Moeglichkeitsmodelle / Designing Modells

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Möglichkeitsmodelle  Designing Models Axel Kufus

Universität der Künste Berlin Revolver Publishing

Mög chke ts- mode e Des gn ng Mode s Axel Kufus



Mรถglichkeitsmodelle Designing Models Axel Kufus


Im Zeitalter des Design Design zu unterrichten ist heikel: wo anfangen und wie aufhören? Ich habe mich für das Mittendrin entschieden. Mittendrin bedeutet auch dazwischen – und schon gerät man an die Stellen, wo es gleich knistert, wenn nur das Naheliegende neu verknüpft wird und damit die eigentliche Wirkungsmacht des Design aufflackert. Verknüpfen durch Design

Probieren & Studieren

Verknüpfen ist die klassische Kernkompetenz im Design: Funktion und Form, Mensch und Objekt, Produkt und Welt, also auch Aufwand und Wirkung, Quantität und Qualität, Idee und Wirklichkeit – um erstmal nur wenige offene Enden zu nennen. Diese sind aber schon jeweils selbst in einem unübersichtlichen Knäuel an Beziehungen verstrickt – der reine Tisch, auf dem alle Fragen und Möglichkeiten akkurat nebeneinander liegen und systematisch miteinander verknüpft werden können, um Schaltkreise zu erzeugen, ist eher eine Legende. In der Regel gelingt nur ein Kurzschluss, der mehr verbraucht als er der Welt zurückgeben kann. Und solange noch verbraucht werden kann, gewinnt in der Praxis der kurzfristige Markt. Erfolgreiche Produktion kann wohl kaum noch als Finale im Designprozess gelten, vielmehr geht es um folgenverträgliche Integration neuer Entwicklungen in den Lauf der Welt.

Im Wimpernschlag eines raschen Designstudiums stellt sich daraus für mich die Aufgabe, das Probieren & Studieren zu kultivieren: Modellentwicklungen als iterative Vorgehensweise im experimentellen Verknüpfen zu nutzen, um die ausgelösten Wechselwirkungen mit treffenden Kontexten zu erproben, zu analysieren und zu reflektieren, zu variieren und multiperspektivisch zu verzweigen. Modelle können Objekt oder Programm sein, Konstellation oder Prozess, Format, Rezeptur oder auch nur Spielfigur.

Eleganz der Kreisläufe Längst ist die Gestaltung von Kreisläufen die große Herausforderung – auch durch Design. Diese zu entwickeln und in die bestehenden synergetisch zu integrieren – wofür die Natur Jahrmilliarden Zeit hatte – braucht es höchste Umsicht und sensibelste Nahaufnahme, transdisziplinäres Verständnis und multiperspektivische Vorausschau, fantastische Intelligenz und hellwache Erprobung. Unsere Chance liegt darin, irgendwann zu einer Eleganz in Wertschöpfung und Teilhabe zu kommen, die durch ihre Kultur übergreifende Attraktivität unser bislang alles übertreffende Höher, Schneller, Weiter nach und nach entthronen könnte.

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Modelle zwischen Idee und Welt Die Ergebnisoffenheit des Experiments erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, Interpretationsfreude und nicht zuletzt Verantwortung für die Qualität, die Modelle in jenem fruchtbaren Spannungsfeld erzeugen können: Modelle vibrieren zwischen dem Schutzraum, noch Idee zu sein und der Wirkungsmacht, schon eine Rolle in der Welt zu spielen. Meist hilft schon ein Flatterband, um einen Raum für Experimente inmitten herrschender Routinen zu schaffen – komplementär zum ReinstRaum eines Labors mitten in den Alltag platziert und damit auch im Reichtum des jeweiligen Kontextes. Und dazu das Verrücken weniger Regeln, die das klassische Nebeneinander der Disziplinen, Expertisen und damit auch der Denkweisen zu einem fruchtbaren Durcheinander gestalten. So gestalten Modelle Möglichkeitsräume, sie bleiben veränderlich und darin herausfordernd, aus kurzen Schlüssen weitere Kreise zu ziehen.


47 Exemplarische Modellbetrachtungen

Hochschule als Möglichkeitsraum

Diese Publikation stellt 47 verschiedenste Modelle vor, die in den letzten Jahren an meinem Projektbereich im Institut für Produkt- und Prozessgestaltung der Universität der Künste Berlin entstanden sind. Die Auswahl habe ich exemplarisch und durchaus subjektiv aus einer Vielzahl von Objekten und Projekten diverser Autoren, Entwicklungsstadien und Komplexitäten herausgepickt. In meinen Betrachtungen, die über ein jeweiliges Portrait der gezeigten Modelle hinauszuschauen versuchen, soll das Potenzial experimenteller Vorgehensweisen mit Hilfe unterschiedlichster Modellstrategien greifbar werden.

Die neuen Formen von Projekten, die als Formate im achten Kapitel beschrieben sind, habe ich in Kooperation mit Kollegen und Studierenden meiner Hochschule sowie zahlreichen externen Partnern in ProjektExperimenten entwickelt. Die Wechselwirkungen von initiiertem Projektrahmen und den darin angeregten Entwurfsprozessen ermöglichen und erfordern eine dynamische Projektgestaltung, die eine offene Erlebnisund Ergebnisbereitschaft im Kleinen wie im Großen forciert und verknüpft. Daher konnte auch ein kleiner Story Tail das breit angelegte Forschungsprojekt Design Reaktor Berlin nach innen und außen verzaubern, ohne dessen Cross-Innovation-Strategie dieser Zauberstab nie entstanden wäre. So ist auch das Zusammenwirken der in diesem Buch gezeigten Modelle zu verstehen: Sie machen Schule.

Unbeachtete Qualitäten Die Modelle habe ich nach Qualitäten sortiert, die aus meiner Sichtweise eine merkliche Rolle im Prozess, in der Absicht oder in der Wirkung spielen. Daraus sind acht Kapitel entstanden: werkzeugen, entzücken, tricksen, neoanalogisieren, verfinden, verrücken, kultivieren und formatieren. Damit verlassen die Betrachtungen allerdings den klassischen Katalog der Designkriterien und versuchen, die zu selten geachteten Perspektiven im Prozess der Ideen- und Umsetzungsfindung aufzuzeigen.

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Ein Ort – dazwischen Dabei werden aber auch immer wieder die Grenzen sichtbar, an die das Neue stößt. Um wertvollen Modellen einen nächsten Schritt in die Welt zu öffnen, braucht es eine Plattform für Entwicklung und Wertschöpfung zwischen Hochschule und Welt, zu der natürlich auch der Markt gehört. Ein Ort, an dem sie sich verzweigen und reifen können zwischen den Perspektiven der Entwickler und Ermöglicher, zur Erprobung ihrer Integration. Das ist mein nächstes Modell.


Teaching design in the era of design is no easy matter: Where to begin, and end? I opted for plumb in the middle. In the middle also means in between – and before you know it, you find yourself at those points where things hitherto juxtaposed become interlinked and all of a sudden begin to send off sparks, kindling the latent potency of design.

Conjoined through design

Exploring & studying

Generally speaking, the core competence of design has been to forge links: function with form, man with object, product with context, and thus effort with impact, quantity with quality, idea with reality – to mention just a few outcomes. But these are already tangled up in a complicated clump of relationships – and it is pure fiction that a tidy pin board exists on which all questions and possibilities can be placed accurately side by side and systematically interlinked so as to produce switching circuits. As a rule, what you get is a short circuit that uses up more than it can give back to the world. And as long as this is possible, it is the short-term market that wins out in practice. Successful production is hardly the be all and end all of the design process. Instead design should be about integrating sustainable new developments into the run of events.

Within a blink of the all too brief design studies, my task is to cultivate exploring & studying: developing models as an iterative approach to making experimental links in order to test, analyse and consider the resulting interactions within appropriate contexts, and to vary and view the multiperspectival ramifications. A model can be an object or programme, a constellation or process, a format, a recipe, or also just a piece in a game.

The elegance of the circuits For design too, circuits have long been a major challenge. In order to develop and integrate new circuits synergistically into the existing ones – something which took nature hundreds of millions of years to achieve – maximum circumspection is required and a most sensitive attention to detail, transdisciplinary thinking and multiperspectival foresight, fantastic intelligence and super-alert experimentation. Our chance is to achieve a degree of elegance in the value added and application that, in view of its overarching cultural attractiveness, will prove capable of gradually dethroning the all-pervading “higher, faster, further” of our day.

