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ISSN 1862-4154 Preis: 5,– € Ausgabe 1.12

Maßstäbe für eine bessere Welt

Deine Werte, meine Werte Gutsein Wie wir in Freiheit solidarisch und mitfühlend handeln Mut Wie Risiko uns glücklich macht

Medizin Wie Gesundheit bezahlbar bleibt

Häuser Wie man ihre Lebenszeit berechnet


Moderne Gebäudetechnik, die Sie überzeugen wird Energieeffizienz, Komfort, Sicherheit und Kostenersparnis siemens.at/icbt Bei Siemens Building Technologies ist das Ganze mehr als die Summe seiner Einzelteile: Integrierte Gesamtlösungen vernetzen unterschiedliche Disziplinen der Gebäudetechnik und sorgen für maximale Energieeffizienz sowie optimalen Schutz und Sicherheit für Menschen und Werte. Wir bieten intelligente Infrastrukturlösungen für Industrie-, und Zweckbauten, Wohngebäude, öffentliche Einrichtungen aber auch Tunnelbauten. Unser Portfolio umfasst Gebäudeautomationssysteme, Regelungs-/Steuerungsanlagen für Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen, Zutrittskontrolle, Identifiationssysteme, Technik für Brandschutz, Evakuierung, Löschen und Gefahrenmanagement,

Einbruchmeldung und Videoüberwachung. Gerade bei komplexen Einsatzgebieten, wie Flughäfen, Krankenhäusern, Rechenzentren, Hotels, Elektrizitätswerken und Industrieproduktionen gewährleistet eine intelligente Integration verschiedener Gewerke in vernetzte Gesamtlösungen ein Höchstmaß an Produktivität, Flexibilität, Komfort, Zuverlässigkeit und Benutzerfreundlichkeit. Siemens AG Österreich Building Technologies Division 1210 Wien Siemensstraße 90 Telefon 05 1707-32000, ibt.at@siemens.com

Infrastructure & Cities Sector


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Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, ein Sack Reis, ein tolles Auto, ein Hochschul-Abschluss, ein guter Freund, freie Wahlen. Alles Dinge, die etwas wert sind. Und doch wird ein Bauer in Ecuador den Reis anders bewerten als ein Bauer in Österreich, und ein chronisch Kranker wird der Gesundheit eine andere Bedeutung beimessen als ein Mensch, der nur Schnupfen kennt. Syrische Demonstranten wiederum sind sogar bereit, für freie Wahlen ihr Leben zu geben – so viel sind sie ihnen wert.

UNIV.-PROF. DR. JÜRGEN WILLER Rektor Donau-Universität Krems

Und was ist Ihnen wirklich wichtig im Leben? Glaubt man den Sozialforschern, dann nimmt der Wert der Familie bei uns eine Spitzenposition ein – trotz steigender Scheidungszahlen. Erfolg hingegen gilt weniger als noch vor drei Jahren – die Selbstoptimierung scheint ausgereizt. Gleichzeitig beobachten wir, wie neue soziale Bewegungen Gerechtigkeit und Partizipation fordern und Unternehmen auf Kooperation statt Konkurrenz setzen. Verschieben sich unsere Werte, während wir um den Wert des Euro bangen? Werte – upgrade widmet ihnen eine eigene Ausgabe. Denn Werte sind das Bindemittel, das eine Gesellschaft zusammenhält. Sie kommen aus der Vergangenheit, unterliegen der Dynamik der Gegenwart und weisen in die Zukunft. Jeder Vision geht eine Wertesuche in Form von Selbstvergewisserung und Wunschfindung voraus. Wie möchte ich leben? Und welches ist der gute Boden, auf dem ich stehe? Grund genug, dieses Fundament zu untersuchen. upgrade wollte wissen, was Wertestudien und Trendforscher sagen. Was die Gesundheit uns wert ist und wie Werte bei Kindern wachsen. Wie wir mit Einwanderung und der Migration der Werte umgehen. Kontroversen ruft die Wirtschaft hervor: Welche Unternehmenswerte werden gelebt? Und rechnen sie sich an der Börse? Neue Themen, neue Formen: Mit dieser Ausgabe präsentieren wir Ihnen das Magazin der Donau-Universität Krems in einer zeitgemäßen gestalterischen Überarbeitung. Wir sind gespannt auf Ihren Eindruck und Ihre Anregungen (redaktion@donau-uni.ac.at).

Besuchen Sie unsere Website!

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre – und seien Sie sich meiner Wertschätzung gewiss.

Ihr Jürgen Willer

Alle Ausgaben des upgrade Magazins gibt es auch im Internet: www.donau-uni.ac.at/ upgrade

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MOMENT MAL! Fotowettbewerb Lange Nacht der Forschung am 27. April 2012 an der Donau-Universität Krems – www.lnf2012.at Sei kreativ! Zeig uns deinen persönlichen besten Moment an der Donau-Universität Krems im Rahmen der Langen Nacht der Forschung und gewinne einen Fotodrucker (HP Photosmart 7510 eAiO) oder einen von zwei Kindle eReadern.

Du hast ein interessantes oder schönes Detail entdeckt? Ein Forschungsprojekt, das du besonders spannend findest? Oder hattest ein Erlebnis, das du gerne teilen möchtest? Lade dein Foto inklusive kurzer Beschreibung bis 6. Mai auf www.facebook.com/donau.uni hoch. Die nettesten, spannendsten, interessantesten drei Bilder gewinnen. Infos und Teilnahmebedingungen unter

www.donau-uni.ac.at/fotowettbewerb Donau-Universität Krems Die Universität für Weiterbildung


inhalt 5

Themenschwerpunkt: Deine Werte, meine Werte 8 16 20

Wir Gutmenschen Familie statt Ego, Kooperation statt Karriere: wie sich die Werte wandeln.

Sicherheit gilt viel. Schade, findet Carsten Jasner. Er rät zu mehr Mut und Risiko.

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Freiheit und Liebe lassen gedeihen

Wir kennen das Richtige Konsumenten fordern faire Produkte. Unternehmen machen daraus eine Verkaufsstrategie. Und fragen sich, wie sie Werte im eigenen Unternehmen umsetzen können.

Was forschen Sie?

Das Leben der Häuser

Helmut Floegl berechnet die Daseinszyklen von Gebäuden.

Internationale Kooperationen

Werden Sie Uni-Manager Studieren mit dem ErasmusMundus-Programm in Krems.

Moral ist etwas für Super-Reiche Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann über das Gewissen der Finanz-Elite und die Versuchung zur Korruption.

Wagen und gewinnen

Wie Werte wachsen und Kinder in sich selbst moralische Maßstäbe finden.

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Gute Besserung!

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Wir wünschen uns Gesundheit. Aber Geld wird mit Krankheit verdient. Nur wenn sich die Werte hier verschieben, wird das Gesundheitssystem genesen.

Sag mir, was du glaubst Kopftuch im Unterricht und neben der Kirche ein Minarett: wie Werte wandern und wie wir fremde Ansichten besser verstehen.

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Editorial Meinung Zahlen & Fakten Universitätsleben Alumni-Club Termine Kunst & Kultur Buchtipps Vorschau/Impressum Archiv

Cover: iStockphoto.com/Lachlan Currie/ PeskyMonkey, Fotolia.com/Elnur

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Meinung 7

Bloß keinen Wertewandel! Vorsicht, wenn wieder mal nach einer Wertedebatte gerufen wird. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass sich in Wirklichkeit gar nichts verändern soll. Von Ursula Baatz

Illustration: Elke Ehninger, Foto: privat

UrsUla Baatz Die Wissenschaftsjournalistin und Philosophin Dr. Ursula Baatz arbeitete beim ORF, wo sie sich besonders mit Religionen und Weltanschauungen befasste. In Büchern und als Lehrbeauftragte hat sie sich mit Ethik, Buddhismus und Christentum auseinandergesetzt. Außerdem ist sie Mitherausgeberin von „polylog – zeitschrift für interkulturelles philosophieren“. Baatz war Kuratorin des ersten „Symposium Dürnstein“ zum Thema Werte, das im Februar 2012 an der DonauUniversität Krems und im Stift Dürnstein stattfand.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo zu einer Wertedebatte aufgerufen, der Wertewandel gefordert oder beklagt wird. Die Themen sind heiß: Da geht es um Klimawandel, Konsumgewohnheiten, Altenpflege, Energieverbrauch und -versorgung, um Migration und Integration. Die alarmistischen Kohorten der Wertewandler sind lautstark – aber die Veränderungen minimal. Tragisches Beispiel ist der Klimagipfel, bei dem den Beobachtern trotz der Forderung nach einem Wertewandel schon im Vorfeld klar ist, dass sich kaum etwas bewegen wird, da die Einzelinteressen der Staaten die Verhandlungen dominieren. Oft maskiert der Ruf nach einem Wertewandel gar den Status quo: Der Benzinverbrauch pro Kilometer sinkt, aber die Zahl der Autos steigt. Unter dem Titel „Grüne Revolution“ wird in Afrika die Landwirtschaft industrialisiert, was Umwelt und Klima gefährdet. Gleichzeitig vernichten ungerechte Handelsverträge die Lebensgrundlage afrikanischer Kleinbauern, denen die Migration nach Europa als einziger Ausweg aus der Misere erscheint. In Europa debattiert man dann, ob „Wirtschaftsflüchtlinge“ asylberechtigt seien. Dass die Wertedebatte wenig Veränderungspotenzial hat, ist intrinsisch – Werte ergeben sich nämlich aus Vergleichen und aus Tauschgeschäften, die nicht immer finanzieller Natur sein müssen. Deswegen musste Kant die Würde des Menschen nicht nur als

obersten Wert, sondern als „Zweck an sich“ bestimmen, um die Relativierung und Austauschbarkeit der Menschenwürde auszuschließen. Wer Wertewandel fordert, muss mit der Hinterrücks-Relativierung von Werten rechnen – und damit, dass sich nicht wirklich etwas verändert. Würde man an Verschwörungstheorien glauben, könnte man vermuten, die Forderungen nach Wertewandel würden von jenen erhoben, die alles beim Alten lassen wollen. Tiefer greifende Veränderungen seien jedoch nur bei einem Wandel der gesellschaftlichen Charakterhaltung möglich, diagnostizierte der Sozialpsychologe Erich Fromm bereits in den 1970er Jahren. Fromm attestierte der westlichen Industriegesellschaft eine nekrophile Grundhaltung, die versuche, das Lebendige zurückzudrängen: Das wird manifest etwa im Zubetonieren ganzer Landschaften, subtil geschieht es durch den Geldwert als letzte Basis aller Entscheidungen. Es ist eine Einsicht, die in ihrer Banalität zeigt, wie tief der nekrophile Charakter verankert ist; allerdings nicht bei allen Menschen. Es gibt Spielräume – und manche nützen sie. Tauschkreise, neue soziale Netzwerke wie die der spanischen Indignados; Urban Gardening, Car Sharing, eine ÖkoSchuhfabrik. Es gibt viele Spielräume und immer mehr Leute, die sie ausweiten. Aber bloß keinen Wertewandel, bitte.

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8 Werte und IndIvIdualIsIerung

Wir Gutmenschen Familie und Beziehungen genießen hohe Wert­ schätzung. Neue soziale Bewegungen fordern Gerechtigkeit. Auch Unternehmen denken um: Teams statt Einzelkämpfer, Kooperation statt Konkurrenz. Trotzdem steigen die Scheidungs­ raten, wird die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern größer, erwärmt sich das Klima weiter. Wie passt das zusammen? Von Angelika Ohland

Auf den Punkt gebracht

• Studien deuten darauf hin,

dass wir eine moderate Werteverschiebung erleben: weg von Gewinnmaximierung und Selbstoptimierung, hin zu Gemeinsinn und Teilhabe.

• Der Wert der Familie steigt

noch weiter. Denn sie bietet einen Schutzraum, in dem der Einzelne sich für die moderne Arbeitsgesellschaft stärken kann.

• Empathie und Kooperation

liegen in der menschlichen Natur. Sie haben uns in der Evolution das Überleben gesichert.

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rgendwann muss jeder entscheiden, wofür er steht, glaubt die Journalistin Julia Friedrichs. Spätestens wenn man ein Kind bekommt, lässt sich die Frage nach den richtigen Maßstäben und dem gelingenden Leben nicht mehr verdrängen. In welcher Welt soll mein Kind einmal wohnen? Welche Werte soll ich ihm zur Orientierung geben? Friedrichs hat vor einem Jahr ihr erstes Kind bekommen. Ihr neues Buch heißt: „Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt“. Es beginnt an einem lauen Abend in der Karibik. Die Kaimaninseln sind der fünftgrößte Finanzplatz der Welt, jeder zweite Hedge-Fond hat hier eine Adresse. Denn die Inseln heißen die Reichen mit einem Geschenk willkommen: Sie erheben keine Steuern. Auf die Kaimaninseln kommen Menschen mit unvorstellbar viel Geld, um zu verhindern, dass mit einem Teil dieses Geldes Schulen ohne Schulgeld betrieben, Kranke ohne Privatversicherung versorgt und Arme ohne angemessen bezahlte Arbeit unterstützt werden. Dass Millionäre Steuern sparen wollen, kann Friedrichs nicht verstehen.

Free Hugs – freie Umarmungen – und keine Macht den Spekulanten: Das forderten die Demonstranten im New Yorker Zucccotti Park im Oktober 2011. Es war die Geburt einer neuen sozialen Bewegung: Occupy Wall Street.


Foto: Michael Falco/NYT/Redux/laif

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10 Werte und IndIvIdualIsIerung

„In der jungen Generation entsteht ein neues Verant­ wortungsgefühl. Diese neue Solidarität versteht sich global. Die Jungen bevorzugen außerdem eine pragmatische Verhandlungsethik. Aber diese solida­ risch denkende Gruppe ist so klein, dass sie bei der europäischen Wertestudie nicht ins Gewicht fiel.“ Prof. Regina Polak

Friedrichs, Jahrgang 1979, gehört zu jener Generation, die vor den eitlen und oft korrumpierten Idealen der 68er in Deckung gegangen ist und nun als gnadenlos pragmatisch beschrieben wird. Doch Friedrichs ist es leid, sich zu arrangieren und weiter selbst zu optimieren. Sie hat das beängstigende Gefühl, ihren Sohn in eine Welt hineingeboren zu haben, mit der ganz grundsätzlich etwas nicht stimmt. In der die Chancen höchst ungerecht verteilt sind und die falschen Werte gelten. Wenn Banker den Staat um Steuern prellen, während nachfolgende Generationen die Schulden aus der Bankenrettung abzahlen werden, wenn wir aus Profitund Konsumgeilheit das Klima ruinieren und wegen unserer Maßlosigkeit an Fettleber leiden, während woanders Menschen verhungern – dann kann das einfach nicht richtig sein. Ähnliche Töne hört man jetzt öfter. In Büchern, die auf Bestsellerlisten stehen, Occupy-Camps und Internet-Foren. Auch Werte-

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und Jugendstudien deuten darauf hin, dass das Primat der Gewinnmaximierung nicht mehr unwidersprochen gilt und eine moderate Werteverschiebung weg von Selbstoptimierung und Ökonomisierung hin zu mehr Gemeinsinn und Teilhabe stattfindet – jede Menge Widersprüche inklusive. Österreicher sind politisch interessiert Welche Werte aber sind es genau, die sich da – möglicherweise – verschieben? Die Wiener Theologin Regina Polak hat den Band „Zukunft. Werte. Europa“ herausgegeben, in dem Wissenschaftler die Ergebnisse der 4. Europäischen Wertestudie für Österreich analysieren. Für die Studie wurden mehr als 67.000 Personen aus 47 Ländern nach ihren Einstellungen zu Religion, Familie, Politik, Arbeit, Migration und Freizeit befragt. „Zwei Dinge haben mich überrascht“, sagt Regina Polak. „Das erste ist die hohe Bedeutung der Religion und die zentrale Rolle, die die Konfession spielt. Trotz der Erosionsprozesse stimmt die These von einer schwebenden Religiosität jenseits von Kirche so nicht.“ Die Wertestudie gibt an, dass 72 Prozent der Österreicher an einen Gott glauben und 60 Prozent sich einer Kirche oder Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Mit Rückschlüssen auf andere Werte sollte man allerdings vorsichtig sein: „Menschen, die sich als Christen bezeichnen, sind nicht automatisch solidarischer als andere; erst wenn sie eine authentische Gotteserfahrung haben und einer regelmäßigen religiösen Praxis nachgehen, sind ihre Solidar-Werte höher“, sagt Polak. Auch Fremdenfeindlichkeit sei bei ihnen keineswegs seltener anzutreffen. „Allerdings engagieren sie sich häufiger ehrenamtlich.“ Polak weiter: „Das zweite, was mich erstaunt hat: Die Österreicher sind, verglichen mit anderen westeuropäischen Demokratien, überdurchschnittlich politisch interessiert – aber auch überdurchschnittlich kritisch und distanziert gegenüber der real existierenden Politik. Weniger erstaunlich, aber erschreckend finde ich die Antipathiewerte, also die Fremdenfeindlichkeit. Österreich ist in puncto Xenophobie Spitzenreiter.“ Während die Österreicher sich nach außen abgrenzen, rücken sie innerhalb der eigenen Gruppe


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zusammen. Ganz oben auf ihrer Werteskala stehen Familie und Partnerschaft. Trotz Scheidungen und Patchwork ist die Zustimmung zur Familie als Wert ungebrochen, Tendenz steigend. Allerdings werden traditionelle Familienbilder von individuellen Formen der Familiengestaltung abgelöst. In dem von Polak herausgegebenen Buch heißt es deshalb treffend: „Nach der Familie kommt die Familie.“ Die Familie bleibt, wandelt aber ihre Erscheinung. Auch familiäre Beziehungen gelten als kündbar. Und gravierende Einschnitte in die individuelle Freiheit, wie sie in der Langzeitpflege entstehen, akzeptieren nur wenige. Etwas anders entwickeln sich die Werte der jungen Generation. „Die jungen Erwachsenen haben neue, prosoziale Werte“, stellt Polak fest. „Dieser Wertewandel wird von jungen, gebildeten Frauen angeführt. Die junge Generation versucht die Solidaritätswerte mit den Selbstverwirklichungswerten zu verbinden. Sie denkt darüber nach, wie ein sinnvolles Leben aussieht und welche Lebensalternativen es gibt. Man kann von einem neuen Solidaritätsbewusstsein sprechen, wenn man unter Solidarität versteht, dass Menschen sich nicht nur für die eigene Gruppe und die eigenen Interessen, sondern auch für andere Gruppen mitverantwortlich fühlen.“ Kennzeichnend für diese neu keimende Solidarität ist, dass sie sich als global versteht. Leitwerte sind die Menschenrechte und ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit in Bezug auf Verteilung, Bildung, Partizipation. Abseits der Grundrechte aber sind Werte für die Jungen Verhandlungssache. Polak spricht von einer „Verhandlungsethik“.

Fotos: mauritius images/Westend61, privat

Man sollte sich wehren Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die ShellStudie 2011, welche die Einstellungen deutscher Jugendlicher untersucht. Dort heißt es: „Die jungen Leute fordern gerade heute sozialmoralische Regeln ein, die für alle verbindlich sind und an die sich alle halten. Eine funktionierende gesellschaftliche Moral ist für sie auch eine Voraussetzung, ihr Leben eigenverantwortlich und unabhängig gestalten zu können. 70 Prozent finden, man müsse sich gegen Missstände in Arbeitswelt

und Gesellschaft zur Wehr setzen.“ Immerhin 39 Prozent sind sozial engagiert. Allerdings hängt ihr Einsatz für andere stark von Schicht und Bildung ab. Ein weiteres Mal gestiegen ist auch in der Shell-Studie die Bedeutung der Familie. Das Verhältnis zu den Eltern empfinden 90 Prozent der Jugendlichen als gut und 76 Prozent sagen, „dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können“. Das schließt den Wunsch ein, später eine eigene Familie zu gründen. 69 Prozent der deutschen Jugendlichen wollen eigene Kinder. Insgesamt sei die Wertehaltung der Jugend „pragmatisch, aber nicht angepasst“, sagt die Shell-Studie. Sorgen bereitet der Klimawandel – Nachhaltigkeit gilt viel. Der Wert der Freiheit zeigt sich vor allem in ihrer hohen Zustimmung zur Globalisierung. Werte zeigen auf unsere Wünsche Wie aber entstehen Werte? Und warum sind sie uns wichtig? Der Soziologe Hans Joas beschreibt Werte als „verinnerlichte Erfahrungen der Selbsttranszendenz und Selbstbildung“. Menschen entwickeln Werte also als Reaktion auf das, was ihnen widerfährt. Ihnen liegen Erfahrungen und der Austausch mit anderen zugrunde. Werte sind keineswegs rational, sondern hoch emotional besetzt. Sie zeigen auf das, was wir uns wünschen. Allerdings ist diese individuelle Werteentwicklung nur eine Seite, glaubt Joas. Der Soziologe beschreibt die Voraussetzungen für stabile Werte mit einem Dreieck, das sich aus Alltagsevidenz, Institutionen und Gesetz zusammensetzt. Werte müssen durch alltägliches Erleben nachvollziehbar sein, in Institutionen wie der Schule gelebt und durch das Recht festgelegt werden. Sorgt der Sozialstaat also für ein hohes Maß an Solidarität, während in der Schule das Teilen nicht praktiziert wird, kann sich Solidarität nicht als allgemeiner Wert in der Gesellschaft durchsetzen.

