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Internationale Zeitschrift f端r Metallgestalter

5/6 2011


Entsetzen bei europäischen Metallgestaltern über die neue »Stahlbaunorm« EN 1090

DIN EN 1090

DER HANDWERKSKILLER Noch nie in der jüngeren Geschichte war das Schmiedehandwerk vor eine so große Herausforderung – nach anderer Lesart existenzielle Bedrohung – gestellt wie in diesem Jahr! Und das europaweit! »Schreckgespenst« nennt Hermann Gradinger die neue EU-Norm EN 1090, Alfred Bullermann hat sie »Handwerkskiller« getauft. Auf den folgenden Seiten gibt HEPHAISTOS-Chefredakteur Tobias Schumacher erste Einblicke in das monströse Regelwerk und geht – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Fragen nach, die selbst Fachleute aktuell noch nicht beantworten können. Die Berichterstattung wird sich nicht auf diese Ausgabe beschränken, das ist jetzt schon sicher

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ie EN 1090 gilt seit 1. Januar 2011 in allen 27 Ländern der Europäischen Union. Sie regelt die Ausführung von Stahl- und Aluminiumkonstruktionen im bauaufsichtlichen, also sicherheitsrelevanten Bereich, die künftig ein CE-Kennzeichen tragen müssen. Bis zum 1. Juli 2012 läuft eine Übergangsfrist, die sogenannte Koexistenz-Phase mit bisherigen unterschiedlichen und länderspezifischen Regelungen. Danach ist die Norm für jeden Metallbauer Gesetz,

eine Nichtbeachtung kann schwerwiegende rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen – Geldstrafen, Abrissverfügungen und Ähnliches. Die Fragwürdigkeit der Norm aus Sicht vieler Metallgestalter lässt sich an zwei Sätzen festmachen – einer Frage, einer Antwort: »Braucht jeder Treppenhandlauf bald ein CE-Kennzeichen? Wenn es nach der neuen DIN EN 1090-1 geht, lautet die Antwort: Ja.« Diese Formulierung stammt aus einer Mitteilung des Fachverbandes Metall Bayern vom 18.

»Betr. DIN EN 1090 kein Schreckgespenst?« Nachfolgenden Brief mit obiger Betreffzeile hat Hermann Gradinger, der Altmeister aus Mainz, an den Präsidenten des Bundesverbandes Metall, Peter Mader, am 20. März 2011 geschrieben. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Absenders Sehr geehrter Herr Mader, als Mitbegründer der Bundesfachgruppe Metallgestaltung und deren erster Leiter will ich mich ebenfalls zu Wort melden. Die Sorgen und Nöte meiner jungen Kollegen Uwe Weber und Volker Scheib habe ich auch. Diese kann mir auch ein zupackender Präsident nicht nehmen. Was kann ein kreativer Metallgestalter mit einer Norm anfangen? Norm: das ist eine einheitliche Ausführung, die aufgrund planmäßiger Vereinheitlichung der Abmessungen, Benennungen, Qualitätsanforderungen, Verfahren, durch rationelle Fertigung in großen Stückzahlen, Verminderung der Lagerbestände und leichtere Ersatzteilbeschaffung erreicht werden soll. – Norm ist der Feind von Handwerkskultur. Vereinheitlichung

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kann nicht ihr Ziel sein, sondern kreative Vielfalt und kreative Vielfalt, ist nicht zu vereinheitlichen. Den großen und international tätigen Unternehmen ist es unbenommen, diese Norm zu erfüllen, doch ist dies keine ausreichende Begründung, diese auch bis in Klein- und Kleinstbetriebe durchzusetzen. Ich schließe mich in vollem Umfang der Forderung von Volker Scheib an, dass Betriebe, die im sogenannten EXC-1-Bereich arbeiten, sich nicht zertifizieren lassen müssen. Eine Zertifizierung sagt nichts über die Qualität einer Werkstatt aus. Metallgestalter lieben ihr Handwerk. Der Entwurf, das Herstellen und das gute Ergebnis sind untrennbar miteinander verbunden. Unser Arbeitsethos braucht keine Norm, uns interessiert die Qualität unserer Arbeit. Unser zeitaufwendiger Arbeitsprozess vom Ent-

wurf bis zur fertigen Arbeit verträgt keinen weiteren Aufwand und keine zusätzlichen Kosten. Eine erfüllte Norm sagt nichts über die Qualität einer Arbeit aus. Diese ist exakt beschrieben mit den Merkmalen, die Christine Ax in ihrem Buch »Die Könnengesellschaft« aufgestellt hat: - Freiheit und Selbstbestimmung - Arbeit an der eigenen Vollkommenheit und Könnerschaft - Handeln in Harmonie mit der Natur und ethischen Prinzipien - Dauerhaftigkeit und Werthaltigkeit der Arbeit - Respekt und Wertschätzung für die eigene Arbeit und die der anderen. Mit dieser Grundeinstellung ist unsere Werkstatt seit 125 Jahren gut gefahren und wird es weiterhin tun, auch ohne DIN EN 1090! Mit freundlichen Grüßen, Hermann Gradinger

Dezember 2010 und bringt seit Jahresbeginn namhafte Metallgestalter, nicht nur in Deutschland und Österreich, auf die Barrikaden. Kerneinwand gegen die neue Norm: »Metallgestaltung ist nicht zertifizierbar.« So lässt sich der links stehende Brief von Hermann Gradinger an den Präsidenten des Bundesverbandes Metall (BVM), Peter Mader, zusammenfassen. Den vorläufigen Beweis, dass der Einwand nicht von der Hand zu weisen ist, trat Gradingers aktueller Nachfolger als Bundesfachgruppenleiter an: Anfang März ist Markus Balbachs erster Anlauf zur normgerechten Zertifizierung seiner Werkstatt gescheitert (siehe Bericht S. 18/19). Kenner der Szene fragen: »Wenn Balbach nicht zertifiziert werden kann, wer dann?« Uwe Weber aus Seukendorf bei Nürnberg, vormals Landesfachgruppenleiter in Bayern, geht inzwischen sogar so weit, dass er in der Norm »eine Ausgrenzung unseres Schmiedehandwerks aus dem bauaufsichtlichen Bereich« sieht. Dieses Resümee zieht er nach dem Besuch von drei Informationsveranstaltungen des BVM zur EN 1090. Seither läuft Weber Sturm gegen die Norm. Er ist nicht der einzige. Persönliche Konsequenzen hat beispielsweise Volker Scheib gezogen. Bis Februar war er 13 Jahre lang Landesfachgruppenleiter in Hessen und neun Jahre lang stellvertretender Bundesfachgruppenleiter im BVM. Beide Ämter hat er niedergelegt (siehe Kasten S. 13). Scheib wirft dem Verband Untätigkeit vor. Bezeichnend, dass ausgerechnet im BVM organisierte und engagierte Metallgestalter nun zu Kronzeugen werden gegen die Tauglichkeit der EN 1090 für Schmiedewerkstätten. Der BVM sieht die Sache völlig anders. Verwiesen wird zuvorderst darauf, dass Schweißkonstruktionen im bau-

