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Inhalt Vorwort .................................................................................... 3 12. April: Kraut & Rüben & Citoller ......................................... 5 13. April: Ins gelobte Land ....................................................... 7 15. & 16. April: Scarborough Fair ............................................. 15 17. April: Der Wein, der schmeckt mir also wohl . .................. 25 18. April: Xitomatl und andere Äpfel ....................................... 35 20. April: Roter Apfel – Schwarze Erde . ................................. 41 21. April: Bauernkantate .......................................................... 47 Die Bühnenprojektionen ......................................................... 55 Die Interpreten ........................................................................ 56

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Vorwort

Was ist eigentlich Kultur? Im ursprünglichen Sinne meint das Wort nichts anderes als: Ackerbau. Und es ist eigentlich kein Wunder, dass der lateinische Begriff aus der Landwirtschaft in­ zwischen für alle menschlichen Gestaltungskräfte steht. Denn der Anbau und die Zucht von Pflanzen ist eine der frühesten menschlichen Großtaten und steht am Beginn der Entwicklung unserer Hochkulturen. Kaum etwas scheint von dieser engen Durchdringung von Landbau und Kultur heute noch bewusst, doch schaut man nur ein wenig genauer hin, entdeckt man die Früchte des Bodens als Keimzelle von vielen großen Kunst­ werken. Die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Landwirtschaft, zwischen Fruchtbarkeit und Kunst, stehen heuer im Zentrum des Festivals PSALM. Und das auch aus ganz aktuellem Anlass: Seit einiger Zeit wird in der Europäischen Union um die Fragen des Reichtums an biologischen Arten im Anbau gerungen. Die Artenvielfalt, die aus einem jahrhundertelangen kulturellen Pro­ zess der Züchtung und Veränderung hervorgegangen ist, wird heute durch die Versuche von Normierung und Patentierung bedroht. Auch vor diesem Hintergrund lohnt es sich, einmal mit dem Kunstblick in unsere Obst- und Gemüsegärten zu schauen. Und siehe da: Viele Früchte, die wir heute als heimische Natur­ produkte begreifen, sind in Wirklichkeit Folgen menschlicher Kultur- und Reisetätigkeit. Ob Kürbis oder Kartoffel, ob Tomate oder Apfel – alle haben einen beträchtlichen Migrationshinter­ grund, sind heimisch gewordene Gäste aus den entlegensten Orten des Planeten. Der Apfel ist ein Türke, die Kartoffel ein Indianer und Kürbis und Tomate sowieso auch. So selbstverständlich sind uns heute diese Gäste, dass wir uns ein Leben ohne sie kaum vorstellen können. Und deshalb ranken sich auch viele Lieder und Ge­ 3


schichten um diese wundervollen Pflanzen. In Anatolien wurde der Apfel schon vor tausenden von Jahren besungen, die Kartof­ fel war für Schotten und Iren Segen und Fluch zugleich, wovon ihre Lieder erzählen, und der Kürbis wurde in der Steiermark so sehr ins Herz geschlossen, dass man ihn adoptierte und sein Öl zu einem Teil der steirischen Identität wurde. Und selbst an der Wurzel des Osterfestes, im jüdischen Pessach, geht es ganz agrarisch zu, wenn Moses ins „Gelobte Land“ aufbricht, in dem Milch und Honig fließen. Zeit also, die vielen Früchte der Erde musikalisch in den Blick zu nehmen, denn sie schmecken nicht nur, sie klingen und erzählen vom Wesentlichen im Menschsein.

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Samstag, 12. April 2014 Kaiser-Josef-Platz, 9-12 Uhr

Kraut & Rüben & Citoller

Die Vielfalt des Lebens in den Melodien vom Lande – geblasen, gestrichen und gesungen

Das Programm beginnt jeweils um 9, 10 und 11 Uhr in der Mitte des Bauernmarkts und ist auch speziell für Kinder geeignet.

Die Citoller Tanzgeiger: Ingeborg Härtel Hermann Härtel Hubert Pabi Ewald Rechberger Vinzenz Härtel

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Ad notam Was der Acker, der Obstgarten und das große Mostfass im ­Keller mit Musik zu tun haben, liegt auf der Hand: Sie liefern Mittel zum Leben und diese laufen noch dazu über den Gaumen. Schon deshalb sind die Bohnen, die Wurzeln und Knollen auf den Marktständen des Kaiser-Josef-Platzes auch in unserer emotionalen Sprache zu finden – dem Singen. Manches Mal als großes Thema vom Bauernleben („I bins hålt a Sulmtåler Bauer“), dann wieder in den vielen Gstanzlliedern („Håb an Krautåcker und a Håbernleitn“), gerne aber auch in den Kinder­ liedern („Gehn ma in den Garten, schütteln wir die Birn“). PSALM wagt eine Begegnung vor Ort, mitten im größten Grazer Angebot des Artenreichtums und der Fruchtbarkeit.

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Sonntag, 13. April 2014 (Palmsonntag) 13. Nisan 5774 (ein Tag vor dem Sederabend) Helmut-List-Halle, 19 Uhr

Ins gelobte Land

Yair Dalal (*1955) Gebet für den Frieden Irakisch-persischer Makam auf ein traditionelles Yom-Kippur-Gebet I. Im Anfang erschuf Gott die Himmel und die Erde … (Gen 1 & 2) Alol (instr.) II. Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes … (Gen 3 & 4) Melech Goel Umoshia Sunset Eyes (instr.) III. Pharao schickte hierauf hin … (Gen 41) Emounim imro shevach Rabbi Israel Najara aus Zefat, 16. Jahrhundert Yaarat Devash Geistliches Lied der irakisch-jüdischen Tradition IV. Es kam ein neuer König zur Regierung über Mizrajim … (Ex 1-3 & 7) Rabbi Nissim aus Bagdad, 19./20. Jahrhundert Ma navou aley Geistliches Lied der irakisch-jüdischen Tradition

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Acco Malka (instr.) V. Der Ewige sprach zu Mosche und Aharon … (Ex 12) Lefichach VI. Der Ewige redete mit Mosche und sprach: … (Num 13 & Dtn 34) Yair Dalal Zaman El Salaam Komponiert 1994 aus Anlass der Vergabe des Friedensnobelpreises an Jassir Arafat, Shimon Peres und Jitzchak Rabin

Texte aus: „Die Tora“, nach der Übersetzung von Moses ­Mendelssohn, Berlin, 1783. Herausgegeben im Auftrag des Abraham Geiger Kollegs und des Moses Mendelssohn Zentrums Potsdam von Annette Böckler, Jüdische Verlagsanstalt Berlin, 2001 Yair Dalal, Oud, Violine & Gesang Erez Monk, Perkussion Karl Markovics, Lesung

Die Gesangstexte werden in deutschen Übersetzungen auf die ­Bühne projiziert und können auch auf www.psalm.at nachgelesen werden. 8


Ad notam Der jüdische Glaube ist in seiner fundamentalen Auslegung untrennbar mit dem Boden des Landes verbunden, das dem Volk Israel von Gott versprochen ist. Diese Verbindung, die sich zudem aufs Engste mit der landwirtschaftlichen Nutzung dieses Landes verkettet, ist bis heute Kraftzentrum des jüdischen ­Lebens wie problematische Verheißung. Yair Dalal, Komponist, Musiker und Friedensaktivist irakisch-jüdischer Herkunft, bear­ beitet dieses schwer konfliktträchtige Kapitel der Kulturge­ schichte, in dem sich seit über zweitausend Jahren bis heute Terror und Hoffnung, Untergang und Auferstehung ablösen, mit den Mitteln der politisch engagierten Kunst. Am Vorabend des Sedermahls zum Pessachfest 2014, nach jüdischem Kalender am 13. Nisan des Jahres 5774, gestaltet er mit dem Perkussio­ nisten Erez Monk und dem Schauspieler Karl Markovics ein Programm, das den widerstreitenden antiken Wurzeln ebenso Raum gibt wie den Deutungsebenen der Gegenwart. Die Texte aus der Tora, die Karl Markovics aus der bahnbre­ chenden Übersetzung ins Deutsche vorträgt (Moses Mendels­ sohn, der Großvater des Komponisten Felix, hat sie im Berlin des Jahres 1783 veröffentlicht), machen unmissverständlich klar, dass das Judentum ursprünglich die Religion einer sesshaft gewor­ denen frühen nomadischen Kultur ist. Der Garten Eden als para­ diesische Verheißung eines idealen, von Früchten überquellenden Schlaraffenlandes, das ganz im Gegenteil zur kargen Realität steht, ist nur der erste Anhaltspunkt hierfür. Die Vorstellung vom Gelobten Land, in dem Milch und Honig fließen, ist ebenso ein identitätsstiftender Grundtext für das jüdische Selbstverständnis, wie die zahllosen Forderungen Gottes, ihm Opfergaben zu ­leisten. Dabei zieht der allmächtige Gott der Juden ganz offen­ sichtlich Tieropfer der Opferung von Feldfrüchten vor, wie schon Kain erfahren muss, der seinen Bruder Abel darob erschlägt. Immer wieder zeigen uns die Texte der Tora, wie existenziell der Überlebenskampf der frühen Gesellschaften war, wie schnell eine Hungersnot das Überleben eines ganzen Volkes in Frage stellte, und wie der richtige Umgang mit den agrarischen Res­ 9


sourcen über Leben und Sterben entschied. Die Träume des Pharaos, die Joseph richtig deutet, bewahren Ägypten vor dem Untergang durch Hunger und steigern das Ansehen der Israe­ liten. Und der Auszug ins Gelobte Land – das später unter Aufbietung allerheftigster Gewalt im Namen Gottes erobert wird – bildet bis heute die große Verheißung für die Juden, die jährlich im Ritual des Pessachfestes neu gelehrt und bekräftigt wird. Natürlich ist es aufgeklärten jüdischen Theologen und Gläu­ bigen schon lange wichtig, dieses „Gelobte Land“ und dessen Besitz im Reiche des Imaginären anzusiedeln. Die Niederschrift der Tora in der Diaspora des babylonischen Exils sei viel mehr kulturgeschichtliche Tat zur Einigung einer Exilgesellschaft als konkrete Handlungsanleitung zur Inbesitznahme – und im Übrigen nach der römischen Eroberung Palästinas viel mehr imaginärer Auftrag als realer Anspruch. Doch die politischen Ideen des Zionismus haben in Verbindung mit dem Vernich­ tungswahnsinn der Nazis längst wieder die Frage nach dem tatsächlichen Besitz des Heiligen Landes aufgeworfen. Nach dem Erstarken des muslimischen Fundamentalismus, nach blutigen Kriegen um den Staat Israel, nach der militant ver­ tretenen Besiedlung „biblischer Stätten“, nach Attentaten und Vertreibungen stehen die antiken Verheißungen nach wie vor im Zentrum von Auseinandersetzung und Krieg. Dieser Konzert­ abend soll dazu beitragen, etwas mehr von den Glaubenswur­ zeln des Konfliktes wie von den durch Kunst gespeisten Chancen und Möglichkeiten zu erfahren, die heute nötig werden. Deshalb ist es wichtig, nicht die vom Christentum vereinnahmte Formu­ lierung der ältesten Überlieferungen des Judentums zu hören, sondern die eigentliche Tora. Und was den tradierten Ablauf eines Sederfestes betrifft, auf den die Künstler sich heute be­ ziehen, sei im Folgenden das klassische Ritual beschrieben. Das Pessachfest und das Sedermahl Das Pessachfest, das in der Bibel auch als Fest der Mazzot, der ungesäuerten Brote, bezeichnet wird, bezieht sich auf das Opfer eines Lammes, das vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten 10


geschlachtet und gegessen wurde. Im 2. Buch Mose heißt es, Gott habe, als er alle Erstgeborenen in Ägypten erschlug, die Israeliten verschont, indem er ihre Häuser überging. Daher wird dieses Fest „Überschreitung“ genannt, und auch das geopferte Lamm wird mit diesem Namen bezeichnet. Wie alle Wallfahrtsfeste hat Pessach eine historische und eine mit der Natur verbundene Bedeutung. Historisch erinnert das Fest an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, und noch heute wird im Gedenken an dieses Ereignis nur Ungesäuertes gegessen, weil der plötzliche Aufbruch aus Ägypten es nicht gestattete, den Brotteig vor dem Backen säuern zu lassen. In landwirtschaftlicher Hinsicht ist Pessach mit der Ernte der Wintergerste verbunden. Pessach wird acht Tage lang, vom 15. bis zum 22. Nissan, be­ gangen. Zu den Hauptmerkmalen dieses durch seine Vorschriften besonders eindrucksvollen Festes gehört das Verbot, Gesäuertes zu genießen, oder es überhaupt zu besitzen. Unter Gesäuertem werden alle Getreideprodukte verstanden, die in irgendeinem Stadium, selbst vor dem Mahlen, durch die Einwirkung von Fer­ menten, von Feuchtigkeit oder Hitze einen Gärungsprozess durchgemacht haben. Um die Wohnung von Gesäuertem zu be­ freien, findet deshalb vor Pessach ein äußerst gründlicher Haus­ putz statt. Der Hausherr ist verpflichtet, am Vorabend des 14. Nissan – bzw. falls das ein Sabbat ist, bereits einen Tag früher – das gesamte Haus nach noch vorhandenem Gesäuerten zu durchsuchen und seinen Fund dann am Morgen zu verbrennen. Ebenso müssen alle Küchengeräte und Bestecke durch Ausglühen oder Auskochen von gesäuerten Rückständen befreit werden. Für Pessach wird Geschirr verwendet, das nur für diese Gelegen­ heit bestimmt ist, während das sonst gebrauchte separiert wird. Das Fest zeichnet sich zudem dadurch aus, dass es für die beiden ersten Abende ein häusliches Ritual gibt, eine festliche Mahlzeit, die nach einer festen Ordnung verläuft. Nach dem hebräischen Wort für „Ordnung“ wird diese Zeremonie Seder genannt. Zum Seder versammelt sich die ganze Familie; nach Möglichkeit ­werden auch Gäste eingeladen. Auf einem Teller befinden sich die für diese Mahlzeit erforderlichen symbolträchtigen Speisen: drei 11