ReGInA PolAk Die Pastoraltheologin Univ.-Prof. Dr. Regina Polak wurde 1967 in Wien geboren. Dort hat sie Philosophie und Katholische Theologie studiert. Heute lehrt und forscht sie am Institut für Praktische Theologie der KatholischTheologischen Fakultät der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Werte, Religion und Transformation in Europa, Praktische Theologie der Spiritualität, Jugend und Religion, Kirchenreform in Zeiten gesellschaftlicher und religiöser Transformation.

Von einer ganz anderen Seite betrachtet Frans de Waal die Entwicklung von Werten wie Solidarität und Gemeinsinn. „Gier ist out, Empathie ist in“, behauptet der niederländische Verhaltens- und Primatenforscher, Mitgefühl gehöre zur Natur des Menschen. De Waal bestreitet nicht, dass die hu-

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manen Werte unter Aggressionen und dem vermeintlichen Recht des Stärkeren ächzen. Aber er ist überzeugt, dass die Natur auch „das Bindemittel bereithält, welches Gruppen und Gemeinschaften zusammenhält“. Es gibt beides: „Eigentum wie Teilen“. Auch Tiere überleben, indem sie kooperieren. De Waal spricht von „sozialen Instinkten“. Kooperation habe sich in der Evolution als sinnvolle Überlebensstrategie etabliert. Der Darwinismus greift viel zu kurz, weil er blind für die empathische Seite unserer Natur ist. Empathie aber ist eine kaum zu unterdrückende Reaktion des Menschen. „Wir sind körperlich und geistig für ein soziales Leben gemacht und versinken in einen Zustand hoffnungsloser Depression, wenn es uns versagt bleibt. Das ist der Grund, warum nach der Todesstrafe die Einzelhaft das schlimmste Urteil ist, das uns treffen kann. Enge Bindungen sind so gut für uns, dass wir für unsere Lebenserwartung nichts Besseres tun können, als zu heiraten und verheiratet zu bleiben“, schreibt de Waal. Werte und Gefühle hängen also eng zusammen. Mitgefühl und Kooperation sind uns in

die Wiege gelegt, glaubt der Verhaltensforscher. Denn Beziehungen geben Schutz und Sicherheit. Selbst Heringe bilden einen Schwarm, sobald Gefahr droht. Allerdings wirkt das Solidarprinzip nur so lange, wie es der Gruppe oder dem Einzelnen nützt. De Waal ist sich sicher, dass unser evolutionäres Erbe noch wirksam ist, auch wenn wir uns „mit Autos und Computern umgeben“. Wer teilt, gewinnt Mit den Vorteilen enger sozialer Beziehungen beschäftigt sich auch der deutsche Trendforscher Peter Wippermann. Er hat – neben der „Ich-AG“ – auch die Begriffe „Schwarm-Intelligenz“ und „Netzwerkökonomie“ geprägt. Schwarm-Intelligenz beschreibt die Fähigkeit des Menschen, Netzwerke zu bilden, um gemeinsam Probleme zu lösen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das Wir ist klüger als das Ich. Und das Internet gibt uns die Möglichkeit, dieser Erkenntnis zu folgen. „Wer teilt, gewinnt“, behauptet Wippermann. Wippermann hat gerade den Werte-Index 2012 fertig gestellt. Darin hat er untersucht, „welche Rolle bestimmte Werte im Le-

Werteorientierungen: pragmatisch, aber nicht angepasst Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren (Angaben in %) 97 95

Gute Freunde haben 92

Gutes Familienleben führen

85 90

Eigenverantwortlich leben und handeln

85 79

Fantasie und Kreativität entwickeln

83 83

Fleißig und ehrgeizig sein

76 78

Das Leben in vollen Zügen genießen

72 69

Hohen Lebensstandard haben Wunschbild Vater-Mutter-Kind: Die meisten Menschen wollen Familie – aber ihre Freiheit wollen sie auch.

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Sozial Benachteiligten helfen Quelle: 16. Shell-Jugendstudie, 2010

63 58 55

2010 2002


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„Solidarisch ist man nur noch auf Zeit“, sagt der trendforscher Peter Wippermann 1

Freiheit

Familie

1 2

3 Gesundheit

3

4* Gemeinschaft

4

10 Sicherheit

4*

5

2009

2012

Fotos: photocase/Miss X, Wippermann

*Doppelbelegung, Quelle: Werte-Index 2012

upgrade: Trotz voranschreitender Individualisierung liegt in Ihrem Werte-Index 2012 die Familie als Wert an zweiter Stelle, gleich nach der Freiheit. Ist das kein Widerspruch? Peter Wippermann: Wir erleben einen dramatischen Strukturwandel von der Industriegesellschaft zur Netzwerkökonomie, beschleunigt durch das Web. Flexibilität und Dynamik stehen als Ideal über allem. Durch die Flexibilisierung ist aber ein Defizit entstanden. Deshalb wollen viele Menschen Familie und Selbstverwirklichung verknüpfen. upgrade: Die Menschen sehnen sich nach Familie, aber die Scheidungsraten steigen. Wippermann: Genau. Tatsächlich leben die Menschen auch überwiegend in Einzelhaushalten. Und das Update der Partnerin wurde sogar von einem deutschen Bundespräsi-

denten vorgelebt. Wir gehen selbstbewusst eine familiäre Bindung ein, stellen sie aber auch jederzeit wieder infrage. Gleichzeitig gibt es eine Idealisierung. Was verschwindet, wird überhöht, und zwar so, dass man es im Alltag nicht mehr umsetzen muss. Romantik ist ungeheuer wichtig. upgrade: Welche Rolle spielen Werte in einer derart flexiblen Welt? Wippermann: Die Fluktuation in den Beziehungen und im Arbeitsleben bedeutet, dass Beziehungen immer neu geknüpft werden müssen. Um ein Netzwerk zu spinnen, braucht man Übereinstimmungen. Deshalb sind Werte so wichtig: Diese freiwillig geteilten, immer neu interpretierten Übereinkünfte, wie wir die Welt sehen, halten lose Bindungen zusammen. upgrade: Wie würden Sie den Wertewandel beschreiben? Wippermann: Inmitten der Flexibilisierung wird Gemeinschaft wieder ein positiver Wert. Wir beobachten auch eine Verschiebung weg vom Ökonomischen hin zum Ideellen. Außerdem hat sich der Wert der Privatsphäre verändert. Man unterscheidet nicht mehr strikt zwischen öffentlich und privat.

PeteR WIPPeRMAnn Der deutsche Trendforscher und Kommunikationsdesigner Prof. Peter Wippermann wurde 1949 in Hamburg geboren. Er hat eine Schriftsetzerlehre gemacht und als Artdirector gearbeitet. 1992 gründete er gemeinsam mit Matthias Horx das Trendbüro Hamburg, ein Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel. Wippermann ist spezialisiert auf Kommunikationsstrategien für trendgeschützte Markenführung.

upgrade: Folgt aus der Sehnsucht nach Gemeinschaft auch eine solidarischere Gesellschaft? Wippermann: Nur begrenzt. Entscheidend ist, dass die Gemeinschaft sich immer wieder gegenseitig bestätigt und abgrenzt gegenüber anderen Gemeinschaften. Früher ging es um ökonomischen Ausgleich zwischen Arm und Reich. Dieser Kampf um soziale Gerechtigkeit im klassischen Sinne ist stillschweigend verschwunden. Unsere Gesellschaft polarisiert sich. Solidarisch ist man innerhalb einer Gruppe und auf Zeit. Auch Gemeinschaft hat etwas Projekthaftes bekommen.

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„Bei einem Gewaltdelikt oder bei betrunkenen Jugendlichen werden schnell fehlende Werte verantwortlich gemacht. Das heißt: Der Wertebegriff wird individualisiert. Werte realisieren sich aber auch in Inst itutionen. Wir müssen also über die Werte unserer Institutionen nach­ denken.“ Prof. Regina Polak

Zum evolutionären Erbe gehört auch die Hilfsbereitschaft – hier in einer französischen Suppenküche, betrieben von der Gemeinschaft Sant Egidio

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ben und Mind-Set deutscher Internet-User spielen“. Das Ergebnis: Die drei wichtigsten Werte sind nicht mehr Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sondern Freiheit, Familie und Gesundheit. Interessant sind die Verschiebungen zur ersten Studie 2009: Während Freiheit gleichbleibend den Spitzenplatz belegt, ist der Wert „Erfolg“ gleich um vier Stellen abgestürzt – von Platz zwei auf Platz sechs. Aufsteiger des Jahres ist der Wert „Gemeinschaft“, der es von Platz zehn auf Platz vier schaffte. Um jeweils einen Punkt nach oben haben sich die Werte Familie, Gesundheit, Anerkennung und Gerechtigkeit bewegt. „Die Grenzen der Selbstoptimierung sind erreicht“, fasst Wippermann die Ergebnisse zusammen. Deshalb setzen viele verstärkt auf gute Beziehungen und Netzwerke. Das spiegle sich auch in Unternehmen wider. Teams statt Einzelkämpfer, Kooperation statt Konkurrenz sind angesagt. Werte werden für Unternehmen zunehmend zum Kapital. Kinderarbeit in Indien, Dumpinglöhne in Deutschland und eine CO2-Bilanz wie in den 70ern – in Zukunft sehen so Verlierer aus, glaubt Wippermann. Einen Trend zu mehr

gesamtgesellschaftlicher Solidarität will er aber nicht erkennen: „In der Netzwerkgesellschaft ist die selbst gewählte Gemeinschaft der Zufluchtsort für Menschen. Sicherheit wird nicht mehr in traditionellen Strukturen gesucht. Gemeinschaften werden heute flexibel nach den Interessen Gleichgesinnter ausgerichtet. Communities und Netzwerke bieten Bestätigung und Zugehörigkeit auf unverbindliche Weise.“ Trotzdem gelten nicht nur Internet-Communities, sondern auch nicht virtuelle Freundschaften viel. Es gibt eine Sehnsucht nach realen Beziehungen, nach Nähe, Geborgenheit und gegenseitiger Unterstützung – wenn auch in den Grenzen der jeweiligen Gruppe. Es ist die Sehnsucht nach Sicherheit in einer als unsicher erlebten Welt. Nach Vertrauen in einem Leben, das man nur noch begrenzt kontrollieren kann. Vor allem deshalb gewinne die Familie weiter an Bedeutung, glaubt Wippermann. Familie ist eine Ressource, welche die Fähigkeit unterstützt, selbstsicher und belastbar seinen Weg zu gehen. Sie bietet Geborgenheit, Nähe und Rückzugsmöglichkeit. Ähnlich verhalte es sich mit den Werten. „Werte bilden eine


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Konstante, die es erlaubt, größtmögliche Flexibilität zu leben, ohne sich zu verleugnen“, erklärt Wippermann. „Wir wollen Bindungen in Freiheit, und wir wollen Freiheit in Bindungen“ – so bringt es der Philosoph und Medientheoretiker Norbert Bolz auf den Punkt. Man könnte auch sagen: Wir wollen die Vorzüge fester Wertegemeinschaften ohne die Anstrengungen und Einschränkungen, welche diese mit sich bringen. Politischer Alltagspragmatismus Und die Politik? Die österreichischen Politiker scheinen die von Wippermann beschriebenen Entwicklungen weitgehend zu verschlafen. Der Wiener Politologe Hubert Sickinger nimmt eine kurzatmige, auf die nächste Schlagzeile ausgerichtete Politikerkaste wahr. Visionen hätten in der Tagespolitik kaum Platz, das Bedienen von Klientelinteressen habe die Orientierung an Werten zumindest teilweise abgelöst. Sickinger: „Die österreichische Politik wird bestimmt durch Alltagspragmatismus, das Abgleichen von Interessen und Überlegungen, womit man in die Medien kommt. Was nützt oder schadet einem? Diese Frage schließt persönliche Anständigkeit nicht aus, aber im Grunde herrscht ein taktisches Kosten-NutzenKalkül.“ Dabei gebe es durchaus eine Nachfrage nach Werten und Visionen.

Fotos: Hamilton/REA/laif, privat

Sickinger sieht die Politiker in einer Art Zwickmühle: „Im Gefängnis politischer Sachzwänge schleifen sich die Visionen ab. Gewünscht sind aber authentische Politiker mit einer klaren Vorstellung und pragmatischen Visionen.“ So entstehe Politikverdrossenheit. Problematisch erleben Wähler auch, dass den Parteien ein „ausreichendes Immunsystem gegen Regelverstöße“ fehle. Doch eines wissen die Wähler zu schätzen: dass der Sozialstaat letztlich immer noch recht gut funktioniere. Sickinger: „Nahezu alle haben Anspruch auf medizinische Versorgung und Grundsicherung im Alter. Das Solidaritätsprinzip ist also verstaatlicht. Doch das Sozialversicherungssystem ist auch sehr ständisch. Beamte haben eine bessere Alterssicherung als die, die in die öffentliche Rente einzahlen. Auch die Leistun-

gen der Krankenkassen sind unterschiedlich. Ist das solidarisch?“ Einschränkungen in der Solidarität gebe es außerdem in den rechtspopulistischen Parteien gegenüber Migranten. „Da ist umstritten, ob sie Teil des Ganzen sind“, beobachtet Sickinger. Gutsein fühlt sich gut an Lavierende Politiker, Fremdenfeindlichkeit, Kaimaninseln. Verantwortungsvolle Jugendliche, Sozialstaat, globale Netzwerke. Bestseller über das Prinzip Mitgefühl, Plattformen wie utopia.de, die über ethischen Konsum informieren. All das ergibt ein widersprüchliches Bild. Und doch ist etwas in Bewegung geraten. Man erkennt es nicht nur an den Wertestudien, sondern auch daran, dass Gutmensch kein Schimpfwort mehr ist. „Wir wollen nicht gut sein, sondern uns im Zweifelsfall lediglich besser fühlen“, schreibt der Philosoph Richard David Precht in „Die Kunst, kein Egoist zu sein“. Was wäre falsch daran, wenn die Menschen endlich eine Brücke fänden, die Eigennutz und Gemeinnutz verbindet?

HuBeRt SIckInGeR Der Politologe DDr. Hubert Sickinger, Jahrgang 1965, studierte in Innsbruck Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft. Er unterrichtet am Institut für Konfliktforschung der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Parteien, Politikfinanzierung, Korruption. Hubert Sickinger ist Vortragender im Lehrgang „Politische Kommunikation“ der Donau-Universität Krems. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Politikfinanzierung in Österreich“.

Literatur Regina Polak (Hg.): Zukunft. Werte. Europa. Die Europäische Wertestudie von 1990 – 2010. Österreich im Vergleich. Böhlau Verlag, Wien 2011 Peter Wippermann, Jens Krüger: Werte-Index 2012. New Business Verlag, Hamburg 2012 Julia Friedrichs: Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2011 Hans Joas: Die Entstehung der Werte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1997 Frans de Waal: Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können. Hanser Verlag, München 2011 Richard David Precht: Die Kunst, kein Egoist zu sein. Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält. Goldmann Verlag, München, 2010

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Wagen und gewinnen In westlichen Gesellschaften ist Sicherheit ein hoher Wert. Schade, findet Carsten Jasner. Denn wer sich in falscher Sicherheit wiegt, scheut das Risiko. Und wer das Risiko scheut, verpasst die Chance, Sicherheit in sich selbst zu finden. Von Monika Goetsch

upgrade: „Mut proben!“ ist ein Plädoyer dafür, waghalsiger zu leben. Was macht das Buch so aktuell? Carsten Jasner: Wir leben in unsoliden Zeiten. Finanzkrise, Klimawandel, Arbeitslosigkeit, explodierende Atomkraftwerke, Terror: Das ist für viele erschreckend und weckt den Wunsch nach mehr Sicherheit. Auch meine Ursprungsfrage war, wie man sicher leben kann. Ich wollte wissen, woran ich die Grenze erkenne, jenseits derer das Leben für mich und meine Familie gefährlich wird. Dabei stellte ich fest: Wer wissen will, was Sicherheit ist, bekommt keine Antwort.

„Die Lust am nervenkitzel ist der Motor des Fortschritts.“

upgrade: Reinhold Messner schwebt allerdings mitunter tatsächlich in Lebensgefahr, der Phobiker fühlt sich nur so. Jasner: Ein Extrem-Kletterer hat einmal gesagt, er klettere mit derselben Sicherheit, mit der ein anderer Mensch zur Tür laufe.

upgrade: Hersteller von Sicherheitssystemen sähen das anders. Jasner: Man sollte niemals jemandem trauen, der sagt, etwas sei sicher. upgrade: Der Sicherheitsgurt sorgt nicht für mehr Sicherheit? Jasner: Natürlich schützt ein Sicherheitsgurt bei einem Unfall. Doch psychologische Untersuchungen zeigen, dass ein angegurteter Mensch dazu neigt, mehr Gas zu geben. upgrade: Warum das? Jasner: Weil jeder Mensch einen Risikotrieb hat. Man verspürt Lust am Nervenkitzel, am Überschreiten von Grenzen. Das ist der Motor des Fortschritts. Erst die Bereitschaft, Risiken einzugehen, hat die Entwicklung der Intelligenz ermöglicht. Zum Beispiel Feuer: Hätten sich unsere Vorfahren nicht, anders als die Tiere, den Flammen genähert, würden wir heute das Feuer nicht beherrschen. upgrade: Dabei ist die Risikobereitschaft individuell verschieden.

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Jasner: Von außen betrachtet sind manche Menschen risikofreudiger als andere. Innerlich aber spielt sich bei allen das Gleiche ab. Ob jemand mit einer Spinnenphobie eine Spinne an sich heranlässt oder ob Reinhold Messner vierzehn Achttausender bezwingt: Beide kämpfen mit Angst und Lust.

Carsten Jasner Carsten Jasner studierte Geschichte, besuchte die Hamburger Henri-Nannen-Schule und gründete anschließend mit Kollegen das Berliner Journalistenbüro Schön & Gut. Er schreibt u.a. für Geo und brand eins über Wissenschaft, Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft und erhielt mehrere Auszeichnungen. Im Oktober 2011 erschien sein Buch „Mut proben!“.

upgrade: Warum dann nicht einfach am Boden bleiben? Jasner: Weil Endorphine ausgeschüttet werden, wenn man eine Herausforderung annimmt. Wir brauchen diese körpereigenen Opiate. Wer sich zu sehr beschränkt, sucht den Rausch häufig in Alkohol oder anderen Drogen. Risiko und Rausch hängen zusammen. Wer etwas wagt, genießt die Neugier darauf, wie der Körper reagiert, und empfindet Lust an der gewonnenen Sicherheit. upgrade: Man gewinnt Sicherheit im Risikoverhalten? Jasner: Genau darum geht es: zu lernen, sich Schritt für Schritt auf sich selbst zu verlassen. Nicht äußere Sicherheitssysteme, sondern innere Sicherheit hilft durchs Leben. Andererseits muss man sich damit abfinden, dass es Dinge gibt, die man nicht beeinflussen kann – wie etwa der frühe Tod. upgrade: Im Zuge Ihrer Recherchen haben Sie an einer Operation teilgenommen und in einen Oberarmknochen hineingebohrt,


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BuChtipp Carsten Jasner: Mut proben! Das Leben ist tödlich. Aber es muss nicht sterbenslangweilig sein. Blanvalet, München 2011

gegen das Risiko, das Geld nicht zurückzubekommen, versichern konnten. Die Versicherer wiederum freuten sich darüber, viele Papiere zu verkaufen. Und die Rankingagenturen haben das Ganze für sicher erklärt. Im Grunde sind alle, wie beim Skifahren, die schwarze Piste runtergerauscht, weil sie glaubten, sich auf ihre Sicherheitssysteme verlassen zu können. upgrade: Sie fahren selbst Ski. Tragen Sie einen Helm? Und Ellenbogenschoner? Jasner: Nichts davon, nur eine Skibrille. Man kann sich das ganze Zeug ja anlegen, nur sollte man sich im Klaren sein, dass die meisten Leute anschließend aggressiver und waghalsiger fahren. Weil sie sich einbilden: In diesem Panzer kann mir nichts passieren. upgrade: Was ist für Sie die Herausforderung beim Skifahren? Jasner: Neulich bin ich die „Harakiri-Piste“ im Zillertal runtergefahren, die steilste Piste Österreichs. Natürlich erzählt sich das gut. Aber mehr Mut kostete es mich, am flachen Hang im Tiefschnee zu üben. Meine Versuche müssen dämlich ausgesehen haben, aber für mich war das spannend. Mein Ziel wäre, Tourenski zu fahren. Aber man kann überall Neues beginnen. An der Uni Krems zu studieren ist auch ein Wagnis.