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Foto: Heiner Zimmermann

Foto: Markus Balbach

Dieser Handlauf von Markus Balbach müsste laut EN 1090 künftig ein CE-Kennzeichen tragen

Geländer von Heiner Zimmermann – will er künftig solche Arbeiten ausführen, muss er sich zertifizieren

aufsichtlichen Bereich bereits seit dem Jahr 2003 nach der DIN 18800-7 ausgeführt werden müssten. Wer dies nicht tue, bewege sich in einer »Grauzone«, sogar der Terminus vom »Schweißen im strafrechtlichen Bereich« macht die Runde. Grundlage der alten Norm war eine Unterscheidung nach Herstellerqualifikationen von Klasse A bis E. Eine der Klasse A zugeordnete Werkstatt konnte »ohne Prüfung und Zulassung Bauteile mit einfachen und untergeordneten Schweißnähten« versehen, musste aber schon geprüfte Schweißer mit gültigem Nachweis einsetzen, wie Heinz Kelm, Technischer Betriebswirt beim Landesverband Bayern, erläutert. Die EN 1090 ersetzt nun die Herstellerqualifikationen durch die CE-Pflicht und verbindet damit die Notwendigkeit der Zertifizierung eines Betriebes. Wer bisher seine »Hausaufgaben« in Sachen Mitarbeiterqualifizierung und Schweißprüfungen gemacht habe, für den stelle der »Weg zur Exzellenz« nach EN 1090 keine große Hürde dar, heißt es beim BVM. Und: Der Verband werde seine Mitglieder begleiten und unterstützen. »Der ganzen Angelegenheit sehr gelassen« sieht etwa Clemens Mühlenhoff entgegen, der Nachfolger von Volker Scheib als Landesfachgruppenleiter in Hessen. Er sagt: »Warten wir’s doch erst einmal ab, wie die Zertifizierungen in der Praxis ablaufen.« Nach Angaben von BVM-Präsident Peter Mader sind in Deutschland rund 30 Prozent des Metallhandwerks im Verband organisiert. Das heißt im Umkehrschluss: 70 Prozent der Betriebe geht es wie den Kollegen im Rest der EU, dass sie – alleingelassen von ihren berufsständischen Organisationen, die auch die Klein- und Kleinstbetriebe der Schlosser, Schmiede und Metallgestalter vertreten sollen – ahnungslos ins

schen können (siehe auch S. 76). Der IFGS ist nach bisherigem Kenntnisstand die einzige Schmiedeorganisation in Europa, die gegen die Ausführungsbestimmungen der EN 1090 Widerspruch eingelegt hat – wenn auch nur in Deutschland. Ob Schmiedevereinigungen anderer Länder dazu auch die Möglichkeit haben, sollten sie prüfen. Die Ausführungsrichtlinien sind noch nicht einheitlich für alle EU-Länder erarbeitet. In Finnland greifen sie dem Vernehmen nach erst ab 2013.

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Räderwerk der neuen Norm laufen. Denn erst die HEPHAISTOS-Recherchen ließen von Finnland bis Italien, von Großbritannien bis Tschechien die Alarmglocken schrillen. Rundum hatte man noch nie von der EN 1090 gehört. Um das Informationsdefizit aufzuholen, haben HEPHAISTOS und der Internationale Fachverband Gestaltender Schmiede e.V. (IFGS) im Internet auf Facebook eine Plattform eingerichtet (www.facebook.de/EN1090), auf der sich die Kollegen Europas austau-

Der Widerspruch des IFGS richtet sich gegen die sogenannte DVS-Richtlinie 1711. In ihr hat der Deutsche Verband für Schweißen und verwandte Verfahren e.V. (DVS) beschrieben, wie eine Zertifizierung der Metallbaubetriebe gemäß EN 1090 zu erfolgen hat. Insgesamt gibt es zwölf Widersprüche. In zehn davon, unter anderem vom Landesinnungsverband Metall Sachsen-Anhalt, dem Fachverband Metallhandwerk Thüringen und auch vom BVM, geht es aber ausschließlich um

»BVM ist seinem Auftrag nicht nachgekommen« Volker Scheib aus Biblis fasst in HEPHAISTOS seine Gründe zusammen, die ihn im Februar zum Rücktritt als hessischer Landes- und stellvertretender Bundesfachgruppenleiter der Metallgestalter bewogen haben »Es entspringt einer ethisch-moralischen Grundhaltung, dass ich zurückgetreten bin. Die Enttäuschung über den BVM resultiert aus dessen Umgang mit dem Thema EN 1090. Wie hier verfahren wurde, war für mich so gravierend, dass ich dem Verband nicht mehr in meiner Person als Ehrenamtsträger zur Verfügung stehen konnte. In meiner langjährigen Tätigkeit war die Norm EN 1090 und, was mit ihr auf uns zukommt, niemals Thema in einer Bundesfachgruppentagung. Dabei wäre meiner Meinung nach gerade die Bundesfachgruppe der Metallgestalter der wichtigste und kompetenteste Ansprechpartner für dieses Thema gewesen. Zwar wurde mehrmals darauf gedrungen, das Fachregelwerk des BVM einzuführen.

