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Sveučilište J. J. Strossmayera u Osijeku

Filozofski fakultet

Preddiplomski studij njemačkog jezika i književnosti

Mihaela Spajić

Hans Magnus Enzensbergers lyrisches Schaffen Završni rad

Mentor: prof.dr.sc. Željko Uvanović

Osijek, 2011.


Abstract Das Thema dieser Arbeit ist das lyrische Schaffen von Hans Magnus Enzensberger. Dabei werde ich versuchen sein politisches Engagement in der Lyrik zu erläutern, indem ich einen Überblick über die Lebensumstände in den fünfziger und sechziger Jahren, sowie die politische Entwichlung in Deutschland liefere. Danach werde ich erklären, was politische Lyrik ist und dabei werde ich auf die Frage über Enzensbergers politisches Engagement in seinem lyrischen Schaffen hinweisen. Als die repräsentativen Gedichte seines lyrischen Schaffens habe ich „verteidigung der wölfe”, „landessprache” und „blindenshrift” ausgewählt. Danach werde ich auf die Komponenten seiner lyrik hinweisen, mit deren Hilfe man sein politisches Engagement nachweisen kann. Am Ende der Arbeit befindet sich die Schlussfolgerung. Außerdem führe ich zum Schluss noch die Bücher über Enzensbergers Lyrik auf, die mir während der Ausarbeitung behilflich waren, sowie die Werke von ihm und Quellen, die ich im Internet gefunden habe.

Schlüsselwörter • 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts • politische Lyrik • verteidigung der wölfe • lanessprache • blindenschrift • Komponenten


INHALTSVERZEICHNIS I. Einleitung......................................................................................................................1 II. Die historischen und kulturellen Hintergründe in der Bundesrepublik Deutschland in den 50er und 60er Jahren....................................3 II.1 Die 50er Jahre.........................................................................................................3 II.2 Die 60er Jahre.........................................................................................................4 III. Die politische Lyrik.....................................................................................................6 III.1 Begriffserklärung..................................................................................................6 III.2 Das „lyrische Ich”.................................................................................................8 IV. Beispiel für die politische Lyrik von Hans Magnus Enzensberger........................9 IV.1 verteidigung der wölfe.........................................................................................9 IV.2 landessprache....................................................................................................13 IV.3 blindenschrift.....................................................................................................16 IV.4 Die Holocaust-Lyrik..........................................................................................18 V. Die Komponenten der Lyrik Enzensbergers...........................................................20 V.1 Der dichterische Stil.............................................................................................21 V. 2 Die politischen Komponenten.............................................................................24 V.3 Kritik an die Medien............................................................................................28 V.4 Das Untergangs-Motiv.........................................................................................31 VI. Schlussbetrachtung..................................................................................................33 VII. Literaturverzeichnis................................................................................................35 VII.1 Primärlitertur...................................................................................................35 VII.2 Sekundärliteratur.............................................................................................35 VII. Anonyme Internetquellen..................................................................................36

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I. Einleitung Um die Vorstellung vom Leben, die Meinung über die Gesellschaft und die Wünsche jedes Einzelnen zu kennen, muss man zuerst die geschichtlichen Hintergründe, das soziale Umfeld und deren Entwicklung beachten, in denen er aufgewachsen ist. Man muss diese Faktoren auch im Bereich der Lyrik beachten; um das lyrische Schaffen eines Dichters vollkommen verstehen zu können. Die Aufgabe dieser Arbeit ist es einen

historischen Überblick über die

Gesellschafts- und Lebensumstände, sowohl über die politische und literarische Entwicklung in der Bundesrepublik zu liefern. Dabei werde ich mich auf einen gewissen Zeitraum konzentrieren- und zwar auf die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts- weil Enzensberger besonders in diesem Zeitraum die Entwicklung der Bundesrepublik und der politischen Situation beobachtete. Das kam auch in seiner Lyrik zur Geltung; insbesondere in seiner „politischen Lyrik.” Da die bisherigen Untersuchungen viel darüber spekuliert haben, wie man politische Lyrik definieren könnte und welche Elemente sie ausmachen, werde ich zuerst erklären, was politische Lyrik ist und welche Rolle das lyrische Ich dabei spielt. Danach werde ich mich in meiner Arbeit damit auseinandersetzen, inwiefern Enzensbergers Gedichte „politisch” waren und inwiefern er sich mit seinem lyrischen Ich identifiziert, weil dieser Unterschied sehr wichtig ist, insbesondere bei der Festlegung seines dichterischen Engagements. Zum besseren Verständnis des Ganzen werde ich seine bedeutendsten politischen Gedichtsbände analysieren und versuchen zu zeigen, wie verschwommen die Grenzen von Politik und Literatur sind und in welcher Art und Weise seine Gedichte die Entwicklung der politischen Lyrik in Deutschland beeinflusst haben. Anschließend analysiere ich weitere Gedichte von Enzensberger und greife dabei in meiner Arbeit auf die literarische Lage zurück, in der sich Enzensberger befand. Denn aufgrund der vielseitigen Entwicklungen der Bundesrepublik, hat die deutsche Literatur einige Änderungen durchgemacht und dabei viele Einflüsse erfahren und verschiedene Stilrichtungen entwickelt. Dabei werde ich besonders auf den spezifischen Stil Enzensbergers eingehen und versuchen nachzuweisen, dass seine Gedichte nicht in das Genre der ästhetischen Lyrik eingeordnet werden können. In diesem Zusammenhang

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werde ich versuchen auf Motive, formale und inhaltliche Merkmale hinzuweisen, die daf端r sprechen, dass es sich bei ihm um politische Gedichte handelt, als auch auf jene die dagegen sprechen. Denn gerade diese dichterischen Motive und k端nstlerischen Sprachmittel erwiesen sich als n端tzlich, bei der Entscheidung 端ber die Einordnung von Enzensbergers Gedichten in das Genre der politischen Lyrik.

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II. Die historischen und kulturellen Hintergründe in der Bundesrepublik Deutschland in den 50er und 60er Jahren In diesem Kapitel werde ich über die literarischen, politischen und geschichtlichen Entwicklungen und Veränderungen der Budesrepublik Deutschland der 50er und 60er Jahre schreiben. Denn das lyrische Schaffen Hans Magnus Enzensbergers war, in den frühen Jahrzehnten seines Lebens, mit den gesellschaftlichen und politischen Situationen in Deutschland sehr verbunden, so dass man seine Werke nicht vollkommen verstehen kann, wenn man nicht die Geschichte und Entwicklung Deutschlands der 50er und 60er Jahre kennt. Scheinecke meinte, dass Enzensberger „…wie kein anderer die Geschichte Deutschlands seit dem Ende der 50er und 60er Jahre in seinen zornigen, satirischen und selbstironischen Kommentaren begleitet…. (Scheinecke 1994: 785)/ …mit seinen Gedichten gespiegelt und auf den Begriff gebracht hat.” (ebd.: 789)

II.1 Die 50er Jahre

Deutschland war nach dem Krieg sehr von Armut, Schmutz und Krankheiten betroffen und musste mit dem Wiederaufbau anfangen. Das Volk war unsicher, ängstlich und mit Schuld geladen. Das Volk suchte deshalb in allen Bereichen Trost, auch in der Lyrik. So entstand die „Trümmerlyrik”, die Nachkriegserlebnisse wirklichkeitsgetreu darstellte, indem sie Kriegsgefangene, Heimkehrer und Kriegslager beschrieb. Aber nicht nur der Zweite Weltkrieg hatte Einfluss auf die Gesellschaft und Kultur

in

Deutschland

ausgeübt,

sondern

auch

die

Wiederbewaffnung

der

Bundesrepublik, das Wirtschaftswunder (schnelle Industrialisierung), der Koreakrieg, die Frauenbewegung und die Währungsreform (1948).1 Aber auf dem literarischen Feld wurden nach Hinderer keine großen Veränderungen bemerkt, denn „statt weiterhin lediglich komplizierte Eigenformen zu produzieren, bekundetetn plötzlich viele eine deutliche Neigung zu überlieferten Formen der satirisch-engagierten Lyrik. Man denke an die zahlreichen Epigramme, Paraphrasen, umfunktionierten Balladen…” (Hinderer 1978: 326) 1

/1950er/ in http://de.m.wikipedia.org/wiki/1950er / Datum: 02.06.2011

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Nach Hinderer wendete sich erst die Lyrik der sechziger Jahre konkreten Problemen zu, indem die Inhalte dieser Gedichte „…vom Protest gegen den VietnamKrieg, von der Solidarität mit den Völkern der Dritten Welt bis zu gezielter Kritik an den verschiedenen Formen kapitalistischer Ausbeutung (…) und den Protestengegen die offizielle Bespitzelung westdeutscher Linker” reichte, „wobei sich vorallem Lyriker wie…Hans Magnus Enzensberger (…) u.a. auszeichneten.” (Hinderer 1978: 327) So brachten die sechziger Jahre viele neue Fragen und Antworten. II.2 Die 60er Jahre2

