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No. 3/2017 Mai / Juni 7. Jahrgang

Das einzige Schweizer Gratis-Magazin für musikalische Lebenskultur

mit g Sch rosse w Sze eizer m ne T eil

>POP >ROCK >METAL >INDIE/ALTERNATIVE >COUNTRY/AMERICANA >SWISS >BLUES

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DIE TOTEN HOSEN MANDO DIAO LINKIN PARK IGGY POP LITTLE STEVEN SOLSTAFIR INGLORIOUS DIMMU BORGIR AVATARIUM BITCH QUEENS EMERALD SOULS OF ROCK POSH SONS OF MORPHEUS

>WORLD


Inhalt LINKIN PARK

10

FEATURES / INTERVIEWS: - DIE TOTEN HOSEN

4

Campino spricht

- MANDO DIAO

14

Aufbruchstimmung

- LITTLE STEVEN

16

rockt den Soul

- SOLSTAFIR Diesmal bleiben die Gitarren im Schrank: Linkin Park vollziehen mit ihrem siebten Album „One More Light“ eine weitere Häutung. Sie lassen mehr Pop zu, besinnen sich im Kern aber auf das, was die Band ausmacht: Große Hymnen für die Arenen einer geschädigten Welt.

22

Islands Könige des Entrückten

- INGLORIOUS

24

Auf dem Sprung zu grossen Taten

- IGGY POP

26

70 Jahre

- AVATARIUM

28

Zwischen Beauty und Darkness

- DIMMU BORGIR

32

Die Rückkehr der Dunkelmänner

DEPECHE MODE

18

Nach über 100 Millionen verkauften Platten und unzähligen ausverkauften Tourneen durch die größten Arenen der Welt nähern sich Depeche Mode ihrem 40. Karrierejahr. Auf dem 14. Studioalbum „Spirit“ ist darauf nichts zu spüren. Düsterer, kämpferischer und direkter klangen die Briten vielleicht noch nie.

Schweizer Szene: - OPEN HAIR METAL FEST 39 Es wird laut im Fürstentum

- SOULS OF ROCK

42

Hier werden Sie geholfen!

POSH - EMERALD

36

46

Was lange währt...

- BITCH QUEENS

48

Rock'n'Roll pur zum Dritten

- SONS OF MORPHEUS

50

Psychedelischer Bluesrock

Vierzehn Jahre haben sich die St. Galler Rocker um Frontlady Martina Dieziger Zeit gelassen, um einen neuen Langspieler, den dritten in der Bandgeschichte, an den Start zu bringen. Das Warten hat sich gelohnt.

Reviews 6 Mainstream/Indie/Alternative Bob Dylan, Bush, Imelda May, Paul Weller, Nelly Furtado, The Dead Daisies, Thunder...

30

Hard/Heavy/Metal Axel Rudi Pell, The Night Flight Orchestra, Nitrogods, Steel Panther, Sinner...

40

52

58 59

DVD/BlueRay Blue Cheer, New Model Army, Blues Caravan, Roy Orbison, Pat Travers...

54

ReReleases Cream, Tamla Motown, Noise Records, Chilly Willi And Red Hot Peppers, Meal Ticket...

Swiss Züri West, Damian Lynn, Sideburn, TaySon, Dada Ante Portas, Comaniac, Autisti...

54

LIVE REVIEWS - KROKUS, GOTTHARD, SHAKRA - FATES WARNING

Buch Elvis Presley

60

Konzertkalender

62

Wettbewerb / Impressum

3


Immer noch laut bs. In Düsseldorf steht noch immer die längste Theke der Welt. Auch Die Toten Hosen treiben 35 Jahre nach Bandgründung immer noch ihr Unwesen in der AltbierMetropole, legen mit „Laune der Natur“ jetzt alles andere als ein Alterswerk vor. Vielleicht lag das am Tod langjähriger Weggefährten, vielleicht am Zustand unserer kranken Welt. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass die Band mal wieder ihren Punk-Wurzeln gefrönt hat und im Vorfeld der Veröffentlichung den zweiten Teil ihres „Learning English“-Cover-Infernos eingeprügelt haben. Von Schunkelnummern wie „Tage wie diese“ ist das Album nämlich weit entfernt. TRACKS im Gespräch mit Campino.


Campino, warum machst du auch nach all den Jahren noch Musik? Weil ich Musik nach wie vor liebe. Weil ich Fan bin. Wir haben das seltene Glück, Menschen mit unserer Musik zu berühren, und das schon seit langer Zeit. Daraus erwächst aber zugleich der Auftrag, dieses Geschenk gut zu behandeln und nicht zu verschwenden. Dass wir nach all den Jahren immer noch auf der Bühne stehen, hätten wir am allerwenigsten vermutet. Bei all unserem Gemotze und Genörgel muss man da mal schön die Füße auf dem Teppich lassen. Und einfach glücklich sein. Wie wird eigentlich entschieden, wann es ein neues HosenAlbum gibt? Muss da ein bestimmtes Gefühl vorherrschen, ein Jucken in den Fingern? Ein Hauptgrund ist, dass wir wieder Konzerte geben, aber eben nicht immer nur die alten Sachen spielen wollen. Außerdem erleben wir immer wieder Dinge, die wir in Liedern verarbeiten möchten. Und so ist es, als ob wir alle paar Jahre wieder unsere Tagebücher hervorkramen würden und aufs Neue bestimmen, wer wir sind und wo wir stehen und vor allem: Wo wir noch hinwollen. Die letzten paar Jahre waren eine gehörige Achterbahn für uns, der Tod von unserem ehemaligen Schlagzeuger Wölli und der von unserem Manager Jochen waren zwei besonders bittere Momente. Solche Ereignisse machen dir bewusst, dass es jederzeit vorbei sein kann. Da sollte man sich nicht täuschen. Also versuchen wir, mit Energie und Lebensfreude so lange weiterzumachen, wie es geht. Dieses Mal, so scheint mir, ist das Album neben der erwähnten Lebensfreude auch von einer Menge bittersüßer Momente geprägt, fast wie eine Bestandsaufnahme eures Lebens. Ich gebe zu: Von thematischer Ausgeglichenheit kann auf dem Album echt nicht die Rede sein. Doch so sieht es leider in uns aus. Mit 30, 40 springt man durchs Leben, hat sehr viel Kraft, verballert gedankenlos seine Energie und hinterfragt nicht wirklich etwas. Ich glaube, dass sich das Leben in Zyklen abspielt und es regelmäßig zu einer großen Verunsicherung kommt. Die erste große Verunsicherung ist die Pubertät. Und mit Mitte 50 bin ich wieder mal bei einer großen Verunsicherung angekommen. Langsam aber sicher habe ich keine Lust mehr, den Platzhirsch geben zu müssen. Es ist Zeit, damit aufzuhören, sich Befriedigung von außen zu holen. So etwas muss von innen kommen. Das ist vielleicht gerade meine Baustelle – weder im Alter angekommen, noch zu den Jungen gehörend. Ich würde mir inzwischen blöd vorkommen, in einen Club zu gehen, wo nur Dreißigjährige rumstehen. Im tollen „Wie viele Jahre“ wird dieses Älterwerden augenzwinkernd aufgegriffen. Was ist dein Rezept für ein Altern in Würde? Zunächst mal muss man erkennen, dass man das nicht immer selbst in der Hand hat. Abgesehen davon suche auch ich nach Vorbildern in der Welt – und finde sie zum Glück. Die Stones sind mit über 70 immer noch voller Lebensfreude, sind immer noch wach. Das sind Spitzbuben, die genau wissen, was sie tun und auf jeden Fall Würde haben. Wenn wir das einmal nur halb so gut hinkriegen, bin ich happy. Bisher gelingt euch das doch ganz gut... Ich hoffe es. Doch ich wünsche mir, dass meine Freunde mir Bescheid sagen, wenn es dann langsam peinlich wird. Apropos Alter: Für eure geniale und erfrischende Fortsetzung von „Learning English“, die der Spezial-Edition des Albums beiliegt, hast du jetzt auch wieder viele von deinen alten Helden und Freunden getroffen und mit ihnen Songs aufgenommen. Worüber quatscht man denn, wenn sich PunkLegenden treffen? Ehrlich gesagt ging es in diesen Tagen in jedem Gespräch um den Brexit, weil wir genau zur Zeit des Referendums in London waren. Abgesehen davon ging es um die Erinnerung an gemeinsame Freunde, um einen Austausch, um viele Geschichten und Anekdoten, die sie über einander erzählten. Das war wirklich spannend. Grundsätzlich haben sich die Dinge merklich geändert: Als wir 1991 den ersten „Learning English“-Teil planten, war es allein eine Kraftprobe, unsere ganzen Gäste aufzutreiben. Es gab kein Internet, wir waren als Band noch nicht so bekannt und mussten fast wie Privatdetektive durch London ziehen, um diese

«Langsam aber sicher habe ich keine Lust mehr, den Platzhirsch geben zu müssen.» Foto: dpa

alten Punks aufzuspüren. Heute ist das viel einfacher – auch, weil viele Protagonisten der ursprünglichen Punk-Szene zu Beginn der Neunziger noch eine leichte Verbitterung durchscheinen ließen. Sie hatten abgeschlossen mit Punk, hatten vielleicht auch gedacht, dass die falschen Leute als Sieger aus dieser Sache hervorgegangen waren. Heute, also noch mal viele Jahre später, haben sie die Geschehnisse dieser Punk-Explosion anders verortet. Sie sind milder geworden, haben der ganzen Sache verziehen und auch erkannt, dass diese Zeit zu den aufregendsten in ihrem Leben gehörte. Was ist denn noch übrig vom Punk? Wenn man ein wenig gräbt, findet man eine ganze Menge. Wir nehmen es heute nur nicht mehr wahr. Punk hat die Mode beeinflusst, die Grafik, hat Filmschnitte geprägt, Comedy härter und politisch inkorrekter gemacht. U2 gingen als Punk-Band an den Start, Bob Geldof hat mit „Band Aid“ eine Menge Gutes getan, Billy Idol spielt immer noch die großen Hallen. Uns wurden Menschen wie Nick Cave geschenkt, den ich heute immer noch so gern live sehe wie vor 30 Jahren. Punk hat es uns erlaubt, man selbst zu sein, ein Individuum zu sein, hat das Selbstwertgefühl der Frau gesteigert. Was mich persönlich betrifft, ist es vor allem das Bewusstsein, sich nicht für jeden Preis zu verkaufen. Wir haben uns nie für Werbung hergegeben, wurden nie von einer Zeitung in Modeanzüge gesteckt. Unsere Wurzeln sind für unsere Einstellung verantwortlich, zu politischen Themen Stellung zu beziehen. Diese Haltung haben Bands unserer Generation mit der Muttermilch mitbekommen. Dennoch fehlt auf „Laune der Natur“ ein ebensolcher politischer Song, es gibt mit „Pop und Politik“ lediglich einen Song über politische Songs. Ist das auch Punk, sich der Erwartung entziehen? Immerhin hätte wohl jeder gedacht, dass die Hosen im Jahr 2017 wieder politischer werden. Du sprichst da etwas sehr Komplexes an. In diesen Zeiten des Extremismus brennt es natürlich in einem, ein Lied dazu zu machen. Tatsächlich habe ich auch ein solches geschrieben, doch am Ende waren wir uns einig, dass das Album den Song nicht gebraucht hat. Unsere Position ist eh klar, außerdem herrscht da draußen gerade ein solches Geschrei, dass wir uns als Die Toten Hosen da nicht auch noch einreihen müssen. Ich glaube, es gibt im Land keinen, der nicht weiß, wie es um unsere Position bestellt ist, also brauche ich die nicht wieder und wieder kundtun. Europa ist in einer gefährlichen Lage, kein Zweifel, aber in einer Diskussion darüber würden aus meinem Mund in dieser Hinsicht keine Überraschungen kommen.

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REVIEWS Mainstream/Indie/Alternative BOB DYLAN Triplicate Sony Music

IMELDA MAY Live Love Flesh Blood Universal hef. Ich sage es gleich am Anfang. Das ist genau meine Musik. Imelda packt mich von Beginn weg mit ihrer eindringlichen Art zu singen. Und mit ihren Songs, einer der 15 Songs schöner als der andere. Und auch anders als der andere. Grösstes Plus: Die Frau trägt den Blues in sich. Das ist Bauchmusik voller Gefühle. Schon der Einstieg mit "Call Me". Wer solche Songs schreibt, wer sich so intensiv reinhängt, dass man das Begehren geradezu körperlich spürt, der trifft die Seele. Wie mit der Schmacht-Ballade "Black Tears", der ihr ehemaliger „Chef“ Jeff Beck ein schönes Slide-Solo beifügt . Aber dran bleiben, Jungs, es wird noch powerfuller. Und souliger, dass es direkt in die Blutbahn geht und unter die Haut. Kein Wunder: Produzent der makellosen Scheibe ist TBone Burnett. Der hat ein geniales Händchen für transparenten, intimen und warmen Sound, der diese Frau und deren Songs noch spezieller macht. "When Its My Time" zum Beispiel, der neunte der 15 neuen Songs, rührt mich zutiefst. "Deep down inside, you know that I am good, and I've just done the best Lord, done the best that I could". Das ist aber noch längst nicht alles. Weiter heisst es: "Wasche mich mit dem Wasser, das von deiner Seite rinnt. Lass mich im Blut baden, das du gabst, als du starbst. Nimm mich mit auf die andere Seite, wenn meine Zeit gekommen ist." Gänsehaut! Zusammenfassend ist zu sagen, dass ihr die musikalische Wandlung von der erfolgreichen, gefeierten und mit Auszeichnungen überhäuften irischen Rockabilly-Queen zu der mehr Pop (mit Tiefgang) orientierten, gefühlvollen Sängerin voll und ganz gelungen ist. Dass diese Wandlung mit der letztjährigen Scheidung von ihrem Lebensgefährten und ex-Gitarristen Darrel Higham eng verknüpft ist, ist praktisch in jedem Song und ihren Texten spürbar. Es spricht für Imelda's Stil und Klasse, dass sie den Trennungsschmerz hier zwar offensichtlich, aber vollkommen kitschfrei verarbeitet. Trotzdem wird der eine oder andere Fan ihrer früheren Werke ein Wehmutstränchen verdrücken. Jeff Beck & Imelda May

hef. Schon bei den ersten, wundervoll dezenten und swingenden Big-Band-Tönen kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wie wird es tönen, wenn jetzt dann gleich die Stimme einsetzt? Ja, ich schreibe Stimme. Weil man von einem wie Bob Dylan in den letzten Jahren mehr Krächzen als Stimme gehört hat. Und tatsächlich, als die Stimme, ja, nochmals, die Stimme einsetzt, stellen sich die Härchen. Nicht weil die Kombination Dylan/ Great American Songbook wunderbar zusammen passen, das tun sie wirklich. Sondern weil der Folk- und ProtestsongGott zeigt, dass er uns in all den Jahren seiner "Neverending Tour" so richtig an der Nase rumgeführt hat. Er kann nämlich singen! Ein Album reicht dem Meister freilich nicht, es müssen gleich drei sein, Triplicate, klar. Nur, wer will denn das überhaupt hören? Dylan-Afficionados sicher, der Maestro ist sakrosankt. Die Produktion ist top, die Arrangements völlig unaufdringlich, die Lieder lassen dahinschmelzen. Bis man/ich denkt, Mann, das ist ja Saint Bob, der grosse Dylan, der dich hier mit seinen Schmonzetten einlullt. Und er hat das doch tatsächlich geschafft. Mir gefällt es, ich lasse mich zurückfallen und denke an das Wort "Muzak", LiftMusik, Background-Klänge. Ich könnte mich hier jetzt auslassen über GAS, das Great American Songbook, deren Komponisten und bekanntesten Interpreten, hätte Anekdoten à discrétion zu erzählen, wer was wann hören und dabei verführen lassen wollte wie einst der Prince of Wales, später wegen einer geschiedenen Amerikanerin zurückgetretener König Edward VIII., der nicht genug vom sogenannten "Pijama"-Song hören konnte. Stichwort genug: Thank you, Bob. Ich amüsiere mich weiter. It's cool, man!

JAMES BLUNT The Afterlove Warner Music hef. Bereits der erste Track ist ein höchst spannender. "Love Me Better" ist

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nicht etwa an eine Geliebte, eine Ex oder so gerichtet. Sondern es ist James Blunts Antwort auf Beleidigungen, die er über Twitter zuweilen über sich ergehen lassen muss. "Früher hätte man einfach versucht, Songs zu schreiben, die das ignorieren und sich nicht dagegen aufzulehnen", kommentiert Blunt seine Replik. Aber mit diesem Album wolle er sich bewusst mit dieser Art Sachen auseinandersetzen. Das Lied schrieb er zusammen mit Ryan Tedder von One Republic in seinem Hotelzimmer in London. Der beste Titel des Albums und seine bevorzugte SingleAuskoppelung ist für Blunt "Don't Give Me Those Eyes". "Es ist ein Song, der fast nicht geschrieben worden wäre", erklärt Blunt. "Das Lied offenbart wahrscheinlich mein Alter. Der Inhalt handelt sich um eine Situation, die jeder in seinem Leben schon mal erlebt hat. Es geht um den Schmerz darüber, dass etwas grossartig ist, dann aber trotzdem nicht bestehen bleibt." Was er genau mit dem Alter meint, darüber kann man nur spekulieren. Er habe zwar alle Stimmen eingesungen – ausser der ganz hohen Stimme. Ob das eine Frage des Alters ist, wenn man die ganz hohen Töne nicht mehr erreicht? Und das ausgerechnet Blunt, der schon von Natur aus mit einer sehr speziell hohen Stimme gesegnet ist. Darüber riss er kürzlich im ZDF bei Markus Lanz Witze, als es darum ging, jemanden in die Eier zu treten. Bei ihm hätte es damals, als er Soldat im Kosovo-Krieg war, jemand bereits getan. Woher er denn sonst diese hohe Stimme habe...? Diese Stimme jedenfalls ist das perfekte "Instrument" für Balladen, die zu schreiben Blunt nahezu so ein Meister ist wie einst Elton John. Und warum soll einer rocken, wenn er so ein sensibler Balladen-Schmied ist? "Make Me Better" ist ein weiterer Song, der in seiner Art besonders ist. Warum? Weil Ed Sheeran, der Shooting Star 2017, die Backing Vocals singt. Dann lässt sich Blunt um das Genie Sheeran aus und schwärmt von dessen Talent, einfachste Songs zu schreiben, die von einem Millionenpublikum geliebt werden. Der Titel sei auch darum so herausragend, weil man die Demoaufnahmen nahezu unverändert aufs


Mainstream/Indie/Alternative REVIEWS Album gebannt habe. Weil das Lied bei der Entstehung das absolute Momentum ausstrahlte. Bleibt noch das Gemeinschaftswerk zwischen Blant, Sheeran und Tedder, "Time Of Our Lives". Drei Koryphäen schafften aus dem Stand spontan einen Stadion-Song, der wohl in den nächsten Jahren noch Hunderttausende live begeistern wird.

JAMIROQUAI Automaton Universal Music hef. Wie die Zeit vergeht! Sänger Jay Kay und seine Hitband legen hier ihr bereits achtes Album vor. Und es beginnt genau so, wie man sich die Band vorstellt und wie man sie auch mag. "Shake It On" sind nicht nur drei Worte. Sondern ein feiner, abgehender Titel zum Shaken. Der Titelsong gleich danach ist dann allerdings ein freches Plagiat von Kim Wildes Uralt-Hit-Cover des Supremes-Klassikers "You Keep Me Hangin' On". Da helfen die elektronischen Einschübe nicht drüber hinweg, dass sieben Jahre nach dem letzten Album "Rock Dust Light Star" von 2010 zwar der funkige Jay Kay, der alle Songs mit Keyboarder Matt Johnson schrieb, wieder da ist. Aber vielleicht hat das Duo doch zu lange an den 12 neuen Songs rumgeschraubt. Jay Kay jedenfalls ist überzeugt vom Produkt. "Unsere Regel lautete: nur Killer-Tracks, kein Füllmaterial. Wir schrieben grandiose Songs, die es nicht auf das Album schafften." Hoppla! So tönt Selbstbewusstsein. Es ist ein Auf und Ab zwischen typischen Jamiroquai-Nummern, die zum Tanzen anregen, und Titeln, die wie konstruiert wirken und entsprechend uninspiriert rüberkommen. Oder auch ziemlich simpel, wenn man im Titel "Superfresh" Songzeilen hört wie "I want you to rock with me, baby / Rock me baby all night long". So texteten Discostars der 70er Jahre. Trotzdem: der Titel groovt und geht ab. "Summer Girl" hätte man sich eigentlich mit Sommer-Feeling und Bikini-Girls im Hinterkopf gewünscht. Der drüber wischende Streicherteppich und die saftige Percussion sind hingegen neben den hitzigen und erfrischenden Frauenchören, die dem Ganzen Gas geben, die

einzigen positiven Aspekte. Bei Bands wie Jamiroquai, die mit heissen und neuen Sounds einst viel Freude bereiteten, hört man nach einer solch langen Pause einfach kritischer hin. Fazit deshalb: Erwartungen aufgrund der gloriosen Vergangenheit zu hoch. Plansoll erfüllt.

TAKE THAT Wonderland Universal hef. Das achte Studioalbum der einst erfolgreichsten britischen Boygroup seit den Bay City Rollers ist der Nachfolger des vor zwei Jahren veröffentlichten Nr. 1-Albums "III". Auf dem Album-Cover posieren die übrig gebliebenen Drei wie die heiligen drei Könige. Musikalisch gelingt Gary Barlow, Howard Donald und Mark Owen erneut ein melodiöses Meisterwerk, elf neue, zumeist im Trio geschriebene Songs. Sie haben es noch immer drauf, und zwar auch im Trio, Ohrwürmer rauszuhauen, die vor allem dank den teils versetzten Chören überzeugen. Es beginnt zwar untypisch, mit indischen und osteuropäischen Klängen und exotischen Instrumenten wie Sarangi und Tanpura, mit Einflüssen von Disco, 80's Synth und 70's Psychodelia. Nach drei sanft dahingleitenden Melodieperlen erinnert "Lucky Star" nach den ersten Takten im Rhythmus an die Band ihrer frühen 1990er Jahre, damals noch im Quintett mit Robbie Williams und Jason Orange. Up-tempoTeile und balladeske Passagen wechseln sich ab. Vor allem "Hope" fährt ein. "Jeder braucht ein bisschen Hoffnung, stell Dich Deiner einzigen Angst und dem Geschmack Deiner eigenen Tränen", singen sie. Dabei wird die Musik immer drängender, intensiver, die Hoffnung türmt sich in sphärische Höhen bis zum Climax. Auch "River" gleich danach macht Druck, die Arrangements der Chöre geben den Rhythmus vor. "It's All For You" schliesslich ist die Botschaft der längst erwachsenen Jungs und Familienväter an die Zuhörer, die Fans. Und wieder lullen die Chöre zum Dahinschweben ein. Die Lust von Take That am Songschreiben und Singen ist vor allem in diesen letzten Tönen direkt spürbar.

Kolumne Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie von Christian Hug

Aaar - go fuck yourself Bin ich doch letzthin beim Blättern in einer Zeitschrift auf eine Geschichte gestossen, die mit einem doppelseitigen Bild anfängt, auf dem sich ein ziemlich überschminktes Mädchen mit grünen Haaren, aufgeklebten Wimpern und diesen lächerlichen French Nails in einem rosa Negligée auf einem rosa Zottelkissen räkelt. Ach ja, sie war auch noch ein bisschen tätowiert, irgend ein Schmetterling und ein Herz, in dem «Lou Reed» geschrieben stand. Das können Sie sich alles vorstellen. Dazu die Überschrift: «Keinen Bock auf Barbie-Puppe». Aha. Ha ha. Es war ein Artikel über die junge Schwedin Ängie, und da stand, dass es mit ihrer Kariere als Sängerin derzeit «steil nach oben» geht. Und ich denk mir so: Scheeeeeeeiiibe, wer zum Kuckuck ist..., äh, Ängie? Hab ich da jetzt wieder was verpasst? Also falls es Ihnen ähnlich geht wie mir: Ängie mit Ä ist 21 Jahre alt, sie provoziert gerne, sie hat an einer schweren Aufmerksamkeitsdefizitstörung gelitten, sie kifft sich die Birne voll, und ihr Song heisst «Smoke Weed Eat Pussy». Also «Rauch Gras und...» wie übersetzt man das eigentlich? In dem Bericht stand, dass die britische «Sun» und der englische «Guardian» über Ängie mit Ä berichtet hätten und dass «die englische Presse» den Song «Smoke Weed Eat Pussy» zum «gewagtesten Song des Jahres 2016» gekürt hat. Im Artikel sagte Ängie: «Wenn du einen Stock im Arsch hast, hörst du meine Musik besser nicht.» Ich schaute nach, fand keinen und loggte mich auf Youtube ein, um mir «Smoke Weed Eat Pussy» anzuhören. Und alles, was ich hörte und sah, war ein überschminktes Mädchen mit diesen lächerlichen French Nails, das Sachen plapperte wie Ich-rauche-Gras, Ich-esse-Pussy und Du-bist-einArschloch. Da musste ich laut herauslachen. Ist das alles? Mehr kann diese Ängie mit Ä nicht? Echt jetzt? Ich meine: «I Kissed A Girl» von Katy Perry war in seiner Heiterkeit wesentlich provozierender, obwohl auch das nur ein Witz war. Und von der Tsunamiwucht einer Peaches ist dieses aufmerksamkeitsdefizitgeplagte Mädchen Lichtjahre entfernt. Das alles ginge ja noch. Man könnte «Smoke Weed Eat Pussy» mitsamt Ängie für immer einfach wegklicken und auf ewig vergessen. Was an dieser Geschichte aber deprimierend ist, und ich meine: wirklich deprimierend: Ängie mit Ä hatte nur diesen einen lausigen Song und wurde umgehend von Universal unter Vertrag genommen und von Avicii produziert. Inzwischen kann man auf Youtube zwei weitere Videos ankucken, und die bestätigen das, was schon mit dem ersten klar war: Mehr kann Ängie nicht. Von einem ordentlichen Debütalbum sind wir sowieso noch meilenweit entfernt. Wie verzweifelt muss unsere Musikindustrie sein, wenn sie sowas mit nur so einem Song anheuert? Und wie unbedarft «die englische Presse»? Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Bono Vox verboten werden sollte.

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REVIEWS Mainstream/Indie/Alternative BUSH Black And White Rainbows Universal

THUNDER Rip It Up Ear Music hh. Seit knapp drei Jahrzehnten, sieht man von kurzen Trennungen ab, halten Thunder nun schon das Banner des klassischen britischen bluesbased Hardrocks hoch und haben sich in dieser Zeit das Attribut „die einzigen legitimen Erbverwalter von Bad Company“ erworben, oder besser gesagt verdient. Wobei gesagt werden muss, dass auf das musikalische Gesamtwerk beider Bands bezogen, Thunder Bad Company nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ schon längst überholt haben. Thunder haben immer noch etwas Relevantes zu sagen, präsentieren sich stets neu, energetisch und mit ungebrochenem musikalischen Einfallsreichtum – all das was Bad Company nach drei herausragenden Album schmerzlich vermissen liess. Aber hier geht's ja schliesslich nicht um BC sondern das neue Werk des Briten-Fünfers. Und das schliesst mühelos an ihre besten Outputs an. Bereits mit dem letzten Album „Wonder Days“ hatten sich Thunder grandios zurückgemeldet. Diese Sammlung herausragender Songs, die gleichberechtigt neben ihren Meisterwerken „Backstreet Symphony“ (1990) und „Shooting At The Sun“ (2003) steht, schien nur schwer zu toppen. Mit „Rip It Up“ ist das fast gelungen, letztendlich gewinnt jedoch „Wonder Days“ das Rennen mit einer Nasenspitze Vorsprung. Aber eben, nur gerade mal eine Nasenspitze – und das heisst unterm Strich: „Rip It Up“ ist von A-Z ein Klasse-Album, gespickt mit rockigen Songjuwelen und einer herausragenden, warmen, transparenten und druckvollen Produktion. Die Songs haben grosse Nachhaltigkeit, soll heissen sie wachsen mit jedem neuen Hördurchgang. Die Band zeigt sich gewohnt perfekt aufeinander abgestimmt und harmoniert prächtig. Die durch unzählige Konzerte gewonnene Routine ist den Musikern in jeder Note anzuhören – und das in ausschliesslich positivem Sinn. Da gibt es keine Abnutzungserscheinungen oder gelangweiltes Abspulen von bewährten Strukturen, die Herren spielen mit Herzblut und beweisen auch im Alter noch maximale Kraft – allen voran Gitarrist Luke Morley. Sänger Danny Bowes gehört auf der Insel ohnehin zu den besten seines Fachs und beweist einmal mehr grosses Gefühl. Seine Leistung besonders in der wunderschönen Ballade „Right From The Start“ ist im wahrsten Sinn des Wortes „unter die Haut gehend“. Allerdings lässt Bowes nicht mehr ganz so direkt die Sau raus, wie noch auf „Wonder Days“. An manchen Stellen wirkt er etwas zurückhaltend – eine Spur mehr Rauheit, Dreck und Spontanität hätten aus dem hell lodernden Feuer auf „Rip It Up“ wohl einen Flächenbrand gemacht. Aber das ist „meckern“ auf sehr hohem Niveau und letztendlich auch Geschmackssache. „Rip It Up“ ist ein grosses Hardrockalbum mit herausragenden Songs und Melodien, vorgetragen von einer grandiosen Band. In der Thunders-Album-Rangliste belegt „Rip It Up“ hinter „Backstreet Symphony“, „Wonder Days“ und „Shooting At The Sun“ erinen souveränen 4. Platz. Die „Rip It Up“-Deluxe Edition bietet neben dem regulären Album noch einen Livemitschnitt auf zwei CDs aus dem Jahr 2016, aufgenommen im legendären Londoner 100 Club.

8

hef. Da scheint einer den Seitensprung mit dem Kindermädchen zu bereuen. Gavin Rossdale, Sänger, Gitarrist und Songschreiber von Bush, bezieht sich gleich im ersten Song auf das Aus seiner Ehe mit Gwen Stefani. "Still Got Mad Love For You, Baby" – direkter und wohl auch simpler kann man es kaum sagen, dass seine Liebe noch nicht verlöscht ist. Nur, dazu braucht es zwei. Gwen hat sich mit den zwei Kindern längst einem neuen Glück zugewandt. Da wird Gavin wohl alles jammern nichts nützen. Trotzdem ist dieses inbrünstige Klagelied in seiner Art faszinierend und – trotz des Textes – gleichzeitig der mit Abstand beste Track des Albums. "Toma mi corazon", nimm mein Herz, singt Rossdale dann noch teils auf spanisch. Ob das nützt? Das Londoner Quartett, das sich nach dem Ort ihres ersten Auftritts in "Shepard's Bush" Bush nennt, sah schon bessere Zeiten. Einst eine Grunge Band und als Nachfolger von Nirvana hochgejubelt, die dann zum Alternativ Rock mutierte, ist das siebte Album, das dritte nach dem Comeback 2009, nur noch ein Abklatsch ihrer selbst. "The Beat Of Your Heart", ein anderer Drama-Song, trieft geradezu vor Pathos. Der 15. und letzte Track des Albums, "People At War", soll wohl als versteckte Botschaft gedacht sein. Denn was er mit der dauernden Wiederholung der Worte "Peacefull, people at war" sagen will, ist ein kleines Rätsel. Ein bisschen viel Kitsch auf einmal. Das ist, trotz Gavins noch immer eingängiger Stimme, nicht mehr Bush, wie man sie einst mochte.

PAUL WELLER Jawbone O.S. Warner Music hef. Nein, ein normales Paul-WellerAlbum ist das nicht. Aber was ist schon normal an diesem englischen Musiker, der Ende 1970er/Anfang 1980er Jahre mit seinem Trio The Jam neben The Clash eine der ersten Geigen im Konzert der jungen britischen New-Wave-Bands spielte. Nach

gefühlten 50 Solo-Alben ist dies Wellers erster Soundtrack. Die komplette Filmmusik des Boxer-Dramas "Jawbone" in nur sieben Titeln, wovon der erste Track "Jimmy / Blackout" satte 21.30 Minuten lang ist. Nach langen Instrumentalpassagen hört man Wellers Stimme erst nach 18 Minuten. "The Ballad Of Jimmy McCabe", so der Name des Hauptdarstellers im Film, ist dann Paul Weller pur. Ein Akustiksong nach FolkTradition, nur mit akustischer Gitarre vorgetragen, aber voller Gefühl, warm und intensiv, mit einer Melodie, die berührt. Hier kommt auch Wellers packende Stimme so richtig zur Geltung. Auch der Text geht tief. "I'll beat my head 'til dawn, figure out what I'm running from, only then will I find peace in me", singt er und zeigt die Verzweiflung des jungen Mannes, der vor seiner Vergangenheit flieht. Der Rest der Songs ist reinste Filmmusik, teils unterbrochen von Original-Dialogen, mal jazzig percussiv, dann wieder minimalistisch, von traurigen Gitarrensaiten bis zu klagendem Piano. "End Fight Sequence" schliesslich wird zum traurigen instrumentalen Ausklang. "Pauls Kompositionen haben mich inspiriert und die Geschichte des Films beeinflusst, noch während ich das Script schrieb", sagt Regisseur Johnny Harris. "So entwickelte sich ein wunderbar kollaborativer Prozess."