Aber schon da wurde festgestellt, dass wir Metallgestalter das nicht können und auch nicht kennen, weil es nicht der Spiegel unserer täglichen Arbeiten in der Werkstatt ist. Ich will damit keinesfalls bestreiten, dass das Fachregelwerk als Grundlage im rechtlichen Sinne bei vielen Aufträgen sicherlich hilfreich ist. Die menschliche Enttäuschung beinhaltet außerdem, dass die Handwerkspolitik des Verbandes inzwischen bewusst an den Kleinbetrieben vorbeigeführt wird. Das anders darzustellen, dabei hilft kein Werbefeldzug und keine Kampagne. Im Vorfeld hätte man etliche Chancen für Synergieeffekte nutzen können, was vom BVM aber als nicht notwendig erachtet wurde. Die Bundesfachgruppe hat jetzt keinerlei Möglichkeit mehr, Einfluss zu

nehmen. Dahingehend steht auch die Frage im Raum, wo ihre eigentliche Existenzberechtigung liegt. Sie ist das höchste fachliche Gremium im Verband und hätte viel früher in die Prozesse rund um die Norm EN 1090 eingebunden werden müssen. Sie hat die Aufgabe, die Interessen der Basis in die Verbandsarbeit einfließen zu lassen. Der Verband hat dies aufzunehmen und umzusetzen, das ist der Arbeitsauftrag des BVM, dem er aus meiner Sicht nicht nachgekommen ist. Für die Basis, für Kollegen und für Auszubildende, werde ich auf der unteren Ebene aber weiter ein Ansprechpartner sein. Dieses menschliche Grundverständnis ist bei mir angelegt. In der Sache bin ich nach wie vor präsent.«

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Fotos: Fattler Design

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Treppengeländer aus der Werkstatt von Manfred Fattler in einem Mehrfamilienhaus – Individualität... rein »normenrhetorische« Dinge – um Grammatik- und Rechtschreibfehler oder, dass hier und da »anstelle des Konjunktiv der Imperativ« zu stehen habe. Bemerkenswert ist einzig die Stellungnahme der Handwerkskammer Münster. Deren Geschäftsführer Thomas Harten schrieb am 8. März 2011: »Abschließend sei allgemein zur DIN EN

1090 ff angemerkt, dass die Belange der Kleinen und Mittleren Unternehmen bei der Erarbeitung der DIN EN 1090 nach unserer Einschätzung nicht berücksichtigt wurden. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass es in den kleineren Unternehmen keine Stabsabteilung gibt, die sich mit Qualitätssicherung befasst. Das Argument, dass diese keine qualitativ hochwertigen Stahl-

...aus Stabstahl und Messingblechen konstruktionen herstellen können, kann nicht akzeptiert werden, da das genaue Gegenteil der Fall ist. Wir appellieren an den DVS, auch für die Betriebe mit wenigen Mitarbeitern akzeptierbare Regelungen zu finden, die den Dokumentationsaufwand reduzieren. Es müssen Lösungen gefunden werden, damit Stahlbau in Deutschland zukünftig bezahlbar bleibt.«

Das sagt der IFGS zur EN 1090 Am 17. Dezember wurde die EN 1090 veröffentlicht. Vor allem in kleinen Betrieben der Metallgestalter und Schmiede wird heiß diskutiert, ob die Norm eine sinnvolle Qualitätskontrolle oder ein unnötiger Zeit- und Kostenfaktor ist. In diesen Kreisen ist man sich sicher: »Die Norm ist für Schmiede und Metallgestalter Quatsch und wurde eingeführt, weil größere Metall- und Stahlbauer den Markt reglementieren und unter sich aufteilen wollen. Verdienen werden auch die Institute, die die Nachweise prüfen und erstellen.« Im Umkehrschluss heißt das, dass Schmiede von Ausschreibungen und Aufträgen ausgeschlossen werden und sogar mit Strafen rechnen müssen, wenn sie sich nicht den aufwendigen und teuren Zertifizierungen unterwerfen. Metallbetriebe in Deutschland waren bisher in Herstellerqualifika-

Die Fotos auf den Seiten 14 bis 17 wurden von der Werkstatt von Manfred Fattler in Schönwald zur Verfügung gestellt. Sie stammen aus der Bilderpräsentation vom Göppinger Schmiedetag (siehe S. 10/11) und zeigen aktuelle Projekte der Schwarzwälder Metallgestalter-Hochburg. Vor allem verdeutlichen die Bilder, wie vielfältig eine Werkstatt, in der auch das Schmieden hochgehalten wird, ganz abseits von Amboss und Esse zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit Metall umgeht. System-Konfektionen können hier niemals mithalten. Die Treppenanlagen rechts fertigte Fattlers Werkstatt für das Verwaltungsgebäude einer Krankenkasse in Villingen-Schwenningen

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tionsgruppen eingeteilt. Schmiede arbeiteten überwiegend oder ausschließlich in Gruppe A, die einfache Bauteile wie Geländer, Beschläge, Tore oder Türen beinhaltet. Die Gruppen setzten sich fort bis Gruppe E, in der Hersteller von Hochhäusern, Brücken oder Hallen/Stadien geführt wurden, in denen große Menschenansammlungen Platz finden. Hier musste schon bisher eine Schweißaufsichtsperson angestellt sein. Sie sorgt dafür, dass Schweißarbeiten von den geprüften Mitarbeitern der Firma durchgeführt werden. Ausgenommen war die Gruppe A, für diese genügte der Nachweis der für den jeweiligen Auftrag nötigen Schweißkurse und -prüfungen. Eine Schweißaufsicht war nicht erforderlich. Die EN 1090 verlangt, dass nun auch Schmiede- und Metallgestalterbetriebe, die Stahlkonstruktionen sowohl für Pri-

