Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst

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zen, Sicherungsmaßnahmen für Ihr Team durchzuführen und sich so zu verhalten, dass Situationen nicht eskalieren. Speziell wird auf den Umgang mit aggressiven Patienten eingegangen und wie Sie sich verhalten müssen, wenn Waffen am Einsatzort sind. Dabei ist immer zu beachten: Eigen­ schutz geht vor Fremdrettung. Für den Ernstfall zeigen die Au­ toren, wie Sie sich verteidigen können. Neben dem Leitfaden für ret­ tungsdienstliche »Alltagsein­ sätze« werden auch Verhaltens­ weisen für taktische Lagen er­ läutert und Konzepte der Zusam­ menarbeit zwischen den Behör­ den vorgestellt.

Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst

Viele Rettungsdienstmitarbeiter haben Einsätze erlebt, bei denen sie bedroht oder angegriffen wur­ den. Um auf solche Lagen vorbe­ reitet zu sein und nicht nur intu­ itiv, sondern bewusst richtig zu re­ agieren, beschreiben die Autoren, wie mit einfach zu erlernenden Mitteln und bewussten Handlun­ gen ein hohes Maß an Eigensiche­ rung erreicht werden kann. Nicht jeder Einsatz und Patient birgt Gefahren. Damit diese aber ausgeschlossen werden können, muss der Blick geschult sein. Da­ zu sind Hintergrundwissen zu Ge­ fahrensituationen und Täterver­ halten unabdingbar. Durch das Buch lernen Sie, die Lage am Notfallort einzuschät­

C. Lippay · M. Pröhl

Christoph Lippay · Mario Pröhl

Christoph Lippay · Mario Pröhl

Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst Gefahren erkennen – richtig reagieren

ISBN  978 – 3 – 943174 – 97 – 7

Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst Gefahren erkennen – richtig reagieren

www.skverlag.de



Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst Gefahren erkennen – richtig reagieren

Christoph Lippay · Mario Pröhl

Verlagsgesellschaft Stumpf + Kossendey mbH, Edewecht · 2018


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Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst Christoph Lippay, Mario Pröhl ISBN 978-3-943174-97-7 © Copyright by Verlagsgesellschaft Stumpf + Kossendey mbH, Edewecht 2018 Satz: Bürger Verlag GmbH & Co. KG, Edewecht Umschlagbild: Klaus von Frieling, Edewecht Druck: M.P. Media-Print Informationstechnologie GmbH, 33100 Paderborn


Inhalt Abkürzungsverzeichnis

9

1 Grundlagen zur taktischen Eigensicherung 11 1.1 Gewalt gegen Rettungskräfte

14

1.2 Einsatzsituationen und situatives Risiko­ management

20

1.1.1 Studien über Gewalt gegen Rettungskräfte 1.1.2 Zusammenfassung 1.2.1 Eskalierende Routineeinsätze 1.2.2 Einsätze mit »risikoträchtigen« ­Einsatzstichworten 1.2.3 Polizeiliche Sonderlagen

14 19 21

26 28

1.3 Warum Helfer zu Opfern werden 1.4 Eskalationsstufen

30 32

1.5 Analyse von Fallbeispielen

38

1.4.1 1.4.2 1.4.3 1.4.4

Distanzverletzung Körperkontakt Beleidigungen Körperliche Gewalt

1.5.1 Fallbeispiel: Eskalierender Routineeinsatz »Klinikeinweisung« 1.5.2 Fallbeispiel: Eskalierender Routineeinsatz »Psychiatrischer Notfall« 1.5.3 Fallbeispiel: Polizeiliche Sonderlage »Schusswaffengebrauch in Schule«

33 35 35 36 38 39 40

1.6 Reagieren unter Stress

43

2 Eigensicherung im Rettungsdienstalltag

51

2.1 Aufgaben­abgrenzung und behördliche Zusammenarbeit 51 2.2 Einsatzinformationen an und durch die Leitstelle 53 2.3 Teamaufteilung / -sicherung 56 2.4 Abstellen und Schutz von Einsatzfahrzeugen 63 2.5 Annäherung an ein Gebäude 70 5


