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DE N K RAUM Das Wissensmagazin der Universität Liechtenstein | No. 05 | November 2016

14 IST EH ALLES DA! Ein Kiosk auf Reisen sorgt für Gemeinschaft in der Stadt Vorarlberg.

18 DIGITALISIERUNG FŰHRT AUF DEN WACHSTUMSPFAD Wann und wie sind Investitionen sinnvoll?

26 POTENZIALENTFALTUNG IN INDIVIDUALISIERTEN GEMEINSCHAFTEN Über die Bedeutung von Begegnungen und dem Austausch mit anderen.

Schwerpunkt Führung

Wohin willst du? www.uni.li


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Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser Wie kann ich mich selbst oder andere Menschen erfolgreich führen? Bedeutet das, in eine Werkzeugkiste zu greifen und wirksame Instrumente handwerklich richtig einzusetzen? Oder liegt die Quintessenz von verantwortungsvoller Führung nicht eher darin, ein warmes Herz und kühlen Verstand gleichermassen einzusetzen, um Menschen für ein Ziel und für eine bestimmte Orientierung zu gewinnen? «Wohin willst du?» umfasst deshalb auch die inhaltliche Bandbreite der vorliegenden Ausgabe des Wissensmagazins «Denkraum». Sicher erscheint mir auf jeden Fall, dass unsere Sehnsucht nach Entscheidungen – also nach Führung – umso grösser wird, je stärker wir uns in fremdbestimmte wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Rahmenbedingungen eingezwängt fühlen. Diese Entscheidungsautonomie ist ein Kennzeichen der Wissenschaft und wird von den Beteiligten als hohes Gut gehandelt. Damit einher geht jedoch eine hohe Verantwortung. Denn öffentliche Gelder für Hochschuleinrichtungen, Wissenschaft und Forschung sind gleichsam eine Vertrauensprämie für Führung und Verantwortung. In diesem Spannungsfeld bedeutet verantwortungsvolle Führung, Teams zu Zielen zu führen und der Gesellschaft relevante Ergebnisse zurück zu geben.

Als neuer Rektor der Universität Liechtenstein mit einer Passion für einen authentischen Führungsstil freue ich mich deshalb darüber, dass Ihnen die folgenden Seiten anhand von relevanten Projekten aus den Themenbereichen Entrepreneurship, Architektur, Wirtschaftsinformatik und Finanzdienstleistungen Anregungen zum Vor-, Quer- und Nachdenken über die vielfältigen Aspekte von (Selbst-)Führung liefern mögen. Herzlichst,

Jürgen Brücker Rektor der Universität Liechtenstein P.S.: Lassen Sie mich gerne auch Ihre Antwort auf «Wohin willst du?» wissen, sei es bezogen auf persönliche Ziele, Ihre Karriere oder ein gemeinsames Projekt mit der Universität Liechtenstein. juergen.bruecker@uni.li


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Inhalt Ausgabe No. 05 07 Standpunkt Jenseits der Komfortzone Unternehmerin und Wanderleiterin Rosaria

Heeb überwindet Grenzen – Schritt für Schritt.

14 Uni Gestalten Ist eh alles da!

Ein Kiosk auf Reisen sorgt für Gemeinschaft in der Stadt Vorarlberg.

08 Leitartikel Nur selbst gesetzte Ziele können hoch genug sein Wie Hinterfragen und Selbstverantwortung

15 Forschung im Fokus Gebäude und Mensch müssen sich verstehen

10 Essay Ver-Führungs-Taktik

16 Stimmen vom Campus Wohin willst du?

13 Impact Liechtenstein Sicherheit und Vielfalt machen das Rheintal sexy

18 Hintergrund Digitalisierung führt auf den Wachstumspfad

helfen, neue Leitlinien für Menschen, Unternehmen und Organisationen zu schaffen.

Konsumsoziologin Dr. Monika Kritzmöller über den Geschmack als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor.

Warum Talente im Rheintal zufriedener sind als solche, die es in Ballungsräume gezogen hat.

Über die Gebäudeintelligenz von morgen und ihrem Potenzial für das energieeffiziente Bauen.

Studierende über ihre Wünsche, Träume und Ziele für die Zukunft.

Forschende aus Liechtenstein und den USA untersuchen, wann und wie Investitionen sinnvoll sind.

21 Interview Hilft die BEPS-Richtlinie Staatshaushalte zu sanieren?

Finanzexperte Prof. Martin Wenz erklärt die Hintergründe des von der OECD verordneten globalen Standard für Unternehmensbesteuerungen.

25 In Kürze Highlights und anstehende Veranstaltungen 26 Denkanstoss Potenzialentfaltung in individualisierten Gemeinschaften

Neurobiologe Gerald Hüther über die Bedeutung von Begegnungen und des Austausches mit anderen für die Entwicklung des Einzelnen.

Impressum Herausgeber Stabsstelle Kommunikation, Universität Liechtenstein, Fürst-Franz-Josef-Strasse, 9490 Vaduz, Liechtenstein Chefredaktorin Inga van Gessel Autoren dieser Ausgabe Heike Esser, Rosaria Heeb, Gerald Hüther, Yvonne von Hunnius, Monika Kritzmöller, Martin Mackowitz Lektorat Heike Esser Kontakt Stabsstelle Kommunikation T +423 265 12 73, F +423 265 11 12

Grafik und Gestaltung Leone Ming Est., Intensive Brand 9494 Schaan, Liechtenstein agentur@leoneming.com Anzeigenpartner creativeservice ag, fokusmedien 9494 Schaan, Liechtenstein kunde@fokusmedien.li

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Standpunkt

07

Jenseits der Komfor tzone Text: Rosaria Heeb

«U

nd noch einen Schritt – na los! Einer geht noch. Gleich hast du es geschafft!» Ich war seit Stunden unterwegs. Ich war erschöpft. Momente des Zweifelns wechselten sich ab mit neuer Zuversicht. Könnte ich es doch schaffen? Der Gipfel rückte in greifbare Nähe. Meine erste hochalpine Tour über Fels, Eis und Schnee brachte mich an meine Grenzen. Schritt für Schritt überwand ich sie, bis ich endlich oben angekommen war. Diese Erfahrung prägt mich bis heute – sie hat sich in meine DNA eingebrannt. Ich habe früh gelernt, meiner Intuition zu folgen und wurde von meiner Familie bestärkt, meinen eigenen Weg zu gehen. Dennoch hatte ich lange keine Antwort auf die Frage: Wohin willst du? Erst der Umweg über eine klassische kaufmännische Ausbildung und die Arbeit in einem Büro zeigten mir, dass ich vor allem eins wollte: raus in die Natur. Sich in der Bergwelt zu behaupten erfordert jedoch nicht nur Mut und eine gute Selbstkenntnis, sondern auch fundierte Kenntnisse.

Mit der Ausbildung zur Wanderleiterin und dem Wirtschaftsstudium an der Universität Liechtenstein legte ich den Grundstein für meine heutige Selbstständigkeit. Im Jahr 2009 gründete ich «erlebnis.li». Während meines Masters in Entrepreneurship bekam ich die Chance, den Businessplan Wettbewerb mit zu organisieren. Der Austausch mit den Teilnehmern und zu sehen, wie sie alles daran setzten ihre Geschäftsidee zu verwirklichen, bestärkte und ermutigte mich als Jungunternehmerin. Die Möglichkeit, meine Kunden – ob in der Gruppe oder auf Einzeltouren – beim Verlassen ihrer Komfortzonen zu begleiten, erfüllt mich sehr und bestätigt mich in meiner Berufswahl. Dabei ist es egal, ob man sich in 1500 oder 3500 m Höhe bewegt. Die Berge lassen niemanden unberührt und helfen, die persönliche Perspektive zu entwickeln. In meinen Augen ist das der Schlüssel zu einem guten Leben. www.erlebnis.li


08

Leitartikel

Nur selbst gesetzte Wohin jeder sich selbst, wohin sich ein Unternehmen oder gar ein Land entwickelt, hängt von den gesteckten Zielen ab. Und von der Führung auf dem Weg dorthin. Dabei ist nichts beschwerlicher, aber auch erfolgsversprechender als Hinterfragen und Selbstverantwortung. Text: Yvonne von Hunnius

können

D

ie Sache kann ganz einfach sein: Der Bergführer bringt seine Wandergruppe auf den Gipfel, der Rudertrainer sein Team ins Ziel – hier agieren die Bootsinsassen sogar in blindem Vertrauen. Doch führt der Unternehmensleiter seine Mitarbeiter genauso zum Jahresabschluss und der Lehrer seine Schützlinge zur Prüfung? Nein, diese Zeiten sind in dieser digitalisierten und globalisierten Welt vorbei. Immer häufiger stellt sich mitten auf dem Weg die Frage: Wohin will ich eigentlich? Genau hier fängt es an, kompliziert zu werden. Genau hier beginnen jedoch auch Erfolgsgeschichten, die zuvor kaum für möglich gehalten wurden. Die Frage nach dem Wohin kann sich jedoch nur stellen, wer die Freiheit dazu hat. Neue Wege und Ziele finden sich am besten in einem Denkraum mit Führungskräften, die keine sture Gefolgschaft fordern, sondern Menschen gemäss deren eigenen Leidenschaften fördern.

