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Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) Praxisbuch Krisenintervention ISBN 978-3-943174-08-3 · www.skverlag.de

Psychosozoiale Notfallversorgung (PSNV) Praxisbuch Krisenintervention

L E I T FA D E N

A. Nikendei

Dieses Praxisbuch ist ein Leitfaden für die Begleitung von Menschen, die sich nach NotAlexander Nikendeinkamp fällen oder nach Unglücken in einer akuten Krise befinden. Für den schnellen Überblick vor und während der jeweiligen (Einsatz-)Situation gibt es Hinweise nach einem einheitlichen Schema: Was ist im Voraus zu beachten? Wie reagieren Betroffene? Was sollten Sie tun bzw. vermeiden? Welches Fachwissen ist hier relevant? Formu­ Alexander Nikendei, Diplomlierungshilfen unterstützen Pädagoge, Lehrrettungs­ das eigene Handeln. assistent, bildet seit Jahren Für die Begleitung und Mitarbeiter für die PsychoUnterstützung vermittelt das soziale Notfallversorgung Buch zusätzlich grundlegende aus, war Leiter eines Krisen­ Kommunikations- und Handinterventionsdienstes. lungskompetenzen.

L

Alexander Nikendei

Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) Praxisbuch Krisenintervention


Einsatzindikationen B Brandeinsatz Busfahrer (Personenschaden)

224 192

R Räumung Reanimation, erfolglose

234 152

E Einsatzkraft, belastete Ersthelfer Evakuierung

260 197 234

G Gewaltopfer häuslicher Bereich öffentlicher Bereich sexualisierte Gewalt Großschadenslage

205 203 210 241

S Schüler SIDS Suizid Suizidandrohung Suizidversuch

214 173 155 163 160 152 167 134

I Identifizierung

184

T Tod, plötzlicher natürlicher Tod von Kindern Todesnachricht bei Anwesenheit von Kindern

K Kindstod, plötzlicher

173

U Unfallverursacher

188

L Lokführer (Personenschaden)

192

V Vermisste Person

227

241

W Wohnungseinbruch

200

M MANV

147

Besondere Hinweise A Ablehnung einer Begleitung Abschiednahme vom Verstorbenen Aggression Alkoholisierte Betroffene

310

N Nottaufe

386

347 276 396

P Pressevertreter Psychiatrische Notfälle

414 400

B Behinderungen geistige körperliche

339 334

E Eigenschutz

276

H Hunde J Jugendliche

423

K Kinder Kulturelle Unterschiede

315 392

S Schaulustige Senioren Schuldgefühle bei Betroffenen Sprachliche Barrieren Störungen (Handy & Co) Suizidalität von Betroffenen T Telefonate, Angehörige vorbereiten Texte, allgemeine und geistliche Todesarten (Folgen)

315

M Medikamente zur Beruhigung 388 Mündliche Aufklärung über Reaktionen auf Belastungen 286

R Religiöse Bräuche/Traditionen 356 408 331 296 392 418 301 291 370 341


Einführung und Hinweise für den Leser ˘ Seite 11

1

Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) ˘ Seite 23

2

Krisensituationen und ihre Folgen ˘ Seite 43

3

Kommunikation und Handlungskompetenz im Einsatz ˘ Seite 65

4

PSNV in der Praxis ˘ Seite 117

5

Praxistipps für bestimmte Situationen in Einsätzen ˘ Seite 275

6

Selbstfürsorge der PSNV-Mitarbeiter ˘ Seite 431

7

Informatives und Raum für e ­ igene Notizen ˘ Seite 459

8


Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) Praxisbuch Krisenintervention