˘ Inhalt

2.6 Vorgehen im Gebäude

73

2.7 Annäherung an Patienten 2.8 Schutzwesten im Rettungsdienst

84 90

3 Amok- und Terrorlagen

97

2.6.1 Vorgehen im Treppenhaus 76 2.6.2 Verhalten vor Türen und das sichere Ö ­ ffnen 77 2.6.3 Vorgehen in Wohnungen 80

2.8.1 Schutzwesten zur Eigensicherung 2.8.2 Schutzwesten am Patienten

3.1 Analyse von Amoklagen 3.2 Wie planen Terroristen Anschläge? 3.3 Taktische Regeln 3.3.1 Einsatzmeldung 3.3.2 Führungsorganisation 3.3.3 Sicherheit an der Einsatzstelle und Raumordnung 3.3.4 Triage und Sichtung 3.3.5 Entwaffnung 3.3.6 Einsatztaktik 3.3.7 Verletztenversorgung 3.3.8 Notaufnahmen

98 102 106 109 110

111 111 112 113 115 121

3.4 Sicherung von Schusswaffen

122

3.5 Vorgehen bei Unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen

129

3.4.1 Reichweiten von Schusswaffen 3.4.2 Kontrolle herumliegender Waffen 3.5.1 Rettungseinsatz nach einem ­Sprengstoffanschlag 3.5.2 »Schmutzige Bomben«

4 Abwehr von aggressiven Personen

4.1 Rechtliche Grundlagen der Eigensicherung 4.2 Deeskalationsstrategien 4.3 Verteidigungszonen 4.4 Abwehr von Halte- und Würgegriffen 4.5 Angriffe durch mehrere Personen 6

90 94

122 125

130 133

135

136 138 140 142 149


˘ Inhalt

4.6 Verteidigung am Boden 4.7 Abwehr von Messern, Schusswaffen und ­gefährlichen Gegenständen 4.8 Hilfsmittel zur Verteidigung 4.9 Einfluss von Rauschmitteln

151

5 Zusammenfassung

157

Anhang

159

Literatur Abbildungsnachweis Die Autoren Danksagung Auf einen Blick

Planung und Vorbereitung

” Analyse gefährlicher Einsätze ” Rettungsdienstbereich ” Leitstelle – Alarmierung

153 155 156

159 161 162 163 164 164

164 164 165

Einsatzort

165

Umgang mit Anwesenden

169

Verhalten bei besonderen Lagen

173

” Anfahrt ” Einsatzfahrzeug ” Lageeinschätzung ” Gesamtsituation erfassen und bewerten ” Kommunikation und Arbeit im Team ” Verhalten vor dem Gebäude ” Betreten von Gebäuden und Wohnräumen ” Deeskalierende Kommunikation ” Annäherung an den Patienten ” Untersuchung des Patienten ” Opferrolle verhindern ” Eskalierende Situation ” Grundsätzlich ” Schusswaffen ” Amoklauf ” Sprengfallen ” »Schmutzige Bomben«

165 166 166 166 167 167 168 169 170 170 171 172 173 173 174 175 175 7



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Grundlagen zur taktischen Eigensicherung

Zunehmende Aggressionen und Übergriffe gegen Rettungskräfte bei alltäglichen Einsätzen, steigende Terrorgefahr, Amok­läufe und vielfältige Konzepte, um auf derartige Gefahren zu reagieren, haben in der jüngsten Vergangenheit den deutschen Rettungsdienst, die Feuerwehr sowie die Polizei und andere Sicherheitsbehörden grundlegend bewegt und zu diversen Maßnahmenpaketen motiviert. Stellenweise könnte man sogar mit Blick auf die Aussagen einiger Politiker kritisch von »blindem Aktionismus« sprechen. Erfahrungen, Beobachtungen und viele Gespräche haben die Autoren dazu bewegt, dieses Handbuch aus der Praxis für die Praxis zu verfassen. Wo steht der Rettungsdienst aktuell? Die meisten Angriffe gegen das Rettungsfachpersonal finden im Alltag statt, nicht im Rahmen von polizeilichen Sonderlagen. Dass diese Anzahl steigt, ist erwiesen und es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die verbalen und tätlichen Übergriffe künftig rückläufig sein werden. Deeskalation, Selbstverteidigung und Schutzwesten für das Rettungsfachpersonal sind allerdings nur begrenzt wirksam. Bei der durch die gestiegene Terrorgefahr dringend gebotenen Notwendigkeit, dass sich der zivile Rettungsdienst intensiver mit Maßnahmen der taktischen Medizin auseinandersetzen muss als bisher, sollte allerdings nicht vergessen werden, dass Einsatzlagen, in denen eine taktische Verletztenversorgung stattfindet, mit erheblichen Risiken und Gefahren für die Rettungskräfte verbunden sind. Aus diesem Grund ist es im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig, nicht nur die Maßnahmen der taktischen Medizin zu kennen und umzusetzen, sondern auch die der taktischen Eigensicherung. Dieses Buch setzt konsequenterweise beim ersten Schritt an: dem Betreten der Einsatzstelle, der Wahrnehmung der 11


