primärer Wichtigkeit. Dort tritt Bedeutung auf; (nur) dort können (nach Außen gleich wirkende) Erzeugnisse unterschieden werden. „Man’s home is forever the inside“.7 Sein Denken baut dabei auf folgendem raumtheoretischen Verständnis auf: „Man is flesh-made, I read again, not exactly as I wrote it, in fact: man is spirit, it is printed, although no one of us has ever seen either the spirit or the soul; yet soul and spirit have a corporate implication, like a fluid solidity, yet devoid of quantity and spacial extension, like a whiff, a breeze, like ectoplasm that flows in and out of our corpus, a wind through a ghost house“.8 Gleichzeitig sieht Kiesler aber den Geist nicht als Bewohner des Körpers, den Körper nicht als durch Geist belebte Zellen; er unterscheidet die Begriffe, verschmilzt aber Haus und Inhalt letztenendes wieder zu einer Einheit: „[...] the house of the human body is not a shell-shelter whose void is to be filled with the athmosphere of the mind or of the emotion, whatever term we use to name the unnamable; but every cell, every molecule, every atom, every atery, every anglion is house and content at once in a continuous-One, an environment as well as an object, multifarious and interchangeable“.9 Die (sich im Rahmen von Materialkriterien und Natur(gesetzen) abspielende) Technik des Hausbauens ist für Kiesler sekundär. Für ihn ist es „animalarchitecture“.10 Technische Fertigkeit zeichnet den Menschen nicht aus, dort ist er (nur) eines von vielen bauenden Tieren. „[...] So wie der Mensch alles isst (Fleisch, Gemüse, Früchte), wendet er alle Methoden des Hausbaus anderer Geschöpfe an. [...] Der Mensch vereint, was Baumaterialien und Bautechniken anbelangt, alle Tiere in sich“.11 Für Kiesler ist klar: „Architecture without Poetry is nothing but a protective umbrella (of straw, skin or stone) against unfavorable climatic conditions - and against attacks from human and other animals during sleep“.12 Neben dem (sichtbar- als auch unsichtbaren) Außen ist für ihn die Wirklichkeit ein ebenso zu relativierender (aber nicht zu verwerfender) Begriff. Kiesler versagt somit dem Greifbaren/Materiellen die essentielle und vorrangige Wichtigkeit, vergeistigt Architektur. Nicht einmal das Haus selbst stellt für diese vom Menschen ausgehende Architektur ein in erster Instanz

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Vgl. Friedrich Kiesler, „Animal-Rex“, Inside the endless house, a.a.O., S.35. 7 Vgl. Ebd. (2. Absatz), S.135. 8 Ebd. 9 Ebd. S.146. 10 Vgl. Friedrich Kiesler, „Pseudo-Functionalism in Modern Architecture” in: Partisan Review, July 1949, S.739. 11 Friedrich Kiesler, Magic Architecture, Typoskript (um 1940) in: Austrian Frederick and Lillian Kiesler Private Foundation Vienna and MMK - Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (Hrsg.), Friedrich Kiesler: Endless House 1947-61, Ostfildern: Hatje Cantz Verlag 2003, S.17. 12 Ebd. o.S. (Klappentext).


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entscheidendes Element dar. „Im Dualismus von Vision und Wirklichkeit ließ der Surrealismus die Vision auferstehen. Die Wirklichkeit blieb bloß als ein Bestandteil des menschlichen Unterbewusstseins erhalten. [...] Des Menschen Haus ist nicht von Bedeutung, solange sein Geist im unterbewussten Leben Unterschlupf [shelter] findet.“13 Die bisherigen Betrachtungen machen somit die Kunst (den Surrealismus) als formal- als auch inhaltlich wichtige Einflussquelle der „Magic Architecture“ klar.14 Trotzdem sollte Kiesler nicht als Surrealist wahrgenommen werden. Speziell in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildeten sich zahlreiche, in deren Begrifflichkeiten vom Surrealismus teils nur sehr subtil zu unterscheidende, schwer festzumachende Kunstrichtungen. Betreffend der inhaltlichen Essenz waren aber oft genau diese kleinen, erst bei genauer Betrachtung erkennbaren Differenzierungen von wesentlicher Bedeutung.15 Im Nachlass Friedrich Kieslers taucht eine jener Richtungen in Buchform16 auf, es handelt sich um die in Literatur als auch Malerei vorkommende Strömung des Magic Realism. Dem bisher aufgebauten Verständis bezüglich der „Magic Architecture“ sehr ähnlich, handelt es sich dabei um eine vom deutschen Kunstkritiker Franz Roh geprägte Anschauungsart. Auf Realität aufbauend soll deren Erweiterung erreicht, eine neue (breitere) Realität erzeugt werden. Intellekt und Empfindung sollen durch die entsprechende Wahrnehmung zu etwas Tieferem verschmelzen.17 Auch Kiesler wollte „Kunst und Phantasie ausdehnen und so der Wirklichkeit näher bringen, ‚sie zu einer Wirklichkeit machen’“.18 „In contrast to Dream Architecture it is not an expression of escape into religious solitude (resignation). […] it is the architecture of everyday, everynight reality. Magic architecture is a tool of realistic life“.19 Hier wird Kieslers Verständnis bezüglich den unterschiedlichen Methodiken und Autoritäten von Wissenschaft und Kunst wichtig. Der bedeutende Input kommt für ihn dabei dem Poeten, vom Künstler: „It is the poet, the artist, who senses the inner drive and workings of nature. The poet’s feeling is inspired by a force conveniently known as the unknown, and he loves to surrender to it“.20 Nur dieser weist das für ihn so wichtige innere Verlangen/Gefühl auf, sich dem wirklich Essentiellen (dem oft erwähnten „known as the unknown“) hinzugeben. In dieser Hinsicht sind für Kiesler die reinen Wissenschaftler zu begrenzt. Begründet mit den Folgen von Einsteins Relativitätstheorie bezeichnet er den ausschließlichen Gauben an Naturwissenschaft als zu naives und arrogantes Denken von (überdauerter) Wahrheit zu Wahrheit.21 Dennoch ist für ihn neben Poesie, Kunst und Architektur auch die Wissenschaft eine

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Friedrich Kiesler, Magic Architecture, Typoskript (um 1940) in: Austrian Frederick and Lillian Kiesler Private Foundation Vienna and MMK Frankfurt am Main (Hrsg.), Friedrich Kiesler: Endless House 1947-61, a.a.O., S.17. 14 Kiesler wurde Zeit seines Lebens vom Surrealismus auf unterschiedliche Weise beeinflusst. Vgl. Dieter Bogner (Hrsg.), Friedrich Kiesler, a.a.O., S.214. 15 Vgl. Magic Realism: Defining the Indefinite, by Jeffrey Wechsler, 1985, College Art Association, auf: http://www.jstor.org/ pss/776800 16 Dorothy C.Miller & Alfred H. Barr Jr. (Hrsg.), American Realists and Magic Realists, New York: Museum Of Modern Art 1943. 17 Vgl. http://de.wikipedia.org/ wiki/Magischer_Realismus 18 Vgl. Dieter Bogner (Hrsg.), Friedrich Kiesler, a.a.O., S.248. 19 Friedrich Kiesler, „Magic Architecture“ (1936) in: Siegfried Gohr und Gunda Luyken (Hrsg.), Frederick J. Kiesler: Selected Writings, Stuttgart: Gerd Hatje Verlag 1996, S.34. 20 Friedrich Kiesler, „Towards the Endless Sculpture“ (1956), Ebd., S.53f. 21 Vgl. Ebd. 22 Vgl. Friedrich Kiesler, Inside the endless house,


der vier „cornerstones of this new-rising edifice of our existence.“22 Weiters müssen für Kiesler der Umsetzung seiner Architektur gewisse soziologische Gegebenheiten und Bedingungen vorausgehen: „Magic Architecture is of course, unthinkable without its sociological roots in a society of free will and sacrifice. Its magic cannot be performed like the tricks of a prestidigiateur. Its power to evolute unheard of capacities of man, can be part only of a structure of a society, devoted to such ideals“.23 In der Folge bezeichnet er die Gleichstellung („equality“) aller Menschen, die Abwesenheit von praktischem Nutzen als diesbezügliche Grundsteine.24

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Exposition internationale du Surrealisme, Paris 1947 Die in der Pariser „Galerie Maeght“ stattfindende Ausstellung spielt in der Entwicklung Kieslers eine gewichtige Rolle. Der von ihm gestaltete „Salle de Superstition” („Raum des Aberglaubens“) gilt als „magische Architektur“.25 Im zugehörigen Ausstellungskatalog fordert Kiesler die Gleichstellung von Psyche und Empirik, prangert Funktionalismus als nicht funktionierenden Ästhetizismus- und Hygienewahn, als Aberglauben und überzeugungstechnischen Irrweg an. Er selbst will möglichst alle Aspekte des Menschen berücksichtigen, will das Beschäftigungsfeld erweitern. Danach erhält die (sich aus Einzelbereichen zusammengesetzte) Gesamtheit eine neue Gewichtungsverteilung. „Ich setzte dem Mysterium der Hygiene, die der Aberglaube funktionaler Architektur ist, die Wirklichkeit einer magischen Architektur entgegen, die ihre Wurzeln in der Totalität des menschlichen Wesens hat und nicht in den gesegneten oder verfluchten Aspekten des Seins“.26 „Die neue Realität der plastischen Künste manifestiert sich als eine Wechselbeziehung von Tatsachen, die nicht auf den Wahrnehmungen der fünf Sinne basieren, sondern auch den psychischen Bedürfnissen Rechnung tragen. Der ‚moderne Funktionalismus’ in der Architektur ist tot. Insoweit die ‚Funktion’ als Überbleibsel fortdauerte - ohne Untersuchung selbst des körperlichen Bereichs, auf dem sie beruhte -, scheiterte sie und erschöpfte sich in dem Mystizismus Hygiene + Ästhetizismus“.27 Trotz seiner offensichtlichen Verbundenheit zur Kunst nimmt sich Kiesler aber zum gewissen Teil vom fortschreitenden Kunstprozess aus, beschreibt diesen in seinen Texten oft von außerhalb. Einigen Personen kommt dabei explizite Betrachtung zu, in diesem Zusammenhang beispielsweise Piet Mondrian. Kiesler bezeichnet dessen Bemühungen zur Sondierung eines (über das rein Abstrakte hinausgehenden) „non-objectives“ als lobenswert, seine Werke hält

23 Friedrich Kiesler, „Magic Architecture“ (1936), Siegfried Gohr und Gunda Luyken (Hrsg.), Frederick J. Kiesler: Selected Writings, a.a.O., S. 34. 24 Vgl. Friedrich Kiesler, „Continuity, the new Principle in Architecture“ (1965), Ebd., S.130. 25 Vgl. http://www.kiesler.org/ cms/index.php?idcat=18 26 Friedrich Kiesler, „L’Architecture magique de la Salle de Superstition“, aus: André Breton, Marcel Duchamp (Hg.),Surréalisme en 1947, Paris 1947, S. 131f. auf: http://www.kiesler.org/cms/ index.php?idcat=18. 27 Ebd. 28 Vgl. Friedrich Kiesler, Inside the endless house, a.a.O., S.391.


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er für „brilliant substitutes for architecture not then built, only defined“.28

Abb.1: Einblick in die Salle de Superstition (Malerei von Juan Mirò, Plastik von David Hare. nach einer Zeichnung von Friedrich Kiesler)

Kieslers Denken lässt sich somit immer wieder auf dieselbe Frage zurückführen: Wie findet Wechselwirkung zwischen Mensch und Um-welt statt? Dazu gingen die bisherigen Betrachtungen vom Menschen als Psyche, als Immaterialität aus. Die folgenden Teile behandeln das Außen/die Physis, erläutern die Kieslerschen Gedanken bezüglich materieller (visueller als auch unsichtbarer) Wechselwirkung. Der Großteil dieser Beschäftigung fand im Zuge des, von 1937-41 geführten „Laboratory for Design Correlation“ an der Columbia University in New York statt. Correalismus Co(r)-realismus postuliert die menschliche Wahrnehmung („Wirklichkeit“) als vernetztes System von komplexen, dynamischen, non-linearen, reziproken „Relationships“, welche sich in gegenseitiger Beziehung/Wechselwirkung zueinander befinden.29 Bedeutung wird demnach den unsichtbaren Prozessen zwischen (hinter) den materiellen Einheiten zugesprochen, nicht der ästhetischen Formenwelt selbst. Die Evidenz dieser Beobachtung stützt sich auf dem physikalischen Nachweis in den unterschiedlichen Maßstäben. Kiesler übersetzt diese materiell-strukturalistischen Gedanken („How things hold together”30) auf menschliche Belange. Das Unsichtbare wird zu einer für

29

Vgl. Dieter Bogner (Hrsg.), Friedrich Kiesler, a.a.O., S.209ff. 30 Vgl. Friedrich Kiesler, „How things hold together“ (1959), Siegfried Gohr und Gunda Luyken (Hrsg.), Frederick J. Kiesler: Selected Writings, a.a.O., S. 89f.


den Menschen in Wahrnehmung und Denken bedeutenden Realität.

Biotechnique Vom Correalismus als Gesetzmäßigkeit ausgehend, entwickelt Kiesler seine Theorie weiter: „Wenn sich [der] Designer in zunehmendem Maße der Erkenntnisse des Correalismus bei der Gestaltung von Gebäuden bedient, wird sich für seine Methode der Begriff Biotechnique durchsetzen. Diesen Ausdruck habe ich geschaffen, um die Wissenschaft von der Behausung der Menschen zu bezeichnen“.31 Architektur muss dabei als Ergebnis eines typologiefreien Denken erwachsen: „But Corbusier, Mies, Oud and others have started with the concept of a House; from a One-Family-House; or with a Collective instead of a threefold architectural principle. They started with the Idea of a House: not with an unified architectural dogma. Not from Architecture as a Science. Not from Architecture as Biotechnique“.32 In der materiellen Umsetzung ist für Kiesler bis heute kein Gebäude zufriedenstellend; die dafür benötigten Möglichkeiten stehen noch nicht bereit. Heute Gebautes ist damit in seiner Bedeutung zu relativieren, als temporärer Platzhalter, als Versuch wahrzunehmen.33 Biotechnique untersucht „mit wissenschaftlichen Mitteln die ‚Wechselbeziehung eines Körpers mit seinem spirituellen, physikalischen, sozialen und mechanischen Umraum’“,34 wird die behausungstechnische Umsetzung der correlativen Idee. Da der Architekt aber „auf die beiden ersten Faktoren keinen direkten Einfluss nehmen kann, muss er durch die Gestaltung der technologischen Umwelt jene Gegebenheiten schaffen, die die günstigsten Voraussetzungen für die Erhaltung des physischen und psychischen

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Abb.2: Ausschnitt aus Friedrich Kieslers „We Live Through Correalism”

31 Friedrich Kiesler, Correalism. Bio-Technique. A New Aproach to Building Design, Typoskript, um 1938. auf: http://www.kiesler.org/cms/ index.php?idcat=18 32 Friedrich Kiesler, „Notes on Architecture: the Space House“ (1934) in: Siegfried Gohr und Gunda Luyken (Hrsg.), Frederick J. Kiesler: Selected Writings, a.a.O., S.23. 33 Vgl. Ebd. 34 Dieter Bogner (Hrsg.), Friedrich Kiesler, a.a.O., S.216. 35 Ebd. S.217.


Wohlbefindens des Menschen bieten“.35

H = Human environment N = Natural environment T = Technological environment

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Abb.3: Auszug aus Friedrich Kieslers „On Correalism and Biotechnique”

M = Man—Heredity Man = heredity + environment. This diagram expresses both the continual action of the total environment on man and the continual interaction of its constituent parts on one another.

Hier taucht auch das bereits erwähnte Prinzip der Relativierung von Außendingen wieder auf. Kiesler bezeichnet alle drei hier angeführten Elemente als wichtig und bemerkenswert, sie könnten aber nie gleich gewichtet sein, da dies in einer statischen Balance des Stillstandes enden würde.36 „Das Lebens- und Architekturprinzip Kieslers baut somit auf der Überzeugung von der permanenten Wechselbeziehung zwischen dem Streben nach Veränderung und dem Streben nach Gleichgewicht auf“:37 „By a change in the preponderance of the life-forces, the center of interest and attraction may shift from material fact (1) to the idea (2), from the idea - to the object (3); and in this continuous flux any other shift of emphasis is equally possible. [...] Form does not follow function. Function follows vision. Vision follows reality“.38

Abb.4: Friedrich Kiesler, „Chart of creationmutation”

36

Vgl. Friedrich Kiesler, „Pseudo-Functionalism in Modern Architecture”, a.a.O., S.737. 37 Dieter Bogner (Hrsg.), Friedrich Kiesler, a.a.O., S. 216. 38 Friedrich Kiesler, „PseudoFunctionalism in Modern Architecture”, a.a.O., S.737f.


97 Im nachfolgenden Zitat stellt Kiesler die Entstehung seiner „theory of creation“ als auch den Prozess selbst äußerst kompakt und dennoch enorm inhaltsstark dar: „In reality the true functionalist will accept no standard as final. He livesthrough the existing standard, and by this experience becomes independent of the standard as such. Then, by the force of this constant materialism (1) and of his imagination which has thus been liberated, he crystallizes the new objective (2) and the new object (3)“.39 Kiesler will die statischen Funktionen des Pseudo-Funktionalismus in „designflows of life forces“ wandeln, will eine fortschreitende, in Veränderung begriffene „Process Architecture“. Vielfalt kann und soll in der Gesamtheit passieren.40 Somit enthält auch der Pseudo-Funktionalismus Gedanken über Gesellschaftsordnung, Entwicklung bezeichnet er dabei „als das Ergebnis einer Wechselbeziehung“.41 Dieselbe These wurde bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts vom österreichischen Kunsthistoriker Alois Riegl in dessen Buch über die „historische Grammatik der bildenden Künste“ vertreten.42 Die Konformität zwischen Kiesler und Riegl sollte sich in einer anderen Thematik fortsetzten, doch vor diesen Ausführungen wollen wir noch einen weiteren, dritten Charakter hinzuziehen: Paul Feyerabend - seine Publikation betreffend der „Wissenschaft als Kunst“.43 Neben der auffallenden Ähnlichkeit zu den Fragestellungen Kieslers fußt dessen Buch ebenfalls auf der Kunsttheorie Riegls. Vielfach vom gleichen Startpunkt ausgehend, begründen oft erst die verschiedenen Schlüsse und Fortführungen die personenintern entstehenden Abweichungen. Als Verdeutlichung werden die folgenden kunsttheoretischen Überlegungen bezüglich Fortschritt herangezogen. Dabei gibt es laut Riegl „in der Kunst keinen Fortschritt und keinen Verfall, wohl aber verschiedene Stilformen; jede dieser Stilformen ist in sich vollkommen und gehorcht ihren eigenen Gesetzen“.44 Feyerabend sieht im Sinne dieses Kunstverständnisses auch die Wissenschaften als Künste, will diesen in einer demokratisch regierten Gesellschaft nicht mehr Autorität verleihen, als ihnen der freie Bürger zugesteht. Kiesler teilt Feyerabends „Achtung vor dem Einzelmenschen, seinen Wünschen, seinen Gefühlen und seiner subjektiven Welt“,45 für ihn unterscheidet sich der Poet aber vom Bürger und reinen Naturwissenschaftler: „The average man is afraid of this power which he cannot grasp and grip. That’s where the creator and the burgher diverge. The poet’s feelings go deeper, wider, faster and farther than any of the electromagnoscopes which man constructs to poke into the secrets of nature“.46 Den Kunstprozess selbst sieht Kiesler zwar auch als den von Riegl und Feyerabend vertretenen fortschrittslosen Vorgang, er verweist aber gleichzeitig auf die sich gegensätzlich verhaltende, stetige Evolution von Kultur/Zivilisation, auf die Notwendigkeit des Innen, auf technologischen Fortschritt als reine Produktion von Moden. Für Kiesler verlässt sich der Mensch zu sehr auf den „Fortschritt“, anstatt auf sich selbst, den Menschen zu bauen.47 „Once we reach the level of Art it remains constant. It is embedded in the soil of cultures, past and present, and is free of progress. Free of progress in contrast

39

Friedrich Kiesler, „PseudoFunctionalism in Modern Architecture”, a.a.O., S.737f. 40 Kiesler erwähnt hier den französ. Jesuitenpriester und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) explizit, sieht dessen „rich and potent pattern of varietyin-unity“ als erstrebenswertes Ziel gegen den Pseudo-Funktionalismus an. Vgl. Friedrich Kiesler, Inside the endless house, a.a.O., S.383. Darüber hinausgehend weist Chardin weitere interessante Parallelen zu unserer Arbeit auf: auch bei ihm stellt „das Phänomen Mensch“ und die Stellung des Menschen im Kosmos ein zentrales Thema dar, auch er beschäftigt sich in diesem Zuge mit den „Innenund Außenseiten der Dinge“ (mit Materie und Geist), verwendet somit sogar selbe Terminologien. 41 Dieter Bogner (Hrsg.), Friedrich Kiesler, a.a.O.,S. 216. 42 Alois Riegl, Karl Swoboda, Historische Grammatik der bildenden Künste, Graz: Böhlau Verlag 1966, S.88. 43 Paul Feyerabend, Wissen-schaft als Kunst, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1984. 44 Ebd., o.S. (Klappentext). 45 Ebd., S. 13. 46 Friedrich Kiesler, „Towards the Endless Sculpture“ (1956) in: Siegfried Gohr und Gunda Luyken (Hrsg.), Frederick J. Kiesler: Selected Writings, a.a.O., S. 53f. 47 Vgl. Friedrich Kiesler, „Pseudo-Functionalism in Modern Architecture”, a.a.O., S.739.


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to the unavoidable evolution of ‚Civilisation’, which goes on automatically producing mechanisms in education and industry for the physical and mental health of a populace“.48 „A culture never progresses - it either is or is not. It’s a matter of inner space and not outer space rocketeering“.49 „[…] the heart of architecture has never changed, never changed in centuries, and never will nor can. Its scent is always the same. It penetrates any kind of packaging. In short: Purely technological progress creates only fashions. But when the packaging becomes the inner lining, instead of remaining the wrapping-well, we are where we are because we aren’t there, where we once were, that is, inside the lining“.50 Kiesler geht aber noch weiter, setzt den Fortschrittsgedanken letztendlich wiederum in (s)einen kosmischen Gesamtzusammenhang: „[…] We are only one of those infinitesimal particles of a totality unknown to us, but sensed with certainity. Unless we resist wisely, we are only instruments of a cosmic will, disguised with the sweet icing of progress. The issue which is provided for us as individuals goes only as far as the carpet on which the toys are laid out for us to play with. But beyond the carpet remains the abyss of torment; the eternal ‚law of uncertainty’“.51 Vision Machine Am Ende der Ausführungen bezüglich Kieslers physischer Betrachtungen liegt das Augenmerk auf dem Interface zwischen Mensch und Um-welt, dem Prozess der Wahrnehmung selbst. Alle Ergebnisse dieser sowohl praktischen als auch theoretischen Studien münden in ein Projekt, die „Vision Machine“. Auch dieses Teilgebiet baut sich auf einem kosmologischen Hintergrund auf: „no man can evolve an idea which isn’t concocted [ausgeheckt] by the forces of the universe itself and is put into us as computers of human vision. Because we are made of the same stuff the cosmos is made of“.52 Neben diesem Verweis auf einen Gesamtzusammenhang und den Augen als Filter53 streicht Kiesler die innere, unsichtbare Wahrnehmung mit all ihren internen Verknüpfungen als entscheidend heraus: „[...] but now I had retained a different vision of the world around and in me. I perceived differently. Every detail seemed to be bound to a wider world, a world of infinite links. [...] All and everything bound together“.54 „Most people see only the result of this world of mutations, the outer reality [...] The rest of perception seems to us illicit and of no practical value; mystical, a tea-leaf prognosis“.55 Die Maschine selbst sieht Kiesler als ein audiovisuelles Demonstrationsobjekt, welches die kreative Leistung des Menschen im Zuge des Sehprozesses darstellen soll.56 Er benennt seine wahrnehmungsbezogene Forschung als „Theoretical study on aesthetics, with special reference to the human eye as medium of perception. [&] Design of a machine for practical demonstration of optical perception, showing the correlative forces of vision“.57 Doch da auch dieses Projekt der Kieslerschen Haltung bezüglich Materialisierung unterlag,

49

Friedrich Kiesler, Inside the endless house, a.a.O., S.379. 50 Ebd. 51 Ebd., S.135. 52 Ebd. 53 Vgl. Ebd., S.137. 54 Ebd. 55 Friedrich Kiesler, „Towards the Endless Sculpture“ (1956) in: Siegfried Gohr und Gunda Luyken (Hrsg.), Frederick J. Kiesler: Selected Writings, a.a.O., S. 53. 56 auf: http://www.kiesler.org/ cms/index.php?idcat=18 57 Aus: Friedrich Kiesler, Report on the Laboratory for Design Correlation, Typoskript 1939. auf: http:// www.kiesler.org/cms/index.


erfuhr es aus dieser Konsequenz nie eine angemessene und zufriedenstellende Umsetzung, blieb somit eines der zahlreichen Gedankengebilde des Architekten, der nicht baute.

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Abb.5: Friedrich Kiesler, Skizze zur Vision Machine

Epilog Friedrich Kiesler hinterließ durch seinen lebenslangen Schaffensdrang ein umfangreiches Werk. Im Inhalt vielschichtig, thematisch breit gefächert und in sich verknüpft spiegelt es die verschiedenen Bemühungen eines sehr eigenen, bemerkenswerten Menschen wider. Je tiefer man in diesen Kosmos eintaucht, desto schwerer fällt in Folge die inhaltliche Zusammenfassung und Strukturierung der Thesen; ein Gesamtbild lässt sich nur schwer aufbauen. Einzig die ersehnte Zielsetzung ist allen Gedanken gemein, umspannt und vereint sein Schaffen: Kiesler will die physische und mentale Gesundheit des subjektiven (Einzel-) Menschen erhöhen. Weiters strebt er eine Neugewichtung der für den Menschen wirklichkeitsbildenden Faktoren an. Diese Gemeinsamkeiten gewährleisten schließlich eine überschaubare und dennoch möglichst ganzheitliche Bearbeitung, fügen die auf den ersten Blick teils noch sehr unterschiedlich wirkenden Beschäftigungsphasen/ Methodiken letztendlich doch zu (s)einer kontinuierlichen Ganzheit zusammen. Auch für das kontemporäre Aufgreifen von Kieslerschen Einzeltheorien ist nach unserer Ansicht diese Einbettung in den kontinuierlichen Gesamtzusammenhang essentiell. Die Theorien müssen dabei als Teil eines kontextuellen Ganzen gesehen werden, indem Inhalte aufeinander aufbauen und in Beziehung zueinander stehen. Um einen Teil richtig zu deuten, sollten Überzeugungen aus der relativen Gesamtheit des Schaffens bekannt sein. Wie aktuell Friedrich Kiesler schließlich ist - inwieweit sein Vermächtnis wiederbelebt, in seinem Sinne interpretiert, weiterverwendet und als


Grundlage für heutige Entwicklungen dienen soll, bedarf somit individueller Betrachtung. Ob und wenn ja welche Teile der differenzierten Gesamtheit (wo) einer Umsetzung näher gebracht werden können wird zu diskutieren sein. Literaturverzeichnis Bücher: Bogner, Dieter 1988: Friedrich Kiesler: Architekt, Maler, Bildhauer; 1890-1965. Verlag: Löcker Verlag Wien 1988 Gohr, Siegfried - Luyken, Gunda 1996: Frederick J. Kiesler: Selected Writings Verlag: Gerd Hatje Verlag Stuttgart 1996 Austrian Frederick and Lillian Kiesler Private Foundation Vienna and MMK - Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, 2003: Friedrich Kiesler: Endless House 1947-61 Verlag: Hatje Cantz Verlag Ostfildern, 2003 Kiesler, Frederick 1964: Inside the endless house: Art, People and Architecture: A Journal Verlag: Simon and Schuster New York 1966 Dünne, Jörg - Günzel, Stephan, 2006: Raumtheorie: Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2006 Artikel Friedrich Kiesler: „Pseudo-Functionalism in Modern Architecture“ in: Partisan Review, July 1949. Internetquellen http://www.kiesler.org/ http://de.wikipedia.org/

(letzter Aufruf: 07.01.2009 / 17:05) (letzter Aufruf: 01.01.2009 / 11:11)

Abbildungsnachweis Abb.1: Dieter Bogner (Hrsg.), Friedrich Kiesler, a.a.O., S. 127. Abb.2: auf: http://www.kiesler.org/cms/index.php?idcat=48. Abb.3: „On Correalism and Biotechnique. A Definition and Test of a New Approach to Building Design“, in: Architectural Record, 86/3, September 1939. Abb.4: Friedrich Kiesler, „Pseudo-Functionalism in Modern Architecture“

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101 OUT OF THE WILD

Friedrich Kiesler & Marcel Duchamp

Otto Neurath

S c i e n c e , A rt and the Holistic System

Friedrich Kiesler

Christopher Alexander Manuel de Landa

v on Alexandra Gasser und Christo p h e r P e r k t o l d

Friedrich Kiesler und Marcel Duchamp lernten sich Mitte der 20er Jahre durch Kathrin Dreier in Paris kennen und blieben in Kontakt bis in die frühen 50er Jahre. Durch ihre Begeisterung in den 20er und 30er Jahren für Naturwissenschaft und Technik, die Geschichte der Wahrnehmung und der damit verbundenen Änderung des Sehens1 und ihre künstlerischen Theorien, man müsse sich von der psychologischen Interpretation eines Werkes verabschieden, um den Besonderheiten der Struktur auf die Spur zu kommen, entstand eine sehr gute Freundschaft zwischen Duchamp und Kiesler, die man auch den Tagebucheintragungen von Stefanie Kiesler, in denen ein fast wöchentliches Zusammenkommen - sowohl geschäftlich, als auch privat der beiden Künstler dokumentiert wird, entnehmen kann. „Nov 8, 1947: Marcel here posing for Kiesler portrait of him“2 Außerdem hatten sie den gleichen Freundeskreis wo unter anderem auch jüngere Künstler wie John Cage (1912-1992), Jasper Johns (1930), Robert Rauschenberg (1925-2008) und Andy Warhol (1928-1987) vertreten waren, die ihrerseits den Austausch mit Kiesler und Duchamp suchten. „July 28, 1942: Evening, here Virgil Thomson with John Cage, Marcel Duchamp until 2 AM.“3 Wie bereits erwähnt, setzten sich Kiesler und Duchamp beide intensiv mit dem Problem der Wahrnehmung auseinander. Während sich Kielsers Film Guide Cinema (1929), für das er das Sreen-o-scope und ein Projectoscope entwickelte und besonders seine in den 40er Jahren entwickelte Vision Machine mit Wahrnehmung beschäftigten, experimentierte Duchamp vor allem mit Nachbildern (z.B. Rotoreliefs). 1937 veröffentlichte Kiesler einen Bildessay3 über Duchamps ‚Großes Glas’, basierend auf dem umfangreichen Gebrauch von Fotomontage und einer freien Verbindung von Bildern.

1 Luyken Gunda, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie, Frederick Kiesler und Marcel Duchamp. Rekonstruktion ihres theoretischen und künstlerischen Austausches zwischen 1925 und 1937, Staatlichen Hochschule fur Gestaltung, Karlsruhe, 2002, S. 2 2

Stefanie Kiesler, Tagebuch, Österreichische Lillian und Friedrich Kiesler Privatstiftung

3

Ibid.


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1 Detailaufnahmen Großes Glas, Fotografien von Berenice Abbott (Friedrich Kiesler 1890-1965 New Standards, Dieter Bogner, S. 289) 2 Detailaufnahmen Großes Glas, Ibid.

„… Architecture is control of space. An Easel-painting is illusion of Space-Reality. Duchamp’s Glass is the first x-ray painting of space.“4 „… To create such an X-ray painting of space, materiae [sic] and psychic, one needs as a lens (a) oneself, well focused and dusted off, (b) the subconscious as camera obscura, (c) a super-consciousness as sensitizer, and (d) the clash of this trinity to illuminate the scene.“5 „… The best way to understand such paintings is to look at it with closed eyes and open mind ; or with eyes wide open and the mind alive like darkness.“6 „… Glass is the only material in the building industry which expresses surface and space in the same time.“7 „… The structural way of painting is Duchamp’s invention.“8 Im Jahre 1913 begann Duchamp mit der ersten Ideensammlung für Das Große Glas. Er produzierte zahlreiche Notizen und Entwürfe, die er dann 1934 in Der Grünen Schachtel veröffentlichte. Diese Notizen sollten helfen dieses einzigartige Projekt zu verstehen und die Beziehung zwischen der Braut in der oberen Hälfte und den Junggesellen in der unteren Hälfte zu entschlüsseln. „The Large Glass has been called a love machine, but it is actually a machine of suffering. Its upper and lower realms are separated from each other forever by a horizon designated as the ‘bride’s clothes.’ The bride is hanging, perhaps from a rope, in an isolated cage, or crucified. The bachelors remain below, left only with the possibility of churning, agonized masturbation.“9

3

F.Kiesler, „Design Correlation“ in: Architectural Record, May 1937, S.53-60, Österreichische Lillian und Friedrich Kiesler Privatstiftung

4

F.Kiesler, „Design Correlation“, Ibid. 5

F.Kiesler, „Design Correlation“, Ibid. 6 F.Kiesler, „Design Correlation“, Ibid. 7

F.Kiesler, „Design Correlation“, Ibid. 8

F.Kiesler, „Design Correlation“, Ibid. 9

Mink, Janis: Marcel Duchamp, 1887-1968: Art as Anti-Art, www.artchive.com, Stand 3.12.2008


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Das Große Glas war dem Sammlerehepaar Walter und Louise Arensberg versprochen; als Gegenleistung für die Miete, die sie Duchamp zwei Jahre lang in New York bezahlt hatten. Jedoch zogen die Arensbergs aus finanziellen Gründen 1920 nach Kalifornien und ließen Das Große Glas zurück, welches Katherine Dreier für 2000 Dollar erwarb.10 Anfang 1923 entschied Duchamp Das Große Glas unvollendet zu lassen und im Februar 1923 nach Paris zurückzukehren, wo er bis 1942 lebte. Seit 1917 war Duchamp nicht mehr daran interessiert gewesen, als Künstler in Erscheinung zu treten. Trotzdem überredete ihn Dreier Das Große Glas und Das Kleine Glas 1926 in Brooklyn zu zeigen.11 „Es ist unmöglich, es zu datieren, unmöglich, es einzuordnen; es kann und wird nie unmodern werden, denn es baut keinerlei Ästhetik auf, beruft sich auf keinerlei Ethik und gehört keiner Epoche an – dies ist, wie man weiß, die Eigenschaft der authentischen Meisterwerke.“12 1942 mietete Duchamp für zwölf Monate einen Raum in Kieslers Wohnung. Im selben Jahr wurde Kiesler mit der Ausstellungsgestaltung für die ‚Art of This Century – Gallery‘ von Peggy Guggenheim beauftragt, in der er die ‚Vision Machine‘ installierte.

3 Art of this century gallery, 1942 (Friedrich Kiesler, Inside the endless house, Dieter Bogner, Wien 1997)

10

Luyken Gunda, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie, Ibid., S. 41, 42

Während der 40er Jahre arbeiteten Kiesler und Duchamp zusammen an einigen Projekten, wie z.B. dem Cover des ‚1943 Almanac VVV‘ – für Bretons Magazine VVV – wo ein Loch aus dem Rücken des Magazins, in Form eines weiblichen Körpers, ausgeschnitten wurde und Kiesler außerdem den Text dazu verfasste.

11

Luyken Gunda, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie, Ibid., S. 41, 42 12

Pierre de Massot, „La mariée mise a DU par ses célibataires, même”, Orhes, Reihe 2, Nr. 4, Paris, Sommer 1935, S. XVII-XXII, S. XXII


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4 Cover für VVV Almanac 1943 (Friedrich Kiesler 1890-1965 New Standards, Dieter Bogner, Locker Verlag Wien, 1988, S.291)

Außerdem arbeiteten sie gemeinsam an den Ausstellungen ‘Imagery of Chess’, an der Julien Levy Gallery in New York. 1945 entwarf Kiesler das Triptychon for View, vol.5, no.1 (March 1945), eine Fotomontage, die als Portrait Duchamps fungierte. Im Triptychon spiegelt sich die gesamte Verbindung zwischen Marcel Duchamp und Friedrich Kiesler wider. Kiesler entwarf das Triptychon so, dass ‚Das Große Glas’ ein Schaufenster darstellt, welches dem Betrachter Duchamp und seiner Arbeit veranschaulicht.