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Models between idea and world For an experiment to be open-ended in terms of its outcome, a high degree of attention is required, a delight in interpretation and, not least, a sense of dedication to the potential quality which models can produce in that tension-rich field: models oscillate between that protective area in which they are still an idea, and the potency with which they already play a role in the world. Barrier tape is sometimes enough to create a space for experiments in the midst of prevailing routines – complementary to a laboratory cleanest-room plumb in the middle of everyday life, with all the richness of the respective context. Then a few rules are subtly shifted, throwing the classical juxtaposition of disciplines, enterprises, and thus also mindsets, into a fruitful confusion. In this way, models create spaces of possibilities. They also remain mutable, so that interim conclusions challenge us to turn short-circuits into longer life cycles.


Considering 47 models This publication presents 47 very different models developed in recent years in my project field at the Institute of Production and Process Development of the Berlin University of the Arts. This altogether subjective selection of examples has been made from a variety of objects and projects by different authors, at different stages of development, and involving different degrees of complexity. My observations attempt to be more than just a portrait of the respective model. They aim to make tangible the potential of experimental approaches with the help of the most varied modelling strategies.

Unheeded qualities I have sorted the models according to properties that I feel play a distinctive role in the respective process, intention or impact. This has given rise to eight chapters: tooling, delighting, tricking, neo-analogizing, concocting, shifting, cultivating and formatting. These considerations are thus a departure from the classical catalogue of design criteria and attempt to highlight perspectives that are seldom heeded in the process of finding and implementing ideas.

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The university as a space of possibilities The new types of projects described as formats in Chapter 8 (formatting) have been developed in collaborative experiments undertaken with colleagues and students at my university, as well as with numerous external partners. The interactions between the initiated project framework and the design process inspired by it facilitate and advance a dynamic process in the project that promotes and links an open-minded willingness to experience and discover, on both a small and a large scale. That is why a small Story Tail was able to inspire the wide-ranging research project Design Reaktor Berlin internally and externally; yet, without the latter’s strategy of cross-innovation, the Story Tail itself could not have emerged. This is also the way the interaction of the models described in this book is to be understood: as a lesson in its own right.

An in-between place In the course of all this exploration, however, the limits with which the new is confronted repeatedly make themselves felt. To make it easier for valuable models to advance to the next stage along the path into the world, a platform for development and value creation between the university and the world is needed, supplied of course in part by the market. This is a place where the models can branch out and mature in between the perspectives of the developers and the enablers, and put their integration potential to the test. That is my next model.


w e r k z e u g e n Im Herzen: fragen, suchen, träumen, wagen, teilen, anstecken, lächeln. Im Ärmel: Lupe, Bindfaden, Luftballon, Streich-Holz, Dietrich – und den Joker nicht vergessen. t o o l i n g In your heart: questioning, searching, dreaming, venturing, sharing, infecting, smiling. Up your sleeve: magnifying glass, string, balloon, match-stick, picklock – don’t forget the joker.

1 Zauberstab Anders als der Taktstock des Dirigenten, dem Zeigefinger um Längen vorauseilend, verweht der Schweif aus Haaren die spitze Präzision, zieht nach sich, umspielt, lockt, kitzelt. So bereichert dieser Zauberstab die Erwartung, alle Richtung vorzugeben um das Vertrauen auf sein bis in die Haarspitzen angeregtes Eigenleben, das der Magie in der Gestaltung ihren Raum lässt. magic wand Unlike the conductor’s baton, far superior to the forefinger, the tail of hair wafts the apt precision around, to follow in its path, swirling, enticing, tickling. To the expectation of reaching in all directions this magic wand adds confidence in a life of its own to the tips of its hair, leaving space for the magic inherent in the design. Liran Levi, Story Tail, Prototyp im Projekt / prototype for the project Design Reaktor Berlin, 2007

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2 Taschen-Feder  Eine entwaffnende Antithese, scharf und schnell wie das Lanzett, signalrot wie die Gefahr, bringt den Kampf zum Lachen, ehe die Feder überhaupt kitzeln kann. pocket feather  A disarming antithesis, sharp and slick as a lancet, signal red for danger, turning trouble into chuckle, before the feather can even begin to tickle. Matthias Gerber, Modell im Projekt / model for the project Rapid Balzing, 2012

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werkzeugen / tooling


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Zeug zu Werkzeug  Modelle als Gedicht. Flott und frech ist ihre Machart. Ungeahnt scharfsinnig ihr Gehalt. Eindeutig vieldeutig ihre Botschaft. Die Hände denken – und der Kopf spielt mit. loot to tool  Models as poetry. Made with panache and wit. Revealing unexpected subtlety. Communicating clarity and ambiguity. Hands think – the brain joins in. Julinka Ebhardt, Lene Fischer, Stephanie Hornig, Christ van Leest, Camilla Richter, Jörn Weidenmüller, Workshop Unconditional Tools im Projekt / in the project supersoft/knallhart – Exploring Alcantara, 2011 Workshopleitung / workshop direction: Jerszy Seymour

Freedom of Choice Tool

Air Mail

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Blow Your Mind Tool

Moon

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werkzeugen / tooling


Weapon

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Unconditional Tool Catalogue

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werkzeugen / tooling


Anti Dogmatic Hammer

Feed the Worlds Tool

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werkzeugen / tooling

Punkt, Punkt, Komma, Strich  In Nullkommanix ein Gesicht zeichnen kann jeder. Auch zum Heulen, Grinsen, Staunen bringt man es leicht – unser visuelles Abstraktionsvermögen sitzt ja tief. Geht es weiter in die Details, wird es dann schwieriger. Bis die Hand umsetzen kann, was die Augen sehen, braucht es viel Übung zwischen beiden. Bis der Stift uns dann aber auch zeigen kann, was die Augen sehen wollen, fordert es viel Mut und Fantasie. Warum nicht das Blatt noch unbeschrieben lassen und erst im Reichtum der Welt stöbern – um beispielsweise Pilze jeglicher Art und Unart sprießen zu lassen. Sogar Stinkesocken, Einmalhandschuhe, Brötchenhälften, Babysauger, Liebesperlen und Stecknadeln zaubern, aus ihrem angestammten Kontext befreit, durch findige Auslese und treffende Collage Gestalten hervor. Unser Klischee vom Pilz zur Hilfe nehmend, erzeugen sie eine Artenvielfalt, deren Eigenständigkeit und Charakter wie von Sinnen zu sein scheint. Zur einfachen Melodie vom Mondgesicht stimmt die Polyphonie der Materialskizzen eine phantastische Katzenmusik an.

dot, dot, comma, dash  Anyone can draw a face in a flash. Sobbing, smiling, gaping also as easy as pie – visual abstraction is a deep-rooted ability. But going into further detail becomes more difficult. It takes a lot of coordination practice until the hand can record what the eye sees. It takes a lot of courage and fantasy until the pencil can show what the eye would like to see. Why not leave the paper blank and rummage around in the real world – allowing mushrooms, edible and poisonous, to spring up all over the place, for example. Why not conjure up stinky socks, one-way gloves, half-eaten rolls, babies’ bottles, nonpareils, and pins from their normal context, and through a refined selection process make a cleverly collaged creation? Learning a lesson from our mushroom cliché, why not cultivate a biodiversity of species, unique and with character, as if out of their minds. The polyphony of the sketches sings a fantastic cacophony of material to the simple rhythm of “dot, dot, comma, dash…”. Workshop Pilze, im Projekt / in the project Alles Muss Raus?, 2012, Workshopleitung / workshop direction: Sarah Illenberger


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Utopie einer Geometrie  Die Faszination für die Geometrie treibt das utopische Versprechen, durch modellhafte Vereinfachung die verborgenen Zusammenhänge hinter den Dingen greifbar zu machen und Perspektiven möglicher Entwicklungen zu öffnen. Die spielerische Auseinandersetzung mit der Suche nach dem „was die Welt im Innersten zusammenhält“ durch das Aufschlüsseln komplexer Systematiken in greifbare Grundgeometrien hat hier zu einer Art geometrischer DNA geführt, aus der wiederum neue komplexe Systeme entstehen können. Mit diesen einfachsten Bauteilen, Zweiecken und Dreiecken aus Kunststofffolie, die an ihren Eckpunkten mit Druckknöpfen verbunden sind, werden komplexe mathe­ matische und geometrische Zusammenhänge auf einem haptischen Weg begreifbar, ein intuitives Denken mit den Händen wird möglich – komplementär zum verstandes­ betonten Befolgen einer linearen Logik. Es entsteht eine geheimnisvoll ornamentale Ästhetik der mathematisch begründeten Zusammenhänge.

