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PRAXISWISSEN

Eigensicherung im Rettungsdienst

PRAXISWISSEN

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Eigensicherung im Rettungsdienst

ISBN-10 3-938179-236 ISBN-13 978-3-938179-239 www.skverlag.de

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Eigensicherung im Rettungsdienst Situationsgerechtes Verhalten in Konflikt- und Gefahrenlagen

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Eigensicherung im Rettungsdienst Situationsgerechtes Verhalten in Konflikt- und Gefahrenlagen

Herausgeber

Hermann Friedrich

mit Beitr채gen von

Pedro Bargon / Jens Richter Franz Joachim Eckert Thomas Kutschker

Verlagsgesellschaft Stumpf + Kossendey mbH, Edewecht 2006

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

© Copyright by Verlagsgesellschaft Stumpf und Kossendey mbH, Edewecht, 2006 Satz und Umschlaggestaltung: TypoGrafika | Anke Buschkamp, Oldenburg Umschlagfotos: Kai-Uwe Wärner (großes Foto); Hermann Friedrich; ddp; apix Pressedienst Beratung: Dr. Ralf Schnelle, Stuttgart Druck: Media-Print, Paderborn ISBN-10 3-938179-239 ISBN-13 978-3-938179-236

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A ˘ Inhaltsverzeichnis

Inhalt Geleitwort .............................................................................................................................................. 7 Vorwort .................................................................................................................................................. 9

A 1

Der Einsatz des Rettungsdienstes in polizeilichen Konfliktund Gefahrenlagen ............................................................................................. 11 Konflikt- und Gefahrensituationen im Rettungsdiensteinsatz ..................................... 13 1.1 1.2

2

Einsatzvorbereitung ................................................................................................................. 20 2.1 2.2 2.3 2.4

3

Sind die eingesetzten Kräfte vorbereitet? ........................................................................ 13 Aus- und Fortbildung für einen adäquaten Sicherheitsstandard ............................ 16 Das Einsatzmodell »Professionelle Situationsbeherrschung« .................................. 21 Professionelles Informationsmanagement der Leitstelle ........................................... 22 Basisvorbereitung als Chance für den sicheren Einsatz .............................................. 28 Einsatzvorbereitung in der konkreten Einsatzlage ........................................................ 37

Eigensicherungstaktik in Konflikt- und Gefahrensituationen ...................................... 44 3.1 3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8 3.9 3.10 3.11

Sicherheit bei Anfahrt / Anflug an ein Konfliktobjekt ................................................. 44 Sicherheit in der Annäherung zu Fuß ................................................................................ 48 Sicherheit während des Rettungseinsatzes in Wohnräumen ................................... 59 Geeignete Annäherung und sicherer Umgang mit potenziellen Konfliktpersonen in Außenbereichen ................................................................................ 71 Der sichere Transport von potenziellen Konfliktpersonen .......................................... 79 Rettungsdiensteinsatz bei herausragenden Konfliktlagen ........................................ 86 Umgang mit aufgefundenen gefä f hrlichen Gegenständen und Schusswaffen .................................................................................................................... 99 Eigensicherung während der Einsatzfahrt mit Sonder- und Wegerechten ........ 116 Absicherung der Einsatzstelle im öffentlichen Verkehrsraum ................................ 121 Problemfeld Abstimmung bei gemeinsamen Einsätzen ........................................... 127 Verkehrslenkungsmaßnahmen bei Verkehrsunfällen ................................................ 130

B

Psychologie der Eigensicherung ......................................................................141

1 2

Einführung: Fehlverhalten und Eigensicherung im Rettungsdienst ......................... 143 Eigensicherung und Einsatzkompetenz ............................................................................ 143 2. 1

3 4

Stress und Verhalten in Ausnahmesituationen .............................................................. 154 4.1 4.2 4.3

5

Faktoren der Eigensicherungskompetenz ...................................................................... 145

Die psychobiologischen Grundlagen des Wahrnehmens, Denkens und Handelns ........................................................................................................................... 151 Bewusstseinskapazität und Handlungskompetenz ................................................... 164 Aufmerksamkeit und »Triggereffekt« .............................................................................. 165 Leistungsfä f higkeit in Hochstress und extremen Bedrohungslagen ..................... 166

Besondere psychologische Aspekte der Eigensicherung .............................................. 170 5.1 5.2 5.3 5.4

Die Bedeutung der Routine, der Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit für die Eigensicherung .......................................................................................................... 172 Eigensicherung und Wahrnehmungsverhalten ........................................................... 176 Mentale Vorbereitung und Eigensicherung ................................................................... 179 Kommunikation im Einsatz und Eigensicherung ......................................................... 180

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A ˘ Inhaltsverzeichnis

5.5

Eigensicherung im Umgang mit psychisch Kranken, Drogenabhängigen und Alkoholkonsumenten ................................................................................................... 181

6

Zusammenfassung ................................................................................................................. 185

C

Gefahren für den Rettungsdienst an Einsatzstellen der Feuerwehr ..........187

1

Die Brand- und Rauchausbreitung als Gefahr für den Rettungsdiensteinsatz ....... 189 1.1 1.2 1.3

2

Gefä f hrliche Stoffe als Risiko für den Rettungsdienst .................................................... 214 2.1 2.2 2.3

3

Fahrzeugaufstellung – Raummanagement an der Einsatzstelle ........................... 221 Schutzausrüstung – Erkennbarkeit der Einsatzkräfte ................................................ 224 Gefahren bei der technischen Unfallrettung aus Pkw ............................................... 224

Gefahren bei Einsätzen an und auf Bahnanlagen .......................................................... 234 4.1

5

Gefahren durch gefä f hrliche Stoffe im häuslichen Bereich ....................................... 214 Gefahren durch gefä f hrliche Stoffe im gewerblichen Bereich oder bei Transportunfä f llen ................................................................................................................... 216 Gefahren durch kontaminierte Verletzte ........................................................................ 219

Gefahrenaspekte für den Rettungsdienst an Einsatzstellen der Feuerwehr bei der technischen Rettung ....................................................................................................... 221 3.1 3.2 3.3

4

Gefahren bei Bränden in Gebäuden und Eigensicherungshinweise .................... 189 Sichere Einsatzstrategien des Rettungsdienstes an Brandeinsatzstellen ........... 194 Gefahr durch Gase und Explosion bei Rettungseinsätzen ........................................ 200

Gefahren in Tunnelanlagen der Bahn .............................................................................. 240

Gefahren bei Betriebs-, Baustellen- und Maschinenunfä f llen ..................................... 242 5.1

Gefahren bei Unfä f llen in elektrischen Anlagen ........................................................... 248