5 Fotomontage von Marcel Duchamp für Triptychon (Friedrich Kiesler 18901965 New Standards, Dieter Bogner, Locker Verlag Wien, 1988, S.294)

1947 kreuzten sich ihre Wege wieder bei der ‚Exposition International du Surréalisme‘, Galerie Maeght 1947 (Paris), für die Kiesler den ‚Salle de Superstition‘ - mit Werken von Miró und David Hare – gestaltete. Er wurde von André Breton und Marcel Duchamp beauftragt.


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Kiesler war der Meinung, dass gute Kunst die Gesellschaft verbessern könne. „ For Kiesler, art had a single purpose: the creation of a new world-im age; that is, a balancing of the Technological, Natural, and Human envi ronments which he perceived as unstable . . . .“13 „…dissolve the barrier and artificial duality of ‚vision‘ and ‚reality‘, ‚image‘ and ‚environment‘ . . . [to produce a gallery where] there are no borders between art, space, and life.“14 Er war der Auffassung, dass Kunst zeige wie diese ausbalancierten Umgebungen, oder gegenwärtige Ungleichheiten aussehen könnten und die entsprechenden Lösungen dazu. Kiesler hoffte die Menschen von ihren Begrenzungen, die ihnen im modernem Leben auferlegt wurden, zu befreien. Er verstand seine Arbeit als Teil des Menschen fort fahrenden Kampf sich von seinen körperlichen und psychologischen Beschränkungen freizugeben. Sein Wunsch war es die Menschen durch Kunst und Architektur in eine Kontinuität mit der Umwelt zu holen - physisch, technologisch und psychologisch wie sie im 20Jhdt existierte. Friedrich Kiesler beschäftigte sich seit den 30er Jahren mit der Ausstellung von Objekten für Zielgruppen. 1930 veröffentlichte er das Buch ‚Contemporary Art applied to the Store and its Display‘. Kiesler geht in diesem Buch genauer auf die Bedeutung von Schaufenstern in Bezug auf die Kunst ein und erläutert seine Meinung, das Schaufenster sei ein nützliches Sprachrohr um mit der Bevölkerung zu kommunizieren und um Inhalte in die Öffentlichkeit zu transportieren. Für ihn war das Kaufhaus eine Art Medium um zeitgenössische Kunst an die Masse zu bringen. Es war ein ‚Active Agent’ um die Aussage von zeitgenössischer Kunst zu verbreiten. „…window and store decoration has grown to be a science and an art.“15 „…The display manager of a store was himself an artist who has to paint the picture for the public. His canvas is space, his pigments merchandise and decoration, his brushes light and shadow.“16 Laut Kiesler sei das Kaufhaus ein leiser Lautsprecher, ein aktiv handelndes Element im Prozess des Verkaufes. Wenn ein Passant am Schaufenster stehen bliebe hätte das Fenster eine Aufgabe: zu sprechen, zu präsentieren und – vor allem – zu verkaufen. Das Fenster sei die direkteste Methode des Kontaktes – eine moderne Art der Kommunikation.17

13

R. L. Held, Endless Innovations: Frederick Kiesler’s Theory and Scenic Design, S. 83

14

Friedrich Kiesler, Notes on Designing the Gallery, manuscript, 1942, Österreichische Lillian und Friedrich Kiesler Privatstiftung 15

Friedrich Kiesler, Contemporary Art applied to the Store and its Display, Bretano’s New York, 1930, S. 74 ff., Österreichische Lillian und Friedrich Kiesler Privatstiftung 16

Friedrich Kiesler, Contemporary Art applied to the Store and its Display, Ibid. 17

Friedrich Kiesler, Contemporary Art applied to the Store and its Display, Ibid.


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Bedürfnisse spielten eine entscheidende Rolle in Kieslers Überlegungen. Er stellte sich dabei folgende Fragen: „What makes people purchase? Real and artificially stimulated needs. Usually artificial needs become genuine needs. Habit asserts itself and makes them vital. This is the joint work of artists, scientists, and business men.“18 Beispiele für Schaufenstergestaltungen von Kiesler sind der Saks 5th Avenue Departement Store, New York 1929 und sechs Jahre später der Entwurf für den Jay Shoe Store, Buffalo, New York 1935. Bei der Schaufenstergestaltung achtete Kiesler genau darauf, dass die Ausstellungsstücke asymmetrisch arrangiert werden, da er der Meinung war, man solle das Normale vermeiden um den Blick des Betrachters auf das individuelle Schaufenster zu ziehen.

6 Schaufenstergestaltung Saks Fifth Avenue Departement Store, New York 1929 (Frederick Kiesler, Lisa Phillips, S.59) 7 Schaufenstergestaltung Saks Fifth Avenue Departement Store, Ibid.

„…Consider the proportions of a show window frame. Here alone, a great effect can be achieved.... Whatever your course when choosing the proportions for a window, avoid one thing—the normal.“19 Was auf den ersten Blick oft nicht wie ein typisches Schaufenster aussieht, stellt sich durch Kieslers wohlüberlegte Präsentation erst auf den zweiten Blick als Mittel für Verkaufszwecke heraus. Er schafft es, das Interesse für das Produkt im Betrachter zu wecken und das mit komplett reduzierten Mitteln. Er zeigt das Produkt in einem anderen Licht, ohne es dem Passanten aufzwingen zu wollen. Es könnte sogar sein, dass man an seinen Schaufenstern zuerst vorbeiläuft, weil sie für unser wohl schon gesättigtes Auge, oder den gesättigten Geist, wenn man durch die Straßen von New York geht, vielleicht zu unscheinbar, oder besser gesagt, zu wenig aufdringlich erscheinen. Wenn man dann aber verweilt, ist es wahrscheinlich, dass man sich diese Gestaltung in Erinnerung behält, weil sie anders ist, nicht zu aufdringlich,

18

Friedrich Kiesler, Contemporary Art applied to the Store and its Display, Ibid. 19

Friedrich Kiesler, Contemporary Art applied to the Store and its Display, Ibid.


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kein Blinklicht, dass schon von der Ferne sichtbar ist, keine unnötigen Dekorationselemente – einfach nur das Produkt und das in seinem besten Licht. Außerdem zeigt Kiesler die Produkt nicht auf die Art und Weise, an die wir im ersten Moment denken würden; Dieses Phänomen lässt sich anhand des Mantel im Schaufenster des Saks 5th Avenue Departement Store erklären: Präsentiert auf einem Stuhl, der aber nur Mittel zum Zweck ist und komplett in den Hintergrund gerückt agiert, zieht er die Blicke auf sich. Der Mantel ist nicht einer Schaufensterpuppe angezogen, wie es bis heute üblich ist - Kiesler schafft es eine Alltagssituation schaufensterwürdig umzumünzen. Der edle Mantel auf einem Möbel abgelegt. Dieses Szenario könnte aus jedem beliebigen Haushalt stammen und genau das macht die Gestaltung zu etwas Besonderem. Aber auch der Hintergrund war für Kiesler von großer Wichtigkeit. „Remove the background of a window and you see the interior of the store through the glass.“20 Laut Kiesler sollte es dem Betrachter möglich sein, das Kaufhaus bereits von der Straße aus einzusehen. Weiters sei es wichtig den Blick des Betrachters zu lenken. Er solle natürlich nur das sehen, was für seine Augen bestimmt sei und ihn im besten Fall dazu bringen, das Kaufhaus zu betreten. Die Kunst der reduzierten Gestaltung von Schaufenstern war Kiesler ein Anliegen. Genau deshalb vertrat er die Meinung, dass man um Schaufenster zu gestalten ein Wissenschafter und Künstler sein müsse. Mit wenig Elementen viel beim Betrachter zu bewirken war wohl sein Leitmotiv. Für Duchamp spielten Bedürfnisse und auch das (Schau-)Fenster eine entscheidende Rolle in Bezug auf ‚Das Große Glas‘, denn auch er war der Meinung, dass das Fenster einen ‚Active Agent‘ darstelle. Außerdem war er der Überzeugung, dass das reflektierende Glas des Schaufensters ein Katalysator für eine Beziehung zwischen dem Beobachter und dem Objekt dahinter sei. Laut Duchamp sollte das Fenster befragen, prüfen, fordern und schlussendlich eine Reaktion des Betrachters hervorrufen. Duchamp stellte folgende Überlegungen an: „The question of shop windows To undergo the interrogation of shop windows The exigency of the shop window The shop window proof of the existence of the outside world“21 Für Kiesler hatte das Fenster die Aufgabe das Produkt bestmöglich zu präsentieren. Das Fenster war dabei ein nützliches Medium für den Prozess des Verkaufs. Das Ziel ist es den Passanten zum Verweilen bzw. Anhalten zu bringen, ihn zum genaueren Hinschauen zu bewegen und schlussendlich eine Art Glücksgefühl oder Freude in ihm zu wecken, dass er das Produkt erwirbt.

20

Friedrich Kiesler, Contemporary Art applied to the Store and its Display, p. 82, Ibid. 21

Marcel Duchamp, Michel Sanouillet, Elmer Peterson (Hrsg.), The Writings of Marcel Duchamp, März 1989, S. 74


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Für Duchamp war das Gegenteil der Fall. Für ihn war das Leiden der Auslöser für den Kauf eines Produkts. „Der Kauf erfolgt als Strafe des Leidens“. Das Leiden war im Vordergrund, da ihm das Betrachten wichtiger schien als der Kauf selbst. Das Leiden stand an erster Stelle – nicht die Befriedigung. Das Glas kann in der Verbindung zwischen Kiesler und Duchamp als Metapher für ihre Vorstellung über Raum und Zeit verstanden werden. Friedrich Kiesler beschrieb Glas als ein Element das gleichzeitig Oberfläche und Raum ist, ein Element das gleichzeitig teilt und verbindet. Duchamp war vor allem an den reflektierenden Eigenschaften des Glases interessiert. Er beobachtete, dass auf einer reflektierenden 2-dimensionalen Oberfläche eine 3-dimensionale Umgebung dargestellt wird. Diesen Gedanken führte er weiter und glaubte auf einer 3-dimensionalen Umgebung die vierte Dimension darzustellen können. Friedrich Kiesler sah im ‚Großen Glas‘ einen Versuch darin, für ihn war ‚Das Große Glas‘ die erste Röntgenzeichnung von Raum. „Architecture is control of space. An Easel-painting is illusion of Space-Reality. Duchamp’s Glass is the first x-ray painting of space.“22 „To create such an X-ray painting of space, materiae [sic] and psychic, one needs as a lens (a) oneself, well focused and dusted off, (b) the subconscious as camera obscura, (c) a super-consciousness as sensi tizer, and (d) the clash of this trinity to illuminate the scene.“23 Friedrich Kiesler entwickelte analog zu diesen Gedanken seine ‚Vision Machine‘. Er beschrieb es als audiovisuelles Demonstrationsobjekt, das die kreativen Fähigkeiten des Menschen im Zuge des Sehprozesses zeigt.

8 Studie für die Vision Machine (Friedrich Kiesler, Inside the endless house, Dieter Bogner, Wien 1997)

22 F.Kiesler, „Design Correlation“, Ibid., S. 53,54 23

F.Kiesler, „Design Correlation“, Ibid.


109 Kiesler’s Verbindungen zwischen Architektur, Malerei, und dem Konzept von ‘Space Reality’ suggerieren, dass er, wie viele andere Künstler zu dieser Zeit, ein Verständnis für höhere Dimensionen hatte. Kiesler’s Beschäftigung mit Kunst Architektur beruht auf einer intensiven Auseinandersetzung mit psychologischen und physischen Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung sowie der Beziehung zwischen Auge, Objekt und Gehirn. Zu diesen Gedanken entwickelte er die ‚Vision Machine’. „Through this demonstration we learn that neither light, nor eye, nor brain, alone or in association, can see. But rather, we see only through the total coordination of human experiences; and even then, it is our own conceived image, and not really the actual object which we perceive. We learn, therefore, that we see by creative ability and not by mechanical reproduction. The transformation of light impulse reflected from the real object through man’s physiology creates an image, which hides the original object. All parts of this object, built from transparent synthetic and other materials, are connected mechanically, except the object, which remains a separate unit. From the beginning to the end, a talking apparatus gives asynchronized explanation with the unfolding of the process in demonstration.“24 Die ‚Vision Machine’ demonstriert den Bewegungsfluss des menschlichen Blickes. Sie bildet den Ursprung und Bewegungsfluss visionärer Bilder ab. Alle Teile dieser Maschine sind miteinander mechanisch verbunden, mit Ausnahme des Objekts, das eine getrennte Einheit bildet. Von Anfang bis Ende liefert ein Sprechapparat eine mit der Vorführung synchronisierte Erklärung.25 Kiesler’s Analysen über psychologische und physische Bedingungen des Beobachters beim Betrachten von Kunst, wie auch die der Künstler, die sie erschaffen, haben Parallelen zu Duchamps Ansichten über den Beobachter. „Exhibition design is not limited to building the technical aspects for the presentation of art works; it involves the creation of a ’new world’, one in which by the correlation of all its elements-environment, art works, and spectator-each attains equal value.”26

24

Friedrich Kiesler, „Vision Machine”, in: Calum Storrie,The Delirious Museum: A Journey from the Louvre to Las Vegas, I.B.Tauris, 2007, S.60 25

Dieter Bogner, Friedrich Kiesler 1890 -1965: Inside The Endless House, Böhlau, Wien,1997, S.61 26 Friedrich Kiesler, Correalism. BioTechnique. A New Approach to Design, Typoskript, Archiv Friedrich Kiesler, 1938


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Forschungsergebnisse von Heisenberg und Bohr in den 30er Jahren besagten, dass der Beobachter, der Vorgang der Beobachtung und das beobachtete Objekt untrennbar miteinander verknüpft sind. Daraus folgt, dass alles was existiert, nur deshalb in die Form der Erscheinung tritt, weil es jemanden gibt, der untrennbar mit der Welt der Erscheinungsformen verbunden ist, sie beobachtet und wahrnimmt.27 Das holistische Weltbild baut auf diesen Theorien der Quantenphysik auf und stellt fest, dass Beobachter und beobachtetes Objekt eins sind. Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt ist eine Illusion.28 Werner Heisenberg fand in seiner Unschärferelation heraus, dass Messergebnisse eines Experimentes in direktem Zusammenhang mit der Absicht des Beobachters stehen. Niels Bohr, Werner Heisenberg, Max Planck und Einstein kamen zu folgenden Aussagen: „Es gibt keine Wirklichkeit ohne Beobachtung“ „Beobachtung erschafft Wirklichkeit“ Autonome Abläufe in den atomaren und subatomaren Welten werden durch die bloße Gegenwart des Beobachters beeinflusst - respektive durch den Akt des Beobachtens. „Der Beobachter und das Beobachtete sind eine unteilbare Einheit.”29 David Bohm definierte das Universum als holistisches System, in dem es eine implizite Ordnung gibt. Alles ist mit Allem verbunden, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit existieren gleichzeitig. Es gibt nur ein ewiges Jetzt und alle Möglichkeiten sind dort eingefaltet enthalten. Am Bild des Hologramms verdeutlicht er die Funktionsweise seines holistischen Weltbildes. Der Psychologe Keith Floyd macht darauf aufmerksam, „...dass wenn die Konkretheit der Realität nur eine holographische Illusion ist, es nicht länger wahr sein kann, dass das Gehirn Bewusstsein produziert. Vielmehr ist es das Bewusstsein, welches die Erscheinungen des Gehirns ebenso wie die Erscheinungen jedes Körpers und aller Dinge um uns herum, die wir als physikalische Wirklichkeit interpretieren, erzeugt.“30 27

Die naturwissenschaftliche Grundlage des Holistischen Weltbildes ist die Quantenphysik. Im buddhistischen Holismus existieren Gegenstände und Lebewesen nicht isoliert für sich, sondern alles ist mit Allem verbunden und selbst in jedem anderen Teil enthalten. Alles ist gegenseitig durchdrungen. Alles in Einem Eines in Allem.31

Manfred Hauck, Das Holistische Weltbild, Holistic Research Institut, Veltheim am Fallstein, 2005, S.15

28

Ibid., S.18

29

Ibid., S.19

30

Ibid., S.21

31

Aus: Avatamsaka-Sutra, auf, http://de.wikipedia.org/ wiki/Avatamsaka-Sutra


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In der Kunst sowie in der Wissenschaft spielte die Perspektive immer eine große Rolle, da sie meist mit dem gängigen Weltbild in Verbindung stehen. Sie bedingen sich einander gegenseitig, so kann ein Prozess oder ein Gegenstand erst von einem Wissenschaftler entwickelt werden nachdem er von einem Künstler in einem kreativen Prozess erdacht wurde. Kiesler’s Definition von Correalismus, die ’Vision Machine’, sowie sein Konzept von der Rolle des Beobachters, weisen sehr große Ähnlichkeiten mit dem Konzept des holistischen Weltbildes auf. In seinem Werk Design Correlation analysiert Kiesler ausführlich die Abbildung von Wirklichkeit und ihre gesamte historische Geschichte, angefangen bei Aristoteles bis hin zu den Röntgenstrahlen. Er studierte die gesamte Entwicklung der Fotografie und ihre Auswirkung auf die Gesellschaft. Die Holografie wurde 1947/48 entwickelt und ist die logische Fortsetzung von der Abbildung der Realität. Die Perspektive und Projektion spielen dabei eine zentrale Rolle. Die ’Vision Machine’ könnte man als einen Vorgang betrachten, indem der ’Beobachter’ ein holistische Weltbild wahrnimmt in dem Alles mit Allem correliert. Kiesler beschrieb Correlation als ein Verhältnis, das nicht notwendigerweise auf Nähe oder Ähnlichkeit basiert, jedoch auf Energie oder Lebenskraft innerhalb einer Form, die sie auf irgendeine sympathische Art mit der Energie oder der Lebenskraft innerhalb aller Dinge teilt. Diese Einheit mit dem Ganzen nannte er Correlation.

„Die Wirklichkeit besteht nicht in den Begrenzungen eines Körpers an sich, sondern in der Kraft zu harmonischem Zusammenwirken. Die Wirklichkeit liegt also nicht in einem Objekt, sei es nun natürlich entstanden oder vom Menschen geschaffen, sondern im Correalismus. Correalismus ist die eigentliche, das Leben vorantreibende Kraft. Correalismus ist die Kraft des inneren Zusammenhangs. Er ist der innere Zusammenhang. Correalismus ist jener Begriff, der mir am geeignetsten erscheint, die Verdichtung der Dynamik des inneren Zusammenhangs zu bezeichnen.“32 Max Planck machte zu dieser Zeit folgende Aussage: „Es gibt keine Materie an sich. Alle Materie entsteht und besteht nur durch eine Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung versetzt und sie zum winzigen Sonnensystem des Atoms zusammenhält. Da es aber im ganzen Weltall weder eine intelligente noch eine ewige Kraft an sich gibt, müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten, intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Ursprung aller Materie.“ 33

32

Friedrich Kiesler, Correalism. BioTechnique. A New Approach to Design, Typoskript, Archiv Friedrich Kiesler, 1938 auf, http:// www.kiesler.org/cms/index. php?idcat=18

33 Max Planck, „Materie”, auf http://wiki.anthroposophie.net/Materie


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Die Kritik an Kieslers Arbeit der Nicht-Wissenschaftlichkeit seiner Aussagen und Schlussfolgerungen könnte durch die Erkenntnisse in der Quantenphysik widerlegt werden. Ist die Kunst die eigentliche Wissenschaft, die ‚Neues’ kreiert und die Wissenschaft eine Disziplin um sie ‚Abzubilden’, sie zu beweisen, ‚sie abzuhandeln’? Wissenschaft und Kunst beeinflussen und :prüfen’ sich gegenseitig. Kieslers Theorien waren trotz seiner wissenschaftlichen Unhaltbarkeit auch nach seinem Tod aktuell, seine Ansichten über den Zusammenhang von Wechselbeziehungen in dynamischen Systemen finden nun, wie er es postulierte, Einzug in die Gesellschaft. Disziplinen benötigen sich gegenseitig, um sich beweisen zu können. Um ein System beweisen zu können, benötigt man in der Regel das ’Gegenteil’ bzw. eine Differenzierung. D.h. um den Begriff ‚hell’ zu verstehen, benötigt es die Differenzierung ‚weniger hell bis dunkel‘. Die Bildende Kunst, in Bezug auf Architektur als ‚Mutter der Künste’, hat als eine der wenigen Disziplinen die Möglichkeit sich selbst zu beweisen, da in ihr Kunst und Technik vereint sind. Kieslers Theorien könnten sich jetzt bestätigen, er führte Gedanken aus der Wissenschaft auf einer künstlerischen Ebene fort, wurde aber auf Grund der ‚Nicht-Wissenschaftlichkeit’ seiner Arbeit zu seinen Lebzeiten nicht ernst genommen. Dieses Beispiel zeigt, dass Architektur eine wissenschaftliche Disziplin, sowohl im technischen wie auch künstlerischen Bereich, sein kann. Kiesler hat sich Zeit seines Lebens damit beschäftigt, Kunst und Wissenschaft sowohl zu vereinen, als auch einer breiten Masse zu vermitteln. In jedem Kunstwerk gibt es eine Hypertext, eine Information die für den Betrachter nicht direkt sichtbar ist. Kieslers Hypertext kann nun durch Werkzeuge, die die Wissenschaft entwickelt, gelesen werden. Der Hypertext ist die wahre Information eines Kunstwerkes und damit auch der Grund warum Kiesler so lange aktuell blieb. Dieser Hypertext ist der Zusammenhalt der Dinge, die Benennung Ihrer und somit werden sie ’real’. „Am Anfang war das Wort.“34

34

Neues Testament, Johannes 1,1ff


113 OUT OF THE WILD

Christopher Alexander

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa


114 OUT OF THE WILD

Vo m A r c h e t y p z u m g e n e r a tiven Prozess

Otto Neurath Friedrich Kiesler

b y Andreas Damhofer & Kerstin Te u b n e r

Christopher Alexander, am 4. Oktober 1936 in Wien geboren, ist ein USamerikanischer Architekt, Philosoph, System- und Architekturtheoretiker, aufgewachsen in Oxford und Chichester, England. Auf Wunsch seiner Eltern, beide von Beruf Archäologen, studierte er zuerst an der renommierten University of Cambridge, England, Mathematik und begann später das Studium der Architektur, welches er an der Harvard University, USA, mit einem Doktortitel beendete. Im Jahre 1963 wurde er Professor für Architektur an der University of California, Berkeley, wo er bis heute seinen Wohnsitz hat. In Alexanders publizierten Werken finden sich kaum Hinweise darauf, von welchen Strömungen, Schriften oder Ansichten er seine Einflüsse bezieht. Die Ausnahme bildet seine Doktorarbeit Notes on the Synthesis of Form. Diese enthält Quellenangaben im Anhang, wie es eine wissenschaftliche Arbeit erfordert, jedoch verzichten seine späteren Veröffentlichungen völlig auf jegliche Verweise. Hinweise lassen sich aus den Erklärungen seiner Philosophie, sowie aus Interviews der vergangenen Jahre entnehmen. So kann man ihn beispielsweise zwar nicht als einen Vertreter, aber zumindest in der Nähe der Theorien des Strukturalismus, sehen. Alexander selbst scheint diese Verbindung abzulehnen. In einem Interview mit Peter Eisenman von 1984 entstand eine interessante Konversation zu diesem Thema: „Peter Eisenman: Glaubst du nicht, daß die Aktivitäten der ’ französischen Strukturalisten den Versuch darstellen, ein Ordnungssystem der Dinge im Gegensatz zu einem Ordnungssystem der Mechanismen herauszufinden, ... Sprichst du nicht von etwas Ähnliches?‘ Christopher Alexander: Ich weiß nicht, welche Leute du meinst.‘ ’ Peter Eisenman: Ich meine Roland Barthes, Michel Foucault, Jacques ’ Derrida.‘ Christopher Alexander: Was sagen sie?‘ ’ Peter Eisenman: Sie sagen, daß es Strukturen im Inneren der Dinge ’ gibt und daß wir über die bloße Funktion einer Symphonie oder einer

Christopher Alexander Manuel de Landa


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literarischen Schrift hinausgehen müssen, um diese eingeschriebenen Strukturen, das Ordnungssystem dieser Dinge, erkennen zu können....‘ Christopher Alexander: Ich weiß nicht, auf was du hinaus willst. ’ Was jene Postmodernen und Strukturalisten sagen, ist absolut nicht das, was ich in meiner gestrigen Vorlesung gesagt habe...‘ “1 Im weiteren Verlauf des Gespräches bringt er die drei französischen Philosophen mit der Postmoderne in Verbindung und spricht dabei von „ihren Bauten“, als handelte es sich um Architekten. Möglicherweise resultiert seine Ablehnung aus einer Unkenntnis über die strukturalistische Strömung heraus, denn mit den Einflüssen des Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky auf Alexander, werden wir im weiteren Verlauf des Textes eine eindeutige Verbindung zum Strukturalismus herstellen. Die genauen Gründe seiner Aussagen und sein Verhältnis zum Strukturalismus sollen aber nicht Thema dieses Textes sein, vielmehr werden wir Chomskys Arbeit als Vergleich heranziehen, um die zwei ersten wichtigen Arbeiten Alexanders, Notes on the Synthesis of Form und A Pattern Language, zu hinterleuchten.

K u r z e E i n f ührung in seine Hauptwerke Christopher Alexanders Doktorarbeit in Architektur von 1964, sein zweites veröffentlichtes Buch, Notes on the Synthesis of Form, ist eine theoretische und nüchterne Analyse des Designprozesses. In einer rationellen Herangehensweise stellt er fest, dass sich Design aus den beiden Teilen „Form“ und „Kontext“ zusammensetzt, wobei der Kontext das Problem definiert und die Form die Lösung darstellt. Zur Veranschaulichung formuliert er das Beispiel eines Schachspiels, bei dem ein bestimmter Zug nur dann angebracht ist, wenn er in den Kontext der anderen Züge passt. Wie aus einer Fußnote hervorgeht, übernimmt er dieses Schach Beispiel aus Ludwig Wittgensteins Philosophical Investigations von 1953. Wittgensteins Einfluss wird auch an anderen Stellen Alexanders Arbeit sichtbar. Desweiteren hinterleuchtet er die Unterschiede des Formbildungsprozesses in unserer Kultur zu traditionellen Kulturen. Traditionelle, oder „unselfconscious cultures“ wie er sie nennt, werden dadurch charakterisiert, dass die Besitzer, beispielsweise einer Hütte oder eines Hauses, gleichzeitig die Erbauer sind, was ihnen die Möglichkeit gibt Fehler sofort und selbst zu verbessern. Die Tradition verbietet ihnen jedoch nicht notwendige Veränderungen durchzuführen. Den Ablauf des Formbildungsprozesses solcher Kulturen bezeichnet Alexander als selbstjustierendes Muster, das für ihn die Idealform darstellt. Im Gegensatz dazu wird in unserer Kultur, als „selfconscious culture“ bezeichnet, der Design-Prozess von einer einzelnen

1

Peter Eisenman im Gespräch mit Christopher Alexander, in Arch+Nr.73, März 1984, S.70, aus dem Amerikanischen von Michael Peterek


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Person übernommen, die einer Vielzahl von komplexen, sich gegenseitig beeinflussenden Problemen gegenübersteht. Zur Lösung schlägt er eine Zerlegung des Designproblems in möglichst unabhängige Teilprobleme vor, welche mit Hilfe des Computers erreicht werden soll.2 Von diesem Dekompositionsprozess distanziert sich Alexander jedoch kurze Zeit später selbst, wie aus dem Vorwort einer Neuauflage des Buchs von 1971 hervorgeht. Es scheint als hätte sich Alexander mit Notes on the Synthesis of Form langsam an die Grundlagen seiner folgenden Theorien herangetastet. Am Ende des Dekompositionsprozesses stellt er die Lösungen in Form von abstrakten Diagrammen dar, die von ihm selbst, im Buch noch eher eine Nebenrolle einnehmend, später als die wichtigste Idee bezeichnet werden. Sein bekanntestes Werk, A Pattern Language, 1977 erschienen, kann als Weiterentwicklung dieser Idee gesehen werden, jedoch stellt diese Lösung keine Reaktion auf die aktuellen Bedingungen und Bedürfnisse dar, sondern arbeitet mit archetypischen Gestaltungsmustern. 253 solcher Muster, die er „pattern“ nennt, werden beschrieben und erklärt. Der Begriff „archetypisch“ ist in diesem Zusammenhang folgendermaßen zu verstehen: „Viele unserer Muster sind archetypisch - so profund, so tief in der Natur der Dinge verwurzelt, dass sie wahrscheinlich in fünfhundert Jahren ebenso Teil der menschlichen Natur und des menschlichen Handelns sein werden, wie sie es heute sind.“3 Jeder „pattern“ beschreibt die Lösung zu einem in der Architektur typisch auftretenden Problem. Fotografien und diagrammatische Darstellungen veranschaulichen die Lösungsvorschläge zusätzlich. Vom Großen ins Kleine geordnet, sollen sie jedem Menschen ermöglichen, Architektur zu schaffen und aktiv an der Gestaltung der gebauten Umwelt teilzunehmen. Alexander selbst gibt seinen Mustern verschiedene Gültigkeitsgrade und verweist im Vorwort auf die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung. Trotzdem erzeugt die Art seiner Formulierungen den Anspruch an Allgemeingültigkeit, was beim Leser schnell zu Ablehnung und dem Bedürfnis zu widersprechen führen kann. A Pattern Language bildet nur einen Teil seines Gesamtwerkes und stellt den praktischen Teil davon dar. Die Ursprünge und Theorien dieser „Mustersprache“ finden sich in dem 1979 publizierten Buch The Timeless Way of Building. Alexander und seine Mitautoren sprechen hier von einem unteilbaren Ganzen und der Notwendigkeit, beide Bücher zu lesen, um das Konzept der Pattern-Entwurfsmethode vollständig zu erfassen. Um die grundlegenden Ideen und Ansätze Christopher Alexanders, die zu den einzelnen „patterns“ seiner „Mustersprache“ führen, besser zu verstehen, sind weitere Feststellungen notwendig. Ein Gebäude oder eine Stadt scheinen bei oberflächlicher Betrachtung aus

2

Christopher Alexander, Notes on the Synthesis of Form, Cambridge, Massachusetts, London, England, Harvard University Press, 1964

3

Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein, Max Jacobson, Ingrid F. King, Shlomo Angel, Eine MusterSprache, A Pattern Language, Städte, Gebäude, Konstruktion (1977), Löcker Verlag GesmbH, Wien, 1995, S.XVIII, aus dem Amerikanischen von Hermann Czech, Adam Kovacsics, Susanne Spreizer


einzelnen Elementen zu bestehen. Viel wichtiger für ihn ist jedoch die Feststellung, dass ein Gebäude vor allem durch die Beziehung der Elemente zueinander bestimmt wird, und weiters die Elemente ohne diese Beziehungen eigentlich gar nicht existieren. Seine „patterns“ bezeichnet er kryptisch, als Lösung, für „ein Kräftesystem in der Welt.“ Anhand eines einfachen Beispiels läßt sich die Bedeutung Alexanders Aussage leichter erklären. Beim Betreten eines Raumes fühlen sich die Nutzer vom Licht angezogen und verspüren nach einer gewissen Zeit das Bedürfnis sich zu setzen. Die logische Konsequenz aus diesem Zusammenwirken der Kräfte ist der „pattern“ Nummer 180 „Platz am Fenster“. Wenn eine Stadt oder ein Gebäude aus lebendigen „patterns“ aufgebaut ist, entsteht durch ihre Kombination und Interaktion an verschiedenen Orten verschiedene Konfigurationen aufgrund der Tatsache, dass an keinem Ort der Welt die genau gleichen Bedingungen herrschen. Eine „lebendige“ Stadt beziehungsweise ein „lebendiges“ Gebäude besitzt dieselbe Balance von Wiederholung und Variation wie die Natur. Der Begriff „lebendig“, im später folgenden Text genauer erklärt, wird in ähnlichen Zusammenhängen von Alexander sehr oft verwendet.

117

1 Abbildung aus Christopher Alexander, The Timeless Way of Building, Oxford University Press, New York, 1979, S.172/173

Mit der Beschreibung eines natürlichen Organismus setzt er fort. Eine Pflanze setzt sich aus Millionen von Zellen zusammen, von denen jede unterschiedlich ist und sich perfekt an ihre Umgebung anpasst. Kein Konstruktionsprozess könne diese Komplexität jemals erreichen, nur durch einen indirekten Wachstumsprozess kann sich jeder Teil autonom entwickeln und den vorhandenen Bedingungen anpassen.


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Gleiches gilt für eine Stadt. Jeder Garten, Gebäude und so weiter müsse sich unterschiedlich aus einem autonomen Prozess heraus entwickeln, was nur mit Hilfe der Menschen geschehen kann, nur so könne menschliche Variation und menschliches Leben in die Räume einfließen. Allerdings können die einzelnen Teile erst ein zusammenhängendes Ganzes bilden, wenn sie unter einer Regulation stehen, welche garantiert, dass der lokale Adaptionsprozess nicht nur den lokalen Teil an seine inneren Kräfte anpasst, sondern ein großes Ganzes formt.4 Christopher Alexanders A Pattern Language geht also weit darüber hinaus, ein Nachschlagewerk für potentielle Hausbauer zu sein. Bei einer Pflanze ist es der genetische Code, bei einem Gebäude oder Stadt ist es die „pattern language“, die eine Art generativen Prozess auslösen soll.

