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SWisslife 5. Jahrgang // Ausgabe 2 // Fr. 6.50

Sommer 2014 // S체dw채rts


Der Schweizer Stilpapst Jeroen van Rooijen hat für SWISSLIFE die Sonnenbrillen-Trends dieses Sommers ausgewählt – und kommentiert. Sonnenbrillen sind Statements, die für einen bestimmten Lifestyle stehen. Wer eines der neuen, zweifarbigen Kunststoff-Damenmodelle von Maison Martin Margiela für Mykita trägt, sagt: «Ich bin ein Individualist und Querdenker, ich mag konzeptionelle Kunst und feine ästhetische Provokationen, deren Raffinesse sich erst beim zweiten Hinsehen offenbart.» Rechts: Maison Martin Margiela für Mykita, MMDUAL002 bei MYKITA Shop Zürich

«Retro» ist aus der aktuellen Mode nicht mehr wegzudenken. In einer Zeit, die so rasant wie noch nie zu vergehen scheint, bieten Dinge, die an frühere Epochen erinnern, ein gewisses Mass an Halt. US-Designer Thom Browne weiss und nutzt das: Seine knapp geschnittenen Herrenanzüge erinnern ebenso sehr an die frühen Sixties wie die coolen Retro-Brillen. Titelseite: Thom Browne TB-006 bei Burrioptik Zürich


Editorial // 3

Grüezi «Raus aus dem Regen, ins Leben, ab in den Süden, der Sonne entgegen, was erleben!» … erinnern Sie sich noch? So trällerte es vor über zehn Jahren in Endlosschlaufe aus dem Radio. «Ab in den Süden» hiess der Sommerhit 2003, der damals wie heute dafür steht, was wir mit dem Süden gemeinhin assoziieren: Sommer, Wonne, Sonnenschein! Auch ich zähle mich zu den «Zugvögeln», die regelmässig südwärts ziehen, um eine Pause einzulegen. In unserer Familie haben wir die Region um Minusio am Lago Maggiore zur zweiten Heimat erklärt. Wie viele andere Deutschschweizer mag auch ich das südliche Ambiente, die Palmen, bin dem guten Essen verfallen und bewundere die Vielfalt der kulturellen und sportlichen Angebote. Seit Jahren verbringen wir im Tessin unsere Sommerund Herbstferien und fahren auch gern übers Wochenende mit dem Zug durch den Gotthard – so wie es unsere Protagonistin in der Rubrik «A Swiss Life» auf Seite 46 täglich tut. Wir fanden es an der Zeit, in SWISSLIFE die beliebteste «Rand-»Region der Schweiz ins Zentrum zu rücken und aus einigen noch unbekannten Perspektiven für Sie zu beleuchten. Steigen Sie ein, wir nehmen Sie mit: Andiamo südwärts!

SWISSLIFE Sommer 2014

Ivo Furrer, CEO Swiss Life Schweiz: Aufs Tessin angesprochen, komme ich ziemlich rasch ins Schwärmen. Auf den Punkt brachte es der grosse Autor und Wahltessiner Hermann Hesse: «Ich liebe nicht nur die Landschaft und das Klima, sondern auch die Tessiner.»


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  Swiss Photo Selection: 

57 km

Der Gotthard-Basistunnel ist das Jahrhundert­projekt der Schweiz. Der Fotograf Claudio Bader hat die weltlängste Röhre mehrmals besucht. Seine Bilder zeigen, wie sich im Dreck und Chaos einer Baustelle eine unverhoffte Schönheit entfaltet. 18  Zwei Seiten:  Sonnenstuben

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  Titelgeschichte: 

Das Tessin von A bis Z

«Zücchin» nennt man im Tessin die Schweizer ennet dem Gotthard. Das heisst etwa so viel wie Kürbiskopf. Unser «Tessin-Glossar» vermittelt spannende Erkenntnisse. Und verrät, wie man als Deutschschweizer weniger oft ins Fett­ näpfchen tritt.

Noch kein Tageslicht in Sicht Alles ist gigantisch am Gotthard-Basistunnel, der wahrscheinlich Ende 2016 in Betrieb geht. Über 2000 Arbeiter brechen 28,2 Mio. Tonnen Gestein aus dem Berg, verarbeiten 4 Mio. Kubikmeter Beton und verlegen 3 Mio. Quadratmeter Stahl.

32 Zahlensalat: 168 Tage Stau Richtung Süden 35 Rettungsschwimmer: So

fängt Zukunft an.

Gesamtverantwortung: Swiss Life, Kommunikation Schweiz, Martin Läderach Redaktionskommission: Ivo Furrer, René Aebischer, Thomas Bahc, Monika Behr, Elke Guhl, Christian Pfister, Hans-Jakob Stahel, Paul Weibel Redaktionsleiter UPDATE: Dajan Roman Redaktionsadresse: Magazin SWISSLIFE, Public Relations, General-Guisan-Quai 40, 8022 Zürich, magazin@swisslife.ch Projektleitung: Mediaform|Christoph Grenacher, Ittenthal/Zürich Konzept und Gestaltung: Festland Werbeagentur, St. Gallen/Zürich Übersetzung: Swiss Life Language Services Druck und Versand: Heer Druck AG, Sulgen; gedruckt auf FSC-Papier Anzeigenverkauf: Mediaform|Christoph Grenacher, Hauptstrasse 3, 5083 Ittenthal, mediaform@mediaform.ch Adressänderungen/Bestellungen: Magazin SWISSLIFE, General-Guisan-Quai 40, 8022 Zürich, magazin@swisslife.ch Auflage: 100 000 Erscheinungsweise: 3 × jährlich; Frühling, Sommer, Herbst. Rechtlicher Hinweis: In dieser Publikation vermittelte Informationen über Dienstleistungen und Produkte stellen kein Angebot im rechtlichen Sinne dar. Über Wettbewerbe wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. ISSN 2235-7645

Tessin, das (Substantiv, Neutrum) Der Schweizer Südkanton fängt mit A wie Airolo an und hört mit Z wie Zincarlin auf. Dazwischen gibt es ganz viel Platz für Spezialitäten, Klischees und Eigenarten. Ein Erklärungsversuch in 40 Begriffen.


Inhalt // 5

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  A Swiss Life: 

Mirella Satraniti

Sie ist 27, kommt ursprünglich aus Kalabrien und fährt von Berufes wegen täglich Richtung Süden: Mirella Satraniti ist SBB-Zugbegleiterin auf der Südroute. Diese gefällt ihr wegen der Muttersprache, wegen der Aussicht und wegen der Reisenden.

55 Küchenfreuden:  Teigwaren-Risotto 57  Beni Frenkel:  5000 Zugfahrt auf die Sonnenseite der Schweiz Bevor Mirella Satraniti als Zugbegleiterin in den Zug steigt, heftet sie ihr Namensschild an. Sie und der Zugchef sind sich einig: Reisende Richtung Süden sind einfach entspannter.

mit Gemüse

Franken für ein Wunder

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  Wettbewerb:  Gewinnen Sie ein Traum-

Wochenende in Ascona 60 Zugabe:  Bassist Robert Rohner von «May Day» über

den Song «Südwärts»

Beilage: 

Gut beraten in die Zukunft Für Menschen, die ihr eigener Chef sind, hat die Sicherheit bei der Vorsorge einen besonders hohen Stellenwert. Sehr ausgeprägt ist zudem das Bedürfnis nach der kompetenten Beratung von Swiss Life.

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UPDATE

Lesen Sie, wie man als selbständigerwerbende Person in jedem Alter richtig vorsorgt, welches neue Swiss Life-Produkt für Sie auf sichere Art Geld verdient und wie man sich vom Papierkrieg mit Krankenversicherungen elegant verabschieden kann. Lesen Sie Magazin und UPDATE online mit der SWISSLIFE-App. Probieren Sie weitere Rezepte aus «Küchenfreuden» und nehmen Sie digital am Wettbewerb teil. Die App für Tablets und Smartphones gibt’s im App Store und bei Google Play oder unter www.swisslife.ch/magazin.


6 // Heftmacher

Seite 57 // «Kolumne» Beni Frenkel Cover Lucas Peters

Der in Zürich lebende Fotograf Lucas Peters hat sich ganz der Stilllife- und der Architekturfotografie verschrieben. Für seine Arbeiten charakteristisch ist nicht nur die Inszenierung von Produkten, Gegenständen und Gebäuden, sondern auch das Erschaffen gänzlich eigener Bildwelten – oder die strikte Reduktion auf die Schönheit des Produkts.

Seite 46 // «A Swiss Life» Yvonne Eckert

Bereits mit sieben Monaten war Yvonne Eckert das erste Mal im Tessin, danach jeden Sommer wieder. Und jedes Jahr bettelte sie um neue Holzzoccoli mit Lederband in den Kantonsfarben. Als sie für SWISSLIFE mit der Zugbegleiterin Mirella Satraniti in den Süden fuhr, liess sie das mit den Zoccoli bleiben: Von aufgeschlagenen Knie hat sie definitiv genug – nicht aber vom Tessin.

Seite 55 // «Küchenfreuden» Othmar Schlegel

Er kocht seit über einem Vierteljahrhundert in der «Locanda Barbarossa» in Asconas Luxushotel «Castello del Sole» und erzählt voller Leidenschaft von seiner Küche, von der Suche nach dem einfachen Neuen und vom Glück, im Hotelgarten aus 60 verschiedenen Kräutern wählen und sogar Safranfäden pflücken zu können; Geflügel, Polenta, selber angebauten Reis, Kartoffeln, Wein, Äpfel, Most oder Reisbier bezieht er vom hoteleigenen Bauerngut. Der gebürtige Luzerner, der einst im Grand Hotel Dolder in Zürich seine Kochlehre absolvierte und danach in Frankreich das Handwerk perfektionierte, ist mit 18 Gault-MillauPunkten und einem Michelin-Stern nicht nur ein begnadeter Meister am Herd, er gilt auch als ein wandelndes Lexikon und als Quelle von tollen und berührenden Anekdoten.