Alexander Nikendei mit einem Geleitwort von

Peter Zehentner

Verlagsgesellschaft Stumpf + Kossendey mbH Edewecht, 2012


Anmerkungen des Verlages Autor und Verlag haben höchste Sorg­falt hinsichtlich der Angaben von Richtlinien und Empfehlungen aufgewendet. Nachdem gesetzliche Bestimmungen und wissenschaftlich begründete Empfehlungen einer ständigen Veränderung unterworfen sind, ist der Benutzer aufgefordert, die aktuell gültigen Richtlinien anhand der Literatur und der Beipackzettel zu überprüfen und sich entsprechend zu verhalten. Die Angaben von Handelsnamen, Warenbezeichnungen etc. ohne die besondere Kennzeichnung ® bedeuten keinesfalls, dass diese im Sinne des Gesetzgebers als frei anzusehen wären und entsprechend benutzt werden könnten. Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, der Entnahme von Abbildungen oder Textteilen, vorbehalten. Auch auszugsweise Wiedergabe nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autoren und des Verlages. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über <http://www.d-nb.de> abrufbar.

© Copyright by Verlagsgesellschaft Stumpf + Kossendey mbH, Edewecht 2012 Satz: Bürger Verlag GmbH & Co. KG Umschlagfoto: Oscar Schmid-Schwämmle Druck: M  .P. Media-Print Informationstechnologie GmbH, 33100 Paderborn isbn 978-3-943174-08-3


˘ Inhalt

Geleitwort

6

1

Einführung und Hinweise für den Leser 1.1 Zielgruppen und Einführung 1.2 Zum Buch 1.3 Über die verwendeten Begrifflichkeiten des Buches

11 11 15 17

2

Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) 2.1 Was ist PSNV? 2.2 Gesamtstruktur der PSNV 2.3 PSNV-Maßnahmen: vor und nach einem Unglück 2.4 Ziele der PSNV 2.5 Einführung des Begriffs Krisenintervention 2.6 Zielgruppen der PSNV: (1) Überlebende, Angehörige, Hinterbliebene, Zeugen, Ersthelfer und Vermissende und (2) Einsatzkräfte 2.7 Qualitätsstandards in der PSNV 2.8 Rechtsgrundlagen

23 23 24 25 27 30

Krisensituationen und ihre Folgen 3.1 Hintergrundwissen zum Thema Krise 3.2 Krise als Bedrohung für die psychische und physische Gesundheit – Konsequenzen für die Praxis der Krisenintervention 3.3 Mögliche Folgen einer Krise: akute Reaktionen auf belastende Ereignisse und Posttraumatische Belastungsstörung

43 43

Kommunikation und Handlungskompetenz im Einsatz 4.1 Gesprächsführung im Einsatz 4.2 Effektiv handeln mit dem PSNV-3-Satz 4.3 Bestimmte Gesprächssituationen und hilfreiche Formulierungen 4.4 Zusammenarbeit des Teams im Einsatz 4.5 Als Team mit anderen kooperieren und zusammenarbeiten

65 65 78

3

4

31 36 40

50 54

89 101 110 3


˘ Inhalt

5 6

4

PSNV in der Praxis 5.1 Einsatzplanung und Einsatzübernahme am Einsatzort 5.2 Hilfreiche Ausrüstungsmaterialien für den Einsatz 5.3 Fünf Phasen eines Einsatzes 5.4 Fachliches Handeln bei bestimmten Einsatzindikationen 5.5 Dokumentation von Einsätzen

117

Praxistipps für bestimmte Situationen in Einsätzen 6.1 Vorbemerkung 6.2 Eigenschutz und Umgang mit Aggression 6.3 Mündliche Aufklärung über die akuten Reaktionen auf belastende Ereignisse 6.4 Vorbereitung Betroffener auf Telefonate 6.5 Schuldgefühle bei Betroffenen 6.6 Suizidalität von Betroffenen 6.7 Ablehnung einer Begleitung durch Betroffene 6.8 Begleitung von Kindern und Jugendlichen 6.9 Begleitung von Senioren 6.10 Begleitung von Menschen mit körperlicher Einschränkung 6.11 Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung 6.12 Unterschiedliche Todesarten und deren Folgen für Leichnam, Betroffene und die PSNV 6.13 Vorbereitung und Durchführung der Abschiednahme vom Verstorbenen 6.14 Bräuche und Traditionen verschiedener Religionen im Kontext von Tod und Trauer 6.15 Hilfreiche Texte, geistliche H ­ ilfestellungen, Nottaufe 6.16 Medikamente zur Beruhigung 6.17 Sprachliche Barrieren und kulturelle Unterschiede 6.18 Alkoholisierte Betroffene