Mazzot, die jeweils in eine Serviette gehüllt sind oder in einer dreifächerigen Tasche liegen; ferner „Erdfrüchte“, wofür man Radieschen, Sellerie oder Petersilie verwendet; ein Gefäß mit Salzwasser; Bitterkraut, worunter Meerrettich oder Kopfsalat (oder beides) verstanden wird; ein aus geriebenen Äpfeln, Man­ deln, Zimt und Wein bereitetes bräunliches Mus; ein Knochen mit etwas gebratenem Fleisch daran und ein gekochtes Ei. Der Kno­ chen mit dem Fleisch dient der Erinnerung an das Pessachopfer, das Opferlamm, wenngleich es nicht üblich ist, einen Hammel­ knochen dafür zu verwenden; das Ei soll das Wallfahrtsopfer symbolisieren. Beides muss zum Verzehr geeignet sein, wird je­ doch nicht gegessen, während die übrigen Speisen, die auf dem Sederteller liegen, im Verlauf der Zeremonie genossen werden. Auch sie sind von symbolischer Bedeutung und werden auf die Knechtschaft der Juden in Ägypten bezogen: Das Salzwasser, in das die Erdfrüchte getaucht werden, erinnert an die vergossenen Tränen, das Bitterkraut an die bitteren Leiden, das braune Frucht­ mus an den Lehm, aus dem die Israeliten Ziegel herstellen muss­ ten; die Mazzot werden als „Brot der Armen“ bezeichnet. Die Ordnung der häuslichen Feier entspricht den Gepflogen­ heiten des antiken Gastmahls. Auch die symbolisch gedeuteten Speisen sind Bestandteile der antiken Mahlzeit, so dass Ge­ wohnheiten des Altertums und Symbolik zusammengeflossen sind. Den antiken Bräuchen entspricht auch die Vorschrift, bei der Mahlzeit nicht zu sitzen, sondern zu liegen. Diese Sitte wird beim Seder insofern beachtet, als man angelehnt sitzt und der Hausherr einen besonders bequemen, mit Kissen ausge­ polsterten Sessel benutzt. Getrunken wird am Sederabend Wein, und zwar sind vier Becher pro Person vorgeschrieben. Zusätzlich zu den Trinkgefäßen für die Teilnehmer der Mahlzeit wird ein weiterer mit Wein gefüllter Becher auf den Tisch gestellt, der für den Propheten Elia bestimmt ist, dessen Kommen erwar­ tet wird: Elia gilt als Vorbote des Messias. Der wesentliche Inhalt des Seders ist die Verlesung spezieller Texte, die sich auf den Auszug aus Ägypten beziehen; sie sind in der Pessach-Haggada (Haggada heißt „Erzählung“) zu­ sammengestellt. Derjenige, der den Seder „gibt“, d. h. ihn leitet, 12


soll die Texte nach Möglichkeit nicht nur vortragen, sondern sie auch erklären. Die abendfüllende Zeremonie beginnt mit dem Festtagskiddusch, dann folgt der Segen über die Erdfrüchte, nach dem dann Petersilie oder Radieschen in Salz­wasser getaucht und gegessen werden. Den formalen Anlass für den Vortrag der Texte, die vom Auszug aus Ägypten erzählen sowie das Fest und dessen Ritual erklären, bilden vier Fragen, die das jüngste teilnehmende Kind stellt und die sich auf den Sinn des Zeremoniells richten. Den Abschluss des Abendessens bildet der symbolische Nach­ tisch, der Afikoman, das vorher beiseite gelegte Stück Mazza. Es hat sich der fröhliche Brauch herausgebildet, dass der Hausherr zunächst das Stück nicht finden kann, weil die an der Feier teil­ nehmenden Kinder es versteckt haben. Damit die Feier fortge­ setzt werden kann, muss das Stück Mazza mit einem kleinen Geschenk ausgelöst werden. Dann nimmt der Seder seinen Fortgang. Der zweite Teil, der mit dem Tischgebet beginnt, ist etwas aufgelockert und trägt der Ermüdung der Teilnehmer, besonders der Kinder, insofern Rechnung, als in ihm eine Reihe von Liedern enthalten ist, deren Refrain von allen gemeinsam gesungen wird. (Die Beschreibung des Sedermahls folgt der Veröffentlichung „Feiertage des Judentums“ des Zentralrats der Juden in Deutschland) Thomas Höft

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Dienstag, 15. April 2014 Mittwoch, 16. April 2014 Helmut-List-Halle, 19 Uhr

Scarborough Fair THE FAIR – Der Markt Irland, Sir John Andrew Stevenson (1761–1833) The last rose of summer (instrumental) Traditional englisch, Lawrence Leadley’s ms ca. 1850 Berwick lasses / Peckover walk (instrumental)

Traditional irisch, Lied She moved through the fair Traditional britisch, aus „Northumbrian Minstrelsy“ Scarborough fair / Whittingham fair Traditional britisch Ratha fair (instrumental)

THE POTATOE FAMINE – Die Kartoffelhungersnot Traditional irisch Famine song (Melodie 1844 von Atwill publiziert, Text 1897 in „Irish Folk Songs“ von Graves) Traditional englisch Goddesses (instrumental) aus: John Playford „The English dancing master“, 1651

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Traditional schottisch Heavy the beat of the weary waves (Altes Klagelied von der Isle of Mull) Irland, Turlough O’Carolan (1670–1738) O’Carolan’s dream (instrumental)

DEPARTURE – Abreise Traditionelles Seemannslied (short-drag shanty) Haul away, Joe Traditional englisch Enlist for a sailor (instrumental) (Morris dance)

Traditional schottisch I climb the mountains (aus dem Gälischen übertragen von Lachlan MacBean) Traditional aus Northumbria Cuckold come out of the amrey (instrumental) aus: John Peacock „A Favorite Collection of Tunes with Variations“, ca. 1800

BELTANE – MAYDAY – Maifest Traditionelle Ballade Tam Lin (Version aus Connemara, Irland) 16


England, William Vickers’ Ms. No. 314, Newcastle upon Tyne, 1770 The life of man (instrumental)

Traditional britisch John Barleycorn Traditional englisch Stingo (instrumental) aus: John Playford „The English dancing master“, 1651 Schottland Corn rigs are bonny England Watkins ale aus: „Fitzwilliam Virginal Book“ (ca. 1610–1625), Fitzwilliam Museum, Cambridge

Traditional britisch, ed. Bertrand Harris Bronson I will give my love a cherry Traditional britisch, ed. Child & BH Bronson Go no more a rushing, maids, in May

Traditional britisch (17./18. Jahrhundert) As I walked out one May morning Traditional aus Northumbria, William Dixon’s ms. 1733 Lasses make your tails toddle (instrumental)

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Unser Bauernmarkt im PSALM-Programm wird gestaltet von:

Biobauernhof Scharler Walter Scharler & Familie Wetzawinkel 25 8200 Wetzawinkel, Steiermark www.bio-scharler.at

Biohof Urban

Gerhard Urban & Astrid Dormann Ederberg 10 8361 Hatzendorf, Steiermark gurban@aon.at bionaturban@a1.net

Biogem端sehof Wressnigg Reinhard Wressnigg & Familie Weixelbaum 18 8484 Unterpurkla, Steiermark www.bio-service.at

Therapiegarten

Dr. Marlies Ortner Herbersdorf 17 8510 Stainz, Steiermark www.therapiegarten.at www.gartenreise.at 18


The Early Folk Band: Miriam Andersén, Gesang, gotische Harfe & Bones Gesine Bänfer, Northumbrian Smallpipes, Whistles, Rahmentrommel, Cister, Dulcimer & Gesang Susanne Ansorg, Fidel & Gesang Ian Harrison, Northumbrian Smallpipes, Whistles, Fidel, Zink & Gesang Steve Player, Barockgitarre, historischer Tanz & Gesang

Bei beiden Konzerten: Biopflanzenmarkt im Foyer der Helmut-List-Halle

Die Gesangstexte werden in deutschen Übersetzungen auf die ­Bühne projiziert und können auch auf www.psalm.at nachgelesen werden. 19


Ad notam Kartoffelpflanzen haben weiße bis lilafarbene Blüten. Königin Marie Antoinette soll sie so geliebt haben, dass sie sich die sternförmigen Blüten ins Haar steckte, während ihr Mann, ­König Ludwig XVI., sie im Knopfloch seines Justaucorps trug und damit eine Modewelle unter den Adeligen des späten 18. Jahrhunderts auslöste. Mit dieser Anekdote leitet der ameri­ kanische Wissenschaftler Charles C. Mann seine Abhandlung über die Rolle der Kartoffel in der industriellen Revolution der europäischen Landwirtschaft ein; einen der Höhepunkte in seinem überaus empfehlenswerten Werk „Kolumbus’ Erbe“, das die Konsequenzen der Entdeckung Amerikas durch die See­ fahrer des 15. Jahrhunderts beschreibt. Tatsächlich kommt der Knolle des Nachtschattengewächses, die zu drei Vierteln aus Wasser und zu einem Viertel aus Stärke besteht, eine ganz ent­ scheidende Rolle in der europäischen Kulturgeschichte zu – wovon Miriam Andersén und die Early Folk Band heute erzählen. Die Musiker führen uns auf den Markt von Scarborough – an­ gelehnt an jenes sehnsüchtige, rätselhafte und symbolisch aufgeladene Lied, das vom Popduo Simon & Garfunkel 1966 gesungen wurde, das sich wiederum an eine alte Volksliedtradi­ tion aus dem 16. Jahrhundert anlehnt. Sicher ist der Song „Whit­ tingham Fair“ die entscheidende Quelle für das Lied, dessen zahlreiche Varianten sich in einem immer gleichen: Ein Mann und eine Frau stellen sich schier unlösbare Aufgaben, um zu­ einander zu kommen. Die Frau soll ein Hemd herstellen, ohne Nadel und Faden, ohne Saum und Naht. Und der Mann soll ein Stück Ackerland bebauen, zwischen dem Strand und dem Meer. Und im Refrain werden immer wieder Kräuter besungen, die symbolisch für Treue und Reinheit stehen: Petersilie, Salbei, Thymian und Rosmarin. Wie die Geschichte ausgeht, bleibt völlig offen. Wird hier die Unmöglichkeit der Liebe besungen, hoffnungslos, ohne Happy End? Oder vielleicht eher das Gegen­ teil, das unermüdliche Vertrauen darauf, dass die wahre Liebe in der Lage sein könnte, auch die unmöglichsten Bedingungen zu erfüllen? Eine Ambivalenz, die vom Zuhörer verlangt, sein eigenes Urteil zu fällen. 20


Traditionell handelt es sich gerade in der schottischen und der irischen Kultur nicht nur um agrarische, sondern auch um arme Gesellschaften. Von der Mehrheit der Engländer auf sehr vielen Gebieten bedroht: in Fragen der Religion durch die anglika­ nische Staatskirche, die seit Heinrich VIII. auf ihrer Vorherr­ schaft besteht und die den katholischen Glauben auch als Be­ drohung ihrer machtpolitischen Souveränität sieht; in Fragen der kulturellen Hegemonie, was die englische Sprache und das englische Rechtssystem betrifft; und natürlich auch in Fragen der staatlichen Selbständigkeit, die von englischer Seite stets angetastet wurde. Die Landwirtschaft im Norden Englands, in Irland und Schott­ land, war lange Zeit vom Getreideanbau bestimmt, wobei die Gerste einen überaus prominenten Anteil einnimmt. Gerste bildet die Grundlage der Whiskeyherstellung, wie zusammen mit Hafer auch die Basis des Porridge, der das Grundnahrungs­ mittel der einfachen Bevölkerung bis weit ins 17. Jahrhundert hinein war. Im Lied von John Barleycorn, also Johann Gersten­ korn, das die Early Folk Band nach der Pause präsentiert, ist die Geschichte der Gerste auf hinreißende Weise allegorisch dar­ gestellt. Berichtet wird vom armen Johnny Gerstenkorn, der von seinen Gegnern zerhackt und beerdigt wird. Aber anstatt zu sterben, wächst er im kommenden Jahr aus dem Boden heraus. Als er von seinen Feinden entdeckt wird, schneiden sie ihn an den Knien ab, zerschlagen ihn und lassen ihn schließlich zwischen zwei Steinen zermahlen. Was als Horrorstory daher­ kommt, ist die Geschichte von Saat, Ernte und Mehlerzeugung. Ein überaus interessantes Beispiel dafür, wie grundlegende kulturelle Tätigkeiten des Menschen in Liedern und Texten trans­ portiert werden. Abgelöst wurde das Getreide als Hauptnahrungsmittel zumin­ dest in Schottland und Irland durch die Kartoffel. Der Legende nach hat der Pirat und Seeheld Sir Francis Drake das Nacht­ schattengewächs aus dem neuentdeckten Amerika mitgebracht, aber bei näherer Betrachtung ist diese Geschichte sicher nicht haltbar. Es sind zahlreiche Seefahrer, die die Kartoffel aus Süd­ amerika importierten. Dort wurde sie schon seit über 10.000 21