E i n f l ü s s e d er Sprachwissenschaft und d e s S t r u k t uralismus „A Pattern Language gives each person who uses it the power to create an infinite variety of new and unique buildings, just as his ordinary language gives him the power to create an infinite variety of sentences.“5 Nicht nur im Titel, sondern auch im Vorwort von A Pattern Language finden sich die ersten Beweise für Alexanders Interesse am Thema Sprache im Allgemeinen. Unter der Überschrift „Die Poesie der Sprache“ erläutert er den Einsatz und Gebrauch der „pattern language“, bei dem durch Überlagerung der „patterns“ im physischen Raum eine möglichst hohe Dichte erreicht werden soll. Diesen Schluss zieht Alexander aus dem Vergleich mit einem Gedicht, bei dem die ineinander greifenden und sich überlagernden Bedeutungen der Worte die Tiefe und Dichte ausmachen. In seiner Vorstellung bedeutet das: „Gebäude zu machen, die Gedichte sind.“6 Beim Studium von A Timeless Way of Building werden die Einflüsse der Sprachwissenschaft auf Alexanders Denken und Argumentation augenscheinlich. Explizite Vergleiche mit einer Sprache wie Englisch und seiner „pattern language“ findet man in seinen Beschreibungen der zusammenhängenden Strukturen und Beziehungen der „patterns“ untereinander. Für Alexander besteht eine Sprache aus einem Satz von Elementen oder Symbolen und einem Satz von Regeln, welche die Kombination dieser Elemente bestimmt. Für eine Sprache, im Sinne der verbalen Kommunikation, bedeutet das, dass die Grammatik regelt, wie der Mensch eine Vielzahl von Wörtern

4

Christopher Alexander, The Timeless Way of Building, Oxford University Press, New York, 1979

5 6

Ebd., S.167

Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein, Max Jacobson, Ingrid F. King, Shlomo Angel, Eine MusterSprache, A Pattern Language, Städte, Gebäude, Konstruktion, a.a.O., S.XLV


zusammensetzt, um Sätze zu bilden. Hinzu kommt ein Netzwerk semantischer Verbindungen, welche uns die Beurteilung ermöglichen, ob ein Satz in einer gegebenen Situation Sinn ergibt und uns ebenso dazu befähigt, solche Sätze zu bilden. Äquivalent dazu verhält es sich bei der „pattern language“. Wie die Semantik im Sprachgebrauch beschreiben in seine „patterns“ eingebettete Regeln die Anordnung der „patterns“ zueinander. Dadurch sind wir im Stande, unzählige Konstellationen dieser zu produzieren, welche auf jenen Regeln beruhen. Die natürliche Sprache des Menschen sowie die „pattern language“ sind generativ, so Alexander. Das Regelwerk beider nennt er ein „generatives System“. Diese Bezeichnung ist ein erster Hinweis darauf, welchen Ursprung seine Ideen haben könnten. An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass jede „pattern“-Beschreibung am Ende einen Abschnitt enthält, in dem Alexander im Befehlston auf mögliche Verbindungen und Kombinationen mit anderen „patterns“ hinweist. So heißt es zum Beispiel beim „pattern“ Nummer 180 „Platz am Fenster“: „...halt die Brüstung niedrig – Niedrige Fensterbrüstung (222), bestimm dann die genaue Position der Rahmen, Sprossen und Sitzplätze entsprechend der Aussicht – Eingebaute Sitzbank (202), Türen und Fenster nach Bedarf (221). Und setz die Fenster tief in die Wand hinein, um das Licht an den Kanten zu brechen – Tiefe Laibungen (223)...“7 Dieser Abschnitt ist jedoch sehr kurz gehalten und es bleibt fraglich, ob diese Hinweise dem Anspruch auf ein Regelwerk, das der Semantik im Sprachgebrauch entsprechen möchte, gerecht werden kann. Bei einem, im Sommer 2007 entstandenen Interview wird Christopher Alexander von Rem Koolhaas direkt auf mögliche Einflüsse Noam Chomskys und dessen linguistische Arbeiten angesprochen. Alexander zeigt seine Faszination und Interesse an den Arbeiten Chomskys zur Grammatik und bezeichnet sie als eine „Offenbarung“.8 Beide waren, wie er selbst sagt, zur gleichen Zeit in Cambridge. Noam Chomsky, am 7. Dezember 1928 in Philadelphia geboren, Professor für Linguistik, erarbeite in den fünfziger Jahren seine Theorien über die „Generative Grammatik“, oder „Transformationsgrammatik“ wie sie anfangs bezeichnet wurde. Mitte der sechziger Jahre wurde seine Arbeit populär. Chomskys grundsätzliche Idee beruht auf der Annahme, dass jede Sprache auf einem Regelsystem beruht. Im Ansatz führt er diese Idee auf Humboldts allgemeine Sprachwissenschaft von 1863 zurück, nach der sich mit einer endlichen Anzahl von Wörtern eine unendliche Menge von Sätzen bilden lässt und die Grammatik diesen Prozess beschreiben muss.9 Chomskys Herangehensweise ist von einer Logik und Exaktheit geprägt,

119

7

Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein, Max Jacobson, Ingrid F. King, Shlomo Angel , Eine MusterSprache, A Pattern Language, Städte, Gebäude, Konstruktion, a.a.O., S.905

8

Christopher Alexander im Gespräch mit Rem Koolhaas und Hans Ulbrich Obrist, Sommer 2007 in England, „Regelbasiertes Entwerfen: Pattern, Diagramme, Archetyp, Von fließender Systematik und generativen Prozessen“, in Arch+,Nr. 189, Oktober 2008, S.24, aus dem Englischen Kristina Herresthal

9

Noam Chomsky, Aspekte der Syntax -Theorie (1965), Hrsg.: Hans Blumenberg, Jürgen Habermas, Dieter Henrich, Jacob Taubes , Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main/ Akademie Verlag, Berlin, 1969, S.9, aus dem Amerikanischen von einem Kollektiv unter der Leitung von Ewald Lang


die der eines Mathematikers entsprechen könnte. Seine Grammatik definiert sich als ein System von Regeln, mit dem zulässige, grammatikalisch richtige, jedoch keine unzulässigen Sätze gebildet werden können. Die Elemente der Sprache werden in Klassen unterteilt, um daraus diese Regeln ableiten zu können. Nach Bengt Sigurd, der sich intensiv mit Chomskys „generativen Grammatik“ auseinandergesetzt hat, würde dies für einen einfachen Satz bedeuten: „ (1) Ein Satz (S) besteht aus Subjekt und Prädikat. (2) Ein Prädikat besteht aus Verbalphrase (VP) plus Objekt und eventuell auch Adverb.... (3) Das Objekt besteht aus Nominalphrase (NP) oder Pronomen plus Kasusanzeiger Akkusativ (Akk). (5) Als Pronomen können auftreten er, sie, ich usw. ...“10

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2 Abbildung Phrasenmarker aus Bengt Sigurd, Die generative Grammatik (1967), Fotodruck Präzis B. v. Spangenberg KG, Tübingen, 1970, S.11/13, aus dem Schwedischen von Uwe Peterson, nach Vorlage erstellt von Kerstin Teubner

10

Bengt Sigurd, Die generative Grammatik (1967), a.a.O., S.9

Diese Zusammenhänge werden von Chomsky mit Diagrammen, sogenannte Phrasenmarker, dargestellt, mithilfe derer sich die Struktur eines Satzes visualisieren lässt. Erstmalig finden sich diese Phrasenmarker in einem 1956 veröffentlichten Artikel Three Models For The Discription of Language.11 Diese Darstellungsform spielt weiteres eine wichtige Rolle bei der Veranschaulichung der sogenannten Transformationsregeln. Möchte man einen einfachen Satz wie „Bärbel traf er eben“ in „Ihn traf Bärbel eben“ umformen, benötigt man eine Regel die erlaubt, die Reihenfolge von Subjekt – Verbalphrase – Objekt – Adverb auf Objekt – Verbalphrase – Subjekt – Adverb zu ändern.12

11 Noam Chomsky (1956), Artikel: „Three Models for the Description of Language“, Department of Modern Languages and Research Laboratory of Electronics, Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, Massachusetts, aus dem Internet vom 10.01.2009 http:// www.chomsky.info/articles/195609--.pdf 12 Bengt Sigurd, Die generative Grammatik (1967), a.a.O., S.11,13


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Die Darstellungsform als Baumstruktur gleicht den Diagrammen in Alexanders „Notes on the Synthesis of Form“.

3 Abbildung aus: Christopher Alexander , Notes on the Synthesis of Form, a.a.O., S.94

Alexander stellt damit die Zerlegung eines Problems, in voneinander unabhängige, sogenannte „subsets“ dar. Dieselbe Baumstruktur wird anschließend in umgekehrter Richtung eingesetzt, um von der Einzellösung, die er als skizzenartige Diagramme darstellt, zur Gesamtlösung zu gelangen. Chomsky verwendete diese Diagrammform, um die Transformationsregeln zu veranschaulichen. Die Analogie liegt demnach mehr in der Darstellungsform, als in ihrer Anwendung. Die Zerlegung eines Problems, wie in Alexanders Notes on the Synthesis of Form ausgeführt, beruht, äquivalent zu Chomskys Klassen, auf der Unterteilung in „subsets“. Bei seinem Buch A Pattern Language existiert diese Einteilung in weniger expliziter Form, dennoch besteht eine Hierarchie vom städtebaulichen Maßstab bis hin zur Innenraumgestaltung und zusätzlich eine Klassifizierung nach funktionalen Aspekten. In A Timeless Way of Building verlässt Alexander den Weg der mathematischen Logik, mit derer er die Struktur eines Designproblems in seiner Doktorarbeit analysierte, bestehen bleibt aber sein Interesse an den Strukturen der gebauten Umwelt und ihrer Elemente, die er als ein Geflecht von Beziehungen interpretiert. „..the things which seem like elements dissolve, and leave a fabric of relationships behind, which is the stuff that actually repeats itself, and gives the structure to a building or a town.“13 „The patterns are not just patterns of relationships, but patterns of relationships among other smaller patterns, which themselves have still other patterns hooking them together“14 Interessant ist außerdem seine Abkehr von einer hierarchischen Struktur zu einer netzwerkartigen Verbindung seiner Pattern, basierend auf ihren Querverweisen.15 Diese Meinungsänderung bringt er ebenfalls in einem 1965 veröffentlichten Artikel, mit dem Titel „A city is not a tree“, zum Ausdruck. Ein Jahr nach seiner Doktorarbeit vergleicht er darin Städte, die über Jahrhunderte hinweg entstanden sind mit jenen, die von einem Planer oder Designer entworfen wurden und von ihm als „künstlich“ bezeichnet werden. Dabei kommt er zum Schluss, dass es sich bei der Organisation von „künstlichen“ Städten, wie Levittown oder Chandigarh, immer um eine Baumstruktur handelt.

13

Christopher Alexander, The Timeless Way of Building, a.a.O., S.89 14 15

Ebd., S.91

Vgl. Stefan Tietke, „Regelbasiertes Entwerfen: Hyperpattern Language“, in Arch+,Nr 189, Oktober 2008, S.18, 19


Diese Organisationsstruktur, bei der es zu keinen räumlichen Überlagerungen und Überlappungen der Funktionen kommt, widerspreche aber dem Alltag und dem Leben der Menschen. Die Stadt Cambridge und ihre Universität werden als Beispiel angeführt. Das Universitätsareal kann nicht als geschlossenes System aufgefasst werden, da die verschiedenen Aktivitäten, wie Essen, Trinken, Schlafen, Sport treiben, zu einer Überlagerung von Universitäts-Leben und dem Geschehen in der Stadt führen.16 Eine Stadt dürfe deshalb nie als eine hierarchische Baumstruktur aufgefasst, sondern müsse als komplexe, netzwerkartige Struktur verstanden werden.

Zu Chomskys Arbeit ist ein weiterer Aspekt erwähnenswert. Aufgrund der Feststellung, dass Kinder die Fähigkeit besitzen, jede beliebige Sprache zu erlernen, schließt Chomsky in seinem 1965 zweiten veröffentlichten Buch, Aspects of the Theorie of Syntax, dass es universelle Gesetze innerhalb der Sprache geben muss, sogenannte Sprachuniversalien, die unabhängig von kulturellen Gegensätzen existieren.17 Diese Richtung der universellen Gültigkeit schlägt auch Alexander teilweise mit seiner „pattern language“ ein. „In diesem Sinn ist zumindest ein Teil der hier vorgestellten Sprache der archetypische Kern aller möglichen Mustersprachen...“18 Für die französischen Strukturalisten gewann Chomsky Mitte der sechziger Jahre an Bedeutung, decken sich doch seine universellen Regeln der generativen Grammatik mit dem Bestreben des Strukturalismus nach Universalisierung.19 „Für mich ist Chomsky zutiefst Strukturalist. Er ist ein Erbe Saussures“, sagt der französische Linguist Louis-Jean Calvet über ihn. Ferdinand de Saussure gilt mit seinen Beiträgen zur Sprachwissenschaft als Gründervater des Strukturalismus, auch wenn die Begriffe Struktur und Strukturalismus durch andere eingebürgert wurden. Zur Veranschaulichung seiner Theorie verwendet er den Vergleich mit einem Schachspiel, in dem die Bedeutung der einzelnen Figur von der Stellung der anderen auf dem Spielfeld abhängig ist. Die Bewegung einer hat Auswirkungen auf Spielfiguren, die scheinbar außer Betracht gelassen wurden und bewirkt Änderungen des gesamten Systems.21 Saussures Position in der Linguistik besteht darin, die Bedeutung eines Wortes aus seinem Kontext und somit aus der Struktur der Sprache abzuleiten. Die Tatsache, dass unterschiedliche 20

122

4 Abbildung links: Ausschnitt einer Baumstruktur vom Entwicklungsplan der Stadt Waterloo, Abbildung rechts: netzwerkartige Organisationsstruktur der Stadt Cambridge, aus Artikel: Christopher Alexander, „A city is not a tree“ (1965), aus dem Internet vom 25.1.2009 http://www.patternlanguage.com/leveltwo/ archivesframe.htm?/ leveltwo/../archives/ alexander1.htm

16

Christopher Alexander, „A city is not a tree“ (1965), a.a.O. 17

Francois Dosse, Geschichte des Strukturalismus, Band 2, Die Zeichen der Zeit 1967 - 1991 (1991), Junius Verlag GmbH, Hamburg, 1997, S.18, aus dem Französischen von Stefan Barmann 18

Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein, Max Jacobson, Ingrid F. King, Shlomo Angel, Eine MusterSprache, A Pattern Language, Städte, Gebäude, Konstruktion (1977), a.a.O., S. XVIII 19

Francois Dosse, Geschichte des Strukturalismus, Band 2, Die Zeichen der Zeit 1967 - 1991 (1991), a.a.O., S.18 20 21

Ebd., S. 20

Vgl. Ferdinand de Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft (1916), Hrsg.: Charles Bally, Albert Sechehaye, Albert Riedlinger, Nachwort: Peter Ernst, 3.Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin, New York, 2001, S.105, aus dem Französischen von Herman Lommel


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Sprachen verschiedene Begriffe verwenden, um ein und denselben Referenten auszudrücken, beispielsweise die Wörter „Blume“ im Deutschen und „flower“ im Englischen, unterstreicht seine Ansicht, dass erst im Kontext eines Satzes das grundsätzlich bedeutungslose einzelne Wort seine Bedeutung erfährt. Die Beziehungen der Worte zueinander stabilisieren deren Bedeutung.

A u f d e r S u che nach der Qualität ohne Namen Christopher Alexander ist der Überzeugung, dass eine objektive und präzise Qualität existiert, die es ermöglicht, ein gutes von einem schlechten Gebäude zu unterscheiden. Sie kann jedoch nicht benannt werden beziehungsweise es gibt in unserem Sprachgebrauch keinen geeigneten Begriff dafür, weshalb sie in unserem Denken nicht existiert. Als Inspiration könnte Alexander Ludwig Wittgenstein gedient haben, für den die Grenzen unserer Welt durch die Grenzen unserer Sprache bestimmt werden.22 Alexander schreibt weiters, dass diese „quality without a name“ in jedem Gebäude, in jeder Stadt oder in jedem Lebewesen zu finden ist. Worte wie „whole“, „comfortable“, „free“ oder „egoless“ verwendet er selbst beim Versuch einer Umschreibung, stellt aber gleichzeitig fest, dass jedes dieser Worte auch Bedeutungen beinhaltet, die zu einer missverständlichen Auffassung seiner Beschreibung führen können. Um diese Qualität besser zu erfassen, stellt er fest, dass sie in jedem von uns zu finden ist und erst in uns selbst verstanden werden muss. „Im Einklang mit seinen inneren Kräften zu stehen“, „man selbst zu sein“, „sich nicht von äußeren Ideen und Vorstellungen leiten zu lassen“, sind seine Beschreibungen in diesem Zusammenhang. Diese Gedanken fasst er mit dem Begriff „alive“ zusammen, den er im weiteren Verlauf seiner Arbeit in Bezug auf Gebäude, Stadt oder seine Patterns verwendet. Christopher Alexander gibt dem Begriff „Lebendigkeit“ eine neue Bedeutung, die nichts mit der herkömmlichen Auffassung, nur Menschen, Tiere und Pflanzen könnten lebendig sein, zu tun hat. Lebendigkeit beschreibt für ihn einen Zustand innerer Harmonie.23 „The quality without a name is circular: it exists in us, when it exists in our buildings; and it only exists in our buildings when we have it in ourselves. To understand this clearly, we must first recognize that what a town or building is, is governed, above all, by what is happening there.”24

22 Detlef Horster, Richard Rorty zur Einführung, 1. Auflage, Junius Verlag GmbH, Hamburg, September 1991, S. 85 23

Christopher Alexander, The Timeless Way of Building, Oxford University Press, New York, 1979 24

Ebd., S. 62


Die Beziehung des Menschen zu seiner gebauten Umwelt bekommt hiermit substanzielle Bedeutung. Alexander sieht einen Zusammenhang oder sogar eine Abhängigkeit des Menschen von den Gebäuden, die ihn umgeben. Das Leben und die Seele eines jeden Ortes werden für ihn wesentlich durch die Ereignisse, die dort geschehen bestimmt, und nicht nur durch die physische Umgebung. Diese „pattern of events“ wie er sie nennt, können sowohl menschliche als auch Natur-Ereignisse darstellen. Wichtig für ihn ist die Fest-stellung, dass der Raum die Ereignisse nicht auslöst oder erzeugt. Trotzdem besteht für Alexander diese Verbindung. „ ...the patterns of events are linked, somehow to space.“25 Am Beispiel eines Gehsteigs wird dieser Sachverhalt weiter verdeutlicht. Ein Gehsteig in New York diene ausschließlich der Fortbewegung, einer in Jamaika oder Indien wird auch zum Sitzen, Reden oder Musizieren verwendet. Diese Tatsache zeigt, dass das Verhalten nicht nur von der physischen Präsenz des Gehsteiges abhängt, sondern dem kulturellen Kontext. Für Alexander stellen somit der Gehsteig in New York und der in Jamaica, jeweils einen eigenen „pattern“ dar, welcher sich jeweils aus physischem Raum und dem Ereignis dort zusammensetzt. Damit knüpft Alexander an Wittgensteins „Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur“ an, der, wie auch andere amerikanische Sprachphilosophen, der Meinung ist, „dass wir nicht frei entscheiden können, welches Sprachspiel wir spielen... Wir sind in unsere Kultur unentrinnbar eingebunden...“26 Wittgenstein selbst schreibt dazu: „It is, however, important as regards this observation that one human being can be a complete enigma to another. We learn this when we come into a strange country with entirely strange traditions; and, what is more, even given a mastery of the country´s language. We do not understand the people.“27 Ludwig Wittgenstein, der in Wien geborene Philosoph und wichtige Vertreter der analytischen Philosophie war von 1939-1947 Professor an der Universität von Cambridge, 7 Jahre später begann dort Christopher Alexander sein Studium der Mathematik. Der Zusammenhang zwischen Alexanders „patterns“ und dem kulturellen Kontext scheint im Widerspruch zu seinen Aussagen über die universelle Gültigkeit jener „patterns“ zu stehen, die er als „archetypisch“ betrachtet. Der Begriff „Archetyp“ geht auf den Schweizer Mediziner und Psychologen Carl Gustav Jung zurück. Ob sich Alexander mit dieser Bezeichnung direkt auf Jung bezieht, ist nicht eindeutig feststellbar. Im Gespräch mit Peter Eisenman findet sich jedoch zumindest ein Hinweis für diese Verbindung.

124

25 Christopher Alexander, The Timeless Way of Building, a.a.O., S.82 26 Detlef Horster, Richard Rorty zur Einführung, a.a.O., S.12 27 Ludwig Wittgenstein, Philosophical Investigations (1953), Basil Blackwell Ltd.,1958, S. 225


125

„Peter Eisenman: In der Jung’schen Kosmologie magst du ein füh’ lender Typ sein und ich ein denkender Typ...‘ Christopher Alexander: ...Ich kenne die Jung’schen ’ Klassifikationen...‘ “28 Carl Gustav Jung (1875 – 1961), Begründer der analytischen Psychologie, beschäftigte sich zusammen mit seinen Mitarbeitern, mit Menschen und ihren Träumen in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen. Sie verglichen Träume miteinander und entdeckten Beschreibungen von bildhaften Darstellungen aus fremdem Kulturen, die jenen, mit denen die jeweilige Person niemals Kontakt hatte, stark ähnelten. Bestimmte Bilder, Motive, Symbole und Vorstellungen wiederholten sich immer wieder und er bezeichnete diese „universale, identische Strukturen der Psyche“ als das kollektive Unbewusste. Jene Gemeinsamkeiten nannte Jung später Archetypen.29 Sie sind für ihn „in gewissem Sinne die Niederschläge aller Erfahrungen der Ahnenreihe, aber nicht diese Erfahrung selbst“30, eine angeborene, neuropsychologische Struktur, welche „in allen Menschen bei gegebenen Anlass, ähnliche Gedanken, Bilder, Gefühle, Ideen und Mythen, unabhängig von Klasse, Religion, Rasse, geographischer Lage und geschichtlicher Epoche auslöst.“31Die Archetypen-Theorie wurde von vielen Disziplinen, wie beispielsweise der Verhaltensforschung, übernommen, ohne sich direkt auf Jung zu beziehen. Dazu zählt auch Noam Chomsky, dessen Regelwerk der Grammatik deren Grundformen beschreibt, die universal sind und für jede Grammatik Gültigkeit besitzen. Im Unterschied zu Chomsky bezieht Alexander den Begriff des Archetypus auf ein Element seiner „pattern language“. Erster schreibt nicht den einzelnen Wörtern einer Sprache, sondern dem System an Regeln, welches innerhalb jeder Sprache existiert, universelle Gültigkeit zu. Das einzelne Wort ist durch die Struktur des Satzes mit den anderen Wörtern verbunden. Die Veränderung eines Wortes hat Auswirkung auf die Bedeutung des ganzen Satzes, möglicherweise wird der Satz dadurch auch völlig unverständlich. Wichtig ist, dass für Chomsky das Streben nach Universalisierung und die gleichzeitige Betonung der Abhängigkeit vom Kontext zu keinem Widerspruch führt. Bei Christopher Alexander bleibt dieser Konflikt in seiner Argumentation bestehen. Eine allgemeingültige Lösung, wie in Notes on the Synthesis of Form präsentiert, die auch über kulturelle Grenzen hinweg funktionieren könnte, gibt er auf, in dem Bestreben, den Menschen mit seiner „pattern language“ ein Werkzeug in die Hand zu geben mit dem sie die Umwelt selbst gestalten können. Er scheitert an dem Spagat, zwischen Allgemeingültigkeit und dem Eingehen auf kulturelle Unterschiede. Mit

28

Peter Eisenman im Gespräch mit Christopher Alexander, a.a.O., S.70 29

Anthony Stevens, Jung, Originalausgabe, Verlag Herder, Freiburg in Breisgau, S. 49, aus dem Englischen von Johanna Ohnesorg 30

Ebd., S. 53

31

Ebd., S. 50


dem Ziel eine Lösung zu präsentieren die überall auf der Welt funktioniert, hat er seiner „pattern language“ die Glaubwürdigkeit genommen und damit auch jedem nachvollziehbaren Ansatz der dahinter steckt.

126


127 OUT OF THE WILD

Patterngebäude

Otto Neurath

C h r i s t o p h e r Alexanders Mustersprache, n u r e i n B a uhandbuch?

Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa

v on Lea Spindler, Birgit Ströbitzer

Christopher Alexander ist Architekturtheoretiker, aber auch Architekt. Mit seinem Büro Center for Environmental Structure1 in Berkley verwirklichte er seit 1967 verschiedenste Bauwerke. Bekanntere Bauten, mit denen er versucht, seine Theorien in die Wirklichkeit umzusetzen, sind zum Beispiel: Das Linz Café, Das Siedlungsprojekt in Mexicali oder Der Eishin Higashino Highschool Campus in Japan. In seinem 1977 erschienenen Buch A Pattern Language2 (Eine Mustersprache), das mit The Timeless Way of Building3 (Der Zeitlose Weg des Bauens, 1979) eine untrennbare Einheit bildet, schlägt Alexander einen neuen Ansatz für das Planen „guter Architektur“ vor. In dem Buch Moderne Architektur - Fundamente, Funktionen, Formen antwortet Alexander auf die Frage: Wie muß der Architekt arbeiten, der schönere und harmonischere Wohnungen bauen will? “… Die zweckmäßigsten und auch sozialsten Gebäude, die gebaut worden sind, sind meiner Meinung nach unter der Kontrolle der Bewohner entstanden, diese Kontrolle war detailliert und genau. (...) Wenn Bewohner so selbst bestimmen und erkennen, wo alles hingehört und hingehören muß, dann spreche ich vom direkten Interesse, das heißt natürlich nicht, daß alle Architekturarbeiten von den Bewohnern ausgeführt werden können.” 4 Laut Alexander benötigt man, um gute Architektur schaffen zu können, eine Sprache, die im Laufe der Zeit verloren gegangen ist. Menschen waren von jeher in der Lage, ihre eigenen Gebäude zu gestalten. Und laut Alexander taten sie das, indem sie Sprachen gebrauchten. Diese nennt Alexander Mustersprachen. Nur Gebäude, die durch diese Mustersprachen entstehen, können “lebendig” werden. Die Bücher Eine Mustersprache und The Timeless Way of Building wollen also eine komplette Alternative zu heutigen Ideen in der Architektur werden, und die zur Zeit gültigen modernen Ansätze mit der Zeit ersetzen.5

1

CES Center for Environmental Structure, Berkley, USA, 2701 Shasta Road, Berkeley, CA 94708

2

A Pattern Language, Towns, Buildings, Constructions; Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein, with Max Jacobson, Ingrid FiksdahlKing, Shlomo Angel, 1977, Oxford University Press, New York; Deutsche Übersetzung, 1995, Löcker Verlag, Wien

3

The Timeless Way of Building, Christopher Alexander, 1979, Oxford University Press, keine deutsche Fassung

4

Moderne Architektur Fundamente, Funktionen, Formen, 1978 Sachbuch rororo von José A. Dols und Christopher Alexander als Interviewpartner

5

The Timeless Way of Building, 1979, deutsche Teilübersetzung von Thomas Amos


Patterns Das Buch Eine Mustersprache bildet ein Beispiel, mit dessen Hilfe jeder Anwender/jede Anwenderin seine/ihre eigene Sprache aufbauen kann. Das ergänzende Werk The Timeless Way of Building gibt dabei vor, wie eine Mustersprache in der Praxis angewendet wird, ist also eine Anleitung für den tatsächlichen Bauvorgang. Schon der bestimmte Artikel im Titel des Buches weist darauf hin, dass The Timeless Way of Building genaue Vorgaben macht, Eine Mustersprache ist nur eine von vielen.

128

Mustersprachen bestehen einerseits aus Elementen und andererseits aus Regeln, wie diese Elemente miteinander kombiniert werden sollen. So wie Worte und grammatikalische Regeln eine Sprache bilden. Die Elemente einer solchen Sprache sind die Muster (Patterns). Ein Muster stellt nach Alexander eine Lösung für ein Teilproblem einer Bauaufgabe zur Verfügung. Diese Lösung kann aber millionenfach angewendet werden und trotzdem zu einer unendlichen Variation von Ergebnissen führen. Alle Muster sind anderen Mustern untergeordnet und haben wiederum ihnen untergeordnete Muster. Eine Mustersprache ist also ein komplex vernetztes System, in dem alle Einheiten mehrfach untereinander verbunden sind. 1 Netzwerk der 64 Patterns für den Entwurf Mehrzweckzentrum in San Francisco, Archplus 73

Jedes Muster (im weiteren Pattern genannt) ist in Eine Mustersprache in derselben Form dargestellt. Zunächst beginnt jedes Pattern mit einer Abbildung. Ein Bild eines archetypischen Beispiels, das die Kernaussage eines Patterns auf einleuchtende Weise wiedergibt. Weiters stuft Alexander seine Patterns hinsichtlich ihrer Gültigkeit ein. Ist ein Pattern mit zwei Sternchen (**) gekennzeichnet, heißt dies, dass er davon ausgeht, dass diese Lösung immer zu guten Ergebnissen führt. Ein Pattern mit einem (*) oder keinem Sternchen sei also noch nicht ausgereift,


129

oder womöglich gar nicht zutreffend. In einem Absatz wird der Zusammenhang, in dem das Pattern steht, erläutert, und alle dem Pattern übergeordnete Patterns aufgeführt. Darauf folgt dann, fett geschrieben, eine kurze Beschreibung des betreffenden Problems. Erst dann kommt der eigentliche Inhalt, der längste Teil jedes Patterns, auf den dann die Essenz der Lösung, wieder fett geschrieben, folgt. Als ein Beispiel nennen wir hier das Pattern Nummer 161, dem zwei Sternchen zugeteilt sind.

161 Sonnige Stelle ** (in der englischen Originalfassung sunny place) 2 Archetypisches Beispiel zum Pattern “Sonnige Stelle” aus Eine Mustersprache

“. . . das folgende Muster hilft dabei, den AUSSENRAUM NACH SÜDEN (105) zu verschönern und zu beleben; und wenn ein Außenraum nicht nach Süden, sondern nach Osten oder Westen gerichtet ist, kann es das Gebäude so verändern, daß sich der nutzbare Teil des Außenraums nach Süden verlagert. Es trägt auch dazu bei, die GEBÄUDEKANTE (160) zu ergänzen und die Lage des ZIMMERS IM FREIEN (163) zu bestimmen.” 1 Dann beschreibt Alexander im weiteren Verlauf: “Such im Innern eines nach Süden gerichteten Hofs, Gartens oder Geländes jene Stelle zwischen dem Gebäude und dem Außenraum, die am meisten Sonne hat. Erschließ diese Stelle als einen besonderen sonnigen

1

Eine Mustersprache, Städte, Gebäude, Konstruktion, C. Alexander Seite 821 ff.


130

Platz - mach daraus ein wichtiges Zimmer im Freien, einen Platz, um in der Sonne zu arbeiten, einen Platz für eine Schaukel und einige besondere Pflanzen, einen Platz zum Sonnen. Achte bei der Anlage der sonnigen Stelle vor allem darauf, daß sie windgeschützt ist. Selbst der schönste Platz wird bei ständigem Zug nicht benützt.” 1 Weitere Patterns in Eine Mustersprache sind zum Beispiel Knoten der Aktivität** (30) oder Kinder in der Stadt (57) aus dem Teil Städte oder auch Einkaufsstraße* (32) und Industrieband* (42). Die Patterns aus dem Buchteil Gebäude sind wohl am einfachsten nachzuvollziehen, so zu Beispiel Anzahl der Stockwerke* (96), Zone vor dem Eingang** (112) oder Zwei-Meter-Balkon** (167) und Nischen** (179). Im Teil Konstruktion widmet sich Alexander unter anderem folgenden Themen: Gute Baustoffe** (206), gewölbte Decken (219), aber auch dem Ornament** (249).

Center for Environmental Structure Um uns mit der Theorie dieser Sprache weiter auseinanderzusetzen, werfen wir unser Augenmerk auf die Architektur Alexanders. In Eine Mustersprache sagt er selbst, dass diese Sprache in höchstem Grade praxisbezogen und aus den eigenen Bau- und Planungserfahrungen von ihm und dem CES hervorgegangen ist.2 Alexander verwendet also für seine eigene Architektur Mustersprachen. Seine Gebäude sind Beispiele für eine Umsetzung der Mustertheorie in die Praxis. Diese Gebäude daraufhin zu überprüfen, ob diese Entwurfsmethode funktioniert, und ob sie ihre eigenen Ziele erreicht, ist denkbar schwierig. Wie kann man objektiv beurteilen ob ein Haus “lebendig” ist? Aber dennoch versuchen wir hier exemplarisch Gebäude auf die Anwendung von Patterns zu untersuchen. Formt sich das Gebäude aus diesen Patterns heraus, oder ist eine Mustersprache nicht viel mehr als eine ausführliche Checkliste für Planer. Sein Büro, das Center for Environmental Structure (CES) veröffentlichte seit 1969 eine Reihe von Büchern, neben Eine Mustersprache und The Timeless Way of Building, unter anderem auch The Oregon Experiment3, Houses generated by Patterns4 oder The Linz Café/Das Linz Café 5. Diese drei Bücher behandeln Bauprojekte, die vom CES umgesetzt wurden, und erklären immer auch die Herangehensweise an den Entwurf, im Bezug auf die Patterns. Neben diesen Büchern gibt es auch einige Publikationen in Zeitschriften, die Projekte des CES dokumentieren. In der Zeitschrift Baumeister6 wurde

1

Eine Mustersprache, Städte, Gebäude, Konstruktion, C. Alexander Seite 821 ff.

2

Eine Mustersprache, Seite X

3

The Oregon Experiment, 1975, Oxford University Press, New York

4

Houses generated by Patterns, 1969, Christopher Alexander; Sanford Hirshen; Sara Ishikawa; Christie Coffin; Shlomo Angel

5

The Linz Café/Das Linz Café, 1981, Christopher Alexander, aus dem amerikanischen von Hermann Czech, Oxford University Press, New York, Löcker Verlag Wien

6

Baumeister 2/1986 Das Machen von Gebäuden - Eishin College


131

1986 ein Artikel über den Eishin Higashino Highschool Campus veröffentlicht, 1978 erschien ebenfalls in Baumeister1 ein Artikel über das Mexicali Projekt, das sechs Jahre später nochmals im Baumeister2 behandelt wurde. In Progressive Architecture3 und Archplus4 wurden einige Bauten publiziert, sogar kleinere Einfamilienhäuser, die auch ganz in Pattern-Manier entstanden sind. Spätestens wenn man die Homepage des CES, patternlanguage.com5, besucht, fällt auf, dass das CES ein etwas anderes Architekturbüro ist. Auf dieser Homepage findet sich zwar eine Fülle an Daten, unter anderem alle Patterns aus der Mustersprache, Tutorials für den Bau des Eigenheims, Publikationen und auch Fotos vieler verwirklichter Bauten, aber trotzdem bleiben einige Fragen offen. Man merkt an Design und Struktur der Website, dass Alexander hier nicht den Anspruch hat, ein überheblicher moderner Architekt zu sein. Das Layout seiner Bücher entwickelte Alexander selbst mit Hilfe zahlreicher Experimente. Er achtete nicht nur auf die Anordnung der Texte, sondern auch auf Papierstärke oder Einband.6 Ob sich Alexander bei der Gestaltung der Homepage auf eine ebenso gewissenhafte Art und Weise einbringt, lässt sich schwer sagen. Die Homepage präsentiert sich nämlich in einer eher unübersichtlichen Form. Nicht nur auf patternlanguage.com, sondern auch auf katarxis N°3 7 finden sich Fotos zu den meisten Projekten des CES. Dieses Onlinemagazin, das von Lucien Steil ins Leben gerufen wurde, befasst sich in der dritten Ausgabe vorrangig mit Christopher Alexanders Arbeit und These. Auffallend ist, dass auch auf dieser Website die Fotos für sich stehen - ohne große Beschreibungen. Die Bilder gleichen aber nicht heutzutage gängigen Architekturfotografien. Es scheint, als würde wenig Wert auf Belichtung oder Tageszeit gelegt, als ob die Bilder keinesfalls gekünstelt wirken sollen. Gewissermaßen stellen sie die “Wirklichkeit” dar. In einem Interview zwischen Christopher Alexander, Hans Ulrich Obrist und Rem Koolhaas kommt auch die Beziehung zwischen Text und Bild bei Alexander zur Sprache.

1

Baumeister 1/1978 Das Mexicali Experiment/ alternativer Wohnungsbau

2

Baumeister 12/1984 Wiedersehen mit Mexicali

3

“(...) Wenn ich schreibe, beginne ich normalerweise mit den Bildern. Ich muss darüber nachdenken, wie ich eine Idee vermitteln kann.” 6 Schon in Eine Mustersprache wird jedes Pattern mit einem Bild einer archtypischen Situation eingeleitet.

Progressive Architecture 7/1991, The real meaning of Architecture

4

Archplus 73, 3/1984

5

www.patternlanguage.com

6

Interview zwischen Alexander, R. Koolhaas und H.U. Obrist, Archplus 189, Seite 21

7

www.katarxis3.com 2004 von Lucien Steil


132

Bildanalyse Eben aus dem Grund, dass auf der Homepage des CES, ebenso wie in Eine Mustersprache, mit der Wirkung von Fotos gearbeitet wird, setzen wir uns in diesem Teil des Essays mit Fotos auseinander. Wir bedienen uns hier derselben Methode, um Information zu vermitteln, und führen exemplarisch Fotos von zwei verwirklichten Bauprojekten Alexanders und des CES auf. In diesen Bildern suchen wir nach Patterns, wie sie in Eine Mustersprache beschrieben sind. Schwierig nachzuvollziehen sind dabei natürlich jene Patterns, die man nicht sehen kann und auch die Vernetzung der Patterns. Die ersten Bilder sind dem Buch The Linz Café / Das Linz Café 1 entnommen. Alexander meint selbst, dass er das Gebäude ziemlich genau in der Art entwickelte, wie es in A Patternlanguage und The Timeless Way of Building beschrieben ist. Alexander im ersten Satz der Einleitung über das Linz Café: “Das Linz Café ist eines der ersten Bauten, in denen es mir gelungen ist, fast alle Absichten zu verwirklichen, die in den früheren Bänden dieser Reihe dargestellt sind.” 2 Das zweite Projekt, zu dem wir Bilder analysiert haben, ist das Medlock Graham House3. Man könnte es als ein für Alexander typisches Einfamilienhaus sehen. Andere Häuser, die er für Familien entwarf, sind zum Beispiel, House Albany oder Lake Berryessa House. Für dieses Gebäude existiert kein Patternkatalog, wie für das Linz Café. Dennoch wählten wir dieses Einfamilienhaus, um herauszufinden, ob man anhand der Bilder auch nachvollziehen kann, ob Patterns angewendet wurden. Wir gehen davon aus, dass Alexander bei all seinen Projekten Patterns einsetzt, einerseits entstand ja Eine Mustersprache auf Basis eigener Baupraxis, andererseits geht auch aus den Informationen auf patternlanguage.com hervor, dass die Projekte mit Hilfe von Patterns entstanden sind. Inwieweit kann man auf den Fotos die Patterns “sehen”? Das Linz Café wurde im Sommer 1980 als temporäres Gebäude für die Ausstellung Forum Design4 erbaut. Aufgrund der vorgesehenen kurzen Bauzeit wurde es in Holzbauweise ausgeführt. Der Entwurf stützte sich allerdings, wie es laut Alexander immer sein sollte, auf die intensive Auseinandersetzung mit dem Bauplatz. Auch hier verwendet er das System der Mock-Ups5. Das Buch zum Projekt entstand erst nach dem Bau des Cafés. Alle Pattern, die in Das Linz Café angeführt werden, sind auch in Eine Mustersprache zu finden. Aus dem Grund, dass wir wissen, welche Patterns Alexander für diesen Entwurf als relevant ansieht, entschlossen wir uns,

1 The Linz Café/Das Linz Café, 1981, Christopher Alexander, aus dem amerikanischen von Hermann Czech, Oxford University Press, New York, Löcker Verlag Wien

2

The Linz Café/Das Linz Café, Seite 11

3

Bilder von katarxis3.com

4

Forum Design, Ausstellung in Linz, Sommer 1980

5

Mock-Ups: Abstecken der Räume im Maßstab 1:1 auf dem Bauplatz


133

dem Linz Café unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Obgleich es bei diesem Projekt keine Partizipation der späteren Benutzer/Bewohner gibt. Die folgende Liste von Patterns ist direkt dem Buch The Linz Café/Das Linz Café 1 entnommen. (96) Wie viele Stockwerke (98) Orientierung durch Bereiche (101) Passage durchs Gebäude (110) Haupteingang (112) Zone vor dem Eingang (116) Abgestufte Dächer (117) Unterm Dach geborgen (118) Dachgarten (127) Je weiter innen, desto intimer (129) Sonnenlicht im Innern (130) Der Raum beim Eingang (131) Von Raum zu Raum (132) Kurze Gänge (133) Die Stiege als Bühne (134) Die Aussicht des Mönchs (135) Wechsel von hell und dunkel (142) Mehrere Sitzplätze (159) Licht von zwei Seiten (161) Sonniges Plätzchen (163) Zimmer im Freien (166) Die Galerie rundherum (167) Zwei-Meter-Balkon (168) Verbindung mit dem Erdboden (176) Sitzplatz im Garten (179) Nischen (180) Platz am Fenster (185) Sitzrunde (190) Verschiedene Raumhöhen (191) Form des Innenraums (193) Die durchbrochene Wand

(195) Anlegen der Stiege (200) Offene Regale (202) Eingebaute Bänke (205) „Structure follows social spaces” (208) Erst lose, dann starr (209) Anordnung der Dächer (212) Pfeiler in den Ecken (217) Randbalken (221) Türen und Fenster nach Bedarf (222) Niedrige Brüstung (224) Niedrige Tür (225) Gerahmte Öffnungen (227) Sichtbare Aussteifung (233) Fussboden (234) Schuppenhaut (236) Weit aufgehende Fenster (237) Dichtschliessende Glastüren (239) Kleine Scheibenteilung (240) Die Abschlussleiste (242) Bank vor der Tür (244) Markisen (249) Ornament (250) Warme Farben 1

1

The Linz Café/Das Linz Café S. 64 f.