D

Eigensicherungsverhalten beim Einsatz des Rettungshubschraubers ......251

1 2

Auswahl einer Landemöglichkeit im Primär- und Sekundäreinsatz .......................... 253 Absicherung der Landemöglichkeit durch Bodenkräfte ............................................... 255 2.1 2.2 2.3

3

Mögliche Gefahrenquellen im Bodenbereich ............................................................... 255 Erkennbarkeit und Absicherung der Landemöglichkeit in der Dämmerung und bei Dunkelheit ................................................................................................................. 259 Absicherung von Landemöglichkeiten im öffentlichen Verkehrsbereich ............ 261

Sicheres Verhalten bei Einsatzmaßnahmen am Hubschrauber ................................. 264

Anhang .......................................................................................................................269 Literatur ............................................................................................................................................. 271 Abschnitt A ............................................................................................................................................... 271 Abschnitt B ............................................................................................................................................... 272 Abschnitt C ............................................................................................................................................... 273 Abschnitt D ............................................................................................................................................... 273

Herausgeber und Autoren ............................................................................................................ 275 Abbildungsnachweis ...................................................................................................................... 276

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A ˘ Vorwort

Vorwort Der Einsatz von Rettungsdienst und Notarzt ist besonders in seiner ersten Phase dadurch geprägt, dass kaum Informationen zur Einsatzlage, zum Verletzungs- und Erkrankungsbild sowie den näheren Umständen am Einsatzort vorliegen. Das Bemühen um ein schnelles Eintreffen an der Einsatzstelle verhindert häufig eine geeignete Einsatzvorbereitung. Diese wird im Rahmen des üblichen rettungsdienstlichen Einsatzes auch weniger von Bedeutung sein: An der Einsatzstelle eingetroffen, verschafft man sich wie gewohnt einen Überblick, versucht das Wesentliche zu erfassen und zu beurteilen und trifft schnell die notwendigen notfallmedizinischen Entscheidungen. Trainiert darauf, schnell den Kern der Lage zu fokussieren, wird das Umfeld häufig ausgeblendet, antrainierte Handlungsabläufe werden – bewusst wie auch unbewusst – abgerufen. Mit zunehmender Einsatzerfahrung verinnerlicht das Einsatzpersonal diese Handlungsabläufe immer intensiver. Im Grunde wiederholt sich alles und läuft von der Anfahrt zum Einsatzort bis zum Eintreffen beim Patienten mehr oder weniger reibungslos ab. Deutlich problematischer kann sich jedoch der Einsatz für den Rettungsdienst und Notarzt an Einsatzstellen gestalten, die von Konflikten oder Gefahren geprägt sind. Hier reichen die jahrelang festgefügten Automatismen nicht aus. Sie können sogar kontraproduktiv sein und dazu führen, sich unvorbereitet und unachtsam innerhalb des Gefahrenbereichs zu bewegen. Der Umgang mit gefährlichen Situationen und der Aufenthalt in Gefahrenbereichen verlangt spezielle Vorbereitungshandlungen und besondere Einsatzstrategien. In solchen Situationen kann es für die Einsatzkräfte sehr gefährlich sein, etwa wie gewohnt an Türen zu stehen, in Treppenhäuser zu gehen, sich in Wohnungen aufzuhalten oder sich Personen zu nähern. Neben dem Fokus auf den Patienten ist eine ständige Aufmerksamkeit für den Raum, die umstehenden Personen und deren Verhalten erforderlich. Dass derartige Einsätze auch im Rettungsdienst täglich vorkommen, zeigen die Schlagzeilen in den Medien. Zwar gibt es keine bundesweiten Statistiken darüber, wie oft und intensiv Mitarbeiter im Rettungs- und Notarztdienst bedroht, angegriffen oder gar verletzt werden, man kann jedoch unterstellen, dass diese Situationen deutlich öfter auftreten, als Verantwortliche wahrhaben wollen. Allein die Recherchen für dieses Buch, aber auch die vielen Gespräche mit Rettungsdienstlern haben mir deutlich gemacht, dass für den Rettungsdiensteinsatz Bedarf an geeigneten Eigensicherungsmechnismen besteht. Wiederholt wurden an mich die Forderungen herangetragen, doch Techniken und Taktiken aus dem Polizeibereich darzustellen, um sie dem Rettungsdienstler als Handlungsalternativen für gefährliche Situationen an die Hand zu geben. Diese Forderungen sind nicht umsetzbar. Zum einen hat die Polizei einen anderen Ansatz bei der Bewältigung von Konflikt- und Gefahrenlagen, zum anderen kann es nicht Aufgabe des Rettungsdienstes sein, offensiv in Konfliktlagen zu gehen. Schon deshalb sind verschiedene, teilweise skurril anmutende Selbstverteidigungsangebote für den Rettungsdienst weder angemessen, noch rechtlich haltbar und auch praktisch nicht geeignet. Eigensicherung für den Rettungsdienst beginnt und endet an anderer Stelle.