Jahren in den indianischen Hochkulturen der Anden kultiviert, im heutigen Peru und in Ecuador. Von dort nehmen die spa­ nischen Eroberer die Knollen mit nach Europa. Zunächst werden sie wie viele der ungewöhnlichen Importe aus der Neuen Welt mit Skepsis und Vorbehalten betrachtet. Und während der Tabak und das Rauchen einen schnellen, der Sucht geschuldeten ­Siegeszug in der Alten Welt antraten, fristet die Kartoffel ein sprichwörtliches Schattendasein. Zwar verbreitet sich ihr Anbau in den spanischen Kolonien, darüber hinaus wird sie jedoch als „papistisches Teufelszeug“ verunglimpft und steht im Ruch, besonders katholisch zu sein. Ein Vorurteil, das ihrem Anbau in Irland und Schottland allerdings entgegenkommt. Zunächst ist es jedoch der aufgeklärte König Friedrich II. von Preußen, der mit dem Dekret, die Kartoffel anzubauen, einer großen Hungersnot in seinem Reich entgegentritt. Die Wissen­ schaftler des aufgeklärten Monarchen hatten nämlich erkannt, dass die Kartoffel im Vergleich zu Weizen einen viermal höheren Ertrag auf der gleichen Fläche erbringt. Und als der französische Pharmazeut Antoine-Augustin Parmentier in preußische Ge­ fangenschaft gerät und drei Jahre lang kaum etwas anderes als Kartoffeln zu essen bekommt, erkennt er das fantastische Potenzial dieser Pflanze. Es ging ihm nämlich während der erzwungenen Kartoffeldiät nicht schlechter, sondern sogar bes­ ser als je zuvor. Wieder freigelassen, überzeugt er zunächst Ludwig XVI. von seiner Erfahrung, und wenig später schließen sich auch Schottland und Irland der Kartoffelwirtschaft an. Die Erfolge sind zunächst sensationell. Das Nachtschattenge­ wächs, das in den schwierigen Hochlandregionen der Anden hervorragend gedeiht, ist auch in den kargen und kalten An­ baugebieten Norddeutschlands, Flanderns, Nordfrankreichs, Schottlands und Irlands einfach und ertragreich anzubauen. Die Hungersnöte, vormals in der Geschichte stetig wiederkehrende Geißeln, scheinen besiegt. Die Bevölkerung wächst, ja klettert in Irland in geradezu ungeahnte Höhen. Und mit immer mehr Menschen wächst auch die Arbeitskraft, für die Industrialisie­ rung sowohl der Landwirtschaft als auch der sonstigen Güter­ produktion die entscheidende Voraussetzung. Kartoffeln wer­ 22


den im 19. Jahrhundert in riesigen Monokulturen frühindustriell angebaut, gedüngt mit dem ebenfalls aus Südamerika impor­ tierten Guano, dem massenhaft abgebauten Vogeldreck. Immer mehr Menschen werden satt und bilden den Arbeitergrundstock für die überall neu entstehenden Fabriken. Zusammen mit der Eisenerzeugung und der Nutzung von fossilen Brennstoffen ist das nichts anderes als der Durchbruch der Moderne. Schließlich leben über 40 Prozent aller Einwohner Irlands ausschließlich von Kartoffeln. Die Schattenseiten der Moderne werden auf erschreckende Weise erst rund hundert Jahre nach dem Durchbruch der Kar­ toffelwirtschaft spürbar. Im Jahr 1844 bemerkt ein Gärtner im flandrischen Kortrijk dunkle Flecken auf seinen neuen Kartof­ feln, die er aus einer Importlieferung von Knollen erworben hat, die auf Guanoschiffen transportiert wurden. Zwei Dinge konnte er nicht wissen: zum einen, dass sich die Knollen höchstwahr­ scheinlich durch den Kontakt mit Vogeldreck mit dem Pilz Phytophthora infestans infiziert hatten. Und zum anderen, dass er die infizierten Kartoffeln alle hätte vernichten sollen, anstatt ein paar zur Probe im kommenden Jahr zu pflanzen. Denn so löst er unabsichtlich eine der schlimmsten Pflanzenseuchen aller Zeiten aus. Der Pilz breitet sich rasch mit dem nach Norden wehenden Wind nach Frankreich aus, die Infektion greift auf England, Schottland und Irland über. In Irland gehen zunächst eine halbe, im kommenden Jahr zwei Drittel und im dritten fast die ganze Kartoffelernte zu Grunde. Die Konsequenz ist eine nie zuvor gekannte Hungernot. Die Menschen sterben unter entsetzlichen Umständen, denn es gibt keine finanziellen Res­ sourcen, um zusätzlich Nahrungsmittel zu kaufen. Und führen­ de Teile der englischen Regierung halten die Verhältnisse in ­Irland für eine gute Gelegenheit, die widerspenstige Insel „end­ lich zu zivilisieren“. Ergebnis: über eine Million verhungerte oder an den grassierenden Seuchen gestorbene Menschen und ein beispielloser Exodus derjenigen, die noch die Kraft oder Restmittel haben, auf einem der als „Totenschiffe“ bezeichneten Segler nach Amerika zu emigrieren. Im Gepäck die Lieder und Texte, die wir heute hören: Denn bestand ursprünglich keinerlei Anlass, die mündlich tradierten Lieder aufzuzeichnen, sehen 23


sich die Überlebenden in ihrer neuen Heimat gezwungen, für die Zukunft festzuhalten, was einmal ihre kulturelle Tradition gewesen war. Was im Übrigen bis heute spürbar ist: Irland ist das einzige europäische Land, das heute weniger Einwohner hat als vor zweihundert Jahren. Doch nicht mit dem Aufbruch der Überlebenden ins Exil endet das Programm der Early Folk Band, sondern mit einem präch­ tigen Kapitel über das keltische Frühlingsfest Beltane, das tradi­ tionell in der Nacht auf den 1. Mai gefeiert wird und dessen Name übersetzt wahrscheinlich so etwas wie „Helles Feuer“ bedeutet. Weder in Schottland noch Irland gibt es die heidnische Tradition der großen Fruchtbarkeitsfeiern zur Frühjahrs-Tagund-Nachtgleiche, wie sie unter anderem das Osterfest noch heute repräsentiert. In keltischer Zeit fing das Jahr mit dem 1. Mai an. Und so ist das große Fruchtbarkeitsfest Beltane so etwas wie eine Mischung aus Ostern und „Tanz in den Mai“. Die Bräuche sind dabei durchaus vergleichbar. So gibt es große Feuer, die gemeinschaftlich entzündet werden, ausgelassene Feiern und grüne Zweige als Schmuck an den Häusern, wie sie bei uns im Maibaum zu finden sind. Mit traditionellen Mai­ liedern und -tänzen zu Beltane klingt das Programm denn auch aus. Thomas Höft

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Donnerstag, 17. April 2014 (Gründonnerstag) Helmut-List-Halle, 19 Uhr

Der Wein, der schmeckt mir also wohl FRÜHLINGSGEFÜHLE Thomas Morley (1557/58–1602) Now is the month of maying Heinrich Schütz (1585–1672) O primavera / O dolcezze Feritevi aus: Italienische Madrigale Hans Leo Hassler (1564–1612) Tanzen und Springen Clément Janequin (1485–1558) Les chant des oyseaux

FEIERLAUNE Orlando di Lasso (1532–1594) Das Fastnachtsspiel von den Nasen aus: Newe Teütsche Liedlein mit Fünff Stimmen, 1567 Adriano Banchieri (1567–1634) Il Festino nella sera del giovedì grasso Ausschnitte aus der Madrigalkomödie

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DURSTIG Orlando di Lasso Ein guter Wein ist lobenswert aus: Newe Teütsche Liedlein mit Fünff Stimmen, 1567 Johann Hermann Schein (1586–1630) Frischauf, ihr Klosterbrüder mein aus: Studentenschmaus, 1626 Orlando di Lasso Im Mayen hört man die Hanen krayen Der Wein der schmeckt mir also wohl aus: Newe Teütsche Liedlein mit Fünff Stimmen, 1567 Johann Hermann Schein So da, mein liebes Brüderlein aus: Studentenschmaus, 1626 Johann Hermann Schein Post Martirium aus: Venuskränzlein, 1609

BERAUSCHT Harald Banter (geb. 1930) Die Galgenlieder von Christian Morgenstern Auftragskomposition des Calmus Ensembles, 2007 Der Nachtschelm und das Siebenschwein Igel und Agel Das Gebet Das aesthetische Wiesel Das Mondschaf Der Purzelbaum 26


Das Geburtslied Zäzilie Galgenkindes Wiegenlied

Calmus (Leipzig): Anja Pöche, Sopran Sebastian Krause, Countertenor Tobias Pöche, Tenor Ludwig Böhme, Bariton Joe Roesler, Bass

Den Termin der Hörfunkübertragung dieses Konzerts erfahren Sie auf unserer Homepage www.psalm.at. Die Gesangstexte werden (teils in deutschen Übersetzungen) auf die Bühne projiziert und können auch auf www.psalm.at nachgelesen werden.

Nach dem Konzert: Bioweinverkostung mit den Weinbauern von

im Foyer der Helmut-List-Halle 27


Biowein aus dem Naturpark S端dsteiermark Weingut Warga-Hack Weingut Holger Hagen Bioweingut Otto Knaus Landesweingut Silberberg Hirschmugl-Domaene am Seggauberg Bio-Weinbau Th端nauer Weingut Bleyweis Weingut Dorner


Ad notam Am Gründonnerstag feiern die Christen das Hochfest der Ein­ setzung des Abendmahls. Ob der jüdische Rabbiner Jesus von Nazareth damals im Abendmahlssaal in Jerusalem mit seinen engsten Getreuen ein vorgezogenes Passah-Mal feierte, weil er wusste, dass man ihn noch vor dem Fest verhaften würde, oder ob der Menschensohn mit seinen Aposteln das Erinnerungs­ mahl einer neuen Religion einsetzte, die Eucharistie, darüber können Juden und Christen trefflich diskutieren. Man lese dazu die betreffenden Passagen in „Jesus von Nazareth“ von Papst Benedikt XVI. und „Bruder Jesus“ von Shalom Ben-Chorin. Wie dem auch sei: Die religiöse Bedeutung des heutigen Abends vertieft den Gesang unseres Konzerts, der so weltlich, diesseitig und lustvoll tönt wie nur möglich. Denn es geht um das „Ge­ wächs des Weinstocks“, von dem Jesus sagt, er werde es „neu trinken mit euch in meines Vaters Reich“. Mit hinein spielen der Frühling als Auferstehungsfeier der Natur und der Fasching, in dem die Menschen der Lebenslust alle Schranken und Türen öffnen, bevor sie sich in der Fastenzeit in Sack und Asche hüllen. Frühlingsgefühle Schon Wochen vor Ostern ist heuer der Frühling in seltener Schönheit und Pracht erblüht. In früheren Jahrhunderten wäre dies undenkbar gewesen, besonders in der frühen Neuzeit. Zwischen dem 16. und mittleren 18. Jahrhundert nämlich hielt eine „kleine Eiszeit“ Europa fest im Griff. Erst zur Mozartzeit wandelte sich das Klima, und es wurde deutlich wärmer. Blättert man durch Frühlingsgesänge aus Renaissance und Barock, so kann man den harten Winter erahnen: Stets wird der Mai als „Wonnemonat“ gefeiert, weil man noch bis weit in den April ­hinein mit Schnee und Eis zu rechnen hatte. Selbst im milden Klima Englands stimmten die Komponisten das Hohelied des Mais an. Besonders schön gelungen ist dies Thomas Morley, dem fröhlichsten und melodischsten der elisabethanischen „Songschreiber“. 29