Unser Kolumnist Beni Frenkel sass lange vor einem weissen, leeren Blatt: Im Tessin war er das letzte Mal vor knapp 25 Jahren. Zum Glück traf er damals auf eine höhere Instanz … Dass dem Journalisten die Form der Kolumne besonders gut liegt, beweist er übrigens auch in seinem kürzlich erschienenen Buch «Der Jude lacht» (Elster Verlag).

«UPDATE» Dajan Roman

Er sorgt dafür, dass neben all den schönen und unterhaltenden Seiten in SWISSLIFE der Nutzwert nicht zu kurz kommt: Dajan Roman ist verantwortlich für die Produktbeilage UPDATE, die jeweils in einer Lasche unter der dritten Umschlagseite zu finden ist. Der Mediensprecher von Swiss Life sorgt als ehemaliger Journalist für eine muntere Um­ setzung der Versicherungsthemen.


www.pardo.ch


57 km

Lang, länger, Weltrekord. Der neue Gotthard-Basistunnel ist der längste Eisenbahntunnel der Welt. Genau genommen sind es sogar zwei Tunnels: die Weströhre mit 56,978 km und die Oströhre mit 57,091 km Länge. Fotograf Claudio Bader hat das monumentale Loch mehrmals besucht. Seine Arbeit «57 km» offenbart eine faszinierende Ästhetik des Unfertigen.

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In «Swiss Photo Selection» präsentiert SWISSLIFE Arbeiten von Schweizer Fotografen, die beim «Swiss Photo Award – ewz.selection», dem bedeutendsten Fotopreis der Schweiz, eingereicht wurden. www.ewzselection.ch


Swiss Photo Selection // 9

Pump-Action: Fl端ssiger Beton wird an die Tunnelwand gespritzt, wo er blitzartig erstarrt.

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Parallelwelt: Mit allen Sicherheits- und Zugangsstollen misst das Tunnelsystem 152 Kilometer.


Swiss Photo Selection // 11


Felsenfresser: Bauarbeiter r체sten die Bohrmaschine f체r den n채chsten Einsatz.


Swiss Photo Selection // 13

Wegbereiter: Vor der Installation der Technik werden in der Tunnelrรถhre die Schienen verlegt.

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Betonmonster: Die Spritzmaschine fĂźr die Innenauskleidung der TunnelrĂśhre, inszeniert als futuristisches Rieseninsekt.


Steinreich: Tunnelarbeiter f端hren geologische Analysen durch.


Swiss Photo Selection // 17

«Mit der Kamera tief im Fels zu stehen, wo in ein paar Jahren Züge vorbeibrausen, ist ein archaisches Erlebnis.»

Der Fotograf Claudio Bader, 1975 in Schaffhausen geboren, absolvierte die Filmschule Conservatorio Inter­­­nazionale di Scienze Audio­visive (CISA) in Lugano und bildete sich anschliessend an der School of Visual Arts in New York weiter. Claudio Bader hat sich auf die Bereiche Corporate-, Editorialund Porträtfotografie spezialisiert und arbeitet regelmässig für Medien­­­ titel wie beispielsweise das Apollo Magazin, Monocle, das Migros Magazin oder NZZ am Sonntag.

Das Projekt «57 km» dokumentiert das Alptransitprojekt mit dem Gotthard-Basistunnel und dem Ceneri-Basistunnel. Vor allem der Gotthard-Basistunnel fasziniert mit seiner schieren Grösse. Nicht nur seine Länge bedeutet Weltrekord: An ihm ist alles von einer anderen Dimension. Die beiden 57 Kilometer langen Röhren sind alle 325 Meter durch Querschläge miteinander verbunden; das Tunnelsystem misst insgesamt 152 Kilometer. Mit einer Felsüberlagerung von bis zu 2300 Metern ist der Tunnel übrigens auch der tiefste der Welt. Das Projekt ist aber auch vom geschichtlichen und geografischen Hintergrund her spannend. Denn grossartige Tunnels zu bauen, hat in der Schweiz Tradition. In der Deutschschweiz geboren und im Tessin aufgewachsen, sieht Claudio Bader in diesem Bau auch eine symbolische Verbindung – und eine Chance für beide Seiten, einander (noch) näher zu kommen.

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Das Alptransitprojekt ist Teil eines langfristigen Fotoprojekts von Claudio Bader, das sich Bauwerken mit ähnlichen Merkmalen widmet. Auch Staumauern, Wasserkraftwerke oder Banktresore sind unzugängliche, oft unterirdisch angelegte und typisch schweizerische Spezialitäten. www.claudiobader.com


Text: Florian Caprez, Bild: Fabian Stamm

Sonnenstuben «Das Tessin ist für uns Schweizer der erste Süden auf dem Weg in den Süden. Und es ist, wie Goethe schon sagte, das Land, wo die Zitronen blühen, mit einem fantastischen Licht, sehr viel heller als anderswo in der Schweiz. Wir haben hier ein liebliches Leben,

südländische Eleganz, vielleicht auch weniger Stress, mehr Sonne als anderswo in der Schweiz, es ist milder, und wenn man Freizeit hat, ist es wie in den Ferien, das ist ideal so. Für mich ist es wunderbar, in einem Unternehmen tätig zu sein, das Ferien verkauft. Unsere Gäste stellen uns ihre wertvollste Zeit zur Verfügung – es ist unsere angenehme Aufgabe, ihnen eine schöne Zeit zu ermöglichen, sie positiv zu überraschen. Unsere Gäste sind alle weit gereist, sie kennen die besten Hotels auf der Welt; da differenziert man eigent­ lich nur noch mit Kleinigkeiten – und mit her­ vorragenden Mitarbeitenden, die allesamt Persön­ lichkeiten sein müssen. Sie sind auch bestrebt, unsere Gäste immer wieder aus der Situation heraus zu verwöhnen: Das ist dann nicht das grosse Wow, es sind vor allem Kleinigkeiten. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können ihre ganze Persönlichkeit ausspielen: Wir wurden gerade wieder nominiert als freundlichstes Hotel der Schweiz, als einziges Haus zum zweiten Mal in Folge. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass es uns gelingt, das besondere Ambiente des Tessins durch unsere Mitarbeiter im Giardino zu leben und an die Gäste weiterzugeben.»

Philippe Frutiger (45) und seine Frau Daniela führen zusammen die Giardino Group mit Hotels in Ascona, Minusio und St. Moritz und leiteten als Direktorenpaar jahrelang das legendäre 5-SterneHaus «Giardino» in Ascona. www.giardino.ch.


Zwei Seiten // 19

«Wir leben seit fünfeinhalb Jahren in Pila oberhalb Intragna, wohin es uns aus der Ostschweiz zog. Unsere Vision, mit anderen Menschen kreativ tätig zu sein, hat sich im Tessin in guter Weise erfüllt. Es freut uns, dass

sich tolle Menschen vom autofreien Ort und von unseren Angeboten angezogen fühlen. Wir wagten hier den Schritt in die berufliche Selbständigkeit: Klein, überschaubar und unseren Fähigkeiten entsprechend sollte die Sache werden. Ich bin von Beruf Handweberin und vermittelte dieses (Kunst-)Handwerk andern Menschen seit vielen Jahren neben dem Muttersein im Rahmen des Möglichen. Immer wieder erlebe ich mit den Leuten, dass Weben etwas Heilsames sein kann. Man kommt in einen Fluss, die Gedanken ordnen sich, man taucht in eine Farbenwelt und erlebt, wie etwas Neues entsteht und wächst. Faszinierend ist auch, dass viele Wörter im Sprachgebrauch mit dem Urhandwerk Weben zusammenhängen: Lebensfaden, anknüpfen, Text (von Textil), sich verzetteln (von Zettel). Beim Weben ist man auf eine Sache fokussiert und betätigt sich mit all seinen Sinnen am Webstuhl. Die wilde Natur, die uns hier in Pila umgibt, regt an beim Gestalten, beim Beobachten. Darum ergänzt sich das Angebot wunderbar für Feriengäste, die sich auf dieser autofreien Sonnenterrasse im zukünf­tigen Natio­ nalpark entspannen, ab Haustür wandern oder eine längere Auszeit nehmen wollen. Wir haben ein erfülltes Leben hier. Und die Ener­ gie, die wir in unsere Arbeit stecken, kommt oft mehrfach auf uns zurück.» Die Handweberin Brigitte Külling (54) lebt mir ihrem Mann Reinhard in Pila, wo sie an einem «Ort für erneuerbare Lebensfreude» Ferienwohnungen und ein Rustico vermietet und im Textilatelier Weberkurse anbietet. www.portapila.ch

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Capito? Mit seiner Schönheit macht es einem das Tessin einfach. Doch was wissen wir tatsächlich über den Südkanton? Wie gut kennen wir seine Menschen, ihre Eigenarten? Und woher stammen eigentlich all die Klischees? Ein Erklärungsversuch aus Deutschschweizer Sicht in 40 Kapiteln.

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Titelgeschichte // 23

A

Airolo (Ortschaft)  ☞ Geografie

Der erste Eindruck, so man vom Norden ins Tessin reist, ist erfreulich: Es scheint, wenigstens tagsüber, meist die Sonne. Der zweite Blick auf den Flecken am oberen Ende des Valle Leventina offenbart ein Dorf (im 3. Jh. n. Chr. erstmals besiedelt), in dem heute Bahnlinie, Autobahn und Militärkasernen für Jobs der rund 1500 Einwohner sorgen. Der wirtschaftlich bedeutenden Transitachse, einst zu Pferd (Gotthardpost!), dann mit dem Zug und schliesslich durch den Strassentunnel überwunden, verdankt Airolo (kommt von «Orolu» = schmaler Rand, Kante) auch drei Artilleriefestungen.