NELLY FURTADO The Ride Warner Music hef. Die kanadische Singer/Song writerin mit portugiesischen Wurzeln zeigt mit ihrem sechsten Album einmal mehr ihre grosse Klasse, die sie uns mit Hits wie "Maneater", "Say It Right", "All Good Things und "Promiscuous" längst bewiesen hat. Mit 12 neuen Furtado-Songs, meist zu zweit, mit John Congleton (Blondie, Franz Ferdinant), teils im Team mit u.a. Mark Taylor (Lady Gaga, Tina Turner, Kylie Minogue) geschrieben, ist dieser musikalische Ritt der Beweis, dass die rassige Nelly es immer noch kann. Der Starrummel nach diesen Hits hatte ihr arg zu schaffen gemacht. Die fast fünfjährige Auszeit hat sich gelohnt. Nellys Selbstbewusstsein ist in dieser Zeit gewachsen. Titel wie gleich


Mainstream/Indie/Alternative REVIEWS der erste Song "Cold Hard Truth", aber auch "Sticks And Stones", "Pipe Dreams" oder das selbstbewusste "Palaces" haben HitPotenzial. Die Radios dürften sich ob solcher aufgestellter Songs freuen. "Sticks And Stones" ist pure Lebensfreude in Musik ausgedrückt. Das ist beschwingter Pop mit Folk- und CountryAnleihen, total erfrischende Lieder der 38-jährigen Mutter einer Tochter, die sich von den Fesseln des Musikgeschäfts löste und deshalb ein eigenes Label gründete, um unabhängig zu sein. Der Schritt hat sich mehr als gelohnt. Auch wenn die flotte Nelly nur gerade mit "Paris Sun" an alte Zeiten erinnert, als sie noch dröhnenden Rhythm'n'Blues sang.

STARSET Vessels Spinefarm kw. Wenn Starset etwas kann, dann ist es futuristische Rockmusik produzieren. “Vessels“ ist mystisch, düster und fantasievoll. Die Amerikaner gehen weit über klassische Rockmusik hinaus. “Vessels“ lebt von rauen Gitarren, Growling, Keyboards und manchmal scheinen auch Streicher am Werk zu sein. Aufbrausend sind die Songs wie eh und je, geradezu monumental. Dieses Monumentale kann auch anstrengend sein und ist nichts für Zartbesaitete. Abgesehen davon ist “Vessels“ sehr zu empfehlen, weil die Arrangements überzeugen. Dafür kann man sich den Song “Bringing It Down“ anhören, welches ein Wechselspiel von melodischen und aggressiven Passagen ist und sich zum Schluss wie die Filmmusik eine Science-Fiction Streifens anhört. Das neuerschienene Album als auch das Vorangehende bleiben treu Konzepten verschrieben, die ganz im Zeichen des Technologiewandels, der Zukunft oder der sogenannten “The Starset Society“ stehen. Das Album wurde von Rob Graves (Halestorm, Red) produziert und von Ben Grosse (Breaking Benjamin) gemischt. Gegründet wurde die Band übrigens von einem Doktoranden der Elektrotechnik, der ein ungemeines Interesse für Astronomie entwickelt hat. Wir sind froh, forscht er nicht mehr nur im Auftrag der US Air Force, sondern auch im Zeichen der originellen Rockmusik.

Pally’s kurz und knapp CAPTAIN WILBERFORCE - Black Sky Thinking Im Eröffnungssong «The Johnny Depp Memorial Cafe» von «Black Sky Thinking» singt Simon Bristoll, der Mastermind hinter Captain Wilberforce, im Chorus: «Don't Be Happy. Someone Should Have Warned Me. It Always Turns To Sad.» Die zwölf Songs auf dem vierten Werk der englischen Band stimmen aber alles andere als traurig. Im Gegenteil. Wunderschöne Gesangsharmonien, luftig leichte und abwechslungsreiche Songstrukturen und das musikalisch breite Spektrum von Power Pop über zu Psych-Pop, Indiefolk, Rock und Americana machen «Black Sky Thinking», zumindest musikalisch, zu einem absoluten Hörvergnügen. CYANIDE PILLS - Sliced And Diced Die englischen Cyanide Pills (Selbstmordpille für z.B. Agenten, um gegebenenfalls keine Geheimnisse mehr ausplaudern zu können oder nicht gefoltert zu werden) bemühen nicht nur klassische Punkrock-Themen «Still Bored», «Cut Me Loose», «Razorblade») sondern brettern auf ihrem dritten Album «Sliced And Diced» ebensolchen klassischen Old-School-Punkrock aus den Boxen. Da kommt nicht nur bei Bands wie den Boys, den Lurkers, den Radio Stars, den Buzzcocks oder The Damned Freude auf. THE SEWER RATS - Heartbreaks And Milkshakes Kalifornien liegt zuweilen auch in Köln. Die dort ansässigen The Sewer Rats präsentieren auf ihrem nunmehr dritten Album «Heartbreaks And Milkshakes» wolkenfreie Gute-Laune-PunkPopsongs. Mit Songtiteln wie «Danny Has A Date», «I Don't Like You (When Your Girl's Around)», «Baseballs», «El Garage», «Waiting For A Letter», Too Punk For You» und dem Titeltrack geht in der Stadt mit dem imposanten Kölner Dom immer wieder die Sonne auf. Have some sunny Rats'n'Roll. MUSIC FOR ELEVEN INSTRUMENTS - At the Moonshine Park With An Imaginary Orchestra 2010 gewann die italienische Band (Projekt würde auch passen) Music For Eleven Instruments in ihrer Heimat eine Auszeichnung für das Video zu ihrem Song « Everyone In Their Room». Das animierte Video unterstützt bestens den verspielten Indie-Pop-Song. Der Sizilianer Salvatore Sultano, der hinter Music For Eleven Instruments steckt, hat ein gutes Händchen für lebendige fantasievolle Songs, die im Kopf Bilder erzeugen. Dies gelingt ihm auch auf seinem Werk «At the Moonshine Park With An Imaginary Orchestra». Nicht weit entfernt von Bands wie Polyphonic Spree entfernt, kreiert Sultano mit seiner Band kreative Indie-Pop-Musik. «Good Morning Imagination» heisst da, durchaus passend, einer der Songs. SPIDERGAWD - IV Das vierte Werk der norwegischen Spidergawd fängt dort an, wo Album Nummer «III» aufgehört hatte: Intensiv energetischer Stonerrock und Metal. Sicher wurde da und dort das Tempo etwas erhöht und sicher auch das Einflussspektrum erweitert. Spidergawd bleiben aber Spidergawd. Neben Black Sabbath und QOTSA hört man dem neuen Album des Motorpsycho-Ablegers (Bent Sæther ist jetzt zwar ausgestiegen) auch Bands wie Thin Lizzy oder Iron Maiden an. «The Inevitable» ist gar eine raue Bluesrock-Nummer. Passt ja bestens ins aktuelle Bluesrock-Revival. JENNIE ABRAHAMSON - Reverseries Die Songs der schwedischen Sängerin Jennie Abrahamson vermitteln Weite, Wärme, Tiefe und Sehnsucht. Der elektronisch gefärbte Indie - und Dreampop auf ihrem nunmehr fünften Album berührt und trägt den geneigten Hörer. Kein Wunder handeln die zehn Songs doch von Liebe, zwischenmenschlichen Beziehungen und Intimität. Und es ist weiter auch kein Wunder, dass Jennie Abrahamson mit ihrem letzten Werk «Gemini Gemini» (2014) grosse Erfolge in Schweden feiern durfte. «Reverseries» hat das Zeug, diesen Erfolg zu wiederholen. THE PAPER KITES - Woodland & Young North EPs Vielleicht erinnert sich jemand? Im Finale (Folge 24 «Flight») der achten Staffel von «Greys Anatomy» erklang ein behutsamer, mehrstimmiger Indiefolksong. Besagter Song hiess «Featherstone«, die Band dazu The Paper Kites. Das australische Quintett um Sänger und Songwriter Sam Bentley hatte gerade mal eine EP draussen, die übrigens bloss elektronisch erschienen war, und schon strahlte ihre Musik über die Landesgrenzen hinaus. Eine zweite EP («Young North»), ebenfalls elektronisch, folgte. Am erfolgreichsten war aber ausgerechnet ihre erste Single «Bloom», die 2010 erschien. Der verträumte Indiefolk-Song (inklusive entspanntem Pfeifen) erreichte über 60 Millionen Streams auf Spotify und platzierte sich in den Top 20 der holländischen Airplay Charts. Damit Mann und Frau auch mal was in den Händen kann, gibt es beide EPs & «Bloom» jetzt auch auf Tonträger. Rein in den CD-Player und gute 40 Minuten entspannen. IVORY CLAY - Doubt Diese Behutsamkeit täuscht. Clouds», der Auftakt des Debüts der deutsch-iranischen Band Ivory Clay dringt zuerst leise zum Hörer. Trügerisch ist dies, setzt sich «Doubt» (Zweifel) doch mit Ängsten und Zweifeln auseinander. «Clouds» dringt zusehens in unwegsameres Terrain vor bis hin zum bedrohlichen Finale. Im zweiten Song «Whatever There Was» sind es feine Störgeräusche im Hintergrund, rhythmische Unregelmässigkeiten und ein abrupter Stopp, welche nicht ganz ins Bild passen. «Towards The Open Night» überrascht einmal mehr durch rhythmische Eigenwilligkeit und Prog-Rock-Elementen. Textlich setzten sich Ivory Clay mit den Themen Flucht und ungewisse Zukunft auseinander. Was dem Iraner Pulad Mohammadi sicherlich nicht fremd ist. Die elf Songs auf «Doubt» verlangen nach Auseinandersetzung und mehrmaligen Hören. Nur so entfalten sie ihre ganze Kraft und Tiefe.

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Licht am Ende des Tunnels Diesmal bleiben die Gitarren im Schrank: Linkin Park vollziehen mit ihrem siebten Album „One More Light“ eine weitere Häutung. Sie lassen mehr Pop zu, besinnen sich im Kern aber auf das, was die Band ausmacht: Große Hymnen für die Arenen einer geschädigten Welt.

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bs. Das Sunset Marquis in West Hollywood ist eines dieser Hotels, deren Geschichte längst zum Mythos wurde. Ein berühmt-berüchtigter Ort, seit Jahrzehnten eine beliebte Absteige für Bands, für die Stars und Sternchen der Glamour-Welt unter dem Hollywood-Zeichen. Hier wollte Courtney Love ihrem Leben ein Ende setzen, hatte sogar schon einen Abschiedsbrief verfasst. Hier fuhr sich Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan in seinen besonders abgründigen Zeiten eine Überdosis rein, die ihn fast unter die Erde brachte. Es ist bis heute ein Ort, an dem eine ganz eigene Stimmung herrscht – zur Hälfte Lana-del-ReyVideo, zur Hälfte David-Lynch-Kulisse. Die Leiche im Pool fehlt vielleicht und die Vögel zwitschern vergnügt an diesem warmen Märzmorgen. Irgendwas liegt aber in der Luft. Ein Geheimnis, eine Aura. Linkin Park haben diesen Ort nicht zufällig gewählt, um der ausgewählten Weltpresse ihr neues Album „One More Light“ vorzustellen. Die ganze Band ist anwesend, verteilt auf mehrere luxuriöse Bungalows des großen Anwesens. In einem sitzt Mike Shinoda, neben Chester Bennington eine der beiden zentralen Figuren in der Band. Er gründete Linkin Park vor 20 Jahren, er ist bis heute für das Image und die grafische Komponente der Band verantwortlich. Die präsentiert sich 2017 drastisch anders. Mal wieder. Das hat nichts mit Kalkül oder Trend-Geheische zu tun. Es ist wie immer Ausdruck eines inneren Drangs. Auf dem siebten Album mögen sie sich von verzerrten Gitarren, von gepressten Schreien und der existentiellen Angst abgewandt haben. Im Kern sind es aber eben immer noch Linkin Park, die da ihre Lieder singen. „Ich trage die DNS dieser Band in mir, sie ist untrennbar mit mir verbunden. Linkin Park wird immer Linkin Park bleiben, ganz gleich, was passiert“, sagt Shinoda dazu. „Dafür gibt es keine Formel denn für uns gäbe es nichts öderes als ins Studio zu gehen und einfach dasselbe Album noch mal aufzunehmen. Wir sehen unsere Band als Herausforderung und als Möglichkeit, mehr über uns selbst und das Musikmachen zu lernen. Das“, hebt er einen Finger in die Luft, „war schon immer so. Und das wird auch nicht aufhören.“ Es ist nicht das erste Mal, dass diese Band ihre Anhänger fordert. Hatten sie im Jahre 2000 mit „Hybrid Theory“ einst den modernen Metal revolutioniert, folgte 2007 mit „Minutes To Midnight“ eine deutliche Abkehr von diesem Stil. Das schmeckte nicht allen. Aber das muss, das sollte es auch gar nicht. Für eine Band dieser Größenordnung (keine Band ist in den sozialen Netzwerken größer) haben sich die Kalifornier eine bewundernswerte Integrität bewahrt. „Als Band weißt du nie, wo du morgen stehen wirst“, sagt Mike und lässt seinen Blick aus dem Fenster schweifen. Draußen wiegen sich Palmen in der leichten Brise. „Nichts ist garantiert, Erfolg am allerwenigsten. Deshalb lege ich wert darauf, immer alles zu geben, was ich kann, und darauf zu achten, dass ich immer voll hinter dem stehen kann, was wir tun. Ist das nicht der Fall, hört es auf Spaß zu machen, und das ist der Anfang vom Ende.“ Das beschert uns eine

ziemlich poppige Variante von Linkin Park, die auf „One More Light“ das Leben in all seinen Facetten besingen. Das Tragische und das Schöne, die Trauer und die Freude. Emotionaler war die Band nie, persönlicher und ehrlicher auch nicht. Und mutiger schon gar nicht. „Wir wissen, dass jeder dieses Album lieben oder hassen kann“, so Bennington. „Doch zu diesem Zeitpunkt haben wir das eh nicht mehr in der Hand.“ Er ist sich bewusst, dass das Album polarisieren wird. Wirklich besorgt ist er deswegen nicht, ganz entspannt aber eben auch nicht. Schlagzeuger Rob Bourdon, der sich in das Gespräch einschaltet, wirkt da schon gelassener. „Zu Zeiten von „Hybrid Theory“ gab es eigentlich niemanden, der so klang wie wir, was es für uns natürlich riskant machte, mit etwas so Neuartigem um die Ecke zu kommen. Das machte es so aufregend für uns – und das faszinierte die Menschen auch an unserer Band.“ Wahre Pioniere haben es eben nicht leicht. Für ihn könnte es dennoch nichts Schöneres geben. „Wir waren der Zeit damals voraus, und genau dieses motivierende Gefühl wollten wir danach immer wieder spüren. Also vertrauten wir uns Produzent Rick Rubin an, um zu vermeiden, dass wir fortan immer nur denselben Stil fabrizieren würden. Mit seiner Hilfe schockierten wir 2007 die Welt, weil wir erstmals zeigten, wie sehr sich eine Band verändern und sich gleichzeitig treu bleiben kann. Das bewahrten wir uns seit diesem Tag, sodass selbst wir nicht wissen, wie unsere nächsten Schritte aussehen.“ Sicher ist nur, dass die Band mal wieder keinerlei Erwartungen erfüllt und das macht, was sie für am Besten hält. Mit einem rigoros anderen Ansatz entstand das Album, hat in seiner puren Unverfälschtheit einen klassischen Singer/SongwriterAnsatz. Und trägt eine bittersüße Melancholie in sich, die vom Coverfoto reflektiert wird. „Es ist immer ein wenig bittersüß, wenn man ein Foto von solch jungen Menschen sieht“, meint Shinoda nachdenklich zu dem Foto, das in Venice Beach in Los Angeles aufgenommen wurde. „Die Ungewissheit, wer diese Jungs sind, was im Leben noch mit ihnen passieren wird. Und genau darum geht es auch um „One Mor Life“: Um die Gewaltigkeit des Lebens an sich.“ Anstatt mit Sounds rumzubasteln und irgendwann Worte dazu zu finden, standen diesmal die Lyrica am Anfang – „und das“, betont Shinoda, „ist für Linkin Park mehr als ungewöhnlich. Wir gingen jeden Tag ins Studio und unterhielten uns erst mal. Wir sprachen über alles mögliche, erzählten uns manchmal lustige, manchmal ernste und manchmal sehr vertrauliche Geschichten, die wir noch nie erzählt hatten.“ Sie alle sind auf „One More Light“ gelandet. Und sorgen dafür, dass Linkin Park, die lange Jahre von Zweifeln, Ängsten und inneren Dämonen sangen, endlich Licht am Ende des Tunnels sehen.


REVIEWS Mainstream/Indie/Alternative LINKIN PARK One More Light Warner

LIVE 6.6. Zürich, Dynamo THE DEAD DAISIES Live And Louder (CD/DVD) SPV hh. Der Grund, schon ein gutes halbes Jahr nach Erscheinen des letzten Studioalbums „Make Some Noise“ mit einem neuen Output nachzulegen, ist gemäss Sänger John Corabi der grosse Wunsch der Fans nach Live-Material: „Es kommen so viele Fans zu uns, die uns sagen, dass sie unsere Studio-Platten lieben – aber dass wir ihnen live am besten gefallen. Deshalb haben wir jetzt dieses Live-Album rausgebracht.“ Und das ist gut so! War besonders das grandiose „Make Some Noise“ eine Paradebeispiel für aktuellen klassischen Hardrock mit einer schon fast unglaublichen Fülle an herausragenden Songs, zeigen die Daisies hier, dass sie auch live die wohl derzeit beste Hardrock-Band des Planeten sind. Und diesbezüglich ist kein Ende in Sicht, die Fangemeinde der Truppe wächst rasant. Es ist abzusehen, dass die Daisies in naher Zukunft in die absolute internationale Top-Liga aufsteigen werden. Und das mit Fug und Recht! Das Geheimnis für diesen Erfolg ist eigentlich keins, sondern liegt simpel in der freundschaftlichen und respektvollen Verbundenheit der Musiker untereinander, der Leidenschaft und der Liebe zum Rock'n'Roll, den herausragenden musikalisch-technischen Fähigkeiten jedes einzelnen Mitglieds und genialen Songwriterqualitäten. Dazu kommen noch ein haushoher Sympathie-Bonus, allerbestes Live-Entertainment und eine enge Verbundenheit mit den Fans. Die Daisies sind eine Band zum Anfassen, eine Band mit der sich ihre Fans identifizieren können. So ist es auch kein Wunder, dass jedes Konzert der Truppe ein donnerndes Feuerwerk ist. Die Daisies legen sich ausnahmslos mächtig ins Zeug, schweisstreibende , mitreissende Arbeit. Das kommt auf diesem Live-Album in den enthaltenen 16 Songs bestens zur Geltung. Dass von den Song-Arrangements her gesehen keine besonders grossen Unterschiede zu den Studiofassungen ausgemacht werden können, spielt keine grosse Rolle – denn das Live-Feeling drückt gewaltig durch die Boxen. Ausserdem ist „Live & Louder“ so etwas wie eine momentane Bestandsaufnahme, quasi ein „Best Of“ der bislang veröffentlichten zwei StudioAlben. Aufgenommen wurden die Tracks während der 2016 Europa-Tournee bei verschiedenen Konzerten. Die beiligende DVD zeigt gefilmte Interviews mit den Bandmembern John Corabi, Doug Aldrich, David Lowy, Marco Mendoza und Brian Tichy plus Live-Sequenzen und FanKommentare. Dazu kommen noch sogenannte Tour-Recaps und Video-Clips. Laufzeit insgesamt ca. 90 Minuten.

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bs. Den einfachen Weg gehen Linkin Park mit „One More Light“ nicht. Das war schon klar, als die erste Vorabsingle „Heavy“ ausgekoppelt wurde, ein melancholisch-poppiger Track mit viel Elektronik und der Gastsängerin Kiiara. Aber das ist eben genau das, was die Kalifornier wollen: Evolution, Wandel, Veränderung. Es wäre ihnen ein leichtes, wieder ein „Meteora“ zu schreiben. Doch für Linkin Park hat das nun mal nichts mit ihrer Definition einer Band zu tun. So kommt das siebte Album zwar durchgehend ohne verzerrte Gitarren oder Chester Benningtons TrademarkSchreie aus; dafür dominieren bittersüße Melodik, satte Beats und orchestrale Elemente das Bild, in der titelgebenden Ballade sogar ein neuartiger und durchaus erfrischender Singer/Songwriter-Ansatz. Linkin Park sind im Jahre 2017 nicht mehr die von Zweifeln und Existenzangst zerfressenen jungen Männer, die den Metal zur Jahrtausendwende revolutionierten. Warum also sollte man ihrer Musik das nicht anhören? Eine derartige Wandlung muss nicht jedem schmecken. Aber immerhin ist sie konsequent und ehrlich.

NAP Villa Noisolution rp. Okay, ich denke, das ist der Weltrekord. «Sabacia», der zweite Song auf dem Debüt der deutschen Band NAP, hat meines Wissens das längste Intro in der Musikgeschichte. Erst nach genau 6 Minuten und 48 Sekunden setzt der Gesang ein. Und verabschiedet sich nach weiteren 30 Sekunden auch schon wieder. Gesamthaft dauert «Sabacia» gute 8 Minuten. Bis zum Gesang passiert übrigens viel. Von grandiosen 70er Heavyrock-Riffs über geheimnisvolle Passagen bis hin zu Punksalven wird der geneigte Hörer von der Oldenburger Band um Teilzeit Sänger Ruphus gut bedient Diese Vielschichtigkeit zeigt sich auch in den anderen Tracks. Der Auftakt, das über 5 Minuten lange «Donnerwetter» stellt

Post-Punk, Doom-Metal, Psychedelik und Grunge neben und hintereinander. Dazwischen gibt es (fast) funky Siebziger-Gitarrenriffs. Klingt trotzdem organisch und verdammt cool. In anderen Songs mischen NAP neben Doom-Metal, Psychedelik auch Kraut, Punk, Twang-Gitarren oder funky Bassläufe in ihre Songs. Und das Spiel mit laut und leise und Tempi-Wechseln verstehen die drei Heeren gleichsam. Im Song «Larva» setzt der Gesang übrigens schon nach 2 Minuten und 2 Sekunden ein. Irgendwann knacken NAP die Ein-MinutenGrenze!!

FRANK CARTER & THE RATTLESNAKES Modern Ruin International Death Cult mh. Der notorische Schläger, der dies auch gerne auf der Bühne austrug, Frank Carter ist wieder zurück. 2011 wurde er aus seiner Hardcore Punk-Band Gallows, die er mitbegründet hat, geworfen und ersetzt. Mit seinem Alternative-RockProjekt Pure Love erschien der Brite kurz darauf wieder auf der musikalischen Bildfläche. Hier und heute interessiert uns aber bereits sein nächstes musikalisches Projekt: Frank Carter & The Rattlesnakes wurde 2015 gegründet und im selben Jahr erschien auch noch ihr Debut-Album „Blossom“. Zwei Jahre später steht nun „Modern Ruin“ im Regal. Vorbei sind die Tage des Brüll-Krächz-Gesang wie zu Gallows' Zeiten. Die Scheibe tendiert wohl immer noch in die Punk-Richtung ist aber deutlich gezügelter, erwachsener. „Lullaby“ ist zum Beispiel ein schönes Stück, mit kräftigen und druckvollen Elementen, wirkt dann aber im nächsten Moment fast etwas zerbrechlich. „What did I do last night and will I be ashamed?“ singt er im sackstarken “Snake Eyes”, dass wieder etwas rauer daher kommt. Es geht aber auch gemächlicher, zum Beispiel im Song „Wild Flower“, der ohne Problem auch aus den Federn von Green Day stammen könnte. Im Titelsong wird dann nochmals richtig aufgedreht: rau, kantig und brachial kommt der Sound. Fazit: echt gut! Und Live dieses Jahr am Greenfield Festival.


REVIEWS Mainstream/Indie/Alternative DIE TOTEN HOSEN Laune der Natur JKP bs. Wer hätte das gedacht: Da kommen die Toten Hosen im Jahr 2017 mit einem nagelneuen Studioalbum um die Ecke – und dann fehlt darauf doch glatt ein Song gegen Nazis! Tja, die Hosen sind eben auch im Jahr 2017 noch eine Bande unbeugsamer Typen, die nicht gern Erwartungen nachgibt und lieber ihr eigenes Ding macht. Deswegen gibt es mit „Pop und Politik“ zwar einen Song über politische Songs, aber keine klare Aussage per se. Die kennt ja aber eh jeder, der auch noch ein kleines bisschen mit der Düsseldorfer Punk-Legende vertraut ist. Die Vielfalt des neuen Albums „Laune der Natur“ überrascht da schon eher. Vom harten und schnellen Punk-Kracher über ReggaeBeats bis hin zur riesengroßen Stadionballade oder einem bewegenden Abschied verstorbener Freunde ist diesmal alles dabei, was das Leben so ausmacht: Zorn, Freude, Unsicherheit, Trauer, Liebe und Glück, eingefasst in einen Sound, der natürlich nicht mehr die ungezähmte Wildheit der frühen Tage versprüht, aber eben längst noch nicht nach Rock'n'RollAltersheim klingt. In besonderem Maße gilt das natürlich für die Bonus-CD „Learning English Lesson 2“, weswegen man sich unbedingt die Spezialedition des Albums anschaffen sollte: Rund ein Dutzend englische und amerika-nische PunkPioniertaten, neu eingespielt von den Hosen und eingesungen von Campino nebst Mitgliedern der gecoverten Bands. Das ist dann plötzlich wieder mehr Punk als alles andere. Und macht zudem höllisch viel Spaß.

INVIDIA As The Sun Sleeps Steamhammer /MV mh. Grossartig. Das Fazit kommt hier schon mal zu Beginn. Mit Invidia halten wir eine etwas sanftere Version von Five Finger Death Punch in der Hand. Aber keine Angst, auf

einer Scala von Mariah Carey bis Five Finger Death Punch sind wir immer noch deutlich bei Zweiteren. „As The Sun Sleeps“ ist die erste Scheibe vom Quartett aus Las Vegas, einer Amerikanischen Heavy Metal Supergroup heisst es… Dieses Prädikat verspricht viel, die Scheibe liefert aber auch. Im Dezember 2015 haben sich diese fünf Herren zusammengefunden: Travis Johnson singt (er spielt ansonsten Bass bei In This Moment), an den Gitarren sind Brian Jackson und Marcos Medina Rivera (früher bei Skinlab), der Drummer heisst Darren Badorine (von Six Ounce Gloves) und schliesslich am Bassist Matt Snell (früher bei Five Finger Death Punch). Unbedingt anspielen: „Feed The Fire“, „Step Up“ und „The Other Side (feat. Aaron Nordstrom)”.

SPOON Hot Thoughts Matador Records kw. Spoon sind kein unbeschriebenes Blatt. Die amerikanische Band ist schon länger im Geschäft und nicht ganz unbekannt. Mit “Hot Thoughts“ präsentieren sie das neunte Album und haben einzelne Songs schon in den bekannten amerikanischen Late-Night-Shows vorgespielt. Die Songs auf “Hot Thoughts“ klingen alle sehr unterschiedlich und man weiss eigentlich nie genau, was man vom nächsten Song erwarten darf. Trotzdem haben Spoon ihren eigenen Stil und den zu beschreiben ist eben wegen dieser Diversität nicht ganz einfach. Auf “Hot Thoughts“ klingt die Band immer ein bisschen Retro. Manchmal schwappt der Indie-Pop in Richtung Disco, dann wiederum in leichten Rock oder er erscheint als gut durchdachte Lounge Musik. Spoons Kompositionen sind vielschichtig, bleiben aber luftig. Gut möglich, dass man an gewissen Songs keinen Gefallen finden wird, weil sie sonderbar sind. Insofern scheinen in Spoon's Universum eigene Massstäbe für Schönheit zu gelten, die aber keineswegs falsch sind. Aus einer Perspektive, die das Album als Gesamtheit betrachtet, muss man sich aber eingestehen, dass ein äusserst interessantes Stück Kunst geschaffen wurde.

THE SMITH STREET BAND More Scared Of You Than You Are Of Me Uncle M Music/Cargo cw. Wenn der Begriff Nationalh elden nicht so ein furchtbar bitteren Beigeschmack hätte, würde man fast dazu tendieren, das musikalische Schaffen der vier Australier so einzuordnen. Denn in ihrem Heimatland Australien zählen The Smith Street Band längst zur Speerspitze einer seit einigen Jahren prosperierenden, kreativen und lebhaften IndieMusikszene um Bands wie Dune Rats, Flyying Colours oder Violent Soho. Bands, denen wie selbstverständlich auch in Mainstream-Medien Respekt und Aufmerksamkeit zuteil wird. Hierzulande sind The Smith Street Band seit ihrem gefeierten Vorgänger „Throw Me In The River“ (2014) auf dem Sprungbrett – und das mit einem frischen, unverbrauchten Mix aus Indie-

Rock, Folk und Punkrock, der vor allem durch den AussieAkzent und das gelungene Storytelling von Sänger Wil Wagner eine eigenwillige Note bekommt. Ein generationsübergreifender Soundtrack zwischen Bruce Springsteen, Against Me! und Frank Turner, der, wenn man ihn einmal ins Herz geschlossen hat, keiner weiteren Referenzen bedarf. Unter dem zauberhaften Titel „More Scared Of You That You Are Of Me“ erscheint nun das vierte Album der aus Melbourne stammenden Band. Dass Songs wie „Death To The Lads“ oder „Birthdays“ beschwingt und mit einem gewissen Feel Good-Charakter daherkommen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Wil Wagners Texte ein Fenster zu seiner Seele sind und nicht selten gesellschaftlich tabuisierte Themen wie mentale Gesundheit und Depression zum Ausdruck bringen.


MANDO DIAO

Hör auf deine Eltern Ärger im Paradies? Nicht wenn man Mando Diao glauben mag. Die demonstrieren nach dem von vielen beweinten Ausstieg Gustaf Noréns Einigkeit und Harmonie, haben ihr erstes Album ohne ihn auch nicht ganz zufällig „Good Times“ getauft. Aber ob wirklich was dran ist an der guten Stimmung? Und ob der Neustart überhaupt glückt? Nicht ganz einfach zu beantworten. Foto: Eric Weiss

bs. Die Zeichen sind klar: Wo Mando Diao in den letzten Jahren vornehmlich die beiden Bühnengockel Gustaf Norén und Björn Dixgård mit all ihren Allüren und Rockstar-Posen meinte, herrscht nach dem Ausstieg des stilprägenden Norén Aufbruchstimmung bei den schwedischen Rockern. Plötzlich tanzt die ganze Truppe zum Interview an, plötzlich dürfen auch mal andere was zu der Band sagen, in der sie teilweise seit Tag eins spielen. Das ist an sich nichts Besonderes, die meisten Bands konzentrieren sich auf eine oder zwei Galionsfiguren. Bei Mando Diao wirkt es aber ein klein wenig gewollt, ein klein wenig verkrampft. Auch wenn Dixgård und Keyboarder Daniel Haglund im Interview mehrfach betonen, wie gut die Chemie in der Band seit Noréns Weggang sei. „Es dauerte keinen Tag, bis uns allen klar war, dass wir weitermachen wollen!“, sprudelt es aus Sänger Dixgård heraus. „Wir sprachen viel am Telefon und waren uns alle einig. Wir lieben einander, wir lieben die Musik, warum zur Hölle sollten wir also damit aufhören? Selbst unsere Eltern sagten, dass wir weitermachen sollen.“ Viel wird bis heute nicht über die Gründe von Dixgårds einstigem Busenfreund Norén gesagt, musikalische Differenzen klingen noch am wahrscheinlichsten, wenn man sich das neue Album „Good Times“ und die zurückliegenden Mando-Diao-Werke anhört. Das will an die frühen Jahre der Schweden anknüpfen, als sie noch mit furiosem Garage Rock Frauenherzen in Brand setzten, schafft es aber nicht ganz, die rohe Energie, die jugendliche Explosivität heraufzubeschwören. Eine deutliche Abkehr von Electro, Pop und Avantgarde ist den Stücken aber dennoch anzumerken. „Wir arbeiten mehr zusammen als früher“, klärt der Frontmann über die Unterschiede auf. „Die Songs und die Texte entstanden als Gemeinschaftsprojekt, das war früher nicht so. Jetzt ist Gustaf eben nicht mehr dabei, und natürlich merken wir das, doch die Essenz von Mando Diao ist dieselbe: Musik, die auf Freundschaft basiert.“ Mando Diao, eine klassische Rock-Band, bei der sich jeder einbringen kann? Durchaus neue Töne, die uns da aus Börlänge entgegenschlagen. Und Haglund zufolge eine neue Inkarnation, in der sich die Band sehr schnell wieder zuhause gefühlt hat. „Mando Diao treten

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nicht das erste Mal in eine neue Ära ein, weshalb es für uns alle keine allzu große Schwierigkeit darstellt, unseren Platz zu finden. Es ist anders, fühlt sich aber genauso an wie früher. Es ist schließlich immer noch Musik, oder?“ Daran besteht in der Tat kein Zweifel. Dass ihr verlorener Kumpan eines Tages zurückkehrt, will in der Band übrigens niemand. „Es steht zumindest nicht grundsätzlich außer Frage“, sagt Dixgård nach kurzem Zögern. „Dann wiederum steht nichts außer Frage, wie man auch daran sieht, dass ich einen Song mit unserem ehemaligen Schlagzeuger Samuel Giers geschrieben habe. Wir trafen uns auf einen Kaffee, weil wir uns seit einigen Jahren nicht gesehen hatten, und hatten eine solch gute Zeit, dass wir einen Song schrieben, der jetzt zufällig „Good Times“ heißt. Solche Dinge passieren eben, wenn man sich auf ein Abenteuer begibt wie wir.“ Das diesmalige Abenteuer führte die Band eine Woche auf die schöne schwedische Insel Gotland, wo man geschlossen ein Ferienhaus bezog, um sich neuen Ideen und der neuen Bandsituation hinzugeben. Keyboarder Haglund erinnert sich sehr gern daran: „Wir standen auf, frühstückten, jammten ein bisschen und probierten an neuen Ideen rum“, gerät er ins Schwärmen. „Wir nahmen ein paar erste Demos auf, schrieben einige Songs, abends kochten wir zusammen und machten noch ein bisschen Musik.“ - „Diese Woche war wirklich super, um uns an die neue Energie in der Band zu gewöhnen“, ergänzt der Sänger. „Es ist erstaunlich, wie viele Songideen in diesen wenigen Tagen konkret wurden. Es fühlte sich durchaus so an wie ein Neuanfang.“ Danach, so sagt er, nahmen sie „Good Times“ in Schwedens Einsamkeit auf. Dixgård: „Dort, wo es außer uns nur Wald und Albino-Elche gab.“ Nach dem konzeptschwangeren letzten Werken ist bei Mando Diao eine neu entdeckte Leichtigkeit festzustellen, eine Lust am Song an sich. „Wir gingen jeden Song für sich an, weil wir diesmal kein Konzept oder keine Vorstellung vom Gesamtbild hatten. Wir wollten einfach Songs schreiben und aufnehmen“, berichtet Haglund und wird wieder von seinem Kollegen ergänzt: „Nach den beiden letzten Konzeptalben wollten wir uns wieder den Gefühlen eines jeden einzelnen Songs


widmen. Das, könnte man sagen, ist das Konzept von diesem Album – Emotionen, Emotionen, Emotionen!“ Er beeilt sich jedoch zu versichern, dass es nicht etwa daran lag, dass man Mando Diao in eine kreative Sackgasse befördert hatte, aus der man jetzt hinausmanövrieren musste. „Wir fühlten uns zu jeder Sekunde unserer Karriere frei, das zu tun, was wir wollten“, so Dixgård. „Sicher ist es eine andere Art von Freiheit, wenn man ein Song-Album wie „Good Times“ schreibt, aber es ist weder besser noch schlechter.“ Und dann ist da natürlich noch der Titel. „Good Times“. Vielleicht ist es übertrieben, auch darin den manifestierten Versuch zu sehen, auf Schönwetter zu machen. Vielleicht aber auch nicht. Für den Keyboarder Haglund steckt aber noch etwas anderes hinter dieser Wahl: „Uns ist die Ironie bewusst, ein Album in Zeiten wie diesen „Good Times“ zu nennen. Aber so sieht es innerhalb unsere Band derzeit eben aus. Das gilt übrigens auch für alle anderen: Jeder muss sich selbst seine eigene gute Zeit suchen. Wir finden sie in unseren Familien und in unserer Band. Es gibt sie selbst im Hier und Jetzt, das darf man nicht vergessen.“ Wie die Zeiten für Mando Diao derzeit wirklich aussehen, wird sich zeigen. Für einen rundum geglückten Neuanfang bietet „Good Times“ zu wenige wirkliche Kracher, wie man sie früher von dieser Band gewohnt war. Doch ein Anfang ist gemacht – ein Anfang, der durchaus der Beginn einer verheißungsvollen weiteren Karrierephase sein könnte. Bis dahin müssen Mando Diao aber erst mal wieder lernen, sich wie eine integre Rock-Band zu verhalten.