vatkunden als auch für den öffentlichen Raum herstellen und montieren, ihre betriebliche Produktion zertifizieren lassen müssen. Dazu ist eine spezifische Beschreibung, ein Handbuch nötig. Ohne dieses Zertifikat können ab 2012 keine Arbeiten mehr »regelgerecht« ausgeführt werden. Was bisher durch Meisterbrief, Fachkenntnis- und Schweißnachweis abgedeckt war, reicht nicht mehr aus – ganz egal, ob die Arbeit ordentlich und nach »Stand der Technik« ausgeführt ist. Öffentliche Stellen wurden schon aufgefordert, Firmen zu denunzieren, die sich ohne die Nachweise nach EN 1090 um Aufträge bewerben. Der IFGS wird sich in Seminaren für Mitglieder und Nichtmitglieder mit dem Thema beschäftigen. Dazu IFGS-Präsident Cornelis Pronk: »Wir werden im Ausland nachsehen, wie die EU-Nachbarn mit dieser Vorschrift

umgehen. Wir müssen herausbekommen, was die Regeln bedeuten. Es ist dringend erforderlich festzustellen, ob es Ausnahmegenehmigungen geben kann wie früher in Gruppe A. Wenn wir diese Klärung herbeigeführt haben, gilt es, schnell und richtig zu handeln. Dazu gehört, dass wir mit anderen Schmiedevereinigungen Hand in Hand gehen. Eines muss allen klar sein: Die EN 1090 treibt die Preise unserer Produkte in die Höhe. Die Norm trifft mit besonderer Härte die individuell arbeitenden Metallgestalter, die für Einzellösungen und gestalterisch ausgewogene Lösungen stehen. Es gibt Kollegen, die befürchten, dass die EN 1090 das Ende der kleinen Metall-Betriebe bedeutet. So weit möchte ich nicht gehen. Aber uns wird das sowieso schon schwere Überleben noch schwerer gemacht – das steht fest.«


Detailaufnahme eines Balkongeländers von Manfred Fattler in Schonach. Wie dick wäre... In Deutschland gibt es 53 Handwerkskammern. Eine einzige sorgt sich um die kleinen Mitgliedsbetriebe – ein Armutszeugnis! Tomas Blazicek von der Tschechischen Schmiedevereinigung fragt zu Recht: »Was ist die Arbeit der deutschen Handwerkskammern? Für was zahlen Sie in Deutschland jedes Jahr über 400 Euro?« Auch er wurde erst durch HEPHAISTOS auf das Thema EN 1090 aufmerksam, seine nationalen Recherchen laufen. Nach Einschätzung vieler Metallgestalter quer durch Europa ist die EN 1090 in ihren Werkstätten nicht umsetzbar. Sie sehen bislang sämtliche Klimmzüge, ihre individuellen Stahlkonstruktionen den sogenannten Ausführungsklassen (Execution Classes EXC 1 bis 4; siehe auch Kasten rechts) zuzuordnen, als unzulänglich. Karsten Zimmer, Technischer Geschäftsführer und Normenexperte beim BVM, versuchte, das in einer internen Mitteilung an die Spitze des Landesverbandes Metall Bayern am 30. März zu präzisieren. Zimmer schreibt: »Es geht um tragende Bauteile und Tragwerke aus Stahl und Aluminium, die im bauaufsichtlichen Bereich eingebaut bzw. verwendet werden. Die Trennlinie können wir da ziehen, wo ein Tragsicherheits-/ Standsicherheitsnachweis erforderlich ist. Um diesen Nachweis führen zu können, brauchen wir Lastannahmen. Die finden wir im Moment noch in DIN 1055 Einwirkungen auf Tragwerke

(zukünftig Eurocode 3 = EN 1993). Teil 3 der DIN 1055 behandelt die Eigenund Nutzlasten für Hochbauten (siehe insbesondere Tabellen 1 und 7), Teil 4 Windlasten, Teil 5 Eis- und Schneelasten. Zu klären ist also, ob es für ein herzustellendes Metall(-bau, -gestalter)-Produkt Lastannahmen gibt. Wenn nicht, gilt auch EN 1090 nicht.« Die »Eurocodes« und die Zuordnungen zu EXC 1 bis 4 hier zu veröffentlichen, würde den Rahmen sprengen. Wir werden sie unter www.metall-aktiv.de im Internet bereitstellen. Doch ist zu vermuten, dass sie im Einzelfall nicht viel weiterhelfen. Auf ein wichtiges Detail weist Tomas Blasicek außerdem hin: nämlich, dass »alles in EXC 2 kommt, was nicht explizit in EXC 1 aufgeführt ist – und ab EXC 2 aufwärts wird eine Schweißaufsichtsperson verlangt«. Das ergänzt sich mit der Aussage von Uwe Weber, dass »bei öffentlichen Ausschreibungen automatisch EXC 2 verlangt wird, wenn keine andere Schadensklasse angegeben ist«, zur Zuspitzung eines »Berufsverbotes für Kunstschmiede« im bauaufsichtlichen Bereich, die auch schon zu vernehmen ist. Deshalb springt die Forderung, kleine Schmiedewerkstätten von der EXC 1 auszunehmen, wie sie deutsche und österreichische Metallgestalter inzwischen erheben, zu kurz! Hinzu kommt beispielhaft als Skurrilität, dass Turmbekrönungen mit Wet-

...bei diesem Projekt aus Lochblechen, Glas, Edelstahlrohren und Rundprofilen die »WPK«? terfahnen dank der Windbelastungen, denen sie ausgesetzt sind, in einer Reihe mit 50 Meter langen Stahlbrückenkonstruktionen der EXC 3, wenn nicht gar EXC 4 zugeordnet werden. Um in diesen Ausführungsklassen arbeiten zu können, fordert die DVS-Richtlinie 1711 einen Schweißingenieur im Betrieb. Welcher Kunstschmied kann den aber anstellen oder

eine externe Bezahlung in seinem Angebot umlegen? Fiktives Szenario deshalb: Wenn der nächste Orkan über Europa fegt, reihenweise Wetterfahnen und Turmbekrönungen von den Gotteshäusern bläst, finden die Kirchengemeinden keine Werkstätten mehr, die die Schäden beheben dürfen. Die Restauratoren im Metallgestalterhandwerk machen sich strafbar, wenn sie

