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d e s s i c h t b a r e n

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Selektion


Dekonstruktion des Sichtbaren


Forschung zur Gestaltung

Design ist unsichtbar

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Werkzeuge des Sozialen

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Der nicht mehr brauchbare Gebrauchsgegenstand

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Text-Ebene der Original-Publikationen  ↓

subjektive Kommentar-Ebene

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Dekonstruktion des Sichtbaren


Design ist unsichtbar 1980

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aus »Design ist unsichtbar – Entwurf, Gesellschaft & Pädagogik«, S. 13 – 25. Von Silvan Blumenthal (Herausgeber), Martin Schmitz (Herausgeber), Lucius Burckhardt (Autor).

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→ Natürlich kann man sie sehen, die Gegenstände des Design; es sind Gestaltungen und Geräte bis hinauf zum Gebäude und hinab zum Dosenöffner. Der Designer gestaltet sie in sich logisch und gebrauchsfertig, wo bei er gewisse äußere Randbedingungen annimmt: beim Dosenöffner die Beschaffenheit von Dosen. Der Designer von Dosen geht wiederum davon aus, wie die Dosenöffner beschaffen sind; dieses ist seine Randbedingung. So kann man die Welt als eine Welt von Gegenständen auffassen und sie einteilen in – zum Beispiel – Häuser, Straßen, Verkehrsampeln, Kioske; in Kaffeemaschinen, Spültröge, Geschirr, Tischwäsche. Diese Einteilung hat Konsequenzen: Sie führt eben zu der Auffassung von Design, welche ein bestimmtes Gerät ausgrenzt, seine Außen­bedingungen anerkennt und sich das Ziel setzt, eine bessere Kaffeemaschine zu bauen oder eine schönere, also das zu tun, was in den fünfziger Jahren mit der Auszeichnung Die Gute Form bedacht worden ist.  ↓

Schon diese Auffassung des Designbegriffs hat das Potenzial das Leben der Menschen zu verbessern. Die ideale Form zu schaffen ist sicherlich ein guter Gestaltungsgrundsatz. Er lässt jedoch nicht viel Raum für Innovation außerhalb der Welt von Gegenständen. Außerdem führt der ständige Drang zur Verbesserung in eine Endlosschleife, die häufig das eigentliche Ziel verfehlt und nur Abwandlungen des bereits Dagewesenen erschafft.

Dekonstruktion des Sichtbaren


Wir können uns aber die Welt auch anders einteilen – und wenn ich die Pattern Language recht verstanden habe, so hat das Christopher Alexander dort versucht. Sein Schnitt liegt nicht zwischen Haus, Straße und Kiosk, um bessere Häuser, Straßen und Kioske zu bauen, sondern er scheidet den integrierten Komplex Straßenecke gegen andere städtische Komplexe ab; denn der Kiosk lebt davon, daß mein Bus noch nicht kommt und ich eine Zeitung kaufe, und der Bus hält hier, weil mehrere Wege zusammenlaufen und die Umsteiger gleich Anschluß haben. Straßenecke ist nur die sichtbare Umschreibung des Phänomens, darüber hinaus enthält es Teile organisatorischer Systeme: Buslinien, Fahrpläne, Zeitschriftenverkauf, Ampelphasen usw. Auch diese Einteilung der Umwelt gibt einen designer­ ischen Impuls. Aber dieser bezieht die unsichtbaren Teile des Systems ein. Erforderlich wäre vielleicht ein vereinfachtes Zahlungssystem für Zeitschriften, damit ich den Bus nicht verfehle, während ich die Münzen hervorklaube und der Verkäufer gerade einen anderen Kunden bedient. Manche werden nun wieder ein neues Gerät vor sich sehen, einen elektronisch summenden Zeitschriftenautomaten, wir aber einen Eingriff in das System: vereinheitlichte, runde Zeitschriftenpreise, oder Zeitungs-Abonnementkarten auf Sicht – jedenfalls eine Regelung, die sich mit der Institution der Zeitschriftenverteilung befaßt.  ↓

Diese Überlegung eröffnet natürlich völlig neue Aufgabenfelder für Gestalter. Die Verwantwortung eines Gestalters läge nun nicht nur darin, über die Form und Funktion eines Objekts nachzudenken, sondern gleichzeitig das System, in dem das Objekt funktionieren soll, zu hinterfragen. Dekonstruktion des Sichtbaren


Lucius Burckhardt

→ Sollte die Verantwortung des Gestalters überhaupt so weit ausgedehnt w ­ erden, oder wären hier, je nach Problemstellung, andere Berufszweige qualifizierter? Zusätzlich ist unklar, woher der Gestalter die Befugnis erhalten könnte, tief verankerte Systeme zu verändern.

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Was sind Institutionen? Verlassen wir Christopher Alexanders Straßenecke zugunsten einer klar erfaßbaren Institution: das Krankenhaus. Was ist ein Krankenhaus? Nun, eben ein Haus mit langen Korridoren, gebohnerten Fußböden, weiß lackierten Möbeln und Wägelchen, die mit Speisegeschirr beladen sind. Diese Sicht des Krankenhauses führt wieder zum traditionellen designerischen Anspruch: Der Architekt, der Designer sind aufgerufen, Krankenhäuser zu planen mit kürzeren Korridoren, intimerer Atmosphäre, praktischeren Speisewägelchen. Wie jedermann weiß, sind indessen die Spitäler größer, die Wege länger, die Essensangebote anonymer, die Krankenpflege ungemütlicher geworden. Denn der Architekt und der Designer durften ja nicht in die Institution eingreifen, sondern sie verbesserten Gestaltungen und Geräte innerhalb der zugeteilten Bedingungen. […] […] Gibt es weitere solche Institutionen? Jawohl: die Nacht. Aber die Nacht ist doch ein Naturphänomen, die Sonne bescheint gerade die Antipoden, und bei uns ist es dunkel? Anne Cauquelin hat als erste die Hypothese vorgeschlagen: Die Nacht ist gemacht. Und in der Tat ist es menschliches Verhalten, das entlang menschgemachter Einrichtungen die Nacht so oder anders gestaltet. In der Schweiz kann ich nach 21 Uhr ruhig arbeiten und dann schlafen gehen; so spät zu telefonieren gilt als unhöflich.