Der Bau der Berliner Mauer 1961 war eine sehr wichtige Voraussetzung für die Entwicklung in den 60er Jahren, denn erst nach dem Bau wurde die Teilung für das Volk spürbar. Hinderer meint, dass mit dem Bau der Berliner Mauer „nicht nur zwei Gesellschaften sondern auch zwei Literaturen” begonnen haben sich getrennt zu entwickeln; in Westdeutschland3 begann sich das Gedicht mehr „an feste Bezugsgruppen zu richten” und in Ostdeutschland „war die Lyrik als Gegenreaktion zur dogmatischen Parteiideologie auf dem Weg ins Private…” (Hinderer 1978: 14) Auch die Kuba-Kriese (1962), der Krieg in Vietnam (1964), die Zensur4 und die Studentenbewegung (1968)5 waren wichtige Ereignisse der sechziger Jahre, weil sie auf heftigen Protest stießen und dadurch großen Einfluss auf die Innenpolitik Deutschlands ausübten.6

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In den Jahren 1966 und 1967 kam es in der Bundesrepublik zu Massenentlassungen und Arbeitslosigkeit. (Schnell 1986: 169) 3 Demgegenüber behauptet Knörrich, dass sich „[i]m Westen [ ] der Neubeginn auf die demokratische Reorganisation des Staates [beschränkte] und auf die Einleitung von mehr geistig-moralischen als politischgesellschaftlichen Bewußtseinsprozessen,…” (Knörrich 1978: 8) 4 H. M. Enzensberger beschreibt die Zeit der Zensur folgend: „…Was die Dichter schreiben dürfen, was nicht, darüber entscheidet die Staatsraison…/…über Staatsmänner und Vorgesetzte darf öffentlich nichts Ungünstiges gesagt werden. Helden sind unter allen Umständen zu rühmen. Die Untaten der Herrschenden sind kein Gegenstand der Dichtung (…) Die Kontrollkommission weist nicht nur die Themen an, sie verfügt auch, welche Formen zulässig, welche Tonfälle erwünscht sind (…) Schädlinge werden verbannt oder ausgemerzt, ihre Werke verboten, zensiert, verstümmelt.” (Künzel 1977: 18) 5 Auch Hans Magnus Enzensberger war an der Studentenbewegung gegen den Vietnam- Krieg beteiligt (Schnell 1986: 174) 6 /1960er/ in http://de.m.wikipedia.org/wiki/1960er / Datum: 02.06.2011

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Nach Hinderer übten diese Ereignisse auch Einfluss auf die Lyrik der sechziger Jahre aus, denn es „began eine Reihe von Dichtern in diesen Jahren zum ersten Mal aus dem bestehenden Lyrikgetto auszubrechen und auch dokumentarische, epische und balladeske Elemente in die gehobene Lyrik aufzunehmen, um damit eine größere Breitenwirkung zu erzielen.” (Hinderer 1978: 326) So wandelte sich die Funktion der Lyrik um, wie Enzensberger erklärt: „wenn es nach mir ginge – und soweit es nach mir geht -, ist es die Aufgabe des Gedichts, Sachverhalte vorzuzeigen, die mit anderen, bequemeren Mitteln nicht vorgezeigt werden können. (…) Gedichte sind also nicht Konsumgüter, sondern Produktionsmittel, mit deren Hilfe es dem Leser gelingen kann, Wahrheit zu produzieren. ” (Künzel 1977: 8) Es entstehen neue literarische Richtungen, die nach Hinderer „…über radikale Vereinfachung

oder

rhytmisch-melodische

Einprägsamkeit

[eine

politische

Breitenwirkung] erreichen [will]. (Hinderer 1978: 330) Dazu gehören auch die Agitpropgedichte (Agitations-Propaganda)7, „der aggressiven Plakat –und Sprechlyrik, den Flugblattgedichten oder Kampftexten für die Straßenagitation, d.h. all jenen Gedichten, die sich als ›Kampfmittel gegen die Unterdrückten‹ verstehen.” (ebd. S. 330) Aber auch Protestsongs, Kampflieder, Schlagworte, Parodien, Sprüche und Epigramme gehören dazu, und sie behandelten Themen wie: „…die Verbrechen des Dritten Reiches, Probleme

der

Dritten

Welt,

Proteste

gegen

den

Vietnam-Krieg…/…gegen

Umweltverschmutzung (…).” (Hinderer 1978: 14) In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich die politische Lyrik mit Hilfe der

politischen

und

gesellschaftlischen

Veränderungen

und

vielfältigen

Stilrichtungen zu einem der bedeutendsten Genres dieser Zeit entfaltet.

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Nach Hinderer sieht sogar Enzensberger „den politischen Auftrag eines Gedichtes vorallem darin, sich gegen Verfügbarkeit zu sperren. Kampfgesänge und Marschlieder, Plakatverse und Hymnen, Propagandahoräle…/…wie überhaupt alle Agitations-Formen haben daher für Enzensberger nichts mit Poesie zu tun.” (Hinderer 1978: 324) In seinem Essay „Die Entstehung eines Gedichts” bestätigt er diese Auffassung: „Man kann sich fragen ob ein Gedicht möglich ist, das politisch wäre und sonst nichts. Vermutlich ginge es an einer propagandistischen Absicht zugrunde. Ich glaube, (…) daß die politische Poesie ihr Ziel verfehlt, wenn sie es direkt ansteuert…” (Künzel 1977: 123)

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III. Die politische Lyrik 8 III.1 Begriffserklärung

Es fällt sehr schwer eine allgeimene Begriffserklärung für die politische Lyrik zu finden, denn wie Knörrich sagt ist „…das Aufgreifen politischer Themen im Gedicht (…) noch lange nicht Ausdruck eines wirklichen politischen Bewußstsein [ ].” (Knörrich 1978: 324) Doch Hinderer behauptet, dass der Begriff „politische Lyrik” „eine bestimmte Gruppe poetischer Texte” bezeichnet, „deren specifica differentia in der politischen Thematik liegen…” (Hinderer 1978: 10), während die Brockhaus-Fassung unter politischer Lyrik „denjenigen Teil der Zweck –und Tendenzdichtung” begreift, „der sich die Herbeiführung oder Bekämpfung bestimmter Staats –oder Sozialordnungen zum Ziele setzt.” (Hinderer 1978: 18) Künzel meint, dass man bei der politischen Lyrik auf Folgendes achten muss: „…Inwiefern ist der Autor Objekt politischer Herrschaft? Wie verhält er sich ihr gegenüber? Welche Herrschaftsformen bekämpft er, für welche tritt er ein? Mit welcher politischen Theorie setzt er sich auseinander? Welche Absichten verfolgt der Autor mit seinem Gedicht? An welche Zielgruppen wendet er sich?” (Künzel 1977: 10) Hinderer meint, dass man in einem politischen Gedicht auch darauf achten muss, dass „…die intendierten Werte in einem deutlichen Realitäts –und Kommunikationszusammenhang” stehen „der jedoch nur in einer spezifischen Situation zu einer bestimmten Zeit existiert (…) was der Interpretation die Aufgabe stellt, daß ››synchrone historisch-soziale System‹‹ zu rekonstruieren, in dem der jeweilige Informationsaustausch stattfindet.” (Hinderer 1978: 25) Denn nach ihm bezieht sich die Lyrik „…auf eine bestimmte Adressatengruppe, die entweder in demselben Kontext steht wie der Texthersteller oder aber von diesem für die Ideologie und politischen Ziele einer anderen Bezugsgruppe

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„Aus [dem] Programm der pragmatischen Texttheorie lassen sich für dieUntersuchung politischer Lyrik folgende Aufgaben übernehmen: die Analyse und Beschreibung 1. der sozialen und historischen Gruppe des Textherstellers, 2. der Beschaffenheit des Textes (Zeichenverwendung, Zeichenverhalten, syntaktische Muster u.s.w.) zusammen mit dessen Intention (Thema, Ideologie, politische Zielsetzung u.s.w.), 3. der medialen Bedingung (…) 4. der sozialen und historischen Gruppe des Adressaten, Kommunikanten oder Rezipienten (zusammen mit der spezifischen Situation, in welcher die Kommunikation stattfindet.)” (Hinderer 1978: 30) 6


gewonnen werden soll.” (ebd. S. 25) Da die politischen Gedichte Menschen beeinflussen wollen, müssen sie für eine bestimmte Gruppe von Menschen verständlich sein. Benno von Wiese meint, dass die politische Lyrik nicht nur die Meinungen der Leute beeinflussen will, sondern „erschüttern, begeistern, aufreizen” sein will. (Hinderer 1978: 18) Auch Knörrich kommt zum Ergebnis, dass die Lyrik „in den Dienst der dialektischen Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit gestellt [wird], die als eine zugleich wiederspruchsvolle und veränderbare kenntlich gemacht wird.” (Knörrich 1978: 331) Aber die Einstellung des Autors zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation ist nur ein Teil der politischen Lyrik, denn sie unterliegt ebenso den ästhetischen Regeln und formalen Kriterien.9 Hinderer meint, dass politische Gedichte „…ihre ästhetischen Mittel nach der Maßgabe ihrer Zweckdienlichkeit [auswählen], ihre Struktur wird also durch den