275 275 276

117 125 128 133 268

286 291 296 301 310 315 331 334 339 341 347 356 370 388 392 396


˘ Inhalt

7 8

6.19 6.20 6.21 6.22 6.23

Psychiatrische Notfälle Schaulustige und der Non-helping-bystander-effect Umgang mit Pressevertretern Störungen durch Handy, Smartphone & Co Anwesende Hunde

400

Selbstfürsorge der PSNV-Mitarbeiter 7.1 Vorbemerkung 7.2 Hilfreiche Rahmenbedingungen für die Selbstfürsorge 7.3 Einsatznachbesprechungen im Team direkt nach dem Einsatz und Anfertigung des Einsatzprotokolls 7.4 Rückmeldungen von Betroffenen e ­ inholen 7.5 Hilfen für die eigene Person und das Team bei anhaltenden Belastungen 7.6 Supervision 7.7 Individuelle Möglichkeiten der Entlas­tung und Erholung

431 431

Informatives und Raum für ­eigene Notizen 8.1 PSNV-Glossar – Abkürzungsverzeichnis und Definitionen wichtiger Begriffe 8.2 Weiterführende Hilfen 8.3 Information und Kontakt zum Autor 8.4 Literatur 8.5 Checkliste zur Einsatzplanung (Kapitel 5.1.3 kompakt) 8.6 Raum für eigene Notizen

459

Index

408 414 418 423

434 437 440 443 447 450

459 470 474 476 491 494 497

5


5.3 ˘ PSNV in der Praxis: Fünf Phasen eines Einsatzes

5.3

Fünf Phasen eines Einsatzes

Ein Einsatz hat eine Struktur, die in fünf Phasen aufgeteilt werden kann. Phase der Vorbereitung  Phase der Kontaktaufnahme  Phase der Orientierung für Betroffene  Phase der Begleitung  Phase des Einsatzabschlusses

Abb. 5-1 ˘ Phasen eines Einsatzes

Diese fünf Phasen bieten den Mitarbeitern eine Orientierung. Zugleich können die verschiedenen Phasen einen Teil der Qualitätskriterien der Arbeit definieren (vgl. Daschner 2003, S. 45; s.a. Kap. 2.7 Qualitätsstandards in der PSNV). Die Phasen bilden den idealtypischen Einsatzverlauf ab. In der Einsatzpraxis kann sich der Prozess einer Begleitung rasch ändern, zum Beispiel durch neue Informationen. Entscheidend ist letztendlich für jeden Einsatz, dass die Ziele der PSNV erreicht werden (s. Kap. 2.4 Ziele der PSNV). 128


5.3 ˘ PSNV in der Praxis: Fünf Phasen eines Einsatzes

Die fünf Phasen haben folgende Inhalte: Phase der Vorbereitung ˘ siehe Kap. 5.1.3 (Checkliste zur Einsatzplanung). Phase der Kontaktaufnahme ˘ sich den Betroffenen vorstellen (s. Kap. 4.1.3 Vom Anfang hängt viel ab) ˘ Angebot einer Begleitung formulieren ˘ klären, ob die Betroffenen das Angebot annehmen (s.a. Kap. 6.7 Ablehnung einer Begleitung durch Betroffene). Phase der Orientierung für Betroffene ˘ Klarheit für die Betroffenen schaffen: Was ist bisher passiert? Was passiert gerade? Was wird passieren? ˘ dem Informationsbedürfnis der Betroffenen nachkommen, um dem Empfinden des Kontrollverlustes entgegenzuwirken (s. Kap. 3.1.2 Kontrollverlust: gegensteuern durch Förderung von Eigenaktivitäten). Die Informationen lassen Betroffene das Geschehen besser einordnen und helfen bei der Verarbeitung (vgl. Lasogga/Münker-Kramer 2009, S. 40). Phase der Begleitung ˘ innere Präsenz und Aufmerksamkeit der Mitarbeiter ˘ Raum für Emotionen geben 129


