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TAMERLAN 1979-1987

Gundula Schulze Eldowy

Berlin in einer Hundenacht Lehmstedt Verlag, Leipzig, 2011


Tamerlan Tamerlan


Die Frau, die ich fotografierte, hieß eigentlich Elsbeth Kördel. Ihr Mann nannte sie Tamerlan. Dieser Name verwirrte mich anfangs, weil ich ihn mit Timur, dem asiatischen Despoten, in Verbindung brachte, der wegen seiner berüchtigten Grausamkeiten bekannt geworden ist und damit in die Geschichte einging. Doch sie sagte, er hätte nichts damit zu tun - ihr Mann hatte den Namen in einem Schlager der zwanziger Jahre gehört, und da er ihm gefiel, taufte er sie um in Tamerlan. Ich lernte sie im Frühjahr 1979 auf einem meiner Spaziergänge im Prenzlauer Berg kennen. Sie saß allein auf einer Bank am Kollwitzplatz. Es war Mittagszeit an einem Wochentag. Außer wenigen Schulkindern, die auf dem

The woman I photographed had a different name: Elsbeth Kördel. Her husband called her Tamerlan. At first this name confused me, for I associated it with the Asian despot Timur, whose notorious acts of cruelty earned him fame and a place in history. But she said it had nothing to do with that – her husband had picked up the name in a popular song from the twenties, it had caught his fancy and so he had renamed her Tamerlan. I first met her in the spring of 1979 during one of my rambles in the Prenzlauer Berg. She was sitting alone on a bench in Kollwitzplatz. It was midday, and a weekday. Apart from a few school-children romping around in the playground, and a couple of pensioners walking their dogs,

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Spielplatz herumtobten, und einzelnen Rentnern, die ihre Hunde ausführten, war niemand auf dem sonst so belebten Platz. Ich beobachtete sie von weitem und machte einige Aufnahmen von ihr mit dem Teleobjektiv. Trotz ihres Alters hatte ihr Äußeres etwas anziehend Schönes. Sie bemerkte mich gleich, und zu meinem Erstaunen reagierte sie sehr freundlich. Ihr schien es nichts auszumachen, denn sie winkte mich heran. Ich ging auf sie zu und fotografierte sie von Nahem. Dabei erzählte sie, dass ihr Mann Fotograf gewesen sei und dass sie ihm oft im Labor hatte helfen müssen. Während ich fotografierte, redete sie ständig auf mich ein, in einer Art und Weise, die mir bald durch und durch ging. Die Intensität, in der sie sprach, hatte eine erschreckende Wirkung auf mich. Sie lähmte mich, ich konnte mich nicht mehr auf das Fotografieren konzentrieren und musste aufhören. Ich setzte mich neben sie und hörte nur noch zu. An Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr genau. Es waren Auszüge aus ihrem Leben, sprunghaft erzählt. Manchmal verstand ich nur die Hälfte. Am stärksten beeindruckte mich ihre Art. Sie ließ mich ihr aufs Wort glauben. Der überwiegende Teil handelte vom Krieg, der ihr ganzes Leben verpfuscht hatte. Ihr Mann war gleich 1939 eingezogen worden. Er hatte zwar den Krieg überlebt, kam aber völlig verstört zurück. Sie sagte, er wäre verrückt geworden und hätte sich nur noch eingebildet, Jesus zu sein. 1953 starb er. Im Krieg war Tamerlan zweimal schwanger geworden. Doch in dieser Zeit wollte sie keine Kinder bekommen und trieb sie ab. Sie hatte Glück dabei. Damals war sie Anfang Dreißig. Später, 1948, bekam sie ihr erstes und einziges Kind, ihren Sohn Achim. Er wurde ihr Untergang. Tamerlan gab ihm in Überfülle ihre ganze angestaute Liebe und verwöhnte ihn. Sie ging extra nachts bei der Post arbeiten, um tagsüber bei ihm zu sein. Es wurde eine regelrechte Affenliebe. Je älter er wurde, desto größer wurden seine Ansprüche an sie. Und sie erfüllte sie, soweit sie konnte. Später, als er schon erwachsen war, ging er unregelmäßig oder gar nicht arbeiten und lebte von ihrem Verdienst. Das änderte sich auch nicht, als sie Rente bekam. Wenn sie seine Wünsche nicht erfüllen konnte, schlug er sie. Im Laufe der Zeit verscherbelte er hinter ihrem Rücken ihre Wertsachen und die ganze Wohnungseinrichtung, betrog sie nach