1 ˘ Grundlagen zur taktischen Eigensicherung

1.1 Gewalt gegen Rettungskräfte Gewalt gegen Rettungskräfte ist, z. B. im Gegensatz zu den USA, eine noch vergleichsweise junge Erscheinung in Deutschland. Zum Vergleich: Schon in den 1970er und 1980er Jahren machten sich in US-amerikanischen Großstädten Jugendgangs einen »Spaß« daraus, Feuerwehr und Rettungsdienst zu alarmieren, um diese dann bei deren Eintreffen zu attackieren, was sogar bis zum Einsatz von Schusswaffen reichte. Auch heute ist der Rettungsdienstalltag in zahlreichen Regionen der USA aufgrund der vielen legalen und illegalen Schusswaffen wesentlich gefährlicher als in der Bundesrepublik. Dieser Vergleich wäre allerdings ein schlechter Ratgeber, um sich hierzulande völlig sicher im Dienst fühlen zu dürfen. Auch in Deutschland hat die verbale und körperliche Gewalt gegen Rettungskräfte nachweislich zugenommen. Einzig der Einsatz von Schusswaffen ist – glücklicherweise – noch auf einem niedrigen Niveau.

1.1.1 Studien über Gewalt gegen Rettungskräfte Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren damit begonnen, systematisch Daten über Übergriffe gegen das Rettungsfachpersonal zu erfassen und auszuwerten. Mit Stand der Drucklegung dieses Handbuches existieren drei größere Untersuchungen zum Thema »Gewalt im Rettungsdienst«. Zwei Studien wurden durch die Ruhr-Universität Bochum in den Jahren 2012 und 2017 mit 858 bzw. 810 Befragten durchgeführt, eine weitere durch das Kriminologische Seminar der juristischen Fakultät der Universität Bonn im Jahr 2014, bei der 1 659 Rettungsdienstmitarbeiter befragt wurden. Zur Begriffsdefinition »gewalttätiger Übergriff« wurden folgende Merkmale in den Studien berücksichtigt: ˘ Anspucken, ˘ Abwehr der Hilfeleistung (wegschubsen, an den Haaren ziehen), 14


1 ˘ Grundlagen zur taktischen Eigensicherung

˘ Bedrohung mit Waffen, ˘ Körperverletzung gem. § 223 Strafgesetzbuch. § 223 StGB Körperverletzung (1) Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Der Versuch ist strafbar.

§ 224 StGB Gefährliche Körperverletzung (1) Wer die Körperverletzung 1. durch Beibringung von Gift oder anderen gesundheitsschädlichen Stoffen, 2. mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs, 3. mittels eines hinterlistigen Überfalls, 4. mit einem anderen Beteiligten gemeinschaftlich oder 5. mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung begeht, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. (2) Der Versuch ist strafbar.

Die Ergebnisse der Studien vermitteln ein umfangreiches Bild über die Täter und die Art und Weise der stattgefundenen Angriffe im alltäglichen Dienst, nicht erfasst sind Sonderlagen wie Amok und Terror. Diese sehr detaillierten Erkenntnisse ermöglichen wiederum wichtige Hinweise für die praktische Umsetzung von Eigensicherungsmaßnahmen, aber auch für das Einsatztraining mit Bezug auf bedrohliche Lagen. Die zentralen Aussagen der ersten Bochumer Studie sind nachfolgend zusammengefasst. Örtlichkeiten von Übergriffen Die Übergriffe verteilen sich relativ gleichmäßig auf den öffentlichen Raum (49 %) und den privaten Bereich, zum Beispiel Wohnungen (45 %). Lediglich im gewerblichen Bereich 15