Freiheit für das individuelle Potenzial Diese Freiheit will die Universität Liechtenstein ihren Studierenden geben. Dass das funktioniert, zeigt sich auch an den spannenden Biographien vieler junger Menschen, die den Weg hierher finden: Einige haben unterschiedlichste Berufserfahrungen oder auch Spitzensportkarrieren hinter sich, bis sie an der Universität für sich einen neuen, passenderen Weg entwickeln. Eine Hochschule ist ein perfekter Möglichkeitsraum, in dem ganz unterschiedliche Individuen, im normalen Alltag voneinander getrennte Erfahrungswelten und Disziplinen aufeinandertreffen. Der Autor Gerald Huether beschreibt in seinem Denkanstoss die Potenzialentfaltung, die in solch einer Gemeinschaft möglich ist. Um individuelle Wege und Ziele festzulegen, braucht es aber mehr als das pure

HOCH


ZIELE 09

Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansätze. Nötig ist eine neue Perspektive auf die Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen in dieser globalisierten und digitalisierten Welt. Häufig wird davon ausgegangen, dass gerade die komplexeren Strukturen nach noch strengerer Führung verlangten. Von oben erlassene Regelungen wie die BEPS-Richtlinien gegen Steuervermeidung von Konzernen legen hiervon Zeugnis ab. Vom Umgang mit Individualität und Dynamik Wer näher hinschaut, muss sich keineswegs verlieren in der Unterschiedlichkeit der Individuen und muss nicht verzweifeln darüber, dass Bedingungen sich permanent verändern. Daraus können neue Leitlinien werden, die Menschen, Unternehmen, Organisationen besser durch den heutigen Dschungel führen

als alte Prinzipien, die sich auf einen vermeintlich kleinsten gemeinsamen Nenner stützen und von einer linearen Entwicklung ausgehen. So geht der Wissenschaftler Jörn von Grabe neue Wege, um Gebäude energieeffizient zu gestalten: Er analysiert die Bedürfnisse der Bewohner und integriert diese in komplexe Simulationen als Grundlage für neue technische Lösungen. Beispielsweise erkennen moderne Unternehmen die Chancen, sich in ihrem Wachstum von der Digitalisierung führen zu lassen. Doch sie lassen sich in der Umsetzung so viel Flexibilität, um stets auf neue Entwicklungen reagieren zu können.

werden es schwer haben, auf dichterem Raum gleich vier aneinander grenzende Länder mit Hightech-Wirtschaftskraft und Lebensqualität zu finden. Die Entfaltungsmöglichkeiten im Rheintal können mit den Vorteilen der bekannten Ballungsräume konkurrieren. Denn letztlich ist hier auch möglich, den Weg nicht nur auf einen virtuellen Gipfel, sondern auf ein reelles Gipfelkreuz auszurichten. Die Entrepreneurship-Absolventin Rosaria Heeb bereut es nicht, sich einst die Frage «Wohin will ich?» gestellt zu haben. Die Wanderleiterin führt heute ihr eigenes Outdoor-Unternehmen und hat in den Bergen für sich den Schlüssel zu einem guten Leben gefunden.

Rheintal birgt Bits und Berge Diese Region ist ein besonders gutes Pflaster, um sich die Frage nach dem Wohin zu stellen und neue Perspektiven zu finden. Talente

GENUG

sein


Essay

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VERFÜHRUNGS TAK TIK Der Geschmack als individuelles und kulturelles Fingerspitzengefühl entwickelt sich immer stärker zum unnachahmlichen wirtschaftlichen Erfolgsfaktor. Text: PD Dr. Monika Kritzmöller Illustration: Alina Sonea

Eine Geschichte bedeutender Designobjekte vom 19. bis 21. Jahrhundert.

«D

as ist doch nur Geschmacksache!» Der Geschmack kommt gerne als «das» Aus-Kriterium zum Einsatz, um unliebsame Diskussionen über «schön» oder «hässlich» mit einem Handstreich zu beenden. Ein Nur-Phänomen, die Praline zum Dessert, die entbehrlich ist, sobald es um ernsthaftere Dinge geht und «gespart» werden soll – ob Kalorien oder Geld. Umgekehrt bringt der Geschmack nicht nur Höhenflüge auf die Gaumenrezeptoren und die Augen vor Begeisterung zum Glänzen, er ist auch ein gleichermassen zentraler wie verkannter Wettbewerbsfaktor. Dem Geschmack ist es geschuldet, wenn Kultprodukte entworfen werden. Die mit der legendären Kelly-Bag als Sinnbild erlesenen Designs getätigten Umsätze dürften für den Hersteller Hermès ( wie auch leider dessen Kopisten ) ins Unermessliche gehen, ganz zu schweigen vom Imagefaktor, der mit keinem noch so hohen PR-Etat aufzuwiegen wäre.

Mitteleuropa als Wiege des international anerkannten und führenden Designs Nahe am Geschmack angesiedelt ist der Stil als unverwechselbares Feingefühl, in einer Situation das Richtige zu wählen – Worte, Gesten, Kleidung ebenso wie Produkte oder werbliche Darstellungen eines Unternehmens. Der Soziologe Georg Simmel kontrastierte pointiert das «Stil sein» – als Urheber einer ganz bestimmten Handschrift in Kunst oder Gestaltung – vom «Stil haben» all derer, die diese Handschrift imitieren, in der ( vergeblichen ) Hoffnung, «auch so» zu sein wie ihr Ideal. Was im Privaten nicht selten für Erheiterung sorgt, lässt sich auch an den Produkten unterschiedlicher Volkswirtschaften beobachten. Nach wie vor gilt Mitteleuropa als Wiege des international anerkannten und führenden Designs. Automobile aus deutscher Federführung werden fleissig in asiatischen Fahrzeugschmieden kopiert und zu deutlich niedrigeren Preisen massenhaft verkauft. Auch diese Autos


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«Geschmack – mit Können und Stilsicherheit eingesetzt – ist ein weitaus unverwechselbareres Profilierungsmerkmal als Mengen- oder Preisführerschaft.» PD Dr. Monika Kritzmöller

fahren, Ikonen und Aushängeschilder werden sie jedoch schwerlich werden – wie etwa die BMW 8er-Serie aus den 1990er Jahren, die bereits heute in Datenbanken registriert und von Liebhabern gesammelt wird. Charles und Ray Eames setzten sich mit ihren Stühlen ein Denkmal, und Eileen Grays Frisiertischchen verbucht nach annähernd einem Jahrhundert ebensolche formale Gültigkeit wie Le Corbusiers Väter aller kubischen Sessel. Voraussetzung für Mitteleuropas Jahrhunderte alte Geschmackskultur ist die ebenso

Zur Person:

PD Dr. Monika Kritzmöller entwickelt in ihrem Forschungs- und Beratungsinstitut «Trends + Positionen» Konzepte zur Profilbildung für Anbieter von ( Luxus-) Produkten und anspruchsvollen Dienstleistungen insbesondere in den Branchen Textil, Mode und Architektur. Zum Einsatz kommen dabei eigene Forschungsergebnisse zu Ästhetik und Lebensstilen. Zudem unterrichtet sie Soziologie an den Universitäten St. Gallen und Liechtenstein. Publikationen: – Auf Tuchfühlung – Soziologie der textilen Haptik ( 2015 ) – Lock-Stoffe – St. Gallen als Textil und Jugendstil-Stadt ( 2010 ) www.kritzmoeller.ch

lange Kultur der Freiheit und der Selbstbestimmung: Freiheit, wählen und entscheiden zu können. Etwas so oder anders zu gestalten. Zu bewerten, welcher Weg die gestellte Aufgabe in Funktion und Ausdruck am besten repräsentiert. Diese Geschmacks-DNA entsteht nur dann, wenn sich die genannten Bedingungen ( anders als etwa in diktatorischen Gesellschaften ) über Generationen hinweg entfalten durften. Dem entsprechend lässt sich eine derart entwickelte Geschmacksführerschaft nicht binnen weniger Jahre erlernen wie eine technische Fertigkeit, sondern bleibt, in Dimensionen eines Menschenlebens gedacht, unnachahmlich. Während bei hart umkämpften Märkten und – in der Schweiz – als beängstigend empfundener Währungsstärke vielfach der Sisyphus-Versuch unternommen wird, in das Rennen der Preiskonkurrenz einzusteigen, und Forschungsgelder primär in «sinnvolle», weil ernsthaft-seriöse technologische Entwicklungen investiert werden, rückt der Geschmack in die marginalisierend feminisierte Ecke des «Nice-to-have». Jedoch verdeutlichte bereits der Soziologe Pierre Bourdieu in seinen Ausführungen zu den «feinen Unterschieden», wie grundlegend die gesellschaftliche Urteilskraft nicht nur über Sympathie und Antipathie entscheidet, sondern auch darüber, wer welche Produkte mit Erfolg an seine zuvor definierte Zielgruppe vermarktet. Das subtile Differenzierungskriterium Geschmack entwickelt sich gerade in Gesellschaften, die mit Überfluss- statt

Knappheitsphänomenen konfrontiert sind, zu einem der subtilsten und zugleich allgegenwärtigsten Differenzierungskriterien. Dies gilt sowohl im Alltag, als auch bei der Selektion von Gütern und Dienstleistungen. Feinste Details entscheiden, ob ein Outfit als stimmig empfunden wird. Der vielleicht gar nicht bewusste Griff des Materials stellt die Weichen, ob der neu erstandene Anzug sein kümmerliches Dasein in der letzten Ecke des Kleiderschrankes fristen – oder mit seiner schmeichelnden Haptik nicht nur den Träger selbst betören wird. Bevor allerdings Hand angelegt wird an die Produkte, gilt es visuell eine Idee ihres Inhalts zu erwecken. Auch das Bild entfaltet seine Tücken, sagt es zwar mehr als tausend Worte, dies jedoch ohne eine so verbindliche Grammatik wie die verbale Sprache. Mit dieser Entwicklung rückte ein scheinbar unmessbares, de facto nicht quantifizierbares Kriterium ins Zentrum unternehmerischer Erfordernisse: Der Geschmack. Die gezielte Nutzung des Geschmacks als nicht zu imitierendem Kultur- und Wettbewerbsfaktor bedarf deshalb einer fundierten Vorgehensweise, um Ausstrahlung und Botschaft zielgerichtet in Produkte, Dienstleistungen und Kommunikation zu implementieren. Wenn wissenschaftliche Methoden bei der Entwicklung von Formenund Bildsprache angewandt werden, weicht die scheinbare Beliebigkeit einer Botschaft mit Substanz und Charakter. Verführung bringt eben auch im Wirtschaftsleben erfolgreich ans Ziel!


Impact Liechtenstein

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SICHERHEIT &   VIELFALT   machen das Rheintal sexy Sie bleiben, denn sie sind glücklich. Talente im Rheintal sind zufriedener als solche, die es in Ballungsräume gezogen hat. Eine aktuelle Studie zeigt, woran das liegt und dass es einer neuen regionalen Führung bedarf, um bei aller Diversität gemeinsame Ziele zu erreichen. Text: Yvonne von Hunnius

A

uch wenn es im Alltagsstress oft untergeht: Es ist einfach schön hier! Und für Talente ist das ein schlagendes Argument, um sich für das Rheintal als Lebensmittelpunkt zu entscheiden. «Die hohe Lebensqualität kann gar nicht oft genug als Attraktivitätsfaktor des Standorts betont werden, das zeigt unsere Studie deutlich. Insgesamt erreicht die Region sehr hohe Zufriedenheitswerte», sagt Stefan Güldenberg, Professor für Internationales Management. Lebensqualität spielt demnach eine besonders grosse Rolle, wenn es darum geht, sich für einen Wohnort zu entscheiden, der langfristig zu den eigenen Lebensplänen passen soll. Über 400 Personen aus der Vierländer-Region haben an der Untersuchung Anfang 2016 teilgenommen. Die Ergebnisse zeigen, wie man am besten Talente anziehen und vor allem halten kann.

Kulturangeboten und Karriereaussichten topp sind, doch generell geringere Zufriedenheitswerte aufweisen.

Familien fühlen sich wohl Glücklich und sesshaft macht laut der Studie gerade die Nähe zu Familie und Freunden. Für Güldenberg spricht das in Bezug auf die Region dafür, dass Integrationsmassnahmen gelingen: «Auch hier findet man als Zugezogener nicht immer schnell Anschluss. Doch Unternehmen wie Hilti haben schon lange bemerkt, dass soziale Angebote neuen Mitarbeitenden helfen, sich bald heimisch zu fühlen.» Etwa Sportangebote des Arbeitgebers erleichtern das Knüpfen von Kontakten, die langfristig einen Freundeskreis bilden. Dies wird unterstützt durch ein regional stark ausgeprägtes Vereinswesen.

Überraschend einig waren sich die Befragten, wo künftig Handlungsbedarf besteht. Stefan Güldenberg bringt es auf den Punkt: «Fördert Hightech-Unternehmen, den Zuzug von neuen Talenten und packt Infrastrukturmassnahmen gemeinsam an.» Und um diese Ziele wie eine stärkere Hightech-Profilierung zu erreichen, braucht es grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Der regionale Wettbewerb ist laut Güldenberg positiv, doch viele vermissen ein gemeinsames Auftreten nach aussen. Das bedeutet auch mehr Partizipation und ein anderes Verständnis von regionaler Führung – vielleicht in Anlehnung an das föderale Modell der Schweiz. Für Güldenberg ist klar: «Gemeinsam kann am besten herausgehoben werden, wie gut die Systeme sich ergänzen und unterschiedlichste Bedürfnisse befriedigen können.»

Die Rheintaler messen nicht nur der Nähe zu Familie und Freunden, sondern auch Sicherheit und Karrieremöglichkeiten einen hohen Wert bei. Die niedrige Kriminalitätsrate, eine gesunde Wirtschaftsbasis und kurze Wege machen die Region attraktiv für Familien. «Das trägt dazu bei, dass das Rheintal in puncto Zufriedenheit sogar Ballungsräume ausstechen kann», sagt Güldenberg. Studien zeigen, dass Städte bei

Systeme ergänzen sich Die Untersuchung betritt in vielerlei Hinsicht Neuland. An kaum einem anderen Ort hat bisher eine vergleichbare grenzüberschreitende Befragung über vier benachbarte politische Systeme stattgefunden. Die Ergebnisse verweisen darauf, wie sich die Region als Ganzes am besten positionieren kann. Schweizer und besonders Liechtensteiner sind etwa zufriedener mit ihren Rechts- und Steuersystemen als Deutsche und Österreicher. Dafür sind letztere glücklicher in Bezug auf das kulturelle Angebot.

Impact Liechtenstein zeigt Forschungsprojekte der Universität

Liechtenstein sowie aktuelle Entwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft mit Mehrwert für Liechtenstein und seine Nachbarn.


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Uni Gestalten

IST EH ALLES DA!

