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Sonntag, 1. Juli, 20 Uhr Helmut List Halle

Wien 1683

Johann Joseph Fux (1660–1741)

Intrada aus: Concentus musico-instrumentalis, K 352

Lesung: 21. Jänner, Kriegserklärung/ 30. Jänner, Heerschau

Gazi Giray Han (1554–1607)

Mahur Peşrev Lesung: Kara Mustafa

Anonym, 15. Jh. (notiert von Ali Ufki, 1610–1675)

Neva Çengi Harbi Lesung: 2., 3. und 6. Mai, Feldlager

Heinrich Ignaz Franz Biber (1644–1704)

Sonata „Battalia“


Anonym arabisch (7. Jh.)

Tala’al-Badru ’alayna (Hymne für den Propheten Mohamad) Lesung: 26. Juni, Zuversicht der Türken/ Panik in Wien

Johann Heinrich Schmelzer (1623–1680)

La Margarita (Fanfare) – Serenata – Balletto di Matti – La Pastorella – Gavotta styriaca – Hötzer seu Amener

Lesung: 10. & 11. Juli: Der Kaiser in Melk

Anonym (frühes 17. Jh., notiert von Ali Ufki)

Türki berāy-ı Feth.-i Baġdād (Lied zur Eroberung Bagdads)

Lesung: 11. Juli: In Stift Melk

Johann Heinrich Schmelzer

Gavotta bavarica – Gavotta gallica – Gavotta anglica – Canario – Aria Viennesa – Campanella – Lamento – Erlicino – Adagio – Allegro

Lesung: 12. Juli: Das Wüten der Tartaren/ 15. August, Jan Sobieski beginnt den Feldzug

Johann Heinrich Schmelzer

La Margarita (Fanfare)


Lesung: Das polnische Entsatzheer

Anonym Istanbul (bearbeitet von Marquis de Ferriol, 1652–1722)

Concert Turc (1715)

Heinrich Ignaz Franz Biber

Aria (Battalia) Lesung: 29. August, Generalsturm der Türken

Ali Ufki

Hüseyni Ilahi / Allahu Allah („Ah, mein Gott, heb auf alle Feindseligkeit, vermehre alle Freundschaft“)

Lesung: 30. August, Kampf um den Burgravelin

Johann Joseph Fux

Auffzug: Turcaria – Janitschara, K 331 Lesung: 12. September, Vor der Schlacht

Johann Joseph Fux

Preparation: Il Libertino, K 329 – Contretens, K 327 Lesung: 12. September, Sobieski greift ein


Anonym, notiert von Ali Ufki

Nikriz Peşrev Lesung: Flucht und Befreiung

Johann Joseph Fux

Die Schlacht: Les Combattans, K 323 Lesung: 13. September, Der Kaiser erhält die Siegesnachricht

Johann Joseph Fux

Klage: Rondeau, K 327 Lesung: Yunus Emre (1240–1321), Klagelied

Ali Ufki

Acem Ilahi Lesung: Paul Fleming (1609–1640), Gedanken über die Zeit

Anonym, 17. Jh., notiert von Ali Ufki

Elçi Peşrev (Der Marsch des Gesandten)


Armonico Tributo: Herbert Walser, Trompete Bernhard Lampert, Trompete Michael Oman, Blockflöte Gerd-Uwe Klein, Violine Andreas Pilger, Violine Peter Aigner, Viola Lothar Haass, Viola Rüdiger Kurz, Violone Thomas C. Boysen, Theorbe & Barockgitarre Ewald Donhoffer, Cembalo Michèle Claude, Perkussion Leitung: Lorenz Duftschmid, Viola da gamba Sarband: Rebal Alkhodari, Gesang & Oud Mohamad Fityan, Nay Efstratios Psaradellis, Kemençe Salah Eddin Maraqa, Kanun Leitung: Vladimir Ivanoff, Rahmentrommeln Michael Dangl, Lesung

Patronanz:

Konzertdauer: Erster Teil: ca. 55 Minuten Pause: ca. 30 Minuten Zweiter Teil: ca. 50 Minuten


Wien 1683

1683 bleibt als Schreckensjahr auf ewig im Bewusstsein der Europäer verankert. Als das osmanische Heer und seine Hilfstruppen vom Balkan das friedliche Österreich mit ihrem Terror überzogen, wurde schlagartig deutlich, wie verwundbar Mitteleuropa war. Der Sieg der christlichen Waffen am 12. September 1683 wurde im Fest „Mariä Namen“ glorifiziert, blieb aber ein Stachel im Fleisch der Besiegten – bis zum 11. September 2001. Im heutigen Konzert wollen Lorenz Duftschmid, Vladimir Ivanoff und Michael Dangl diesen archaischen Konflikt in Tönen nachzeichnen, ohne von vornherein Partei zu ergreifen.