Intentionsgegenstand

bestimmt,

und

sie

haben

von

Anfang

an

Gebrauchswertcharakter.” (Hinderer 1978: 109) Anhand der formalen Kriterien können wir feststellen, wie weit sich das politische Engagement im Gedicht ausstreckt. Auch anhand der Metaphern10 können wir die Menge des politischen Engagements im Gedicht feststellen. Je leichter eine Metapher zu entschlüsseln ist, desto politischer ist das Gedicht und je schwieriger sie zu entschlüsseln ist, desto mehr neigen die Verse zur ästhetischen Lyrik. Hinderer meinte, dass „die Art und Weise der Informationsübermittlung [ ] einen wichtigen Stellenwert im Kommunikationsprozesß [hat].” (Hinderer 1978: 31) Doch Karsunke denkt, dass die Metaphern eine andere Rolle in der politischen Lyrik haben, denn nach ihm „[liegt] der Vorteil lyrischer Bilder (sog. Metaphern) [ ] in ihrer sinnlichen Anschaulichkeit (…) das den Leuten beim Zuhören auch mehr Spaß macht als eine theoretische Analyse. (…)” (Hinderer 1978: 35)

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Die Kriterien eines Gedichtes sind vor allem – die äußere Form, die den Text von Prosa unterscheidet (Vers, Strophenbau,...), besondere sprachliche Mittel (Reim, Metapher, Alliteration,...), die Dichte (Ausdruckskraft), sprachliche Ökonomie (Prägnanz), Subjektivität, und der Bezug auf ein „lyrisches Ich“. /Lyrik/ in http://de.wikipedia.org/wiki/Lyrik / Datum: 02.06.2011 10 Knörrich ist der Meinung, dass die Metapher „…ein besonderes geeignetes Mittel manipulativer Sprachverwendung sei, ausgezeichnet verwendbar für die unbemerkte Vermittlung ideologischer Inhalte.” (Knörrich 1978: 59)

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Während also, auf der einen Seite, die politische Lyrik wirken will, kümmert sie sich, auf der anderen Seite, nicht viel um die Interpretationsfähigkeiten der Leser. Schon daran sieht man wie kompliziert es ist ein Gedicht in die „politische Lyrik” unterzuordnen.

III.2 Das „lyrische Ich”

In der Lyrik sind die die Begriffe des „Autors” und des „lyrischen Ichs” streng zu unterscheiden. Denn die Bezeichnung der „Autor” bezieht sich auf eine reale Person, auf den Schriftsteller, der das Werk geschaffen hat, während der Begriff des „lyrischen Ichs” einen fiktiven Sprecher, die Stimme eines Gedichts.11 Die Gedichte der politischen Lyrik können nicht vereinzelt funktionieren, weil sie in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext geschaffen wurden und es sie nur in diesem Kontext geben kann. Da die politische Lyrik Dinge ändern will und auf die Gesellschaft Einflüss ausüben will, braucht sie einen konkreten Raum, eine konkrete Zeit und konkrete Ereignisse. Dabei hat sie aber nicht immer einen konkreten Sprecher, sondern einen fiktiven Sprecher (lyrische Ich), dessen Stimme eng verbunden mit der, des Autor, ist, aber manchmal auch von ihr abweicht. Deswegen ist es empfehlenswert sich damit zu beschäftigen, wie sehr die Stimme des lyrische Ichs mit der, des Autor, übereinstimmt oder von ihr abweicht. Dieser Unterschied zwischen dem lyrischen Ich und dem Autor ist von großer Wichtigkeit, weil er ein weiteres Kriterium bei der Feststellung der politischen und ästhetischen Tendenzen im Werk ist. Mit Hilfe dieses Unterschiedes, möchte ich Enzensbergers politisches Engagement untersuchen. Denn das lyrische Ich von Enzensberger setzt sich viel zu oft in verschiedene Rollen und benutzt eine viel zu komplizierte Sprache, so dass man es mit dem Verfasser sehr schwer in eine Verbindung bringen kann. Auf der anderen Seite war Enzensberger ein Feind des Kapitalismus und Kommunismus und je stärker ihre Macht wuchs, desto mehr stieg die Verzweiflung des lyrischen Ichs an der politisch- gesellschaftlichen Lage. 11

/Lyrisches Ich/ in http://de. Wikipedia.org/wiki/Lyrisches_Ich / Datum: 02.06.2011

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IV.

Beispiel für die politische Lyrik von Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensbergers beeinflusste mit seinen Texten, die politisch-literarische Szene in Deutschland. In diesem Kapitel werde ich mich mit den drei ersten Gedichtsbänden von Enzensberger beschäftigen- verteidigung der wölfe (1957), landessprache (1960) und blindenschrift (1964). Diese drei Sammlungen sind das beste Beispiel für die politische Lyrik der 50er und 60er Jahre in der Bundesrepublik.

IV.1 verteidigung der wölfe Zu diesem Lyrikband wurde vom Verlag eine Art Gebrauchsanweisung gegeben und darin stand, der Autor wolle seine Gedichte verstanden wissen „als Inschriften, Plakate, Flugblätter, in eine Mauer geritzt, auf eine Mauer geklebt, vor einer Mauer verteilt.“ Sie sollten nicht „in den Ohren des einen, geduldigen Lesers“ verklingen, vielmehr sollten sie „vor den Augen vieler, und gerade der Ungeduldigen“, „stehen und leben“, „wirken wie das Inserat in der Zeitung, das Plakat auf der Litfaßsäule, die Schrift am Himmel“. Sie sollten als „Mitteilungen“ verstanden werden, „hier und jetzt, an uns alle!“ (verteidigung der wölfe, ein freies Blatt) Diese Offenheit zu aktuellen Themen und zur Wirklichkeit hat auch Horst Künzel bemerkt, er meint Enzensberger versuche in diesem Gedichtsband „die politischen und sozialen Einrichtungen der deutschen Gegenwart, besonders der bundesrepublikanischen, zu treffen.” (Künzel 1977: 133) Den Bezug zur Gegenwart erkennt man auch in seinem ersten Gedichtsband verteidigung der wölfe, vorallem in dem Gedicht konjunktur. Da viele Menschen nach dem Krieg enttäuscht und müde von der Politik und der allgemeinen Situation waren, zogen sie sich in ihre Häuser und Familien zurück und versuchten ein stilles Leben zu führen. Im Mittelpunkt war der „kleine Mensch” und gerade an solche „kleine Menschen” wendet sich Enzensberger in diesem Gedicht, indem er ihre passive Lebensweise kritisiert:

ihr glaubt zu essen aber das ist kein fleisch womit sie euch füttern

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das ist köder, das schmeckt süß (vielleicht vergessen die angler die schnur, vielleicht haben sie ein gelübde getan, in zukunft zu fasten?) der haken schmeckt nicht nach biscuit er schmeckt nach blut (...) sorgt euch nicht! gutes gedächtnis ziert die angler, alte erfahrung. sie tragen zu euch die liebe des metzgers zu seiner sau. sie sitzen geduldig am rhein, am potomac, an der beresina, an den flüssen der welt. sie weiden euch. sie warten. (...) (Gedichte S. 12)

Demgegenüber behauptet Knörrich, dass die „Wirkungsabsichten wenigstens seiner ersten beiden Gedichtsbände [ ] sehr viel stärker auf eine Emotionalisierung des Lesers ausgerichtet [sind], als aufgrund der Formel von den vorzuzeigenden Sachverhalten anzunehmen wäre…/…die Redensweise [ist] noch durch und durch metaphorisch.” (Knörrich 1978: 60) Wie man sieht, ist es schwer eine genaue Interpretation für dieses Gedicht zu finden, weil sich mehrere Interpretationsmöglichkeiten anbieten, vorallem wegen den vielen Metaphern. Die Verse können als Kritik der Konsumwelt verstanden werden, wobei mit sie die Ausbeuter und mit fleisch, köder, füttern, sau die Konsumartikel gemeint sind. Der angebotene Wohlstand ist nur ein süß schmeckender köder. Die Ausgebeuteten hoffen das die Angler die Schnur vergessen –sie verschonen werden- doch die Angler tragen zu euch die liebe des metzgers zu seiner sau. Die Verbraucher/Ausgebeuteten werden freiwillig zu Opfern (sie warten) und auf der ganzen Welt ist es gleich (am Rhein, am Potomac, an der Beresina). Ein anderer Interpretationsvorschlag beinhaltet kompliziertere Metaphern. Das angebotene Essen, ward hier von den Politikern und Medien den Massen vorgelegt. Aber