LIVE 25.8. Glarus, Sounds Of Glarus 26.8. Alpnach, Pilatus On The Rocks

MANDO DIAO Good Times BMG bs. Man kann sich richtig vorstellen, wie schwer Mando Diao dieses Album gefallen sein muss. Gemessen am Damoklesschwert, das über den Schweden hängt, gemessen am Druck, der seit dem Ausstieg ihrer einen Galionsfigur Gustaf Norén auf den verbliebenen Schultern lastet, ist „Good Times“ ein wirklich gutes Album. Keine Sensation, aber auch mehr als ein Achtungserfolg. Es ist offensichtlich, was Björn Dixgård versucht hat: Nach eher avantgardistischen Werken, nach einer Ära, in der er und Norén sich eher als römische Kaiser denn als Rock'n'Roller inszenierten, wollte er wieder zurück zu den Wurzeln. Dorthin, wo Mando Diao noch eine integre Garage-Rock-Bands waren, die einen schmissigen Hit mit Soul und Verve nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelte. Allein, ihm fehlt bei allem Bemühen heute die Unbeschwertheit, das zu tun – und die herrlich räudige Produktion. „Good Times“ tönt recht glatt, liefert aber dennoch viele gute Ansätz. Den Titeltrack etwa, das flotte „Shake“ oder das verführerisch poppige „Money“. Die ganz großen Übersongs, die Zehntausende auf Festivals zum Überkochen bringen, fehlen jedoch diesmal. Der Anfang für eine neue Ära ist jedoch gemacht. Auch wenn sich Mando Diao nach den großen Erfolgen der Vergangenheit vielleicht daran gewöhnen müssen, etwas kleinere Brötchen zu backen.


LITTLE STEVEN

& THE DISCIPLES OF SOUL 25 Jahre ist es her, seitdem Steven van Zandt alias Little Steven mit seiner Band, den Disciples Of Soul, auf Tour war. Der legendäre Gitarrist der E-Street-Band gilt aus treuester Gefolgsmann von „Boss“ Bruce Springsteen und ist aus der E-StreetBand nicht mehr wegzudenken. Aber nun hat er es endlich geschafft mit dem in diesen Tagen erscheinenden „Soulfire“ ein neues Album zu schreiben, auf dem er zu seinen musikalischen Wurzeln, dem Rhythm'n'Blues, zurückkehrt. Logisch, dass er dafür seine alte Band, die Disciples Of Soul, wieder an den Start bringt.

LIVE 29.6. Zürich, Kaufleuten

Seit dem höchst beeindruckenden Auftritt im WDR-Rockpalast anno 1984 gelten Little Steven und seine Band als einer der versiertesten Live-Acts überhaupt. Darüber hinaus ist Steven van Zandt nie müde geworden, in Songs wie „I Am A Patriot“oder „Voice Of America“ seine politische Meinung zum Ausdruck zu bringen. 1985 gründete er die Initiative ARTISTS UNITED AGAINST APARTHEID. Zusammen mit 49 internationalen Künstlern wie Bruce Springsteen, Bono, Bob Dylan und Run DMC nahm er in diesem Rahmen den Song „Sun City“ auf. Aber nicht allein deshalb sind van Zandt und Bruce Springsteen (mit

Unterbrechung) seit 1975 mehr als nur musikalische Weggefährten – der Boss bezeichnet Little Steven als seinen engsten Freund. Dass Steven van Zandt ein echtes Multitalent ist, beweist er auch immer wieder eindrucksvoll als Schauspieler. 1999 übernahm er die Rolle als Silvio Dante in der Kultserie DIE SOPRANOS. Hier wirkte er in 81 der insgesamt 86 Folgen mit und war zudem am Soundtrack einiger Folgen beteiligt. Seit 2012 spielt er in der TV-Serie LILYHAMMER einen Mafiaboss im norwegischen Exil und ist gleichzeitig Co-Produzent und Drehbuchautor. Aber trotz seiner bemerkenswerten Leistungen als Schauspieler, zu wirklich wahrer Grösse läuft Little Steven erst dann auf, wenn er sich die Gitarre umhängt und dem „New Jersey Rhythm'n'Blues“, oder nennen wir es treffender „Soulrock“, die richtige Dosis Rock und Dreck injiziert und damit alle Fans von Springsteen bis hin zu Southside Johnny nachhaltig begeistert.

Ziemlich beste Freunde

Steven van Zandt als Frank Tagliano in «Lilyhammer»

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Düster, pessimistisch, hochgradig politisch Depeche Mode nähern sich ihrem 40. Karrierejahr. Auf dem 14. Studioalbum „Spirit“ ist darauf nichts zu spüren. Düsterer, kämpferischer und direkter klangen die Briten vielleicht noch nie. Ein Spiegel der aktuellen Weltlage oder ein Ausdruck zunehmender Verbitterung? Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen, wurde von Depeche Mode aber lange nicht so eindringlich und aufrührerisch kommuniziert.


der Musik längst Väter sind. Bandkopf Martin Gore wurde sogar kurz vor der Veröffentlichung des «Es kann sehr ungemütlich werden, wenn man Albums Vater einer weiteren Tochter, einige der Stücke auf „Spirit“ hat er während der nach über 35 Jahren seine kreativen Grenzen Schwangerschaft seiner Frau geschrieben. Sicher, noch mal verschiebt.» - Dave Gahan das färbt ab. Wie jeder andere Vater auch, sorgen sich auch die Depeche-Mode-Mitglieder um die Zukunft ihrer Kinder, beobachten mit wachsender Besorgnis, in welche Welt sie hineinwachsen. „Das Älterwerden und die Vaterrolle machen mich zunehmend politisch“, liefert Gore dann auch gleich eine Erklärung für die Stimmung auf dem Album. Natürlich ist das ein trauriger Anlass, doch diese bittere Note tut den Stücken auf „Spirit“ einfach unfassbar gut. Finster elektronisch wummern sie vor sich hin, wirken als Ganzes, nicht nur in Form eines alle andere Stücke überstrahlenden SingleHits. Der Sound ist maschinell und kalt wie man das auf den zuletzt sehr organischen, warmen Alben nicht zu hören bekam, alles wirkt industriell, kantig, im positiven Sinne bedrohlich. Das liegt nicht nur, aber auch an der Wahl des neuen Produzenten. Anstatt wieder mit Ben Hillier aufzunehmen, der die letzten drei Alben der Band produzierte und somit seit „Playing The Angel“ ein Intimus der Briten ist, setzte sich Dave Gahans Wunsch durch, James Ford (Arctic Monkeys, Editors) für den Job zu organisieren. Jeder, der die Arbeitsweise des kreativen und mit Zündstoff ausgestatteten Duos Gore/Gahan kennt, hört es schon wieder förmlich kriseln. In der Vergangenheit waren die beiden des Öfteren aneinandergerappelt, wobei es oftmals um gewichtigere Dinge ging als die Wahl des Produzenten. Mittlerweile, so scheint es, haben sie ihre Egos aber wieder im Griff, schreiben Songs zusammen und gestehen sich gegenseitig ihren Raum zu. Da kommt sie dann eben doch durch, die Altersmilde. Gore ließ sich zumindest von Hillier abbringen und dürfte retrospektiv auch sehr gut mit dieser Entscheidung leben können. Ford verpasst dem Sound der Engländer ein Facelifting, das sich gewaschen hat, reiht „Spirit“ klanglich irgendwo zwischen Kraftwerk und Nine Inch Nails ein und errichtet dem Trio ein ganz neues Podium für ihren nicht mit Bombast, Pathos und Drama geizenden Sound. „Spirit“ ist der maschinelle Soundtrack einer bs. Es ist eine Kampfansage. Ein eindrucksvolles Aufbäumen, Wirklichkeit gewordenen Dystopie, eine behutsame und ein revolutionärer Akt geradezu. Schon mit ihrer vorab überwiegend geglückte Neujustierung alter Werte und veröffentlichten Single „Where's The Revolution“ haben zugleich ein Album, das allein aufgrund des Inhalts eine Depeche Mode klargemacht, wo die Reise 2017 mit ihnen Sonderrolle in der langen Geschichte dieser Band einnimmt. hingeht. Der Song ist eine fünfminütige Hymne an den Protest, Dave Gahan wird das erfreuen und erleichtern. Mehrfach ein schleppend pulsierendes, durchaus auch verbittertes betonte er in letzter Zeit, dass es nicht unbedingt leichter wird, Manifest der Enttäuschung. Wo sind sie denn, die jungen neue Alben zu schreiben und dass es ihm dennoch wichtig ist, Menschen, die auf die Straße gehen? Die die Welt wie sie ist so nicht hinnehmen wollen? „Come on people, you're letting me down“, bringt Sänger Dave Gahan im Refrain des starken Songs regelrecht zornig hervor, „ihr lasst mich hängen“. Solche Töne sind wir von Depeche Mode schon lange nicht mehr Man hat sich arrangiert und erkannt, dass es gewohnt gewesen. Düster, pessimistisch, hochgradig politisch und aufgeladen mit all den Dingen, die die Welt dieser Tage wichtigere Ding gibt als das eigene Ego. näher an den Abgrund bringen als wir uns das jemals erträumt haben. Aber wieso gerade jetzt? Die Welt war zu vielen Phasen der 1980 im englischen Basildon gegründeten Gruppe in einem äußerst fragilen Zustand, dennoch war wahrscheinlich kein dass die Werke seiner Band standhalten müssen. Wer 37 Jahre Album in der Karriere der Synth-Pop-Idole derart beeinflusst Musik macht und in dieser Zeit 14 Studioalben aufgenommen von den politischen Vorgängen dieser Welt. Gahan spricht in hat, kann da schon mal vor einem gewaltigen Berg stehen, den diesem Zusammenhang von einer großen „Frustration und es zu besteigen gilt. Depeche Mode haben das richtige Verunsicherung“, die weltweit grassiert und auch vor seiner Rüstzeug für den Gipfelsturm dabeigehabt und sind Band nicht Halt macht. Die beschert ihren ans gleich mit dem unbeschadet oben angekommen – als erneuerte, frisch Auftakt-Dreier aus „Going Backwards“, „Where's The klingende Band, die noch immer hungrig ist. „Es kann sehr Revolution“ und „The Worst Crime“ einen intensiven Hattrick, ungemütlich werden, wenn man nach über 35 Jahren seine der klarmacht, dass sich Depeche Mode nicht mit der Welt wie kreativen Grenzen noch mal verschiebt“, sagt Gahan dazu. Und sie jetzt ist zufriedengeben wollen. Bewusst nutzen sie ihre ist heute spürbar zufrieden mit diesem Kraftakt. Rolle als Megastars dazu, wachzurütteln, zeigen mit ihren Jetzt haben Depeche Mode wieder Zeit, um Atem zu holen. Fingern auf die Missstände unserer Zeit. Vier Jahre, so lange wird es nach aktueller Rechnung dauern, Natürlich wird es auch daran liegen, dass die Künstler hinter bis das Trio mit dem nächsten Album auf den Plan tritt. Seit

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dem achten Album, dem kantig-rockigen „Songs Of Faith And Devotion“ von 1993 behält die Band dieses Rhythmus bei, von Zufall will da selbst Martin Gore nicht mehr sprechen. „Es scheint die Zeitspanne zu sein, die wir brauchen, um nach der Tour auch genügend Zeit zu haben, wieder runterzukommen.“ Das machen die drei in verschiedenen Teilen der Welt. Dave Gahan ist seit vielen Jahren stolzer Wahl-New Yorker und wohnt in Manhattan, Martin Gore in Santa Barbara und Andrew Fletcher, ganz die treue Engländerseele, in London. Wenn sie kein Album machen oder nicht auf Tournee sind, hören sie selten bis nie voneinander, leben ihr Leben ganz losgelöst von den anderen. Es darf bezweifelt werden, dass es die Band noch geben würde, wenn das nicht so wäre. An

Wenn sie kein Album machen oder nicht auf Tournee sind, hören sie selten bis nie voneinander

Weißen Haus jagen. Depeche Mode schaffen aber zumindest ein Bewusstsein für das Schützenswerte auf dieser Welt, legen ein flammendes Plädoyer für Mitgefühl, Offenheit, Toleranz und Respekt vor. Dass das ausgerechnet von einer Band kommt, die eigentlich alles gesagt hat, ist in dieser Hinsicht besonders bemerkenswert. Es zeigt, dass Gahan, Gore und Fletcher auch mit Mitte 50 Unwillens sind, die Welt einfach so hinzunehmen und sich auf ihren vollen Bankkonten auszuruhen. Dazu hätten sie guten Grund. Mit über 100 Millionen verkauften Platten, unzähligen ausverkauften Tourneen durch die größten Arenen der Welt und der allgemeinen Einschätzung, Depeche Mode seien eine der Bands, die die Welt verändert haben, haben sie der Menschheit eigentlich genug hinterlassen. Doch es reicht ihnen eben nicht. Sie haben immer noch etwas zu sagen. Diese neu entdeckte Rastlosigkeit zeigt sich auch in ihren ambitionierten Tourplänen. Ab Sommer sind die ElektronikPioniere auf großer Fahrt, bespielen nahe und ferne Winkel der Erde mit ihren Klängen. „Global Spirit“, der Name der Tour, bringt die Kernaussage des neuen Albums ohne Umschweife auf dem Punkt: Uns fehlt es an spiritueller Nähe, an einem guten Geist, der uns endlich wieder zusammenrücken lässt. Wo wir den finden, ist letztlich egal. Hauptsache, wir finden ihn. Dann ist selbst in der Ära Trump nichts unmöglich.

LIVE Spannungen war die Karriere der Weltstars nicht gerade arm, um es mal so zu sagen. An unsterblichen Hits auch nicht. Zwar haben sich Depeche Mode in den letzten Jahren merklich vom Korsett der PopBand gelöst, die in ihren frühen Tagen eher Teenieschwarm als ernstzunehmende Gruppe war, sind merklich ernster, künstlerischer, bedeutsamer geworden. Das hat aber eben auch zur Folge, dass ihre Singles keinerlei Chart-Relevanz mehr besitzen. „Where's The Revolution“ schaffte es in ihrer Heimat Großbritannien nicht mal in die Charts und in Deutschland, einer ihrer größten Märkte, nicht in die Top 20. Das sah früher anders aus: „People Are People“, „Enjoy The Silence“ oder „Personal Jesus“ gehören fest zum Pop-Kanon, in den Achtzigern und Neunzigern gelang der Band mit so gut wie jeder Single ein Hit. Die fordern die Fans bis heute auf den Konzerten, so ganz verziehen haben die frühen Weggefährten der Band ihre stilistische Instabilität bis heute nicht. Das sollten sie aber. Wer den jungen Dave Gahan durch die Videos der Achtziger hüpfen sieht, freut sich fast, dass aus ihm ein zwar vom Leben und den ganzen Drogen gezeichneter, aber eben doch integrer, echter Künstler geworden ist, der eben nicht mit dem Nimbus des Teenie-Idols leben muss – ein Schicksal, das nicht wenigen Bands der Achtziger blühte und sie zu Fall brachte. Die Depeche Mode von heute sind eben nicht mehr die Depeche Mode von damals. Unterhaltung wurde durch Kunst abgelöst – Kunst, so muss man aber eben auch in Bezug auf „Spirit“ sagen, die bei allen profunden Aussagen und bei aller Tiefe immer noch prächtig unterhält. Dazu braucht es keine Single, dazu braucht es eine Band, die auch nach all den Jahren noch Lust an dem hat, was sie tut. Eine Band, das muss man aber auch sagen, die von den Spannungen zwischen den beiden Hähnen Gahan und Gore lebt. Gahan bezeichnete seinen Kollegen einst als „Diktator“, was aber weniger echte Überzeugung und eher Ausdruck der eigenen Frustration war, weil Gahan eben auch Songs beisteuern wollte. Von solchen narzisstischen Ausprägungen ist man heute weit entfernt. Man hat sich arrangiert und erkannt, dass es wichtigere Ding gibt als das eigene Ego. Die Politikverdrossenheit der Jugend etwa. Der Krieg in Syrien. Dinge eben, die unseren Alltag bestimmen und zu katastrophalen Zuständen geführt haben. Der Brexit, die Katastrophe im Weißen Haus, der Terror… all das sind Dinge, die sich während der Entstehungsphase von „Spirit“ zugetragen haben. In gewisser Weise mögen manche Songs deswegen prophetisch wirken, weil sie den heutigen Status quo vorwegzunehmen scheinen. Dann wiederum, so Gore, zeichneten sich viele dieser Entwicklungen leider schon vor Jahren ab. Und wurden eben doch nicht aufgehalten. Natürlich wird auch „Spirit“ die Welt nicht verändern. Natürlich werden auch die neuen Songs weder den Brexit rückgängig machen noch diesen Gelbhaarigen aus dem

18. Juni 2017 Zürich, Letzigrund

DEPECHE MODE Spirit Columbia/Sony bs. Depeche Mode haben ein Problem, das eigentlich gar keines ist. Was sie auch tun: Sie werden es nie allen recht machen können. Das wollen sie aber auch gar nicht, weswegen aus der potentiellen Problematik sehr schnell eine Tugend erwächst: Vollkommene künstlerische Freiheit. Die schmeckt man auch aus „Spirit“ heraus, dem vierzehnten Studioalbum der elektronischen Tonangeber. Zugleich trifft es den Nerv der Zeit so sehr, dass man versucht ist, Depeche Mode aus künstlerischer Sicht eine solch große Relevanz und Rolle zuzugestehen, die sie das letzte Mal in den frühen Neunzigern einnahmen. Damals wie heute klingen die drei Briten furchtbar düster, klaustrophobisch geradezu. Es sind die düsteren Zeiten, die diesen Paradigmenwechsel diesmal bedingen, das politische und soziale Klima der Angst hat auch am Depeche-Mode-Sound genagt. Und ihn so finster, industriell und mitreißend gestaltet wie schon lange nicht mehr. Kraftwerk tönt hier marschierend heraus, die brachiale Stringenz der Nine Inch Nails, auch das elektronische Frühwerk der Pioniere selbst. Freilich nicht, weil sie sich oder sonst irgendwem etwas zu beweisen hätten. Sondern weil sie befanden, dass es nötig war. „Spirit“ ist die Antithese zum Alterswerk dreier überreicher Musiker, ein Album, das sich aufrührerisch gibt und klarmacht, dass Depeche Mode immer noch eine Menge zu sagen haben. Soviel, um genau zu sein, wie seit „Songs Of Faith Of Devotion“ nicht mehr.

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Geschichten mit Bart

Die isländischen Rock-Könige Sólstafir sind so einzigartig wie ihre Heimat selbst. Schroff und bisweilen düster, geheimnisvoll und in stetem Wandel, aber immer auch von berauschender Schönheit und entrückter Poesie. Das sechste Album „Berdreyminn“ umarmt all diese Eigenschaften auf besonders magische Weise. bs. Es gibt wenige Flecken Erde, die eine derart magische Aura ausstrahlen wie Island. Die kleine Insel zwischen Europa und Amerika ist Sehnsuchtsort und epochales Naturwunder in einem, eine eigentlich feindliche Umgebung, die dennoch einige der spektakulärsten und außergewöhnlichsten Naturlandschaften des Planeten hervorgebracht hat. Islands Musiker scheinen diese Umgebung in sich zu tragen. Anders ist nicht zu erklären, wie Björk oder Sigur Rós ihre ätherische, andersweltliche, feenhafte Musik an unser Ohr tragen. Sólstafir kommen ebenfalls aus Island, schlagen aber in eine andere Kerbe. Ebenso geprägt von der Natur und dem herausfordernden Klima der Insel, begannen sie ihren Weg als schroffe Black-Metal-Combo, die alles in ihrem Weg mit klirrenden Riffs und spitzen Schreien zerlegte. Dann geschah noch so etwas, das isländischen Bands gerne mal geschieht: Wandel setzte ein. Kataklysmischer, alles beeinflussender Wandel. Binnen weniger Jahre wurde aus den ungestümen Jünglingen erst ein Post-Metal-Wunder. Dann, 2011 mit dem Doppelstreich „Svartir Sandar“, eine unmöglich kategorisierbare Wundertruppe zwischen Rock, Metal und heidnischer Naturvertonung. Diesen Weg ging die Band konsequent weiter, mauserte sich mehr

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und mehr vom Insidertipp zu einer der gefragtesten Größen im Post-Rock-Gewerbe. Heute sind sie eine etablierte Größe, sind verehrte Wanderer zwischen den Welten, die in ihrer berauschenden Musik die Türen öffnen und uns hinter die Dinge blicken zu lassen. Sólstafir können das. Sie sind schließlich Isländer, und die ändern schon mal den geraden Verlauf einer Straße, wenn sie an einer bestimmten Stelle eine Elfenkolonie vermuten. Googelt das ruhig, das ist kein Scherz! Verwunderlich ist es somit nicht, dass auch ihr jüngster Streich „Berdreyminn“ anders klingt als herkömmliche Rockmusik. Zwar geben sie sich etwas geradliniger, kompakter und songorientierter als noch auf „Ótta“, dennoch bleibt genügend Platz für isländische Magie und ihr Fabile für Cowboy-Romantik – und im Falle des Songs „Isafold“ auch mal atmosphärische Keyboards zu einem klassischen Thin-Lizzy-Beat. Der geht eh immer, oder? „Es fühlte sich wirklich so an, als hätte uns der Geist Thin Lizzys an diesem Tag einen Besuch im Studio abgestattet“, nickt Bandleader und Sänger Aðalbjörn Tryggvason. „Was sollten wir also tun, außer dem Ganzen einen klassischen Phil-Rudd-Beat unterzujubeln?“ Er blitzt in Gesprächen mit dem Sänger immer wieder auf, dieser lakonische


isländische Humor. Eine Nummer wie diese, mit fünf Minuten durchaus einer der kürzeren Sólstafir-Streiche, schickt locker durch vier verschiedene Stimmungen. Es zeigt die Reife und die kompositorische Tiefe, die diese Band mittlerweile hat. Sie waren immer schon Meister der Stimmungen. Auf „Berdreyminn“ präsentieren sich die Isländer erstmals auch als meisterhafte Songwriter. Da machen auch der Americana-Auftakt „Silfur-Refur“ oder das emotionale Epos „Bláfjall“, in dem Tryggvason seine persönlichen Dämonen an den Tisch bittet. „Diese Nummer handelt vom Kampf eines Mannes gegen seinen eigenen Geist und gegen diese Dämonen, die zu Selbstzerstörung und der Zerstörung seiner Geliebten führen.“ Er weiß, wovon er spricht, kämpfte lange mit seiner Alkoholabhängigkeit. Lange wussten es nur einige wenige Eingeweihte, mittlerweile spricht er es öffentlich an. „Dieser Kampf wird nie enden“, fährt er fort. „Es fühlt sich so an, als müsste ich auf ewig im Nebel diesen Berg erklimmen.“ Dennoch gibt es auch Hoffnung. Man muss den Notausgang nur als solchen erkennen. „Ansonsten geht man auf diesem Berg verloren und kehrt nie zurück.“ So persönlich und ernst waren Sólstafir nie. Sie sind eine gewandelte Band, die nach dem nicht ganz friedlich vollzogenen Ausstieg des Drummers und Mitgründers Guðmundur Óli Pálmason gravitätischer, nachdenklicher, erwachsener klingt. Hat man sich daran gewöhnt, erhält man auch mit „Berdreyminn“ den Schlüssle zu Portalen in die Hand, die in eine Welt jenseits der Realität führen. Sólstafir sind und bleiben die Könige des Entrückten.

SÓLSTAFIR Berdreyminn Season Of Mist bs. Ich habe mitgezählt. Fünf Sekunden. Gerade mal fünf Sekunden brauchen Sólstafir, um ihre Hörer mit ihrem sechsten Album in den Bann zu schlagen. Die isländischen Meister des atmosphärischen Rocks haben sich auch auf „Berdreyminn“ hörbar weiterentwickelt. Und sie sind sich in noch etwas treu geblieben: Sie haben sich wieder einmal selbst übertroffen. Waren „Svartir Sandar“ und vor allem „Ótta“ noch ausschweifende Monumente isländischer Lavakunst, steht diesmal der Song im Mittelpunkt. Kompakter, griffiger und rockiger geht es zu. Die Magie, und das ist das Herausragende, kommt dennoch nicht zu kurz. Schon der Opener „SilfurRefur“ hypnotisiert mit

dezenter WesternStimmung, massiven RiffWällen und Ruhepausen, „Isafold“ marschiert zu flottem Beat und sphärischen Keyboards, „Hula“ packt die großen Chöre und Streicher aus. Viel verlorene Melodik, viel erhabene Weite, viel nordische Zwielichtstimmung, ergänzt um den Mut, ein gutes Riff auch mal um eine komplett andere Stimmung zu ersetzen – das sind Sólstafir im Jahre 2017. Sie waren nie besser. Mal wieder...


Bescheidene Thronfolger Inglorious machen mit ihrem zweiten Album wahr, was im Grunde eh schon alle gewusst haben: Die englischen Vollblut-Rocker sind alles andere als eine Eintagsfliege. Auch „Inglorious II“ strotzt vor großem Riffs, größerem Gesang und noch größerer Spielfreude, lässt die Legendenwerdung der Briten immer wahrscheinlicher werden. bs. Es ist noch gar nicht lange her, da kannte diese Band niemand. Dann zog der Frühling 2016 übers Land. Und bescherte der Rock'n'Roll-Geschichte eine Bande junger Helden, auf die die Welt gewartet hatte. Ein gutes Jahr nach Gene Simmons' übertrieben provokanten Aussage, Rock sei ermordet worden, zeigte eine ambitionierte, hungrige und unerschrockene Bande um einen Sänger namens Nathan James, wie unrecht der KISSOpa doch hat. Ihr Debüt „Inglorious“ überrannte die Rock-Welt über Nacht, erntete Stürme der Begeisterung, bewies, dass man auch in digitalen Zeiten wie diesen noch dem überlebensgroßen Rock der Siebziger und Achtziger frönen kann ohne wie ein Relikt zu wirken. Das blieb nicht ohne Folgen. Noch vor Ablauf des Jahres hatten die Engländer 80 Shows in 20 Ländern gespielt und standen vor der nicht gerade leichten Aufgabe, diesem für viele besten Debüt des Jahres einen ebenbürtigen Nachfolger zu bescheren. Nathan James, schon ganz der alte Hase, zuckt lässig die Schultern. „Viel Druck habe ich nicht verspürt, um ehrlich zu sein, aber das lag auch daran, dass ich alles genau so machen wollte wie beim ersten Mal.“ Never change a winning team also? Für ihn, der zuvor als Sänger beim Pathoszug Trans-Siberian Orchestra als Stimme in Erscheinung getreten war, durchaus eine legitime Losung. „Das Songwriting, die Aufnahmen, das Studio, ich wollte alles wiederholen. Was ich ganz bewusst verändern wollte, war lediglich die Qualität der Aufnahme. Und dabei half uns Kevin Shirley, der das Album mixte.“ Mitten in Liverpool nahm ein Album unter gestrengen Bedingungen Gestalt an, die man in der Form nicht unbedingt von einer Rock-Band erwarten würde. „Wir standen um zehn Uhr auf, nahmen dann bis zehn Uhr abends auf“, berichtet der Mann mit der großen Stimme. „Alles ging diesmal viel lockerer, viel schneller als beim ersten Mal. Wir wissen, wie wir zu klingen haben, wir wissen, was funktioniert und wir wissen vor allem, was wir spielen wollen. Ein gutes Album zu schreiben, ist ja schön und gut. Es muss aber eben vor allem live funktionieren. Darauf haben wir diesmal besonders geachtet.“ Und nicht nur das: Wie schon den Vorgänger, nahmen Inglorious auch ihr zweites Kapitel komplett live auf. Für James ist das nur konsequent: „Uns bringt es nichts, wenn wir einen Song auf dem Album total gut hinbekommen und danach live nie wieder so gut reproduzieren können. Wir möchten live mindestens so gut sein wie auf unseren Alben. Mindestens.“

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Nach getaner Arbeit gingen die Jungs raus, tauchten ein in Liverpools berüchtigtes Nachtleben. „Weil das Studio mitten in Liverpool war, hatten die Pubs dann noch offen, also schlenderten wir danach für ein paar Bier von Pub zu Pub, entspannten uns, lernten ein paar klasse Typen kennen und bekamen Ärger“, lässt der Frontmann mal so nebenbei fallen. Ärger? „Ach“, winkt er ab und muss ein bisschen lachen. „Ein Drogendealer stahl den Geldbeutel unseres Drummers. Aber daraus machen wir einfach einen Song auf dem dritten Album.“ Ein weiteres prägendes Erlebnis schaffte es sogar schon auf „Inglorious II“ – und zwar in Form des Songs „High Class Woman“. „Dieser Song handelt von einer, sagen wir, exotischen Tänzerin, die wir während der Aufnahmen in Liverpool, sagen wir, kennengelernt haben.“ Er grinst bei der Erinnerung daran. „Das war schon was.“ Und ganz nebenbei perfekt geeignet für ein Album, das sich diesmal mit all den Menschen auseinandersetzt, die Nathan James auf seiner bisherigen Reise mit Inglorious kennengelernt hat. „Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, Musiker, Kollegen, aber auch Menschen aus meinem direkten Umfeld, Menschen, die ich liebe und hasse“, so der Sänger. Ehrlich fügt er an: „Ich halte mich eben selbst für zu uninteressant, um über mich selbst zu singen, also singe ich lieber über andere.“ Auch mal eine Aussage von einem Rockstar in spe. Auch wenn er die großen Showmänner wie Axl Rose oder Freddie Mercury bewundert, auch wenn er ihnen in Sachen Posing, Ausdruck und Charisma auf der Bühne nacheifert: insgeheim ist er immer noch einfach Nathan James, ein bodenständiger Kerl mit einem unbändigen Hinger für Whitesnake, Deep Purple, Led Zeppelin und Bad Company. „Für mich gibt es keine besseren Bands!“, stellt er strahlend fest. Und wird von nicht wenigen Kritikern bereits in ebenjene Rangfolge eingereiht. Gewiss, vielleicht ist das noch etwas verfrüht. Unübersehbar ist jedoch das Potential, das in dieser Band schlummert. Die Leidenschaft. „Ich bin immer noch Fan, wegen der Knete macht das hier ja eh niemand von uns“, begründet James diese züngelnde Passion für große Riffs und bombastische Nummern. „Es geht nur um die Musik. Es geht nur um die Liebe. Dass ich seit einiger Zeit auch jemand sein darf, der für sein Abendessen in einer RockBand seine eigenen Songs singt, ist etwas, das ich erst noch begreifen muss.“ Es ist zu hoffen, dass das noch ein Weilchen dauert...


Am 21. April 2017 ist Iggy Pop 70 Jahre alt geworden. Er ist der Godfather of Punk, Pionier, Wegbereiter, Enfant Terrible und bis heute ein Künstler, der ebenso etwas zu erzählen hat wie die tiefen Furchen, die landkartengleich seine Haut durchziehen.

bs. Wie wird man eigentlich eine Legende? Diese Frage haben sich schon unzählige Musiker verschiedener Genrationen gestellt ohne eine vernünftige Antwort zu erhalten. Kein Wunder. Sie ist schlicht unmöglich zu beantworten. Entweder man wird es. Oder eben nicht. Iggy Pop ist es geworden. Und ganz bestimmt nicht, weil er es darauf anlegte. Der, den sie heute „Godfather of Punk“ nennen, der aussieht wie Dörrfleisch, das zu lange in der Sonne hing, der unlängst seinen 70. Geburtstag feiern konnte und damit das schafft, was vielen seiner Weggefährten nicht vergönnt war, hat sich eh nie besonders viele Gedanken gemacht. Weder um sein Auftreten noch um seine Gesundheit. Dass er immer noch steht, drahtig, muskulös, der nackte Oberkörper faltig, aber nicht schlaff, sondern eher wie bei einem wieselflinken Iguana: eines der großen Wunder des Rock'n'Roll-Zirkus. Aber natürlich lebt diese Musik von wundersamen Geschichten wie diesen. Und die von Iggy Pop ist eine ganz besonders wundersame. Geboren 1947 als James Newell „Jim“ Osterberg in einer White-Trash-Wohnwagensiedlung in Michigan, hielt es ihn nicht lange an der Peripherie des amerikanischen Traums. Schon als Teenager spielte er Schlagzeug bei den Iguanas, wenig später ging er nach Chicago, um den Blues zu ergründen. Und sich von ihm verschlingen zu lassen. Wie daraus der exaltierte, exzentrisch über die Bühne gockelnde Iggy Pop werden konnte, dessen Bühnenpräsenz bis heute seinesgleichen sucht, darf gern debattiert werden, immerhin ist der Blues nicht gerade für Showman-Qualitäten und eher für das versunkene, hingebungsvolle Spiel mit dem Teufel bekannt.