Heinrich Schütz hat die Wonnen des Frühlings auf Italienisch besungen: Mit dem Madrigal „O primavera“ eröffnete er pro­ grammatisch sein Opus I, jene 19 italienischen Madrigale, die er als kompositorisches Gesellenstück während seiner ersten ­Venedigreise 1611 in der Lagunenstadt drucken ließ. Dafür legte er sich sogar einen italianisierten Namen zu: „Henrico Sagitta­ rio“. Gewohnt an das strenge Klima Mitteleuropas, dürfte der junge Weißenfelser die Schönheit des Frühlings in Italien in vollen Zügen genossen haben. Freilich wird im Madrigal der Frühling als „die Jugendzeit des Jahres“ nur zur Folie, auf der sich das Liebesleid des Protagonisten umso schärfer abzeichnet. Kaum ein Komponist seiner Generation hat so schmerzende Dissonanzen für die liebende Verzweiflung gefunden wie Schütz. Dies zeigt sich besonders im zweiten Teil des Primavera-Madri­ gals „O dolcezze amarissimi d’amore“, wo die „aller­bittersten Süßigkeiten der Liebe“ geschildert werden. Im neunten Stück des Opus fordert der Liebende die „tödlichen Vipern“ auf, immer kräftig zuzubeißen: „Feritevi, ferite, viperette mordaci“. Hans Leo Hassler war 20 Jahre älter als Schütz, mit Italien ebenso vertraut, doch im Erfinden eingängiger Frühlingsmelo­ dien noch eine Spur mehr „Renaissancemensch“ als der jüngere Landsmann, wie sein „Tanzen und Springen“ beweist. Noch einige Jahrzehnte früher schrieb der Franzose Clément Janequin seine lebenslustigen Chansons. Sie wurden zum Vergnügen der Valois-Könige und ihrer Höflinge in den Schlössern der Loire gesungen. Wenn man dort dem „Chant des oyseaux“ lauschte, wie ihn Janequin tonmalerisch virtuos seinen Sängern in den Mund legte, dann dürften die Höflinge nicht nur an die Sing­ vögel in den Wäldern und in den Parks gedacht haben, sondern auch an die hübschen Hofdamen, die farbenfroh gekleideten „Vögel“ im goldenen Käfig der Schlösser, mit denen es sich so trefflich „schnäbeln“ ließ. Feierlaune Damit wären wir schon beim Fasching angelangt, dem jahres­ zeitlich fest installierten Freiraum für hemmungslose Sinnen­ lust – in jeder Hinsicht. Zur Reue und Buße bleibt in den langen 30


Wochen der Fastenzeit ausreichend Gelegenheit, auch dazu, die Vorschrift „carnem levare“ zu befolgen, also das Fleischverbot der Fastenzeit. Während sich das Wort „Karneval“ daraus ab­ leitet, verweist das Wort „Fastnacht“ auf den Faschingsdienstag als die letzte Nacht des Prassens vor dem Aschermittwoch. Für diesen Abend hat Orlando di Lasso sein „Fastnachtsspiel von den Nasen“ komponiert. Nach der Einleitung mit ihrem Lob­ preis der „Fassnacht“ geben die Sänger ein Defilee der Nasen zum Besten: „lange, kurtze, große, weite, hohe, nidere Nasen, Fleischnasen, Fischnasen, altfränkisch Nasen, gantz Nasen, schön Nasen, sauber Nasen, wohl gformet Nasen, gar allerlei Nasen mit Knoden und fasen ...“. Adriano Banchieri, Olivetanermönch und der beherrschende Bologneser Komponist der Monteverdi-Zeit, hatte ein beson­ ders glückliche Hand für Madrigalkomödien. In diesen unter­ haltsamen Zyklen, zusammengesetzt aus vielen kleinen, eingän­ gigen Vokalsätzen, entwarf er farbenfrohe Bilderbögen aus dem Italien seiner Zeit. Einen davon hat er „Festino del giovedì grasso“ genannt, „Fest am fetten Donnerstag“, wie in Italien die Weiberfastnacht heißt. Allerorten beginnt an diesem Donners­ tag vor der Fastnacht die fünfte Jahreszeit. In Banchieris Komö­ die versammelt sich eine Gruppe von Sängern am Weiberdon­ nerstag und fordert die Zuhörer auf, beim „Festino“ mitzufeiern: „Wer immer Spaß haben möchte, der trete ein und verweile ­einen Moment bei unserem Fest!“ Diese freundliche Einladung wird am Ende der 20 Einzelsätze als „Licenza“ wiederholt – und zu einem „novo invito“ erweitert, zu einer „neuerlichen Einla­ dung“: Das Fest soll wieder von vorne beginnen! In den 18 Sät­ zen dazwischen erleben wir den ganzen Reichtum des Karnevals an bunten Masken, skurrilen Gestalten und zotigen Episoden. Dazu gehört selbstverständlich auch der „Kater“ des Betrun­ kenen, der in seinem Kopf einen „bestialischen Kontrapunkt“ von Tierstimmen wüten hört! Durstig Orlando di Lasso, den man neuerdings politically correct „Or­ lande de Lassus“ nennt, weil er aus der Stadt Mons im franzö­ 31


sischsprachigen Belgien stammte, war während seiner langen Jahre am Münchner Hof ein Tausendsassa der Stile und Spra­ chen. Er beherrschte die französische Chanson ebenso selbst­ verständlich wie das italienische Madrigal, die lateinische Mo­ tette ebenso wie das „teutsche“ Trinklied. Von den Letzteren konnte sein Dienstherr, der bayerische Kurfürst Wilhelm V., nicht genug bekommen, weshalb Lasso immer wieder neue Bände mit „Teutschen Liedlein“ in München herausgab. Die erste dieser insgesamt fünf Sammlungen erschien 1567: „Newe Teütsche Liedlein mit Fünff Stimmen“. Sie enthält etliche Sätze, die sich bis heute als gesellige Chorlieder im Repertoire erhalten haben, darunter nicht wenige Loblieder auf den Wein. Dazu muss man wissen, dass Bayern unter den Herzögen der Renaissance erst allmählich von einem Wein- in ein Bierland umgewandelt wurde. Zudem erhielten die bayerischen Wittels­ bacher von ihrer Verwandtschaft in der Pfalz und aus den main­ fränkischen Lagen stets die besten Tropfen Rhein- und Main­ weins. Also lässt Lasso seine Sänger im Brustton der Über­ zeugung singen: „Ein guter Wein ist lobenswert“ und „Der Wein, der schmeckt mir also wohl“. Auch ein Mailied aus jener Sammlung von 1567 geben unsere Sänger zum Besten. Es be­ legt, dass die „teutschen Lieder“ der Renaissance durchwegs aus gröberem Holz geschnitzt waren als die Madrigale Italiens und die Chansons Frankreichs.
 Was den Münchnern des 16. Jahrhunderts recht war, das konn­ te den Leipzigern des 17. Jahrhunderts nur billig sein. So dach­ te Johann Hermann Schein, Pastorensohn aus dem Erzgebirge und seit 1616 Thomaskantor. Er war der melodisch einfalls­ reichste Komponist der „drei großen Sch“ um 1600 (Schütz, Scheidt, Schein). 1626 ließ er in Leipzig seinen „Studenten­ schmaus“ drucken, eine Sammlung fünfstimmiger Gesänge, die er „einer löblichen Compagnie della Vinobiera“ zueignete. Diese wackeren Experten in Wein und Bier durften sich an köstlichen Trinkliedern erfreuen. „Frischauf, ihr Klosterbrüder mein“ zeichnet ein respektloses Bilder der Zustände in einem katholischen Kloster, das der Abt gerade verlassen hat, um auf Romfahrt zu gehen. Mit Inbrunst verspotteten die singenden 32


Lutheraner die Trunksucht der Mönche, den Ablassglauben und die Unzucht mit den „Nönnlein“ des Frauenklosters ­nebenan: „Schenkt ein das gute, frische Bier, dasselbe wollen trinken wir. Der Abt, der reit. Er holt uns allen Indulgenz, wir han noch Zeit zur Poenitenz ... Vergesst der zarten Nönnlein nit. Die Äbtissin, die ist auch mit, drum müssen wir die ­Nönnlein han.“ Schon als junger Komponist hatte Schein die Kunst des heiteren, geselligen Madrigals auf Deutsch erprobt – in seiner Sammlung „Venuskränzlein“ von 1609. Wie Banchieris Karnevalskomödie hat sie einen Prolog und einen Epilog. Während der einleitende Satz die holde Musik dazu aufruft, die Tugenden zu besingen, frönt der Schluss ganz ungehemmt dem Weingenuss: „Post Martinum bonum vinum, das ist Wein. Lass uns alle fröhlich sein, es ist noch mehr im Fass“, singt auf vier stets gleiche Töne die fünfte Stimme (Quinta vox, der zweite Tenor). Er wird um­ rankt von den übrigen Stimmen, die das Hohelied des Weins mit dem Gotteslob verbinden: „Lasst uns freuen und fröhlich sein, zu Lob dem Schöpfer aller Dinge, der uns beschert hat guten Wein!“ Berauscht Vor 100 Jahren, am 31. März 1914, starb in einer Villa unweit von Meran der Dichter Christian Morgenstern. Daran erinnern un­ sere Musiker mit einem Zyklus von „Galgenliedern“ nach Mor­ gensterns berühmtester Lyrik-Sammlung. Sie wurden von dem Kölner Komponisten Harald Banter 2007 im Auftrag des Cal­ mus-Ensembles komponiert. 1930 in Berlin geboren und dort ausgebildet, wirkte Banter lange Jahre in Köln als Redakteur des WDR und Produzent diverser Aufnahmen mit dem Kölner Rund­ funkorchester. Auch in seinem Werkkatalog dominieren Stücke für Rundfunksendungen, deren Titel („Turboleske“, „Castle in the Air“) den gleichen hintergründigen Humor verraten wie Morgensterns Verse. Josef Beheimb 33


Freitag, 18. April 2014 (Karfreitag) Helmut-List-Halle, 19 Uhr

Xitomatl und andere Äpfel

Traditional-Folklore Camanchaca Potpourri Panaméricano   Hugo Blanco (*1940) Moliendo Café   Traditional Pajarillo   María Rivas (*1960) El Manduco Chabuca Granda (1920–1983) La Flor de la Canela / El Surco Traditional, Qàjelo Mi Caballo   Traditional – Arrangement: Raúl Zaráte (*1931) Huerfano Pajarillo Luis Cruz Nuñez (*1934) No me olvides     Eduardo Márquez Talledo (1902–1975) Pancha Remolino   Ariel Ramírez (1921–2010) Alfonsina y el Mar

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Astor Piazzolla (1921–1992) Invierno Porteño L’Évasion   Gilberto Simoza Latinoamérica espera

Christian Bakanic, Akkordeon, Keyboard & Percussion Ismael Barrios, Percussion & Cuatro Hugo Fernando González, akustische Gitarre & E-Bass Alberto Lovison, Vibraphon & Percussion Endrina Rosales, Traversflöte, Vocals & Percussion Juan Carlos Rosales, Bandola   Trio Puro Perú: Christian Jurado, Vocals, Cajon, Hand-Percussion, Charango, Quenas (Bambusflöten) & Zampoñas (Panflöten) David Zuñiga, Vocals, Hand-Percussion, Quenas & Zampoñas Gonzalo Menrique, Gitarre & Vocals   Los Tomatillos: Yenny Gonzalez, Diana Gonzalez, Kro Gomez, Marlin Karakayer-Carreño & Gilberto Sanchez Thomas Höft, Moderation

Die Gesangstexte werden in deutschen Übersetzungen auf die ­Bühne projiziert und können auch auf www.psalm.at nachgelesen werden.

Beim Konzert: Biopflanzenmarkt im Foyer der Helmut-List-Halle 36


Ad notam Seine aufschlussreiche, grundlegende Arbeit über die Aus­ wirkungen der Entdeckung Amerikas auf die Welt lässt Charles C. Mann in einem Treibhaus beginnen. Als ihm dort zufällig die überreiche Vielfalt der Arten und Formen der Tomaten auffällt, und als er auf den Schildern die über die Welt verstreuten Zucht­ orte – von Mexiko über Spanien und die Ukraine bis nach Japan – liest, ist sein Interesse geweckt. Ganz offensichtlich sind die unterschiedlichen Arten des Nachtschattengewächses das Er­ gebnis einer erstaunlichen Migration, die die Pflanzen nicht von sich aus, sondern durch die Hand des Menschen angetreten haben. Und so zeigen die Tomaten beispielhaft, wie entschei­ dend und folgenreich der Mensch in die Flora der Welt einge­ griffen hat und bis heute eingreift. Das war zwar schon immer so, aber einen wahrhaft epochalen Wandel verursachte ein ganz bestimmter, genau zu belegender Tag: Am 2. Januar 1494 gründete Admiral Christoph Columbus auf der Insel Hispaniola, in der heutigen Dominikanischen ­Republik, die Siedlung La Isabela. In der festen Überzeugung, an der Küste Indiens angelegt zu haben, überbrückte er in Wirk­ lichkeit die seit Ewigkeiten von einer riesigen, unüberwindlichen Wassermasse getrennten Kontinente Europa, Afrika und Ameri­ ka. Und zwar so nachhaltig, dass der Transport von Menschen und Gütern die biologische Welt hüben wie drüben auf den Kopf stellte. Tabak, Kartoffel, Kürbis, Mais, Kakao und Tomate waren amerikanische Exporte, die das europäische Leben, die euro­ päische Kulturgeschichte maßgeblich beeinflussten und ver­ änderten. Längst sind sie uns völlig selbstverständlich und wir betrachten sie als heimisch. Doch wo kommt die Tomate eigent­ lich her? Das heutige Konzert nimmt uns wortwörtlich mit auf eine musikalische Reise durch die Heimat dieser schmackhaften Nachtschattengewächse. An sich stammt die Tomate aus den Anden und war ungenieß­ bar. In Peru und Ecuador gibt es eine Handvoll ursprünglicher Tomatenarten, deren Früchte so klein sind wie Reißnägel, und die man nicht hinunterbringt, so scheußlich schmecken sie. 37


