Horizonte

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Ho|ri|zont, der 1. Linie in der Ferne, an der sich Himmel und Erde bzw. Meer scheinbar berĂźhren 2. geistiger Bereich, den jemand Ăźberblickt und in dem er ein UrteilsvermĂśgen besitzt


editorial Bevor du dich diesem Magazin widmest eine Frage: Bist du bereit deinen Horizont zu erweitern? In dieser Ausgabe haben wir versucht unsere selbst gesteckten Horizonte zu erkennen, zu fassen und nach Möglichkeiten gesucht, diese zu überschreiten. Wir haben einen Blick über die Mauern in unserem Kopf geworfen, haben versucht neue Richtungen einzuschlagen. Alte Wege öffnen ja bekanntlich keine neuen Türen. Wir haben uns aus unserer Komfortzone gewagt, mit anderen über Grenzen und deren überschreiten gesprochen und unsere Erfahrungen zu Texten gemacht. Wir erzählen von einer Reise durch England auf den Sofas völlig fremder Menschen, von Drogen und Exzessen, dem Tabuthema Menstruation, übernatürlichen Ereignissen, inspirierenden Persönlichkeiten, dem Allein sein, Träumen und Horizonten, die es noch zu entdecken gibt. Wem all das zu viel ist, keine Panik. Wieso es auch völlig in Ordnung ist, seine Komfortzone nicht immer zu verlassen, erklären wir auch. Eins ist aber sicher: Wer die VielSeitig vom Wintersemester 2019/20 liest, kommt nicht drum herum, sich seiner eigenen Grenzen bewusst zu werden und den eigenen Horizont zu erweitern. Also legt los, seid offen und versucht eure Grenzen mal zu überdenken. Im hinteren Teil vom Magazin kannst du deinen eigenen Gedanken freien Lauf lassen und aufschreiben, was dich bewegt, inspiriert und dir neue Horizonte eröffnet hat. Und jetzt: Viel Spaß beim Lesen! Eure Initiativleitung Lorena Boss

Riccarda Müterthies

Luna Wolf

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persönlichkeit

gesellschaft

Raus aus der Komfortzone

06 - 08

Dreams over comfort

09 - 11

Horizonte

28 - 29

Aussteiger - Leb doch einfach das gute Leben!

12 - 15

Über Grenzen gehen

30 - 32

Unser Leben als Projekt?

16 - 18

Let‘s talk about blood, baby!

33 - 35

Mama, just got inked!

19 - 20

Interview: Vom Bänker zum Osteopathen

36 - 38

Me, myself and I: Alleine mit mir selbst

21 - 22

Wenn Zeugen Jehovas zweimal klingeln...

39 - 42

Mach mal halblang!

24 - 25

Anziehung des Exzess

43 - 46


spiritualität kultur

Das Jenseits

76 - 78

Ungeklärte Phänomene

79 - 81

Einmal nichts denken, zum mitnehmen, bitte

82 - 83

Netflix & Broaden your Horizon

50 - 51

Andere Länder, andere Sitten

52 - 53

Couches in Kleinstädten

54 - 46

wissen

Buch- und Ted-Talk-Tipps

57 - 59

Drug-Checking

86 - 88

Fotostrecke

60 - 62

Verschwörungstheorien

89 - 92

Dem Horizont so nah - eine Filmkritik

63 - 69

Hinter dem Horizont

93 - 95

Meinen eigenen Horizont erweitern

70 - 73

Rätsel

96 - 97


persรถnlichkeit Raus aus der Komfortzone

06 - 08

Dreams over comfort

09 - 11

Aussteiger - Leb doch einfach das gute Leben!

12 - 15

Unser Leben als Projekt?

16 - 18

Mama, just got inked!

19 - 20

Me, myself and I: Alleine mit mir selbst

21 - 22

Mach mal halblang!

24 - 25


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raus aus der komfortzone

EIN SELBSTEXPERIMENT VON LORENA BOSS

In diesem Magazin soll es darum gehen, seinen Horizont zu erweitern. Es soll darum gehen, seine kuschelige, vertraute und sichere Komfortzone kennenzulernen und dann zu verlassen. Aber warum muss ich das überhaupt machen? Was soll mir das bringen? Zunächst einmal liegt die Grenze des Vertrauten bei jedem anders. Das ist vor allem abhängig von den bisherigen Erfahrungen und dem jeweiligen Charakter. Manch einer ist vielleicht ein Gewohnheitstier oder besonders introvertiert und manch einem wird nach einer Woche in der gleichen Stadt mit den gleichen Menschen schon langweilig und er stürzt sich ins nächste Abenteuer. Und das ist auch völlig in Ordnung so. Aber auch wenn man eher ein Draufgänger ist, heißt das nicht, dass man in allen Bereichen gleich mutig ist. Es gibt beispielsweise die soziale Komfortzone, die beschreibt, wie

offen man für neue Menschen in seinem Leben ist. Das hängt oft mit einer räumlich begrenzten Komfortzone zusammen, also ob man sich nur im eigenen Dorf oder überall auf der Welt zu Hause fühlt. Auch kulturelle Grenzen kann man versuchen zu durchbrechen. In ferne Länder reisen, in denen man an jeder Ecke staunend stehen bleibt, jeden einzelnen Eindruck in sich aufsaugt und abspeichert. Egal wo diese Schwelle bei einem liegt, man überschreitet sie immer dann, wenn man etwas Neues ausprobiert, wenn man etwas macht, an das man sich seit Jahren nicht herangetraut hat, wenn man etwas dazulernt. Zwar bedeutet das für unseren Körper erst einmal Stress, aber man muss dabei zwischen negativem und positivem Stress unterscheiden. Wenn man die Panikgrenze bei negativem Stress überschreitet, ist der Reflex des Gehirns: Schnell zurück in die gewohnten Gegebenheiten. Bei positivem Stress befindet sich das Gehirn dagegen in der

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Lernphase und wir sind bereit, Neues aufzunehmen. Unser Gehirn hat nämlich die Fähigkeit, sich auf ungewohnte Situationen einzustellen, sich daran anzupassen und dazuzulernen. Das funktioniert, indem die Strukturen und Nervenzellen im Gehirn abhängig von den jeweiligen Erfordernissen „umgebaut“ werden können. Das nennt man „neuronale Plastizität“ und funktioniert zum Glück ein Leben lang – also warum nicht nutzen? Das einzige, was uns hindert, sind Angst, Scham und Bequemlichkeit und um das zu überwinden brauchen wir eine intrinsische Motivation etwas zu ändern. Man unterscheidet generell zwischen „intrinsischer“ (= von innen kommender) und „extrinsischer“ (= von außen kommender) Motivation, wobei der von innen kommende Antrieb immer stärker ist. Bedeutet: Nur weil irgendjemand in einem Artikel gesagt hat, man müsse

seinen Horizont erweitern, heißt das noch gar nichts. Die Motivation muss wirklich von einem selbst kommen. Also warum den Horizont erweitern? Persönliches Wachstum und Veränderung ist nur möglich, wenn man sich aus seinem sicheren Haus der Gewohnheit traut, sich in etwas Neues hineinstürzt und dazulernt. Mit jedem Mal wird das eigene Haus größer und geschlossene Türen beginnen sich zu öffnen. Wer will schon sein ganzes Leben lang dieselbe Person sein, die sich nie weiterent-

PERSÖNLICHES WACHSTUM UND VERÄNDERUNG IST NUR MÖGLICH, WENN MAN SICH AUS SEINEM SICHEREN HAUS DER GEWOHN-

wickelt und 80 Jahre lang immer nur dasselbe erlebt? Unsere heutige Welt verändert sich außerdem so schnell, dass man nicht drumherum kommt, seine selbstgesteckten Horizonte mal zu überdenken. Dabei muss man gar nicht mit großen Veränderungen starten, sondern kann erstmal versuchen, sich im Alltag ein paar Herausforderungen zu stellen. Ich habe versucht meinen Horizont zu erweitern: 1. Sich auf etwas neues einlassen Bei mir war das so, als ich das erste Mal Bouldern war. Meine Freundin hatte mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen und mein erster Gedanke war wirklich: „Oh Gott, nein, ich kann das gar nicht und habe das ja auch noch nie gemacht!“. Am Ende war ich doch mit und wer hätte es gedacht – es hat mir wirklich Spaß gemacht.

HEIT TRAUT, SICH IN ETWAS NEUES HINEINSTÜRZT UND DAZU LERNT.

Persönlichkeit

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2. Routinen aufbrechen Einer der einfachsten Wege, seine Routine etwas aufzulockern, ist, wenn man zum Beispiel einen anderen Weg zum Einkaufen, zur Uni oder zur Arbeit fährt. Als ich das gemacht habe, entdeckte ich einen kleinen süßen Buchladen, auf den ich sonst nie gekommen wäre und habe mir direkt ein neues Buch bestellt. Man kann mal eine andere Sportart ausprobieren oder im Supermarkt das Gemüse kaufen, von dem man immer dachte, dass man es nicht mag – ohne es jemals probiert zu haben. Das klingt wirklich alles sehr banal, aber kleine Schritte führen zum Ziel. 3. Sich seinen Ängsten stellen Auch hier muss man sich nicht direkt seiner größten Angst stellen. Aber wenn man das nächste Mal irgendwo eine kleine fiese

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Spinne sieht, macht man nicht einen großen Bogen um sie, sondern nimmt sich ein Glas und bringt sie raus. Bei mir saß wochenlang im Aufgang zum Dachboden ein besonders furchteinflößendes und gleichzeitig kleines Exemplar dieser Spezies und deshalb habe ich meine Wäsche immer in meinem Zimmer aufgehängt, anstatt sie einfach hochzubringen. Als ich die Spinne dann endlich weggemacht hatte, war das erstens überhaupt nicht schlimm und zweitens habe ich jetzt einen extra Raum nur zum Wäsche trocknen. 4. Trau dich! Ich habe mich neulich an Elektrik herangetraut und versucht, mit einer Freundin eine Lampe selbst zu bauen. Ich kam mir zwar im Baumarkt zwischen Kupferrohren, Stromkabeln, Glühbirnen und Schaltern schon verloren vor, wollte diese Lampe aber

unbedingt bauen. Wenn wir immer sagen würden „Das habe ich noch nie gemacht, mache ich nicht“, würden wir nie etwas dazulernen. Ich gebe zu, das mit der Lampe hat so mittelmäßig gut geklappt. Sie sieht zwar gut aus, aber ich habe auch drei Kurzschlüsse in meiner WG verursacht und noch funktioniert sie nicht. Immerhin weiß ich jetzt, wo das Problem liegt und habe echt einiges dazu gelernt. Wenn man sich aus seiner Komfortzone heraustraut kann schon mal etwas schief gehen. Die Sicherung fällt raus, man merkt, dass Opern vielleicht doch nichts für einen sind oder man fällt wortwörtlich hin. Das ist zum Glück gar nicht schlimm, weil man jedes Mal etwas dazulernt und sich weiterentwickelt – eigentlich ziemlich cool, oder?

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dreams over comfort

EIN BERICHT VON SELINA HELLFRITSCH Persönlichkeit

Zwei Studenten, ein Traum – mit dem Rad von Berlin nach Peking fahren, um eine Schule in Guatemala zu bauen. Vor über einem Jahr, am 2. September 2018, starteten die Freunde Nono Konopka und Max Jabs ihre Reise am Brandenburger Tor in Berlin, um von dort aus mit dem Fahrrad nach Peking zu fahren. Warte mal, mit dem Rad nach Peking? Geht das überhaupt? Ja, das geht! Genau das haben die beiden Studienfreunde uns allen bewiesen, als sie mit Biking Borders über 15.000 Kilometer geradelt sind, 20 Länder durchquert haben und über acht Monate unterwegs waren. „Biking Borders is for us about overcoming borders – geographically and mentally – to give something back.” Nono und Max haben Internationales Marketing in Berlin studiert und letztes Jahr ihren Bachelor abgeschlossen. Während ihres Studiums haben beide eine Zeit lang in

Zentralamerika und Asien gelebt und dabei realisiert, wie glücklich sie sich schätzen können, eine so gute Bildung in Deutschland zu erhalten. Auch wenn man es schon oft gehört hat, ist es eben für viele Menschen noch immer nicht selbstverständlich, jeden Tag in die Schule zu gehen und die Chance auf eine gute Bildung zu haben. Guatemala beispielsweise hat mit circa 20 Prozent eine der höchsten Analphabetenraten in Zentralamerika. Dort gehen Kinder durchschnittlich nur vier Jahre in die Schule und in vielen Schulen ist kein technisches Zubehör oder

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ausreichendes Unterrichtsmaterial vorhanden. Das hat Nono und Max dazu motiviert etwas verändern zu wollen, etwas geben zu wollen. Aus einer Schnapsidee wurde Wirklichkeit. Nachdem die zwei Freunde eine Dokumentation gesehen hatten, bei der jemand von Oregon nach Patagonien geradelt ist, war klar - das wollen sie auch machen und dabei noch Geld für den guten Zweck sammeln. Sie haben sich dazu entschlossen, ihre „eigenen Grenzen zu überschreiten, um dieses Problem anzugehen“ und so gründeten sie Biking Borders. Mit Biking Borders wollten sie sowohl die Ländergrenzen von Berlin nach Peking überschreiten als auch ihre eigenen, mentalen Grenzen überschreiten. Ob Nono und Max für diese extreme Radreise trainiert haben oder professionelle Fahrradfahrer waren? Nein. Ob sich die beiden von diversen Vorurteilen und negativer Kritik während ihrer Planung haben unterkriegen

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SIE HABEN SICH DAZU ENTSCHLOSSEN, IHRE „EIGENEN GRENZEN ZU ÜBERSCHREITEN, UM DIESES PROBLEM ANZUGEHEN

lassen? Nein. Weil sie es nach ihrem Motto: „Nicht können, trotzdem machen“ es allen bewiesen haben. Über die sozialen Netzwerke wie Instagram, Facebook und YouTube haben sie ihre Reise mit tausenden Leuten geteilt und so auf die fehlende Bildung in Ländern wie Guatemala aufmerksam gemacht. Mit dem Hashtag #moresocialonsocialmedia haben sie ihre Follower immer wieder dazu aufgerufen, für den guten Zweck zu spenden. Das Ziel war es, 50.000€ an Spenden zu sammeln, um so mit der Organisation Pencils

of Promises eine Schule in Guatemala zu bauen, in der rund 400 Kindern für ein ganzes Jahr zur Schule gehen können und Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen. „Nicht können, trotzdem machen!“ Auf dem Weg dieses Ziel zu erreichen, wurde es für Max und Nono zum Alltag, bei Regen, Wind und Schnee jeden Morgen aufs Neue auf ihre Räder zu steigen und ihrem Ziel ein paar Kilometer näher zu kommen. Dabei trotzten sie auch Extremsituationen wie Temperaturen von -20 Grad Celsius, meterhohen Schneemassen in der Türkei und dem nächtlichen Besuch eines Braunbären an ihrem Zelt. Irgendwo mitten im Iran passierte es dann: Sie hatten ihr Ziel von 50.000€ bereits viel früher erreicht als sie erwartet hatten! Entgegen aller Kritik haben sie es geschafft, ihre Träume über ihre Komfortzone zu stellen und mit ihrer Aktion so viel Geld zu sammeln, um eine Schule in Guatemala zu bauen!

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„dreams over comfort“ Aber damit nicht genug. Max und Nono entschieden sich, ihre Reise fortzuführen und bis nach Peking zu radeln. Im Endeffekt haben sie damit so viel Geld gesammelt, dass sie sogar zwei Schulen in Guatemala finanzieren können und über 800 Kinder ihretwegen eine Chance auf bessere Bildung und somit auch auf ein besseres Leben haben! Auch in Zukunft werden wir noch einiges von den beiden Abenteurern hören, denn sie haben angekündigt, dass ein Film über ihre Weltreise auf dem Fahrrad 2020 in die Kinos kommen wird. Auch ein Podcast und ein Buch, in dem es mehr um positives Mindsetting und die Überwindung eigener Grenzen geht, erscheint dieses Jahr.

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leb doch einfach das gute leben!

aussteiger-

EIN BERICHT VON JESSICA MORLOCK 12

Schon wieder Montag. Der Himmel ist grau, der Wecker klingelte viel zu früh. Ein typischer Montag eben. Es wird dem Wochenende, ganze fünf Tage lang hinterher getrauert, bis der Kalender wieder einmal Freitag anzeigt. Ja! Fast geschafft, denken sich die meisten. Nur noch so und so viele Stunden arbeiten, dann ist endlich wieder Wochenende. Aber ist es nicht traurig, dass wir uns wünschen die Zeit würde ab Montag schneller vorbei gehen? Wünscht man sich im selben Gedankenzug, damit nicht auch, dass das eigene Leben schneller vorbei geht? Genauer betrachtet ist der Montag gar nicht die Problematik, sondern vielleicht der anstrengende Job, das langweilige Studium oder die aufgestaute Hausarbeit, in Kombination mit den Strukturen, von unserem gesellschaftlichen System. Der Klassiker also, die Gesellschaft hat Schuld. Da wir in einem sozialen System leben, ähneln sich viele Lebenswege. Nach der Schule kommt die Ausbildung oder das

Studium, dann die Arbeit, dann die Rente. 40-50 Stunden Arbeitswoche, dann kaputt und müde vor den Fernseher, am Samstag Hobbys und Freunde reinquetschen, denn unter der Woche ist ja keine Zeit. Am Sonntag ins überteuerte Fitnessstudio gegen das schlechte Gewissen, man muss ja immer schön leistungsfähig bleiben. Zwischendrin heiraten, Kinder bekommen und auf die langersehnte Rente sparen. Die Mehrheit lebt in diesen Strukturen, da es oft als der einzig „richtige“ Weg für ein erfolgreiches Leben angesehen wird. Die Arbeiterbienchen haben für die Funktion der Gemeinschaft und zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft zu schuften. Von Systemkritikern jedoch wird es oft als goldenes Hamsterrad bezeichnet. Sie entziehen sich den Konsumameisenhaufen und wagen den Abstieg von der Karriereleiter. Sie entziehen und distanzieren sich von allen Zwängen der Gesellschaft. In Passion zur Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, versuchen sie ein, für sie, besseres Lebensmodel zu folgen.