Fotos: privat, photocase/gregepperson

„Wer sich weiterbildet, braucht Mut. Wer sich aber öffnet und lernt, gewinnt Lustgefühle.“

upgrade: War sie das nicht? Jasner: Ich bin überzeugt davon, dass der Chirurg, der mich angewiesen hat, an diesem Tag konzentrierter denn je gearbeitet hat. Er hat mich genau beobachtet und Schritt für Schritt vortasten lassen. Ich habe seine Sicherheit und Souveränität gespürt. Ein unvergessliches Erlebnis.

upgrade: Inwiefern? Jasner: Wer sich weiterbildet, braucht Mut. Er muss sich einem unbekannten Gebiet öffnen. Womöglich denken die anderen schneller. Wer sich von solchen Ängsten lähmen lässt, macht weiter wie bisher und fühlt sich unwohl. Wer sich aber öffnet und lernt, gewinnt Lustgefühle durch Aha-Effekte. Man erkennt etwas Neues, begreift es und teilt es mit anderen. Das kann ein Studium sein, eine neue Sportart oder der Besuch, den ein Großvater seinem Enkel in einer Wohngemeinschaft abstattet. Hirnphysiologisch geschieht immer dasselbe.

upgrade: Auf manchen Flirt mit dem Risiko würde man dennoch gern verzichten. Etwa auf die Spielereien der Investmentbanker. Jasner: Meiner Ansicht nach ist nicht Risikofreude, sondern falsches Sicherheitsdenken für die Krise verantwortlich. Die Banken haben zu große Kredite verteilt, weil sie sich

upgrade: Sie fliegen Drachen, haben Ihr erstes Buch geschrieben – planen Sie noch mehr Mutproben? Jasner: Ich spiele Klavier, Jazz. Eine große Herausforderung wäre, mit anderen gemeinsam öffentlich aufzutreten. Aber davon bin ich noch weit entfernt.

obwohl Sie keinerlei medizinische Erfahrung besitzen. Das war riskant – weniger für Sie selbst als für den Patienten. Jasner: Man könnte annehmen, hier sei die Grenze zur Fahrlässigkeit überschritten.

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18 STATISTIKEN

Zahlen & Fakten Was glauben Sie?

Religiöse Selbsteinschätzung der Europäer

Die meisten Europäer bezeichnen sich als religiös Die vierte Europäische Wertestudie (EVS 2008) fragte knapp 68.000

Menschen nach ihrer religiösen Selbsteinschätzung. Das Ergebnis: 57,3 Prozent halten sich für religiös, 29,8 für unreligiös und 4,5 Prozent für atheistisch. Das Gesamtbild ist allerdings sehr uneinheitlich: Neben „hochreligiösen“ Ländern wie Polen oder Irland gibt es Bevölkerungen, in denen die Unreligiösen in der Mehrheit sind, darunter Schweden, die Tschechische Republik, die ehemalige DDR und Estland. Atheisten sind in allen untersuchten Ländern eine kleine Minderheit – mit den Ausnahmen Frankreich (11 %) und der ehemaligen DDR (19 %). Die Bedeutung Gottes im Leben ist in Südeuropa am höchsten, danach folgen Ost-, West- und Nordeuropa.

unreligiös

religiös

atheistisch unentschieden

Quelle: Paul M. Zulehner, Hermann Denz: Wie Europa glaubt – Europäische Wertestudie, 2011

+ Wichtigkeit Gottes im Leben

Wie erziehen Sie Ihre Kinder?

Streitpunkte Sparsamkeit und Glaube In Nordamerika und Europa herrschen unterschiedliche Vorstellungen über Erziehung. Eine 2011 erschienene sozialwissenschaftliche Analyse auf Basis der Europäischen Wertestudie erkennt die größten Differenzen in der Bewertung von Glaube (–30 %), Selbstlosigkeit (–11 %) und Sparsamkeit (+9,7 %). Die Erziehung zu religiösen Überzeugungen ist mehrdeutig, da mit ihr sowohl Gehorsam (anti-emanzipatorisch) als auch Verantwortung und Toleranz verbunden sein können. In Westeuropa weisen Deutschland und Österreich die niedrigsten Werte für Gehorsam auf. In Nordirland und Frankreich ist die Erziehung dagegen besonders gehorsamsorientiert. Quelle: Paul M. Zulehner, Hermann Denz: Wie Europa glaubt – Europäische Wertestudie, 2011 Europa

Gute Manieren

Nordamerika

Verantwortungsgefühl Andere achten, tolerant sein Unabhängigkeit, Selbstständigkeit Hart arbeiten Sparsamkeit Energie, Ausdauer Gehorsam Selbstlosigkeit Fester Glauben/religiöse Bindung Fantasie 0 upgrade 1/2012

20

40

60

80

Angaben in Prozent


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Zahlen und Fakten in Kürze

Was wünschen sich Manager?

Werte in den Unternehmen: Geld schlägt Zeit

Wichtige Lebensbereiche, 2008 gegenüber 1999 in %

Ein knappes Drittel der Unternehmen setzt die falschen Anreize, um Leistungsträger

lange in der Firma zu halten, resümiert das Workplace Survey 2010 des internationalen Personaldienstleisters Robert Half. Laut der Befragung von mehr als 3000 Personal- und Finanzmanagern setzt nahezu die Hälfte der Unternehmen (42 %) auf flexible Arbeitszeiten und weniger als ein Fünftel auf höhere Gehälter oder Bonuszahlungen. Letztere wünschen sich aber knapp drei Viertel der Finanz- und Personalexperten. Der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten kommt mit 33 Prozent erst an zweiter Stelle. Wenig geschätzt werden Aktivitäten zum Teambuilding (13 %), die immerhin jedes fünfte Unternehmen anbietet. Quelle: Robert Half, Workplace Survey 2010 (1. Quartal) Manager wünschen sich ...

Unternehmen bieten ...

Gehalts-/Bonuserhöhung Flexible Arbeitszeiten Weiterbildung Home-Office

Teambuilding Keine Maßnahmen 20

40

60

Österreich hat ein Problem mit der Fremdenfeindlichkeit

Illustration: iStockphoto.com/Igor Djurovic

Menschen in Österreich hegen unter 45 europäischen Staaten die größte Abneigung ge-

genüber Immigranten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Vergleichsanalyse aus dem Jahr 2011, die auf der vierten Europäischen Wertestudie „European Value Study“ (EVS 2008) fußt. Demnach sehen sich 81 Prozent ausschließlich dem eigenen Land, aber nur 17 Prozent Europa zugehörig. Über die Hälfte der Befragten gab an, Angst vor einer EU-Erweiterung zu haben und knapp drei Viertel finden, dass die Geburt im eigenen Land wichtig ist, um wirklich österreichisch zu sein. Auf Platz zwei und drei des „Antipathie-Index“ liegen Italien und Finnland. Quelle: Vergleichsanalyse auf Basis der vierten Europäischen Wertestudie (EVS), 2011

17 %

51 %

Angst vor EUErweiterung

7,7 7,3

Nordeuropa Westeuropa Südeuropa Osteuropa

7,9 7,3 7,2 6,5

13,1 % 38,2 % 27,9 % 20,8 %

80

Wie stehen Sie zu Migranten?

Geburt im eigenen Land wichtig

Nordamerika Europa

Sehr Etwas Kaum Gar nicht

Mitspracherecht

73 %

Lebenszufriedenheit, 2008 (0 bis 10 Punkte) in

Interesse für Politik in Europa, 2008

Karriereplanung

Angaben in Prozent 0

79 (–9) 55 (+12) 54 (–11) 44 (+6) 18 (–2) 10 (–)

Familie Freunde & Bekannte Arbeit Freizeit Religion Politik

Zugehörigkeit zu Europa

81 % Zugehörigkeit nur zum eigenen Land

Jährliche Geburten, Eheschließungen und Scheidungen in Österreich, 2010 9,4 % 4,5 % 43,0 %

Geburtenrate Eheschließungsrate Scheidungsrate

Moralitäten in Europa, 2008 (0: unter keinen Umständen, 9: in jedem Fall in Ordnung) In Notwehr töten Scheidung Abtreibung Euthanasie Homosexualität Prostitution Lügen Steuer hinterziehen Falsche Sozialleistungen Schmiergeld annehmen Drogen Betrunken am Steuer

5,5 5,2 4,4 4,2 3,6 2,8 2,8 2,5 2,1 1,7 1,6 1,5

Quellen: Statistik Austria, Paul M. Zulehner, Hermann Denz: Wie Europa glaubt – Europäische Wertestudie, 2011, Vierte Europäische Wertestudie (EVS) 2008

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20 Bildung und ErziEhung

Was in Freiheit und Liebe gut gedeiht Wie wachsen eigentlich Werte? Wie erlernen Kinder moralische Maßstäbe? Und warum schalten diese nervigen Jugendlichen im Unterricht nicht endlich ihr Handy aus? Ein Vater und Elternvertreter, eine Moralforscherin und ein Schauspieler mit Herzensbildung versuchen eine Antwort. Von Angelika Ohland

Auf den Punkt gebracht

• Werte leben statt lehren

– Kinder überzeugen statt bestrafen. Nicht die Werte haben sich verändert, wohl aber die Werteerziehung.

• Werte wachsen in

Beziehungen – besonders wichtig ist die frühe Mutterbindung. Ist diese liebevoll und stabil, kann das Kind lernen, sich in andere hineinzuversetzen.

• Empathie entsteht durch

Wahrnehmung. Eine gute Schule der Wahrnehmung ist die Kunst – also die ästhetische Bildung.

A

ch, die Werte! Und, ach, deren flinke Vermittler!“ So stöhnte der deutsche Vorzeigepädagoge Hartmut von Hentig, des ewigen Rufes nach mehr Werteerziehung überdrüssig. Obwohl er an den Werteverfall der Jugend partout nicht glauben wollte, beschäftigte er sich ein Berufsleben lang mit dieser Frage: „Wie erzieht man zu Gemeinsinn, Selbstständigkeit, Verlässlichkeit, Achtung vor dem anderen?“

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Schule und Familie sind die Orte, an denen Werte wachsen. Wie aber erwerben Kinder und Jugendliche moralische Urteilsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein? Wie entwickeln sie eine Leidenschaft für Demokratie, ein gutes Miteinander und ein Leben in Freiheit? Gerald Netzl war von 2007 bis 2011 Vorsitzender des Österreichischen Dachverbandes der Pflichtschulelternvereine und ist Vater dreier Töchter. Er glaubt, Werte müsse man nicht lehren, sondern leben: „Die Men-


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schen, die im Biotop Schule miteinander zu tun haben, müssen respektvoll und emanzipiert miteinander umgehen, damit diese Werte glaubwürdig und nachhaltig verinnerlicht werden können. Es bringt nichts, wenn ein Lehrer im Unterricht Demokratie zu vermitteln versucht, aber die Schülermitbestimmung kleinschreibt.“ Freundschaft, Glück, Gerechtigkeit

Fotos: mauritius images/Radius Images, privat

Auch ein Sinn für Gerechtigkeit lässt sich schwer vermitteln in einem Schulsystem, das Kinder von Akademikern bevorzugt und Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt. Doch was ist wirklich gerecht?, fragt sich Netzl. Wenn Schule sich am Mittelmaß orientiert und möglichst viele zur Matura führt? Oder wenn es für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Schulen und Abschlüsse gibt? „Gerechtigkeit gilt viel, aber es gibt keinen Konsens darüber, was gerecht ist“, sagt Netzl. Er findet, Schule solle „innere Werte“ vermitteln: „Freundschaft, Liebe, Gerechtigkeit, Glück, Bescheidenheit, vielleicht auch Pflichterfüllung.“ Dass nicht allen Menschen diese Werte gleich viel wert seien, müsse man akzeptieren. Einig sind sich Schul-Experten darin: Die Vorstellung, dass Werte durch Vorbilder geprägt werden, ist zwar nicht falsch, greift aber zu kurz. Werte wachsen in Beziehungen. Von Hentig – vor zwei Jahren in moralischen Verruf geraten, weil er den Missbrauch an der Odenwaldschule verharmlost haben soll – sprach allerdings weniger von Werten als von einer „Erziehung zu moralischer Urteilsfähigkeit und Stärke, zu Verantwortungsbewusstsein und Tatkraft“. Diese aber könne man nicht lehren, sondern nur erfahren. „So viel Belehrung wie möglich durch Erfahrung ersetzen“, lautete deshalb seine Maxime. Und mit Erfahrung meinte er vor allem auch die Erfahrung „von der Verwirrung, der Unklarheit, der Schwäche, der Verführung zur Ausrede, der Lähmung, ja vom Scheitern“. Gerald Netzl sieht das ähnlich: „Voraussetzung für gelungene Kommunikation in der Schule sind von beiden Seiten offene Kommunikationskanäle. Eltern sollten sich für Schule interessieren. Und Lehrer sollten sich wünschen, dass Eltern sich einbringen. Zu-

mindest Gymnasiallehrer sind jedoch tendenziell froh, wenn sie von den Eltern in Ruhe gelassen werden. Und viele Eltern sind froh, wenn die Kinder endlich 15, 16 oder 18, 19 Jahre alt sind und sie mit ihnen die Schule hinter sich haben.“ Was Schulkenner wie Gerald Netzl und Pädagogen wie Hartmut von Hentig beschreiben, hat die Kognitionswissenschaft inzwischen weitgehend bestätigt. Das behavioristische Modell, in dem Verhaltenskonformität primär durch Konditionierung erzeugt wird, gilt als überholt. Die Sozialwissenschaftlerin Gertrud Nunner-Winkler beschreibt die Entwicklung so: „Früher wurde das Kind eher als passives Objekt von Erziehung gesehen. Dem Kind wurden die herrschenden Normen antrainiert. Im kognitivistischen Modell soll das Kind seine Urteile eigenständig fällen und die tradierten Normen irgendwann kritisch hinterfragen. Wir glauben nicht, dass Menschen primär aus Gewissensangst oder Furcht vor Strafe moralisch handeln. Es gibt eine eigenständige Orientierung an Werten wie Wahrheit, Gerechtigkeit oder Hilfsbereitschaft, die um ihrer selbst willen verfolgt werden.“ Männer im Wertekonflikt Nunner-Winkler hat am Münchner MaxPlanck-Institut im Rahmen einer Langzeitstudie eine Untersuchung zur kindlichen Moralentwicklung durchgeführt. Das selbst für sie überraschende Ergebnis: Fast ein Fünftel der jungen Menschen schert sich kaum um Moral und findet das auch völlig in Ordnung. Die meisten von ihnen sind männlich. Was ist da schiefgelaufen in der Entwicklung und wann?

GeraLd NetzL Dr. Gerald Netzl promovierte in Politikwissenschaft. Er arbeitet für wienXtra, ein Kultur- und Freizeitangebot für Kinder und Familien, und ist auch Betriebsratvorsitzender. Von 2007 bis 2011 war er Vorsitzender des Österreichischen Verbandes der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen, außerdem hat er das Bildungsvolksbegehren mit vorbereitet. Gerald Netzl ist seit 1999 Mitglied der Jugendmedienkommission des BMUKK und seit 2011 Mitglied der Gemeinsamen Filmbewertungskommission der Länder. Er ist verheiratet, hat drei Töchter und lebt in Wien.

Anders als der einflussreiche amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg geht Nunner-Winkler davon aus, dass schon kleine Kinder einfache moralische Normen kennen und verstehen – wie zum Beispiel das Gebot „Du sollst nicht stehlen!“. „Kinder besitzen früh ein gutes Verständnis der intrinsischen Gültigkeit von einfachen moralischen Normen“, weiß Nunner-Winkler. Aber sie müssten auch eine „moralische Motivation“ aufbauen, was bedeutet: Kinder müssen den Wunsch entwickeln, den Normen aus Einsicht in ihren Sinn zu folgen. Diese zweite

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22 Bildung und ErziEhung

Phase jedoch durchlaufen Kinder mit recht unterschiedlichem Erfolg. Bei Jungen etwa sei die kulturelle Prägung entscheidend: Hängen sie als Jugendliche einem stereotypen Männerbild an – Männer sind hart, durchsetzungsstark, leistungsorientiert –, so sinkt ihre moralische Motivation.

Gertrud NuNNerWiNKLer Prof. Dr. rer. pol. Gertrud Nunner-Winkler studierte Soziologie u.a. in München und Chicago, war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Starnberger MPI in der Abteilung von Jürgen Habermas und ging 1981 ans Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung in München. Am Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften leitete sie die Arbeitsgruppe Moralforschung. Schwerpunkte ihrer Forschung sind Moralische Motivation, Identität und Geschlechterrollen.

Entscheidend ist hier also die verbreitete gesellschaftliche Wertvorstellung, in erster Linie zähle der Erfolg, und zwar besonders für Männer. In der Tat ist die Familie vor allem in den Extrembereichen einflussreich. Im Negativfall hemmt sie den Aufbau moralischer Motivation: Frühe Erfahrungen von Gewalt oder Vernachlässigung erhöhen deutlich das Risiko kindlicher Aggressivität und späterer Delinquenz. Im Positivfall fördert sie Wertebildung und Sozialkompetenz. Kinder besonders hilfsbereiter Eltern zeigen häufiger altruistisches Verhalten und Kinder mit einer sicheren Bindung haben eine höhere Fähigkeit zur Rollenübernahme und Empathie. „In der Interaktion liefert die Mutter das Modell der Gleichachtung aller Personen und ihrer Bedürfnisse“, erklärt Nunner-Winkler. „Förderlich ist eine feinfühlige Mutter, welche die Bedürfnisse des Kindes nach Kontaktaufnahme wahrnimmt und auf diese eingeht. Sie sollte auch das Bestreben nach Rückzug anerkennen und das Kind nicht überstimulieren.“ Die „Verständigungsorientierung“, ein zentrales Moment geglückter Beziehungen, werde stark in der Bindung zur Mutter geprägt. tun, was man als richtig erkennt In den letzten Jahrzehnten wurde die Moral eingegrenzt und die Erziehung liberalisiert. Das hat die Art, wie Moral im Menschen verankert wird, deutlich verändert. NunnerWinkler: „Frühere Generationen waren eher von einem rigiden Über-Ich geprägt. Die moralische Motivation der jüngeren Generation ist Ich-näher: Der Fokus liegt auf der eigenen Urteilsfähigkeit und der Bereitschaft zu tun, was man als richtig erkannt hat. Moral ist ein Minimum an Regeln, die wirklich notwendig sind. Ihnen folgen junge Menschen nicht mehr aus Angst vor Gewissensbissen, sondern aufgrund einer urteilsbezogenen, freiwilligen Selbstbindung.“

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Auch Gerald Netzl hat beobachtet, wie wichtig Freiwilligkeit ist. Denn Werte haben und nach Werten leben, sind zweierlei, wie wir wissen. Eine freiwillige Selbstbindung entstehe in der Schule zum Beispiel dort, wo Verhaltensregeln gemeinsam erarbeitet werden. Dass Handys im Unterricht verboten sind, man einander zu Beginn der Stunde grüßt und Lehrer einzelne Schüler nicht bloßstellen dürfen: Solche Regeln werden am ehesten eingehalten, wenn beide Seiten sie aus eigenem Antrieb unterschrieben haben. In der Laborschule von Hentigs ist eine Verhandlungskultur deshalb zentral. Und auch in den Familien ist ein autoritativer Erziehungsstil, der Regeln begründet und verhandelt, inzwischen verbreitet. Wir müssen unseren Kindern vertrauen „Wir brauchen keine anderen Werte. Die Frage ist, wie wir lernen, nach unseren Werten zu handeln“, glaubt auch der Schauspieler August Schmölzer. Der Charakterdarsteller hat 2005 in der Weststeiermark die „Initiative zur Herzensbildung“ gegründet, um Kinder und Jugendliche, die keine sichere Bindungserfahrung haben und auch sonst in einem wenig förderlichen Umfeld aufwachsen, zu unterstützen. Herzensbildung heißt für Schmölzer: sich im anderen selbst wahrnehmen und danach handeln. Dem anderen auf Augenhöhe begegnen. „Handschlagqualität“ entwickeln. „Wir müssen Mut haben, den jungen Menschen, die zu uns auf die Welt kommen, ihre Individualität und Freiheit zu lassen. Wir müssen ihnen sagen: Du kannst selber entscheiden. Ob du in Facebook sein oder später einmal die Bild-Zeitung lesen willst, ist deine Wahl. Du hast auch die Möglichkeit, nein zu sagen. Es ist das Recht der Jugend, anzunehmen, was ihr geboten wird. Aber sie muss lernen zu fragen: Will ich das eigentlich so?“ Mit Herzensbildung meint Schmölzer „die Kunst, sich im anderen wiederzuerkennen. Zu erforschen: Was will ich in meinem tiefsten Innersten? Was tut mir in meiner Seele gut?“ Zusammen mit Rudolf Egger, der in Graz Angewandte Lernfeldforschung betreibt, hat Schmölzer in einem Sammelband versucht zu ergründen, wie Herzensbildung möglich ist. „Man empfindet (die Herzensbildung) als ein Gefühl von Wahrnehmung,


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Konsequenz, Schönheit oder gar Harmonie im Aufeinander-verwiesen-Sein und im Füreinander-Tun zur Erfüllung der persönlichen und kollektiven Lebensbewältigung“, schreibt darin die Erziehungswissenschaftlerin Regina Mikula.