Aus einer flachen, chaotisch wirkenden Verbindung von Teilen entsteht durch Drehung ein präziser Fünfstern, der mit weiterer Drehung in ein Zehneck übergeht. Durch geschicktes Aufrichten der Teile bildet sich ein Körper, der über den Dodekaeder zum Vortex wird.

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werkzeugen / tooling

A precise pentagon is made up of flat parts combined in an apparently chaotic manner, simply through positioning at different angles. A further twist creates a decahedron. The parts are then adeptly turned to make a construction that becomes a vortex via a dodecahedron.

utopia of geometry  The fascination of geometry fuels the utopian promise of capturing the hidden connections behind things, of opening up new perspectives on possible developments by making simplified models. This playful approach to the search for “what inherently holds the world together” by breaking down complex systematics into tangible basic geometries, has led to a kind of geometric DNA, from which new complex systems can arise in their turn. Using the simplest components, such as digons and triangles made from a sheet of plastic with press-fastened corners, complex mathematical and geometric interconnections can be grasped, allowing hands-on intuitive thinking – intellectually complementary to the strict following of linear logic. A mysterious ornamental aesthetic of mathematically based relationships becomes manifest. Josua Putzke, Modell-Experimente im Diplomprojekt / model experiments in the diploma project Utopie einer Geometrie, 2013


Bei diesem Modell folgt die Struktur einer konsequenten Systematik. Aus einer statischen Rohrkonstruktion entwachsen aufgeworfene Sattelflächen, die ihre Spannungen dynamisch auffächern. Sie zeigen die Systematik, mit der ein Zuwachs von Elementen in jeder weiteren zirkulären Ebene Flächenwölbungen entstehen lässt. In this model the structure is based on a constant systematic principle. Saddle shapes with an expanding dynamic are created out of static tube constructions. They demonstrate the system, whereby an increase in the number of elements in each successive circular plane leads to curvature of the surfaces.

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e n t z ü c k e n Einen Reiz aus dem Verborgenen gelockt und ins Leben gerufen. d e l i g h t i n g Bringing the allure of the hidden into the light of day.

naked Umgraben und Langfingern in tiefen, schlappen Stadtrucksäcken ist eine alte Leier, die durch hyperfunktionale Zergliederung in Außen-, Seiten- und Innentaschen oft nur vielstrophiger geworden ist. Das gute Ende findet sich sowieso immer erst zuletzt. So wurde hier durch ein großmaschig selbststützendes 3D-Gestrick endlich mal Luft rein- und Licht rausgelassen und für das unendlich verstellbare, meist umherbaumelnde Gegurte sinnfälliger Einsatz an anderer Stelle gefunden (siehe S. 22). naked Poking around or fingering nimbly in deep sagging city rucksacks is an old story, which has merely gathered ever more chapters in the wake of super-functional compartmentalization into outside, side and inside pockets. The best is always the end. And so here, a wide-meshed self-supporting 3D knitted fabric lets air in and light out at last, allowing the infinitely adjustable strap, usually left to dangle, to serve a better purpose elsewhere (seep. 22).

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Michel Giesbrecht, Matruschkas & Eierschalen, Diplomprojekt / diploma project 2012

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2 Sichtbar machen  Langsame Verände­ rungen entgehen allen Sinnen. Der berühmtberüchtigte Froschversuch im Kochtopf warnt vor der Macht der Gewohnheit. Nur in zeitgerafften Filmen türmen sich die Wolken, sprießen Keime, schauen Blüten der Sonne hinterher, was sich sonst auch mit viel Geduld nicht beobachten lässt. Auf der Suche nach Modellen der Langsamkeit überrascht die stetige Sprengkraft des Dickenwachstums, die den Baum schon nach ein paar Tagen siegreich aus dem Konflikt mit einem Ring aus Gips hervorkommen lässt. making visible  Slow changes go unnoticed by all the senses. The notorious boiling frog story – according to legend a slowly heated frog will not jump out of the saucepan – is a warning against the power of habit. However patiently they are observed, it is only in quick motion film sequences that clouds can pile up, shoots germinate, blossoms turn towards the sun. In search of models of such gradualness, the continuous force of the growth in the trunk’s girth allows the tree to gain the upper hand in its struggle with a ring of plaster within a couple of days. Michel Giesbrecht, Franziska Lutze, David Olbrich, Camilla Richter, Max Schäth, Lisa Weiss, Experiment im Atelierprojekt / experiment in the studio project Brasilia Walden, 2009

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entzücken / delighting


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Ich sehe was, was Du nicht siehst  Um das Wesen des Lichts wurde ein zäher Streit ob nun Welle oder Teilchen geführt, den die Quantenphysik zumindest für Eingeweihte mit dem Begriff des Komplementären, des sich gegenseitig Bedingenden für beendet erklärt hat. Das Wellenmodell hat also nicht an Gültigkeit verloren und kann zauberhaft mit zwei für das Auge durch­ sichtigen Polfiltern veranschaulicht werden, wenn beide zueinander verdreht das polarisierte Licht des jeweils anderen mit ihren engen Streifenmustern verschlucken und dunkel werden. Diesen Effekt nutzen handelsübliche Flachbildschirme, indem ihre zwischen Polfilterfolien gelagerten Flüssigkeitskristalle die polarisierten Wellen wieder verdrehen und am nachfolgenden Muster vorbeilenken – der Bildschirm scheint hell. Doch durch Informationen vom Rechner können die einzelnen Kristalle so ausgerichtet werden, dass sie ihre ablenkende Wirkung verlieren – die Wellen werden absorbiert und der Bildschirm ist an diesen Pixeln so dunkel wie dieser Punkt. Wird dieses überaus erfolgreiche Zusammenspiel durch das Entfernen der äußeren Polfilterfolie manipuliert, bleibt der Bildschirm oder auch seine Projektion an die Wand hell. Das Licht ist aber weiterhin voller Informationen, die erst sichtbar werden, wenn ein zweiter Polfilter wieder ins Spiel kommt. Als Brille aufgesetzt, sehe ich, was Du nicht siehst. Dass ein solcher Trick im von Displays überfluteten Alltag so naheliegend im Verborgenen blieb, entzückte selbst die Experten. Welcher Sinn und Unsinn sich damit nun anstellen lässt, werden die nächsten Entwicklungsschritte zeigen.

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I spy with my little eye something that you can’t see  The debate about the nature of light in terms of particles versus wave was resolved in quantum physics, at least for the initiated, by the concept of complementary particle-wave duality. So the wave model has not lost its credibility and can be observed by looking through transparent polarizing filters. When these are turned to one another, the one absorbs the polarized light of the other with its narrow striped pattern and goes dark. This effect can be achieved with commercially available flat screens. Their liquid crystals, placed between polarizing filter foil, turn the polarized light again, guiding it past the subsequent pattern – and so the screen appears lit. But the crystals can be modified by information from the computer so that they lose this capacity to divert the light – the waves are absorbed and the screen and the pixels are dark like this dot. If this successful interaction is manipulated by removing the outer polarizing filter, the screen or its projection on the wall remains lit. But the light is still full of information that only becomes visible when the second polarizing filter comes into play again. Through this, I can spy with my little eye something that you can’t see. That such tricks necessarily remain hidden in a world overwhelmed by displays delights even the experts. For what sense and nonsense they can be used remains to be seen. Magdalene Fischer, Experimentelle Installation im Rahmen der Diplomarbeit / experimental installation for her diploma thesis Clair obscur, 2013


Design frisiert  Design hat die Staub­ sauger aus ihrem jahrelangen Einerlei befreit und schickt sie in zwei grundverschiedene Richtungen – als bodyminded Muskelprotze, die selbst in der Besenkammer vor Potenz nur so strotzen oder als quasi intelligente Robots, die auf rätselhaft-chaotischen Routen gemächlich Jagd auf Staubmäuse machen. Dabei vermag es zwar ihr Scharfsinn, jedem Stuhlbein auszuweichen, nicht aber unseren stolpernden Beinen, die diesen grauen Mäusen keine Beachtung schenken wollen. Zuge­ geben, kurzfristige Abhilfe könnte eine Verquickung beider Strategien schaffen, die hier augenscheinlich hochflortauglich auffrisiert, eine Nische auszuputzen verspricht.