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Der Selbstversorger Der Selbstversorger, fühlt sich am wohlsten, wenn er abseits jeglicher Zivilisation leben kann. Häufig leben sie in kleinen Waldhütten oder in verlassenen Bauernhöfen. Sie lieben die Ruhe der Natur. Somit ist es für sie auch nicht weiter schlimm, dass es keine Elektrizität und nur kaltes Wasser gibt. Es wird regional und saisonal gegessen, da sie all ihre Nahrung selbst anbauen. Manchmal halten sie selbst Nutztiere oder sie leben vegan. Ganz egal wie, verbraucht wird nur das, was sie selbst herstellen können. Somit sind sie nicht mehr auf die gängigen Supermarktriesen angewiesen. Dadurch, dass sie nur wenig konsumieren, brauchen sie automatisch weniger Geld. Viele setzen sogar komplett auf ein Leben ohne Geld. Der „Alltag“ besteht, aus Nahrungsbeschaffung und grundlegenden Versorgungen, wie Wasser und Hygiene. Sie arbeiten somit für Dinge, die uns bereits ohne jeglichen Mehraufwand zur Verfügung stehen, der Unterschied ist nur der, dass sie

Persönlichkeit

niemanden mehr dafür bezahlen, sondern lieber gleich für sich arbeiten, als den „Geldumweg“ zu gehen. Die Weltenbummler Einige Aussteiger wollen vor allem eins: raus. Raus aus dem verhassten Job, raus aus Deutschland und raus in die große weite Welt. Kurzum wird das Haus verkauft oder das gesamte Ersparte auf den Kopf gehauen, alle Möbel und Besitztümer bei Ebay verscherbelt und schon kann es losgehen. Oft zieht es sie nach Asien, Australien oder Amerika, in umgebauten Campern oder VW-Busen fahren sie über fremde Kontinente. Anstatt immer gleicher Alltag, kommt hier ein Abenteuer nach dem anderen. Fremde Gerüche, Kulturen und Speisen. Zwischen Großstadtdschungel, Tropenwälder und Traumstränden, bis das Ersparte weg ist. Aber auch hier lässt sich aushelfen. Wer als Weltenbummler die Erfüllung gefunden hat, überlegt sich neue Einnahmestrategien. Junge Alleinreisende heuern oft an Booten an. Ganz „umsonst“ geht es so

ohne teures Flugticket zum nächsten Reiseland. Weitere Ausgaben werden auf das aller nötigste reduziert. Mit weniger Gepäck reist es sich auch gleich viel angenehmer. Andere finden auf Reisen ihren Traumjob, sie werden Touristenführer/in, Surflehrer/in, Menschenrechtler/in oder gründen ihr eigenes Restaurant, in ihrem Lieblingsland. Wieder andere setzen auf die Digitalisierung und werden zu Digitalen Nomaden. Digitale Nomaden Sie durchqueren die ganze Welt. Digitale Nomaden gehen von ursprünglichem Homeoffice noch einen Schritt weiter und arbeiten nur noch, wo und wann sie wollen, von ihrem Laptop aus. Meistens haben sie Berufe in der IT-oder im Medienbereich. Nebenher geben sie oft zusätzlich OnlineSeminare oder Berichten aus ihrem Alltag, durch Blogs oder Vlogs, auf Instagram oder YouTube. Auch mit Familie ist dieser Lifestyle umsetzbar. Oft kritisieren Aussteiger nicht nur die vorherrschende deutsche

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Leistungs- und Arbeitsmoral, sondern auch das bestehende Schulsystem. Sie setzen daher auf Freies lernen oder Homeschooling. Diese Art des Lebens bringt allerdings auch einige Herausforderungen mit sich. Versicherungen müssen selbst bezahlt und für die Rente, selbst gesorgt werden. Wer aus Deutschland abgemeldet ist erhält auch kein Kindergeld oder andere staatlichen Leistungen mehr. Es ist wie bei einer herkömmlichen Selbständigkeit, zwar kann die Arbeit selbstbestimmt eingeteilt werden, dafür müssen aber Aufträge, Ideen, Verwaltungen und alles andere selbständig gestemmt werden. Ohne jegliche Vorgaben oder Hilfen, von Chef und Kollegen. Oft kommt noch dazu, dass so ein unabhängiges Leben isolieren kann. Freunde und Kollegen, lassen sich nicht über die ganze Welt hin mitnehmen. Dennoch verbindet das online Leben auch, über Instagram und anderen SocialMedia-Kanälen, bekommen die Digitalen Nomaden Feedback von ihren Zuschauern.

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Zudem lässt sich über das Internet weltweit Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen aufbauen. Die Kommune In den 70er Jahren bildeten sich aus liberalen und ökologischen Bewegungen, Kommunen. Lebensgemeinschaften, die vom üblichen, bürgerlichen Familienbild: Vater, Mutter, Kind, abweichen. Unabhängig von Geschlecht oder Alter, leben die Personen zusammen, ohne miteinander verwandt zu sein oder eine Beziehung zusammen zu führen. Hierbei ist der individuellen Umsetzung, keine Grenzen gesetzt. Es gibt kleine Kommunen, die sich ein Haus oder eine Wohnung teilen, aber wiederum auch ganze Dörfer. Im Gegensatz zu normalen Wohngemeinschaften, leben Mitglieder einer Kommune nicht nur zusammen, sondern wirtschaften auch gemeinsam. Auch Regeln und die Organisation innerhalb von Kommunen, sind so vielfältig, wie die Mitglieder selbst. Einige richten sich nach bestimmten Zielen oder

Persönlichkeit

Philosophien. Während einige Kommunen, nach selbst entworfenen politischen Ideologien leben, sind wiederum andere darauf ausgelegt sich komplett selbst zu versorgen und streben nach dem Ziel so nachhaltig und ökologisch, wie möglich zu leben. Im Gegensatz zu Sekten, wollen Kommunen ihre Lebensweise keinem aufzwingen. Ganz im Gegenteil, viele Kommunen bleiben ab einer gewissen Anzahl von Mitgliedern lieber unter sich, denn so ein enges Zusammenleben fordert auch viel Vertrauen. Außerdem handeln Kommunen, nach dem Konsensprinzip. Das heißt ALLE Entscheidungen werden diskutiert. Wenn keiner der Mitglieder ein Veto einlegt, wird die Entscheidung getroffen und von allen mitgetragen. Jeder hat Mitspracherecht, auch die Kinder. Es gibt keinen Anführer oder Hierarchien. Durch das Konsensprinzip hat jede Stimme ein großes und gleichwertiges Gewicht. Entscheidungen können allerdings nicht mehr spontan getroffen werden, sondern werden lange diskutiert. Das eigene Leben, wird eben zu

einem gemeinsamen Leben. Ganz egal ob naturverbundener Selbstversorger, abenteuerlicher Weltenbummler, zielstrebiger Digitaler Nomade oder friedvolles Kommunenmitglied, Menschen, die sich dafür entschieden haben, anderen Lebensformen zu folgen, werden oft bewundert aber auch genauso oft kritisiert. Im Endeffekt sind es nur alternative Lebensvorschläge, die dafür sorgen könnten, dass der Montag seinen Hassstaus verliert. Denn was viele Leute vergessen ist: Jeder ist immer nur eine Entscheidung, von einem völlig anderen Leben entfernt. Lasst euch weiter zu dem Thema Aussteiger, unter dem Instagram-Account @lifewithsandyandbenni, inspirieren. Die vierköpfige Familie lebt zurzeit in Teneriffa. Nach der Geburt ihres ersten Kindes Liam, verkauften sie in Deutschland alles, gaben ihrer Jobs auf und gingen auf Weltreise. Sie dokumentierten ihre Erfahrungen in YouTube und Instagram.

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unser leben als projekt? EIN TEXT VON LORENA BOSS

Ein Blatt Papier, ein Stift und das befriedigende Gefühl, wenn man einen Punkt auf einer Liste abhaken kann. Bei To-Do Listen mag das noch ganz gut funktionieren. Wenn es aber um unser Leben geht, finde ich die Idee sein Leben „abzuarbeiten“ irgendwie befremdlich. Es gibt drei Arten von Bucket-Listen. Eine ernst gemeinte, eine die man in 10 Minuten runterschreibt und eine, die man sich aus irgendeinem Post oder Buch geklaut hat.

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Menschen haben wirklich ganze Bücher geschrieben mit „100 Dingen, die jeder mal gemacht haben muss, bevor er stirbt“. Sonst was? Was soll passieren, wenn ich nie in meinem Leben aus einem Flugzeug gesprungen bin, im Australischen Outback war, oder im Infinity Pool in Dubai geschwommen bin? Wer will sein Leben schon wirklich von einer solchen Liste abhängig machen? Anscheinend ziemlich viele. Als ich meinen Eltern von Bucket-Listen erzählt habe, war ihre Reaktion: „Und dann? Was passiert, wenn man diese

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Liste abgearbeitet hat? Das Leben ist ja kein Projekt, was man irgendwie abschließen muss.“ Und ich finde, da kann man sich mal Gedanken drüber machen. Eine Liste abzuarbeiten ist doch kein Leben – Leben ist Veränderung. Wir selbst verändern uns, unsere Wünsche und Träume verändern sich und vor allem unsere Einstellung verändert sich. Und trotzdem hat mittlerweile fast jeder eine Liste, entweder im Kopf oder sogar aufgeschrieben. Meistens mit ziemlich verrückten Punkten, weil wir versuchen, unser Leben so spannender zu machen. Wir wollen etwas erleben, später auf die Jahrzehnte unseres Daseins zurückschauen und lächeln. Klingt schön, oder? Diese Liste ist der insgeheime Wunsch, 100% zu erreichen. Wenn ich das alles gemacht habe, dann kann ich zufrieden sein mit meinem Leben. Bei all dem haben wir aber nur wenig Geduld. Mein Papa hat mir beispielsweise Folgendes erzählt: „Ich war mit 23, von meinem ersten Gehalt, das erste Mal wirklich im Urlaub. Sich Wünsche zu erfüllen hat teil-

Persönlichkeit

weise Jahre gedauert.“ Nicht so wie heute, wo alle mit 23 schon die Hälfte ihrer BucketList fertig haben. Auch meine Mama hat Jahre darauf gewartet, dass sie sich ihren Motorradführerschein leisten konnte und heute fährt sie nicht mal mehr. Trotzdem ist sie froh, dass

„MAN MUSS NICHT IMMER 100% HABEN, DAS HABE ICH AUCH NIE ANGESTREBT. MAN MUSS EINFACH LERNEN, MIT 80% ZUFRIEDEN ZU SEIN“ sie damals den Führerschein gemacht hat. Andere Sachen, wie Fallschirmspringen, hat sie nie gemacht und will sie auch gar nicht mehr. „Man muss nicht immer 100 % haben, das habe ich auch nie angestrebt. Man muss einfach lernen, mit 80% zufrieden zu sein“. Das alles heißt ja nicht, dass man keine Träu-

me oder Ziele haben darf, aber man sollte nicht der Ansicht sein, das Leben wäre nur dann lebenswert, wenn man diese erreicht hat. Der amerikanische Fotograf Andrew George hat 2015 ein Buch mit dem Namen „Right before I die“ veröffentlicht. In diesem Buch hat er Menschen interviewt, die im Sterben liegen und ihnen unter anderem die Frage gestellt, was sie bereuen oder bedauern. Keiner von denen hat gesagt, er bereue es, nie in Australien gewesen zu sein. George bekam Antworten wie: „Was ich bedaure? Ich glaube ich bedaure ein wenig, dass ich meine Mutter verletzt habe, als ich meine Frau traf. Denn ich verbrachte all meine Zeit mit ihr.“ Ein anderer meinte: „Ich hatte keine Jugend und das war meine Schuld. Ich wollte zu früh erwachsen werden.“ Auch ein gut gemeinter Rat hatte nichts mit irgendeiner Liste zu tun: „Versuche es und liebe jeden, den du triffst. Egal, wer die Person ist und was sie macht, gebe ihr das Gefühl von Akzeptanz.“ Viel von dem, was die Leute gesagt haben, hat damit zu tun, dass sie nicht im Hier und Jetzt

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gelebt haben. Dass man zu schnell irgendwohin wollte, nicht genug auf seine Mitmenschen geachtet oder zu sehr an die Zukunft gedacht hat. „Mit einem Truck über die Autobahn fahren und die Füße zum Fenster raushängen lassen“, das war lange ein Wunsch meiner Oma. Als sie sagte, dass sie das aber nie gemacht hat, habe ich sie gefragt, ob sie es bereut. Ihre Antwort war: „Nein, man muss einfach froh sein über all das, was man sich erfüllen konnte und nicht dem nachweinen, was man nicht gemacht hat.“ Es macht natürlich Spaß, sich Situationen auszumalen, sich vorzustellen, wie glücklich man da sein würde und wie der Wind die Haare zerzausen oder eben an den Füßen kitzeln würde. Wenn du die Chance hast, genau das zu erleben, dann tu es. Aber wenn nicht, ist das auch kein Weltuntergang. Träume und Ziele zu haben ist gut, solange man nicht zu sehr an ihnen festhält und dabei alle anderen Chancen und Möglichkeiten vergisst.

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mama, just got inked

EIN TEXT VON ANGELINA NEUWIRTH Persönlichkeit

Jeder kennt „Bohemian Rhapsody” und jammt lauthals mit, wenn Freddie Mercury seiner Mutter beichtet, dass er gerade jemanden umgebracht hat. Genauso fühlen sich manche Menschen, wenn sie mit einem frisch gestochenen Tattoo vor ihren Eltern stehen. Der Mensch erweitert täglich seinen Horizont. Er hört nicht auf zu lernen und sich weiterzuentwickeln – auch, wenn es manchmal dauert, bis sein Umfeld diese Veränderung wahrnimmt. Außerdem ist er ein Gewohnheitstier und wenn Dinge von der Norm abweichen, an die er sich nur schwer gewöhnen kann, reagiert er zunächst mit Ablehnung. So machen das auch viele Eltern, wenn ihre Kinder mit dem ersten Tattoo nach Hause kommen und es ganz stolz präsentieren. Vermutlich zähle ich zu den Glücklichen, die

einfach nur auf eine Wand aus Gleichgültigkeit gestoßen sind - es gab keinen Streit, aber auch kein großes Interesse. Meine Mutter war meinen Tattoos gegenüber anfangs relativ kritisch eingestellt; dabei haben alle drei eine moderate Größe, befinden sich an leicht abdeckbaren Körperstellen und sind sehr filigran gestochen. Hinzu kommt, dass jedes davon für ein Familienmitglied steht – auch meine Mutter hat dort ihren Platz. Ein schöner Liebesbeweis, oder? Dieser Meinung war sie nicht direkt, und so wurde der Strauß mit ihren Lieblingsblumen, der ihr gewidmet ist, zum Trotz größer als beabsichtigt. Ich sprach das Thema Tattoos daheim nur noch gezwungenermaßen an und alle waren zufrieden. Irgendwo zwischen der Ablehnung für die Tinte auf meinen Unterarmen und der Faszina

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tion, die diese Motive in Menschen auslösen, hatte sich der Horizont meiner Mutter still und leise verschoben. Selbst eher konservativ eingestellte Familienmitglieder hatten eine Art Toleranz entwickelt und realisiert, dass sie meine Pläne im Bezug Tattoos nicht beeinflussen konnten. Das ging einher mit dem netten Nebeneffekt, dass sie aufgaben mich bekehren zu wollen und stattdessen endlich echtes Interesse an den Motiven zeigten. Vor allem meine Mutter hatte einen erstaunlichen Wandel durchgemacht, der mir zunächst aber gar nicht auffiel. Als sie von einem Tätowierer aus Berlin erzählte, dem sie auf Instagram folgt, verstand ich noch nicht ganz, was das bedeutete – ich freute mich einfach nur.

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Und auch, als sie „ihr” Tattoo zum ersten Mal wirklich näher betrachtete, deutete ich das noch nicht als Zeichen. Sie schien plötzlich zu verstehen, dass der Blumenstrauß knapp über der Armbeuge für mich viel bedeutet. Als sie fragte, welche Blumen das auf meinem Arm seien, wurde mir klar, dass ihre Haltung sich verändert hatte. Anemonen, Ranunkeln und Hortensien – ihre Lieblingsblumen, nach denen ich sie explizit gefragt hatte. „Eigentlich ist das ja eine wirklich schöne Idee”, meinte sie und ich konnte förmlich vor mir sehen, wie sich ihr gedanklicher Horizont erweitert hatte. Mit dem Wissen, dass dieser besondere Liebesbeweis endlich seine berechtigte Wert-

schätzung bekam, war ich schon vollends zufrieden. Doch noch am selben Tag beschloss meine Mutter, dass wir uns bei ihrem Lieblings-Instagram-Tätowierer gemeinsam etwas stechen lassen würden. Ich, vollkommen verblüfft, ordnete das aber wegen ihres scherzhaften Tons und der Plötzlichkeit als nicht ganz ernst gemeint ein. Einige Monate später fragte sie mich regelmäßig, ob der Tätowierer endlich wieder Termine entgegennehmen würde und wann wir zu ihm nach Berlin fahren könnten. Was auch immer meine Mutter zu dieser Entscheidung angetrieben hat – ihr Horizont hat sich nicht nur erweitert, sie hat ihn sich ganz zu eigen gemacht.

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me, myself and i: alleine mit dir selbst EIN RATGEBER VON JENNY HUBER

Ob Stuttgart, Heidelberg oder Karlsruhe: Vielleicht bist ja auch Du für dein Studium in eine fremde Stadt gezogen. Viele junge Leute ziehen für eine passende Universität oder Hochschule weit weg von zuhause und müssen sich neben den Vorlesungen ein eigenes Leben in einer neuen Stadt aufbauen. Dabei ist man anfangs oftmals nur auf sich alleine gestellt und muss lernen damit zurechtzukommen. Wie das geht, liest Du hier.

Persönlichkeit

Finde heraus, was Dich glücklich macht, wenn Du alleine bist Erst einmal musst Du dir bewusst machen, welche Aktivitäten dich erfüllen, wenn Du nur Dich selbst hast. Jeder von uns hat seine ganz eigenen Angewohnheiten. Der Unterschied beim Alleinsein ist aber, dass es nur um Dich geht und Du machen kannst, was DU willst! Tanzt Du gerne durch die Wohnung? Joggst Du ab und zu eine Runde um den Block? Oder

kochst Du gerne ungestört? Probier es aus und Du wirst die Zeit alleine mit Dir immer mehr zu schätzen wissen und genießen. Gehe öfter alleine in die Stadt, ins Kino oder essen Ein weiterer Punkt ist, dass Du dich allein unter Menschen traust. Man fühlt sich manchmal echt unwohl und beobachtet, aber glaub mir, die meisten Menschen achten nur auf sich selbst und werden sich bestimmt keine Gedanken über Dich machen. Du kannst erst langsam anfangen und Dich beispielsweise alleine auf eine Bank setzen. Aber wenn Du dich dann sicher fühlst, kannst du auch alleine essen oder ins Kino gehen, ohne dass Du noch einen Gedanken an die anderen Menschen verschwendest. Du wirst aufhören, nach Bestätigung zu suchen. Denn es ist völlig akzeptabel, auch mal alleine unterwegs zu sein und Dein Umfeld zu entdecken.

