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DER ∂TANDARD WOCHENENDE
SA./SO., 1./2. JUNI 2024 | 39
WIENER FESTWOCHEN 2024 GEDÄCHTNIS FÜR DIE ZUKUNFT UND EINE AKADEMIE
Wege zur globalen Moderne Mit der „Akademie Zweite Moderne“ wollen die Wiener Festwochen Werke von Komponistinnen präsentieren. Nuria Nono-Schönbergs Projekt ist auf mehrere Jahre angelegt und soll auch eine Vernetzungsplattform etablieren. Ljubiša Tošić
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er Prozess, Komponistinnen aus den Archiven der Vergessenen herauszuholen, läuft, die Dinge sind nicht mehr aufzuhalten. Alljährlich etwa werden jetzt schon die Wiener Philharmoniker mit der Frage bedrängt, wann denn beim Neujahrskonzert endlich Stücke von Frauen aufgeführt würden. Im Bereich der zeitgenössischen Musik sind da mittlerweile weniger Beklemmung und Verklemmung zu sehen. Allerdings ist der Blick wohl noch immer nicht ausreichend global ausgerichtet, wenn es darum geht, jene Vielfalt zu erhellen, die Komponistinnen weltweit repräsentieren. Hier setzt die „Akademie Zweite Moderne“ an, über die Nuria Nono-Schönberg die Schirmherrschaft übernommen hat. Wohl nicht zufällig. Ihr Vater Arnold Schönberg gilt als zentraler Erneuerer. Seine Erfindung der Zwölftonmusik ist ein produktiver Schock gewesen, ein Bruch mit Tonalität und traditionellen Konzepten und damit eine Initialzündung im Sinne der Moderne. Das Festwochenprojekt bezieht sich auf diese elementare systemrelevante Wiener Innovation, es entdeckt jedoch im Rückblick Defizite, nennt den innovativen Akt „unvollständig”.
bal, vielfältig und für alle?” Also: An zwei Tagen werden bei den Wiener Festwochen Vertreter und Vertreterinnen von Institutionen, „lokale und internationale Impulsgeber:innen und Mitglieder der Akademie“ an einem Gipfeltreffen teilnehmen. Und: Das Klangforum Wien spielt im Radiokulturhaus unter dem Motto „No excuses anymore I+II“ am 8. und 9. Juni Stücke von zehn Komponistinnen.
Wer wird gespielt?
Spezielle Ansichten zu einer aktuellen Moderne: die in New York lebende, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Du Yun, die als Performerin und Aktivistin in Erscheinung tritt.
Triumph des Vergessens?
Wenn der Staat prüft
TIPPS
Marcus Lindeen über das Gedächtnis der Menschheit
Tempest Project heißt Peter Brooks’ Reflexion über Ideen der Freiheit vor dem Hintergrund von Shakespeares „Der Sturm“. Jugendstiltheater, 12.–16. 6., 20.00, 15. 6. auch 17.00
Schönberg-Center, 8. 6., 11.00 öffentlicher Diskurs; 14.00 Mitgliedertreffen „Akademie Zweite Moderne“ Radiokulturhaus, Konzerte, 8. + 9. 6., 19.30
Elfriede Jelineks „Angabe der Person“ im Volkstheater
Amazonen feiern die männerfreie Gesellschaft! Für 6- bis 12-Jährige, Eltern müssen draußen bleiben. Dschungel Wien, 14.–23. 6.
Zeugnisse der Gegenwart: Was werden künftige Generationen wissen?