tuning  Design has liberated the carpetsweeper from years of drabness and sent it in two fundamentally different directions – as a body-minded muscleman, bursting with power even in the broom-cupboard, or as a quasi-intelligent robot, sedately chasing after dust bunnies on curiously chaotic routes. The robot-type may have the ability to swerve around every chair leg, but not to avoid our own stumbling legs, which fail to see these grey plain Janes. True, this blip could quickly be ameliorated by combining the two strategies, resulting in a dolled-up dab-handat-the-deep-pile model, promising to sweep out a niche. Jonas Darley, Puck, Prototyp im Projekt / prototype in the project Rapid Clean-Up, 2012

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entzücken / delighting


Ein Tropfen Musik  Der Tropfen Musik lag in unserer Hand – lange vor der großen Cloud, die ihn hätte herausregnen können. In der gerade noch fassbaren Miniaturisierung einer Apparatur sind viele Stunden Musik zu jener Form kondensiert, die seit Menschengedenken zu den Kleinsten zählt. Patentiert und preisgekrönt vernetzte sich der Music Drop mit den Blogs dieser Welt und wurde zum Insignium des Design Reaktor Berlin, kam aber doch nie wirklich auf den Markt. So mischt sich eine Träne der Trauer mit der Freude über die ungeheure Wirkungsmacht eines winzigen Prototyps, der als Objekt der Begierde weltweit für Neugier auf den Design Reaktor sorgte. music drop  A drop of music lay in the palm of our hands – well ahead of the big cloud that could have sent it earthwards. In a just still tangible reduction of an appliance to a miniature scale, many hours of music are condensed to the smallest mode ever conceivable. The patented award-winning Music Drop went on to network with all the world’s blogs and became a symbol of the Design Reaktor Berlin, but it has never been marketed commercially. So a teardrop of sadness is mixed with our joy at the enormous influence of this tiny prototype, which, as an object of desire, has promoted curiosity about the Design Reaktor worldwide. Noa Lerner, Music Drop, Prototyp im Projekt / prototype in the project Design Reaktor Berlin, 2007

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Nicht sauber, sondern rein Strahlend weiße Wäsche über grünen Wiesen sind eine Seltenheit. Sie drängelt sich meistens auf klapp- oder ausziehbaren Ständern in der letzten Ecke der 2-Raum-Wohnung oder verdampft energiereich im Wäschetrockner. Auf der Suche nach dem ultimativen Kniff für platzsparendes Trocknen kommt hier eine raumgreifende Inszenierung auf die Bühne, die sicher nicht alle Fragen des praktischen Haushalts lösen will, sondern den Textilien ihr eigenartiges Figurenspiel verleiht, die dort so gerne und so lange warten, bis sie wieder angezogen werden. Apropos Platzökonomie – den Wäscheschrank kann man sich sparen.

purely clean  Brilliantly white washing hanging above green lawns has become an unusual sight. More often it jostles for position in any spare corner of a 2-roomed flat, flung on foldout or pull-out drying racks, or vaporizing while gobbling up energy in the drier. The search is on for the ultimate widget for a space-saving method of drying clothes. A spatially demanding installation, while not aimed at solving all questions in practical housework, allows textiles to unfold their shapes in a unique act, waiting happily for as long as it takes for them to be put on again. Apropos space-saving – you can do away with your clothes cupboard. Tine Huhn, Experiment im Diplomprojekt / experiment for the diploma project Laundry, 2012

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t r i c k s e n Der Trick verhilft einem schier unbeweglichen Vorhaben mit einem kleinen Kitzel zum Höhenflug. t r i c k i n g The trick turns an apparently immobile venture into a high-flyer with just a little twist.

1 Gelenk-Muster Mikrofasern ermöglichen durch innige Verfilzung eine Textilqualität, die auch in dünnste Streifen geteilt extrem reißfest bleibt, anders als Gewebe, Folien oder Leder. Mittels Laser lassen sich feinste Geometrien schneiden und anschließend zu Stabformen aufrollen, die auch großen Zug-, Druck-, Biegungs- Torsions- und Schwingungskräften durch fantastisch elastische Verformungen dauerhaft Folge leisten können. Die Gestaltung der Schnittmuster ermöglicht das exakte Einstellen, die Elastizitätsmodule für Streckung oder Stauchung, Verdrehung oder Verbiegung sowie ihrer trickreichen Kombinationen. Eine belastbare technische Weiterentwicklung steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. bonding pattern Unlike other woven materials, foils or leather, the density of micro fibres gives them shear strength, even as the thinnest of strips. Using a laser it is possible to cut filigree geometric patterns and to roll these into tubular shapes that can sustain the impact of being stretched, pushed, bent, twisted or vibrated by undergoing fantasticelastic deformations. The design of the cut pattern enables the degree of malleability to be precisely adjusted to withstand stretching, pushing, bending or twisting, or a combination of these. However, sustainable further technical development is still in its infancy. Ulf Brauner, alcantaraceae flectens, prototypisches Verfahren im Projekt / prototypical mechanism in the project supersoft/knallhart – Exploring Alcantara, 2011

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tricksen / tricking


Großzeller  Um Leichtigkeit mit Steifigkeit zu verknüpfen, gelingt es immer trickreicher, schwere Ausgangsmaterialen wie Metalle, Kunststoffe und Mineralien zum Schäumen zu bringen. Die innere Struktur dieser kleinzelligen Schäume bleibt meist verdeckt, sie wäre auch zu unansehnlich und rau für nutzbare Oberflächen. Welche Möglichkeiten aber in einer großzellularen Struktur stecken, die die Konstruktion gleich mitgestaltet, versuchte ein Experiment herauszuspielen, in dem die Luft nicht direkt ins flüssige Material eingeblasen, sondern zunächst in bunten Ballons gefangen war. In frisch angerührten Gips getaucht, entstand aus dieser neuartigen Dispersion eine phantastische Struktur. Die sich anschmiegenden Grenzflächen der großen Blasen erzeugen jedoch so messerscharfe Kanten, dass es eines noch künftigen Tricks bedarf, um ihren praktischen Einsatz weiterzuverfolgen.

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large-cell structure  To combine lightness with rigidity, it is becoming increasingly possible, with the help of a few tricks, to cause initially heavy materials like metal, plastics and minerals to foam. The inner structure of these small-cell foams is usually hidden – otherwise they would not look nice or be usable as surfaces. The potential of a large-cell structure, and its direct influence on the design of a construction, was investigated in an experiment. Instead of being blown directly into the liquid substance, the air was first captured in party balloons. These were dipped in freshly mixed plaster, creating a new kind of dispersion from which a fantastic structure could emerge. Unfortunately, the connecting surfaces of the big bubbles are very sharp-edged, so a few more tricks will be necessary before this process can be put to practical use. Jörg Höltje, Experiment im Atelierprojekt / experiment in the studio project Studio Hausen, 2009


3 Gespitzer Stein  Um das Symbol des ökologischen Fußabdrucks auf einen praktischen Punkt zu bringen, stellt sich eine klassische Gehwegplatte auf die Zehenspitzen und bringt uns spielend bei ihr nachzueifern. So entführt sie uns raffiniert in die seltenen urbanen Brachen, die gestern noch fleckigen Matratzen wie türlosen Kühlschränken als Abwurfstelle dienten und jetzt vom Aussterben bedroht sind. Und schon sind wir zu Gast im Schauspiel einer Schar von Urgestalten und Pionieren, die immer dort ihrer Natur nachgehen, wo der Mensch nicht hinlangt. pointed stone  To make a practical point with the symbol of an ecological footprint, a classical pedestrian paving stone stands on tiptoes, encouraging us to playfully follow suit. It cleverly entices us into strange urban wastelands, used only yesterday to deposit still-soiled mattresses and door-less fridges, but now threatened with extinction. So we become guests in a theatre play performed by a host of primeval beings and pioneers, who have always followed their instincts where others do not dare to tread. Max Schäth, Diplomprojekt / diploma project Brückenstein, 2012