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A ˘ Vorwort

Mit dieser Publikation soll die Idee der zielgerichteten Prävention an das Einsatzpersonal herangetragen werden. Leitlinie für das Buch ist der Gedanke, für den Mitarbeiter aus Rettungsdienst oder Feuerwehr die Grundlage dafür zu schaffen, frühzeitig Gefahren- und Konfliktlagen zu erkennen, rechtzeitig geeignete Handlungsmuster zu entwickeln und sich bei Bedarf gesichert aus dem Gefahrenraum zurückzuziehen. Ziel ist es, das eigene Einsatzverhalten in gefährlichen Lagen zu hinerfragen und dort, wo es notwenig erscheint, zu verändern. Hierzu wurden Themenbereiche ausgewählt, die sich als mögliche Konflikt- und Gefahrenlagen darstellen oder entwickeln können. Der Schwerpunkt der Ausführungen wurde auf die Einsatzvorbereitung, Einsatzkommunikation, Absprachen vor und während des Einsatzes sowie ein geeignetes Annäherungsverhalten gelegt. Ein wesentlicher Aspekt in diesen Situationen ist das Wissen um die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Einsatzpsychologie. Einsatzstress, körperliche wie auch mentale Belastung stehen in einem engen Verhältnis zu Wahrnehmung, Kommunikation und Handeln oder Unterlassen. Letztlich liegt hier der Schlüssel für einen erfolgreichen und sicheren Einsatz und nicht in übertragenen und thematisch »zurechtgebogenen« Selbstverteidigungstechniken. Dieses Buch soll auch den Verantwortlichen im Rettungsdienst als Anreiz dienen, die bereits bestehenden Konzepte der Aus- und Fortbildung zu überdenken, die Inhalte, wenn notwendig, zu ergänzen oder den Themenbereich »Eigensicherung« aus einem veränderten Blickwinkel in die Konzepte aufzunehmen. Für Fragen und Anregungen, aber auch für eine konstruktive Beratung, stehen Herausgeber und Verlag gern zur Verfügung. An dieser Stelle möchte ich meinen Co-Autoren herzlich für die Ideen und ihre Arbeit danken. Nur durch den engen Austausch von Informationen und Gedanken war es möglich, das gemeinsam gesteckte Ziel zu erreichen. Großer Dank gilt auch denen, die uns bei der Erstellung des Werkes unterstützt haben, und ohne deren Informationen und fachliche Beratung wir nicht zu diesem Ergebnis gekommen wären. Der besondere Dank gilt Holger Scholl, Neunkirchen, der mit seiner Überzeugungsarbeit dafür gesorgt hat, dass ich zum Laptop gegriffen habe, aber auch dem Fotografen Kai-Uwe Wärner (»fire-movie«), Offenbach/Main, für die Bildberatung und -bearbeitung. Ein Dank gebührt gleichfalls den Mitarbeitern der Rettungswache des DRK in Gelnhausen, stellvertretend der Rettungsdienstleitung, Walter Hartwig und Eugen Metzler, für die »offenen Türen« und die uneingeschränkte Möglichkeit, an NEF-Einsätzen teilzunehmen. Ein herzlicher Dank für die Unterstützung geht an Martin Müller, Dr. Guido Scherer, Pedro Bargon, Andreas Rippe und Theo Stein sowie an das gesamte Team vom ADAC-Luftrettungszentrum »Christoph 77«, Uni-Klinik Mainz. Zu Dank verpflichtet bin ich für die Unterlagen und Hintergrundinformationen Günther Hoff, Stationsleiter des »Christoph 19« am Klinikum Uelzen. Zu guter Letzt ein ganz dickes Dankeschön an Constanze, Ole Kristian, Anika und Quintus für die aufgebrachte Geduld und Rücksicht in den letzten Monaten. Hermann Friedrich Gelnhausen, im Januar 2006

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A ˘ Konflikt- und Gefahrensituationen im Rettungsdiensteinsatz

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Konflikt- und Gefahrensituationen im Rettungsdiensteinsatz

1.1 Sind die eingesetzten Kräfte vorbereitet? Die Einsatzkräfte des Rettungs- und Notarztdienstes helfen in der Bundesrepublik Deutschland jährlich bei mehr als 4,4 Millionen Notfalleinsätzen. Das Spektrum der Einsätze umfasst verschiedenste medizinische Lagebilder. Jede Situation fordert von den Mitarbeitern in den Leitstellen sowie von den Einsatzkräften vor Ort professionelles Handeln. Eine umfassende Ausbildung sowie die geeignete Ausrüstung und Ausstattung sind ebenso wichtige Grundlagen wie die zielorientierte Fortbildung. Gerade hier werden die notwendigen Qualifikationen erarbeitet, trainiert und letztlich konditioniert. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die mehr als 320 Rettungsleitstellen – davon sind ca. 80% integrierte Leitstellen – wie auch die Rettungsdienste in Deutschland auf die »Normalfälle« der medizinischen Notfallrettung vorbereitet sind und für jedes sich stellende Problem eine Antwort haben. Doch wie sieht es mit den Einsatzlagen außerhalb dieser so genannten Normalität aus? Wie steht es mit der Professionalität der Einsatzkräfte in den Leitstellen und Fahrzeugen, wenn die Einsatzlagen über das reguläre Maß hinausgehen und von Konflikten geprägt und mit Gefahren für Einsatzkräfte verbunden sind? Verfolgt man die täglichen Medien, stellt man fest, dass die Schlagzeilen zunehmend von Gewaltdelikten bestimmt werden. Immer häufiger werden in diesen Konflikten Waf-

Abb. 1 ˘ Gemeinsame Einsatzlagen: die tägliche Praxis

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A ˘ Konflikt- und Gefahrensituationen im Rettungsdiensteinsatz

fen und andere gefährliche Gegenstände eingesetzt. Die Bereitschaft, den anderen vorsätzlich anzugreifen, ihm schwere Verletzungen zuzufügen, gar seinen Tod in Kauf zu nehmen, hat deutlich zugenommen. Tatorte und Einsatzstellen sind nicht mehr nur im so genannten Milieu oder an anderen exponierten Orten, sondern in jedem beliebigen Wohn-, Lebens- und Arbeitsbereich angesiedelt. In den letzten Jahren ist nicht nur durch Statistik zu belegen, dass die Zahl und Qualität der Übergriffe auf Einsatzkräfte – und hier besonders auf Polizeibeamte – zugenommen hat. Erkennbar ist auch, dass die Auswirkungen von Konflikt- und Gefahrenlagen nicht mehr nur dem polizeilichen Aufgabenbereich zugeordnet werden können, sondern zunehmend auch den Rettungsdiensteinsatz betreffen. Wertet man die Einsatzdokumentationen in den Einsatzzentralen der Polizei aus, so fällt unter anderem auf, dass in beinahe jeder dieser Einsatzlagen auch der Rettungsdienst, oft sogar der Notarzt, eingebunden ist (im Folgenden wird in diesem Buch der Begriff »Rettungsdienst« zusammenfassend ffür Rettungsdienst und Notarzt gebraucht, sofern nicht explizit die Differenzierung f zwischen beiden ausgedrückt werden soll). Konfliktlagen im Rettungsdiensteinsatz ˘ Familienstreit/Nachbarschaftsstreit ˘ häusliche Gewalt ˘ Schlägerei (privat oder während Veranstaltung) ˘ Auseinandersetzung mit Messer oder Stichwaffen ˘ Einsatz von Schusswaffen ˘ Transport in psychiatrische Klinik ˘ Raubüberfall ˘ Bedrohungslage/Geisellage ˘ Amoktat. Sehr oft sind die Besatzungen von Rettungswagen, Notarztwagen und Rettungshubschraubern im täglichen Einsatzgeschäft entweder ganz alleine oder zumindest in der Anfangsphase ohne polizeiliche Unterstützung. Nicht selten gibt es den gemeinsamen Einsatz mit der Polizei bei Konfliktpersonen und in Gefahrensituationen. Das Spektrum möglicher Einsätze in Konflikt- und Gefahrenlagen ist reichhaltig. So kann es der bloße Familienstreit oder die Schlägerei sein, die einen Rettungseinsatz erforderlich macht. Möglich ist jedoch auch der Einsatz in einem Konfliktraum, in dem Waffen oder andere gefährliche Gegenstände eingesetzt wurden oder noch werden, und in dem das Opfer oder sogar der Täter noch vor Ort sind. Doch nicht nur dynamische Gefahrenlagen schaffen für die Einsatzkräfte bedrohliche Situationen. Schon das Auffinden einer Schusswaffe im Nahbereich eines Opfers, ob nach einer Straftat, einem versuchten Suizid oder einem Unglücksfall, kann für die Einsatzkräfte zu einem erheblichen Sicherheitsproblem werden und ein angemessenes Handeln erforderlich machen. Es sind die herausragenden Bedrohungslagen, in der z.B. ein Täter im Wohnbereich mit einer Schusswaffe droht, der Bankraub mit einer Anschlussgeiselnahme oder die Amoklage in einem öffentlichen Gebäude, die für den Rettungsdienst in der ersten Phase eine fast unlösbare Aufgabe darstellen.