Trotzdem müssen sie für einige Menschen aus den antiken in­ dianischen Kulturen so interessant gewesen sein, dass sie ­begannen, die Pflanze zu kultivieren. Doch das geschah tausen­ de Kilometer nördlich vom ursprünglichen Heimatboden der Tomate, im heutigen Mexiko. Dort tauchen Tomatensamen in den Hinterlassenschaften der Kultur der Maya auf, die ganz offensichtlich die wilden Tomaten domestizierten. Durch be­ harrliche menschliche Zuchtauswahl wurden die Früchte größer, roter und wohlschmeckender, so dass sie schließlich auf dem alltäglichen Speiseplan der Maya und der mit ihnen verwandten Völker standen. Die Azteken waren die mächtigsten kulturellen Erben der rätsel­ haften Mayakultur, die um das Jahr 700 unserer Zeitrechnung verschwand. Und in der aztekischen Sprache Nahuatl nannte man diese roten Früchte „xitomatl“. Die spanischen Eroberer vernichteten die aztekische Kultur und brachten außer unvor­ stellbaren Goldschätzen auch deren Pflanzen nach Europa. Darunter die Tomaten. Und von Europa aus verbreiteten sie sich in der ganzen Welt. Zunächst als Kuriosum und als Zierpflanze, dann als rares, eher als Medikament denn als Nahrungsmittel genutztes Luxusprodukt, und schließlich tatsächlich als Grund­ nahrungsmittel – man stelle sich Italien nur einmal ohne Toma­ tensauce vor … In den nördlichen Breiten Europas hielten Bau­ ern die Tomate lange für giftig. Nur sehr zögerlich setzte sie sich durch – was sicher auch an der Empfindlichkeit der Pflanzen gegen raues Klima liegt – während in Spanien und Italien schon im 17. Jahrhundert die Volksküche von Tomaten geprägt wurde. Allerdings unter so unterschiedlichen Namen wie Goldapfel (Pomodoro) in Italien oder Paradiesapfel (Paradeiser) in Öster­ reich. Wer nun allerdings nach den Spuren der Tomate in der alten amerikanischen Musik sucht, stößt schnell an Grenzen. Sehr wahrscheinlich ist dieses Nachtschattengewächs zu wenig poe­ tisch, um sich vertont in die Herzen der Menschen und nicht nur in ihren Mägen zu schleichen. Die musikalische Spuren­ suche, die Ismael Barrios und seine Musiker unternehmen, ist daher viel grundsätzlicherer Natur. Sie führt uns auf eine pan­ 38


amerikanische Reise und vollzieht so den Weg der kulturellen Entwicklung des Kontinents nach. Die Reise beginnt im Anden­ hochland, ganz im Norden Argentiniens. „Camanchaca“, eine alte Volksweise, eröffnet den Abend und leitet über in ein ­Potpourri lateinamerikanischer Musik, das alle Stationen des Weges kurz umreißt: Von den Andenstaaten geht es über die Urwälder im Norden nach Mittelamerika und schließlich bis nach Mexiko. Die erste Station auf dem Weg nach Norden ist Kolumbien. In „Moliendo Café“ geht es um das Kaffeemahlen, diese anstren­ gende wie anregende Tätigkeit. „Pajarillo“ ist ein Volkslied aus Venezuela, das von einem kleinen Vogel erzählt. Und „Mandu­ co“ stammt aus Mittelamerika. Hier sind deutlich die afrika­ nischen Einflüsse zu spüren, die mit den Sklaven in die ameri­ kanischen Kolonien kamen. Ein Manduco ist ein Knüppel, mit dem die Frauen die Wäsche im Fluss klopfen. Und eine Mutter beklagt sich in dem Lied bitter, dass ihr Sohn den Knüppel ge­ stohlen habe, um sie zu schlagen. Das Trio Puro Perú führt dann zurück in die zentrale Andenregi­ on. Chile, Argentinien, Peru und Ecuador, das Herrschaftsgebiet der legendären Inka, hat viele alte indianische Traditionen be­ wahrt, was man in der Volksmusik mit Flöten und Trommeln sehr deutlich spüren kann. Die Ballade „Alfonsina“ stammt ebenfalls aus Argentinien. Sie erzählt von einer Meerjungfrau. Und mit zwei Tangos von Astor Piazzolla wird kenntlich, wie kunstvoll sich im 20. Jahrhundert die unterschiedlichen Einflüsse der Kulturen Lateinamerikas zu neuem Ausdruck verbinden. Eine Hoffnung, die durchaus auch politisch gemeint ist, wie Ismael Barrios und seine Musiker im letzten Stück des Abends herausstellen: „Latinoamérica espera“ besingt die Hoffnung, dass sich in Zukunft die lateinamerika­ nischen Staaten ebenso friedlich zusammenschließen könnten, wie das früher verfeindete, heute vereinte Europa. Thomas Höft 39


Sonntag, 20. April 2014 (Ostersonntag) Helmut-List-Halle, 19 Uhr

Roter Apfel – Schwarze Erde Kleinasiatische Volkslieder von Früchten und Fruchtbarkeit, Tod und Jenseits

Bir dilim iki dilim (Eine Scheibe, zwei Scheiben, drei Scheiben vom Apfel) Tanzlied, Erzurum: Ostanatolien Tarla Tümbü (Acker-Dudelsack) Tanzlied, A¸skale: Ostanatolien (instrumental) Çayeli’nden öteye (Jenseits von Çayeli) Pontosgriechisches Erntelied, Rize: nordöstliche Schwarzmeerküste

I˘gdırın Al Alması (Die roten Äpfel I˘gdırs) Liebeslied, I˘gdır: Osttürkei · Indim Yârin Bahçesine (Morgen im Garten) Elaziz (instrumental)

Cevizin yapraˇgı (Die Walnussblätter) Liebeslied, Dinar: Südwesttürkei 41


Armut Agaci (Der Birnbaum) Schlaflied, Manisa: Westanatolien (instrumental) Elma Semahı (Das Apfel-Ritual) alevitischer Ritualtanz Elma atdım (Einen Apfel warf ich) Schlaflied, Tunceli (instrumental) Tarlada bostan olur mu? (Gibt es auf dem Acker einen Garten?) Balıkesir: Westtürkei (instrumental)

Bir dalda iki kiraz (Zwei Kirschen am Zweig) Tanzlied, Istanbul Saranta Mila Kokkina (Vierzig rote Äpfel) pontosgriechisches Tanzlied, nordöstliche Schwarzmeerküste Burçak tarlası (Das Wickenfeld) Arbeitslied, Sivas: Zentralanatolien A¸sık Veysel (1894–1973) Kara Toprak (Schwarze Erde) Zentralanatolien

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Kırmızı bu˘gday (Roter Weizen) Liebeslied, Manisa: Westanatolien Elmalar allanıyor (Die Äpfel reifen) Arbeitslied, Gümü¸shane: Anatolien

Ensemble Sarband: Yaprak Sayar & Hamide Uysal, Gesang Kemal Dinç, A¸sık (Barde), Gesang & Ba˘glama Saz (Langhalslaute) Cihan Yurtçu, Kaval (türkische Hirtenflöte) · U˘gur I¸sık, Ajaklı Keman Leitung: Vladimir Ivanoff, Perkussion

Eine Koproduktion von Alaturka Records & Sarband

Die Gesangstexte werden in deutschen Übersetzungen auf die ­Bühne projiziert und können auch auf www.psalm.at nachgelesen werden. 43


Ad notam Anatolien, das antike Kleinasien, ist die Wiege der europäischen Kultur. Hier lag – im 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung – das Zentrum des riesigen Herrschaftsgebietes der Hethiter, hier begegneten einander ägyptische, griechische und mesopo­ tamische Eroberer, hier lag die Herz- und Kornkammer des Osmanischen Reiches. Kein Wunder, dass hier auch die Heimat der antiken Mutter-/Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ist. Sie mani­ festiert sich in dreifacher Gestalt: – als Jungfrau und Frühjahrs­ göttin (Kore) – als Mutter, Ernte- und Sommergöttin (Demeter) – als Alte Frau/Todes- und Wintergöttin, die auch die Unsterb­ lichkeit der Seele symbolisiert (Persephone, „Die das Getreide drischt“). Dazu gesellt sich Adonis, ursprünglich ein syrischphönizischer orgiastischer Vegetationsgott: einer Überlieferung nach der Sohn von Myrrha (Smyrna, heute das türkische Izmir). Englisch, Spanisch, Griechisch, Persisch – und auch Deutsch: All diese und viele weitere indoeuropäische Sprachen haben einen gemeinsamen Ursprung. Der liegt einer neuen sprach­ wissenschaftlichen Untersuchung zufolge in Anatolien. Begin­ nend vor 9500 Jahren hat sich die „Ursprache“ von dort über weite Teile der Welt ausgebreitet. Verantwortlich dafür waren vor allem die Entstehung und Ausbreitung der Landwirtschaft, mit der zusammen sich die Sprachen von Anatolien aus vor 8000 bis 9500 Jahren, gemeinsam mit der bäuerlichen Lebensweise, ausbreiteten und den Menschen ihre geistigen und ihre ess­ baren Früchte schenkten. Die türkische Landbevölkerung pflegt noch heute einen reichen Schatz von Volksliedern zu den Früch­ ten der Erde und des Lebens, zur Saat und Ernte, zum Wechsel der Jahreszeiten. Saat und Ernte sind bedeutende Einschnitte im Jahreslauf der Menschen – Einschnitte, zu denen die Menschen in der moder­ nen westlich geprägten Zivilisation die sinnliche und gleich­ zeitig spirituelle Verbindung verloren haben. In den Liedern Kleinasiens, Anatoliens, der Türkei lebt diese Verbindung fort, gemeinsam mit dem Staunen über die Kraft der Schöpfung und dem grundlegenden Vertrauen in den Reichtum der Natur. Die 44


ländlichen türkischen Lieder lehren uns auch den Respekt vor bäuerlichen Lebensformen: wir gehen in den Supermarkt und kaufen eine Schachtel mit Teebeuteln; an der Schwarzmeerküste trägt eine junge Frau die schwere Last der Teeblätter auf dem Rücken und die Stricke ihres Korbs schneiden ihr die Schultern blutig. So beschreibt es das Lied „Çayeli’nden öteye“ („Jenseits von Çayeli“). Der Apfel (türk. „elma“ oder „alma“, zurückgehend auf das ­alttürkische „al“ = „rot“) ist in der türkischen Mythologie seit schamanischer Zeit ein Symbol für etwas von hohem Wert, et­ was, nach dem man unbedingt strebt. So schenkt im alevitischen „Elma semahı“ („Apfel-Ritual“) der Geliebte (Gott) dem Lie­ benden (Gläubigen) den Apfel der Erkenntnis und Freundschaft: „Ein Apfel ist vom Geliebten gekommen / Ein Apfel, welch wun­ derschöner Apfel“. In der osmanischen Zeit wurde der Apfel zum imperialen Symbol, in der ultranationalen Turan-Bewegung so­ gar zum „türkischen Ziel“. Gleichzeitig steht der Apfel, vor allem das Apfelstückchen, in den türkischen Volks­liedern für die Sehn­ sucht nach Vereinigung der jungen Liebenden. Auch die „Schwarze Erde“ („kara toprak“) ist in der türkischen Volksmythologie ein Geschenk Gottes – Ursprung und Ziel allen Lebens: „Meine treue Liebe ist die schwarze Erde / Ich bin ver­ geblich umhergezogen / Ich wurde umsonst müde / Meine treue Liebe ist die schwarze Erde“. Vladimir Ivanoff

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Montag, 21. April 2014 (Ostermontag) Helmut-List-Halle, 19 Uhr

Bauernkantate Georg Philipp Telemann (1681–1767) Ouvertüre in D, TWV 55:D1 aus: „Tafelmusik“, 2. Teil für Oboe, Trompete, Streicher und Continuo Ouverture

Johann Sebastian Bach (1685–1750) „Der Friede sei mit dir", Osterkantate, BWV 158 für Sopran, Bass, Oboe, Solo-Violine, Streicher und Continuo Recitativo (Bass): Der Friede sei mit dir Aria mit Choral (Sopran, Bass): Welt, ade! Recitativo (Bass): Nun Herr, regiere meinen Sinn Choral: Hier ist das rechte Osterlamm

Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“, BWV 51 für Sopran, Trompete, Streicher und Continuo Aria: Jauchzet Gott in allen Landen Recitativo: Wir beten zu dem Tempel an Aria: Höchster, mache deine Güte ferner alle Morgen neu Choral: Sei Lob und Preis mit Ehren (Aria): Alleluja

 