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In Deutschland schweigt mein Telefon den ganzen Abend bis um 23 Uhr, dann kommt Leben in den Apparat; um 22 Uhr setzt der Billigtarif ein, worauf sogleich alle Überlandleitungen überlastet sind, bis man dann nach etwa einer Stunde durchkommt. Die Nacht also, die ursprünglich wohl einmal etwas mit Dunkelheit zu tun hatte, ist ein menschgemachtes Gebilde, bestehend aus Öffnungszeiten, Schließungszeiten, Tarifen, Fahrplänen, Gewohnheiten und auch aus Straßenlampen. Wie das Krankenhaus, so hätte auch die Nacht ein Re-Design dringend nötig: Weshalb stellen die öffentlichen Verkehrsmittel ihren Betrieb gerade dann ein, wenn die Leute nach einem Glas Wein das Wirtshaus verlassen, so daß sie sich eben doch selber ans Steuer setzen? Würde nicht eine andere Organisation der Öffnungs- und Schließungszeiten jene Frauen vor Gewalt bewahren, die nachts allein zu Fuß nach Hause müssen? Muß es auch bei uns so weit kommen, daß nur noch das fahrende eigene Auto einigermaßen Sicherheit gewährt?  ↓  […]

Die angesprochenen Probleme der Nacht resultieren daraus, dass die darin operierenden Systeme unbewusst entstanden sind. Das heißt, es wurde nie über die Bestandteile in einem größeren Zusammenhang oder die langfristigen Folgen nachgedacht. Meist sind sie Antworten auf akute Probleme. Neben klügeren Lösungen müsste also auch ein Bewusstseinswandel erfolgen, der diese Lösungen den schnellen und nicht nachhaltigen vorzieht.

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Lucius Burckhardt 011

[…] Wir nennen eine letzte Institution: die Produktionsstätte. Vieles wäre da zu sagen, hier nur so viel: Auch Arbeitsplätze sind gemacht, sind Gegenstand der Gestaltung. Wir meinen damit nicht, daß am Arbeitsplatz die Stühle besser gestaltet oder die Tapeten etwas freundlicher sein könnten und Topfpflanzen aufgestellt werden müßten. Gegenstand der Gestaltung ist der Abschnitt von Arbeit, der dem einzelnen zugeteilt ist, mit dem Maß an Einsatz, Wissen, Können, oder Nicht-Können, Verblödung, Langeweile, das an dieser Stelle geleistet werden muß. Alles dieses gilt nicht nur für die Produktionsstätte im engeren Sinne, die Fabrik, sondern auch für Verwaltung, Stehkragenarbeit. Die Arbeitsplätze sind gestaltet nach einer scheinbaren Produktivität, die der Kontraproduktivität schon sehr nahe steht. Die so genannte Automatisierung vernichtet Arbeitsplätze, die noch mit Befriedigung verbunden waren, und beläßt solche, die dringend der Rationalisierung bedürften. Wir können das Problem hier nur andiskutieren und müssen den Beweis für die Behauptungen schuldig bleiben. Der Sinn der Aussage ist nur dieser: Auch Arbeitsplätze sind gestaltet, nicht nur im traditionell-designerischen Sinne, sondern in der Art, wie sie Teilarbeit aus der Gesamtarbeit ausscheiden, ihr Kompetenzen zuteilen oder wegnehmen und Zusammenarbeit erzeugen oder verhindern.  ↓

Dieser Punkt ist besonders in Hinblick auf die zukünftigen Entwicklungen innerhalb der Arbeitswelt von Bedeutung. Immer mehr Arbeitsplätze werden durch die zunehmende Technologisierung verloren gehen. Doch der Verlust von Arbeitsplätzen kann gleichzeitig eine Chance bieten.

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Lucius Burckhardt 013

→ Es könnten neue Strukturen geschaffen werden und sogar das gesamte Konstrukt des Arbeitsmarktes neu gedacht werden. Wenn weniger Menschen die Möglichkeit haben zu arbeiten, müssen neue Perspektiven und Modelle entwickelt werden. Schon heute wird in vielen Ländern über ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert. Dies wäre eine von vielen Möglichkeiten, die von Gestaltern mitentwickelt werden kann.

Die bisherigen Ausführungen haben zeigen wollen, daß das Design eine unsichtbare Komponente hat, nämlich die institutionell-organisatorische, über welche der Designer ständig mitbestimmt, die aber durch die gängige Art der Einteilung unserer Umwelt im verborgenen bleibt. Indem nämlich die Welt nach Gegenständen eingeteilt wird und das Unsichtbare dabei als Randbedingung auftritt, wird die Welt auch gestaltet. Auch das Nicht-Verändern der Institutionen ist ja – bei sich entwickelnder technischer Gegenstandswelt eine Gestaltung: Der Röntgenapparat wird für die Bedienung durch die Röntgenschwester ausgestattet. Im folgenden möchten wir nun schauen, ob wir mit diesen Erkenntnissen etwas anfangen können oder ob sie vielmehr nur der melancholische Beweis dafür sind, daß die Welt eben schlecht eingerichtet ist. Jede Nachdenkerei über das Design hat sich mit zwei Phasen zu beschäftigen: mit der Phase des Entwurfs bis hin zur Produktion und mit der Phase der Konsumtion bis hin zum Ende im Mülleimer oder im Museum. Dazu zunächst je eine traditionelle Hypothese.