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das Essen ist hier eine Welt der wirtschaft und Industrie, die den Konsumenten als etwas schönes präsentiert wird und so geben sich alle zufrieden (das schmeckt süß),12 aber nur so lange, bis sie den blutigen Hacken spüren. Der Rhein betrifft den deutschen Konsumenten, der mit sich mit seiner Situation zufrieden gibt und den Politikern blind glaubt (wartet). Eines bleibt den beiden Interpretationen gleich - die Einstellung des lyrischen Ichs, es distanziert sich von der manipulierbaren Beute, weil sie selber schuld ist (hoffen das der Angler die Schnur vergisst), als auch von den bösen Anglern. Einerseits attackiert das lyrische Ich den Leser und die „Opfer” im Gedicht, weil am Elend der Welt die Lämmer schuld sind und nicht die Wölfe. Am Ende des Gedichtes befinden sich eine Art Lobung der Räuber:

gelobt sein die räuber: ihr, eingeladen zur vergewaltigung, werft euch aufs faule bett des gehorsams. winselnd noch lügt ihr. zerrissen wollt ihr werden. ihr ändert die welt nicht. (verteidigung der wölfe, S. 91)

Was die Form des Gedichtes angeht, so besteht es aus freien Versen mit unregelmäßigem Rhytmus und vielen poetischen und rhetorischen Kunstbegriffen, wie z.B. Alliterationen (sie weiden euch, sie warten), Ausrufe (sorgt euch nicht!), expressive Wörter (sau). Ein wichtiger Bestandteil der Verse H. M. Enzensbergers ist die Intertextualität (die wenig bekannten Flussnamen als Assoziation zu den Ländern.) Mit diesem Gedichtsband erwarb sich Enzensberger einen weiteren Titel eines „zornigen jungen Mannes;” wie Scheinecke erklärt: „[ ] Katastrophenbewußtsein, genährt durch die Wiederbewaffnung der BRD und die Atomrüstung, Pazifismus bzw. Antimilitarismus, Gewalt –und Herrschaftskritik (…) Kritik an der Verdrängung der NSVergangenheit und sarkastische Polemik gegen den Normalbürger als passiv-ergebenes, 12

Bei Interpretationversuchen von Enzensbergers Gedichten sollte man immer auf die politische Situation in der Zeit der Entstehung der Gedichte achten. Auf die Zeit der 50er und 60er Jahre bin ich in Kapitel II. eingegangen.

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manipulierbares Opfer der Macht und der Medien charakterisieren den ersten Gedichtsband (…)” (Scheinecke 1994: 790) Auch Künzel kommt zu diesem Ergebnis: „Enzensberger attackiert alles und jedes und läßt seinem abgründigen, von Ressentiments durchsetzten Zorn gegen die allzu abgeschirmte Welt der Behörden und Gewerkschaften, der Karteien und Krankenkassen, der Konzerne und Rüstungsbetriebe freien Lauf.” (Künzel 1977: 133) Neben Gedichte des Zorns, die sich im ersten Teil des Bandes böse Gedichte befinden, enthält der Band noch zwei weitere Teile- freundliche und traurige Gedichte, in denen der Ton versöhnlicher ist und nicht so aggressiv, aber wieder stößt der Leser auf schwer dechiffrierbare Metaphern und Fremdwörter. Im Jahre 1960 veröffentlichte der Literat den Gedichtsammelband landessprache.

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IV.2 landessprache

Dieses Gedichtsband enthält vierzig Gedichte, die in Teile untergliedert wurden. Ein Teil enthält zwei Gruppen von kürzeren Gedichten- gedichte für die gedichte nicht lesen und oden an niemand- und drei lange Gedichte- landessprache, schaum und gewinner und firmament. Jeder Teil enthält ein Motto in lateinischer, griechischer oder spanischer Sprache, welches

in

einer

Gebrauchsanweisung

am

Ende

erläutert

wird.

Diese

Gebrauchsanweisung von Enzensberger stellt die Gedichte als Gebrauchsgegenstände vor, so dass der Leser frei entscheiden kann ob er sie annimmt oder ihnen wiederspricht. landessprache beginnt mit dem Motto vom römischen Gelehrten Plinius, in dem die Athener als wohlmeinende und leicht beeinflussbare Menschen dargestellt werden. Das Gedicht beginnt mit folgenden Versen:

was habe ich hier verloren, in diesem land, dahin mich gebracht haben meine älteren durch arglosigkeit? eingeboren, doch ungetrost, abwesend bin ich hier, ansässig im gemütlichen elend, in der netten, zufriedenen grube. was habe ich hier? und was habe ich hier zu suchen, in dieser schlachtschüssel, diesem schlaraffenland, wo es aufwärts geht, aber nicht vorwärts, wo der überdruß ins bestickte hungertuch beißt, wo in den delikateßgeschäften die armut, kreidebleich, mit erstickter stimme aus dem schlagrahm röchelt und ruft: es geht aufwärts! (…) hier laßt uns hütten bauen, auf diesem arischen schrotthaufen, (…) hiersein ist herrlich, wo dem verbrauchten verbraucher, und das ist das kleinere übel, die hare ausfallen, (…)

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in dieser mördergrube, wo der kalender sich selber abreißt vorohnmacht und hast, wo die vergangenheit in den müllschluckern schwelt und die zukunft mitfalschen zähnen knirscht, (…) (Gedichte S. 16)

Deutschland bekommt in diesem Gedicht viele Beinamen (mördergrube, arischer schrotthaufen,…) und mit diesen Bezeichnungen weist das lyrische Ich auf den Zustand „seines“ Land hin (arbeitslosigkeit, elend, armut,…) Die Themen sind: die kapitalistische Denkensweise (hier geht es aufwärts/ der verbrauchte verbraucher) , die verwöhnte und Gesellschaft (das ist nicht genug), das Desinteresse der Bürger am politischen und gesellschaftlichen Leben (hiersein ist herrlich) - parallel dazu ihr Interesse am wirtschaftlichen Wachstum, ihre Wohlstandsucht und ihr Konsum-Leben (laßt und hütten bauen…/…wo wir und finden wohl unter blinden, in den schau, -kauf –und zeighäusen…). Das lyrische Subjekt distanziert sich vom einfachen Volk (wie meine Brüder, die tadel- und hilflosen pendler...), weil es ihre Denkweise ablehnt und somit das Gedicht mit dem Wunsch abschließt das Land zu verlassen um sich von allen Schrecken zu erholen:

und ruhe aus, in einem ganz gewöhnlichen land hier nicht, nicht hier. (Gedichte S. 20) Das lyrische Ich entschließt sich dazu, weil es keine Rettung mehr für das Land sieht. Es hat keine Hoffnung mehr und der einzige Ausweg ist es zu verschwinden (was habe ich hier verloren, was suche ich…/…und finde nichts als chronische, chronologisch geordnete turnhallen und sachbearbeiter…/…denn diese land, vor hunger resend, zerrauft sich sorgfältig mit eigenen händen…). Jedoch nicht für immer (da bleibe ich eine zeitlang), nur solange, bis sich etwas ändert (meine zwei länder und ich, wir sind geschiedene leute). Diese typische Charakterisierung des Gesellschaftszustands als

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universelle „amnestie” findet man auch weiter in den Versen: „Vorläufig sterben wir/ seelenruhig/ in unseren Liegestühlen.” (Scheinecke 1994: 797) Der Sprecher wiederholt immer wieder „er hat hier etwas verloren“ doch er sei noch immer mit seinem Land verbunden. Diese Aussage stellt schließlich den Kern des Gedichtes dar und zum Schluss kommt dann die Antwort:

das habe ich hier verloren, was auf meiner zunge schwebt, etwas andres, das ganze, das furchtlos scherzt mit der ganzen welt und nicht in dieser lache ertrinkt, verloren an dieses fremde, geschiedene Geröchel (...) (Gedichte S. 20)

Der Sprecher wählt eine komplizierte Form des Gedichtes, er verwendet nähmlich am häufigsten das Wortspiel. Dazu benutzt er verschiedene syntaktische Instrumente, wie z.B. die Homonyme (wo eine gewinnspanne weit von den armen reichen die reichen armen), die Substitution der Präfixe (ins bestickte hungertuch (...) mit erstickter Stimme) und auch in gereimten Versgruppen (wo wir uns finden wohl unter den Blinden). Unter anderem werden auch zahlreiche Zitate, Schlagzeilen, Reklametexte, Redewendungen, Parodien, Ironien, Klimax und Oxymora verwendet. Deswegen fällt manchmal die Interpretation schwer.