134

Bildanalyse Das Linz-Café - Außenansicht entnommen aus “The Linz Café/Das Linz Café

(116) Abgestufte Dächer

(96) Wie viele Stockwerke (209) Anordnung der Dächer (117) Unterm Dach geborgen (221) Türen und Fenster nach Bedarf (225) Gerahmte Öffnungen (239) Kleine Scheibenteilung

(168) Verbindung mit dem Erdboden

(110) Haupteingang (112) Zone vor dem Eingang (161) Sonniges Plätzchen (176) Sitzplatz im Garten

(250) Warme Farben (244) Markisen

(163) Zimmer im Freien

gefundene Patterns:

(96) Wie viele Stockwerke (110) Haupteingang (112) Zone vor dem Eingang (116) Abgestufte Dächer (117) Unterm Dach geborgen (161) Sonniges Plätzchen (163) Zimmer im Freien (168) Verbindung mit dem Erdboden (176) Sitzplatz im Garten (209) Anordnung der Dächer (221) Türen und Fenster nach Bedarf (225) Gerahmte Öffnungen (239) Kleine Scheibenteilung (244) Markisen (250) Warme Farben


135

Das Linz-Café - Galerie

(116) Abgestufte Dächer (129) Sonnenlicht im Innern (161) Sonniges Plätzchen (239) Kleine Scheibenteilung (249) Ornament (225) Gerahmte Öffnungen

(131) Von Raum zu Raum

(180) Platz am Fenster

(135) Wechsel von Hell und Dunkel

(185) Sitzrunde (202) Eingebaute Bänke

(179) Nischen (127) Je weiter Innen desto Intimer

(190) Verschiedene Raumhöhen

(142) Mehrere Sitzplätze (166) Die Galerie rundherum

(193) Die durchbrochene Wand

gefundene Patterns:

(116) Abgestufte Dächer (127) Je weiter Innen desto Intimer (129) Sonnenlicht im Innern (131) Von Raum zu Raum (135) Wechsel von Hell und Dunkel (142) Mehrere Sitzplätze (161) Sonniges Plätzchen (166) Die Galerie rundherum (179) Nischen (180) Platz am Fenster (185) Sitzrunde (190) Verschiedene Raumhöhen (193) Die durchbrochene Wand (202) Eingebaute Bänke (225) Gerahmte Öffnungen (239) Kleine Scheibenteilung (249) Ornament (250) Warme Farben


136

Das Linz-Café - Balkon

(244) Markisen

(117) Unterm Dach geborgen (163) Zimmer im Freien (167) Zwei-Meter-Balkon (250) Warme Farben (142) Mehrere Sitzplätze (161) Sonniges Plätzchen

(225) Gerahmte Öffnungen (193) Die durchbrochene Wand

gefundene Patterns:

(131) Von Raum zu Raum

(117) Unterm Dach geborgen (131) Von Raum zu Raum (142) Mehrere Sitzplätze (161) Sonniges Plätzchen (163) Zimmer im Freien (167) Zwei-Meter-Balkon (193) Die durchbrochene Wand (225) Gerahmte Öffnungen (244) Markisen (250) Warme Farben


137

Das Linz-Café - Treppenaufgang - Nische

(212) Pfeiler in den Ecken (98) Orientierung durch Bereiche

(193) Die durchbrochene Wand

(250) Warme Farben (217) Randbalken (249) Ornament (240) Die Abschlussleiste (195) Anlegen der Stiege (133) Die Stiege als Bühne (131) Von Raum zu Raum (127) Je weiter innen desto intimer

(135) Wechsel von Hell und Dunkel (190) Verschiedene Raumhöhen

(101) Passage durchs Gebäude (161) Sonniges Plätzchen (142) Mehrere Sitzplätze (179) Nischen (180) Platz am Fenster (185) Sitzrunde (202) Eigebaute Bänke (225) Gerahmte Öffnungen

gefundene Patterns: (98) Orientierung durch Bereiche (101) Passage durchs Gebäude (127) Je weiter innen desto intimer (131) Von Raum zu Raum (133) Die Stiege als Bühne (135) Wechsel von Hell und Dunkel (142) Mehrere Sitzplätze (161) Sonniges Plätzchen (179) Nischen (180) Platz am Fenster (185) Sitzrunde

(190) Verschiedene Raumhöhen (193) Die durchbrochene Wand (195) Anlegen der Stiege (202) Eigebaute Bänke (212) Pfeiler in den Ecken (217) Randbalken (225) Gerahmte Öffnungen (240) Die Abschlussleiste (249) Ornament (250) Warme Farben


138

Das Linz-Café - Stockwerke

(227) Sichtbare Aussteifung (96) Wie viele Stockwerke

(239) Kleine Scheibenteilung (180) Platz am Fenster

(249) Ornament

(135) Wechsel von Hell und Dunkel (225) Gerahmte Öffnungen (193) Die durchbrochene Wand (179) Nischen (161) Sonniges Plätzchen (129) Sonnenlicht im Innern (127) Je weiter innen desto intimer (131) Von Raum zu Raum

(166) Die Galerie rundherum

(98) Orientierung durch Bereiche

(222) Niedrige Brüstung

(101) Passage durchs Gebäude

gefundene Patterns:

(96) Wie viele Stockwerke (98) Orientierung durch Bereiche (101) Passage durchs Gebäude (127) Je weiter innen desto intimer (129) Sonnenlicht im Innern (131) Von Raum zu Raum (135) Wechsel von Hell und Dunkel (161) Sonniges Plätzchen (166) Die Galerie rundherum (179) Nischen (180) Platz am Fenster (190) Verschiedene Raumhöhen (193) Die durchbrochene Wand (222) Niedrige Brüstung (225) Gerahmte Öffnungen (227) Sichtbare Aussteifung (239) Kleine Scheibenteilung (249) Ornament


139

Das Linz-Café - Eingang

(130) Der Raum beim Eingang (163) Zimmer im Freien

(234) Schuppenhaut (250) Warme Farben

(142) Mehrere Sitzplätze (110) Haupteingang (176) Sitzplatz im Garten (225) Gerahmte Öffnungen (242) Bank vor der Tür

gefundene Patterns:

(110) Haupteingang (112) Zone vor dem Eingang (130) Der Raum beim Eingang (142) Mehrere Sitzplätze (163) Zimmer im Freien (168) Verbindung mit dem Erdboden (176) Sitzplatz im Garten (225) Gerahmte Öffnungen (233) Fußboden (234) Schuppenhaut (242) Bank vor der Tür (250) Warme Farben

(112) Zone vor dem Eingang (168) Verbindung mit dem Erdboden (233) Fußboden


Das Linz-CafĂŠ - Erst lose, dann starr

140


141

Auf der Suche nach Patterns in diesen Bildern ist uns der Unterschied zwischen Außen- und Innenraum aufgefallen. Das erste Bild, die Außenansicht des Cafés, zeigt das gesamte Gebäude. Trotzdem sind nicht allzu viele Patterns auszumachen. Es wirkt von außen eher schlicht und unauffällig. In den Fotos vom Innenraum finden sich meist zahlreiche Patterns, auch wenn es nur ein kleiner Bildausschnitt ist. In den Fotos erkennt man, dass der Innenraum mehr Bedeutung hat und es scheint, dass hier bei der Gestaltung mehr Patterns verwendet wurden. Vor allem das Pattern Ornament** (249) findet sich nur auf Bildern des Innenraums. Das Foto Treppenaufgang - Nische lässt die Vernetzung zwischen den angewendeten Patterns, die im Innenbereich verstärkt stattfindet, erahnen. Der Eingangsbereich ist von außen eher unscheinbar, obwohl das Pattern Haupteingang** (110) für Alexander eine wichtige Rolle spielt. Das zweite Bild, Galerie, zeigt im Zentrum des Fotos die Nische. Nischen prägen den Innenraum des Cafés. Sie sind für Alexander ein sehr wichtiges Pattern. Er bezweifelt auch, dass es eine Mustersprache ohne das Pattern Nischen** (179) geben kann.1 Das letzte Bild zeigt ein Pattern, das man im fertigen Gebäude nicht sehen kann. Erst lose, dann starr** (208) ist nur während der Bauzeit erkennbar. Es wurde beim Linz Café konsequent angewandt. Eine Mustersprache und The Timeless Way auf Building regeln nicht nur den Entwurf, sondern auch den Bauprozess. Dieses Pattern sagt aus, dass der Plan des Gebäudes nicht fest, sondern flexibel sein sollte. Man muss auch während des Bauprozesses noch Dinge verändern können. Alexanders Behauptung, dass seine Theorie mit dem Linz Café ganz gut umgesetzt ist, kann man nachvollziehen. Er nutzt es als Vorzeigeprojekt für seine Mustersprache.

1

Eine Mustersprache, Städte, Gebäude, Konstruktion, C. Alexander Seite XVIII


Medlock - Graham House, Whidbey Island: Da für dieses Haus keine Patternliste bekannt ist, wurde in diesen Bildern nach Patterns gesucht, wie sie in Eine Mustersprache angeführt sind.

Bildanalyse The Medlock - Graham House, Whidbey Island, Küche entnommen aus www.katarxis3.com

(128) Sonnenlicht im Innern

(185) Runder Sitzplatz (182) Atmosphäre beim Essen

(184) Der Kochplatz

(222) Niedrige Fensterbrüstung (193) Die durchbrochene Wand (225) Gerahmte Öffnungen (193) Schränke zwischen Räumen (250) Warme Farben

gefundene Patterns:

(128) Sonnenlicht im Innern (182) Atmosphäre beim Essen (184) Der Kochplatz (185) Runder Sitzplatz (193) Die durchbrochene Wand (198) Schränke zwischen Räumen (222) Niedrige Fensterbrüstung (225) Gerahmte Öffnungen (250) Warme Farben

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143

The Medlock - Graham House, Whidbey Island, Wohnzimmer I

(128) Sonnenlicht im Innern

(159) Licht von zwei Seiten in jedem Raum

(180) Platz am Fenster (250) Warme Farben (192) Fenster mit Blick auf die Aussenwelt (202) Eingebaute Sitzbank

(222) Niedrige Fensterbrüstung (128) Mehrere Sitzplätze (251) Verschiedene Sessel

gefundene Patterns:

(225) Gerahmte Öffnungen (239) Kleine Scheibenteilung (250) Warme Farben

(128) Sonnenlicht im Innern (142) Mehrere Sitzplätze (159) Licht von zwei Seiten in jedem Raum (180) Platz am Fenster (192) Fenster mit Blick auf die Aussenwelt (202) Eingebaute Sitzbank (222) Niedrige Fensterbrüstung (225) Gerahmte Öffnungen (239) Kleine Scheibenteilung (250) Warme Farben (251) Verschiedene Sessel


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The Medlock - Graham House, Whidbey Island, Wohnzimmer II

(128) Sonnenlicht im Inneren (159) Licht von zwei Seiten in jedem Raum

(200) Offene Regale

(250) Warme Farben

(190) Verschiedene Raumhöhen

(199) Sonnige Arbeitsfläche

(233) Fussboden (128) Mehrere Sitzplätze (251) Verschiedene Sessel (180) Platz am Fenster

(222) Niedrige Fensterbrüstung

gefundene Patterns:

(128) Sonnenlicht im Inneren (142) Mehrere Sitzplätze (159) Licht von zwei Seiten in jedem Raum (180) Platz am Fenster (190) Verschiedene Raumhöhen (199) Sonnige Arbeitsfläche (200) Offene Regale (222) Niedrige Fensterbrüstung (225) Gerahmte Öffnungen (233) Fussboden (250) Warme Farben (251) Verschiedene Sessel


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The Medlock - Graham House, Whidbey Island, Eingang

(172) Wildwachsender Garten

(117) Sch端tzendes Dach (110) Haupteingang

(242) Bank vor der T端r (112) Zone vor dem Eingang

(247) Fugen im Pflaster

gefundene Patterns:

(125) Sitzstufen

(110) Haupteingang (112) Zone vor dem Eingang (117) Sch端tzendes Dach (125) Sitzstufen (172) Wildwachsender Garten (242) Bank vor der T端r (247) Fugen im Pflaster


146

The Medlock - Graham House, Whidbey Island, Schlafzimmer

(193) Schänke zwischen Räumen

(190) Verschieden Raumhöhen

(200) Offene Regale

(187) Ehebett (136) Bereich des Paars

gefundene Patterns:

(136) Bereich des Paars (187) Ehebett (190) Verschiedene Raumhöhen (198) Schränke zwischen Räumen (200) Offene Regale

Sicherlich hat Alexander auch bei diesem Projekt Patterns verwendet. Sehr wahrscheinlich ist, dass sogar ein für dieses Haus extra zusammengestellter Patternkatalog vorhanden war. Es stellt sich hier natürlich die Frage, wie frei man bei der Interpretation vorgehen sollte. Doch auch wenn man die Möglichkeit hat, nach all den 253 Patterns aus Eine Mustersprache zu suchen, findet man gar nicht so viele. In den zwei Fotos des Wohnzimmers zeigen sich einige Patterns sehr klar. Auch solche, die Alexander sehr gerne verwendet, wie Licht von zwei Seiten in jedem Raum** (159), Platz am Fenster** (180) oder Verschiedene Raumhöhen** (190). Das Foto des Schlafzimmers lässt wenige Patterns erkennen.


Der Bildausschnitt ist eher klein. Wäre das Foto aus einer etwas anderen Perspektive aufgenommen worden, könnte man womöglich viele weitere Patterns in diesem Raum erkennen. Auf dem Foto Eingang zeigt sich, scheinbar anders als beim Linz Café, dass auf Gestaltung der Fassade und des Eingangsbereichs viel Wert gelegt wurde. Die Patterns Haupteingang**(110) und Zone vor dem Eingang** (112) wurden ganz in ihrem Sinne umgesetzt. Für den Entwurf eines Einfamilienhauses scheint die Mustertheorie gut geeignet zu sein.

Die Bilder sprechen eine Sprache Bilder von Alexanders Architektur zeigen gut erkennbar Patterns. Die Umsetzung von seinen Prinzipien in die Praxis kann man in den Fotos erkennen. Es stellt sich die Frage, ob man manche dieser wiederkehrenden Merkmale, wie Nischen oder kleine Scheibenteilung, nicht einfach als seinen Stil bezeichnen könnte. Tatsächlich macht Alexanders Architektur einen gewachsenen Eindruck. Die Bilder vermitteln auch, was Alexander immer wieder betont: Er will Architektur ermöglichen, die menschlich ist. Doch sind es wirklich Mustersprachen, die die Gebäude entstehen lassen, oder ist es doch “nur” gewöhnliches architektonisches Gespür? Das Vokabular der Sprache, die Patterns, werden umgesetzt, aber sind es die GrammatikRegeln, also die Vernetzung der Patterns, die seine Architektur schön machen?

Bezüge Mit Eine Mustersprache stellt Christopher Alexander eine Vielzahl an Regeln auf, die für ihn, durch Tradition und Kultur geprägte Bestlösungen für bestimmten Bauaufgaben darstellen. Er vertritt die Meinung, dass viele Bauaufgaben, die in der Architektur immer wieder auftreten, schon auf der ganzen Welt in guter Architektur umgesetzt wurden, und man nur noch die Eigenschaften, die all diese Lösungen gemein haben, erfassen müsste. Dann wäre man in der Lage, gute Architektur zu schaffen. Diesen Ansatz gab und gibt es auch bei anderen Architekten. Alexander selbst verweist auf der Website patternlanguage.com sogar auf andere Architekten, beziehungsweise auf deren “Schöne Architektur”. Darunter finden sich zum Beispiel eine Steiner Schule in England von Christopher Day, die Music School von Hajo Neis oder auch Projekte von Hermann Czech, wie Das kleine Café und das Bank Austria Kundenzentrum, beides in Wien.

147


148

Hermann Czech, der auch bei der Übersetzung der beiden Bücher A Patternlanguage und The Linz Café/Das Linz Café, beteiligt war, geht in seinem Buch Zur Abwechlung - Ausgewählte Schriften zur Architektur in Wien1 auch auf Christopher Alexander ein. Er beschreibt, wie auch Josef Frank und Adolf Loos ähnliche Aussagen tätigen, wie Alexander sie mit seinen Patterns macht. Das Pattern Verschiedene Sessel (251) ist in Eine Mustersprache so beschrieben: „Die Menschen sind verschieden groß; sie sitzen auch verschieden. Und trotzdem besteht heutzutage die Tendenz, alle Sessel gleich zu machen.“ 1 Loos vertritt zum Thema Sessel die Meinung, dass jede Art der Ermüdung einen anderen Sessel verlangt. Im Endeffekt verlangt er dasselbe, beschreibt dies aber wie folgt: „Alle arten von sitzgelegenheiten sind in dem selben zimmer vertreten. Jeder kann sich seinen ihm am besten passenden sitz aussuchen. Eine ausnahme bilden bloß jene räume, die nur zeitweise von allen insassen zu demselben zwecke benützt werden. So der tanzsaal und das speisezimmer.“ 1 Die Aussage von Josef Frank kommt Alexanders Wortlaut sehr Nahe: „Den Sessel erfinden und typisieren zu wollen, ist ein Unsinn, denn er dient sehr verschiedenen Möglichkeiten, und man will bei verschiedenen Gelegenheiten und zu allen Tageszeiten verschieden sitzen. Deshalb sollen die Sessel in einem Raum möglichst verschieden sein.“ 1 Auch einen weitere Überschneidung zwischen einem Pattern Alexanders und einer Aussage von Frank ist in Czechs Zur Abwechslung - Ausgewählte Schriften zur Architektur in Wien beschrieben: Das hart diskutierte Ornament. Alexanders Hauptaussage im Pattern Ornament** (249) ist: „Alle Menschen neigen von Natur aus dazu, ihre Umgebung auszuschmücken.“ 1

1

Zur Abwechslung Ausgewählte Schriften zur Architektur in Wien, Hermann Czech, Wien, Löcker Verlag,1996


149

Frank befürwortet das Ornament ebenfalls: „Die einfarbige Fläche wirkt unruhig, die gemusterte beruhigend, weil der Betrachter unwillkürlich von der langsamen und ruhigen Herstellungsweise beeinflußt wird. Den Reichtum des Ornaments kann er nicht so schnell ergründen. Die einfarbige Fläche dagegen ist ihm sofort klar und interessiert ihn daher nicht weiter. Wer auf einem persischen Teppich sitzt, wird ruhig, wer jedoch durch Räume gehen muß, wo solche Teppiche liegen, bekommt ein unsicheres Gefühl, weil er immer glaubt, etwas versäumt zu haben, was er nicht aufgenommen hat. Ein einfarbiger Teppich hat die entgegengesetzte Wirkung.“ 1 Doch nicht nur die Formulierung von Patterns, also “Regeln”, kennzeichnen Alexanders Entwurfsmethodik. Er hat eine mehr oder weniger klar formulierte Vorstellung, wie Architektur sein sollte, beziehungsweise, was die wirklich wichtigen Elemente sind, um Architektur schaffen zu können. Ob es überhaupt möglich ist eine so komplexe Angelegenheit, wie die Architektur, mittels festgelegter Annahmen zu erschließen, ist fraglich.

Patterngebäude Christopher Alexander ist natürlich nicht der einzige, der “Regeln” aufstellt. Allerdings ist Eine Mustersprache mit dem Vorsatz entstanden, ein ganzheitliches Werk zu schaffen, das es ermöglicht, immer gute Entwürfe zu schaffen. Es findet hier also eine sehr direkte Verknüpfung von Theorie und Baupraxis statt. Eine Mustersprache hat aber in der Architektur kaum Fuß gefasst. Wohl ist die Theorie heftig diskutiert worden und wird auch immer noch gerne aufgegriffen. Es gibt Architekten, die Alexanders Mustertheorie in ihre Entwürfe miteinbeziehen, doch ist sie unserer Meinung nach erfolgreicher als Handbuch oder “Checkliste” für Laien. Es gibt ungeübten Planern eine gute Hilfestellung. Alexander ist sich dessen bewusst, dass es wenige Architekten gibt, die seine Theorien voll und ganz unterstützen. In einem Gespräch zwischen Nikos Salingaros und Christopher Alexander sagt er: (...) Viele der Leute, die sich für das, was ich sage interessieren, sind keine Architekten. Sie sind gewöhnliche Familienmenschen, Ingenieure, Biologen, Informatiker (...) All diese Leute wissen, dass etwas nicht stimmt (...) aber sie hatten niemanden, der ihnen zeigt, dass es OK ist, diese Dinge zu sagen.2

1

Zur Abwechslung Ausgewählte Schriften zur Architektur in Wien, Hermann Czech, Wien, Löcker Verlag,1996

2

Anti-Architecture and Deconstruction, Nikos A. Salingaros, with C. Alexander, Brian Hanson, Michael Mehaffy, and Terry M. Mikiten, Umbau-Verlag, 2004


150

Was sagt die Tatsache, dass sich Architekten so vorsichtig mit der grundlegenden Idee einer Mustersprache befassen, über die Essenz der Theorie aus? Alexander würde diesem Einwand wohl damit begegnen, dass moderne Architekten durch ihre Bildung oder heutige Paradigmen in der Architektur geblendet sind und, dass sie sich nicht trauen, ihm Recht zu geben, obwohl sie in tiefstem Herzen wüssten, dass er Recht hat.1 Aber hat Alexanders Mustertheorie so ihre eigenen Ziele erreicht? Ist das, was Alexander bis jetzt in der Architektur bewirkt hat, das wozu Mustersprachen dienen können, oder ist das Potential der Theorie noch nicht erschöpft? In der Informatik haben Entwurfsmuster bereits einen wichtigen Stellenwert eingenommen. Solange Entwurfsmuster nicht auch in der Architektur eine ähnlich intensive Weiterentwicklung erfahren, wird Alexanders Werk Eine Mustersprache womöglich nur als sehr umfangreiches Handbuch für Laien, sowie für Architekten dienen.

1

The Timeless Way of Building, Christopher Alexander, 1979, Oxford University Press, keine deutsche Fassung


151 OUT OF THE WILD

D i e W i d e r s p r ü c h l i c h k e i t d er Theorie u n d d a s S c h e i t e r n C h r i s t o pher Alexanders an der Realität der Praxis

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa

v on Gogl Alexander, Rampl Marku s

Kann eine Methode gleichzeitig universell und spezifisch sein? Ist es wirklich moralisch vertretbar, wie eine Kolonialmacht den eigenen Stil einer fremden Kultur aufzuzwingen, obwohl eine Entwurfsmethode entwickelt wurde, welche kulturspezifisch sein will? Nicht nur am Scheideweg zwischen Praxis und Theorie lassen sich viele solcher Widersprüchlichkeiten in Christopher Alexanders Arbeiten aufdecken. Um diese Widersprüchlichkeit aufzudecken ist es wichtig an den Anfang seines theoretischen Schaffens zu gehen. Dieses beginnt mit seinem Wechsel von Cambridge nach Harvard. Hier beginnt Christopher Alexander an seiner Doktorarbeit „Notes on the Synthesis of Form“ zu arbeiten, in der eine Methode entwickelt wird, die zur Lösung komplexer, architektonischer Problemstellungen führen soll. In der Einleitung seiner Dissertation findet sich folgender Vorwurf: „Today functional problems are becoming less simple all the time. But designers rarely confess their inability to solve them. Instead, when a designer does not understand a problem clearly enough to find the order it really calls for, he falls back on some arbitrarily chosen formal order. The problem, because of its complexity, remains unsolved.“1 Christopher Alexander geht es hierbei darum aufzuzeigen, dass bei komplexen Problemstellungen oftmals auf konventionelle, oberflächliche Lösungen zurückgegriffen wird. Seiner Meinung nach können Designer oder Architekten erst dann eine gute Lösung anbieten, wenn es ihnen gelingt, das Problem in seiner Komplexität zu entschlüsseln und dadurch zu lösen. Dabei übernimmt Christopher Alexander eine Methode von Herber A. Simon, einem Systemtheoretiker, welcher zur selben Zeit, als Christopher Alexander an seiner Doktorarbeit arbeitet, Symposien über Systemtheorien abhält. Abgesehen davon, dass Christoper Alexander durch den Besuch dieser Symposien sicherlich von Herbert A. Simon beeinflusst wurde, ist ein Aufsatz Simons von besonderer Bedeutung: „The architecture of complexity“. Simon beschreibt darin vier Aspekte komplexer Systeme: 1. Hierarchische Systeme; 2. Die Entwicklungszeit in Abhängigkeit von der Systemstruktur; 3. Zerlegung von komplexen Systemen in deren Subsysteme und deren veränderte Abhängigkeit; 4. Beschreibung von komplexen Systemen;2 Solche

1

Christopher Alexander, Notes on the Synthesis of Form, Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts, London, 1964, S. 1 2 Vgl. Herbert A. Simon, “The Architecture of Complexity”, in: Proceedings of the American Philosophical Society, Vol. 106, No. 6. (Dec. 12, 1962), S. 468


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Systeme sind für Simon jene, die aus einer großen Anzahl kleinerer Teilsystemen bestehen, welche in einer komplexen Abhängigkeit miteinander stehen: „Roughly by complex system I mean one made up of a large number of parts that interact in a nonsimple way [...] By a hierarchic system, or hierarchy, I mean a system that is composed of interrelated subsystems, each of the latter being, in turn, hierarchic in structure until we reach some lowest level of elementary subsystem.“3 Wichtig hierbei sind grundlegende Erkenntnisse aus der Molekularbiologie: A + A = B. Dies bedeutet, dass eine Kombination von zum Beispiel Kohlenstoffmolekülen andere Eigenschaften aufweist, als dies die Summe aller Kohlenstoffmoleküleigenschaften wäre. Oder ein wenig pathetischer ausgedrückt: das Ganze ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Diese Eigenschaften überprüft Simon anhand mehrerer komplexer Systeme auf sozialer, biologischer, physischer und symbolischer Ebene, um nur einige wenige zu nennen. Das wichtigste Detail, das Christopher Alexander in seiner Doktorarbeit entwickelt, ist die Aufspaltung eines großen komplexen Systems in mehrere kleine, weniger komplexe Subsysteme. Diese Aufteilung wird, wie bei Simon, hierarchisch durchgeführt. Für Christopher Alexander sind auch die Beziehungen und Eigenschaften zwischen den Subsystemen wichtig. Nachdem Alexander das komplexe System mehrmals in kleinere, weniger komplexe Subsysteme unterteilt hat und somit die „selbsterklärende“, elementarste Ebene erreicht, entwickelt Alexander das Projekt von unten nach oben weiter. Diese Entwicklung ignoriert jedoch alle vorhin getroffenen hierarchischen Klassifizierungen. Jedes dieser Subsysteme darf allerdings nicht für sich allein betrachtet werden, sondern muss immer in der Wechselwirkung mit den anderen Subsystemen betrachtet werden. Besonders gut ist diese Methode in den Diagrammen, welche er während seiner Beratungstätigkeiten für die Reorganisation eines 600 Einwohner kleinen landwirtschaftlichen Dorfes in Indien („The Determination of Components for an Indian Village“) entiwckelt und in seiner Doktorarbeit abbil-

Abb. 1: The Determination of Components for an Indian Village, Quelle: a.a.O. “The Synthesis of Form” S. 153

Ebd. S. 468 Vgl. Manfred A. Kovatsch, “...von Mustern, die einen gewöhnlichen Ort lebenswert machen”, in: 73 Archplus, S. 65

3 4


det.4 Aber nicht nur Simon übt einen starken Einfluss auf Christopher Alexander während seines Doktoratsstudium aus: zur selben Zeit arbeitet Ivan Sutherland, ein Pionier der Entwicklung grafischer Schnittstellen zwischen Mensch und Computer, am benachbarten Massachusetts Institute of Technology (MIT) an seiner Doktorarbeit, dem SKETCHPAD. Es ist das erste CADSystem, das nicht nur das geometrische Modellieren unterstützt, sondern es auch erlaubt, mit parametrisierten Objekten und Objektbibliotheken zu arbeiten. Alexander arbeitet eng mit Marvin Manheim, welcher am Civil Engineering Systems Laboratory am MIT tätig war, zusammen. Alexander und Manheim implementieren die von Alexander während seiner Doktorarbeit entwickelten Algorithmen zur Vereinfachung von komplexen Systemen auf dessen Rechnersystemen. Ein Jahr nach der Veröffentlichung seiner Doktorarbeit, 1963, wird „Community and Privacy in Architecture. Toward a New Architecture of Humanism“, an der Alexander gemeinsam mit Serge Chermayeff arbeitet, publiziert. Beide Publikationen können als eine allgemeine Kritik an der Architektur und dem Städtebau der klassischen Moderne aufgefasst werden. Wobei ein interessantes Detail das unterschiedliche Zielpublikum der beiden Publikationen darstellt, denn während Notes on the Syntheses of Form für ein Fachpublikum geschrieben wurden, war Community and Privacy in Architecture für die breite Masse gedacht. Beide Publikationen sorgen damals für große Kontroversen. Noch im selben Jahr wird das Institut für Stadt- und Raumplanung (Center for Environmental Structure, CES) an der Universität von Berkeley durch Alexander gegründet, dessen Professur er mehrere Jahre bekleidet. 1971 erscheint eine Neuausgabe seiner Doktorarbeit, in deren Vorwort sich bemerkenswertes findet: „But once the book was finished, and I began to explore the process which I had described, I found that the diagrams themselves had immense power, and that, in fact, most of the power of what I had written lay in the power of these diagrams. […] I discovered that it is quite unnecessary to use such a complicated and formal way of getting at the independent diagrams.“5 „It is quite unnecessary to use such a complicated and formal way“ - er wendet sich somit von seinem mathematisch dominierten Problemlösungsprozess ab, betont aber gleichermaßen, dass er immer noch davon überzeugt sei, dass diese unabhängigen Diagramme ein mächtiges Werkzeug darstellen. Nur sollen diese, im Gegensatz zu seinen früheren Versuchen, nun Stück für Stück kreiert werden, aus dem „most natural way“ - aus der eigenen Erfahrung. Alexander wandelt sich vom „denkenden Typ“ zum, wie ihn Peter Eisenman später einmal bei einer Diskussion bezeichnen wird,

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5 a.a.O. Notes on the Synthesis of Form, preface to the papaerback edition 6 Vgl. Christopher Alexander und Peter Eisenman, “Peter Eisenman im Gespräch mit Christopher Alexander”, in: 73 Archplus, (1984), S. 71


„fühlenden Typ“.6 Die in seiner Doktorarbeit entwickelte Methode barg ein großes Problem: trotz ihres „revolutionären“ Ansatzes war sie kaum praktikabel und konnte die beim Planen und Entwerfen auftretenden Probleme nicht lösen. Da ist es auch nicht verwunderlich, wenn Christopher Alexander von einigen planenden Architekten nur äußerst kritischen Beifall für seine theoretischen Werke erntet, so etwa Team X: „Alexander should go on to build and by so doing, accept responsibility for his analysis. Team 10 are all builders by nature and tend to be nervous — if not suspicious — of those who proceed from one research to another.“7 Seine Pattern Language, die er selbst nicht als ein Erbe seiner frühen theoretischen Auseinandersetzungen sieht,8 fand in den 90er Jahren ein viel euphorischeres Publikum innerhalb der Computerwissenschaft und Softwareindustrie, als unter Archtiekten. Diese Euphorie der Computerwissenschaft gipfelt sich in mehreren Publikationen9 und Kongressen.10 Die Pattern Language ist in der damals stark wachsenden, Objektorientierten Softwareentwicklung deshalb so beliebt, da Design Patterns, während konventionelle Methoden der Programmierung sich nur auf die Darstellung von Lösungswegen fokussieren, eine ausführlichere Diskussion des Problemkontexts bieten. Die Patterns sind ähnlich wie in Christopher Alexanders Pattern Language strukturiert und miteinander referenziert. Hintergrund dieser Entwicklung war die Erkenntnis, dass bei komplexen Problemstrukturen die Aufspaltung in kleinere Teilprobleme effizienter ist. Bei jeder Entwicklung müssen Anforderungen berücksichtigt werden. Gibt es mehr als eine Anforderung an das Endprodukt, dann entsteht eine Wechselbeziehung zwischen all diesen Anforderungen. Keine dieser Anforderung kann für sich allein, isoliert in einem Entwicklungsprozess stehen. Zudem stehen Softwareingenieure vor der Schwierigkeit, dass ein Design allgemein genug sein muss, um mehrere Problemstellungen ohne aufwändiges abändern des Programmcodes zu lösen. Sie darf aber nicht zu allgemein sein, da sonst das Design unwirtschaftlich wird. IIn seinem Vortrag während der OOPSLA im Oktober 1996 in San Jose, Kalifornien äussert sich Christopher Alexander sehr kritisch auf die Anwendung von Design Patterns in Bereichen der Softwareentwicklung. Er stellt sich und seinem Auditorium die generelle Frage inwiefern seine Idee der Anwendung der Pattern Language mit denen der Softwareentwicklung in Einklang zu bringen ist. „I understand that the software patterns [....] can make a program better. That isn’t the same thing, because in that sentence “better” could mean merely technically efficient, not actually “good.” [....] Will it actually make human life better as a result of its injection into a software sys-

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7 Vgl. a.a.O. Manfred A. Kovatsch, S. 65 8 Christopher Alexander und Georg Schrom, „Der Mond ist unter“, in: 181/182 Architektur Aktuell, S. 93 9 Gang of Four, „Design Patterns - Elements of Reusable Object-Oriented Software“ und Richard Gabriel’s Patterns Of Software, dessen Vorwort Christopher Alexander schrieb; 10 “series of pattern conferences” (PLoPs) und “Conference on Object-Oriented Programming Systems, Languages and Applications“ im Oktober 1996 (OOPSLA ’96);


tem? Now, I don’t pretend that all the patterns that my colleagues and I wrote down in A Pattern Language are like that. Some of them are profound, and some of them are less so. But, at least it was the constant attempt behind our work. That is what we were after. I don’t know whether you, ladies and gentlemen, the members of the software community, are also after that. [....] So, I have no idea whether the search for something that helps human life is a formal part of what you are searching for. Or are you primarily searching for - what should I call it good technical performance?“11 Er gesteht den Designpatterns, welche in der Objektorientierten Programmierung zum Einsatz kommen, sehr wohl einen gewissen technischen Nutzen zu, jedoch vermisst er den Mehrwert den er in seinen, architektonischen Patterns zu sehen scheint. Für Christopher Alexander stellt dieser Mehrwert, welcher die Entstehung seiner Pattern Language rechtfertigt, ein zusammenhängendes Ganzes (coherent wholes - wie er es in seinem Vortrag bezeichnet) dar, welches moralische und generative Aspekte vertritt. Er will die Umwelt mit seinen Patterns indirekt verändern um so die Menschheit zu vervollständigen. „We were able to judge patterns, and tried to judge them, according to the extent that when present in the environment we were confident that they really do make people more whole in themselves“12 Christopher Alexander gibt in diesem Vortrag bei der OOPSLA‘96 noch mehrere, flüchtige Einblick über die Entstehung und Überprüfung seiner einzelnen Patterns, zum Beispiel anhand eines Entwurfes für einen Campus. „To test it, I let it loose by giving it to people and asking them (in simulated form) to generate different campuses with this language. Let’s see what the resulting campuses look like. And we test it ourselves in the same way[.]“13 Besonders auffallend ist hier die Tatsache, dass die Überprüfung der Patterns, wie es scheint, nicht anhand der Auswirkungen ihrer praktischen Umsetzung, sondern vielmehr in simulierter Form geschieht. Dies bestärkt die zuvor erwähnte Kritik der Praxisfremdheit seitens der praktizierenden Architektenschaft. In einem Großteil seines Vortrages bei der OOPSLA’96 scheint sich Alexander von der Objektorientierten Programmierung distanzieren zu wollen um seine Pattern Language als einzigartig und in sich geschlossen Ganzes darstellen zu können. Er spricht immer wieder die für ihn klar ersichtliche, unterschiedliche Ausrichtung der Patterns an. Für Linda Rising, eine Informatikdozentin, wirkt es so, als werfe Christopfer Alexander den Softwareentwicklern vor, die Patterns als reines Dokumentationsinstrument zu verwenden. „We were able to judge patterns, and tried to judge them, according to