1 ˘ Grundlagen zur taktischen Eigensicherung

1.3 Warum Helfer zu Opfern werden Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema »Gewalt gegen das Rettungsfachpersonal« stellt sich zwangsläufig die Frage, warum manche Kollegen – zum Teil sogar mehrfach – angegriffen werden und andere wiederum selbst in äußerst gewalttätigen Situationen nicht? Entscheidet hierüber der Zufall oder ist schlichtweg Glück im Spiel? Hauptsächlich in den USA, aber auch in Deutschland hat die Polizei Hunderte Fälle von Angriffen gegen Polizei­beamte genauer analysiert, indem sie mit den überlebenden Polizisten und insbesondere auch mit den Tätern sprach und das Geschehene analysierte. Die Ergebnisse dieser Befragungen sind für das Rettungsfachpersonal äußerst informativ und hilfreich, denn viele Kriterien, die über einen Angriff gegen Polizisten entscheiden, treffen auch auf das Personal im Rettungsdienst zu. Ähnlich wie in den deutschen Studien zur Gewalt gegen Rettungskräfte gaben interessanterweise fast die Hälfte aller betroffenen Polizisten bei der Befragung an, vom Angriff völlig überrascht worden zu sein. Das mag zunächst

Abb. 6 ˘ Aufmerksamkeit und eine »starke« Körpersprache signalisieren dem Angreifer hohe Abwehrbereitschaft. 30


1 ˘ Grundlagen zur taktischen Eigensicherung

schwer nachvollziehbar klingen, sind Polizeikräfte doch eigentlich viel besser auf gewalttätige Übergriffe vorbereitet als der Rettungsdienst. Es zeigt sich aber, dass die beste Ausbildung nichts nutzt, wenn sie nicht umgesetzt wird. Denn höchst aufschlussreich waren die Befragungen der Täter, warum diese sich für einen Angriff entschieden und einen ganz bestimmten Beamten gezielt als Opfer ausgewählt hatten. Die Antwort war sinngemäß in den meisten Fällen wie folgt: »Dieser Beamte erschien mir als ein leichtes Opfer. Ich hatte das sichere Gefühl, dass mein Angriff erfolgreich sein würde.« Die angegriffenen und leider auch nicht selten getöteten Polizeibeamten vermittelten dem Täter also das Bild eines höchstwahrscheinlich unterlegenen Gegners. In den meisten Fällen wurden vom Täter sehr schnell Anzeichen von Unachtsamkeit und Unsicherheit beim Beamten registriert. Ein Zurückweichen oder gar Zugeständnisse an den Täter wurden als eindeutige Zeichen von Schwäche ausgelegt und entsprechend durch den Täter bestraft. In einigen Fällen wurden die Polizeibeamten durch die anfängliche Freundlichkeit des Täters getäuscht, die auf die Art in eine erfolgsversprechende Angriffsdistanz gelangen wollten. Aus den vielen Befragungen geht somit eindeutig hervor, dass die meisten Angriffe keineswegs auf dem Zufalls­ prinzip basieren, sondern in erster Linie durch das Verhalten des potenziellen Opfers initiiert werden. Grenzen dieser Feststellung dürften im Rahmen von Massenschlägereien oder gezielten Hinterhalten liegen, wo Täter schlichtweg den ersten Uniformträger attackieren, der ihnen begegnet. Es geht im Wesentlichen also zunächst bei einem Großteil kritischer Einsätze darum, den Eindruck eines »leichten« Opfers zu vermeiden. Als Basis für die in Kapitel 2 noch ausführlich dargestellten Eigensicherungstechniken gelten drei grundlegende Verhaltensweisen im Einsatz: 1. selbstsicheres Auftreten, d. h. aufrechte Körperhaltung sowie deutliche Artikulation, 31


1 ˘ Grundlagen zur taktischen Eigensicherung

2. aufmerksames Beobachten des Umfelds und aller Beteiligten, 3. Distanzwahrung (d. h. mindestens eine Armlänge Abstand) und taktische Positionierung.