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Zum Entwurf: Gesucht ist das zweckmäßige Objekt, wobei man sich endlos darüber unterhalten kann, ob Zweckmäßig­ keit schon von selbst identisch sei mit Schönheit oder ob der Designer die Schönheit zuzufügen habe.  ↓

Die wichtigste Maxime für einen Gestalter sollte der Nutzen oder die Zweckmäßigkeit seiner Arbeit sein. Wenn Schönheit nachträglich hinzugefügt wird, handelt es sich nicht um Design, sondern Verzierung. Und zur Konsumtion: Die Technik und die technischen Gegenstände sind neutral; ihr Mißbrauch kommt von den bösen Menschen. Das Werkbund-Jahrbuch von 1914 zeigte Kriegsschiffe als Gegenstände der Gestaltung, in gleicher Weise zeigte die Zeitschrift »Werk« im April 1976 die Kühltürme von Atomkraftwerken als eine reizvolle Aufgabe für Architekten.  ↓

Dieser Ansatz spricht den Gestalter von jeglicher Verantwortung für sein Handeln frei. Selbstverständlich wird auch ethisch fragwürdigen Objekten eine Form gegeben. Der Gestalter sollte jedoch trotzdem, bevor er diese »bösen Dinge« entwirft, seine ethischen Richtlinien prüfen und sein Gewissen befragen.

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Lucius Burckhardt 015

Dazu zwei Gegenthesen als Ausgang für eine neue Beschreibung der beiden Prozesse des Entwurfs und des Verbrauchs. Zum Entwurf: Die Objekte erhalten ihre Gestalt durch die Interaktionen des Entwurfsprozesses. Und zum Verbrauch: Die Produkte wirken aktiv in die Interaktion der Gesellschaft zurück; die Dinge sind nicht neutral, sondern es gibt (Illich!) Tools for Conviviality und auch ihr Gegenteil, gesellschaftsverhindernde Dinge. Und gleich fügen wir noch probeweise eine dritte Hypothese an; eine Hypothese zur Kontraproduktivität: Jeder neue Entwurf bewirkt im Gebrauch Änderungen, und diese Änderungen ziehen die Notwendigkeit neuer Entwürfe nach sich. Werden alle diese nacheinander sich öffnenden Probleme konventionell, nämlich als Einzelprobleme gelöst, so entsteht Kontraproduktivität.  ↓  […]

Hier spielt, neben dem gesellschaftlichen Wirkungsfeld von Gestaltung, auch das projezieren eines Entwurfs in die Zukunft und das Abschätzen seiner Auswirkungen eine Rolle. Außerdem gilt es, Gestaltung nicht eindimensional wahrzunehmen. Entwürfe können auf verschiedenste Weisen positiven wie negativen Einfluss haben. Neue Probleme müssen frühzeitig erkannt und mit Weitsicht gelöst werden. Dazu benötigt ein Gestalter keinen Auftraggeber, der ihm ein Problem erklärt. Die Problemerkennung kann schon der erste Schritt des Gestaltungsprozesses sein.

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[…] Beginnen wir also mit dem Entwurfsprozeß. Hier stellten wir schon eingangs fest, daß der Designer die Welt einteilt nach Objekten anstatt nach Problemen. Dies beruht auf der linguistischen Determination, welche die Benennung eines Übelstandes gleich zum Gerät seiner Abhilfe macht. Indem ich beklage, daß meine elektrische Zwiebelmaschine mir zwar beim Hacken der Zwiebel eine Minute einspart, jedoch zum Reinigen wiederum zehn Minuten verbraucht, steht mir vor Augen nicht die Rückkehr zum einfachen Küchenmesser, sondern der Entwurf eines Zwiebelmaschinen-Reinigungsgerätes. Der benannte Zweck wird direkt zur Abhilfe, anstatt daß ich generell versuche, unter den Bedingungen des Mangels an Zeit wirtschaftlicher zu kochen. Mit zu dieser direkten Verbindung zwischen Benennung und Abhilfe gehört die Stillegung der Randbedingungen: Über das zu entwerfende Gerät hinaus sollen keine technischen oder organisatorischen Veränderungen nötig werden. Erfolgreich ist, was in die bestehenden Systeme eingefügt werden kann, und seien die noch so überlastet: ein AbfallZerkleinerungsgerät im Ablauf des Spülbeckens, eine Reinigung des Backofens durch Überhitzung usw. Diese Art der Problemlösung hat ihre Ursache in der Stellung des Designers innerhalb der Entscheidungsgruppen: als ein im Grunde von der Verantwortung befreiter Ideenlieferant.  ↓

Eine weitere Ursache für diese Art der Problemlösung ist das kapitalistische System. Je mehr Objekte schnell und einfach in das bisherige System integriert werden können, desto rentabler ist es. Kluge Lösungen stehen jedoch nicht im direkten Zusammenhang mit einem profitablen Produkt.