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IV.3 blindenschrift

Dieser Band beinhaltet zirka fünfzig Gedichte und eine Untergliederung in vier Teile (camera obscura, blindenschrift, leuchtfeuer, schattenwerk). Was neu ist, ist die Wandlung im lyrischen Stil und in der dichterischen Aussage:

wer soll da noch auftauchen aus der flut, wenn wir darin untergehen? noch ein paar fortschritte, und wir werden weitersehen. (...) keine nachgeborenen keine nachsicht nichts weiter (blindenschrift, S. 50)

In diesem Gedichtsband ist laut Knörrich „der aggressive Ton des ››zornigen jungen Mannes‹‹, die überhitzte, provokative Sprache des Inngrimms und der Verzweiflung zurückgenommen und großenteils durch eine lakonische Sprachbehandlung ersetzt.” (Knörrich 1978: 363) Ähnlich auch Scheinecke, der meint, dass das Rhetorische zugunsten einer schlichten Sprache und knapper Bildlichkeit verdrängt wird, was auch der Grund ist, warum in diesem Band keine Gebrauchsanweisung zu finden ist. (Scheinecke 1994: 792) Aber ein politischer Unterton ist noch immer zu finden, indem er unter die anderen Themen vermischt wurde. In den meisten Gedichten finden wir das Motiv des Todes, gezeigt durch das Drohen einer Katastrophe, Apokalypse, eines Krieges oder des Atomtodes: „während das weltall explodiert,/schleuderst du gern deinen honig”, „der medizinmann spiel domino/ mit den molekülen” oder Deutschland: tickende „bombe aus fleisch.” (Scheinecke 1994: 791) Die Todesdrohungen findet man sogar in einem der zartesten Texte: kirschgarten im schnee; der Kirschbaum steht im kalten Schnee und ward durch den tödlichen Frost bedroht: „zwischen fast nicht und nichts/ wehrt sich und blüht weiß die kirsche.” (Scheinecke 1994: 792)

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Knörrich zeigt am ersten Gedicht der blindenschrift – küchenzettel – dessen „artistisch-rhetorische Brillanz [ ] einem stark verdichtenden Lakonismus13 weicht” (Knörrich 1978: 54) die dichterische Kunst, vorallem durch Aussparen und Verschweigen:

an einem müßigen nachmittag, heute seh ich in meinem haus durch die offene küchentür eine milchkanne ein zwiebelbrett einen katzenteller. auf dem tisch liegt ein telegram. ich habe es nicht gelesen. (…) durch die offene küchentür seh ich vergossene milch dreißigjährige kriege tränen auf zwiebelbrettern anti-raketen-raketen brotkörbe klassenkämpfe. (Knörrich 1978: 364)

Knörrich erklärt wie die einzelnen Worte, auch mit Ausparungen, einen artistischrhetorischen Wert haben: „Die vergossene Milch läßt an Zerstörung denken und asoziiert wie die tränentreibenden Zwiebeln die in den Kriegen vergossenen Tränen, der Brotkorb verweist auf jene Brotkörbe, die höher gehängt werden, und damit auf Ausbeutung und Klassenkampf. (…) der Katzenteller. Er deutet auf das kreatürliche Dasein hin, das Enzensberger dem korrumpierten Zivilisationsdasein des Menschen immer wieder entgegengestellt hat.” (Knörrich 1978: 365) Das Haus wird zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gesehen. Knörrich betont, dass „die Idylle” durch „einen Fremdkörper„ gestört wird: „eine Nachricht von Aussen (ein Telegramm, ein Brief, eine Zeitung), die als eine Bedrohung von außen erschient. Die Idylle wird unter dem Blickwinkel ihres Verlustes gesehen, der das eigentliche Thema des Gedichts ist…” (Knörrich 1978: 365) 13

Schmucklose Ausdrucksweise

17


Das lyrische Ich steht in blindenschrift nahe mit der Natur (eine Art Fluchtwelt); es sucht die natürliche Schönheit in den Bildern von Blüten, Schnee und Wasser. Einerseits wird vermutet, dass hier Spuren der Landschaft Norwegens zu finden sind; verbunden mit einem biographischen Ton. (Scheinecke 1994: 792)

IV.4 Die Holocaust-Lyrik

Die Lyrik über den Holocaust ist auch politische Lyrik, denn solche Gedichte beschreiben die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten in der Bundesrepublik. Wie keine andere engagierte Dichtung ist sie der Idee der Humanität verpflichtet, denn sie handelt von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch nicht die Anklage gegen die Täter steht im Mittelpunkt, sondern die Trauer um die Opfer. Auch wenn einige Theoretiker überzeugt davon waren, dass man die Massenhaften Verfolgungen und Vernichtungen nicht lyrisch darstellen könnte, gab es immer solche die anderst dachten- unter ihnen war auch der nicht-jüdische Lyriker Hans Magnus Enzensberger. Eines seiner bekannten Gedichte über den Holocaust ist Die Verschwundenen:

Nicht die Erde hat sie verschluckt.War es die Luft? Wie der Sand sind sie zahlreich, doch nicht zu Sand sind sie geworden, sindern zu nichte. In Scharen sind sie vergessen. Häufig und Hand in Hand, wie die Minuten. Mehr als wir, doch ohne Andenken. Nicht verzeichnet, nicht abzulesen im Staub, sondern verschwunden sind ihre Namen, Läffel und Sohlen. Sie reuen uns nicht. Es kann sich niemand auf sie besinnen: Sind sie geboren, geflohen, gestorben? Vermißt sind sie nicht worden. Lückenlos ist die Welt, doch zusammengehalten von dem was sie nicht behaust, von den Verschwundenen. Sie sin überall.

18


Ohne die Abwesenden wäre nichts da. Ohne die Flüchtlingen wäre nichts fest. Ihne die Vergessenen nichts gewiß. Die Vershwundenen sind gerecht. So verschallen wir auch. (Gedichte S. 58)

Für die Darstellbarkeit des Holocaust, verzichtet er auf die ästhetischen Mittel, denn um die grauenhafte Wirklichkeit zu zeigen, greift er zum Mittel des Zorns, der Trauer und des Schocks.

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V. Die Komponenten der Lyrik Enzensbergers Hans Magnus Enzensberger ist Zeitlich der modernen Lyrik zuzurechnen, doch wenn man die Frage stellt- was moderne Lyrik ist- bekommt man verschiedene Antworten. Denn Enzensberger selber sagte, dass „der Begriff der Modernität” nichts „taugt”: „nur einen Unsinnigen könnte es danach verlangen, ihn zu definieren. „(…) Seit seiner Prägung stiftet er Bewegung und Verwirrung.” (Lampig 1991: 7) Das kommt dadurch, dass viele Richtungen, Gruppierungen, Autoren und Werke nach verschiedenen Kriterien als „modern” bezeichnet wurden, laut Enzensberger habe die moderne Lyrik „wie nie zuvor die nationalen Grenzen der Dichtung aufgehoben und dem Begriff der Weltliteratur zu einer Leuchrkraft verholfen, an die in anderen Zeiten nicht zu denken war.” (Lampig 1991: 7) Auch wenn die Moderne in der deutschen Lyrik erst in den 90er Jahren einsetzte, gibt es eine Gemeinsamkeit die in jeder modernen Lyrik vorhanden ist: sie ist durch eine sprachliche und formale Erneuerung gekennzeichnet. (Lampig 1991: 18) Auch bei Enzensberger sind diese Erneuerungen zu erkennen, aber nach Knörrich sind bei Enzensberger auch Unterschiede zur modernen Lyrik erkennbar: „Er kennt nicht mehr jenen Drang, die Grenzen des Mittelbaren immer aufs neue zu überschreiten, der die europäische Moderne so entscheidend prägte. Für ihn besteht die Aufgabe des Gedichts darin, ››Sachverhalte vorzuzeigen‹‹, um so zu ihrer Veränderung beizutragen…” (Knörrich 1978: 59f.) Er zeichnete sich auch immer wieder durch einen eigenen Stil aus. Denn sogar seit Anfang der 80er Jahre, als viele Dichter der Alltagslyrik die Rolle der Tradition für das Schreiben von Gedichten hervorhoben, meinte Enzensberger darauf, dass sie sich

mit der Wiederaufbereitung ausgebrannten Materials begnügen (…) und daß dieses lyrische Recycling alle Standards der Vorlagen unterbietet. (Hoffmann 1945: 170)

20


Deswegen werde ich in diesem Kapitel versuchen, den typischen Stil14 Enzensbergers zu zeigen, indem ich mich mit den Motiven und Merkmalen auseinandersetzen werde, die sein lyrisches Schaffen gekennzeichnet haben und die zur Einordnung seiner Lyrik wichtig waren.