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Werde dir der Unabhängigkeit bewusst. Wenn dir dann bewusst wird, wie unabhängig Du gegenüber anderen Menschen bist, ist schon viel geschafft. Du hast Dich selbst und das reicht vollkommen aus. Mir war das oft auch nicht bewusst und ich hatte Angst, allein in die Stadt zu fahren, weil „Was denken dann die Menschen von mir?“ und „Wenn was passiert bin ich alleine und finde sicherlich keine Lösung“. Dabei habe ich gelernt, dass man durchaus seinen Instinkten trauen darf und ein besonderes Triumphgefühl entstehen kann, wenn man es dann am Ende doch allei-

ne schafft. Du gehst neue Wege, nicht nur in Deiner neuen Welt, sondern auch zu Dir! Dein Selbstvertrauen wird sich dadurch steigern! Und wenn Du Dich verläufst, gibt es am Ende immer noch Google Maps. Knüpfe trotzdem Kontakte. Nichtsdestotrotz solltest Du trotzdem Kontakte knüpfen. Das fällt Dir, wenn Du alleine irgendwohin gehst viel leichter, da Du dort dann nicht in deine Komfortzone rutschen kannst. Nein, denn nur du alleine kannst dafür sorgen, dass Du Kontakte knüpfst! Set-

ze Dich aber nicht unter Druck und wenn es nicht klappt, dann eben nächstes Mal! Und manchmal hilft ein Lächeln auch schon, um das Eis zu brechen. Auch wenn Du nun denkst, Du kommst alleine wunderbar zurecht, im Endeffekt braucht es doch ein paar Menschen um Dich herum, denen Du von Deinem Tag, den Du eventuell alleine in der Stadt oder mit einem Spaziergang verbracht hast, erzählen kannst. Also, don´t be shy, Du findest bestimmt Jemanden der zu Dir passt! k

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Alle I findp


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EIN KOMMENTAR VON ANGELINA NEUWIRTH

mach mal halblang! Warum es auch okay ist, an einem Punkt zu verweilen. Die Komfortzone verlassen und Neues zu wagen ist ein wichtiger Teil des Lebens. Gleichzeitig kann es in einer erfolgs- und leistungsorientierten Gesellschaft wie unserer schnell passieren, dass dieses Übersichhinauswachsen zur sozialen Vorgabe wird. Niemand wird bestreiten, dass es für die persönliche Entwicklung wichtig ist, neue Sprachen zu lernen, neue Orte zu besuchen

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und neue Menschen kennenzulernen. Manchmal sind diese Erlebnisse aber ganz und gar nicht bequem für uns. Zum Beispiel, wenn wir das erste Mal alleine in einer fremden Großstadt sind, womöglich in einem anderen Land, weit weg von allem, was wir kennen und was uns Halt und Sicherheit gibt. Die sozialen Medien mit ihren toughen Reise-Influencern können uns schnell das Gefühl geben, dass wir ständig neue, krasse Dinge erleben müssen - nur, damit wir sie

als Story oder Post teilen können und unsere Follower sehen, wie wir über uns hinauswachsen. Wenn wir sehen, dass unsere Freunde am Wochenende schon wieder auf einem Rave waren oder Heuschrecken auf einem Street Food Markt probiert haben, fühlen wir uns schlecht. Vielleicht weil wir die freien Tage im Bett verbracht haben, egal ob freiwillig oder unfreiwillig. Gerne wären wir auch so offen gegenüber anderen Musikrichtungen oder ungewöhnlichen Gerichten. Und auch

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wenn diese Offenheit wichtig für die persönliche Entwicklung ist, muss sie sich manchmal hinten anstellen. Wenn der Gedanke, frittierte Heuschrecken zu essen oder zu stampfenden Bässen zu tanzen deinen Puls schon in die Höhe getrieben hat, und du dich fragst, wieso verdammt du dich nicht dazu überwinden kannst, gibt es eine gute Nachricht für dich: Du musst nicht mitmachen. Es ist okay, sich nicht zu überwinden - es ist okay, an einem Punkt in

Persönlichkeit

deinem Leben anzuhalten. Denn der Mensch ist ein Lebewesen, das sich ständig weiterentwickelt, oft ohne es zu merken und auch ohne es bewusst zu tun. In diesem Heft wirst du viele Anregungen finden, wie du deinen Horizont mehr oder weniger schnell erweitern kannst. Wie gesagt passiert das manchmal von ganz alleine – ein Umdenken findet statt, eine Gewohnheit ändert sich, das Bewusstsein wird geschärft. Aber auch, wenn diese Ausgabe dich eigentlich anbrüllt, dass du endlich mal etwas ändern sollst, mach dir selbst keinen Stress. Jeder Mensch stagniert irgendwann und kann seine Leistungen und Verhaltensweise nicht verbessern oder verändern. Daraus kann sich

schnell Frustration entwickeln, denn „eigentlich kann ich das doch!“ Du kannst es auch immer noch. Mit deinem verbissenen Bestreben, ja nicht anzuhalten, stehst du dir einfach selbst im Weg. Setz dich hin, lehn dich zurück und genieß doch einfach mal, genau an dieser einen Stelle in deinem Leben zu sein. Du hast es diese Woche nicht zum Sport geschafft? Keine Sorge, das kommt wieder. Schließ Frieden mit deinem inneren Schweinehund und lade ihn zu einem Stück Kuchen ein. Die blöden Spanisch-Vokabeln wollen sich einfach nicht einprägen? Entspann dich, gib deinem Kopf ein paar Tage Zeit - immerhin lernst du gerade eine Sprache, die deiner Muttersprache in keinster Weise ähnlich ist. Egal, was dich gerade quält, nimm dir einen Moment für dich und atme durch. Der Wandel kommt ganz von selbst zu dir und wird dirneue Horizonte eröffnen, ohne dass du etwas dafür tun musst. Wichtig ist nur, dass du deine Augen und Arme offen hältst.

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gesellschaft Horizonte

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Über Grenzen gehen

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Let‘s talk about blood, baby!

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Interview: Vom Bänker zum Osteopathen

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Wenn Zeugen Jehovas zweimal klingeln...

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Anziehung des Exzess

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EINE UMFRAGE VON EVA THIEL

horizonte Für den Begriff Horizont liefert der Duden zwei Definitionen: [sichtbare] Linie in der Ferne, an der sich Himmel und Erde bzw. Meer scheinbar berühren geistiger Bereich, den jemand überblickt und in dem er ein Urteilsvermögen besitzt

Wir haben uns mal auf dem Campus umgehört und nachgefragt was für Euch der Begriff Horizont bedeutet, an was Ihr als erstes denkt.

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„Einmal der Horizont an sich und an Sachen, die man erreichen möchte, Dinge mit denen man seinen Horizont erweitern kann.“ Veit


„Unendliche Weite, Himmel, Freiheit und Flugzeugstreifen am Himmel.“

„When your on holiday: The beach with a sunset.“ Savannah

Badi, Annika, Anika und Jacqueline

„Ich muss tatsächlich an Island denken, ans Meer, wenn man am Strand steht und alles ruhig ist und man selbst einfach dem Horizont entgegenschaut.“ Lea

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EIN INTERVIEW VON ELENA GRUNOW

über grenzen gehen Wie jeden Freitagmittag sitzen Leta und ich im großen Gemeinschaftsraum der Wohneinrichtung, in der sie momentan mit ihrem dreijährigen Sohn Nio lebt. Ich versuche ihr so gut wie möglich Deutsch beizubringen, momentan beschäftigen wir uns mit dem Märchen „Rapunzel“. Sie liest, ich höre zu und korrigiere sie gegebenenfalls. Das Lesen fällt ihr noch schwer. Gerade kommen wir an der Stelle an, als der Prinz Rapunzel aus dem Turm befreit und ich frage Leta vorsichtig:

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Wie war das damals eigentlich bei dir, als du dein zu Hause verlassen hast? Erst ist sie ein wenig still und ihr Blick schweift aus dem Fenster. Aber dann schaut sie mich an und meint: „Wie du weißt, bin ich 2015 aus Somalia geflohen, schwanger von meinem Ehemann, mit dem ich schon mit 14 Jahren verheiratet wurde. Er ist ein sehr böser Mensch. Ich hatte damals bereits zwei Kinder in Somalia und ich selbst durfte das Haus, in dem wir gewohnt haben, nicht verlassen. Als dann eines Tages im Schrank, in dem mein Ehemann das Geld aufbewahrt hat, noch der

Schlüssel steckte, habe ich das Geld genommen, bin aus der Tür raus und einfach nur losgelaufen. Ich hatte Angst, dass sie mich kriegen würden, Angst was dann passieren würde, aber ich wollte dieses Leben nicht mehr, nicht für mich und nicht für mein ungeborenes Kind.“ Das ist bestimmt schlimm für dich gewesen, alles hinter dir zu lassen. Ja natürlich, ich war das erste Mal allein wirklich außerhalb meines Dorfes.“

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Und hast du etwas vom Bürgerkrieg in Somalia mitbekommen? Das auch, wir alle hatten ständig Angst von Milizen überfallen und ausgeraubt zu werden. Man ist wirklich nie sicher gewesen. Und was hast du dann als nächstes gemacht, als du aus dem Dorf geflohen bist?“ „Ich bin einfach nur von Dorf zu Dorf gelaufen, manchmal hat mich auch jemand mit dem Auto mitgenommen! Hat dich keiner gefragt, was du allein draußen machst? Nicht wirklich. Ich habe erzählt, ich hätte kein zu Hause mehr. Und ich muss sagen, ich hatte wirklich Glück, dass mir auf meiner Flucht Richtung Norden immer aufrichtige Menschen geholfen haben, sonst hätte ich das nie überstanden. Und du bist dann einfach weitergewandert? Genau. Irgendwann wurde ich auf eine Schleppergruppe aufmerksam, die Flüchtlinge aus den Ländern südlich der Sahara nach

Gesellschaft

Norden bringen. Mit ihnen bin ich dann durch die Wüste gekommen.

ger Zeit würde ich mir die Überfahrt erarbeitet haben. Aber wie du weißt, wollte Nio nicht so lange warten und ich bekam Wehen. Das klingt wirklich unglaublich anstrenUnter ganz schwierigen Bedingungen habe gend. ich ihn dann entbunden. Aber wir hatten Ja, ich habe um mein Leben gekämpft! Wir auch so wenig zu essen und ich hatte schließhatten Tage lang nichts zu essen. Irgendwann lich noch nicht meine Überfahrt erarbeitet, bin ich dann in Libyen angekommen. Doch so wollte ich mein Kind nicht aufwachsen seich wollte über das Mittelmeer nach Europa. hen. Also habe ich einfach eine andere Frau Leider waren meine Geldreserven aufgegebeten, meinen Nio mitzunehmen, über das braucht und ich wusste große Meer nach Euronicht mehr weiter. Ich war pa. Doch die anderen unglaublich verzweifelt und Menschen hatten Mitleid „ICH HABE UM hoffnungslos. Hochschwanmit mir und haben dafür MEIN LEBEN GEKÄMPFT! ger, wie ich war, fragte ich gekämpft, dass ich mit WIR HATTEN TAGELANG trotzdem bei einer SchlepNio mitfahren konnte. perorganisation an. So habe ich dann diesen NICHTS ZU ESSEN.“ riesigen Teich überquert, Und was ist passiert? in einem Gummiboot, Sie wollten mich nicht mitnehmen, weil ich obwohl ich nicht schwimmen kann - mit Nio. ja kein Geld hatte. Aber ich habe gebeten Angekommen bin ich nach dieser nervenaufund gebettelt und sie haben mir meinen Zureibenden Reise in Italien in einem Auffangstand auch angesehen. Nachdem ich dem lager. Zufällig sind wir, durch die europäische Chef der Gruppe gesagt habe, ich würde alles Aufteilung der Flüchtlinge, nach Deutschland machen, meinte er ich könne für die gesamte gekommen. Und seitdem bin ich hier. Gruppe der Flüchtlinge kochen und nach eini-

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Das ist wirklich unglaublich! Das kann ich mir gar nicht richtig vorstellen, was du alles erlebt haben musst. Da kommen mir Probleme, die wir jungen Erwachsenen hier in Deutschland haben, ganz klein und unscheinbar vor. Es tut mir alles so leid für dich! Ja, da hast du recht, aber ich hatte auf meiner Reise auch viel Glück. Das ist mir erst danach klar geworden. Es hätte viel schlimmer für mich, aber auch für Nio ausgehen können.

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Noch Tage danach geht das Gespräch mit dieser beeindruckenden Frau durch den Kopf, es hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Leta musste ihre Grenzen immer wieder überschreiten, egal ob Landesgrenzen, körperliche und auch psychische Grenzen. Neues, Fremdes und Unbekanntes – waren ihr täglicher Begleiter. Da bleibt keine Frage nach dem Wohlbefinden wie hier bei uns in Europa, sondern nur das nackte Überleben.

* Die Namen der Personen wurden aufgrund des Schutzes der Personen von der Redaktion geändert.


let’s talk about blood, baby! EINE REPORTAGE VON ANGELINA NEUWIRTH

Totschweigen war gestern – ab jetzt wird die Menstruation ohne Rücksicht auf Verluste in die Mitte des gesellschaftlichen Diskurs gerückt. Du findest das ekelhaft? Erweiter’ mal deinen Horizont! Die Menstruation, Monatsblutung oder Periode ist seit jeher eines der Tabuthemen in der Gesellschaft. Egal, in welches Land du gehst – der Groß-

teil der Menschen wird immer mehr oder weniger angeekelt reagieren, wenn du die Periode ansprichst. Die Spezies Mensch versteht sich wunderbar darauf, natürliche und körpereigene Vorgänge – besonders die, die sich im weiblichen Körper abspielen – mit der kleinstmöglichen Menge an Respekt zu behandeln. Unbemerkt werden Frauen Komplize dieser Verleugnung, wenn sie in der Schule, auf der Arbeit oder an sonstigen öffentlichen Plätzen unauffällig einen

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Tampon aus ihrer Tasche holen, um ihn in der Hosentasche zu verstecken. Bloß nicht anmerken lassen, dass es schon wieder „diese Zeit des Monats“ ist. Andere Frauen, die diesen Griff in die Tasche sehen, reagieren mit einem mitleidig-verschwörerischen Lächeln darauf. Sollten Männer – Gott bewahre! – die Geste sehen, kann man sich auf „Die dümmsten Sprüche, wenn eine Frau ihre Periode hat“ in der Ausführung eins bis zehn gefasst machen. Unter den ersten Drei rangieren unterschiedliche Varianten von „Du bist so schlecht gelaunt, weil du deine Tage hast“. Ja, Sherlock, ich bin schlecht gelaunt, weil ich meine Tage habe. Denn momentan stößt meine Gebärmutter Schleimhaut ab und das macht sie nicht diskret und undercover, sondern mit dem größtmöglichen Tamtam! Und das tut verdammt nochmal weh! Aber natürlich sagen Frauen das nicht, denn die Reaktion ist bei den meisten Menschen –

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auch Frauen! – absehbar: Ein angeekelt-überraschtes Gesicht und rascher Themawechsel, denn wer redet schon über so etwas?

hat. Im Schulunterricht beispielsweise, wird es momentan in nicht einmal 45 Minuten abgehandelt.

Wir leben im 21. Jahrhundert und in unserer Gesellschaft haben sich wirklich abstoßende Dinge wie Rassismus und sexuelle Gewalt normalisiert. Selbstverständlich soll keinesfalls ein natürlicher, körpereigener Vorgang mit Menschenhass und Brutalität verglichen werden – aber wieso schweigen wir das eine tot, während wir das andere fast schon ohne ein Wimpernzucken durchgehen lassen? Sicherlich gibt es angenehmere Gesprächsthemen als abgestoßene Gebärmutterschleimhaut, die der Körper mit Blut ausscheidet und durch den Kontakt mit Sauerstoff nicht unbedingt nach Raumerfrischer riecht. Aber wie wäre es mit einer ganz abgefahrenen Idee? Einfach mal den kollektiven Horizont erweitern! Nur, weil das Thema nicht unbedingt an den Esstisch gehört, heißt das noch lange nicht, dass es auch sonst nirgends Platz

Die gute Nachricht: Unsere Welt befindet sich im Aufbruch. In der Gesellschaft vollzieht sich ein langsamer, aber stetiger Wandel. Eine neue Generation von Feministinnen wächst heran – Menschen, die aufgeklärt an Themen wie Sexualität und Menstruation herangehen und ihren Mitmenschen zeigen, dass sich niemand für seinen Körper und dessen Vorgänge schämen muss. Noch nie standen uns so viele Informationen zur Menstruation zur Verfügung; noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten. Überall sprießen Unternehmen aus dem Boden, die das Tabuthema Periode brechen und ihre nachhaltig produzierten Tampons und Menstruationstassen vermarkten. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist sicher, die Besteuerungen von Hygieneprodukten für Frauen von 19 Prozent auf sie-

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#SOWI Wir ben zu senken. Diese Entscheidung ist zwar richtig, kommt aber fast schon lächerlich spät. Und mal ehrlich: Müssen wir es immer noch Hygieneprodukte für Frauen nennen? Es ist 2020, jeder weiß, dass es die Menstruation gibt und dass der Großteil der Menschen mit Gebärmutter sie hat. Ich bin es leid, meinen Tampon in der Hosentasche zu verstecken. Nein, ich werde deshalb nicht jedem in Hörweite sagen, dass ich nun auf die Toilette gehe, um einen mit Blut vollgesogenen Wattebausch aus meiner Vagina zu ziehen. Aber das nächste Mal, wenn mich jemand nach meinen Krämpfen fragt – und sei es mein Tinderdate, das ich erst seit zwei Stunden kenne – werde ich sagen, dass mein Körper gerade Gewebe abstößt. Und dass das verdammt nochmal wehtut. Ob mein Date damit klarkommt, ist eindeutig sein oder ihr Bier, denn: Den Horizont erweitern muss jeder für sich selbst.

Gesellschaft

TV- und AV-Journalismus verstehen TV und AV Journalismus Theorie und Praxis | Band 1 Von Prof. Dr. Andreas Elter 2019, 344 S., brosch., 24,90 € ISBN 978-3-8487-3622-5

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Das alte TV verändert sich nachhaltig: Internet und Fernsehen verschmelzen, Entwicklungen wie Mediatheken und Second Screen stehen im Gegensatz zur klassischen „Glotze“. TV wird nicht nur anders distribuiert und rezipiert, sondern auch produziert. Das Lehrbuch berücksichtigt diese jüngsten Entwicklungen und verbindet dabei die Außenperspektive (der Forschung) und die Innensicht (der Macher).

Der erste Band des Lehrbuchs widmet sich maßgeblich der Theorie. Neben metadisziplinären Super- und Basistheorien werden wichtige Kommunikationsmodelle sowie zentrale Befunde der Journalistik und Fernsehforschung vorgestellt. Mit einem eigenen Universalmodell des digitalen AV-Journalismus wird die Theorie reflektiert und auf die Praxis angewandt.

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vom bänker zum osteopathen EIN INTERVIEW VON LUNA MARIE WOLF

Jürgen Röthig war 20 Jahre unter anderem Geschäftsführer der Barclays Investment Bank und der Frankfurter Wertpapierbörse. Rasend schnell stieg er die Karriereleiter nach oben. Er selbst sagt, er sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Vor einigen Jahren beendete er seine Karriere im Finanzwesen. Er bildete sich weiter zum Osteopathen, machte seine eigene Praxis auf, erweiterte seinen Horizont und fand den Be-

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ruf, der ihn erfüllt. Im Interview erzählt er mir, woher der Sinneswandel kam und wie sich sein Leben heute anfühlt. Herr Röthig, Sie haben viele Jahre lang erfolgreich in der Finanzbranche gearbeitet. Dann hat es einen Wendepunkt in Ihrem Leben gegeben – Sie wollten etwas in Anführungszeichen „Sinnvolleres“ machen? Was ist passiert? Es ging zunächst gar nicht darum, etwas Sinnvolleres zu machen. Es ist nicht die Sinnfrage,

die mich dahin geführt hat. Ich war von dem alten Arbeitsmetier nach 20 Jahren einfach dermaßen ausgelutscht und desillusioniert, sag ich mal, dass ich gesagt hab: ich will das nicht mehr machen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt aber noch nicht, was ich machen wollte in der Zukunft. Von daher ist es nicht so vom Saulus zum Paulus, vom bösen Investmentbanker hin zum wohltuenden Osteopathen, sondern es war eigentlich so ein bisschen Zufälligkeit, die mich in diesen Weg der Medizin geführt hat. Das war ja auch finanziell ein großer Schritt, Sie waren einen gewissen Lebensstandard gewöhnt – wie hat Ihre Familie auf den Jobwechsel und das damit verbundene Einkommen reagiert? Man macht das ja definitiv nicht, bevor man nicht mit seiner Frau gesprochen hat. Zumindest kann ich das jedem raten, das nicht einfach so zu machen. Wir haben eigentlich unseren Lebensstandard immer so gewählt, dass wir gesagt haben, wir geben für schwach-

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sinnige Sachen wie einen Porsche oder eine 5.000€ Uhr oder eine 2.000€ Gucci-Tasche nie Geld aus, weil das uns kein Glück und keine Befriedigung bringt. Das heißt wir haben unsere Wurzeln da nie verloren. Dementsprechend war es kein großes Problem für uns zu sagen: Unser Einkommen wird sich jetzt in den nächsten Jahren ziemlich nach unten bewegen, wir werden also wie ganz normale Leute leben, was wir zum Großteil sowieso schon getan haben. Sie haben mir von einem „Bore-Out“, also von großer Langeweile erzählt. Welche Gewinne ziehen sie jetzt aus Ihrem neuen Beruf als Osteopath? Nachdem ich mich entschieden hatte, diese Finanz-/Management Karriere aufzugeben habe ich mir natürlich ziemlich genau Gedanken darüber gemacht, was der neue Job strukturell bieten muss. Und das ist ziemlich individuell was als Ergebnis dabei rauskommt. Bei mir kam raus, dass ich komplett eigenverantwortlich arbeiten will, dass

Gesellschaft

ALSO WIRKLICH DINGE MACHEN SOLL, DIE SO EIN BISSCHEN OUT OF THE BOX SIND, NICHT DEM MAINSTREAM HINTERHERLAUFEN. ZUM BEISPIEL MAL EIN BUCH LESEN, WELCHES EBEN NICHT MAINSTREAM IST

ich einen Job haben will, der intellektuell fordert, einen Job, der mit Menschen zu tun hat und definitiv keine Personalführung mehr. Das waren die Kriterien und all diese Kriterien erfüllt jetzt der Beruf, den ich ausübe. Als Osteopath bin ich von daher als Person mit meinem Beruf im echten Einklang jetzt. Was sind für Sie die drei größten Unterschiede zwischen Ihrem alten und Ihrem

„neuen“ Leben? Selbstbestimmtheit ist das wichtigste Wort. Was ich jetzt tue hat wirklich eine Sinnhaftigkeit und Ausgeglichenheit, das ist Osteopathie ja auch inhaltlich. Und diese Ausgeglichenheit ist natürlich etwas, was sich im Verhältnis zur Ehefrau und zu den Kindern auch sehr stark ausdrückt. Ist Ihnen das mehr wert als Geld? Viel mehr wert. Ja. Gab es Momente, in denen Sie an Ihrer Entscheidung gezweifelt haben? Nachdem ich die erste Ausbildung hinter mich gebracht hatte und bei der zweiten mittendrin war und ich meine Praxis über drei Jahre dann schon eröffnet hatte, und die Praxis lief überhaupt nicht und überhaupt nicht heißt wirklich überhaupt nicht. Da habe ich mich gefragt, ob dieser Weg wirklich, ich sag mal „erfolgsversprechend“ ist und da war ich kurz davor aufzugeben und mir lieber wieder einen Job in dem alten Metier zu suchen.