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Schaum schlägt Stahl PU-Schaum aus der Sprühdose wächst – einmal ins Freie gelassen – in der Vervielfachung seines Volumens zu unansehnlichen Ungetümen. In eine textile Hülle gesprüht, lassen sich aber gebrauchstüchtige Körper züchten, deren Form, Funktion und Charakter durch Stofflichkeit und Schnittmuster dirigiert wird. Inspiriert durch das preisgünstige Herstellungsverfahren einer Luftmatratze wurde hier in Folge einer bunten Schar von Experimenten mit elastischen oder porösen, näh- oder schweißbaren Stoffen eine LowTech-Alternative zum teuren Gas-InjectionMoulding entwickelt. Ohne aufwändige Spritzgussformen aus Stahl lassen sich durch geschickte Stoffzuschnitte vielseitig geformte Körper auch in kleinsten Serien produzieren – und die textile Oberfläche wird gleich mitgeliefert. Bemerkenswert, dass ein Chemiegigant erst durch diesen Prototyp wieder seine Forschungen aus den 60er Jahren aufgriff, die mangels Nutzungskonzepten in den Schubladen der Wissenschaftler schlummerten. Ein Beispiel dafür, wie wenig die Relevanz von Design im Zusammenspiel mit der Grundlagen- und Anwendungsforschung bislang ausgelotet ist.

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foam beats steel  PU foam from a spray-can expands – once released into the air – to several times its volume, forming ungainly monstrosities. Sprayed into a textile mould, however, usable forms can be evolved and their shape, function and character determined by variations in the state of the substance and by templates. Inspired by the cheap way of producing an inflatable mattress, a wide-ranging series of experiments were made to develop a low-tech alternative to gas-injection-moulding, using elastic or porous substances that can be sewn or welded. Without the need for elaborate injection moulds made of steel, it is possible to make a variety of shaped objects by judiciously cutting the textiles. The production-run can be very small – and the textile surface is already part of the product! It is worth remarking that a chemical giant was prompted by this prototype to review research from the sixties that had been languishing in a drawer for want of a practical application. This just goes to show how little design has been exploited to date for application to basic and applied research. Joscha Brose, Diplomprojekt / diploma project making objects with a flexible mould, 2009


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geperlt, nicht genäht Mikrofasern sind viel zu fein, um nass zu werden. Stattdessen reizen sie das Wasser, sich zu Tropfen zusammenzuziehen und abzuperlen. Diese Hydrophobie lässt sich nutzen, um textile Lagen mit einem gehörigen Tropfen Schmelzkleber nicht nur chemisch, sondern auch formschlüssig zu verbinden. Durch eine feine Perforation der Lagen drückt sich der noch flüssige Klebstoff und steift außen zu einem Ornament aus Perlen, die den Verbund unzertrennlich werden lassen. Das Kleben wird so vom billigen zum preiswerten Trick, der Haltbarkeit und Attraktivität für eine Vielzahl von Anwendungen verbindet.

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tricksen / tricking

beaded instead of stitched  Micro fibres are so thin that they don’t get wet. Instead, they provoke the water into forming droplets and beads. This hydrophobia can be used to bond textile plies with a substantial drop of melted glue, not only chemically but also as a form-fit. The glue is pushed through fine perforations in the ply while still liquid and it then sets on the outside to form an ornament of beads, creating an unbreakable bond. And so gluing is not just a cheap but a valuable trick, combining durability with attractiveness for a variety of applications. Milena Kling, Bond, prototypisches Verfahren im Projekt / prototypical mechanism in the project supersoft/knallhart – Exploring Alcantara, 2011


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tricksen / tricking


Anschlag in Mitte  Alle Jahre wieder zeigen sich die 100 Beste Plakate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einer jeweils neu zu gestaltenden Ausstellung in einer musealen Location. Wir fanden, Plakate gehören an die frische Luft und platzierten sie im Zentrum Berlins an die große Stahlwand-Skulptur im Spreebogen. Das klingt treffend und einfach, gelang aber erst mit einem Trick, mit dem wir auch die heftigsten Bedenkenträger unter den Denkmalschützern überraschend auf unsere Seite ziehen konnten: Wir kaschierten die Plakate auf Blechtafeln und befestigten diese mit rückseitigen Magneten an den Wänden.

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Stick no bills!  Every year the 100 best posters from Germany, Austria and Switzerland are shown at a museum location, which each time requires a new exhibition design. We thought that posters belong in the fresh air and placed them in the centre of Berlin on the large sculpture with steel sides in the Spreebogen. That sounds apt and easy, but it could only be achieved with a trick by which we surprisingly managed to get the most sceptical city administrators on our side: we laminated the posters onto sheet metal and fastened these with magnets to the steel walls.

Felipe Ascacibar, Jan-Patric Metzger, Rea Naber, Davide Siciliano, Anna von Zander, Ausstellungsprojekt / exhibition project 100 Beste Plakate, 2006


n e o a n a l o g i s i e r e n Das Digitale wurde populär, als es vom Analogen die Begreifbarkeit gelernt hatte. Jetzt lehrt es dem Analogen smartes Benehmen. n e o - a n a l o g i z i n g The digital became popular, when it adopted a hands-on approach from the analogue. Now it teaches the analogue how to behave smartly.

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Finden ohne Suchen Speed-Dating verquickt zuweilen auch Paare, deren ungleiche Partner sich sonst nie über den Weg trauen würden. Das wollten wir zur Hochzeit von Analogem und Digitalem schamlos nutzen und konstruierten ein Glücksrad, das einen Kreis von Alltagsdingen wie Schere, Becher und Gummiband, Brille, Papierknäuel und Frühstücksei mit Projektionen von Begriffen aus der digitalen Welt wie drag&drop, copy&paste, apfel+Z und w-lan bespielen sollte. Welch ein Glück, dass „progressbar“ den Teebeutel erleuchtete! So wurde Temae gezeugt, ein Teebeutel, der anzeigt, wie lange der Tee schon zieht – und damit nur nützlich verknüpft, was ohnehin schon vorhanden ist: heißes Wasser, Kapillarwirkung, Etikett. Die Teeindustrie wunderte sich, wie eine junge Studentin eine solch elegante Lösung findet, nach der seit Jahrzehnten in der Convenience-Forschung gesucht wurde – und lässt das Patent bislang in der Schublade schmoren. Wo Bruchteile von Cents über die Listung in den Sortimenten der Discounter und schließlich über die heiß umkämpfte Positionierung in Augen- und Greifhöhe in ihren Regalen entscheiden, regieren die Interessen der Big Player über die Investition in die Entwicklung neuer Qualitäten.

finding without seeking Speed-dating sometimes pairs up unlikely partners, who would otherwise not even trust each other on their way. This gave us the idea of shamelessly marrying the analogue and the digital. We constructed a wheel of fortune which projects terms from the digital world, such as drag&drop, copy&paste, apfel+Z and w-lan, onto everyday objects like scissors, mugs, elastic bands, spectacles, crumpled balls of paper and breakfast eggs. How fortunate that the “progress bar” illuminated a teabag! And so Temae came into being, a teabag that indicates how long the tea has brewed – and thus interconnects what is available anyway – hot water, capillary action, label. The tea industry was surprised that a young female student should find such an elegant solution to a problem that Convenience Research has been addressing for decades – but has left the patent idling in the drawer, to date. When a fraction of a cent is decisive for being included in the product range of a discount store and winning the hotly contested prize position at eye level on the shelf, the interests of the Big Players rule over investment in the development of new innovative properties. Janja Maidl, Temae, Prototyp im Projekt / prototype in the project Design Reaktor Berlin, 2007