B

Berzona (Ortschaft) ☞ Geografie

Boccalino (kleiner Krug) ☞ Gastronomie

Über das Dorf im Valle Onsernone, 2001 zur Gemeinde Isorono fusioniert, schrieb der Schriftsteller Max Frisch: «Es ist der Ort, den ich am besten ken­ ne, wo ich mich am ehesten zu Hause fühle, der mir am meisten vertraut ist. Auch wenn er nicht so bequem ist.» Frisch traf sich dort, auch wenn er ihn nicht besonders mochte, oft mit dem deutschen Schriftsteller und Dorfbe­ wohner Alfred Andersch (†1980).

Das Trinkgefäss (2 Deziliter) gehörte einst zu jedem gut sortierten Haushalt – weil unsere Grossväter und Tanten aus ihren Ferien in den 1950er- und 60er-Jahren selten ohne dieses Souve­ nir heimkehrten. Heute kommen alle Boccalini aus italienischen Keramik­ fabriken: Der letzte Tessiner Hersteller schloss seine Produktionsstätte in Noranco im Sommer 2008.

Bouldern (Klettern ohne Seil) ☞ Sport

Max Frisch 1979 in seinem Haus in Berzona.

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Die schönsten Spielplätze für wagemu­ tige Erwachsene liegen zehn Kilometer nördlich von Bellinzona in Cresciano und etwas weiter nördlich in der Leven­ tina in Chironico: Bouldern ist eine ei­ gene Disziplin des Sportkletterns bei der die Bergflöhe ohne Kletterseil und Klettergurt an Felsblöcken und Felswänden unterwegs sind. «Dreamtime» heisst ein Boulder in Cresciano, der bei der Erstbesteigung als der schwierigste

Boulder galt. Er fordert 20 Züge durch einen etwa 45 Grad überhängenden Felsblock. Der Schlüsselzug ist ein Sprung an die Kante am oberen Ende des Überhangs – also nichts für schmale Schultern!

Buongiorno (Guten Tag) ☞ Leben Das «Buongiorno» öffnet bis Mittags Tür und Tor bei den 350 000 Tessinern p  Dialetto. Und es bringt allen, die der italienischen Sprache nicht mächtig sind, Sympathiepunkte, auch wenn es danach auf Deutsch weitergeht.


D C

Caffè-Bar (Kaffeebar) ☞ Leben Ein Stück zuhause im Alltag, weit weg von diesen globalen Koffeinketten: Man kommt und geht, während bes­ tenfalls draussen am Strassenrand noch der Topolino oder der Cinque­ cento, die Vespa oder die Lambretta tuckert; man trifft sich, man redet, debattiert, klönt und streitet. Der Barista macht einen klaglos guten Job und das Ambiente ist unaufgeregt dienlich: Die Zeitung liegt da, das Brettspiel ist vorhanden – und natür­ lich gibt es neben Kaffee auch noch härtere Dinge für durstige Kehlen sowie allerlei Knabberzeug. Und die Panini gammeln nicht seit den frühen Morgenstunden angelaufen auf dem Tresen, sondern haben diesen unver­

Dialetto (Dialekt) ☞ Sprache

gleichlich knackig-guten Geschmack. Achtung, höchste Suchtgefahr!

Cisalpino (Schnellzug) ☞ Verkehr Ein Bahnvergnügen der besonderen Art: Der Cisalpino verkehrt zwischen Zürich und Mailand via Gotthard und zwischen Basel und Mailand via Lötschberg/Simplon. Wegen zahlloser Pannen und Verspätungen wurde die 1993 gegründete Cisalpino AG 2009 zerlegt; die Eigentümer (SBB und Trenitalia) teilten die Flotte auf. Die Italie­ ner fahren unverdrossen weiter mit dem Neigezug, der besonders gern ur­ plötzlich in Tunnels stillstand. Dabei kann Bahnfahren wirklich Spass ma­ chen: p  «A Swiss Life» Seite 46.

Claro: Mit Italienisch kommt man im Tessin spielend durch. Doch ein Tessiner wäre kein Tessiner, könnte er den Italiener nicht von seinesglei­ chen unterscheiden. Das Italienische ist eine durch Völkerwanderungen geprägte indogermanische Sprache, mit Ausnahme der norditalienischen Dialekte: Die haben, wie auch der Tessiner Dialekt, einen sesshaften galloromanischen Hintergrund und ähneln oft dem Französischen. Dar­ um wird aus «Cuore» (Herz) «cör», 500 Schweine (cinquecento maiali) zählt der Tessiner mit «cinc-cent ciügn». Und wer im Tessin keinen Brocken Dialekt oder Italienisch verstehen will, reist nach Bosco Gu­ rin im Maggiatal. In der Walserge­ meinde ist Deutsch offizielle Amts­ sprache: Die alemannischen Walser machten sich schon im 13./14. Jahr­ hundert südwärts.

Deutsch als Amtssprache: Bosco Gurin.

Deutsche Welle (Einwanderer in den 60ern) ☞ Leben

Ein Zug, der zu Pannen neigt: Cisalpino.

Gäbe es für die Deutschen keinen Platz mehr in Deutschland, sie kä­ men alle ins Tessin – so, wie seiner­ zeit der rheinische Gaststättenunter­ nehmer Hans Herbert Blatzheim: Im Sommer 1963 eröffnete er in Melide


Titelgeschichte // 25

das «Park-Palace». Kaum hatten seine Landsleute die Hotelbetten gebucht, kaperten sie die Hänge des Luganer­ sees und pflasterten sie mit Villen­ kolonien zu. Walter Giller und Nadja Tiller, Verleger Helmut Kindler, Filmproduzent Artur («Atze») Brau­ ner (plante im Tessin eine Traumfabrik für seine Filmstudios), Romy Schneider, Hardy Krüger und Peter Kraus schätzten oder schätzen das angenehme (Steuer-)Klima ebenso wie der in Ascona und Arosa wohn­ hafte Milliardär Karl-Heinz Kipp, der das 5-Sterne-Hotel «Eden Roc» in Ascona und des «Tschuggen Grand Hotel» in Arosa besitzt.

Dolce far niente (Süsses Nichtstun) ☞ Leben «Die süsse Kunst des Müssiggangs» ist ein preisgekrönter Film des ru­ mänischen Regisseurs Nae Caranfil, der 1999 aus dem Buch «La Comédie de Terracina» von Frédéric Vitoux ein Sittenbild über den Zerfall der moralischen Werte drehte. Wir hal­ ten es eher mit Winston Churchill, der 1953 den Nobelpreis für Litera­ tur erhielt: «Man soll dem Leib et­ was Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.» Wer das «Dolce far niente» im Tessin als Fe­ riengast also richtig geniessen will: Beine hoch, Sonnenbrille auf, ein gut gefülltes Glas neben dem Liege­ stuhl – das Leben kann beginnen.

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E

Einkommen (Reddito)  ☞ Wirtschaft

66 611 Franken betrug 2011 (letzte Statistik) das Bruttoinlandprodukt pro Kopf im Kanton Tessin, der damit schweizweit auf dem guten 10. Platz liegt (Spitzenreiter: Basel-Stadt, 156 795 Franken, Schlusslicht: Uri mit 48 733 Franken). Beim Tessiner Durchschnittslohn von 5076 Franken (Basis 2012) sieht’s allerdings weniger rosig aus; schweizweit liegt der Schnitt rund 100 Franken höher. Zwei Drittel der Wertschöpfung im Tessin mit seinen 30 000 Unternehmen (bei etwas mehr als 350 000 Einwohnern!) werden im Tourismus und Dienstleistungssektor erwirtschaftet – der Bankenplatz Lugano verzeichnet allerdings seit der Finanzkrise einen anhaltenden Geldabfluss, getrieben auch durch die italienische Steueramnestie 2009.

F

Farina Bóna (Gutes Mehl) ☞ Wirtschaft Einst war er Lehrer, jetzt ist er Müller: In Vergeletto mahlt Ilario Garbani un­ ter dem Label «Farina bóna» aus gerös­ teten Maiskörnern Mehl mit feinem Popcorn-Geschmack: glutenfrei und damit voll im Trend. Der Verwendung des Maismehls aus dem Dorf, das einst fünf Mühlen besass, sind fast keine Grenzen gesetzt: Kuchen, Kekse, Spätz­ li, Brot, Pasta, aber auch Suppen, Glace, Bier, Likör und ein leckerer Brotauf­ strich – die Bonella – erhalten durch die Farina bóna einen ureigenen, be­ sonderen Geschmack.

Föhn (Vento) ☞ Meteorologie Es soll Menschen geben, die schon beim Hören des Wortes Kopfschmerzen oder Herzrasen bekommen: Der Föhn hat sich als als wahres Schreckensgebilde in den Köpfen festgesetzt. Zur speziellen Wetterlage kommt es folgendermassen: Strömt Luft gegen ein Gebirge, wird sie in der Regel gezwungen aufzusteigen. Dabei kühlt sie sich ab und bildet eine «Föhnmauer». Auf der anderen Ge­ birgsseite steigt die Luft wieder ab, er­ wärmt sich um 1 Grad pro 100 Meter, die Feuchte nimmt ab, die Wolken lösen sich auf. Dabei gilt die Faustregel: Wenn im Norden der Alpen der Föhn bläst, regnet es im Tessin – und umgekehrt.


G

Gottardo Sud (Gotthard Südportal) ☞ Geografie

Der Gotthard-Tunnel ist mit 16,9 Kilometern der drittlängste Strassentunnel der Welt. Er verläuft parallel zum bereits 1882 erstellten Bahntunnel und verbindet Göschenen (UR) mit dem Südportal in Airolo p  Airolo auf exakt 1145 m ü. M.

Erstes Wahrzeichen nach dem Gotthard: Raststätte von Mario Botta in Piotta.