Ad notam

Im Lager der Belagerer Pures Entsetzen ergriff den Hofschatzmeister des Sultans Mehmed IV., als er am 19. Juli 1683 im Lager vor den Toren Wiens eintraf: 120.000 Mann seines Herren waren vom ehrgeizigen Großwesir Kara Mustafa seit fünf Tagen darauf eingeschworen worden, Wien zu belagern und zu erobern. Dabei hatte das Kriegsziel ursprünglich nur die Sicherung Ungarns vorgesehen, trotz aller hochfahrenden Rhetorik, die Konstantinopel gegen Wien aufgefahren hatte. Nun waren Fakten geschaffen worden, die dem Sultan alles andere als behagten: Die gesamte Streitmacht dem Ehrgeiz eines einzigen Mannes aufzuopfern, die Leben so vieler Türken aufs Spiel zu setzen, nur damit Kara Mustafa als der strahlende Sieger dastand, war ein zu hohes Risiko. Das wussten die Machthaber an der Pforte von Beginn an. Zwei Monate lang, vom 14. Juli bis zum 12. September, setzten die Mineure, die Artillerie und alle anderen Spezialtruppen ihre ganze Kriegskunst ein, um den „goldenen Apfel“ zu erobern – vergeblich. Wien hielt stand und damit das christliche Europa. Geschickt hatte Kara Mustafa den Feldzug von 1683 auf den gnadenlosesten aller Konflikte reduziert: dort die Ungläubigen, hier die Streiter Allahs. Nach den Schicksalen der türkischen Familien zuhause fragte keiner. Derweil vergaß der Großwesir in seiner Selbstherrlichkeit, die Hügel rund um Wien gegen Angreifer von außen zu sichern. Von dort aus ergoss sich am 12. September das Entsatzheer aus Polen, Bayern, Sachsen, Österreichern und vielen anderen christlichen Streitern über das osmanische Heer. Gott sei Dank war sich Kara Mustafa seiner Sache zu sicher.


Rund um Wien Die Grausamkeit war das erste, was die Bevölkerung Österreichs von den Türken und Tataren zu spüren bekam. Anders als beim Vormarsch in Ungarn, wo man die osmanischen Streiter als Befreier vom Joch der Habsburger begrüßt hatte, waren die armen Bauern und Städter in Niederösterreich und im Burgenland Freiwild für die Angreifer. Zahllos die Geschichten über Plünderung, Brandschatzung, grausames Hinschlachten, vor allem aber Versklavung. Heiligenkreuz wurde gebrandschatzt wie auch Hainburg, Schwechat, Baden bei Wien und viele andere Ortschaften. Die Wiener Vorstädte waren ohnehin geräumt und soweit wie möglich niedergebrannt worden, um den Belagerern keinen Schutz zu bieten. Stift Melk aber und Klosterneuburg hielten stand – christliche Trutzburgen von erheblichem Wert, sowohl moralisch als auch strategisch. Noch war nicht alles verloren.

In Wien Mit kühlem Kopf und heißem Herzen lenkte Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg die Verteidigung der Stadt. An alles wurde gedacht: Brandschutz, Rationierung der Verpflegung, Sicherung der Schwachstellen im Festungsring, Briefkontakt mit dem noch fernen Entsatzheer, Versorgung der Verwundeten und Waisen. Besonders was die Letzteren betraf, tat Erzbischof Kollonitsch das Seine, um zu helfen. Auch er war ein erfahrener Türkenkämpfer, der die Belagerung von Candia miterlebt hatte. Die Eingeschlossenen in Wien wussten, was ihnen drohte, wenn sie nicht standhalten würden. Dies schuf eine Moral ohnegleichen, von der man sich heute nur schwerlich Vorstellungen machen kann.