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Johann Sebastian Bach „Mer Hahn en neue Oberkeet”, Cantate en burlesque, BWV 212 (Bauernkantate) für Sopran, Bass, Flöte, Horn, Streicher und Continuo Ouvertüre Aria (Duett): Mer Hahn en neue Oberkeet Recitativo (Sopran, Bass): Nu, Miecke, gib dein Guschel immer her Aria (Sopran): Ach es schmeckt doch gar zu gut Recitativo (Bass): Der Herr ist gut: Allein der Schösser Aria (Basso): Ach Herr Schösser, geht nicht gar zu schlimm Recitativo (Sopran): Es bleibt dabei, dass unser Herr Aria (Sopran): Unser trefflicher, lieber Kammerherr Recitativo (Sopran/Bass): Er hilft uns allen, Alt und Jung Aria (Sopran): Das ist galant, es spricht niemand Recitativo (Bass): Und unsre gnädge Frau Aria (Bass): Fünfzig Taler bares Geld Recitativo (Sopran): Im Ernst ein Wort! Aria (Sopran): Klein-Zschocher müsse so zart und süße Recitativo (Bass): Das ist zu klug vor dich Aria (Bass): Es nehme zehntausend Dukaten Recitativo (Sopran): Das klingt zu liederlich Aria (Sopran): Gib, Schöne, viel Söhne Recitativo (Bass): Du hast wohl recht Aria (Bass): Dein Wachstum sei feste und lache vor Lust! Recitativo Sopran/Bass: Und damit sei es auch genung Aria (Sopran): Und dass ihr’s alle wisst, es ist nunmehr die Frist Recitativo (Sopran/Bass): Mein Schatz, erraten! Coro (Sopran/Bass): Wir gehn nun, wo der Dudelsack

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Miriam Feuersinger, Sopran Matthias Helm, Bass Il Concerto Viennese: Radu Petrean, Horn Sylvie Lacroix, Flöte Heri Choi, Oboe Herbert Walser-Breuß, Trompete Maria Bader-Kubizek, Werner Neugebauer & Florian Hasenburger, Violine Ursula Kortschak & Raphael Handschuh, Viola Rudolf Leopold, Violoncello Masae Suzaki, Kontrabass Magdalena Hasibeder, Cembalo & Orgel Leitung: Rudolf Leopold, Violoncello

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Ad notam Gegen Ende des Osterfestes, wenn alle Kantaten dirigiert waren, gönnte sich vielleicht auch Johann Sebastian Bach einen Oster­ spaziergang auf dem Land. Dabei konnte er den Bauern bei der Arbeit zusehen, wie sie ihre Felder bestellten und auf gutes Wetter hofften. In seiner „Bauernkantate“ hat er ihnen eine Stimme verliehen, während er in seinen Osterkantaten den auferstandenen Heiland mit dem Friedensgruß unter die Men­ schen treten ließ. Telemann-Ouvertüre Als passende Einleitung unseres Konzerts dient die Ouvertüre zum zweiten Teil der „Musique de Table“ von Telemann – passend deshalb, weil ihre Besetzung mit Trompete, Oboe und Streichern den Kräften unseres kleinen Orchesters entspricht. Passend ist sie aber auch, weil man sich angesichts der Pracht dieser „Tafel­ musik“ unwillkürlich fragen mag, wie all jene barocken Tafel­ freuden zustande kamen. Es waren die Bauern, die sie durch ihren Fleiß und Schweiß ermöglichten. Auf unnachahmliche Weise ge­ lang es Telemann, in die festliche Klangkulisse seiner Orchester­ suite immer wieder Bauernmusik „hineinzuschmuggeln“. Osterkantate „Der Friede sei mit dir“, BWV 158 Im Leipzig der Bachzeit feierte man nicht nur zwei, sondern drei Osterfesttage. Während der Thomaskantor am ersten und zwei­ ten Feiertag die Festkantate jeweils in beiden Leipziger Haupt­ kirchen dirigierte – morgens in der einen, zur Vesper in der an­ dern –, konnte er sich am dritten Feiertag auf eine kurze Kanta­ te morgens in der Nikolaikirche beschränken. Dies erklärt die Kürze und kleine Besetzung der Kantate „Der Friede sei mit dir“, BWV 158. Zum Solobass tritt hier lediglich im zweiten Satz der Sopran hinzu, verstärkt von einer Oboe und umspielt von einer Solovioline. Ob Streicher und vier Singstimmen für den Schluss­ choral benötigt werden, lässt sich kaum entscheiden, da die 50


einzige erhaltene Partitur erst zwei Jahrzehnte nach Bachs Tod niedergeschrieben wurde. Dennoch steht außer Frage, dass die Kantate von ihm stammt. Nur er konnte den Friedensgruß des auferstandenen Christus in ein Bass-Solo von so trostreicher Zuversicht verwandeln wie zu Beginn. Nur er konnte die Sehn­ sucht nach dem Paradies in einer so ekstatischen Geigenmelo­ die besingen wie im zweiten Satz. Die Fiorituren der Violine umkleiden den Choral „Welt ade, ich bin dein müde“ im Sopran, während der Bass denselben Text in weit ausschweifenden ­Melismen affektreich ausdeutet. Auch sein zweites Rezitativ mündet in eine überschwängliche Vision des Himmelreichs, bevor Martin Luthers Choralstrophe „Hier ist das rechte Oster­ lamm“ die Kantate österlich kraftvoll beschließt. Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“, BWV 51 „Dominica 15 post Trinitatis et In ogni Tempo“ schrieb Bach auf den Umschlag seiner Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“. Dieses jubelnde Sopranstück mit seinen rauschenden Streicher­ figuren und dem virtuosen Trompetensolo kann man also zum 15. Sonntag nach Trinitatis aufführen oder zu jeder anderen Zeit im Kirchenjahr, die Anlass für solchen Jubel bietet. Das Osterfest ist ein solcher Anlass, ja man könnte den Beginn des Werkes mit den markerschütternden Dreiklängen der Trompete und der Streicher geradezu als Inbegriff österlichen Jubels deuten, den das „Halleluja“ am Ende aufgreift. Ausnahmsweise nannte Bach dieses Stück „Cantata“ und nicht „Concerto“ wie viele andere seiner geistlichen Kantaten. Es han­ delt sich nämlich um eine virtuose Solokantate, noch dazu für Sopran und Orchester. Genau dieses Genre meinten die Italiener, wenn sie von „Cantata“ sprachen, allerdings nur bei weltlichem Text. Wurde ein solches Solo auf einen geistlichen Text gesungen, so war er bei den Katholiken stets lateinisch, und man nannte das Ganze „Motetto“. In BWV 51 hat sich Bach an dieser sehr italienischen Form der Kirchenmusik orientiert. Komponisten wie Vivaldi, Hasse, Porpora oder Caldara begannen ihre Solo­ motetten stets mit einer virtuosen Allegro-Arie, ließen ein Rezi­ 51


tativ und eine langsame Arie folgen, um das Ganze mit einem virtuosen „Alleluja“ zu beschließen. Noch Mozart verwendete diesen Aufbau in seinem „Exsultate, jubilate“ von 1773. Bach übernahm die traditionelle Form, fügte aber zwischen der langsamen zweiten Arie und dem Halleluja eine Choralbearbei­ tung ein: „Sei Lob und Preis mit Ehren“. Er hat das katholische Vorbild aus Italien nicht nur „eingedeutscht“, sondern gleichsam „lutheranisiert“. Die Musik, die er dazu geschrieben hat, könnte freilich nicht italienischer sein. Nirgends sonst ist der Thomas­ kantor dem Glanz des italienischen Koloraturgesangs so nahe gekommen wie hier. Dazu brauchte er neben seinem bewährten Solotrompeter Johann Gottfried Reiche vor allem eines: einen Knabensopran von überragenden Fähigkeiten mit einem Stimm­ umfang bis zum dreigestrichenen C. Auch sonst liegt die Tessitu­ ra dieser Kantate ungewöhnlich hoch. Heutige Knabensoprane können sie kaum bewältigen, zu Bachs Zeit aber kamen die jun­ gen Männer erst mit 17 oder 18 in den Stimmbruch. Bachs eigene Knabenstimme, ein wunderschöner Sopran, mutierte erst, als er 17 war. Über einen solchen heraus­ragenden Sopranisten muss er im Schuljahr 1730 verfügt haben, als er diese Kantate schrieb. Auf keinen Fall wurde sie in Leipzig von einer Frau gesungen, denn Frauen hatten dort in der Kirchenmusik zu schweigen. Freilich verrät uns Bachs Handschrift in dieser Hinsicht mehr, als man vermuten würde. Die berühmte erste Arie der Kantate ist in der Originalpartitur eine Reinschrift, das heißt: Bach hat sie von einer bereits existierenden Arie abgeschrieben, inklusive des Textes. Alle anderen Sätze der Kantate hat er neu kompo­ niert, was man an der sehr schnellen und flüchtigen Handschrift erkennen kann. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich die Vorgeschichte der ersten Arie auszumalen: Bach muss sie wohl 1721 oder 1722 für seine zweite Frau Anna Magdalena kompo­ niert haben, die in Köthen unter seiner Leitung als Hofsängerin wirkte. Da sie aus einer Weißenfelser Trompeterfamilie stammte, dürfte Bach das virtuose Trompetensolo ursprünglich für seinen Schwiegervater oder für seinen Schwager komponiert haben. Später formte er diese Köthener Familien-Hofmusik in den Be­ ginn seiner virtuosesten Leipziger Soprankantate um. 52


Bauernkantate Wenn Bach aufs Land hinaus fuhr, hatte er dafür immer einen besonderen Anlass: eine Orgelprüfung, eine Kirchenmusik auf den „Dorfschaften“, die kaum weniger musikalisch waren als die große Metropole Leipzig, oder die Erbhuldigung für einen neuen Herren auf einem der vielen Landgüter. Um Letztere ging es am 30. August 1742, als Bach dem Kammerherrn Carl Heinrich von Dieskau mit seiner so genannten „Bauernkantate“ aufwartete. Pünktlich zu seinem 36. Geburtstag durfte der mächtige Adels­ herr die Übernahme der Güter Kleinzschocher, Knauthain und Cospuden bei Leipzig feiern. In Kleinzschocher befand sich sein Landschloss, so dass Bach dort mit zwei Sängern und einem kleinen Orchester aus Leipzig seine Kantate aufführte. In ziemlich handfesten Ausdrücken, noch dazu im sächsischen Dialekt, preist ein junges Bauernpaar die „neue Overkeet“, die neue Obrigkeit. Man unterhält sich über dies und jenes, was man vom Kammerherrn und seiner Frau Gemahlin erwarte, vom Schösser und vom Pfarrer: „Der Pfarrer gilt, im Unterschied zu seinem Vorgänger, als Gegner des Tanzens. ‚Der Pfarr mag ­immer büse tun ...‘ Der neue Gutsherr und seine Frau dagegen erhalten gute Beurteilungen ‚Unser Herr schilt nicht‘, ‚Der Herr ist gut‘, ‚unser Herr ist der beste‘... Er schützt seine Untertanen vor Söldnerwerbung (Satz 9), wie vor ‚caducken Schocken‘, d.h. fälligen Zusatzsteuern ... Die ‚gnädge Frau ist nicht ein prinkel stolz‘ (Satz 11). Der Amtsschösser dagegen ist ein rechter ‚Schwefelsmann‘, der – ehe man sich’s versieht – Verzugszinsen in Höhe eines ‚Neu-Schocks‘ verhängt (Satz 5) und auch sonst mit den Leuten ‚schlimm‘ (Satz 6) umgeht, ähnlich wie der Advokat und der Steuer-Revisor (Satz 3).“ Bachs Textdichter Picander kannte sich aus, denn als Einnehmer der „Tranksteuer“ war er dem Herrn von Dieskau direkt unterstellt. Doch nicht nur um den eigenen Geldbeutel sorgen sich die beiden Bauern, sondern auch um den Nachwuchs in der herrschaftlichen Fami­ lie: „Angesichts der anwesenden ,hübschen Leute‘ (Satz 17) wünsche man der gnädigen Frau männlichen Nachwuchs, der bei den Dieskaus bislang ausgeblieben war: ‚Gib Schöne, viel Söhne von artger Gestalt, und zieh sie fein alt; das wünschet 53


sich Zschocher und Knauthain fein bald!‘ (Satz 18).“ Diese letz­ tere Anspielung war nicht frei von Bitterkeit, kursierte doch noch Mitte des 19. Jahrhunderts in jener Gegend ein Bonmot: „Zu großer Töchtersegen ist eine verhängnisvolle Gabe, dies erfuhr auch Carl Heinrich von Dieskau.“ All diese Anspielungen entschlüsselt zu haben, ist das Verdienst des Leipziger Bachforschers Martin Petzold. Wahrhaft köstlich werden die ironischen Texte aber erst durch Bachs musikalische Fassung. Er verwandelte die elf Rezitativ-Arien-Paare dieses klei­ nen „Dramma per musica“ in die liebenswürdigste Bauernszene der galanten Zeit. Um dem neuen Gutsherrn die Sache schmack­ haft zu machen, schrieb Bach „Cantate en burlesque“ über die Partitur und verbarg in der Musik allerhand Anspielungen auf Volkslieder und Ohrwürmer jener Zeit. „50 Taler bares Geld“ ist eine Mazurka, „Unser lieber Kammerherr“ eine kleine Variatio­ nenreihe über „La Follia“. Nach derart grobem Stoff zwingen sich die beiden Protagonisten endlich doch, „was Städtisches zu sin­ gen“. Mieckes Arie von der Süße der Mandelbäume ist ein hö­ fisches Menuett mit obligater Traversflöte, das Bach zehn Jahre früher bereits in einer Huldigungskantate für August den Starken verwendet hatte. Ebenso stammt die Arie des Bauern aus einer bekannten Vorlage: „Dein Wachstum sei feste und lache vor Lust“ ist nichts anderes als die umgearbeitete Arie des Pan „Zu Tanze, zu Sprunge so wackelt das Herz“ aus dem „Streit zwischen Phoe­ bus und Pan“. Am Ende kehrt das Bauernpaar in der Schänke „Zum grauen Wolf“ ein, wo der Dudelsack so schön bläst. Bei aller Naivität der beiden Protagonisten und ihrer Musik bleibt festzuhalten: Bach und Picander gelang hier ein Stück Aufklärung, indem sie den Landleuten eine Stimme gaben und deren Sorgen und Freuden in authentische Töne kleideten. Josef Beheimb