Der wichtigste Korridor durch die Alpen wird täglich von Tausenden von Fahrzeugen befahren p  «Zahlensalat» Seite 32, im Sommer sind es auch mal über 34 000 Fahrzeuge innert 24 Stunden. Noch im Bau ist das Südportal des neuen Gotthard-Basistunnels zwischen Erstfeld (UR) und Bodio bei Biasca. Mit 57 Kilometern ist dieser Tunnel mehr als dreimal so lang wie der Strassentunnel. Er ist rund 12 Mia. Franken teuer und verkürzt die Reisezeit von Zürich nach Mailand um 60 Minuten auf 2 Stunden 40 Minuten. Eröffnet wird das teuerste Loch der Welt voraussichtlich Ende 2016.

H

Hermann Hesse (Dichter) ☞ Kultur «Hier scheint die Sonne inniger und die Berge sind röter, hier wächst Kasta­ nie und Wein, Mandel und Feige und die Menschen sind gut gesittet und freundlich», lobte der 1877 geborene Schriftsteller, Dichter und Maler den Südkanton. Nach Aufenthalten in Mi­ nusio und Sorengo landete Hesse 1919 in Montagnola, wo er seine berühmtes­ ten Werke schrieb («Siddhartha», «Der Steppenwolf», «Das Glasperlenspiel») und 1962 im Alter von 85 Jahren starb.

Hockey (Hockey su ghiaccio) ☞ Sport C10/M10/Y10/K100 C0/M25/Y100/K0 C0/M0/Y0/K30

Fussball? Fehlanzeige! In der Sonnen­ stube gibt’s Spitzensport aus dem Ge­ frierfach: Ambri Piotta (Vereinshymne: La Montanara) und der HC Lugano (Präsidentin Vicky Mantegazza) sind im Schweizer Hockey beständige Grös­ sen, wenngleich der letzte Meistertitel schon acht Jahre zurückliegt – bei den Männern. Immerhin: 2014 wurde in der höchsten Frauen­­liga das «Ladies Team Lugano» Schweizer Meister.

I/J

Italianità (Italianität)  ☞ Leben

Italianità im Tessin – gibt es nicht! Das wäre ja noch schöner: All das, was Italien ausmacht, copy/paste in Lugano, Locarno oder Brusio? Die genuine gesamtitalienische Identität, die Italianità eben, umfasst die Art, die Natur und den Charakter der Italiener – also allenfalls das Wesen jener 60 000 Grenzgänger aus Italien, die im Tessin ihr Brot verdienen. Im Schweizer Südkanton aber ist bestenfalls eine disziplinierte Italianità spürbar, in der die schweizerische Gründlichkeit mitschwingt.


Titelgeschichte // 27

K

M

Küche (Cucina)  ☞ Küche

Nein, die Pizza ist keine Tessiner Erfindung – eher eine Beleidigung für jeden im Südkanton verwurzelten Koch: Zu gut sind die hiesigen Produkte, zu vielfältig und frisch die Ware – und vorbei die Zeiten, als sich die Tessiner von Kastanien, Polenta und Kartoffeln ernährten. Die Einfachheit früherer bäuerlicher Gerichte ist einer modernen Raffinesse gewichen, die immer mehr Sterneköche ins Tessin zieht. p «Küchenfreuden» Seite 55

L

Lebenserwartung (Speranza di vita) ☞ Leben In der Schweiz haben die Tessiner Frauen die höchste Lebenserwartung: 85,6 Jahre werden sie im Schnitt und damit exakt gleich alt wie die Genferin­ nen. Bei den Männern stehen die Obund Nidwaldner (wegen der Steuern?) und die Genfer (wegen der Frauen?) den Tessinern noch vor der Sonne zum Glück im Himmel. Durchschnittlich wird ein Schweizer 80 Jahre alt; der Tes­ siner darf volle 14 Monate länger auf die AHV hoffen: bis 81,2 Jahre.

Lido-Besucher gilt: Mit neuen Bade­ kleidern schwimmt sich nicht nur leichter, man macht darin auch eine tolle Figur. Besonders angesagt ist die­ sen Sommer die unifarbene Bademode, vorzugsweise in Aquatönen wie Türkis und Grün. Neonfarben im Mix mit Schwarz sind ebenso in wie (für die Da­ men) Retro-Modelle mit Polka Dots und hochgeschnittenen Bikinihosen, Triangel-Bikinis und Badeanzüge mit Cut-outs, Schnürungen und transpa­ renten Einsätzen. Darum finden auch Männer: Der Sommer darf kommen!

Lido (Strandbad) ☞ Leben Wer in einem Tessiner Lido in Not ge­ rät, muss nicht bangen: Die dortigen Rettungsschwimmer p  «So fängt Zukunft an» Seite 35 sind stets auf Zack. Und für

SWISSLIFE Sommer 2014

Schöner stranden: Lido di Lugano.

Miss Schweiz (Miss Svizzera) ☞ Kultur

Wenn’s um die Schönsten und Cle­ versten geht, sind die Tessinerinnen unschlagbar: Dreimal holten sie sich ennet dem Gotthard bisher Schleif­ chen und Krönchen. Während Anita Andrini (rechts unten) 1971 noch das Pech hatte, von den Medien ge­ schnitten zu werden (Misswahlen galten damals als irgendwie halb­ seiden), machten Melanie Winiger (links unten) 1996 und Christa Rigozzi (oben) 2006 ihr Missenjahr zur Startrampe für eine nachhaltig einträgliche Promi-Karriere. Auch der 2006 zweitplatzierten p   Xenia Tchoumitcheva gelingt das nicht übel.


Monte Verità (Berg bei Ascona) ☞ Kultur Trotzki, Adenauer, Klee, Billy Wilder, Erich Maria Remarque: Alle waren sie auf dem Berg der Wahrheit – und mit ihnen Tausende von Welterneue­ rern, Künstlern, Anarchisten, Vege­ tariern, Sektierern auf der Suche nach dem eigenen Ich und dem an­ dern Leben. Doch das Experiment missglückte. Was blieb, ist Legende, eine schillernde Mischung von Scharlatanerie und echter geistiger Entfaltung. Auf dem 321 Meter ho­ hen Monte Verità, einem Hügel westlich von Ascona, sammelte sich in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der Widerstand gegen die Kultur und Gesellschaft der Zeit: Lebensreform, Pazifismus, Anarchismus hiess der Gegenent­ wurf. Heute dient der Monte Verità als Kongress- und Kulturzentrum.

O

N

Napoleon Bonaparte (Französischer Feldherr) ☞ Geschichte

Die Geschichte des Kantons Tessin beginnt 1803 mit der von Napoleon Bonaparte diktierten Mediationsverfassung (19 gleichberechtigte Kantone in einem föderativen Staatenbund). Als Napoleon 1798 das Tessin der Cisalpinischen Republik zuschlagen wollte, entschied sich die Region unter der Losung «libri e svizzeri» für den Verbleib in der Helve­ tischen Republik; das Tessin wurde kurzzeitig in die Kantone Bellinzona und Lugano aufgeteilt. Weder eine Strasse noch ein Denkmal erinnern heute im Tessin an dessen Schöpfer. Nur in drei Dörfern im Bleniotal gedenkt man mit jähr­ lichen Prozessionen der Rückkehr der Blenieser Soldaten, die für Napoleon 1812 in Russland kämpften.

Osteria (Gasthaus) ☞ Küche

Ostern (Pasqua) ☞ Kirche

Wie sich doch die Zeiten ändern: War früher die Osteria den einheimischen Männern vorbehalten, die sich abends zu Schwatz und Wein trafen, nennt sich heute praktisch jedes zweite Esslo­ kal Osteria, nicht nur im Tessin, son­ dern auch in Hammerfest oder Berlin. Ausserdem waren die früheren Wein­ schenken bekannt für sehr einfache Gerichte. Und heute? In der Osteria Tre vor den Toren Basels in Bad Buben­ dorf (BL) beispielsweise kocht mit Fla­ vio Fermi eines der begnadetsten Koch­ talente der Schweiz, ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern und mittlerweile 15 Gault-Millau-Punkten.

Ist es rational erklärlich, warum über Ostern alle Deutschschweizer ins Tessin fahren. Gibt’s dort Gratis-Essen? Merlot zum Nulltarif? Oder Ostertauben, bis dass der Bauch sich bläht? Bestimmt nicht. Sicher ist nur: An Karfreitag ar­ beitet der Tessiner – er ist ja schliesslich katholisch. Und von wegen Arbeit: An der Osterprozession von Mendrisio wird das Kreuz Jesu durch das Städt­ chen geschleppt. Tags zuvor, am Grün­ donnerstag bei der «Funziun di Giüdee», steigt eine Art Volkstheater, das von über 200 Personen inszeniert wird – hoch zu Pferd und mit fast dem gesamten biblischen Personal.

Eindrücklich: Osterprozession in Mendrisio.


Titelgeschichte // 29

P

Panettone (Weihnachtsgebäck) ☞ Küche Das Gebäck stammt ursprünglich aus Mailand und geht so: 320 g Wei­ zensauerteig mit kleingehacktem Orangeat, Zitronat, kandierten Kir­ schen und Rosinen, Vanillezucker und 1 Ei verkneten, ruhen lassen, Backform ausbuttern. Teigmasse einfüllen, gehen lassen, bis die Form zu zwei Dritteln gefüllt ist – dann ab in den Ofen, bei 200° 25 Min. ba­ cken, Backofentür kurz öffnen und 15 Min. bei 175° fertig backen. Panettone erst nach dem Auskühlen anschneiden.

Q

Quinto (Ortschaft) ☞ Geografie Wir kennen Ambri («ombra», Schat­ ten). Wir kennen Piotta. Wir kennen den p  Hockeyclub. Und jetzt lernen wir noch etwas dazu: Die Dörfer Ambri und Piotta gehören eigentlich zur Gemeinde Quinto. Von hier führt übrigens auch die steilste Standseil­ bahn Europas (bis 87,8 % Steigung) hoch zum Ritomsee im Pioratal. Ap­ ropos See: Im Val Cadlimo, das eben­ falls zu Quinto gehört, liegt der Lago di Dentro, die wahre Quelle des Rheins! Und apropos Original: Der populärste Tessiner Bundesrat (1966–1973), Nello Celio, kam 1914 in Quinto zur Welt – wie auch sein Namensvetter Enrico Celio, der von 1940 bis 1950 Bundesrat war.