Die Norm und ihre Absicht Basierend auf den »Römischen Verträgen« von 1957, zielt eine einheitliche Normung in der EU ab auf die »Harmonisierung des Wettbewerbes in Europa«. Als nur ein Tröpfchen in der ständig wachsenden Normenflut legt die EN 1090 künftige Standards fest für tragende Konstruktionen aus Stahl und Aluminium, die gefertigt und »in den Warenverkehr gebracht« werden im bauaufsichtlichen, also sicherheitsrelevanten Bereich. Diese Produkte, sowohl Konstruktionen in öffentlichen Gebäuden wie in Privathäusern, müssen künftig das CEKennzeichen aufweisen – nicht unbedingt an der Arbeit selbst, mindestens aber in der begleitenden sogenannten »Werkseigenen Produktionskontrolle« (WPK; siehe rechts). Je nach Komplexität und umgebendem Bauwerk sind die Konstruktionen künftig den sogenannten Ausführungsklassen (Execution Classes – EXC 1 bis 4) zugeordnet, die wiederum in den sogenannten »Eurocodes« definiert werden. In der grauen Theorie ist das Zertifizierungsverfahren nach EN 1090, mit dem ein Betrieb die Berechtigung erhält, seine Produkte mit CEKennzeichen zu versehen, relativ rasch erklärt: Zunächst sieht sich ein

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Zertifizierungsberater die Abläufe im Betrieb an, vom Wareneinkauf über die Lagerhaltung, den Maschinenpark, Werkzeug und die Produktionsabläufe bis hin zu Buchhaltung und Rechnungswesen. Dazu überprüft er die Qualifizierung der Mitarbeiter, beispielsweise die Schweißnachweise. Diese erste Beratungsrunde und zum Teil auch die spätere Zertifizierung werden in Deutschland und auch in Österreich vielerorts bezuschusst. Der Berater dokumentiert seine Beobachtungen und fasst sie in einem Betriebshandbuch zusammen, das im günstigen Fall dann Grundlage wird für die von der EN 1090 verlangte WPK. Auf deren Basis müssen später alle Arbeitsprozesse für die bauaufsichtliche Stahlkonstruktion nachvollziehbar dokumentiert sein. Liegt das Handbuch des Beraters vor, wird es in einem zweiten Schritt dann der sogenannten »notifizierten Stelle« vorgelegt, die auf dieser Grundlage die Zertifizierung ausarbeitet und erteilt. Bislang gibt es in Deutschland fünf notifizierte Stellen, die eine Zertifizierung durchführen dürfen. Diese (mit Regionalniederlassungen, so vorhanden) sind mit Stand vom 18. März:

TÜV Rheinland Industrie Service GmbH, Köln Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlsruhe TÜV Rheinland LGA Bautechnik, Nürnberg GSI Gesellschaft für Schweißtechnik Int., Düsseldorf Institut für Schweißtechnik und Ingenieurbüro Dr. Möll GmbH, Darmstadt

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DIN EN 1090

Fattlers filigrane Spielereien in Bronze und Edelstahl in »Vollkommenheit und Könnerschaft« einen solchen Auftrag ausführen. Und bei den für EXC 4 zertifizierten Stahlbauern werden die Bauämter der Bistümer nur Achselzucken ernten, wenn sie anfragen, ob eine geschmiedete Eisenkonstruktion samt kupferner Deckbleche auf dem Kirchturm rekonstruiert werden kann. Entgegen der anfänglichen Annahme, dass die CE-Pflicht nach EN 1090 nur Schweißkonstruktionen umfasst, stellt sich inzwischen heraus, dass die Norm sich auch auf geschraubte Arbeiten erstreckt sowie – und das sorgt für Entsetzen bei den Schmieden – auf alle warmverformten Produkte im bauaufsichtlichen Bereich: gebundet, genietet, feuergeschweißt. Hinzu kommen zusätzliche Vorschriften bei der Oberflächenbehandlung, auf die wir bei Gelegenheit noch eingehen werden. Welche Konstruktionen betroffen sind, richtet sich in EXC 1 bis 4 nach den

»Lehrbuch über Stahlbau« Einer der ersten in Deutschland, der die Fragwürdigkeiten der EN 1090 mit Blick auf kleine Betriebe herausgearbeitet hat, ist Dr. Peter Knödel. An der SLV Mannheim formulierte er bereits im Januar 2010 Folgendes zur EN 1090: »Ein schöner Grundsatz ist als erster Absatz im Hauptkapitel Ausführungsunterlagen und Dokumentation in Abs. 4.1.1 formuliert: ‘Für alle Teile der Stahlkonstruktion müssen die notwendigen Informationen und technischen Anforderungen vor Beginn der Ausführungsarbeiten vereinbart und abschließend geregelt sein. Es muss auch geregelt werden, wie bei Änderungen bereits vereinbarter Ausführungsunterlagen verfahren wird.’ Von diesem Grundsatz lebt eigentlich die ganze Norm:

Sehr häufig taucht der Begriff auf: ‘muss festgelegt werden’. Aus technischer Sicht ist dies natürlich zu begrüßen: Wenn etwas zwischen den Beteiligten festgelegt wird, kann es hinterher keine Missverständnisse mehr geben. Andererseits sehe ich jetzt jeden Metallbauer, sofern er mindestens nach EXC 2 herstellen will, in der Pflicht, ein Lehrbuch über Stahlbau zu schreiben. Dort steht dann all das Know-how, das wir bisher als selbstverständliches Wissen eines Fachbetriebes betrachtet haben. In der Projektabwicklung bedeutet das, dass diese Kladde von dem Hersteller an irgendeine andere Person übergeben werden muss, die das Pamphlet dann lesen und zur Kenntnis nehmen muss.«

Die hoch informativen Ausführungen von Dr. Peter Knödel mit dem Titel »DIN EN 1090 vs. DIN 18800-7 – Auswirkungen für den Metallbauer« sind im Internet zu finden unter: www.peterknoedel.de/papers/2010_EN-1090.pdf

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Bauwerken, an oder in denen sie montiert werden. In Deutschland ist das geregelt in den jeweiligen Landesbauordnungen (LBO), die sich in Details jedoch unterscheiden (können). In Österreich gibt es ebenfalls regionale Besonderheiten, im Rest von Europa haben wir uns die Nachfrage erspart. Eine Vereinheitlichung soll oben erwähnte DVS-Richtlinie bringen, die dem Vernehmen nach von den anderen EU-Ländern zur »Harmonisierung des Wettbewerbes« übernommen werden soll. Dass dies im Sinne eines »harmonisierten Wettbewerbes« aber tatsächlich umgesetzt werden kann, zweifelt der IFGS in seinem Widerspruch an. Karsten Kathage, beim Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt) in Berlin zuständig für den Bereich Metallbau, zeigte sich auf Anfrage von HEPHAISTOS außerstande, eine für