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Die Bühnenprojektionen

Ins gelobte Land Nicolas Poussin (1594–1665): „Herbst“ aus dem Zyklus „Die vier Jahreszeiten“, gemalt zwischen 1660 und 1664 (Die Kund­ schafter kehren von Kanaan zurück)

Scarborough Fair Alter Meilenstein bei Sonnenuntergang, Irland (Foto: Danielc1998 | Dreamstime.com)

Der Wein, der schmeckt mir also wohl Gemälde aus dem Umkreis von Gerrit van Honthorst: Fröhlicher Zecher mit Weinglas, um 1630

Xitomatl und andere Äpfel Bauernmarkt in Peru. Foto: Danilo Mongiello | Dreamstime.com Impressionen aus Süd- und Mittelamerika. Fotos: Gerhard ­Huber

Roter Apfel – Schwarze Erde Cosimo Tura (1430–1495): Fresken mit Monatsdarstellungen im Palazzo Schifanoia in Ferrara. August – Triumphzug der Deme­ ter. Detail: Allegorie des Segens

Bauernkantate Pieter Brueghel der Ältere: Die Kornernte, 1565 55


Die Interpreten

Christian Bakanic, Akkordeon, Keyboard & Percussion Christian Bakanic, österreichischer Musiker und Komponist mit kroatischen Wurzeln, studierte Volksmusik am JohannJoseph-Fux-Konservatorium in Graz und klassisches Akkor­ deon an der Musikuniversität. Seine musikalischen Zugän­ ge und Erfahrungen vermischen sich auf subtile Weise in seinen Kompositionen und verbinden die komplexe Sponta­ neität des Jazz, die temperamentvolle Leidenschaft des Tango Nuevo, das disziplinierte Moment der Klassik mit vielschichtigen Traditionen europäischer Volksmusik. Er ist Mitglied von Folksmilch, Beefolk, Trio Infernal, Mala Junta, Tangoango & Co und wurde zum „Mann der fliegenden Ta­ sten“ für Künstler wie Wolfgang Muthspiel, Miguel HerzKestranek, Alex Deutsch und Markus Schirmers Scurdia. Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

Ismael Barrios, Perkussion & Cuatro Mit dem Rhythmus im Blut in Venezuela geboren, verschlug es Ismael Barrios 1982 nach Österreich, wo er vorerst klas­ sische Gitarre studierte, doch seine Leidenschaft zur Percus­ sion setzte sich schließlich nachhaltig durch. Seither ist der Meister der Percussion in seinem Genre ungebremst unter­ wegs, auf mehr als 90 CD- & DVD-Produktionen verewigt, realisiert Theater- und Musicalprojekte und lehrt an promi­ nenten Rhythmus-Schulen. Sein Wirken entlockt ihm dieses ganz besondere Strahlen, das seinem auch sonst sehr glücklichen Lachen die Krone aufsetzt. Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

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Calmus Homogenität, Präzision, Leichtigkeit und Witz – das sind die Markenzeichen von Calmus, einer der erfolgreichsten Vokalgruppen Deutschlands. Ihre abwechslungs- und ein­ fallsreichen Programme werden von der Presse immer wie­ der hervorgehoben. Die fünf Leipziger haben eine ganze Reihe internationaler Preise und Wettbewerbe gewonnen, u. a. den ECHO Klassik und den Supersonic Award. Der Radius ihrer Aktivitäten wird ständig größer und führt sie durch ganz Europa sowie Nord- und Südamerika. Ein Teil ihrer Zeit ist der Nachwuchsförderung gewidmet. Die Sopranistin Anja Pöche wurde 1980 in Leipzig geboren, wo sie auch ihr Gesangsstudium an der Musikhochschule absolvierte. Sie ist Mitglied bei Calmus seit 2001. Neben ihrer Ensembletätigkeit ist sie auch als Solistin tätig. Sebastian Krause, geboren in Halle/Saale, einst Mitglied des Leipziger Thomanerchores, ist eines der Gründungsmit­ glieder (und Arrangeur) von Calmus. Er studierte Musikwis­ senschaft und Informatik, absolvierte ein Privatstudium für Gesang bei Dirk Schmidt und arbeitete u. a. mit der Lautten Compagney und dem Raschèr Saxophone Quartet zusammen. Der Tenor Tobias Pöche wurde 1978 in Annaberg-Buchholz geboren, war Mitglied des Dresdner Kreuzchores und ab­ solvierte sein Gesangsstudium bei Rudolf Riemer an der Musikhochschule in Leipzig. Er gehört seit 2006 dem ­Calmus Ensemble an. Er ist als Solist sowie als Chor- und Ensemblesänger tätig. Ludwig Böhme ist ein Calmus-Urgestein. 1999 gründete er zusammen mit vier weiteren ehemaligen Thomanern das Calmus Ensemble. Er studierte Chordirigieren bei Georg Christoph Biller und leitet den Kammerchor „Josquin des Préz“ und seit 2012 den Leipziger Synagogalchor. Der gebürtige Münchner Joe Roesler ist seit 2005 der Bass und das Fundament von Calmus. Seine stimmliche Ausbil­ dung erhielt er im Privatstudium u. a. in Hamburg, Berlin und Leipzig. Der Wein, der schmeckt mir also wohl, 17. April

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Die Citoller Tanzgeiger Die Citoller Tanzgeiger werden wie die Erdäpfel, die Birnen und das Kernöl aus dem Grazer Umland (Übelbachtal) zu­ geliefert. Und sie haben mit dem fruchtigen Thema mehr zu tun, als man annehmen würde: Sie schöpfen aus einer Viel­ falt der Möglichkeiten steirischer Musiktradition aus münd­ licher Überlieferung, sie haben ihr Ohr am Puls der Landleu­ te, um deren Texte zu verstehen. Sie sammeln, lagern ein und verwerfen auch wieder, um so manches der Neuent­ deckung zuzuführen. Ihre Melodien und Texte haben etwas vom Charme der stabilen Nachhaltigkeit, versetzt mit dem Unwiederbringlichen des Augenblicks. Kraut & Rüben & Citoller, 12. April

Il Concerto Viennese Das Barockensemble Il Concerto Viennese möchte sich vor allem mit Werken auseinandersetzen, die am Schnittpunkt zwischen Orchester- und Kammermusik liegen. Darüber hinaus bildet Musik des Habsburgerreiches einen wich­ tigen Bestandteil in seinem Repertoire. Sein Gründer, Ru­ dolf Leopold, der selbst seit langem in Harnoncourts Con­ centus Musicus Wien als Solocellist mitwirkt, hat hier Spitzenmusiker um sich versammelt, die alle auf eine langjährige Erfahrung mit der spezifischen Spielweise mit Originalinstrumenten des 17. und 18. Jahrhunderts zurück­ blicken können. 2008 debütierte das Ensemble beim Festi­ val styriarte. Seitdem hat sich Il Concerto Viennese ein umfangreiches Repertoire erarbeitet, das sich von österrei­ chischer Barockmusik über italienische Streicherkonzerte bis zu den Brandenburgischen Konzerten und Kantaten Johann Sebastian Bachs erstreckt. Mit der Markus-Passion, die auch bei den Osterfestivals in Wien und Innsbruck zu hören war, widmete sich das Ensemble bei PSALM 2013 zum ersten Mal sehr erfolgreich einer Passion Johann Se­ bastian Bachs. Bauernkantate, 21. April

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Yair Dalal, Oud, Violine & Gesang Yair Dalal, israelischer Komponist und Musiker irakisch-­ jüdischer Abstammung, spielt eine gewichtige Rolle in der Szene der Weltmusik. Der Musiksammler und Friedens­ aktivist repräsentiert die Musiktraditionen Israels und des Nahen Ostens ganz authentisch, unter anderem auch in den Ensembles von Jordi Savall. Dalals künstlerische Arbeit spiegelt sein umfangreiches musikalisches Können sowohl auf dem Gebiet der klassischen europäischen Musik, des Jazz wie auch der arabischen Musik wider, zeigt aber auch seine starke Affinität zum musikalischen Erbe der Beduinen, für dessen Erhaltung er sich sehr engagiert. 2003 wurde er von BBC World Music für seine musikalischen Leistungen als bester Musiker aus dem Nahen Osten geehrt. Ins gelobte Land, 13. April

The Early Folk Band Die MusikerInnen von The Early Folk Band, allesamt heraus­ ragende Spezialisten für Alte Musik, wagen den Versuch ­einer Rekonstruktion alter Volksmusik. Aus England, Schwe­ den und Deutschland stammend, bringen sie die traditio­ nelle Musik ihrer Herkunftsländer mit sowie große Erfah­ rung bei der Erforschung und Aufführung von Alter Musik. The Early Folk Band lässt die Musik der Südländer aus Re­ naissance und Barock und die Volksmusik der Nordlichter zusammenkommen und es erklingt eine einzigartige „euro­ päische Musik“ – denn wie der Wind, schafft es auch die Musik, alle Grenzen durch alle Zeiten zu überwinden. Die Schwedin Miriam Andersén, ausgebildet an der Schola Cantorum Basiliensis, gehört zu den renommiertesten Sän­ gerinnen Skandinaviens. Sie ist Expertin der schwedischen Folkmusik und deren mittelalterlichen Wurzeln. Ihr Reper­ toire reicht jedoch bis zu Komponisten wie Eric Satie oder John Cage. 2007 wurde sie mit dem Titel „Riksspelman“, dem wichtigsten Folkmusik-Preis Schwedens, ausgezeich­ net. 59


Gesine Bänfer ist Spezialistin auf allerlei historischen Holz­ blasinstrumenten. Neben ihrer musikalischen Tätigkeit ist sie auch als Forscherin (Schwerpunkt Bläsermusik des Mit­ telalters) und Musikproduzentin tätig. Susanne Ansorg studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Musikpädagogik an der Universität Leipzig, mittelalter­ liche Streichinstrumente und historische Aufführungspraxis an der Schola Cantorum Basiliensis. Sie zählt zu den welt­ weit führenden Fidelspielerinnen und musiziert mit Ensem­ bles wie Sarband, Ars Choralis Coeln oder The Harp Consort. Susanne Ansorg ist künstlerische Leiterin von „montal­ bâne“, dem innovativen Mittelalter-Festival. Ian Harrison, virtuoser Zinkenist, Schalmei- und Dudelsack­ spieler stammt aus Newcastle in Nordengland. Der Experte für historische Improvisation studierte in London, in Den Haag und an der Schola Cantorum Basiliensis. Er ist ge­ fragter Solist in zahlreichen Alte Musik Ensembles und Gründungsmitglied von „Les haulz et les bas", dem preis­ gekrönten Ensemble für Bläsermusik aus Mittelalter und Renaissance. Als Musikforscher doziert er an den Universi­ täten Oxford, Edinburgh und London. Steve Player, gebürtiger Engländer mit Wohnsitz in Schwe­ den, ist nicht nur ein virtuoser Barockgitarrist, sondern auch ein Spezialist für Tänze aus der Zeit der Renaissance und des Barock. Scarborouh Fair, 15. & 16. April 2014

Miriam Feuersinger, Sopran Die Bregenzer Sopranistin Miriam Feuersinger studierte bei Kurt Widmer in Basel, wo sie ihr Studium 2005 mit Auszeich­ nung beendete. Ihre große Liebe gilt dem Kantaten- und Passionswerk von J. S. Bach. Die Sopranistin musiziert re­ gelmäßig mit Dirigenten wie Rudolf Lutz, Ton Koopman und Laurent Gendre sowie mit Barockensembles und Barock­ orchestern wie Capriccio Basel, Les Cornets Noirs, La Banda, L’Orfeo oder La Cetra. Miriam Feuersinger ist zweifache 60


Preisträgerin der Ernst-Göhner-Stiftung. Ihre neue CD mit Kantaten von Christoph Graupner erschien im Jänner 2014. Bauernkantate, 21. April

Hugo Fernando González, Gitarre & E-Bass Hugo Fernando González wurde 1968 in Venezuela geboren, wo er auch sein Studium begann. 1991 kam er nach Öster­ reich, um hier sein Gitarrenstudium bei Leo Witoszynskyj an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz zu absolvieren (und das sub auspiciis). Konzerte führten ihn auf die Bühnen Venezuelas, Österreichs, Sloweniens, Tsche­ chiens, der Slowakei, Deutschlands, Englands und der Schweiz. Seit 2006 ist er Lehrbeauftragter an der Grazer Kunstuniversität (Neue Musik für klassische Gitarre). Dane­ ben ist er auch als Komponist tätig. Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