SWISSLIFE Sommer 2014

R

Reis (Riso) ☞ Küche Der nördlichste Reis Europas wächst auf dem Bauerngut «Terreni alla Mag­ gia», das zum «Castello del Sole» in As­ «Küchenfreuden» Seite 55, cona gehört p  obwohl es im Grunde zwei getrennte Gesellschaften sind. Auf einer Land­ zunge zwischen Ascona und Locarno gedeiht auf 52 Hektaren des kiesigen, sandigen und teilweise lehmigen Schwemmlandes der Maggia der LotoReis, der sich besonders gut für Risotto eignet. Das Unternehmen produziert auch einen vorzüglichen Whisky aus lokalem Gerstenmalz.

Rustico (Bauernhaus) ☞ Leben Das Maiensäss-Häusc hen auf geerb­ tem Land konnte früher problemlos umgebaut und luxuriös erweitert wer­ den – rund 10 000 alte Ställe wurden so im Laufe der Zeit zu Wochenendoder Feriensitzen.

Aus alt wird neu: Rustico in Fusio, Val Lavizzara.

Seit Neustem beharrt jedoch der Kan­ ton Tessin nach sanftem Druck des Bundes auf dem Abbruch von rund 1500 Rustici, die ohne Baubewilligung und nicht zonengerecht um- oder aus­ gebaut worden sind.

S

Schwarze Brüder (Spazzacamini)  ☞ Geschichte

Die abenteuerliche Geschichte der «schwarzen Brüder» beginnt in Sonogno, einem kleinen Dorf zuhinterst im Verzascatal. Der 13-jährige Giorgio, Sohn einer bitterarmen Bergbauernfamilie, wird als Kaminfegerbub nach Mailand verkauft. Aus dem Jahre 1908 ist ein Fall dokumentiert, bei dem für einen Buben 138 Franken bezahlt wurden: kleines Schweizer Sklaventum! «Die schwarzen Brüder» ist ein Jugendbuchklassiker, den Lisa Tetzner zusammen mit ihrem Mann, dem «Rote Zora»-Autor Kurt Kläber, vor 70 Jahren geschrieben hat; eindrücklich zu erleben auch im gleichnamigen Kinofilm von Xavier Koller, der Ende letzten Jahres in die Kinos kam.


U

Swiss Miniature (Vergnügungspark) ☞ Tourismus Die Idee liess Pierre Vuigner, einen De­ tailhändler aus dem Wallis, nicht mehr los: Er wollte die Schweiz im Taschen­ format erschaffen. Zuerst klopfte er in Küsnacht an, dann in Pratteln, in Thun,

USI (Universität) ☞ Wirtschaft platzes. Pierre Vuigner verkaufte seinen Lebensmittelladen, zog ins Tessin und baute ab 1959 eigenhändig die ersten Häusermodelle im Massstab 1:25. Heute stehen im 14 000 Quadratmeter gros­ sen Park mehr als 120 originalgetreue Gebäude und Denkmäler, dazwischen fährt auf über 3,5 Kilometern eine Mo­ delleisenbahn mit 18 Zügen durch den Park, über Minibrücken und vorbei an Bonsai-Bahnhöfen.

Seit 1996 hat auch das Tessin eine Hochschule: Die Università della Svizzera italiana USI. Mit rund 3000 Studierenden in den Fachrichtun­ gen Architektur, Kommunikations­ wissenschaften, Volkswirtschaft und Informatik ist sie eine der kleinsten Unis der Schweiz, verlangt aber die höchsten Studiengebühren – 4000 Franken pro Semester für Ausländer, 2000 Franken für Schweizer.

Schwiizerdüütsch (Tedesco svizzero) ☞ Sprache Die Schweiz im Miniformat: Swiss Miniature.

letztlich in Melide. Dort war der Bür­ germeister derart Feuer und Flamme, dass binnen dreier Wochen alle Bewilli­ gungen für die Bauten vorlagen – in­ klusive eines benachbarten Camping­

Hä? Che cosa? Im Tessin verstehen sie alles, bloss kein Schweizerdeutsch. Versuchen Sie es einfach mit Hoch­ deutsch: Das lernen die Tessiner näm­ lich in der Schule, damit sie uns verste­ hen. Noch besser: Lernen Sie endlich alle vier Schweizer Landessprachen.

T

Ticino (Tessin) ☞ Geografie

Der Tessin ist der Fluss, der dem Tessin den Namen gab. Im Süden der Schweiz ist p   Airolo der erste Ort ennet dem Gotthard, Bellinzona die Hauptstadt und Chiasso das Tor zu Italien. Dazwischen liegen 2812 Quadratkilometer Wälder, Strassen, Berge, Täler, Dörfer und Städte, bewohnt von rund 350 000 Einwohnern, von denen jeder vierte ein Ausländer ist. Drei von vier Tessinern sind Katholiken, es gibt über 1800 Restaurants, ein Spielcasino, neun Klöster, 24 Night-Clubs und 171 Tankstellen.

Stark in Architektur: die Tessiner Uni.

V

Valli (Täler)  ☞ Geografie Kaum in einem anderen Gebiet gibt es so viele Täler wie im Tessin: vom Centovalli (hundert Täler) mit sei­ nen zahllosen Seitentälern über das Maggiatal, das sich von Locarno 50 Kilometer in den Norden erstreckt, und das Onsernonetal, in dem viele Schriftsteller eine Heimat fanden p  Berzona bis zum Verzascatal mit dem magisch grünen gleichnamigen Fluss. James Bond sprang hier am Gummiseil 220 m in die Tiefe; der «007-Bungee-Jump» an der VerzascaStaumauer dauert 7,5 Sekunden.


Titelgeschichte // 31

W

Y

Wetter (Tempo) ☞ Meteorologie

Yoga (Yoga)  ☞ Leben

Der Weg zum Ich führt oft ins Tessin, wo er durch Atmung, Übung und Meditation oder kurz: durch Yoga erreichbar ist. Die mystischen und magischen Orte im Südkanton sind wie gemacht dafür und erfreuen sich grösster Beliebtheit. Kein Wunder, wurde in Ponte Tresa die erste Yogaschule der Schweiz gegründet.

Das Wetter im Tessin ist immer gut und sowieso ein bisschen wärmer als anderswo in der Schweiz. Sagen die Tessiner. Es sei denn, es regnet gerade. Aber das ändert sich be­ stimmt bald wieder. Tatsache ist: Im Schnitt regnet es im Mai an 13 Ta­ gen. Im Juli scheint dafür neun Stunden pro Tag die Sonne.

X

Xenia Tchoumitcheva (Vize-Miss Schweiz) ☞ Leben

Z

Zincarlin (Zincarlin) ☞ Küche

Schöner schmollen: Xenia und Christa.

Christa Rigozzi stand ihr 2006 als Miss vor der Sonne, doch die stu­ dierte blonde Betriebswirtschafte­ rin mit Praktikum beim Londoner Ableger von J.P. Morgan sorgt mit wechselnden Liebschaften und et­ was unpräzise formulierten berufli­ chen Zielen für permanente Medi­ enpräsenz – und bleibt damit die erfolgreichste Vize-Miss.

SWISSLIFE Sommer 2014

Ein reichlich mit Pfeffer gewürzter Rohmilchkäse aus dem Valle di Muggio mit einer typischen Form, die an eine kleine, auf dem Kopf stehende Tasse erinnert. Die Rinde wird während der Reifezeit mit Weisswein eingerieben, was zu einer graurötlichen Färbung führt. Mit der Länge der Lagerung wird die Konsistenz des Käses härter, und die komplexen und aromatischen Ge­ ruchsnoten werden stärker.

Zücchin (Deutschschweizer) ☞ Sprache Wenn die Tessiner von «i zücchin» re­ den, meinen sie damit ihre Landsleute

aus der Deutschschweiz. Kommt von «zucca» = Kürbis. Die Bezeichnung kann liebevoll ironisch interpretiert werden – oder so, wie sie effektiv ge­ meint ist: Die Deutschschweizer sind wie ein Kürbis – manchmal etwas dick­ köpfig, schwer­fällig oder auch pampig. Und sie brauchen endlos lange, bis sie weichgekocht sind.


Stautage

Aug. 17

426’033 Fahrzeuge

Stautage

Stautage

Jul. 28

Stautage

Stautage 2012

Sep. 19

344’720 Fahrzeuge

Jan. 16

Feb. 23 Stautage

Quelle: Bundesamt für Strassen (ASTRA)

«8 Kilometer Stau vor dem Gotthardtunnel, 4 Stunden Zeitverlust.» So oder ähnlich tönt es an rund 170 Tagen im Jahr. Kein Wunder: Im Sommer frequentieren an Samstagen über 34 000 Autos den Tunnel. Die Grafik zeigt, wie viele Fahrzeuge 2012 den Gotthardtunnel Richtung Süden durchquerten. Und wie viele Stautage pro Monat daraus resultierten.

A2, Luzern Richtung Chiasso:

289’500 Fahrzeuge

290’400 Fahrzeuge

289’850 Fahrzeuge

280’710 Fahrzeuge

168


Zahlensalat // 33

Dez. 3

Stautage

200’849 Fahrzeuge

Nov. 5

Stautage

191’370 Fahrzeuge

Apr. 9

Stautage

Mai 10

Stautage

Jun. 15

Stautage

Okt. 10

Stautage

254’944 Fahrzeuge

Mrz. 13

Stautage

232’903 Fahrzeuge

157’724 Fahrzeuge

158’131 Fahrzeuge


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Der neue Polo. Eine Klasse innovativer. Jetzt ab Fr. 15’500.–*. Er sieht unverschämt gut aus. Und er bietet für seine Klasse konkurrenzlos viele Innovationen. Dazu gehören Infotain­ ment­ und Assistenzsysteme wie automatische Distanzregelung ACC, Müdigkeitserkennung, Rückfahrkamera und City­Notbremsfunktion. Obendrein ist der neue Polo serienmässig mit BlueMotion Technology und bis zu 21 Prozent sparsameren EU­6­Motoren ausgestattet. Und das ist nur der Anfang. Lernen Sie ihn jetzt kennen. Am besten bei einer Probefahrt.