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ergessen ist schlecht. Aber es gehört zu den Eigenschaften von Menschen, egal ob als Individuen oder als Kollektive. Noch schlimmer ist das Vergessen durch Verdrängung, ein Verlernen von Wissen und seiner Handhabe. Die gegenwärtige digitale Kultur wird im Fall des Ausfalles kaum noch Dokumente hinterlassen. Es gibt Stimmen, die meinen, das wäre kein Schaden. Der schwedische Regisseur Marcus Lindeen fasst dieses Thema unter dem Titel Memory of
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Mankind an. Im Zentrum steht das gleichnamige Projekt des Österreichers Martin Kunze, der auf Keramiktafeln verewigte Zeugnisse aus unserer Gegenwart wie etwa Zeitungsartikel für spätere Generationen in einer Salzmine lagert. Lindeens Theater ist eine Mischung aus dokumentarischem und fiktionalem Material, blendet Interviews ein und stellt die Frage nach dem Wert der Erinnerung. (ploe)
Jugendstiltheater, 6. + 7. 6., 20.00; 8. 6., 18.00 + 21.00
Foto: Arno Declair; Foto (M.): Agrupacion Senor Serrano
Foto: Wiener Festwochen
Fotzenschleimpower gegen Raubtier Kaputtalismus ist Mateja Mededs Monolog gegen alles, was Migration schlechtmacht. Kosmostheater, 13.–15. 6., 20.00, 16. 6., 18.00 + 21.00
Auch chorisch: Susanne Wolff, Fritzi Haberlandt und Linn Reusse (v. li.).
Olympus Kids machen Text und Regie bei den „Amazonen“.
spezial Festwochen
ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit Wiener Festwochen GesmbH. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim Standard.
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estroy-Preis, Faust-Preis und eine Einladung nach Mülheim – Elfriede Jelineks Angabe der Person in der Regie von Jossi Wieler wurde am Deutschen Theater Berlin groß gefeiert. Für drei Vorstellungen übersiedelt die Inszenierung mit den drei phänomenalen Schauspielerinnen Linn Reusse, Fritzi Haberlandt und Susanne Wolff nun zu den Wiener Festwochen ins Volkstheater. Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler, ein versierter, musikalisch
orientierter Jelinek-Realisateur, hat diesen bisher persönlichsten Text der Nobelpreisträgerin präzise und mit feinfühlig auftrumpfendem Schmäh in Szene gesetzt. Jelinek verschränkt darin die Vorgänge rund um eine private, kafkaesk anmutende Steuerprüfung samt Beschlagnahmung ihrer „lieben Schrifterln“ in jenem bürokratischen Eifer, mit dem Teile ihrer jüdischen Familie einst in Konzentrationslager deportiert wurden. (afze) Volkstheater, 5.–7. 6., 19.30
Fördergeber
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Mit Begriffen wie „eurozentristisch“, „männlich“ und „elitär“ markiert man jene Aspekte, denen entgegenzuwirken wäre. Denn bis heute scheinen die Verhältnisse gleichsam einzementiert. „So stammen etwa rund 92 Prozent aller von Orchestern weltweit aufgeführten Werke von Komponisten, 88 Prozent davon sind weiß“, heißt es da. Entsprechende Fragen stellt das von Jana Beckmann konzipierte Projekt: „Wie kann eine Musiktheater- und Konzertpraxis aussehen, die sich der Gegenwart zuwendet – glo-
Foto: Zhen Qin
Einzementierte Sache
Wessen Werke wurden ausgewählt? Mit dabei ist die Klangkünstlerin Monthati Masebe aus Südafrika, welche sich als nichtbinär versteht. Zugegen sind auch die weißrussische Komponistin Marina Lukashevich, die Chinesin Shasha Chen, die Philippinin Feliz Anne Reyes Macahis sowie die in New York lebende und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Du Yun, die als Performerin und Aktivistin aus Schanghai in Erscheinung tritt. Weiters spielt man Werke der Türkin Dilay Doğanay, der Iranerin Aida Shirazi, der britisch-libanesischen Komponistin Bushra El-Turk und der Kroatin Mirela Ivičević sowie eine Neuheit von Brigitta Muntendorf, der deutsch-österreichischen Komponistin im „Spannungsfeld analog-digitaler Ausdrucksformen“. Zudem gibt es auch das Ziel der Erarbeitung und Verabschiedung einer gemeinsamen Erklärung, gar einer „Selbstverpflichtung von Theatern, Opern, Konzerthäusern und Festivals, den notwendigen strukturellen Wandel mit konkreten Maßnahmen zu befördern“, heißt es da. Die Maßnahmen können ruhig auch das europäische Potenzial an Komponistinnen miteinbeziehen, denn zweifellos ist auch dieses strukturell unterrepräsentiert.