5.3 ˘ PSNV in der Praxis: Fünf Phasen eines Einsatzes

˘ Entlastung ermöglichen: Gefühle der Betroffenen zulassen ˘ gemeinsam die Situation aushalten ˘ Unterstützung aus dem sozialen Umfeld der betroffenen Menschen aktivieren ˘ Bedürfnisse der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen: z.B. Abschiednahme vom Verstorbenen vorbereiten und auf Wunsch begleiten ˘ Eigene Aktivitäten der Betroffenen fördern, z.B. Kaffee kochen, wichtige Papiere heraussuchen, weitere Angehörige verständigen – somit den Betroffenen wieder Kontrolle über die Situation geben (s. Kap. 3.1.2 Kontrollverlust: gegensteuern durch Förderung von Eigenaktivitäten) ˘ Hilfe bei organisatorischen Tätigkeiten während des Einsatzes anbieten ˘ Körperliche Aktivitäten fördern: z.B. Herumlaufen im Zimmer zulassen, gemeinsamen Spaziergang anbieten ˘ Steigerung der eigenen Handlungskompetenz mit dem PSNV-3-Satz: »Ich nehme die Situation und die Betroffenen wahr. Ich nehme mich wahr. Ich nehme die Bedürfnisse meines Gegenübers wahr.« (s. Kap. 4.2 Effektiv handeln mit dem PSNV3-Satz). Phase des Einsatzabschlusses ˘ Die Begleitung war bisher eher auf Emotionen ausgerichtet. Nun tritt die sachliche, verstandesmäßige Auseinandersetzung mit der augenblick130


5.3 ˘ PSNV in der Praxis: Fünf Phasen eines Einsatzes

lichen Situation und deren Folgen in den Vordergrund. Dies wird in den folgenden Punkten deutlicher. ˘ Die Betroffenen haben die Orientierung über die gegenwärtige Situation wiedergewonnen: Sie sind sich größtenteils bewusst, was geschehen ist. ˘ Sie haben begonnen, sich mit der Situation und ihren Auswirkungen auseinanderzusetzen bzw. sind dazu in der Lage. ˘ Die Betroffenen wissen, was in den nächsten Stunden und Tagen auf sie zukommen wird bzw. haben davon eine konkrete Vorstellung. ˘ Sie können die Verantwortung für sich und ihre Entscheidungen selbstbestimmt wahrnehmen – zumindest erfahren sie eine direkte Unterstützung durch ihnen nahestehende Menschen, die selbst mit der Situation zurechtkommen (siehe folgender Punkt). ˘ Die sozialen Ressourcen (Menschen aus dem sozialen Umfeld) sind aktiviert oder bei Bedarf abrufbar und wurden bezüglich einer Unterstützung für die Betroffenen beraten. ˘ Die Betroffenen wurden ausreichend über die Akute Belastungsstörung aufgeklärt (s. Kap. 6.3 Mündliche Aufklärung über die akuten Reaktionen auf belastende Ereignisse). Um die Hemmschwelle zu senken, wurden sie auf ermutigende Weise über die Möglichkeiten informiert, sich weitere Hilfe und Unterstützung zu holen (vgl. hierzu 131


5.3 ˘ PSNV in der Praxis: Fünf Phasen eines Einsatzes

auch Nikendei 2006, S. 87 u. Kap. 2.4.2 Konkrete Ziele in der Praxis). ˘ Gegebenenfalls wurden die betroffenen Menschen bereits an weitere Hilfssysteme weitervermittelt, z.B. örtliche Seelsorger, Trauerbegleiter, Beratungsstellen.