Martin Mackowitz ist überzeugt: «Wenn man Ideen nicht in unnötige Grenzen packt, tun sich überraschende Möglichkeiten auf.» Der gelernte Architekt hat eine Vorliebe für Projekte im öffentlichen Raum, die Perspektiven ändern und neue Sichtweisen ermöglichen. Denn für ihn ist Architektur nicht nur Architektur sondern zugleich Kunst, Kultur, Handwerk und vieles mehr. Sein neuester Coup: Der Wanderkiosk. Ausgestattet mit allem was das Herz begehrt, lädt dieses temporäre Objekt ein zum Verweilen im öffentlichen Raum. Raus aus der digitalen Einsamkeit und zurück in die unmittelbare Nachbarschaft. www.wanderkiosk.at

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Foto: Adrian Schröder


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Forschung im Fokus

GEBÄUDE & MENSCH 

müssen sich verstehen Heute werden Energieeffizienz-Massnahmen in Gebäuden rein technisch geplant. So, als sei es nicht der Nutzer, der diese zum Erfolg führt oder scheitern lässt. Jörn von Grabe will das ändern: Er schaut sich die Bedürfnisse der Menschen genau an und leistet dabei Pionierarbeit. Text: Yvonne von Hunnius

D

er Plan ist perfekt, doch dann kommt der Mensch. «Bei zwei baugleichen Gebäuden kann das eine dennoch das Doppelte an Energie des anderen verbrauchen», sagt der Bauingenieur Jörn von Grabe. Das zeigt: Energiesparmassnahmen sind immer nur so gut wie sie zu den Nutzern passen. Trotzdem fokussiert sich die Forschung immer noch stärker darauf, welche technischen Hebel noch auszureizen sind, als sich die Bedürfnisse der Menschen genauer anzuschauen. Von Grabe eröffnet mit seiner Arbeit an der Universität Liechtenstein neue Perspektiven, indem er das Handwerkszeug der Ingenieure kontinuierlich erweitert. «Gerade psychologische Ansätze helfen zu verstehen, wie Menschen Gebäude bedienen. Dann können wir auch versuchen, die Menschen subtil, aber zielgerichtet zu einem energieeffizienteren Verhalten zu führen.» Modelle müssen Menschen einbeziehen Die technische Logik ist einfach: Gerade in kälteren Gefilden wie den unseren gehören beispielsweise Fenster zum festen Bestandteil der Heizenergieberechnung. Der Sonnenschutz verhindert im Sommer eine zu grosse Aufheizung; im Winter muss die Sonne ins Haus dringen und trägt zur Beheizung bei. Doch hier wird die Rechnung ohne den Nutzer gemacht.

Von Grabe sagt: «Wenn ich am Computer arbeite, brauche ich auch im Winter Sonnenschutz – oder vielleicht will ich einfach nur unbeobachtet sein und schliesse deshalb die Storen.» Unter diesen Umständen rücken die Zahlen optimaler Energieeffizienz schnell ins Reich der nicht realisierbaren Ziele. Komfort und Funktionalität im Zentrum Aber welche Bedürfnisse sind besonders wichtig, wenn es um das Verhalten in einem Gebäude und somit die Energieeffizienz geht? «Das weiss ich, wenn ich den Kontext kenne, die Nutzung beobachte und auch Erkenntnisse aus der Psychologie miteinbeziehe», sagt von Grabe. Übergeordnet sieht er die Bedürfnisse nach Komfort und Funktionalität als entscheidend an. Menschen wollen es sich möglichst behaglich machen und in der Lage sein, ihre Tätigkeit möglichst mühelos zu verrichten. Wer genauer hinschaut, erkennt teils auch den Wunsch nach Privatsphäre oder Sicherheit. Steht dem eine Energieeffizienzmassnahme entgegen, hat sie keine Chance, denn die individuellen Bedürfnisse sind dem Einzelnen viel wert.

So ist es im Fall des Sonnenschutzes keine Lösung, einen Automatismus einzubauen und zu verhindern, dass die Storen individuell bedient werden können. «Entspricht ein Gebäude nicht den Bedürfnissen der Nutzer, wird es nicht akzeptiert. Dann steht es leer und wird vielleicht weit früher durch ein neues ersetzt, als es nötig wäre», sagt von Grabe. Gebäudeintelligenz der Zukunft Technische Grössen wie die Dämmstärke einer Wand sind leicht in eine Simulation zur Energieeffizienz zu integrieren. Beim Faktor Mensch ist das unvergleichlich komplizierter. «Ohne ihn sind Modelle jedoch zu weit von der Realität entfernt», sagt von Grabe. Sein Ziel ist, die Beobachtungen in Verbindung zu bringen mit messbaren Grössen und somit Simulationen näher an die Realität zu bringen. Gelingt dies, kann die Gebäudeplanung das Potenzial von Energieeffizienzmassnahmen besser ausschöpfen. Von Grabe: «Heutige Systeme sind zwar ausgetüftelt, aber noch nicht smart oder intelligent – dahin kommen wir erst, wenn wir die psychologischen Zusammenhänge verstanden haben.» http://bit.ly/2dFkWYi


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Stimmen vom Campus

WOH IN W IL LST DU? Text und Foto: Inga van Gessel

D

ie Beantwortung dieser Frage ist nicht einfach und verlangt viele zusätzliche Überlegungen. Was will ich? Wie möchte ich leben? Wer will ich sein? Herauszufinden, was einen tatsächlich antreibt, bedarf einer guten Portion Selbstreflexion. Ist es eher der Wunsch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder das Bedürfnis, eigene Werte aktiv zu leben? Mit anderen Worten: Was gibt einem Orientierung – Kopf oder Herz?

Genau dabei möchte die Universität Liechtenstein ihre Studierenden unterstützen – durch spezielle Lehrangebote und den direkten Austausch mit Dozierenden. Schliesslich dient ein Universitätsstudium nicht nur dem Aneignen von Fachwissen für die spätere Karriere. Vielmehr bedeutet es auch das Auseinandersetzen mit den eigenen Vorstellungen und Ideen über die Welt und die persönliche Rolle darin. Denkraum hat Studierende und Absolventen nach ihrem Antrieb und Schwung befragt.

1. Semester BSc Betriebswirtschaftslehre

DENIZ ASKAR (AT)

Ich war schon immer sehr zielstrebig, wobei der nächste Schritt oft erst auf dem Weg sichtbar wurde. So habe ich zunächst bei Zumtobel eine Ausbildung gemacht, und dann erst meine Matura in der Abendschule nachgeholt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon eine Anstellung im technischen Kundendienst. Ich will mich weiterentwickeln. Dazu gehört für mich auch mal das Auf-die-Schnauze-fallen. Viele fixieren sich so sehr auf das NichtScheitern, dass sie scheitern. Mein Ziel ist es gedanklich flexibel zu bleiben, um zukünftig mit verschiedenen Perspektiven die bestmöglichen Lösungen zu Problemen in Arbeitsprozessen finden zu können.

Ich habe zwar ungefähre Vorstellungen von meiner Zukunft, jedoch vermeide ich konkretere Pläne, da sie mich einschränken. Während der letzten Jahre habe ich durch meine kaufmännische Ausbildung, meinen Bachelor in Modemanagement und jetzt mein Masterstudium erkannt, was ich will und was ich nicht will. Eine der wichtigsten Erkenntnisse dabei ist, dass Ziele zwar den Rahmen vorgeben, aber noch genug Spielraum lassen, um sich auf Möglichkeiten unterwegs einzulassen. Eine Fähigkeit, die mir hilft einen klaren Kopf zu bewahren – derzeit arbeite ich mit drei Kommilitonen am ersten eigenen Start-Up.

ST EF AN IE RU DO LP H (D E) 3. Semeste r MSc Entrepre neu

rshi p


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ANINA FREI (CH) 2. Semester MSc Architecture

Die Entscheidung Architektur zu studieren, habe ich recht spät getroffen. In meiner Kindheit und Jugend war ich Skirennfahrerin und dachte immer, dass ich später einmal in diesem Bereich arbeiten würde. Ein Praktikum bei einem Architekten hat mir gezeigt, wie vielseitig dieser Beruf ist. Besonders spannend finde ich den Dialog zwischen dem kreativen Entwerfen und dem technischen Umsetzen. Die optimale Lösung für den Mensch, Ort und die Umwelt zu finden, diesen Prozess zu begleiten und dennoch etwas zu schaffen, hinter dem ich als Architektin stehen kann – dies fasziniert mich und gibt mir das Gefühl auf dem richtigen Weg ins Arbeitsleben zu sein. Derzeit betreue ich neben dem Studium ein eigenes Projekt – den Umbau eines Einfamilienhauses in ein Mehrfamilienhaus. Für meine Zukunft stelle ich mir ein paar Jahre Arbeitserfahrung – am liebsten im Ausland – vor, bevor ich hoffentlich mein eigenes Büro eröffnen kann.

