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PROSA — TANJA RAICH

ERLEDIGT VOM AUFSCHIEBEN Mit ihrem Roman »Jesolo« landete die Südtiroler Autorin Tanja Raich auf der »Shortlist Debüt« des Österreichischen Buchpreises. Für The Gap hat sie einen Text geschrieben, der ein nur allzu bekanntes Phänomen beschreibt: die Prokrastination. Sprachlich schwungvoll und mit charmanter Doppelbödigkeit zeigt uns die Autorin, wie man Dinge erledigt, indem man sie aufschiebt. Prokrastiniert euch!

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WIE SOLL MAN SO EINEN TEXT SCHREIBEN? Wenn du einen Text schreiben sollst (und das sollst du als Autorin nahezu ständig, am besten regelmäßig und mit großer Freude am Tun, dafür bist du ja da), dann wird es dir oft von äußeren Umständen nahezu verunmöglicht. Es fängt schon mit dem Schreibtisch an. Du setzt dich hin, klappst den Laptop auf und da liegen Krümel. Wie sollst du bitte einen Text schreiben, wenn da überall Krümel von gestern liegen, von dem Keks, den du essen musstest, bevor du deinen Text schreiben wolltest, den du dann doch nicht geschrieben hast, weil dir eingefallen ist, dass du den Geschirrspüler einräumen solltest, und währenddessen ein wichtiger Anruf gekommen ist, der es dir dann vollkommen verunmöglicht hat, weiter an dem Text zu schreiben. Du holst also heute nach, was du gestern verabsäumt hast. Dieser Text – er wartet schon auf dich. Du öffnest das Dokument. Eine weiße Fläche öffnet sich. Du musst nämlich feststellen, dass der Text lediglich aus einem Satz besteht, weiter bist du nicht gekommen. Aber wie sollst du so weiterschreiben? Der Bildschirm – jetzt im Sonnenlicht siehst du es – ist total staubig und auf dem Schreibtisch liegen überall Zettel, Notizen, Rechnungen. Ach, diese Rechnungen, denkst du, wolltest du schon letzte Woche überweisen. Also machst du das zuerst, dann räumst du den Schreibtisch auf und nimmst dir vor, an deinem Text weiterzudenken anstatt weiterzuschreiben, du bist ohnehin noch nicht in Form. Du ordnest die Zettel, Notizen, Bücher. Das Notizbuch ist schon ganz zerfleddert, weil du es schon so oft von A nach B transportiert hast, für den Fall, dass dir etwas einfallen sollte. Die wichtigen Sätze fallen dir nämlich schon seit Jahren immer genau dann ein, wenn du kein Notizbuch dabeihast, aber sobald du es mitnimmst, schreibst du kein einziges Wort hinein. Du machst es auf, liest den letzten Satz. »Die Dunkelheit dringt von draußen in die Festung«, steht da, »die Wände rücken näher, fast ersticke ich. Die Wände kommen von oben, von unten, von links und von rechts auf mich zu.« Du denkst an deine Romanfigur, der Geruch des

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Waldes kommt in dein Zimmer, das Rauschen des Meeres. Dann verschwindet es wieder. Du starrst auf den weißen Bildschirm, du solltest diesen anderen Text schreiben. Du klappst das Notizbuch zu. Dein Blick fällt auf eine Liste, aus der hervorgeht, dass du schon seit Wochen nicht das gemacht hast, was du dir vorgenommen hast: diesen Text fertigschreiben (heute aber wirklich), am Roman weiterschreiben ( jeden Tag eine halbe Seite), überarbeiten, was du geschrieben hast ( jeden Tag ein halbes Kapitel), lesen, damit du wieder weiterschreiben kannst ( jeden Tag 100 Seiten). Doch von alledem hast du nichts gemacht. Also streichst du alles durch und beginnst eine neue Liste. Du schreibst: Text fertig schreiben, 5 neue Sätze. 1 Satz überarbeiten. 2 Seiten lesen. Das könntest du schaffen. Aber bevor du beginnst, solltest du Ordnung machen. Du räumst alles zur Seite, du reinigst den Schreibtisch, den Bildschirm. Dann öffnest du deinen Laptop und starrst auf diesen einen Satz. Du denkst nach. Über die verschiedenen Möglichkeiten, diesen Text zu beginnen. Du denkst an deinen Roman. Und an einen anderen Text, den du schon vor Monaten zu Ende schreiben wolltest. Und ob es in dir vielleicht einen Satz gibt, den du anschließen könntest, an das Vorangegangene, und ob da überhaupt noch Sätze sind in dir. Das weißt du ja nie, du weißt nie, ob da noch was kommt oder ob die Sätze einfach verschwinden und nicht mehr zurückkehren. Du lässt deinen Blick schweifen und da fällt dir auf, dass durch die ganze Ordnungmacherei nun auch der Boden dreckig geworden ist. Du holst den Staubsauger, gehst an der Küche vorbei, und da fällt dir auf, dass du den Geschirrspüler, den du gestern ausräumen wolltest, doch nicht ausgeräumt hast, weil ja dieser Anruf gekommen ist. Also machst du es gleich, sonst vergisst du es wieder. Du gehst ins Wohnzimmer und es ist schon interessant, wie gut es dir gelingt, immer etwas Neues anzufangen und das andere liegen zu lassen. Dort steht nämlich noch das Bügelbrett, du hast doch nur ein Hemd gebügelt statt die ganze Wäsche, wie du es vor-

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The Gap 178  

Coverstory: Was bleibt von den 2010ern? Mit Beiträgen zu Pop aus Österreich, Streaming, Fankultur, Remakes, Mode, Memes, Conchita Wurst, Gen...

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