1.4 Eskalationsstufen Tätliche Übergriffe ereignen sich meist nicht durch Zufall (s. o.). Das Rettungsfachpersonal kann durchaus anhand einiger Indikatoren eine mögliche Eskalation bereits im Vorfeld erkennen und auf diese frühzeitig reagieren. Wenn Personen erkennbar psychisch auffällig oder alkoholisiert sind bzw. unter Drogeneinfluss stehen, gilt von Beginn an immer (!) eine erhöhte Vorsicht. Die Kommunikation mit diesem Personenkreis sollte nur von einem Mitglied des Rettungsteams geführt werden, um den Betroffenen kognitiv nicht zu überfordern und um den Eindruck einer Bedrohung zu vermeiden. Schuldvorwürfe und respektlose Anreden (»Du«-Form) sind strikt zu unterlassen, da diese provozieren und zu einer niedrigeren Hemmschwelle beitragen. Zu diesem kritischen Personenkreis kommen Einsätze hinzu, die im Verlauf zu eskalieren drohen, oder das Rettungs-

körperlicher Angriff Beleidigungen

Körperkontakt

Distanzverletzung

Abb. 7 ˘ Eskalationsstufen 32


2 ˘ Eigensicherung im Rettungsdienstalltag

2.4 Abstellen und Schutz von Einsatzfahrzeugen Bereits bei der Ankunft an der Einsatzstelle sollte das Rettungsfachpersonal die Grundregeln des einsatztaktischen Parkens berücksichtigen, um nötigenfalls das Fahrzeug (und sich selbst) schnell in Sicherheit bringen zu können. Leider kann man im Alltag immer wieder beobachten, dass Rettungsfahrzeuge zugeparkt werden oder zu wenig

Abb. 18 ˘ Einsatztaktisch falsch geparkter RTW: Es besteht keine Ausweichmöglichkeit.

Abb. 19 ˘ In Fluchtrichtung korrekt abgestellter RTW: Auch das Rolltor kann nicht mehr schließen. 63


2 ˘ Eigensicherung im Rettungsdienstalltag

2.5 Annäherung an ein Gebäude Nachdem der Einsatzort erreicht und das Einsatzfahrzeug in Fluchtrichtung abgestellt wurde, beginnt die Phase der Annäherung an das Gebäude, in dem sich der Hilfesuchende bzw. Patient befindet. Generell sollte bei der Annäherung an ein Gebäude eine erhöhte Aufmerksamkeit gelten, denn in dieser Phase ist es nicht nur wichtig, den Eingang und den Weg zum Patienten zu finden, sondern auch eventuelle Gefahren frühzeitig zu erkennen. Dies gilt insbesondere dann, wenn bereits Hinweise bezüglich möglicher (körperlicher) Konfrontationen existieren oder Hunde vor Ort sein könnten (Zwinger, Warnschilder oder Hundegebell). Ist dies der Fall, muss der Hundehalter angewiesen werden, das Tier anzuleinen oder sicher wegzusperren. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten Häuser/Räume nicht betreten, sondern an der

Abb. 27 ˘ Taktische Positionierung eines RTW-Teams vor einer Haustür: Der Abstand beträgt rund drei Meter und die Ausrüstung ist sinnvoll verteilt.

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2 ˘ Eigensicherung im Rettungsdienstalltag

Abb. 28 ˘ Taktisches Vorgehen am Gebäude: Möglichst eng an der Hauswand gehen, der vordere Retter behält die Tür im Blick, der zweite Retter kontrolliert die Fenster oben. Tür gewartet werden, sodass diese im Ernstfall zugezogen werden kann. Wie wichtig eine vorsichtige Annäherung an ein Objekt im Rahmen einer Bedrohungslage ist, zeigt der besonders tragische Fall eines freiwilligen Retters in Österreich, der 2013 von einem Amokläufer mit einer Jagdwaffe gezielt in seinem Fahrzeug erschossen wurde, als er als erste eintreffende Einsatzkraft auf das Anwesen des Täters fahren wollte (obwohl einschlägige Warnungen existierten!). Ob innerhalb oder außerhalb eines Gebäudes: Der Abstand zwischen den Rettungskräften sollte nach Möglichkeit ca. 3 – 5 m betragen, um im Fall einer Bedrohung nicht sofort beide Helfer einer Gefahr auszusetzen. Falls möglich, sollte sich das Team eng entlang an der Gebäudewand bewegen, da diese Schutz bietet. Auch die mögliche Wahrnehmung spielt bei der Annäherung eine große Rolle. Getreu dem Grundsatz »Wenn ich die Gefahr sehe, kann sie mich auch sehen.« bedeutet dies im Umkehrschluss: Je näher an einer Hauswand entlanggegangen

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2 ˘ Eigensicherung im Rettungsdienstalltag

wird, desto schwieriger wird es, dies insbesondere aus den oberen Stockwerken heraus zu bemerken. Dies ist besonders deshalb zu beachten, da Gegenstände auf das Rettungsfachpersonal herabgeworfen werden könnten. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn um Ecken herumgegangen werden muss, da sich bei Ecken das Sichtfeld sehr vermindert. Damit verringert sich die eigene Reaktionszeit bei auftretenden Gefahren. Eine Möglichkeit, dies zu umgehen, ist, um Ecken herum in einem größeren Bogen zu gehen, der das Sichtfeld erweitert. Merke ˘ Am Einsatzort gilt eine erhöhte Aufmerksamkeit, das Umfeld muss ständig beobachtet werden. ˘ 3 – 5 m Abstand zueinander halten.