Schon in der Schule war ich sehr zielstrebig und wusste ab der 4. Klasse der Handelsakademie sicher, dass ich studieren will. Meine Freunde und Familie würden mich klar als logischen und überlegten Typen beschreiben. Darum war ich am Anfang des Studiums sicher, dass ein Job in der Finanzbranche genau das Richtige wäre. Mittlerweile sieht das anders aus. Ich möchte mich selbstständig machen, weil ich besonders die Freiheit des Unternehmertums bewundere. Nach meinem Bachelorabschluss würde ich gerne reisen und dabei neue Eindrücke und Ideen sammeln.

ANDI ZHENG (AT) 5. Semester BSc Betriebswirtschaftslehre

Ich muss in Bewegung bleiben – egal ob geistig oder sportlich. Nach dem Abitur habe ich ein duales Bachelorstudium in Banking und Finance angeschlossen. Diese doppelte Belastung von Studium und Beruf war für mich ein motivierender Faktor. Der zusätzliche Druck half mir, mich zu organisieren und zu konzentrieren. Meine Eltern sind beide selbstständig, und so lernte ich von Kindheit an, dass einem Erfolg nicht einfach in den Schoss fällt. Wer etwas erreichen will, muss dafür arbeiten. Darum bilde ich mich neben meinem Job im Private Banking derzeit weiter.

LUDWIG ZANKER (DE) 1. Semester MBA Technologie & Innovation


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Wirtschaftsinformatik

Sanja Tumbas, Doktorandin an der Universität Liechtenstein, erforscht Innovation durch digitale Technologien.

DIGITALISIERUNG FÜHRT AUF DEN WACHSTUMSPFAD

Wollen Unternehmen wachsen, ist Digitalisierung ein unentbehrlicher Helfer. Doch wann und wie sind Investitionen sinnvoll? Forscher raten zu klaren Zielen und einem digitalen Schritt nach dem anderen. Regionale Beispiele zeigen: Diese Strategie verspricht Erfolg. Text: Yvonne von Hunnius Foto: Adrian Schröder


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«Es geht um eine schrittweise Digitalisierungsstrategie, so halten sich Unternehmen flexibel, um auf Anforderungen der Kunden und Zulieferern zu reagieren.»

Digitale Fähigkeiten Schritt für Schritt Jungunternehmen tun gut daran, ihre Infrastruktur mit Sanja Tumbas, Doktorandin Bedacht aufzubauen und vorsichtig mit ihren m Anfang steht die Excel-Tabelle. «Je Ressourcen umzugehen. So liegt beim Jungunmehr Kunden und Mitarbeiter wir hatternehmen Frooggies aus Vaduz der Fokus auf ten, desto schwieriger wurde diese Löeinem einwandfrei funktionierenden Internetsung und wir haben ein professionelles System Shop und Internet-basierten Kunden-Support. gesucht», sagt Oliver Stahl. Der Liechtensteiner Seit der Gründung 2015 bis vor kurzem wurden ist Mitgründer und Geschäftsführer der 2009 jedoch die Tüten mit Fruchtpulver von den gegründeten Früchtebox Express AG, die UnGründern grossteils immer noch händisch ternehmen mit Snacks und Früchten in Liechbefüllt. Wegen der Mengen hat man es nun ausgelagert. Mitgründer Philippe Nissl sagt: tenstein und der ganzen Schweiz beliefert. Eine «Toll wäre eine komplette IT-Infrastruktur, in Proffix-Software für Aboverwaltung, Logistik und Finanzwesen legte dann den Grundstein der alle Abläufe, Lagerbestände, Einkauf, Kunfür weiteres Wachstum. Inzwischen setzt die denservice miteinander verknüpft sind. Doch Digitalisierung auch an der anderen Seite der wann das bei uns so weit ist, ist noch offen.» Wertschöpfungskette an: Snacks und Früchte bei Kunden wie SIX und UBS sind digital über Die Forscher haben herausgefunden, dass die Bezahl-App Paymit / Twint bezahlbar. Digitalisierung bei manchen Unternehmen erst ins Spiel kommt, wenn Wachstum beginnt. GeDigitale Fassade im sucht wird dann nach Strategien als Reaktion Übergang zum Wachstum auf neue Märkte oder Distributionskanäle. Diese Entwicklung ist typisch für UnternehWann es sich lohnt, in teurere Systeme zu investieren, muss jedoch jedes Unternehmen men wie die Früchtebox AG, deren Geschäftsfür sich definieren. Für Sanja Tumbas ist klar: modell nicht direkt auf digitalen Lösungen «Es geht um eine Schritt-für-Schritt-Strategie. fusst. Denn in der Wachstumsphase müssen So hält sich das Unternehmen flexibel, um Unternemen viele Bälle gleichzeitig jonglieren. auf Anforderungen der Kunden und ZuliefeDas sagt die Doktorandin Sanja Tumbas vom rer zu reagieren.» Letztlich könnten digitale Hilti Lehrstuhl für Business Process Management. Gemeinsam mit Stefan Seidel und Jan Technologien einem Unternehmen gleichzeitig vom Brocke von der Universität Liechtenstein Flexibilität wie Struktur bieten und als Innovaund Nicholas Berente von der University of tionsmotoren auch zu neuen Produkten oder Dienstleistungen verhelfen. Georgia ( USA ) hat sie Digitalisierungsprozesse in wachsenden Unternehmen untersucht. Eine der Erkenntnisse: Um Wachstumsphasen zu Strukturen im Wandel überstehen, setzen Firmen häufig auf die VorIn grösseren, etablierten Organisationen wird Digitalisierung oft als Mittel dafür geseteile einer sogenannten digitalen Fassade. Und das ist keineswegs negativ gemeint. «Zunächst hen, Innovationszyklen zu beschleunigen – ein wird in ein System investiert, das zur digitalen Aspekt, der gerade für die Region und die Arbeit des Instituts für Wirtschaftsinformatik Fassade beiträgt. So können Unternehmen bereits früh einen professionellen Eindruck auf immer wichtiger wird. In diesen Prozessen Kunden, Zulieferer und Investoren machen», gewinnt auf der Leitungsebene von Untersagt sie. nehmen die Rolle eines Chief Digital Officers ( CDO ) an Bedeutung. Der CDO überwacht Das Forscherteam hatte für die Studie Digitalstrategie und Kundenfokus. Interviews mit über 40 Führungspersonen aus unterschiedlichen Industriesektoren geführt. Laut Sanja Tumbas steht dabei stets ein Ein Artikel über die Studie wurde im Dezember Faktor im Zentrum der Digitalisierungs- und Wachstumsprozesse: Das Wesen der Arbeit 2015 mit dem Best Paper Award an der International Conference on Information Systems ändert sich. Die Forscher beobachten in jungen ( ICIS ) in Texas, USA, ausgezeichnet. und auch etablierten Unternehmen Organisationsprozesse, die untrennbar mit digitalen