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Ulm, gemeint ist die zu Ende der fünfziger Jahre tätige Hochschule für Gestaltung, hat wohl als erste Instanz gemerkt, daß das Design kontraproduktiv ist, doch die Ulmer Lösungen waren technokratisch. Sie beruhten auf einer radikalen Analyse des zu erfüllenden Zwecks, stellten aber den Zweck selbst nicht in einen höheren Zusammenhang. Studenten­ arbeiten in Ulm begannen ungefähr folgendermaßen: Die Aufgabe lautet, feste bis breiige Substanzen in Portionen von zehn bis zwanzig Gramm von einem Teller etwa dreißig Zentimeter in die Höhe zu heben und horizontal zur Mundöffnung zu schieben, wobei dann der Träger durch die Oberlippe von seiner Substanz entlastet wird… Das Resultat ist nicht etwa Charly Chaplins Eßmaschine, sondern eine etwas modernistisch gestaltete Gabel. Inzwischen hat man wohl erkannt, daß Dinge mit so hohem Symbolwert und so geringem Anteil von Erfindung wie das Eßbesteck gar nicht Gegenstand des Design sind. Diejenigen Dinge aber, die noch zu erfinden sind, sind wohl, mindestens in ihren technischen Teilen, für den Designer zu schwierig. So muß sich das Design öffnen zu einem Soziodesign: einem Nachdenken über Problemlösungen, die dadurch entstehen, daß sowohl Rollen wie Objekte aufeinander abgestimmten Veränderungen zugeführt werden. Etwa so: eine Küche, die dazu anregt, dem Gastgeber beim Zerkleinern der Zwiebel zu helfen…  ↓  […]

Die Aufgabe von Gestaltern kann, trotz technischer Limitationen, das Erfinden neuer Dinge sein. Ein Gestalter besitzt das nötige Handwerkszeug für diese Aufgabe. Trotzdem muss natürlich immer der soziale Nutzen im Vordergrund stehen.

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Lucius Burckhardt

[…] Beim Verbrauch oder Konsum wollten wir hinweisen auf die Nicht-Neutralität der Objekte. Gibt es böse Objekte? Güter sind dann schädlich, wenn sie uns von Systemen abhängig werden lassen, die uns am Ende ausplündern oder im Stich lassen. Zweifellos hängen wir alle an solchen Systemen, die uns erpreßbar werden ließen. Einfluß haben wir aber immer noch auf den Grad der Abhängigkeit. Wir sollten diejenigen Objekte meiden, die uns dazu zwingen, weitere Zusatzgeräte zu kaufen. Wir sollen den Gütern mißtrauen, die einseitige Informationswege enthalten, wenn wir wohl auch nicht mehr ohne solche auskommen. Wir sollten zurück­ haltend sein im Kauf und Gebrauch solcher Güter, die isolieren. Hier ist vor allem das Auto zu nennen, das überdies die Eigenschaft hat, den Benutzer zur Rücksichtslosigkeit zu erziehen.  ↓   […]

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Was ist mit den Objekten, die uns zwar von Systemen abhängig werden lassen, aber uns gleichzeitig einen großen Nutzen bescheren und unser Leben ­erleichtern? Wie kann man in diesen Fällen abwägen, ob ein Objekt »böse« ist? Es ist eine zutiefst subjektive Einschätzung, die jeder Mensch individuell bewerten muss. […] Unsichtbares Design. Damit ist heute gemeint: das konventionelle Design, das seine Sozialfunktion selber nicht bemerkt. Damit könnte aber auch gemeint sein: ein Design von morgen, das unsichtbare Gesamtsysteme, bestehend aus Objekten und zwischenmenschlichen Beziehungen, bewußt zu berücksichtigen imstande ist. ←

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Werkzeuge des Sozialen 2010

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aus »Total Design: Die Inflation moderner Gestaltung«, S. 149 – 153. Von Mateo Kries (Autor).

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→ Fast jeder UN-Bericht macht klar, dass alle ungelösten Fragen in Bezug auf Nachhaltigkeit oder die Verteilung neuer Technologien über kurz oder lang auch soziale Fragen werden. Wenn wir Menschen neue Technologien oder Materialien von existenzieller Wichtigkeit vorenthalten, dann »cracken« sie sie eben – ohne Rücksicht auf gesundheit­ liche Verluste. Und wenn irgendwo auf der Welt die Lebensgrundlagen durch Müllexporte oder Pharmakonzerne zerstört werden, dann werden wir über kurz oder lang die Rechnung in Form von Flüchtlingsströmen präsentiert bekommen. Ein anderer Umgang mit Design ist deshalb nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch der Vernunft. Aus der Perspektive der Designgesellschaft wird dies besonders deutlich. Wenn man die gesamte Gesellschaft unter ihren Bedingungen schon als Social Design betrachtet, so können ihre heutigen Ungerechtigkeiten immerhin als Dysfunktionen interpretiert werden, die man beheben kann. Genauso wie man Ende des 19. Jahrhunderts die Funktionalität und Ende des 20. Jahrhunderts die Emotionalität als Kernaufgabe des Designs propagierte, sollte man heute die soziale Funktion von Design entdecken – an einzelnen Produkten ebenso wie an den Grundstrukturen der Gesellschaft insgesamt.  ↓

Der Faktor des sozialen Nutzens sollte mit Sicherheit ein wichtigerer Bestandteil innerhalb der Gestaltungsdiskussion werden. Hier könnten sogar Schnittmengen zwischen Politik und Gestaltung entstehen. Innerhalb der heutigen Strukturen ist dies leider nur sehr schwer vorstellbar, denn die Politik verfolgt oftmals gänzlich andere Interessen.