Im Heer der Fürsten Die Verteidiger Wiens waren die eigentlichen Helden von 1683. Denn das Entsatzheer wälzte sich langsam genug und unter eifer-


süchtiger Konkurrenz der Heerführer heran. Wer sich die Persönlichkeiten des polnischen Königs Jan III. Sobieski, des Lothringer Herzogs Karl, des jungen Max Emanuel von Bayern und vieler anderer barocken Potentaten vor Augen führt, weiß, dass hier die Eitelkeit der Herren ebenso regierte wie im türkischen Heer. Letztlich war es ein Wunder, dass sie ihre Schlagkraft dann doch noch im entscheidenden Moment vereinten, angestachelt vom Kapuzinerpater Marco d’Aviano, beseelt vom Schutz der Gottesmutter und vom Glauben an ein christliches Europa. Wenn es nur um die Ehre von Kaiser Leopold I. gegangen wäre, hätte wohl kein Streiter aus Bayern oder Sachsen einen Finger gerührt. Als die Schlacht geschlagen und der Sieg errungen war, zog Jan Sobieski in Wien ein und nahm die Ovationen der Bevölkerung entgegen. Der Kaiser hat ihm dies nie verziehen und verweigerte deshalb den simplen Griff an seinen Hut als Zeichen der Ehrerbietung jenen Polen gegenüber, die ihm sein Reich und seine Hauptstadt gerettet hatten. Die Arroganz des Erzhauses Habsburg war in manchen Generationen für deutsche oder auch polnische Fürsten nur schwer zu ertragen.

Aufräumen Was wohl die Bauern in Niederösterreich von der Eitelkeit ihres kaiserlichen Herrn hielten, wenn sie vor ihren verbrannten Feldern standen? Die Bürger von Hainburg, die keine Nachrichten von ihren verschleppten Verwandten hatten? Die Klosterbrüder in Heiligenkreuz? Die kaiserliche Verwaltung, die nie aufgehört hatte zu funktionieren, würde alle materiellen Schäden aufnehmen und nach Vorrang bearbeiten. Für die seelischen Schäden war die Kirche zuständig. Der Kaiser aber hatte nur Augen für „sein“ Wien. Die kaiserliche Hauptstadt wurde natürlich glanzvoll wiederaufgebaut. Erst einmal aber mussten Tausende von Leichen begraben, Minen geräumt, zerstörte Häuser abgerissen und Messen zum Totengedenken gelesen werden. Das Te Deum der Sieger konnte nicht jede Klage übertönen – auch nicht in unserem Konzert.


Musikalische Zeitzeugen Vier musikalische „Zeitzeugen“ bestimmen das Repertoire, aus dem Lorenz Duftschmid und Vladimir Ivanoff ihr klingendes „Diorama“ des Jahres 1683 zusammengesetzt haben. Manches davon wurde lange vor 1683 komponiert, vieles danach, als Reflex auf die Ereignisse. Denn im Sommer 1683 hatte keiner Zeit und „Muße“ für musikalische Eingebungen.

Ali Ufki an der Pforte Welche türkischen Musiker ihre Klagegesänge genau auf die Ereignisse des Jahres 1683 hin schrieben, dürfte wohl nur Vladimir Iwanoff wissen, der große Kenner des osmanischen Repertoires. Im heutigen Konzert kommen vor allem solche Lieder von der „Pforte“ zu Ehren, die ein christlicher „Renegat“ lange vor 1683 aufgeschrieben hat: Wojciech Bobowski alias Ali Ufki. „1610 wurde Wojciech Bobowski in einem kleinen Ort am Karpatenaufstieg südlich von Krakau geboren. Er wurde protestantisch erzogen und begann eine Karriere als Kirchenmusiker. Bei einem der damals gefürchteten Raubzüge der Krim-Tataren, die sich auf Sklavenhandel verlegt hatten, wurde er gefangengenommen, und weil er Musik lesen, spielen und schreiben konnte, an den Hof von Sultan Murad IV. verkauft. In Konstantinopel – später auch unter Murads Nachfolgern Ibrahim I. und Mehmed IV. – diente er als Übersetzer, Schatzmeister und Hofmusiker für das Serail. In dieser Zeit konvertierte er zum Islam und wurde unter dem Namen Ali Ufki zu einer bekannten Persönlichkeit. Zeitgenössische Quellen berichten, dass er 16 Sprachen beherrscht habe, neben Polnisch und Türkisch u.a. auch Arabisch, Französisch, Deutsch, Griechisch, Hebräisch und Italienisch. Um 1657, rund 20 Jahre nach seiner Gefangennahme, erhielt er seine Freiheit zurück. Er lebte einige Zeit in Ägypten, reiste viel und galt bis zu seinem Tod 1675 als einer der bedeutendsten Dragomane im Ottomanischen Reich – eine Kombination aus Übersetzer, Führer/Begleiter und Kultur-