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11

Auszug aus dem Präsentationstext Cristopher Alexanders bei der Conference on Object-Oriented Programming Systems, Languages and Applications im Oktober 1996 in San Jose, Kalifornien. Quelle (21.01.09): “http://www.patternlanguage.com/archive/ ieee/ieeetext.htm” 12 Ebd. 13 Ebd.


the extent that when present in the environment we were confident that they really do make people more whole in themselves.“14 Denn obwohl Christopher Alexander mit seiner Kritik sicher nicht im unrecht liegt, wirft er zugleich auch das Hauptproblem seiner eigenen Pattern Language auf: sie wirkt wie eine eine große Gebäudelehre-Bibliothek, deren Gültigkeit, nach eigenen Angaben der Autoren,15 aufgrund deren archetypischen Art die nächsten 500 Jahre besteht. Einige naturwissenschaftliche Autoren begegnen der Generalisierung in Christopher Alexanders Pattern Language mit Skepsis.16 Auch ist die Selbstbewertung der Patterns mit 1 - 3 Sternen mehr als fragwürdig. Zur Übernahme von Design Pattern in die Informatik ist das Standardwerk im Bereich Softwaretechnik über Entwurfsmuster, verfasst von vier Autoren, welche sich Gang of Four nennen, sehr aufschlussreich. Zur Beschreibung der Patterns zitiert die Gang of Four Christopher Alexander wörtlich: „Christopher Alexander says, ‚Each pattern describes a problem which occurs over and over again in our environment, and then describes the core of the solution to that problem, in such a way that you can use this solution a million times over, without ever doing it the same way twice‘ [AIS+77, page x]. Even though Alexander was talking about patterns in buildings and towns, what he says is true about object-oriented design patterns. Our solutions are expressed in terms of objects and interfaces instead of walls and doors, but at the core of both kinds of patterns is a solution to a problem in a context.“17 Ein Pattern wird in vier grundlegende Kategorien18 aufgeteilt: die erste Kategorie nimmt der Pattern-Name ein, welcher das Designproblem, die Lösung und die damit zusammenhängenden Konsequenzen möglichst kurz und knackig beschreiben soll. Die zweite Kategorie beschreibt das Problem und dessen Kontext selbst. In der dritten Kategorie ist die Lösung beschrieben, welche die Grundelemente und deren Beziehungen zueinander beschreibt. In der letzten Kategorie werden die Konsequenzen beschrieben, welche durch die Anwendung des Patterns auftauchen, wie zum Beispiel technische Beschränkungen19. Die für die Gang of Four wichtigste Kategorie stellt allerdings, ähnlich wie bei Alexander, der Pattern-Name dar. Sieht man sich die Beschreibung der Pattern und deren Aufbau in diesem für die Objektorientierte Programmierung so wichtigen Buch an, dann gibt es keine Zweifel mehr über die Ähnlichkeit zur Pattern Language Christopher Alexanders. Diese hat also erfolgreich Einzug in die Softwareentwicklung gefunden. Innerhalb der Architektur wird die Pattern Language allerdings kaum verwendet. Um sich trotzdem ein Bild über deren Anwendung zu machen sollte man sich die Bauwerke Christopher Alexanders selbst ansehen, jedoch gibt es nur wenig wirklich bekannte gebaute Werke Christopher Alexanders. Zu diesen wenigen bekannten Bauten kann sich das 1985 von

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14

Linda Rising, “The Road, Christopher Alexander, and Good Software Design“, Original erschienen in: Object magazine, März 1997, S. 47-50, Quelle (21.01.09): “http://members.cox.net/ risingl1/Articles/goodsoft. html” 15 Vgl. a.a.O. Manfred A. Kovatsch, S. 65 16 W. Alonso, vgl. Ebd. S. 68 17 Erich Gamma und Richard Helm, und Ralph Johnson und John Vlissides, (1995) Design Patterns - Elements of Reusable Object-Oriented Software, Addison-Weley (1995), S. 218 Vgl. Ebd. S. 3 18 Vgl. Ebd. S. 3 19 Durch die Verwendung eines Patterns kann es dazu kommen, dass Konflikte mit anderen Patterns auftreten oder, dass die Erweiterbarkeit sowie, sowie die Portierbarkeit der Software auf andere Plattformen eingeschränkt wird.


ihm entwickelte, etwas widersprüchliche, Eishin College esin Iruma-shi in Japan zählen. Christopher Alexander beansprucht für seine Pattern Language Universalität und Allgemeingültigkeit. Sie muss aber auch auf kulturelle Bezüge eingehen können. Das dies in der Praxis scheinbar doch nicht so einfach ist, zeigt das Eishin College: es wirkt wie ein deplatzierter im Kolonialstil gehaltener Komplex, der sich ganz und gar nicht in die feingliedrige japanische Bautradition einreihen möchte. Obwohl Christopher Alexander Bautraditionen wahren möchte oder zumindest bewährte Baumethoden einer ständigen Neuerfindung des Rades vorzieht, ersetzt er die lokale Bautraditi-

157

Abb. 2: Eishin College esin Iruma-shi, Japan; Quelle: “http://www.livingneighborhoods.org/ht-0/ eishincollege.htm”

on mit seiner eigenen westlichen. Es lassen sich noch viele solcher Widersprüchlichkeiten finden, die den Schluss nahelegen, dass die Realität der Wirklichkeit doch stärker ist als das ideologische Streben eines Weltverbessernden exzentrischen Architekten.


158 OUT OF THE WILD

Christopher Alexandero d e r w a r u m w i r a u c h n o c h den Schatten besiegen müssen

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander

b y Christoph Planer, Sabine Schö s e r

Manuel de Landa

Christopher Alexanders architektonisches Schaffen erstreckt sich auf nahezu 50 Jahre. Sein Werk umfasst sowohl Bauten als auch eine umfassende Anzahl von Texten und Büchern. Vor allem durch Letztere erlangte er Bekanntheit. Die Bücher, allen voran „A Pattern Language“, stellen für sich selbst genommen Projekte dar. Sie besitzen kaum dokumentierenden Charakter, sondern stehen und funktionieren für sich selbst. Ziel dieses Textes ist es zu zeigen, dass Alexanders Ideen bis zu einem gewissen Punkt durchaus als „radikaldemokratisch“ bezeichnet werden können und eine nicht zu unterschätzende Kritik am derzeitigen Architekturdiskurs darstellen. 1936 in Wien geboren, flüchtet seine Familie 1938 vor den Nationalsozialisten nach England. Alexander studiert in Cambridge Mathematik und dann Architektur, ehe er in die USA geht und an der Harvard University seinen Doktor in Architektur ablegt. Seine Dissertation „Notes on the Synthesis of Form“, wird 1964 publiziert. Colin Rowe und Fred Koetter schreiben in „Collage City“ über Alexanders Erstling, „Die angestrebte Wiederbelebung des Positivismus in den sechziger Jahren - in einer Zeit, als man ihn für erloschen und seine Argumente für längst abgeschafft halten konnte - wird sich im Lauf der Zeit sicher als eine der interessanteren architektonischen Kuriositäten des 20.Jahrhunderts herausstellen.“ 1 Tatsächlich löst „Notes on the Synthesis of Form“ einiges an Reaktion hervor. Unter anderem weist Peter Eisenman darauf hin, dass seine Dissertation „The Formal Basis of Modern Architecture“ eine kritische Antwort auf Alexanders Arbeit sei. 2 In „Notes on the Synthesis of Form“ entwickelt Alexander seine Idee der Diagramme. Design besteht aus Kontext und Form bzw. Problem und Lösung. Er propagiert Architektur als einen „bottom up Prozess“, einen von unten nach oben organisierten Prozess der die bei uns gängige Hierarchie umkehrt. Das komplexe Gesamtproblem einer Bauaufgabe wird in die kleinstnötigen Probleme zerlegt, die dann unabhängig lösbar sind, jedoch immer noch als Gesamtgefüge im gegebenen Kontext agieren. Alexander nennt als Beispiel hierfür die Problemlösungskompetenz sogenannter, sich nicht selbst bewusster Kulturen (unselfconscious cul-

1

S.138 ,Collage City, Colin Rowe, Fred Koetter, 1978 2 3

S. 70 Arch+ 73, 1984

„The cultures I choose to call „unselfconscious“[...] habe been called „primitive“ [...] „folk“[...]“, S.33, Notes on the Synthesis of Form, 1964, Harvard University Press, Cambridge MA


tures)3. In diesen Kulturen bestehe oft eine duale Kohärenz von gestalteten Dingen. Zum einen stehen diese stimmig in ihrem Kontext und zum anderen sind sie schlüssig in ihrer Form selbst. 4 Speziell verweist er hier auf die Hütten der Mousgoum in Kamerun.5 Er beginnt eine Kritik an der Methode des spezialisierten Gestalters zu formulieren. Für ihn ist Spezialisierung ein Symptom der sich selbst bewussten Kulturen (selfconscious cultures).6 In simplen Kulturen (simple cultures)7 haben sich Lösungen im Laufe der Zeit entwickelt und konnten sich daher langfristig neuen Umweltbedingungen anpassen. Das ist nicht zuletzt davon abhängig wie Wissen weitergegeben wird. In Kulturen dieser Prägung gilt der richtige Weg als der Weg, der nicht der falsche ist, das heißt, der Weg, der sich durch Versuch und Irrtum abzeichnet. Oder um es mit den Worten Karl Poppers zu sagen, es herrscht in der simplen Kultur (simple cultures) ein „Prinzip der dauernden Fehlerbehebung.“ 8 Langfristig werden Probleme behoben und der Gesellschaft diese Lösungen als Wissen/Tradition zugeführt. Nicht so in der „selbst bewussten Kultur“ (selfconscious cultures). Durch den Wegfall der Tradition als Argument für sein Tun muss, laut Alexander, eine Begründung für die Richtigkeit gegeben werden. Im Gegensatz zu „simplen Kulturen“ werden Problemlösungen nicht auf einem kollektiven Niveau gefunden, sondern eben auf individueller Basis. Das impliziert, dass ein Einzelner alles wissen muss und kann. Dieses spezialisierte Individuum muss einen Komplex von Problemen bewältigen. Man leitet aus Fehlschlägen generelle Richtlinien ab und fasst die Richtlinien in Kategorien zusammen. Diese starren Kategorien geben dann Handlungsanweisungen für zukünftige Probleme vor und verleiten zu einer bestimmten Art zu denken. Zu dieser Problematik schreibt Popper, dass es „eine bestimmte Art des Denkens [ist], die, gibt sie die Ziele des gesellschaftlichen und politischen Handelns vor, unumgänglich zu Gewalt und Terror führt.“ 9 Keineswegs soll hier der Architektur oder der Methode in der Architektur unterstellt werden, Brutstätte politischen Totalitarismus zu sein. Man kann jedoch moderner Architektur ein teilweise absolutistisches Denken sicher nicht absprechen. Eine Form des Denkens die bei Alexander auf Skepsis stößt. Die Kritik an diesem Totalitarismus, der in unserer Baukultur vorherrscht, formuliert Alexander in einem Interview so: „Ich weiß nicht warum, aber mir kommt vor, hier [Bezug nehmend auf Österreich] sind alle von der extremen Besessenheit ergriffen, avantgardistisch zu sein. Und deshalb fällt es Leuten auch so schwer auf dem Boden zu bleiben[...]“ 10 cultures“)3. Diese Skepsis an von Außen zugeführten Lösungen und aufoktroyierten Meinungen ist in „Notes on the Synthesis of Form“ nicht zu leugnen und setzt sich in „A Pattern Language“ fort. Die anfangs angesprochene Zerlegung eines Problemkomplexes in kleinere, lösbare Aufgaben entwickelt sich

159

4

S.31, Notes on the Synthesis of Form, 1964, Harvard University Press, Cambridge MA

5

S.31, Notes on the Synthesis of Form, 1964, Harvard University Press, Cambridge MA

6

Gegenteil von nicht selbstbewussten Kulturen siehe 3.

7

Analog zu „unselfconscious cultures“ von Alexander verwendet, siehe dazu 3. 8

Einführung in die Philosophie – Von Parmenides zur Postmoderne, Johann Mader, UTB, Facultas Universitätsverlag, unveränderter Nachdruck 2005

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Einführung in die Philosophie – Von Parmenides zur Postmoderne, Johann Mader, UTB, Facultas Universitätsverlag, unveränderter Nachdruck 2005

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S. 92, Architektur Aktuell

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in seine Idee des Archetypus weiter. Darunter versteht Alexander eine Art von größtem möglichen Konsens über die Kulturgrenzen hinweg, der auf eine allgemeine Problemstellung Bezug nimmt. Letztendlich ist aber, zumindest noch in seiner Dissertation, die Methode die vereinende Konstante. Ganz im Sinne Poppers, der den Erkenntnisprozess als Prinzip der Wissenschaftlichkeit formuliert. „Unser Wissen ist ein kritisches Raten, ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen. Es ist nicht wesentlich wie eine Theorie zustande kommt, sondern dass sie gilt und warum sie gilt.“ 11 Der Einfluss Poppers Theorie des kritischen Rationalismus ist kaum zu übersehen, in den Fußnoten zu „Notes on the Synthesis of Form“ wird zumindest viermal auf ihn verwiesen. Er geht in seiner Theorie vom kritischen Rationalismus davon aus, dass es ein sicheres Wissen nicht gibt, sondern nur eine Annäherung an die Wahrheit möglich ist. Er spricht vom Prinzip der dauernden Fehlerkorrektur, wobei ein dauerndes Lernen und Verbessern der eigenen Einstellungen, Urteile und Theorien Pflicht sei. Seine Grundthese ist, dass das Prinzip der Demokratie, der individuellen Freiheit und des Pluralismus, jene praktische Haltung zur Voraussetzung hat, die auch der wissenschaftlichen Forschung vorausgesetzt ist: Die kritisch rationale Methode der beständigen Fehlerkorrektur.“ 12 Poppers Einfluss soll in diesem Zusammenhang aber auch nicht überbewertet werden, da in späteren Werken Alexanders, jeglicher Verweis auf ihn ausbleibt. Seine Theorie soll mehr als Maßstab dienen. Die gesellschaftstheoretische Philosophie, aus „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, soll hier als Prüfung einer These auf ihren Demokratiegehalt verstanden werden. Eine tendenziell ähnliche Motivation kann ihnen dennoch unterstellt werden. Sagt Popper über sein Werk, im speziellen das Gesellschaftsphilosophische, dass er „Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen, Missstände abzustellen“13 versuche, also gesellschaftliche Probleme lösen will, so sagt Alexander in einem Interview, dass er die Welt wieder schön machen wolle. 14 11

Nach dem sehr rationalistisch und auch sehr mathematisch beeinflussten „Notes on the Synthesis of Form“ folgt sein erstes Buch als Professor der Universität in Berkley. „A Pattern Language“ wird 1977 veröffentlicht und ist einer von drei Bänden, die in derselben Schaffensperiode entstehen. Die zwei weiteren sind „The Timeless Way of Building“ und „The Oregon Experiment.“ Obwohl „A Pattern Language“ zuerst verlegt wird, geht ihm das später erschienene „The Timeless Way of Building“ (1979) voraus. Noch vor der Veröffentlichung der Bücher verfasste er ein Projekt namens „The Grass Roots Housing Process“. 1973 von Alexander mit einigen Mitarbeitern geschrieben, handelt es sich um ein Konzept, das im Vorwort so beschrieben wird:

Einführung in die Philosophie – Von Parmenides zur Postmoderne, Johann Mader, UTB, Facultas Universitätsverlag, unveränderter Nachdruck 2005

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„In place of houses that are completed before anyone knows who will live in them and are then sold as complete products, we propose a process in which the owner is intimately involved in the evolutionary design and construction of his own house.“ Das Projekt umfasst detaillierte Angaben sowohl zu organisatorischen als auch zu ökonomischen Fragen und soll, so die Rechnung der Verfasser, mit minimalem Geldeinsatz sich selbst und sein eigenes Wachstum finanziert. Das Paper ist daher an potentielle Investoren adressiert. Die Autoren glauben mit großer Überzeugung, dass dieses Konzept das Wohnproblem in vielen Teilen der Welt beseitigen könnte. Der „Grass Roots Housing Process“ besteht auf die Partizipation von Laien. Nicht ein Professionist soll alles planen. Die Nachbarschaft sowie die einzelnen Häuser entstehen durch einen kollektiven Prozess. Nicht vorgefertigte Ideen und alte Paradigmen steuern einen „top down Prozess“, sondern eine gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten lässt das Projekt entstehen. Der landläufige Prozess des Bauens wird mit einem durch und durch demokratischen Prozess ersetzt. Der Zufall will es, dass zur selben Zeit Paul Feyerabend eine Professur in Berkeley bekleidet. Feyerabend, ein enfant terrible der Philosophie, nimmt in seiner Disziplin, der Erkenntnistheorie, eine ähnlich „radikale“ Position ein. „Laien können und müssen die Wissenschaft kontrollieren. Zum Beispiel müssen demokratisch gewählte Komitees untersuchen, ob die Abstammungslehre wirklich so gut begründet ist, wie uns die Biologen einreden, [...]“ 16 Paul Feyerabend ist vor allem als großer Methodenkritiker bekannt. Er, der ursprünglich aus dem Lager der kritischen Rationalisten kommt, wird zu einem der schärfsten Kritiker dieser Haltung. Wie auch bei Popper, ist der direkte Einfluss Feyerabends kaum messbar. Sein Denken dient ebenfalls mehr dazu, Christopher Alexanders Werk in einem bestimmten Licht zu betrachten. Ob die Ideen Beider einem gewissen Zeitgeist entspringen oder von lokalen Einflüssen geprägt sind kann nicht ausgeschlossen werden. Das Kalifornien der 60er und 70er Jahre scheint jedenfalls bei keinem spurlos vorübergegangen zu sein. Auf eine konkrete Analyse dieser Umstände muss im Rahmen dieses Textes aber leider verzichtet werde. In „The Timeless Way of Building“ und „A Pattern Language“ entwickelt Christopher Alexander seine Methode der Diagramme zu einer Methode der „Pattern“ weiter. Diese „Pattern“ haben sich aus einer Art Kombination von Archetyp und Diagramm entwickelt. Ein Pattern ist ein Lösungsmuster für ein typisches Problem. Ein kürzerer Text, oft mit Bildern und Diagrammen anschaulich gemacht, der eine archetypische Lösung beschreibt. Also eine Lösung, die möglichst fundiert ist. Eine Lösung die möglichst allge-

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The Grass Roots Housing Process, by Christopher Alexander with Mike Cox, Halim Abdelhalim, Ed Hazzard, Ilhan Kural, Marty Schukert; 1973 S.11 16

Das Problem der Existenz theoretischer Entitäten. In: Der wissenschaftstheoretische Realismus und die Autorität der Wissenschaften. Ausgewählte Schriften, Band 1. Braunschweig-Wiesbaden: Vieweg 1978, S. 351 - 376


meingültig ist, die möglichst allen Menschen zugänglich ist. „The Timeless Way of Building“ ist für sich eine Art theoretische Grundlage zur „Pattern Language“. Alexanders zeitloser Weg des Bauens (Timeless Way of Building) soll keine externe Methode sein, die Dingen aufgezwungen wird. Es sei stattdessen ein Prozess der tief in uns liegt und nur herausgelassen werden müsse. 17 Eine taktisch Kluge These, zeigt sie doch deutlich seine Abneigung gegenüber aufgezwungenen Methoden und legitimiert gleichzeitig einen jeden als fähigen „Architekten“. Schlüsselbegriff zum zeitlosen Bauen (The Timeless Way of Building) ist die von ihm deklarierte „quality without a name“. In seinem Versuch einer Bestimmung der Eigenschaften dieser Qualität findet sich zum wiederholten Male Kritik an autoritären Gestaltungsmethoden. „A word, which goes much deeper than the word “exact”, is „egoless“. When a place is lifeless or unreal, there is almost always a mastermind behind it. It is so filled with the will of its maker that there is no room for its own nature.” 18 Alexanders Kritik am gängigen Arbeitsbild eines Gestalters reißt nicht ab. Ein Vergleich zu Feyerabend liegt nahe da, dieser den autoritären Wissenschaftsprozess kritisiert indem er sagt, “Schließlich ist die Annahme oder die Ablehnung wissenschaftlicher Tatsachen und Prinzipien völlig vom demokratischen Prozess der öffentlichen Informationsaufnahme, Diskussion und Abstimmung getrennt.” 19 Wenn Feyerabend die Wissenschaft von jeglichem Methodenzwang befreien wollte und seine Kritik so formulierte, “Es gibt keine besondere Methode, die Erfolg garantiert oder wahrscheinlich macht. Wissenschaftler lösen Probleme nicht darum, weil sie einen methodologischen Zauberstab schwingen. Sehr oft lösen sie Probleme überhaupt nicht, oder mit viel größeren Fehlern als ein Laie, der seinem gesunden Menschenverstand folgt.“20, dann schreibt Alexander ganz in diesem Sinn über den “Timeless Way of Building”, “Indeed it turns out, in the end, that what this method does is simply free us from all method.” 21 In Verbindung mit Paul Feyerabends Zitaten, legen Alexanders Aussagen eindeutig ihre Harmlosigkeit ab und gewinnen an Schärfe. Die Kritik an totalitären Ideen, die in ihrer Methodik gefangen sind scheint schon sehr konkret wie wir in zahlreichen Überschneidungen ihrer Argumentation und Forderungen sehen. Doch trotz aller Übereinstimmungen, sowohl mit Feyerabend als auch mit Popper, legt Alexander nie seine holistische These von der Qualität ohne Namen ab. Er relativiert zwar seine Diagramme/Pattern und lässt diese sich dem Kontext anpassen, aber stets mit dem Gedanken an das große Ganze im Hinterkopf. Aus der Mathematik kommend, lehnt sich Alexander mit Thesen

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„It is not an external method, which can be imposed on things. It is instead a process, which lies deep in us: And only needs to be released.“ The Timeless Way of Building, New York, Oxford University Press 1979, S. 14 18

The Timeless Way of Building, New York, Oxford University Press 1979, S. 36 19

Das Problem der Existenz theoretischer Entitäten. In: Der wissenschaftstheoretische Realismus und die Autorität der Wissenschaften. Ausgewählte Schriften, Band 1. Braunschweig-Wiesbaden: Vieweg 1978, S. 351 - 376 20

Das Problem der Existenz theoretischer Entitäten. In: Der wissenschaftstheoretische Realismus und die Autorität der Wissenschaften. Ausgewählte Schriften, Band 1. Braunschweig-Wiesbaden: Vieweg 1978, S. 351 - 376 21

The Timeless Way of Building, New York, Oxford University Press 1979, S. 13


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zu Ganzheit (Wholeness) und Schönheit (Beauty) allerdings weit aus dem wissenschaftlichen Fenster. Er besteht dabei nämlich immer noch auf die Rationalität und wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit seiner Argumente. Alexander bleibt weiterhin auf der rationalen Ebene stehen, während ein Paul Feyerabend diese schon verlassen hat und sich auf seine “anarchistische Erkenntnistheorie” beruft. Feyerabends Methodenanarchismus ist die Auffassung, dass es keine universellen einfachen Regeln und Methoden gibt, die für alle Wissensbereiche gleichermaßen gültig sind. In Christopher Alexanders jüngstem Werk, „The Nature of Order“, spielen eben jene zwei Begriffe Ganzheit (Wholeness) und Schönheit (Beauty) eine zentrale Rolle. Doch anstatt, wie Feyerabend, Rationalität nur als eine von vielen gültigen Geistesströmungen anzuerkennen und sich somit einen größeren Handlungsspielraum zu schaffen, definiert er ein unumstößliches allgemeingültiges Ziel, “There is the issue of emerging beauty of shape as the goal and outcome of all processes ” 22 Schönheit sei Ganzheit, sei Qualität ohne Namen und in Form von Architektur soll sie mithelfen, die Welt zu heilen, besser zu machen. Schönheit im Alexander’schen Sinn ist der Schlüssel zu erfolgreicher Architektur. “Life and beauty in the built world arise only from processes, which allow living structure to unfold.” 23 So liegt laut Alexander das einzige Geheimnis darin, was in welcher Reihenfolge geschehen muss, damit sich eine Lebensform entfalten kann. Daraus entwickle sich die wahre Schönheit. Er entwickelt seine Theorie zu einer Methode mit einem definiert Ziel und weist gleichzeitig unwissenschaftlichen Begriffen wie Seele, Geist und Gefühl einen noch stärkeren Platz zu. „How are spirit, soul, emotion, feeling to be introduced into a building, or a street or a development project, in modern times. ” 24 Doch genau das muss, laut Alexander, passieren um Architektur wieder erfolgreich zu machen. So muss Schönheit nach Alexander ein Konzept haben, einen Hintergrund, eine Argumentation. Sie wird damit nach bestimmten Kriterien messbar. Feyerabend ist weit entfernt von solchen Ansichten, auch wenn er darauf hinweist, dass in der Wissenschaft Gefühle eine starke Rolle spielen, und postuliert, dass sowohl Kunst als auch Wissenschaft eine subjektive Geschmacksfrage ist. Im (europäischen) Raum gibt es also keinen Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft.25 Auch, so Feyerabend, besitzen sie in ihrer Wertigkeit weder Fortschritt noch Verfall. Alexander aber löst sich nicht vom Bild des Mathematikers, glaubt nach wie vor an die Quantifizierung von Allem , argumentiert die Messbarkeit der Begriffe und achtet dabei immer auf die Rationalität seiner Aussagen.

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New Concepts in Complexity Theory, Christopher Alexander, 2003, Seite 3 23

Synopsis of The Nature of Order, by the Center for Environmental Structure, Berkeley, California, www. natureoforder.com/summarybk2.htm 24

Synopsis of The Nature of Order, The Center for Environmental Structure, Berkeley, California, www. natureoforder.com/summarybk4.htm 25

Denken und Leben IV. Annäherungen an die Philosophie in biographischen Skizzen. Rebellen und Exzentriker. 4-teilige ORFCD-Edition, Prof. Konrad Paul Liessmann, 2007


Er erwähnt mehrmals, wie Wichtig es ist Veränderungen in der Gesellschaft wahrzunehmen und, dass für das Schaffen schöner Objekte, und Zeit, von Paradigmenwechsel, in sämtlichen Formen, nicht übersehen werden dürfen. Er ist von der Ganzheit aller Dinge, insbesondere vom Zusammenwirken von Raum und Zeit, von Mensch und Natur überzeugt. “Any interaction, in which one coherence interacts with another, will often circle around the way that centers in mutually interacting systems support one another, or modify one another- often to create a new wholeness. ” 26 Den Begriff „whole“ definiert er, als ein räumlich zusammenhängendes Gebilde. Von diesen Gebilden ist jedes unterschiedlich und hängt verschieden stark mit den anderen zusammen. Sie überlappen sich in Folge und bilden Systeme, wodurch sie zu einem Ganzen (wholeness) werden. “A view of wholeness as an existing, guiding structure is essential in quantum physics; essential in biology; essential in ecology; in one form or another, essential in almost every branch of modern science.” 27 Somit schlägt er sich auf die Seite des Erkenntnistheoretischen Holismus nach dem eine Hypothese nicht isoliert, sondern nur im Kontext einer umfassenden Theorie überprüft (falsifiziert) werden kann. Immer noch auf der Suche nach der Wahrheit (Schönheit) in der Architektur mit Hilfe der Wissenschaft. Spätestens hier hätte Feyerabend protestiert, „Wissenschaft ist bestenfalls schön, keinesfalls wahr.“ 28 Ihm zu Folge gibt es keinen Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft, sondern nur unterschiedliche Stile, während nach Alexander das Schöne, Architektur und auch Kunst aus den bereits genannten Begriffen entsteht und nur durch diese besteht. In früheren Werken, wie „A Pattern Language“, gibt er zwar die Art und Weise vor, sich einem Entwurf zu nähern, auf eine präzise Methode wird jedoch verzichtet, denn diese entsteht im laufenden Prozess. Diese Freiheit ist das ur-demokratische Element Alexanders Theorie. Der Gestus von „A Pattern Language“ lässt dies oft nicht erkennen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass „A Pattern Language“ den unbestimmten Artikel im Titel trägt, also suggeriert, dass es sich um eine von vielen Möglichkeiten handelt, wohingegen „The Timeless Way of Building“ den bestimmten Artikel im Titel hat und auf etwas Allgemeingültiges schließen lässt. Von dieser angesprochenen Demokratie ist jedoch in The Nature of Order weit weniger zu finden. In einem Vorwort dazu, New Concepts in Complexity Theory nennt er sieben Fehler, die vom wissenschaftlichen Standpunkt aus, zu Fragen führen, welche Alexander im Laufe von “The Nature of Order” aufklärt und seinen Lösungsweg aufzeichnet. Alexanders Werk enthält viel Kritik am aktuellen Architekturgeschehen. Vielleicht aus einer Ablehnung moderner Ideen heraus entwickelt, ist sein Bild

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New Concepts in Complexity Theory, Christopher Alexander, 2003, Seite 10 27

A reply to a commentary written by William Saunders, Christopher Alexander, 2002, Architectural Record 28

Denken und Leben IV. Annäherungen an die Philosophie in biographischen Skizzen. Rebellen und Exzentriker. 4-teilige ORFCD-Edition, Dr Konrad Paul Liessmann, 2007


von Architektur auch heute noch oder eben vor allem heute eine Kritik an der Avantgarde und einer gewissen akademischen Tradition. Allen Eigenartigkeiten zum Trotz kann seine Theorie teilweise stichhaltige Argumente gegen unseren gewohnten Architekturdiskurs in Stellung bringen. Er zeigt damit vielleicht am besten die Übereinstimmungen zwischen den Avantgarden verschiedener Epochen auf und wie allgemeingültig eine Kritik gegen sie verfasst werden kann. Doch nicht nur die Avantgarde, auch die „durchschnittliche“ Gebarung von Architekten wird von seiner Arbeit hinterfragt. Das, zumindest in seinen Werken aus den 60er und 70er Jahren, vorhandene ständige Zweifeln an der Autorität des Architekten und seinen Befähigungen geht in seinen jüngsten Arbeiten deutlich verloren. Argumente werden weniger nachvollziehbar, stehen wegen seltsamer, fast esoterischer Begriffe in einem anderen Licht. Fast scheint es, als hätte die kalifornische Sonne die saftigen Wiesen seiner Argumente in Steppen der Esoterik verwandelt. Er klammert sich an den dünnen Strohhalm der Wissenschaft um nicht ins Irrationale zu verfallen. Der Vorwurf der Irrationalität dürfte Alexander schwer treffen. Ihn, der aus der Tradition der Naturwissenschaften kommt, und sich zeitlebens nicht von diesem Ethos wird trennen können. Seine Werke, “Notes on the Synthesis of Form”, das Werk eines Mathematikers und Architekten, sowie “The Timeless Way of Building” und “A Pattern Language”, das Werk eines soziologisch interessierten Architekten und Wissenschaftlers, wollen der Architektur gewisse Qualitäten zurückbringen und versuch das durch Einbeziehen von Laien in den Architekturprozess. Diese partizipativen Ansätze werden in “The Nature of Order” durch absolutere, rigidere Grundsätze ersetzt, die ihrerseits, nicht durch einen demokratischen Prozess legitimiert sind und Allgemeingültigkeit erheben. Alexander versucht mit seiner Arbeit, den “Gott der Moderne” zu töten und stolpert dann dennoch über dessen Schatten. Anstatt sich, wie Feyerabend, von der Rationalität als Grundsatz aller Wissenschaft zu lösen, stellt er sein Gedankengebäude auf deren marode Fundamente. Alexander scheint zuletzt ein Opfer seiner eigenen Rigidität geworden zu sein. Seine Thesen immer weiter spinnend, verfällt er seiner eigenen Argumentation, die zum Selbstzweck verkommt und nur mehr selbstreferentiell funktioniert. Und trotzdem muss man Alexander vor allem seine Kritik an aufgezwungenen Systemen und Methoden hoch anrechnen. Eine auch heute noch gültige Kritik die leider oft zu tief unter einem antiquiert scheinenden Gestus verborgen bleibt.

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Manuel De Landa

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa


167 OUT OF THE WILD

Das Machinic Phylum Vo n A k t i o n und Reaktion oder Eingriff und Auswirkung

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander

v on Armin Colz und Ute Niederma y r

Manuel de Landa

Das Aktion und Reaktions- oder Eingriff und Auswirkungs-Prinzip Die an der spanischen Südküste gelegene Provinz Almeria bildet eines der größten Anbaugebiete von Obst und Gemüse innerhalb Europas. Fördermittel der EU haben den Ausbau der Agrarplantagen (z.B. Bewässerungsanlagen) und die daraus resultierende Massenproduktion von Tomaten, Paprika, Melonen und Erdbeeren erst möglich gemacht.

1:Luftaufnahmen von den Obst- und Gemüsenplantagen in der südspanischen Provinz Almeria

Wie aus einem Artikel1 auf der Website www.stiftung-naturschutz.de entnommen, werden, durch das mit Hilfe von Substraten aufgezogene Gemüse, bis zu fünf Ernten jährlich erzeugt. Dadurch können bis zu 350.000 Tonnen Obst und Gemüse in die EU exportiert werden. Die, für europäische Supermärkte nicht geeignete Ware, wird in Entwicklungsländer verschifft. Durch die Massenproduktion und die daraus resultierenden Billig-Preise können weder die lokalen Kleinbauern in der EU, noch die Bauern in den Entwicklungsländern mithalten. Durch die Subvention der Anbaugebiete in Almeria, schwächt die EU unabsichtlich die Wirtschaft nicht nur in den eigenen Staaten, sondern auch in den schon ohnehin wirtschaftlich geschwächten Entwicklungsländern. Dieses Beispiel versucht zu verdeutlichen, dass bereits ein „kleiner“ Eingriff, in diesem Falle die besagte Subvention des Obst- und Gemüseanbaus in Almeria durch die EU, umfassende und weitreichende Wellen schlagen kann (eine geschwächte Wirtschaft und deren möglichen Folgen).

1 Marianne Weno, Mar de plastico,2005, www.stiftung-naturschutz.de


168 Einleitung In ähnlicher Art und Weise versucht Manuel De Landa in seinem Buch „War in the age of Intelligent Machines“ sogenannte Eingriffe, anhand von technologischen Erfindungen im Kriegswesen, und deren Folgen auf das militärische und soziale Umfeld, aufzudecken. „War in the age of intelligent machines“ erschienen 1991 bei Zone Books, New York ist sein erstes Werk. In einem Interview aus dem Jahre 1998 beschreibt De Landa seinen Beweggrund, Krieg als Thema seines Buches zu wählen: „I had been reading people like Michel Foucault („Discipline and Punishment“) and had become aware of the role of military discipline in so many areas of civilian life..., and ready to follow the trail. It was following that trail that the „War“ book got written,... .“2 Weitere Beweggründe liegen sicherlich in der Zeit der 80er und frühen 90er: die über 10 Jahre andauernden Golfkriege (1980-1988, 1990-1991), und den Kriegen im Iran und in Afghanistan.