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Geschichten knüpfen  Das Bilderverbot hat der Welt einen unermesslichen Reichtum an Ornamenten beschert, deren hochent­ wickelte Symbolsprache in unseren Breiten in der Bedeutungslosigkeit dekorativer Muster ihre Popularisierung gefunden hat. Besonders ahnungslos werden die meist in indischen Sweatshops geknüpften Perser im schon Jahrzehnte währenden und schier unermüdlichen Schlussverkauf der OrientTeppichläden mit Füßen getreten. Ursprünglich wurden in ihre Ornamentik die Zugehörigkeit zur Sippe, die Schlüsselmomente der Familiengeschichte und die Symbole für Glück, Wohlstand und Hoffnung eingewebt, vom Zentrum aus zum Rand hin lesbar. Heute entscheiden Größe, Farbe und Preisvorteil aus der quälend großen Auswahl, selten eine Spur Mysterium. Der individuell gefertigte Teppich als wertvoller Träger der persönlichen oder familiären Geschichte dient hier im Modell als Vorbild für ein Customizing-Konzept, das an die noch seltenen Qualitäten des Slow-Design anknüpft. Mit einer sächsischen Teppichmanufaktur wurde eine spezielle Rezeptur für die klassische Rutenweberei entwickelt. Die Zutaten sind nichts als rotes und weißes Garn, ihr mustererzeugendes Wechselspiel wird durch Schlinge und Flor weiter differenziert, gesteuert von den für jeden Teppich gelochten Jacquard-Karten. Diese sind die Überträger der eigentlichen Information, die mit dem Teppich verwebt wird. Die Dimension, Konstellation und Folge der Symbole und damit die eigentliche Erscheinung der Geschichte wird in der Auswertung eines ausführlichen Interviews zur Herkunft und Zukunft des Kunden entwickelt. Damit wird eine Intensität auf den Teppich gebracht, der jenseits von üblichen Customizing-Konfiguratoren eine Art gemeinsame Identitäts- und Wertschöpfung gelingt.

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weaving stories  Iconoclasm bestowed a vast wealth of ornamentation on the world: a highly developed symbolic idiom that has become popularized in our latitudes as meaningless decorative pattern. Mostly made in Indian sweatshops, Persian carpets have been thoughtlessly trodden on through the decades in the never-ending sales at oriental carpet shops. Originally, clan membership, key moments in family history and symbols of happiness, hope and prosperity would be woven into the ornamental pattern. These were to be read from the centre outwards toward the margins. Today, decision-making in the face of such a huge choice of wares is rarely guided by a sense of mystery, but rather size, colour and value for money. The bespoke carpet as a valuable repository of personal or family history serves here as a model for a Customizing Concept that is indebted to the still rare qualities of Slow Design. A special formula for classical pile wire weaving was developed with a carpet manufacturer in Saxony. The ingredients are nothing more than red and white yarn. Their pattern-creating interplay is further differentiated by way of loops and pile, controlled by punched Jacquard cards. These are especially prepared for each carpet and are the real transporters of the basic information captured in the weave. The ultimate manifestation of a specific history, as expressed in the dimensions, constellation and sequence of the symbols, is developed by evaluating an in-depth interview about the client’s origins and future prospects. A level of intensity is brought to the carpet that amounts to a special kind of mutual identity and creation of value, going way beyond the usual customizing configurations. Maren Bönsch, Diplomprojekt / diploma project Niem, 2012

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Jingle-Knitting  Die Berliner S- und U-Bahnen bieten den Wohnungslosen im Winter eine willkommene Grundwärme. Das Fahrgeld wird durch allerlei Litanei eingespielt, der auch unter Kopfhörern kaum zu entkommen ist. Anstatt den Pegel weiter aufzudrehen, packten zwei Studentinnen dieses Phänomen bei der Wurzel: Sie nahmen diese Klagelaute auf, verwandelten die Frequenzen in Steuersignale, mit denen sie auf einer digital manipulierten Strickmaschine entsprechend gemusterte Schals, Mützen und Westen strickten und die erstaunten Poeten wärmstens beschenkten. Damit war das Mass-Customizing-Konzept Trikoton geboren, das sich zum vielfach prämierten Start-up entwickelte. Dass die gehackte Stricklisel da nicht mithalten sollte, war eingeplant: eine Hightech-Strickerei in Apolda, Thüringen wurde in den Datenstrom eingebunden und erledigte die Arbeit just-in-time. Fortan sangen Heerscharen ihre Liebesund Lieblingssongs auf die eigens programmierte Web-Plattform und erhielten post­ wendend ihre Stricksache ins warme Heim. jingle-knitting  The Berlin overland and underground railways provide basic warmth for the grateful homeless in winter. The fare is earned through all kinds of litanies that are hard to ignore – even with headphones on. Instead of turning up the volume, two students decided to grab the bull by the horns: they recorded these mendicant refrains, then transformed the frequencies into control signals which were used to create correlated patterned creations on a digitally controlled knitting machine. The ornamental scarves, caps and vests were then presented to the astonished poets with warmest greetings. The Mass-Customizing-Concept Trikoton was thus born, and developed into a multiprize-winning Start-Up. The hacked knitting Jenny was superseded, as had been the intention all along: the data flow was sent to a high-tech knitting mill in Apolda, Thuringia, which finished the work just-in-time. From then on, whole armies of clients sang their love songs on a specially designed web-platform and received their bespoke knits in the warmth of their own home by return of post. Magdalena Kohler, Hanna Wiesener, Trikoton, Start-up im Projekt / Start-Up in the project Design Reaktor Berlin, 2007–2012

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Da musst Du lange für stricken …  Ein Objekt, das dieser Redensart alle Ehre erweist und mit dem Kuckuck um den angestammten Platz an der Wand wetteifert. Eine haushaltsübliche, gehackte Rundstrickmaschine, ausgestattet mit exakt 48 Nadeln, bekommt halbstündlich eine Masche zu knüpfen. So strickt sich in 24 Stunden eine Reihe, in der Woche drei Finger breit und im Monat November eine Stulpe. Erstaunlich die Windeseile, mit der diese Uhr der Langsamkeit im Web um die Welt gekreist ist. Dann wiederum ließ sie sich 3 Jahre Zeit, um als Produkt auf den Markt zu kommen – gut Ding will Weile haben.

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Rome wasn’t knitted in a day  An object that honours this saying and competes with the cuckoo clock for its place on the wall. A normal hacked household circular knitting machine, complete with exactly 48 needles, makes a stitch every half hour. So it takes 24 hours to finish a row, one week for the width of three fingers and one month for a legwarmer. It is amazing with what speed this slow time clock circled the world-wide-web. But then it took three whole years for the product to be marketed – Rome wasn’t built in a day. Siren Elise Wilhelmsen, Diplomprojekt / diploma project alles zählt, 2010

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aus(sen)atmen  Im Tanz verbinden sich Körper und Raum. Tänzer durchmessen, loten aus, bilden den Raum. Was geschieht, wenn der Raum selbst aktiviert wird, auf den tanzenden Körper reagiert, wächst, schrumpft, ausweicht und nahe kommt? Wenn also Körper und Raum interaktiviert sind? Herzschlag und Atemfrequenz des tanzenden Körpers steuern hier über Funk die Luftzufuhr der raumbildenden Folien­ blasen, blähen sie auf und lassen sie in sich zusammensinken. So findet der Körper sich in der Landschaft seines Atmens wieder, dem Tänzer begegnet sein Körper von Außen. Die fliegend leichte Malerfolie folgt auch dem leisesten Luftzug einer Umkreisung und weicht dem Hauch einer Annäherung, bis ihre statische Aufladung die Verbindung zum Körper sucht, ihn nur zögerlich wieder freigibt und von neuem anlockt. Ein hochsensibles Spiel zwischen Körper und Raum, dem schon Andeutungen, ja auch Gedanken genügen, um Akteure wie Anwesende mit dessen wechselwirkender Gestik zu faszinieren. Selten konnte Malerfolie ihre im Alltag oft lästigen Eigenschaften so qualitätsvoll ins Spiel bringen. Und viel zu selten noch lernt das Design vom Tanz das Spiel in der Welt.

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Amelie Hinrichsen, Diplomprojekt / diploma project Körper im Raum, 2012

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breathing out(side)  In dance, body and surroundings are interconnected. Dancers check out the dimensions, explore them and recreate the space. What happens if this space itself is activated, reacting to the dancing bodies by growing, shrinking, withdrawing or coming closer? When the body and space become interactive? The heartbeat and respiratory rate of dancing bodies control the input of air into balloon-like plastic bubbles by wireless transmission, blowing them up or causing them to deflate. And so the body finds itself in a landscape that is an embodiment of its own breath, the dancers encountering their own bodies quasi from outside. The floating, light plastic sheeting alters its orbit in response to even the slightest breath of air and is deflected by any hint of rapprochement, until the balloon-like object is welded to the body by its static charge, reluctantly lets go again, only to seek to become reattached. A highly sensitive interplay of body and space that only requires minimal hints, indeed just thoughts, for actors and audience alike to become spellbound by the interactive gestures. It is rare for this usually rather ungainly sheeting material to unfold its qualities with such panache. And design could certainly learn more from dance about playing in the world.