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A ˘ Konflikt- und Gefahrensituationen im Rettungsdiensteinsatz

Gefahrenlagen im Rettungsdiensteinsatz ˘ Schusswaffen oder gefährliche Gegenstände ˘ Strom, Gefahrgut oder radioaktive Stoffe ˘ Rauchgas- und Explosionsgefahr ˘ gefährliche Tiere (z.B. Hund, Reptil) ˘ ungesicherte Einsatzstelle im öffentlichen Verkehr ˘ ungesicherte, schwer begehbare Einsatzstelle. Gleich welche Ausgangslage vorliegt, fast jedes Mal trifft man in einer Konflikt- und Gefahrenlage auf einen ungesicherten Einsatzbereich. Oft sind der Einsatzraum sowie das Lage- und Informationsbild gerade in den ersten Minuten des Einsatzes unübersichtlich, teilweise chaotisch. Besonders dann ist die Gefahrenlage für die eintreffenden Einsatzkräfte nur schwer einzuschätzen. Nachdem unbestritten ist, dass auch der Rettungsdienst auf diese gefährlichen Situationen und Personen trifft, muss die Frage erlaubt sein, ob und wie die Einsatzkräfte in den Fahrzeugen und die Disponenten in den Leitstellen auf die Gefahren vorbereitet sind. Wie steht es in diesen Fällen mit der Fachkompetenz in den Leitstellen? Wie gut sind Handlungskonzepte der Kräfte während der Anfahrt sowie vor Ort? Kann man auf trainierte Handlungsmuster und Erfahrungswissen zurückgreifen, oder ist das Handeln weitgehend von Routine und Gefühl geprägt? Bei den »gewöhnlichen« medizinischen Notfalleinsätzen können die eingesetzten Kräfte auf ihre trainierten Handlungsschemata zurückgreifen, alle agieren und reagieren auf jede medizinische Problemstellung professionell. Die volle Aufmerksamkeit, Konzentration und Einsatzkraft wird für die notfallmedizinischen Handlungsmuster eingesetzt. Rettungssanitäter, Rettungsassistenten und Notarzt fokussieren ihre Arbeit auf den Patienten und die medizinische Problemstellung, der Einsatzraum und andere Personen im Nahbereich werden in diesem wiederkehrenden Prozess weitgehend ausblendet. Was im normalen Rettungseinsatz folgenlos bleibt, kann sich bei Konflikt- und Gefahrenlagen schon ganz anders gestalten. Hier sind für die Kräfte des Rettungsdienstes die vorhandenen Rahmenbedingungen meist ungünstiger und auch gefährlicher. Solche Lagen haben ihre Eigenart darin, dass aggressive, alkoholisierte, emotional beeinflusste oder auch psychisch beeinträchtigte Personen störend, behindernd oder gar gefährdend auf die Einsatzkräfte und den Einsatzablauf einwirken können. Nicht selten entwickeln sich die Situationen so, dass bei Störungen oder Gefährdungen das eigentliche notfallmedizinische Handlungsprogramm unterbrochen, vielleicht sogar abgebrochen werden muss. Diese oftmals auch überraschend auftretenden Lageentwicklungen und somit veränderten Einsatzbedingungen führen bei den Einsatzkräften häufig zu dem Gefühl, dass sie die Lage nicht mehr beherrschen. Mit der zunehmenden Unsicherheit kommt auch Angst auf – ein nicht unberechtigtes Angstgefühl, angegriffen oder verletzt zu werden. Sehr regt sich bei den Kräften dann die Empfindung, nicht mehr »mit heiler Haut« aus der Lage herauskommen zu können. Zusätzlich kommt es mit zunehmender Gefährdung zu Leistungsausfällen. Fehler in der Wahrnehmung, Einschränkungen in Sprachkompetenz, Mimik und Gestik sowie der kognitiven Leistungsfähigkeit sind die Folge. Wer in diesen Situationen über keine geeigneten

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A ˘ Konflikt- und Gefahrensituationen im Rettungsdiensteinsatz

Handlungsmuster verfügt, wird aus Sicht der Eigensicherungstaktik unweigerlich Handlungsfehler begehen. Diese reichen von falschen, teilweise gefährlichen Aktionen und Reaktionen bis hin zur Untätigkeit. Oft handelt man dann in diesen bedrohlichen Konfliktund Gefahrenlagen aus dem Bauch heraus oder verlässt sich auf die vorhandenen Lebensund Einsatzerfahrungen, um die gefährliche Lage zu bewältigen. Diese gefährlichen Lagen gehen für den Rettungsdienst nach wie vor überwiegend gut aus. Doch muss bei nüchterner Betrachtung angeführt werden, dass häufig eher die Faktoren »Glück« und »Zufall« den guten Ausgang der Situation bestimmen als professionelle Handlungsmuster. Spätestens nach einer Begegnung mit einer konkreten Gefahr und der »glücklichen« Bewältigung der Situation kommen beim betroffenen Mitarbeiter bzw. beim Einsatzteam Fragen auf, etwa, ob sie für die zukünftige Bewältigung ähnlicher Einsatzsituationen ausreichend vorbereitet sind. Die persönliche Nachbereitung führt dann häufig zur Einsicht und der Forderung, »hier mehr machen zu müssen und zu wollen.« Anregungen und Wünsche werden formuliert und anfangs auch häufig von den Verantwortlichen aufgegriffen. Doch ebenso oft geraten sie später wieder in den Hintergrund oder gänzlich in Vergessenheit. Schnell wird das berechtigte und eigentlich von allen anerkannte Bedürfnis nach mehr Fortbildung ein Opfer der organisatorischen und wirtschaftlichen Zwänge in der Organisation.