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Technologien verbunden sind. «Arbeit an sich wird digital und braucht neue Denkmuster», sagt Tumbas. Born-Digitals funktionieren anders Manche Unternehmen haben Digitalisierung bereits im Blut. Ihre Gründer sind oft Vertreter der Generation Y – also diejenigen, die nach dem Jahr 1980 geboren wurden. Solche Unternehmen funktionieren anders als jene, die sich wie die Früchtebox Express AG erst in ihrer Wachstumsphase intensiver mit Digitalisierung beschäftigen. Diese bezeichnen die Forscher als Grown-Digitals. Häufig basiert die Geschäftsidee der sogenannten Born-Digitals auf digitalen Lösungen. Genau so ist es beim Start-up investory.io. Die Plattform übernimmt die Investorenkommunikation für Unternehmen und versendet regelmässig Berichte mit standardisierten Kennzahlen. Digitalisierung ist integraler Bestandteil des Modells. Geschäftsführer und Mitgründer ist Florian Tausend, ein Absolvent des Masterstudiengangs Entrepreneurship. Er sieht die Chancen klar vor sich: «Dank der Digitalisierung war es nie einfacher und günstiger, Know-how oder auch Serverkapazitäten zu beschaffen, um ein Unternehmen aufzuziehen.» Aber auch hier zählt die Schrittfür-Schritt-Strategie in Bezug auf das digitale Modell. Seiner Erfahrung nach ist Flexibilität bei der Entwicklung der Start-up-Idee wie bei der weiteren Produktentwicklung wichtig. Start-ups, die zu früh alles auf ein System setzen, verspielen sich diese Flexibilität. Wachstum braucht Wissen Aber ist es für Born-Digitals durch ihre Digitalkompetenzen nun einfacher zu wachsen? Sanja Tumbas sagt: «Diese Unternehmen können mithilfe der Technologien leichter experimentieren. Doch digital voll ausgerüstet zu sein, ist kein Vorteil per se. Ob es sich um Finanzierung, Logistik oder Kommunikation handelt – erst wer sein Geschäft überzeugend beherrscht, ist bereit für Wachstum und kann dann auch am geschicktesten die Vorteile der Digitalisierung nutzen.»


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Einfach in Altenrhein abheben 4 Mal täglich nach Wien, 2 Mal täglich nach Köln/Bonn und zu attraktiven Sommerdestinationen.

Standortattraktivität „Bodensee“ Strasse, Schiene und Luftverkehr. Je besser die Intermodalität zwischen den einzelnen Verkehrsträgern ist, desto attraktiver das Gesamtsystem. Der Flugplatz St. Gallen-Altenrhein und die People’s Viennaline möchten einen aktiven und wichtigen Beitrag zur Standortattraktivität „Bodensee“ leisten. In dem die People’s Viennaline künftig die beiden Flughäfen Altenrhein und Friedrichshafen miteinander verbindet, und über beide Flughäfen Weiterflüge anbietet, sei dies auf eigenen Strecken, wie nach Köln/Bonn oder Wien, oder auf Anschlussstrecken anderer Airlines ab Friedrichshafen, werden Menschen, Märkte und Standorte, die bisher durch den See getrennt waren, verbunden.

„Wir bieten den beiden Flughäfen die notwendige Stabilität, weil das Verkehrsaufkommen des gesamten Bodenseeraumes bedient werden kann. Vergessen wir jedoch nicht: Was wir an den Abflügen ab Friedrichshafen und Altenrhein schätzen, schätzen auch unsere Kunden und Besucher, die zu uns kommen. Nutzen wir dieses „Flugnetzwerk Bodensee“ zu unserem Vorteil als wichtiger Baustein für die Zukunft unserer vier Länder umfassenden Region“ so Daniel Steffen, CEO People’s Air Group.

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Experteninterview

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FÜ H RT BE PS ZU V ERSTÄ R K T ER GLOBALISIE RUNG ? Staaten beklagen mangelnde Steuereinnahmen, internationale Unternehmen wiederum versuchen weltweit ihre Steuerlast gering zu halten – teils zahlen sie gar keine Steuern. Ziel der Anti-BEPSInitiativen (Base Erosion and Profit Shifting/Gewinnverkürzung und Gewinnverlagerung) ist es, dies in Zukunft zu verhindern. Dazu sollen bislang legale steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten identifiziert und verhindert werden. Interview mit Prof. Dr. Martin Wenz, Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen der Universität Liechtenstein Text: Heike Esser

Martin Wenz: Nun, zunächst allgemein zum Thema. Einerseits sind es Extrembeispiele, nehmen wir Starbucks in UK, die sehr viel und sehr gewinnträchtig Kaffee in ihren bekannten Bechern verkaufen, also sehr viel Umsatz machen, aber wenig oder keine Steuern zahlen. Andererseits sind es auch Beispiele von Staaten, deren Steuersystem nicht wettbewerbsorientiert ist, d.h. die ihre überhöhte Staatsquote mit sehr hohen Steuern finanzieren wollen, was in einem globalen Umfeld für diese, aber auch für wettbewerbsorientierte Staaten immer schwieriger wird.
 Die Ausgangsfrage – und das ist das eigentliche BEPS-Thema – ist, wo die Wertschöpfung global tätiger Unternehmen besteuert werden soll? Es ist das Credo von BEPS entsprechend OECD und EU, dass die jeweilige Wertschöpfung dort besteuert werden soll, wo sie entsteht. Das ist aber auch bereits das Ende der gemeinsamen kurzen Fahnenstange, denn: Was ist Wertschöpfung? Ist die Marke Hilti oder Daimler so wertvoll, weil so viel Ingenieurskunst in den Produkten steckt – das ist der europäische Ansatz – oder sind die entsprechenden Marken so

wertvoll, weil der Markt, auf dem diese Produkte verkauft werden, so riesig ist – das ist der asiatisch-chinesische Ansatz. Beide Ansätze sind nicht miteinander vereinbar und insofern treffen unter einer gemeinsamen Überschrift eigentlich unvereinbare Konzepte in der gesamten Anti-BEPS-Initiative aufeinander. 
 Der zweite Punkt ist die Frage des Steuerwettbewerbs – ist er gut oder schlecht? Sehr vereinfacht gesagt, ist Steuerwettbewerb schlecht, wenn Staaten damit nur die Bereitstellung öffentlicher Güter finanzieren wollen, sie also effizient sind. Denn geringere Steuern führen dann zu einem niedrigeren Level an öffentlichen Gütern. Wenn Staaten aber Steuern einnehmen, um sehr viel mehr zu tun, als öffentliche Güter bereit zu stellen, sie etwa als Unternehmer oder Logistiker agieren oder überborden in sozialen oder vielen anderen Dingen, dann ist Steuerwettbewerb sehr heilsam. 



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«Rennen andere schneller als man selbst, kann man mehr trainieren oder dafür sorgen, dass andere auch nicht mehr so schnell rennen können. BEPS ist die letztere Methode.» Prof. Dr. Martin Wenz

Mit der Frage des Steuerwettbewerbs einerseits und mit der Wertschöpfungsdiskussion andererseits versucht BEPS irgendwie zu einer faireren Verteilung der Steuereinnahmen unter den Staaten in einer globalisierten Welt zu kommen. Das Problem ist nur, dass Steuergesetze einer der zentralen Bestandteile souveräner Nationalstaaten sind – dementsprechend ist es eine Grundvoraussetzung, dass diese weitgehend uneingeschränkt fähig, frei und in der Lage sind, ihre Steuergesetze individuell und in Bezug auf ihre jeweiligen Bedürfnisse zu bestimmen. BEPS geht es also nicht um kriminelle Machenschaften, sondern um legale Steuervermeidung? M.W.: Es geht ausschliesslich um legale, vom Ergebnis her aber als unbefriedigend eingestufte Steueranwendung. Generell ist z. B. bei börsennotierten Unternehmen davon auszugehen, dass diese absolut gesetzestreu ihre Steuern entrichten und die Steuerrechtssysteme absolut befolgen. Ihre Abschlüsse, die sie nach internationalen Rechnungslegungsstandards aufstellen und von den weltweit führenden Prüfungsgesellschaften testieren lassen, werden zudem durch die äusserst strengen Börsenaufsichtsbehörden, insbesondere die USamerikanische SEC, überwacht. Ob ein Steuersystem «vermeintliche Steuerschlupflöcher» beinhaltet oder nicht, ist Ausdruck der nationalen Souveränität, d.h. niemand anderes als der jeweilige Staat selbst hat vorsätzlich oder unbedacht «vermeintliche Steuerschlupflöcher» geschaffen. Ausserdem können Steuerschlupflöcher bei grenzüberschreitenden Sachverhalten durch das Zusammenwirken mehrerer nationaler Steuersysteme und/oder internationaler Steuerabkommen entstehen. Aber: Die Steuersysteme werden von den Staaten geschaffen. Wenn sie aus ihrer Perspektive zu unerwünschten Ergebnissen führen, ist das allen voran – und da braucht es gar keine Koordination à la BEPS – Sache dieser Nationalstaaten, solche unerwünschten Ergebnisse zu vermeiden.