Fotos: privat, Anita Deutschmann

Herzensbildung geschieht mit allen Sinnen, vor allem aber durch das Zuhören. Sie sei etwas Flüchtiges, schwer Messbares. Gleichwohl habe sie etwas Dauerhaftes und Nachhaltiges, weil sie das eigene Wohlergehen mit dem Wohlergehen anderer in Verbindung bringe. Mikula spricht von Beherztheit und von Herzensökonomie: „Je mehr wir sie ausgeben, desto mehr haben wir davon. Was wir allerdings dafür zurückbekommen, ist immateriell. Es ist ein inneres Vermögen, auch ein individuelles Kapital, das uns zwar monetär nicht reicher macht, aber wohlhabender an Erfahrungsschätzen.“ Man könnte also sagen: Werte wachsen unter anderem durch die Schulung der Wahrnehmung. Deshalb sind für den Schauspieler Schmölzer neben den sozialen, emotionalen und kommunikativen Fähigkeiten auch die ästhetischen wichtig. Kunst ist eine Schule der Wahrnehmung und deshalb für die Ausbildung von Werten und innerer Haltung wichtig. Kunst wie Herzensbildung aber brauchen Zeit und entziehen sich dem Effektivitätsdenken – genauso wie die Kinder mit ihren Eigenheiten, glaubt Schmölzer: „Die Wirtschaft sagt, wir brauchen Handwerker oder Automechaniker. Niemand

sagt, wir brauchen individuell begabte Menschen.“ Deshalb musste der junge Gustl, wie Schmölzer genannt wird, erst einmal Koch lernen, bevor er Schauspieler wurde. Nehmen sie sich zeit! Wollen wir unsere Kinder zu Freundlichkeit und Empathie erziehen, müssen wir ihnen Freiheit und Zeit schenken, glaubt Schmölzer. Wir müssen sie in ihren Begabungen unterstützen und ihnen zutrauen, dass sie sich dann selbst für die Werte der Mitmenschlichkeit entscheiden werden. Gerade das scheinbar Sinnlose sei für die Herzensbildung wichtig. Eltern und Lehrern rät Schmölzer: „Machen Sie mit Ihren Kindern mal eine Schneeballschlacht!“

Literatur uND LiNks Hartmut von Hentig: Ach, die Werte! Über eine Erziehung für das 21. Jahrhundert. Hanser Verlag, München 1999 Christel Hopf, Gertrud Nunner-Winkler (Hg.): Frühe Bindungen und moralische Entwicklung. Juventa Verlag, Weinheim 2007

auGust schMöLzer Der Schauspieler August Schmölzer wuchs als Sohn von Kleinbauern in der Steiermark auf, machte zunächst eine Lehre als Koch und gründete eine Volksmusikgruppe. In den 80ern studierte er Schauspiel in Graz und besuchte Kurse am HB Studio in New York. 1986 holte Boy Gobert ihn ans Wiener Theater in der Josefstadt. Neben seinen Theaterengagements spielte Schmölzer in zahlreichen Filmen, darunter „Schindlers Liste“ und „Der Untergang“. 2005 gründete er „Gustl 58 – Initiative für Herzensbildung“.

Rudolf Egger, August Schmölzer (Hg.): Herzensbildung. Über die Kunst sich im Anderen wiederzuerkennen. Styria Verlag, Wien 2011

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24 Unternehmen

Wir wissen, was richtig wäre Wer möchte noch einen Teppich kaufen, den Kinder geknüpft haben? Oder Blumen, die Arbeiterinnen in Afrika krank machen? Ob Umweltschutz oder Fair Trade – Unternehmen müssen ihre Werte überdenken. Deshalb wird nun recycelt und gespendet. Leitbilder werden zurechtgerückt. Doch nicht selten entpuppen sich diese als Seifenblasen. Denn wer echte Werte in einem Unternehmen verankern will, braucht mehr als nur Visionen. Von Franziska Brettschneider

Auf den Punkt gebracht

• Schokolade verkaufen und mit jeder Tafel für eine Schule in Afrika spenden: Dieses Konzept nennt sich Cause-related-Marketing.

• Unternehmen handeln nur selten selbstlos sozial. Meistens sind es äußere Faktoren, die sie zu einer Wertehaltung animieren.

• Das mittlere Management

muss die Leitwerte im Unternehmen verankern. Das gelingt nur, wenn diese Werte oben in der Hierarchie gelebt werden.

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W

ir haben es uns redlich verdient, unser kühles Feierabend-Bier. Nach getaner Arbeit endlich vor dem Fernseher entspannen, die Füße hochlegen und den Chef einen guten Mann sein lassen. Der Kronkorken ploppt, es zischt und schäumt – herrlich! Und obendrein rettet man auch noch den Regenwald. Der Ablasshandel mit dem guten Gefühl scheint zu funktionieren. Was die Brauerei Krombacher 2002 mit der Kampagne „1 Kasten Bier = 1 m2 Regenwald“ einführte, machen sich jetzt immer mehr Unternehmen zunutze: Sie koppeln den Verkauf ihrer Produkte an eine Spende für ein soziales Projekt. Das Motto der Werbekampagnen: Kauf mich, und du tust Gutes. So warb beispielsweise der Toilettenpapierhersteller Charmin 2005 mit Spenden für Polio-Impfungen in Afrika. Ritter Sport gab für eine 100-Gramm-Schokotafel 1,4 Cent an das Unicef-„Schulprojekt für Afrika“. Und Haribo kooperierte 2006 in seiner Bruno-Braunbär-Kampagne mit dem WWF und machte sich für Bärenprojekte in den Alpen stark.

Was tatsächlich hinter all diesen vermeintlich großherzigen und menschlichen Hilfsaktionen steckt, ist oft nichts weiter als eine knallharte Marketingstrategie. Cause-Related-Marketing (CrM) nennt sich das Verkaufskonzept, das in den USA und Großbritannien längst zum Standard gehört und nun auch im deutschsprachigen Raum boomt. Denn wer die Nachhaltigkeitserwartungen der Konsumenten erfüllt und sein Werte-Image aufpoliert, steigert am Ende seinen Absatz. Nun könnte man sagen: Wieso denn nicht? So bekommen doch beide Seiten etwas vom Kuchen ab: Die Unternehmen machen mehr Gewinn, und die kooperierenden NonprofitOrganisationen erhalten finanzielle Unterstützung und mediale Aufmerksamkeit. Eine klassische Win-win-Situation, oder? Ganz so einfach scheint es dann aber doch nicht zu sein. Dass die gesponserten Beträge nämlich verhältnismäßig spärlich ausfallen – schließlich werden sie nach dem mit den beworbenen Produkten erzielten Umsatz berechnet –, dürfte vielen Verbrauchern nicht bewusst sein. Experten befürchten deshalb, dass die Kunden glauben, durch ihren Kauf genug Gutes getan zu haben und möglicherweise aufs echte Spenden verzichten. Verlierer wären dann die sozialen Organisationen. Taktische Herzensangelegenheit So wird aus einer Herzensangelegenheit schnell ein Geschäft. Am Ende folgt die ernüchternde Erkenntnis, dass es sich wieder mal nur ums schnelle Geld, um Ansehen und Macht gedreht hat. Aber wo ist das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen? Haben Firmen überhaupt Werte, die ihnen keinen unmittelbaren Gewinn verspre-


Foto: iStockphoto.com/Serghei Platonov, hh5800

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26 Unternehmen

Mark EsposiTo Dr. Mark Esposito ist Professor an der Grenoble School of Management und Dozent für Systems Thinking an der Harvard University in Boston. Er ist Gründer und Direktor des Think Tanks Centre-Lab für Responsible Competitiveness. Mark Espositos neues Buch „Business Ethics. A Critical Approach: Integrating Ethics Across the Business World” erscheint im Juni bei Routledge. Esposito ist als Berater für Corporate Sustainability und zu diesem Thema als Referent an der Donau-Universität Krems tätig.

chen? „Auch in der Wirtschaft gibt es so etwas wie Werte, doch sind sie kein Teil mehr von uns Menschen: Sie sind sinnentleert und kalt“, meint Mark Esposito, Associate Professor an der Grenoble School of Management und Lehrbeauftragter an der Harvard University in Boston. „Es sind Werte, die nicht organisch gewachsen, sondern akademisch entstanden sind. Man erfindet sie, weil sie einem bestimmten Zweck dienlich sind, und dann werden sie in Unternehmensleitbildern verankert, wo sie jeder nachlesen kann“, erklärt Esposito. Aus eigener Überzeugung heraus sozial handeln Unternehmen nur noch selten. Meistens sind es äußere Faktoren, die sie zu einer bestimmten Wertehaltung animieren. Denn der gesellschaftliche Druck auf die Unternehmen wächst. Die Kunden erwarten, dass die Firmen ihrer sozialen Verantwortung nachkommen. Laut Goodpurpose Report, bei dem mehr als 7000 Personen aus insgesamt 13 Ländern befragt wurden, sollen 2010 mehr als 80 Prozent der Konsumenten ihre Kaufentscheidungen unter anderem von der ethischen Haltung der Unternehmen abhängig gemacht haben. „Mittlerweile hat jeder eine Meinung zu Themen wie Umweltschutz, Gleichstellung der Geschlechter oder Fair Trade. Denn durch das Internet werden Informationen schnell verbreitet, und immer mehr Menschen werden sich unserer gesellschaftlichen Herausforderungen bewusst“, sagt Mark Esposito. „Wir alle wissen, was richtig wäre, aber das Potenzial, das dahintersteckt, wird in den Unternehmen nicht genutzt und umgesetzt.“ schwammige Werte, fehlende Vorbilder In vielen Fällen ist dies auch der mangelnden Praxistauglichkeit von Unternehmensleitbildern geschuldet. Zu dieser Erkenntnis ist Sabine Knaak, Geschäftsführerin der Kommunikationsagentur „Schlank kommunizieren“ in Bochum, gekommen. Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat die Absolventin des Lehrgangs „Communications Master of Science“ an der Donau-Universität Krems eine Trendstudie angefertigt. In dieser hat sie Führungskräfte des mittleren Managements aus verschiedenen Branchen gefragt, was sie motiviere, die Leitwerte ihrer Unternehmen zu leben. „Es ist Aufgabe des mittle-

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ren Managements, die Leitwerte eines Konzerns an die Mitarbeiter weiterzugeben, sprich: sie bis in die untersten Hierarchien zu transportieren“, erklärt Sabine Knaak. „Doch gerade hier liegt das Problem: Für die meisten Manager in den mittleren Führungsetagen ist es schwierig, die Unternehmenswerte für ihre individuellen Arbeitsgebiete zu übersetzen.“ Wie auch? Man stelle sich nur einmal einen typischen, sterilen Besprechungsraum vor. In einer Roadshow mit eindrucksvollen Bildern wird den Abteilungsleitern die neue Firmenphilosophie präsentiert. An die Leinwand projizierte Schlagwörter beschwören zukunftsträchtige Visionen. Alles hoch theoretisch. Zurück in ihrer Abteilung, stellen sich die „Sandwich“-Manager dann die berechtigte Frage, wie sie die neuen Ziele des Top-Managements nun an ihre Mitarbeiter verständlich weitergeben sollen. „Die Leitwerte sind häufig zu abstrakt und zu allgemein formuliert“, weiß Knaak. „Und wenn sie in den oberen Etagen nicht gelebt werden, wie soll eine Führungskraft sie dann bis in die untersten tragen? Fest steht: Das mittlere Management fühlt sich mit dieser Aufgabe alleingelassen und überfordert.“ Schwammige Leitwerte, fehlende Vorbilder im Top-Management, unklare Erwartungshaltung der Unternehmensführung. Verständlich, dass dabei die Motivation verloren geht. „Was ich allerdings sehr erstaunlich fand, war, dass mir meine Interviewpartner allesamt versicherten, dass weder das hohe Arbeitsvolumen infolge der Wirtschaftskrise noch ein höheres Gehalt Einfluss auf ihre Motivation nehmen, die Rolle als LeitwerteVermittler angemessen auszufüllen“, so Knaak. Was sie aber wirklich bräuchten, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, so die Ergebnisse der Studie, sind Kommunikationsinstrumente, mit denen sich die Leitwerte für jeden einzelnen Aufgabenbereich maßschneidern lassen. Nur so kann jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin bei deren Umsetzung eingebunden werden. Und dies ist nicht nur die Forderung des mittleren Managements. „Arbeitnehmer wollen heute mehr denn je werteorientiert arbeiten. Unternehmenswerte bilden einen


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Anknüpfungspunkt für ihre persönlichen Wertvorstellungen. Nur so kann eine Identifikation mit dem Unternehmen stattfinden“, erläutert Knaak. Jedoch müssen die Werte authentisch sein, andernfalls sind die Folgen fatal: Stimmen die Unternehmensleitbilder nämlich nicht mit den persönlichen Werten überein, sei das für viele ein Grund, das Unternehmen zu verlassen, fügt sie hinzu. an die nächste Generation denken

Fotos: privat

Wie können Unternehmen nun aber echte Werte leben? Wie können sie Wirtschaftlichkeit und soziale Verantwortung miteinander versöhnen? Mark Esposito ist davon überzeugt, dass es hierzu eines Strategiewandels bedarf: „Die großen Unternehmen müssen anfangen, langfristiger zu denken, so wie es viele Familienunternehmen nach wie vor tun.“ Tatsächlich haben Unternehmer von Firmen, die in familiärer Hand sind, im Gegensatz zu Aktienunternehmen und den meisten global agierenden Konzernen noch ein persönliches Interesse an ihrem Unternehmen. Bei jeder Entscheidung, die sie treffen müssen, denken die Alten stets an ihre Kinder, die später vielleicht einmal die Geschicke des Unternehmens leiten werden. „Indem die Familien 20 oder 25 Jahre vorausdenken, sorgen sie für die Stabilität ihres Unternehmens. Das ist gelebte Nachhaltigkeit, dieser Wert ist authentisch“, erklärt Esposito. Doch genau dieses nachhaltige Denken stellt für viele Unternehmen ein Problem dar. Leistungen sollten messbar gemacht werden, die Zahlen müssen stimmen. Schnelle Gewinne erzielen, Umsätze steigern, Wachstumsschritte in möglichst kurzer Zeit vorlegen, so lautet das Credo. Schnelle Erfolge – auch wenn sie noch so klein ausfallen – gelten als Indikatoren dafür, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet. Werte? Für wen würden die sich lohnen? „Mitarbeitern wird in vielen Unternehmen keine große Wertschätzung entgegengebracht“, glaubt Esposito. „Sie sind lediglich austauschbare Arbeitskräfte, die vielleicht drei oder vier, höchstens fünf Jahre im Unternehmen bleiben und es dann aber wieder verlassen. In Amerika ist das noch massiver, da bleiben die jungen Leute höchstens zwei Jahre im selben Betrieb. So ist es nun mal in

unserer mobilen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Familienbetriebe hingegen haben nach wie vor einen verhältnismäßig stabilen Mitarbeiterstamm, manche Angestellte verbringen ihr halbes Leben in einem einzigen Betrieb.“ In der Vergangenheit hat sich jedoch immer wieder gezeigt, dass sich ein langer Atem auszahlt: Unternehmen, die ihre Ziele langfristig anlegen, können sich dauerhaft am Markt halten und überstehen meist auch tiefere Krisen. Mark Esposito rät Firmen deshalb, komplexer zu denken und mehrere Gewinnstrategien gleichzeitig zu verfolgen. „Der Erfolg liegt in der Kombination von lang angelegten, mittelfristigen und kurzfristigen Zielen“, so der Experte. Projekte, die in fünf bis sechs Jahren Gewinn abwerfen, brächten nachweislich die besten Ergebnisse. Drei-Jahres-Projekte seien dagegen übersichtlich und führten immerhin noch zu besseren Erfolgen als kurzfristig angestrebte Ziele. Mit diesen aber ließe sich wiederum das schnelle Geld machen. „Wir neigen dazu, Dinge vereinfachen zu wollen“, sagt Mark Esposito, „dabei ist doch unsere ganze Welt komplex aufgebaut.“

sabinE knaak Sabine Knaak, MSc, ist Inhaberin der Kommunikationsagentur „Schlank kommunizieren“ in Bochum. 2011 absolvierte sie das Fernstudium „Communications Master of Science“ an der Donau-Universität Krems mit Auszeichnung. In ihrer Master-These erforschte sie die Motivation mittlerer Manager, die Unternehmensleitwerte umzusetzen. Knaak hat langjährige Erfahrung in der Unternehmenskommunikation.

Buchtipps und Links Achim Kinter, Ulrich Ott, Eliza Manolagas: Führungskräfte­ kommunikation: Grundlagen, Instrumente, Erfolgsfaktoren. Das Umsetzungsbuch, Frankfurt am Main, 2009 Jean­Marcel Kobi: Die Balance im Management. Werte, Sinn und Effizienz in ein Gleichgewicht bringen. Wiesbaden, 2008 Mark Espositos Forschung und Lehre: www.mark­esposito.com Publikationen von Mark Esposito: www.amazon.com

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Ethik ist nur etwas für Super-Reiche Finanzkrise, Steueraffären, Korruption – was ist noch erlaubt, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Und hat unsere Wirtschaftselite überhaupt noch ein moralisches Gewissen? Fragen an den Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. Von Franziska Brettschneider

upgrade: Auf dem Gipfel des Erfolges ist nicht genug Platz für alle. Schafft es ein Unternehmen nur an die Spitze, wenn es die Moral über Bord wirft? Ulrich Thielemann: In einem weiteren Sinne könnte man dies so sehen. Der Gipfel des Erfolges wäre letztlich die Gewinnmaximierung. Wenn man alles daransetzt, dass die Gewinne langfristig für die Investoren so hoch wie möglich ausfallen, bliebe für moralische Überlegungen kein Platz mehr. Die ökonomische Theorie sieht es schon lange als selbstverständlich an, dass Unternehmen nicht bloß nach Gewinnen streben, sondern diese maximieren. Und in der Praxis sehen wir einen Trend zur ökonomischen Radikalisierung. Da wird jede Chance auf Kostensenkung genutzt – egal ob Mitarbeiter auf der Straße stehen oder der Druck auf die Arbeitnehmer zunimmt. upgrade: Sind Korruption und andere illegale Machenschaften Teil der radikalen Marktlogik, von der Sie sprechen? Thielemann: Korruption widerspricht letztlich der Logik einer „freien“ Marktwirtschaft. Denn hier wird keine echte Leistung erbracht, sondern eine Leistung verkauft, die dem „Verkäufer“, etwa einem bestechlichen Staatsangestellten, gar nicht gehört. Allerdings gerät der Gewinnmaximierer immer wieder in Versuchung, Korruption zu betreiben. Er unterlässt es nur dann, wenn er die Risiken als größer einschätzt als die Vorteile. upgrade: Besitzt unsere Wirtschaftselite denn keinerlei moralische Grundprinzipien?