vermittler. Sein besonderes Interesse galt religiösen Themen: Er übersetzte den Anglikanischen Katechismus ins ottomanische Türkisch, adaptierte den Genfer Psalter, komponierte türkische Psalmen und schrieb Erläuterungen zum Islam auf Latein – um das gegenseitige Verständnis zu stärken. Seine Übersetzung der Bibel war lange Zeit die einzige vollständige türkische Bibelübersetzung und gilt als sein Hauptverdienst. Seine Sammlung ottomanischer Musik ist das erste Erfassen von türkischer Musik in westlicheuropäischer Notation und stellt bis heute eine einzigartige Quelle dar für viele hundert Lieder und Instrumentalstücke.“ (Frank Wittmer)

Die Komponisten auf christlicher Seite Alle drei erlebten das Jahr 1683 hautnah mit: der steirische Bauernsohn Johann Joseph Fux, der niederösterreichische Bäckersohn Johann Heinrich Schmelzer und der böhmische Jägersohn Heinrich Ignaz Franz Biber. Ersterer war Organist, die beiden Letzteren virtuose Geiger, alle drei erfreuten sich der kaiserlichen Gnade. Während aber Biber und Schmelzer schon lange in Amt und Würden waren – Schmelzer am Wiener Kaiserhof, Biber am Salzburger Hof –, war Fux anno 1683 noch Student am Grazer Ferdinandeum.

Böhme Biber Ob sich Heinrich Ignaz Franz Biber in Salzburg sicher fühlte, jenseits der Alpen, sehr weit weg von Wien? Der Jägersohn aus Wartenberg in Böhmen hatte seine Karriere in Diensten des Fürsten Johann Seyfried von Eggenberg begonnen und am Hof des Fürstbischofs von Olmütz, Karl von Liechtenstein-Kastelkorn, die Aufmerksamkeit Kaiser Leopolds I. erregt. Er kannte also Österreich, zu dem das Erzstift Salzburg damals ja noch nicht gehörte. An den Ufern der Salzach war Biber seit 1674 Vizekapellmeister und sollte 1684 zum Hofkapellmeister aufsteigen – mit der Ver-


pflichtung, auch geistliche Musik im großen Umfang zu schreiben. Im heutigen Programm ist er aber mit weltlicher Musik vertreten, vor allem mit seiner berühmten „Battalia“. Im notorisch von Kriegen heimgesuchten 17. Jahrhundert lag es nahe, auch dem Kriegsvolk ein klingendes Denkmal zu setzen. Auf Geigen, Bratschen, Celli, Violone und Cembalo fing Biber genial die Klangkulisse eines Heers seiner Zeit ein: vor der Schlacht, in derselben und danach. Lorenz Duftschmid hat einzelne Sätze dieses Werkes in sein Panorama der Schlacht am Kahlenberg eingebaut. Anfangs geht es noch lustig zu, wie die Sonata verkündet. Danach grölen die Musketiere im „Quodlibet“ durcheinander, eine „liederliche Gesellschaft von allerley Humor“. Nach einem tänzerischen Presto tritt der Kriegsgott Mars in Persona auf, verkörpert durch eine kriegerische Trommel und eine Einhandflöte. Violine und Violone haben die keineswegs vornehme Aufgabe, dieses raue Duo zu imitieren. Nun ziehen die Feldherren ihre Truppen zusammen: im Galopp die Kavallerie, in einer Aria die Infanterie. Endlich kommt es zur Schlacht: Man hört das Knallen der langen Büchsen des 17. Jahrhunderts, wohl auch die ein oder andere Kanone, untermalt vom Tremolo des kriegerischen Furors, mit dem die feindlichen Heere aufeinander losgehen. Am Ende der Schlacht hört man nur kurz den Jubel der Sieger, umso länger und jämmerlicher aber das „Lamento der verwundeten Musketier“.