132


5.4 ˘ PSNV in der Praxis: Einsatzindikationen

5.4

Fachliches Handeln bei bestimmten Einsatzindikationen

Die folgenden Kapitel beinhalten das Handeln bei bestimmten Einsatzindikationen. Sie haben alle die gleiche Struktur, die eine schnelle Orientierung über das Wesentliche der jeweiligen Einsatzindikation ermöglicht. Jedes Kapitel zu bestimmten Einsatzindikationen ist wie folgt gegliedert:

Da s Wi c h t i g st e i n Kü r z e Hier sind die primär notwendigen Punkte aufgelistet, die für diese Einsatzindikation unbedingt zu beachten sind.

B e t r o f f e n e kö n n e n … Bei vielen Einsatzindikationen wird unter dieser Überschrift die psychische Situation beschrieben, in der sich die Betroffenen im jeweiligen Einsatz befinden können.

H i n w e i s e f ü r d i e s e n E i n sat z Hier werden weiterführende Empfehlungen gegeben.

Ve r m e i d e n S i e … Dieser Abschnitt soll helfen, Fehler bzw. Fehlverhalten zu verhindern.

133


5.4 ˘ PSNV in der Praxis: Einsatzindikation Todesnachricht

M i ta r b e i t e r kö n n e n … Bei einigen Einsatzindikationen werden mögliche Auswirkungen auf die Psyche der Mitarbeiter benannt.

Gesonderte Hinweise für… / zu… Bei manchen Einsatzindikationen sind hier Hinweise für den Einsatz aufgelistet, die an bestimmte Zielgruppen gerichtet sind, zum Beispiel an Polizeibeamte.

Fac h l i c h e s Dieser Abschnitt liefert das wichtigste Hintergrundwissen für die jeweiligen Einsatzindikationen.

5.4.1 Überbringung einer Todesnachricht Da s Wi c h t i g st e i n Kü r z e ˘ Letzte Vergewisserung im Team: Inwieweit ist die Identität der verstorbenen Person eindeutig geklärt? Stimmt die Adresse? Sind alle Absprachen getroffen – wie z.B. wer spricht, wie lange die Polizei bleiben kann und wie die Rollen verteilt wurden? ˘ An der Tür: Sich einen guten Stand mit etwas Dis­ tanz zur Tür suchen und kurz mit Selbstinstrukti-

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5.4 ˘ PSNV in der Praxis: Einsatzindikation Todesnachricht

onen arbeiten, z.B. »Ich bleibe ernst.«, »Ich könnte lächeln.«, »Ich lächle nicht.«. ˘ Normal klingeln – kein Sturmläuten. ˘ Nach der Vorstellung des Teams: Überprüfung der Identität der Person, die die Tür öffnet: »Sind wir hier richtig bei…?« ˘ Mit ruhiger und fester Stimme sprechen: »Wir haben eine wichtige persönliche Mitteilung für Sie.« oder »Wir haben Ihnen etwas sehr Persönliches mitzuteilen.« ˘ Ziel ist das Überbringen innerhalb der Wohnung. Diese klare Absicht kommt in der Formulierung »Bitte, wir möchten gerne hereinkommen.« am besten zum Ausdruck (vgl. Kiehn/Trappe 2006, S. 144). ˘ Fragen, ob weitere Personen anwesend sind: »Ist noch jemand im Haus anwesend, den Sie hinzubitten möchten?« Ggf. das Verhältnis weiterer anwesender Personen zu den Betroffenen abklären. ˘ Unbeteiligte hinausbitten, z.B. in ein Nebenzimmer. Handlungsleitend ist jedoch der Wunsch der (Haupt-)Betroffenen. ˘ Gegebenenfalls nach den Fakten fragen, z.B. »Wollte Ihr Sohn heute Nachmittag mit dem Motorrad zum Baden an den See XY?«. ˘ Die Nachricht den Anwesenden mitteilen. Eingeleitet durch einen Satz wie: »Wir müssen Ihnen eine traurige Nachricht überbringen.«