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Iggy, wie er damals schon genannt werde, war das natürlich egal. Er versuchte, seine Liebe zum indischen Priester und Beatles-Mentor Ravi Shankar auf der einen und dem verdrehten Weltbild Frank Zappas auf der anderen Seite in einem Sound zu vereinigen: Die Psychedelic Stooges waren geboren, der Vorläufer seiner legendären Punk-Truppe. Ab 1968 nur noch als The Stooges unterwegs und 1969 unter Produzentenaufsicht von John Cale (The Velvet Underground) erstmals im Studio, begann eine kurze, aber auf hoher Flamme lodernde Herrschaft dieser Band. Drei Alben erschienen, das letzte unter Mithilfe von David Bowie, einem erklärten Fan der Band. Das Problem der Stooges: Sie waren etwa zehn Jahre zu früh dran mit ihrem Sound, nahmen Punk und die Radikalität der Rockmusik vorweg. Das machte sie früh zu Ikonen, aber tragischerweise nie zu einer erfolgreichen Band. Von Aussehen über Produktion, Songwriting und vor allem die infamen LiveShows, bei denen öfter etwas schief ging als nicht, hatten die Stooges alles, was zu dieser Zeit neu, besorgniserregend und für viele auch abstoßend war. „Ich habe mitgeholfen, die Sechziger auszulöschen“, würde Pop in den Achtzigern dazu sagen. Anfang der Siebziger war Iggy Pop das alles noch herzlich egal. Er schlitterte in New York von einem Drogentaumel in den nächsten, ließ nichts aus und sah berauscht zu, wie seine Band auseinanderbrach. Wie ein Schutzengel muss ihm in dieser Zeit David Bowie erschienen sein. Der sah sich das nicht länger an, litt offensichtlich unter körperlichen Schmerzen, weil er sah, wie Iggy Pop sein Talent vergeudete und unter Drogen und


Schnaps vergrub. 1976 schnappte er ihn und zog mit ihm in eine gemeinsame Wohnung in West-Berlin – nicht ganz uneigennützig, wie er später gestehen sollte: Bowie wollte von seiner Kokain-Sucht loskommen, er dachte, der Tapetenwechsel würde beiden gut tun. Anfangs tat er es auch tatsächlich. Iggy Pop veröffentlichte in Berlin unter anderem seinen bis heute größten Hit „Passenger“, Bowie kam von den Drogen los. In den Achtzigern jedoch erlitt Iggy Pop einen Rückfall. „Urplötzlich war die ganze Stadt von Drogen überschwemmt“, erinnert er sich. Die beiden zofften sich oft, weil Bowie stets einkaufte und Iggy einfach den Kühlschrank leerfutterte, bis heute sieht Iggy Pop seine Zeit in Berlin mit gemischten Gefühlen. Immerhin hat sie ihn aber von seinen Drogenproblemen geheilt. Seit der Jahrtausendwende rührt er Drogen nicht mehr an, selbst Zigaretten kommen für ihn nicht mehr in Frage. Das war in Jim Jarmuschs wunderbar lakonischem Schwarzweißmeisterwerk „Coffee and Cigarettes“ natürlich noch anders: Unvergessen die Szene, in der er in einem Diner auf Tom Waits trifft und die beiden sich mit mühsam verborgener Missgunst umtänzeln. So etwas muss man eben erst mal bringen, darf sich nicht zu schade oder zu stolz sein. Iggy Pop ist nichts von alledem. Ein wahrer Künstler mit einem ganz besonderen Sinn für Humor, der seiner Zeit voraus war und selbst 2016 mit Josh Homme und dem Album „Post Pop Depression“ bewiesen hat, dass er immer noch mehr zu sagen hat als viele andere Künstler unserer Zeit. Jetzt hat sein Regiekumpel Jim Jarmusch einen Film über die Stooges abgedreht und ihn in die Kinos gebracht. Die Doku „Gimme Danger – The Story Of The Stooges“ zeichnet den Weg einer der wichtigsten amerikanischen Rockbands in eindrucksvollen Bildern nach, unterlegt von Iggy Pops neu aufgenommenen Versionen alter StoogesKlassiker. Wie man nun also zur Legende wird? Vielleicht wird es dieser Film zumindest im Fall Iggy Pop beantworten.


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Der schwedische Metal-Zirkel Avatarium hat sich ganz der Balance zwischen Schönheit und Dunkelheit verschrieben. Aus Doom, staubigem Blues Rock und verhexter Folk-Atmosphäre erschaffen sie auch auf „Hurricanes And Halos“ ein ganz und gar einzigartiges Soundbild.

bs. Wenn man in vielen, vielen Jahren auf die zahlreichen Auswüchse des klassischen Doom Metal zurückschauen wird, wird man einhellig bekunden, dass ein Song auf ewig einen Platz in der Ruhmeshalle dieses Genres verdient hat: „Pearls And Coffins“, erschienen 2015 auf „The Girl With The Raven Mask“ ist eine wirkmächtige Doom-Ballade, die die verhexte Folk-Aura der Sechziger mit Schwedens Metal-Tradition verbrüderte. Jetzt sind Avatarium mit ihrem zweiten Album „Hurricanes And Halos“ zurück. Und zeigen der Welt ein weiteres Mal, wie viel man ausrichten kann, wenn man ein wenig über den Tellerrand hinausblickt. Schleppender, wuchtiger Doom wird hier vom jenseitigen SixtiesFlair eines Songs wie „Nights In White Satin“ umschmiegt, BluesEinflüsse gesellen sich zu melancholischen Folk-Balladen. Eine durch und durch originäre Mischung, erdacht und erschaffen von gleich einer ganzen Bande Ausnahmekünstler. Da wäre zum einen Leif Edling, der mit Candlemass Doom-Geschichte geschrieben hat und sich derzeit auch bei The Doomsday Kingdom austobt: Ein kapitaler Kerl mit einem Händchen für fesselnde Songs und, bei Bedarf, vernichtende Härte. Neben ihm postiert sich Gitarrist Marcus Jidell, der beim Prog-Rock-Verbund Soen mitmischt und Avatarium um eine merkwürdig finstere Melodik bereichert. Alles wird jedoch überstrahlt von Jennie-Ann Smith, eine Todesfee im positivsten Sinne, deren durchdringendes Organ bluesig-kratzend, klagend oder umwerfend sinnlich klingt und dem ganzen Unterfangen Avatarium einen Stempel verpasst, nach dem sich viele andere Bands die Finger lecken würden. Soweit also die Personalien. Nun zur Musik. „Hurricanes And Halos“ zeigt die Schweden von ihrer denkbar geisterhaften Seite. In Klischees oder Märchenwelten verlieren sie sich dennoch nicht. Das zeige schon der Albumtitel, so Marcus Jidell. „In Zeiten wie diesen werden wir allzu oft daran erinnert, wie sehr Macht die Menschen dazu verleitet, Böses unter dem Deckmantel des Guten zu tun.“ Die Hörner unter dem Heiligenschein also – „Horns And Halos“. Der Gitarrist nickt. „Ganz gleich, ob Religionen oder Politiker: Sie wollen uns doch alle nur manipulieren und Angst in unseren Herzen säen.“ Mit Erfolg, wie man ja leider sagen muss. Bei Avatarium verkommt diese Situation aber angenehmerweise nicht zur drögen Politologie, sondern zur surrealen, mystischen und bisweilen irrlichternden Fahrt durch die Weiten ihrer Klangwelt, textlich eher poetisch verpackt als plump herausgebrüllt. Poesie ist überhaupt ein gutes Stichwort für die Kust von Avatarium. Alles hat eine sehr kunstfertige Aura, alles wirkt erhaben, elegant und hat eine dezidiert persönliche Note. Besonders offenbar wird das in der Ballade „When Breath Turns Into Air“, die Leif Edling seinem verstorbenen Vater gewidmet hat. „Er war derjenige, der nie den Glauben an mich aufgegeben hat“, sagt Edling über ihn. „Ich wuchs in einer bisweilen sehr turbulenten Familie auf, doch er schuf mir stets einen sicheren Hafen. Er war ein zuvorkommender, warmherziger Mann, der für immer eine Lücke hinterlassen wird.“ Ihm war wichtig, daraus zwar durchaus einen Song über Verlust zu schreiben, aber gleichzeitig zu betonen, dass die, derer wir gedenken, immer bei uns bleiben werden. Edling genießt sichtlich, dass er sich künstlerisch derart freigeschwommen hat. 1984 gründete er Candlemass, lieferte gleich mit dem Debüt „Epicus Doomicus Metallicus“ eines der Referenzwerke des Genres, das eins en passant von Black Sabbatsh unheilvollem ersten Album erfunden wurde. Nach über 30 Jahren fühlt er immer noch den Musenkuss, gibt sich aber eben schon lange nicht mehr mit simplen Zeitlupenriffs und pathetischem Gesang zufrieden. Avatarium ist seine Spielwiese für

abseitige Musik auf höchstem Niveau – und „Horns And Halos“ eine zweite Kostprobe des Könnens seiner in bester Laune agierenden Band. Die schäumende Kreativiät, die Lust am Erschaffen von etwas Außergewöhnlichen ist den verhexten und auf nostalgische Weise nachdenklich stimmenden Songs durchweg anzuhören. Die Balance zwischen Schönheit und Dunkelheit, sie stimmt. „Wo Black Sabbath auf Soul trifft“, sagt die Plattenfirma Nuclear Blast dazu. Und liegt gar nicht mal so falsch damit. Produziert von Marcus Jidell, gemixt von Dacid Castillo (Opeth, Katatonia) und gemastert von Jens Bogren (Paradise Lost), hat das ganze Ding zusätzlich einen warmen Sound, der Analogität versprüht und die ganze Breite des Raumes einnimmt. „Solch ein Sound liegt uns allen am Herzen“, berichtet ein stolzer Jidell. „Avatarium dreht sich in jeder Hinicht darum, unsere Grenzen auszuloten und neue Territorien zu erschnüffeln.“ Weniger Technik, mehr Farben auf einem Gemälde, meint er. „Wir suchen nach dem Menschlichen in unserer Musik, lassen bewusst Fehler zu. Nur so“, ist er sich sicher, „kann man ein glorreiches, strahlendes Opus erschaffen, das uns selbst übertrifft.“ Klar klingt das jetzt nach großen Tönen. Jeder, der „Horns And Halos“ einmal gehört hat, wird jedoch wissen, was er damit meint.


REVIEWS Hard/Heavy/Metal AVATARIUM Hurricanes And Halos Nuclear Blast/Warner bs. Da, wo die Sonne hinterm Horizont versinkt, ist die Musik Avatariums zuhause. Ein geheimnisvoll schimmerndes Objekt, ein verheißungsvolles Portal in eine andere Welt. Auch mit ihrem zweiten Album „Hurricanes And Halos“ legen die Schweden um Candlemass-Boss Leif Edling wert darauf, die dunkle

Musikwelt wahrhaft zu bereichern anstelle nur lieblos einen lauwarmen Aufguss nach dem anderen zu sevieren. Vielleicht fehlt dem Album ein Jahrhundertsong wie „Pearls And Coffins“, der den Vorgänger „The Girl With The Raven Mask“ frühzeitig unsterblich machte; dafür sitzt die Balance zwischen dröhnendem Doom, staubigem Vintage Blues, entrückter Melodik, und gespenstischer Gothic-Stimmung auch diesmal wie angegossen. Aus vielen verschiedenen

THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA Amber Galactic Nuclear Blast/Warner bs. Das nennt man dann wohl eine faustdicke Überraschung. Björn Strid, jahrelang als Stimme des schwedischen Metals schlechthin verehrt und als Sänger der legendären Soilwork weltweit geliebt, entdeckt den Classic Rock für sich! Aber nicht, wie man jetzt denken könnte. Wo die meisten Youngster dieser Tage eher auf die Länge des Bartes, die Anzahl der Tentakel auf dem Cover und einen satanischen Namen achten, meint Strid es ernst. Und mit ernst meinen wir: Verdammt ernst! The Night Flight Orchestra ist seine ganz eigene Form der Therapie, um mit seiner Besessenheit vom melodischen Rock der Achtziger fertigzuwerden. Die hat offensichtlich ungesunde Züge angenommen. Anders ist nicht zu erklären, wie man als gestandener Metal-Sänger so mir nichts, dir nichts irgendwo zwischen Whitesnake, Kansas, Queen, Marillion und Foreigner auf den Zug aufspringt und sich die Seele aus dem Leib singt. Der Heavy Metal, so scheint es, war schön und gut für ihn. Dieser Mucke zwischen Classic Rock, AOR und Hard Rock ist es, die ihm wirklich etwas bedeutet. Mit Gusto und Gefühl wird hier aber nicht nur der Gesang ausgeführt. Die Gitarren jaulen verzückt und steigern sich von Solo-Crescendo zu Solo-Crescendo, das Keyboard jubiliert, der Bass summt, das Schlagzeug setzt herrlich dynamische und verspielte Akzente – ganz klar: Ein Sound wie dieser konnte nur in den Vereinigten Staaten entstehen. In der Tat bekam Strid hier erste Ideen für das, was letztlich „Amber Galactic“ werden sollte: Ein saftiges, ein unverhohlen pathetisches, ein ausladendes Rock-Album, das die Faust in die Luft wirft und zugleich die ein wenig in Vergessenheit geratene Tradition der Power-Ballade zu neuem Glanz verhilft. The Night Flight Orchestra sind nicht hier, um irgendwelche Erwartungen zu füllen. Sie sind hier, um uns zu zeigen, wie gut die Rockmusik der Achtziger war. Verdammt gut nämlich!

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Einflüssen köcheln sich Avatarium etwas Ureigenes zusammen, das klingt wie nichts anderes und von der besessenen Sängerin Jennie-Ann Smith den finalen Schliff Einzigartigkeit verliehen bekommt. „Horns And Halos“ ist ein Füllhorn musikalischer Emotion, eine Odyssee hinein in eine andere Welt voller Nostalgie, Melancholie und verlockenden Abgründen. Wer jetzt noch mal sagt, Doom sei immer dasselbe, muss nachsitzen!

INGLORIOUS Inglorious II Frontiers Records bs. Wie man einem Megadebüt einen ebenbürtigen Nachfolger beschert? Ganz einfach. Man verlässt sich auf sein Team, schaltet den Kopf aus, den Bauch ein. Und lässt den Rock'n'Roll sprechen. Nathan James hat das getan – und seiner ganz eigenen Sage mit „Inglorious II“ ein gelungenes zweites Kapitel beschert. Die Riffs sitzen, der Gesang schwebt in anderen Sphären, die Rhythmussektion schwitzt Spielfreude aus, die Produktion atmet den Geist von Whitesnake, von Deep Purple. Das ist sie, die Essenz des britischen Hard Rock, gefiltert von der unbändigen Begeisterung eines ihrer größten Fans. James verehrt diese Musik und ihre Künstler zu sehr, um sie einfach zu kopieren. Er will im Geiste der Vorbilder seinen eigenen Weg gehen, seine eigenen Berge erklimmen. Und ist auf einem guten Weg: Die Songs sind groß, bombastisch, gehören tatsächlich zum Besten, was die englische Rockmusik in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Ob Inglorious jetzt die legitimen Nachfolger von Led Zeppelin sind, ob sie der beste englische Hard-Rock-Zirkus seit The Darkness sind, ist eigentlich komplett egal. Sie sind eine hungrige und wahnsinnig talentierte Band, die gerade erst loslegt. Und nur darauf kommt es an.

STEEL PANTHER Lower The Bar Open E Music mv. Die Hair Metal-Parody namens Steel Panther geht in die nächste Runde. Es stellt sich die Frage, wie lange der immer wieder gleiche Witz lustig sein kann. Denn die

textlichen Ausschweifungen, welche am Anfang der Steel Panther-Karriere die Hair MetalBands der 80er gekonnt völlig überspitzt auf die Schippe nahmen, sind so langsam aber sicher ausgelutscht (im wahrsten Sinne des Wortes). Auf „Lower The Bar“ findet sich immer noch eine Obszönität nach der anderen, alles schön übertrieben und auf witzig getrimmt, doch es wirkt leider auch oft gesucht und für den Hörer mittlerweilen weder wirklich lustig noch provozierend. Mehr als ein Schmunzeln wird sowas heute kaum noch hervorrufen. Bleibt der Band nur noch, wenigstens musikalisch zu überzeugen. Doch nach einigen Durchgängen muss leider auch hier festgestellt werden, dass „Lower The Bar“ nicht annähernd an die ersten beiden wirklich starken Alben der Band rankommt. Das liegt weder am immer noch sehr guten Gesang von Michael Starr noch an den Gitarrenkünsten von Satchel, welcher auch auf diesem Album mal wieder beweist, dass er ein begnadeter Gitarrist ist. Egal ob hart rockend, bluesig oder balladesk, was das Handwerk anbelangt sind die vier Steel Panther-Recken over the top. Was „Lower The Bar“ aber wahrhaftig fehlt sind mitreissende Momente, grosse Hooks oder richtige Hits der Sorte "Eyes Of A Panther", „Death To All But Metal“, „Fat Girl“, "Community Property" und „Just Like Tiger Woods“. Denn davon lebt eigentlich eine Band wie Steel Panther, nachdem der Comedy-Teil so langsam abgenutzt wurde. Das letzte Album hatte es bereits angedeutet, mit „Lower The Bar“ sind die Jungs nun am Tiefpunkt ihrer Songwriting-Qualitäten angelangt, was Totalausfälle wie „Poontang Boomerang“ oder „Now The Fun Starts“ belegen. Oder anders gesagt, wenn der beste Track einer CD eine Coverversion ist (in diesem Falle „She’s Tight“ von Cheap Trick), dann sollte das zu denken geben. Bleibt zu hoffen, dass die Panthers beim nächsten Album endlich wieder zu ihren alten Stärken zurückfinden.

TEQUILA MOCKINGBYRD Fight and Flight ip. Die drei Mädels aus Melbourne hauen ganz ordentlich rein und liefern mit ihrem Debut eine amtliche Portion Rock'n'Roll ab. Dafür braucht man normalerweise auch nicht mehr als ein Powertrio und einen, der bis vier zählen kann und obendrauf noch ein paar schmissige Ideen für gute Riffs.


Die holen sich Tequila Mockingbyrd von beispielsweise den Ramones oder AC/DC, fügen dem aber noch ein ganz bisschen Pop und Alternative hinzu. Wo L7 beispielsweise zu kaputt klingen, Crucified Barbara ihren Rock'n'Roll mit Metal anreichern oder Thundermother noch einen Tick rotziger sind, grätschen Tequila Mockingbyrd leicht in Richtung Mainstream und sind eingängiger und vielleicht sogar hie und da etwas zu brav. Allerdings sind die drei Mädels aber mit einer dicken Portion Humor gesegnet und können mit Videos wie zum Beispiel „Never Go Home“ ihren Spassfaktor zur Schau stellen. „Fight And Flight“ ist ein äusserst unterhaltsames und freches Debut von einem Trio, das sein Handwerk versteht und garantiert einigen Staub aufwirbeln wird. Der Umzug von Australien nach England Ende letzten Jahres lässt darauf hoffen, dass die drei Mädels vermehrt durch Europa touren werden und dabei beweisen, dass sie live vermutlich noch eine Ecke rauer als auf Platte rüberkommen. Auf Youtube gibt es Videos zu den ersten drei Songs „I Smell Rock'n' Roll“, „Money Tree“ und dem bereits erwähnten „Never Go Home“, die es sich anzuschauen lohnt. Thematisch geht es grösstenteils um Klischeebedienung, was aber vollkommen in Ordnung geht, weil da ja der Spass in den Backen steckt. Wer Bock hat auf gut gemachten Strassenkötersound mit hoher Eingängigkeit und der Hammerstimme von Estelle Artois, der kann hier bedenkenlos zugreifen.

SINNER Tequila Suicide AFM Records mv. Sinner waren wegen der vielen Aktivitäten von Bandchef Mat Sinner (Primal Fear, Voodoo Circle, das Rock Meets Classic-Projekt etc.) schon viel zu lange auf Eis gelegen (das letzte echte Album „One Bullet Left“ ist von 2011). Umso erfreulicher, dass nun etwas überraschend ein neues Album am Start ist, und dieses erst noch so richtig stark geworden ist. „Tequila Suicide“ überzeugt von Anfang an mit wahnsinnig viel Spielfreude, Frische und natürlich hervorragendem Songmaterial. Egal ob der erdige Opener „Go Down Fighting“, das an Gary Moore erinnernde „Battle Hill“, die Ohrwürmer “Tequila Suicide“ und „Gypsy

Rebels“, das gekonnt arrangierte Epos „Dying On A Broken Heart“ oder die handfeste Überraschung namens „Sinner Blues“ (geniale Blues-Ballade), hier wurde alles richtig gemacht und der Spirit von Thin Lizzy ist allgegenwärtig. Die hochkarätigen Gastmusiker (u.a. Gus G, Ricky Warwick und Pete Lincoln) hätten Sinner gar nicht nötig, schaden aber natürlich auch nicht. Artwork und Produktion (Matt Sinner und Dennis Ward) lassen ebenfalls keine Wünsche offen, so dass man bei „Tequila Suicide“ getrost von einem ganz grossen Hardrock-Highlight des noch jungen Jahres sprechen darf. In der Sinner-Diskografie steht das Album auf jeden Fall ganz weit oben und kann locker mit den besten Scheiben der Band mithalten. Jetzt fehlt für Thin Lizzy-Anhänger eigentlich nur noch eine gemeinsame Tour zusammen mit den Black Star Riders für die Vollbedienung.

TRANCE The Loser Strikes Back Rockport Records mv. Die Rückkehr der deutschen Rock-Urgesteine Trance ist schon eine kleine Überraschung. Und nach dem Hören von „The Loser Strikes Back“ eine sehr positive dazu. Aber der Reihe nach. Trance haben im Jahr 2017, also rund 35 Jahre nach dem Release des Debut-Klassikers „Break Out“, nur noch zwei Gründungsmitglieder (Markus Berger und Thomas Klein) an Bord. Es fehlt also vor allem das extrem wichtige Trademark der Band, nämlich Sänger Lothar Antoni. Aber zum guten Glück konnte als Ersatz am Mikro mit dem völlig unbekannten Joe Strubel ein Glückstreffer gelandet werden. Denn der gute Mann hat es geschafft, recht nahe an den Originalsound von Trance zu kommen und liefert einen Klassejob ab als Sänger. Am Schlagzeug nahm der in Deutschland recht bekannte Andreas „Neudi“ Neuderth Platz (u.a. Manilla Road) und als zweiten Gitarristen konnte man den Amerikaner Eddie St. James verpflichten. „The Loser Strikes Back“ (cooler Albumtitel!) startet dann auch richtig furios mit "Thunderbird Rising", einer total klassischen Trance-Nummer. Wer alte Accept, Scorpions und eben Trance mag, wird bereits nach

diesem Song freudig grinsen. Die folgenden „I Want To Live“ und „Star Invaders“ sind ebenfalls gut nach vorne gespielt, allerdings nicht ganz so zwingend wie der Opener. Danach folgt der Track „Loser“ von der ersten Scheibe „Breat Out“, für welchen man eine neue 2017-Version aufgenommen hat. Der Song bleibt natürlich auch nach 35 Jahren absolut genial. „Live And Heavy“ sowie der Titelsong haben dann wuchtige Härte und erinnern gar etwas an Saxon. Die besten Stücke der Scheibe kommen aber neben dem Opener ganz am Schluss. „Open Skies“ beginnt sphärisch und steigert sich danach in eine Klasse Metalnummer, "Trust And Glory" hat ein kongeniales Gitarrenintro und die Abschlussnummer und klares Albumhighlight „Finding You“ ist eine Hymne sondergleichen mit absolut fantastischen und gefühlvollen Gitarrensoli. Alles in allem ein echt starkes Comeback, dem hoffentlich bald eine grosse Europatournee folgen wird.

OBITUARY Obituary Relapse / Non Stop Music lg. Das zehnte Album der mit dem letzten Album "Inked In Blood" wiederstarkten Florida Death-Metal Legende Obituary ist ein echter Knaller geworden und das stärkste Album seit der 94er-Scheibe "World Demise" geworden. Der Fünfer um die drei Gründungsmitglieder John Tardy (Gesang), dessen Bruder Donald Tardy (Schlagzeug) und Trevor Perez (Gitarre) knüppelt mal munter drauf los, versucht es auch mit dem Doom-Hammer und reichert alles mit fiesen und Celtic Frost-artigen Riffs und brillanten Soli von Kenny Andrews an. Songs wie der schnelle Opener "Brave", das nicht minder rasende "Sentence Day" oder die Celtic Frostmässige Hymne "Lesson In Vengeance" sind allesamt Kracher geworden. Die hohe Qualität zieht sich durch das ganze Album bis zum bereits bekannten "Ten Thousands Ways To Die" (zu dem ein grossartiges Zombie-ComicVideo existiert) durch. So und nicht anders muss Death Metal tönen. Neben dem MemoriamDebüt ist "Obituary" das Death Metal-Highlight des noch jungen Jahres geworden.


Rückkehr in die Dunkelheit

Vor genau 20 Jahren krempelten Dimmu Borgir mit „Enthrone Darkness Triumphant“ die BlackMetal-Szene auf links. Nach langen Jahren der Stille rührt sich die norwegische Macht wieder – und bereitet ihre Rückkehr mit der fulminanten Live-DVD „Forces Of The Northern Night“ vor.

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bs. Es ist Frühjahr 1997. Die norwegische Black-MetalKapelle Dimmu Borgir, zu diesem Zeitpunkt allerhöchstens Kennern der Materie ein Begriff, veröffentlicht ihr drittes Album „Enthrone Darkness Triumphant“. Und ändert damit alles. Die unheilige Allianz aus klirrend-nordischem Black Metal, lupenreinem Heavy Metal und opulent-finsteren Keyboards war ungehört, begeisterte die einen und verschreckte die anderen. Man liebte oder man hasste sie. Dazwischen gab es nichts. „Dieses Album hatte die Wirkung eines Schneepflugs“, blickt ein sichtlich zufriedener Silenoz in die Vergangenheit. „Es teilte die Menschen in zwei Lager, Gleichgültigkeit gab es einfach nicht. Aus heutiger Sicht“, grinst er, „hätte das natürlich nicht besser laufen können.“ Dimmu Borgir wurden über Nacht von Underdogs zu Stars, der Black Metal vom subversiven Nischenphänomen zum Sound der Stunde. Seither ist viel passiert. Dimmu Borgir veröffentlichten eine


Handvoll weitere Alben, tourten weltweit, zierten unzählige Magazincover. 2010 erschien mit dem Hexensabbat „Abrahadabra“ ihr vorerst letztes Album. Danach kehrte Stille ein. Zum Teil war das auf die neue Bandsituation zu schieben, nicht lange vor diesem Album entledigte sich die Band gefühlt der Hälfte ihrer Mitglieder. Die übrig gebliebene Dreierbesetzung aus Shagrath, Silenoz und Galder wollte sich aber vor allem Zeit für die nächsten Schritte nehmen. Viel, viel Zeit. „Wir wollten wieder das Gefühl haben, etwas wirklich zu wollen“, betont Gitarrist Silenoz. „Das bedeutet: 120 Prozent Überzeugung und keine Macht dem Zufall.“ Deswegen ließ auch die bereits vor einigen Jahren bei Shows in Oslo und auf dem Wacken Open Air aufgezeichnete Live-DVD so lange auf sich warten. Jetzt ist „Forces Of The Northern Night“ da – und wird dem Ruf der Band als opulente Schwarzmagier und Bühnenzauberer zu jeder Zeit gerecht. „Die Oslo-Show war minutiös geplant, wir hatten sogar eine Generalprobe und waren besser vorbereitet denn je. Und Wacken… Wacken ist nun mal ein Festival, da muss alles immer sehr schnell gehen und auf Anhieb klappen. Wacken war „plug and play“, eine regelrechte Punk-Show für unsere Verhältnisse. Dass es bei all dem, was mit einem solch großen Orchester unter freiem Himmel hätte schiefgehen können, so gut klappte, ist natürlich eine riesige Erleichterung gewesen.“ Was klar sein muss: Wenn einer wie er von einer „PunkShow“ spricht, haben wir es immer noch mit einem ausgewachsenen, bewundernswert tight entfesselten Sturm zu tun, der vor er beeindruckenden Kulisse des größten Metal-Festivals der Welt tobt. Beide Shows hat der Gitarrist als unvergesslich in Erinnerung, doch natürlich ist ein Heimspiel im Osloer Veranstaltungstempel Spektrum ein besonderes Highlight. „Diese Show war der uneingeschränkte Höhepunkt unserer Karriere. So haben wir uns eine Dimmu-Borgir-Bühnenshow immer schon vorgestellt, und es war wirklich bewegend, sie zum Leben erwachen zu sehen.“ Ob es die quälend lange Wartezeit rechtfertigt, muss jeder für sich entscheiden. Jetzt aber ist das Monstrum wieder erwacht. Und schickt die Live-DVD als ersten Heißmacher voraus, was uns in Bälde aus Norwegen erwartet. „Wir haben uns immer gern viel Zeit für kommende Taten genommen, diesmal eben ein wenig mehr als sonst“, so Silenoz zu den Arbeiten am kommenden Album. „Kunst kann nicht erzwungen werden, und wenn man es doch tut, kommt ein suboptimales Ergebnis dabei heraus. Wir sind die Schöpfer dieses Biests und selbst wir können es nicht zähmen. In der Vergangenheit haben wir oft versucht, es zu kontrollieren, aber das ging immer schief.“ Angst, dass ihre Band über die Jahre ein wenig in Vergessenheit geraten ist, hat das Trio dennoch nicht. Dafür erfreut man sich offensichtlich eines recht gesunden Selbstbewusstseins. „Wir wissen, welch großartiges Material wir zusammengetragen haben, dass wir kaum entscheiden konnten, welche Songs wir für das Album nehmen wollen. Wir wollen uns immer selbst übertreffen und glücklich machen. Hätten wir diese Eigenschaft nicht“, ist er sich sicher, „würde es diese Band nicht mehr geben.“ Ihm ist anzumerken, dass er wieder Bock hat. Dass er bereit ist für das nächste Kapitel. „Geplant ist ein Release im August, mittlerweile ist es auch fertig geschrieben“, lässt sich Silenoz in die Karten blicken. „Dieses Album wird, da bin ich mir sicher, alle Zweifler verstummen lassen. Aber abgesehen davon möchte ich ungern mehr sagen.“ Sieben Jahre vergehen nicht spurlos an einer Band vorüber – sowohl inhaltlich als auch menschlich wird uns eine gewandelte Band begegnen. Eine Band jedoch, die immer noch das Potential hat, den nächsten Genre-Meilenstein von den Ketten zu lassen. Das war 1997 ganz ähnlich. Auch damals kam die Band vollkommen überraschend um die Ecke und schrieb die Black-Metal-Geschichte neu. Gut möglich, dass sie das wieder tut.

DIMMU BORGIR Forces Of The Northern Night Nuclear Blast/Warner bs. Wenn Dimmu Borgir etwas machen, dann machen sie es richtig. Das gilt für ihre Platten ebenso wie für ihre LiveShows. Beides war in letzter Zeit Mangelware, weshalb die DVD „Forces Of The Northern Night“ auch der erhoffte Befreiungsschlag nach der langen Pause ist. Von nicht wenigen bereits abgeschrieben, zeigen die Black Metaller aus Oslo, dass manchmal eben doch gut wird, was lange währt. Aufgenommen 2011 und 2012 im Osloer Spektrum und vor der beeindruckenden Kulisse des Wacken Open Airs in der Dämmerung, zeigen Dimmu Borgir mit den beiden Orchester verstärkten Konzerten, warum sie die Könige des sinfonischen Black Metals waren, sind und bleiben: Bombastisch, grimmig, festlich und druckvoll ballern sich die drei Kernmitglieder mit ihrer Live-Verstärkung durch neueres Material („Gateways“) und die Klassiker („Mourning Palace“). Was jetzt noch fehlt? Ganz klar, das neue Album natürlich. Aber das scheint ja tatsächlich bald zu erscheinen. Machen wir uns bereit, diese Band hat wieder Hunger!