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Mateo Kries 023

→ Außerdem müsste ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft stattfinden. Selbst der Begriff »Sharing« ist nur noch ein Schlagwort zur effektiveren Vermarktung bestimmter Produkte. Wenn die Menschen weiterhin nur dem eigenen Profit hinterherjagen, ist in der Gestaltung, genau wie in anderen Bereichen, eine sozialere Einstellung nur das Wunschdenken von wenigen Einzelnen. Aufgaben für ein Design, das auf diesen Gedanken aufbaut, gäbe es genügend. Allein die Alterung unserer Gesellschaft und das Wachstum der Armutsraten sind Aspekte, die auch eine Designgesellschaft nicht ignorieren kann. Zwar wurden in den letzten Jahrzehnten unter dem schnell kreierten Slogan »Universal Design« auch schickere Rollstühle und Handys für Ältere auf den Markt gebracht. Doch Entwürfe, die wirklich eine neue soziale Funktionalität entwickeln sollen, müssten noch viel weiter gehen. Neben der »Hardware« müssten sie auch deren Auswirkungen auf das soziale Umfeld mitgestalten. Ein Beispiel dafür ist das Projekt der »Imaginären Manufaktur«, das die Designer Vogt + Weizenegger 1998 ins Leben gerufen haben. Dabei schufen bekannte Designer die unterschiedlichsten Entwürfe für Bürsten, die in einer Berliner Blindenwerkstatt hergestellt werden. Sie gaben damit nicht nur den dort Beschäftigten eine völlig neue Wertschätzung ihrer Arbeit, sondern lancierten einen internationalen Verkaufsschlager – und ganz nebenbei zeigten sie, welche Möglichkeiten selbst in einem aussterbenden Kleingewerbe wie dem Bürstenmachen stecken. Das gleiche Prinzip verfolgt das Hamburger Projekt »Haeftling«, bei dem Designer Modekollektionen entwickeln,

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die in einer Gefängniswerkstatt gefertigt werden. Das Umfeld der Modeproduktion im Justizvollzug wird bei der Vermarktung der Ware offensiv, teilweise sogar ironisch angesprochen, aber gerade dies vermittelt den Insassen, dass sie einen sinnvollen Beitrag zu einem Wirtschafts­ unternehmen leisten und dabei selbst in der Lage sind, Trends zu produzieren und damit öffentliche Anerkennung zu erlangen. Der Häftling als Trendsetter – dies wirkt bizarr, doch in der Designgesellschaft klingt es wie erfolgreiche Resozialisierung.  ↓

Die sozialen Funktionen einer Modeproduktion im Gefängnis oder der Herstellung von »Design-Bürsten« in einer Blindenwerkstatt sind sehr limitiert. Hier geht es eher um einen Marketing-Coup, als um Gestaltung. Denn es ist zu bezweifeln, ob bei den Arbeitern dieser Werkstätten tatsächlich eine neue Wertschätzung für ihre Erzeugnisse entsteht, bloß weil ein bekannter Designer das Produkt entworfen hat. Um etwas zu bewirken und das Leben der Menschen tatsächlich zu beeinflussen, muss Gestaltung noch viel früher ansetzen. Nur wenn Gestaltung auch außerhalb der altbekannten Disziplin der Formgebung von Objekten agiert, können soziale Themen verstärkt behandelt werden.

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Mateo Kries 025

Dass mit ähnlichen Projekten auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern Erfolge zu erzielen sind, haben schon in der Nachkriegszeit Designer wie Charlotte Perriand in Japan oder Charles und Ray Eames in Indien gezeigt. Leider ist die globale Entwicklungszusammenarbeit auf dem Designsektor seither kaum über sporadische Einzelprojekte hinausgekommen. Doch immerhin gibt es mittlerweile in zahlreichen Schwellenländern selbst Beispiele, wie mit Design der Lebensalltag ganz konkret verbessert werden kann, wenn dieser Alltag nur sorgfältig genug studiert wird. So hat der südafrikanische Designer Grant Gibbs den Hippo Water Roller entworfen – ein Objekt, mit dem man schlicht deshalb fünfmal so viel Wasser wie in einem traditionellen Behälter befördern kann, weil es nicht getragen, sondern gerollt wird. Ein anderes Beispiel für eine Designidee mit einer starken sozialen Wirkung ist die Play Pump, die ebenfalls in Südafrika entstanden ist. Sie besteht aus einem Kinderkarussell, das nicht nur ein Spielzeug für die Kinder der Nachbarschaft ist, sondern zugleich eine Wasserpumpe antreibt. Über 1000 solcher Pumpen wurden seit 2005 in Schwarzafrika installiert, damit haben über eine Million Menschen Zugang zu Frischwasser erhalten.  ↓  […]

Gestaltung ist besonders effektiv, wenn sie nicht auf abstrakte Art und Weise ­Anwendung findet, sonder aus der Not heraus geboren wird. Diese Interpretation der Aufgabe eines Gestalters steht dem evolutionären Problemlösungs­charakter des Menschen sehr viel näher, als die reine Verschönerung und Verbesserung von Oberflächen oder Inhalten.

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Mateo Kries

[…] Heute gilt es in der wachsenden Mittelschicht in Beirut, Bangkok, Kairo, Aleppo oder Casablanca als angesagt, sich [mit Ethnodesign, das zunächst nur für den Export gedacht war,] einzurichten. Aus reinen Exportartikeln sind durch eine allmähliche soziale Aufwertung Gegenstände geworden, mit denen man sich wieder stärker identifiziert als noch vor einigen Jahrzehnten – und die teilweise auch noch immer viel besser in den lokalen Lebensalltag passen als westliche Produkte. Wie derartige Prozesse eines sozialen Upgrades von Entwerfern heute gezielt genutzt werden können, hat der kolumbianische Architekt Simón Vélez unter Beweis gestellt. Um das Baumaterial Bambus in Kolumbien für die breite Bevölkerungsmehrheit wieder attraktiv zu machen, baut Vélez bewusst auch Villen, Tennisclubs und Spas für die wohlhabende kolumbianische Oberschicht aus diesem Material. So hat er erreicht, dass Bambus sein Image als »Holz des armen Mannes« verloren hat und mittlerweile auch in weniger wohlhabenden Schichten wieder begehrt ist – und genau auf diese Weise hat er auch die Nachfrage nach seinen staatlich geförderten Bambuswohnhäusern für 10 000 Dollar gesteigert, die er als erdbebensichere Wohnform für den kolumbianischen Staat entwickelt hat.  ↓