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„in den lehrbüchern ist moral nicht vorgesehen.“

UlRich ThiElEmann PD Dr. Ulrich Thielemann ist Wirtschaftsethiker und Gründer der „MeM – Denkfabrik für Wirtschaftsethik“. Bis 2010 war er Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, wo er u.a. auch Philosophie lehrte. Der Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen, unter anderem an der Donau-Universität Krems.

Thielemann: Es wäre falsch, von „der“ Wirtschaftselite zu sprechen. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass in Führungsetagen auch Menschen mit Verantwortungsbewusstsein sitzen. Vielen Mittelständlern ist der ökonomische Radikalismus zuwider. Oder denken wir an Daniel Goeudevert, der zu Beginn der 1990er Jahre als Vorstandsmitglied der Volkswagen AG einen humanistischen Ansatz der Unternehmensführung verfolgte. Allerdings trennte VW sich schließlich von ihm. Aber es geht eben nicht nur um den Erfolg. Moral ist in den Standardlehrbüchern der Wirtschaftswissenschaften tatsächlich nicht vorgesehen. Oder allenfalls als ein Faktor, den man berücksichtigen muss, soweit es sich auszahlt. Der Homo oeconomicus hat kein Verständnis dafür, dass Korruption ethisch falsch ist, er besitzt kein Unrechtsbewusstsein. Er versteht nur, was für ihn vorteilhaft ist und was nicht – darin liegt die Radikalität und die Absurdität der „freien“ Marktwirtschaft, die von einer sozialen Marktwirtschaft streng zu unterscheiden ist. Die „Freiheit“, die hier gemeint ist, ist bloß die Erlaubnis zur radikalen Vorteilsmaximierung. Und übrigens, normale Menschen kennen das natürlich: ein Unrechtsbewusstsein. Doch besteht die Gefahr, dass der Ökonomismus ihnen dies austreibt. upgrade: Blenden die Entscheidungsträger in den Unternehmen ihr Unrechtsbewusstsein einfach aus, wenn die Chance besteht, durch krumme Geschäfte eine Absatzsteigerung zu erzielen? Thielemann: Es ist natürlich immer eine Fra-


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BUchTipp Ulrich Thielemann: System Error. Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt. Westend Verlag, Frankfurt 2009

Fotos: Katja Hoffmann

upgrade: Andererseits verlangen viele Konsumenten von den Unternehmen inzwischen, dass sie gewisse Werte achten und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen. Thielemann: Die Moralisierung der Märkte durch verantwortungsvollen Konsum ist eine gewichtige Kraft. Doch wenn es die Unternehmen nur tun, weil es verlangt wird, ist das Opportunismus. Dieser so genannte „Business Case“ ist ja heute gang und gäbe. Hierbei wird den „Erwartungen“ der Stakeholder nur dann entsprochen, wenn es sich für die Unternehmen selbst auszahlt. So kann es passieren, dass sich ein Unternehmen einerseits mit Nachdruck für die Umwelt starkmacht, gleichzeitig aber Zigtausende Mitarbeiter entlässt, um die Rentabilität zu steigern. Problematisch ist auch der Trend hin zu einer Art Premium-Ethik. Premium-Hersteller, beispielsweise in der Automobilbranche, beliefern weltweit die Wohlhabenden, die Gewinner des globalen Wettbewerbs. Sie sind damit in der privilegierten Situation, erstaunlich weit reichende Dinge in Sachen sozialer und ökologischer Verantwortung zu tun. ge, was als „krummes“ Geschäft verstanden wird. Dies ist manchmal klar, häufig jedoch nicht. Man muss bereits Verantwortungsbewusstsein mitbringen, um klären zu können, ob die eigenen Geschäftspraktiken verantwortungsvoll sind. Das Management heute ist aber zunehmend ökonomisch „verbildet“. Es werden deshalb immer mehr Stimmen laut, die sagen, das wirtschaftswissenschaftliche Studium sei eine Art „Gehirnwäsche“. So etwa der Wissenschaftssoziologe Wolfgang Streeck, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, oder Fredmund Malik, Leiter des Management Zentrums St. Gallen. Den Studierenden in BWL und VWL wird die Botschaft vermittelt: ,Vernünftig ist, was sich rentiert.‘ So hat Max Frisch das Motto des Ökonomismus auf den Punkt gebracht. Es bedarf einer grundlegenden ethischen Erneuerung des Wirtschaftsstudiums.

„Die moralisierung der märkte durch verantwortungsvollen Konsum ist eine gewichtige Kraft.“

upgrade: Ist Ethik also ein Luxusartikel? Thielemann: Grundsätzlich natürlich nicht, aber letztlich läuft es darauf hinaus. Eigentlich müsste es darum gehen, eine sozial und ökologisch verantwortungsvolle Marktwirtschaft zu etablieren. Dies muss einerseits in den Köpfen geschehen: durch andere Ausbildung, verantwortungsvollen Konsum, mehr Sozialunternehmen. Man denke auch an die Erneuerung der Genossenschaftsbewegung. Genossenschaften sind immer eine Art Entthronung des Gewinns. Doch andererseits sind die globalen Marktkräfte einfach zu groß, als dass wir auf eine globale Regulierung verzichten könnten. Es darf nicht sein, dass der verantwortungsvolle Marktakteur im Wettbewerb der Dumme ist. www.mem-wirtschaftsethik.de/blog

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30 Gesundheit

Gute Besserung Gesundheit hat für viele Menschen einen fast schon religiösen Wert. In unserem Gesundheits­ system wird aber vor allem mit Krankheit Geld verdient. Diesen Widerspruch kann nur eine grundlegende Werteverschiebung weg von der Krankheit hin zur Gesundheit auflösen – eine Aufgabe, die Ärzte, Patienten und Politiker nur gemeinsam lösen können. Von Elisa Holz

Auf den Punkt gebracht

• Der hohe ideelle Stellenwert der Gesundheit spiegelt sich in unserem Gesundheitssystem nicht wider. Statt in Therapie müsste verstärkt in Prävention investiert werden.

• Im Gesundheitssystem

verfolgen untschiedliche Akteure unterschiedliche Interessen. Doch viele sind nicht dazu bereit, Macht abzugeben.

• Viele Patienten haben sich

mit ihrer Unmündigkeit abgefunden. Dabei haben sie auf ihre Gesundheit großen Einfluss und sollten ihre Passivität endlich aufgeben.

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as braucht der Mensch? Erfolg ist gut, Geld mitunter nützlich und Liebe auch sehr angenehm. Aber am allerwichtigsten ist die Gesundheit. Sie steht immer ganz oben auf der Wunschliste. Denn ohne Gesundheit wäre alles andere nicht so viel wert. Sie gilt als Voraussetzung für ein glückliches Leben. „Was nützet mir der Erde Geld? Kein kranker Mensch genießt die Welt!“, schrieb einst Johann Wolfgang von Goethe. Heute gehört es zum Allgemeinwissen, dass gute Gesundheit nicht nur ein Geschenk der Natur und schon gar keine Selbstverständlichkeit ist. Sie ist ein wertvolles Gut, das es zu erhalten und zu fördern gilt – für das Wohl des Einzelnen und der gesamten Gesellschaft. Der demografische Wandel hat dem ohnehin wachsenden Gesundheitsbewusstsein einen zusätzlichen Schub verliehen. Die Menschen legen immer mehr Wert darauf, auch im hohen Alter noch fit und gesund zu sein. Aber dieser hohe ideelle Stellenwert der Gesundheit spiegelt sich nicht im Gesundheitssystem eines Sozialstaats westeuropäischer Prägung wider. Denn in diesem System

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32 Gesundheit

bleibt der Gesunde weitgehend außen vor. Es greift nur im Krankheitsfall. Erst mit dem Besuch beim Arzt wird eine lange Wertschöpfungskette in Gang gesetzt. Von dieser profitieren viele, nicht immer aber der Patient. Eine passendere Bezeichnung für das Gesundheitssystem scheint deshalb eher Krankheitswesen zu sein. Überflüssiges weglassen InGrId ZechmeIster-Koss Dr. Ingrid Zechmeister-Koss ist Ressortleiterin für Gesundheitsökonomie am Ludwig Boltzmann Institut – Health Technology Assessment in Wien. Außerdem ist sie Lehrbeauftragte u.a. an der Donau-Universität Krems. Zechmeister-Koss begann ihre Karriere als biomedizinische Analytikerin, machte einen Abschluss in „Health Studies and Management“ in Brighton (GB) und war in diversen Forschungsprojekten an der Wirtschaftsuniversität Wien mit dem Schwerpunkt Gesundheitsökonomie und -politik tätig.

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„In diesem System wird viel Geld mit Krankheit verdient“, bestätigt Ingrid ZechmeisterKoss die widersinnige Situation. Sie ist Ressortleiterin für Gesundheitsökonomie beim Ludwig Boltzmann Institut in Wien. Das Institut berät Entscheider wie Träger von Krankenhäusern, Sozialversicherungsvertreter oder Gesundheitspolitiker. Es sieht sich als unabhängige Instanz, die für einen effizienteren Einsatz von Ressourcen im Gesundheitswesen arbeitet. Die Wissenschaftler evaluieren Methoden und Medikamente. Dabei geht es darum, „das Überflüssige wegzulassen“, wie Zechmeister-Koss erklärt, und die so erzielten Einsparungen an anderer Stelle sinnvoll einzusetzen. Was an der Basis durchaus gelingen kann, scheint im großen Ganzen ein Ding der Unmöglichkeit. Eine grundlegende Reform der Finanzierungsstrukturen ist nicht in Sicht. „Ich bin frustriert, man sieht keinen wirklichen Fortschritt“, gibt Zechmeister-Koss zu. Denn das Gesundheitswesen in Österreich wie in Deutschland wird bestimmt von einer Vielzahl von Akteuren, die unterschiedliche und mitunter sogar widersprüchliche Interessen verfolgen. Deren Bereitschaft, die herrschenden Strukturen aufzubrechen, ist

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trotz jahrelanger Bemühungen nicht besonders hoch. „Jeder beharrt auf seinem Interesse und keiner ist bereit, Macht abzugeben“, analysiert die Gesundheitsökonomin. Eine Tatsache, die im Geflecht von Akteuren, Zuständigkeiten und Regeln begründet ist. Deshalb wird das System immer als über die Maßen kompliziert und undurchsichtig kritisiert. Ein kurzer Überblick: Da ist zunächst der Staat – der Bund und seine Länder –, dem im Rahmen der Daseinsvorsorge die Gesundheit seiner Bürger obliegt. Er soll die politischen Rahmenbedingungen schaffen, um die Gesellschaft gesund zu erhalten. Die Bürger ihrerseits sehen Gesundheit primär als eine staatliche Aufgabe. Als Patienten wollen sie im Krankheitsfall bestmöglich versorgt sein. Schließlich zahlen sie jeden Monat Geld in die Krankenversicherung. Die Krankenversicherungen sind es, welche die monatlichen Beiträge der Bürger und staatliche Gelder verwalten und verteilen – eine Instanz, die gefühlt über Wohl und Wehe entscheiden kann. Für die Versicherungen selbst ist Krankheit primär ein enormer Kostenfaktor. Das Geld wird für den Laien kaum nachvollziehbar ver- und umverteilt. So fließt es beispielsweise an diejenigen Akteure, die Gesundheit wiederherstellen sollen – allen voran die Ärzte. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit, Krankheiten zu heilen. Dazu benötigen sie Hilfsmittel in Form von Medikamenten oder medizinischen Gerätschaften. Hier kommt die pharmakolo-

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gische, bio-technologische und medizinischtechnische Industrie ins Spiel, die möglichst viele ihrer Produkte mit möglichst hohem Gewinn an den Mann und die Frau bringen will. Diese Unternehmen suchen Einfluss mit schlagkräftigen Lobbys. Ihr Ziel ist es, möglichst viel Geld zu verdienen. sozialprinzip und marktwirtschaft

Fotos: privat, fotolia/Monkey Business, iStockphoto.com/David Gray

Im Zusammenspiel dieser Akteure sind Interessenkonflikte und Kollisionen unterschiedlicher Wertvorstellungen programmiert. Denn sie bewegen sich in einem System, das auf der einen Seite als beitragsfinanziertes soziales Sicherungssystem solidarischen Prinzipien folgt, auf der anderen Seite aber von marktwirtschaftlichen Mechanismen bestimmt ist. Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens ist schon weit fortgeschritten. Der Gesundheitsmarkt gilt als Wachstumsmarkt, der für die Volkswirtschaften großen Wert hat. Im Jahr 2009 wurden, laut Bundesgesundheitsministerium, in Deutschland 278 Milliarden Euro im Bereich Gesundheit ausgegeben. Das entspricht 11,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. In Österreich waren es im gleichen Jahr 30,3 Milliarden, was wie im Nachbarland etwa elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Und der Gesundheitsmarkt wächst – trotz der Wirtschaftskrise. Die Wirtschaftskammer in Österreich schätzt, dass sich die Ausgaben für Gesundheit bis zum Jahr 2020 verdoppeln werden. Ähnlich wird die Entwicklung in Deutschland verlaufen. In einer groß angelegten Studie der Unternehmensberatung Roland Berger werden die Ausgaben in acht Jahren insgesamt auf 453 Milliarden Euro geschätzt. Aber die steigenden Kosten – unter denen Staat, Beitragszahler und Kassen ächzen – haben auch eine positive Kehrseite. Der Gesundheitsmarkt gilt als ein relativ krisensicherer Jobmotor. Allein in Österreich sind 200.000 Menschen im Gesundheitssektor beschäftigt. Außerdem ist dieser ein prestigeträchtiges Spielfeld für Forschung und Innovation. Pharmaprodukte und moderne Medizintechnik sind Exportschlager und Wachstumssparten von Weltkonzernen wie Siemens. Und seit einigen Jahren wächst

auch ein so genannter zweiter Gesundheitsmarkt heran. Dieser bietet medizinische Produkte und Dienstleistungen, die gesundheitsbewusste Konsumenten aus eigener Tasche bezahlen. Dazu gehören der YogaKurs und das Wellness-Wochenende genauso wie Nahrungsergänzungsmittel aus der Drogerie. Auch dieser Bereich wird weiterwachsen – getrieben vom demografischen Wandel und steigenden Gesundheitsbewusstsein. Schätzungen rechnen mit sechs Prozent pro Jahr. Keine Frage, Gesundheit ist ein lohnendes Geschäft. Aber wächst neben dem Markt auch die Gesundheit der Menschen?

Sie machen Medizin menschlich: Mitarbeiter in der Gesundheits­ branche

Prävention statt therapie „Gesundheit lässt sich nicht kaufen, aber sehr gut verkaufen“, schreibt der Schweizer Gesundheitsökonom Gerhard Kocher. Wäre Gesundheit tatsächlich käuflich, dann wären den Akteuren im Gesundheitssystem die Möglichkeiten, ihre Gesundheit zu erhalten, mehr wert. Prävention statt Therapie gewissermaßen. Für viele Wissenschaftler und Mediziner wäre dieser Wertewandel weg von der Fixierung auf Krankheiten, hin zum bewussten Umgang mit und dem Erhalt von Gesundheit die Lösung für die grundlegenden Probleme des Gesundheitssystems.

Ein Innovationsmotor, aber vielen zu teuer: die Pharma­ forschung

Dabei geht es nicht nur um Bewusstseinswandel, auch ökonomische Überlegungen lassen diesen Paradigmenwechsel sinnvoll erscheinen. Denn wer in Gesundheit investiert, spart sich langfristig die enormen Kosten, die eine umfassende Behandlung von Krankheit verursacht und die die Allgemeinheit tragen muss. „Das System soll es belohnen, wenn Gesundheit erhalten oder erreicht wird“, schlägt Ingrid Zechmeister-Koss vor. Doch ist dieser Wertewandel nach allgemeiner Auffassung mit den verkrusteten Strukturen des bestehenden Systems nur schwerlich herbeizuführen. Was tun? In dieser Situation gerät der Einzelne wieder in den Fokus. Jeder und jede soll Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen und sich nicht fügen. Der Patient muss sich aus seiner systembedingten Unmündigkeit befreien. „Der Einzelne sollte zu mehr Autonomie erzogen werden“, fordert zum Beispiel Kurt Becker. Seit über

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Kurt BecKer Prof. Dr. Kurt Becker ist als Ingenieur und technischer Informatiker seit 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Seit 2008 ist er Vorstand der promedtheus AG, Professor für IT-Management und Studiengangsleiter Gesundheitstechnologiemanagement an der Apollon Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen. Becker ist Gründer und Geschäftsführer der Synagon GmbH. Seine Schwerpunkte sind Gesundheitstechnologiemanagement, Medizintechnik, Gesundheitsinformationssysteme, Gesundheitstelematik und E-Health.

20 Jahren berät er Gesundheitseinrichtungen in Sachen Informationstechnologie und hat in dieser Zeit seine Auffassung zum Thema Gesundheit stark geändert. Zwar könne man mittels Technologie sehr wohl effizienter heilen, Kosten sparen und die Qualität der Versorgung gerade im Bereich Diagnostik maßgeblich verbessern. Auf der anderen Seite steige mit der Vielzahl der technischen Möglichkeiten aber das Risiko von Systemfehlern, die sich dann wieder negativ auf die Gesundheit des Patienten auswirken können. Insofern sei zukünftig ein ganzheitliches Gesundheitstechnologiemanagement im Einklang mit den natürlichen biologischen Körperfunktionen notwendig. Für Becker ist Gesundheit heute ohnehin nur mehr ganzheitlich und in einem sozialen Kontext zu begreifen. „Wir sind eben blind für die Ursachen von Krankheit“, konstatiert er. Gesundheit bekomme man aber nicht beim Arzt. Sie sei vielmehr das Resultat eines gesunden Körpers und eines regen Geistes. Und für einen gesunden Lebenswandel sei jeder selbst verantwortlich. Eigentlich keine neue Erkenntnis: „Wer nicht jeden Tag etwas für die Gesundheit aufbringt, muss irgendwann viel

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Zeit für die Krankheit opfern“, so hat es der Gesundheitsapostel Sebastian Kneipp schon im 19. Jahrhundert erklärt. Doch die Menschen haben diese Eigenverantwortung an das Gesundheitssystem abgegeben, stellt Becker fest. Damit die Menschen aber Eigenverantwortung übernehmen können und Gesundheit nicht nur theoretisch, sondern auch in der alltäglichen Praxis wertschätzen, müssen sie entsprechend informiert und aufgeklärt werden, ist der Informationsfachmann Becker überzeugt. Gerade in diesem Bereich tut sich viel. „Das Informationsgefälle vermindert sich“, hat Becker beobachtet. Das ist auch ein Verdienst des Internets. Gerechtigkeit ist gesund Dennoch ist die Politik als ordnende Instanz weiterhin gefragt. Denn Gesundheit und ein Bewusstsein für ihren Wert gehen einher mit sozialer Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Bildung. Ohne die sozialpolitischen Rahmenbedingungen kann ein Mensch nur schwerlich sein Verhalten ändern und Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen, ist Ingrid Zechmeister-Koss überzeugt. Sie spricht in diesem Zusammenhang


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von „Verhältnis- statt Verhaltensprävention“. So ist wissenschaftlich bewiesen, dass Gesellschaften, in denen die Schere zwischen Arm und Reich stark auseinandergeht, im Wortsinn eher kränkeln.