1.2 Aus- und Fortbildung für einen adäquaten Sicherheitsstandard Durchsucht man die aktuellen Lehrpläne der Aus- und Fortbildung im Rettungsdienst nach dem Stichwort Eigensicherung, so muss man leider feststellen, dass in Deutschland dieser Themenbereich besonders im Zusammenhang mit Konflikt- und Gefahrenlagen meist nur am Rande behandelt wird. Eigensicherung, im Sprachgebrauch des Rettungsdienstes oft auch Eigenschutz genannt, findet man in den Curricula meist nur in Verbindung mit Themen der Absicherung von Einsatz- und Unfallstellen, dem angemessenen Verhalten bei Gefahrgut-Einsätzen oder auch der Problematik von Infektionskrankheiten. Mit Konfliktund Gefahrenlagen und dem Verhalten bei polizeilichen Ausnahmelagen beschäftigen sich nur wenige Institutionen aus dem Bereich Rettungsdienst. Dies erkennt man auch daran, dass es hierzu in Deutschland, wie auch im deutschsprachigen Nachbarbereich, kaum einschlägige Literatur gibt. Vor dem Hintergrund der Eigensicherung stimmt es bedenklich, dass bei vielen konfliktträchtigen Einsätzen der Rettungsdienst deutlich früher als die Polizei eintrifft, oft in einer Phase, in der weder die Gefahrenlage überschaubar noch die Sicherheit gewährleistet ist. Es besteht Handlungsbedarf. »Überleben ist kein Zufall« – so lautet die Aussage des bekannten Polizeipsychologen Uwe Füllgrabe zum Thema Eigensicherung. Im Zusammenhang mit der Gefährdung von Polizeibeamten fordert Füllgrabe den einzelnen Mitarbeiter und besonders auch die Institution auf, sich den täglichen Gefahren durch Aus- und Fortbildung aktiv zu stellen. Nur durch Training ist man auf zukünftige verbale Attacken und aggressive Handlungen vorbereitet und kann entsprechend reagieren. Sowohl das von Füllgrabe bei Polizeibeamten geforderte »Gefahrenradar« als auch abrufbare Handlungsmuster (»Werkzeuge der Eigen-

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C ˘ Brand- und Rauchausbreitung

Bei den meisten der täglich anlaufenden Rettungseinsätze ist in der Anfangsphase nicht mehr als ein Einsatzstichwort, in manchen Fällen auch eine geringe Zusatzinformation vorhanden. Mit Eingang der Alarmierung und schon auf der Anfahrt beginnt bei den Einsatzkräften auch die mentale Einsatzvorbereitung. Die verschiedensten Gedanken, die zumeist um das Meldestichwort kreisen, gehen den Kräften durch den Kopf. Wie schon während der Anfahrt unter Sondersignal, laufen gerade auch im Bereich der Notfallrettung an der Einsatzstelle die trainierten und konditionierten Handlungsmuster professionell ab. Soweit es sich um Lagen des täglichen Dienstes wie Verkehrsunfälle, Unglücksfälle und internistische Notfälle handelt, verfügen die Einsatzkräfte über eine ausreichende Ausrüstung und Ausbildung, um auch mit schwierigen Situationen fertig zu werden. Doch wie sieht es mit dieser Professionalität dann aus, wenn es sich bei der Einsatzlage um ein herausragendes Ereignis handelt? Die Realität im Rettungsdienst zeigt, dass sich immer wieder zwischen Routineeinsätzen auch Sonderlagen ereignen, die ein Zusammenwirken von verschiedenen Organisationseinheiten – Polizei, Feuerwehr – unerlässlich werden lassen. Zwar ist die Prämisse einer »reibungslosen Zusammenarbeit« jeder Institution bekannt und man kann unterstellen, dass auch alle nach bestem Wissen und Gewissen und mit Kräften an der Zielerfüllung mitarbeiten. Doch wie weit ist es mit der Kenntnis von der Kompetenz des anderen bestellt? Fehlendes Wissen über die Einsatzmöglichkeiten und -grenzen »der anderen« kann zu erheblichen Risiken und Gefährdungen führen. So ergeben sich besonders an Einsatzstellen der Feuerwehr, z.B. bei Bränden oder technischen Hilfeleistungen, nicht unerhebliche Gefährdungspotenziale für den ungeschützten und unwissenden Mitarbeiter. Besonders der Rettungsdienst läuft hier Gefahr, als einer der ersten an der Einsatzstelle, noch vor der Feuerwehr, Gefahrensituationen ausgesetzt zu sein, was im ländlichen Bereich sehr oft der Fall ist. Das nicht oder kaum vorhandene Wissen um Gefahrenaspekte im Zusammenhang mit der Wirkung chemischer Stoffe oder physikalischer Reaktionen, eine kaum dafür ausgelegte Schutzausrüstung und -bekleidung sowie der Drang helfen zu wollen und zu müssen, lässt Einsatzkräfte des Rettungsdienstes immer wieder in sehr gefährliche Situationen laufen.

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Die Brand- und Rauchausbreitung als Gefahr für den Rettungsdiensteinsatz

1.1 Gefahren bei Bränden in Gebäuden und Eigensicherungshinweise Brandeinsatzstellen zeichnen sich in vielen Fällen zunächst durch eine gewisse Unübersichtlichkeit aus, die ein Erkunden der Einsatzstelle und das Treffen der richtigen ersten Entscheidungen sehr schwer macht. Dies liegt zum einen an der Rauchausbreitung, die weitaus größere Bereiche des Raumes erfasst als eigentlich vom Brand betroffen sind, was zu einer Fehleinschätzung des Brandausmaßes führt. Zum anderen stellt sich gerade bei Bränden in Gebäuden sofort die Frage, ob noch Personen im Objekt sind. Verstärkt

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C ˘ Brand- und Rauchausbreitung

Abb. 96 ˘ Wohnhausbrand nachts, die Lage ist unübersichtlich wird diese Problematik bei schlechter Sicht und Dunkelheit sowie durch den Einfluss von Schaulustigen und sich einbringenden Betroffenen. Die richtige Erkundung der Lage vor Ort ist jedoch nicht nur für die Einleitung richtiger Maßnahmen entscheidend, sondern sie ist gerade auch für die Einschätzung der eigenen Gefährdung von elementarer Bedeutung. Was im Handlungsbereich der Feuerwehr schon in der Aufklärungsarbeit anhand von Algorithmen geschieht, wird erfahrungsgemäß bei nicht feuerwehrtechnisch ausgebildeten Rettungsdienstkräften eher nicht der Fall sein. Der Rettungsdienst wird diese Gefahrenaufklärung nur bedingt durchführen, und wenn, dann oberflächlich. Die Gefahren an solchen Brandeinsatzstellen können jedoch gerade für den ungeschützten und vielleicht unter Anspannung handelnden Rettungsdienst erheblich sein. So treten verschiedene Gefahrenaspekte an jeder Brandstelle auf, beispielsweise: ˘ die Toxizität von Brandrauch ˘ die Ausbreitung von Feuer und Rauch ˘ das Brandverhalten und die Brandentwicklung.