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An dem Beispiel von Simón Vélez wird sichtbar, dass ein Gestalter nicht nur die Möglichkeit hat, Trends direkt zu beeinflussen. Er kann diese auch nutzen, um einen positiven Effekt zu erzielen. 2009 hat Vélez für seinen neuartigen Umgang mit dem traditionellen Material Bambus den holländischen Prince Claus Award erhalten, den renommiertesten Preis für Künstler, Architekten und Designern aus Schwellen- und Entwicklungsländern. ←

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Dekonstruktion des Sichtbaren


der nicht mehr brauchbare gebrauchsgegenstand 1991

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aus »die welt als entwurf: schriften zum design«, S. 116 – 125. Von Otl Aicher (Autor).

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→ dieser tage ist das wohl erste eßbesteck auf den markt ­gekommen, mit dem man nicht mehr essen kann. es stammt von ferruccio laviani, einem aus der mailänder designgruppe »solid«. das messer ist spitz wie ein bajonett. man könnte damit jemanden erstechen, aber reis auf die gabel schieben geht nicht. der löffel ist kreisrund, aber so klein, daß er für den transport von kirschensteinen geeignet erscheint, aber nicht, um eine suppe auszulöffeln, es sei denn, sie wäre eine arznei. die gabel ist nicht durchgebogen, sondern gerade. man kann nur stechen, aber nicht aufnehmen. der stiel ist dünn wie eine stimmgabel. überhaupt muß die stimmgabel formal pate gestanden haben. die löffeltülle, die gabel­ spitzen und das dolchdreieck werden von einem gebilde dieser art in die zange genommen. damit wird das besteck auch genügend kopflastig, um leichter aus der hand fallen zu können. es gibt kein zweites besteck im handel, das ähnlich untauglich wäre. die menschheit schreitet voran. aber es ist schön, dieses besteck, sagt man. man, das sind die priester der hohen kunst. in den fünfziger jahren hat man noch dem widerborstigsten kunst­ historiker eingetrieben, daß die kunst dieses jahrhunderts auf die anwendung von kreis, dreieck und quadrat zurückgeführt werden müsse, das ist jetzt drin im gehirn.  ↓  […]

Zieht man eine klare Grenzen zwischen den Begriffen Design und Kunst, hat die unbrauchbare Gestaltung von Gebrauchsgegenständen natürlich nichts mehr mit der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Design oder dem Grundsatz »form follows function« zu tun. Dekonstruktion des Sichtbaren


Otl Aicher 031

→ Geht man aber davon aus, dass Design und Kunst sich gegenseitig ergänzen und befruchten, so hat selbst ein Essbesteck, das seinen eigentlichen Zweck nicht erfüllt, eine Daseinsberechtigung. Dann gilt dieses Besteck als Kunst und hat als solche auch keinen Anspruch mehr, eine Funktion bieten zu müssen. […] in der tat, der zusammenhang zwischen objekt und zeremoniell, zwischen kunst und religion ist evident, auch atheistische zeiten brauchen ihre anbetung. für die einen bestand das paradies aus einem staat der klassenlosen ­gesellschaft, die anderen badeten im rein geistigen reich der geometrischen ästhetik. sowohl mondrian wie kandinsky wollten mehr als museumsstücke liefern. sie wollten ­helfen, den materialismus zu überwinden und den menschen für das rein geistige zu gewinnen. man kann das nachlesen. jetzt essen wir geistig, sitzen wir geistig. einst diente die kunst der religion, indem sie den himmel, etwa im barock, im wörtlichen sinn öffnete. in deckengemälden sieht man zwischen wolken hindurch das jenseits und den ewigen frieden. eliminiert man die religion aus der gesellschaft, mögen die inhalte wechseln, die anbetung bleibt. so sind an die stelle der kirchen heute die museen getreten. wir sitzen in anbetung und essen in anbetung. in der tat, unser besteck wäre für liturgische zwecke durchaus geeignet, als opferbesteck für irgendwelche rituale. niemand würde daran anstoß nehmen können. das ritual heiligt alles, den unsinn, wenn nicht sogar die unmenschlichkeit. das ritual überwindet auch die freude und die lust am essen, indem es uns zwingt, mit einer art zahnstocher zu essen. […]

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Otl Aicher 033

[…] das religiöse enthebt uns nach heutigem verständnis der verpflichtung, unseren kopf anzustrengen, denken zu müssen. religion ist, nach dem zeitgeist, die reine empfindung, das rein geistige. um so mehr ist sie der anwendung von dienstleistungen und gerätschaften förderlich, die bar jeder vernunft sind. die würde des altars erlaubt es, sinn und zweck als etwas materialistisches zu vergessen, als etwas profanes, nur das profane hat sinn, und was sinn hat, ist profan. erst jenseits des profanen beginnt das rein geistige, beginnt die kunst. dann wird die form zur reinen form, und das prinzip wird zum reinen prinzip. plato hatte doch recht. ihm waren körper und materie eine erniedrigung, etwas schmutziges. er kam mit seiner gegenwart nicht zurecht und floh ins jenseitige. hier in dieser materiellen welt gibt es zwecke, keine ideen.  ↓  […]

Der Mensch sucht schon immer nach Ritualen, auch abseits von Religion und Glauben. Viele unserer Tätigkeiten im ­Alltag sind ritualisiert. Natürlich liegt der Fokus in der Gestaltung auf der Anwendbarkeit und Funktion der Dinge, doch auch die unterstützende Wirkung für ein Ritual kann eine solche Funktion sein. Das trifft natürlich nicht zwangsläufig auf unkomfortable Stühle oder nutzloses Essbesteck zu. Dennoch liegt die Aufgabe von Gestaltung darin, den Menschen zu helfen, auch mit Formgebung für Rituale.