REVIEWS Hard/Heavy/Metal NITROGODS LIVE 16.6. Pratteln, Z7

AXEL RUDI PELL The Ballads V SPV / Steamhammer mv. Epische wie auch klassische Metal-Balladen sind schon immer ein fester Bestandteil der Axel Rudi Pell-Werke gewesen. Dass der blonde Wundergitarrist aus Bochum nicht nur hart rocken kann, sondern auch regelmässig seine gefühlvolle Seite vertont, hat er auch immer wieder mutig klargestellt und so bereits 1993 seine erste „The Ballads“ CD veröffentlicht. Obwohl anfangs in Metallerkreisen noch zwiespältig betrachtet, wurde das Album aus kommerzieller Sicht ein riesen Erfolg. Logischerweise folgten dann nach und nach alle paar Jahre wieder neue Balladen-Compilations. Das Konzept hat sich bewährt, allerdings vor allem auch dank der jeweils sehr hohen Qualität der Kompositionen und Umsetzungen. Mit „The Ballads V“ steht nun bereits der fünfte Teil an, welcher einen Rückblick gewährt auf die balladesken Highlights der ARP-Veröffentlichungen der letzten 6 Jahre. Wie bei den Vorgängern aus diesem Konzept gibt es auch bei „The Ballads V“ wieder einige neue und/oder unveröffentlichte Stücke. Der Opener „Love’s Holding On“ ist so ein Stück und beinhaltet auch gleich eine faustdicke Überraschung, denn mit Bonnie Tyler konnte Pell eine echte Rocklegende für ein Duett mit seinem Sänger Johnny Gioeli gewinnen. Und die Zusammenarbeit funktionierte hervorragend, die herrlich gefühlvolle Eigenkomposition dürfte Axel Rudi Pell nicht nur viel Airplay sondern auch haufenweise neue Fans bescheren. Auch der zweite Titel des Albums ist unveröffentlicht, allerdings handelt es sich bei „I See Fire“ um eine spezielle Coverversion. Das Original stammt von Ed Sheeran und ist bekannt aus dem Kinofilm „Der Hobbit“. Eine originelle Idee und kongenial umgesetzt. Der dritte neue Song im Bunde ist eine Eigenkomposition von Pell namens „On The Edige Of Our Time“. Eine epischemotionale Ballade im klassischen ARP-Stil mit ausdrucksstarkem Gesang von Johnny Gioeli. Unter den sieben restlichen Stücken von „The Ballads V“ stehen neben traumhaften schönen Pell-Werken wie „Forever Free“ oder „Lost In Love“ noch eine Neufassung von Neil Youngs „Hey Hey My My“ (wurde durch die Sons Of Anarchy-Serie kürzlich neu belebt), eine Live-Version des Deep Purple-Klassikers „Mistreated“ sowie eine bisher unveröffentlichte Live-Aufnahme von „The Line“. Noch zu erwähnen wäre das Coverartwork, welches wirklich fantastisch umgesetzt wurde und nicht nur die Herzen der Pell- und Fantasy-Fans höher schlagen lässt. Schon nur aus diesem Grund ist hier eigentlich die Vinylversion Pflichtprogramm. Fazit: ARP-Fans werden eh blind und mit grosser Freude zuschlagen, „The Ballads V“ ist aber auch der perfekte Soundtrack für ruhige oder romantische Sommerabende.

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Roadkill BBQ Steamhammer/SPV mh. Oimel. Oimel Larcher. Wer so einen Namen spazieren trägt, der hat bei mir per se schon mal gute Karten. Mit zottligem, grauem Bart und eine ordentlichen Bierplauze sieht der Sänger und Bassist von Nitrogods zwar nicht wie ein Gott aus… doch, eigentlich schon, einen Wikinger-Gott könnte ich mir gut so vorstellen. Seit 2011 besteht die Hamburger Truppe, hat bereits zwei Scheiben rausgehauen und steht jetzt mit „RoadKill BBQ“, dem dritten Silberling, in den Startlöchern. Komplettiert wird das Trio von Drummer Klaus Sperling (Freedom Call, Primal Fear) und dem Gitarristen/Sänger Henny Wolter (Thunderhead, Primal Fear, Sinner). Die neue Scheibe sei im Grunde genommen eine Hommage an ihre Helden, sagt Wolter, und nennt als ungefähre Orientierungspunkte Lemmy von Motörhead, Rick Parfitt von Status Quo und auch Bands wie The Who oder ZZ Top. Und das trifft den Nagel eindeutig auf den Kopf, kann so unterschrieben werden. Ach, und mit dem Tourbus wurde unglücklicherweise ein kleines Eichhörnchen überfahren und in die ewigen Jagdgründe geschickt. Mit schlechtem Gewissen wurde daraufhin zum Gedenken an das Eichhörnchen ein Grillfest veranstaltet, ein Roadkill BBQ. Et voilà, so schnell hat man einen Albumtitel. Fazit: alte Schule trifft Spielfreude und Bier. Reinhören!

DISBELIEF The Symbol Of Death Listenable Records/Edel ip. Der Vergleich mit der wilden Horde Elefanten, der „The Symbol Of Death“ im Promosheet anpreist, bedarf einer Korrektur. Auf Disbeliefs zehntem Studioalbum geht es nämlich nicht minder her wie in der Schlacht um Mordor auf den Pelennor-Feldern, die von den elefantenähnlichen Mûmakil niedergewalzt werden. Die 64 Minuten Spielzeit sind ausnahmslos mit unglaublichen Death Metal-Granaten vollgepackt und Lückenfüller sucht man hier umsonst. Disbelief hatten und haben ein Händchen dafür, das Genre mit Neurosis-

ähnlicher Gitarrenarbeit aufzulockern und spannend zu machen. Vor allem fügen sie dem BrachialMetal so ein offensichtliches, aber nie überladendes Gefühlsmoment hinzu, was Emotionen auslöst und damit die Distanz zum Hörer minimiert, die gerne bei zu brutalem Gebolze entsteht. Das liegt zum einen an der variablen, unaufdringlich melodiösen und offenen Gitarrenarbeit, die über dem fetten Rhythmusteppich liegt, zum anderen an Karsten „Jagger“ Jägers ebenso variablen Vocals, die einem mehr als einen Schauer über den Rücken jagen. Disbelief haben mit „The Symbol Of Death“ ihren Stil noch mal perfektioniert und man möchte einen Besen fressen, wenn dieses Album nicht als bestes ihrer Karriere gefeiert werden kann. Denn nicht nur das Songwriting und die Arrangements sind hier auf den Punkt gebracht, sondern auch die mächtige, fehlerfreie Produktion sorgt für ein monströses Hörerlebnis. Anspieltips kann man sich eigentlich schenken, denn dazu taugt jeder Track. Durch besondere Atmosphäre zeichnen sich „The Unsuspecting One“, „Embrace The Blaze“ oder „Rest In Peace“, das Jagger für seinen Vater geschrieben hat, aus. Man darf gespannt sein, welche Band den Kampf um „Death Metal-Platte des Jahres“ aufnehmen will.

DUST IN MIND Oblivion darkTunes Music Group ip. Dust In Mind kommen aus Strasbourg und konnten bereits vor zwei Jahren mit ihrem Debut ein Ausrufezeichen in der Industrial Metal-Szene setzen. Ihr neues Album „Oblivion“ wird in diversen Szenemagazinen mit einer Menge Vorschusslorbeeren gefeiert und der erste Höreindruck bestätigt diese Euphorie. Dust In Mind schreiben gute Songs und interpretieren diese handwerklich einwandfrei und mit teilweise ausgeklügelten Arrangements. Jennifer Gervais' Stimme ist ein wohltuender Kontrast zu der genretypischen Kälte der Musik. Auch wenn Vergleiche mit Katatonia oder Pain absolut gerechtfertigt sind, haben Dust In Mind eine eigene, unverkennbare Handschrift. Das dürfte ihnen mit „Oblivion“ weitere Respektspunkte bereiten und wer sich selbst davon überzeugen möchte, kann sich die Videos zu den Songs „Spreading Disease“ und „Get Out“, sowie das Lyrics-Video zu „Born To Fight“ auf Youtube anschauen. Diese drei Tracks sind auf jeden Fall Anspiel-


tipps und für alle, die es vielleicht auch etwas ruhiger mögen, dürfte die leise Nummer „Mrs. Epilepsy“ ebenfalls ein Liebling werden. Dust In Mind haben mit „Oblivion“ ein solides Album mit Überraschungseffekten und guten Songs im Ärmel, das für Liebhaber des Industrial Metal sicher ein Highlight darstellen wird.

PALLBEARER Heartless Nuclear Blast/Warner lg. Zunächst kam der ArkansasVierer unter Verdacht, "HipsterDoom" zu spielen, was natürlich völliger Schwachsinn ist. Auf ihrem dritten Album "Heartless", dem ersten beim Branchengiganten Nuclear Blast, gehen Pallbearer konsequent den mit den beiden Vorgänger ("Sorrow and Extinction" sowie "Foundations Of Burden") eingeschlagenen Weg weiter. Sie schaffen es, auf ihre einzigartige Weise tieftraurige Stimmungen mit grossartigen Melodien zu kombinieren, wie es sonst nur die Meister des Doom-Genres wie Candlemass oder Black Sabbath beherrschen. Es macht keinen Sinn, eines der sieben auf dem gut eine Stunde dauernden Album hervorzuheben, denn "Heartless" funktioniert in seiner Gesamtheit und wirkt sehr kompakt. Pallbearer haben das Potential, nicht nur in der Doom-Szene Anklang zu finden, sondern könnten durchaus auch weitere Kreise ziehen. Für Liebhaber melancholischer Klänge mit einer Rock/MetalAttitüde sind Pallbearer genau das Richtige. Am ehesten lassen sich Pallbearer mit den nicht mehr existierenden Warning aus England vergleichen, sind aber eine Prise eingängiger.

ECLIPSE Monumentum Frontiers Records mv. Wer nach den letzten beiden Killerscheiben von Eclipse dachte, die Schweden hätten nun ihr Pulver verschossen, der irrt gewaltig. Es ist kaum zu glauben, aber die Jungs um Sänger Erik Mårtensson (W.E.T.) und Gitarrist Magnus Henriksson haben es schon wieder getan und mit dem fünften Album namens „Monumentum“ tatsächlich einen weiteren

Oberhammer in Sachen Melodic Metal am Start. Wie schon bei den Vorgängerscheiben stimmt hier von vorne bis hinten einfach alles. Alle Songs haben genau das richtige Gespür für fantastische Melodien, tonnenweise OhrwurmRefrains und hart rockender Riffs. Eclipse sind klar die wahren Erben von 80er Jahre Helden wie Pretty Maids, Treat oder Dokken. Anspieltipps sind eigentlich hinfällig, da absolut jeder Track überdurchschnittlich geworden ist, aber der knackige Opener "Vertigo", das bestechende "Born To Lead", die Powerballade „Hurt“, das epische „The Downfall Of Eden" und das Hookwunder "Night Comes Crawling" müssen dennoch einfach hier erwähnt werden. Mit ihrem dritten Volltreffer hintereinander haben sich Eclipse nun an die Spitze der Melodic Metal-Szene vorgearbeitet. Hoffen wir, dass sich dies nun mit einer würdigen Tournee und guten Verkäufen auszahlen wird, damit wir auch in Zukunft weiterhin in den Genuss solcher Hammerscheiben kommen dürfen. Lasst euch dieses Juwel nicht entgehen.

MAJESTY Rebels NoiseArt mv. Zu Anfang ihrer Karriere standen Majesty mal für echten Heavy Metal, besser gesagt, sie waren dabei beim Aufbau des sogenannten True Metal und Bandchef Tarek ist sogar Mitgründer des Keep It TrueFestivals, benannt nach dem ersten Majesty-Album. Es folgten einige sehr starke True Metal-Alben, bevor man sich plötzlich in Metalforce umbenannte, was in einem Desaster endete, so dass die Rückkehr zum Namen Majesty nicht lange auf sich warten liess. Seither hat sich nicht nur das Line-Up unzählige Male stark verändert, auch der Sound wurde immer polierter, fröhlicher und total auf Kommerz getrimmt. Bands wie Sabaton haben vorgemacht, dass damit viel Erfolg und Geld zu machen ist. Somit kommt es bei „Rebels“ ganz auf die Erwartungen des Hörers an. Wer die alten Alben von Majesty mochte und auf Heavy Metal mit Kanten und einer gewissen Härte steht, der wird auch mit „Rebels“ nicht mehr warm werden. Wer auf die letzten Alben der Band stand, dem dürfte dieser True Metal-Pop bestens reinlaufen. So gibt es mit „Heroes In The Night”, „Die Like Kings“, „Rebels Of Our Time” (benannt nach dem Debutalbum der Schweizer Emerald ?), „Fire-

heart“ oder „The Final War“ gleich unzählige Songs, welche man schon während dem ersten Anhören fröhlich mitsingen kann. Das Ganze ist dazu hervorragend produziert und wird die Freedom Call-, Hammerfall- oder eben Sabaton-Klientel garantiert begeistern. Mit „Yolo HM“ oder der Ballade „Across The Lightning” werden dann aber die Grenzen zur Erträglichkeit in Sachen Kitsch wirklich ausgelotet. Und es bleibt einfach ein fader Nachgeschmack, wenn eine Band, die sich einst mal „Keep It True“ auf die Fahnen schrieb und bei jedem Konzert gross proklamierte, mit solchen Fremdschäm-Sachen wie „Yolo Heavy Metal“ daher kommt. Eine klare „Love it or hate it“-Angelegenheit.

PLACE VENDOME Close To The Sun Frontiers Records mv. Dass das Place VendomeProjekt überhaupt noch aktiv ist, ist definitiv eine Überraschung des noch jungen Jahres. Denn die ersten beiden Place Vendome-Scheiben waren damals deshalb so wertvoll und toll, weil man endlich nach ewiger Pause Ex-HelloweenSänger Michael Kiske mal wieder gute Rocksongs singen hören durfte. Einige Jahre sind

vergangen, Kiske hat seine krasse Ablehnung gegen den Rock und Metal wieder abgelegt und singt mittlerweile bei Unisonic, Avantasia, Kiske/Somerville und diesen Herbst sogar wieder live bei Helloween. Deshalb wird das Projekt Place Vendome nun zum Nebenschauplatz verdonnert und wohl nur noch die absoluten Kiske-Fans begeistern. Denn obwohl für dieses vierte Place Vendome-Album eine ganz Schar an namenhaften Gast-Gitarristen verpflichtet werden konnte, so bleibt die Platte leider trotzdem ziemlich blass und blutleer. Da können auch die coolen Soli von Gus G, Magnus Karlsson, Mandy Meyer, Kai Hansen oder Alfred Koffler nichts gross ändern, die Songs an sich sind einfach viel zu wenig variabel und spannend gestaltet. Nur dank der wie immer göttlichen Stimme von Meister Kiske gibt es trotzdem noch einige wenige Highlights auf der von Dennis Ward gekonnt produzierten Scheibe zu verzeichnen, allen voran das mit einem tollen Hook im Refrain ausgestattete „Falling Star“. Das fast schon Unisonic-mässige „Riding The Ghost“ sowie „Light Before The Dark“ sind ebenfalls erwähnenswert. Trotzdem, ohne Michael Kiske würde sich kaum jemand für dieses Album interessieren.


POSH Was lange währt wird endlich gut mh. Samstagnachmittag im März, es giesst aus Kübeln, es ist arschkalt. Das Einzige was irgendwie nach Frühling aussieht, sind die Kicker die via Liveschaltung im Bildschirm der Bar um das Leder kämpfen. Fussball interessiert uns aber heute nicht. Das kühle Blonde ist unterwegs und gegenüber sitzt Martina Dieziger, ihrerseits Frontröhre von der St. Galler/Winterthurer Formation Posh, die soeben mit dem dritten Album „Born Out Of Silence“ wieder auf der Bildfläche erschienen sind. Durch den Fussball-Lärm und die Fan-Stimmen versuchen wir uns auf die Musik zu konzentrieren. Was uns erstaunlich gut gelingt,… Tschuldigung, liebe Fussballfans, falls wir euch mit unserem Geplapper gestört haben. Fotos: Tabea Vogel

TRACKS: Die wichtigste Frage gleich zum Start: Hast du schon mal ein betrunkenes Stinktier gesehen? Martina: Ein betrunkenes Stinktier? Ah, „Drunk As A Skunk“… (beginnt schallend zu lachen), nur am „Summer Night Morning“ (Im Song „What Brings The Day“ besingt sie das betrunkene Stinktier, beziehungsweise das Gefühl wenn man nach einer durchzechten Sommernacht am Morgen in den Tag startet, Anm. d. Red.). Man erwacht an einem solchen Morgen und beginnt über das Leben nachzudenken und was der Tag wohl noch bringen mag. Und vielleicht riecht man dann ja auch so in etwa wie ein Stinktier… (Gelächter). Mit eurem neuen Album „Born Out Of Silence“ habt ihr jetzt bereits wieder einige Auftritte hinter euch, wie ist der neue Sound angekommen? Die Rückmeldungen waren grossartig und wir haben super Reviews erhalten. Wir freuen uns extrem darüber. Wir haben auch viel Zeit in das neue Album investiert. Die ersten Aufnahmen haben wir bereits 2006 gemacht und wollten eigentlich die Platte bereits früher veröffentlichen. Waren auch schon im Gespräch mit einigen Plattenfirmen bei denen wir fast unterschrieben hätten, konnten dann aber jeweils vertraglich schlussendlich nicht dahinter stehen. Andere Male kam uns einfach das Leben dazwischen und wir mussten den Release wieder verschieben. Umso mehr Freude haben wir natürlich, dass die Platte jetzt endlich veröffentlicht ist. 14 Jahre liegen zwischen eurem letzten und dem jetzigen Album, das sind fast Guns n'Roses-mässige Zustände… (lacht) Ja genau, wir hoffen jetzt natürlich nicht, dass es bis zur nächsten Platte wieder so lange dauert. Gibt es einen Song auf „Born Out Of Silence“, der dir speziell am Herzen liegt? Ja, “With You Again”. Das ist diese Ballade, die vom männlichen und vom weiblichen Symbol handelt. Du warst die Sonne und ich der Mond, es ergänzt sich jeweils, ist aber eigentlich traurig, da sich die beiden Symbole nicht treffen dürfen. Es geht um eine Beziehung in der man sich wahnsinnig liebt, aber trotzdem nicht zusammen sein darf. Wir haben diesen Song zu verschiedenen Anlässen immer wieder angehört und darum liegt mir dieser Song auch am nächsten, obwohl es „eine kitschige Ballade“ ist. Deine Texte sind oft sehr persönlich, fällt es dir leicht deine Gedanken und Gefühle vor der Welt auszubreiten? Wenn ich schreibe, dann ist es so oder so persönlich, irgendwie. Aber es ist nicht alles autobiographisch, man kann

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nicht alles 1:1 auf mich übertragen. Wenn ich einen Song in einer bestimmten Stimmung am schreiben bin, kann es sein, dass sich die Richtung, in die ich den Song schreiben wollte, während dem Prozess völlig ändert. Du findest ein Wort cool und schon bist du in eine andere Richtung unterwegs. Ich muss dazu sagen, wir schreiben grundsätzlich immer zuerst die Musik und dann die Texte. Wenn wir die Musik haben, dann singe ich etwas darüber, das Englisch tönt aber nichts heisst, einen Kauderwelsch-Text eigentlich. Aus diesem Kauderwelsch-Text formen sich dann manchmal bereits Worte die man toll findet und unbedingt in den Text einbauen will. Dies sind dann quasi unsere Eckpfeiler, daheim beginne ich dann aus diesen Bausteinen den Text zu entwickeln. In eurem Booklet und auch auf eurer Website sieht man immer wieder die Berge. Sind die Berge für euch eine Quelle der Inspiration? Ja, doch. Allgemein die Natur, das Erdige. Wir brauchen die Natur um unsere Köpfe zu lüften. Die Berge sind daher schon eine Kraftquelle für uns. Sport allgemein, man sagt ja oft Musiker wären keine sportlichen Leute, aber wir brauchen den Sport im Freien um uns richtig auszupowern, man kommt wieder auf andere Gedanken. Wie empfindest du das, wenn der Sound von Posh mit anderen Bands verglichen wird? Ich glaube man tendiert einfach dazu zu sagen „Ah, die tönen wie…“. Es ist witzig, früher sagte man ständig ich töne wie Alanis Morissette. Ich hatte damals noch lange Haare und habe im ähnlichen Stil wie Alanis gesungen. Und heute höre ich als Vergleiche immer wieder Bands, die ich selber auch nicht kannte. Das ist sehr spannend, den wir hatten sehr lange Mühe damit zu sagen, was wir selber eigentlich für Musik machen. Eure Biographie erzählt von nächtlichen, magischen Momenten bei der Aufnahme von „Born Out Of Silence“. Wie hat sich euch diese Magie gezeigt? Wir haben hauptsächlich in der Nacht daran gearbeitet, da wir in den Kellerräumen einer Schule aufgenommen haben und auch weil wir tagsüber arbeiten. Wenn du so etwas machst dann kommst du in einen Flow, du hast dann richtig Freude daran, weil das genau dein Ding ist und du spürst die Leidenschaft. Und wenn dir dann etwas gelungen ist, dann hast du diesen magischen Moment und du merkst: genau das war es jetzt. Wenn du genau diese eine Melodie spielst oder singst und einfach alles passt. Das sind dann geile Momente, das ist dann Magie und darauf bist du angewiesen. Aber das


passiert nicht allzu oft. Dann gab es diese magischen Momente bei jedem Song? Ja natürlich, immer (lacht Lauthals). Nein natürlich nicht immer, aber manchmal passiert das wirklich, man weiss, jetzt ist alles genau richtig. Gab es während dem Aufnahmeprozess auch Momente in denen ihr am liebsten alles hingeschmissen hättet? Ganz schwierig war es als wir nach dem 2003er Album „What's Wrong With Being…?“, das via Universal Music veröffentlich wurde, das nächste Ding hätten nachschieben sollen. Das war genau die Zeit als die ganze Download-Geschichte begann und die Plattenfirmen allmählich kein Geld mehr ausgaben um Newcomer-Band wie uns zu unterstützen. Sie wollten zwar unser nächstes Album veröffentlichen, nicht aber in uns investieren. Wir wussten damals nicht ob wir wirklich weitermachen können. Denn wir hatten schlicht kein Geld um die Aufnahmen für ein neues Album selber zu berappen. Wir wussten einfach, dass wir weiter Musik machen wollen, sahen aber noch keinen Weg. Wir haben uns dann entschlossen ein eigenes Studio aufzubauen. Das kostet ja auch gar nicht so viel… Ja, das geht ganz gut und günstig (lacht lauthals). Nein, das braucht natürlich alles immer viel Geld. Musik ist ein bodenloses Hobby was das Geld angeht. Wir hätten auch ein oder zwei Jahre mit Vollgas arbeiten können um uns die Aufnahmekosten anzusparen, oder wir hätten einen AufnahmeSponsor suchen können. Wir haben uns das alles überlegt und hätten sogar einen Sponsor gehabt. Aber wir hätten dann nicht mehr kreativ arbeiten können, wir hätten uns dann irgendwie unter Druck gefühlt und konnten und wollten so nicht arbeiten. Dann haben wir Stück für Stück dieses Studio aufgebaut und wussten, dass das Album nicht gleich heute oder morgen fertiggestellt wird. Mittlerweile produzierte Andi Schneider nebst unserem Album auch diverse andere Bands und das lohnt sich dann natürlich auch wieder für uns. Trotz des eigenen Studios hatten wir auch immer Kontakt mit Tommy Vetterli (Inhaber des New Sound Studios in Pfäffikon und Gitarrist von Coroner, Anm. d. Red.). Bei ihm haben wir Drums, Bass und akustische Gitarren aufgenommen und hatten so einen super Mentor, der dazu einen sensationellen Mix gemacht hat.

Geht man heute grundsätzlich anders an ein neues Album heran als vor 14 Jahren? Ja, ganz anders. Früher musste man das im Studio machen und heute kann man das fast alles autonom machen. Man hatte früher schlicht nicht die Möglichkeit, alle Studio-Tools waren unsagbar teuer. Früher gingen wir noch mit den DemoKassetten ins Studio und begannen dann dort den Song fertigzustellen. Heute geht das alles viel einfacher und ungezwungener. Gab es auch Sachen, die damals besser waren als heute? Früher war immer alles besser… (lacht). Es ist schwierig zu sagen, es war eine andere Zeit. Vielleicht wurde man damals noch besser gefördert und hatte dann mehr Chancen. Heute gibt es ja Unmengen an Musik… jeder Musiker kann selber etwas aufnehmen und hochladen. Aber gefunden werden muss man ja dann trotzdem und genau dafür muss du dann wieder was investieren. Ich denke das ist heute nicht besser, sondern noch genau gleich wie damals. Früher gab es weniger Möglichkeiten, aber ob das jetzt schlussendlich besser war oder heute besser ist, ist schwierig zu beantworten. Verkauft ihr heute mehr CDs über die eigene Website oder mehr über die traditionellen Verkaufskanäle? Am meisten CDs verkaufen wir an den Konzerten. Ansonsten sind es schon viel mehr Leute, die unsere Musik als Downloads kaufen. Was sagst du als Künstlerin dazu? Ich bin da noch völlig old school und kaufe immer noch CDs. Ich halte einfach gerne die CD in der Hand und lese im Booklet. Eure Release-Party fand im kleinen, akustischen Rahmen in der Rockstory Bar in St. Gallen statt, mit dem Love Ride 25 (Dübendorf ZH) und dem Open Air Bischofszell (TG) warten dann wieder grössere Bühnen auf euch. Was gefällt dir besser? Grundsätzlich freuen wir uns einfach darauf live zu spielen. Wir sind eine totale Live-Band und lieben es auf der Bühne zu stehen, abzurocken und das Publikum zu spüren. Ich freue mich mega, auch auf kleine, friedliche, akustische Konzerte. Ich freue mich über jedes einzelne Konzert.

POSH LIVE 07. Mai 2017 Dübendorf ZH, Love Ride 25 27. Mai 2017 Bischofszell TG, Open Air Bischofszell 16. Juni 2017 D – München, Tunix 2017 Open Air am Königsplatz 24. Juni 2017 Monthey VS, Fête de la Musique 08. Juli 2017 D – Grenzach-Wyhlen, Markhof Rockt 29. Juli 2017 St. Gallen, MC Falcons Switzerland, Sommerparty 31. Juli 2017 Herisau AR, Sommernachtsfest

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BALZERS (FL) am 26./27. Mai 2017 Letztes Jahr fand das Open Hair Metal Festival im liechtensteinischen Balzers zum ersten Mal statt. Das Line-Up war von mehrheitlich weniger bekannten schweizerischen, österreichischen und liechtensteinischen Bands geprägt. Angeführt wurde das Line-Up von Silent Circus. Für die Ausgabe 2017 haben sich die Macher gewagt, auch international bekanntere Acts wie Crowbar aus den USA oder Born From Pain (NL) zu verpflichten, und hoffen, sich auf der Open-Air Landkarte festzusetzen. Pain in den letzten Jahren etwas abgeflacht ist, gilt der Fünfer nach wie vor als führende europäische Kraft im modernen Hardcore-Bereich.

lg. Nachdem die erste Ausgabe bereits 500 Zuschauer anziehen konnte, erhoffen sich die Macher des Open Hair Festivals mit dem hochkarätigen Line-Up mehr Zuschauer. Für zwei Tage wird am 26. und 27. Mai (am Auffahrtswochenende) im Ländle ordentlich gerockt. Das wunderbar inmitten spektakulärer Berglandschaft gelegene Festivalgelände schafft beste Voraussetzungen für einen gelungenen metallischen zweitägigen Campingausflug. Alle weiteren Informationen (Anfahrt, Camping, Verpflegung) wie auch Tickets (der Zweitagespass kostet sehr faire CHF 45) finden sich auf der Website: www.ohm-festival.com.

Eine weitere bereits bestätigte Band sind die recht bekannten deutschen Grinder, die sicher auf der Bühne keine Gefangen machen sondern vielmehr alles in Grund und Boden walzen werden. Zu erwähnen sind auch Comaniac aus der Schweiz, welche sehr tollen Thrash-Metal im Stile der Endachtziger/90er Jahre zocken und mit einem neuen und sehr guten Album namens "Instruction For Destruction" aufwarten können. Komplettiert wird das Billing von folgenden interessanten Acts: Nachtschatten (Deutschland/ Melodic Death Metal), Machine Gun Horror (Österreich/ Thrash Metal), Volter (Deutschland/Hard Rock), Our Hollow, Our Home (UK, Melodic Metalcore), The Royal (NL, Melodic Metalcore), Life's December (Schweiz/Progressive Metal), Improvement (Schweiz/Metalcore), Voice Of Ruin (Schweiz/melodischer Death Metal). Somit dürfte klar sein, dass sich ein Besuch dieses liebevoll organisierten Festivals lohnt.

www.ohm-festival.com.

Das Line-Up für das Jahr 2017 wird von den kongenialen SludgeDoomer Crowbar aus New Orleans angeführt. Die wiedererstarkte Truppe um das bärtige Original Kirk Windstein überzeugt grundsätzlich seit anfangs der 90er Jahre mit harten und langsamen Sounds und gilt neben Down immer noch als stilprägende Band. Das Debüt "Obedience Through Suffering", ein Klassiker, wird von den Fans nach wie vor heiss geliebt, doch die letzten Scheiben wie "Sever The Wicked Hand", "Symmetry In Black" oder "The Serpent Only Lies" sind allesamt Knaller geworden und überzeugen durchs Band. Der zweite grössere Name am Open Hair Festival sind die Holländer von Born From Pain, welche seit 1997 ihre wütende Mischung aus Hardcore und Punk in den Pit werfen und mit Alben wie "War" oder "Survival" vor etwa zehn Jahren in der Szene durchstarten konnten. Auch wenn die Popularität von Born From

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ZÜRI WEST Love Sound Service hef. Kaum ist ein neues Album der Berner Kultband im Anflug, überschlagen sich schon vorab die Pressemeldungen und Schweizer Radio SRF 3 hyperventiliert vor Aufregung. Kein Wunder: Seit "Göteborg" sind ja auch bereits fünf lange Jahre vergangen. Man solle Love nicht allzu wörtlich nehmen, meinte Kuno Lauener, der Schlaks mit dem Schlafzimmerblick und dem leicht herunterhängenden linken Augenlid, lakonisch. Gründe gäbe es wohl genug, das Wort Liebe im persönlichen Lauener-Umfeld einzugrenzen. Die Liebe zu seiner Lebenspartnerin und seinen beiden kleinen Kindern etwa. Oder auch die Liebe zu Züri West, zur Musik, zum Endlichwieder-auf-die-Bühne gehen, zu bevorstehenden Festival- und Open-Air-Auftritten, von denen viele schon längst gebucht sind (Gurten, Murten, Live At Sunset, Moon & Stars...) und auch Liebe zu den Fans, die Kunos Band seit 33 Jahren die Treue halten. Züri West rockt nach wie vor als Quintett, allerdings in veränderter Besetzung seit der letzten CD. Der langjährige Gitarrist Tom Etter ist ausgestiegen; ihn ersetzt Manuel Haefliger. Für Jürg Schmidhauser ist neu Wolfgang Zwiauer für den Bass zuständig. Gitarrist Markus "Küse" Fehlmann und Drummer Gert Schäuble bilden zusammen mit Kuno nach wie vor das Grundgerüst von Züri West. Musikalisch hat sich nicht allzu viel verändert. Kunos manchmal flüsternde Sprechstimme schwebt über dem typischen, meist anspruchsvollen, manchmal auch völlig einfachen Sound. Was gleich zu Beginn auffällt, sind die melancholischen Töne. Dominante Pianoklänge und erst recht spät einsetzende, sehr dezente Gitarrenbegleitung schaffen Raum für Kunos Text. "Ggange ohni z'gah" ist Züri-

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West-Musik, wie man sie blind herauskennt. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Textinhalt nicht autobiografisch ist. Sonst müsste man sich wohl fragen, ob Kuno ein glücklicher Mensch ist oder seine Partnerschaft intakt. Es geht emotional weiter. "Ich verchoufe ds Huus" ist ebenfalls ziemlich depro, textlich und musikalisch. Traurige Geschichte, fürwahr, die durch die warmen, sanften Töne fast ein bisschen neutralisiert wird. Zum Glück ist das "nur" eine Coverversion von Nick Lowe. Schön, dass mit der ersten Single "Schachtar gäge Gent" Stimmung aufkommt. Schmissiger Up-tempo-Song, der fägt, mit eingängigem Refrain. Der Songaufbau mit dem dazu passenden Gitarrensolo ist hohe Schule, Fussball-Feeling kommt auf, auch wenn jeder eigentlich nur auf seinem Platz auf dem Sofa sitzt. Banal und cool. Dann Dylan: "Mir wei nid grüble (es isch schon rächt), Kunos Dialektversion des Klassikers "Don't Think Twice It's Alright" des grossen Bob, geht unter die Haut. Lässig, locker und nah am Original: Kunos eigene Übersetzung passt. "Quitte", eine Parabel, eingebettet in einen gemächlich dahin plätschernden Song, der plötzlich ganz intensiv und eindringlich wirkt. Fazit: Die dichterische Freiheit des Sängers in ein kluges Lied verpackt. Dann "Semiramis" im Dire-Straits/Mark-Knopfler-Groove mit laid-back-Gitarre. Es ist schon so, und da muss ich DRS 3 für einmal recht geben: Das Album wächst mit jedem Hören. Die 12 neuen ZüriWest-Songs mit den eigenartigen Kuno-Texten, die alles bedeuten können, am wenigsten wohl, dass der Texter in einer eher traurigen Phase seines Lebens steckt. Dass dem in der Tat nicht so sei, konnte man in diversen KunoInterviews lesen, am TV in der „Tagesschau“ sehen und in den Radios auch hören. Am besten, man hinterfragt hier nichts. Sondern man geniesst und hört zu. Mitleid jedenfalls ist nicht angebracht. Das einstige Sex-Symbol Lauener, das heute laut eigenen Angaben lieber eine Diva sein würde, ist passé. Light sexy bleibt er. Eine Diva ist er längst.


DAMIAN LYNN Truth Be Told Phonag hef. Wir haben Bastian Baker. Und seit einiger Zeit hat sich auch ein junger Luzerner namens Damian Lynn klammheimlich in die Schweizer SongschreiberSzene gesungen. Er gewann nicht nur "Best Talent" auf SRF 3, sondern diesen Februar auch den „Swiss Music Award“ als Newcomer des Jahres. Und das nach erst einem Album und einigen Performances in den nationalen und lokalen Radiostationen. Baker und Lynn haben beide eine Affinität zum Mainstream, zum Gefühl für süffige Melodien mit englischen Texten. 250 Shows in drei Jahren haben den Blondschopf gestählt. Das spürt man auch auf seinem zweiten Album. Reifer, leichtfüssiger und entsprechend lockerer kommen die zehn neuen Songs daher nach Damians Motto, "ich habe genau das gemacht, worauf ich Bock habe und alles gesagt, was ich sagen will." Das sind coole Stories aus dem Alltag eines jungen Mannes, der noch auf der Suche nach dem

baren Leben ist. Vielleicht ist er nach vielem Abschleifen und Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich ready für den Durchbruch, und zwar nicht nur in der Schweiz, was auch sein Ziel ist. Deutschland soll mal die erste Station sein. Dass er – ausser Bass – alle Instrumente auf dem Einstand selber spielte, zeugt auch von viel Selbstbewusstsein. Anderseits können einen andere Einflüsse auch beflügeln und positiv beeinflussen.