Niederösterreicher Schmelzer Mit Johann Heinrich Schmelzer wenden wir uns von den ländlichen Klangmalereien Bibers dem höfischen Leben in Wien zu, das damals noch ganz von italienischen Musikern beherrscht wurde. Dies musste auch der Niederösterreicher Schmelzer erfahren, als er nach Wien kam und dort offenbar von Italienern unterrichtet wurde. 1671 gelang es ihm (wie Jahre später dem Steirer Johann Joseph Fux), ihre Phalanx zu durchbrechen und vom Orchestergeiger zum Vizekapellmeister, schließlich zum Hofkapellmeister aufzusteigen. Seinen größten Ruhm verdankte er seinem virtuo-


sen Violinspiel, daneben seinem Geschick im Komponieren fürs Ballett, das am Kaiserhof eine zentrale Rolle spielte, auch in Form so genannter „Rossballette“. Daran erinnerte die styriarte im letzten Jahr mit „La Margarita“, der spektakulären Synthese aus Rossballett und Barockoper in Schielleiten. Die Namensgeberin dieses Stückes, Margarita von Spanien, die erste Ehefrau Kaiser Leopolds I., wurde von Schmelzer in einer Fanfare verewigt. Anno 1683 ruhte Kaiserin Margarita schon in der Kapuzinergruft, ebenso ihre Nachfolgerin Claudia Felicitas von Tirol. Jene Kaiserin, die an der Seite Leopolds I. aus Wien floh und über Stift Melk schließlich Linz erreichte, war Eleonora Magdalena von PfalzNeuburg, die Mutter des damals fünfjährigen Thronfolgers Joseph. Die Kaiserin auf der Flucht war hochschwanger, hätte also der dramatischen Belagerung Wiens nie ausgesetzt werden dürfen. Schließlich hoffte man, sie werde einen zweiten Buben zur Welt bringen. Am 7. September 1683 kam sie in Linz dann doch mit einem Töchterlein nieder, das auf die Namen Maria Anna Josepha getauft wurde – ein gutes Omen für die bevorstehende Schlacht. Es handelte sich um die spätere Königin von Portugal. Zur Feier der Geburt musste natürlich Schmelzer mit seinen Musikern aufspielen – heitere Szenen wie den „kleinen Tanz der Verrückten“ (Ballo di Matti) oder die „Gavotta styrica“. Wenigstens die Steiermark war noch in Takt. „Noch ist nicht alles verloren“, werden sich Kaiser und Kaiserin bei dieser Musik gesagt haben.

Steirer Fux „Profugit clam“, „entfloh heimlich“, vermerkte anno 1683 ein Schreiber im Grazer Ferdinandeum, nachdem „Johannes Fux, Grammatista Musicus Alumnus Ferdinandei“ an Allerheiligen nicht mehr zum neuen Studienjahr erschienen war. Wie so viele junge Steirer wird ihn der Schrecken vor den Türken gepackt haben, als er zuhause in Hirtenfeld den Sommer verbrachte. Zwar hatten die Türken die Steiermark buchstäblich „links liegen lassen“, doch was nach der Eroberung Wiens über Graz und das Umland herein-


brechen würde, war abzusehen. Zugleich nutzte Fux offenbar die Ungunst der Stunde, um im bayerischen Ingolstadt die höheren Studien der Juristerei beginnen zu können, was am Ferdinandeum unmöglich gewesen wäre. Drei Tage nach Weihnachten 1683 wurde er in Ingolstadt immatrikuliert: „Johannes Josephus Fux Styrus Hirtenfeldensis logica studiosus pauper“. Einem armen Studiosus wie Fux boten die Jesuiten in Ingolstadt bessere Studienmöglichkeiten, die nicht gleich auf Theologie hinausliefen. Zum ersten Mal wird dabei auch sein zweiter Vorname „Joseph“ erwähnt. Als „kaiserlicher Hofcompositor“ hat Fux später in seinen Triopartiten für zwei Violinen und Basso continuo den Türkenkriegen manches klingende Denkmal gesetzt. Seine Partita in C beginnt mit dem Satz „Les combattans“, den Lorenz Duftschmid als „Battaglia“ für die Schlacht am Kahlenberg verwendet. Auch Tanzsätze aus dem „Concentus musico-instrumentalis“ von 1701, dem großen Druck Fux’scher Orchestersuiten, kommen im Programm vor. Die „Turcaria“, die türkisch angehauchte Triopartita, ist zwar nicht mit restloser Sicherheit Fux zuzuschreiben, sie liefert aber ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Türken auch klingend ihre Spuren in den verwüsteten Gebieten hinterließen. All diese ansteckend rhythmischen und eingängigen Tanzsätze schuf Fux für den jungen Kaiser Joseph I., der als fünfjähriges Kind die Flucht seiner Eltern vor den Türken miterlebt hatte. Die Lesetexte dieses Konzerts wurden einer grandiosen Darstellung des Jahres 1683 entnommen: Johannes Sachslehner: Wien anno 1683, Pichler Verlag, Verlagsgruppe Styria, Wien 2006. Der Autor hat das Schicksalsjahr Tag für Tag geschildert, und zwar von beiden Seiten, der christlichen und der muslimischen. Zwischen Bauernregeln, der Wetterlage und dem Heiligenkalender dringt immer mehr der grausame Krieg vor. Einzelschicksale vertiefen die großen Züge der Historie in erschütternder Weise. Wer immer zu 1683 nachlesen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Josef Beheimb