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[…] inzwischen gibt es auch den krug, mit dem höchsten anspruch an ästhetik, der aber gleichzeitig nicht mehr zum einschenken taugt. er stammt von aldo rossi und müßte deshalb die form eines Turmhelms haben, mit einem fähnchen drauf. ganz so ist er nicht, aber ziemlich ähnlich. er besteht aus einem kegelförmigen behälter, der im schnitt ein gleichseitiges dreieck bildet, an den ein griff, eine horizontale und eine vertikale bildend, angepunktet ist. der kegel ist oben durchschnitten, der obere teil bildet den ­deckel. statt eines fähnchens sitzt auf der spitze eine kleine kugel, besser zum anfassen. das ding ist wunderschön, aber bar jeder gebrauchsfähigkeit. in einem zeitalter der repräsentativen existenz, das wissen wir, wird natürlich das ästhetische zum selbstzweck. nach dem gebrauch zu fragen, ist fast unanständig. nichts eignet sich zur selbstdarstellung heute besser als das erscheinungsbild, die ästhetische form. in der ästhetik erscheint das ding an sich.  ↓  […]

Alleine durch Begrifflichkeiten werden diese Objekte zu einem Streitthema. Man wird einen solchen Krug in keiner gewöhnlichen Wohnung finden, sondern in einem Museum. Ob er nun im Museum als Kunstobjekt richtig aufgehoben ist, ist eine Frage der Definition von Kunst. Man sollte ihn jedoch nicht als Gebrauchs­gegenstand wahrnehmen, denn er besitzt nicht den Anspruch, etwas einschenken zu wollen. Er will ­lediglich schön anzusehen sein.

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Otl Aicher 035

[…] das dreieck und der mittelalterliche turmhelm, das ist schon mehr als wenn man nur mit dreiecken spielt. damit kommt aldo rossi auch den kunsthistorikern von heute entgegen, die nie eine sache als sache sehen, sondern nach einem symbolischen inhalt suchen und ständig in vergleichen reden. sie sind sicher überzeugt, daß die kanne von aldo rossi aussieht wie eine schutzmantel-madonna oder wie eine glucke, die ihre eier brütet oder wie ein erdhügel eines jungsteinzeitlichen fürstengrabes. nicht nur, weil in der regel kunsthistoriker nichts von der sache verstehen, sie können weder bilder malen noch häuser bauen noch eine kaffeetasse entwerfen, reden sie vorwiegend in vergleichen. das stellt auch den bezug zur geschichte und zum höheren her. würden sie etwas von der sache verstehen, müßten sie zur sache reden, so über die frage, ob man mit der kanne von rossi etwas einschenken könnte oder nicht. nur indem man über höheres und vergangenes redet, entgeht man einem solchen zwang und hilft gleichzeitig, daß aldo rossis kanne auch noch verkauft wird. ihr wert liegt gerade darin, daß sie keinen hat. so bereichert sie auf wunderbare weise die ausstattung der reaktion, wird zu einem hervorragenden element der repräsentativen existenz.  ↓

Das Problem der Theorie im Gestaltungsbereich liegt darin, dass sie sich mit einer praktischen Disziplin beschäftigt. Die Aufgabe von Gestaltung ist seit jeher das Machen und Experimentieren. In der Kunst funktioniert die Theorie vergleichsweise besser, da viel Raum zur Interpretation geboten wird und auf einen großen Zeitraum zurückgeblickt werden kann.

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→ Trotzdem kann der Designtheoretiker, zum Beispiel in der Rolle des Kritikers, durchaus relevant sein. Der Designdiskurs läuft jedoch Gefahr, ausschließlich von selbsternannten »Experten« geführt zu werden. Auch die Gestalter selbst müssen eigene und fremde Arbeiten reflektieren und sich in die Diskussion über Gestaltung einbringen.

aber warum über bestecke und krüge reden, wenn es um türdrücker geht. den ersten unbenützbaren türdrücker gab es schon vor dem ersten unbenützbaren besteck. er tauchte zum ersten mal auf am 20. september 1986 bei einer designveranstaltung der firma franz schneider in brakel. man hatte eine reihe von designern eingeladen, die heute so im gespräch sind, neue formen für drücker zu entwickeln. es gab neun einsendungen mit vielen varianten.  ↓

Eine solche Art von Wettbewerb bietet natürlich gewisse Freiheiten für den Entwurf. Man könnte sie auch als Raum für Experimente betrachten, die Möglichkeiten zum Scheitern lassen und zur Diskussion anregen sollen. darunter war jener schon beschriebene, welcher ein entwurf einer diözesanbauverwaltung hätte sein können, die zuständig ist für modernen kirchenbau.