DADA ANTE PORTAS When Gravity Fails Universal hef. Bereits die vorab ausgekoppelte Single "400 Rainy Days" als erster Song überzeugt. Das ist Pop in seiner reinsten Form, melodiös, cool gesungen, fein instrumentiert, Sounds für die Seele auch. Oder "Older And Wiser". Eine feine Uptempo-Ballade, mit textlichen Reminiszenzen an die Vergangenheit der Band, als man noch herumblödelte und das Leben nicht allzu ernst nahm. Aber jetzt ist man älter und weiser geworden. Und jetzt

lebt man auch bewusster, einige mit eigener Familie. Das alles auf den Punkt gebracht, was das Luzerner Quintett in den 20 Jahren ihres Bestehens zum Band-Jubiläum zum Besten gibt. Sänger Pee Wirz gibt mit einer unverkennbaren, leicht angerauten Stimme mit seinen vier Freunden ein klare Statements ab. Oder die Ballade "Josephine", wohl die Verarbeitung einer verflossenen Liebe. "I should get away from you", singt Pee zu dezenter Pianobegleitung. Dada Ante Portas und Lovebugs sind die Mainstream-Bands des Landes, seit langem am Start und noch immer so geblieben, wie man sie liebt. Songs für die Radios, obwohl sie dort kaum gespielt werden, weil man immer wieder auf die Oldies zurückgreift, die natürlich ebenfalls an die Gefühle gehen und nostalgische Gefühle auslösen. Das hier jedenfalls hat kein Verfalldatum, ist zeitlos schöne Popmusik. Aber vielleicht ist das für die aktuellen Radioprogrammierer alles zu brav, zu wenig modern. Ja, ja, they times they are achangin', wie good old Bob ages ago sang.

EAST SISTER Colourblind Red Brick Chapel rp. Der Debüt-EP «Colourblind» des Schweizer Trios East Sister sind fünf Fotos beigelegt. Abgebildet sind der Himmel, Menschen auf der Strasse, ein Birnenbaum, Ballone am Himmel und abgeschnittene Sitze in einem Kino oder Theater. Wer die Fotos umdreht, findet jeweils einen der Texte der fünf Songs auf der EP abgedruckt. «Code» heisst der Song zum Bild mit den Menschen auf der Strasse. Ruhe- und rastlos wie Menschen scheinen, ist auch die Musik. «Okusayallicb4we2rdarabase ……»: Wörter ohne Stopp aneinandergereiht. «Code» zieht den geneigten Hörer in den Strudel der rastlosen Menschen. Die fünf Songs erzeugen immer wieder Bilder im Kopf. Das hat nicht nur mit der berührenden und wandelbaren Stimme von Sängerin Lorraine Dinkel zu tun. Eben auch mit dem vielschichtigen und gleichsam berührend und faszinierenden Indiepop. Überzeugendes Debüt.


Tu Gutes und

sprich drüber!

Daniel Frey muss ein grosses Rock'n'Roll-Herz haben! Wie sonst ist es zu erklären, dass der Chef der Modemarke Souls Of Rock (SOR) freiwillig auf einen Teil seines Gewinns verzichtet, um damit Bands im Hardrock-, Heavy- und Metalbereich zu unterstützen.

hh. SOR ist primär ein Bekleidungslabel, steht für Mode im Rockbereich und spricht hier ganz klar Fans von Hardrock und Metal sowie Biker an. Kaufen kann man die Modeartikel online und auf grösseren Festivals, wo SOR jeweils einen eigenen Stand haben. Von den meisten Modeanbietern unterscheidet sich SOR schon allein dadurch, dass alle Artikel nicht wie üblich in Asien sondern ausschliesslich in Europa hergestellt werden. Das heisst unterm Strich: hohe Qualität zum fairen Preis. Noch vor nicht allzulanger Zeit vertrat Daniel Frey in Europa ein amerikanisches Modellabel, beschloss dann aber, sich selbstständig zu machen. Sein Konzept war: Herstellung der Artikel in Europa, etwas Gemeinnütziges machen und eine Community aufbauen. So ist auch der Name SOR entstanden. Es geht um den

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Spirit, das Miteinander. Bis Daniel den Crystal Ball Gitarristen Scott Leach kennenlernte, war er ein ganz normaler Rockfan: “Erst durch ihn habe ich erfahren, wie schwierig es für eine Band heute ist, überhaupt halbwegs professionell arbeiten zu können. Ein Video herzustellen, ein professionelles Photoshooting und Tourneen zu machen, alles wichtige Voraussetzungen um in der überfüllten Szene überhaupt eine Chance zu haben, scheitern in der Regel an der Finanzierung. Deshalb haben Scott und ich vor zwei Jahren beschlossen, diese Foundation zu gründen und damit Bands in den vier Bereichen Live Auftritte, Bühnendekoration, Photoshooting und Videoproduktion zu unterstützen. Normalerweise ist es doch so, dass eine Band Kohle zusammenkratzt, um ein Album aufzunehmen. Wenn das Album


fertig ist, ist auch die Kohle weg und es ist nichts mehr übrig für einen professionellen Auftritt, um überhaupt das Publikum zu erreichen. Einfach eine Platte zu machen, die herauszubringen und dann zu hoffen, dass das Ding von allein losgeht, das genügt bei dem stetig wachsenden Überangebot schon lange nicht mehr, egal wie gut die Platte auch sein mag. Und hier wollen wir mit der Foundation eine Hilfestellung geben.“ 10% vom Preis jedes SOR-Artikels gehen direkt in die Foundation. Warum macht Daniel Frey das, weshalb verzichtet er auf 10% seines Umsatzes? „Aus Leidenschaft und Liebe zur Musik und um etwas zurückzugeben.“ Dabei ist die grosse positive und begeisterte Resonanz aus der Musikszene der grösste Antrieb für ihn. Aber auch aus anderen Quellen kommt Geld für die Foundation herein. „Wir haben an unseren Verkaufsständen ein Glücksrad, da zahlen die Leute einen Familienfoto: CRYSTAL BALL mit Daniel Frey und Partnerin Tina vor dem Souls Of Fünfer pro Spiel und können Rock-Stand an der Dead Riders Party 2016 Konzerttickets, Gutscheine für unsere Kleider und jede Menge andere Preise gewinnen. Da passiert es auch schon, dass jemand einen Hunderter in die Kasse steckt, weil er von Kleiderlabel zusammenhängt und wir mit dem Label natürlich unserer Idee begeistert ist.“ Auch über das Spendenkonto der international operieren möchten. Und mit Problemen haben die Foundation kommt regelmässig Geld herein. Ausserdem können Bands ja überall zu kämpfen.“ Der erste grosse Fans, die sich ihre Tickets für von SOR-Foundation-Partner Good grenzüberschreitende Schritt erfolgte im April per Kooperation News veranstaltete Konzerte online via Ticketcorner bestellen, bei mit den grossen deutschen Rockfestivals Bang Your Head und Sonderaktion „Souls Of Rock“ auswählen, bei Promotion-Code Rock Of Ages. Diese beiden Events geben SOR einen Slot an „souls“ eingeben und schon gehen 10% des Ticketpreises einem der Festivals. Dafür können sich Bands bewerben und automatisch auf das Förderungskonto der SOR-Foundation. den „Auserwählten“ zahlt die Foundation den Auftritt. Der Vorstand des Vereins bzw. der Foundation („Foundation klingt Um an Förderungsgelder zu kommen, müssen die Antragsteller internationaler als Verein,“ schmunzelt Daniel) setzt sich aus jedoch festgelegte, überprüfbare Kriterien erfüllen (nachzulesen Leuten zusammen, die eigentlich nichts mit dieser Musik zu tun unter www.soulsofrock-fondation.com). Somit wird haben. „Das sind Freunde von mir, die das eine coole Geschichte sichergestellt, dass für Unterstützungen nur professionell oder finden und sich in ihrer Freizeit dafür engagieren,“ erklärt er, „sei es zumindest semi-professionell arbeitende Bands in Betracht beispielsweise als Kassierer oder sie übernehmen das Sekretariat.“ kommen. Zwei Mal pro Jahr entscheidet der Ausschuss dann, Desweiteren gibt es einen 6-köpfigen Ausschuss, der entscheidet, wer und wofür in welcher Höhe eine Förderung erhält, wobei welche Bands Geld bekommen. In diesem Ausschuss sind Profis der maximale Zuschuss auf SFr. 5'000 begrenzt ist. der Musikszene wie Veranstalter, Musiker oder Marketingfachleute. Bedingt dadurch, dass es die Foundation erst seit zwei Jahren Seit Gründung der Foundation wurden sieben Bands unterstützt. gibt, hält sich der Bekanntheitsgrad der Institution und somit Bislang durchweg Europäische Acts. Allerdings strebt SOR eine auch die Anzahl der Unterstützungsanträge derzeit noch in internationale Präsenz an, wo auch Bands rund um den Globus überschaubaren Grenzen. Da sich das schon bald ändern einen Unterstützungsantrag stellen können. Auf den Einwand, dass dürfte, ist allen interessierten Bands, die die ein Schweizer Verein sich doch lieber um heimische Acts Anforderungskriterien erfüllen, zu empfehlen, möglichst schnell kümmern sollte, antwortet Daniel: „Bislang haben wir noch keinen aktiv zu werden. Die Konkurrenz wird stetig grösser und wartet Antrag aus Übersee erhalten. Das liegt wohl daran, dass es den nicht. Verein erst seit zwei Jahren gibt. Dass wir international präsent Weitere Infos und das Antragsformular für eine Unterstützung sein wollen, liegt daran, dass die Foundation ja eng mit dem unter: www.soulsofrock-fondation.com

Beste Stimmung mit RETO BURRELL am SOR-Rampenverkauf in Zürich

Keiner zu klein, um Supporter zu sein

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TAY/SON El Diablo N-Gage rp. Das aus Basel und Boston stammende Quartett Tay/Son zeigt sich auch auf ihrem zweiten Werk «El Diablo» genauso offen für unterschiedliche Einflüsse wie auf ihrem Debüt «Slave To Gravity» (2014). Mann oder Frau könnte gut und gerne behaupten, dass die elf Songs (inklusive Bonustrack) sogar noch eine Spur variantenreicher klingen. Neben bereits bekannten Anleihen an den Crossover-Sound von Bands wie Rage Against The Machine (In «Soul Survivor» wird deren «Bullet In The Head» zitiert), Clawfinger, Faith No More, Red Hot Chili Peppers oder Schooly D's Interpretation von Led Zeppelin «Kashmir» offeriert «El Diablo» poppige, einmal mehr funkige und gar soulige Momente. Im bereits erwähnten «Soul Survivor» hat ein Sample der Soul-Nummer «Tell It Like It Is» in der Version von Aaron Neville einen dominanten Platz. Songs wie «Torn», «Block Of Ice» oder «Time To Fly» überraschen mit poppigen Gesangseinlagen von Sänger Hidber, die immer wieder mal von Kaotic Concrete's RapEinlagen aufgemischt werden. Ein guter Kontrast. Gerade gegen Schluss wird «El Diablo» immer poppiger. Ist das jetzt altersmilde (die vier Herren von Tay/Son stehen in der Mitte ihres Lebens), kanalisierte und gezähmte Wut oder haben Tay/Son einfach den Teufel gebändigt?

PATRICK JONSSON Rosy Rosy Please Profimedia rp. Mit seinem vorletzten Album «People Are Strange» (2011) hatte der Luzerner eine schwierige Zeit in seinem Leben verarbeitet. Seitdem ging es stetig aufwärts. Auf seinem nunmehr vierten Album «Rosy Rosy Please» zeigt Patrick Jonsson sich, laut seiner Homepage, von seiner sonnigen Seite. Die elf neuen Songs zeugen von Aufbruch und Neuem wagen. Im frischen, elektronisch aufgepeppten Titeltrack «Rosy Rosy Please» heisst es «We Can Build Our Dreams From Scratch Doin It Right Now». Und auch von der

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Liebe. Im Auftakt «Come Out Tonight» singt Jonsson «When I'm With You My Heart Beats Right. When I'm With You I'm Just Me.» Neues wagt Patrick Jonsson auch in gesanglicher Hinsicht. Zwei Songs singt er auf Schweizerdeutsch, einen auf Französisch und einen gar auf Norwegisch (Jonsson hat eine Zeitlang in Norwegen gelebt). Ebenso herrscht musikalisch Vielfalt, die einmal mehr an Künstler wie Shawn Mullins, John Mayer oder einen James Blunt mahnt, die aber auch komplett elektronische Songs wie der Abschluss «Du Laufsch Defo» zulässt. Trotz der Aufbruchsstimmung schwingt in einigen Songs immer noch eine gewisse Melancholie mit, wie auch schon in der Vergangenheit. Vielleicht gehört das einfach zum Wesen von Patrick Jonsson?

EKAT BORK Yasdyes GinkhoBox rp. Das Leben der in der Schweiz lebenden Russin Ekaterina Borkova ist eine einzige Suche. Auf dieser Suche stahl sie, stürzte ab, arbeitete sie und wurde gefeuert, studierte sie Gesang und reiste durch Länder wie Italien, Portugal, Polen Deutschland oder der Schweiz. Auf diesen Reisen entstanden die vierzehn Lieder auf «Yasdyes». Als musikalische Basis haben diese sehr persönlich gefärbten Songs einen immer wieder bedrohlichen, geheimnisvollen aber auch tanzbaren elektronischen Unterbau. Am Anfang stehen Angst («Fear») und Glück («Happiness»). Knisternde Elektronik, verschliffene Beats, bedrohliche Stimmung und die Stimme geheimnisvoll. Wobei sie in «Fear» ihre Ängste überwindet und ihn «Happiness» klagt («You Never Make Me Happy»). Hoffnung trotz der Angst, Erkennen, was Glück nicht ist. Und zum Abschluss gibt es als Bonus das wütende «React»: «Why Do You Constantly Complain For No Reason. Why Do You Constantly Dump All The Blame On Others.»

LINAH ROCIO Warrior Talk Aveline Records rp. Linah Rocio, die eigentlich Carolina Stiles heisst, wurde in Chile geboren, zog später mit

ihrer Familie für vier Jahre nach Hong Kong, danach in die Schweiz, wo sie bis heute lebt. Zur Musik kam sie relativ spät. Klavier spielen brachte sich die 39-jährige selber bei. Ihren ersten Auftritt alleine hatte sie erst 2007. Ihr erstes Album «All About Secrets» erschien drei Jahre später. Und jetzt ist ihr zweites Werk da. «Warrior Talk» ist das Album einer starken Frau mit einer starken Stimme. Die oftmals Klavier basierten Songs, irgendwo zwischen Jazz, Pop, Indie, Soul und Folk liegend, gehen tief und sind immer wieder schonungslos offen. Linah Rocio ist eine Frau, die singt, was sie denkt und gleichsam die Fähigkeit besitzt, ihre Texte musikalisch passend zu untermalen. Und dann diese Stimme: Wandelbar haucht sie, fleht, wirkt gelassen, intensiv, nachdenklich, entrückt und auch zurückhaltend. Alles hat sie drauf. Im unsicher gehauchten «Elisabeth» singt sie «I Am Feeling Sick inside». Something Is Going Wrong Inside My Body. Maybe Everything Is Right?». Auch die Unsicherheit will akzeptiert werden. Und im vielschichtigen, teils verstörenden «Oh No More Hiding» reisst sie alle Masken runter. Mann und Frau muss sich seinen Dämonen stellen («Kill The Monsters»). «Warrior Talk» stellt sie auf eine Stufe mit vergleichbaren Künstlerinnen wie Tori Amos, Vanessa Carlton oder einer Katie Melua.

CHEAP STAR Songs For The Farrelly Brothers Z & Zoé Records rp. «Songs For The Farrelly Brothers» hat der Westschweizer Sänger und Gitarrist Remi Vaissiere erneut mit Jon Auer (Posies), Ken Stringfellow (Posies, Big Star, REM) und Brian Young (Posies, Fountains of Wayne) eingespielt. Obwohl Vaissiere fast alle Songs verfasst hat, merkt man dem Material, wie schon beim letzten Album, der 6-Track EP «Rosetta Stone» (2015), die Nähe zu den Posies an. Was nicht weiter schlimm ist, weil Remi Vaissiere ebenso ein gutes Händchen für griffige und eingängige Songs hat. Und er seine Einflüsse aus vielen

Ecken bezieht. Neben Power Pop gibt es auf «Songs For The Farrelly Brothers» ebenfalls Americana, Grunge, Folk und bei «Separated From You» gar eine Prise (Basslauf) New Order zu hören. Remi Vaissiere versteht es immer wieder gekonnt, zurückhaltende Strophen zu imposanten Chorussen hinzuführen. Ersteres mahnt mehrmals an Dinosaur Jr., bloss etwas abgeschwächt. Auch die Gitarrenparts nehmen zuweilen Mass an J Mascis Band. Beim zweiten darf man die Posies und auch die Lemonheads anführen. Der eine oder andere Chorus sorgt schon mal für etwas Gänsehaut. Zum Abschluss geben Cheap Star gar die Lemonheads-Nummer «Into Your Arms» zum Besten. An sowas haben sicherlich nicht nur die Gebrüder Farrelly, bekannt vor allem für ihre Komödien (z.B. Dumm und Dümmer, Verrückt nach Mary) ihre helle Freude.

HIELO Small Town Tales Eigenvertrieb kw. Die vierköpfige Band aus Schaffhausen präsentiert mit “Small Town Tales“ ihr allererstes Album. Mit vier Liedern haben es die Schaffhauser kurz und bündig gehalten. Hielo bewegen sich im Rock und Pop-Punk Universum, ungefähr in etwa wie Green Day. Das Lied “Craving“ ist mit den vordergründigen Gitarren und dem melodiösen Gesang der einnehmendste Song. Er hat eine tolle Rhythmik und man findet auch sonst vieles, was man sich in diesem Genre wünscht. Am Schluss wird man sogar für kurze Zeit nur mit Klavier und Gesang unterhalten. Die Stimme fällt meistens nicht weiter auf, da sie sich zu den Instrumenten mischt, aber der Sänger zeigt hier bestens, wie schön klagend seine Stimme sein kann. Das Lied “Petrolstation“ klingt fast wie ein Kanon, dann findet man auch hier einen einnehmenden Refrain. Das Album “Small Town Tales“ ist energiegeladen und macht qualitativ etwas her. Der Erstling ist gut gelungen.


SIDEBURN #8 Fastball Music hh. Die Westschweizer gehören seit 20 Jahren zu den verlässlichen Werten (nicht nur) in der heimischen Hardrockszene. Wie der Albumtitel schon zeigt, legt das Quintett hier das achte Studioalbum vor. Und es gibt weder Überraschungen noch irgendwelche Störfaktoren. Wo Sideburn draufsteht ist Sideburn drin – und das heisst einmal mehr energetischer Riff Rock bei dem die Aussie-Rocker Rose Tattoo und die Amis Rhino Bucket Pate gestanden haben. Da sind all die Tatts-Riffs, der Groove und mit Roland Pierrehumbert haben Sideburn einen Sänger, der den grossen Schatten des kleinen Shouters Angry Anderson mit fabelhaften Hooklines und stadiontauglichen Chören perfekt ausfüllt – sogar die Glatze ist stilecht! Zwölf Songs plus 1 BonusTrack haben es auf den Silberling geschafft, bis auf das Motörhead-Remake „No Class“ alles Eigenkompositionen. Und die Songs haben durchweg Rasse und Klasse, wie von den Westschweizern ja ohnehin gewöhnt, schlechte Platten machen können die gar nicht! Also, Fans von echtem handgeschmiedeten Riffrock in der Tradition vorgenannter Acts – hier könnt ihr bedenkenlos zugreifen, da passt alles von A-Z, rockt absolut chefmässig und sorgt für mächtig Spass. Lediglich die Produktion kommt etwas zahm und dumpf durch die Boxen, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Auch im 20. Jahr gehören Sideburn immer noch zum Besten, was die Schweiz in diesem Genre in den internationalen Ring zu werfen hat.

COMANIAC Instruction For Destruction SAOL/Metalworld lg."Return To The Wasteland", das Debüt der Truppe um Gitarrist/ Sänger Jonas Schmid, wurde 2015 in Eigenregie veröffentlicht und erhielt durchs Band gute Kritiken. Die Scheibe wurde seitdem auch zweimal neu aufgelegt. Gute zwei Jahre danach folgt nun das zweite Album mit dem

Titel "Instruction For Destruction". 2016 stiegen sowohl Gründungsmitglied und Schlagzeuger Cédric Iseli wie auch der Gitarrist aus, was die erste Krise für Comaniac bedeutete, nachdem die Band einige Auftritte im In- und Ausland absolvieren konnte. Mit Valentin Moessinger (Gitarre) und Stefan Häberli (Schlagzeug) konnte das LineUp rasch ergänzt werden, so dass die neue Scheibe in Angriff genommen werden konnte. "Instruction For Destruction" ist ein lumpenreines Thrash-Metal Album geworden, das gekonnt Geschwindigkeit mit Mid-Tempo paart. Härte und Melodie werden auch gut miteinander vermischt, so dass selten Langeweile aufkommt. Virtuos ist insbesondere die Gitarrenarbeit, welche oftmals Doppelläufe beinhaltet. Vom Stil her sind Comaniac eher gemässigt und holen selten zum extremen Rundumschlag wie es Bands wie Slayer oder Exodus tun. Einziges Manko der Scheibe ist der Gesang von Jonas, der leider etwas monoton tönt. Gute Scheibe einer hoffnungsvollen Band.

AUTISTI Autisti Czar Of Revelations lg. Auf dem feinen Basler Label Czar Of Crickets, das von Zatokrev Mainman Fredy Rotter mit Passion betrieben wird, findet der Fan von Rockund Metalmusik alternativerer Schattierungen immer wieder Perlen. Die Qualität der Releases auf dem Label ist meist sehr hoch. Der vorliegende Release unter dem Namen Autisti vereint die beiden Welschschweizer Musiker Louis Jucker (ex-The Ocean) & Emilie Zoé (beide an Gitarre und Gesang) und den Schlagzeuger Steven Doutaz. Ein Bass fehlt da gänzlich, doch die drei bringen genug Power auf Tonträger, so dass sich dies nicht störend auswirkt. Musikalisch lassen sich Einflüsse von Bands wie Pixies oder Sonic Youth heraushören, wenn auch in einer deutlich kaputteren Version. Eine Prise Grunge (alte Mudhoney) findet sich ebenfalls bei Autisti. Die 32-Minuten lange Scheibe macht Spass und ist nie langweilig, sondern bildet viel mehr Lo-Fi Rock in Vollendung: nicht perfekt, roh, verzerrt und doch schön und melodiös. Autisti zeigen hier wie zahlreiche andere aktuelle Bands wie Zeal And Ardor oder Palmer, dass das einheimische Musikschaffen nicht

unterschätzt werden darf. Sehr empfehlenswert.

beide vor Melancholie nur so strotzen.

TARDIGRADA Emotionale Ödnis Eisenwald Tonschmiede lg. Bei Tardigrada, einer Deutschschweizer Black MetalBand, stehen Atmosphäre und Melancholie zuoberst. "Emotionale Ödnis", das Debütalbum der Truppe nach dem Demo "Widrstand" (2012), besteht aus fünf Intros/Outros sowie fünf überlangen Songs und nimmt den Hörer auf eine Reise durch eine farblose Landschaft mit. Die Songs beklemmen und sind trotz der stets vorhandenen Düsternis aufgrund der grossartigen Melodiebögen erhaben und schaurigschön. Die fast kreischenden Vocals geben dem Sound eine Beklemmung, welche seinesgleichen sucht. Die Grundlage des Sounds kann bei Paten wie Bathory oder Hellhammer/Celtic Frost gesucht, aber auch sphärischere Elemente wie bei alten Burzum finden sich bei Tardigrada. "Emotionale Ödnis" ist eine unglaubliche Reise, welche für Fans extremer Musik, sei es aus dem Metal- oder Dark Wave/Gothic-Bereich unbedingt anzuhören ist. Anspieltipps: "Die Wand" sowie der Titeltrack, die

ELLA Same Eigenvertrieb rp. Ella van der Woude wurde im Wallis geboren und lebt seit einigen Jahren in Holland. Nach mehreren Projekten / Bands (u.a. mit den Indierockern House und der Dreampop-Band Amber Arcades) liefert sie mit der selbstbetitelten EP jetzt ihr Solo-Debüt ab. Unterstützt wird sie bei den fünf Songs von Stew Jackson, der n.a. auch mit Massive Attack arbeitete. Songs wie «IDWTGTKY», «While You Are Away» oder «Restless» zeigen, dass Ella ein feines Gespür für atmosphärische Indie-Folk-Songs hat, die immer wieder mit elektronischen Elementen angereichert werden. Dazu fügt sie ab und an dezente Kontrast-Elemente ein, die für Spannung sorgen. Dass Ella sich früher als Filmkomponistin versucht hat, merkt man hier. Im intimen und berührenden Abschluss «Lullaby» verlässt sie sich (fast) ganz auf ihre warme und eindringliche Stimme und sanfte Gitarrenklänge. Wunderbar.


Der Tag der Wahrheit

Mit der Veröffentlichung ihres siebten Albums "Reckoning Day" konnten die Schweizer Echt-Metaller bisher nur gute bis sehr gute Kritiken einfahren. Emerald liefern damit auch ihr bis dato bestes Werk ab. Also höchste Zeit, um mit Bandgründer und –leader Michael Vaucher ein Interview zu führen.

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lg. Das famose neue Werk "Reckoning Day" ist Ende März veröffentlich worden, doch es dauerte sehr lange fünf Jahre, um den Nachfolger zu "Unleashed" in die Regale stellen zu können. Nach der Veröffentlichung von "Unleashed" durften Emerald mit den US-Metal Heroes von Helstar für zwei Wochen auf Europatour, was als absolutes Bandhighlight in der Geschichte von Emerald durchgeht, doch dann begann sich das Besetzungskarussell zu drehen. Nach dem Weggang des damaligen Sängers Thomas Winkler zu den bekannteren schottischen Kitsch-Metallern Gloryhammer (dort als Angus McFive aktiv) stiegen Gitarrist Manuel Werro aus gesundheitlichen Gründen sowie kurz darauf Bassist und langjähriges Mitglied von Emerald Adriano Troiano aus, so dass Emerald vor einem Scherbenhaufen standen. Es folgten zwei schwierige und auch frustrierende Jahre, in welchen Emerald versuchten, das Line-Up zu komplettieren. Wie kam es aber

dazu, dass ein renommierter Sänger wie der Texaner George Call (ex-Omen, Aska, Clovenhoof) bei den international nicht sehr bekannten Emerald eingestiegen ist? Michael erklärt: "Wir haben in der Schweiz und in Deutschland nach geeigneten Sängern gesucht. George Call, den wir durch gemeinsame Konzerte mit Omen kannten, hat sich bei uns selber angeboten und wir haben uns gesagt, dass wir das machen. Ob Deutschland oder USA stellt im Zeitalter moderner Medien kein Problem dar. George wollte auch mit uns auf Tour gehen." Allerdings kam der gute George nicht, wie von Emerald erhofft, in die Gänge, sondern brauchte über ein Jahr, um drei Songs aufzunehmen (welche auch den Weg auf "Reckoning Day" gefunden haben). Allerdings blieb dies für Emerald mehr als unbefriedigend, so dass die Band keinen anderen Ausweg sah, als sich von George zu trennen. Als Ersatz kam Marcel Hablützel (auch bekannt als Mace Mitchell), der als Sänger der Iron


Maiden-Coverband Eddie's Beast aktiv war. "Wir hatten Mace live gesehen und uns war klar, dass er der richtige Mann für Emerald sein wird. Unser damals bereits zum Line-Up gestossener Gitarrist Julien Menth hat dies zum Glück eingefädelt", erklärt Michael. Hoffentlich wird Mace nun Emerald lange erhalten bleiben, so dass das Theater um den Sängerposten als abgehakt betrachtet werden kann. Die anderen neuen Gesichter bei Emerald sind der bereits erwähnte Julien Menth, der sich als Emerald-Fan und mit seinem Talent ins Line-Up gespielt hat sowie die blutjunge Bassistin Vania Truttmann. Die Musik zu "Reckoning Day" stand bereits 2014 und wurde damals bereits ausser des Gesangs bei V.O. Pulver (u.a. Gurd, Poltergeist, Pro Pain, Pänzer) aufgenommen. "Da die Songs von den langjährigen Mitgliedern Al, meinem Bruder Thomas (der für das brillante Mini-Epos "The Burgundian Wars" verantwortlich zeichnet) und mir stammen, waren wir relativ rasch bereit", gibt Michael zu Protokoll. Als seinen Lieblingssong auf dem neuen Album bezeichnet Michael den Kracher "Ridden By Fear", da "dieser alle Emerald-Seiten abdeckt, wie US-Metal lastige Elemente und eine Prise Iron Maiden und Epik beinhaltet." 2018 soll dann bereits die nächste Emerald-Platte aufgenommen werden, für welche schon einige Songs stehen. Auf die Pläne, "Reckoning Day" livehaftig vorzustellen, erklärt Michael: "Bis Ende Jahr haben wir zumindest jeden Monat ein Konzert gebucht. Insbesondere freue ich mich auf das Konzert mit der US-Legende Cage (welches bei Erscheinen dieses Heftes bereits stattgefunden haben wird). Zudem sind wir mit einer BookingAgentur aus Deutschland dran, Optionen für eine Europa-Tour zu prüfen." Zum Song "Only The Reaper Wins" existiert im Übrigen ein tolles Video, welches der passionierte Horror-Film Fan und EmeraldDrummer Al Spicher selber gemacht hat. Emerald haben sich ja 1995 formiert und im Unwissen – vor den Zeiten des Internet – einen Bandnamen ausgesucht, der vormals bereits zweimal vergeben war: einmal an eine amerikanische Truppe und dann auch an eine holländische Band. Beide zeichnen sich für grosse Vinyl-Raritäten aus, sind aber lange nicht mehr aktiv. "Ausschlaggebend war für uns der Song von Thin Lizzy, von den Bands haben wir erst später erfahren. Unser Wissen gründete auf das Lesen von Metal-Magazinen wie Rock Hard und Metal Hammer", so Michael. Michael, der als Lieblingsalbum „Somewhere In Time“ von Iron Maiden nennt und Steve Harris (Bassist von Iron Maiden) als seinen Lieblingsmusiker bezeichnet, ist ein grosser Sammler und Jäger von Metal-Vinyl; und das seit einer Zeit, als die schwarzen Scheiben nicht so beliebt waren wie heute. „Ich sammle immer noch, bin aber nicht mehr so extrem wie früher, da ich schon recht viel habe. Zudem braucht dieses Hobby viel Zeit und geht recht ins Geld. Bei Iron Maiden mache ich eine Ausnahme – da muss ich einfach alles haben. Iron Maiden ist halt einfach meine Lieblingsband.“ Der grösste Traum – auch wenn laut Michael etwas unrealistisch – wäre ein Auftritt im Vorprogramm von Iron Maiden. Erreichbarer ist aus seiner Sicht schon eher eine Tour mit einer grösseren Band als Headliner. Auf die hiesige Szene für 80-er Jahre Heavy Metal angesprochen, mein Michael: „Es gibt zwei, drei sehr gute Bands wie Sin Starlett oder auch Gonoreas, die regelmässig spielen und tolle Alben veröffentlichen. Allerdings ist die Szene sehr klein. Wir geben alles, hier unserer Teil beitragen zu können und unterstützen andere Bands, so gut wie wir können.“ Emerald haben mit „Reckoning Day“ wesentlich dazu beigetragen, die traditionelle Metal-Stilrichtung in der Schweiz wieder ins Bewusstsein der Fans zu rücken, denn am neuen Album führt schlicht und ergreifend kein Weg vorbei.

LIVE 26.5. Fribourg, Fri-Son 16.6. Düdingen, Kant. Turnfest 01.7. Laupen, Ride & Party 11.8. Zweisimmer, Mannried OA 30.9. Ins, Schüxenhaus 2.12. Frauenfeld, Oelfleck

«Iron Maiden ist halt einfach meine Lieblingsband!» Michael Vaucher

EMERALD Reckoning Day Pure Steel Records/Soulfood lg. Mit einem im Vergleich zum bereits fünf Jahre alten Vorgänger "Unleashed" zur Hälfte ausgetauschtem Line-Up holen Emerald aus der Region Fribourg zum grossen Schlag aus. Die sechsköpfige Truppe um Bandleader und Gitarrist Michael Vaucher schafft es in nahezu perfekter Art, Iron Maiden-Sounds mit den besten Elementen des (epischen) US-Metal aus den 80er Jahren sowie Melodic Metal europäischer Prägung zu vereinen. Wenn auch die Musik stilistisch im traditionellen Heavy Metal anzusiedeln ist, tönt das hervorragend produzierte "Reckoning Day" nie altbacken oder überholt. Vielmehr breitet sich die Spielfreude der gesamten Band über das ganze Album aus – sei es in den ersten sieben, nicht miteinander verbundenen Songs, oder dem aus sieben Teilen bestehenden und auf einem vom Keyboarder Thomas Vaucher geschriebenen Buch basierenden Epos "The Burgundian Wars". Das Tüpfelchen auf dem "i" sind die grossartigen Gesangsleistungen vom etatmässigen Sänger Mace Mitchell und von Gastsänger George Call (der für kurze Zeit fest zum Line-Up von Emerald zählte und auf den Songs "Evolution In Reverse", "Through The Storm" und "End Of The World" zu hören ist). Weitere Gastauftritte finden sich von Gitarrist Slädu (Gölä. auf "Horns Up") und der Sängerin Alexx Sutter (auf dem Song "Beyond Forever"). Mit vierzehn Titeln (plus einem LP-Bonustrack) ist "Reckoning Day" sehr üppig ausgefallen, doch das tut der Qualität der Platte keinen Abbruch. Es freut einen ungemein zu hören, dass auch hierzulande Qualität geschaffen wird, welche im internationalen Kontext keinerlei Vergleiche zu scheuen braucht. Killer!