˘ Möglichst dicht an der Hauswand entlanggehen.

˘ Um Ecken in einem größeren Bogen gehen, um das Sichtfeld zu erweitern.

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3 ˘ Amok- und Terrorlagen

3.5 Vorgehen bei Unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen Der jeweilige Radius der drei taktischen Zonen sicher, teilsicher und unsicher (Tab. 2 und Abb. 46) definiert sich u. a. durch die täterseitig eingesetzten Schusswaffen (s. Kap. 3.4.1), aber auch mögliche Sprengmittel bilden einen enorm wichtigen Einfluss auf die Zonenradien. Neben der Polizei muss auch das Rettungsfachpersonal um die ungefähren Wirkungsradien von Sprengmitteln wissen, insbesondere wenn verdächtige Gegenstände und Fahrzeuge (womöglich im Halteverbot abgestellt) identifiziert worden sind. Erfahrungsgemäß werden die Sicherheitsabstände häufig zu gering gewählt, wodurch alle Einsatzkräfte einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Definierte Gefahrenbereiche müssen bei Verdacht auf Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen (USBV) sofort verlassen bzw. dürfen nicht mehr betreten werden. Die in Tabelle 3 dargestellten Angaben der Radien von Sprengmittelwirkungen sind als Richtwerte zu verstehen. Tab. 3: Übersicht zu Sprengmittelwirkungen Gegenstand

Briefbombe Rohrbombe Sprengstoffgürtel Sprengstoffweste Paketbombe Pkw – Limousine Pkw – Kombi Kleintransporter kleiner Lkw mittlerer Lkw großer Lkw

Menge

0,05 - 0,5 kg 2,5 kg 5 kg 10 kg 25 kg 230 kg 450 kg 1 800 kg 4 500 kg 13 500 kg 27 000 kg

Wirkbereich Innerer Äußerer der tödlichen Absperrkreis Absperrkreis Druckwelle /  (mindeBlast stens) 0 - 0,5 m 6m 10 m 12 m 15 m 30 m 40 m 60 m 100 m

15 m 35 m 40 m 45 m 55 m 500 m 550 m 900 m 1 200 m

50 m 350 m 400 m 450 m 500 m 550 m 600 m 900 m 1 200 m

150 m 200 m

2 000 m 2 200 m

2 000 m 2 200 m 129


3 ˘ Amok- und Terrorlagen

3.5.1 Rettungseinsatz nach einem Sprengstoffanschlag

Die Verletzungen der Patienten nach einem Sprengstoff­ anschlag sind medizinisch und dadurch zeitlich äußerst kritisch. Während eine »normale« Unfallstelle abge­sichert wird, um die Verletzten zu versorgen, müssen die Verletzten eines Terroranschlages, sofern dies zunächst überhaupt möglich ist, schnellstmöglich aus der Gefahrenzone in Sicherheit gebracht und einer chirurgischen Intervention zugeführt werden. Immer wieder, so zum Beispiel nach den Anschlägen in Boston 2013 oder Paris 2015, werden nach einer ersten Detonation beim Absuchen des Anschlagsortes weitere, nicht gezündete Sprengsätze gefunden. Die Gefahr eines sogenannten »Second hit«, d. h. eines Folgeanschlages mit dem Ziel, Rettungskräfte zu töten oder zu verletzen, ist sehr groß und in Kriegsgebieten eine »bewährte« Taktik, die Terroristen bestens vertraut ist. Aus diesem Grund sollten vor allem die medizinischen Retter und Feuerwehren höchste Vorsicht walten lassen, wenn sie zum Ort eines Terroranschlages gerufen werden. Solange die Örtlichkeit nicht vollständig nach USBV abgesucht und als sicher eingestuft wurde, muss bei einem