V.1 Der dichterische Stil

Enzensberger unterscheidet sich sehr durch einen eigenen Stil in der Verfremdung von Sprichwörtern und Redewendungen, grammatikalischen Einstellungen, Sprachspiel, Montage – zusammen mit Alliteration, Anapher, Assonanz, Zeugma, Anthithese, Oxymoron und anderen rhetorischen Künsten. Typisch dafür ist verteidigung der wölfe gegen die lämmer („wer näht denn dem general/ den blutstreif an seine hose?”), noch typische landessprache: „was habe ich hier zu suchen,/ in dieser schlachschüssel, in diesem schlaraffenland,/ wo es aufwärts geht, aber nicht vorwärts (…)” (Scheinecke 1994: 787) Knörrich geht in seinem Buch auf das Thema der dichterischen Mittel Enzensbergers ein und er meint, dass sein wichtigstes Mittel die „Entstellung” sei, weil es am besten „Sachverhalte” vorzeigt und auch wie die Artistik dazu dient „Sprache hermetisch und ››dichterisch neu verfügbar zu machen‹‹, zugleich auch didaktische Funktionen zu übertragen.” (Knörrich 1978: 362) Enzensberger definiert die „Entstellung” als „Rückgriff von der schon vorgeformten und zubereiteten Sprache auf vorher nicht genutzte Möglichkeiten des Wortes.” (ebd. S. 362) Schon in den 50er Jahren praktizierte Enzensberger in seiner Lyrik den Montagestil, unter dem Einfluss von Gottfried Benns dichtungstheoretischem Konzept: „Nichts wird stofflich-psychologisch mehr verflochten, alles angeschlagen, nichts

14

Künzel stellt drei Thesen auf, über das Verhältnis des politischen und poetischen Prozeßes bei Enzensberger: 1. „Sein politischer Auftrag ist, sich jedem politischen Auftrag zu verweigern und für alle zu sprechen noch dort, wo es von keinem spricht…” 2. „Kritik wird zur produktiven Unruhe des poetischen Prozesses. ” 3. „Poesie tradiert Zukunft…” (Künzel 1977: 19)

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durchgeführt. Alles bleibt offen. Antisynthetik.15 Verharren vor dem Unvereinbaren.” (Hoffmann 1945: 174) An dieser Stelle muss noch über ein wichtiges Stilmittel gesprochen werden, mit dessen ungewöhnlichem Umgang sich Enzensberger vorallem im Stil unterschied- der Metapher. Das sieht man zum Beispiel in „Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer”, wo die verwendeten Metaphern unterschiedlicher Bedeutungen sein können. Die Begriffe über das Essen (fleisch, köder, füttern, sau) kann man als Artikel des Konsumlebens betrachten, aber auch als eine Traumwelt, die dem Publikum die Realität verdeckt. Hierdurch sieht man wie das Interpretieren Enzensbergers Metaphern Schwierigkeiten mitbringt, denn mit der Art und Weise ihrer Interpretation hängt schließlich die gesamte Bedeutung des Gedichtes ab. Knörrich ist der Meinung, dass der Metapher bei Enzensberger „im politischen Kontext eine primär kritische Funktion zugewiesen [ist]. …Erst in dem Maße, in dem sich das Gedicht Enzensbergers versachlicht und zum Aufklärungstext, d.h. zur mehr rational als emotional gelenkten Gesellschaftsanalyse wird, verschwindet die Metapher aus ihm und macht direkteren Mitteilungsformen Platz.” (Knörrich 1978: 60) Enzensberger liebt das Spiel mit Bildern und Symbolen. Dazu benutzt er auch noch fremde Wörter, anderssprachige Begriffe, unbekannte Ortsnamen und Hinweise an verschiedene Persönlichkeiten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Stück „Der Untergang der Titanic”: hier steht ein Mann mit dem Namen Dante auf der Passagierliste, was ein Hinweis auf die Gattung liefert. Denn mit dem Namen ´Dante´ verbindet sich das große Versepos „Divina Commedia” („Göttliche Komödie”), die keineswegs eine Komödie ist (wie auch das Stück „Der Untergang der Titanic”, das den Untertitel „Eine Komödie” enthält). (Forster 1998: 210) Das Enzensbergers den Dichter Dante bewundert, sieht man auch dadurch, dass er sich von ihm das Versepos als „große Form” vorstellen ließ: denn seine <<Komödie>> ist in dreiunddreißig Gesänge und sechszehn lyrische Zwischentexte gegliedert und Dantes „Göttliche Komödie” ist in dreimal dreiunddreißig Gesänge und einen Prolog, also insgesamt hundert Einheiten gegliedert. (Forster 1998: 210) Aber weil für Enzensberger der ästhetische Bestanteil der Gedichte von großer Bedeutung ist, stehen seine Verse manchmal an der Grenze zwischen der politischen und 15

Antisynthetik: Verweigerung der Verbindung

22


unpolitischen Lyrik. Renate Matthaei sieht „Enzensbergers Versuch einer politischen Lyrik” als gescheitert, weil Enzensberger durch das Überschreiten der Grenzen und „in der kunstvollen Anstrengung, ›schöne Gedichte‹ zu schreiben, steckenblieb.” (ebd. S. 355) Demgegenüber behauptet Otto Knörrich, dass „[d]ie vor allem von Enzensberger begründete neue politische Lyrik in Westdeutschland zwischen politischen Engagement und Artistik zu vermitteln [suchte], d.h., wenn man so will, Benn und Brecht miteinander zu verbinden. (…) [Denn] [i]n der westdeutschen Literatur gab es vor Enzensberger zwar moderne Lyriker, die auch das Politische in ihr Gedicht einließen, aber niemanden, der die Verschmelzung von politischer Intention und modernem Formenbewußtsein zum beharrlich verfolgten dichterischen Programm erhob.” (Knörrich 1978: 355ff.) Knörrich betont: „Da Enzensberger außerdem seine lyrische Produktion spätestens seit den Ereignissen von 1968 stark reduziert hat, wird leicht vergessen, was Alfred Andersch schon 1958 so formulierte: ››dieser eine [Enzensberger] hat geschrieben, was es in Deutschland seit Brecht nicht mehr gegeben hat: das große politische Gedicht.‹‹” (Knörrich 1978: 358)

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V.2 Die politischen Komponenten

Das Schlüsselwort der politischen Lyrik ist das Engagement, sowohl des Autors, als auch des sprechenden Subjekts. Mit Hilfe seiner Werke will der Autor auf etwas aufmerksam machen und die Leser dazu bewegen, über beschriebene Dinge nachzudenken und sie möglicherweise zu ändern. Vergleichbar ist der Ansatz von Knörrich, dass „[d]as Gedicht [ ] in dem Maße [politisch ist], in dem seine Sprache Widerstand, Protest, Medium der Emanzipation des Menschen von den gesellschaftlichen Zwängen ist.” (Knörrich 1978: 361) In Enzensbergers Gedichten findet man oft Verse, in denen gezeigt wird wie die Vergangenheit geändert werden muss und wie man alte Fehler vermeiden sollte. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht „Middle Class Blues”16: (…) Die Straßen sind leer. Die Abschlüsse sind perfekt. Die Sirenen schweigen. Das geht vorüber. (…) Der Krieg ist noch nicht erklärt. Das hat keine Eile. (…) Wir können nicht klagen. Worauf warten wir noch? (Enzensberger 1964: 74)

Die Sirenen spielen erstmals direkt auf den vergangenen Krieg an, doch die Wendung „Das geht vorüber” und „Der Krieg ist noch nicht erklärt” zeigt die Gefahr auf, dass man aus der Vergangenheit lernen muss, wenn man sie nicht wiederholen will. Als Warnung zeigen deshalb die letzten Verse, welchen Preis das lyrische Wir für seine

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Middle Class: Mittelschicht Blues: 1. melancholische Liedform der schwarzen Bevölkerung Nordamerikas 2. langsamer Gesellschaftstanz Enzensberger beschreibt hier die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft und deren Bezug zur nationalsozialistischen Vergangenheit.

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materialistische Vergangenheitsflucht zahlen muss- „Sein Dasein ist von einer solchen geistigen Leere durchdrungen dass es von seinem Leben nichts mehr zuerwarten hat.” (Hoffmann 1945: 266) Doch während dieses Schaffens macht das Ästhetische dem Politischen Platz, wobei das Maß der Verteilung darüber entscheidet, ob ein politisches Gedicht ein Gedicht bleibt. Enzensberger meinte darauf nur: „Allein die Tatsache, daß etwas ein Gedicht ist, disqualifiziert es ja in gewisser Weise bereits von der politischen Wirkung.” (Scheinecke 1994: 789) Wichtig ist auch, die geschichtlichen Hintergründe des Landes und der Zeit zu kennen, in denen der Autor aufgewachsen ist und gelebt hat. Denn so bekommt man ein Bild davon, wie das Umfeld und die Leute auf ihn gewirkt haben und wie die Denkensund Lebensweise war. Bei Enzensberger ist so das Kenntnis der 50er und 60er Jahre von großer Bedeutung; das Kenntnis über sein Misstrauen dem Kapitalismus und Kommunismus gegenüber (siehe Kapitel II.) Doch Enzensbergers hält sprach –und kunstbewußt am Ästhetischen fest, mit komplizierten Wortspielen und vielfachen Metaphern läßt er manchmal das Politische nicht zum Ausdruck kommen. (Scheinecke 1994: 789) Seine verschlüsselten Botschaften erschwierigten das Interpretieren seiner Gedichte, wodurch er auch dem Leser erschwierigte, diese Botschaften zu verstehen und in ihrem Sinne wirken zu können und somit entbehrte er auch den wichtigsten Bestandteil der politischen Lyrik- das Engagement. Auch wenn sich Enzensberger zwischen Artistik und Engagement bewegte (Scheinecke 1994: 789) zeigt sich die Wichtigkeit seines Schaffens an zwei typischen Merkmalen: der Weltekel, den er durch vorhandene Sprachtechniken gegen die Gesellschaft richtet und der Ausdruck der Verachtung gegen die politische Situation, durch stark hervortretende Detailbetrachtung.17 Diese Merkmale sind z.B. im Gedicht „ins lesebuch für die oberstufe” zu sehen:

lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer. roll die seekarten auf, 17