Irland etwa hat kein Interesse an BEPS – die Staatengemeinschaft setzt Druck auf, um BEPS durchzusetzen. Wo bleibt da die staatliche Souveränität?
 M.W.: Es gibt auch hier zwei Richtungen. Irland ist EU-Mitglied, Liechtenstein ist EWR-Mitglied. Folglich haben sich beide freiwillig durch diese Mitgliedschaften den Regeln zum Europäischen Binnenmarkt unterstellt. Diese betreffen insbesondere die Grundfreiheiten, im Wesentlichen Diskriminierungsverbote, und das Verbot staatlicher Beihilfen, d.h., dass unterschiedliche Unternehmen, Branchen etc., die vergleichbar sind, sprich gleich hohen Gewinn erwirtschaften, nicht unterschiedlich besteuert werden dürfen. Das ist ein freiwilliges Unterstellen dieser Staaten, um Zugang zum Europäischen Binnenmarkt zu haben. Irland muss in Bezug auf Apple «nur» seine Gesetze europarechtskonform ausgestalten und auch korrekt anwenden.
 BEPS ist anders gerichtet, das muss man sehr klar trennen. BEPS ist aufoktroyiert durch die G20 und die OECD, indem diese sich und allen anderen Staaten einen «global standard» verordnen, ohne hierfür eine besondere Legitimation zu besitzen. Wer am globalen Finanzsystem und letztlich am globalen Wirtschaftssystem – an der Globalisierung – teilhaben möchte, muss diesem globalen Standard entsprechen. Das hat etwas Dirigistisches, Entstaatlichendes an sich, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit einzelner reduziert werden soll. Rennen andere schneller als man selbst, kann man mehr trainieren oder dafür sorgen, dass andere auch nicht mehr so schnell rennen können. BEPS ist die letztere Methode. Das von BEPS verlangte CbC-Reporting garantiert Vertraulichkeit. Ist das nicht unrealistisch? M.W.: Nun, umso mehr Daten generiert und ausgetauscht werden, desto mehr möglicher Datenmissbrauch. Country-by-Country-Reporting ist eine weitere Spielart des automatischen Informationsaustauschs darüber, wie viel Umsatz und Gewinn ein Unternehmen in welchen Ländern macht und wie viele Steuern im Vergleich dazu dort jeweils gezahlt werden. Im UK-Starbucks-Fall ist damit sofort erkennbar: hoher Umsatz, hohe Gewinne, aber wenig oder keine Steuern in UK. Beim CbC-Reporting werden die Daten von der Steuerverwaltung am Sitz


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des Unternehmens der Topgesellschaft an die Steuerverwaltungen der anderen Staaten, in denen die jeweiligen Tochtergesellschaften oder Niederlassungen angesiedelt sind, automatisch übermittelt. Eine Veröffentlichung der Daten erfolgt dagegen nicht. Ob damit Missbräuche verbunden sind, bleibt abzuwarten. In jedem Fall kann ein Land anhand dieser Daten aber durchaus erkennen «aha, da könnte eine aggressive Steuerplanung dahinterstecken, die wir uns mal näher ansehen». Welche Auswirkungen hat BEPS für die Liechtensteiner Industrie und Steuerverwaltung? M.W.: Es wird uns relativ einfach fallen, unser Steuergesetz BEPSkonform auszugestalten, weil das Steuersystem sehr modern ist und es vollumfänglich den genannten europäischen Anforderungen Rechnung trägt und wir uns dementsprechend auf einem sehr hohen 2.0-Niveau befinden. Keine Incentives, keine Sonderbehandlungen, alle Dinge sind immer durchgängig geregelt. Das Problem liegt eher im Ausland, in dem nämlich versucht wird, bis anhin als liechtensteinische Gewinne identifizierte Grössen als ausländische zu erachten und dort zu besteuern. Das heisst, dass der Gewinn im Ausland steigt und im Inland sinkt, sofern man Doppelbesteuerungen vermeiden will. Das erzeugt Druck auf die liechtensteinischen steuerpflichtigen Gewinne und damit auch auf das Steueraufkommen. Attraktivität zu gewährleisten und das Steueraufkommen abzusichern, wird klar schwieriger. Das ist die grosse Gefahr vor allem im Bereich der Residual-Gewinne, also derjenigen Gewinne, die bis anhin in der Zentrale angefallen sind und dort besteuert wurden. Diese könnten abschmelzen und damit auch das Steueraufkommen. Man bräuchte also Unternehmensansiedlungen im Inland, um dieser Abschmelzung zu entgehen? M.W.: Zum Beispiel. Und das ist ein bisschen der schlechte Scherz an diesen BEPS-Themen, dass vermeintlich globale Regeln zu verstärkter Renationalisierung und nicht etwa zu globalem Handeln führen. Das ist grotesk. Es ist im Übrigen sehr schwer zu ermitteln, wer bei BEPS der Gewinner sein wird. Die Verlierer werden voraussichtlich die Unternehmen und damit am Ende alle Bürger sein, denn vermutlich wird es in der Zukunft wieder mehr Doppelbesteuerungen geben und jeder Staat wird unter dem Vorwand BEPS seine eigenen Antimissbrauchsmassnahmen

für grenzüberschreitende Tätigkeiten erheblich verstärken. So soll das Unmögliche möglich werden: ein gleich grosser Steuerkuchen soll durch seine Neuverteilung bei allen Staaten zu vermeintlich mehr Steuereinnahmen führen. BEPS ist deshalb weder ein Beitrag zur Globalisierung noch zur Sicherung staatlicher Souveränität.

Kurzvita Prof. Dr. Martin Wenz

Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, Internationales und Liechtensteinisches Steuerrecht und Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen: Liechtenstein House of Finance an der Universität Liechtenstein in Vaduz Prof. Wenz beriet 2009 die Regierung des Fürstentums Liechtenstein als Steuerrechtsexperte: Entwicklung der Liechtenstein-Deklaration vom 12. März 2009 und Unterstützung von Verhandlungen für den Abschluss von Doppelbesteuerungs- und Steuerinformationsabkommen sowie Regularisierungs- und Abgeltungssteuerabkommen (DBA/TIEA/RAStA).


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Die ideale Grösse unseres Unternehmens erlaubt es uns, ein hohes Auftragsvolumen wahrzunehmen, ohne dabei individuelle Kundenwünsche aus den Augen zu verlieren. Unser Ziel ist es, mit einem umfassenden und optimal abgestimmten Leistungsportfolio den stetig wachsenden Kundenbedürfnissen und Anforderungen zu entsprechen oder noch besser, diese zu übertreffen.


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In Kürze

Rückschau

ÜBER MORGEN – ZUKUNFTSSZENARIEN

Vorschau Mi, 7. Dezember 2016 | 18.30 – 20.00 Uhr Auditorium, Universität Liechtenstein

Zur Zukunft der Daten und der Bürgerrechte Referentin Dr. Regula Stämpfli über das «Schlachthaus der Daten. Die Verfassung im Zeitalter der Algorithmen». www.uni.li/campusgespraeche

Di, 13. Dezember 2016 Universität Liechtenstein

Student for a day: BWL Studienschnuppertag für angehende Maturanden, inkl. Besuch einer Vorlesung, Informationen zum Aufbau des Studiums, Erfahrungsaustausch mit aktuellen Studierenden und einem Fallbeispiel. www.uni.li/bwl-4aday

Do, 15. Dezember 2016 Universität Liechtenstein Die Reihe «Campus Gespräche» der Universität Liechtenstein startete in die bereits dritte Runde, in der Gespräche und Vorträge rund um die Zukunft der Gesellschaft, der Arbeitswelt, der Bürgerrechte und der Politik in einer digitalisierten Welt geführt werden. Das erste Campus Gespräch wurde mit einem Vortrag des CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts, David Bosshart, eröffnet. Der langjährige Vorsitzende des ältesten Think tanks der Schweiz sprach über die Ablösung der industriellen Welt durch die zukünftige digitale Welt und darüber, welche Folgen dieser Wandel für das Leben jedes Einzelnen zeitigen wird. Wandel kommt plötzlich «Digital wird alle betreffen, es wird jeden einzelnen Bereich unseres Lebens betreffen und es wird helfen, unsere analogen Bedürfnisse besser kennenzulernen», stellte Bosshart gleich zu Beginn seines Vortrags fest. Während in der industriellen Welt der Mangel regiert – sei es an Resourcen oder an Kapital, werde es in der künftigen digitalen Welt genug von allem geben, wenn wir bereit sind, vom Besitzenwollen wegzukommen und alles zu teilen, ist sich der Zukunftsexperte sicher. Heute fehle es an einer Vision, die Welt werde immer komplexer und unvorstellbarer, doch die Zukunft habe bereits Einzug gehalten. Viele der Technologien, die wir mit Zukunft verbinden, gibt es bereits, erklärte Bosshart, doch sie sind ungleich verteilt oder die gesellschaftliche Akzeptanz ist ( noch ) nicht vorhanden. Doch genau der Umgang mit dem Wandel ist entscheidend, um die technologischen Schübe optimal zu nutzen. Wir leben in einer Welt, die mutige, veränderungswillige Menschen gegenüber Bewahrern des Althergebrachten favorisiert, ist sich Bosshart sicher.