Abb. 62 ˘ USBV-Bau in Syrien: 40 kg Sprengstoff in einem Stahlzylinder 130


4 ˘ Abwehr von aggressiven Personen

4.5 Angriffe durch mehrere Personen Eine Sondersituation stellt der Angriff durch mehrere Personen dar. Die Chancen, unverletzt aus einer derartigen Situation zu gelangen, sind insbesondere für Ungeübte leider nur sehr gering. Daher sollten Sie in jedem Fall ver­ suchen, sich frühzeitig zurückziehen und bei einsetzenden Attacken wegzurennen. Dies gilt im Übrigen auch für trainierte Kampfsportler, denn auch diese können sich kaum gegen eine Übermacht durchsetzen. Im Rettungsdienst sind zwei Angriffssituationen wahrscheinlich: Ein Angriff erfolgt entweder gegen einen einzelnen Retter oder gegen das gesamte Rettungsteam. Das grundlegende Problem bei beiden Szenarien ist, dass mehrere Angreifer aus verschiedenen Richtungen angreifen können. Speziell Angriffe von hinten sind gefährlich, da

Abb. 81 ˘ Positionieren Sie sich im Team so, dass Sie eine gute Rundumsicht haben (360°-Buddy-Prinzip), Rücken an Rücken zueinanderstehen und alle Um­stehenden sehen. 149


4 ˘ Abwehr von aggressiven Personen

diese unbemerkt erfolgen und das Risiko beinhalten, zu Boden gebracht zu werden. Auf die Besonderheiten der Verteidigung am Boden wird in Kapitel 4.6 gesondert eingegangen. Sind Sie alleine, sollte Ihr Hauptaugenmerk darauf liegen, eine Position einzunehmen, die Angriffsmöglichkeiten von hinten verhindert oder zumindest minimiert. Dies können Sie zum Beispiel dadurch erreichen, indem Sie sich mit etwas Abstand (1 – 1,5 m) rücklings zu einer Wand positionieren. Vermeiden Sie aber unter allen Umständen, in eine Ecke gedrängt zu werden, da die Fluchtmöglichkeiten hieraus sehr eingeschränkt sind. Sind Sie zu zweit oder noch mehr Helfer, dann positionieren Sie sich Rücken an Rücken (Abb. 81), um eine Abwehr in alle Richtungen zu gewährleisten (s. auch Kap. 2.3). Merke Ihre Verteidigungsstrategie liegt bei Gruppenangriffen primär darin, sich einen Fluchtweg freizukämpfen. Gelingt dies nicht, sollten Sie versuchen, sich lange auf beiden Beinen stehend zu halten.

150


4 ˘ Abwehr von aggressiven Personen

4.6 Verteidigung am Boden Für im Zweikampf unerfahrene Personen ist die Wahr­ scheinlichkeit sehr hoch, dass sie in einer Auseinanderset­ zung zu Boden gehen werden. Das Dilemma ist in einer sol­ chen Position gleich doppelt groß, denn der Bodenkampf gilt im Kampfsport als die komplizierteste Disziplin, zudem sind die Verletzungsrisiken hier sehr hoch. Handelt es sich nur um einen Angreifer, kann versucht werden, diesen aus der Rückenposition mit Tritten fernzu­ halten oder ihn durch gezielte Aktionen aus dem Gleich­ gewicht und zu Fall zu bringen. Dies lässt sich zum Beispiel durch seitliche Tritte gegen die Knöchelregion oder das Knie erreichen. Treten Sie möglichst gegen das Standbein des Angreifers. Gelingt dies nicht oder handelt es sich um mehrere Angreifer, sollte eine Schutzposition eingenommen werden,