Das machinic phylum In der Einleitung des Buches „War in the age of intelligent machines“ führt De Landa den Begriff des machinic phylums ein. Das machinic phylum dient als Konzept bzw. Leitfaden, welcher sich durch das gesamte Werk zieht und anhand dessen De Landa versucht Ereignisse bzw. „Eingriffe“ und deren Auswirkungen zu erklären. Er selbst sagt dazu: „I have borrowed from the philosopher Gilles Deleuze3 the concept of the “machinic phylum”, the term he coined to refer to the overall set of selforganizing processes in the universe.”4 De Landa erklärt den Begriff des machinic phylum folgendermaßen: „… in its more general sense it refers to any process in which order emerges out of chaos,... . All these processes depend on critical points in the rate of flow of matter and energy, so the machinic phylum may be defined more generally as “the flow of matter movement, the flow of matter in continuous variation, conveying singularities”5.”6 Anhand des Beispiels „the turbulent behavior of liquids“ soll die Theorie des machinic phylum und der De Landa’schen Terminologie genauer erklärt werden: „...But when a certain threshold ... is reached, a flowing liquid under goes

2

Manuel De Landa,Interview,1998, www.switch.sjsu.edu 3

Gilles Deleuze und Felix Guattari, A Thousands Plateaus,1980 4

Manuel De Landa,War in The Age of Intelligent Machine, Zone Books,New York,1991,S.6 5 Gilles Deleuze und Felix Guattari, A Thousands Plateaus,1980 6 Manuel De Landa,War in The Age of Intelligent Machine, Zone Books,New York,1991,S.20


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a process of self-organization: its component molecules begin to move in concert to produce highly intricate patterns. Transition points like these, called “singularities” where order spontaneously emerges out of chaos,… . These points or thresholds in the rate of flow of matter and energy are referred to us “singular”, because they are rare and special. …suddenly, when temperature reaches a critical value, all the molecules of a liquid undergo a radical transformation and enter into crystal formations. The liquid solidifies at a singular point in temperature.”7

2:Wasserbrunnen 3:Schneekristall

Wasser unter Einwirkung eines Faktors wie z.B. Temperatur weißt gewisse Verhaltensmuster auf. Steigt oder sinkt die Temperatur ändert sich die Struktur des Wassers nur geringfügig. Erreicht die Temperatur jedoch einen gewissen Grenzwert (treshold), in diesem Falle die Null Grad Grenze, unterzieht sich das Wasser einem selbstorganisierenden Prozess (process of self-organisation). Solche Übergangspunkte bzw. Grenzwerte bezeichnet De Landa als Singularitäten. Singular deshalb, weil solche „Übergangspunkte“ selten sind. Nur bei Null Grad ändert das Wasser seinen Aggregatszustand und wird zu Eis. Aber wo genau in diesem Beispiel findet man nun das machinic phylum, das wie es De Landa bezeichnet, laut Deleuze einen selbstorganisierenden Prozess beschreibt? Nun das machinic phylum beschreibt einen Prozess, der exakt zu einem einzigen spezifischen Moment (Singularität), parallel mitläuft. Erreicht das Wasser die Null Grad Grenze beginnt sich die Struktur der Wassermoleküle zu verändern und sie nehmen eine neue Formation an. Das machinic phylum ist ein Prozess der genau im gleichen Moment, wenn Wasser zu Eis wird, sozusagen im Hintergrund mitläuft. Das machinic phylum beschreibt somit eine philosophische Anschauungsweise, die De Landa benutzt, um Sachverhalte, und deren ab einem bestimmten Punkt selbstorganisierendes Verhalten, darzulegen.

Das Machinic phylum und der Krieg Wie schon oben erwähnt steht die Theorie des machinic phylums auch

7

Manuel De Landa,War in The Age of Intelligent Machine, Zone Books,New York,1991,S.15


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hinter dem Buch „War in the age of intelligent machines“. Man wird sich nun fragen, wo genau das machinic phylum in der Kriegsgeschichte zu finden ist? De Landa schreibt folgendes: „I will follow in this book to “track” the effects of the machinic phylum into the realm of warfare and computers …”8 “There are many points of contact between war machines and the machinic phylum. In order to chart the distribution of these points, we will consider a given war machine as a composed of a hierarchy of levels, … At the lowest level, there are weapons,… . One level above, we have tactics,… . The next level is one strategy,… . Finally we reach the level of logistics, … .”9 De Landa bezeichnet die Kriegsmaschinerie als eine Hierarchie aus vier verschiedenen Komponenten: Waffen, Taktik, Strategie und Logistik. Wird eine neue Waffe entwickelt, hat dieser Eingriff massive Auswirkungen auf alle Komponenten: Es ändert sich sowohl die Taktik, als auch die Strategie und Logistik eines Kampfes. „…The phalanx was a square of soldiers,…fighting together in tight formations. …the increased range of firearms made tight formations prohibitively expensive (in human lives), … .”10

4:Phalanx 5: US-Truppen in An Thi

Die Griechen entwickelten die Phalanx, eine starre geschlossene Kampfformation von Schwerbewaffneten, deren Aufgabe einzig und allein darin bestand, Terrain einzunehmen und zu halten. Durch die Verbesserung der Phalanx von den Römern, blieb sie bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die erfolgreichste militärische Formation. Erst als gegen Ende des 15. Jahrhunderts das Schwarzpulver, mit der einhergehenden Erfindung der Kanonen, Einzug in den Militärapparat hielt, wurde die Phalanx von der Artillerie abgelöst; Taktik, Strategie und auch die Logistik musste an diese Neuerungen angepasst werden. Auch in diesem Beispiel wird deutlich welche Auswirkungen ein relativ „kleiner“ Eingriff, der Einsatz des Schwarzpulvers im Militärapparat, hat. Und genau hier ist das machinic phylum zu finden: ein begleitender, abstrakter Prozess, der parallel zum Eingriff und Auswirkungs- Prinzip,

8

Manuel De Landa,War in The Age of Intelligent Machine, Zone Books,New York,1991,S.9 9 Manuel De Landa,War in The Age of Intelligent Machine, Zone Books,New York,1991,S.23 10

Manuel De Landa,War in The Age of Intelligent Machine, Zone Books,New York,1991,S.53


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mitläuft.

„Intelligent machines“ Es wird nun klar ersichtlich welche Auswirkungen sogenannte „intelligente Erfindungen“ nicht nur auf Taktik, Strategie und Logistik haben, sondern dass Krieg immer auch die Gesellschaft und deren Umfeld geprägt hat. Die Erfindung der Schusswaffe verändert nicht nur die Truppenformation, ihre Aufstellung im Kampf, die Geschwindigkeit der Kampfmanöver, sondern wirkt sich auch auf die Architektur der Festungen aus. „When the mobile siege cannon was first deployed (ca.1495), the high walls of medieval castles were it first victim. High walls,…, presented ideal targets for the new weapons. Accordingly, defense trough height gave way to a new concept: defense in depth (…) and geometric designs which allowed the defenders of a fortress to submit its attackers to a powerful crossfire. Four centuries later, the offense created a radically new vehicle to deliver its message of shock and fire, the aerial bomber. As a response to this new means of communicating destruction, the fortified walls mutated again, in effect “dematerializing” to become the electronic curtain of radar. … .”11

6: Festung von Naarden 7: PAVE PAWS Radar

Hohe Mauern wurden vor allem gebraucht um das Eindringen des Feindes zu erschweren. Je höher die Mauer, desto schwerer konnte er darüber klettern. Durch den Einsatz der Kanonen wurde nun eine neue Art von Schutzmauern benötigt. Der Abstand zwischen Schutzmauer und Wohnsiedlung musste vergrößert werden. Durch den Einzug einer wiederum „neuen intelligenteren“ Waffe, den Flugzeugen bzw. Bombern, waren Stadtmauern jeglicher Art überflüssig. Schutzzonen wurden nicht außerhalb der Stadt, sondern „unter der Stadt“, in Form von Bunkern, errichtet. Weiteres kam einen neue Art von „Schutz“ hinzu: Präventive technologische Warnsysteme. Durch den Radar konnten feindliche Luftangriffe erkannt werden, und zur Gegenoffensive gestartet werden. Der Kampf spielte sich von nun nicht

11

Manuel De Landa,War in The Age of Intelligent Machine, Zone Books,New York,1991,S.77


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mehr nur am Boden ab, sondern auch in der Luft. „Some military theoriticians go so far as to say that the city itself is not of mercantilist origin but simply a product of the geometrical needs of the walled space of war.12And this is especially true for the evolution of cities after 1494, once the „private castle“ began to be replaced by the more complex „State fortress“13.“14 Laut De Landa behaupten Theoretiker, dass die Stadtentwicklung nicht nur eine, aus agrarwirtschaftlichen Gründen eingeleitete Evolution ist, sondern viel mehr aus verteidigungstechnischen Anforderungen des Krieges entstanden ist: Die Evolution der Stadt als ein Produkt des Krieges mit räumlichen Auswirkungen.

„War in the age of intelligent machines” Ein „kleiner Eingriff“ kann bereits weitreichende Wellen schlagen. „Intelligent machines“ oder innovative Erfindungen revolutionierten nicht nur den gesamten Kriegsapparat zur jeweiligen Zeit, wo sie eingesetzt wurden, sondern „evolutionieren“ die Gesellschaft und ihren Raum. Das machinic phylum ist dabei die unsichtbare, abstrakte Komponente, die das Aktion und Reaktions- oder Eingriff und Auswirkungs-Prinzip parallel dazu begleitet.

12 Paul Virilio und Sylvere Lotringer, Pure War, Semiotexte,New York,1986, S.4 13

Paul Virilio und Sylvere Lotringer, Pure War, Semiotexte,New York,1986, S.14 14

Manuel De Landa,War in The Age of Intelligent Machine, Zone Books,NewYork,1991,S.49


173 OUT OF THE WILD

H i s t o r y s tr i k e s b a c k

Otto Neurath

T h e r e l e v a nce of history in present

Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa

b y Hannes Erharter, Miriam Doble r

Die Welt wird immer komplexer. Informationstechnologien haben sich mit hoher Geschwindigkeit zwischen Mitte der siebziger und neunziger Jahre über den gesamten Globus ausgebreitet. Im Gegensatz dazu fanden früher technologische Entwicklungen, die einen großen Einfluss auf den Menschen hatten, aufgrund geringer Mobilität nur in begrenzten geografischen Gebieten statt.1 Informationstechnologien durchdringen alle Grenzen und führen zu einer globalen Transformation von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft und haben demzufolge auch Auswirkungen auf die räumliche Entwicklung. Wissen und Information werden ohne Zeitverzögerung von einem Kontinent zum anderen übermittelt, Gebiete interagieren und bilden ein eng verflochtenes Netzwerk, das durch einen steten Wandel gekennzeichnet ist. Manuel Castells, ein Soziologe, der sich mit den Auswirkungen der Informatiostechnologien auf Gesellschaft und Raum auseinandersetzt, meint zwar, dass Netzwerke als Form sozialer Organisation schon früher vorhanden waren, allerdings nehmen sie im Medienzeitalter eine andere Dimension an, sie greifen sozusagen in rasendem Tempo in die gesamte gesellschaftliche Struktur ein. Eine Krise wie das gegenwärtige Finanzdebakel, Erfindungen oder Konflikte beschränken sich nicht nur auf ein bestimmtes Gebiet, sondern haben eine Veränderung des gesamten Systems zur Folge.2 „Insgesamt entwickelt sich das informationstechnologische Paradigma nicht in Richtung eines geschlossenen Systems, sondern hin zu einer Offenheit als Netzwerk mit vielen Anbindungen.“3 Wissenschaftler haben längst erkannt, dass eine lineare Betrachtung nicht ausreichend ist und betonen die nichtlineare Dynamik, die von einer Wechselwirkung zwischen unterschiedlichen Komponenten ausgeht, als den fruchtbarste Ansatz zum Verständnis des Verhaltens von lebenden Systemen in der Gesellschaft wie in der Natur.

A Thousand Years of Nonlinear History Manuel De Landa, ein mexikanischer Philosoph, teilt diesen nichtlinearen Ansatz und versucht damit natürliche und kulturelle Phänomene zu erklären. In seinem zweiten Buch, A Thousand Years of Nonlinear History, das

Vgl. Manuel Castells, Das Informationszeitalter Bd.I, „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“, Leske + Budrich, Opladen, 2001, S.36 2 Manuel Castells, „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“, a.a.O., S. 528, „Die Inklusion und Exklusion aus Netzwerken und die Architektur der Beziehungen zwischen den Netzwerken, die durch Informationstechnologien in Lichtgeschwindigkeit in Gang gesetzt werden, konfigurieren die herrschenden Prozesse und Funktionen in unserer Gesellschaft. Netzwerke sind offene Strukturen und in der Lage, grenzenlos zu expandieren und dabei neue Knoten zu integrieren, […] Eine auf Netzwerken aufbauende Gesellschaftsstruktur ist ein hochgradig, offenes System, das erneuert werden kann, ohne dass das Gleichgewicht in Gefahr geriete.“ ³ Manuel Castells, „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“, a.a.O., S.81 1


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1997 erschienen ist, erforscht De Landa die Geschichte des letzten Jahrtausends4 rückwirkend unter nichtlinearen Gesichtspunkten. Damit schafft er ein neues Verständnis für die menschliche Gesellschaft, die sich in der ständigen Veränderung von Städten, Wirtschaft, Technologie und Sprache artikuliert. Bereits die ersten Zeilen im Buch bringen die zentrale These klar hervor: „All structures that surround us and form our reality (mountains, animals and plants, human languages, social institutions) are the products of specific historical processes.”5 De Landa vertritt den Standpunkt, dass historische, nichtlineare Prozesse für die Entstehung aller uns umgebenden Strukturen verantwortlich sind. Damit betont er, dass Strukturen nicht isoliert betrachtet werden können, sondern sich gegenseitig in ihrem Dasein beeinflussen. Für ihn liegt in der traditionellen Geschichtsschreibung das wesentliche Problem darin, dass dieser immer eine philosophisch voreingenommene Sichtweise zugrunde liegt, und dass sie damit zu subjektiv ist. Zudem kritisiert er den Umstand, dass meist nur die menschliche Geschichte untersucht wird. Manuel De Landa folgt mit seiner nichtlinearen Geschichtsbetrachtung der Methodologie und Praxis der so genannten École des Annales, einer Gruppe französischer Historiker, die Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet wurde. Der damaligen Geschichtsschreibung wurde von benachbarten Disziplinen vorgeworfen, sich nur mit politischen Einzelfällen zu beschäftigen. Vertreter der École des Annales, wie beispielsweise Fernand Braudel, haben daraufhin begonnen, sich von der Ereignisgeschichte abzuwenden, um den Schwerpunkt auf die Strukturgeschichte zu legen: die einzelnen Kräfte, die zu den Ereignissen führen, zählen mehr als das Ereignis selbst. Geografische, soziale, kulturelle, ökonomische und politische Phänomene werden einbezogen.6 De Landa erweitert diesen Ansatz aber interessanterweise um naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus verschiedenen Bereichen, wie beispielsweise der Thermodynamik. In den Sechzigern wurde von dem späteren ChemieNobelpreisträger Ilya Prigogine bewiesen, dass die klassischen Resultate nur für geschlossene Systeme, die sich im Gleichgewicht befinden, gültig sind. Bringt man das System durch eine Energiezufuhr oder -abfuhr aus dem Gleichgewicht, steigt die Anzahl der möglichen Ergebnisse immens an. Da alle Komponenten des Systems miteinander in Wechselbeziehung stehen, haben bereits kleinste Veränderungen unabsehbare Auswirkungen auf das Endprodukt.7 Wie schon anfangs erwähnt, erscheint gerade in den Sozial- und Naturwissenschaften eine nichtlineare Betrachtung zwingend, da sich lebende

Es wird vermutet, dass sich De Landa bei den angeführten 1000 Jahren auf die Aussage Braudels`stützt, der behauptet, dass die Zivilisierung Europas vor ca. 1000 Jahren begonnen hat. Zudem könnte es eine Anlehnung an Deleuzes`1000 Plateaus sein. 5 Manuel de Landa, „A Thousand Years of Nonlinear History“, Swerve Editions, New York, 1997, S. 11 6 Vgl. hierzu De Landa: „I take as my point of departure a view shared by several materialist historians, principally Braudel and McNeill.”, Ebd., S. 19 7 Vgl. hierzu De Landa: „When we study a given physical system, we need to know its history to understand its current dynamical state.”, Ebd., S. 14 4


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Systeme ständig weiterentwickeln können. In dieser Hinsicht beschreibt De Landa die menschliche Gesellschaft als eine Struktur, die in der Lage ist, qualitativ verschiedene Zustände einzunehmen. „Human society may be seen as a ‚material’ capable of undergoing these changes of state as it reaches critical mass.”8 Wie zum Beispiel Wasser durch Energiezufuhr von einem stabilen Zustand (fest, flüssig, gasförmig) in einen anderen wechseln kann, so wird eine Transformation der menschlichen Gesellschaft bewirkt, wenn intensive Einflüsse darauf einwirken. Auf dieser Grundlage untersucht De Landa zunächst die Geschichte der sozialen Entwicklung im urbanen Raum seit dem Mittelalter. Die Prozesse, die dabei vorherrschen, werden aus Sicht der Geologie betrachtet, weil seiner Meinung nach Institutionen wie Städte und Märkte denselben Entstehungsprozess haben wie Felsen und Berge. Damit stellt De Landa also in Aussicht, dass sozialgeschichtliche Entwicklungen mit materiellen Mechanismen zu erklären sind. Er unterteilt dabei grob in zwei Erscheinungsformen: Die hierarchische und die netzwerkartige Struktur, die beide von einem unterschiedlichen Mechanismus generiert werden.9 Eine Hierarchie entsteht, indem gleiche Elemente durch eine Sortierung und einen anschließenden Verfestigungsprozess in eine Ordnung, ein homogenes Gefüge, gebracht werden. Als Beispiel führt De Landa die Bildung einer sozialen Rangordnung wie folgt an: „In short, to transform a loose ranked accumulation of traditional roles (and criteria of access to those roles) into a social class, the latter needs to become consolidated via theological and legal codification.”10 Demgegenüber bestehen Netzwerke aus unterschiedlichen Elementen, die durch einen Katalysator (ein Stoff, der durch seine Anwesenheit chemische Reaktionen herbeiführt, oder in ihrem Verlauf beeinflusst, selbst aber unverändert bleibt)11 dazu gebracht werden, eine Verbindung einzugehen. Das einfachste Beispiel für ein kulturelles Netzwerk ist laut De Landa ein kleinstädtischer Markt. Menschen mit unterschiedlichen Interessen treffen zusammen und können mit Hilfe von Geld eine Übereinkunft treffen. Das Geld spielt dabei dir Rolle des Katalysators. Im Vergleich zum reinen Tauschhandel, bei dem die Interessensübereinstimmung zwischen zwei Personen sehr schwer zu erreichen ist, tritt durch das Zwischenschalten eines allgemein gültigen Zahlungsmittels, das als Katalysator fungiert, eine viel höhere Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Abschlusses auf. Die oben beschriebenen, eindeutigen Formen von Netzwerk und Hierarchie sind für Erklärungszwecke idealisiert angenommen, da sie in Wirklichkeit nicht als Reinform auftreten. Hierarchien sind immer eingebettet in ein

Ebd., S. 15 Vgl. hierzu De Landa: „Markets and bureaucracies, as well as unplanned and planned cities, are concrete instances of a more general distinction: selforganized meshworks of diverse elements, versus hierarchies of uniform elements.”, Ebd., S. 32 10 Ebd., S. 62 11 Duden, Das große Fremdwörterbuch, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 4., aktualisierte Auflage, (Stichwort „Katalysator“) 8

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Netzwerk, genauso können Netzwerke ohne eine gewisse Hierarchie nicht bestehen. „But again, meshworks and hierarchies not only coexist and intermingle, they constantly give rise to one another. For instance, as markets grow in size they tend to form commercial hierarchies.”12 Für De Landa ist somit der Grad der Hierarchie entscheidend. Interessanterweise geht De Landa in dieser Perspektive auch auf Phänomene aus Sicht der Biologie ein. Unterschiedliche Gene sind der Grund dafür, dass jede einzelne Lebensform individuell ist. De Landa beschreibt dazu: „Most importantly, most of the genes that aren’t common to all human communities define literally superficial traits: skin color, hair form, body shape, and stature.”13 Das Gen gilt als Code, der immer wieder vervielfältigt und verändert werden kann, und dadurch die Bildung von Variationen ermöglicht. Alle Gene zusammen bilden einen so genannten Genpool, der somit nicht fixiert ist, sondern sich ständig weiterentwickelt. Natürliche und kulturelle Gegebenheiten wie Klima, Krankheiten oder kulturelle Sitten beeinflussen zwar die Entwicklung des genetische Materials, jedoch ist die Vermischung der Gene durch Migration, wie De Landa anführt, der Hauptgrund für die dynamische Entwicklung des Genpools. „The genes that define the ‚outer shell’(as well as those few that involve biologically important functions, such as resistance to malaria or the ability to digest milk) evolved in historical times, which proves that the human gene pool is still changing. But this kind of change (‚geologically’ slow change) has not played the central role in the dynamics of the human gene pool. That honor is reserved for large migratory movements that mixed hitherto separate populations.” 14 De Landa stellt sich demnach klar der Präformationslehre entgegen, die davon ausgeht, dass Veränderungen der Gene nur durch die Vererbung stattfinden. De Landa veranschaulicht am Beispiel der Kolonialisierung, welchen Stellenwert die räumliche Ausbreitung auf die Weiterentwicklung der Gene hat. In den dichtbesiedelten, europäischen Städten des Mittelalters sind schnell neue Krankheiten entstanden. Epidemien waren Auslöser für die Entwicklung von Abwehrstoffen, als Folge wurden die Gene zunehmend resistenter gegen den Krankheitserreger. Die Europäer hatten somit Abwehrkräfte entwickelt, die den Eingeborenen der späteren Kolonialländer noch nicht zur Verfügung standen. Beispielsweise waren die Spanier im Gegensatz zu den Ureinwohnern Mexikos resistent gegen Pocken und Masern. Die entscheidenden Faktoren für die Eroberung waren also oft nicht nur Muskelkraft oder technische Überlegenheit, sondern zu einem beträchtlichen Teil auch

Manuel de Landa, „A Thousand Years of Nonlinear History“, a.a.O., S. 32 13 Ebd., S. 113 14 Ebd., S. 114 12


die Unterschiede in den Genpools. Dadurch, dass sich neue Gene mit bestehenden Genpools vermischen konnte, hatte die Kolonialisierung großen Einfluss auf die Evolution der Gene. De Landa vertritt somit den Standpunkt, dass die räumliche und genetische Entwicklung in einer ständigen Wechselbeziehung stehen. Anhand der menschlichen Sprache zeigt Manuel De Landa den Einfluss, den soziale Strukturen auf eine kulturelle Struktur ausüben können. De Landa führt an, dass Sprache ein selbstorganisierendes System ist, in dem zwar gewisse Spielregeln definiert werden, die aber von jeder sozialen Gruppe anders angewendet werden können. Da jede Generation Veränderungen am Sprachgebrauch vornimmt, entwickelt sich die Sprache in unterschiedlichen Variationen weiter. Je öfter ein Wort verwendet wird, desto stabiler wird die Bedeutung mit der Zeit, und je dichter das soziale Netzwerk, desto stärker ist diese Regelung. Das Wort „googeln“ zeigt beispielsweise, wie schnell ein neuer Begriff in den allgemeinen Wortschatz aufgenommen werden kann. Ein konträres Beispiel liefert die lateinische Sprache, deren Einfluß seit dem Mittelalter deutlich abgenommen hat. Latein war durch die Zentralisierung der Kirche lange Zeit Hauptsprache in Europa. Die rigide Form der Sprache hat sich den sozialen Veränderungen nicht angepasst, weshalb sich mit der Zeit lokal unterschiedliche Dialekte herausgebildet haben. Als Folge der Migration von den ländlichen Gebieten in die Städte überlagerten sich auch die verschiedenen Dialekte. Dieser Umstand hatte die Ablösung der Amtssprache Latein, und somit auch eine immense Schwächung der kirchlichen Institution zur Folge. Soziale Strukturen und Sprache verändern sich demnach immer miteinander. Abschliessend kann gesagt werden, dass De Landa in A Thousand Years of Nonlinear History die Geschichte als Beweisführung seiner nichtlinearen Theorie verwendet. Mit Beispielen aus der Geologie, der Biologie und der Linguistik zeigt Manuel De Landa, dass sich sämtliche Strukturen in einem dynamischen, selbstorganisierenden Prozess entwickeln. Im Vergleich zur geologischen Struktur, dessen Zustand relativ stabil bleibt, verändern biologische und kulturelle Strukturen deren Zustand in einem permanenten Entwicklungsprozess. De Landa führt zwar an, dass diese Mechanismen vereinfacht dargestellt sind, er betont aber deren heuristischen Wert, um sie in unterschiedlichen Disziplinen (z.B. Geologie, Biologie, Soziales) anwenden zu können. Was dieses Buch besonders auszeichnet, ist die Beschreibung der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Raum. „Alle Sozialwissenschaften haben über ihre unterschiedlichen Hilfs-

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mittel und Forschungsfelder hinaus nur ein Ziel. Und dieses Ziel ist der Mensch, stets der Mensch, den es letzten Endes zu begreifen gilt. Der Mensch, das bedeutet die Gesellschaft, die Staaten. Man bedient sich dabei der Untersuchung von Zeit und Raum.“15 Für De Landa hat die räumliche Ausdehnung eine Konsequenz auf die Evolution, sowie auch die Evolution Auswirkungen auf die Räume hat. Beispielsweise erzeugten Verdichtungen Krankheiten, die den Genpool manipulierten. Durch Verdichtungen überlagerten sich aber auch unterschiedliche Dialekte, die wiederum eine neue Sprache, also soziale Identität, formten. Eine einheitliche Handelssprache machte es erst möglich, Netzwerke zwischen Ländern aufbauen zu können.

History revives Wesentlich für das Verständnis von De Landas Theorie ist der Vergleich mit dem französischen Historiker Fernand Braudel, der ebenfalls davon ausgeht, dass die räumliche und gesellschaftliche Entwicklung durch ein komplexes Muster von Interaktionen gekennzeichnet ist. Das Raummodell, das De Landa in A Thousand Years of Nonlinear History beschreibt, ist an dessen Auffassung von Raum angelehnt. Braudel erforscht Strukturen nach ihrer Dauer und zeigt, dass Zeit massgeblich ist für die Beziehung zwischen Mensch und Raum. Die Charakterisierung dreier Zeitstufen (dauerhaft, lange und kurze Dauer) entspricht bereits einer nichtlinearen Denkweise. Die Geografie ist etwas dauerhaftes, beinahe unbewegliches. Soziale, ökonomische Strukturen und ihre Bewegungen bestehen über längere Zeit, hingegen sind spontan auftretende Ereignisse von kurzer Dauer. Die Zeiten überlagern und beeinflussen sich gegenseitig. Am Beispiel der Hafenstadt Venedig wird der Einfluß, den der Mensch auf die Umgebung ausübt, deutlich: der schnell aufkommende Handel im Mittelmeer bewirkte eine lanfristig andauernde Veränderung der gesamten Region. In seinem Aufsatz Géohistoire und geographischer Determinismus veranschaulicht Braudel wie der Raum auf den Mensch einwirkt: „Die Bewohner der Ebenen sind, durch die Bequemlichkeiten, über die sie verfügen, durch die Leichtigkeit für Handel und Verkehr, gewöhnlich weise und vorsichtig. Dagegen sind diejenigen, die in Gebirgsregionen wohnen, durch den rauhen Charakter der Stätten, die sie bewohnen, und die Roheit ihrer Sitten … mutig und kühn.“ 16 De Landa scheint dem übereinzustimmen. Das Beispiel der Genvariationen, das zuvor beschrieben wurde, verdeutlicht die Parallele zu Braudel. „Of course, in reality most species retain a degree of heterogeneity, particularly if the selecting environment is itself heterogeneous in time or space. Besides, a totally homogeneous species would be incapable of

Fernand Braudel, „Geohistorie und geographischer Determinismus“, in: Jörg Dühne / Stephan Günzel: Raumtheorie, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2006, S.396 Ergänzend dazu eine treffende Beschreibung von Manuel Castells: „Wir sind verkörperte Zeit, wie auch unsere Gesellschaften Produkte der Geschichte sind.“ Manuel Castells, „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“, a.a.O., S. 485 16 Fernand Braudel, „Geohistorie und geographischer Determinismus“, a.a.O., S. 406 15


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evolving, since natural selection requires variation in the gene pool as its raw material.” 17 Braudel und De Landa beschreiben die Geschichten verschiedener Strukturen, die sich überlagern und aufeinander einwirken und somit die Entwicklung von Mensch und Raum in Gang setzen. Die strikte Unterteilung dreier Zeitstufen, die von Braudel formuliert werden, ist bei De Landa jedoch nicht offensichtlich zu erkennen. Allerdings betont auch er, dass Strukturen unterschiedliche Intensitäten haben, und somit jeder Eingriff eine unterschiedlich grosse Bedeutung hat. Genauso wie bei der raumtheoretischen Betrachtung ist auch hinsichtlich der Wahrnehmung der Stadt ein wesentlicher Einfluss von Braudel auf De Landa zu verzeichnen. Beide teilen die Ansicht, dass die Bewegung, der Fluss von Waren, Menschen und Energie, das charakteristische Merkmal einer Stadt ist. Als Folgeerscheinung der Arbeitsteilung (Feldarbeit auf der einen und städtische Wirtschaftstätigkeit auf der anderen Seite), entstand eine räumliche Trennung von Produktion und Konsumtion und somit eine gegenseitige Abhängigkeit der Stadt von ihrem Umland. Diesbezüglich führt De Landa in A Thousand Years of Nonlinear History folgendes Zitat von Braudel als Fuβnote an: „[…] every town welcomed movement, recreated it, scattered people and goods in order to gather new goods and new people, and so on. It was this movement in and out of its walls that indicated the true town.”18

1 Stadt und Umland (Manchester, William Wylde, 1857, wikipedia)

Manuel de Landa, „A Thousand Years of Nonlinear History“, a.a.O., S. 112 18 Fernand Braudel, „Capitalism and Material Life 1400-1800“, Harper and Row, New York, 1973; zitiert nach Manuel de Landa, „A Thousand Years of Nonlinear History“, a.a.O., S. 279 17

Zusätzlich betont De Landa jedoch den Einfluss gewisser Institutionen, die eine katalytische Wirkung auf die Bewegungen innerhalb der Stadt haben. Gesetze und Märkte sind für ihn Grundbedingungen für einen funktionierenden Austausch.


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“[…] cities arise from the flow of matter-energy […] Our historical exploration of urban dynamics must therefore include an analysis of the institutions that inhabit cities, whether the bureaucracies that run them or the markets that animate them.”19

2 Warenhandel (Teilansicht der Notre-Dame-Brücke; aus Fernand Braudel, Sozialgeschichte 15.-18. Jhdt., Bd.1 „Der Alltag“, Kindler Verlag, 1985) 3 Hafenstadt (aus Fernand Braudel, „The Mediterranean and the Mediterranean World in the Age of Philip II“, Volume II, Univ of California Print, 1996)

Hinsichtlich einer systematischen Einteilung der Städte geht De Landa wie Braudel davon aus, dass die Form der Stadt entweder bewusst geplant wird oder sich durch Anpassung an die topografischen Gegebenheiten ergibt. Braudel unterteilt grob in drei wesentliche Stadttypen: offene Städte, die sich von ihrem Hinterland kaum abheben, geschlossene, im strengsten Sinne abgeriegelte Städte, und abhängige, vom Fürsten oder Staat beherrschte Städte.20 4 Offene Stadt (aus Leonardo Benevolo, „Die Geschichte der Stadt“, Campus Sachbuch, 2000) 5 Geschlossene Stadt (aus ebd.) 6 Beherrschte Stadt (Der Grassmarket in Edinburg im 18. Jhdt.; aus Fernand Braudel, Sozialgeschichte 15.-18. Jhdt., Bd. 3 „Aufbruch zur Weltwirtschaft“, Kindler Verlag,1986)

Manuel de Landa, „A Thousand Years of Nonlinear History“, a.a.O., S. 29 20 Vgl. Fernand Braudel, Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts, „Der Alltag“, Kindler Verlag, München, 1985, S. 564 19

Im Vergleich dazu kategorisiert De Landa die Stadt nicht, sondern analysiert, welche Prozesse (Hierarchie und Netzwerk) bei der Entstehung und beim Wachstum vorherrschen. „However, the difference between self-organized and planned cities is


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not primarily one of form, but of the decision-making processes behind the genesis and subsequent development of that form. That is, the crucial distinction is between centralized and decentralized decision making in urban development.”21 Weiters meint De Landa, dass die Stadt Ausdruck von gesellschaftlichen Entscheidungen ist. Eine Stadt ist entweder zentral oder dezentral aufgebaut, von Menschenhand vollkommen durchgeplant oder langsam, zufällig wachsend. „Even though from a strictly physical viewpoint accelerations in city building are the result of intensifications in the flow of energy, the actual form that a given town takes is determined by human decision making.”22

6 Durchgeplante Stadt (Krefeld, http:// de.wikipedia.org/wiki/ Stadt) 7 Wachsende Stadt (Algier, http:// de.wikipedia.org/wiki/ Stadt)

Das Bild der Stadt ist laut De Landa somit von den vorherrschenden gesellschaftlichen Prozessen geprägt. Damit vertritt er denselben Standpunkt wie Braudel, der davon ausgeht, dass sich der Mensch den Raum aneignet, ihn besiedelt und bespielt und ihm dadurch einen Ausdruck verleiht. „Doch die Stadtentwicklung vollzieht sich wohlgemerkt nicht von selbst, sie ist kein endogenes, isoliertes Phänomen, sondern immer Ausdruck der Gesellschaft, die der Stadt von innen, aber auch von außen Zwänge auferlegt.“23 Abschließend kann trotz der vielen Ähnlichkeiten, die Braudels und DeLandas Stadtmodell aufweisen, ein wesentlicher Unterschied festgestellt werden: Ist bei Braudel die Form der Stadt für eine Einteilung in Typen maßgeblich, so betrachtet De Landa ausschließlich den dahinterliegenden Prozess, der zu einer Form führt. Wie bereits erwähnt, führen beide an, dass der Mensch dynamisch auf den Raum einwirkt. History as usual Der Vergleich mit Fernand Braudel zeigt ganz eindeutig, dass De Landa an dessen Theorie anknüpft. Braudel verdeutlicht, dass die Geschichte nicht nur von Großereignissen geprägt ist, die den Verlauf steuern, sondern dass

Manuel de Landa, „A Thousand Years of Nonlinear History“, a.a.O., S. 30 22 Ebd., S. 31 23 Fernand Braudel, „Der Alltag“, a.a.O., S. 570 21


es unzählige Auslöser gibt, die eine Vielzahl von Veränderungen hervorrufen. Arbeitserleichternde Maschinen zeigen, welchen Einfluss technische Entwicklungen auf die Gesellschaft ausüben können. Die Erfindung des Schwerpflug hatte einen Nahrungsmittelüberschuß zur Folge und bewirkte, im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, ein stetiges Bevölkerungswachstum. Die weiteren Folgen waren eine vermehrte Entstehung von Städten und die Zivilisierung der Bevölkerung in Europa. Am Beispiel des Internet wird uns die Aktualität Braudels strukturgeschichtlichen Ansatzes bestätigt. Zusammen mit anderen Einflussfaktoren, wie einer erhöhten Mobilität, ist eine Netzwerkgesellschaft entstanden, die Raum und Zeit neu definiert.24 Mit De Landas Theorie kann die komplexe Geschichte in ihren Zusammenhängen verstanden werden, doch wie sich die Welt in Zukunft weiterentwickelt, bleibt offen. Wie auch in der Vergangenheit gibt es in der Zukunft viele verschiedene Wahrheiten und Wege, die wir einschlagen können. Sein Ansatz zeigt uns, dass es viele unbekannte Faktoren gibt, die grosse Auswirkungen auf die Entwicklung der Welt haben, die nicht planbar sind. Wichtig ist für De Landa, dass wir die Welt als eine Vielzahl von Komplexitäten verstehen und dass jeder Eingriff eine Kettenreaktion hervorruft. Die Methodologie der École des Annales, die auch andere Disziplinen wie Geografie, Ökonomie und Soziologie in die Geschichtswissenschaften mit einbezieht, ist bei De Landa wiederzufinden. A Thousand Years of Nonlinear History erzählt die historische Entwicklung des letzten Jahrtausends, wobei er in unterschiedlichen Kapiteln jeweils die Perspektive der Geologie, der Biologie und der Linguistik einnimmt. Von seinen geschichtlichen Erkenntnissen leitet er generelle Muster, so genannte abstrakte Diagramme, ab, die es ermöglichen verschiedenste Prozesse zu verstehen und interdisziplinär anzuwenden. Diese diagrammatische Ebene zeigt, dass er bereits einen Schritt weiter als Braudel geht. Der Historiker ist zwar auch an den vorherrschenden Prozessen interessiert, beschreibt aber lediglich den Realitätszustand. Der Vergleich mit Braudel offenbart zudem die Veränderung der Beziehung zwischen Mensch und Raum während der letzten Jahrtausende. Der geografische Determinismus, also die Beeinflussung der Natur auf den sozialen Wandel, hatte lange Zeit den höchsten Stellenwert. Als der Mensch technische Mittel gefunden hat, mit der Natur umzugehen, konnte er sich teilweise vom Einfluss der Naturgewalten befreien und beispielsweise größere räumliche Distanzen überwinden. Dies hatte einen erheblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Weiterentwicklung, wie das Beispiel der Kolonialisierung, das zuvor beschrieben wurde, zeigt. Durch das Informationszeitalter tritt die Bedeutung des geografischen Determinismus in den Hintergrund.