135


5.4 ˘ PSNV in der Praxis: Einsatzindikation Unfallverursacher

5.4.10 Unfallverursacher Da s Wi c h t i g st e i n Kü r z e ˘ Unfallverursacher sollten nicht von Mitarbeitern begleitet werden, die bereits Unfallzeugen oder unverletzte Unfallopfer begleitet haben. Gegebenenfalls Mitarbeiter nachalarmieren. ˘ Sind Unfallzeugen oder unverletzte Unfallopfer zu begleiten, ist deren Begleitung Vorrang vor der Begleitung von Unfallverursachern einzuräumen. Dies gilt zumindest so lange, bis genügend Mitarbeiter verfügbar sind (vgl. auch Müller-Lange 2006b, S. 126). ˘ Deeskalative Bedingungen schaffen: wenn erforderlich, ist auf eine klare räumliche Trennung von Unfallverursachern und anderen Unfallbeteiligten zu achten. ˘ Alkoholisierte und gegebenenfalls aggressive Unfallverursacher gehören in die Obhut der Polizei. Hier ist folglich von einer Begleitung abzusehen. ˘ Vor Beginn der Begleitung von Unfallverursachern empfiehlt es sich, über verletzte Personen Informationen bezüglich der Schwere ihrer Verletzungen und eventuell über das Zielkrankenhaus einzuholen. ˘ Ebenso sollten Informationen über getötete Personen erfragt werden. Für Unfallverursacher ist es eventuell entlastend, wenn sie wissen, wann und

188


5.4 ˘ PSNV in der Praxis: Einsatzindikation Unfallverursacher

durch wen die Angehörigen verständigt und begleitet werden. ˘ Suizidgefahr bedenken und Betroffene und deren Äußerungen diesbezüglich aufmerksam beobachten (s. Kap. 6.6 Suizidalität von Betroffenen).

B e t r o f f e n e kö n n e n … ˘ fassungslos gegenüber ihrem eigenen Verhalten sein. Dies kann mit schweren Selbstvorwürfen einhergehen, die zu akzeptieren sind.

H i n w e i s e f ü r d i e s e n E i n sat z ˘ Sowohl objektive als auch nur subjektiv wahrgenommene Schuld aushalten, mögliches Fehlverhalten nicht verurteilen (s. Kap. 6.5 Schuldgefühle bei Betroffenen). Sich mit den Betroffenen darauf verständigen, anstatt von Schuld von Verantwortung zu sprechen (Lasogga/Münker-Kramer 2009, S. 147). ˘ Unter Umständen wirkt der Hinweis, dass das Geschehen sicherlich nicht beabsichtigt war, etwas entlastend. ˘ Verständnis haben, wenn betroffene Unfallverursacher den Hergang wiederholt schildern. ˘ Betroffene äußern häufig den Wunsch, möglichst schnell Kontakt zu den Unfallopfern bzw. zu deren Angehörigen aufzunehmen. Hier ist den Be-

189


5.4 ˘ PSNV in der Praxis: Einsatzindikation Unfallverursacher

troffenen zu vermitteln, dass der ungestörte Kontakt der Unfallopfer mit ihren Angehörigen Vorrang hat. Eine Kontaktaufnahme sollte erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen, z.B. durch Vermittlung der Polizei. Hilfreich und entlastend ist der Hinweis, dass auch die Angehörigen der Unfallopfer momentan durch Fachkräfte begleitet werden – sollte dies tatsächlich der Fall sein. ˘ Es können grobe Angaben über die Unfallopfer gemacht werden. Jedoch ist der Datenschutz in jedem Fall zu beachten (s.u.). ˘ Gerade bei Unfallverursachern auch daran denken, diese über die Akute Belastungsstörung aufzuklären (s. Kap. 6.3 Mündliche Aufklärung über die akuten Reaktionen auf belastende Ereignisse).