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Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, vielleicht sogar noch bevor sie entschieden haben eine Ausbildung zum Bankkaufmann zu machen. Hätten sie rückblickend eine Entscheidung anders getroffen? Eigentlich kann man diese Frage nicht wirklich seriös beantworten. Wenn man 19 ist und Abitur macht, dann hat man ein Weltbild- und ein Selbstbild und einen Erfahrungsschatz, aus dem man dann seine Entscheidungen fällt. Und diese Entscheidung kann man dann nur auf dieser Ebene der Persönlichkeitsentwicklung beurteilen. Wenn ich jetzt nochmal 19 wäre, könnte ich dementsprechend nur was anderes wählen, weil mich natürlich meine Lebenserfahrung auch zu einem anderen

Menschen gemacht hat, mit anderen Prioritäten, mit anderen Zielen, mit anderen Werten. Was würden Sie denn einem jungen Menschen raten, der gerade an dem Punkt ist, sich zu entscheiden? Also ich würde einem jungen Menschen, der gerade entscheidet, welchen Lebensweg er gehen will, zunächst mal wünschen, dass er bis zu diesem Punkt echte Lebenserfahrung gemacht hat. Was leider den meisten jungen Menschen aus meiner Sicht heutzutage fehlt. Die meisten Menschen, die jetzt heranwachsen haben einen Hauptteil ihrer Lebenserfahrung aus einer binären Welt, aus einer digitalen Welt, die relativ wenig mit einem

persönlich macht, im Sinne vom Reifegrad. Daher kann ich einem ganz jungen Menschen nur raten, dass er mit 14, 15, 16 auch schon Abenteuer erleben soll. Also wirklich Dinge machen soll, die so ein bisschen Out of the Box sind, nicht dem Mainstream hinterherlaufen. Zum Beispiel mal ein Buch lesen, welches eben nicht Mainstream ist. Vielleicht mal einen Kafka lesen, obwohl es einem tierisch auf die Eier geht, weil das was man dort liest wahnsinnig schwer zu begreifen ist, aber dieses sich selbst überwinden, ist ein großer Teil einer Erlangung des Selbstbewusstseins.


wenn jehovas zeugen zweimal klingeln

EIN ERFAHRUNGSBERICHT VON JOSEPHINE HENNEN Gesellschaft

Wenn Menschen von din war ja immer noch URSPRUNG IN PITTSBURGH (USA) Jehovas Zeugen an dasselbe Mädchen wie der Haustür läuten, zuvor. Die Tatsache, GING AUS DER VON CHARLES T. RUSSELL reagieren die meisten dass wir erst kürzlich Leute gleich. umgezogen waren, ENDE DES 19. JHD. GEGRÜNDETEN Entweder sie tun so, „INTERNATIONALEN VEREINIGUNG ERNSTER spielte sicherlich auch als seien sie nicht zueine Rolle. Meine MutBIBELFORSCHER“ HERVOR hause, oder sie öffter kannte noch nienen die Tür um die manden im Ort und 1931 IN „JEHOVAS ZEUGEN“ UMBENANNT Besucher wegzuschiwar dankbar für die cken. Doch was würde Gesprächspartner. Ich GESAMTZAHL DER ZEUGEN JEHOVAS: passieren, wenn man erinnere mich, dass WELTWEIT 8.579.909, IN DEUTSCHLAND sie hereinbittet? Vor meine Schwester und ein paar Jahren hat ich uns immer über 165.870 meine Mutter genau die Besucher gefreut (STAND SEPT. 2018) das gewagt. Als zum haben. Wir zeigten ersten Mal Zeugen ihnen unsere SpielJehovas in unsere Wohnung kamen, sachen und stellten ihnen unsere Haustiere waren meine Schwester und ich noch im Kinvor. Auch wenn sie eigentlich kamen, um mit dergartenalter. Doch wie kam meine Mutter unserer Mutter zu sprechen, durften wir uns überhaupt dazu „solche Leute“ herein zu immer dazu setzen, zuhören und manchmal lassen? Als Kind war sie mit einem Mädchen bekamen wir auch etwas zum Ausmalen geaus ihrer Nachbarschaft befreundet. Eines schenkt. Nach mehreren Besuchen begann Tages erfuhr sie, dass diese zu Jehovas Zeumeine Mutter ein Bibelstudium. gen gehörte. Für meine Mutter änderte das Das funktioniert folgendermaßen: Jemand nichts an ihrer Freundschaft, denn ihre Freunliest eine Bibelstelle vor und anschließend 39


wird darüber diskutiert. Wie ist dieser Text uns öfter. Ich hatte sie schon in der Schule gezu verstehen? Was bedeutet er? Wie kann sehen, aber erst durch die Besuche entwickelman die Lehre daraus im eigenen Leben ante sich eine langjährige Freundschaft. Als wir wenden? Dabei werden unterschiedliche älter wurden, zeigten meine Schwester und Bibelstellen, aus verschiedenen Bibelüberich immer mehr Interesse an den Gesprächen setzungen zu einem Thema gelesen, um zu und schließlich durften wir unser eigenes Kinverstehen was die Bider-Bibelstudium bebel als Ganzes dazu ginnen. Die Inhalte des zu sagen hat. Uns beStudiums unterSEIT 2017 GELTEN JEHOVAS ZEUGEN suchten immer die schieden sich kaum, DEUTSCHLANDWEIT ALS KÖRPERSCHAFT gleichen paar Leuvon denen im DES ÖFFENTLICHEN RECHTS, ALSO ALS te - meistens Frauen Religionsunterricht in - und sie kamen imder Schule. Ein paar STAATLICH ANERKANNTE GLAUBENSmer zu zweit. ManchBesonderheiten gab GEMEINSCHAFT, UND HABEN DAMIT DIE mal brachten sie es aber doch, die ich GLEICHEN RECHTE UND PFLICHTEN WIE auch Neulinge mit, während des BibelZ.B. DIE KATHOLISCHE KIRCHE die erst vor kurzem in studiums hinterfragte. die GlaubensgemeinWarum sagen Jehovas schaft eingetreten Zeugen immer Jehowaren. So lernten wir mit der Zeit immer mehr va und nicht Gott? Der Grund ist, dass jeder Mitglieder kennen. Gelegentlich waren auch gerne mit seinem Namen angesprochen wird. Kinder dabei. Wir spielten zusammen, wäh„Gott“ ist kein Name, sondern ein Titel. Sein rend sich die Erwachsenen unterhielten. Drei Name lautet „Jehova“, welcher ursprünglich Mädchen, sie waren Schwestern, besuchten etwa 7000-mal in der Bibel vorkam, doch in

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den neuen Übersetzungen ausgetauscht wurde. Meine Mutter besaß noch eine dieser alten Bibeln. Warum feiern Jehovas Zeugen kein Weihnachten und keine Geburtstage? Das kommt daher, dass Feste wie Weihnachten, Ostern oder Geburtstage einen heidnischen Ursprung haben. In der Bibel steht nichts davon, dass Gläubige ihre eigene Geburt feiern sollen. Auch das genaue Geburtsdatum von Jesus wird in der Bibel nicht genannt. Es wurde von den Römern aufgrund ihres eigenen Festes, der Saturnalien, in den Dezember gelegt. Das bedeutet aber nicht, dass Jehovas Zeugen etwas gegen Geschenke haben. Sie beschenken andere eben nur nicht an den vom Kalender vorgeschriebenen Tagen. Das Gedächtnismahl, auch Abendmahl genannt, ist laut Jehovas Zeugen der einzige besondere Anlass, der begangen werden sollte. Es findet einmal im Jahr, am selben Tag wie das evangelische Abendmahl, statt. Im sogenannten Königreichsaal, dem Gotteshaus der

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Glaubensgemeinschaft, wird bei einer Feier an Jesu Tod erinnert. Trotz der pompösen Bezeichnung handelt es sich bei diesem Saal einfach um ein langes, flaches Gebäude, dessen Inneres fast aus einem einzigen großen Raum besteht. Meine Familie war schon mehrmals beim Gedächtnismahl dabei, denn man muss kein Zeuge Jehovas sein (oder werden wollen), um daran teilnehmen zu können. Entgegen der weit verbreiteten Meinung finden keine Geldsammlungen statt und der Eintritt ist frei. Meiner Schwester und mir haben diese Abende sehr gefallen, denn wir wurden immer herzlich begrüßt. Von unseren Freunden, aber genauso von Leuten, die wir gar nicht kannten. Es herrschte eine sehr offene, freundliche Atmosphäre. Als meine Schwester mit mir den Konfirmationsunterricht besuchte, fanden schon lange keine Bibelstunden mehr für uns statt. Wir hatten im Laufe der Zeit das Interesse verloren und die zunehmenden schulischen Herausforderungen ließen uns immer

Gesellschaft

weniger Freizeit. Auch meine Mutter beschloss erstmal eine Pause einzulegen, weil es aufgrund ihres Kontaktes mit Jehovas Zeugen zu Streitigkeiten mit meinem Vater kam. Dem Wunsch meiner Mutter entsprechend, besuchten sie uns erstmal nicht mehr, doch der Kontakt riss nie ganz ab. Manchmal fragte jemand telefonisch nach, wie es uns gehe. Wenn wir unseren Freunden in der Stadt begegneten, grüßten wir sie und unterhielten uns kurz mit ihnen. In der 8. Klasse nahmen wir im Religionsunterricht das Thema „Sekten“ durch. Unsere Lehrerin sprach mit uns auch über Jehovas Zeugen. Sie fragte uns Schüler, welche Erfahrungen wir schon mit diesen Menschen gemacht haben. Daraufhin übertrumpften sich meine Mitschüler mit ihren Erzählungen, wie sie oder sogar ihre ganze Familie sich einen Spaß daraus machten, so zu tun, als seien sie nicht zu Hause, wenn Zeugen Jehovas an der Tür klingelten. Selbst meine Lehrerin beteiligte sich daran. Nur ich blieb still. Zum einen war ich sehr verunsichert, weil sich die Erfahrun-

gen meiner Mitschüler mit meinen eigenen überhaupt nicht deckten und zum anderen hatte ich Angst, wie diese reagieren würden, wenn sie erfuhren, dass ich viele Zeugen Jehovas persönlich kannte. Ich wollte nicht wie das Opfer einer Gehirnwäsche oder eine Infizierte behandelt werden. Bei meiner Schwester verlief der Unterricht zu diesem Thema sehr ähnlich und auch sie konnte nicht verstehen, woher die fast schon aggressive Stimmung gegen die Glaubensgemeinschaft kam. Wenn meine Schwester und ich uns in dieser Situation schon so unwohl gefühlt haben, wie schlimm muss es dann erst für Kinder sein, die zu Jehovas Zeugen gehören? Durch meinen Umzug nach Stuttgart brach mein Kontakt zu unseren Freunden ab. Meine Schwester schreibt heute noch gelegentlich mit einer alten Freundin von Jehovas Zeugen über WhatsApp. Und meine Mutter nahm wieder Kontakt zu ihnen auf, nachdem wir Kinder und mein Vater aus dem Haus waren. Sie hat nun wieder mehr Zeit für sich und besucht regelmäßig die

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Zusammenkünfte, eine Art Gottesdienst, und wird einmal pro Woche von unseren alten Bekannten besucht. Dabei reden sie nicht nur ausschließlich über den Glauben, sondern auch über „Gott und die Welt“. Beim Schreiben dieses Artikels wurde mir erst bewusst, wie sehr die Freundschaft zu ein paar Zeugen Jehovas das Leben meiner Familie bereichert hat. Ich sage bewusst Freundschaft, denn von Anfang an hatte meine Mutter klargestellt, dass sie nicht vor hatte aus der Kirche auszutreten und Jehovas Zeugen beizutreten. Trotzdem ließen sie uns nicht fallen und unterstützten uns auch bei privaten Problemen. Sie waren jahrelang ein fester Bestandteil unseres Lebens und ich denke gerne an diese Zeit zurück. Ich glaube, die meisten Menschen, die Jehovas Zeugen ablehnen, haben noch nie ein Wort mit Jemandem von ihnen gesprochen. Ich bin froh, dass ich die Chance bekam mir als Kind eine eigene Meinung zu bilden, frei von Vorurteilen.

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die anziehung des exzessiven

EIN TEXT VON LINDA LUNA SCHUMACHER Gesellschaft

Es war Sonntag, acht Uhr. Ich saß im müden InterCity und las ein Buch über die genaue Planetenkonstellation zu meiner Geburt. Der Mars war zu meiner Geburtszeit im Skorpion, eine Mixtur, die ungemeines Energiepotential, Exzess und einen Hang zur Grausamkeit verspricht. Je mehr ich über diese Planetenkonstellation las, desto mehr konnte ich eine Seite von mir darin wiederfinden. Ich habe keine Leichen im Keller, bin im Sinne der Norm eine Nonne, konsumiere keine Drogen und bade nicht in Alkohol. Trotzdem gehöre ich zu den Menschen, die im Alter von 14 Jahren 150 Euro gezahlt haben, nur um von einer Brücke in Neuseeland zu springen. Was ist es, dass den Exzess so anziehend macht? Ich fing an in meinem eigenen Garten zu recherchieren: Ich hatte schon immer einen Hang zur Maßlosigkeit, ein Gen, das es liebt über die Grenzen der normativen Gestik zu schreiten. Im größten Teil versuche ich das im Sinne meiner Mitmenschen zu unterdrücken.

Manchmal kommt es hoch, dann lebe ich für 20 Minuten mein maximales Energiepotential. Ich habe kein ADHS, ich lebe nur meinen Exzess. Gestern zum Beispiel: Die Musik war an, und auf einmal legte sich ein Schalter in mir um. Wie ein Resonanzkörper, der in Schwingung kommt, schwebte ich für Momente in meiner Wohnung auf anderen Wolken. Die Vernunft ausgestellt, ich tanze, boxe, springe und zeige der normativen Gestik den Stinkefinger. Ich feiere mich ohne Grund und abseits des Bodens. Dieses maßlose Verhalten ist immens befreiend und der expressive Ausdruck, nachdem ich mich oft im geschönten Alltag sehne. In diesen Augenblicken des Hochs surfe ich haarscharf an der Grenze etwas zu zerstören, ein Polterabend ohne Hochzeit. Es sind die Grenzen, die wir im Exzess ziehen, die über Kultiviertheit und Animalität entscheiden. Tatsache ist jedoch, Exzess kann genauso viel Freude und Freiheit bringen wie Erfolg.

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Dieser kultivierte Exzess durch Mimik und Gestik ist natürlich nicht alles auf dem Tablett. Exzess bedeutet nach Duden: „Maßlosigkeit/Ausschweifung“. Was ist also mit exzessiven Gedanken? Grausame Illusionen, die wir leben, wenn wir Rache oder Wut empfinden? Wutgedanken im Straßenverkehr, kann sich da jemand wiederfinden? Was passiert jedoch, wenn all die grausamen Fantasien den Prozess vom Denken ins Handeln absolvieren? Der preisgekrönte, argentinische Film Wild Tales hat sich dieser Frage gestellt, die Antwort war: Jede kleine Auseinandersetzung führt vom Ping-Pong-Effekt ans Sterbebett. Diese Erfahrungen haben wir die letzten Jahrhunderte in Kriegen sammeln können. Wenn der Exzess so gefährlich ist, wieso ist er dann so anziehend? Ich gehe auf Ursachensuche: 1. DIE ALLES-GUT-GESELLSCHAFT „Wie geht‘s?“ „Alles gut“. Vielleicht bringen unsere unterdrückten negativen Gefühle uns

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zur Maßlosigkeit? Ausgelöst durch zwischenmenschliche Begegnungen, die wir aus der Hölle weglächeln, Ärger, den wir runterschlucken und enttäuschte Emotionen, die wir in den Keller verbannen? Sind wir eine AllesGut-Gesellschaft, die es verlernt hat ihre Gefühle zu fühlen um den Anschein nach außen zu wahren? Dominiert uns die Angst durch Imperfektion verurteilt zu werden? Ist deshalb IMMER „Alles gut“, auch wenn „Nichts gut“ ist? Vielleicht engt uns diese Verhaltensdiplomatie ein, weil wir nicht nur zu anderen, sondern auch zu uns selbst im Auge des Schein unehrlich sind. Diplomatisches Verhalten ist jedoch essentiell für ein friedliches Zusammenleben, ein Dienstag des Dilemma. 2. Der normative Lebenszug Was ist mit dem vorgeschriebenen Lebenszug: Schule, Studium/Ausbildung, Partnerfindung, Heirat, Hauskauf, Thermomix, Rente, Demenz. Zugegeben, es ist ein bisschen reißerisch formuliert, aber fragen Sie doch mal mitdreißiger Frauen, wie oft diese nach

Gesellschaft

dem Kinderkriegen gefragt werden, oder Abiturienten, wann sie ihr Studium anfangen. Vielleicht ist Exzess die Folge unterdrückter Intuition? Zu viel ich muss, zu wenig ich mag? Gesellschaftliche Erwartungen am Tag, Exzess in der Nacht, weil wir vielleicht schon längst an einer Station aus dem normativen Lebenszug aussteigen wollten? Oder wir wollten gar nicht erst beim Thema Heirat einsteigen? Maßlosigkeit als Resultat des Spagats zwischen eigenem und gesellschaftlichem Wissen über Richtigkeit. 3. Das animalische Gehirn Vielleicht ist der Verursacher auch unser animalisches Gehirn? Vom Affen zum Homo Sapiens, die Angst nie genug zu bekommen. Könnten tief verankerte evolutionäre Überlebensmuster die Grundlage des Exzesses sein? Der Mensch als Triebmonster, ein Raubtier mit gewissenloser Gier? Der Mensch als des Menschen Wolf? Formen wir deshalb „wildnisähnliche Reservate“, wie der Philosoph Franz Josef Wetz sie nennt? Gemeint sind

Bordelle, Sportplätze, Clubs, Lasertags. 4. Die Geschlechtshormone Vielleicht sind es unter anderem auch die Hormone. 93,1% aller Häftlinge sind Männer. Ist Testosteron destruktiv und Östrogen konstruktiv? Während Testosteron in der Tat eine draufgängerische Wirkung hat und Östrogen eine beruhigende Wirkung zeigt, ist das eine flache Erklärung. Exzess ist ein unglaublich vielschichtiges Verhalten, was womöglich mehrere Komponenten hat. Alles auf Hormone zu schieben grenzt an Neurosexismus. Die Lösung? Akzeptanz. Wir sind oftmals schwach, lächerlich und grausam. Wir gehen über Grenzen hinaus. Wir treffen falsche Entscheidungen, fahren nicht nur unser Auto, sondern auch unsere Beziehungen gegen die Wand. Wir sind nicht glorios, egal wie viel Dalai Lama und Eckhart Tolle wir lesen. Das ist okay! Der Drang nach Exzess macht unser Leben interessant und lässt uns wachsen. Unsere Schwächen stellen

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uns gleich und machen uns liebenswürdig. Die Art, wie wir diesen Drang ausleben, ist jedoch von Bedeutung. Wir haben dazugelernt, dass krankhaft pathologisches Töten, #Krieg, nicht die Lösung ist. Die Erfindung der Atombombe wurde im Westen zum Druckmittel menschliche Differenzen weniger exzessiv zu lösen. Dafür haben wir kultivierte Orte des Exzesses geschaffen, in denen wir unser animalisches Gehirn und unsere gesellschaftliche Unterdrückung rauslassen können: Clubs, Sex, Actionsport, Musik. Sie alle geben uns die Möglichkeit mit Mimik und Gestik maßlos zu sein und trotzdem im kultivierten Rahmen zu bleiben. Ob man/frau dafür Substanzen braucht ist jedoch die große Frage, die jeder für sich selber beantworten muss...