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ausgedruckt staunten wir über den Duktus, der aus den virtuellen Ereignissen in die Realität hinübergerettet wurde. Beim nächsten Mal luden wir dann gleich Tänzer mit ein, um der haltlosen Hand beizubringen, dass sie den ganzen Körper mit einsetzen kann.

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sketching in space  Die Cave zählt zu den seltenen Arten von Käfigen, die nicht ein-, sondern aufsperren. Mittels rechnerge­ stützter Kombination von Projektions- und Tracking-Technik wird dort ein virtueller Raum erzeugt, der mir eine Realität vorspielt, die ich durch digitale Tools beliebig mani­ pulieren kann. In dieser 3 × 3 × 3-Meter-3D-Umgebung lassen sich beispielsweise freihändig mit einem digitalen Tool, das sich auf Klick vom Pinsel zum Quast und weiter zur Rakel verwandeln lässt, Skizzen in die Welt malen, die ich umwandern, staunend durchlaufen oder auch von der Decke auf den Boden holen und von dort in die Ecke fegen kann – verfeinern, verzerren, verfärben, weg-xsen sowieso. Dem unglaublichen Vorteil im Angesicht des Maßstabs 1:1 ein dreidimensionales Gebilde zu schaffen steht der ungewohnte Nachteil gegenüber, plötzlich alle Freiheitsgrade zu haben und mit Immateriellem, Ungreifbarem, Schwerelosem und völlig Beliebigem konfrontiert zu sein. So ist die Hand, die das digitale Werkzeug führt, ohne jeglichen Widerstand (forced feedback) und fabriziert eher schwindeliges Probieren statt gewollter Ausführung. Es wird noch dauern, bis die Technik soweit ist, dass wir Gegenstände oder Materialien, die mit ihren entsprechenden Qualitäten von Schwere, Stabilität, Bieg­ samkeit und Zerbrechlichkeit ausgestattet sind, aus einer digitalen Bibliothek in die Cave einladen können, um mit ihnen zu arbeiten. Als realen Ankerpunkt hängten wir eine nackte Glühbirne in die Cave und umschwirrten sie wie Fliegen. Abgespeichert, im CAD überarbeitet und mit dem 3D-Printer

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sketching in space  The cave is one of those unusual kinds of cages that do not lock up, but unlock. A computer-coordinated projection and tracking technique creates a virtual space that presents me with a reality, which I can manipulate using digital tools. In this 3 × 3 × 3 metre 3D environment it is possible to draw sketches freehand in space with a tool that at one click transforms from a paintbrush to a broad brush to a squeegee. I skirt around the sketches, walk through them in amazement or bring them from the ceiling down to the ground and sweep them from there into a corner – refining, distorting, altering the colours, and of course, deleting. The incredible advantage of being able to create a three-dimensional form as a one-to-one copy is balanced by the unaccustomed disadvantage of limitless degrees of freedom – a confrontation with the immaterial, the intangible, the weightless and the completely arbitrary. For the hand that guides the digital tool does not experience any forced feedback and tends to fabricate mind-boggling test-runs rather than purposeful trails. It will take time for this technique to be so well developed for us to be able to download into the cave objects or materials from a digital library complete with their respective properties, such as weight, stability, pliability, and fragility. We hung a naked light bulb in the cave as a real reference point around which we buzzed like flies. We were amazed by the ductus, which we stored, edited with CAD and printed out on a 3D printer: a record of rescued virtual events exported into the real world. The next time, we invited a dancer to teach the floundering hand to deploy the whole body. Manuel Telschow, Pedellight, Playtest im Projekt / playtest in the project Sketching in Space, Workshop im Rahmen der Campus-Kollisionen am / workshop as part of the Campus-Collisions at the Fraunhofer IPK Berlin, Workshopleitung / workshop direction: Christian Zöllner und / and Johann Habakuk Israel, 2011.


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v e r f i n d e n Wer sucht und nicht findet muss erfinden. Oder auch verfinden, ein forsches Aushecken, das unkonventionell mit unerlaubten Methoden in fremden Bereichen riskant agiert. c o n c o c t i n g He who seeks and doesn’t find must invent. Or else dare to be unconventional and, by illicit means, concoct and contrive in unfamiliar fields.

1 Vor-Ort entwerfen Durch die Gießerei bimmelt die schön dumme Designerfrage, die sich am Rechner oder auch am Schmelztiegel kaum stellt: warum nicht Formsand, der im klassischen Metallguss die Schmelze in Form bringt, selbst zum Produkt avancieren kann. Umdenken gelungen: Positiv wird Negativ und erzeugt Positiv. Verlorene Form wird gewonnene Form. Kaltverformung in der Gießerei – nicht gerade alltäglich. Und so vergänglich wie das Rauchen. Aus Sinn für Unsinn wird Sinn. designing on-site The silly designer question resounding through the foundry is scarcely one that would arise at a computer or a melting pot: why not let the modelling sand that shapes the molten mass in classical metal casting become a product in its own right? Mind-set switched: positive becomes negative producing positive. Lost form becomes gained form. Cold moulding at the foundry – not exactly an everyday scenario. And as transient as smoke. A sense for nonsense makes sense. Jakob Diezinger, Dune, Serienprodukt aus dem Projekt / series product from the project Design Reaktor Berlin, 2007

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flumen  Als die LED mit ihrem kalten, starren Licht auf den Markt stürmte, entwickelte sie eine Menge Hitze, die gekühlt werden wollte. Ein Experiment nahm sich das bewegte, sich immer verändernde Licht aus der Natur zum Vorbild und tauchte es in zwar licht- und wärme-, aber nicht stromleitendes Silikonöl, dessen Schlieren das LED-Licht sanft entschleunigt. flumen  When LED took the market by storm with its cold, rigid light, a considerable amount of heat was generated that had to be cooled. One experiment took its lead from natural, ever-changing light, bathing it in silicone oil, which conducts light and heat, but not electricity. The streaks of that oil caused a gentle deceleration of the LED light. Tan Aksoy, Elektrolumen, Prototyp im Projekt / prototype in the project Lichten, 2010

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NeoGeo  Verspiegelte Glasfassaden sind wie verspiegelte Brillen – unverschämt unnahbar. Was von außen nervt, amüsiert allerdings innen, cool wie es ist. Zuweilen ist Abblitzen aber nicht angesagt, besonders wenn die Luft eisig weht und die Sonne die Welt erheitert. Was der eine wegstecken kann, löst das Haus mit der guten alten dreiseitigen Pyramide. Im geometrischen Verbund an den Fenstern angebracht, vermag sie ihre Flächendeckung durch Auf- oder Zuklappen um das Vierfache zu variieren. Gesteuert nur durch Außentemperatur regulieren verspiegelte Shape-MemoryPlastics die Wärmeeinstrahlung in Zukunft also ganz von selbst. Fensterputzen ist in kalter Jahreszeit sowieso nicht zu empfehlen, Brilleputzen dagegen immer.