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*


Rettungsschwimmer // 35

Bild: Giorgio von Arb

So fängt Zukunft an. Sie sind schwimmende Engel: Die Mitglieder der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft SLRG, die in Schwimm­bädern, Seen und Flüssen Menschen in Not sicher ans trockene Ufer bringen. Für manche Geretteten beginnt so sprichwörtlich ein neues Leben. Doch auch die Wasserretter der SLRG, die seit 2012 mit neuen Ausbildungs­modulen geschult werden, riskieren Kopf und Kragen: Giorgio von Arb fotografierte an Ausbildungskursen der Tessiner Sektion künftige Lebensretter.

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SWISSLIFE Sommer 2014


Aline Baggett, 32, Saint-Légier VD «Wasser fasziniert mich, aber gleichzeitig weiss ich, dass es auch Gefahren birgt. Wenn etwas passiert, möchte ich das Richtige tun.»


FABIO Storelli, 37, VeneDIG IT «Ich mache diese Ausbildung, weil ich das Wasser liebe.»

SWISSLIFE Sommer 2014


Paolo Simone, 26, Giubiasco TI «Ich treibe viel Wassersport, wie meine Freunde auch. Und ich möchte nicht, dass bei diesem Vergnügen etwas Schlimmes passiert.»


Gabriele Gazzerro, 42, zürich zh «Das Wasser ist mein Element und ich möchte meinen Beitrag leisten – aus Verantwortung gegenüber den Mitmenschen.»

SWISSLIFE Sommer 2014


Daniele Storelli, 24, VeneDIG IT «Die Leidenschaft fürs Schwimmen und die Möglichkeit, dies mit einer entsprechenden Sommerarbeit zwischen dem Studium zu kombinieren, gefällt mir.»


Samuel Monaco, 16, Biasca TI «Ich möchte meine Fähigkeiten für die Wasserrettung erhöhen.»

SWISSLIFE Sommer 2014


Simone Pellegrino, 26, Biasca TI «Ich bin hier, weil ich lernen möchte, wie man gefährliche Situationen bewältigen kann – und anderen helfen.»


Marco Monaco (Vater von Samuel), 43, Biasca TI «Ich bin Lehrer. Ich will, dass mein Wissen allen nützt.»

SWISSLIFE Sommer 2014


Rémy Cortinovis, 16, Prugiasco TI «Ich möchte lernen, was zu tun ist, wenn man anderen Menschen helfen will.»


Ich werde niemals Weinbauer in der Toskana zu sein erfüllt mich total. Das Leben ist voller Wendungen. Unsere Vorsorge passt sich an. Swiss Life bietet für jeden Lebensabschnitt massgeschneiderte Lösungen an. Ob Sie gerade eine Familie planen, eine Firma gründen oder Ihre Vorsorge angehen möchten: Bei uns sind Sie gut beraten. www.swisslife.ch


A Swiss Life // 47

Text: Yvonne Eckert, Bild: Tom Haller

Prossima fermata: Azzurro

Mirella Satraniti liebt Menschen, Sprachen und ihren Beruf. Als Zugbegleiterin reist sie täglich in den Süden und freut sich über jede Entschleunigung – abseits der Gleise. Und über ihre Lieblingsstelle, den sich kreuzenden Wasserfall bei Biasca.

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SWISSLIFE Sommer 2014


D

ie Reise in den Süden beginnt für Mirella Satraniti genau oberhalb des «Baretto» im Hauptbahnhof Zürich. Während unten Pendler ihren Caffè latte holen oder sich für unterwegs Cornetti einpacken lassen, öffnet die Zugbegleiterin ein Stockwerk höher den Spind, hängt ihre Kleider rein und zieht ihre Uniform an. Heute sind das Hose, Bluse, Gilet und darüber eine Jacke. Natürlich darf die schwarze Tasche mit der gelben Karte und der Lochzange nicht fehlen. Das wichtigste Utensil aber ist das «ZPG», das in einer robusten, roten Hülle steckt. Mit dem Zugpersonal­ gerät können Billette ausgedruckt, Passagierdaten überprüft, Anschlusszüge abgefragt und, wenn es sein muss, auch Bus­ sen ausgestellt werden. Wenn die Kondukteurin Frühschicht hat und den 6.09Zug nach Locarno begleitet, muss sie sehr früh aufstehen. Bereits um 4.57 fährt der Bus von Niederglatt, wo sie wohnt, in Richtung Kloten-Balsberg. Von da geht es in der S-Bahn weiter. Wenn es zeitlich so knapp ist, reist Satraniti bereits in Uniform an. «Ich gehe es gern ruhiger an, bin normalerweise eine halbe Stunde früher da, um die Tour am Computer vor­ zubereiten und zu schauen, ob es Gruppenreservationen gibt oder ob wir Rollstühle einladen müssen. Ich trinke einen Kaf­ fee, fahre entspannt im Lift runter, durchquere die Halle zum Gleis 4 oder 5 und mache den Zug abfahrtsbereit.» Dort steht je nach Uhrzeit ein InterRegio, ein Intercity oder ein Eurocity. Die Kondukteurin geht der Zugkomposi­ tion entlang und notiert die Anzahl der Wagen. «Wir erstel­ len einen Lastzettel, rechnen aus, wie schwer der Zug ist, wie schnell er fahren darf, wie das Sitzplatzangebot ist. Das alles geben wir dem Lokführer persönlich durch. Auch eine Bremsprobe gehört zur Vorbereitung.» Dann hebt Mirella Satraniti die gelbe Karte: das Zeichen zur Abfahrt. Der Zug setzt sich in Bewegung und taucht bald in den Zimmerbergtunnel ab. Erst ab Thalwil können links sitzende Reisende den Ausblick über den Zürichsee ge­ niessen. Die Zugbegleiterin wird von ausländischen Touris­ ten oft gefragt, auf welcher Seite sie denn sitzen sollen. Wenn es genug Platz hat, rät sie ihnen, flexibel zu bleiben, denn ab Zug öffnet sich rechts eine herrliche Aussicht auf den träge daliegenden See und die majestätische Rigi. Zusammen mit dem Zugchef macht sich Satraniti an die Billettkontrolle. Reisende Richtung Süden seien entspannter als auf anderen Strecken, sind sich die Zugbegleiterin und der Zugchef einig. Den meisten stehen unbeschwerte Tage bevor. «Sie freuen sich auf die Ferien, den Ausflug, auf warmes Wet­ ter und gutes Essen», erzählt die 27-Jährige. Selbst wer hier

geschäftlich unterwegs sei, entschleunige. «Ich habe in die­ sem Zug noch nie aufgeregte, nervöse oder herum­tigernde Reisende gesehen.» Ausser vielleicht damals der Inder, der kurz rauswollte – und es nicht mehr reinschaffte. Wie es dazu kam? «Der Herr wollte Fotos machen. Leider war die Zugscheibe nicht ganz so sauber, wie er sich das ge­ wünscht hätte.» Er fragte die Zugbegleiterin, ob sie diese rei­ nigen könnte. Satraniti verneinte, man sei am Fahren. «Er ist in Arth-Goldau ausgestiegen, um das Fenster selbst zu putzen – und dort stehen geblieben.» Als der Kollege anrief

«Ich habe in diesem Zug noch nie aufgeregte, nervöse oder herumtigernde Reisende gesehen. Sogar wer geschäftlich auf dieser Route unterwegs ist, entschleunigt.» und sie über den «verlorenen» Passagier informierte, war sie schockiert. «Ich wusste aber sofort, um wen es sich han­ delte, und suchte seine Sachen zusammen», erinnert sich Satraniti. In Bellinzona konnte der Gast diese später wieder in Empfang nehmen. «Er hat mir zwar leid getan, aber ich hatte ihm gesagt, er solle nicht aussteigen, wir hätten nicht so lange Aufenthaltszeiten in den Bahnhöfen», meint die Zugbegleiterin. Um die Südroute hat sie sich nach ihrer Ausbildung be­ worben: «Wegen der Muttersprache, wegen der Reisenden und wegen der Aussicht natürlich.» Satranitis Lieblingsstel­ le liegt bei Biasca, wo sich zwei Strahlen eines Wasserfalles kreuzen. In den drei Jahren, in denen sie zwischen Nord und Süd pendelt, ist es ein lieb gewordenes Ritual geworden, kurz zum Wasserkreuz hochzublicken, bevor der Zug schon bald in Bellinzona einfährt. Wen zieht es denn in die Gegend, in der Ortschaften so verheissungsvolle Namen wie Paradiso tragen? Nebst Stu­ denten und Rekruten, die übers Wochenende heimkehren, meist Wanderer, Velofahrer und mittwochs Ausflügler, die den Wochenmarkt in Luino besuchen. Im Sommer sind es


Die Kondukteurin und der Barista sind ein Paar: eine Story, die jede Fotoromanza toppt.

Das «ZPG» kann fast alles: Mit dem Zugpersonalgerät druckt die Zugbegleiterin Billette aus oder fragt Anschlusszüge ab. SWISSLIFE Sommer 2014


Mirella Satraniti: Auf der R端ckreise: Der Himmel 端ber dem Kirchlein von Wassen ist wieder grau, es nieselt.