Moderne Treppengestaltung in Stahl und Glas die Metallgestalter rechtsverbindliche Liste aufzustellen, welche tragenden Stahlkonstruktionen der EN 1090 zuzuordnen sind. Er bat vielmehr darum, ihm eine Liste zukommen zu lassen, die entsprechende Produkte von Metallgestaltern enthält, und bot an, Ja- und Nein-Kreuzchen hinter die einzelnen Tragwerke zu setzen. Karsten Kathage saß neben zwei Vertretern des GDA – Gesamtverband der Aluminiumindustrie e.V., namentlich Reinhold Gitter und Werner Mader, sowie Christian Kammel vom DAST – Deutscher Ausschuss für Stahlbau im Normungsgremium in Brüssel, das die EN 1090 bis zur Gesetzeskraft vorbereitet hat. Der Vorsitzende des Gremiums kam aus Norwegen. Verneint wurde von Kathage interessanterweise, dass beispielsweise ein selbsttragendes, zweiflügeliges, geschmiedetes Friedhofstor unter die EN


Stimmen aus Europa zur EN 1090 Kurt Oberwanger, Weyregg am Attersee, Österreich Transparente Lösungen, wie sie bei Manfred Fattler zu bekommen sind – nur, wie lange noch... 1090 fällt, auch wenn es vier Meter breit, drei Meter hoch und 500 Kilogramm schwer ist. Hätte das Tor einen elektrischen Torantrieb, fiele es unter die Maschinenrichtlinie – aber das wäre noch einmal ein völlig anderes Kapitel. Das Hauptproblem, das sich für die Metallgestalter angesichts der EN 1090 auftut, ist, dass die bislang geltende Herstellerqualifikation nun durch die auf das jeweilige Produkt bezogene »Werkseigene Produktionskontrolle« abgelöst wird. Genau hier würde nach Annahme der Handwerkskammer Münster die »Aufgabe der Stabsabteilung für Qualitätssicherung« liegen. Auf den deutschen oder österreichischen Meisterbrief, die bislang als europaweit nahezu beispielloses Qualitätssiegel einer Werkstatt galten, geht die neue Norm EN 1090 übrigens mit keiner Silbe ein.

Info: In der nächsten HEPHAISTOS berichten wir unter anderem über die EN 1090 - und ihre Auswirkungen auf die Metallgestalter-Auzubis - und ihre Fragwürdigkeit bei Betriebsübergaben oder Neugründungen - als »Gelddruckmaschine« für Zertifizierer und Berater - und den Fortgang des Zertifizierungsversuches von Markus Balbach

»Seit Wochen denke ich drüber nach, wie wir mit dem Thema EN 1090 umgehen können. Unser Problem ist, dass wir Schmiede nicht europaweit vernetzt sind, sonst müssten wir tatsächlich überlegen, eine Revolution anzuzetteln. Europa ist eine Diktatur. Das ist mir klar geworden, seit wir diese Norm vorgeknallt bekommen haben, die manche wie ein Todesurteil empfinden. Was mich dabei wirklich am meisten stört, ist, dass unsere berufsständischen Organisationen uns nicht informiert haben. Wenn die gesagt hätten, das kommt so in fünf bis zehn Jahren auf euch zu, bereitet euch vor, dann hätten wir das hingekriegt. Aber nicht so! Was wir jetzt aber tun müssen, ist, mit Kollegen zu kooperieren, mit größeren Firmen, deren Kunden unsere Werkstätten sind, wir müssen Netzwerke aufbauen. Ich habe die aktuellen Schweißprüfungen, bin in Kontakt mit Statikern und vielen Fachleuten und werde in kleinen Schritten die Anforderungen der EN 1090 erfüllen. Depression darf sich nicht breitmachen – nicht in meinem Betrieb, unter meinen Mitarbeitern, und auch nicht unter meinen Kollegen. Wir müssen weiter arbeiten, und wir schaffen das!« Wolfgang Feldhusen, Arstad, Schweden

Gekonnte Kombination von Material, Farbe, Form und Sichtschutzfunktion am Balkongeländer eines Einfamilienhauses von Manfred Fattler. Das Foto auf der gegenüberliegenden Seite unten zeigt eine Treppenanlage, gefertigt von Fattlers Werkstatt für das Haus eines Architekten in Karlsruhe

»Schweden ist ebenfalls EU-Land, allerdings ist hier die Norm einfach nicht geläufig. Die meisten namhaften schwedischen Metallgestalter wissen von diesem Problem noch gar nichts. Für mich selbst ist es von Interesse, auch für die kommenden Jahre zu planen, weshalb sich ein paar Fragen aufwerfen: Reparatur von Baugruppen, die nicht der EXC 1 unterliegen. Wie ist hier zu verfahren? Verbindungs- und Fügetechnik, Feuerschweißungen? Restaurierung – hierbei wichtig: Eingießen mit Blei; in Schweden manchmal auch mit Schwefel (lokales Problem)? Wandgestaltung: Eigengewicht, Festigkeitseigenschaften der Haltewand? Windfahnen? Kirchturmbekrönung – nach heutigem Know-how zum Teil gefährlich? Spielgeräte als Skulpturen mit Funktion im öffentlichem Bereich? Verbindung durch Bunde – wann und wie stark? Verwendung von altem Stahl – Wagenachsen usw.?

