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TIM & PUMA MIMI Der Die Das Prolog/Irascible

POSH Born Out Of Silence Red X Music/iGroove mh. Die Biographie verspricht einen musikalischen Mix der auf den Namen „Cross-Over-Pop“ hören soll. Cross-Over, ein etwas negativ angehauchter, verstaubter Begriff für Musik die Hip Hop mit Rock kreuzt und Pop, das tönt oft etwas nach Plastikkonserve. In Wahrheit enthält die dritte Scheibe von POSH sackstarke Gitarrenbretter, einige Rappassagen und auch berührende, sanfte Songs. Somit liegt eigentlich die Beschreibung verdammt richtig. Im Jahr 2000 erschien die Debut-Scheibe „Innocent“ und drei Jahre darauf der Nachfolger „What's Wrong With Being..?“. Die beiden Scheiben und ihr Bühnenhunger haben es der Band erlaubt beinahe sämtliche Schweizer Bühnen mindestens doppelt zu beehren. Die markante, warme und präzise Stimme von POSH-Frontröhre Martina Dieziger garantiert einen hohen Wiedererkennungsfaktor und drückt ihren Songs im Nullkommanix ihren ganz eigenen Stempel auf. Das musikalische Gedächtnis beginnt zu rattern und man meint Parallelen zu Bands wie Evanescence, Flyleaf, Gargabe oder Lambretta (Lambretta, hoppla, darf man die noch nennen? Kennt die noch wer?) rauszuhören. Die Band operiert von St. Gallen und von Winterthur aus und wird komplettiert von Patrick Müller (Gitarre), Danny Hertach (Bass) und Andi Schneider (Drums). Letzterer hat dann auch die Songs im eigenen Studio produziert und mit Martina Dieziger geschrieben. Aufgenommen wurde teils im benannten eigenen Studio, aber auch im bekannten New Sound Studio von und mit Tommy Vetterli. „More Than This“ heisst der gut verdauliche Opener des neuen Albums und ja, es kommt wirklich noch mehr als das. Der nächste Song (und gleichzeitig der heimliche Star der Scheibe) „What Brings The Day“ fährt dann nämlich eine härtere Gangart und kommt verdammt geil! Die Stimme von Dieziger transportiert darin Gefühle wie Sehnsucht, Wut und auch eine gewisse fuck-it-let's-do-it-Attitüde, grossartig. In dieselbe Kerbe schlägt dann auch „Run For Shelter“, das mit Wucht, Tempo und grosser Gitarrenarbeit daherbrettert und fast schon Guano-Apes-mässig klingt. Die Gitarren weichen dann zu einem grossen Teil für Streicher und schon findet man sich ohne Vorwarnung mit „With You Again“ in einer waschechten, fast schon kitschigen Ballade. Mit „Welcome“ folgt dann eine Nummer, die wieder deutlich mehr Spass macht, druckvoll und härter daher kommt, nicht zuletzt durch den Megaphone-Einsatz. Nach dem soliden, poprockingen „Mascarade“ folgt „Who Are You To Say“ mit einem harmlosen Start steigert sich der Druck und das Gaspedal wird wieder kräftig durchgedrückt. Es ist irgendwie schwierig in Worte zu fassen aber ich mag es, wenn die Stimme zum Instrument wird, das sich ganz homogen in den Soundteppich integriert, genau das hat man im Refrain das Gefühl, wie auch im zweitletzten Song „Hero“, der ohne weiteres aus den Federn von Alanis Morissette stammen könnte. Zwischen diesen beiden Songs gibt es nochmals zwei langsamere, sehnsüchtige Nummern („Is It You“ und „Butterfly“) und das kräftigere, bessere „Hopeless Dreamer“ worin Dieziger ihrer Stimme nochmals alle Nuancen herauskitzeln kann. Das Schlusslicht bildet dann die erste Single „Won't Obey“, die ziemlich geschliffen und vermutlich gezielt radiotauglich daher kommt. Fazit: POSH müssen sich hinter keinem der obengenannten Künstler verstecken. Daumen hoch!

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hug. Also für alle, die das noch nicht wissen: Tim ist Zürcher, Mimi ist Japanerin, die beiden haben per Skype elektronische Fast-Tanzmusik für ihre ersten Platten und überdrehte HyperaktivTanzmusik auf der Bühne gemacht. Das war immer lustig. Inzwischen sind Christian Fischer und Michiko Hanawa ein Paar mit eigenem Kind und leben in Zürich, und wie es längst zur Unsitte bei MusikerEltern geworden ist, darf das Kind jetzt, da es schon brabbelt, ebenfalls in die Songs reinlefzen. Wobei: Bei einem Paar wie Tim & Puma Mimi, die so rigoros verspielt elektronische Konventionen verweigern, macht das mitbrabbelnde Kind ja noch irgendwie Sinn. Aber bleiben wir bei der Sache beziehungsweise bei Album Nummer 4: «Der Die Das» rückt vom Ansatz des Verspielten, Entzückten und Entzückenden natürlich nicht ab. Nur war es in der Ausführung schon lustiger. Ihr digitaler Minimalismus begibt sich ein bisschen zu oft auf einen gar schmalen Pfad zwischen Heiterkeit und Belanglosigkeit, man könnte böserweise sogar sagen: ziellose Tastendrückerei. Dieser Eindruck wird verschärft durch den Umstand, dass Puma Mimi, die glücklicherweise noch immer durchgehend auf Japanisch singt, über weite Strecken eher monoton denn verspielt klingt. Dieses Fazit ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die 16 Titel in Zürich, Johannisburg und auf Menorca eingespielt wurden, zudem mit vielen Gästen, darunter Boris Blank. Aber wir wollen deswegen die Flinte nicht gleich ins Korn werfen, denn wie gesagt gilt das nicht für alle Songs. Einige von ihnen erreichen die existenzialistisch-frische Heiterkeit früherer Lieder, und die Coverversion von Mani Matters «Ds Lotti», die das Duo für den letzten November erschienenen Zytglogge-Sampler «Und so blybt no sys Lied» zu Ehren Matters eingespielt hat, ist so reizend, dass der Song mindestens einen Swiss Music Award verdient hätte. Aber echte Innovationen entgehen dieser Jury ja sowieso.

THE SEX ORGANS Intergalactic Sex Tourists Voodoo Rhythm Records hug. Feinfühlige Frauen und Feministen ist zwecks Schonung ihres Gemütszustands empfohlen, den folgenden Satz zu überspringen und erst beim übernächsten weiterzulesen. Was für ein herrlicher Name! Willkommen zurück, liebe Frauen, liebe Feministen, bei der Band mit dem herrlichen Namen. The Sex Organs sind ein schweizerisch-holländisches Rumpelduo und produzieren, wie es ihr Label Voodoo Rhythm selber schreibt, intergalaktischen Abfall von der schlimmsten Sorte. Das gefällt uns, denn auf Voodoo-Rhythm-Releases ist Verlass, auch wenn der krachende Zweimanngaragensound der Band mit dem herrlichen Namen am Ende doch eher banal denn galaktisch klingt. Und natürlich geht's in diesem halbstündigen Schmankerl nur um eines, nämlich... stimmt, Sie haben es erraten. Das Vinyl kommt übrigens mit allerlei Extra-Gimmiks, aber nicht, wie Sie vielleicht vermuten, mit Sextoys. Das wäre ja banal.

Tracks 2 17 (März/April)  

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