the square, normally full of life, was empty. I watched from a distance and shot some pictures with the telephoto lens. Despite her age, there was something attractive and beautiful in her appearance. She noticed me at once, and to my surprise reacted in a very friendly manner. She didn’t seem to mind, for she beckoned me over to her. As I approached, I took some close-ups of her. She told me her husband used to be a photographer and that she had often had to help him in the lab. While I was taking pictures of her, she talked at me nonstop in a manner that affected me through and through. The intensity of her speech had a frightening effect. It lamed me, I was no longer able to concentrate on the photos and had to give up. I sat down beside her and just listened. The exact details of what she told me I have forgotten. There were disjointed episodes from her life. Sometimes I understood only half of it. What impressed me most was her manner. It made me believe every word she said. Most of what she talked about related to the war, which had ruined her whole life. Her husband was called up right at the outbreak in 1939. Although he survived it, he came back mentally quite disturbed. She said he had gone mad and believed he was Jesus all the time. He died in 1953. During the war Tamerlan had twice become pregnant. But in that time she didn’t want any children and had them aborted. Whereby she was lucky. At that stage she was in her early thirties. Later, in 1948, her first and only child was born, her son Achim. He was her downfall. Tamerlan showered all her pent-up love on him and spoiled him. For his sake she worked in the Post Office at night so as to be near him by day. It was blind adoration. The older he got, the greater were the demands he made on her. And she fulfilled them wherever she could. Later, when he was already grown up, he worked intermittantly or not at all and lived on her earnings. This didn’t change even when she became an old age pensioner. Whenever she was unable to fulfill his wishes, he beat her. In the course of time he sold off her valuables and all the furniture behind her back, cheated her to the hilt, in order to get some money. By nature he was not so much violent as completely helpless and incapable of any independent action. He depended on Tamerlan like a small child, while she remained the nurturing mother. She for her


Strich und Faden, um an Geld heranzukommen. Sein Wesen war weniger brutal, vielmehr war er total hilflos und zu jeder selbständigen Handlung unfähig. An Tamerlan hing er mit einer kindlichen Abhängigkeit, in der sie die nährende Mutter blieb. Auch sie war ihm gegenüber machtlos, denn sie wusste um ihre Fehler, konnte sie aber nicht mehr rückgängig machen. Tamerlan stammte aus einer westpreußischen Gutsbesitzerfamilie. Sie wurde am 26. März 1913 geboren. Ihre Mutter starb bei der Geburt, ein Kindermädchen übernahm die Erziehung. Das schrecklichste Kindheitserlebnis war die Ermordung ihres Großvaters, bei der sie gezwungen wurde zuzusehen. Das war in den Nachwehen des Ersten Weltkriegs. 1923 wurde das Gebiet polnisch, und die Familie verlor ihren Besitz. Tamerlan wurde nach Berlin geschickt und sollte katholische Schwester werden. Die muffige, strenge Atmosphäre im Stift vertrug sich nicht mit ihrer lebendigen Natur, so dass sie weg ging. Sie tingelte durch Berlin und arbeitete bei der Post. Anfang der dreißiger Jahre lernte sie ihren Mann kennen. Sie heirateten erst 1939, als der Zweite Weltkrieg begann. Ihre Familie verlor sie während des Krieges aus den Augen. Sie hat sie nie wiedergesehen. Ich hatte ihr drei oder vier Stunden zugehört. Es war schon spät, und ich wollte mich verabschieden. Sie sah mich enttäuscht an, und ich spürte, wie etwas in ihr zusammenbrach. Es ist brutal, jemanden aufzuschließen und sein Vertrauen zu spüren und ihn dann wieder allein zu lassen. Ich schrieb mir ihre Adresse auf, sie wohnte ganz in meiner Nähe. Drei Tage später ging ich hin. Seit dieser Zeit sahen wir uns regelmäßig. Ich hatte anfangs keine Ahnung, wie sich unsere Beziehung entwickeln würde. Wenn ich sie besuchen ging, hatte ich die Kamera meistens bei mir. Sie wurde langsam zur Nebensache. Nur bei unserer ersten Begegnung spielte sie eine entscheidende Rolle, denn sie war eine Art Ausweis für mich, ohne den wir uns sicherlich nicht kennengelernt hätten. Wäre ich einfach so zu ihr gegangen und hätte gefragt, ob sie mir ihre Geschichte erzählen würde, sie hätte es mit Bestimmtheit abgelehnt. Von Zeit zu Zeit machte ich Aufnahmen von ihr, meist nur, wenn sich etwas Neues ereignet hatte, zum Beispiel, als sie ins Krankenhaus kam. Nach einigen Jahren ergab sich daraus eine Geschichte – die zwischen 1979 und 1987.

part was also powerless, for she was aware of her mistakes, but was unable to undo them. Tamerlan’s family were West Prussion landowners. She was born on the 26 March 1913. Her mother died at her birth, she was brought up by a nanny. Her most horrific experience as a child was the murder of her grandfather, which she had been forced to watch. This was in the wake of the First World War. The area became Polish territory in 1923, and the family lost their estates. Tamerlan was sent to Berlin to become a Catholic nun. The dour and strict atmosphere in the convent didn’t suit her lively nature, and so she left. She did the rounds of Berlin and got a job in the Post Office. In the early thirties she met her future husband. They didn’t marry till 1939, when the Second World War began. During the war she lost touch with her own family. She never saw them again. I’d been listening to her for three or four hours. It had got late, and I wanted to leave. She looked at me, disappointed, and I could feel how something inside her collapsed. It is brutal to open someone up and to gain their confidence and then to abandon them again. I wrote down her address, she lived not far from my own place. Three days later I visited her. From then on we met regularly. At first I had no idea of how our relationship would develop. I usually had my camera when I called on her. Gradually it became incidental. It played a central role only at our first meeting, for it was a kind of visiting card for me, without which we would surely never have got to know each other. Had I just approached her and asked her to tell me her story, she would certainly have refused. From time to time I took pictures of her, though usually only when something new had happened, for example when she went to hospital. After a couple of years, this evolved into a story – the story between 1979 and 1987.

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Tamerlan  

Tamerlan, Berlin in einer Hundenacht

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