Die Interpreten

Michael Dangl, Lesung Der Schauspieler und Autor spielte seine erste Theatervorstellung im Alter von vier Jahren in der Schauspielgruppe Karawane Salzburg. Zwei Jahre später begann er, Klavier zu lernen. Mit 18 Jahren wurde Michael Dangl ans Salzburger Landestheater engagiert, danach folgten Engagements in München, Köln, Koblenz und Hamburg. 1998 holte ihn Helmuth Lohner an die Wiener Josefstadt, wo er seither als Protagonist die großen Rollen der Klassik und Moderne spielt. Dangl ist in Hauptrollen regelmäßig bei den Festspielen Reichenau zu sehen und spielte bei den Festspielen in Salzburg und Bregenz. Er dreht Kino- und TV-Filme, spricht literarische Texte fürs Radio und gestaltet Rezitationsprogramme, wobei ihm die Zusammenarbeit mit Musikern besonders am Herzen liegt. Konzerte hat Dangl mit Gidon Kremer, Nicolas Altstaedt, Paul Gulda, Julius Berger, Milan Turković, Maurice Bourgue, mit der Kremerata Baltica, der Camerata Salzburg, der Rheinischen Philharmonie, dem Johann-Strauß-Orchester, dem Klangforum Wien und dem Ensemble Reconsil absolviert. Er tritt regelmäßig bei verschiedenen (Musik-)Festivals auf: Kammermusikfest Lockenhaus, styriarte Graz, Menuhin Festival Gstaad, Festival Sion, Gmundner Festwochen, Kronberg Academy, Wege durch das Land, Eckelshausener Musiktage, Augsburger Mozartfest und Bregenzer Festspiele. Besonders die Programme mit Maria Fedotova verbinden seine


literarische mit der musikalischen Leidenschaft (Casanova, Die Nachtigall, 7 Minuten vor Weihnachten). Michael Dangl ist Autor von Theaterstücken und drei Büchern, „Rampenflucht“, „Schöne Aussicht Nr. 16“, „Grado“ (letzteres führte ein dreiviertel Jahr die Bestsellerlisten). 2017/18 spielt er Franz Alt in der Dramatisierung des „Engel mit der Posaune“ im Theater in der Josefstadt, Wien, und den Higgins in „My Fair Lady“ im Staatstheater am Gärtnerplatz, München. Ebendort tritt er in Konzerten mit Konstantin Wecker auf (in Dangls Konzertfassung von Weckers Roman „Der Klang der ungespielten Töne“).

Armonico Tributo Das Ensemble Armonico Tributo Austria wurde von Lorenz Duftschmid 1989 gegründet und hat seither wertvolle Beiträge zur Entwicklung der Alten-Musik-Szene geleistet. Die internationale Kritik bedachte das Ensemble mit zahlreichen Auszeichnungen und Kulturpreisen, und berühmte Kunststätten und Agenturen engagierten das Ensemble. Konsequent wurden Programme wie „Turcaria 1683“, „Lux Æterna“, „Schiarazula Marazula“ oder „Paradiesgärtlein“ aus den verstaubten Originalhandschriften von ATA auf die vordersten Ränge der CD-Charts gespielt. Die Beschäftigung mit einem derart breitgefächerten Repertoire beschert der künstlerischen Arbeit von Armonico Tributo außergewöhnlichen Farbenreichtum: Musiker der Jazzszene geben in Armonico Tributos Probenlokal Divas der Opernwelt die