Maueranker (Befestigung), zum Teil auch nur Zierrat? Wie bei allen Vorschriften unterliegt diese Norm mit Sicherheit der Inflation. Sie konnte sich nur deshalb so weit entwickeln, weil die Interessen der Metallgestalter schlichtweg nicht im Fokus der Betrachtung lagen. Vielleicht hilft es, mit anschaulichen Beispielen begreifbar zu machen, wie sehr ein derartiger Eingriff auch den privaten Lebensbereich, die Lebensqualität der Verantwortlichen beeinflusst. Die zentrale Frage ist also: Ist eine für alle nützliche Entschärfung der Norm denkbar?« Jan Meyer, Chefredakteur der Metallbauzeitschrift »Métal Flash«, Paris, Frankreich »Die EN 1090 ist aus verschiedenen Gründen kein besonderes Diskussionsthema unter den französischen Metallbauern. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass in Frankreich die Diskussion von den Metallkonstrukteuren (charpentiers métalliques) bestimmt wurde. Es handelt sich dabei um rund 500 mittelständische Unternehmen, die es seit Jahren gewohnt sind, mit Baunormen umzugehen, wie auch mit Zertifizierungen (ISO usw.). Die Metallbauverbände, die theoretisch 12.000 Unternehmen vertreten, haben die Sache ziemlich klein gehalten und eigentlich dem Technischen Fachzentrum für Metallkonstrukteure (CTICM) und dem ‘Syndicat de la Construction Métallique’ überlassen. Sie sind auch der Annahme, dass ‘tragende Bauteile’ nicht in ihren Bereich fallen. Das ist natürlich falsch, da Glasfassaden mit Aluminium- oder Stahlstrukturen und auch Glasdächer tragende Bauteile sind. Ein weiterer Grund, weshalb sich die Metallbauer nicht mit der EN 1090 befassen, ist, dass sie sich schon extrem mit der CE-Kennzeichnung für Türen und Fenster auseinandersetzen mussten. Schon vor zehn Jahren gab es die Diskussionen um feuerfeste Türen und Fenster, schließlich gab es hier eine Zertifizierung, die auch für Kleinunternehmen erreichbar und akzeptabel ist. Ich persönlich glaube, dass eine Mischung aus Schwarzseherei und Gottvertrauen die französischen Unternehmer der Metallbranche charakterisiert. Viele wissen, dass sie in Zukunft ohne Qualitätsmanagement nicht weiter an Großprojekten arbeiten können, und dass sie sich in vielen Fällen entscheiden müssen zwischen Herstellung und Installation. Beides zusammen wird nicht mehr haltbar sein, allein schon wegen der vielen notwendigen Zertifizierungen und Regelungen.«

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DIN EN 1090 aus der Sicht eines sich zertifizierenden Metallgestaltungsbetriebes

Markus Balbach Testpilot Der Bundesfachgruppenleiter berichtet über seinen Anlauf, seine Werkstatt normenkonform zu machen

DIN EN 1090

DOCH NICHT SO EINFACH…! Seit April 2007 ist Markus Balbach Bundesfachgruppenleiter Metallgestaltung im Bundesverband Metall (BVM). Dennoch ist er zum Jahreswechsel von der neuen Stahlbau-Norm EN 1090 völlig überrascht worden. Exklusiv in HEPHAISTOS schildert er seine bisherigen Erfahrungen beim Versuch, seine Schmiedewerkstätte analog zu den neuen Anforderungen für die Zukunft aufzustellen. Ob er Erfolg hat, ist noch nicht absehbar, Klarheit erhofft er sich nun von einem Termin beim BVM

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it aktuell drei Mitarbeitern und in einer breiten Produktpalette fertigt die Werkstatt von Markus Balbach im hessischen Laubuseschbach auch unter die EN 1090 fallende Metallarbeiten im bauaufsichlichen Bereich: »Jedes Jahr prozentual verschieden, insgesamt eher weniger, im Schnitt pro Jahr geschätzt fünf bis zehn Prozent vom Umsatz«, sagt Balbach.

Er ergänzt: »In der Regel führen wir keine öffentlichen Aufträge aus, Ausschreibungen lehne ich ab, mit Architekten – außer im Restaurationsbereich Kirche – arbeite ich grundsätzlich nicht zusammen. Ich könnte auf die fünf bis zehn Prozent auch verzichten, möchte mir aber doch die Möglichkeit der Ausführung solcher Arbeiten frei halten.« Deshalb ging Markus Balbach Anfang Februar das Vorhaben

an, seinen Betrieb nach EN 1090 zertifizieren zu lassen. Er tat dies aber auch, um exemplarisch für die Metallgestalter-Kollegen am eigenen Betrieb die Aussage des BVM zu überprüfen, dass eine Zertifizierung »einfach« zu bewältigen sei – auch für Klein- und Kleinstbetriebe. Im Kasten unten hat er seine (ersten) Erfahrungen niedergeschrieben mit dem Fazit: Doch nicht so einfach…! (ts)

Viele Fragen...

Die Fotos auf diesen Seiten zeigen Arbeiten aus der Werkstatt-Geschichte von Markus Balbach – oben, links und unten zwei »Streit- bzw. GrenzFälle«: geschmiedeter Ausleger; Turmbekrönung mit Wetterfahne – Letzteres fällt in EXC 3 oder 4

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Um zu der neuen Norm DIN EN 1090 konkret etwas sagen zu können, habe ich mich der Sache gestellt. Hier möchte ich nun meine eigenen bisherigen Erfahrungen dazu mitteilen. Auf einer BVM-Mitgliederversammlung am 13./14.11.2008 in Hamburg hörte ich das erste Mal von einer DIN EN 1090. Werner Berdel sprach für die Fachgruppen Metallbautechnik/ Stahlbau/Schweißen. Im Protokoll steht später darüber: »EN 1090, hier ist der BVM derzeit gefordert, insbesondere für die Klasse A-Betriebe.« Mehr wurde nicht protokolliert, dieser Punkt wurde in Hamburg auch nicht weiter diskutiert. Damals schenkte ich der Sache wenig Beachtung, da es mich als Metallgestalter nicht betreffen sollte. Dachte ich zumindest bis vor einigen Wochen. Jetzt, 2011, überraschte mich dann doch die in Kraft getretene DIN EN 1090. Jeder Metallbauer sei betroffen! Also auch ich mit meiner Schmiedewerkstätte. Laut Informationen vom BVM und verschiedenen Landesverbänden soll eine Zertifizierung »einfach« möglich sein, auch für einen Ein-Mann-Betrieb. Der Fachverband Metall Bayern schreibt zum Beispiel dazu, dass er sich das