1.1.1 Gefahr durch Kohlenmonoxid (CO) Die Hauptgefahr für die Einsatzkräfte liegt unbestritten in der von vielen unterschätzten Toxizität des Brandrauchs und dessen unkontrollierter Ausbreitung. Hinzu kommt die enorme Rauchgasmenge, die bei jedem Brand entsteht. Nur wenige Kilogramm Brandmasse, z.B. eine Matratze, verursachen ein Rauchgasvolumen, das ohne weiteres ein gesamtes Gebäude ausfüllen kann.

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C ˘ Brand- und Rauchausbreitung

Abb. 97 ˘ Äußerlich erkennbare Rauchentwicklung ist ein deutliches Warnsignal Bereits wenige Atemzüge des Rauchs, der bei einem normalen Zimmerbrand entsteht und z.B. im Hausflur eingeatmet wurde, können extrem schädigend, unter Umständen sogar tödlich sein. Dies ist auch der Grund für die Tatsache, dass 80% der statistischen Brandopfer eigentlich Rauchopfer sind und nur bei 20% der Personen die Einwirkung des Feuers

Rauchentwicklung aus 10 kg Probematerial

Hart-PVC Spanplatte Birkensperrholz

x 1000 m3

Polypropylen Zellulose-Papier Weichschaum (PE, PU, PVC) Schaumgummi Heizöl 0

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30 Quelle: Brandschutz

Abb. 98 ˘ Rauchentwicklung ab 10 kg Probematerial 191

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C ˘ Brand- und Rauchausbreitung

Abb. 99 ˘ Entwicklung eines »Flash-over« nach plötzlichem Sauerstoffzutritt, hier in einer Übungsanlage simuliert

todesursächlich ist. Diese statistischen Zahlen belegen eindrucksvoll, wo die eigentliche Hauptgefahr für Betroffene, aber auch besonders für die Einsatzkräfte ohne entsprechende Schutzausrüstung (Atemschutz) liegt. Atemgifte werden in drei Gruppen unterteilt: ˘ Atemgifte mit erstickender Wirkung ˘ Atemgifte mit Reiz- oder Ätzwirkung ˘ Atemgifte mit Wirkung auf Blut, Nerven und Zellen Gerade jene Atemgifte, die das Blut, die Nerven und die Körperzellen angreifen, zählen nicht nur zu den gefährlichsten ihrer Art, sondern zeichnen sich auch durch ihre »Hinterhältigkeit« aus. Häufig sind diese Gase an der Einsatzstelle nicht durch die menschlichen Sinne wahrzunehmen. Zusätzlich zu diesem Dilemma tritt die schädigende Wirkung der Gase in vielen Fällen erst deutlich zeitlich verzögert auf, z.B. beim Kohlenmonoxid (CO), einem Brandgas, das unabhängig von den Brandsubstanzen bei jedem Brand vorkommt und somit jede Einsatzkraft gefährdet. CO entsteht in Abhängigkeit vom vorhandenen Sauerstoff in unterschiedlichen Konzentrationen und ist farb- und geruchlos sowie leichter als Luft. Dies bedeutet, dass es sich in den oberen Bereichen eines Raumes ansammelt. Die toxische Wirkung von CO beruht im Wesentlichen auf der Tatsache, dass es sich mit

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sehr hoher Affinität an das Hämoglobin im Blut bindet und somit den Sauerstofftransport im Körper blockiert. Dies führt zu zunehmender Sauerstoffunterversorgung mit nachfolgender Müdigkeit, übergehend in Bewusstlosigkeit, und führt letztlich zum Tod. Suizidversuche wurden in der Vergangenheit aufgrund des »schleichenden« Eintretens der Symptome häufig mit Kohlenmonoxid aus Autoabgasen durchgeführt. Unfälle geschehen oftmals mit defekten Gasgeräten, die dann große Mengen CO emittieren und Bewohner meist im Schlaf töten, ohne dass diese zu Bewusstsein kommen. Der gleiche Effekt tritt häufiger bei Brandgasen ein. Die so genannte »Rauchvergiftung« wird also hauptsächlich von den toxischen Eigenschaften einer CO-Vergiftung dominiert. Neben seiner toxischen Wirkung ist CO zudem brennbar und wesentlich mitverantwortlich dafür, wenn es durch plötzliche Sauerstoffzufuhr, wie beim Öffnen der Tür, zu einer schlagartigen Durchzündung (»Flash-over«) in einem Raum kommt.

1.1.2 Gefahr durch Nitrose-Gase Eine weitere Brandschadstoffgruppe, die bei Bränden sowohl im häuslichen als auch industriellen Bereich anzutreffen ist, sind die Nitrosen-Gase. Es handelt sich hierbei um verschiedenwertige Verbindungen aus Stickstoff und Sauerstoff. Nitrose-Gase entstehen bei der Verbrennung bestimmter Kunststoffe oder der Zersetzung von Düngemitteln und sind im Brandrauch durch eine rotbräunliche Farbe zu erkennen. Jedoch geht diese Farbe oft im Schwarz des Brandrußes unter. Somit sind diese sehr gefährlichen Gase nicht zu erkennen, jedoch fast immer in unterschiedlicher Konzentration vorhanden. Die besondere Brisanz dieses Atemgifts wird an der verzögerten Wirkungsweise auf den Organismus deutlich. Ein von den Nitrose-Gasen ausgelöstes Lungenödem kann eine Latenzzeit von bis zu 36 Stunden haben. Da die Betroffenen beim Einatmen des Giftes keine sofortigen einschneidenden Beschwerden haben, werden sie auch nicht unmittelbar darauf reagieren. Erst sehr viel später, vielleicht am nächsten Tag, treten erste Symptome auf. Oftmals werden dann diese Beschwerden nicht mehr mit dem Ereignis und dem inhalierten Rauch in Verbindung gebracht. Wertvolle Zeit für eine Behandlung ist bereits verstrichen und wird in der ersten Fehleinschätzung weiter verstreichen. Erst dann zu reagieren, wenn man Symptome wie Atemnot und Druckgefühl auf der Brust verspürt, ist zumeist schon zu spät und macht eine unverzügliche ärztliche Versorgung in einer Klinik notwendig.

1.1.3 Gefahr durch Säuredämpfe Weitere gefährliche Brandrauchbestandteile sind Säuredämpfe wie z.B. die Salzsäure. Säuredämpfe entstehen bei der Verbrennung von PVC oder auch anderer Kunststoffe. Beim Brand von Bettfedern entwickeln sich Blausäuredämpfe, die besser in der Form des Kaliumssalzes Zyankali bekannt sind. Blausäuredämpfe sind hochtoxisch. Hier reichen nur wenige Atemzüge, um eine tödliche Wirkung erzielen. Geht man von einem Brand in einem Wohnhaus aus und stellt sich vor, welche sonstigen Stoffe – etwa Farben, Lacke, Säuren, Laugen oder Schaumstoffe – sich in Räumen befinden und verbrennen, wird man auch als Laie sofort erkennen, dass sich hier ein regelrechter »Schadstoffcocktail« bildet. Je nach Brandbedingung wird die Zusammensetzung des sich entwickelnden Rauchgases jedoch immer unterschiedlich sein.