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Medien. Maultaschen. Stuttgart. Alles, was Du fürs Studium brauchst. Alles, was in Stuttgart wichtig ist: Stuttgarter Nachrichten. Schon ab 12,90 3 im Studenten-Abo*. Am besten gleich bestellen: → www.stn.de/student * Monatspreis für StN+ inkl. StN ePaper. Dieses Angebot gilt nur in Verbindung mit einer gültigen Immatrikulationsbescheinigung.

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kultur Netflix & Broaden your Horizon

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Andere Länder, andere Sitten

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Couches in Kleinstädten

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Buch- und Ted-Talk-Tipps

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Dem Horizont so nah - eine Filmkritik

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Fotostrecke

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Meinen eigenen Horizont erweitern

70 - 73


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netflix & broaden your horizon EIN KOMMENTAR VON NORA BERGER

Die beiden Netflix-Tipps auf dieser Seite zeigen Missstände auf, eröffnen neue Blinkwinkel auf wichtige gesellschaftspolitische Themen unserer Zeit, wie Rassismus und Gleichberechtigung. Sie geben den Zuschauer*innen die Möglichkeit, zu lernen, ihren Horizont zu erweitern und ihr eigenes Denken und Handeln zu reflektieren.

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POSE - Schillernd und schmerzhaft Jeder von uns will etwas Besonderes sein. In den 80ern schufen sich Gemeinschaften, die aus der queeren Subkultur von US-Großstädten wie New York hervorgingen, Orte, an denen Selbstdarstellung zur Sportart wurde: Ballrooms. Hier wird vom Moderator ein Thema vorgegeben, die Teilnehmer müssen einen Catwalk absolvieren und werden bewertet: wurde das Motto richtig umgesetzt? Passen Kleidung und Bewegungen? Es ist ein buntes, glitzerndes Spektakel, welches in der Drama-Serie POSE inszeniert wird und einen Einblick in ein Leben jenseits des Mainstreams gewährt. Die Ballroom-Partys sind nicht nur Bühne, sondern auch ein Zufluchtsort für die Menschen, die von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden: Schwule, Transgender und andere, die vermeintlich nicht dazu passen, meist mit latein- und afroamerikanischem Hintergrund. Viele von ihnen leben auf der Straße, gehen anschaffen oder dealen mit

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Drogen, bis sie Unterschlupf in einem der Houses finden. „Ein Haus ist eine Familie, die du wählst.“ Dies erklärt die Transfrau Blanca dem jungen Tänzer Damon, als sie in im Park trifft und anbietet, ihn bei sich im House of Evangelista aufzunehmen. Auch Angel, eine Transfrau, die am Hafen als Prostituierte arbeitet und ein Verhältnis mit einem weißen Republikaner und Trump-Tower-Geschäftsmann beginnt, findet bei Blanca ein neues Zuhause. Gemeinsam kämpfen sie um Anerkennung, große Pokale und teilweise ums nackte Überleben, denn im New York der 80er Jahre ist AIDS allgegenwärtig. POSE zeigt die Probleme in der Gemeinschaft, prangert Ungerechtigkeit an und feiert dabei trotz allem das Leben - bunt, dramatisch, schillernd und schmerzhaft. Taucht ein in die schillernde Ballroom-Kultur – Staffel 1 und 2 sind bei Netflix verfügbar. 13th - Zur Sklaverei verurteilt In Amerika gilt die Sklaverei seit 1865 als of-

Kultur

fiziell abgeschafft. Der diesbezügliche 13. Zusatzartikel enthält allerdings eine wichtige Hintertür: Kriminelle sind nämlich von dieser Regelung bis heute ausgenommen. Ava DuVernays Dokumentarfilm 13th berichtet schonungslos ehrlich über die Missstände, denen sich People of Color (POC) ausgesetzt sehen und offenbart so eine Kontinuität von Rassismus in der amerikanischen Geschichte, welcher sich heute noch immer in Form von Überbelegung von US-Gefängnissen zeigt. Während die USA lediglich 5 Prozent der Weltbevölkerung stellt, beträgt ihr Anteil an der Menge der Inhaftierten weltweit ganze 25 Prozent. Die Masseninhaftierung betrifft dabei unverhältnismäßig mehr POC als Weiße. Zudem stellt der industrielle Gefängniskomplex eine ökonomische Größe dar, von dem auch viele internationale Unternehmen profitieren – der Bau von Gefängnissen schafft beispielsweise lokale Arbeitsplätze und es gibt vermeintlich weitere Anreize, die Gefängnisse voll zu halten.

13th zeigt, wie der Mythos der Schwarzen Kriminalität in der Politik immer wieder aufgegriffen wird, um, wie DuVernay argumentiert, die Bürgerrechtsbewegung zu diskreditieren, den „War on Drugs“ zu rechtfertigen oder Wahlen zu gewinnen. Der preisgekrönte Dokumentarfilm ist ein dringlicher, feuriger Aufruf zu Gerechtigkeit und Reformen und bietet eine kraftvolle Bestätigung gelebter Erfahrungen, die teils noch immer bewusst kleingeredet oder ignoriert werden. Rassismus, gezielte Verhaftungen und Polizeigewalt sind real – schaut nicht weg: 13th ist auf Netflix verfügbar.

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andere länder, andere sitten ERKLÄRT VON JOSEPHINE HENNEN

Wer in Großbritannien eine Briefmarke der Queen kopfüber aufklebt, kann juristisch belangt werden.

2/3 der Bewohner des australischen Ortes „Coober Pedy“ leben in unterirdischen Wohnhöhlen. Auch die örtlichen Kirchen und Hotels liegen unter der Erde.

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Wer in den Niederlanden Blumen verschenkt, sollte diese in Papier eingewickelt lassen. Die Niederlande sind für ihre Blumenpracht bekannt. Das Papier ist ein Zeichen dafür, dass der Strauß gekauft und nicht einfach am Wegesrand gepflückt wurde.

In Japan wird mehr Papier zur Herstellung von Mangas, als zur Herstellung von Toilettenpapier verwendet.

In asiatischen Ländern sollte man Kinder nicht am Kopf berühren. Denn dort sitzt laut Volksglauben die Seele, welche durch die Berührung Schaden nehmen könnte.

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In Russland wird nur zu Beerdigungen eine gerade Anzahl von Blumen verschenkt.

In China sollte man niemals die Essstäbchen senkrecht im Reis stecken lassen. Es erinnert an ein Begräbnisritual und gilt als böses Omen.

Die Queen besitzt keinen Pass. Es reicht, wenn sie ihre Identität selbst bestätigt.

Ein kleiner Berg in Neuseeland hat den zweitlängsten Ortsnamen der Welt: Taumatawhakatagihangakoauautamateaturipukakapikimaungahoronukupokaiwhenuakitanatahu

In Indien und arabischen Ländern wird zum Essen und Hände schütteln nur die rechte Hand verwendet. Die Linke wird zur Toilettenhygiene benutzt.

Auf Island gibt es Karten für die Hauptstadt Reykjavik und für manche Orte der Westfjorde, die die Wohnsitze der dort lebenden Elfen, Zwerge und Naturgeister anzeigen.

Das Hauptexportgut des Fürstentums Liechtenstein sind falsche Zähne.

In Australien sind Barbesitzer laut laut Gesetz dazu verpflichtet, das Pferd eines Kunden zu füttern, zu tränken und unterzustellen.

In Texas ist es per Gesetz verboten, Graffiti auf fremde Kühe zu sprühen.

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EIN BERICHT VON EVA THIEL

couches in kleinstädten – ein etwas anderer surftrip durch england „Kann ich heute Nacht bei dir pennen?“ – „Klar, kein Problem und wie heißt du?“

So oder so ähnlich würde ich den Ablauf einer Anfrage beim Couchsurfing zusammenfassen. Denn eigentlich ist es genau das. Man fragt einen wildfremden

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Menschen, ob man bei ihr/ihm übernachten kann. Und das habe ich, zusammen mit meiner Freundin Anna, einen Monat lang durchgezogen. „Das funktioniert? Und man zahlt echt nix dafür?“, sind meist die ersten Fragen, die gestellt werden, wenn wir von unseren Erlebnissen erzählen. Ich möchte hier diese Fragen beantworten und sowohl die schönen als auch die den Horizont erweiternden Geschichten erzählen.

Wie funktioniert Couchsurfing? Es ist eine Plattform für Reisende und basiert auf einem Bewertungssystem. Das Anmelden ist nicht schwer, wohl aber ohne eine einzige Bewertung einen Gastgeber (Host) zu finden, denn sowohl als Host, als auch als Reisender wird man von dem jeweils anderen bewertet. Bei der Wahl einer Bleibe kann sich ein Reisender dann diese Bewertungen durchlesen, wodurch es leichter ist, das Gegenüber ein-

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zuschätzen. Andersherum kann der Host dann entscheiden, ob der Gast kommen darf oder nicht. Mittlerweile kann man so fast auf der ganzen Welt eine Unterkunft finden. Anna und ich hatten uns nach unserem Abitur für eine Rucksackreise durch Südengland entschieden. Einmal von Westen nach Osten an der Küste entlang. Große Aufregung vor der Begegnung mit unserem ersten Gastgeber in Bideford. Wir hatten Handynummern ausgetauscht und beim Schreiben schien er echt nett. Er wollte uns sogar an der Bushaltestelle abholen. Aber würde er wirklich kommen? Was würden wir machen, wenn er nicht käme, mitten in dieser Kleinstadt in Devon? Es stellte sich heraus, dass wir uns viel zu viele Gedanken gemacht hatten. Es wurde eine unserer besten Erfahrungen mit Couchsurfing. Unser erster Gastgeber war ein offener junger Mann, der uns tatsächlich abholte und uns mit auf seinen kleinen Bauernhof nahm, uns fantastisches Essen kochte und uns sogar seine Fahrräder auslieh.

Kultur

Eins lernten wir sehr schnell: Auf dem Land und in den kleinen Städten war es nicht nur wesentlich einfacher eine Unterkunft zu finden, oft trafen wir dort auch die Menschen, die wirklich interessiert an unserem Leben und unserer Reise waren. Diese Leute unternahmen mit uns Ausflüge, kochten mit uns und um ganz ehrlich zu sein, hatten sie immer die größeren und schöneren Wohnungen mit mehr Platz und Privatsphäre für uns. Die englischste Tasse Tee Eine dieser tollen Begegnungen hatten wir in Axminster. Unser Host war dieses Mal eine freundlich aussehende Mittfünfzigerin. Sie schrieb uns im Voraus, dass sie nicht Zuhause sei, wenn wir ankämen aber ein Nachbar würde dann vermutlich gerade ihre Veranda streichen und wir sollten einfach ins Haus gehen - die Tür sei offen. Wir fanden das ein bisschen seltsam aber irgendwie war sie uns sofort sympathisch. Es kam genauso, wie sie es prophezeit hatte. Wir grüßten den streichenden Nachbarn, spazierten einfach

in ihr Haus und setzten uns in ihren wunderschönen Garten. Kaum war auch sie Zuhause, musste sie wieder los, um einen älteren Mann zum wöchentlichen „Bowls“ zu begleiten. Bowls ist eine typisch englische Sportart, die ein wenig dem Boulespiel ähnelt. Wir hatten bis zu dem Zeitpunkt noch nie davon gehört. Sie war schon fast aus der Tür als sie fragte, ob wir nicht vielleicht mitkommen wollten. Natürlich ließen wir uns diese Einladung nicht entgehen. Was uns erwartete, war das klischeehaft englischste, was man sich nur vorstellen kann. Eine Runde älterer Engländer mit unverkennbaren Akzent, die sich zuerst beim Spielen gegenseitig neckten und dann zusammen in einer Runde saßen, eine Tasse schwarzen Tee mit Milch in der Hand hielten und über das Wetter und Nachbars Katze klagten. Natürlich wurden uns auch gleich die Regeln erklärt und eine Tasse Tee und Kekse in die Hand gedrückt. Dieses Erlebnis ist uns so gut in Erinnerung geblieben, weil man daran merkt, warum Couchsurfing eine tolle Art des Reisens ist. Axminster hat nicht viel zu

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bieten und war für uns eine weitere Englische Kleinstadt, aber wer kann schon behaupten im lokalen Bowls Club aufgenommen worden zu sein? Wie sieht es also aus? Kostet all das etwas? Nein, man zahlt weder etwas für die Benutzung der Website oder App, noch für den Aufenthalt bei den Gastgebern. Wir haben es aber so gehalten, dass wir immer eine Dankes Notiz und eine Kleinigkeit dagelassen haben. Nur ein einziges Mal hätten wir fast darauf verzichtet. Es war ziemlich gegen Ende unserer Reise. Wir hatten schon im Vorfeld einige zweideutige Nachrichten von unserem neuen Host erhalten. Erst ignorierten wir das einfach, doch schließlich schrieben wir ihm eine Nachricht in der wir klarmachten, dass wir kein Interesse an ihm hätten. Für uns war die

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Sache damit gegessen und wir fuhren trotzdem zu ihm hin, immerhin waren wir zu zweit unterwegs. Es stellte sich aber heraus, dass er glaubte, ein ausziehbares Sofa sei groß genug für drei Personen. Also für ihn und uns zwei. Das Ende vom Lied war dann, dass wir uns doch ein Hostel in der Stadt nahmen, weil wir uns sehr auf die Stadt gefreut hatten und es noch einiges zu sehen gab. Wir wollten nicht seinetwegen vorzeitig abreisen. An dieser Stelle war es uns dann lieber, ein Zimmer in einem Hostel zu zahlen, als mehrere Nächte mit ihm in einem Bett verbringen zu müssen. Trotz alledem war das Couchsurfen für uns die beste Art des Reisens. Man kann es keinesfalls als Urlaub bezeichnen, denn auf der faulen Haut liegt man selten. Man ist konstant damit beschäftigt neue Hosts zu finden,

Nachrichten zu beantworten und viele Absagen wegzustecken. Denn man wird nicht automatisch angenommen und es kann manchmal Tage dauern, bis man eine Unterkunft gefunden hat. Auf der Suche nach einem Zimmer in London wäre ich zum Beispiel fast verzweifelt. Die Hosts dort bekommen täglich mehrere dutzend Anfragen und schaffen es teilweise nicht einmal zu antworten. Aber um in kleineren Städten oder auf dem Dorf eine Unterkunft zu finden, wo es vielleicht sogar kein Hostel gibt, funktioniert es fabelhaft. Aber das nur am Rande. Die eigentliche Intention sollte sein, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und Erfahrungen zu sammeln. Denn das ist, was bleibt und worüber man später einen Artikel im Studierendenmagazin seiner Hochschule schreiben kann.

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den horizont erweitern

TIPPS VON JANINA HOFMANN UND JENNY HUBER Kultur

bücher How to stop time – Matt Haig (englische Ausgabe)

“If you are in the barrel of a wave you have to ignore the fear. You have to be in that moment. You have to carve on through. You get scared and the next thing you know you are off your board and smashing your head on a rock. I’m never going to live in fear.” Tom Hazard ist in der Zeit gefangen. Und in seiner Angst – sie bestimmt sein Leben schon viel zu lange. Vielleicht ist es nicht gleich in den ersten Kapiteln ersichtlich, aber in “How to Stop Time” geht es um viel mehr, als einen ängstlichen Zeitreisenden. Der Roman ist ein Anschubser, die Vergangenheit ruhen zu lassen und den eigenen Ängsten nicht zu viel Raum zu geben. Eine wahrhaftig inspirierende Liebeserklärung an die Leichtigkeit.

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Starkes weiches Herz - Madeleine Alizadeh Stark und weich – ein Widerspruch in sich? Das erste Buch der österreichischen Bloggerin Madeleine Alizadeh, im Internet bekannt als dariadaria, vermittelt ein besonders angenehmes Lesegefühl. Indem sie ihre eigene Geschichte erzählt, gibt sie Ansätze, „wie man mit Mut und Liebe die Welt verändern kann“, und geht dabei immer wieder auf den scheinbaren Widerspruch zwischen „stark“ und „weich“ ein. Damit schafft sie einen Raum, in dem man sich mit sich selbst und seiner Vergangenheit beschäftigen kann und schickt die Leser auf den persönlichen Weg des inneren Wachstums. Ihr Ziel ist es, ein liebevolles Miteinander in unserer gemeinsamen Welt zu schaffen. Fazit: Niemand ist perfekt. Aber wenn man die Dinge mit Selbstliebe und Zufriedenheit reflektiert und offen durchs Leben spaziert, macht man nicht nur die Welt zu einem besseren Ort, sondern erweitert auch den einen oder anderen Horizont!

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ted talks A love letter to realism in a time of grief – (Mark Pollock & Simone George) Zu sagen, das Leben wäre unfair, ist leicht. Optimismus kann schnell verloren gehen, wenn man glaubt, das Universum würde einem Steine in den Weg legen. Glücklich werden mit so einer Einstellung? Schwierig. Mark Pollock und Simone George geben anhand ihrer eigenen Geschichte Denkanstöße, den Blickwinkel auf das Leben, und die Dinge, die einem widerfahren, zu ändern. Bevor ich

Kultur

den Ted-Talk angeschaut habe, habe ich nur den Titel gelesen, – und war daher total unvoreingenommen – und deswegen umso berührter. Ich empfehle allen, dasselbe zu tun. How to gain control of your free time – Laura Vanderkam Kennst Du nicht auch diese Leute, die anscheinend rund um die Uhr etwas zu tun haben? Wie kommen die eigentlich mal von ihrem Stresslevel runter? Die Lösung liegt in der richtigen Organisation: Eine Woche hat 168 Stunden. Wenn wir uns Zeit nehmen für die Dinge, die uns wichtig sind, können wir uns das Leben aufbauen, das wir wollen. Das meint Laura Vanderkam und stellt verschiedene Methoden vor, wie wir uns unser perfektes Leben erschaffen können. Eines sei gesagt: Auch wenn wir viel beschäftigt sind, mit der richtigen Planung haben wir Zeit für das, was zählt!