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wenn man vor diesem drücker steht, fragt man sich zunächst, ist das überhaupt ein gegenstand mit einem drehpunkt, ein gegenstand zum drücken. wäre dieser gegenstand nicht an einer tür angebracht, sondern vielleicht auf einer aufhängbaren spanplatte, dann wäre er kunst. denn er besteht aus einem quadrat, mit einem vierkantigen rohrwinkel nach oben und nach der seite. und was quadratisch ist, partizipiert an einer der drei grundformen der visuellen erscheinungen des geistes im 20. jahrhundert. ein quadrat ist reine form und also kunst. zwar gibt es am ganzen menschlichen körper nichts quadratisches, das quadrat kommt an ihm nicht vor, schon gar nicht an der hand, welche türdrücker benützt oder benützen sollte, aber wir wissen ja, der körper ist materie, etwas ungeistiges. er sucht das zweckvolle. läßt sich eine türklinke mit dem kopf öffnen, dem sitz des geistes? wer weiß, das geht morgen vielleicht. aber vorerst öffnen wir noch mit der hand. sollte dann nicht vielleicht, man gestatte die prosaische frage, der drücker der hand angepasst sein? offensichtlich nicht. dieser drücker ist ein zeichen. er zeigt ein quadrat, unterteilt in weitere quadrate. die botschaft ist, ein quadrat kann man in unterquadrate teilen. sollte aber nicht ein drücker, wenn man vor ihm steht, die botschaft aussenden, ich bin ein drücker, bitte faß mich an, du kannst mit mir die türe öffnen?  ↓  […]

Die Handhabung eines Objektes muss an seiner Form intuitiv erkennbar sein. Jedes gestaltete Objekt, das beim Benutzer Verwirrung stiftet, ist schlecht gestaltet. Auch extravagante Gestaltung ist möglich, solange die Funktion an ihr ablesbar ist.

Dekonstruktion des Sichtbaren


Otl Aicher 039

[…] mendini bietet als entwurf bei dem türdrücker-wett­ bewerb den türgriff von gropius an, lediglich farblich verändert, verpoppt. aber die reifste leistung von gropius war das nicht. zwar besteht der griff aus einem handlichen zylinder. die handmulde ruht gut auf ihm. aber zeigefinger und daumen geraten in eine ausgesprochene konfliktzone opponierender formaler konzepte. der winkel des drückers besteht aus einem vierkantrohr mit quadratischem querschnitt. der wechsel vom vierkantrohr zum zylinder liegt genau in der zone, wo zeigefinger und daumen bei zugriff auf der klinke landen. aber, oh gott, wenn mendini sich mit diesem problem herumgeschlagen hätte! wenn er angefangen hätte, die relationen von griff und hand zu untersuchen, in einer zone, wo das entscheidende passiert, wo daumen und zeigefinger die zufahrende hand leiten, wäre er genau ins zentrum jenes konfliktes geraten, wo man sich für oder gegen die vernunft entscheiden muß. wie sieht ein griff aus, der den daumen sanft abbremst und den zeigefinger exakt in den innenwinkel führt? ich habe mich selbst mit diesem problem theoretisch und praktisch beschäftigt und kann ein lied davon singen. die nahtstelle von artefakt und hand ist mit kunstvorstellungen nicht lösbar. ich jedenfalls hätte einen anderen griff eingereicht, auch wenn er nicht den großen namen gropius getragen hätte.  ↓  […]

Berühmte Gestalter werden nur selten hinterfragt. Hat ein Gestalter einen gewissen Status erreicht, wird er kaum noch öffentlich kritisiert. Dabei hat der Bekanntheitsgrad oft weniger mit der gestalterischen Qualität, sondern mehr mit der Fähigkeit zur Selbstvermarktung zu tun. 02  →  Selektion


→ Das Gleiche betrifft natürlich auch die Arbeiten dieser berühmten Gestalter. Nicht alles, was von einem »bedeutsamen Namen« entworfen wurde, ist gleichzeitig auch von hoher gestalterischer Qualität.

[…] aber auch mit gegenständen wie gegenstandslosen türdrückern, nicht mehr brauchbaren gebrauchsgegenständen kündigt sich der ausverkauf der vernunft an, eine art letztes gefecht. das leben soll rein werden wie die kunst, wie funktionslose ästhetik. dafür muß man das denken abschaffen. man darf nicht vor einem türdrücker stehen und auch noch wissen wollen, wozu er taugt. da hat dieses jahrhundert den zusammenhang dargelegt zwischen kultur und ökonomie, hat den zusammenhang bloßgelegt zwischen körper und seele, hat den zusammenhang dargestellt zwischen funktion und erscheinung, zwischen stoff und ästhetik, und am ende heißt es, es gibt nur den reinen geist und die reine ästhetik, die kunst aus kreis, quadrat und dreieck. auch der türdrücker hat sich dem gefälligst zu fügen. […] […] ob ich da nicht zuviel intellektuelle anstrengung hinein­ interpretiere, wenn es zur allerersten regel gehört, den intellekt an der garderobe abzugeben? richtig, wahrscheinlich will man nur wissen, wie sehr man eine gesellschaft auf den arm nehmen kann, bis sie merkt, daß sie auf den arm genommen worden ist. oder glauben die leute gar an das, was sie da machen? das wäre allerdings schlimm: der untergang der menschheit durch ausschaltung des kopfes. ein letztes gefecht. aber vornehm geht die welt zugrunde. der anteil der kunst hat sich auf solche weise vergrößert. es lebe das dreieck, das quadrat und der kreis. die glosse wird ernst. ←

Dekonstruktion des Sichtbaren


Impressum Konzeption, Text und Gestaltung Manuel Bug FH Würzburg | Fakultät Gestaltung Dozent Prof. Carl Frech 6. Semester Sommersemester 2016

Bildnachweis Manuel Bug Seite 07 /Seite 12 /  Seite 17

Auflage 2 Stück (2016)

imgur.com/hfrSGje (29. Juni 2016, 12:00 Uhr) Seite 26

Druck und Bindung Druckerei Genheimer, Lohr am Main

Eßbesteck von Ferruccio Laviani Seite 32

Papier Munken print white 115 g / qm Munken print white 300 g / qm

Kanne von Aldo Rossi Seite 37

Schrift GT Cinetype, 2015 Design: Mauro Paolozzi und Rafael Koch

Türgriff von Alessandro Mendini Seite 41

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02 Selektion  

Forschung zur Gestaltung

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