Fotos: privat, fotolia/Kzenon, Irmgard Geelen

Doch diese Entwicklung ist auch in den reichen westeuropäischen Staaten nicht von der Hand zu weisen. Trotz eines im internationalen Vergleich hochwertigen Versorgungssystems ist inzwischen häufig die Rede von einer Zwei-Klassen-Medizin und einer schleichenden Erosion des Solidarprinzips. Es gibt immer mehr Menschen, die sich keine Krankenversicherung mehr leisten können – auch ein Resultat der zunehmenden Ökonomisierung des Systems. „Der Mensch fällt hinten runter, während die Politik dem Dilemma des Systems mit den Mitteln des Markts beikommen will“, sagt Wolfram-Arnim Candidus. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Patienten und Versicherte. Der gemeinnützige Verein möchte dem schwächsten Glied im System eine Stimme verleihen. Candidus beschäftigt sich schon seit 50 Jahren mit dem deutschen Gesundheitssystem. Seine Hoffnung in die Gestaltungsmacht der Politik und ihren Willen zur Reform ist in all den Jahren zusehends geschwunden. Aber auch auf die Empörung der Patienten und Versicherten will er nicht mehr zählen. „Die Bürger haben sich selbst für blöd erklärt“, so seine desillusionierte Einschätzung. Doch obwohl es „zehn vor zwölf“ sei, will er weiterkämpfen. So wird der Verein demnächst auf „Allianz pro Gesundheit“

umgetauft. Unter seinem Dach sollen sich engagierte Patienten, Ärzte und Versicherungsfachleute versammeln und endlich an einem Strang ziehen. „Ganzheitlich und ohne Interessenkonflikte“, so hofft er. Die momentane Wirtschaftskrise könnte dabei ungewollt Schützenhilfe leisten. Denn der finanzielle Druck zwingt zumindest Staat und Krankenversicherungen zum Umdenken. Die Krise als Chance? Vielleicht gelingt es so, den gordischen Knoten aus Interessenverflechtungen zu durchschlagen und der Gesundheit auch ökonomisch den Wert zuzubilligen, den sie ideell längst hat. Literatur uND LiNks Eugen Hauke, Elke Holzer, Guido Offermanns (Hg.): Patientenperspektive. Ein neuer Ansatz für die Weiterentwicklung des Gesundheits­ systems. Facultas Verlag, Wien 2012 Leonhard Haje, Holger Paetow, Harald Schumacher: Gesundheitsökonomie. Strukturen – Methoden – Praxisbeispiele, Kohlhammer, Stuttgart 2011 Alexander Dietz: Gerechte Gesundheits­ reform? Ressourcenvergabe in der Medizin aus ethischer Perspektive. Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2011

Wolfram-arnIm candIdus Wolfram-Arnim Candidus ist seit 2006 Präsident der gemeinnützigen, unabhängigen Bürgerinitiative Gesundheit DGVP e.V. und als solcher die Stimme der Patienten im deutschen Gesundheitswesen. In diesem bewegt er sich bereits seit 1958. 25 Jahre lang war Candidus Manager und Geschäftsführer von nationalen und internationalen Konzernen der MedikalprodukteIndustrie. Danach war er 20 Jahre lang freiberuflicher Management Consultant im Gesundheitssystem.

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36 Was Forschen sie?

Theorie und Praxis Grundstücke, Gebäude, Anlagen, Maschinen, Installationen und Infrastrukturen heißen im Englischen „Facilities“. Unternehmen betrachten sie als strategische Ressourcen und verstehen ihre Bewirtschaftung als umfassenden Prozess über die gesamte Lebensdauer. Das Zentrum für Facility Management und Sicherheit der Donau-Universität Krems befasst sich mit ganzheitlichen Aufgaben in transdisziplinärer Forschung und Lehre und analysiert das Agieren, Reagieren und Interagieren in Gebäudestrukturen im systemischen Zusammenhang. Vermittelt werden Grundlagen und Werkzeuge nachhaltiger Immobilienentwicklung sowie das lebenszyklusorientierte Immobilienund Baumanagement. Zielgruppen sind Immobilienentwickler, Makler, Architekten, Mitarbeiter von Bauunternehmen und Gebäudeverwaltungen sowie Manager zukunftweisender Bauvorhaben. www.donau-uni.ac.at/dbu

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Das leben der Häuser Helmut Floegl ist Experte für Facility Management an der Donau-Universität Krems. Er berechnet die Kosten von Gebäuden über ihren gesamten Lebenszyklus. Dafür hat er ein Berechnungsmodell entwickelt und es in einem kompakten Computerprogramm umgesetzt. Von Jan Esche

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ir leben mit unseren Häusern, aber die Häuser leben auch mit uns. Dass Häuser so etwas wie ein Eigenleben führen, dass sie einen Lebenszyklus haben, eine Jugend und ein Alter, dass Häuser Lebensspuren tragen, die von den Beziehungen ihrer Bewohner zum Gemäuer, von Wertschätzung, Stolz oder Gleichgültigkeit erzählen – das bedenken wir nur selten. Dabei befassen sich sogar Wissenschaftler inzwischen mit dem Lebenszyklus von Häusern.

Foto: Donau-Universität Krems/Reischer

Gebäude sollen ihren Bewohnern dienen Die Wissenschaftler möchten wissen, wie wir unsere Gebäude in den nächsten Jahrzehnten nutzen und betreiben sollten. Wie fangen wir die Ressourcenverknappung auf? Wie dämmen wir die Kosten ein? Wie erhöhen wir die Wohnqualität und die Betriebssicherheit? „Gebäude und Liegenschaften sind nachhaltig, wenn sie dem Bedarf der heutigen Nutzer entsprechen, ohne die Möglichkeiten ihrer Nachfolger zu gefährden. Die Häuser sollten die Bedürfnisse der Menschen erfüllen und ihnen ihre Art der Nutzung erlauben“, sagt Helmut Floegl, Leiter des Zentrums für Facility Management und Sicherheit an der Donau-Universität Krems. Nachhaltige Gebäude definieren sich also über die Menschen und nicht über ihren Energie- oder CO2-Verbrauch. Gebäude und Liegenschaften dürfen die zukünftige Wirtschaftlichkeit nicht einschränken. „Entscheidend ist, ein Bewusstsein für zukunftsfä-

higes Nutzen und Betreiben von Gebäuden zu schaffen“, glaubt Floegl. „Die alte Frage ,Was ist billiger, besser, schneller, und zwar sofort?‘ wird abgelöst durch eine neue Haltung: Wir bedenken bei allen Handlungen kurzfristige, mittelfristige und langfristige Auswirkungen mit dem Ziel, unsere derzeitigen Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft zu bewahren.“

Helmut FloeGl DI Dr. Helmut Floegl leitet das Zentrum für Facility Management und Sicherheit der Donau-Universität Krems. Sein Programm zur Berechnung der Lebenszykluskosten trägt den Namen LEKOS.

Helmut Floegl ist ein agiler und umtriebiger Mann. Er arbeitet wie ein moderner Büronomade, wann und wo es sinnvoll ist. Am liebsten von Mensch zu Mensch, in den Teams der Donau-Universität Krems, mit seinen Forschungskollegen, den Studierenden, mit Praktikern, im Normungswesen. Auch in zahlreichen Informations- und Kommunikationsräumen des Internets ist er aktiv. Floegl hat berechnet, dass unsere Gebäude kurzlebiger und in ihren Folgekosten teurer werden. In den 60er und 70er Jahren errichtete Gebäude sind heute oft schon am Ende ihres Lebenszyklus angelangt. Diese Entwicklung hält bis heute an. Um die Jahrtausendwende herum errichtete Gebäude werden je nach Bauart eine wirtschaftliche Lebensdauer von nur 20 bis 30 Jahren haben. Floegl: „Wir müssen diesen Trend umkehren. Gebäude werden immer noch so geplant und gebaut, dass sie möglichst niedrige Errichtungskosten haben. Entscheidend für ökonomisch nachhaltige Gebäude ist es jedoch, dass die Menschen die entstehenden Kosten dauerhaft zahlen können.“

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38 Was Forschen sie?

Sieht gut aus, kann aber teuer werden: Architekten müssen schon beim Entwurf an die Folgekosten denken – etwa an die Reinigung der Glasfassaden und an die zusätzliche Kühlung des Gebäudes.

punkt der Planung interessant. Welche Kosten entstehen durch Verwaltung, Betrieb, Reinigung, Sicherheit, Gebäudedienste, Instandsetzung, Umbau und Entsorgung?

„Schon bei der Planung lassen sich Kostentreiber identifizieren. Dafür müssen wir errichtung, Pflege, entsorgung und Instandsetzung berücksichtigen.“

Floegl will möglichst früh im Planungsprozess eines Gebäudes den Entwurf auf die Lebenszykluskosten hin ausrichten. „Kostentreiber lassen sich frühzeitig identifizieren. Planungsvarianten kann man optimieren, wenn man die vier großen Kostenblöcke analysiert: Errichtung, Reinigung und Pflege, Ver- und Entsorgung sowie Instandsetzung. Bei Gewerbeimmobilien betrachtet man einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren.“ Der markt bestimmt den Wert Wirtschaftlichkeit bedeutet, dass der langfristige Ertrag höher ist als die langfristigen Kosten. Sie ergibt sich aus den Erlösen aus Vermietung, Verpachtung, der monetär bewerteten Eigennutzung und den Lebenszykluskosten. Die Erlöse werden typischerweise vom Markt bestimmt, der die Lage, die spezifische Nutzbarkeit, den Pflegezustand der Immobilie, die umgebende Infrastruktur und die wirtschaftliche Situation am Standort für die Preisbildung berücksichtigt. Lebenszykluskostenberechnungen sind für Bauherren zu einem möglichst frühen Zeit-

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Helmut Floegl hat ein Programm für derartige Prognosen geschrieben. Er leitete das Forschungsprojekt „Lebenszyklus von Gebäuden“, in dem das Lebenszykluskostenmodell LEKOS entstand. Dieses Forschungsprojekt wurde in der Forschungsinitiative „Nachhaltig massiv“ vom Haus der Zukunft und dem Fachverband Steine Keramik gefördert. Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt lieferten die entscheidende Basis für die neue Folgekostenstruktur der ÖNORM B1801-1 „Bauprojekt- und Objektmanagement, Objekt Folgekosten“. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts stießen auf ein unerwartet hohes Interesse. In einer Kooperation der Donau-Universität Krems mit dem Softwarehaus ABK ib-data entstand unter der Leitung von Helmut Floegl und Monika Ilg daraus das Lebenszykluskostenprogramm ABK LEKOS. Es führt das LEKOS-Modell der Donau-Universität Krems und die Baumanagementsoftware ABK zusammen. Damit können die hohen Anforderungen an die Bedienbarkeit im intensiven Praxiseinsatz erfüllt werden. LEKOS ist ein Ursachen-Wirkungs-Modell, das den Zusammenhang von Gebäudeeigenschaften, Ausstattung, Investitionen und Betriebskosten herstellt. Daraus werden die Lebenszykluskosten errechnet und verringert. Allen Beteiligten steht nun erstmals ein praxistaugliches Softwaretool für die frühe Planungsphase zur Verfügung. Damit gibt es zwischen nachhaltigen Bauprojekten und nachhaltiger Gebäudenutzung keinen Widerspruch mehr. Eine gelungene Symbiose aus Wissenschaft und Wirtschaft.


expertenmeinungen 39

„Die technik ist für die nutzer da. Sie sollte einfach sein.“ Dr. Susanne Geissler, Expertin für Nachhaltiges Bauen, will eine bessere EnergieEffizienz erreichen, indem sie erneuerbare Energien und nachwachsende, ökologische Rohstoffe verwendet. Geissler setzt sich dafür ein, dass die Bedürfnisse der Nutzer stärker berücksichtigt werden, ohne dass die Kosten im Vergleich zur konventionellen Bauweise steigen. „Wir brauchen die sektorübergreifende Optimierung von Gebäuden, Industrie, Verkehr, Energie- und Wasserversorgung, Abwasser- und Abfallentsorgung. Dadurch erschließen wir brachliegende Energie- und Kostensparpotenziale.“ Allerdings mache der Rebound-Effekt technische Effizienzsteigerungen häufig wieder zunichte. Ein Beispiel für den Rebound-Effekt: Wir haben zwar effizientere Heizungen, verbrauchen aber trotzdem mehr Energie, weil wir die Raumtemperatur erhöhen. „Aber nicht die Nutzer sollen sich der Technik anpassen, die Technik ist für die Nutzer da: Sie soll möglichst einfach und robust in

der Anwendung sein und energiesparendes Verhalten unterstützen.“ Für Susanne Geissler ist die Berechnung der Lebenszykluskosten schon in der Planungsphase entscheidend. „Glasfassaden können hohe Kosten für Reinigung oder Kühlung verursachen. Ziel ist es also, material- und entwurfsbedingte Folgekosten zu benennen.“ Wichtig ist, dass die Entscheidungen transparenter werden. Denn die zukünftigen Betriebskosten hängen oft von schwer vorhersehbaren Faktoren ab: den Energiepreisen, den Zinsen und CO2-Abgaben etwa. Hilfreich ist ein Wirkungsmodell, das Investitionskosten, Gebäudeeigenschaften und zu erwartende Betriebskosten auswertet. „Die Genauigkeit der Berechnungen hängt von der Qualität der Daten ab. Die Prognose für innovative Gebäude ist besonders schwierig, da diese auf Daten von Gebäuden mit einem anderen technischen Standard beruht.“

SuSanne GeISSler Dr. Susanne Geissler ist Geschäftsführerin der österreichischen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen und Expertin für solare Niedrigenergie-Bauweise sowie für Passivhaus-Konzepte.

www.umwelt-bauen.at

Fotos: Rhomberg/Andorfer, privat

„nachhaltige entwicklung muss auch wirtschaftlich sein.“ Auch die Baubranche hat die soziale Verantwortung für ihr Handeln (Corporate Social Responsibility) übernommen. Diese führt konsequent zu nachhaltigen Gebäuden. Rainer Stempkowski ist Referent für Baumanagement an der Donau-Universität Krems. Er forscht zum „Life Cycle Management“: Jede Handlung und Entscheidung wird unter Berücksichtigung ihrer Folgen für die Nachhaltigkeit analysiert und getroffen. In einem neuen fachübergreifenden, ganzheitlichen Managementansatz wird Nachhaltigkeit in Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft verfolgt. Nachhaltige Entwicklung muss aber auch wirtschaftlich sein. Deshalb betrachtet Stempkowski das Kostenmanagement in allen Projektphasen. Der Fachbegriff dafür heißt „Life Cycle Costings (LCC)“. Diese Lebenszykluskosten bilden zusammen mit den Investitionen die Grundlage für eine

ökonomische Steuerung. Die LCC-Analysen für unterschiedliche Projektvarianten müssen laufend durchgeführt werden. Nachhaltige Planung berücksichtigt das Know-how des Facility Managements aus der Betriebsphase bereits bei der ersten Projektentwicklung. Von Beginn der Planung an werden alle Bereiche mit besonders hohen Folgekosten technisch optimiert. Einer strengen Prüfung unterzogen werden Heizen und Kühlen, die Instandhaltung technischer Systeme, die Instandsetzung der Oberflächen und auch die Reinigung des Gebäudes. Das fächerübergreifende, ganzheitliche „Life Cycle Management“ stellt sicher, dass die Idee von Nachhaltigkeit nicht nur entwickelt, sondern auch verwirklicht wird.

raIner StemPKoWSKI FH-Prof. DI Dr. Rainer Stempkowski ist wissenschaftlicher Leiter des Studiengangs LCM-Bau an der Donau-Uni Krems und Geschäftsführer von „Stempkowski“, einem Unternehmen für Baumanagement und -beratung.

www.stempkowski.at www.donau-uni.ac.at/dbu/lcm-bau

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40 REligion und migRation

Sag mir, was du glaubst Darf eine islamische Lehrerin im christlichen Europa ein Kopftuch tragen? Darf ein islamischer Schüler in einer deutschen Schule öffentlich beten? Seit Jahren begleiten derartige Konflikte die Integrationsdebatte. Freiheit und Toleranz reiben sich an dem Wunsch vieler Migranten, ihre mitgebrachten Werte weiterzuleben. Eine zentrale Rolle spielt die Religion. Zwei Wissenschaftler suchen nach Wegen der Verständigung. Von Stephanie Schmidt

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Fotos: iStockphoto.com/Muammer Mujdat Uzel, Andrew Rich Murali Nath, Aman Khan; gettyimages/Stockbyte, mauritius images/Uwe Umst채tter

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42 REligion und migRation

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ErnSt FürlingEr Der Religionswissenschaftler Dr. Ernst Fürlinger leitet das Zentrum für Religion und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. Er ist zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lektor am Institut für Religionswissenschaft der Uni Wien. Ernst Fürlinger beschäftigt sich aktuell im Rahmen eines Projekts des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) mit der empirischen Religionsforschung zu MoscheebauKonflikten in Österreich.

ft sind es ähnliche Situationen, die einen Mediator erfordern – zum Beispiel, wenn ein Migrant im Krankenhaus behandelt wird und seine Angehörigen dort die ganze Nacht kampieren wollen, um ihm Beistand zu leisten. Wie fragil das Zusammentreffen von islamischen und europäischen Traditionen ist, hat auch der Kopftuch-Streit gezeigt. Viele Europäer empfinden das Kopftuch als Symbol für die Diskriminierung der Frau, überzeugte Anhänger pochen hingegen auf die Gebote des Koran. Nach einer Serie von Gerichtsverfahren ist es inzwischen Lehrerinnen in acht deutschen Bundesländern untersagt, im Unterricht ein Kopftuch zu tragen. Frankreich hat ein grundsätzliches Kopftuch-Verbot für Pädagoginnen eingeführt. In Österreich gibt es kein Verbot, aber immer wieder Debatten zu dem Thema. Fasten und Pilgern Interkulturelle Konflikte werden durch ein destruktives Schwarz-Weiß-Denken vertieft. Im öffentlichen Diskurs zum Thema „Europäische Werte“ werde oft ein fundamentaler Gegensatz zwischen Christentum und Islam konstruiert, der gar nicht existiere, sagt der Religionswissenschaftler Ernst Fürlinger. „Wir sollten die Debatte über die ,Werte des christlichen Europa‘ weniger als Form der Abgrenzung gegenüber dem Islam führen und stärker die Gemeinsamkeiten von Islam und Christentum betrachten, ohne die Unterschiede zu ignorieren“, schlägt Fürlinger vor. Der katholische Theologe leitet das Zentrum für Religion und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. „Beide Weltreligionen gehören zu den monotheistischen Traditionen. Beide Religionen sind seit 1400 Jahren in einem ständigen Austauschprozess, beide teilen viele Werte: Gerechtigkeit, die Sorge um die Armen oder das Prinzip der Gastfreundschaft. Beide teilen religiöse Praktiken wie das Fasten und die Pilgerschaft“, betont Fürlinger. Er kritisiert, dass einige muslimische Funktionäre und Organisationen eine orthodoxe, sich abkapselnde Form des Islam förderten. Dadurch vertiefe sich das Misstrauen der Europäer gegenüber dem Islam. Hier gegenzusteuern, sei eine Aufgabe der Bildungsinstitutionen. Deshalb hat die Donau-Universität

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Krems den berufsbegleitenden Studiengang „Islam und Migrationen in Europa“ entwickelt, der im Herbst 2010 startete. Er befasst sich mit Fragen des multireligiösen Zusammenlebens in Westeuropa. Muslime verschiedener Richtungen und Nichtmuslime studieren gemeinsam – in vier Semestern werden sie zum Akademischen Experten oder in sechs Semestern zum Master of Advanced Studies (MAS) ausgebildet. In dem Lehrgang geht es auch um eine Klärung des Begriffs „Integration“: Ist damit die Anpassung einer Minderheit an die Mehrheitskultur im Nationalstaat gemeint – und zugleich das Aufgeben der eigenen kulturellen, sprachlichen und religiösen Traditionen? Oder ist mit „Integration“ die Akkomodation von Minderheiten an den Rechtsstaat und die säkulare Demokratie gemeint, während sie weiterhin ihre mitgebrachten Werte leben? Fürlinger, der den Lehrgang leitet, setzt sich für mehr Sorgfalt und Sensibilität im Umgang mit dem Begriff ein. Ihm missfällt in den öffentlichen Debatten über die Muslime, „dass man ,Integration‘ sagt und damit meint, dass das Fremde aus der postulierten nationalen Einheit verschwinden soll“. Im Dienst eines besseren Miteinanders hält er den interkulturellen Dialog für sehr wichtig. „Deshalb gehören auch Besuche islamischer Institutionen, Gespräche mit Muslimen und eine Exkursion nach Sarajewo zu unserem Lehrgang“, erklärt der Religionswissenschaftler. Yunus möchte in der Schule beten Welche Rolle die Religion bei Wertekonflikten spielen kann, zeigt der Fall des Berliner Gymnasiasten Yunus M. Dieser darf nicht mehr im Schulflur beten, entschied das Bundesverwaltungsgericht Leipzig Ende 2011 nach einem mehrjährigen Rechtsstreit. Der Muslim hatte auf seine „Glaubensfreiheit“ gepocht. Die Richter befanden hingegen, die öffentlichen Gebete würden den Schulfrieden stören. An dem Fall entzündete sich eine Debatte, wo die Grenze zwischen Religionsausübung und religiöser Demonstration zu ziehen sei. Allerdings lässt sich gerade an Schulen in Sachen Verständigung viel bewegen. Das bestätigt Reinhild Traitler-Espiritu, die sich für


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rEinhild traitlErESPiritu

die Begegnung verschiedener Kulturen und für die Förderung von Frauen engagiert. Die gebürtige Wienerin, die heute in Zürich lebt, ist Mitbegründerin des European Project for Interreligious Learning (EPIL), das im Jahr 2002 startete. Der zweijährige Lehrgang bringt muslimische und christliche Frauen an sechs verschiedenen Studienorten zusammen; er soll ihre Kompetenz fördern, einerseits zwischen verschiedenen Wertesystemen zu vermitteln und andererseits das Durchsetzungsvermögen von Frauen stärken.