A Swiss Life // 51

Ferienreisende und solche, die nach Locarno auf die Piazza pilgern – für Konzerte oder ans Filmfestival. Wenn Kinder unterwegs sind, kann es vorkommen, dass es dem einen oder anderen unterwegs übel wird. Im Neigezug herumzutollen ist eben nicht ganz ohne. In ihrer Kindheit ist Mirella Satraniti im Sommer auch ein paar Mal mit dem Zug in die Heimat ihrer Eltern gefah­ ren. Mit Schoggi, Cervelats und Bratwürsten für die Ver­ wandten in Kalabrien im Gepäck. Auf dem Rückweg seien sie noch beladener gewesen. «Das Klischee, dass Italiener mit dem Koffer voller Essen zurückkommen, stimmt halt», grinst die junge Frau. Touristen seien oft erstaunlich gut vorbereitet, fragten beispielsweise, wann nun das Kirchlein von Wassen zu sehen sei. Wenn Satraniti mit ihren fünf Sprachen nicht weiter­ kommt, erklärt sie die Kehrtunnels – typisch italienisch – auch mal mit Händen und Füssen. Chinesen reisen übrigens oft wegen des Outlets in Mendrisio ins Tessin. Vermehrt

Die Calabrese und der Neapoletano. Wo sie sich kennengelernt haben? Natürlich im Zug. Er hat ihr geholfen, den Koffer in den Zug zu hieven. Eine Story wie in einer Fotoromanza. gebe es auch Gäste aus Russland und den Arabischen Emira­ ten. Und wenn eine indische Familie unterwegs sei, könne es schon mal vorkommen, dass der Duft des mitgebrachten Currys durch den Wagon ziehe. Unvergesslich bleibt der Zugbegleiterin die Reisegruppe mit zirka dreissig älteren Herren, die bereits ziemlich vorge­ glüht hatten. In ihrer Festlaune vergassen sie, in Arth-Goldau umzusteigen, dabei hatten sie in der Nähe von Airolo in einem Grotto zum Mittagessen reserviert. Mirella Satraniti beru­ higte die erhitzten Gemüter, telefonierte herum und konnte, weil alles passte, ausnahmsweise einen kurzen, ausserordent­

SWISSLIFE Sommer 2014

lichen Halt erwirken. Auf der Rückreise der Senioren war sie erneut im Dienst. Als die Passagiere die Kondukteurin er­ blickten, riefen sie: «Das isch doch wieder das Meitli!» «Der Job wird halt immer noch mehrheitlich von Män­ nern ausgeübt», sagt Satraniti – «aber die Frauen holen auf», fügt sie augenzwinkernd hinzu. Sie gehört nicht zur Genera­ tion, die sich über derartige Flegeleien einen Kopf machen würde. Sie freut sich lieber über das Frauengrüppchen, das zur Kamelien-Ausstellung nach Locarno reist. Die vier Da­ men haben Prosecco und Gläser ausgepackt und stimmen sich stilvoll auf die Blumenpracht ein. Draussen zieht eine weitere Postkarten-idylle vorbei – Flüelen. Der Vierwaldstät­ tersee leuchtet hier eisblau vor der grauschwarzen Felskulisse. Auf der längeren Strecke in den Süden habe man auch Zeit für einen Schwatz mit Reisenden, erzählt Mirella Satraniti, die sich als Gastgeberin versteht. «Eine etwa 70-jährige Dame, die alle 14 Tage zwischen Zürich und Milano pendelt, berichtet mir immer die neusten Geschich­ ten ihrer Enkel.» Manchmal reicht es auch für einen Kaffee im Speisewa­ gen. Und es kommt auch vor, dass Satranitis Freund mit ihr zusammen auf dem gleichen Zug arbeitet. Die Kondukteurin und der Barista. Die Calabrese und der Neapoletano. Wo sie sich kennengelernt haben? Natürlich im Zug. Südwärts. Er hat ihr geholfen, den Koffer in den Zug zu hieven. Eine Story, die jede Fotoromanza toppt. Auch die Antwort auf die Frage nach dem passenden Canzone zur Strecke kommt wie aus der Pistole geschossen: «‹Azzurro› von Celentano!» Weshalb? «Weil der Himmel, wenn man in Airolo aus dem Tunnel kommt, meist wirklich strahlend blau ist!» Mirella Satraniti sagt’s mit so viel Inbrunst, dass man sich nicht sicher ist, wer denn nun mehr strahlt: der Himmel über Airolo oder das Gesicht der Zug­ begleiterin. Auf der Rückreise – wir haben es geahnt – ist der Himmel über dem Kirchlein in Wassen wieder grau, und bald beginnt es zu nieseln. Das kümmert Satraniti wenig. Um 14 Uhr, wenn ihre Schicht zu Ende ist, braucht sie sieben Minuten, um den Zug zu übergeben, abzurüsten und die Daten vom «ZPG» auf den Computer zu übermitteln. Dann nimmt sie den nächsten Zug: Zum Nachtessen wird sie bei ihrem Freund in Como sein. Südwärts, das bedeutet für sie: «Meine Heimat, die Men­ talität, das Mediterrane, das farbige, laute Leben.» Und Bisso­ ne tönt nun mal verlockender als Bümpliz …


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Küchenfreuden // 55

Tessiner Teigwaren-Risotto, umgarnt von jungem Gemüse

Illustration: Sylvia Geel

Casarecce, die traditionellen gedrehten Nudeln aus Süditalien, verzaubern zusammen mit saisonalem Gemüse als Gericht, das gerade deshalb so gut schmeckt, weil es so ehrlich ist.

Risotto di pasta alla verdura Knoblauchzehe in etwas Olivenöl andünsten, Pasta beifügen und kurz andünsten. // Kartoffeln, Karotten und Kohlrabi dazugeben, mit dem Gemüsefond leicht bedecken. // Unter ständigem Rühren wie einen Risotto weitergaren. // Den restlichen Gemüsefond nach und nach dazugiessen. // Kurz vor Ende der Garzeit die Zucchinistifte, Gartenerbsen und/oder Fave beigeben und al dente fertig garen. // Die Tomaten sowie den Verveine beigeben. // Wie einen Risotto fertig stellen, mit der Butter und dem Sbrinz aufmontieren. // Mit Salz und Pfeffer abschmecken, mit wenig Limettenabrieb sowie nach Gutdünken mit Limettensaft sowie Weisswein verfeinern. // Mit Verveineblättern garnieren. Anmerkungen Je nach Saison Artischocken, Kefen, Kürbis oder anderes saisonales Gemüse mitkochen. // Den Verveine durch Estragon, Basilikum oder andere Kräuter ersetzen. Zutaten für 4 Personen: 200 g Casarecce-Teigwaren, 1 Knoblauchzehe zerdrückt, 100 g Kartoffeln, geschält und in kleine Würfel geschnitten, 150 g kleine Karotten, schräg in Scheiben geschnitten, 150 g Kohlrabi, in Spalten geschnitten, 200 g kleine Zucchini, in Stifte geschnitten, 100 g Gartenerbsen und/oder Fave (Schweinebohnen), 16 Stk. Cherrytomaten, geviertelt, mit Salz, Pfeffer und Olivenöl marinieren, 80 g Butter, 60 g Sbrinz, gut gereift, gerieben, 1 Stk. Limette, etwas Abrieb und Saft, ca. 1 l Gemüsefond, einige Blätter frischer Verveine, grob gezupft, Salz, Pfeffer, trockener Weisswein, Olivenöl.

SWISSLIFE Sommer 2014

Othmar Schlegel über die Lust am Entdecken Wir bauen eigenen Reis an, den nörd­ lichsten auf der ganzen Welt, ernten im eigenen Garten auch Safranfäden, letztes Jahr 40 Gramm! Vor 12 Jahren entdeckte ich in Paris diese japani­ schen Zitronen, wir pflanzten dann hier vier Yuzu-Bäume, und vor drei Jahren hatten wir die erste grosse Ern­ te: Nach 1200 Stück Yuzu hörte ich auf zu zählen. Letztes Jahr entdeckte ich in Galizien ein wunderbares Salz aus einer 200 Millionen Jahre alten Mine, stalaktitenförmige Zapfen. Mit einer feinen Reibe gebe ich etwas von diesem Sal de Añana über ein KalbsCarpaccio oder ein Thunfischtatar – ein Traum! Eben habe ich schwarze Kichererbsen entdeckt und ein sagen­ haftes Öl aus Erdmandeln. Ich liebe Gewürze und Kräuter über alles, gera­ de in Kombination mit traditionellen Gerichten. Und genau das finde ich so faszinierend an unserem Beruf: Es braucht kein Schickimicki! Ich liebe Ursprüngliches und Bodenständiges. Tolles Kobe-Fleisch zu bekommen, ist keine Kunst – aber frisch geschnittenen Fenchel aus dem Garten, das ist un­ schlagbare Qualität. Othmar Schlegel ist Chefkoch in der «Locanda Barbaresco» im Hotel «Castello del Sole» in Ascona. Dort arbeitet der Luzerner seit mehr als 25 Jahren, erkochte sich 18 Gault-MillauPunkte sowie einen Michelin-Stern und wurde 2014 als «Aufsteiger des Jahres» im Tessin ausgezeichnet. www.castellodelsole.com


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Illustration: Sarah von Blumenthal