Abb. 82 ˘ Setzen Sie die Beine ein, um den Gegner auf Distanz zu halten. 151


˘ Anhang

Auf einen Blick Planung und Vorbereitung Analyse gefährlicher Einsätze ˘ Informieren Sie sich über Einsätze, bei denen das Rettungsfachpersonal bedroht und unter Umständen sogar verletzt wurde, und versuchen Sie, die Fälle zu analysieren. ˘ Analysieren Sie Terroranschläge im In- und Ausland hinsichtlich des Ablaufs und des Vorgehens der Täter. ˘ Analysieren Sie, wie der Rettungsdienst derartige Lagen abgearbeitet hat. Rettungsdienstbereich Welche taktischen Aspekte und Vorbereitungen kann der Rettungsdienst konkret für mögliche Terroranschläge berücksichtigen? ˘ Registrieren Sie Sehenswürdigkeiten in Ihrer Stadt, die symbolische Ziele (politisch/religiös) für Anschläge bilden könnten (z. B. Kirchen, jüdische Einrichtungen, Botschaften/Konsulate usw.). Hinterlegen Sie Adressen dieser besonderen Örtlichkeiten entsprechend in der Leitstelle, damit bei Zwischenfällen sofort die Sensibilität des Objekts erkannt wird und Rettungskräfte vorgewarnt werden können. ˘ Identifizieren Sie wichtige Infrastrukturanlagen in Ihrer Stadt (öffentlicher Personenverkehr, Energieund Wasserwerke usw.). Beziehen Sie diese in theoretische und praktische Übungen ein. ˘ Bedenken Sie, dass Terroristen möglichst hohe Opferzahlen erzeugen wollen. Dies bedeutet nicht unbedingt Todesopfer. Vielmehr sind schwer Verletzte in der Rationalität der Terroristen dauerhaft ein besseres »Propagandamittel«. Ist Ihre Logis164


˘ Anhang

tik auf eine Vielzahl von Schuss- und Sprengstoff­ opfern ausgerichtet und das Personal entsprechend geschult? ˘ Gehen Sie davon aus, dass Terroristen versuchen werden, multiple Anschläge in kurzer Zeit umzusetzen, um maximale Angst in der Bevölkerung zu erzeugen. Planen Sie daher, dass sich die Bedrohungslage unter Umständen über mehrere Tage erstrecken kann (z. B. geschehen bei den Anschlägen in London oder Brüssel). Spielen Sie Szenarien für den Regelrettungsdienst durch, ob und wie dieser organisiert werden könnte. Leitstelle – Alarmierung ˘ Führen Sie in Ihrer Leitstelle eine Gefährdungs­ matrix ein, die sensible Orte mit einschlägigen Einsatzarten verknüpft und Warnungen herausgibt. ˘ Gehen Sie im Zweifelsfall zunächst immer von einem Anschlag aus und halten Sie Rettungskräfte solange zurück, bis die Polizei die Lage geklärt hat. ˘ Führen Sie nur so viele Einsatzkräfte wie nötig zur Einsatzstelle und halten Sie deren Verweildauer so kurz als möglich (»Clear the scene«). ˘ Rechnen Sie mit Zweitanschlägen (»Second hit«).

Einsatzort Anfahrt ˘ Bereits ab dem Zeitpunkt der Alarmierung gilt eine erhöhte Wachsamkeit. ˘ Beachten Sie besondere Einsatzstichworte/Hinweise durch die Leitstelle. ˘ Beachten Sie, ob Sie in Gegenden fahren, in denen es öfter gefährliche Einsätze für Rettungskräfte gab. ˘ Achten Sie auf auffällige Fahrzeuge und Personen, die sich vom Einsatzort entfernen. 165


zen, Sicherungsmaßnahmen für Ihr Team durchzuführen und sich so zu verhalten, dass Situationen nicht eskalieren. Speziell wird auf den Umgang mit aggressiven Patienten eingegangen und wie Sie sich verhalten müssen, wenn Waffen am Einsatzort sind. Dabei ist immer zu beachten: Eigen­ schutz geht vor Fremdrettung. Für den Ernstfall zeigen die Au­ toren, wie Sie sich verteidigen können. Neben dem Leitfaden für ret­ tungsdienstliche »Alltagsein­ sätze« werden auch Verhaltens­ weisen für taktische Lagen er­ läutert und Konzepte der Zusam­ menarbeit zwischen den Behör­ den vorgestellt.

Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst

Viele Rettungsdienstmitarbeiter haben Einsätze erlebt, bei denen sie bedroht oder angegriffen wur­ den. Um auf solche Lagen vorbe­ reitet zu sein und nicht nur intu­ itiv, sondern bewusst richtig zu re­ agieren, beschreiben die Autoren, wie mit einfach zu erlernenden Mitteln und bewussten Handlun­ gen ein hohes Maß an Eigensiche­ rung erreicht werden kann. Nicht jeder Einsatz und Patient birgt Gefahren. Damit diese aber ausgeschlossen werden können, muss der Blick geschult sein. Da­ zu sind Hintergrundwissen zu Ge­ fahrensituationen und Täterver­ halten unabdingbar. Durch das Buch lernen Sie, die Lage am Notfallort einzuschät­

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