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dem horizont so nah - eine filmkritik EINE FILMKRITIK VON RAMONA GROß

Der Film „Dem Horizont so nah“, von Regisseur Tim Trachte, basiert auf dem autobiografischen Bestseller von Jessica Koch und spielt im Jahre 1990. Wie wir von der Protagonistin Jessica (Luna Wedler) gleich zu Anfang erfahren, wird ihr Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. Alles beginnt, als sie auf Danny (Jannik Schümann), ein gut aussehender Typ, an einem Schießstand

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eines Rummelplatzes trifft. Dieser bringt die Geschichte ins Rollen. Anfangs wirken die positive Atmosphäre, die zufälligen Treffen und die Beziehung, die sich zwischen den beiden entwickelt, etwas unrealistisch, beinahe kitschig. Eine typische Liebesgeschichte, wie man sie eben aus Filmen kennt - fast. Ziemlich schnell wird klar, dass Danny ein „Geheimnis“ mit sich herumträgt. Spätestens als er sich durch einen Sturz eine leichte Verletzung

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zuzieht und er Jessica, als diese ihm helfen möchte, energisch von sich weißt, wird dies deutlich. Im Verlauf des Films häufen sich solche Szenen, bis sie ihn zur Rede stellt. Die Entscheidung zu Danny zu ziehen missfällt ihren Eltern. Auf das Unverständnis ihrer Mutter „Ihr habt doch alle Zeit der Welt“, erwidert sie „Haben wir eben nicht“. Die Tatsache, dass Danny schon als elfjähriger Junge von seinem Vater misshandelt wurde und er seitdem traumarisiert ist, bringt Licht ins Dunkel. Aber das ist nicht alles. Danny ist HIV positiv. Sein Vater infizierte ihn mit der Krankheit. Jessicas Eltern zeigen mit der Frage „Er hat AIDS?“, dass sie nicht unbedingt über die Krankheit aufgeklärt sind. Auch ich muss mir Google zur Hilfe nehmen, um mir den Unterschied ins Gedächtnis zurückzurufen. HIV bezeichnet den Erreger, die Abkürzung steht für „Humanes Immundefizienz-Virus“. AIDS wird als „erworbenes Immundefektsyndrom“ übersetzt. Damit wird die Krankheit bezeichnet, wenn der Virus ausgebrochen ist. Man

Kultur

muss also, trotz Infizierung mit dem Virus, ihn damit, dass sie trotzdem miteinander nicht gleich erkranken. schlafen könnten, da es Medikamente gebe, Ein weiterer Höhepunkt ist der Tod von die auch, wenn das Kondom reißen sollte, Tina, Dannys Mitbewohnerin, die er in einer einen Schutz vor dem Virus bieten. Selbsthilfegruppe kennengelernt hatte. Ihre Nachdem die Distanz, die sich durch Dannys Vergangenheit mit ihrem Vater ähnelt der von Trauer um Tina zwischen Jessica und ihm Danny sehr, nur, dass er versucht, sein Traudurchbrochen wurde, leidet er an den ersten ma mit Kickboxen zu überwinden, Tina Symptomen, die auf den Ausbruch des Virus flüchtet sich dagegen hindeuten. Er kommt in die Heroinsucht, daraufhin ins Kranan der sie trotz Entkenhaus und reist mit zug letztendlich stirbt. Jessica nach Amerika, „ER IST HIV-POSITIV, Diese Dramatik kommt in seine Heimat, um DAS IST EIN UNTERSCHIED!“ meiner Meinung nach danach eine Therapie sehr plötzlich. Auch in Deutschland anzudie Tatsache, dass man fangen. Diese Therapie Tina als eine eher diswürde den Krankheitstanzierte, vorsichtige Person kennenlernt, die verlauf zwar nicht verhindern können, sollte eben von ihrer Vergangenheit gezeichnet ist, aber den Prozess verlangsamen. der Zuschauer aber keine engere Bindung zu Aber soweit kommt es nicht. In den letzten ihr aufbauen kann, stellt ihren Tod als Filmszenen sieht man Jessica mit einem Brief eher nebensächlich dar. in der Wohnung sitzen, in dem Danny ihr mitJessica informiert sich bei einer Beratungsteilt nicht mehr zurückzukommen. stelle über Dannys Krankheit und konfrontiert Man sieht ihn in den letzten Sequenzen

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lächelnd davonlaufen. Hier wird der Zuschauer nochmals an seine Worte „Dort, wo sich Himmel und Erde berühren, dort kann man zwischen den Welten hin- und her hüpfen“ erinnert und damit endet der Film. Was mit Danny hiernach passiert, obliegt der Fantasie des Zuschauers. Vermutlich hat er sich für eine Art der Sterbehilfe entschlossen, da er mehrmals betont, selbst und mit vollem Gewissen bestimmen zu wollen wann und wie er

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sterben möchte. Mit dem Ende des Films wird das Fehlen von Jessicas „Geschichte“ erst richtig deutlich. Ihre Handlungen sind meistens Reaktionen auf Danny, von dem man im Vergleich zu ihr ziemlich viel erfährt. Nach weiterer Internetrecherche finde ich kritische Stimmen, dass es auch schon im Jahre 1990 Medikamente und Therapien gegen HIV und AIDS gab, die im Film aber ignoriert werden. Alles in allem ist der Film, mit einer

Geschlechtskrankheit im Fokus, interessant anzuschauen, so richtig aufgeklärt ist der Zuschauer danach aber nicht. Man wird zum Nachdenken angeregt, mich persönlich berührt der Film aber nicht so richtig, nicht zuletzt, weil sich ziemlich viel an der Oberfläche abspielt und er Details mit sich bringt, die meiner Meinung teilweise irrelevant sind.

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fotostrecke

horizonte eingefangen in bildern

Der Morgennebel hängt tief über Münsingen auf der schwäbischen Alb. Die Weite der Landschaft lässt sich nur erahnen. Bild: Franziska Schmock (@franztakespics)

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Der Aufstieg zum Sternbergturm noch bei Dunkelheit hat sich gelohnt. Bunte Farben zieren den Horizont, während sich die Sonne langsam einen Weg durch den Nebel nach oben bahnt. Bild: Franziska Schmock (@franztakespics)

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Die Berge der Alpen zieren den Horizon auf eine eindrucksvolle Art und Weise. Freiheit und Enge sind sich ganz nah. Wie hier in Arosa in der Schweiz. Bild: Franziska Schmock (@franztakespics)

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Verloren steht die schweizer Bergh체tte vor der m채chtigen Felswand. Klein und unscheinbar, w채hrend die Berge m채chtig am Horizont hervor ragen. Bild: Franziska Schmock (@franztakespics)

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Das Wetter schlägt um ßber Bad Urach. Wo gerade noch keine Wolke am Horizont zu sehen war, kommt nun das Gewitter. Bild: Franziska Schmock (@franztakespics)

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EIN ERFAHRUNGSBERICHT VON SELINA HELLFRITSCH

meinen eigenen horizont erweitern Selina, 19 Jahre, nach dem Abitur auf Weltreise gegangen – ein Klischee, das ich voll und ganz erfüllt habe und dabei doch viel für mich gelernt habe.

Wer von uns hat heutzutage noch nicht wenigstens einmal darüber nachgedacht oder es bereits in die Tat umgesetzt: nach dem Abitur ein Gap Year zu machen und dabei zu reisen? Es wird schon fast zur Normalität, dass sich junge Leute nach dem Abitur auf und davon machen, um die große, weite Welt zu erkun-

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den. Dabei zeigt eine Statistik der INITIATIVE auslandszeit, dass im Jahr 2018 weiterhin Australien das beliebteste Reiseziel für Work and Travel war, dicht gefolgt von Neuseeland und Kanada. Allerdings habe ich nicht klassisch Work and Travel im Ausland gemacht, sondern habe im Vorfeld zu Hause gearbeitet, mir genügend Geld angespart und bin danach für fünf Monate auf Weltreise gegangen. Zuerst hatte ich auch überlegt, für ein ganzes Jahr nach Australien zu gehen. Als dann aber klar wurde, dass meine beste Freundin Evi mit auf die Reise kommen würde, haben wir beschlossen, mehr als nur ein Land zu erkunden. So haben wir dann Anfang 2019 unser

Backpacking-Abenteuer gestartet, das uns von Indonesien über Australien und Hawaii bis hin nach San Francisco, Las Vegas, Los Angeles und schließlich nach New York gebracht hat.

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Aber die Frage ist doch: Warum wollen wir alle unbedingt ins Ausland? Ich wollte weg von zu Hause, weg von allem Gewohnten, ich wollte Neues sehen und Neues erleben. Ich wollte meinen eigenen Horizont erweitern. Rückblickend kann ich sagen, dass ich genau das getan habe. Klischee hin oder her, ich bin froh, dass ich meine Reise gemacht habe und dabei viel über mich selbst, meine Umwelt und andere Menschen gelernt habe. Ich habe mich für Backpacking entschieden - eine Reiseart, die heutzutage vielleicht viele Menschen begeistert, aber doch jeden auf seine eigene Art und Weise prägt War meine Backpacking-Reise so, wie ich sie mir vorgestellt hatte? Ich glaube diese Frage kann ich kurz und knapp mit einem „Nein“ beantworten. Als wir beispielsweise voller Erwartungen in Australien ankamen, waren wir am Anfang sehr enttäuscht, da wir in Cairns nicht viel erleben konnten und für eine ganze Woche

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in diesem Ort festsaßen. Zu allem Übel bekam meine Freundin auch noch eine richtig fiese Ohrenentzündung. Und als wir ohne Plan, ohne Auto und ohne Handyempfang auf einer kleinen Insel in Hawaii landeten, war das Glück wiederum auf unserer Seite. Ein Bekannter, der durch Zufall zu der Zeit auf der gleichen Insel war, holte uns vom Flughafen ab und zu dritt lernten wir eine einheimische Familie kennen. Bei dieser Familie verbrachten wir dann mehrere Tage und lernten Hawaii von seiner schönsten Seite kennen. Aber genau das finde ich im Nachhinein mit am besten. Es kommt anders, als man erwartet und stellt einen vor Aufgaben, die es zu meistern gilt und Situationen, die man nie vergessen wird. Raus aus der Komfortzone. Reisen mit Backpack ist für mich auf jeden Fall ein Schritt raus aus meiner Komfortzone und rein in ein Abenteuer. Ich hatte nicht mehr als meine sieben Sachen in meinem Rucksack,

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meine beste Freundin an meiner Seite und die Länder, die wir erkunden wollten, vor uns. Es mag zwar unkomfortabel sein, jeden Tag aus der Reisetasche zu leben, sich eine neue Unterkunft zu suchen und meist nicht zu wissen, wohin es einen verschlägt. Aber genau das habe ich auch geliebt. Man lernt dabei, mit weniger glücklich zu sein, in den Tag zu leben und sich immer wieder auf neue Personen und Situationen einzustellen. Was bleibt mir am meisten in Erinnerung? Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke sind es weniger die Orte, die mir in Erinnerung bleiben, als mehr die Leute, die ich auf meiner Reise getroffen habe. Zum Beispiel werde ich Hawaii immer mit der Familie verbinden, die uns bei strömendem Regen aufgenommen hat, damit wir die Nacht ein Dach über dem Kopf hatten. Letztendlich haben wir dort dann drei Tage verbracht und mit der ganzen Familie Ostern am Strand auf Big Island gefeiert. Die Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die uns beiden dort widerfahren

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ist und mit welcher Selbstverständlichkeit wir in diese hawaiianische Familie aufgenommen wurden, bringt mich bis heute zum Schmunzeln. Wie hast du dir das nur leisten können? Eine Frage, die ich vor allem vor und nach der Reise von vielen in meiner Heimat gehört habe. Die Antwort ist ganz simpel: Ich hatte einen Traum, den ich erreichen wollte und ich hab alles dafür getan, um ihn mir zu erfüllen. Der Gedanke ins Ausland zu gehen, meinen eigenen Horizont zu erweitern und neue Kulturen kennen zu lernen, kreiste schon lange davor in meinem Kopf herum. Als ich mich in das Thema Backpacking und Reisen eingelesen hatte, war ich mir auch bewusst, dass ich für diese Reise mein ganzes Geld ausgeben würde. Aber wie sagt man so schön? Geld kommt und geht, aber die Erinnerungen bleiben. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen: Diese Erfahrung war mir jeden Cent wert.

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MAN LERNT DABEI MIT WENIGER GLÜCKLICH ZU SEIN, IN DEN TAG ZU LEBEN UND SICH IMMER WIEDER AUF NEUE PERSONEN UND SITUATIONEN EINZUSTELLEN.

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spiritualität Das Jenseits

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Ungeklärte Phänomene

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Einmal nichts denken, zum mitnehmen, bitte

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EIN BERICHT VON JESSICA MORLOCK

das jenseits - gibt es ein leben hinter dem horizont?

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Wir leben im 21. Jahrhundert, aus affenähnlichen Kreaturen, die in Höhlen hausten, entwickelten wir uns über die Jahrhunderte weiter. Wir führten Kriege und Revolutionen, entdeckten Kontinente, Weltmeere und erforschten sogar fremde Planeten. Dennoch gelang es uns bis heute

nicht, die wohl entschiedensten aller Fragen zu beantworten. Eine Frage, die uns alle betrifft: „Was geschieht nach dem Tod?“. Die Frage, was nach dem Tod passiert, ist selbstverständlich keine Erscheinung der Neuzeit. Schon die Griechen der Antike, die alten Ägypter oder Priester des Mittelalters gaben ihre Theorien und Philosophien über den Tod, als wahrheitsgetreue Lösung vor. Ob Paradies im Himmel,

Nirwana oder das Nichts, an Erklärungen und Glaube fehlte es der Menschheit nie. Was fehlt ist eine äquivalente Antwort, die keine Menschen oder andere Lebewesen ausschließt, nachvollziehbar und empirisch erschlossen ist. Die eine tatsächliche große Wahrheit, nach der seit Anbeginn der menschlichen Existenz gesucht wird. Überraschung! Bis heute wurde sie nicht gefunden. Die meisten Käfer sehen zweidimensional.

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Unvorstellbar für den Menschen, da wir alles in der dritten Dimension wahrnehmen können. Laut Albert Einstein und anderen Theoretikern gibt es jedoch fünf Dimensionen. Die Zeit stellt die vierte Dimension dar, während das Jenseits als fünfte Dimension gesehen werden kann. Theoretiker spekulieren, dass es durchaus sein könnte, dass unsere menschliche Wahrnehmung einfach nicht ausreichend ist, um die fünfte Dimension und somit das Jenseits wahrnehmen zu können. Wir wären laut diesem Konzept somit nur Käfer in der fünften Dimension. Neben allen Theorien, die geglaubt aber genauso häufig angezweifelt werden, gibt es Erzählungen von Menschen, die viel zu sehr damit beschäftig waren zu leben, bis sie beinahe gestorben wären. Nahtoderfahrungen. Erfahrungsberichte aus dem Reich der Toten könnte man es morbide nennen. Interessanterweise gibt es exakt identische Erlebnisse, von denen alle Betroffenen berichten.

Spiritualität

Dabei spielte es keine Rolle, welcher Religion und taucht ein in eine bunte Welt, die aus oder Kultur sie angehörten. wasserähnlichen Wellen zu bestehen scheint. Es ist Donnerstag morgens. Lina hat Obwohl hier alles pastellfarben ist, wirken gerade gefrühstückt. Sie schnappt sich ihre die Farben viel intensiver und fröhlicher, Tasche und den Autoschlüssel, um zur Arbeit als könnte Lina sie fühlen. Auch merkwürzu fahren. Es regnet und vom Frost glänzen die dig aussehende Wesen gibt es hier, die Lina Straßen im Morgenlicht. Lina fährt auf einer komischerweise sehr vertraut vorkommen. Schnellstraße und beKaum hat sie sich merkt viel zu spät, dass etwas Umgesehen, ihr Auto aus der Kurve taucht Linas Großmutrutscht. Plötzlich ist ter vor ihr auf-, und Lina völlig entspannt. sie unterhalten sich. NACH DEM TOD Sie spürt weder Schock Lina verschwendet in GEHT ES WEITER noch Schmerz, während dieser Situation keinen sie sieht, wie ihr Körper Gedanken daran, dass von Sanitätern aus dem ihre Großmutter schon zerstörten Auto befreit seit vielen Jahren tot und in den Krankenist. Als würde sie aus eiwagen getragen wird. Sie bekommt alles mit, nem Traum hochschrecken, öffnet Lina abrupt was die Chirurgen im OP besprechen, während ihre Augen. Ihr Körper kommt ihr vor wie ein ihr Körper reglos auf dem OP-Tisch liegt. Stein, ihr Hals ist trocken und sie kann kaum Plötzlich erscheint ein grelles weißes Licht, atmen. Sie schaut hoch in die Neonröhren der was wie ein Ausgang aus einem dunklen Krankenhauslichter… Tunnel erscheint. Lina geht zu dem Lichtfeld

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Diese Erfahrungen die Lina durchlebt hat, werden meistens von betroffenen Personen nach einer Nahtoderfahrung beschrieben. Es ist auffallend, dass alle Betroffenen von sogenannten „Outof-Body“ Erlebnissen von einem grellen Licht, einem Weg oder Tunnel, Pastellfarben und das Wiedersehen von verstorbenen Bekannten, berichten. Psychologen und Neurologen können dieses Phänomen bis heute nicht erklären. Es gibt Annahmen darüber, dass der Körper in so einer Notsituation in eine Art von Traum fällt. Die Nahtoderfahrung wären somit kein Einblick ins Jenseits, sondern eine Schutzreaktion des Unterbewusstseins. Gegen diese Theorie spricht jedoch, dass blinde Menschen, die normalerweise ohne Bilder träumen, von exakt denselben Erfahrungen berichten. Ob alles nur reine Spekulation, ein Trick der menschlichen Psyche oder die große Erleuchtung ist, wird wohl

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für immer ein Mysterium bleiben. Worauf viele Betroffene von Nahtoterfahrungen allerdings bestehen, ist dieselbe Annahme, die Religionen schon seit tausenden von Jahren predigen: Nach dem Tod geht es weiter. Neben religiösen Theorien und Nahtoderfahrungen, gibt es auch die spirituelle Sicht. Esoteriker glauben an das Nichts oder an ihre eigene Unwissenheit. Sie konzentrieren sich darauf, nichts zu wissen und dies auch nicht durch mögliche Erklärungsversuche auszublenden. Sie glauben an ein Leben vor dem Tod.

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EIN BERICHT VON JOSEPHINE HENNEN

ungeklärte phänomene Wir leben in einer hochmodernen, von Wissenschaft und Technik beherrschten Welt. Es scheint immer weniger Mysterien zu geben, die nicht von Menschen gelöst werden können. Doch noch gibt es unglaubliche Erscheinungen und Phänomene, für die bisher zwar zahlreiche Theorien existieren, die aber trotzdem (noch) nicht abschließend geklärt werden konnten. Hier ein paar ausgewählte Beispiele.