Ve r m e i d e n S i e … ˘ wertende Bemerkungen hinsichtlich der (objektiven) Schuld der Betroffenen. Die Schuldfrage wird andernorts (Polizei, Gericht) geklärt werden. Es wird hier zwar von Unfallverursachern gesprochen, jedoch nicht in einem schuldzuweisenden Sinne! ˘ Details über die Verfassung der Unfallopfer zu nennen, z.B. über die genaue Art der Verletzungen. Informationen sollten wahrheitsgemäß erfolgen, dabei aber der Datenschutz beachtet

190


5.4 ˘ PSNV in der Praxis: Einsatzindikation Unfallverursacher

werden, z.B. »Die Insassin des anderen PKW ist schwer, aber nicht lebensbedrohlich verletzt.«

M i ta r b e i t e r kö n n e n … ˘ starke Gefühle der Wut gegenüber den betroffenen Unfallverursachern entwickeln. Hier ist es für die akute eigene Entlastung hilfreich, daran zu denken, dass dieses Ereignis die Betroffenen ein Leben lang begleiten wird (vgl. Waterstraat 2003, S. 22f).

Fac h l i c h e s Betroffene Unfallverursacher haben ein großes Informationsbedürfnis. Jegliche Informationen über die Unfallopfer haben für sie große Bedeutung, da ihre Gedanken sehr stark um die Opfer des Unglücks kreisen. Im Rahmen der Möglichkeiten sollten entsprechende Informationen gegeben werden. Die Frage der Verantwortung ist bei Betroffenen differenziert zu sehen. Daher ist die Bandbreite der Verantwortung entsprechend groß und reicht beispielsweise von einem unfallverursachenden Raser bis hin zu landwirtschaftlichen Unfällen, bei denen ein Kind vom Traktor überrollt wird, oder bis hin zu einem Fahrer, dem unvermittelt ein Kind vor das Auto springt.

191


6.5 ˘ Praxistipps: Schuldgefühle bei Betroffenen

6.5

Schuldgefühle bei Betroffenen

Vorb e m e r k u n g Mitarbeiter sind oftmals in Einsätzen mit Schuldgefühlen von Betroffenen konfrontiert. Nur in wenigen Fällen, zum Beispiel bei Unfallverursachern, geht es um eine objektive Schuld. Häufiger ist ein subjektives Schuldempfinden. Meist geht es hierbei um das Gefühl, nicht genügend getan bzw. etwas versäumt zu haben, zum Beispiel frühzeitig den Notruf abgesetzt oder ausreichend auf das Kind beim Spielen aufgepasst zu haben. Für Mitarbeiter ist es nicht einfach, ein »Ich bin schuld!« auszuhalten. Schließlich sind kurzfristige Veränderungen dieser Selbstbewertung in der Regel nicht herbeizuführen. Dieses Kapitel gibt entsprechende Hilfestellungen, wie mit diesem Thema umgegangen werden kann.

Wi e kö n n e n M i ta r b e i t e r au f Sc hu l d g e f ü h l e re ag i e r e n ? ˘ Schuldgefühle nicht ausreden oder kleinreden. Ansonsten besteht die Gefahr, die Stellung als Vertrauensperson zu verlieren, da sich Betroffene nicht akzeptiert fühlen. ˘ Eine mögliche Funktion von Schuldgefühlen ist, dass sie Betroffene stabilisieren (s. Fachliches). Als Mitarbeiter ist es notwendig, sich eine innere Offenheit für diesen Gedanken zu bewahren.

296


6.5 ˘ Praxistipps: Schuldgefühle bei Betroffenen

˘ Es ist möglich, die große Belastung durch Schuldgefühle mitzutragen, wenn vorsichtig Verständnis für diese große Belastung geäußert wird und von Verantwortung statt Schuld gesprochen wird (s. Formulierungshilfe 1). Dies auch »unabhängig davon, ob objektiv Schuld vorliegt oder nicht« (Müller-Lange 2006a, S. 80). ˘ Fragen, die das Thema betreffen und die die Betroffenen (sich) stellen, sollten stehen gelassen werden, z.B. was sie vor dem Unglücksfall hätten anders machen können, um das Geschehen zu vermeiden. ˘ Den Betroffenen bei der Suche nach einem »Schuldigen« nicht behilflich sein. Stattdessen bleibt die Orientierung am Schmerz über das Unglück der Inhalt der Krisenintervention und der fürsorglichen Begleitung (s. Formulierungshilfe 1, Kap. 4.3.6 Betroffener sucht nach Schuldigen für seine Situation u. Kap. 4.2 Effektiv handeln mit dem PSNV-3-Satz). ˘ Zur Erinnerung an gute Zeiten vor Krisen und vor dem Unglück ermutigen bzw. diese fördern (s. Formulierungshilfe 2). Dies gilt insbesondere auch für anwesende Kinder (s. Kap. 6.8 Begleitung von Kindern und Jugendlichen). ˘ Kinder müssen von Schuldgefühlen entlastet bzw. darauf angesprochen werden, ob sie sich schuldig fühlen (s. ebenfalls Kap. 6.8).