Klinke in die Hand, der feurige Direktor des Ungarischen Konservatoriums für Zigeunermusik erarbeitet mit dem Professor des Königlichen Konservatoriums von Amsterdam einen 400 Jahre alten Tanz aus Siebenbürgen und Schauspieler der berühmten Commedia del Arte Companie narrattak vertiefen sich in Charakterstücke des Hofs von Kaiser Leopold I. Lorenz Duftschmid, der Spiritus Rector des Ensembles, genießt weltweiten Ruf als Meistergambist aus der Schule Jordi Savalls, spielt ca. 40 Solokonzerte pro Jahr und ist Professor für Viola da gamba an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen/ Deutschland. Der Name „Armonico Tributo“ wurde nach einer Sammlung von Orchestersonaten des Komponisten Georg Muffat (Salzburg, 1682) gewählt. Hier wie dort ist es ein harmonischer Beitrag aus Österreich zum Kulturaustausch nationaler und internationaler Strömungen – zu gleichen Teilen der Tradition verhaftet und den neuesten Kunstformen gegenüber offen.

Lorenz Duftschmid, Viola da gamba & Leitung Geboren im oberösterreichischen Linz, erhielt Lorenz Duftschmid seine erste musikalische Ausbildung an der Anton BrucknerPrivatuniversität und am Musikgymnasium seiner Heimatstadt, wo er auch Mitbegründer der Ensembles für Alte Musik Ars Antiqua und Consortium Musicum war. In dieser Zeit knüpfte Lorenz Duftschmid intensive Kontakte zu Persönlichkeiten wie August Wenzinger, Wieland Kuijken, Gustav Leonhard, Ferdinando Luigi Tagliavini und Josef Mertin. An der Schola Cantorum in Basel absolvierte Lorenz Duftschmid das Konzertstudium in der Gambenklasse von Jordi Savall. Seitdem bereist er als Solist mit erstrangigen Ensembles und Dirigenten die Welt. Lorenz Duftschmid stand mit Künstlern wie Ton Koopman, Claudio Abbado, den Wiener Symphonikern, den


Berliner Philharmonikern und Sir John Eliott Gardiner, Kassé Mady Diabaté und Ballake Sissoko auf der Bühne. Er trat in den wichtigen Konzertsälen der Welt auf wie beispielsweise Beijing, Taipeh, Hong Kong, New York, Boston, Buenos Aires, Montevideo, Sao Paolo, Caracas, im Wiener Konzerthaus und Musikverein, beim Bachfest in Leipzig, in London, Paris, Berlin, Oslo, Lissabon, Rom und Amsterdam. Mehr als 100 CD-Einspielungen, viele mit internationalen Preisen ausgezeichnet, dokumentieren die Arbeiten des Künstlers. Nach einer Gastprofessur an der Kunstuniversität Graz ist Lorenz Duftschmid seit 2003 Professor für Viola da Gamba an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen, Deutschland. Seit 2017 ist Lorenz Duftschmid auch Gastprofessor an der renommierten Tongji-University Shanghai. Er gilt als gefeierter Gambenvirtuose und ist als passionierter Forscher in Sachen Musik und als Ensembleleiter und Dirigent gefragt. 2017 führen ihn Konzertreisen u. a. in die USA, nach China, Paris, London, Wien und Graz.

Sarband Sarband bedeutet Verbindung. In der nahöstlichen Musiktheorie steht dieser Begriff für die improvisierte Verbindung zwischen Teilen einer musikalischen Suite. Ensembleleiter Dr. Vladimir Ivanoff, der Sarband 1986 gründete, ist als Forscher und Musiker ein Brückenbauer zwischen Kulturen, Menschen und Zeiten: Seine Programme vereinen Musiker aus den verschiedensten Kulturen und vermitteln zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Alter Musik und lebendigen Traditionen.