Spiritualität

Loch Ness und Lake Champlain Von einem Monster im schottischen See Loch Ness wurde erstmals vor 1500 Jahren berichtet. Seitdem taucht „Nessie“ immer wieder in Berichten von Augenzeugen und auf Fotos auf. Viele Menschen behaupten, dass sie einen schwarzen Schatten durch das Wasser gleiten sahen. Die meisten dieser angeblichen Sichtungen oder Beweisfotos wurden als Lügen und Fälschungen entlarvt. Mit dem langen Hals, einem kleinen Kopf, einem buckeligen Rücken und den flossenartigen Gliedmaßen erinnern die Beschreibungen von Nessie an

das Aussehen eines Plesiosauriers. Es gibt verschiedene Theorien, die besagen, dass es sich bei Nessie um einen Baumstamm, einen Grönlandhai, einen Riesenwels oder um eine überlebende Echse aus der Urzeit handelt. Laut einer neuen Theorie ist Nessie vermutlich ein riesiger Aal. Forscher nahmen monatelang Wasserproben aus dem Süßwassersee und analysierten die darin enthaltene DNA, mit dem Ziel, alle im See lebenden Tiere bestimmen zu können. Dabei fanden sie eine große Menge Aal-DNA, was sie zu der Annahme führte, dass es in dem See von Aalen

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wimmeln muss. Darunter befinden sich möglicherweise ein paar außergewöhnlich große Exemplare. Die Forscher gaben jedoch zu, es sei erstaunlich, dass noch keins dieser Tiere gefangen wurde. Außerdem sei es unwahrscheinlich, dass sie bei ihrer Analyse alle im See vorkommenden Tiere nachweisen konnten, denn das Erbgut zerfalle im Wasser sehr schnell. Die amerikanische Version des schottischen Seeungeheuers heißt „Champ“ und lebt im Lake Champlain im Nordosten der USA. Bereits die indianischen Völker der Irokesen und Abenaki, die früher dort lebten, erzählten sich Geschichten über ein Monster im See, dem sie Opfergabenans Ufer brachten. 1883 sah der ortsansässige Sheriff angeblich ein etwa zehn Meter langes schlangenähnliches Tier, das seinen Kopf aus dem Wasser streckte. Die beste Fotografie von Champ machte Sandra Mansi im Jahr 1977. Experten zweifeln jedoch an der Echtheit des Fotos. Forscher zeichneten 2003 die Unterwassergeräusche des Sees auf. Darunter waren

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auch Laute, die den Rufen von Delfinen und Schwertwalen ähnelten. Diese Meerestiere kommen jedoch nicht im Lake Champlain vor. Was hat diese Geräusche also verursacht? Nazca-Linien Überfliegt man die Wüste Nazca in Peru, erkennt man auf deren Oberfläche riesige Abbildungen aus hellen Linien, die geometrische Formen, Tiere und Menschen darstellen. Der spanische Entdecker Pedro de Cieza de Leon berichtete bereits im Jahr 1553 von den Linien, hielt sie aber für einfache Wegmarkierungen. Ihre wissenschaftliche Beschreibung erfolgte erst 1926. Bisher wurden mehr als 2000 dieser Geoglyphen entdeckt. Die Bewohner der Region ritzten diese vor etwa 2000 Jahren in den Boden, indem sie die oberste Erdschicht abtrugen und der hellere Lehm darunter zum Vorschein kam. Manche der so entstandenen Furchen sind 20 km lang. Wie diese Muster entstanden sind, ist mittlerweile bekannt, aber auf die Frage nach dem Warum gibt es noch keine eindeutige

Antwort. Da die Scharrbilder am besten von einer erhöhten Position aus zu erkennen sind, vermuten einige Forscher, dass sie für die Götter bestimmt waren, die sie vom Himmel aus betrachten sollten. Andere sind davon überzeugt, dass es sich um Landebahnen für Außerirdische oder einen gigantischen astronomischen Kalender handelt. Eine neue Theorie besagt, dass sie als Ritualplätze für Wasser- und Fruchtbarkeitskulte dienten. In der Nähe der Linien wurden Altäre, Muscheln und Überreste von Meerestieren gefunden. Außerdem ist die Erde um die Linien herum festgetreten, was darauf hindeuten könnte, dass die Menschen an diesen entlanggelau-

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Tierregen Der Wind heult. Es blitzt und donnert. Die dunklen Wolken brechen auf und plötzlich regnet es…Frösche?! Die historischen Berichte über dieses seltene meteorologische Phänomen reichen bis in die Zeit der alten Griechen und Römer zurück. Auch in den letzten Jahren wurde dieses Ereignis immer wieder beobachtet. Zum Beispiel 2007 als Wurmregen in Jennings (Louisiana, USA) und 2010 als Fischregen in Lajamanu (Australien). Es gibt dokumentierte Fälle von Fröschen, Krabben, Vögeln, Kaulquappen oder Babyalligatoren, die vom Himmel fielen. Eine Theorie besagt, dass Vogelschwärme die Frösche oder Fische fangen und dann alle gleichzeitig fallen lassen. Warum die Vögel das tun sollten, ist allerdings unklar. Eine logischere Erklärung beruht auf der Tatsache, dass die meisten der herabfallenden Tiere im Wasser leben. Es wird also vermutet, dass die

Spiritualität

Tiere von einer Wasserhose – einem sich über Wasser bildenden Wirbelwind - zusammen mit dem Wasser aufgenommen werden und dann in der Nähe wieder herunterregnen. Das „Aufsaugen“ der Tiere durch diese Art Wirbelwind konnte jedoch bisher nicht beobachtet werden und manche Wissenschaftler sind sich sicher, dass Wasserhosen dafür nicht

stark genug sind. Ein Tornado ist zwar in der Lage den gesamten Inhalt eines Teiches aufzunehmen, aber das erklärt nicht, warum immer nur eine einzige Tierart von diesen Vorfällen betroffen ist und nicht eine Gruppe verschiedener Tierarten ähnlicher Größe vom Himmel herabfallen.

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fen sind. Waren sie möglicherweise Bestandteil einer Zeremonie?

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einmal nichts denken zum mitnehmen, bitte

EIN SELBSTEXPERIMENT VON JANINA HOFMANN 82

Ich wünschte, es wäre so einfach, wie meine Lieblingsfalafel zu bestellen. Einmal 30 Minuten Ruhe und Entspannung to go, dazu eine Portion Gelassenheit und mit extra Erleuchtungsmomenten, bitte. Jetzt bloß an nichts denken. Nicht daran, dass mein Fuß gerade einschläft. Nicht daran, was ich gleich zum Frühstück essen werde. Auch nicht daran, was ich heute alles noch erledigen will. Nicht daran, wie viel Zeit wohl schon vergangen sein könnte. Und vor allem nicht daran, dass ich das alles gerade denke und wie blöd das von mir ist. Ich will das hier ja genießen. Ich mache das ja schließlich für mich. Naja. Für dieses Magazin schon auch. Aber natürlich erhoffe ich mir einen Mehrwert für mein eigenes Leben aus diesem Selbsttest. Für die nächsten zwei Wochen habe ich mir nämlich vorgenommen, jeden Tag zu meditieren. Ich sitze also Montagmorgen im Schneidersitz

auf einer Sportmatte in meinem Zimmer. Zwei virtuelle Klanghölzchen klackern aneinander. Im Hintergrund höre ich Wasserrauschen. Augen zu. Los geht’s. Auch wenn mir vieles durch den Kopf geht, bin ich entspannter als erwartet und sitze so seelenruhig für 15 Minuten da. Danach bin ich etwas ruhiger als vorher und stolz auf mich. An Tag zwei fällt es mir sehr schwer, sitzen zu bleiben und ich wünsche mir insgeheim, dass diese Meditation schnell vorbei geht. Am dritten Tag denke ich darüber nach, wie komisch es ist, dass das Wort „morgen“ in der deutschen Sprache zwei so unterschiedliche Bedeutungen hat. So

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ähnlich geht es dann im Wechsel die nächsten Tage weiter: Mal fällt mir die Meditation sehr leicht, tut mir gut, beruhigt mich und gibt mir ein gutes Gefühl, das mich entspannt in den Tag starten lässt. An manchen Tagen lasse ich die Meditation ausfallen, da ich verschlafe, morgens nicht genug Zeit eingeplant habe – Zeitmanagement, meine geliebte Freundin, wo bist du? – oder auch ehrlicherweise einfach keine Lust habe, und mich lieber noch 20 Minuten halbwach im Bett wälzen möchte. Natürlich kann man auch abends meditieren, aber da die großen Meister in der Regel morgens meditieren, will ich das natürlich auch so machen. Wo komme ich denn da hin, wenn ich nicht gleich wie die Profis starte? Meditation bedeutet, nichts zu denken. Oder etwa nicht? Im Meditationsangebot der HdM – keine Werbung – wurde ich eines Besseren belehrt: Es geht nicht darum, nichts zu denken, sondern die Gedanken kommen und wieder gehen zu lassen,

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sie dabei aber nicht zu bewerten, sondern einfach zu akzeptieren. Das war wohl der wichtigste Tipp, der mir mit auf den Weg gegeben wurde. Wie oft saß ich davor auf meiner Matte und dachte „oh Mann, daran sollst du doch jetzt nicht während deiner entspannungsbringenden Meditation denken!“ Denken ist also gar nicht so schlimm. Martin Breitkopf, der Leiter des Kurses, hat ein Beispiel genannt, wie man Techniken der Meditation im Alltag anwenden kann: Vor einem läuft oder fährt mal wieder jemand total langsam, und wie kann diese Person nur nicht verstehen, dass wir da keine Zeit für haben? Anstatt sich fünf Minuten darüber

aufzuregen, lieber an die Meditation denken, die Situation akzeptieren und gehen lassen. Ist so ein kleiner Moment wirklich diese Aufregung wert? Wohl kaum. Und ich denke tief im Inneren wissen wir das alle. Ich bin auf jeden Fall davon überzeugt, dass Meditieren mir persönlich guttut und mir dabei hilft, leichter zu entspannen, gerade auch in stressigeren Zeiten. Auf meiner To-Do-Liste steht ganz groß, mir mehr Disziplin anzueignen, um diese Ruhemomente regelmäßig in meinen Alltag einbauen zu können. Und wenn ich dann mal keine Lust habe, und lieber eine Runde Netflix von der Uni schaue – dann ist es halt so. Balance is the key! So einfach wie Falafel bestellen ist das mit der Meditation also nicht. Aber selbstgekochtes Essen ist ja vernünftig gesehen auch die bessere Wahl.

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wissen Drug-Checking

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VerschwĂśrungstheorien

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Hinter dem Horizont

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Rätsel

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drug-checking konsumentenschutz verboten?

EIN INTERVIEW VON VERENA NAGEL

Für viele Menschen bedeutet Horizont erweitern gleich Yoga, Meditation oder Reisen. Dazu gehört aber auch, gesellschaftliche Themen zu hinterfragen, selbst wenn man davon nicht betroffen ist. So auch beim Tabuthema Drogen. Drug-Checking ist die chemische Analyse von Drogen bei einer öffentlichen Stelle. Konsumenten sollen geschützt werden, indem sie ihren

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Stoff, den sie meist illegal auf dem Schwarzmarkt erworben haben, testen lassen können. Die Drogen werden auf Wirkstoffgehalt und mögliche Streckmittel untersucht. Obwohl Drug-Checking in der Schweiz bereits seit über 20 Jahren durchgeführt wird, ist es in Deutschland immer noch verboten. Take, eine Initiative der Sucht- und Drogenberatungsstelle Release Stuttgart e.V. spricht sich dennoch klar dafür aus.

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Drug-Checking untersucht zum einen quantitativ, wie viel Wirkstoff der Substanz enthalten ist. „Es gibt in Stuttgart und Umgebung Kokain von null bis 99% Reinheit. Das ist ein großes Spektrum. Ansehen kann ich es dem Pulver nicht”, warnt Phillip Weber von der Stuttgarter Initiative. Die meisten Überdosierungen seien darauf zurückzuführen, dass ungewollt zu viel Wirkstoff verabreicht wird. Auch bei Ecstasy-Tabletten, die MDMA als Wirkstoff enthalten, wurde ein enormer Anstieg des Substanzgehalts festgestellt. Im ersten Halbjahr 2018 enthielt fast jede Dritte getestete Pille in der Schweiz mehr als 200 Milligramm Wirkstoff und gilt somit als extrem hochdosiert. Ein Grund hierfür sei, dass viele Tabletten die in Deutschland und der Schweiz auf den Markt kommen, in den Niederlanden produziert werden. Dort wird nach Pillenmenge bestraft und nicht wie in Deutschland nach Wirkstoffgehalt. Deswegen sei es besonders reizvoll, möglichst viel Wirkstoff in eine Pille zu pressen.

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MENSCHEN WISSEN BEREITS WAS IHNEN AUS JURISTISCHER SICHT BLÜHT, WENN SIE MIT DROGEN ERWISCHT WERDEN UND DENNOCH TUN SIE ES. TAGTÄGLICH.“

Zum anderen wird die Droge qualitativ untersucht. „In Kokain findet sich alles was auch zu einem weißen Pulver verarbeitet werden kann.“ Darunter seien Paracetamol, Aspirin oder sogar Medikamentenabfälle. Eine der häufigsten Beimischungen sei Lidocain. wLidocain ist ein örtlich wirksames

Betäubungsmittel, dass zur Behandlung von Wunden oder Schmerzen eingesetzt wird. Das Medikament ruft genau wie Kokain einen Taubheitseffekt hervor. Deswegen sei es so eine beliebte Beimischung. Es suggeriere den Konsumenten, man habe besonders starkes Kokain genommen, weil der Taubheitseffekt so massiv eintritt. In Deutschland ist Drug-Checking bis heute verboten. Das Betäubungsmittelgesetz verbietet nicht nur die Herstellung, den Handel oder die Einfuhr, sondern weitest gehend auch den Besitz illegaler Drogen. Somit müssen auch Chemiker und Chemikerinnen mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen, wenn sie Drug-Checking durchführen. „Wir sind da in Deutschland tatsächlich extrem hinten dran, denn es ist die Schweiz, es ist Tschechien, es sind die Niederlande, England und Frankreich die Drug-Checking bereits durchführen.“ Meint Phillip Weber. Gerade in der Schweiz und Österreich sei Drug-Checking evaluiert, wissenschaftlich

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begleitet und die Vorteile seien bekannt. Es soll helfen Dynamiken und Trends des illegalen Drogenmarkts zu analysieren und zu verstehen. Dadurch können frühzeitig potentiell gefährdende Substanzen oder Streckmittel festgestellt und davor gewarnt werden. Außerdem biete Drug-Checking die Möglichkeit, die Konsumenten von Freizeit- und Partydrogen zu erreichen. Eine Zielgruppe, zu der man sonst schwer Zugang bekomme. Hierbei sei der kleinste Teil der Konsumenten tatsächlich abhängig. Die Menschen seien häufig in gute Sozialstrukturen eingebunden, gingen ihrer Arbeit nach und führten funktionierende Partnerschaften. Kritiker argumentieren oft, Drug-Checking sei kein Präventionsinstrument, sondern animiere eher zum Drogenkonsum. Die Untersuchungen in der Schweiz und Österreich hätten jedoch das Gegenteil gezeigt. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass da draußen Leute sind, die denken, wenn ich Heroin jetzt testen lassen kann, dann fange ich damit an.“ So der Drogenberater.

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Ein anderes Argument welches er oft von der Politik höre sei, dass Drug-Checking eine Qualitätskontrolle für Dealer werden könnte. Dem entgegnet er: „Wo ist hier das Argument? Wäre doch super, wenn ein Dealer auch weiß, was er verkauft.“

Aus seiner Sicht als Drogenberater sei es nicht zielführend, den Konsum dadurch zu unterbinden, dass strafrechtliche Konsequenzen folgen können. „Die Bude ist voll. So wie eben unsere Drogenberatungen nicht leer sind, so sind auch die Gefängnisse nicht leer.

Das heißt die Menschen wissen bereits was ihnen aus juristischer Sicht blüht, wenn sie mit Drogen erwischt werden und dennoch tun sie es. Tagtäglich.“ Prinzipiell sei er der Überzeugung, dass jeder Konsum Risiken bürge. Da mache es für ihn keinen Unterschied, ob eine Droge legal oder illegal ist. Jedoch habe man in Deutschland bei allen legalen Substanzen, ob Alkohol oder Tabak, die Gewissheit, was genau in welcher Menge enthalten ist. Bei allen illegalen Substanzen, wie Cannabis, Pulver oder Pillen, könne man das nicht wissen. „Das heißt, ich setze mich zu den Risiken, die ein Konsum schon in Reinsubstanz hätte, noch dem zusätzlichen Risiko aus, dass ich nicht weiß, welche zusätzlichen Stoffe ich einfach mit aufnehme. Wie ich darauf reagiere und wie die Wechselwirkungen sind.“ Deswegen sei es so ein enormes Gesundheitsrisiko, bei dem Drug-Checking große Schadensbegrenzung betreiben und Risiken minimieren könne.

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verschwörungstheorien

EINE AUFZÄHLUNG VON JESSICA MORLOCK Wissen

Laut Verschwörungstheorien lassen sich soziale Phänomene oder historische Ereignisse durch geheime Machenschaften erklären. Inwiefern man diesen Verschwörungen Glauben schenken möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Dennoch sollte man steht’s im Hinterkopf behalten: „Jede Theorie wartet darauf widerlegt zu werden.“ Die 10 spannendsten Verschwörungstheorien:

1. Der Mandela-Effekt Der Mandela-Effekt entstand 2013 als Nelson Mandela starb. Dabei meldeten sich tausende von Leuten, die alle berichteten, dass sie sich daran erinnern würden, wie Nelson Mandela doch bereits im Jahr 1980 gestorben sei. Diese „falschen“ Erinnerungen an Ereignisse

oder Fakten, die nicht nur von einzelnen Personen, sondern von tausenden von verschiedenen Menschen in gleicher Form verbreitet werden, werden als Mandela-Effekt bezeichnet. Das gemeinschaftliche „falsche“ Erinnern stärkt die Glaubwürdigkeit und sorgt für die Verbreitung. Neben dem Ereignis von Nelson Mandelas Tod gibt es noch viele weitere solcher Vorkommnisse. Das Star Wars Zitat: „Luke I am your father!“ zum Beispiel. Dieser Satz von Darth Vader ist wohl eines der berühmtesten Filmzitate überhaupt. Dennoch ist es nur eine Täuschung des MandelaEffekts, denn das korrekte Filmzitat lautet: „No, I am your father!“ Genauso verwirrend ist die Tatsache, dass der vertraute Monopoly-Mann mit seinem Zylinder, Schnauzer und Geldsack in Wahrheit kein Monokel trägt oder hattet ihr ihn etwa mit einem in Erinnerung? Zu Erklärung dieses Phänomens gibt es verschiedene Ansätze. Von überschneidenden Paralleluniversen, Gedankenkontrolle durch die Regierung bis hin zu Lücken unserer Erinnerungen, ist alles dabei.

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wird. Dieses Zucken könnte Hirnareale beeinflussen, die dafür verantwortlich sind, wie vertraut uns etwas erscheint. Wieder andere glauben, dass es unzählig viele Parallelwelten gibt, die sich alle sehr ähneln. Erleben wir ein Déjà-Vu, sind wir genau in diesem Moment in einer der Parallelwelten gestorben.

2. Das Déjà-Vu Das habe ich doch schon einmal erlebt! 7595% der Bevölkerung hatten schon einmal ein Déjà-Vu. Dabei sind die Entstehung und der Sinn hinter diesem Zustand immer noch ungeklärt. Das Erleben einer Situation, die sich anfühlt, als hätte man sie identisch schon einmal durchlebt, wird als Déjà-Vu bezeichnet. Esoteriker erklären diese Ereignisse durch Erinnerungen aus vergangenen Leben oder Telepathie. Wissenschaftler glauben, dass Déjà-Vu Erlebnisse dadurch entstehen, dass im Gehirn eine Art neurologischer Krampf, also das Zucken eines Muskels, ausgelöst

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4. Barcodes des Teufels Die Gefahr lauert in jedem Supermarkt, in jedem Shoppingcenter und jeder Boutique. Barcodes. Laut Verschwörungstheoretikern ist der Zahlencode eine Verschlüsselung der Zahl 666, der Satanszahl. Mit dem Einscannen an der Kasse soll er eine toxische Strahlung aussenden, die den Körper stark schädigt. 3. Die Verschwörung der Titanic Laut dieser Verschwörungstheorie soll nicht das berühmte Luxusschiff Titanic auf dem Grund des Atlantiks liegen, sondern ein Schiff, das den Namen Olympic trug. Die Olympic soll zudem absichtlich in den Eisberg gesteuert worden sein, um Versicherungskosten einzukassieren.