297


6.5 ˘ Praxistipps: Schuldgefühle bei Betroffenen

˘ Es gilt besonders auf Suizidäußerungen, Selbstbestrafungswünsche oder Kurzschlussreaktionen zu achten (s. Kap. 6.6 Suizidalität von Betroffenen).

Formu l i e r u n g s h i l f e n 1

»Sie fühlen sich mit verantwortlich für das, was geschehen ist. Das ist sehr belastend. Und es ist vor allem sehr schmerzhaft, dass Sie Ihre Tochter verloren haben.«

2

»Möchten Sie mir erzählen, was Sie beide gemeinsam miteinander genießen konnten?«

Begr i f f l i c h k e i t e n Grundsätzlich kann in objektive (juristische) Schuld und subjektives Schuldempfinden unterschieden werden. Eine tatsächlich objektiv bestehende (juristische) Schuld kann Schuld­empfinden auslösen, zum Beispiel bei einem Unfallverursacher. Ein subjektives Schuldgefühl kann sich auch ohne eine gegebene objektive Schuld entwickeln, zum Beispiel bei Eltern nach Plötzlichem Kindstod oder bei Hinterbliebenen nach Suizid. Daher wird hier nur von Schuldgefühlen bzw. Schuldempfindungen gesprochen. Dies geschieht unabhängig davon, ob dem Schuldempfinden eine objektive Schuld zugrunde liegt oder nicht. Für die Begleitung ist diese Differenzierung jedenfalls nicht von großer Relevanz.

298


6.5 ˘ Praxistipps: Schuldgefühle bei Betroffenen

Fac h l i c h e s Schuld ist eine Wertung, ein Gedanke und erst einmal kein Gefühl (vgl. Paul 2006, S. 77). Die Schuldgefühle selbst entwickeln sich infolge der subjektiven Schlussfolgerungen: »Ich bin schuld!«. Das heißt, der Betroffene bewertet gedanklich sein Verhalten als schuldhaft und verurteilt sich dafür. Schuldgefühle haben mehrere Funktionen, die gegebenenfalls (sehr) lange über die Akutsituation hinaus anhalten: Die Ohnmachtsgefühle gegenüber der Situation, die Fassungslosigkeit darüber, wie das Unglück geschehen konnte, die drückende Frage des »Warum?« – all dies sind Bestandteile der Unerklärlichkeit des Geschehenen. Die Schuldgefühle selbst geben eine scheinbare Antwort auf die oft sehr quälenden Warum-Fragen, nämlich: »Ich bin schuld!« Die eigene subjektiv empfundene Schuld am Zustandekommen des Ereignisses stellt das vermeintlich fehlende Puzzle-Teil dar. Dieses macht das unverständliche Ganze erklärbar und stellt einen Zusammenhang zum Unglück her. Schuldgefühle bringen eine »Ordnung« in das Chaos, welches Betroffene erleiden. Diese Schuldgefühle haben somit eine durchaus stabilisierende und ausgleichende Funktion (vgl. auch Paul 2006, S. 80). Für die Mitarbeiter ist es wichtig zu wissen, dass Schuldgefühle – vor allem in der Akutphase – veränderungsresistent sind. Betroffene sind für rationale Argumente nicht empfänglich. Dieses Schuldempfinden muss von den Mitarbeitern in seiner Tragweite und Funktion verstanden, ernstgenommen, ausgehalten und akzeptiert werden. 299


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Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) - Praxisbuch Krisenintervention