Beni Frenkel // 57

Der Wunderrabbi und der Zuckerwürfel: Unser Autor verbindet mit demTessin gar exotische Verheissungen. Das Schöne am Tessin sind seine Dorfnamen: Vezia, Ascona, Maggia, Capriasca. So hiessen doch in der Schule ungefähr auch die Mädchen, auf die die Jungs scharf waren. Nicht möglich, dass die Hübscheste in der Klasse Fischbach-Gösli­ kon oder Stein-Säckingen hiess. Kindheitserinnerung: Wir fahren mit der SBB nach Lu­ gano zur Tante. Im Gotthard-Tunnel dann alles dunkel, wir betrachten die anderen Leute im Abteil durch die gespiegel­ ten Fensterscheiben. Dann plötzlich in Airolo: Ein gleissen­ des Licht blendet uns. Es breitet sich Wärme durch unseren Körper. So stelle ich mir eine Nahtoderfahrung vor. Das Tessin ist für mich überhaupt etwas Mystisches. Das ist doch der Kanton mit Palmen, der südländischen Sprache und dem Swiss Miniature. Wir waren nicht häufig in Lugano. Die Reise dorthin war teuer; wir gingen lieber nach Winter­ thur. Einmal, mein Vater muss gerade seinen Dreizehnten erhalten haben, fuhren wir aber nicht nur nach Lugano, son­ dern schliefen sogar in einem Hotel. Das Hotel hiess Dan. Es war damals das günstigste Hotel in Lugano. Es lag am Luganersee, aber weit hinter den teuren, exklusiven Hotels. Ähnlich wie in der Formel 1, wo die hinte­ ren Startreihen nichts Gutes versprechen. Ich will meinem Vater gegenüber nicht unfair sein. Ich meine, ich könnte mei­ ner Familie momentan auch nichts Besseres gönnen. Der Speisesaal im Hotel Dan war also bestenfalls eine Kantine, es fehlte an einer Lobby, die Treppen knarrten. Wir waren zum ersten Mal in einem Hotel. Zeitgleich nächtigte auch ein chassidischer Wunderrabbi im Dan. Wie man sich einen chassidischen Wunderrabbi vor­ stellen muss? Nun, wir nehmen Mike Shiva, den Wahrsager, als Grundeinheit. Wir subtrahieren ihm 30 Kilogramm Le­ bendgewicht und addieren einen weissen Bart, einen Wander­

SWISSLIFE Sommer 2014

stock und eine Nickelbrille. Der Wunderrabbi redet natür­ lich nicht so viel wie der Mike Shiva. Jedes Wort legt er auf die Goldwaage. Aber ähnlich wie beim charismatischen TV-Star scharen sich viele Anhänger um ihn herum. Wir betrachteten den Wunderrabbi sehr gespannt. Wie häufig sieht man einen Wunderrabbi in seinem Leben? Er schien uns anzulächeln, einmal in dieser muffigen Kantine. Ich stellte mir damals vor, wie er das Hotel in einen Luxus­ tempel verwandelt: In jedem Zimmer einen Fernseher, war­ mes Wasser in der Dusche, jeden Tag eine neue Seife im Bad­ zimmer. Doch nichts geschah. Mein Vater war damals in grosser Sorge. Seine Tochter war immer mit den falschen Jungs zusammen und ein bisschen dick. Nicht sehr dick, aber ein bisschen dick. Und ich? Ich war schlecht in Französisch. Am nächsten Morgen lächelte uns der Wunderrabbi wieder an. Hob er seine Hand zum Gruss? Schwer zu deuten, aber er guckte zu uns hinüber. Papi nestel­ te an seinem engen Kragen herum. Er war nie ein Thomas Gottschalk, der allen Leuten auf die Schulter haut. Unsicher stand er auf und ging zum Wunderrabbi. Ob er uns alle segnen könne, besonders seine Tochter, aber auch den Beni? Der Rabbi lächelte gütig und verschwand mit ihm im Séparée. Nach zwei Minuten kam mein Vater wie­ der heraus, mit vier Zuckerwürfeln in der Hand. Ein Geschenk vom Rabbi. Jedes Kind bekam einen. Es soll uns Glück und Segen bringen. Ich ass meinen Zuckerwürfel gleich auf. Die Schwester hob ihn auf. Mein Vater zahlte dem Rabbi übrigens 5000 Franken (meine Mutter erfuhr dies erst ein Jahr später und rastete aus). Und heute? Meine Schwester hat einen Rechtsanwalt ge­ heiratet und ich kann noch immer nicht gut Französisch. Der Rabbi ist wirklich ein Wunderrabbi!


Gewinnen Sie ein TraumWochenende im Hotel Giardino Ascona.

Viele Menschen aus der Deutschschweiz, die es Richtung Süden zieht, reisen ins Tessin. Manche fahren bis nach Italien. Und einige landen, wie die Zugvögel, in Afrika. Doch wie weit kann man eigentlich südwärts fahren, bis es nicht mehr weitergeht? Oder konkret gefragt: Wie weit ist der Südpol von Ascona entfernt? Beantworten Sie diese Frage und gewinnen Sie ein Wochenende für zwei Personen im legendären 5-Sterne-Hotel Giardino Ascona, dieser einzigartigen grünen Oase des Wohlbefindens am Lago Maggiore. Wir wünschen viel Glück!

Nehmen Sie mit der SWISSLIFE-App oder auf www.swisslife.ch/magazin am Wettbewerb teil. Oder senden Sie uns die Antwort­karte (Lasche der hinteren Umschlagseite) mit Ihrer Lösung. Teilnahme­schluss ist der 31. August 2014. Die Gewinner werden im nächsten SWISSLIFE bekannt gegeben. Wir gratulieren Nives Mozzettini in Gordola, Adrian Schweizer in Glattbrugg, Ferruccio Scossa-Romano in Malvaglia, Margrith Steffen in Laufen und Jean Wahlen in Jonen zum Gewinn des letzten SWISSLIFE-Wettbewerbs.


Wettbewerb // 59


60 // Zugabe

Robert Rohner von der Band May Day über den Song «Südwärts»

«Ein Text soll nicht einfach plätschern» Röbi Rohner, Bass und Gesang (hinten Mitte)

Südwärts, wo dia haissa Wind gebora sind,
 wo eim d Sunna verbrennt, Abentüür ohni End,
immer meh südwärts, döthi wo d Vögel zoga sind, au für di chunnt dia Zit und si nemmen di mit
 eifach südwärts. «Ich vergleiche ‹Südwärts› immer ein bisschen mit ‹Take it easy› von den Eagles, so vom Feeling her, frisch von der Leber weg, ein Wohlfühl-Sound, der sofort ins Ohr geht, man kann grad mitsingen. ‹Südwärts› steht für Start, für Aufbruch, für Sonne, Wasser, Wärme, für fröhlich, locker, unterwegs. Es ist jetzt bald 20 Jahre her, seit ich diesen Song schrieb, aber ich erinnere mich noch gut, weil sich am Grundgefühl und der Aussage nichts verändert hat: Wenn es in unserem Kantönli mal wieder sieben Monate lang Winter war, freut man sich, dass endlich der Sommer kommt. Beim Lieder­ schreiben bin ich heikel, es ist ja Mundart, alle verstehen das, nicht wie bei diesen neuen englischen Songs, ‹I Need A Dol­ lar› beispielsweise von Aloe Blacc, übersetzt ‹Ich brauch einen Franken›. Wenn du das zehn, zwanzig, dreissig Mal in einem Song wiederholst, wird die Qualität auch nicht besser; oder bei Zwangsreimen, da schüttelt es mich! Ich finde, die Texte müssen stimmen, das kann nicht einfach so 08/15 dahin­ plätschern, es braucht eine gewisse Qualität. Als wir anfingen mit May Day, da war ich 18, da gab es in der Schweiz eigentlich erst ‹Rumpelstilz›, die Mundarttexte machten. Jetzt bin ich 53-jährig – es ist 35 Jahre später und May Day gibt es immer noch. Beweisen müssen wir heute niemandem mehr was. Wir haben immer das gemacht, was uns Spass machte, wir arbeiten ja alle noch 100 Prozent.

May Day war und ist unser Hobby, das ist ja auch das Ziel der Übung, Geld spielte dabei nie eine wichtige Rolle. Klar kann es nicht sein, dass alle rund um uns herum Geld ver­ dienen und wir für ein Butterbrot spielen, aber es geht auch nicht darum, eine superfette Gage zu fordern. Es war auch nie so bei uns, dass wir uns sagten: ‹Jetzt muass umds Verregga a Hit härra!› Im Gegenteil, die erste CD, die wir machten, 1992 war das, die machten wir, weil wir unseren Enkeln mal zeigen wollten, was wir mit 17, 18 ge­ macht haben. Wir nahmen für die Aufnahmen bei einer Bank sogar einen Kredit auf, und dann ging diese CD ab wie ein Zäpfli, wir haben gar nicht viel dafür gemacht, wir muss­ ten sie sogar noch nachpressen und bekamen dafür auch eine Goldene Schallplatte. Damals brauchte es noch 25 000 verkaufte Platten dafür. Wenn man irgendwo spielt, sieht und merkt, wie die Leu­ te Freude haben, wie sie glänzende Augen bekommen bei gewissen Liedern, dann ist das eine ganz grosse und tiefe Be­ friedigung, wenn man spürt, man macht dem Publikum eine Freude, und merkt, dass man den Menschen wieder ei­ nen schönen Abend beschert hat. Wir machen einfach das, was uns gefällt, was wir gerne machen, dann berührt das die Leute irgendwann. Für uns muss es stimmen – und das tut es noch immer. Es ist un­ glaublich, egal, wo wir spielen, ob in Vals oder in Bern, alle singen unsere Songs mit, das ‹Alles wäge Diar› können sie in der ganzen Deutschschweiz, da singt jeder mit, das freut ei­ nen, das gibt auch Pfupf und Energie, um weiterzumachen. Und bevor man die Leute nicht mit dem Rollstuhl vor die Bühne karren muss, hören wir nicht auf.» May Day ist die älteste noch bestehende Schweizer Rockgruppe: Seit 35 Jahren tourt die Band, die sich 1979 in Zizers formierte, mit dem Slogan «Rock wo verstosch» durch das Land. Beim Sextett sind Bassist Robert Rohner und Pianist Edi Zinsli von Anfang an mit dabei. Derzeit arbeiten die Bündner an ihrem neunten Album. www.may-day.ch


www.swisslife.ch/magazin

Bild: www.lucas-peters.com

Wenn es ein Produkt gibt, welches das etwas überstrapazierte Prädikat «Kult» tatsächlich verdient, ist es die unvergängliche «Wayfarer» von Ray-Ban. Seit Mitte der Fünfziger-Jahre wird die universelle Kunststoffbrille produziert und erfreut sich bei jeder Generation grosser Beliebtheit – bei den «Digital Natives» auch in poppigen Primärfarben. Ray-Ban ANDY bei Burrioptik Zürich

Magazin SWISSLIFE // Südwärts  
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