/Hans Magnus Enzensberger/ in http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Magnus_Enzensberger / Datum: 02.06.2011

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eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht. der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor schlagen und malen den neinsagern auf die brust zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich: das viertel wechseln, den pass, das gesicht. versteh dich auf den kleinen verrat, die tägliche schmutzige rettung. nützlich sind die enzykliken zum feueranzünden, die manifeste: butter einzuwickeln und salz für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig, in die lungen der macht zu blasen den feinen tödlichen staub, gemahlen von denen, die viel gelernt haben, die genau sind, von dir.18 In diesem Gedicht konfrontiert Enzensberger das erste Nachkriegsjahrzehnt der Bundesrepublik mit der tabusierten Geschichte der Nationalsozialistischen Zeit; indem er aber das Kritisierte nicht beim Namen nennt. Er warnt einerseits die Gesellschaft davor, dass sich die schreckliche Vergangenheit wiederholen wird und kritisiert sie andererseits, weil sie nichts ändern wollen und somit die Schuldigen dafür sind.19 Enzensberger benutzte meistens die Kritik als Mittel zur Änderung der Gesellschaft. In der Sammlung Politische Brosamen (1982) geht er satirisch bis sarkastisch

gegen

politische

Blindheit

und

Anarchie

(Blindekuh-Ökonomie),

sozialistische Unterdrückung, (…), gegen Ausbeutung, Selbstbetrug und Fremdenhaß. (Scheinecke 1994: 797) In „Middle Class Blues” werden die Aussagen des lyrischen Wir (bei dem es sich um

die

Mittelschicht

handelt)

auch

als

Aussagen

über

die

deutsche

Nachkriegsgesellschaft angesehen. Dabei wird dieser zugeschrieben in einem Zustand völliger Zufriedenheit zu sein (Wir können nicht klagen/ wir haben zu tun), einen Überdruss an Sättigkeit (Wir sind satt/ wir essen) –und Materialismus (Wir haben) zu haben. (Hoffmann 1945: 263) Ähnlich auch Knörrich, der behauptet, dass im Gedicht freizeit20 die Kritik „an den modernen Freizeitbetrieb” gerichtet ist, „durch den sich der 18

/Enzensberger/ in http://www.eduhi.at/index.php?changeurlto=suchen&suchtext=enzensberger / Datum: 02.06.2011 19 /Enzensberger/ in http://www.eduhi.at/index.php?changeurlto=suchen&suchtext=enzensberger / Datum: 02.06.2011 20 Entstammt aus dem Gedichtsband blindenschrift.

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Mensch aus seiner geschichtlichen Situation hinauszustehlen sucht, wobei er nur dem Verhängnis in die Händespielt, das zur Kenntnis zu nehmen er sich weigert.” (Knörrich 1978: 363) Dabei hat der ästhetische Bestandteil auch eine wichtige Aufgabe, wie Knörrich am Gedicht freizeit zeigt: „[D]ie Kritik [wird] mit einem Höchstmaß von Artistik vorgetragen, die sie [die Gesellschaft] vor ihrer schlechten Konsumation schützt und sie in den Stand originärer Erkenntnis hebt, d.h., ihre aufklärende Wirkung sichert.” (Knörrich 1978: 363) Dank dieser Merkmale und der Überzeugung, dass Lyrik auch Ereignisse nacherzählen, Theorien vermitteln und Ideen ausdrücken -und nicht nur Gefühle zum Inhalt haben könnte, sind seine politischen Gedichte zu einem festen Bestandteil der heutigen Dichtung geworden.21 Doch auf diesem Wege ist er eher negativ wahrgenommen worden, weil er sehr oft seine politischen Ansichten gewechselt hatte und vielen Trends nachgegangen war. So etwa von Peter O: Chotjewitz: „Er war immer ängstlich bemüht, nicht der Mehrheit zu gefallen. Er ist ein Snob, ein politischer Dandy, ein Schaffner, der ruft: »Alles einsteigen!« und dann in den Gegenzug steigt, weil der so schön leer ist. Für ein selbstständiges intelligentes Denken spricht das nicht. Das macht ihn so glitschig.“22 Doch Enzensberger verteidigt sich mit folgender Behauptung: sein Auftrag sei es, „sich jedem politischen Auftrag zu verweigern und für alle zu sprechen noch dort, wo es von keinem spricht, von einem Baum, von einem Stein, von dem was nicht ist.“ (Hoffmann 1945: 105)

21

/Hans Magnus Enzensberger/ in http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Magnus_Enzensberger / Datum: 02.06.2011 22 /Hans Magnus Enzensberger/ in http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Magnus_Enzensberger / Datum: 02.06.2011

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V.3 Kritik an die Medien

Es ist bekannt, dass sich Enzensberger viel mit dem Thema der Manipulation durch Medien beschäftigt hat. Bekannt ist sein Buch „Baukasten zu einer Theorie der Medien” (1970). Darin bezeichnet er die elektronischen Medien als Hauptinstrumente der „Bewusstseins-Industrie.” Er legte die These vor, dass die Medien eine unterdrückende und manipulierende Kontrollmacht über die Gebraucher (gemeint ist die spätindustrielle Gesellschaft) ausüben; wo es einen Sender gibt und viele Empfänger, der die Konsumenten passiv macht und entpolitisiert. Enzensberger fand vorallem das Fernsehen zuwider, weil es dem Zuschauer einen oberflächlichen Bilderkonsum aufdränge. (Forster 1998: 213) Auch in den gesammelten Essays, unter dem Namen Einzelheiten, kritisierte er die Politik, Ideologie, Medienkultur und Kunst, indem er behauptete, dass der Effekt der „Bewusstseins-Industrie” die „immaterielle Verelendung” der Massen sei. (Scheinecke 1994: 793) Ein gutes Beispiel dafür, wie die Medien und ihre Macher lügen, ist der sechundzwanzigste Gesang in Enzensbergers Titanic-Dichtung, indem er eine Schlußszene parodiert, wie sie im Drehbuch eines der vielen Titanic-Filme stehen könnte. (Forster 1998: 213) (…) Weite, blaue Wasserfläche Super-Totale. Ein Halbkreis von Eisbergen In allen möglichen Farben, Dahinter strahlender Sonnenaufgang. Musik. Totale. Das Meer, von einem Eisberg aus. Rückprojektion. In der Entfernung ward eine kleine Flotte Von Rettungsbooten sichtbar (Modelle). Langsame Zufahrt. Sprecher (off): Der fünfzehnte April 1912 War ein herrlicher Frühlingstag. (…) (Forster 1998: 213)

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Das war zudem eine Reaktion auf die verfälschten Meldungen über die TitanicKatastrophe, wie die folgende aus den Drahtnachrichten: New York. Heute Morgen wird durch eine Reuter-Meldung bestätigt, dass alle Passagiere der Titanic bei ruhiger See die Rettungsboote aufgesucht haben. (Forster 1998: 206) Auch das Eisberg-Symbol, als Symbol für die Katastrophe, ist ein wichtiger Ausdruck für die Katastrophenbestimmung durch Medien und den Fortschritt. Zudem soll es zeigen, dass man trotz aller Hoffnung immer skeptisch bleiben soll (deswegen widmete Enzensberger ein ganzes lyrisches Zwischenstück dem Eisberg):

(…) ja, er ist größer als alles, was sich bewegt auf dem Meer, in der Luft oder auf der Erde. (…) Er ist vergänglich. Er denkt nicht daran. Fortschritte macht er keine, doch ››wenn er, gleich einer ungeheueren, weißen, mit blauen Schattierungen durchäderten Marmortafel, stürzt und kippt, dann erhebt das Meer‹‹. (Forster 1998: 210f)

Denn für die an technischen Fortschritt gewöhnte Menschheit war es ein Schock zu erfahren,

dass

ein

Eisberg

imstande

war,

ein

modernes

Wunderwerk

der

Schiffsbautechnik zu ertränken:

Die beiden Bronze-Nymphen am Eingang des großen Foyers (…) Die eine stellt den Frieden, die andere den Fortschritt dar (Forster 1998: 207)

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Zum einen kritisier Enzensberger in „Der Untergang der Titanic” die kommerzielle und konsumsüchtige Gesellschaft, indem das Schiff ihre unterschiedlichen Gruppierungen und Schichten symbolisiert. Zum anderen kritisiert er die nichtsnützigen Medien und Inovationen, indem er das Schiff zum Symbol des gescheiterten Fortschritts macht. (Forster 1998: 215) Auch im Gedicht „Autobahndreieck Feucht” wird die moderne Medienwelt kritisiert, indem gezeigt wird, wie diese das Denken der Menschen in bestimmter Weise prägt, dass es ihn von einer Problematiesierung dieses Denkens abhält (Hoffmann 1945: 262):

Tiraden, angeschnallt und erbittert, über Ledersitze, Alu-Motoren, Flüche beim Überholen, Erkenntnisse Über Prämien, Ersatzteilprobleme, endlich der nächste Stau, das Blaulicht, die Bahre. (…) Ein knirschen im Kopf.Nur jetzt um keinen Preis In den Rückspiegel sehen. Zentralverrigelung. (…) (Enzensberger 1980: 20f)

Der Geschwindigkeitsrausch des Autofahrers deutet demnach auf die Blindheit hin, mit der der einzelne Konsument in sein Verderben rennt. Die Nebeneinanderstellung von Reklamesprache und Unfallschilderung zeigt die Disfunktionalität der hoch gelobten Zentralverriegelung, was zugleich ein Bild für die ungezügelte Fortschrittsgläubigkeit der modernen Industriegesellschaft ist, die die Botschaften der Medien prägt. (Hoffmann 1945: 262) Noch ein gutes Beispiel ist das Lyrikband Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen

aus der Geschichte des Fortschritts (1975).