Fotos: privat, gettyimages/Digital Vision, Barbara Robra

gemeinsam türkisches Brot backen So organisierte eine Absolventin, die in der Schweiz als Lehrerin arbeitet, an ihrer Schule ein interreligiöses Festival. Dort lernen mehr als zehn verschiedene Nationalitäten gemeinsam. „Die Kinder haben einander gezeigt, was in ihren Kulturen wichtig ist. Das waren Lieder, die sie gemeinsam gesungen haben, oder sie haben gemeinsam Brot nach einem türkischen Rezept gebacken. Das war wie eine Entdeckungsreise in verschiedene Kulturen. Es ging darum, die Perspektive zu wechseln und Toleranz zu entwickeln“, erklärt Traitler-Espiritu. Besonders gut fand sie, dass auch die Eltern in die Festival-Planung eingebunden waren.

Zwischen der EPIL-Koordinatorin und der Donau-Universität Krems gibt es einen fachlichen Austausch. „Wir überlegen, wie wir künftig verstärkt zusammenarbeiten können“, sagt Traitler-Espiritu. Die jüngste Teilnehmerin des laufenden EPIL-Kurses ist 21 Jahre, die älteste 72; sie arbeiten als Pädagoginnen, in sozialen Berufen, als Ärztinnen oder Journalistinnen. Auch im Lehrgang „Islam und Migrationen“ der Donau-Universität Krems gibt es einen lebendigen generationsübergreifenden Austausch über verschiedene Werte. Denn die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des laufenden Lehrgangs sind zwischen 25 und 65 Jahre alt und kommen aus ganz unterschiedlichen Berufssparten – sie sind zum Beispiel Richterin, Geschäftsfrau, Leiterin der kommunalen Integrationsstelle und islamische Religionslehrerin. „Der Lehrgang will einen Beitrag dazu leisten, dass sich ein Islam mit europäischem Gesicht weiterentwickelt, der völlig selbstverständlich in der demokratischen Kultur Europas verwurzelt ist“, resümiert Ernst Fürlinger dessen anspruchsvolles Ziel.

Studiengang „islam und Migrationen in Europa“ – www.donau-uni.ac.at/mig/islam

Dr. Reinhild Traitler-Espiritu entwickelte gemeinsam mit der Soziologin Teny Pirri-Simonian das Europäische Projekt für Interreligiöses Lernen (EPIL) und war am Evangelischen Tagungs- und Studienzentrum in Boldern bei Zürich tätig. Seit 2008 ist sie Mitglied des Interreligiösen Think-Tank Schweiz, seit 2010 Vorstandsmitglied der Interreligiösen Konferenz Europäischer Theologinnen (IKETH). Die Philologin und Autorin war viele Jahre Mitarbeiterin des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Literatur und Links Reinhild Traitler: „Die Stärke der Frauen ist, es trotzdem zu tun“. Über das Europäische Projekt für Interreligiöses Lernen. Argument 287, 2010 Andreas Renz, Mohammad Gharaibeh, Anja Middelbeck-Varwick, Bülent Ucar (Hg.): Der stets größere Gott. Gottesvorstellungen in Christentum und Islam. Pustet, Regensburg 2012 Stefan Weidner: Aufbruch in die Vernunft. Islamdebatten und islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen. Dietz Verlag, Bonn 2011

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44 InternatIonale KooperatIonen

Werden Sie doch Uni-Manager! Im Sommer 2012 startet an der Donau-Universität Krems erstmals ein Erasmus-Mundus-Masterstudiengang für Führungskräfte in Hochschulen. Partner der Weiterbildungsuniversität sind dabei Finnland, China und Deutschland. Von Ingrid Ladner

International studieren und weltweit Netzwerke aufbauen: Als eine von nur drei Hochschulen in Österreich koordiniert die DonauUniversität Krems eines der erfolgreichsten europäischen Mobilitätsprogramme.

D

as internationale Austauschprogramm der Donau-Universität Krems setzt seine Schwerpunkte auf Management, Innovation und Forschung im Hochschulbereich. Der Master in „Research and Innovation in Higher Education“, kurz MARIHE, richtet sich damit an angehende Verantwortliche in Forschung und Innovation an Hochschulen. Auch das Management im Hochschulbetrieb ist Inhalt des Programms, für das die Kremser Weiter-

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bildungs-Uni 2011 den Zuschlag der Europäischen Kommission erhalten hat. Bereits kommenden August wird der Studiengang seinen Auftakt in Krems nehmen. Weltweiter Austausch Mit den Erasmus-Mundus-Programmen fördert die Europäische Union seit 2009 weltweit motivierte Akademiker und Akademikerinnen ab dem Bachelor. Für sie werden hochwertige und innovative Lehrgänge im


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Bereich der Hochschulbildung in Partnerschaft mit internationalen Universitäten konzipiert. Mobilität und Kooperation sowie der wissenschaftliche Austausch zwischen EUStaaten und insbesondere Drittstaaten stehen damit im Vordergrund von ErasmusMundus. Die Donau-Universität Krems kooperiert für MARIHE mit den Universitäten Tampere (Finnland), Beijing Normal University (China) und der Hochschule Osnabrück (Deutschland). In dem viersemestrigen englischsprachigen Vollzeit-Studiengang verbringen die Studierenden das erste Semester in Krems, das zweite in Tampere, das dritte Semester in Peking und das vierte wahlweise bei einem anderen europäischen Partner. Die Absolventen des Masterlehrgangs erwerben so ein „Joint Degree“ (Master of Science) der Donau-Universität Krems und, je nach Vertiefungsrichtung, der Universität Tampere oder der Hochschule Osnabrück.

Fotos: Donau-Universität Krems/Stöckl, Universität Tampere, Hochschule Osnabrück, Wikipedia

Expertise in der Hochschulentwicklung „Der Zuschlag der Europäischen Kommission für die Durchführung dieses Mobilitätsprogramms ist eine große Auszeichnung für unsere Aktivitäten im Bereich der Hochschulentwicklung und des Hochschulmanagements“, betont Dr. Attila Pausits vom Department für Weiterbildungsforschung und Bildungsmanagement der Donau-Universität Krems. Pausits ist für die Leitung und gesamte Koordination des MARIHEProgramms verantwortlich. Die Donau-Universität Krems hat als erste Universität im deutschsprachigen Raum einen berufsbegleitenden Master-Lehrgang für das Hochschul- und Wissenschaftsmanagement entwickelt und unter anderem innovative Konzepte für das Hochschulmanagement gefördert. Darüber hinaus ist die Universität laufend an EU-Forschungsprojekten zur Entwicklung des europäischen Hochschulraums im Sinne des Bologna-Prozesses beteiligt. Von dem Kremser Know-how im Hochschulmanagement werden ab August insgesamt 18 Teilnehmer aus voraussichtlich 13 Ländern profitieren und damit auch dem Campus Krems ein neues Gesicht verleihen. Üblicherweise sind die überwiegend berufsbegleitenden Studierenden der Kremser Weiterbildungsuniversität nur temporär

zu geblockten Präsenzzeiten in Krems. Ab Sommer werden die MARIHE-Studentinnen und -Studenten die internationale Ausrichtung der Donau-Universität Krems mindestens für die nächsten fünf Jahre – so lange läuft die Förderung durch Erasmus Mundus – ein Stück sichtbarer machen.

Die Partner Der Donau-uni Krems

99 Bewerber aus 45 Ländern Für die einzelnen Lehrgänge schreibt die Europäische Union umfangreiche Stipendien für Studierende und Lehrende aus, die neben Reise- und Teilnahmekosten eine monatliche Unterstützung in der Höhe von 500 bis 1.000 Euro umfassen. Für den ersten Jahrgang von MARIHE erhalten alle 18 Teilnehmer ein Vollstipendium. Beworben haben sich zwischen Oktober und Dezember des Vorjahres 208 Personen, von denen 99 aus 45 Ländern in die Endauswahl kamen. Das Auswahlverfahren war dementsprechend aufwändig. Auf einer eigens für MARIHE an der Donau-Universität Krems entwickelten Online-Plattform wurden jeder Kandidat und jede Kandidatin von zwei Partnerhochschulen geprüft. „Wir haben zahlreiche Unterlagen verlangt und ein striktes Auswahlverfahren umgesetzt, das sich nach den Kriterien akademischer Qualifikation, Motivation und den persönlichen Kompetenzen sowie Sprachkenntnissen gerichtet hat“, so Pausits.

Aufregende Architektur, lebendiger Campus: die Universität von Tampere in Finnland

Altes Gemäuer, aber erst 1974 gegründet und interdisziplinär stark: die Hochschule Osnabrück in Deutschland

Feiern Sie mit uns! Das Programm bietet jedenfalls eine gute Gelegenheit für Studierende wie Lehrende zum Austausch. So werden die Lektoren zwischen den Partneruniversitäten mobil sein und auch externe Vortragende hinzugezogen – auch dies fördert die EU. Die Studierenden erwartet ein intensives Programm auf hohem Niveau als beste Voraussetzung für ein Doktoratsstudium. „Diesbezüglich sind wir bemüht, längerfristig auch in Krems Perspektiven anzubieten“, sagt Pausits. Für September 2012 ist eine große Veranstaltung zum Auftakt des neuen Erasmus-MundusProgramms geplant, mit allen Beteiligten, Förderern und Vertretern aus Politik und Hochschulen.

www.marihe.eu

Die „Mu Duo“-Glocke ist das Wahrzeichen der hundert Jahre alten Beijing Normal University in Peking

Das ist MARIHE

• ERASMUS-MUNDUS-

Masterstudiengang Master in „Research and Innovation in Higher Education“ (MARIHE)

• Dauer: 4 Semester, Vollzeit • Start: August 2012 • Sprache: Englisch • Studienorte: Österreich,

Finnland, Deutschland, China

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46 Universitätsleben

Campus Krems Rektorenwahl

Weiter erfolgreich mit Jürgen Willer Tagung Nachhaltiges Bauen

Gutes Licht und gesundes Klima Ein umfangreiches Programm mit namhaften Experten hat das „Forum Buil-

Jürgen Willer, Rektor der Donau-Universität Krems, ist für weitere vier Jahre gewählt.

Der Universitätsrat der Donau-Universität Krems hat im Dezember 2011 den amtie-

renden Rektor Jürgen Willer einstimmig für eine zweite Amtszeit ab 2013 wiedergewählt. Univ.-Prof. Dr. Jürgen Willer ist seit 2009 Rektor in Krems. Der Mediziner studierte in Würzburg und Heidelberg und war an den Universitätskliniken Düsseldorf, Tübingen und Hannover tätig, bevor er 2004 an die DonauUniversität Krems wechselte: Dort war er bereits 2002 zum Visiting Professor ernannt worden. Der Universitätsrat sei mit der bisherigen Amtsführung von Rektor Willer sehr zufrieden und sehe in ihm einen Garanten dafür, die aktuelle Neustrukturierung der Donau-Universität Krems gut zu Ende zu führen, erklärte der Vorsitzende des Universitätsrats, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal.

ding Science“ am 7. März 2012 am Campus Krems geboten, zu dem jährlich das Department für Bauen und Umwelt der Donau-Universität einlädt. Aktuelle Projekte und praxisrelevante Forschungsergebnisse in den Bereichen Lichtplanung, baukulturelles Erbe, Bauklimatik und Gebäudetechnik, konzeptionelle Architektur, Facility Management und Immobilienwirtschaft wurden diskutiert. Im Rahmen der Tagung ist die Ausstellung „Daylight Spaces“ mit den Siegerprojekten des gleichnamigen Architekturwettbewerbes eröffnet worden.

www.donau-uni.ac.at/aktuell

www.donau-uni.ac.at/dbu

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Erstes Symposion Dürnstein

Welche Werte leiten das Abendland?

Fotos: Donau-Universität Krems/Kargl, iStockphoto.com/Dmytro Kozlov/Oleg Prikhodko, www.photo-graphic-art.at

Bibliothekenverbund

Ein Wunsch ging in Erfüllung

Das international besetzte Symposion „Heimat – christlich – Abendland“ setzte sich mit der Frage auseinander, welche grundlegende Orientierung uns Werte vermitteln und wie stark sie die kulturelle Einheit normieren. Die Tagung, die vom 22. bis 26. Februar an der Donau-Universität Krems und im Stift Dürnstein stattfand, war der Auftakt des „Symposions Dürnstein“. Dieses will sich einmal jährlich mit Vertretern aus Politik, Religion, Kultur, Medien und Philosophie gesellschaftspolitischen Fragen widmen. www.kultur-melk.at

Im Dezember 2011 ist die Donau-Universität Krems dem Österreichischen Bib-

liothekenverbund beigetreten. Die Mitgliedschaft im Verbund ermöglicht der Kremser Uni-Bibliothek mehr Services und die Zusammenarbeit mit anderen Universitätsbibliotheken. „Für die Bibliothek der Donau-Universität ist mit dem Beitritt zum Österreichischen Bibliothekenverbund ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen“, sagt Margit Rathmanner, Leiterin der Universitätsbibliothek der Donau-Universität Krems. Der Nachweis im Verbundkatalog und die Zusammenarbeit mit den anderen Universitätsbibliotheken eröffnen der Campus-Krems-Bibliothek viele neue Möglichkeiten.

Forum für eine sinnvolle Wertedebatte: das erste Symposion Dürnstein. Bei der Eröffnung (v.l.): Botschafter Martin Eichtinger, Leiter der kulturpolitischen Sektion im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, Kuratorin Ursula Baatz, Prälat Maximilian Fürnsinn, Stift Herzogenburg, Rektor Jürgen Willer, Donau-Universität Krems.

www.donau-uni.ac.at/bibliothek

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48 Alumni-Porträt

Studieren und gründen Den Wert der Bildung hat Werner Weißmann früh erkannt. Nach seinem Studium der Psychologie startete er nicht nur eine Karriere in der Markt­ forschung, sondern absolvierte auch ein Executive­MBA­Studium an der Donau­Universität Krems. Jetzt führt der smarte 42­Jährige ein innovatives Marktforschungsinstitut, in dem Werte ganz oben stehen. Von Ingrid Ladner

Gemeindebezirk in unmittelbarer Nachbarschaft der Berggasse – Sigmund Freuds ehemaliger Heimat. Ein Zufall? Nein, der Standort ist ganz bewusst auf historischem Boden ausgewählt worden. Psychotherapie für Marken?

Dr. Werner Weißmann baute in Wien das Institut für Systemische Marktforschung auf. Die Idee kam ihm an der Donau­Universität Krems noch während des Studiums. Dort machte er sich daran, sie umzusetzen.

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N

och steckte er mitten in seinem MBA-Studium in Krems, gleichzeitig ging es an die Unternehmensgründung. Werner Weißmann baute in Wien ein Institut für Systemische Marktforschung auf und bereicherte das Gebiet mit einem neuen Ansatz. Das war vor zwölf Jahren. Heute betreut der promovierte Psychologe mit seinem Team, dem auch Partnerin Catherine angehört, große Unternehmen vornehmlich aus der Medien-, Telekommunikations- und Pharmabranche. Die Idee ist aufgegangen. Er verdanke sie der Donau-Universität Krems, erzählt Weißmann in seinem noblen Büro im 9. Wiener

Mit dem Ansatz der systemischen Marktforschung hat Weißmann in seinem Unternehmen einen neuen Weg eingeschlagen. Diese spezielle Methode der qualitativen Marktanalyse ermöglicht, die Beweggründe der Kunden besser zu verstehen und in die Tiefe zu gehen. Sie ist unter anderem aus der Psychotherapie bekannt, wo Aufstellungen genutzt werden, um Familienkonflikte zu lösen und neue Sichtweisen durch eine Art Rollenspiel zu generieren. Aber auch Organisationen nutzen den systemischen Ansatz, zum Beispiel für Umstrukturierungsprozesse. Und Weißmann hat Erfolg. Offensichtlich überzeugt der reflektierte Unternehmer mit dezentem Lächeln, eckiger Designerbrille und trendigem Outfit. Vor kurzem hat er ein neues Tool zur systemischen MarkenAufstellung eingeführt, mit dem er untersucht, wie Marken oder Unternehmen aus Kundensicht positioniert sind. Auch hier war eine Weiterbildung, in diesem Fall konkret in systemischer Aufstellung, dafür entschei-


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dend. „Wir stellen dabei Markenkonstellationen auf, indem aus Nachbardisziplinen Methoden integriert werden“, erklärt Weißmann die neue Methode. Systemisch bedeute, sich viele verschiedene Brillen wie etwa die psychologische oder die wirtschaftliche aufzusetzen. „Ein solcher Methodenbaukasten erlaubt es, einen ganzheitlichen Blick auf die Fragestellung zu erhalten“, versichert der Marktforscher. Arbeiten auf Augenhöhe Auf den 360-Grad-Blick legt Weißmann viel wert. Das war 1998 für ihn auch der Beweggrund, sich für das Executive-MBA-Programm in Krems einzuschreiben. Dort wird Lehre nach einem interdisziplinären und ganzheitlichen Prinzip gestaltet. Neben dem Fachwissen vermitteln Referenten aus der Praxis umfassende Kompetenzen, um den Blick auf das große Ganze zu bewahren und damit in einer sich ständig verändernden Umgebung beweglich zu bleiben. „Der systemische Ansatz in der Weiterbildung war für mich neu, genauso wie das Lernen von und mit der Gruppe.“ Akademiker und Nichtakademiker aus den unterschiedlichsten Branchen arbeiten in Krems gemeinsam an Themen und Projekten. „Da habe ich den Nutzen von Bildung erkannt, die nah an der Praxis ist“, sagt Weißmann. Aber viel mehr noch kommt er immer wieder auf einen Aspekt zurück: den der Werte. In Krems habe er eine Wertebene als Grundhaltung erfahren, die ihn geprägt habe, erzählt Weißmann. Es habe dort eine offene Kultur und Transparenz, ein Begegnen auf Augenhöhe geherrscht.

Foto: MAFOS

Lounge-Sessel statt Tafelrunden Das ist es auch, was Weißmann in sein Unternehmen mitgenommen hat und worauf er großen Wert legt. Unter den Mitarbeitern soll es keine Hierarchien geben und schon gar nicht bei den Kunden und Interviewpartnern. Eine Wertehaltung, die auch tatsächlich gelebt wird. Das Konzept der Offenheit, Gleichheit und Transparenz zieht sich bis in die Ausstattung des Büros. Einen großen Besprechungstisch sucht man im Institut vergeblich. „Selbst Tafelrunden schaffen Hierarchie“, weiß der Psychologe. Stattdessen stehen runde Lounge-Sessel mit weißer Schale und braunem Sitzleder gleichmäßig

verteilt neben kleinen runden Tischen in einem großen Raum. Es erinnert ein wenig an die futuristische Architektur der 1970er Jahre. Dabei geht es dem Unternehmer lediglich um das wohlige Raumgefühl und die gute Atmosphäre mit dem Ziel, offene und kreative Ergebnisse zu erhalten. „Marktforschung ist nicht nur trocken, sie macht auch Spaß“, betont Weißmann. Lieber Inspiration als Perfektion Werte immer wieder zu hinterfragen, gehöre jedoch genauso dazu, wie sie zu leben, weiß der Donau-Uni-Absolvent aus eigener Erfahrung. Sein Institut proklamierte lange Zeit die Leitmotive „Passion, Innovation und Perfektion“ für sich. Doch dann wurde die Perfektion durch die Inspiration ersetzt. „Dieses eine Wort hat tatsächlich vieles verändert. Seit wir von der Perfektion als großem Ziel abgekommen sind und mehr die Inspiration walten lassen, lachen wir mehr und sind insgesamt erfolgreicher.“ Wesentlich sei es, die persönlichen Werte zu teilen. Auch diesen Gedanken der „shared vision“ hat er aus Krems mitgenommen – erinnert sich Weißmann. Dabei geht es neben den Werten um gemeinsame Visionen, die eine kreative Spannung erzeugen. „Ein Unternehmen, das keine Werte hat, ist verloren“, ist Weißmann überzeugt. Das werde aber oft noch zu wenig gelebt.