Ziel gesetzt hat, uns alle »auf dem Weg zur Exzellenz« zu begleiten. Mein Fachverband in Hessen möchte das auch so umsetzen und alle anderen Fach- oder Landesverbände Metall vermutlich ebenfalls. Jedenfalls hatte ich mich Anfang Februar nach vielen Gesprächen mit Kollegen dazu entschlossen, meinen Betrieb zertifizieren zu lassen. Ich besuchte zertifizierte Betriebe und erkundigte mich telefonisch bei weiteren Firmen über deren Umsetzungserfahrungen mit diversen Zertifizierungen. Zwar waren das keine »Metaller«, aber die WPK (Werkseigene Produktions-Kontrolle) nach der ISO DIN 9001 wird ja auch von uns Metallgestaltern verlangt. Die Grundlage für eine erfolgreiche Zertifizierung meines Betriebes sollten, wie man so als Handwerker eben denkt, mein Schweißfachmann und die gültigen Schweißer-Zeugnisse meiner Mitarbeiter sein. Der Betrieb selber wird »ordentlich« geführt, alles ist gut geregelt, sämtliche Maschinen und Werkzeuge befinden sich in einem tadellosen Zustand. Für die Berufsgenossenschaft bin ich eine Vorzeigefirma. Ich selber schaue meinen Mitarbeiten täglich auf die

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Anachronismus? Herausforderung für Statiker? Geschmiedete Balkongeländer von Markus Balbach

Stahlkonstruktion im öffentlichen Raum mit Windspiel – wie werden hier »Lastannahmen« berechnet?

...ohne Antwort kürzer als gedacht – »…nicht einfach umsetzbar!« – »Wo ist ein ‚Code of Practice’ (Leitfaden) oder eine Handlungsanleitung?« – »Eine WPK benötigt mehrere Monate« usw. usw. Der Berater sieht so und jetzt aktuell noch keine Möglichkeit einer Zertifizierung nach der DIN EN 1090 für meinen Betrieb, zu viele ungeklärte Dinge stehen im Raum. Da hilft auch nicht das mir vorliegende CD-Handbuch »DIN EN 1090« (das der BVM nach den Worten von Präsident Peter Mader zu »Dumpingpreisen« anbietet; Anm. d. Red.). Okay, die Sache geht also nach meinem Empfinden nicht schnell und vor allem nicht so »einfach«, wie gesagt wird. Der einzige wirklich mögliche »Aufklärer« in diesem Falle ist der BVM. Im nächsten Monat (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe; Anm. d. Red.) habe ich dort in Essen einen Termin. Meinen Berater und den Normungsfachmann vom Fachverband Hessen werde ich mitnehmen in der Hoffnung, dass klärende Gespräche stattfinden werden und die Zertifizierung dann hoffentlich als »einfach« umsetzbar dargelegt werden kann. Markus Balbach – BFGL

Glas-Stahl-Konstruktion für ein Privathaus: Kann Balbach eine solche Arbeit künftig noch ausführen?

»Wildschwein-Statik?« – dieses Geländer von...

Fotos: Markus Balbach

Finger, eine persönliche Produktionskontrolle ist schon jetzt und teils auch in schriftlicher Form gegeben, da kann es ja nicht so schwer werden mit einer Zertifizierung. In Hessen wenden sich die meisten Betriebe, die sich zertifizieren lassen möchten, an das RKW Hessen, das Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e.V. Vor jeder Zertifizierung muss ein Betrieb beraten werden. Beratungskosten werden über das RKW Hessen gefördert, teils auch die eigentliche spätere Zertifizierung. Ich stellte also dort am 7.2.2011 einen Antrag zu einer Unternehmensberatung. Das RKW Hessen hatte bisher noch nicht mit der DIN EN 1090 zu tun. Auch der Berater nicht, der noch im Februar zu mir kam, sich die Betriebsstruktur, die Arbeiten und Arbeitsweisen usw. anschaute und sich meine Erläuterungen gut anhörte. Eine Herausforderung für ihn, er gab sich zwei bis drei Wochen Zeit, um sich mit der DIN EN 1090 in Bezug auf eine Zertifizierung meines Betriebes auseinanderzusetzen. Vom zweiten Beratungstermin habe ich dann viel erwartet, konkrete Dinge eben. Das zweite Treffen war

...Balbach führt die EN 1090 ad absurdum

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Restaurierte Statue in Bingen – 1090-konform?

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Die Autoren

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Gestaltung in Metall – von der Idee zum Gebrauchsgegenstand. Die Natur zeichnet vieles vor. Sie ist ein Lehrbuch für Entwicklungen, Formen und Farben. Das Können des Metallgestalters liegt darin, die Formen zu erkennen, in Skizzen festzuhalten und optimal in Metall umzusetzen. Die Autoren zeigen in diesem Buch Wege auf, wie ein Objekt seiner Funktion gerecht und gestalterisch ausgearbeitet werden kann, wie sensibles Erfassen, Reagieren und kreatives Umsetzen zur erfolgreichen Arbeit als Metallgestalter führt. Wilhelm Häderle war 30 Jahre Fachlehrer für Schmiede und Metallgestalter in Göppingen. Er öffnet in diesem Buch seinen Schatz an Erfahrung im Umgang mit jungen Gestaltern. Oskar Hafen, viele Jahre lang praktischer Begleiter der Schule, öffnet sein Fotoarchiv und steuert sein Wissen von der Verwirklichung der Arbeiten bei.

Von Wilhelm Häderle und Oskar Hafen, ca. 200 Seiten, Texte Deutsch/Englisch, zahlreiche Entwurfsskizzen, Schwarz-Weiß- und Farbfotos, eindrucksvoller Bildteil mit Metallgestaltung aus der Kunstschmiede Oskar und Andreas Hafen, Best.-Nr. 387, 39,80 € im HEPHAISTOS-Bücherdienst; E-Mail: info@metall-aktiv.de www.metall-aktiv.de Verlag HEPHAISTOS Gnadenberger Weg 4 87509 Immenstadt-Werdenstein ISBN 978-3-931951-45-0


EN 1090 in HEPHAISTOS