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Hail to Rock'n'Roll

BITCH QUEENS lg. Die Band Bitch Queens begann im Jahre 2000 als Truppe von vier Schulfreunden unter dem unglaublichen, unaussprechlichen und unsäglichen Bandnamen Hot CupUp Pancake & The Grannies On Flying Wheelchairs. Gemäss Melchior hat sich die Band diesen „Scheissnamen“ in nicht ganz nüchternem Zustand zugetan und operierte – trotz einiger lokaler Gigs – sehr amateurhaft. Dennoch brachte man es als Hot Cup-Up Pancake auf zwei lokal beachtete Demo-Veröffentlichungen. 2008 wurde die Band in Bitch Queens umbenannt, was gleichzeitig der Startschuss ins ernsthaftere Musikmachen bedeutete. Nach dem Ausstieg des ersten Sänger/Bassisten David Atwood übernahm Gitarrist Melchior auch den Gesangsposten und diese neue Konstellation verlieh der Band sofort mehr Schub. Die Band hatte die Vision, viele Konzerte zu spielen und auch im Ausland Fuss zu fassen. Bitch Queens hat sich so auch als high Energy Punk-Rock Band etabliert und spielt ungefähr 50 Konzerte pro Jahr. „Mit unseren Day-Jobs liegt mehr fast nicht drin. Bereits 2009 konnten wir nach dem Erscheinen unserer EP „High Strung“ unsere erste Europa-Tour in Eigenregie auf die Beine stellen“, erklärt Melchior. Zu den Einflüssen von Bitch Queens kann Melchior mit Vergleichen zu Bands wie Turbonegro, Gluecifer, Backyard Babies, Hellacopters und ganz besonders den Sex Pistols ganz gut leben. „Ja, das sind meine Bands. Insbesondere Hellacopters möchte ich da hervorheben. Ich liebe diese Band. Ich sehe allerdings Bitch Queens als Verschmelzung der verschiedenen Geschmäcker aller Mitglieder. Marcel Colomb, unser Bassist, kommt eher aus der Heavy MetalEcke und liebt Acts wie Metallica. Harry Darling, Drummer und neben mir das andere verbliebene Gründungsmitglied steht sogar auf elektronische Sounds und hat in dieser Richtung auch Sachen produziert und Gitarrist Dani Schönenberger ist mehr der Classic Rock Ecke zuzuordnen“, so Melchior. Zum Titel des neuen Albums „L.O.V.E“ äussert sich Melchior

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Die Basler Turbonegro-Verehrer von Bitch Queens melden sich mit ihrem neuen und dritten Album "L.O.V.E." zurück – erstmals wurde für einen Longplayer der Band, welche praktisch alles im Do-It-Yourself Stil durchzieht, ein anständiger Albumtitel ausgesucht. TRACKS sprach mit Melchior Quitt, Sänger und Gitarrist des Quartetts. kryptisch. „Auch wenn es auf den ersten Blick anständig erscheint, so schaue man doch bitte auf das Fetisch-artige Cover, so dass wohl klar ist, dass mehr dahintersteckt... Wir haben bewusst die Liebe in der Form einer Abkürzung genommen, denn darunter kann jeder verstehen, was er will.“ Kompositorisch haben Bitch Queens sich gut dreiviertel Jahr Zeit für das neue Album gelassen und sind ohne feste Zielvorgaben an die Arbeit gegangen. „Mit unserem dritten Album haben wir uns gesagt: Just do it! Ich denke, das Album ist im Vergleich zum Vorgänger poppiger geworden, doch sind die Songs auch direkter, vielseitiger, runder und machen fast mehr Spass als der Vorgänger. Wir haben auch genau dreizehn Songs aufgenommen, von welchen elf auf dem Album gelandet sind, dafür haben wir alle Tracks voll auf den Punkt komponiert und produziert, statt einen Fundus von 35 Songs zu haben“, erklärt Melchior. Bitch Queens sind bekannt für ihre Do-It-Yourself Attitüde. Von selbst organisierten und gebuchten Tourneen – auch im fernen Japan - selber produzierten Videos sowie aller Releases der Band bei kleinen Labels lebte die Band dieses Credo voll. Beim etwas etablierteren aber nach wie vor undergroundigen Schweizer Label Lux Noise, auf welchem die drei regulären Alben der Band und einige SingleReleases erschienen sind, haben Bitch Queens selber die Finger drin. Melchior dazu: „Bis zum jetzigen Level geht das – wollen wir aber einen Schritt weiterkommen, sind wir auch auf mehr Entgegenkommen von anderen Seiten angewiesen. Wir brauchen einen Push, so dass wir wohl kaum um professionellere Strukturen herumkommen werden. Auch wäre ein Supportslot für eine wirklich grössere Band toll. Das würde uns sicher helfen.“ Als grösster Traum mit Bitch


Queens nennt Melchior somit auch folgerichtig, dass der nächste Schritt mit der Band kommen soll. „Zudem wäre eine Tour in den USA der Hammer. Darauf werden wir hinarbeiten.“ Als beste Gigs/Liveerlebnisse nennt Melchior die Japan-Tour, welche 2015 absolviert werden konnte. „Ein Bekannter aus Basel ist mit seiner Band auch mal in Japan gewesen und hat uns mit seinen Beziehungen geholfen, unseren unvergesslichen Trip auf die Beine zu stellen. Es war der Wahnsinn: Die Leute sind unglaublich freundlich und höflich. Sie gingen trotz ihrer anderen Kultur an den Konzerten voll ab. Speziell war, dass es zwischen den Songs immer ganz still war, denn das Publikum wartete, was nun die Band als nächstes tut oder sagt. Wir hatten einen Riesenpass“, gibt Melchior zu Protokoll. „Wahrscheinlich fanden sie auch unseren direkten und dreckigen Stil toll. Die Japaner sind musikalisch oftmals virtuos, doch mangelt es manchmal leider etwas am Songwriting. Es gibt ja auch nicht sehr viele weltweit erfolgreiche Bands aus dem Land der aufgehenden Sonne.“ Andere Highlight sind aus der Sicht von Melchior Gigs in Spanien, denn das Publikum dort ist grossartig. Auch das erste Mal in Norwegen soll unvergesslich gewesen sein – der Klub war voller Erinnerungsstücke der Heldenbands von Melchior. „Auch die Auftritte auf der Hauptbühne des Jugendkulturfestivals in Basel werde ich nie vergessen. Basel ist die Stadt, in welcher ich aufgewachsen bin und so Auftritte prägen. Alle Freunde sind zugegen und wir haben da immer eine grosse Party.“ Allerdings gab es auch – insbesondere zu Anfangszeiten – auch schwierige Momente. „Wenn Du Wasser im Schlafraum hast, der Klub mies ist, keine Zuschauer auftauchen und der Promoter sich als Abzocker erweist, wie uns das mal in Italien passiert ist, dann ist einfach alles Kacke“, erklärt Melchior. Als beste Alben aller Zeiten gelten für Melchior die folgenden Scheiben: Hellacopter's „High Visibility“ (2000), dann „Paranoid“ von Black Sabbath als Vertreter der 70er Jahre sowie aus den 80er Jahren eine Scheibe der Lords Of The

New Church, an deren Titel sich Melchior nicht mehr erinnert. Die Liste der Musiker, welche für Melchior ganz oben stehen, liest sich auch sehr gut: „Nicke Andersson (Entombed, Hellacopters, Imperial State Electric) ist für mich ein Genie. Dann liebe ich Iggy Pop, der ein grossartiger Entertainer ist. So etwas werden wir nie im Ansatz erreichen können. Dann fand ich Dregen von den Backyard Babies immer super. Schliesslich komme ich nicht darum, Toni von den Lombego Surfers aus Basel zu nennen. Der Sänger/Gitarrist war mein Gitarrenlehrer und ich durfte als ich sehr jung war, als Roadie mit auf Tour. Toni hat mich zur grossen weiten Welt des Rock'n'Roll gebracht.“ Bitch Queens kommen aus Basel – einer Stadt, die in Sachen Musik immer wieder Akzente setzen konnte, im Vergleich zur Restdeutschschweiz manchmal etwas abseits liegt. Auf die Frage zum derzeitigen Stand der Basler Musikszene, antwortet Melchior: „Aus meiner Sicht ist die aktuelle Basler Szene sehr gesund. Eine Zeit lang fand ich sie sehr langweilig, doch mit Zeal & Ardor oder Schammasch finden sich sehr spannende Bands auf dem härteren Sektor. Dann hat es andere tolle junge Truppen wie Heavy Harvest oder Echolot. Ich bin froh, dass nicht mehr alle diesen braven, aber etwas verbrauchten Indie-Stil spielen sondern wirklich eigene Akzente zu setzen vermögen. Auch zu erwähnen ist das tolle Label von Fredy Rotter (Czar Of Crickets Records), auf welchem durchs Band geile Sachen erscheinen. Ich weiss nicht, wo Labelchef Fredy all diese Bands ausgräbt, aber er scheint wirklich ein gutes Händchen zu haben.“ Live-technisch werden Bitch Queens natürlich ihr neues Album „L.O.V.E“ wohl bis zum Umfallen promoten. Denn so leben die Songs der Truppe erst richtig. Bis jetzt stehen sowohl eine Tour in England und eine in Spanien auf der Agenda. Doch die Bitch Queens werden am 6. Mai ihre Heimatstadt Basel mit ihrem eigenen Festival namens Terrorsamba heimsuchen. Das ist ein Pflichttermin für alle Fans des energetischen Rock'N'Roll.

LIVE 6.5. Basel, Terrorsamba

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Mythologie des Stoner-Rocks Die Entwicklung vom Rozbub zum Sohn eines Gottes der Träume gipfelt bei der Rachegöttin der griechischen Mythologie. Das selbstbetitelte „Psychedelic Blues Rock Trio“ Sons Of Morpheus veröffentlichte Ende März sein zweites Studioalbum „Nemesis“. Nach Tourneen, unter Anderem mit der Stoner–Grösse Karma To Burn, scheinen Sons Of Morpheus ihr Publikum gefunden zu haben – oder das Publikum sie!

ds. Spätestens seit Queens Of The Stone Age ist der Begriff „Stoner“ in aller Munde. Als der Desertrock seinen Siegeszug antrat, bildete sich drum herum eine Szene, welche sich ihre Helden scheinbar nach ihren eigenen Anforderungen aussuchte. Sons Of Morpheus scheinen diesen Anforderungen zu entsprechen, bezieht sich doch Sänger und Gitarrist Manuel Bissig auf die Jimi Hendrix Experience als Grundstein seines musikalischen Schaffens. Bis dahin legte der Frontmann einen weiten Weg unter Anderem bis in die Staaten zurück. Wir schreiben das Jahr 2013, als Bissig das Debut seines Soloprojektes Rozbub vorlegte. Mit „S`esch Zyt“ fing die ganze Entwicklung zur Stonerband erst an. Schon damals gesellte sich der jetzige Bassist Lukas Kurmann dazu. Der Rozbub fand den Weg nach Arizona, ins Studio von niemand geringerem als Produzent Jimi Waters. Mit dem Geist von Kalifornien im Gepäck, welchen sie im Vorfeld durch Gigs im Sonnenstaat einfingen, startete das Trio eine Recordingsession, welche den weiteren Werdegang massgebend beeinflussen sollte. Die englische Sprache fand seinen Platz, Mundart schien ausgedient zu haben. Das, was oft anderen Gruppen das Genick bricht, verhalf dem Trio zu einem rasanten Aufstieg. Der Sound wurde härter und schon ein Jahr nach ihrem Debut veröffentlichten Rozbub nun als Sons Of Morpheus ihren gleichnamigen Erstling. Das darauffolgende Jahr war von Shows geprägt, von Konzertkellern bis hin zu Festivals. Der Tatendrang der Zentralschweizer nahm kein Ende und so wollte man sich so früh wie möglich wieder ins Songwriting stürzen. Gerade zu diesem Zeitpunkt klopfte Fortuna an die Türe, in Form der US-Band Karma To Burn. 37 Shows in ganz Europa waren das Resultat und gleichzeitig auch Grundlage zur Weiterentwicklung als Musiker. „Man hat sehr viel gespielt und ist die ganze Zeit zusammen,“ so Lukas Kurmann, „und das hat uns zusammen geschweisst und geformt“. Die Tour war zudem auch die erste grosse Nummer der Band, an der der neue Drummer Rudy Kink beteiligt war. „Die Band Sons Of Morpheus hat sich in dieser Zeit erst richtig geformt zu dem, was sie jetzt ist“, so Kink. Vor der Tour habe man mit Kink die alten Songs einfach einstudiert. Durch die neue Konstellation und das Tourleben ist die Band aber anders an das Songwriting heran gegangen. Der Headliner der Tour hatte zwar weniger Einfluss auf den Sound, die Band wurde aber einem grösseren Publikum bekannt und gewann die Stoner–Community als treue Fanbase. Das psychedelische Bluestrio legte es allerdings nie darauf an, eine Stonerband zu sein, eher wurde es durch die Fans dazu gemacht. Lukas Kurmann betont, dass sie auch nicht leugnen, zur Szene zu gehören:„ Wir sind mit dabei, was richtig geil ist, und so gesehen sind wir mit der Zeit doch eine Stonerband geworden.“ Als neues Kapitel der Bandgeschichte veröffentlichen Sons Of Morpheus Ende März mit „Nemesis“ das lang ersehnte zweite Studioalbum. Das Album wird hauptsächlich auf Vinyl herausgegeben, CD und Downloads werden als Notwendigkeit angesehen, der Fokus bleibt auf dem Retrocharme der Schallplatte. Für die Produktion erhielten Sons Of Morpheus erneut namhafte Unterstützung. David Weber, Technikchef des Montreux Jazz Festivals, sass diesmal mit im Studio. „Nemesis“ ist etwas düsterer und schwerer als der Vorgänger, und auch was die restliche Definition ihrer Musik angeht hat sich Sons Of Morpheus weiterentwickelt. „Wir sind mit dem Ziel ins Studio gegangen, Oldschool zu bleiben, nichts Überproduziertes, was man in jedem Radio laufen lassen kann, zu machen, aber auch nicht allzu roh zu sein.“ so Kink. Der Mix zwischen Analog, Roh und modernem Touch scheint gelungen. Man wollte sich „nicht neu erfinden, aber auf keinen Fall stehen bleiben!“, wie es Lukas

Kurmann passend formuliert. Eine Band wie Sons Of Morpheus steht für die Gegenbewegung des Stonerrock zum Mainstream. Dies äussert sich durch die Vorliebe zur LP, das mühsam von Hand Erspielen eines Publikums und das Beibehalten des einzig waren Ziels: Gitarren einstöpseln und Jammen! Ebenfalls auf grossen Bühnen, wo man sich das Equipment halt dementsprechend nah zusammenstellt, um das Bandraumfeeling nicht zu verlieren. Ambitionen, wie Rockstars zu werden, hat das Trio nicht. Ein treues Publikum und der Aufwand soll nicht umsonst sein, so die Zielsetzung. Und doch glänzen Manuel Bissigs Augen, dass sie an einem Stonerfestival zusammen mit Radio Moscow auf dem Lineup stehen. Man kann gespannt sein, was man von den drei Herren noch hören und was für Entwicklungen ihre Musik noch durchmachen wird. Was sicher schon mal klar ist: Ein Auftritt von Sons Of Morpheus funktioniert ausgezeichnet als Einstiegsdroge zum Stonerrock!

SONS OF MORPHEUS Nemesis Deep Dive ds. Die selbsternannte n Söhne Morpheus` bringen mit „Nemesis“ ihr zweites Studioalbum auf den Markt. Wer denkt, mit dem Zweitling handle es sich lediglich um einen Nachzügler des Debutalbums hat sich geschnitten. „Nemesis“ ist für sich stehend, solide im Songwriting und weit düsterer als der Vorgänger. Mit „Black Knights“ startet das Werk und lässt schon mal die Vermutung offen, ob die an Deep Purple angelehnte Songbetitelung ein Zufall ist oder nicht. Der Titel überzeugt schon durch das energiegeladene Tempo des Shuffles und die Anleihen bei den grossen Helden des 70er-Rocks, wogegen der zweite Titel „Down“ sich sehr stark am typischen Stoner der Gegenwart orientiert. „Road To Nowhere“, die erste Singleauskopplung, gibt einen schönen Kontrast zu den anderen 10 Titeln des Albums. Dieser wurde als Akkustiksong komponiert und auf die Band übertragen, was sich auf die gesamte Songstruktur und das Live–Gefühl beim Hören auswirkt. Mit Songs wie „Road To Nowhere“, „Cage“ oder „Amanita Muscaria“ zeigt sich die im Laufe der Zeit gewachsene düstere Ader des Trios. Man hört in den Songs Merkmale von Bands wie Kyuss, Royal Blood und diversen Bands der 70er, was der Qualität der einzelnen Songs allerdings in keiner Weise schadet. Sons Of Morpheus haben mit „Nemesis“ ein Album hervorgebracht, welches für Stonerfans sowie für herkömmliche Rockmusikliebhaber ein Muss ist.

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DVD/BluRay NEW MODEL ARMY Between Dog And Wolf The NMA Story Ear Music

BLUE CHEER Live At Rockpalast 2008 MIG hh. Das im Januar 1968 veröffentlichtes Debüt-Album, „Vincebus Eruptum“ hatte mit der BlumenkinderBewegung nicht viel mehr gemein als denselben Wohnsitz. Von Bassist und Sänger Richard Allan „Dickie“ Peterson 1967 ins Leben gerufen, war die ursprünglich aus sechs Mitgliedern zusammengesetzte Gruppe schon bald auf ein Power-Trio, bestehend aus Schlagzeuger Paul Whaley und Gitarrist Leigh Stephens, geschrumpft. Stilistisch fühlte sich die Band dem rauen Blues und Rock'n'Roll verpflichtet, den sie in ohrenbetäubender Lautstärke so urgewaltig inszenierten, wie bis dato niemand zuvor und gelten als die Urväter des Heavy Metal. Nach zwei Alben aus dem Jahr 1968 („Vincebus Eruptum“, „InsideOutside“) und einem Hit (Remake von Eddie Cochran's „Summertime Blues“) änderte Dickie Peterson das Band-Line-Up und präsentierte moderatere Sounds. Das wurde von den Fans allerdings nicht besonders goutiert und nach vier weiteren Alben verordneten sich Peterson und Whaley Anfangs der 70er eine dreizehnjährige Pause. In den 80ern reformierten sich Blue Cheer in Trio Besetzung und veröffentlichten zwei Alben. Aber erst mit dem 1990 neu zur Band gestossenen Gitarristen Andrew „Duck“ MacDonald nahm die Band wieder richtig Fahrt auf und besann sich musikalisch auf ihre stilprägenden Anfangszeiten, was besonders auf dem von Kritikern hochgelobten 2007er Album „What Doesn't Kill You“ zu hören ist. Der am 11. April 2008 in der Bonner Harmonie aufgezeichnete Rockpalast gibt davon ein eindrückliches Zeugnis: Vom Blues-beseelten Mose-Allison-Cover „Parchment Farm“ des DebütAlbums und dem Albert-King-Titel „The Hunter“ vom zweiten Album „Outsideinside“ über das krachende Neumaterial von „What Doesn't Kill You...“ („I'm Gonna Get To You“, „Rollin' Dem Bones“) bis hin zu – natürlich - „Summertime Blues“ und „Just A Little Bit“ brillieren Blue Cheer in Bonn als donnerndes Dreigestirn. Ein historischer Auftritt, denn gut anderthalb Jahre später erliegt Dickie Peterson am 12. Oktober 2009 in seiner Wahlheimat Deutschland im Alter von 63 Jahren seinem Krebsleiden und besiegelt damit das Ende von Blue Cheer.

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hh. Seit Gründung 1980 hat die Band zahlreiche Besetzungswechsel durchlebt, einzige Konstante ist Bandchef/Gitarrist /Sänger Justin Sullivan. Ohne dass NMA den grossen Durchbruch geschafft haben, eroberten sich die Briten doch weltweit eine eingeschworene Fangemeinde. Der musikalische Mix aus Punk, Folk und hartem Rock, der die engagierten, politischen Texte von Sullivan transportiert, sowie das Image des Frontmanns als grundehrlicher, unbeugsamer Kämpfer für Minderheiten und Zukurzgekommene sorgen dafür, dass die Band auch 37 Jahre nach Gründung eine der wichtigsten britischen Rockgruppen (geblieben) ist. Auf der vorliegenden DVD/BluRay wird die Geschichte dieser einzigartigen Band dokumentiert. Viele Wegbegleiter, wie u.a. der legendäre Produzent Glyn Johns (u.a. Beatles, Rolling Stones, The Who), Ricky Warwick oder Campino, wie natürlich Justin Sullivan selbst und auch ehemalige und aktuelle Bandmitglieder kommen zu Wort und erzählen teils humorvolle, teils tragische Geschichten aus der langen NMA-Karriere. In der Gesamtlaufzeit von über zweieinhalb Stunden (inkl. Bonus Teil) bekommt der Betrachter einen umfassenden und intimen Einblick in diese legendäre Band und wie sie funktioniert und erfährt gleichzeitig vieles über die britische Musikszene an sich. Einziger Abstrich an dieser spannenden und sehr gut gemachten Dokumentation ist, dass musikalische Darbietungen der Band relativ stiefmütterlich behandelt werden. Ein paar mehr LiveSequenzen wären sicherlich das Sahnehäubchen gewesen.

ROY ORBISON Black & White Night 30 Legacy Sage und schreibe 30 Jahre sind seit Roy Orbisons TV-ComebackShow »A Black And White Night« vergangen. Passend zu diesem Jubiläum erscheint der legendäre Konzertmitschnitt 2017 erneut, und zwar in Bild und Ton. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1987 und zeigen die USamerikanische Country- und Rocklegende live auf der Bühne des Cocoanut Grove Nachtclubs in Los

Angeles. Neben Orbison selbst standen zahlreiche prominente Gäste mit ihm auf der Bühne, darunter Bruce Springsteen, Tom Waits, Jackson Browne, T Bone Burnett, Elvis Costello, K. D. Lang, Bonnie Raitt, J. D. Souther und Jennifer Warnes. Das Konzert wurde mit sieben separaten Kameras aufgenommen. Dabei entstanden hunderte Stunden Material, von denen viele bislang nicht gesichtet wurden. Für die Neuauflage auf CD und DVD bzw. Blu-ray nahm sich Roys jüngster Sohn Alex erneut der Aufnahmen an, um sie gemeinsam mit Co-Editor Luke Chalk wieder in die ursprüngliche Reihenfolge zu bringen. Alle Tracks wurden zudem von Richard Dodd remastert. Neben dem Konzert gibt es auf »Black & White Night 30« außerdem die Aufnahme einer Secret-Show, die Orbison und seine Band im Anschluss an das offizielle Konzert spielten. Weiterhin wartet eine 33-minütige Dokumentation mit raren Aufnahmen und Interviews, zum Beispiel mit Springsteen und Costello. Last but not least enthalten die BonusFeatures einige bislang unveröffentlichte Versionen von OrbisonSongs, darunter auch der Hit »Oh Pretty Woman«.(Quelle: jpc schallplatten)

FRONTM3N An Acoustic Evening Live In Berlin (DVD + CD) Stuff Music Records hef. The Hollies, The Sweet und 10cc auf einem neuen LiveAlbum vereint? Schön wärs. Was da unter Frontm3n läuft, ist zwar kein Betrug. Nur: Keiner der drei Musiker des Trios – Peter Howarth – The Hollies, Pete Lincoln – The Sweet und Mick Wilson – 10cc – spielte in einer der Originalformationen der hier aufgeführten drei Bands mit. Trotzdem ist diese Musik so schön gespielt, als ob die drei Bands noch immer unterwegs wären. Und zwar so zart akustisch gespielt und mehrstimmig gesungen, als ob die OriginalHerren, einfach fast fünfzig Jahre später, im hohen Alter, noch unterwegs wären. Aber mein weiss ja: Brian Connolly und Mick Tucker, Sänger und Drummer von The Sweet, haben längst das Zeitliche gesegnet. Die SweetSongs "CoCo/Poppa Joe" sind auch so akustisch höchst stimmungs- und druckvoll. Das


DVD/BluRay trifft auf praktisch alle der 13 Songs auf der CD zu. Ebenso auf die 23 Songs der DVD. Singen können die Herren, arrangieren ebenso. Es ist eine nostalgische Reise in die Vergangenheit, mit angezogener Handbremse zwar, aber nicht minder interessant. Für Nostalgiker wie auch für all jene geeignet, die sich mal wieder super Songs reinziehen wollen. Klassiker wie "Ballroom Blitz", "I'm Not In Love", "Bus Stop", "The Air That I Breeze" oder "I Got It", um nur einige zu nennen.

BLUES CARAVAN 2016 Blue Sisters In Concert Ruf Records

hh. Die Blues Caravan Serie vom deut-schen kleinen aber feinen Blueslabel Ruf Records gehört seit Jahren zu den festen Grössen im europäischen Live-Zirkus und ist bei den Bluesfans überaus beliebt. Zu recht, muss man sagen, denn Ruf Records Künstler stehen für hohe Qualität. Die letztjährige Blues Caravan Tour präsentierte die drei Ladies Ina Forsman, Tasha Taylor und Layla Zoe unter dem Sammelbegriff „Blue Sisters On Tour“. Von ihrem Schweizer Konzert im Monti, Frick hatten wir im TRACKS 3 16 bereits einen ausführlichen Live-Bericht, dem an dieser Stelle eigentlich nichts hinzuzufügen ist (nachzulesen unter www.tracks-magazin.ch im Archiv). Deshalb nur ein kurzes Resumee: Alle drei Ladies boten tolle Auftritte, wobei die junge Finnin Ina Forsman mit den herausragenden Songs ihres Albums „Ina Forsman“ klar der Star des Abends war. Diese Songs funktionierten auch in der hier vorgetragenen, reduzierten Art hervorragend, wirkten sogar noch wesentlich intimer und berührender. Gäbe es eine Rangliste zu verkünden, stände Tash Taylor, die Tochter des Soulstars Johnny Taylor, mit ihrem soulgetränkten Blues und Funk an zweiter Stelle. Die

Kanadierin Layla Zoe war zwar die rockigste Lady in diesem Verbund, begeisterte ebenfalls die Besucher, hinsichtlich Originalität und Ausstrahlung muss sie aber hinter ihren beiden anderen Blue Sisters zurückstehen. Aber das Sahnehäubchen der ganzen Show war die fantastische Band bestehend aus Gitarrist Davide Floreno, Bassist Walter Latupeirissa und Drummer Markku Reinikainen. Dieses Trio faszinierte mit seiner aufs Minimum reduzierten, zurückhaltenden und höchst gefühlvollen Spielweise bei maximalem Groove. Und wie von allen Blues Caravan Tourneen liegt nun auch von dieser 2016er Ausgabe ein mitgeschnittenes Konzert der Tour als DVD/CD vor, mit der man das Erlebte zuhause in bester Bild- und Tonqualität noch einmal erleben kann. Darauf werden die meisten derjenigen, die live dabei waren, nicht verzichten. Und allen anderen sei „Blue Sisters in Concert“ dringend empfohlen.

PAT TRAVERS Live At Rockpalast 1976 (DVD/CD) MIG

hh. 22 Jahre alt war der kanadische Gitarrist, als er in den damals noch sehr jungen Rockpalast nach Köln eingeladen wurde. Pat Travers war vor nicht allzu langer Zeit, noch nicht mal 20-jährig, von Toronto nach London umgezogen. In Toronto hatte der Gitarrist bereits seit einigen Jahren mit seinem harten Bluesrock die Clubs gerockt, konnte jedoch keinen Plattendeal an Land ziehen. Das änderte sich schlagartig nach seinem Umzug in die englische Hauptstadt, wo er direkt einen Major-Deal ergattern konnte. Im Fühjahr 1976 erschien sein schlicht „Pat Travers“ betiteltes Debüt, das er in Triobesetzung mit Bassist Peter „Mars“ Cowling und Drummer Roy Dyke einspielte. Dyke wurde kurz darauf vom späteren Iron

Maiden-Trommler Nicko McBrain abgelöst, der auch den hier aufgezeichneten Rockpalast-Gig bestritt. Gut eine Stunde wahrlich schweisstreibender und feuriger Bluesrock mit Härtegrad 10 wurde hier auf DVD verewigt. Travers, der später für eine Zeitlang zu einem Megastar in den USA aufsteigen wird, zeigt schon hier, welche Qualitäten er als Gitarrist liefern kann. Obwohl in Trio-Besetzung klingt die ganze Band fett und überaus druckvoll, was in erster Linie dem tighten und mächtig groovenden Zusammenspiel von Cowling und McBrain geschuldet ist. Die hier enthaltenen 11 Songs inkl. 2 Covers „Statesboro Blues“ und „Boom Boom“ (zählt bis heute zum Live Repertoire von Pat Travers) sorgen auch heute noch ausnahmslos für Begeisterung, auch wenn man die Publikumsreaktionen dort im Studio nicht so richtig mitbekommt. Das war in den 70ern allerdings keine Seltenheit, denn damals sass man auch bei Rock-TV-

Aufzeichnungen im Studio noch überwiegend gesittet auf seinem Platz und hörte zu. Bild und Ton sind gut, auch die Kameraführung entspricht den damaligen Standards und kommt mit relativ wenigen Schnitten aus. Tolle Sache, dieses Travers-Konzert – zeitlos gut trotz des stolzen Alters von 40 Jahren. Gehört in jede anständige (Blues-)RockSammlung.


ReReleases, Best Of, Tributes

MUSIK zum LESEN ERNST JORGENSEN

CREAM Fresh Cream (Box Set 4 CDs) Polydor/Universal

ELVIS - A LIFE IN MUSIC Cosoc Grand Palace Publishing

bf. Jorgensens Mammutwerk „Elvis Presley: A Life in Music“ schon ein paar Montage auf dem Buckel. Das Buch erschien nämlich bereits 1998 in erster Auflage. Jetzt ist das Werk aber erstmals in deutscher Sprache erhältlich – vollständig aktualisiert und überarbeitet. Ein Paradies für Elvis-Nerds. bf. Im Elvis-Kosmos ist Ernst Jorgensen nicht irgendwer. Der Produzent und Katalogexperte ist seit gut 20 Jahren dafür verantwortlich, das Elvis-Junkies weiter ihren Stoff bekommen. Viele Elvis-Box-Sets, die er für die Plattenfirma RCA koproduzierte, wurden für den Grammy nominiert, seine Follow-That-DreamLiebhaber-Serie, die regelmäßige Wiederveröffentlichungen beinhaltet, erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Allerdings fummelt der Mann nicht nur irgendwelche Kompilationen aus veröffentlichtem oder unveröffentlichtem Elvis-Material zusammen, sondern überzeugt auch immer wieder mit detailverliebten und überaus lesenswerten Buchveröffentlichungen. Eines dieser Werke war 1998 eben „Elvis Presley: A Life in Music“. Hier beleuchtet Jorgensen jede Minute, die Presley Zeit seines viel zu kurzen Lebens im Aufnahmestudio verbracht hat: von seinen ersten unbeholfenen Aufnahmeversuchen bis hin zu den mal mehr, mal weniger kreativen Phasen seiner späteren Karriere. Es gibt Background-Infos zu allen beteiligten Musikern und Songwritern sowie Einblicke hinter die Kulissen von Proben, Konzerten und TV-Auftritten. Als Leser ist man da mittendrin statt nur dabei, vor allem, wenn Elvis' Stimmungsbild nachgezeichnet wird. Doof nur, dass dieses lesenswerte Nachschlagewerk bislang nicht auf Deutsch erhältlich war. Das ändert sich nun mit der vorliegenden Ausgabe. Der gute Ernst hat sich damit einverstanden erklärt, dass ElvisExperte Helmut Radermacher, seinerzeit Gründer der Elvis-Presley-Gesellschaft, das Buch auf den neusten Stand bringt. Sprich: Radermacher hat Fehler aus der Originalausgabe korrigiert, neue Erkenntnisse einfließen lassen, das Layout verbessert und den Diskografie-Teil auf den Stand Ende 2015 aktualisiert. Dabei ist ihm Übersetzer Michael Widemann zur Hand gegangen, der bereits die beiden Elvis-Biografien von Peter Guralnick („Last Train To Memphis“ und „Careless Love“) dem deutschen Leser zugänglich machte. Der Mann hat auch hier wieder gute Arbeit geleistet. Ein Meilenstein in der Elvis-Forschung.

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hh. In der nur gut zwei Jahre dauernden Existenz der ersten sogenannten Supergruppe erschuf sich das britische Trio einen bis heute andauernden legendären Ruf. Speziell Eric Clapton, aber auch seine Mitstreiter Bassist Jack Bruce und Drummer Ginger Baker wurden Mitte der 60er geradezu als Heilige verehrt. Ihr musikalischer Mix aus Blues, Jazz-Elementen, Psychedelic und hartem Rock, der (besonders live) in ausufernden Improvisationen dargeboten wurde, war bahnbrechend und wegweisend. Ein gewichtiger Grund dafür war die herausragende Klasse und musikalische Vielfalt der drei Musiker, die sich nur für kurze Zeit unter einen gemeinsamen Hut bringen liess. So gross wie die individuelle Qualität der Musiker war auch ihr Ego, was schnell zu heftigen Reibereien innerhalb der Band führte. Besonders Ginger Baker galt als gefährlicher Choleriker mit einer extrem kurzen Zündschnur, der seinen Argumenten gerne und oft mit den Fäusten Nachdruck verlieh. Darunter hatte besonders Jack Bruce zu leiden, der immer öfter das Ziel von Baker's Attacken und brutalen Spässen wurde. Aber wahrscheinlich waren diese Zutaten genau die Gewürze, um dieses explosive und schillernde Gebräu zum Kochen zu bringen. „Fresh Cream“ war der erste Output des Trios. Neben den beiden Klassikern „N.S.U.“ und „I'm So Glad“ gab es ein paar „vercreamte“ Bluesstandards und ein Drum-Solo. Dass die Band noch dabei war, einen eigenen Stil zu finden, ist auf dem DebütAlbum deutlich hörbar. Nichtsdestoweniger ist und bleibt „Fresh Cream“ ein höchst eigenständiger und prägender Rockklassiker, der in keiner ernsthaften Plattensammlung fehlt. Die Wiederveröffentlichung dieses Klassiker in der hier vorliegenden Box Set Form lässt bei den Fans wahrlich keine Wünsche offen. Opulent ausgestattet mit vier CDs und einem 64-seitigen Booklet (mit vielen raren und bislang unveröffentlichten Fotos) bekommt man das Debüt-Album in remasterter Version als Mono- und Stereo Mix und die US-Ausgabe von „Fresh Cream“ als BluRay in 24/96 High Resolutin. Ausserdem jede Menge StudioOuttakes, Demo Versionen und bislang unveröffentlichte alternative Songversionen. Dazu einige Live-Mitschnitte der BBC inkl. „I Feel Free“, der erste grosse Hit, der auf dem originalen „Fresh Cream“-Album nicht enthalten war. Eine mehr als lohnende Anschaffung! Es ist zu hoffen, dass es auch von den beiden folgenden Cream Alben „Disraeli Gears“ (1967) und „Wheels of Fire“ (1968), die in der Band-Historie die musikalisch wesentlich wichtigeren sind, bald ähnlich üppig ausgestattete ReReleases im Box Set Format geben wird.