Danube executive Mba Der Danube Executive Master of Business Administration richtet sich an Managerinnen und Manager mit mindestens zehn Jahren Berufs- und drei bis fünf Jahren Führungserfahrung. In vier Semestern wird den Studierenden berufsbegleitend und in Form von Blockveranstaltungen ganzheitlich Know-how vermittelt. Es werden ausgewählte Instrumente und Methoden des Managements vorgestellt, um die Führungskompetenz zu steigern. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlangen fundiertes wirtschaftswissenschaftliches Wissen und vergrößern ihr persönliches und unternehmerisches Potenzial. www.donau-uni. ac.at/mba/executive

Bildung schafft Freiheit Nach seinen ganz persönlichen Werten gefragt, nennt er ohne lange nachzudenken Freiheit und Toleranz. Sie seien auch der Grund, weshalb er immer wieder studiert habe. Denn beim MBA ist es nicht geblieben. Weißmann hat darauf aufbauend als erster Kremser MBA-Absolvent ein Doktoratsstudium am Betriebswirtschaftlichen Zentrum der Universität Wien absolviert, wo er sich dem Thema der Unternehmenskultur gewidmet und ein Messinstrument dafür entwickelt hat. Keinesfalls sollte es mit dem MBA-Abschluss aus sein. An seine Weiterbildungsuniversität kehrt er auch heute nach all den Jahren immer wieder gerne zurück. Bildung öffne die Schranken im Kopf, indem man in seinem Denken irritiert werde. Erst vor kurzem hat Weißmann in Krems ein viertägiges Programm für Trend- und Zukunftsforschung belegt.

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50 KarrIerenetZWerK

Alumni-Club Erfolgreiche Blue Hour

Der Mut zum Chaos und das Prinzip Vertrauen

Und wie fanden Sie's? Gettogether nach der Diskussion im Leopold Museum

mit dem thema „Chaos im Betrieb“ startete die erste „Blue Hour“ des Jahres am 7. März im

Leopold Museum in Wien. Angelehnt an die Buchneuerscheinung „Betriebsdesaster. Eine Anleitung zum Untergang“ des Unternehmensberaters und Kabarettisten Chris­ tian Pongratz diskutierten der Logistikexperte und Gastprofessor Friedrich Macher und Georg Kopetz, Vorstand eines internationalen Computertechnikunternehmens, gemeinsam mit Moderator Michael Roither von der Donau­Universität Krems über den Mut zu Chaos und das Prinzip Vertrauen. Dass Chaos nicht negativ behaftet sein müsse und mehr Dauerzustand denn Ausnahme sei, betonten Macher und Kopetz. Um in der unbeständigen Welt bestehen zu können, brauche es mehr Freiraum und eine gelebte Fehlerkultur, wie etwa in Amerika, so Kopetz. Macher plädierte für Ver­ trauen in die Mitarbeiter. Unternehmen scheitern, wenn ihnen die Perspektiven feh­ len. Mit Humor und Ironie begegnete Pongratz dem Thema bei der Alumni­Veranstal­ tung unter der Leitung von Judith Bauer. Er plädierte für mehr Mut zu chaotischem Denken. Die nächste „Blue Hour“ findet am 18. April in Wien statt.

Eine perfekte Gelegenheit zum Networking – die Blue Hour der Donau-Universität Krems

Alumni-Club Termine 10. 4. Stammtisch Salzburg 18. 4. Blue Hour (Wien) 27. 4. AbsolventInnen-Empfang

30. 4. 5. 5. 7. 5. 10. 5. 12. 6. 13. 6. 14. 6. 15. 6. 21. 6. 21. 6. 21. 6. 7. 7.

beim österreichischen Botschafter in London Stammtisch Zürich Kultur-Challenge (Krems) Stammtisch Linz Stammtisch Wien Stammtisch Salzburg Stammtisch Frankfurt Stammtisch Stuttgart Sommerfest (Mautern/Krems) Stammtisch Krems Stammtisch Innsbruck Stammtisch Eisenstadt Wine Challenge (Langenlois)

Blue Hour im Wiener Leopold Museum. Sie diskutierten witzig, klug und dabei sehr geordnet über das Chaos (von links): Georg Kopetz, Christian Pongratz, Judith Bauer, Friedrich Macher, Michael Roither.

www.donau-uni.ac.at/ alumni/veranstaltungen

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Kongresse und Veranstaltungen 51

Termine Lange Nacht der Forschung

Weitere termine

Für Bakterienjäger Wer sich auf die Jagd nach Bakterien machen oder endlich das spektakuläre Tageslichtlabor der Donau­Universität Krems erkunden möchte, fin­ det hierzu bei der „Langen Nacht der Forschung“ Gelegenheit. 60 Projektstationen zu Themen wie Medizin, Lebensräume oder Cyberspace lassen sich allein in Krems bestaunen und befragen. Wis­ senschaft wird verständlich gemacht – und die Uni zum idealen Ausflugsziel für die Familie. Die Donau­Universität Krems ist einer von fünf Stand­ orten in Niederösterreich, die beim größten öster­ reichischen Forschungsevent mitmachen. 27. April, u.a. an der Donau-Universität Krems www.lnf2012.at

Anerkennung Der Kongress zur „Kultur der Anerkennung“ in der Schule will den Umgang mit Konflikten, das Schul­ leben und die Schullei­ tung sowie die schulische Kommunikation ins Auge nehmen.

Winzig, aber wirkungsmächtig: Bakterien in der Petrischale. Wer mehr über sie erfahren will, dem sei die Lange Nacht der Forschung empfohlen.

Fundraising Kongress

Fotos: Donau-Universität Krems/Walter Skokanitsch (3), iStockphoto.com/Guntars Grebezs, Reto Klar

Vom Glück des Gebens Sollte es stimmen, dass Geben seliger ist als Nehmen, dann wird dieser Kongress nicht nur die Teilnehmer beglücken. Das Branchentreffen für Fundraising, zugleich die größte Weiterbildungsveranstaltung zum The­ ma, wartet in Berlin mit spannenden Gästen auf: Zu den Keynote­Spea­ kern gehören auch der deutsche Starblogger Sascha Lobo (Foto) und Eveline Herfkens, Gründerin der UN­Millenniumskampagne. Wissbegie­ rige dürfen sich zwischen 13 Workshops und 33 Seminaren entscheiden.

Vom 3. bis 4. Mai in Wien lebenswerteschule.univie. ac.at

eHealth „Von der Wissenschaft zur Anwendung und zu­ rück“ will es der Kon­ gress eHealth 2012 schaf­ fen. Es geht um den Ein­ satz von Informations­ und Kommunikations­ technologie in der Ge­ sundheitsbranche – damit eine Versorgung immer und überall gelingt. 10. und 11. Mai in Wien www.ehealth2012.at

Vom 10. bis 13. Mai in Berlin, www.fundraising-kongress.de

Straffe Prozesse Achtsamkeit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft

Ohren auf und Fühler ausstrecken Wie kann ich durch Übungen in Achtsamkeit Stress reduzieren und Wohlbefinden stei­ gern? Wie kann Achtsamkeit bei der Heilung helfen und welche Rolle spielt sie in der Psy­ chotherapie? Der Fachkongress will Achtsamkeitsexperten, Ärzte und Psychotherapeuten zusammenführen und den neuen Stand der Achtsamkeitsforschung darlegen, die Anwen­ dungsfelder erkunden und Komplementär­ und Schulmedizin zusammenführen. Die Wirk­ samkeit von „Mindfulness Based Stress Reduction“ und „Mindfulness Based Congnitive Therapy“ ist inzwischen durch viele Studien belegt.

Diversity Management betrachtet die Vielfalt als Ressource. Wie kann das in der Personal­ und Or­ ganisationsentwicklung gelingen? Wie sieht die Praxis aus? 10. bis 13. Mai, DonauUniversität Krems www.donau-uni.ac.at/ ikdiversity

Vom 29. Juni bis zum 1. Juli, in den Räumen der österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien, www.mbsr-deutschland.de/fachkongress2012

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52 Upgrade-Tipps

Kunst & Kultur Tiger, Ente, Bär & mehr Janosch, der große Illustrator und Autor, hat Figuren geschaffen, die wie Freunde sind. Dass er neben Bär und Tigerente auch Cartoons für Erwachsene gezeichnet hat, war bislang weniger bekannt. Und so sind seine Radierungen und Aquarelle über das lustvoll-diffizile Verhältnis zwischen Mann und Frau eine echte Überraschung. Gute, alte Bekannte, denen man gerne wiederbegegnet: Janosch, Wir drei. 1999

Ab 18. März. Karikaturmuseum Krems www.karikaturmuseum.at

Kunst

Wunder gibt es immer wieder An Wunder kann man glauben oder nicht – über ihre Existenz zu streiten, verschwendet bloß Zeit. Diese kann besser für einen Gang durch die Kremser Kunsthalle genutzt werden, die dem Phänomen nachspürt in „Wunder – Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4. Jahrhundert bis zur Gegenwart“. Werke der Gegenwartskunst umkreisend, beschäftigt sich die Schau mit dem, was aus dem Rahmen fällt: unerklärliche Heilungen, unglaubliche Naturschauspiele, unverständliche technische Innovationen. Bis 1. Juli. Kunsthalle Krems. www.kunsthalle.at

Thomas Struth, Audience 4, 2004

Weitere termine

Osterklänge Das Festival „Imago Dei – Musik zur Osterzeit“ initiiert einen sinnlichgeistlichen Diskurs zur Spiritualität dieses Festes: Mit alter und zeitgenössischer Musik, Tanz und Performances suchen Künstler Zugang zu den lebensbejahenden Ostervisionen. Bis 9. April. Klangraum Krems, Minoritenkirche www.klangraum.at

Tomographia „tomographia. von der vielfalt der klänge“. Komponist und Zeichner Renald Deppe zeigt auf Einladung von Campus Cultur eine faszinierende Verbindung von Klang und Zeichen. Vom 19. April bis 16. Mai Donau-Universität Krems www.donau-uni.ac.at/cultur

Schwedentechno Axel Willner alias The Field hat dem Techno Seele eingehaucht – mit organischen, verspielten Tönen und Zwischentönen. Nicht nur etwas für die Tanzfläche. Am 3. Mai um 22 Uhr Messe Halle 2 in Krems www.donaufestival.at

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Illustration: Janosch (Horst Eckert) © Little Tiger Verlag, Gifkendorf; Foto: Thomas Struth © Courtesy the artist

Karikaturmuseum Krems


MEINUNG 53

Bücher

Master-Thesen Geld ist gut, aber Werte sind wichtiger – im mittleren Management Mittlere Manager wollen in Unternehmen arbeiten, in denen „nicht das Budget, sondern die Werte im Vordergrund stehen“. Das fand Sabine Knaak in ihrer Trendstudie heraus. Ausschlaggebend für die Motivation, die Unternehmensleitwerte tatsächlich zu leben, sei jedoch, dass diese auch vom eigenen Top-Management ernst genommen und klar kommuniziert werden.

Together: The Rituals, Pleasures and Politics of Cooperation

Gemeinsam sind wir reich: Wie Gemeinschaften ohne Geld Werte schaffen

Kooperationsfähigkeit lasse sich wie ein Handwerk erlernen, glaubt Richard Sennett: Man müsse das Zuhören schulen, die Wahrnehmung und die Bereitschaft, dem anderen zu antworten – mit Worten, Gesten oder Taten. Wie verschiedene Gemeinschaften Kooperation herstellen, untersucht der amerikanische Soziologe im zweiten Band seiner Trilogie über die Kulturtechniken. Sennett, der in einem Chicagoer Armenviertel aufwuchs, hält die wachsende Ungleichheit für den größten Hemmschuh gedeihender Kooperation.

Welchen Wert haben Gemeinschaften? Und lässt er sich durch das Bruttosozialprodukt erfassen? Alexander Dill hat sich auf die Suche nach dem verborgenen Reichtum gemacht – bei Tauschbörsen, genossenschaftlichen Gasthäusern, ethisch korrekten Banken. Dabei entdeckte er Formen von Kapital, die bislang wenig Aufmerksamkeit genossen: Solidarität, Vertrauen und Gastfreundschaft. Dills Credo: „Wir brauchen nicht mehr Kritik an Kapitalismus und Finanzkapital, sondern eine Aufwertung des Sozialkapitals.“

Richard Sennett Penguin UK 2012 ISBN 978-0713998740 www.richardsennett.com

Alexander Dill Oekom Verlag, München 2012 ISBN 978-3865812889 www.oekom.de

Migration and Health in Nowhereland Wie leben Migranten ohne gültige Papiere? Wie schaffen sie es, ihre Gesundheit zu erhalten? Welcher Arzt behandelt sie, wenn sie doch krank werden? Gudrun Biffl und Friedrich Altenburg haben die Daten hierzu aus den EUStaaten zusammengefasst und anschaulich dargestellt. Schlussfolgerungen und Empfehlungen runden die Untersuchung ab. Die Buchpräsentation fand im Rahmen eines Hearings im Europäischen Parlament statt – einige Politiker dürften die Daten also bereits erreicht haben. Gudrun Biffl, Friedrich Altenburg (Hg.) omninum Verlag, Wien 2012 ISBN 978-3-99031-000-7 www.migration-health.com

Sabine Knaak: Werte wichtiger als Geld. Was das mittlere Management motiviert, Unternehmenswerte zu leben. Donau-Universität Krems 2011

Mobile Patienten und ihre gesundheitliche Versorgung in Europa Durch den Tourismus hat Tirol eine hohe Patientenmobilität. Welche Chancen der Handel der Gesundheitsdienstleistungen in Europa birgt, hat Internist Philipp Eller untersucht. Die Identität wird europäischer, die Gesetzgebung bleibt in weiten Teilen national – trotzdem fand Eller Beispiele gelungener grenzüberschreitender Gesundheitsversorgung. Philipp Eller: Europäische Patientenmobilität und ihre Auswirkungen auf Tirol, Donau-Universität Krems 2011

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54 Vorschau / Impressum

Vorschau 2.12

Im Aufwind – Der geschätzte Mitarbeiter Sein Kurswert steigt: Der Mitarbeiter rückt wieder in den Mittelpunkt. Schließlich ist er das Kapital eines Unternehmens. In turbulenten Zeiten scheinen sich Entscheider wie Betroffene auf Sinnhaftigkeit im Beruf und echte Werte im Arbeitsleben zu besinnen. Fachkräftemangel und demografische Entwicklung signalisieren: Gutes Personal wird rar. upgrade stellt in der kommenden Ausgabe die Mitarbeiter ins Zentrum. Wir fragen nach: Wo sind die motiviertesten zu finden? Wie präsentieren sich Unternehmen? Wie funktioniert zeitgemäßes Recruiting und was dürfen Bewerber erwarten? Wie reagieren Personalverantwortliche im Wettbewerb um die Besten und wie binden sie dabei die Neuen Medien ein? Was versteckt sich hinter Internal Branding – eine leere Hülle oder echte Mitarbeiterbindung? Und nicht zuletzt lenken wir den Blick einmal mehr auf die Aus- und Weiterbildung. Schließlich ist sie der Weg zu einem erfüllten Berufsleben.

Impressum

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Flussverbindungen – Lebensraum Donau Die Donauraumregion floriert – trotz des wirtschaftlich hohen Wellengangs in Europa. Was macht die Stärke der Regionen des vereinten Europas aus? Was verbindet der Fluss, wo Ländergrenzen oft trennen?

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upgrade Das Magazin für Wissen und Weiterbildung der Donau-Universität Krems (ISSN 1862-4154) Herausgeber Jürgen Willer, Rektor der Donau-Universität Krems Dr.-Karl-Dorrek-Straße 30, A-3500 Krems Chefredakteur Gerhard Gensch, Donau-Universität Krems E-Mail: gerhard.gensch@donau-uni.ac.at Verlag Süddeutscher Verlag onpact GmbH Geschäftsführer: Christian Meitinger Hultschiner Straße 8, D-81677 München Leiter der Redaktion des Verlags Hartmut Rätsch, E-Mail: hartmut.raetsch@sv-onpact.de Verantwortliche Redakteurinnen Ingrid Ladner, E-Mail: ingrid.ladner@donau-uni.ac.at, Angelika Ohland AutorInnen dieser Ausgabe Ursula Baatz, Franziska Brettschneider, Jan Esche, Monika Goetsch, Elisa Holz, Ingrid Ladner, Angelika Ohland, Stephanie Schmidt Grafik Brigitta Bender

Schlusslektorat Mirko Partschefeld Leser- und Abonnementservice Sophie Müller-Vaclav, Telefon: +43 (0) 2732 893-2255 E-Mail: sophie.vaclav@donau-uni.ac.at Herstellung sandlerprint&more, Johann Sandler GesmbH & Co KG, Marbach Auflage 20.000 Erscheinungsweise vierteljährlich, upgrade 2.12 erscheint im Juni 2012 Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos wird keine Haftung übernommen. Trotz sorgfältiger Auswahl der Quellen kann für die Richtigkeit nicht gehaftet werden. Nachdruck und Verwendung, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion.

Kunst und Leben am Campus Musik und Literatur, Film und Tanz, bildende Kunst und Kunst im öffentlichen Raum: Die Künste spielen am Campus Krems eine zentrale Rolle. Wo begegnen sich Kunst und Wissenschaft? Und welche Bezugspunkte gibt es zwischen Kunst und Leben?

Gender-Hinweis: Im Sinne einer besseren Lesbarkeit unserer Artikel verwenden wir die maskuline oder feminine Sprachform. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des jeweils anderen Geschlechts.

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archIV 55

Archiv Sind Sie an unseren upgrade-Ausgaben interessiert? Über den Online-Abonnement-Service können Sie einzelne Magazine oder ein Jahres-Abo bestellen: www.donau-uni.ac.at/upgrade

ISSN 1862-4154 Preis: 5,– € Ausgabe 1.11

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Digitale Gesellschaft und Ökonomie

Gesundheit und Wohlbefinden

1.12 Gehirn und Geist

Was den Menschen ausmacht

Alles offen?

Mentale Gesundheit – Wenn die Psyche krankt Neue Medien – Wie sie unser Denken verändern Hirnschädigungen – Hilfe bei Demenz und Schlaganfall

In Bewegung bleiben

Open Society – Wie soziale Netzwerke Politik mitbestimmen Open Government – Wie sich Regierung und Verwaltung öffnen Open Business – Wie Neue Medien Unternehmen beeinflussen

1.11

2.11

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3.11

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15 Jahre Donau-Universität Krems

Wohin geht die Reise?

Corporate Architecture – Gebaute Kommunikation Produktdesign – Die Macht der Farben Informationsdesign – Mit den Augen sprechen

Preis: 5,– € Ausgabe 3.10

Ausgabe 4.10

Energie und Mobilität

Visuelle Kommunikation

Form, Design, Ästhetik

4.11

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Preis: 5,– € Ausgabe 1.10

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Balance finden – wie wir wieder ins Lot kommen Arbeitswelt – warum Gesundheitsförderung zählt Entschleunigung – was uns im Tanz bewegt

Wegbereiter und Wegbegleiter

Regenerativ und autark – Die Energie-Revolution Vernetzt und mobil – Verkehr sucht Zukunft Nachhaltig und effizient – Das Haus als Kraftwerk

Die Weiterbildungsuniversität – Pionierin seit 15 Jahren Forschung und Lehre – wie sie zusammenspielen Lebenslanges Lernen – für Glück und Karriere

2.10

3.10

Kreativität und Innovation

Handwerk des 21. Jahrhunderts Die Kreative Ökonomie – Wertschöpfung im Wissenszeitalter Creative Industries – Wenn sich Kunst und Kommerz vereinen Innovationsförderung – Von der Forschung zum Produkt

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ISSN 1862-4154 Preis: 5,– € Ausgabe 1/09

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Wandel

Medizinischer Fortschritt

Krise als Chance – Für mehr Nachhaltigkeit Wertewandel – Vom Geld zum Geist Arbeitsmarkt – Kreativarbeiter gesucht

Voneinander lernen

Bildungsraum Europa – 10 Jahre Bologna-Reform Die Netz-Generation – Neue Medien in der Lehre Lehrerausbildung – Finnlandisierung erwünscht

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Bestehen im Wettbewerb

Lebenserwartung – Warum wir immer länger leben Früherkennung – Was Massen-Screenings bringen Gesundheitssystem – Was es kostet upgrade 1

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Wie gesund ist die Zukunft?

Wendepunkte im System

Zukunftsfrage Migration – Quo vadis, Austria? Identität – Leben in zwei Kulturen Mobile Wissenschaftler – Kampf um Köpfe upgrade 1

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4.09

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