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versuche, die davon ausgehen, dass die verschollenen Wracks durch die starken Wellen von Sand bedeckt oder weggespült wurden. Unter Ureinwohnern der Bermudainseln werden Sagen um das Bermuda-Dreieck verbreitet, die von sagenhaften Wesen und aus dem Nichts auftreten Stürmen bestehen. 5. Die Illuminaten Angeblich existiert eine Gruppe der Erleuchteten(„Illuminaten“), die alles auf der Erde bestimmen und beeinflussen. Egal ob Wirtschaft, Umwelt oder die Menschheit - sie können alles kontrollieren. Das Symbol der Illuminaten ist eine Pyramide mit dem allwissenden Auge. Die Pyramide ist hierarchisch aufgebaut. Je mehr ein Mitglied der Gesellschaft über Wissen verfügt, desto höher steigt es in der Pyramide auf. Insgesamt verfügt die Pyramide der Illuminaten über dreizehn Stufen. Ganz oben stehen die Illuminaten, die Erleuchteten, die durch das allsehende Auge symbolisiert werden.

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6. Das Bermudadreieck Eine Theorie, die sogar beweisbare Phänomene liefert, ist das Bermuda-Dreieck. Das Bermuda-Dreieck ist ein Gebiet des atlantischen Ozeans. Es lässt sich durch die Karibik, Süd-Florida, Puerto Rico und Bermuda eingrenzen. Das Gebiet wurde zum Mythos, da dort viele Schiff-und Flugzeugunglücke stattfanden. Zudem sollen in eben diesem Gebiet Schiffe, wie auch Flugzeuge spurlos verschwunden sein. Verschiedene Forschungsgruppen haben Teile des Areals bereits untersucht. Das geheimnisvolle Verschwinden der Schiffe und Flugzeuge konnte dennoch nicht aufgeklärt werden. Es entstanden verschiedene Erklärungs-

7. Chemtrails Nach Anhängern dieser Theorie werden durch die Kondensstreifen von Flugzeugen weltweit Chemikalien verbreitet. Angeblich sollen diese Stoffe dazu beitragen, die Bevölkerung zu kontrollieren und das Wetter zu beeinflussen.

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10. Elvis lebt! Der Klassiker unter den Verschwörungstheorien ist und bleibt die Annahme darüber, dass der berühmte King of Rock`n`Roll Elvis Presley nicht wie bekannt, am 16. August 1977 in Memphis starb, sondern lediglich untertauchte, da er das Leben in der Öffentlichkeit nicht mehr aushielt. Vertreter dieser Theorie berichteten davon, wie sie Elvis als Urlauber auf Hawaii gesehen hatten.

8. Die hohle Welt Wieso an Aliens aus dem Weltall glauben, wenn es auch einfacher geht? Angeblich sollen sich nämlich, unter den beiden Polarkappen, verborgene Eingänge zu einer zweiten Welt befinden. Im Innern unserer Erde soll demnach eine zweite Sonne und weiteres Leben existieren.

9. Avril Lavigne ist tot Nach dieser Spekulation soll die Sängerin Avril Lavigne bereits 2003 gestorben sein. Um ihren damals großen Erfolg weiter betreiben zu können, wurde entschieden, die Öffentlichkeit über ihren Tod im Unklaren zu lassen. Sie wurde durch ihre Doppelgängerin, die Schauspielerin Melissa Vandella, ersetzt. Diese übernahm auch schon zu Avrils Lebzeiten ab und zu ihre Rolle bei Auftritten auf dem roten Teppich.

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EIN ESSAY VON RICARDA MÜRTERTHIES

hinter dem horizont Eine Kugel mit mehr als zwölftausend Kilometern Durchmesser, eingebettet in ein Sonnensystem und Teil eines unvorstellbaren Ganzen. Der blaue Planet. Unsere Heimat. Wenn wir nachts in den Himmel gucken, sehen wir die Sterne funkeln, den Mond aufgehen und wenn eine Sternschnuppe vorbeizieht, wünschen wir uns etwas. Sehr viel mehr können wir mit bloßem Auge erstmal nur erahnen, doch wir nehmen in Wirklichkeit einen so winzigen Platz im großen Universum ein. Ein Blick hinter den Horizont kann uns verdeutlichen, warum es heute wichtiger ist denn je, diesen Platz zu beschützen. Schon immer hat es die Mensch-

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heit angetrieben, ihre Umgebung zu erforschen. Und das beschränkt sich schon lange nicht mehr auf unseren eigenen Planeten, denn wie Udo Lindenberg es treffend besungen hat: „Hinterm Horizont geht´s weiter“. Planet Erde ist eingebettet in unser Sonnensystem, in dem sich noch sieben weitere Planeten - seitdem Pluto der Rang des Planeten aberkannt wurde - um den großen, heißen Mittelpunkt drehen. Doch wenn wir an den Nachthimmel schauen, sehen wir ja viel mehr die Sterne als wirkliche Planeten. Die Sterne zu verstehen und zu untersuchen, war für die Wissenschaft lange viel schwieriger als man denken würde. Erst im 18. und 19.

Jahrhundert war es möglich, durch größere Fernrohre und wissenschaftliche Fortschritte, die Erforschung der Sternenwelt in Angriff zu nehmen. Denn nach den fernsten Planetenbahnen des Sonnensystems folgt erstmal lange Zeit gar nichts. Der Abstand von der Erde bis zum entferntesten Planeten müsste zehntausendmal zurückgelegt werden, um zum nächsten Stern zu gelangen. Das sind alles ziemlich unvorstellbare Größen. Dr. Uwe Lemmer ist Astrophysiker und Direktor des Carl-Zeiss-Planetariums in Stuttgart. Er bezeichnet sich selbst als „Weltraumtier“ und ist durch seine Faszination für das Weltall und seine Liebe zu Science-Fiction

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zum Thema Kosmos und Raumfahrt gelangt. Er erklärt, was für eine wichtige Rolle das Licht für die Erforschung des Universums hat.

vierzehn Milliarden Jahre vorstellen kann. So lange ist es nämlich her, dass das Universum entstanden ist. Und seitdem expandiert es immer weiter. Riesige Nachdem man schon relativ früh festgeFernrohre, wie zum Beispiel das Hubble Weltstellt hatte, dass alle Naturgesetze, die wir raumteleskop, können das Licht der Galaxien auf der Erde herausfinden und beobachten einfangen, die am Rand des beobachtbaren können, genauso im Weltraum gelten, konnWeltraums liegen. Dieses Licht reist in Lichtte man damit forschen und Bewegungen von geschwindigkeit somit vierzehn MilliarSternen vorhersagen. Auch das Verhalten den Jahre, bis es für uns sichtbar ist. In der von Atomen ist im All und auf der Erde gleich, Zeit, bis es bei uns ankommt, kann sich die sodass man elementare ZusammensetzunGalaxie aber wieder verändert haben, und das gen von Sternen alleinig aus deren Licht Universum dehnt sich zudem weiter aus. „Die herauslesen kann. Dafür sind aber beStrecke wird immer länger. Für so einen Lichtsonders große Fernrohre nötig, die strahl, wenn der einen Verstand hätte, wäre genügend Sternenlicht einfangen können: das also ziemlich mühselig“, sagt der Leiter „Astronomen sind des Planetariums. sozusagen LichtjunEin Blick ins Weltall ist kies“, so Lemmer. also immer ein Stück „ASTRONOMEN SIND SOZUSAGEN Durch das Licht lässt weit ein Blick in die LICHTJUNKIES“ sich auch die DimenVergangenheit. Denn sion des Weltalls wie es aktuell auserklären. sieht, können wir gar Solange man sich nicht sagen, da das

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EIN BLICK INS WELTALL IST ALSO IMMER EIN STÜCK WEIT EIN BLICK IN DIE VERGANGENHEIT

Licht der aktuellen Galaxie noch nicht bei uns angekommen ist. In den letzten Monaten konnten wir aber auch ganz ohne Fernrohre und Messgeräte besondere Lichter am Himmel sehen. Nämlich vorbeiziehende Sternschnuppen. Und das sogar relativ häufig. Bei Sternschnuppen handelt es sich um Kometenstaubpartikel, die mit hoher Geschwindigkeit in die Erdatmosphäre eindringen. Die entstehende Reibung mit Luftmolekülen zaubert dann sozusagen den Schweif, der die Sternschnuppe so besonders macht, dass wir ihr sogar Glücksbringer-Eigenschaften zusprechen. Der Ursprung dieser Idee liegt in alten Geschichten begründet, wo erzählt wurde, Sternschnuppen seien abgebrochene Dochte von den Sternenlichtern, die von Engeln ge-

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putzt werden. Mit einem Wunsch während einer Sternschnuppe erhoffte man sich also himmlischen Beistand. Ein Staunen und eine gewisse Demut löst auch der Anblick der Erde von oben bei den Menschen seit jeher aus – seit Astronauten der Apollo 8 Mondumrundung 1968 sie zum ersten Mal aus der Ferne haben „aufgehen“ sehen. Das Foto von der kleinen, blauen Heimat ist bis heute ikonisch. Astronaut und Fotograf dieses Spektakels William Anders sagte, sie seien losgeflogen, um den Mond zu erforschen. Doch das Wichtigste, was sie gefunden hätten, sei die Erde. Auch das Planetarium Stuttgart leistet seinen Beitrag, dieses Gefühl zu vermitteln und die Erde mit anderen Augen zu sehen. „Wir stellen fest, die Erde ist ganz einmalig. Der beste Ort, den Menschen überhaupt haben könnten. Wir verhalten uns im Augenblick aber nicht so, wie sich eine Zivilisation verhalten sollte, die auf diesem Planeten bleiben will“, so Lem-

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mer. Er sieht eine wichtige Aufgabe der Raumfahrt darin, nicht nur Satelliten ins All zu schicken, die Wetterbilder zur Erde senden oder GPS- Signale, sondern zu verdeutlichen, dass wir alle gemeinsam auf einem Planeten leben. Lemmer ist der Meinung: „Brächte man die großen Staatslenker alle in die Raumstation und würde sagen: „Guckt mal, das ist euer Planet. Ihr könnt alle einzelnen Länder sehen, aber letztendlich ist es ein Planet. Wenn einer irgendwo die Luft verpestet, dann kommt es früher oder später überall an“. Wenn man das sagen würde“, so Lemmer weiter, „würde es sie und ihr Handeln verändern“. Der Blick und das Bewusstsein für das große Ganze sind in unserer heutigen Gesellschaft ganz besonders wichtig. Wir alle leben gemeinsam auf einem Planeten und wir alle sollten versuchen, unsere Heimat inmitten dieser riesigen Sternenwolke, die sich Universum nennt, zu schützen.

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(gar nicht so) unnützes wissen EIN RÄTSEL VON JULIA HERSCHBERGER

Wie viele Brücken gibt es in Venedig? Und warum sind Bananen eigentlich krumm? Das spielt bei diesem Rätsel keine Rolle! Stattdessen bekommst Du die Gelegenheit, abseits des Allgemeinwissens mit Deinem „unnützen Wissen“ zu glänzen. Los geht’s!

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ä = ae, ö = oe, ü = ue, ß = ss

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1. Dass man Warndreieck, Warnweste und Verbandskasten jederzeit im Auto haben sollte, weiß ja jeder. Aber weißt Du auch, in welchem südeuropäischen Land zusätzlich noch ein Feuerlöscher dabei sein muss? 2. „Despacito“ ist mit rund 6,5 Milliarden Aufrufen das momentan meistgeklickte Video auf YouTube. Aber welche Tiere waren das Thema des allerersten auf YouTube veröffentlichten Videos? 3. Venedig zu durchqueren, ohne dabei über eine Brücke zu laufen, ist quasi unmöglich. Aber welche deutsche Stadt ist mit rund 2500 Brücken die brückenreichste Stadt in ganz Europa? 4. Dass der Kilt ein klassisches schottisches Kleidungsstück ist, wissen vermutlich die meisten. Doch ist Dir auch bekannt, wie viele Meter Stoff zur Herstellung eines einzigen traditionellen Kilts benötigt werden?

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5. Mit mehr als 600 Millionen verkauften Tonträgern sind die Beatles die bis heute erfolgreichste Band der Musikgeschichte. Aber welcher Welthit der britischen Band hatte ursprünglich den Arbeitstitel „Scrambled Eggs“? 6. Dass man leicht mal mit ordentlichen Kopfschmerzen aufwachen kann, wenn man zu tief ins Glas geschaut hat, weiß wohl jeder. Aber weißt Du auch, in welchem Land man am Morgen danach nicht mit dem sprichwörtlichen Kater, sondern mit einer sogenannten „Holzfresse“ aufwacht? 7. Die Fußball-Bundesliga wurde vor mittlerweile 57 Jahren gegründet. Doch wie lautet der Name der größten deutschen Stadt, die in all der Zeit noch nie einen Verein in der ersten Liga hatte?

8. Dass Bananen krumm sind, weil sie stets zur Sonne hin wachsen, wissen wohl die meisten. Aber weißt Du auch, welche die größte Beere der Welt ist? 9. Dass Ed Sheeran mit „Shape of You” seinen bisher erfolgreichsten Hit produziert hat, hast Du vielleicht schon einmal gehört. Aber ist Dir auch bekannt, in welchem Musikvideo des Sängers ein ehemaliger „Harry Potter“-Star mitspielt? 10. Einen Niesreflex sollte man besser nicht unterdrücken. Aber weißt Du auch, vor dem Angriff welches Wesens der Wunsch „Gesundheit“ früher angeblich schützen sollte? Lösung:

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Das Team

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Redaktion

von links nach rechts: Nora Berger, Luna Wolf, Angelina Neuwirth (HV), Ricarda Müterthies, Josephine Hennen, Eva Thiel, Jessica Morlock, Lorena Boß, Verena Nagel, Ramona Groß, Selina Hellfritsch , Julia Herschberger, Elena Grunow, auch im Team: Janina Hofmann, Jenny Huber, Linda Luna Schumacher

Initiativleitung 100 Luna Wolf, Lorena Boß, Ricarda Müterthies

Aquise Sophie Kliesa, Ricarda Müterthies (HV), Xenia Harter, Fabienne Schackert, Selina Hellfritsch, auch im Team: Janina Hofmann


Blog Angelina Neuwirth, Lorena Boß, Franziska Schmock (HV)

Lektorat

Julia Herschberger , Elena Grunow, Xenia Harter, Lorena Boß, auch im Team: Janina Hofmann (HV), Alina Maday, Jenny Huber

PR Angelina Neuwirth (HV), Franziska Schmock, Sophie Kliesa, Ricarda Müterthies, Fabienne Schackert

Layout

Luna Wolf, Caroline Binder, Mona Steininger, Ramona Groß, Katrin Wahl, auch im Team: Sina Majer, Kristina Harder (HV)

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tnoziroh nenied rĂźf muarierf

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freiraum fĂźr deinen horizont

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impressum VielSeitig das Studierendenmagazin an der Hochschule der Medien

Eine Initiative der VS der Hochschule der Medien Nobelstraße 10, 70569 Stuttgart Tel. 0711/8923-2631 Druck und Weiterverarbeitung Hochschule der Medien Auflage: 1.500 Exemplare Danksagung Wir danken zu allererst unseren vielen tollen VielSeitig-Mitgliederinnen, die von der Redaktion bis hin zum Druck engagiert mitgearbeitet haben. Besonders bedanken wir uns natürlich bei unseren Hauptverantwortlichen, die mit Begeisterung unsere vielen Ressorts geleitet haben. Unser besonderer Dank gilt auch Heiko Gatawis, Patrick Rassek und Sebastian Paul, die uns beim Druck der VielSeitig stets mit Rat und Tat unterstützt haben. Weiter danken wir der Verfassten Studierendenschaft, ohne die unsere VielSeitig so nicht möglich gewesen wäre. Herzlichen Dank auch an unsere Sponsoren für die zusätzliche finanzielle Unterstützung.

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Umschlag: Foto von Franziska Schmock | Recycling-Icon von https://www.flaticon. com/authors/freepik | S. 4-5: Foto von Franiska Schmock | S.9 und S.11 www.bikingborders.com | S.14 Bild von Pixabay https://cdn.pixabay.com/photo/2017/02/11/16/41/ sunset-2058002_1280.jpg | S. 16 Bild von Unsplash https://unsplash.com/photos/ CKlHKtCJZKk | S.22: Bild von Oleksy @Ohurtsov auf Pixabay | S.25: https://images.unsplash.com/photo-1524901548305-08eeddc35080?ixlib=rb-1.2.1&q=85&fm=jpg&crop=entropy&cs=srgb&dl=max-van-den-oetelaar-buymYm3RQ3U-unsplash.jpg) | S. 26-27: Foto von Franiska Schmock | S.28-29 Foto von Eva Thiel | S.32 https://www.pexels.com/photo/ hands-people-friends-communication-45842/ | S.33 https://images.unsplash.com/photo-1545153485-e3bf87d59682?ixlib=rb-1.2.1&q=85&fm=jpg&crop=entropy&cs=srgb&dl=josefin-aED9rphM2iA-unsplash.jpg | S. 44, 46: privat | S. 48-49: Foto von Franiska Schmock | S.57 https://unsplash.com/photos/VmcIMhuWCac | S.58 Ullstein Buchverlage GmbH | S.59 rechts: https://unsplash.com/photos/BXOXnQ26B7o | S.59 links https://www.ted.com/talks/ mark_pollock_and_simone_george_a_love_letter_to_realism_in_a_time_of_grief/up-next | S. 60 Horizont: https://pixabay.com/de/photos/sonnenuntergang-himmel-hügel-984546/ | S. 62 https://pixabay.com/de/illustrations/hiv-hilfsmittel-virus-krankheit-1903372/ | S. 6369: Fotos von Franziska Schmock | S.70-73 Fotos von Selina Hellfritsch | S. 74-75: Foto von Franiska Schmock | S.78 Pixabay | https://cdn.pixabay.com/photo/2017/08/05/14/21/people-2583943_1280.jpg | S.79 https://pixabay.com/de/vectors/schwimmen-dinosaurier-antike-46264/ | S.80 https://pixabay.com/de/photos/peru-scharrbilder-spinne-1177687/ S.82 Photo by Tim Goedhart on Unsplash https://unsplash.com/photos/vnpTRdmtQ30 S.83 Photo by Skyler Smith on Unsplash https://unsplash.com/photos/obNqJiUBSk8 | S. 84-85: Foto von Franiska Schmock | S.86 https://unsplash.com/photos/TlWlJUo4o0g | S.88 https://unsplash.com/photos/pwcKF7L4-no | S.90 Deja vu https://pixabay.com/de/photos/ buch-schwarz-schlaflosigkeit-2806493/ | S.90 Titanic https://pixabay.com/de/photos/schiffwrack-alt-rost-gestrandet-3401500/ | S.90 Barcode https://pixabay.com/de/vectors/barcode-barcode-etikett-produkt-id-150961/ | S.91 Chemtrails https://pixabay.com/de/photos/ chemtrails-gasmaske-kondensstreifen-4554164/ | S.92 Avril Lavigne https://pixabay.com/ de/illustrations/zeichnung-avril-lavigne-portr%C3%A4t-1575677/ | S.92 Elvis Preley https:// pixabay.com/de/photos/elvis-elvis-presley-musiker-1269775/ | S. 95 Photo by Greg Rakozy via Unsplash https://unsplash.com/photos/0LU4vO5iFpM


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