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1.2 Sichere Einsatzstrategien des Rettungsdienstes an Brandeinsatzstellen Es gibt weder ein »gesundes Feuer« noch einen »gesunden Rauch«. Verqualmte Räume stellen immer eine erhebliche Gefahr für ungeschützte Personen und somit auch für den Rettungsdienst dar. Der einzige sinnvolle und effektive Schutz gegen diese Gefahren ist der umluftunabhängige Atemschutz in der Form von Pressluftatmern, wie sie bei der Feuerwehr Verwendung finden. Wie soll sich das Rettungsdienstpersonal als erste Kraft am Einsatzort am besten verhalten, um in diesen Lagen nicht selbst zum Opfer zu werden? Wie viel Gefährdung kann dem Rettungsdienstmitarbeiter zugemutet werden? Welchen Schutz kann man ohne die Verwendung von Atemschutzgeräten erwarten? Die ersten an der Brandeinsatzstelle eintreffenden Rettungsdienstkräfte, wie auch die eintreffenden Polizeibeamten, stehen immer dann unter erheblichem Handlungsdruck, wenn noch Personen im brennenden oder auch nur rauchenden Objekt vermutet werden. Potenziert wird dieser Handlungsdruck oft noch zusätzlich durch Anwohner, Schaulustige oder bereits evakuierte Personen oder wenn irgendwo im Fensterbereich des Hauses tatsächlich Menschen, vielleicht sogar in stark verängstigtem Zustand, auftauchen. Für die Einsatzkräfte in Uniform wird sich immer ein innerer Zielkonflikt entwickeln. Auf der einen Seite steht die Rettung von gefährdetem Menschenleben, auf der anderen Seite die eigene Gefährdung durch den Brand. Die entscheidende Frage kommt sehr schnell und deutlich: »Gehe ich als Einsatzkraft trotz Rauch durch den Flur und evakuiere oder warne noch schlafende Personen oder bleibe ich besser aus dem Gefahrenbereich heraus?« In Unkenntnis der Gefahr durch den Brandrauch, häufig auch durch Aktionismus getrieben, wagt man sich dann durch den Rauch in noch nicht brennende Bereiche. Die Frage ist jedoch, ob dies im Wissen um die Gefährdungssituation wirklich sinnvoll ist oder ob es nicht bessere Handlungsalternativen gibt. So sollte auch der Rettungsdienstmitarbeiter in der ersten Phase eines Haus- oder Zimmerbrandes, die nicht selten durch Hektik und Stress geprägt ist, die Ruhe und den Überblick bewahren. Das Einsatzteam wird sich in dieser Phase der Gefahrenanalyse zwei grundsätzliche Fragen stellen müssen: ˘ Ist ein Betreten des Objekts überhaupt sinnvoll und erforderlich (Erkundung!) oder kann das Eintreffen der Feuerwehr abgewartet werden? ˘ Stehen die geplanten Maßnahmen überhaupt in Relation zu den Risiken und ist diese Eigengefährdung zumutbar? Häufig stellen sich Wohnhaus- oder auch Zimmerbrände in der Praxis so dar, dass es zwar einen konkreten Brandbereich gibt, die Gefährdung für Hausmitbewohner in einem anderen Stockwerk aber vorerst nicht als besonders hoch einzustufen ist. Gerade eine verschlossene Wohnungseingangstür in einem Mehrparteienhaus schützt vorerst vor der Ausbreitung von Brandrauch. Ein Aufenthalt am offenen Fenster schafft den in ihren Wohnungen verbleibenden Personen frische Atemluft. Hier kann es eine Handlungsalternative für die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes, aber auch der Polizei sein, die am Fenster befindlichen Bewohner über ein Megafon oder den Bordlautsprecher des Einsatzfahrzeuges zu warnen oder zu beruhigen, verbunden mit der klaren Weisung, die Wohnung nicht zu verlassen und auf das Eintreffen der bald erscheinenden Feuerwehr zu war-

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ten. Dies ist eine oftmals sinnvollere und effektivere Lösung, als übereilt und ungeschützt in den Flur oder Treppenbereich vorzudringen und Tür für Tür »abzuklappern«. Nicht nur die bereits erwähnten Gefahren des Rauchgases, sondern auch die mögliche Sichtbehinderung durch eine Rauchentwicklung können sehr schnell zu einem konkreten Problem für Rettungskräfte werden. In verrauchten Räumen sieht man die Abb. 100 ˘ Deutliche Anweisunsprichwörtliche Hand vor Augen nicht gen an die Hausbewohner wirken mehr, so dicht ist und undurchsichtig ist deeskalierend und beruhigend der Rauch. Die Folge ist, dass man die Orientierung im Raum verliert und dass die Aufenthaltszeit und die Gefahrstoffeinwirkung auf den Organismus deutlich länger sind. Auch der sichere Rückweg verliert sich nach und nach im Rauch. Wenn es drauf ankommt, ist er »verschwunden«, die Rauchfalle ist zugeschnappt. Ein drastisches Beispiel für dieses Phänomen ist der Brand im Düsseldorfer Flughafen vor einigen Jahren. Einige der Toten wurden hier nur wenige Meter neben Notausgängen gefunden. Die Opfer konnten die rettenden Ausgangstüren einfach nicht erkennen. In Filmen werden Brandräume meistens völlig realitätsfern dargestellt. Die Sicht ist dort zumeist gut, nur ein Paar kleine Rauchschwaden wabern hin und wieder vorbei, das

Abb. 101 ˘ Nach dem Öffnen von Türen tritt unkontrolliert Brandrauch aus und gefährdet weitere Personen

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Abb. 102 ˘ Brandfluchthauben im Einsatz

Feuer brennt kontrolliert an mehreren Stellen im Raum und die Hauptdarsteller haben keine Mühe, sich aufrecht gehend zu bewegen. Diese Darstellungen sind vollkommen realitätsfremd. Rauch breitet sich schnell im Raum aus und füllt diesen von der Decke abwärts, wie ein »Vorhang«, der sich langsam über dem Geschehen senkt. Hitze, Toxizität des

Wie weit und mit welcher Strategie dürfen sich ungeschützte Einsatzkräfte in einen Brandbereich bewegen? ˘ immer erst eine Gefährdungsanalyse im Team vornehmen ˘ nie alleine in den Einsatzbereich gehen, im Team zusammenbleiben ˘ maximal bis zur Rauchgrenze vorgehen, immer den Rückweg im Auge behalten ˘ keine Türen öffnen, hinter denen sich Feuer oder Rauch befinden könnte ˘ in gebückter Haltung vorgehen, Inhalation von Rauchgasen vermeiden ˘ keine Zuluftöffnungen zum Brandraum schaffen, z.B. durch Einschlagen von Fenstern ˘ klare Hinweise an Hausbewohner durch Zuruf: »Türen geschlossen halten, an das offene Fenster gehen und Ruhe bewahren!« ˘ sofortiger Rückzug aus dem Gefahrenbereich bei Rauchgaskontakt

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Abb. 103 ˘ Die Treppe ins »Ungewisse«, Grenze für Einsatzkräfte ohne Atemschutz!