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24 Vgl. hierzu Mauel Castells: „Das neue Kommunikationssystem transformiert Raum und Zeit, die fundamentalen Dimensionen menschlichen Lebens radikal. Örtlichkeiten werden entkörperlicht und verlieren ihre kulturelle, historische und geografische Bedeutung. Sie werden in funktionale Netzwerke integriert, oder auch in Collagen von Bildern. Dadurch entsteht ein Raum der Ströme anstelle eines Raums der Orte. Die Zeit wird in dem neuen Kommunikationssystem ausradiert, wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft programmiert werden können, um miteinander in ein und derselben Botschaft zu interagieren.“ Manuel Castells, „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“, a.a.O., S. 429


Der gesellschaftliche Wandel wird vor allem von der Technik gesteuert. Information gilt als Schlüsselelement unserer gesellschaftlichen Organisation, wobei der Mensch den Raum durch die intensive Vernetzung grundlegend verändert. Eine passende Beschreibung hierzu findet Castells, er meint: „Unsere Gattung hat das Niveau an Wissen und sozialer Organisation erreicht, das es uns erlauben wird, in einer vorwiegend gesellschaftlichen Welt zu leben. Es ist der Anfang einer Existenz und wahrhaftig der Anfang eines neuen Zeitalters, des Informationszeitalters. Es ist gekennzeichnet durch die Autonomie der Kultur gegenüber den materiellen Grundlagen unserer Existenz.“25 Manuel De Landa ist sich der Konsequenzen, die neue Technologien auf die menschliche und räumliche Entwicklung ausüben, durchaus bewusst und meint: „Far from having brought society to a new stage of its development, the information stage, computers have simply intensified the flow of knowledge, a flow which, like any other catalyst, still needs matter and energy flows to be effective.”26 Er erkennt die verstärkten Ströme von Wissen und Information, die durch das Informationszeitalter ausgelöst werden. Im 21. Jahrhundert erreicht die Stadt, die laut Braudel und De Landa nur durch den Kontakt mit dem Hinterland und dem Fluss von Materie und Energie (Waren, Arbeitskraft) funktionieren kann, eine globalere Ebene. De Landa sieht die Vernetzung der Städte von höchster Priorität und würde Castells bestimmt zustimmen, wenn dieser sagt: „Die globale Stadt ist kein Ort, sondern ein Prozess. Sie ist ein Prozess, durch den Zentren von Produktion und Konsumtion hochmoderner Dienstleistungen und die ihnen zuarbeitenden lokalen Gesellschaften zu einem globalem Netzwerk verbunden werden, wobei auf der Grundlage von Informationsströmen zugleich die Bedeutung der Verknüpfungen mit ihrem Hinterland zurücktritt.“27 Diese Feststellung hebt die Relevanz von De Landas Theorie in Architektur und Städtebau deutlich hervor. Die Städte oder Staaten, die Knotenpunkte innerhalb eines dichten Netzwerks darstellen, operieren nicht mehr nur innerhalb ihrer Grenzen, sondern stehen sich dialektisch gegenüber. Sie sind ständigen Transformationsprozessen ausgesetzt, da Initialzündungen an einem Ort das ganze System aus dem Gleichgewicht bringen können. Das aktuelle Beispiel der US-Immobilienkrise, die sich zu einer weltweiten Finanzkrise entwickelt hat, bestätigt die nichtlinearen dynamischen Prozesse, die in A Thousand Years of Nonlinear History beschrieben werden. De Landas Betonung von offenen Systemen, die unterschiedliche Stabilitätszustände einnehmen können, erscheint in diesem Zusammenhang höchst relevant. Es gibt keine starren, sondern flexible Elemente, die die Fähigkeit

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Manuel Castells, „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“, a.a.O., S. 536; Vgl. hierzu Castells Quererweis auf Braudel: „Die Technologie determiniert die Gesellschaft nicht, sie verkörpert sie. Doch auch die Gesellschaft determiniert nicht die technologische Innovation, sie benutzt sie. Das dialektische Verhältnis zwischen Gesellschaft und Technologie ist in den Arbeiten der besten Historiker wie Fernand Braudel präsent.“ 26 Manuel de Landa, „A Thousand Years of Nonlinear History“, a.a.O., S. 98 27 Manuel Castells, „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“, a.a.O., S. 441 25


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zur Rekonfiguration haben. Die Finanzkrise bringt zwar das System ins Wanken, doch besitzt es so viel Flexibilität, dass es einen neuen stabilen Zustand erreichen kann. Des weiteren wird die Überlagerung von Kulturen durch die intensive räumliche Vernetzung nicht nur hinsichtlich des sozialen Wandels interessant, sondern trägt auch maβgebend zu einer Veränderung der Architektur bei. Die Architektur löst sich von der Geschichte und Kultur einer Gesellschaft und charkaterisiert sich vermehrt durch Ortlosigkeit und Uniformität. De Landa erkennt eine vermehrte Homogenisierung der Welt und führt an: „Despite the fact that meshwork-generating processes are active today in several parts of the globe, hierarchical structures enjoy a commanding, […] particularly now that processes of homogenization have become international.”28 Mit seiner nichtlinearen Sichtweise stellt er eine Gegenposition zur globalen Homogenisierung dar. Er sieht Architektur und Städtebau als offene Strukturen, als etwas Bewegliches, die mit anderen Strukturen interagieren, und die in der Lage sind verschiedene Zustände einzunehmen. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum De Landa keine architektonischen Beispiele erwähnt. Es geht ihm nicht um das Endprodukt Architektur, sondern um die morphologischen, selbstorganisierenden Prozesse, die zu einem Ergebnis führen. Die Fragen, die man sich in diesem Zusammenhang als Architekt stellen kann, sind: Wie entsteht Architektur? Wie flexibel ist ein System? Wie reagiert das Gebäude auf das Umfeld? Wie individuell ist es? Manuel De Landa erfindet kein neues Entwurfswerkzeug, aber er betont die Notwendigkeit, die in der Natur vorherrschenden Prozesse in das Entwurfsverfahren miteinzubeziehen. Für ihn ist dabei der Einsatz von Computersoftware unumgänglich, da diese es erst ermöglicht die evolutionäre Vorgänge zu imitieren. Die generativen Ansätze sind in der Lage, eine Vielzahl von Faktoren zu berücksichtigen; sie können sich somit von einer typisierten Bauweise distanzieren. Angeli Sachs schreibt in diesem Kontext zur Ausstellung Nature Design des Museums für Gestaltung, Zürich: „In den 1990er Jahren, als die neue CAD-Software die Architekten in die Lage versetzte, Naturphänomene zu simulieren und auf dieser Basis Gebäude mit fluiden, biomorphen Formen zu entwickeln, in denen die Vielfalt an Informationen auf flexible Art zusammenfliesst, entstand die Blob Architektur. Für Lynn vollzieht sich damit der Übergang von der modernistischen Auffassung eines mechanischen Baukastensystems zu einem vitaleren, sich entwickelnden, biologischen Modell eines embryologischen Designs und seiner Konstruktion.“29

Manuel de Landa, „A Thousand Years of Nonlinear History“, a.a.O., S. 98 29 Angeli Sachs (Hrsg.), „Nature Design“, Museum für Gestaltung, Zürich, Lars Müller Publishers, Baden, 2007, S.268 28


Das Embryological House von Greg Lynn steht exemplarisch für einen bestimmten morphogenetischen Entwurfsansatz und gleichsam für das strukturgeschichtliche Denkmodell von Braudel bzw. De Landa. Die evolutionären Prozesse, die darin beschrieben werden, gelten als Vorbilder. Mehrere Faktoren wirken aufeinander ein und schaffen emergente Formen, die mehr beinhalten als die Summe der einzelnen Faktoren. Vordergründig geht es nicht um eine Methode neue Formen zu finden, sondern um die Erkenntnis, dass die Änderung einer Variable Konsequenzen auf das gesamte Erscheinungsbild hat. Das Modell des Embryological House, dessen flexible Struktur unendliche Variationen ermöglicht, verkörpert die Idee des Wachstums und der Wandlung.

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8 Embryological House, Greg Lynn (Morphogenetischer Prozess, http://www. embryological.com/)

In einer Welt, die immer mehr zusammenwächst, in der Zeit keine große Rolle mehr spielt, da neues Wissen und Information zeitgleich in allen Kontinenten der Welt auftreten kann, erscheint der Begriff der Geschichte beinahe obsolet. Bei De Landa hat der Geschichtsbegriff allerdings weniger etwas mit einer zeitlichen, als einer prozesshaften Beschreibung zu tun. Nichtlineare Geschichte wird als abstraktes Diagramm verstanden, das Beziehungsgeflechte, Ereignisverläufe, Zustände, Interaktionen, Bewegungen und Veränderungen beschreibt. Gerade im Informationszeitalter des 21. Jahrhunderts, in dem neue Technologien scheinbar schlagartig dynamische Prozesse in Gang setzen, die Städte vernetzen und Bewegungen forcieren, erscheint die Betrachtung des Nichtlinearen als neues Paradigma in Architektur und Städtebau notwendig. De Landa vertritt den Standpunkt, dass alles, das uns umgibt, das Produkt von bestimmten historischen Prozessen ist. Diese Prozesse sind kontinuierlich, d.h. sie haben keinen Anfang und kein Ende. In dieser Hinsicht sollten wir uns bewusst sein, dass wir mit jeder gegenwärtigen Handlung in den Geschichtsverlauf eingreifen und sich die Auswirkungen in irgendeiner Form zeigen werden.


186 OUT OF THE WILD

W h o ’s y o u r d a d d y ? –

M a n u e l D e Landa 1 auf den Spuren systemtheoretischer Tr a d i t i o n e n

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander

b y Budweiser Pernthaler

Manuel de Landa

Manuel De Landas Buch Intensive Science & Virtual Philosophy stellt den Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Systemen und deren Theorie dar. Sein Buch ist ein Versuch, ein neues Verständnis von zeitgenössischer Wissenschaft zu schaffen. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Vermittlung von offenen Systemen, welche eine immer größere Bedeutsamkeit für die Wissenschaften besitzen. Dieser Versuch stellt keineswegs einen revolutionären Zugang dar, wurden doch Systemtheorien, die sich mit offenen Systemen auseinandersetzen, schon einige Jahrzehnte zuvor von anderen Wissenschaftlern ausgiebig behandelt. Deshalb stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch eine solche Abhandlung benötigt, um Systemtheorien zu verstehen, oder ob es nur eine Aufarbeitung von bereits Bestehendem darstellt. Besitzt dieses Buch dann überhaupt Relevanz?

Die Methode De Landas Manuel De Landa widmet sein gesamtes, schriftstellerisches Schaffen der Analyse und Forschung von offenen, nicht linearen Systemen, unter Einbeziehung der Ontologie von Gilles Deleuze. Intensive Science and Virtual Philosophy erschien 2003. In der Reihe seiner Publikationen, von den achtziger Jahren bis heute, stellt dieses Buch das Grundlagenwerk dar. Sämtliche von De Landa veröffentlichten Aufsätze und Bücher behandeln immer Inhalte zu aktuellen Ereignissen oder zu aktuellen Fragen aus Politik, Technik, Wissenschaft etc. Jedoch werden diese immer aus dem Gesichtspunkt seines zentralen Anliegens betrachtet: der Maßstab des betrachteten Systems ändert sich je nach Thematik, im Zentrum allerdings steht immer die Darstellung eines offenen Systems, seinen Einflussfaktoren und Effekten. Intensive Science and Virtual Philosophy ist ganz spezifisch auf Naturwissenschaften fokussiert. Mathematik bzw. Differentialgeometrie, Biologie und Physik stellen De Landas Instrumente dar, mit deren Hilfe er seine These vermittelt. Systeme in dieser maßstabslosen Abstraktion zu betrachten, verweist auf eine grundsätzliche und allgemeine Ebene der Betrachtung und bildet somit die Basis für die Anwendung in allen weiteren Skalierungen. Exemplarisch wird dies in dem Kapitel „The Actualisation of the Virtual in Space“ sichtbar, in dem De Landa, anhand der Morphogenese eines Embryos, ein offenes System erklärt.2

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Manuel De Landa wurde 1952 in Mexico City geboren. Er ist ein Autor, Künstler und Philosoph, der seit 1975 in New York lebt. Er unterrichtet momentan an mehreren Universitäten in den USA und Europa.

2

Die Ausführung des Beispiels folgt im anschließenden Kapitel Offene Systeme und intensive Prozesse


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Insgesamt stellt die Auseinandersetzung mit der Philosophie Gilles Deleuzes den Ankerpunkt für De Landa dar. Er weist bewusst immer wieder darauf hin, dass er Deleuzes Arbeit unter Verwendung verschiedener wissenschaftlicher Ressourcen und Argumenten rekonstruiert. Die Zielgruppe, die De Landa vorrangig mit seinem Buch ansprechen will, sind Wissenschaftler und Wissenschaftsphilosophen, für die die Auseinandersetzung mit Deleuzes Ontologie nach Ansicht des Autors der Start für eine reflektierte Änderung der Selbsteinschätzung werden kann. Dies bedeutet, dass Gesetze der verschiedenen Disziplinen hinterfragt werden müssen und dadurch ihren exklusiven Fokus verlieren. Die Welt als offenes System zu betrachten, die divergente Prozesse enthält, eröffnet gleichsam eine offene Denkweise, die die Ausschließlichkeit und Absolutheit eines Gesetzes negiert und somit mehrere Schlussfolgerungen zulässt. Somit kann man zusammenfassend ausführen, dass der Titel des Buches genau diesen Vorgang anspricht. Lineare Wissenschaften, unterteilt in verschiedene Disziplinen, erhalten durch die Philosophie offener Systeme virtuelles Potential, d.h. die Möglichkeit auf interdisziplinäre Interaktion und werden somit nicht-linear oder intensiv. Intensive Science and Virtual Philosophy.

Offene Systeme und intensive Prozesse Um unterschiedliche Wissenschaftsgebiete zueinander in Bezug setzen zu können, benutzt De Landa immer wiederkehrende Begrifflichkeiten, die wiederum von Gilles Deleuze abgeleitet sind.3 Diese sind das Werkzeug, dessen sich er sich bedient, um Verbindungen und Ähnlichkeiten in Prozessen aufzuzeigen. Er transportiert damit wissenschaftliche Prozesse auf eine sprachliche Ebene, auf welcher ein Vergleich möglich wird. Die Argumentionen De Landas basieren dabei auf zwei Begriffspaaren, welche man als Gegenpole verstehen kann: extensiv-intensiv und VirtualitätAktualität. Am einfachsten sind wohl Prozesse zu verstehen, die er als „extensiv“ bezeichnet. Extensiv ist ein Prozess, wenn er in einen messbaren Zustand übergegangen ist. Das Ergebnis kann durch Länge, Gewicht, Volumen, etc. beschrieben werden. Beschreibbare Objekte, beispielsweise ein Tisch, kann man als extensiv bezeichnen. Sie haben einen stabilen Zustand, sind klar definierbar und in kleinere Einheiten zerlegbar. De Landa schreibt dazu: „[…] if we divide a volume of matter into two equal halves we end up with two volumes, each half the extent of the original one.“4 Intensive Prozesse und Eigenschaften stellen den Gegenpart zu extensiven Prozessen dar. Während extensive Eigenschaften klar definierbar, teilbar und stabil sind, können intensive Prozesse nicht einfach metrisch bestimmt werden und sind dynamisch. Am Beispiel der Wassertemperatur und der sich ergebenden thermodynamischen Eigenschaften macht De Landa deutlich, dass intensive Eigenschaften nicht wie extensive Eigenschaften behandelt werden können:

3

De Landa verwendet beispielweise Begriffe wie „intensive“ und „multiplicities“, die bereits in Deleuzes A thousand plateaus aufscheinen. „Is it not the intensive character of […] multiplicity’s elements and the relations between them? Exactly like a speed or a temperature […] which marks a change in nature.“ (Deleuze and Guattari, A Thousand Plateaus, pp. 31-3)

4

Manuel De Landa, Intensive Science & Virtual Philosophy, Cornwall, Continuum, 2002, S. 26


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„If we take a volume of water at 90 degrees of temperature, for instance, and break it up into two equal parts, we do not end up with two volumes at 45 degrees each, but with two volumes at the original temperature.“5 Um die Beziehung von intensiven und extensiven Prozessen zu verbinden, benutzt De Landa den Begriff der Virtualität.

1 Die intensiven Eigenschaften des Harzes sind fähig neue Einflüsse zu integrieren. Die Aktualisierung kann sich in unzähligen verschiedenen Gestalten ausbilden. Stefanie Budweiser, 2008

Man nehme ein Fußballspiel als Beispiel: Zwei Mannschaften stehen sich gegenüber. Ein Spieler der roten Mannschaft hat den Ball und läuft Richtung Tor der blauen Mannschaft. Kurz vor dem Tor steht er einem gegnerischen Abwehrspieler gegenüber. Im selben Moment sieht er auf etwa gleicher Höhe einen Mitspieler. Er passt zu ihm, dieser schießt… Die Position der Spieler, die Geschwindigkeit der Spieler, die Geschwindigkeit vom Ball, etc.: dies alles ist messbar. Solche Werte sind extensive Eigenschaften. Diese extensiven Eigenschaften verändern sich stetig zueinander und erzeugen nicht-lineare Effekte der Zufälligkeit und Wahrscheinlichkeit, deren Eigenschaften De Landa als intensiv bezeichnet. Man kann derartige Effekte also nicht messen, da sie lediglich virtuell vorhanden sind. Eine konkrete Entscheidung, die der Spieler trifft, ist die Äußerung eines intensiven Prozesses den er durchschritten hat. Das Ergebnis dieses intensiven Prozesses, also das Abspielen des Balles, ist aber nicht sicher. Der Ball könnte von einem Gegenspieler abgefangen werden, der Mitspieler verfehlt den Ball, oder der Ball platzt. All dies (und mehr) ist möglich. Manches wahrscheinlicher, manches nicht. Diese Unsicherheit ist die Virtualität eines solchen nicht-linearen bzw. intensiven Systemes, das heißt, dass das was auf dem Spielfeld tatsächlich passiert, aus einer Summe unendlicher Möglichkeiten entnommen wurde, also der Summe der möglichen Aktualisierungen. Je genauer man diese Möglichkeiten untersucht, desto mehr Variablen eröffnen sich. Virtualität ist also nicht klar abgrenzbar, nicht teilend, sondern eine sich ändernde Menge von intensiven Beziehungen, die aufeinander Einfluss nehmen: Ein Raum von Unschärfe, welcher die Quelle für neue Prozesse ist, ein Kontinuum, was durch eine immer weiter fortschreitende Differenzierung diskontinuierliche Individuen6 erzeugt, etwas wo Werte nicht abgrenzbar sind, sondern ineinander übergehen und durch dieses Übergehen, diesen Intensiven Prozess, etwas Neues erzeugen. Das Ergebnis des Prozesses stellt somit den Punkt dar, in dem eine virtuelle Summe von Möglichkeiten aktuell geworden ist. Sie ist vom Virtuellen ins Aktuelle übergegangen.

5

Manuel De Landa, Intensive Science and Virtual Philosophy, a.a.O., S. 26

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Darunter kann man z.B. Menschen verstehen, die zwar im großen Maßstab eine gewisse Homogenität besitzen, je genauer aber diese untersucht werden, desto individueller, desto diskontinuierlicher werden sie.


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Die Besonderheit eines intensiven Prozesses besteht also darin, dass er etwas Neues bzw. Ungeplantes erzeugen kann. De Landa benutzt im Zuge seiner Erläuterung den Vergleich einer industriellen Fertigungsstraße aus dem Automobilbau mit der Entwicklung eines Lebewesens, um intensive Prozesse begreifbar zu machen.7 Eine Fertigungsstraße ist ein Sammelpunkt von festen Regeln und fixen Abläufen. Objekte, wie zum Beispiel ein Auto, besitzen feste geometrische Eigenschaften. Teile greifen ineinander und bauen aufeinander auf. Alle Werte sind klar definiert. Schon kleine Fehler beim Produktionsablauf haben einen vollständigen Produktionsstillstand zur Folge. Wenn Teile nicht mehr ineinanderpassen, versagt das ganze System. Eine Fertigungsstraße ist ein Verbinden, ein Zusammenfügen von Teilen, ein linearer Prozess, in welchem alle Variablen bestimmt sind, ein Erzeugen ohne intensive Eigenschaften. Dies kann man als ein geschlossenes System verstehen.

2 Industrielle Fertigungsstraße, Ford Mustang, www.motortrend. de, 2006 3 Stammzellen, www. ftd.de

Demgegenüber stellt die Eizelle und ihre Entwicklung zu einem Organismus einen intensiven Prozess dar, welcher sich durch fortschreitende räumliche und qualitative Differenzierung zu einem metrischen Raum entwickelt, also den Übergang von einem intensiven Prozess zu einem messbaren Zustand vollzogen hat. Dieser intensive Prozess beginnt mit der Zelle und deren Teilung. Nach der Teilung findet man eine nicht klar definierte Ansammlung an Zellen, die zueinander durch einfache Bindungskräfte in Beziehung stehen. Das Wichtige stellt diese Beziehung dar, denn die Zell-Nachbarschaften befinden sich im steten Wechsel, sind in Bewegung und interagieren miteinander, bilden somit ein offenes System und sind jederzeit fähig, im Gegensatz zu einer industriellen Fertigungsstrasse, sich neu anzupassen und ergebnisoffen zu agieren. Dieses Interagieren folgt dabei keinen strikten Regeln, welche in der DNA festgelegt sind, sondern erfolgt auf einer nicht-linearen Basis. Es kommt sozusagen zum zufälligen Zusammentreffen mit einem damit einhergehenden Austausch und der gleichzeitigen Möglichkeit, äußere Einflüsse aufzunehmen. Die Interaktion von Zellen, ein intensiver Prozess, stellt also die Basis für eine Weiterentwicklung dar. Aus sich austauschenden Stammzellengruppen entwickeln sich spezialisierte Zellgruppen, die für die Ausbildung eines Organismus notwendig sind. Es bilden sich Muskelfasern, Knochen, Nerven, etc.

7

Manuel De Landa, Intensive Science and Virtual Philosophy, a.a.O., S.56 f.


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Immer wieder kommt es zu Punkten, an denen bestimmte Entwicklungen, Differenzierungen, abgeschlossen sind, und neue beginnen. Dies sind kritische Punkte, an denen Bereiche aktualisiert, also räumlich geworden sind. Mit jedem Schritt, jeder Entwicklung, die der Prozess vollzieht, werden auch die intensiven Prozesse differenzierter und damit verbunden die Virtualität und die räumliche Ausbildung. Für De Landa stellt eine solche Interaktion ein Paradebeispiel für einen intensiven Prozess dar, da sie die Basis für jegliche Weiterentwicklung darstellt. Das Ziel dieser Gegenüberstellung ist, dass innerhalb dieses exemplarischen Produktionsvorganges einer industriellen Fertigungsstraße kein virtuelles Potential existiert, das intensive Prozesse erzeugen und äußere Einflüsse aufnehmen könnte. Es ist keine Abweichung aus der Linearität möglich. Der Prozess ist klar definiert und führt deshalb zu keinen unerwarteten Ergebnissen. Ihre Grenzen liegen genau dort, wo intensive Prozesse beginnen. Zusammenfassend könnte man sagen: intensive Prozesse findet man dort, wo in offenen Systemen das Virtuelle zum Aktuellen wird, wo Aktuelles im Virtuellen ein Potential bildet. Das Intensive ist durch extensive Merkmale nicht klar beschreibbar, es ist ein weicher Raum des Übergangs, der sich stets reorganisiert und Neues hervorbringt. Differenzierung offener Systeme wird zur Quelle des Neuen, zur Genesis.

Bertalanffy und die allgemeine Systemtheorie Die Forschung anhand des Modelles offener Systeme ist ein noch relativ junger Bereich der Wissenschaften. Können Wissenschaften stabile Zustände relativ gut beschreiben und auch nachvollziehen, so unklar sind für sie die Prozesse zwischen solchen Zuständen. Das Ziel der Forschung über offene Systeme, am Beispiel Manuel De Landa verdeutlicht, stellt also die Erklärung von den Prozessen dar. Ludwig von Bertalanffy8, ein österreichischer Philosoph und Wissenschaftler, war prägend für die Entwicklung der Systemtheorie. Er kam aus dem Gebiet der Biologie und setzte sich schon früh mit offenen Systemen auseinander9. Im Zuge seiner Arbeiten weitete er seine Themengebiete aber immer wieder aus. So befasste er sich mit den Themenkomplexen Physiologie und Krebsforschung, der Biophysik offener Systeme und der Thermodynamik lebender Systeme. 1940 veröffentlichte er seine Arbeit über offene thermodynamische Systeme, welche wegweisend für seine Zeit war. Er versteht offene Systeme als einen kontinuierlichen Fluss von Materie. Besonders Lebensformen stellten für ihn, genauso wie für De Landa, ein noch nicht ausreichend erklärtes Paradoxon auf dem Gebiet der Thermodynamik dar. Diese sind kein statisches Sein, sondern sind ein Ereignis, ein Ausdruck eines andauernden Stroms von Materie und Energie, welche den Prinzipien der klassischen Thermodynamik10 vollkommen widersprechen.

8

Ludwig von Bertalanffy wurde 1901 in Atzgerdorf, in der Nähe von Wien, geboren. 1926 schloss er seine Doktorarbeit „Fechner und das Problem der Integrationen höherer Ordnung“ über den Philosophen und Physiker Gustav Theodor Fechner ab. Bertalanffy bekleidete ab 1934 mehrere Professuren: 1934-1948 Universität Wien, 1948-1949 University of London, 1949 Université de Montréal, 1950-1954 University of Ottawa,1955-1958 University of Southern California, 1958-1960 the Menninger Foundation, 1961-1968 University of Alberta, 1969-1972 State University of New York at Buffalo.

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Bertalanffys Doktorarbeit stellte den Ausgangspunkt für seine Bestrebungen auf dem Gebiet offener Systeme dar.

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Nach dem Energieerhaltungsprinzip kann keine Energie verloren gehen. Jedweder Energietransport tendiert zu einer gleichmäßigen Verteilung von einem höheren zu einem niedrigeren Energielevel. So ist der finale Zustand des Universums erreicht, wenn der Transfer aufhört. Dies bedeutet nach dem Prinzip der positiven Entropie, dass das Universum sich von einem unwahrscheinlichen Zustand hoher Energiekonzentrationen zu einem wahrscheinlichen Zustand gleichmäßiger Energieverteilung hin entwickelt. Lebewesen sind demnach höchst


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Seinen wichtigsten Beitrag für die Wissenschaftstheorie stellt aber eindeutig seine Arbeit zur Allgemeinen Systemtheorie dar, als deren Gründer er gilt. Die Allgemeine Systemtheorie oder General System Theory entstand über einen längeren Zeitraum und wurde in ihren Grundzügen erstmals 1949 an der Universität von Chicago im Rahmen einer Vorlesung veröffentlicht und 1950 das erste mal publiziert. „We believe that the future elaboration of General Systems Theory will prove to be a major step towards the unification of science. It may be destined, in the science of the future, to play a role similar to that of Aristotelian logic in the science of Antiquity ...“ - Bertalanffy Bertalanffy beschrieb in seiner Publikation Zu einer allgemeinen Systemlehre, dass es für die Physik, Biologie und soziale Wissenschaften nicht mehr ausreiche, Phänomene zu erklären, indem man sie in elementare Einheiten zerlege und analysiere. Mit der Allgemeinen Systemtheorie versuchte Bertalanffy eine Methodologie für die verschiedenen Disziplinen der Naturwissenschaften zu schaffen, da diese in ihren abgeschlossenen Systemen keine neuen Erkenntnisse hervorbringen konnten.

Begegnung in der Systemtheorie Grundsätzlich beruht die allgemeine Systemtheorie auf dem Gedanken, dass ein System durch die Differenzierung der einzelnen Komponenten des Systems erschaffen wird. Hierzu schreibt Niklas Luhman11: „ …alles ist auf einer Differenz oder einer Unterscheidung begründet. Gäbe es keine Unterscheidungen dann gäbe es nichts.“12 Und weiter folgt: „Identität ist nicht der Grund, warum etwas existiert, sondern etwas ‚ist’ nur, indem es von etwas anderem unterschieden ist, das heißt, indem es different ist.“13 Niklas Luhmanns, und in dessen Folge auch Bertalanffys System basiert auf der Unterscheidung. So braucht das System auch etwas anderes, wovon es unterschieden werden kann. Man spricht hier von äußeren Einflüssen oder der Umwelt. Die Umwelt definiert sich durch das System, denn sie ist alles, was vom System ausgeschlossen wird. Niklas Luhmann sagt: „Die Umwelt erhält ihre Einheit erst durch das System und nur relativ zum System. Sie ist ihrerseits durch offene Horizonte, nicht jedoch durch überschreitbare Grenzen umgrenzt; sie ist selbst also kein System.“14 De Landa hält sich in diesem Zusammenhang an die Worte Deleuzes und fasst zusammen:

unwahrscheinlich. 11 Niklas Luhmann * 1927 Deutschland † 1998 Deutschland Der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker gilt als der Gründer der soziologischen Systemtheorie. Luhmann entwickelte seine Systemtheorie in Abgrenzung zur allgemeinen Systemtheorie Bertalanffys, jedoch sind Fakten, wie die Entstehung eines Systems, Grundlage für beide Strömungen. 12

Niklas Luhmann zitiert nach: D.J. Krieger, Einführung in die allgemeine Systemtheorie, UTB, 1996, S. 11 13

Ebd., S. 11


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„Deleuze replaces the false genesis implied by these pre-existing forms which remain the same for all time, with a theory of morphogenesis based on the notion of the different.“15 Daraus geht hervor, dass die Differenz auch für De Landa die tragende Rolle in der Genesis spielt. Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Differenz der wichtigste Aspekt der allgemeinen Systemtheorie ist, sowohl bei Bertalanffy als auch bei De Landa. Ein System baut auf der Differenz der Prozesse und Eigenschaften auf und ermöglicht den dynamischen Prozess im Austausch von Information mit der Umwelt. Konkret spricht Ludwig von Bertalanffy in seinem Werk Systemtheorie vom offenen System: „das Materie, Energie oder Information mit seiner Umgebung austauscht“, und „[…]dass der lebende Organismus, der im Stoffwechsel in Materieaustausch mit seiner Umgebung steht, geradezu das Musterbeispiel des offenen Systems ist.“16 Manuel De Landa spricht ebenfalls von dem „nonlinear flow of energy, matter and information“17, welcher es ermöglicht, dass sich ein biologischer Prozess entwickeln kann. An einem so grundlegenden und wichtigen Punkt, dem Transfer von Information, der die Grundlage für die Entwicklung eines offenen Systems bildet, sind Bertalanffy und De Landa derselben Ansicht. Es wird klar, dass De Landa in dieser Hinsicht stark auf den Inhalten der allgemeinen Systemtheorie aufbaut. Auch thematisch lassen sich Ähnlichkeiten, wie zum Beispiel in den bereits erwähnten Beispielen aus der Thermodynamik ausmachen. Die Tatsache, dass De Landa seine ersten Artikel zum Thema der offenen Systeme Anfang der achtziger Jahre publizierte, wird mit der wieder aufgenommenen Debatte zu den komplexen Wissenschaften erklärt. Die neuen Werkzeuge des digitalen Zeitalters machten es möglich, bestimmte Theorien zu simulieren und beweisen zu können bzw. diese auch in die Praxis umzusetzen zu können. Thesen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts, im Bereich der komplexen Systeme18, aufgestellt wurden, konnten erst mit Hilfe der Computertechnologien bewiesen werden. Dies erzeugte neuerlich großes Interesse an der Forschung komplexer Systeme und stellte auch den Startschuss für De Landas Werk dar.

14

Manuel De Landa, Intensive Science and Virtual Philosophy, a.a.O., S.4 16

Ludwig von Bertalanffy, Systemtheorie, Colloquium Verlag Berlin, 1972, S. 21f 17

Manuel de Landa, „Virtual environments as intuition synthesisers“, presented at The Third International Symposium on Electronic Art, Sydney, Australia, 0913.11.92 18

Somit wird deutlich, dass De Landa nicht nur im Vergleich mit Bertalanffy, sondern auch im Ansatz komplexer Modelle in einer langen systemtheoretischen Geschichte steht und einen aktuellen Beitrag leistet. De Landa zeigt jedoch nicht nur Verwandtschaft zu Bertalanffy und dessen Allgemeiner Systemthorie, sondern auch zu einer Reihe anderer Wissenschaftlern und Philosophen. Es ist eine lange Tradition auf dem Gebiet der Einheitswissenschaften zu erkennen in welcher der der logische Positivismus des Wiener Kreises einen wichtigen philosophischen Ansatz dazu liefert.

Ebd., S. 13

15

Ab den achtziger Jahren wurden einige Institute und Studienabteilungen gegründet, die sich allein der Forschung von komplexen Systemen widmen, wie zum Beispiel die International Federation for Systems Research IFSR, das Santa Fe Institute in New Mexico welches auch eine Kooperation mit dem Bertalanffy Center


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Um die näheren Zusammenhänge zu verdeutlichen, befasst sich der folgende Abschnitt mit der Klärung, in welcher Beziehung Manuel De Landa und Bertalanffy zum Wiener Kreis stehen.

Der Einheitsgedanke im Wiener Kreis Der Wiener Kreis bildet für De Landa und Bertalanffy hinsichtlich der Tradition der Vereinheitlichung der Disziplinen bzw. der Methode einen interessanten Berührungspunkt. Die Mitglieder des Wiener Kreises forderten in den zwanziger Jahren eine Einheitswissenschaft, die alle Ergebnisse der Einzelwissenschaften miteinander zu verbinden vermochte. Das Ziel war, ein System zu entwickeln, das fähig war, auf der Basis rationaler Methoden, wissenschaftliche Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen vergleichbar zu machen. Damit verbunden war es Aufgabe der Philosophie, ein logisches Analyseinstrument der Sprache zu erarbeiten, die es ermöglicht, wissenschaftliche Aussagen zu beschreiben. Zur Grundlage der Schule des logischen Positivismus zählt besonders Ludwig Wittgensteins19 Hauptwerk, der Tractatus logico-philosophicus. Entsprechend der gegenseitigen Beeinflussung von Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein20, ist auch Russell als ein philosophischer Vordenker für den Wiener Kreis zu nennen. Bertalanffy widmete sich, wie schon eingangs erwähnt, ebenfalls der Ausarbeitung einer „allgemeinen Systemlehre als übergreifende Wissenschaft“21, und bewegte sich damit interessanterweise nahe an den Intentionen des Wiener Kreises, welcher die Auseinandersetzung mit den Einheitswissenschaften verfolgte. Arbeiten der Mitglieder der Gruppe zu diesem Thema, wie zum Beispiel von Otto Neurath oder Rudolf Carnap, können durchaus auf den Einfluss Bertalanffys zurückgeführt werden. Da Bertalanffy nach Ende des Zweiten Weltkriegs Österreich verließ, um in England und den USA Professuren zu bekleiden, publizierte er einen großen Teil seiner Arbeit in englischer Sprache. Einige seiner Publikationen sind auch bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden. Die Tatsache, dass die meisten seiner Bücher auf Englisch erschienen sind, lässt die Mutmaßung zu, dass De Landa Bertalanffys Texte und dessen Bezugnahme auf Wittgenstein, Russel und dem Wiener Kreis gelesen haben könnte. Sichtbar wird dies an der Tatsache, dass De Landa in Intensive Science and Virtual Philosophy Russel im Zusammenhang einer einheitlichen Systemtheorie direkt zitiert und somit einen unmittelbaren Bezug auf Bertalanffy und den logischen Positivismus erkennen lässt. Auch wenn somit kein direkter Verweis von Seiten De Landas zu Bertalanffy hergestellt wurde, lässt die inhaltliche Nähe der beiden Autoren doch darauf schließen, dass die allgemeine Systemtheorie einen beträchtlichen Einfluss auf das Denken De Landas hat. Immerhin bezieht sich De Landa auf die Wissenschaftstheorie des Wiener

for the Study of Systems Science – BCSS, unterhält. 19 Ludwig Wittgenstein * 1889 Wien † 1951 Cambridge Mit seinem Hauptwerk, Tractatus logicophilosophicus, prägte der österreichische Philosoph den logischen Positivismus, welcher für den Wiener Kreis als die wichtigste philosophische Grundlage galt. Einige Zeit gab es regelmäßige Treffen mit einigen Mitgliedern des Wiener Kreises. 20

Bertrand Russell ist eine zentrale Person in der Biografie Ludwig Wittgensteins. Die Bekanntschaft begann 1911 am Trinity College in Cambridge, wo Russell vorerst der Professor Wittgensteins sein sollte. Das Studium der Werke seines Lehrers, vor allem der Principia Mathematica, beeinflusste Wittgenstein am meisten. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich bald eine enge Freundschaft und das Schüler-LehrerVerhältnis hob sich auf. Russell erkannte das Genie in seinem Freund und betrachtete ihn als die wohl geeignetere Person als sich selbst, seine Abhandlungen über die Logik in dessen Tractatus logico-philosophicus weiterzuführen. 21

Ludwig von Bertalanffy,


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Kreises, denn er veröffentlichte 1984 einen Essay mit dem Namen „Wittgenstein at the movies“. In diesem Text, der in einem Buch über Filmgeschichte und Filmtechnik22 erschienen ist, vergleicht und konfrontiert er Aussagen von De Saussure und Wittgenstein. Damit wird festgehalten, dass der Wiener Kreis mit seinem wissenschaftstheoretischen Ansatz, dem logischen Positivismus, eine lange Kette von Personen und Arbeiten darstellt, die dasselbe Ziel einer übergreifenden und einheitlichen Wissenschaft verfolgen.