Es steht

sehr

dem

Dokumentarischen nahe: siebenunddreißig prosaische Erzählgedichte mit Zitatmontagen verlebendigen die Biographien wichtiger Persönlichkeiten seit dem 14. Jahrhundert. (Scheinecke 1994: 795) Das Mausoleum stellt dabei die „großen erfindungen”

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(Scheinecke 1994: 795) der Geschichte anhand der siebenunddreißig Biographien von Technikern und Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern aus:

Öfters blickte er seine auffallend fleischigen und geschickten Hände an, brach in Thränen aus und sah sich, seiner selbst nicht länger mächtig, genöthigt, die Vorlesung abzubrechen, (…) (Scheinecke 1994: 795)

Enzensberger stellt hier den technisch-zivilisatorische Fortschritt als menschlichen Rückschritt dar. (Scheinecke 1994: 795)

V.4 Das Untergangs-Motiv

In Enzensbergers Gedichten ist meistens das Untergangs-Motiv zu finden, das zum Tod oder zu einer Niederlage führt. Meistens wird es durch eine Katastrophe, Apokalyps oder einen Krieg ausgelöst, was aus der Atomrüstung, dem Antimilitarismus und der Gewaltherrschaft seiner Zeit resultiert. In Der Untergang der Titanic (1978) ist „aus Enzensbergers Hauptmotiv, dem Bild des Untergangs, [ ] ein ironisches Bild von der Pluralität [] der Weltuntergangsvision [ ] geworden.” (Scheinecke 1994: 796):

Es ist nicht wie ein Gemetzel, wie eine Bombe; es blutet ja niemand, es ward ja niemand zerfleischt; es ist nur so, daß es mehr und mehr wird, daß es überall hin will, daß alles sich wellt; (…) daß es dir die Schuhsohlen netzt, daß es dir in die Manschetten sickert, daß dir der Kragen klamm ward im Nacken; es leckt an der Brille, (…) daß alles nacho seinem Geruch, der geruchlos ist, riecht; daß es tropft, spritzt, strömt, sprudelt,

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nicht eins nacho dem andern, sondern blindlinks und durcheinander, (…) (Forster 1998: 205)

Er versucht das Geschehen der Titanic- Katastrophe genau zu erfassen, indem er es gewissermaßen in Zeitlupe ablaufen läßt, um es spürbar werden zu lassen. Der Kritiker Karl-Heinz Bohrer, schrieb in einer Rezension in der Zeitschrift „Merkur”: „Hier geht wirklich einer unter, so wie es noch niemand mir bisher beschrieb, nun beschrieben, als ob ich es schon immer gewußt hätte.” (Scheinecke 1994: 205) Das Untergangs-Motiv ist auch im Lyrik-Band Zukunftsmusik (1991) anwesend: im „leeren Blatt”, das vielleicht nur noch „eine Minute” hält, im „Restlichen”, das leuchtet, „bevor es dunkel wird.” (Scheinecke 1994: 797) Auch in nänie auf den apfel ist es nach wie vor in chiffrierter Weise präsent:

hier lag der apfel hier stand der tisch das war das haus das war die stadt hier ruht das land. dieser apfel dort ist die erde ein schönes gestirn auf dem es äpfel gab und esser von äpfeln. (Scheinecke 1994: 792)

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VI. Schlussbetrachtung Zu Begin der Arbeit habe ich das soziale Umfeld, die historichen Entwicklungen des Landes und der Gesellschaft, sowie die politisch-literarische Lage der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre des vorigen Jahres gezeigt. Dadurch wollte ich zeigen, wie die historischen und sozialen Ereignisse um uns, auf unser Denken und unsere Vorstellungen Einfluss ausüben und diese werden bei jedem anderst ausgedrückt. Hans Magnus Enzensberger drückte sie in seiner Lyrik aus, vorallem in der politischen Lyrik. Das versuchte ich auch näher zu beschreiben und zu erklären, indem ich den Unterschied zwischen dem lyrischen Ich und dem Autor erklärt habe und dabei diesen Unterschied als ein weiteres Kriterium zur Festlegung seines politischen Engagements sah. Dabei habe ich auch gezeigt, wie eine solche Unterscheidung kompliziert ist und die Festlegung des Engagements erschwierigen kann, weil sich die Ansichten des Autors oft in sein Schaffen einmischen. Doch dieses Engagement und der Wunsch nach Veränderung, sind nur ein Teil eines politischen Werkes. Der künstlerische Bestandteil spielt auch eine wichtige Rolle, vorallem bei Enzensberger. Denn indem er sein Engagement mittels verschiedener dichterischer Mittel zum Ausdruck brachte, überragt manchmal das ästhetische im Gedicht das politische, weshalb über sein politisches Engagement viel spekuliert wurde. Deswegen habe ich ein weiteres Kriterium für die Einordnung seiner Gedichte in das Genre der politischen Lyrik genannt- und zwar die Metapher. Aber bei der Demonstration der dichterischen Stile und Motive Enzensbergers, habe ich gezeigt wie kompliziert es ist, nach Kriterien seine Lyrik zu kategorisieren. Deshalb schlug ich vor, diese Kiterien als Modelle zum schreiben der politischen Lyrik zu betrachten. Hans Magnus Enzensberger wird als einer der wichtigsten Vertreter der politischen Lyrik in der Nachkriegszeit bezeichnet, denn er hat die Geschichte Deutschlands seit dem Ende der 50er Jahre mit seinem spezifischen Stil, seinen Kritiken, Motiven und Kommentaren begleitet. Vorallem hat er in seinen Gedichten eine bedeutende Anzahl an politischem Engagement hingelegt, weshalb seine Gedichte zum

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Vorbild f端r eine engagierte Haltung gegen端ber der deutschen Nachkriegsgesellschaft geworden sind.

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VII. Literaturverzeichnis

VII.1 Primärliteratur • Enzensberger, Hans Magnus (1957): Verteidigung der Wölfe. Frankfurt am Main: SuhrkampVerlag • Enzensberger, Hans Magnus (1986): Gedichte1950-1985. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag • Enzensberger, Hans Magnus (1980): Die Furie des Verschwindens. Frankfurt am Main: SuhrkampVerlag • Enzensberger, Hans Magnus (1964): Blindenschrift. Frankfurt am Main: Suhrkamp VII.2 Sekundärliteratur • Forster, Heinz; Riegel, Paul (1998): Deutsche Literaturgeschichte, Band 12 Gegenwart. München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH&Co.KG • Hinderer, Walter (1978): Geschichte der politischen Lyrik in Deutschland. Stuttgart: Philipp Reclam jun. • Hoffmann, Dieter (2004): Arbeitsbuch. Deutschsprachige Lyrik seit 1945. Tübingen: A. Franche Verlag • Knörrich, Otto (1978): Die deutsche Lyrik seit 1945. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag • Künzel, Horst (1977): Politische Lyrik im 19.und 20. Jahrhundert (Deutsche Gedichte unter autoritären und totalitären Systemen). Bamberg: C. C. Buchners Verlag • Lampig, Dieter (1991): Moderne Lyrik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag • Scheinecke, Hartmut (1994): Deutsche Dichter 20. Jahrhundert. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH&Co. • Schnell, Ralf (1986): Die Literatur der Bundesrepublik. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH.

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VII.5 Anonyme Internetquellen • /1950er/ in http://de.m.wikipedia.org/wiki/1950er / 02.06.2011 • /1960er/ in http://de.m.wikipedia.org/wiki/1960er / 02.06.2011 • /Lyrik/ in http://de.wikipedia.org/wiki/Lyrik / 02.06.2011 • /Lyrisches Ich/ in http://de. Wikipedia.org/wiki/Lyrisches_Ich / 02.06.2011 • /Hans Magnus Enzensberger/ in http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Magnus_Enzensberger / • /Enzensberger/ in http://www.eduhi.at/index.php?changeurlto=suchen&suchtext=enzensberger / 02.06.2011 • /Hans Magnus Enzensberger/ in http://www.monstersandcritics.de/archiv/people.php/Hans_Magnus_Enzensberger/biogra phie/ 02.06.2011 • /Hans Magnus Enzensberger/ in http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/578484 • /Hans Magnus Enzensberger/ in http://www.zvab.com/angebote/enzensberger-hansmagnus.html

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Mihaela Spajic Hans Magnus Enzensbergers lyrisches Schaffen  

BA-paper in German Poetry of the 20th Century

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