ReReleases, Best Of, Tributes

VARIOUS ARTISTS The Early Motown EPs-Box Vol. 2 Tamla Motown/Universal

hh. Vor knapp zwei Jahren erschien die erste „The Early Motown EP Box“, jetzt folgt Teil 2. Und nochmals zur Erklärung für alle spät geborenen, die Vinyl-Releases lediglich mit Langspielplatten in Verbindung bringen. Früher gab es auch Vinyl-Singles und deren grosse Schwester hiess EP. Das waren sozusagen Mini-Langspielplatten, die vier Songs enthielten und wie Singles mit 45 rpm abgespielt wurden. In den 60ern waren diese EPs in England sehr erfolgreich und erlebten zwischen Mitte 70er und Anfang 80er während der Punk/New Wave-Zeit eine Renaissance. Heute zählen die Original-EPs zu den begehrten Sammlerobjekten. In der hier vorliegenden, limitierten Box sind wieder sieben EPs der Tamla Motown Stars aus den Mid-60ern enthalten. Dabei handelt es sich um je 4 Songs inkl. dem seinerzeit aktuellen Hit von THE CONTOURS („Can You Jerk With Me“), THE MARVELETTES (Too Many Fish In The Sea“), THE TEMPTATIONS („My Girl“), KIM WESTON („A Little More Love“), STEVIE WONDER („Fingertips“), MARY WELLS („My

CHILLI WILLI AND THE RED HOT PEPPERS Real Sharp – A Thrilling Two CD Anthology Proper Records rp. Chilli Willi And The Red Hot Peppers entwickelten sich anfangs der 1970er Jahre aus dem englischen Folk-Rock-Duo Martin Stone (Savoy Brown, The Action, Mighty Baby) und Phil «Snakefinger» Lithman (The Residents). Beide hatten bereits zu Beginn der 1960er Jahre in der Junior's Blues Band gespielt. Stone und Lithman verloren sich danach aus den Augen, weil letzterer nach San Francisco zog, um mit den Residents zu arbeiten. Seinen Spitznamen soll Lithman ebenfalls von den geheimnisumwitterten Residents (Es ist nicht offiziell bekannt, wer hinter dieser seit 1969

Guy“) und THE SUPREMES („Where Did Our Love Go“). Die Cover der Wiederveröffentlichungen sind identisch mit den Originalen und selbstverständlich kommen alle EPs in MonoVersionen. Das Box-Set ist auf 2000 Stück limitiert, individuell nummeriert und ein Bon zum Download als MP3 Version ist beigefügt. Für Historiker und Fans des frühen Motown-Rhythm'n'Blues ist diese Box nicht nur musikalisch essentiell, denn die OriginalEPs dürften wohl kaum noch in passabler Qualität aufzutreiben sein.

bestehenden Band steckt) erhalten haben. Mit Chilli Willi And The Red Hot Peppers veröffentlichte der Ausnahmegitarrist Lithman, der 1987 verstarb, in den gut vier Jahren ihres Bestehens zwei Alben: «Kings Of The Robot Rhythm» (1972) und «Bongos Over Balham» (1974). Beide waren nicht sonderlich erfolgreich, dürfen aber ungeniert in die Kategorie der herausragenden Exponate der englischen Pub-Rock-Szene (Diese Bezeichnung verschleiert wunderbar, dass Pub-Rock musikalisch schwer einzuordnen ist.) eingereiht werden. Brinsley Schwarz, Nick Lowe (Brinsley Schwarz, Solo) und Bob Andrews (Brinsely Schwarz, Rumor), die ebenso im Pub-Rock zuhause sind, hatten übrigens alle auf Debüt von Chilli Willi And The Red Hot Peppers mitgewirkt. Besagtes Album, das hier erstmals direkt von den Original Mastertapes stammt, bezog seine Inspiration zu einem grossen Teil aus der amerikanischen Country- und CountryRock-Szene. Bands wie Poco, Flying Burrito Brothers, Nitty Gritty Dirt Band und zuweilen auch Little Feat kommen einem in den Sinn. Lithman und Stone waren aber

auch offen für einfache Folk-Nummern und Blues angehauchte Songs. Auf CD 1 der Anthology «Real Sharp – A Thrilling Two CD Anthology» finden sich zudem zehn Demos und die leider nie veröffentlichte Single «Friday Song» (wirkliche tolle Nummer). Unter den Demos hat es auch fünf Songs (n.a. «Truck Drivin Girl» und «We Get Along»), die von Mike Nesmith (The Monkees) produziert wurden, der aber, wahrscheinlich wegen eines Argumentes, vorzeitig das Handtuch warf. Gerade die Demos zeigen eine vielschichtige Band, die neben Country auch Ausflüge in den Jazz, Westcoast, Doo Wop, Blues und Pop wagt. Die zweite CD enthält neben ihrem zweiten und letzten Album «Bongos Over Balham» weitere Demos, einen ausgemusterten AlbumSong und Live-Tracks. Einmal mehr zeigt sich, wie vielschichtig Chilli Willi And The Red Hot Peppers waren. Und die LiveTracks lassen erahnen, wie gut die Band live war. Die 1975 aufgelösten Chilli Willi And The Red Hot Peppers gaben in ihrer relativ kurzen Existenz beachtliche 400 Konzerte.

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ReReleases, Best Of, Tributes

MEAL TICKET The Albums Lemon Records

rp. Die englischen Meal Ticket haben ihren Ursprung (und eine Zeitlang auch ihre Basis) im Westlondoner Pub Red Lion. Das Sextett um Rick Jones (kanadischer Schauspieler), Willy Finlayson (Writing On The Wall, Bees Make Honey), Steve Simpson (Ronnie Lane, Graeme Edge), Ray Flacke, Jack Brand und

Chris Hunt war aber zu spät für die PubRock-Bewegung. Das erste ihrer drei Alben («Code Of The Road») erschien 1977. Die anderen beiden, «Three Times A Day» (1977) und «Take Away» (1978) kurz darauf. Wiederveröffentlicht wurde 1989 bis jetzt erst ihr drittes Werk. Das beste Album ist aber klar ihr Debüt «Code Of The Road», das im April 1977 erschien. Besagtes Werk ist ein ähnlich unentdecktes Juwel wie das selbstbetitelte Album von Morning (1972) oder Country's ebenfalls selbstbetiteltes Debüt von 1971. Songs wie «Out Of The Blue», «Keeping The Faith», «Last One To Know», «The Man From Mexico», «Golden Girl» oder der Titeltrack sind zeitlose Klassiker voller Schönheit und Eleganz. Country angehauchter Rock mit wunderbarem Harmoniegesang. Man stellte Meal Ticket in die Ecke von Bands wie Eagles oder The Band, was nicht unbegründet ist. Dass «Code Of The Road» gerade in der Blüte des Punks erschien, war nicht unbedingt optimal. Trotzdem bekam das Werk einige positive Besprechungen. Das zweite Album «Three Times A Day» erschien sehr schnell darauf, bereits Ende

1977. Da die Songs auf «Code Of The Road» bereits eine Weile vor ihrer Veröffentlichung entstanden und Live erprobten waren, ist anzunehmen, dass hinter der schnellen Veröffentlichung kein Druck seitens der Plattenfirma stand. «Three Times A day» reicht nicht an das Debüt heran, enthält aber mit Songs wie «This Could Be The Town», «Oh Sister» oder «I Wish I Wish» ein paar feine Nummern. Für ihr letztes Album «Take Away» gab es grosse personelle Wechsel. Jack Brand, Ray Flacke, Chris Hunt gingen. Es kamen Alan Coulter & Rod Demick. Aus dem Sextett wurde ein Quintett. «Take Away» enthielt neben 7 Original-Songs auch 3 Coverversionen (The Band, Mike Heron, Barry Richardson) und zwei Livesongs (einer war «Boogie Queen» aus Willy Finlayson's Zeit mit Bees Make Honey). Nicht lange nach der Veröffentlichung von «Take Away» löste sich Meal Ticket auf. Interessante Fussnote: Meal Tickets Song «You Better Believe It, Babe», der auf keinem ihrer Alben zu finden ist, wurde anfangs der 1980er Jahre Titelsong der BBC-DramaSerie «The Flipside Of Dominic Hide».

NOISE RECORDS BEST OFS GRAVE DIGGER – Let Your Heads Roll -The Very Best Of The Noise Years 1984-1987 HELLOWEEN – Ride The Sky – The Very Best Of 1985-1998 KAMELOT – Where I Reign – The Very Best Of The Noise Years 1995-2003 KREATOR – Love Us Or Hate Us – The Very Best Of The Noise Years 1985-1992 RUNNING WILD –Riding The Storm – The Very Best Of The Noise Years 1983-1995 SINNER – No Place In Heaven – The Very Best Of The Noise Years 1984-1987 SKYCLAD – A Bellyful Of Emptiness – The Very Best Of The Noise Years 1991 – 1995 TANKARD – Oldies & Goldies – The Very Best Of The Noise Years 1986-1995 Noise / BMG lg. BMG bringen in diesem Jahr Noise Records wieder auf den Markt, nachdem sie Sanctuary Records als Mutterfirma von Noise erworben haben. Bevor einzelne Titel aus dem reichen Fundus dieses in den 80er und früher 90er-Jahren prägenden Labels wieder erhältlich gemacht werden (man denke da nur an Celtic Frost, Coroner, Helloween, Kreator, Running Wild, Tankard oder Voivod) kommen erstmals 2 CD Best-Ofs einiger ausgesuchter Bands heraus. Das von Karl-Ulrich Walterbach, der musikalisch in der Punk-Szene Berlins sozialisiert wurde, ins Leben gerufene Label konnte viele Duftmarken setzten und es entsprangen viele Klassiker aus dem Stall von Noise Records. Noise Records kann in seinen frühen Tagen als wichtiger Stützpfeiler des europäischen Metals bezeichnet werden, der damals förmlich explodierte. Auch nahm Noise eine wichtige Vorreiterrolle für Stilrichtungen wie Death Metal (Hellhammer, Celtic Frost), melodischer Power-Metal (Helloween) sowie Thrash Metal (Kreator und Tankard) wahr. Andere Bands wie Voivod, Coroner, Mordred oder Watchtower (eine der progressivsten Metal-Bands überhaupt) sprengten viele Grenzen und sind nach wie vor sehr wichtig für das Selbstverständnis und den Facettenreichtum des Heavy Metals. Allerdings waren die Hamburger von Helloween in finanzieller Hinsicht der Anker für Noise Records. Mit “Keeper of the Seven Keys” (Part I und II)

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wurden einige Rekorde gesprengt. Dicht dahinter folgten Running Wild, das mit ihrem Piraten Metal um Mastermind Rock'n'Rolf grosse Erfolge einfahren konnten. 2001 wurde das Label verkauft und fristete unter der Ägide von Sanctuary Records eher ein Schattendasein. Nun erwacht die Noise Records Maschine zu neuem Leben und das ist gut so. So werden vor allem jüngeren Fans diese tollen und bahnbrechenden Acts nähergebracht. Die hier vorliegenden Best-Ofs wurden – bis auf Ausnahme von Grave Digger und Skyclad – in Zusammenarbeit mit den Bands gemacht und sind mit interessanten Liner-Notes versehen. Stilistisch ist von der besten europäischen Thrash-Metal Band Kreator über die Frankfurter Bierkönige Tankard, dann weiter über traditionellere deutsche Champions-League Heavy Metal-Kost (Helloween, Running Wild, Grave Digger) und den Hard-Rock angehauchten Sinner bis zu den melodischen Power-Metallern von Kamelot (aus Florida) und den Erfindern des British-Folk Metal Skyclad (um den früheren Sabbat-Sänger Martin Walkyier). Leider ist bei gewissen Bands die Auswahl etwas seltsam geraten wie zum Beispiel bei der zweiten CD von Running Wild oder aufgrund der Tatsache, dass mal Tracks von EPs verwendet wurden (Running Wild) und mal nicht (Kreator). Alles in allem sind diese acht Best Of-Scheiben vor allem für Einsteiger interessant, die die betreffenden Bands nicht sehr gut kennen.


ReReleases, Best Of, Tributes

MORTIMER On Our Way Home Cherry Red Records

rp. Mortimer waren nah dran, sehr nah dran. Ihr behutsamer Folk- und Softpop war (und ist) charmant, überaus harmonisch und hitverdächtig. Das hatte auch George Harrison von den Beatles gemerkt, der das US-Trio Ende der 1960er Jahre auf Beatles-Label Apple Records holte. Verantwortlich dafür war Mortimers superbes Debüt von 1967, das Glanzlichter wie «Dedicated Music Man», «Would You Believe» (mit einem Schuss Psychedelic), «Take Your Troubles» oder «Waiting For Someone» enthielt. Doch die Dinge liefen nicht so wie eigentlich hätten laufen müssen. Kurz vor der Veröffentlichung 1969 der für

das Label eingespielten zweiten LP verliessen alle Supporter von Mortimer Apple Records. Die LP wurde eingelagert und harrte bis heute einer Veröffentlichung. Mortimer lösten sich 1970 auf. Einzig Guy Masson machte danach noch als Musiker für Van Morrison («Moondance») von sich reden. Zwei (Tom Smith und Guy Masson) der drei Mitglieder verstarben in den letzten Jahren. Die längst fällige Wiederveröffentlichung des Albums wurde mit vier Bonustracks ergänzt. Eröffnet wird das Album mit der McCartney-Lennon-Nummer «On Our Way Home», das die Beatles später als «Two Of Us» veröffentlichten: Sonniger, mehrstimmiger Folk-Pop. Die darauf folgende Eigenkomposition «I Didn't Know» wurde hingegen grosszügig, u.a. mit Burt Bacharach mässigen Bläsern, orchestriert. In «You Do Too» integriert das Trio psychedelische Elemente. Einen Song weiter, bei «Dolly», zeigt ich das Trio von seiner nachdenklichen (Folk)-Seite. Und etwas später, im Song «No Business Being Here», nähert sich die Band auch noch Bob Dylan und den Stones an. «On Our Way Home»

ist vielschichtiger ausgefallen, als das Debüt von 1967, das übrigens 2006 wiederveröffentlicht wurde. Es zeigt eine vielseitige Band mit Potential für mehr. Leider sind dem, wieder einmal, markttechnische Überlegungen in den Weg gekommen.

JACK LEE Bigger Than Life Anthology Alive Naturalsound Records

rp. Jack Lee teilt das gleiche Schicksal mit Townes Van Zandt, Dan Penn, Robert Hazard (Cindy Lauper) oder einem Albert Hammond. Seine Songs sind bekannter als er selbst. Bands und Künstler wie Blondie, Suzy Quatro, Cat Power oder ein Paul Young haben die Songs des aus

San Francisco stammenden Lee zu Ehren geführt. Wenigstens hat Jack Lee als Mitglied der Nerves (mit Paul Collins und Peter Case) einen legendären Status innerhalb der Power-Pop-Szene erlangt. Nachzuhören auf der fantastischen Compilation «One Way Ticket» aus dem Jahre 2008. «Bigger Than Life – Anthology» vereint zum ersten Mal Lees Materials aus den Jahren 1981 bis 1985 auf einer CD. Neben Songs aus der LP «Jack Lee's Greatest Hits, Vol. 1» (1981) ist auch Material von seinem selbstbetitelten Album von 1985 enthalten, insgesamt 23 Songs. Beide LPs sind nur schwer erhältlich. Es ist erfrischend und interessant die teils doch ziemlichen rauen Originalversion von Songs wie «Hanging On the Telephone», «Paper Dolls» oder «Come Back And Stay» zu hören.


LIVE REVIEWS

KROKUS, GOTTHARD, SHAKRA 3. März 2017 Bern – Expohalle 4.01

Foto: Ian Keates

mv. Darauf hatten die Schweizer Rockfans seit Jahren gewartet. Die drei ganz grossen Schweizer Rockbands Shakra, Krokus und Gotthard teilen sich für zwei Abende die Bühne (früher wären da wohl eher China statt Shakra aufgeführt gewesen, aber jetzt im 2017 haben sich Shakra diesen Posten schon längst redlich verdient). Jedenfalls stiessen die zwei Events, einer in Bern und einer in Zürich, auf riesiges Publikumsinteresse. So waren beide Abende komplett ausverkauft. Nicht schlecht, immerhin fasst die Expohalle in Bern ca. 8‘000 Fans. Zu Recht wollte sich niemand dieses spezielle Ereignis entgehen lassen. Als erste Band des Abends kamen die Emmentaler Rocker Shakra auf die Bühne. Man merkte der Band von Beginn weg an, dass sie sich selber wahnsinnig darüber freuten, an diesem Abend mit dabei zu sein. Und nach dem fetzigen, perfekt passenden Opener „Hello“ war auch sofort klar, dass Shakra heute Abend nur gewinnen konnten. Die Band war sehr agil, lieferte fette Riffs, eingängige Rocksongs und viel Spielfreude. Bereits nach kürzester Zeit hatte die Band das Publikum auf seine Seite gebracht. Das lag einerseits an klasse Stücken wie „High Noon“, „Life Is Now“ oder „Rising High“, aber auch an der sehr sympathischen Art von Thom Blunier und seiner Mannschaft. Mit nur 30 Minuten war das Set enorm kurz ausgefallen und Shakra hätten definitiv 45 Minuten verdient gehabt. Als nächstes waren die Schweizer Urgesteine von Krokus an der Reihe. Und diese zeigten von Beginn weg, wie eine echte Rockshow auszusehen hat. Ein Augenschmaus von einer Bühne (riesiges, cooles Backdrop, dazu unzählige Marshall-Stacks) und viele Pyros von Anfang an, so muss das sein. Der Einstieg mit „Long Stick Goes Boom“ und „American Woman“ sorgte auch gleich musikalisch für ein ordentliches Backflash. Und die ewig jung gebliebenen Rocker um Szene-Ikone Chris von Rohr demonstrierten auch gleich nachhaltig, dass Rock’n’Roll kein

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Verfalldatum hat. Sänger Marc Storace sang absolut kraftvoll und zeigte mit Chris von Rohr und Fernando von Arb enorm viel Spielfreude und Herzblut. So liessen es sich die alten Herren auch nicht nehmen, ihre Lieblingscovers zu spielen, obwohl ihre gerade erschienene Coverscheibe „Big Rocks“ einiges an Kritik ertragen musste und die Band ja eigentlich mehr als genug eigene Hits im Repertoire gehabt hätte. Aber gerade „Rockin‘ In The Free World“ funktionierte hervorragend live und brachte super Stimmung in die Halle. Als Krokus-Fan genoss man vor allem die Hits „Tokyo Nights“, „Heatstrokes“ und „Easy Rocker“, welche dank dem Gitarrentrio um Mandy Meyer, Mark Kohler und Fernando von Arb mit mächtig Power aus den Boxen dröhnten. Zum ganz grossen Glück fehlte in der Setlist definitiv noch „Screaming In The Night“, aber das ist natürlich eine Kritik auf hohem Niveau. Als sich die Band nach „Rock’n’Roll Tonight“ und „Hoodoo Woman“ verabschiedete, staunten jedoch viele nicht schlecht, dass mit „Bedside Radio“ der grösste Bandhit nicht gespielt wurde. Nach längerer Umbaupause kamen dann die Tessiner Gotthard mit etwas Verspätung auf die Bühne. Der wie immer extrem gut gelaunte und sympathische Leo Leoni und seine Mitstreiter hatten gleich zwei gute Gründe zum Feiern mitgebracht. Einerseits das 25 Jahre-Bandjubiläum und andererseits das brandneue Album „Silver“, welches schon jetzt als grosser Erfolg gewertet werden kann. Auch Gotthard zeigten ein tolles Bühnenbild, welches allerdings im Gegensatz zu Krokus einiges stilvoller und gestylter wirkte und natürlich bestens zum radiotauglichen Mainstream-Sound der Band passte. Das Gotthard auch kräftig rocken können, bewiesen sie aber gleich mit dem Eröffnungstriple „Silver River“, „Electrified“ und „Hush“. Sänger Nic Maeder war bestens bei Stimme und hatte die Halle trotz der Sprachbarriere (er ist immer noch am Deutsch lernen) gut im


LIVE REVIEWS FATES WARNING 8. Februar 2017 Aarau, Kiff

Foto: Michael Vaucher

mv. Ein Fates Warning-Konzert ist immer ein spezielles Erlebnis und eigentlich vor allem etwas für die grossen Geniesser unter den Metallern. Denn der sehr anspruchsvolle Progressive Metal der Amerikaner hat zwar auch immer wieder sehr metallische Momente, aber wer Party machen will oder gerne im Moshpit rumkreist, der ist sicher bei Fates Warning am falschen Platz. Statt dessen durfte man auch heute wieder staunen und freudig grinsen ab der vielen gespielten Göttergaben aus dem riesigen Fundus der unzähligen Fates WarningKlassiker. Dabei muss die History der Band unterteilt werden in die erste Phase mit Fronter John Arch sowie zweite immer noch andauernde Zeit mit seinem Nachfolger Ray Alder. Am Keep It TrueFestival letztes Jahr durften die vielen Anbeter der ersten Fates Warning-Phase die komplette Aufführung der „Awaken The Guardian“Überscheibe von 1986 geniessen. Die Tour in diesem Jahr steht dafür nun ganz im Zeichen des sehr starken dreizehnten Studioalbums „Theories Of Flight“. Das KIFF war zwar nicht ganz ausverkauft, aber trotzdem sehr gut gefüllt, als die Band mit „From The Rooftops“ vom neuen Album loslegte. Die Stimmung war von Beginn weg fantastisch und viele Fans sangen sogar die ganz neuen Songs erstaunlich textsicher mit. Neben einigen neuen Songs folgten die Highlights von Klassikern wie „Perfect Symmetry“, „Parallels“ sowie „A Pleasant Shade Of Grey“. Sänger Ray Alder war super bei Stimme und erzeugte so manche Gänsehaut. Mainman Jim Matheos war wie immer der ruhige, zurückhaltende Pol, der zwar auf der Gitarre nonstop am Zaubern war, dies aber total bescheiden und wenn möglich im Hintergrund machte. Tour-Gitarrist Michael Abdow liess auch nichts anbrennen und man war sehr dankbar, dass die Band mit zwei Gitarren unterwegs war. So war der Sound wuchtig und relativ nahe an den

Griff. An den Drums war heute Abend HelloweenDrummer Dani Löble, der den kranken Hena Habegger ersetzte. Zusammen Marc Lynn sorgte er für einen kräftigen Rhythmusteppich, auf dem sich Leo Leoni und Freddy Scherer herrliche Gitarrenduelle liefern konnten. In der Mitte des Sets gab es dann eine etwas zu lang geratene Akustik-Balladensession (es wurden mit „One Life, One Soul“, „Let It Be“, „Angel“ und dem Steve Lee gewidmeten „Heaven“ gleich vier Balladen hintereinander gespielt). Den meisten Fans gefiel aber auch dieser Block sehr gut. Für die Anhänger der ersten Stunde gab es mit „Firedance“ gleich anschliessend ein ganz besonders Schmankerl. Schliesslich ist dieser Song vom Debutalbum einer der besten Gotthard-Songs überhaupt. Nach einem Drum-Solo, „Lift U Up“ und „Anytime Anywhere“ war erstmal fertig und die ersten Fans gingen aus der Halle. Dabei folgte jetzt noch das ganz grosse Highlight des Abends. Gotthard kamen mit Marc Storace und Mandy Meier von Krokus zurück auf die Bühne und spielten „Come Together“. Und es wurde sogar noch besser. Als nächstes folgte der früher am Abend schwer vermisste KrokusEvergreen „Bedside Radio“, diesmal war sogar die komplette Krokus-Mannschaft mit Gotthard vereint auf der Bühne. Was für ein Fest. Zum Abschluss gab‘s dann noch den Rausschmeisser „Quinn The Eskimo (The Mighty Quinn)“ und einen riesigen Silberkonfettiregen, bevor die Menge freudig strahlend in die Nacht entlassen wurde mit dem Wissen, vermutlich ein einmaliges Ereignis erlebt zu haben. Die Schweiz kann Rocken!

Studioversionen der Songs. Für viel Bewegung und Spielfreude auf der Bühne sorgte Bassist Joey Vera (u.a. auch bei Armored Saint), der zusammen mit Drumlegende Bobby Jarzombek (u.a. Riot, Halford) für einen unglaublich tighten Rythmusboden sorgte. Die letzten vier Stücke des Konzerts (inklusiv Zugaben) müssten eigentlich nur schon beim Nennen der Titel für Freudentränen sorgen: „The Eleventh Hour“ (nicht von dieser Welt!), „Point Of View“, „Through Different Eyes“ und „Monument“! Viel besser geht’s echt nicht. Das Publikum war restlos begeistert und Fates Warning bewiesen einmal mehr, dass ihnen auch im Jahr 2017 niemand etwas vormachen kann in Sachen Progressive Metal.

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KONZERTKALENDER AEROSMITH

FLOGGING MOLLY

5.7. Zürich, Hallenstadion

10.7. Zürich, Volkshaus

ALTER BRIDGE

FORCED TO MODE

7.7. Pratteln, Z7

13.5. Musigburg, Aarburg

AVANTASIA

FOREIGNER

28.6. Pratteln, Z7

20.+21.5. Luzern, KKL

AXEL RUDI PELL, CRYSTAL BALL

GEORGE BENSON

16.6. Pratteln, Z7

10.7. Zürich, Kongresshaus

BETH HART

GOV'T MULE

13.7. Pratteln, Z7

14.6. Zürich, Kaufleuten

BLUE OYSTER CULT, QUEENSRYCHE

JAMES BLUNT

20.6. Pratteln, Z7

8.11. Gemf, Arena

BLUTENGEL

9.11. Zürich, Hallenstadion

5.5. Pratteln, Z7

JAMIROQUAI

BRIAN SETZER

18.11. Zürich, Hallenstadion

16.7. Zürich, Volkshaus

JEANS FOR JESUS

BRUJERIA

13.5. Luzern, Schüür

10.8. Musigburg, Aarburg

JOHN K. SAMSON&WINTER WHEAT

CLAWFINGER, TREEKILLAZ

14.5. Luzern, Schüür

19.5. Pratteln, Z7

JOSS STONE

COHEED & CAMBRIA

20.7. Pratteln, Z7

13.6. Pratteln, Z7

KANSAS, URIAH HEEP

DEATH ANGEL, COMANIAC

9.7. Pratteln, Z7

26.7. Musigburg, Aarburg

KENNY WAYNE SHEPHERD BAND

DEATH BY CHOCOLATE

24.7. Pratteln, Z7

12.5. Rohrschach, Treppenhaus

KINGS OF LEON

13.5. Basel, Grand Casino Metro

30.5. Zürich, Hallenstadion

19.5. Luzern, Schüür

KORN

27.5. Lyss, KuFa

20.8. Pratteln, Z7

DEEP PURPLE

KRIS KRISTOFFERSON

20.5. Genf, Arena

28.6. Zürich, Kongresshaus

24.6. Hinwil, Rock The Ring

LACUNA COIL

DEVIL DRIVER

19.5. Solothurn, Kofmehl

9.6. Zürich, Dynamo

LEATHER LEONE, KILLER

DIE TOTEN HOSEN

19.5. Musigburg, Aarburg

18.8. Gampel, Open Air

LOUDFEST:

DOG EAT DOG

GOOD CHARLOTTE, SLEEPING WITH

25.5. Solothurn, Kofmehl

SIRENS, CROWN THE EMPIRE u.a.

EMERALD

14.6. Zürich, X-Tra

26.5. Fribourg, Fri-Son

MADBALL

16.6. Düdingen, Turnfest

7.8. Musigburg, Aarburg

1.7. Laupen, Ride&Party

MANTAR

11.8. Zweisimmen, MannriederOA

1.5. Bern, ISC

30.9. Ins, Schüxenhaus

MARCUS KING BAND

2.12. Frauenfeld, Oelfleck

2.5. Pratteln, Z7

EVANESCENCE

MARILLION

8.7. Pratteln, Z7

28.7. Pratteln, Z7

EXTREME

MAVIS STAPLES

19.7. Pratteln, Z7

14.7. Zürich, Kaufleuten MEGADETH 16.8. Pratteln, Z7


KONZERTKALENDER MIDNIGHT OIL

SLAYER

12.7. Zürich, Volkshaus

20.6. Zürich, Komplex 457

MONSTER MAGNET

SÖHNE MANNHEIMS

5.6. Zürich, Dynamo

10.5. Zürich, Volkshaus

NATALIE IMBRUGLIA

17.6. Aaburg, Stars Of Sound

7.5. Zürich, Kaufleuten

7.7. Basel, Summerstage

OBITUARY

16.7. Locarno, Moon & Satrs

11.8. Zürich, Dynamo

STEVIE WINWOOD

OMEGA

11.7. Zürich, Kaufleuten

7.5. Pratteln, Z7

STILLER HAS

OPETH

5.5. Luzern, Schüür

21.6. Pratteln, Z7

6.5. Zug, Galvanik

PHIL RUDD BAND

12.5. Herisau, Casino

2.5. Zürich, Kaufleuten

19.5. Aarau, KIFF

PIPPO POLINA

20.5. Glarus, Holästei

5.5. Basel, Volkshaus

26.5. Lyss, Kufa

8.5. Winterthur, Theater

27.5. Burgdorf, Kasino

9.5. Luzern, KKL

29.7. Brig, Stockalperschloss

RETO BURRELL

THE AFGHAN WIGS

4.5. Luzern, Schüür

6.8. Zürich, Mascotte

12.5. Sursee, Baulüüt

THE BEACH BOYS

19.5. Lenzburg, Baronessa

14.6. Zürich, Kongresshaus

20.5. Giswil, Garage

THE BLACK DALIAH MURDER

27.5. Basel, Parterre One

20.6. Aarau, Kiff

28.6. Villnachern, Strandbar

THE CULT

ROCK THE RING HINWIL

4.7. Pratteln, Z7

23.6.: DIE FANTASTISCHEN VIER,

THE DEAD DAISIES

LO & LEDUC, PEGASUS, NEMO

6.6. Zürich, Dynamo

DABU FANTASTIC

THE HYDDEN

24.6.: DEEP PURPLE, KROKUS,

18.5. Luzern, Schüür

GOTTHARD, FIDDLER'S GREEN,

THE LUMINEERS

CRYSTAL BALL, QL

3.7. Zürich, Volkshaus

25.6.: JOHN FOGERTY,

2BAD, SIN CITY

BONNIE TYLER, CHEAP TRICK,

27.5. Bern-Bümpliz, Sternensaal

TONY VESCOLI & CO

UGLY KID JOE

RIVERSIDE

29.7. Schmerikon, Rockfest

10.5. Pratteln, Z7

VOLBEAT

RODRIGO Y GABRIELA

30.8. Thun, Stockhorn Arena

11.7. Zürich, Volkshaus

XAVIER RUDD

SANCTUARY

21.6. Lyss, Kufa

30.7. Musigburg, Aarburg

ZÜRI WEST

SIDEBURN

4.5. Solothurn, Kofmehl

6.5. Wetzikon, Hall Of Fame

5.5. Zug, Chollerhalle

SIDO

12.5. Lyss, Kufa

15.7. Pratteln, Z7

13.5. Burgdorf, Markthalle

SINNER, THE UNITY

18.+19.5. Bern, Bierhübeli

12.5. Wetzikon, Hall Of Fame

24.5. Basel, Union

SISTER SLEDGE

25.5. Zürich, Volkshaus

19.5. Zürich, Kaufleuten

26.5. Zofingen, Stadtsaal 10.6. Appenzell, Postplatz Festiv.


Wunschartikel auf eine Postkarte schreiben und einsenden an: TRACKS -Wettbewerb-, Postfach 108, 4323 Wallbach oder eine E-Mail an: Info@tracks-magazin.ch Die Gewinner werden ausgelost

DEEP PURPLE

KONZERT-TICKETS: 2 x 2 Tickets für

« Infinite»

CD signiert von Roger Glover

OPEN HAIR METAL FESTIVAL 26./27.5. Balzers (FL)

WASTELAND FEST 24.6. Zürich, Hardturm

POSH «Born Out Of Silence» CD signiert

CREEPER Stofftaschen

BITCH QUEENS «L.O.V.E.» CD signiert

Impressum Herausgeber/ Chefredaktor:

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Redaktionsanschrift: TRACKS Magazin Kapellenstrasse 23 CH- 4323 Wallbach T +41 61 861 03 73 info@tracks-magazin.ch www.tracks-magazin.ch Erscheinungsweise: 2-monatlich (6 Ausgaben/Jahr) Inserate:

Beat Unternährer beat.unternaehrer@tracks-magazin.ch T +41 (0)79 335 69 44

Inga Pulver (ip) Kelly Widmer (kw) H. Elias Fröhlich (hef) Christian Hug (hug) Michael Vaucher (mv) Mario Hug (mh) Robert Pally (rp) Laurent Giovanoli (lg) Björn Springorum (bs) Benjamin Fiege (bf) Daniel Schöni (ds) Christian Wollart (cw) Ian Keates (Foto) Marion Gross (Foto)

Beatrix Schmocker beatrix@tracks-magazin.ch T +41 (0)79 797 35 81

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