Student for a day: Architektur Studienschnuppertag für angehende Maturanden, inkl. Rundgang über den Universitätscampus, Informationsgespräche, Workshop und die Vorlesung «Was ist Architektur». www.uni.li/ar-4aday

Mi, 8. Februar 2017 Auditorium, Universität Liechtenstein

Wie wollen wir unsere Gesellschaft in Zukunft gestalten? Sozialwissenschaftler Prof. Harald Welzer lädt ein zum Gespräch über Alternativen zur gegenwärtigen Leitkultur des Wirtschaftswachstums und der Verschwendung. Hat der Zukunftsalmanach die Antwort? www.uni.li/campusgespraeche

So, 19. März 2017 Universität Liechtenstein

Einreichfrist Ideenkanal Wettbewerb Der Ideenkanal bietet Menschen mit sinnstiftenden Ideen die Möglichkeit ihr Potential auszuschöpfen. Weitere Informationen zum Wettbewerb um Mentoring und Kapital hier. www.ideenkanal.li


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Denkanstoss

POTENZIALENTFALTU NG I N I N DIVI DUALISI ERTEN GEMEI NSCHAFTEN Text und Foto: Gerald Hüther

Viele Menschen, sogar manche Neurobiologen, scheinen überrascht, dass das menschliche Gehirn noch längst nicht an der Obergrenze seiner Möglichkeiten angekommen ist. «Erfahrungsabhängige Neuroplastizität» heisst, dass das Gehirn sich verändert, wenn man es mit Begeisterung nutzt. Lernen und sich begeistern gelingt allerdings nur in individualisierten Gemeinschaften, in denen jeder Einzelne mit seinen besonderen Fähigkeiten zur Entfaltung der in diesen Gemeinschaften verborgenen Potenziale beitragen kann. Statt auf Homogenität kommt es in solchen Gemeinschaften auf grösstmögliche individuelle Einzigartigkeit an. Es ist das Geheimnis solcher individualisierten Potenzialentfaltungsgemeinschaften, dass sie eine innere Organisation entwickeln, die der des menschlichen Gehirns in vieler Hinsicht sehr nahe kommt: Sie lernen durch Versuch und Irrtum, sie entwickeln flache, stark vernetzte Strukturen, sammeln Erfahrungen und passen ihre innere Organisation immer wieder neu an sich ändernde Rahmenbedingungen an. Durch sich selbst optimierende kommunikative Vernetzungen auf und zwischen den verschiedenen Organisationsebenen gelingt es ihnen, nicht nur rasch und effizient, sondern auch möglichst umsichtig und nachhaltig auf neue Herausforderungen zu reagieren. Mithilfe der sog. bildgebenden Verfahren ( funktionelle Magnetresonanztomographie ) lässt sich nachweisen, dass hirntechnisch kreative Lösungen nur dann gefunden werden können, wenn es einem Menschen gelingt, sehr viele, sehr verschiedene und bisher von einander getrennt abgelegte Wissens- und Gedächtnisinhalte gleichzeitig wachzurufen und auf eine neue Weise miteinander zu verknüpfen. Für menschliche Gemeinschaften heisst das, dass sie, um ihre Potenziale entfalten und sich weiterentwickeln zu können, auf Begegnungen und Austausch mit anderen Gemeinschaften angewiesen sind. In jeder menschlichen Gemeinschaft gibt es ein inneres Band, das sie zusammenhält. Wenn dieses zerreisst, zerfällt die betreffende Gemeinschaft. Ähnlich wie die im Frontalhirn verankerten inneren Haltungen und Einstellungen das Denken, Fühlen und Handeln eines einzelnen Menschen bestimmt, wird all das,

Gerald Hüther, Sachbuchautor und Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung, befasst sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung.

was einer menschliche Gemeinschaft wichtig und bedeutsam ist, durch den Geist, von dem die betreffende Gemeinschaft getragen ist, bestimmt. Bisweilen kommt es vor, dass die Mitglieder einer Gemeinschaft sich nicht mehr vorrangig um das kümmern, was ursprünglich Sinn und Zweck der jeweiligen Gemeinschaft war und sie geformt hatte. Dann verschwindet der gute Geist dieser Gemeinschaft und ein anderer Geist rückt nach. Meist heisst er «Verwaltungsgeist», manchmal auch «Klagegeist». Wenn es mit einer Gemeinschaft so weit gekommen ist, mag sie vielleicht noch eine Zeit lang überleben, aber sie entwickelt sich nicht weiter. Sie wird zu einer Kümmerversion dessen, was sie ursprünglich einmal war und was aus ihr in Zukunft noch werden könnte. Dafür entstehen anderswo in unserer Gesellschaft neue Gemeinschaften, die von einem frischen Geist getragen sind. Sie lassen sich nicht vereinnahmen und auch nicht kaufen.

Sie sind auf vielfache Weise miteinander vernetzt und können in kürzester Zeit jede neue Information rund um die Welt verbreiten. Der gemeinsame Geist, der sie zusammenhält ist, nicht besonders stark, aber dafür schliesst er niemanden aus, jeder kann sich von überall her mit ihnen verbinden. Sie sind unsere gegenwärtigen Potenzialentfalter. Ihnen gehört die Zukunft.

www.gerald-huether.de www.akademiefuerpotentialentfaltung.org

In der Rubrik «Denkanstoss» äussern Autoren ihre persönliche Meinung. Diese spiegelt nicht zwingend die Auffassung der Redaktion oder der Universität Liechtenstein wider.


CAMPUS GESPRÄCHE 2016 / 2017

ÜBER MORGEN

ZUR ZUKUNFT DER DATEN UND DER BÜRGERRECHTE

Mittwoch 7. Dezember 2016 18.30 Uhr

WIE WOLLEN WIR UNSERE GESELLSCHAFT IN ZUKUNFT GESTALTEN?

Mittwoch 8. Februar 2017 18.30 Uhr

INNOVATIONEN UND GESTALTUNGSMÖGLICHKEITEN AUF DER SPUR

Mittwoch 15. März 2017 18.30 Uhr

Dr. Regula Stämpfli – Politikwissenschaftlerin, Historikerin & Journalistin

Prof. Dr. Harald Welzer – Sozialwissenschaftler & CEO FUTURZWEI

Dr. Stephan Sigrist – Gründer & Leiter W.I.R.E./Think Tank für Wirtschaft, Gesellschaft & Life Sciences

Unterstützt durch Peter Marxer Lecture Foundation Leone Ming Est., Intensive Brand BVD Druck+Verlag AG

www.uni.li/campusgespraeche


BACHELOR (BSc) Architektur Betriebswirtschaftslehre MASTER (MSc) Architecture Entrepreneurship Finance Information Systems DOCTORATE (PhD) Architecture and Planning Business Economics Weiterbildung in den Bereichen Architektur, Entrepreneurship, Finanzdienstleistungen und Wirtschaftsinformatik

www.uni.li

Profile for Universität Liechtenstein

Wissensmagazin Denkraum November 2016 | Universität Liechtenstein  

Wie kann ich mich selbst oder andere Menschen erfolgreich führen? Bedeutet das, in eine Werkzeugkiste zu greifen und wirksame Instrumente ha...

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