Die Zusammenarbeit innerhalb des Ensembles ist kein modisches Crossover, sondern kontinuierlich angelegt und ein gleichberechtigter Dialog. So wird Sarband auch ein interkulturelles musikalisches Experimentierfeld für Verständigung und Toleranz. Mit einem einmaligen Repertoire, von früher chinesischer Musik bis zum Sámi-Joik, von frühchristlicher orientalischer Liturgie bis zu Gurdjieff, hat sich Sarband international einen Namen gemacht, veröffentlichte zahlreiche CDs und musizierte auf vielen internationalen Festivals. Seit 2011 veranstaltet Sarband in Bonn sein eigenes jährliches Festival – „Tonfolgen“. Jährliche Sommerworkshops von Sarband in Bayreuth vereinen Musikstudenten aus Deutschland und Ländern des Nahen Ostens. Sarband wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter: Grammy Nomination „Traditional Music“ 1994, Echo Klassik 2003 und 2006, Premio Mousiké 2007, Deutscher Weltmusikpreis „Ruth“ 2008.

Vladimir Ivanoff, Leitung & Rahmentrommeln Vladimir Ivanoff wurde in Bulgarien geboren, von wo aus er als Kind mit seiner Mutter nach Deutschland emigrierte. Obwohl er ursprünglich den Beruf des Filmregisseurs ergreifen wollte, entschied er sich für das Studium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Mit einer preisgekrönten Arbeit über das früheste bekannte Lautenmanuskript promovierte er in Musikwissenschaft. Gleichzeitig studierte er Laute und Historische Aufführungspraxis an der Schola Cantorum Basiliensis und an der Musikhochschule Karlsruhe.


Langeweile gehört sich nicht.

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Ein Habil-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglichte ihm ein Forschungsprojekt über die musikalischen Verbindungen zwischen Orient und Okzident in Venedig. Er begann auch an mehreren europäischen und amerikanischen Universitäten und Musikhochschulen zu lehren. Ivanoff hat einige Bücher veröffentlicht, publiziert regelmäßig in musikwissenschaftlichen Zeitschriften und Enzyklopädien, hält Vorträge auf internationalen Konferenzen und leitet weltweit Workshops für die künstlerische Entwicklung und Karriere junger Musiker. 1988 gründete Ivanoff das Ensemble Sarband. Als CD-Produzent, musikalischer Leiter, Komponist und Arrangeur arbeitet er mit zahlreichen Künstlern aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen, u. a.: Mystère des Voix Bulgares, Concerto Köln, The King’s Singers, Berliner Philharmoniker und Sidi Larbi Cherkaoui. Er wurde 1994 für zwei Grammy Awards nominiert. Mit Sarband erhielt er zwei Echo Klassik-Auszeichnungen. Die Region Apulien verlieh ihm 2007 den „Premio Mousiké“ für die Verbreitung Alter Musik im Mittelmeerraum. Im folgenden Jahr erhielt er für seine Arbeit mit Sarband den Deutschen Weltmusikpreis „Ruth“.


HAUS

DER

KUNST

Galerie · Andreas Lendl A-8010 GRAZ · JOANNEUMRING 12

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Aviso Samstag, 14. Juli – Stefaniensaal, 20 Uhr

Unvollendete Schubert: Ouvertüre zu „Die Zauberharfe“ Unvollendete Symphonie Nr. 7 in h, D 759 Lieder, orchestriert von Brahms und Webern

Florian Boesch, Bassbariton Concentus Musicus Wien Dirigent: Stefan Gottfried Im Originalklang des Concentus Musicus und in der perfekten Akustik des Stefaniensaals wirken Sinfonie und Lieder so wahr und unmittelbar wie in der Stunde ihrer Entstehung. Für Stefan Gottfried und Florian Boesch ist dieser Abend eine Hommage an den größten Schubertdirigenten ihres Lebens: Nikolaus Harnoncourt.

Mittwoch, 18. Juli – Helmut List Halle, 20 Uhr

Haydn Imperial Haydn: Sinfonie in D, „L’Impériale“ Sinfonie in C, „Maria Theresia“ Sinfonia concertante in B, Hob. I: 105

Erich Höbarth, Violine Christophe Coin, Violoncello Hans-Peter Westermann, Oboe Alberto Grazzi, Fagott Concentus Musicus Wien Dirigent: Stefan Gottfried Kaiserin Maria Theresia, verherrlicht in den Haydn-Sinfonien, die noch heute ihren Namen tragen. In der Sinfonia concertante frönt der Concentus dagegen dem gewitzten Haydn der späten Jahre. Es darf gelacht werden – wie es auch die Kaiserin tat, wenn sie Haydn hörte.


GesICHt und DU

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Wien 1683  

Programmheft 1.7.2018, Helmut List Halle styriarte 2018

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