Matthias Helm, Bariton Matthias Helm studierte Sologesang bei Rotraud Hans­ mann und absolvierte die Lied- und Oratorium-Klasse bei Robert Holl an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Darüber hinaus besuchte er Meisterkurse bei Rudolf Piernay, Hartmut Höll und Wolfgang Holzmair. Als Konzertsänger profilierte er sich mit den großen Orato­ rien und Passionen von Bach, Händel, Mendelssohn-Bart­ holdy oder Orff und arbeitete dabei mit Orchestern wie NDR-­Orchester, L’Orfeo Barockorchester, Karlsruher Ba­ rockorchester, Wiener Akademie oder Capella Leopoldina zusammen. Auch als Liedinterpret ist Matthias Helm ein gern gehörter Gast verschiedenster Festivals und Konzert­ häuser. Sein breit gefächertes Bühnenrepertoire enthält Partien von der Renaissance bis ins 21. Jahrhundert, das ihn auf Konzertreisen durch ganz Europa, Südkorea und Singa­ pur führte. Bauernkantate, 21. April

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Thomas Höft, Moderation Thomas Höft arbeitet als Autor, Regisseur und Dramaturg in sehr unterschiedlichen Bereichen der Kunst. Er verant­ wortete große historische Themenausstellungen in deut­ schen und österreichischen Museen und schrieb Sach­ bücher – für „Welt aus Eisen“ wurde er mit dem Österrei­ chischen Staatspreis Buchkunst ausgezeichnet. Vor allem aber ist er mit zahlreichen Theaterstücken und Opernlibret­ ti bekannt geworden. Im Herbst 2013 etwa wurde im Kon­ zertzyklus des Grazer Orchesters recreation Iván Eröds neues Werk „Øresund“, dessen dritte Symphonie, auf ein Libretto von Thomas Höft uraufgeführt. Durch Götz Fried­ rich zu ersten Regiearbeiten ermutigt, nimmt die Musik­ theaterregie einen kontinuierlich immer gewichtigeren Raum in seinem Schaffen ein. Seit 1994 arbeitet Thomas Höft als Dramaturg der styriarte und seit 2003 auch von PSALM. Er war Intendant des Brandenburger Theaters und des Festjahres PAX 2005. Seit März 2012 ist er Geschäfts­ führer der Kölner Gesellschaft für Alte Musik, ZAMUS. Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

Alberto Lovison, Vibraphon & Percussion Schon mit neun Jahren begann der in Vicenza, Italien, ge­ borene Alberto seine Ausbildung zum afrokubanischen Per­ kussionisten. Am Arrigo-Pedrollo-Konservatorium kam dann der Un­terricht in klassischer Perkussion hinzu. Vibraphontech­ niken des Jazz brachten ihm auch Saverio Tasca, Dave Samuels und Ed Saidon bei. 2008 kam er zum Vibraphon-Studium nach Graz, das er momentan bei Günther Brück, Günter Meinhart und T. Howard Curtis betreibt. Auf der Bühne stand Alberto bereits mit Dave Samuels, Ney Rosauro, Ismael Barrios, Juan Garcia-Herreros, Roberto Quintero, Arturo Sandoval, Jon Bar­ nes, Skip Martin oder Saverio Tasca. Für Aufnahmen arbeitete er bisher mit Mamadou Diabate, Sway, Nikö, Enea dj, Samue­ le Vivian und Marco Antonio Dacosta zusammen. Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

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Karl Markovics, Lesung Karl Markovics, 1963 in Wien geboren, gehört zu den „Cha­ rakterköpfen“ des deutschsprachigen Kinos. Seine Karriere beginnt in den achtziger Jahren auf der Bühne im Serapions­ theater und bis heute tritt Markovics regelmäßig an den wichtigsten Wiener Schauspielhäusern in Erscheinung. Die ersten Filmrollen übernahm Markovics zu Beginn der 90er Jahre, so ist er vielen sicher noch als Bezirksinspektor Stockin­ ger in bester Erinnerung. Sein größter internationaler Erfolg der jüngsten Vergangenheit war wohl die Hauptrolle in Stefan Ruzowitzkys Film „Die Fälscher“, der bei der Oscarverleihung 2008 als „Bester fremdsprachiger Film“ ausgezeichnet wurde. 2011 gab Karl Markovics mit dem preisgekrönten Spielfilm „Atmen“ sein Debüt als Regisseur und Drehbuchautor. Ins gelobte Land, 13. April

Erez Monk, Perkussion Der Weltmusikspezialist Erez Monk zählt zu den führenden israelischen Perkussionisten und Tablaspielern. Er ist auf der ganzen Welt zuhause und arbeitet regelmäßig mit Künstlern wie Jordi Savall, Yair Dalal und anderen zusammen. Ins gelobte Land, 13. April

Endrina Rosales, Traversflöte, Vocals & Percussion Die aus Venezuela stammende Sängerin, Liedtexterin und Flötistin schafft eine musikalische Symbiose aus unbegrenz­ ter rhythmischer Vielfalt und originellem Klang, der in der venezolanischen Folklore wurzelt. Sie ist ausgerüstet mit dem Handwerk einer klassischen Flötistin, mit folkloris­ tischen Wurzeln und der Liebe und dem Respekt zur Musik des Jazz und Pop. Geerdet in ihrem Glauben und ihrer ­Lebensphilosophie begeht sie mit ihren musikalischen ­Projekten neue Wege, immer aber mit dem Bestreben, die ­Authentizität in der Musik zu erhalten. Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

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Juan Carlos Rosales, Bandola Juan Carlos Rosales stammt aus Venezuela. Er kam vor 17 Jahren nach Graz, um hier an der Kunstuniversität bei Florian Kitt ein Violoncellostudium zu absolvieren. Er spielt heute mit vielen verschiedenen Ensembles und Künstler­ kollegen in Projekten, die von Klassik bis zu südamerika­ nischer Folklore reichen. Neben dem Cello ist er auch auf Instrumenten wie Bandola, Cuatro oder E-Bass sattelfest unterwegs.   Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

Ensemble Sarband Sarband verzaubert sein weltweites Publikum seit nunmehr 28 Jahren. Sein musikalischer Ruf nach Toleranz und Ver­ ständigung macht Sarband zum führenden Ensemble auf diesem Gebiet. Vladimir Ivanoff vereint hier hervorragende Musiker aus den verschiedensten Kulturen und mit den unterschiedlichsten musikalischen Hintergründen. Jeder Künstler bringt seine heimische Tradition, seine eigene Ge­ schichte und seine persönliche Kreativität in die Programme ein. Einfühlsam und mit großer Intensität zelebriert Sarband in Konzerten auf der ganzen Welt die Symbiose von Orient und Okzident. Neben den Sängerinnen Yaprak Sayer und Hamide Uysal, sie gehören zu den bekanntesten türkischen Volkssängerinnen der jüngeren Generation – beide wurden mit Preisen ausge­ zeichnet – verstärkt der A¸sık (türkische Barde) Kemal Dinç das Ensemble. Er studierte klassische Gitarre und Kompo­ sition und ist der bisher einzige Professor für türkische Volksmusik in Europa. Er lehrt am Rotterdamer Konservato­ rium. U˘gur I¸sık, Cellist und Virtuose an der Oud, konzertiert weltweit mit verschiedenen Ensembles und ist als Kompo­ nist und Produzent für Film- und Fernsehmusik tätig. Cihan Yurtçu studierte türkische Volksmusik, war jahrelang Solist im türkischen Radio und Fernsehen und unterrichtet heute am Istanbuler Konservatorium. Er gewann Preise in Volks­ 64


musikbewerben und konzertiert weltweit mit den Ensem­ bles Bosporus, Anadolu Feneri und Sarband. Als Ensembleleiter, Musiker und Wissenschaftler ist der gebür­ tige Bulgare Vladimir Ivanoff bestrebt, zwischen ­Musiktheorie und Musikpraxis zu vermitteln. Er lenkt stets den Blick auf Verbindungen zwischen Orient und Okzident, Judentum, Christentum und Islam, zwischen vergangenen Kulturen und der Gegenwart. Mit seinem 1986 gegründeten Ensemble Sar­ band wurde er 1994 für zwei Grammy Awards nominiert und erhielt 2003 und 2006 zwei Echo-Klassik-Auszeichnungen. Roter Apfel – Schwarze Erde, 20. April

Los Tomatillos Aus Mexiko, Kolumbien und Venezuela stammen die Mit­ glieder der Tanztruppe rund um Ismael Barrios. Mit Tänzen, die die ansteckende Lebensfreude ihrer südamerikanischen Heimat transportieren, begeistern sie auch ihre neuen Landsleute in Österreich. Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

Trio Puro Perú Drei Künstler, Musiker und Freunde teilen ein Ziel: die För­ derung und Verbreitung des Reichtums und der musika­ lischen Vielfalt der drei Regionen des Landes Peru. Xitomatl und andere Äpfel, 18. April

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Foto: PSALM

DA LOHNT SICH DER BLICK ÜBER DEN ZEITUNGSRAND. Als Partner von PSALM wünscht die Kleine Zeitung gute Unterhaltung.

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Sonntag, 22. Juni – Pfarrkirche Aflenz, 19 Uhr

Heilige Hildegard Musik der Hildegard von Bingen, ausgehend von ihren Büchern über die Natur (Physica, 1151 bis 1158) Ars Choralis Coeln Leitung: Maria Jonas Zum Auftakt: Geführte Kräuterwanderung mit Musik Treffpunkt Kurpark Aflenz, 15 Uhr. Zählkarten erforderlich. Nur bei Schönwetter. Von der hei­ lenden Kraft der Natur war Hildegard von ­Bingen zutiefst überzeugt. Auf ihren Glaubens­ wegen suchte die Benediktine­ rin und Kloster­ gründerin vom Rhein nach der verlorenen Ein­ heit zwischen Geschöpf und Schöpfung, zwischen Gott, Mensch und Natur. Auch deshalb wurde sie von Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen. Beim Singen ihrer glühenden Hymnen und Sequenzen offenbart Ars Choralis Coeln die Tiefe ihrer mysti­ schen Visionen. Bei der Kräuterwanderung mit den Kräuterexper­ ten Ernst Frühmann und Regina Müllner und den Sängerinnen der Ars Choralis kann man erfahren, dass der Sinn der Heiligen auch aufs ganz Praktische gerichtet war. Karten und Infos: styriarte Kartenbüro • Sackstraße 17, 8010 Graz Telefon: 0316.825000 • www.styriarte.com Karten erhalten Sie auch in den Konzertpausen an der Abendkasse im Foyer.


Ö1 Club-Mitglieder erhalten beim Osterfestival Psalm 10 % Ermäßigung für Einzelkarten. Sämtliche Ö1 Club-Vorteile finden Sie in oe1.orf.at

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Foto: PSALM

Einer unserer Clubräume.


Freitag, 27. Juni – Burggarten, 20 Uhr Samstag, 28. Juni – Burggarten, 20 Uhr

Loreley Lieder und Balladen von Trollen, Nixen und anderen Wasserwesen und von der Loreley aus der nordeuropäischen Überlieferung vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert Miriam Andersén, Harfe & Gesang Susanne Ansorg, Fidel Erik Pekkari, Durspel Toivo Sõmer, irische Bouzouki Nicht jeder Wald wird von gütigen Feen be­ wohnt. In Skandinavi­ en, wo die Sommer­ tage unendlich lang werden, treiben Trolle ihr Unwesen. Nixen durchstreifen die Ge­ wässer der Welt­ meere. An den Gesta­ den des Rheins zieht die Loreley den Schif­ fer in ihren Bann und seinen Kahn in die Tiefe. Von all dem er­ zählt Miriam Ander­ sén, untermalt von Harfe, Fidel, Harmo­ nika und mehr. Poe­ tischer gesagt: Eine Loreley unserer Tage lockt mit zauberischem Gesang in den Grazer Burggarten. Karten und Infos: styriarte Kartenbüro • Sackstraße 17, 8010 Graz Telefon: 0316.825000 • www.styriarte.com Karten erhalten Sie auch in den Konzertpausen an der Abendkasse im Foyer.


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IMPRESSUM Almanach PSALM 2014 Medieneigentümer: Steirische Kulturveranstaltungen GmbH, A-8010 Graz, Sackstraße 17 Redaktion: Irmgard Heschl-Sinabell & Claudia Tschida Grafik: Cactus Communications>Design, Graz Druck: Medienfabrik, Graz


PSALM 2014 ist ein Projekt der Steirischen Kulturveranstaltungen GmbH

Idee: Mathis Huber Dramaturgie: Karl Böhmer & Thomas Höft Produktion: Irmgard Heschl-Sinabell & Gertraud Heigl Verwaltung: Katharina Schellnegger (Büroleitung), Ulrike Grochot (Sekretariat) & Lukas Seirer (Finanzmanagement) Kommunikation: Claudia Tschida (Presse/Marketing) & Sandra Wanderer-Uhl (Sponsoring) Kartenbüro: Margit Kleinburger, Gabriele Weissenegger & Patrizia Zechner Technik: Christian Bader (Technische Leitung) Thomas Bernhardt (Beleuchtung) Thomas Schröttner (Tontechnik) Florian Groß (Übertitelsteuerung) A-8010 Graz, Sackstraße 17 Telefon +43.316.825 000 Fax +43.316.825 000.15 info@styriarte.com www.psalm.at



PSALM Almanach 2014