Brandrauches und die Orientierungslosigkeit können eine tödliche Mischung für jeden sein, der ungeschützt diese Brandbereiche betritt. An dieser Stelle sei ausdrücklich vor der Verwendung von Atemfiltern in geschlossenen Räumen gewarnt! Diese filtern zwar eventuell die Schadstoffe, schützen jedoch nicht vor dem Sauerstoffmangel in Brandräumen. Ebenso gefährlich sind die oft im Fernsehen gezeigten »Hausmittel«, wie z.B. das feuchte Tuch vor Mund und Nase. Diese Maßnahme schützt maximal vor groben Russpartikeln, jedoch keinesfalls vor gas- oder dampfförmigen Schadstoffen, wie dem Kohlenmonoxid, die jedoch eindeutig die Hauptgefahr darstellen. Die Feuerwehr verwendet so genannte Brandfluchthauben, um Personen aus verrauchten Bereichen zu retten (Abb. 102).

1.2.1 Gefahren bei Fahrzeugbränden und geeignete Sicherungsstrategien Nach der Statistik des ÖAMTC brennen jährlich auf den Straßen Deutschlands 40.000, in Österreich und der Schweiz je 3.000 Fahrzeuge. Dies bedeutet ein Schadensaufkommen von täglich nicht weniger als 125 Fahrzeugen, rund drei Viertel davon sind Pkw. Jährlich sind in diesen drei Ländern im Zusammenhang mit Fahrzeugbränden rund 100 Tote zu beklagen. Dies zeigt, dass der Fahrzeugbrand durchaus eine alltägliche Einsatzsituation auch für den Rettungsdienst darstellt. Dennoch ist in diesem Bereich die Unwissenheit über den sachgerechten Umgang mit solchen Lagen oftmals groß. Auch der Fahrzeugbrand birgt einige signifikante Gefahren für die Beteiligten, die ungeschützten Einsatzkräfte,

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Abb. 104 ˘ Starke Rauchentwicklung bei einem Pkw-Brand

aber auch die umherstehenden Schaulustigen. Besonders bei Fahrzeugbränden entwickelt sich ein erheblicher und besonders gefährlicher Brandrauch. Ein modernes Fahrzeug besteht zu großen Teilen aus Kunststoff. Die massive Hitzeeinwirkung des Brandes setzt zahlreiche Schadstoffe frei, die als sehr toxisch eingeschätzt werden müssen. Auch die Tatsache, dass man sich ja zumeist »an der frischen Luft« befindet, mindert diese Gefahr für die umherstehenden Personen kaum. Deshalb sollte in solchen Einsatzlagen, bei denen ja weitgehend die Personen schon aus dem Fahrzeug befreit wurden, auch hier der direkte Kontakt mit der Rauchwolke vermieden werden. Macht die Lage es dennoch erforderlich, dass Lösch- und Rettungsversuche am bereits qualmenden oder brennenden Fahrzeug vorgenommen werden müssen, so ist eine Annäherung mit der Windseite ratsam. Eine wichtige Botschaft auch an alle Einsatzkräfte des Rettungsdienstes ist in diesem Zusammenhang, dass die aus Film und Fernsehen bekannten spektakulären Explosionen in das Reich der Märchen und Sagen gehören. Trauriger Nebeneffekt dieser fiktiven Szenen ist, dass der Bevölkerung durch das häufige und spektakuläre Darstellen dieser Explosionseffekte bei Fahrzeugbränden ein grundlegend falsches Bild von Brandverläufen an Pkw gezeigt wird. Dieser »bleibende« Eindruck bringt jährlich viele Menschen, die in brennenden Pkw eingeschlossen sind, in Gefahr und kostet sie teilweise sogar das Leben, weil unwissende Rettungsdienstkräfte und Unbeteiligte vom Fahrzeug wegbleiben. Beeindruckt von den falschen Bildern brennender Fahrzeuge und gewaltiger Explosionen, bei denen Fahrzeugtrümmer meterweit geschleudert wer-

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Abb. 105 ˘ Trotz massiven Feuers keine spektakulären Explosionen, eine vorsichtige Annäherung ist durchaus möglich

den, halten sie nicht selten respektvoll Abstand vom qualmenden oder brennenden Fahrzeug und warten, bis die Feuerwehr eintrifft. Tatsächlich jedoch ist es ungefährlich, sich an ein qualmendes oder brennendes Fahrzeug anzunähern. Wenn die Hitze und der Rauch es erlauben, ist eine Evakuierung verletzter Personen jederzeit möglich, ja sogar verpflichtend. Die einzige Stelle – außer bei einer unbekannten Ladung –, von dem an einem Pkw eine beschleunigte Verbrennung ausgehen kann, ist der Fahrzeugtank. Jedoch auch hier wird es in den allermeisten Fällen keine Explosion geben, sondern lediglich ein verstärktes Abbrennen. Wird der zumeist aus Kunststoff gefertigte Tank in Folge des Brandes zerstört, kann er den restlichen Inhalt spontan abgeben und somit die Brandausbreitung fördern. Bei den vergleichsweise geringen Volumina eines Pkw-Tanks ist die Gefahr einer Verpuffung dabei eher gering. Besonders im gefüllten Tank kann sich nur wenig Restvolumen des zur Verpuffung oder auch Explosion benötigten Sauerstoff-Benzindampf-Gemischs befinden. Ein leerer Tank ist hierbei also prinzipiell gefährlicher als ein prall gefüllter, für die schnelle Rettung aus einem Fahrzeug ist dies jedoch, wie schon ausgeführt, nicht von wesentlicher Bedeutung.

1.2.2 Fahrzeugbrand bei Fahrzeugen mit spezieller Ausstattung Ein zusätzliches oder auch verändertes Gefahrenbild kann bei Fahrzeugbränden mit speziellen Antriebsarten vorliegen. Moderne Antriebstechniken, wie z.B. der bivalente Erdgas-/ Benzinantrieb oder Hybridfahrzeuge, die einen Benzin- und einen Elektroantrieb mitein-

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