Die Entstehung eines Raumes als Mehrwert der Tradition Sämtliche Arbeiten von De Landa, Bertalanffy, den Mitgliedern des Wiener Kreises und noch vielen mehr, zielen auf eine Schaffung von Verständnis ab. Sie versuchen Methoden zu entwickeln, um die Komplexität der Welt, des Universums, in dem wir uns befinden, greifbarer zu machen und einheitlich zu erklären. De Landas Arbeit ordnet sich in diese Tradition der Systemtheorien ein, die das Ziel der Bildung einer einheitlichen, einer allgemein gültigen Wissenschaft, verfolgen. Was seine Arbeit auszeichnet, ist, das Systemverständnis auf eine räumliche Ebene weiterzuführen. Denn aus De Landas Abhandlungen über offene Systeme und intensive Prozesse lässt sich ableiten, dass diese intensiven Prozesse, auch wenn sie sich im kleinen Maßstab bewegen, in ihrer Ausbildung im realen Raum große räumliche Konsequenzen haben können23. Dieses systemtheoretische Raumverständnis hat zur Folge, dass man von kategorischen Denkmustern, die von Funktionen und Begrenzungen geprägt sind, abrückt. Raum ist eine relevante Komponente im Prozess der Entwicklung, stellt er doch die Basis für all seine virtuellen Möglichkeiten dar. Denn Raum, ob gebaut oder gewachsen, ist mehr als ein in Funktionen, Flächen und Volumen definiertes Konstrukt. Mit den Instrumenten der Systemtheorie räumliche Auswirkungen zu erkennen, ist ein Potential, das bisher niemand aus der systemtheoretischen Tradition, außer De Landa formuliert hat. Dies erklärt auch, dass De Landas Virtual Science & Intensive Philosophy gerade deshalb in der architektonischen Disziplin auf unerwartete Resonanz traf. Relevant ist die Arbeit demnach in zweierlei Hinsicht: Einerseits erweitert diese Theorie, welche De Landa in seinem Buch ausführt, nichtlineare Systeme auf deren Räumlichkeit und Komplexität. Andererseits stellt sich De Landa gleichsam in eine weitreichende systemtheoretische Tradition - Who‘s your Daddy becomes clear.

Das biologische Weltbild, Francke, Bern, 1949, S. 13 22

Patricia Mellencamp & Phil Rosen (eds), Cinema Histories, Cinema Practices, American Film Institute Monograph Series, Vol 4, University Publications of America, Los Angeles CA, 1984, pp. 108-19 23

Kleine genetische Veränderungen (nichtlineare) haben riesige Auswirkungen in den Bevölkerungsstrukturen und deren räumlicher und kultureller Ausbreitung. Dies kann man an einem Beispiel erklären, welches auch De Landa benutzt: werden zwei genetisch idente Populationen an Orten mit verschiedenen Gegebenheiten ausgesetzt, so sind besser anpassungsfähige Individuen innerhalb der Gruppe wahrscheinlich erfolgreicher. Dadurch wird nachhaltig die Zusammensetzung der Population verändert, da sich zum Beispiel in kalten Gebieten kälteresistente Individuen eher gegenüber


195 OUT OF THE WILD

N e o - M a t e r i a l i s m u s u n d s o ziale Revolution D a s n e u e G e w i c h t d e r M a terie in einer Gesell s c h a f t a u s t a u s e n d P l a t e a us b y Arno Hofer

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa

Gegenwärtige Phänomene, wie die Finanzkrise oder die Krise der Nationalstaaten, werfen Fragen nach globaler Vernetzung, realem Wert von Vermögen und der Kontrolle von komplexen Systemen auf. Das Verlangen nach Ursachenforschung und Analyse ist groß. Was ist die passende Denkweise um solche Systeme zu begreifen und darin einzugreifen? Was steht am Anfang solcher Systeme und wie entstehen sie? Wie verändern diese neuen Denkansätze die Sicht auf unsere Gesellschaft? Manuel De Landa sowie Michael Hardt und Antonio Negri betreiben Grundlagenforschung in diesen Bereichen und zeichnen dabei ein neues Bild von Gesellschaft, deren Entstehung und deren Möglichkeiten. A New Philosophy of Society A New Philosophy of Society ist 2006 erschienen und damit das aktuellste Buch von Manuel De Landa. Es ist in fünf Kapitel unterteilt, wobei der Autor gleich in der Einleitung seine Ziele definiert: „The purpose of this book is to introduce a novel approach to social ontology.“1 Auch im Titel (A New Philosophy of Society) wird dieses Ziel einer neuen Rahmenphilosophie der Wissenschaften, vor allem der Sozialwissenschaften, bestätigt. Im nicht minder wichtigen Untertitel (Assemblage Theory and Social Complexity) werden erstens das Untersuchungswerkzeug, nämlich die Assemblage Theorie, und zweitens das zu untersuchende System der Gesellschaft in all ihrer Komplexität, definiert. Das heißt, die Gesellschaft wird bei De Landa als eine sich selbst organisierende Struktur aufgefasst, die auf verschiedenen Ebenen, wie beispielsweise der sozialen aber auch der räumlichen Ebene interagiert. Diese Struktur geht einen lebhaften Dialog mit der materiellen, räumlichen und physischen Umwelt ein, indem sich beide Systeme beeinflussen. Somit umreißt der Haupttitel den Anspruch des Autors, und der Untertitel die Methoden und die dem Buch zugrunde liegenden Annahmen um diese Ansprüche umzusetzen. De Landa steht in einer stark von Gilles Deleuze geprägten Denkweise. Er bedient sich Begriffen aus verschiedensten Disziplinen und versucht auch, neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse in seinen Arbeiten zu berücksichtigen. Die ihn prägenden Disziplinen sind die Systemtheorie, die Kyber-

1 Manuel De Landa, A New Philosophy of Society: Assemblage Theory and Social Complexity, continuum, London, 2006, S.1


netik und die Informatik. Er hat sich in seinen Arbeiten immer wieder mit selbstorganisierenden Systemen beschäftigt; nun geht er daran, mit neuen Mitteln die Entstehungsmechanismen des komplexen, dezentralen und selbstorganisierenden Systems der Gesellschaft zu erklären. Sein großes Ziel ist es, völlig darauf zu verzichten, einen Maßstab, z.B. den Mikro- oder Makromaßstab, als den wichtigeren zu deklarieren. Der Autor hat sich in diesem Werk, wegen seines naturwissenschaftlichmaterialistischen Hintergrunds auf Neuland begeben und sich auf das Thema Gesellschaft eingelassen. Das mag daran liegen, dass wir uns seit 9/11 und der geplatzten Dotcom-Blase in einer gesellschaftlichen Krise befinden, und De Landa auch schon früher Themen nach ihrer Aktualität gewählt hat. So werden in War in the Age of Intelligent Machines Kriegstechnologien aus historischem Anlass heraus thematisiert.

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1 Internet Map - Dark blue: net, ca, us - Green: com, org - Red: mil, gov, edu - Yellow: jp, cn, tw, au,de - Magenta: uk, it, pl, fr - Gold: br, kr, nl - White: unknown Quelle: http://upload. wikimedia.org/wikipedia/ commons/d/d2/Internet_ map_1024.jpg

Assemblage Theorie Die ersten zwei Kapitel widmet der Autor der Assemblage Theorie, wobei er sie im ersten gegen totalitäre Systeme verteidigt und im zweiten die Unterschiede seiner Theorie zu jener des Essentialismus erklärt. Vor allem in diesen zwei Kapiteln beschreibt De Landa seine Weltanschauung, die dem gesamten Buch zu Grunde liegt.


Mit seinem sprunghaften Stil, welcher meist aus Beispiel und folgender Analyse besteht, beschreibt der Autor seine Assemblage Theorie welche er von Gilles Deleuze übernommen hat, aber erweitert und verfeinert hat. Das kann ihm nicht leicht fallen bei dem Universalitätsanspruch, den De Landa an die Theorie stellt: sie soll die Zusammenhänge, die Entstehung und die Wirkungsweise komplexer Systeme beschreiben, wobei sie den Anspruch erhebt, sowohl künstliche als auch natürliche Systeme beschreiben zu können. Dieser Universalismus ist die große Stärke dieser Theorie und macht sie extrem vielseitig. Wobei diese Vielseitigkeit wohl auch zur größten Schwäche werden kann: durch die Interdisziplinarität und die manchmal beliebig wirkende Beispielwahl, stellt sich die Frage ob die Theorie gerade in ihrer Vielseitigkeit referenziell ist. Die Assemblage Theorie ist nach Deleuze und De Landa ein Strukturierungsmodell, welches die Wechselwirkungen zwischen Einzelteilen und dem Ganzen beschreibt. De Landa verarbeitet dabei vor allem Theorien aus A Thousand Plateaus von Gilles Deleuze und Felix Guattari, wobei De Landa die Konzepte von Assemblage und Strata zu einer einheitlichen NeoAssemblage-Theorie zusammenfügt.2 Der Mensch, ein Marktplatz oder ein Ökosystem lassen sich als solche Einheiten beschreiben und können dadurch in das Assemblage Modell überführt werden. Um so eine Assemblage, wie beispielsweise den Marktplatz, zu verstehen, wird er in seine Komponenten zerlegt.3 Innerhalb der Assemblage ist eine nicht lineare Kausalität prägend. So können beispielsweise unterschiedliche Ursachen zum selben Ergebnis führen, ebenso wie dieselbe Ursache verschiedene Ergebnisse liefern kann.4 Die Komponenten an sich sind durch externe Verbindungen miteinander verbunden. Das System ist offen und Verbindungen zwischen allen Ebenen sind möglich. Veranschaulichend kann man sich so eine externe Verbindung wie eine Symbiose vorstellen, wie sie beispielsweise zwischen Wespe und Orchidee Realität ist.5 Das Ganze ist mehr als die Summe der einzelnen Komponenten, die einzelnen Komponenten können aber auch ohne das Ganze existieren, bzw. können sich in eine andere Assemblage einklinken. De Landa dazu: „In other words, the exteriority of relations implies a certain autonomy for the terms they relate, or as Deleueze puts it, it implies that‚ a relation may change without the terms changing.“6 Durch diese Spaltung zwischen Komponenten und deren Verbindungen, kommt beiden Teilen eine Eigenständigkeit und Flexibilität zu. Hingegen bestimmen bei Systemen mit internen Verbindungen, die Verbindungen die Identität der Einzelteile, woraus sich wiederum ein nahtloses Ganzes formt.7 Um die Komponenten ihrerseits zu untersuchen, baut man die Beziehungen zwischen den Komponenten in die Analyse ein. Eine grobe Unterteilung der

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2

Manuel De Landa, A New Philosophy of Society: Assemblage Theory and Social Complexity, a.a.O., S.3, 4, 121-124 3

Ebd., S.12-15,18, 33, 36

4

Ebd., S.20

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Ebd., S.11

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Ebd., S.10-11

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Ebd., S.18


Komponenten erfolgt durch die Rolle welche sie im Bezug auf das Ganze spielen; so gibt es hauptsächlich vier variable Rollen: die materielle, die expressive, die territorialisierende und die deterritorialisierende. Territorialisierend bedeutend im Wesentlichen stabilisierend, wobei entscheidend ist, dass der Begriff primär aus einer räumlichen Ebene heraus entsteht. Dazu De Landa: „[…] In the first place, processes of territorialization are processes that define or sharpen the spatial boundaries of actual territories.“8 Sekundär können auch nicht räumliche Ereignisse territorialisierend wirken, wie die Steigerung der internen Homogenität, beispielsweise durch den Ausschluss bestimmter Personen aus einer Gruppe oder durch Rassentrennung. Im Gegensatz dazu steht die Deterritorialisierung, welche räumliche Grenzen destabilisiert, oder interne Heterogenität fördert. Beispielhaft dafür stehen Kommunikationstechnologien, welche räumliche Grenzen von sozialen Gruppen verschwimmen lassen und Kommunikation über räumliche Distanzen hinweg ermöglicht.9 Konsequenterweise kann man sich vorstellen, dass der Grad an Kommunikationsfähigkeit an den Grad der Destabilisierung gebunden ist. Das heißt, dass effektivere Kommunikationstechnologien wie das Internet, stärker deterritorialisierend auf die Gesellschaft wirken, als beispielsweise die Telegrafie. Untersucht man eine Assemblage, in diesem Fall einen Markt, so weist man den einzelnen Komponenten ihre Rollen zu. Die Körper der Menschen und die gehandelten Waren sowie der geografische Standort sind typisch materielle Komponenten. Die Sprache, sowohl die gesprochene als auch die geschriebene, sowie alle anderen Komponenten welche in irgendeiner Form kommunizieren sind Teil der expressiven Rolle. Dazu gehört jede Sache, die zur Meinungsbildung beiträgt. Hinzu kommen territorialisierende und deterritorialisierende Rollen, mit den oben genannten Eigenschaften, welche stabilisierend oder destabilisierend wirken. Die Assemblage Theorie ist ein vielseitiges Analysewerkzeug, welches besonders für komplexe, dezentrale, also gegenwärtig aktuelle Systeme geschaffen ist. Durch die nicht linearen Kausalitäten zwischen verschiedensten Ebenen wird es jedoch erschwert eine strukturierte, klar gegliederte Forschung zu betreiben. So scheint die neue Denkweise von De Landa hilfreich, beispielsweise die Dimensionen der Ursachen und der Konsequenzen der Finanzkrise begreifen oder erahnen zu können, jedoch um klare Forschungsergebnisse zu liefern scheint die Theorie zu offen für zu viele Zugänge. Durch die Ausrichtung dieser Theorie auf solche Systeme, kann man auch die Meinung des Autors erkennen, dass diese Art von Systemen an Bedeutung gewinnen.

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8

Manuel De Landa, A New Philosophy of Society: Assemblage Theory and Social Complexity, a.a.O., S.13 9

Ebd., S.13


199 2 Korallenriff in Hawaii; Beispiel eines komplexen marinen Ökosystem Quelle: http://upload. wikimedia.org/wikipedia/ commons/3/32/Nwhi_-_ French_Frigate_Shoals_ reef_-_many_fish.jpg

Prozess und Maßstab Will man ein Ganzes, welches sich als dynamisches Gefüge von Komponenten darstellt untersuchen, so muss man nach De Landa den Prozess der Entstehung heranziehen. Dabei ist es wichtig, dass man die Geschichte nicht nur aus einer anthropozentrischen Perspektive betrachtet, sondern auch die kosmologische und evolutionäre Perspektive berücksichtigt. De Landa nimmt dadurch eine nicht-anthropozentrische Sicht ein, wie sie für den philosophischen Poststrukturalismus oder die Naturwissenschaften maßgebend ist. Der philosophische Poststrukturalismus ist eine sehr stark von Franzosen geprägte Denkschule. Viele dieser Denker finden sich auch bei De Landas Quellen wieder: In erster Linie Gilles Deleuze und Michel Foucault. Gleich wie bei der Entstehung des Ganzen verhält es sich bei der Bildung von Identität: Diese wird nicht nur vom Menschen geprägt, sondern von ebenso wichtigen externen Faktoren. Bei De Landa beeinflussen sich diese Faktoren innerhalb flacher Hierarchien, die aus kleinen Bausteinen ein Ganzes schaffen. Auch im formalen Aufbau von A New Philosophy of Society spiegelt sich die Entstehungsweise von komplexen Systemen beispielhaft am System der Gesellschaft wieder. So beschäftigt sich das erste Kapitel mit den kleinen Maßstäben unserer Gesellschaft und wandert nachher schrittweise zu den größeren Maßstäben. Bezeichnend dafür sind die Kapitelüberschriften von Kapitel drei bis fünf: Persons and Networks, Organisations and Governments, Cities and Nations. Für De Landa stellt die Verbindung des Mikro- Makromaßstabes ein grundsätzliches Problem in der Soziologie dar.10 Dabei kommt es meist zu einer

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Manuel De Landa, A New Philosophy of Society: Assemblage Theory and Social Complexity, a.a.O., S.32


Bevorzugung von einem der zwei genannten Maßstäbe oder oft auch zu einer Vernachlässigung der Maßstäbe dazwischen, was sich laut dem Autor in einem Reduktionismus manifestiert. Beim „Mikro-Reduktionismus“ werden dem Ganzen nicht mehr Eigenschaften zugeschrieben, als die Summe der Eigenschaften der Einzelteile ausmacht. Hingegen wird beim „Makro-Reduktionismus“ das Individuum als bloßes Produkt der Gesellschaft abgetan. Natürlich gibt es noch weitere Formen des Reduktionismus, welche bestimmte Maßstäbe zwischen den großen Extremen bevorzugen. Alle diese Ansätze führen jedoch durch die einhergehende Reduzierung zu einem Informationsverlust. Dieses Problem des Reduktionismus und des damit einhergehenden fehlens von Objektivität möchte De Landa durch den Gebrauch des Assemblage Ansatzes vermeiden.11 So besteht die Gesellschaft aus einer Vielzahl von gleichwertigen Maßstäben, wobei die kleinste soziale Assemblage im Buch als Person definiert wird, auch wenn es noch kleinere analysierbare Einheiten geben würde. Die Person lässt sich in der Assemblage Theorie nicht als Entität begreifen, sondern deren Identität entsteht aus der Interaktion von subpersonalen Komponenten. Einige dieser subpersonalen Komponenten ließen sich nach De Landa zwar als kleinste soziale Entität begreifen, wobei dies für den Autor jedoch eine vernachlässigbare Frage ist.12 „Altough Persons are not the smallest analytical unit that social science can study [...] they are the smallest-scale social assemblage considered here. [...] All we need is a point of departure for a bottom-up ontological model, and the personal scale will provide a convenient one.“13 Dabei wird ein wesentlicher Gegensatz in De Landas Theorien sichtbar: Einerseits will De Landa seine Thesen auf ein nicht anthropozentrisches Weltbild stützen, aber auf der anderen Seite beginnt seine Untersuchung gerade beim einzelnen Individuum und damit scheint sich dann doch implizit eine humane Perspektive zu eröffnen. Gewiss hat De Landa diesen Widerspruch erkannt und will ihn damit auflösen, dass er diesen Ausgangspunkt schlichtweg als bequem bzw. zweckmäßig rechtfertigt. In Anbetracht des Hauptthemas, nämlich der Gesellschaft, scheint diese Wahl des Ausgangspunktes dann doch gewisse inhaltliche Aspekte zu haben, die mehr sind als bloße Zweckmäßigkeit. Nachdem nun die kleinste soziale Assemblage, und damit der Ausgangspunkt der Untersuchung gewählt wurden, stellt sich die Frage, was denn nun große Maßstäbe sind. Dabei ist wichtig, dass nicht die räumliche Ausdehnung ausschlaggebend für die Definition des Maßstabes ist, sondern vor allem extensive und intensive Faktoren. Hierbei bedient sich De Landa einem Vokabular aus der Physik:

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Manuel De Landa, A New Philosophy of Society: Assemblage Theory and Social Complexity, a.a.O., S.4-5 12 13

Ebd. S.32, 47 Ebd., 47


„In physics, for example, length, area and volume are classified as extensive properties, a category that also includes amount of energy and number of components. It is in this latter extensive sense, not the geometric one, that I use the expression ‚larger-scale‘.“14 Hat ein Netzwerk beispielsweise mehr Mitglieder auf einen kleinen geographischen Ort konzentriert, so ist es trotzdem als größer zu bezeichnen, als ein Netzwerk, welches sich über die ganze Welt spannt, aber viel weniger Mitglieder hat.15 Wichtig dabei ist, dass sowohl intensive als auch extensive Mechanismen frei von Maßstäben sind; maßstäblich sind nur die Effekte, die sie produzieren. Doch auch wenn der Maßstab einer Assemblage nicht durch ihre räumliche Ausdehnung bestimmt wird, so gewinnt die räumliche Komponente in den großen Maßstäben trotzdem enorm an Wichtigkeit, wie man an einem Zitat aus dem letzten Kapitel entnehmen kann: „Interpersonal networks and institutional organizations may be studied without reference to their location in space because communication technologies allow their defining linkages and formal positions to be created and maintained at a distance, but as we move to larger scales spatial relations become crucial.“16 Gemäß der vorherigen Definition von großen Maßstäben sind dabei extensive und intensive Faktoren ausschlaggebend. Das heißt, dass der Maßstab nicht über eine geometrische Definition bestimmt wird, sondern der Inhalt folgender Faktoren darüber entscheidet, um welchen Maßstab es sich handelt: Menge an Energie, Anzahl an Komponenten, Dichte der Verbindungen, sowie Grad der Machtzentralisierung. Sprechen wir also von einem System mit hoher Dichte an Verbindungen zwischen einer großen Anzahl von Komponenten, als auch einem hohen Grad an gebündelter und zentralisierter Macht, so sind in diesem System räumliche Beziehungen von entscheidender Wichtigkeit.

Empire Um die Schwerpunktuntersuchungen von Gesellschaft und deren Organisationssystem auf einen breiteren Fuß zu stellen, wurde das im Jahr 2000 erschienene Buch Empire, von Antonio Negri und Michael Hardt, nach deren Strukturierungsmodellen untersucht. Obwohl De Landa nicht direkt aus Empire zitiert, geben die thematische Ähnlichkeit und vor allem die große Übereinstimmung bei den Quellen Grund zum Vergleich. Empire beschreibt eine neue Weltordnung aus einer materialistischen und stark von Deleuze geprägten Sichtweise. Andere Quellen, die beide Werke verwenden sind Michel Foucault, Fernard Braudel sowie zahlreiche Soziologen. Jedoch orientiert sich Empire auch stark an Baruch Spinoza und Karl Marx, welche in

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14 Manuel De Landa, A New Philosophy of Society: Assemblage Theory and Social Complexity, a.a.O.,

6-7 15 Ebd., 6-7 Über die intensive Faktoren: „There are many others properties (such as density of the connections in a network, or the degree of centralization of authority in an organisation) that are not extensive but intensive, and that are equally important.“ 16 Ebd, S.94


De Landas Buch nicht vorkommen. Dieses Fehlen von Marx bei De Landa ist insofern erstaunlich, da sich De Landa als Neo-Materialist sieht.17 Der Kerngedanke des Materialismus kommt jedoch bei beiden vor: die Materie als Grundlage der Idee und nicht umgekehrt. Bedeutend ist wie die Autoren von Empire und Manuel De Landa den Begriff der Immanenz benutzen. Bei Empire ist dieser Begriff fundamental, bei A New Philosophy of Society weniger, umso mehr spielt die Immanenz aber bei anderen Büchern und Essays von Manuel De Landa eine große Rolle.18 Eine andere Gemeinsamkeit beider Bücher ist das Anliegen die künstlichen Grenzen zwischen Mensch und Natur bzw. zwischen Mensch und Maschine zu beseitigen.19 Auch wenn die Quellen und der Gesellschaftsfokus bei beiden Werken vergleichbar sind, so gehen die Ansprüche der Bücher weit auseinander: Empire ist ein politisch geprägtes Buch, welches soziale Verhältnisse ändern möchte und zu einer Erneuerung der Gesellschaft aus sich heraus aufruft. Es hat eine stark sozial-revolutionäre Komponente, und bietet, nach ausgiebiger Analyse bestehender sozialer Strukturen, Ansätze für die Lösung der Krise der Moderne. Hingegen versucht A New Philosophy of Society den Leser die soziale Komplexität sowie die Vielschichtigkeit der Umwelt und deren Einfluss auf die Gesellschaft, aus neuen Perspektiven heraus begreifen zu lassen. Empire: Immanenz und Transzendenz Die zentrale These von Negri und Hardt ist, dass der Moderne der Konflikt von immanenten und transzendenten Mächten zu Grunde liegt. Die revolutionäre Entdeckung der Immanenz, welcher sich zwischen 1200 und 1600 in Europa vollzog, war der entscheidende Auslöser für den Beginn der Moderne.20 Die Immanenz holte die Schöpfungsmächte vom Himmel auf die Erde. Durch die Betonung der Mächte dieser Welt erklärten sich „Menschen zu Herren über ihr eigenes Leben, zu Schöpfern von Städten und Geschichte und zu Erfindern aller Jenseitsvorstellungen.“21 Grundlegend dafür war aber nicht die Immanenz als isoliertes Phänomen, sondern die Tatsache, dass durch das Aufkommen einer Gegenrevolution, ein Konflikt entstand, welcher als solches, nach Hardt und Negri, die Grundlage der Moderne bildet. Ausgelöst wurde diese Gegenrevolution von den transzendentalen Mächten in Gestalt der Autorität.22 Die Krise der Moderne, welche sich im Konflikt zwischen immanenten Kräften und einer transzendenten Ordnung austobt, durchzieht die gesamte europäische Geschichte bis zur Gegenwart. Des weiteren entwickelte sich „[…] eine teilweise und temporäre Lösung dieser Krise durch die Ausbildung des modernen Staates als Ort der Souveränität, der diese immanenten Kräfte transzendiert und im Zaum hält.“ 23 Dabei wird das kreative und produktive Potential der Masse

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Manuel De Landa, Konrad Becker, Miss M, An Interview with Manuel De Landa, http://www. t0.or.at/delanda/intdelanda.htm 18 Siehe: Manuel De Landa, „Materialität: Anexakt und Intensiv“ in Lars Spuybroek (Hrsg.), Nox: Bauten und Projekte, DVA, München, 2004 19 Negri/Hardt berufen sich dabei auf Deleuze/ Guattari, sowie auf Haraway: „ Die erste Bedingung dieser körperlichen Transformation ist die Erkenntnis, dass die menschliche Natur in keiner Weise von der Natur als ganzer zu trennen ist, dass es keine festen und zwingenden Grenzen zwischen Mensch und Tier, Mensch und Maschine, Mann und Frau usw. gibt – Die Erkenntnis, dass die Natur selbst ein künstliches Terrain ist, das offen ist für immer neue Mutationen, Vermischungen und Hybridbildungen.“ Michael Hardt, Antonio Negri, Empire: Die neue Weltordnung, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2003, S.227 20 Ebd., S.85 21 Ebd., S.84-85 22 Ebd., S.84 23 Ebd., S.84


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vom transzendentalen Ordnungssystem einverleibt, in dem die Menge ihre autonome Macht an eine souveräne Macht überträgt. Dabei wird die Menge daran gehindert sich spontan zu organisieren und ihre Kreativität eigenständig auszudrücken. Dieser Gesellschaftsvertrag ist ein Unterwerfungsvertrag, der die Macht des Souveräns a priori festlegt und dabei eine Selbstorganisation der Gesellschaft behindert.24 Insofern steht auch Manuel De Landa in einer Tradition der Immanenz im Sinne von Hardt und Negri. Die Immanenz als kreative und produktive Kraft bildet die Grundlage der Selbstorganisation und steht im Konflikt mit der lähmenden, von oben herab organisierenden Autorität. Doch welches Verhältnis besteht zwischen den Krisenparteien? Wie reagieren Immanenz und Transzendenz aufeinander? Immanenz und Entstehung Durch die Entdeckung der Immanenz und ihre Konsequenzen stieg das kreative und produktive Potential des einzelnen in ungeahnter Weise oder man könnte fast sagen, es wurde geradezu entdeckt. Doch diese Revolution löste naturgemäß eine Gegenrevolution aus, welche sich in den Jahrhunderten der Aufklärung entfaltete.25 Dabei war es oberstes Ziel „ein Verständnis der Menge à la Spinoza zu vermeiden“, 26 das heißt dem Individuum sollte der Glaube genommen werden in direkter, unmittelbarer Beziehung zu Göttlichkeit und Natur zu stehen. Zwischen diese unmittelbare Beziehung zwischen Mensch und Göttlichkeit sollte eine Kontrollinstanz geschoben werden. Diese Zwischeninstanz lieferte der transzendentale Apparat, der es schaffte, der Menge eine einheitliche Ordnung aufzuerlegen und dadurch in direktem Dienste des Staates stand. Diese Vorgehensweise, einem Souverän a priori Macht zuzuweisen, steht im krassen Widerspruch zu De Landas Theorien von flachen Hierarchien und einem „bottom-up“ Entstehungsprozess. Man kann den Konflikt zwischen transzendentaler Ordnung und immanenten Kräften als einen Kampf der Theorien sehen, welcher sich jedoch ganz konkret in der Gesellschaft austobt. Was es an diesem Punkt jedoch weiter zu untersuchen gilt, ist die Macht und der Einfluss der Immanenz, nicht nur auf unsere Gesellschaft, sondern auch als jene schöpferische Kraft, welche Prozesse in Gange setzt und Neues entstehen lässt. So steht De Landa sicherlich in einer Tradition von Nietzsche, Spinoza, Hume und Deleuze: All diese Denker stehen im Gegensatz zu einer Staatsphilosophie, die transzendentale Mächte installieren und stützen will, um damit die Massen unter Kontrolle zu halten. De Landa hingegen untersucht die Immanenz als eigentliche Kraft für jeden

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Michael Hardt, Antonio Negri, Empire: Die neue Weltordnung, a.a.O., S.98-99 Zu Hobbes Zeiten diente diese Souveränitätstheorie zur Entwicklung des Absolutismus; „doch in Wahrheit ließe sich ihr transzendentales Schema in gleicher Weise auf verschiedene Regierungsformen anwenden: Monarchie, Oligarchie, Demokratie.“ 25 Ebd., S.101 26 Ebd., S.92


Selbstentstehungsprozess. Diese Immanenz überschreitet auch die Grenzen zwischen Mensch und Materie, denn sie wirkt auf beiden Seiten. Hier setzt auch die Interdisziplinarität von De Landa an, die ihn auch in eine Tradition von Otto Neurath rücken lässt: Durch das Übertragen von Erkenntnissen aus den Naturwissenschaften, bei De Landa vor allem der Biologie und der Physik, auf die Gesellschaft, verschafft er uns eine neue, ganzheitlichere Sicht auf Prozesse, die um uns herum stattfinden und unsere Umwelt in ihrer gegenwärtigen Form entstehen haben lassen. Schlussbetrachtung Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Assemblage Theorie ein vielseitiges und flexibles Strukturierungsmodell ist; flexibel weil es so interdisziplinär angelegt und verwendet werden kann. Verstärkt durch die Einbringung von Negri und Hardt, entwickelt sich durch das Zusammenführen von Empire und der Assemblage Theorie aus A New Philosophy of Society, ein neues neo-materialistisches Gesellschaftsbild, das räumliche und materielle Komponenten zu wesentlichen Gesellschaftsbestandteilen erhebt. Die Immanenz spielt die entscheidende Rolle bei der Entstehung der Gesellschaft als ein offenes, sich selbst organisierendes System. Nach Hardt und Negri basiert die moderne Gesellschaft auf dem Konflikt aus Immanenz und Transzendenz, wobei sie weiterführend anstreben die Moderne hinter sich zu lassen um ein neues Gesellschaftssystem zu entwickeln. De Landa nimmt die Weltanschauung von Deleuze als Grundlage, bereichert sie mit naturwissenschaftlichen Denkweisen und baut darauf seine Theorien auf. Thematisch untersucht er Organisationsformen in verschiedensten Ausprägungen: Er vergleicht von Menschen organisierte mit natürlich entstandenen Systemen, wobei die Grenzen fließend sind und es oft zu Wechselwirkungen dazwischen kommt. Durch die Beschreibung von interdisziplinären Systemmodellen wird A New Philosophy of Society auch für Architekten interessant. Er favorisiert in diesem Werk ein offenes Entstehungsmodell, in dem einzelne Komponenten sowie Maßstäbe gleichwertig sind, und das Ganze mehr ist als die Summe der Einzelteile. Wesentlich bei De Landa ist nun aber, dass die Einzelteile ihrerseits nicht in einem nahtlosen Ganzen untergehen, sondern auch eigenständig und unabhängig voneinander ihre Berechtigung haben. A New Philosophy of Society ist De Landas aktuellstes Werk, mit dem er es auch schafft, seine gesetzten Ziele zu erreichen, unter anderem ein wissenschaftliches und zugleich philosophisches Rahmenwerk für die Soziologie zu liefern. Seine Theorien, welche Anspruch auf Universalität erheben, sind flexibel und in verschiedensten Disziplinen anwendbar. Durch diese Vielfältigkeit ergeben sich auch gewisse Probleme, die die Frage nach Vergleichbarkeit von Methoden, Begriffen und Ergebnissen aufwerfen.

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Negri und Hardt hingegen, schaffen in Empire eine Gesellschaftsanalyse, die ebenfalls auf Methoden von Deleuze aufbaut, aber weniger die Methoden selbst, als die Gesellschaft thematisiert. Beide Werke beschäftigen sich mit der MÜglichkeit Deleuze im 21.Jahrhundert zu benutzen um unsere Gesellschaft zu analysieren, zu verstehen und, vor allem im Fall von Empire, zu verbessern.

3 Vogelschwarm Quelle: http://www. wissenschaft-online.de/ sixcms/media.php/912/ thumbnails/233454. jpg.333295.jpg


206 Quellen Manuel De Landa, A New Philosophy of Society: Assemblage Theory and Social Complexity, continuum, London, 2006 Michael Hardt, Antonio Negri, Empire: Die neue Weltordnung, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2003 Gilles Deleuze, Felix Guattari, Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie, Merve Verlag, Berlin, 1997 Gilles Deleuze, Felix Guattari, A Thousand Plateaus: capitalism and schizophrenia, The University of Minnesota Press, Minneapolis, 1987 Cristoph Helferich, Geschichte der Philosophie, Metzler, Stuttgart/Weimar, 2001 Manuel De Landa, „Materialität: Anexakt und Intensiv“ in Lars Spuybroek (Hrsg.), Nox: Bauten und Projekte, DVA, München, 2004 Manuel De Landa, Konrad Becker, Miss M, An Interview with Manuel De Landa, http://www.t0.or.at/delanda/intdelanda.htm, Stand: Dezember 2008 Manuel De Landa, War in the Age of Iintelligent Machines, Zone, New York, 1992 Manuel De Landa, A Thousand Years of Nonlinear History, Zone, New York, 1997 Manuel De Landa, Intensive Science and Virtual Philosophy, continuum, London & New York, 2002 Wikipedia, Materialismus, http://de.wikipedia.org/wiki/Materialismus, Stand: Jänner 2009 Wikipedia, Assemblage (journal), http://en.wikipedia.org/wiki/Assemblage_ (journal), Stand: Jänner 2009 European Graduate School, Manuel DeLanda. European Graduate School Lecture 2006, http://www.youtube.com/watch?v=IKIsA8yhP58, Stand: Jänner 2009


OUT OF THE WILD

OUT OF THE WILD A r c h i t e k t u r t h e o r i e W i n t e r s emester 2008/09

Otto Neurath Friedrich Kiesler Christopher Alexander Manuel de Landa

Lehrstuhl für Architekturtheorie Leopold-Franzens Universität Innsbruck Technikerstrasse 21 A-6020 Innsbruck T +43 512 507 6534 F +43 512 507 96919 E office@architekturtheorie.eu W www.architekturtheorie.eu Prof. IR. Bart Lootsma BScArch (MER), DipArch (DIST), MArch (DIST) Jan Willmann Dipl.-Ing. Angelika Schnell Stand: Februar/März 2009 (Vorläufige Fassung)

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