NeoGeo  Mirrored glass facades are like mirrored sunglasses – unashamedly aloof. What is annoying on the outside, however, is amusing on the inside: it’s cool! But sometimes this kind of rebuff is not hot, especially when the breeze blows ice cold and the sun shines cheerily on the world. While wearers can simply take their spectacles off, this house finds a solution using the good old three-sided pyramid. Attached to the windows in a geometrical configuration, the surface area can be increased fourfold by folding out and folding in. Steered by the outside temperature only, mirrored Shape Memory Plastics will regulate the heat irradiation by themselves in future. It may not be advisable to clean windows in the winter anyway, but it’s always advisable to clean your glasses. Ole Jeschonek, Aufgefaltet, Modell im KooperationsProjekt / model in the cooperation project Bionik&Design, 2009

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verfinden / concocting


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Kristallheilung  Aus Scherben feinsäuberlich restaurierte Krüge und Vasen sind die Klassiker in historischen Sammlungen. Kitt verbindet die Fragmente möglichst getreu und simuliert Fehlendes, mal ehrlich, offensichtlich oder auch schwindelnd übertüncht. Radikal übertrifft eine Kristallheilung dieses Verfahren ins Phantastische, wenn zerbrochene Vasen in ihrer gewesenen Form vormontiert und behutsam in Salz­lösungen versenkt werden, um die rauen Bruchstellen mit Kristallen verwachsen zu lassen, die sie schließlich mit üppigen Kränzen überwuchern. Die Narben dieser Heilung faszinieren nicht nur als prachtvolles Dekor, sie öffnen auch die Perspektive zu technischen Anwendungen für die Reparatur bislang unerreichbarer Bruchstellen.

crystal healing  Once shattered jugs and vases painstakingly restored are classics in historical collections. Putty holds the fragments together again as faithfully as possible, simulating what is missing, now honestly, now obviously, or with a deceptive veneer. Crystal healing radically raises this process to the level of the fantastic: broken vases are remounted in their previous shapes, then carefully dipped in salt solutions so that crystals grow around the rough edges, ultimately covering them with opulent wreaths. The scars left by this healing process are fascinating: no mere splendid decoration, these aggregations hold out the prospect of technical applications for repairing breaks that other processes cannot reach. Lukas Wegwerth, Crystals, Prototyp im Projekt / prototype in the project Transritus, 2011

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verfinden / concocting


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v e r r ü c k e n Der Wechsel des eigenen Standpunkts öffnet eine neue Perspektive. Und die Verschiebung eines Sujets öffnet dem Spiel eine neue Konstellation. s h i f t i n g Altering one’s own standpoint opens up new perspectives. And shifting a sujet presents the game with a whole new constellation.

What is the difference between 7 and

3 minutes.

1 Produktumdrehen Zuweilen gelingt im Designprozess ein Coup mit dem einfachsten Modell. Im Handumdrehen ist eine weitreichende Konzeption entwickelt. Die berüchtigte 7 wird hier mit einem Streich zur satten 3. shifting the product In the design process, the simplest model can sometimes lead to a coup. Here, a far-reaching concept is developed in a thrice: the infamous 7 becomes a fulsome 3 in a single move. Noa Lerner, DeTail, Modell im Projekt / model in the project Ausgeraucht, 2007

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abgehängt  Nur für einen einzigen Auftritt als Pop-up-Bookshop vergrätschten sich die starren Elemente eines Klassikers unter den Wand-Regalen in eine nie dagewesene Konstellation und überraschten tausende Besucher als Büchertisch-Ensemble, das sich über Nacht und zu einer idealen PreisLeistung auf- und abbauen ließ.

off the wall  For just one single performance as a pop-up bookshop, the rigid elements of a classic wall-shelving system were turned into a unique constellation, surprising thousands of visitors: a book-table ensemble that could be assembled and dismantled over night with excellent cost-effectiveness. Pascal Hien, Stephanie Hornig, Tine Huhn, Bodo Pahlke, UdK-Bookshop, 2011

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Hydra  Freischwingend nutzte das Bauhaus das Rohr zum Stuhlbau und adelte damit ein Halbzeug, das zuvor eher in technischen Bereichen Einsatz fand. Damit wurde der dann eigentliche Siegeszug der Stuhlgestelle aus Metall eingeläutet, die mit billigen, oft staksig-sturen Chromrohren die klassisch geformten Holzgestelle verdrängten, bis Kunststoff- und Aluguss dem organischen Formenreichtum wieder freien Lauf ließ. Der seltene Blick unter ein Auto lässt staunen, zu welch komplex dimensionierten Ausformungen Rohre überhaupt fähig sind, um Auspuff, Krümmer und Rahmenteile in dieses intelligent verdichtete Zusammenspiel zu bringen. Dahinter steckt die Technik des Hydroforming. Unter Hochdruck zwingt ein Öl-Wasser-Gemisch die Wandung eines ursprünglich zylindrischen Rohrs in ein Formwerkzeug und erzeugt so Querschnittsveränderungen, Krümmungen und Ausbeulungen bis hin zu Verknospungen. Mit dem Ansinnen, die Metallstühle aus der billigen Rohrästhetik zu befreien und der Frage, warum Hydroforming nicht längst in der Möbelproduktion eingesetzt wird, startete eine experimentelle Kooperation mit dem Fraunhofer Institut für Metallverformung in Chemnitz. Mit dem Stuhl Hydra gelang ein erstes Beispiel für eine branchenfremde und doch so nahe Anwendung des Hydroforming und gleichzeitig ein Modell für eine Designstrategie, die durch Transfer Brücken zwischen Disziplinen und Branchen schlagen kann.

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Hydra  The Bauhaus used metal tubing to make cantilevered chairs, thereby ennobling a pre-product formerly used in technical fields. This heralded the victory of the tubular steel chair frame that ousted the classically shaped wooden frames thanks to its cheap, though often spindly-stolid, chrome tubing. That is, until plastic and die-cast aluminium gave free rein once more to a wealth of organic forms. A swift glance under a car and one is amazed at the complex shapes tubing is capable of adopting, so as to interconnect exhaust pipe, manifold and frame parts in an adequate, intelligently compact manner. The key to all this is the technique of hydroforming. Under high pressure, a mixture of oil and water forces the wall of an originally cylindrical tube into a tool for form-creation by bringing about changes in the cross section, curvatures, bulges and branching appendages. The cooperative experiment initiated with the Fraunhofer Institut für Metallformung in Chemnitz aimed to liberate the metal chairs from their cheap-tubing aesthetic, and at the same time ask why it has taken so long for hydroforming to be used in furniture production. The Hydra chair is a first example of the application of hydroforming in an alien but related branch of industry. It is also an example of a design strategy capable of bridging gaps between disciplines and branches by means of transfer. Jörg Höltje, Diplomprojekt / diploma project Hydra, 2010


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Gegen die Regeln  Die Metallgusstechnik bedient sich einem in Jahrtausenden gewachsenen Regelwerk, das weit ineinander greift, um zu optimalen Ergebnissen zu kommen. Gießturbulenzen und Formabrisse, Schwindungsverzug, Spannungsbildungen und Lunker müssen vermieden werden, wozu die Geometrie des eigentlichen Gussteils mit der Anordnung und den Querschnitten der Zuläufe für die Schmelze perfekt aufeinander abgestimmt sein muss. Aus dem Zusammenspiel des Fachwissens der Konstrukteure, das längst durch Gießprozess-Simulationen im Computer unterstützt wird, und den Faustregeln der Formenbauer entwickeln sich die Vorgaben für die Gestaltung des Objekts. In diesem Experiment wurden einige der heiligen Regeln einfach auf den Kopf gestellt. Angusstrichter, Zuläufe und Steiger, die üblicherweise nach der Entformung der erstarrten Schmelze abgeflext und wieder eingeschmolzen werden, sollen hier die Beine eines Stuhls bilden – nach dem Vorbild des Monobloc Chairs aus einem Stück gegossen. Was zunächst aus gusstechnischer Sicht als verrücktes Vorhaben verlacht wurde, hat dann doch in einem von der konzeptuellen Regelwidrigkeit geleiteten Zusammenspiel zu einer Stuhl-Gestalt geführt, die durch ihre Eigenart und Gebrauchsqualität überrascht und rein formalen Erwägungen so nie entsprungen wäre. against the rules  In the metal founding sector, a set of guidelines has grown up over the millennia. Optimum results depend on respecting these rules and their interdependence. As it is important to avoid cast turbulences and form breakages, delayed shrinkage, tension formation and blow holes, the geo­metry of the actual part being cast has to be perfectly aligned with the arrangement and profiles of the affluxes of molten metal. The specifications for shaping the object emerge from the interplay between the constructors’ expertise, long since supported by computerised simulations of casting processes, and the rules of thumb of the mould makers. In this experiment, some of those sacred rules were simply upended. Here funnel, inlets and feeder, normally cut off and re-melted after the solidified metal has been demoulded, are destined to form the legs of a chair – the reference being the monobloc chair moulded out of one piece. This idea was initially greeted with ridicule as a madcap undertaking from the viewpoint of casting techniques. However, the interplay resulting from bending the rules later gave rise to a rather surprising kind of chair, in terms of its peculiarity and utility. Purely formal considerations would never have led to an innovation like this. David Geckeler, Diplomprojekt / diploma project Fragment, 2012

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Zwischen den Stühlen Möglicherweise gibt es mehr Stühle aus der Feder des Architekten als aus der Hand der Designer. Und meist sind sie vielmehr Ikonen ihrer Handschrift als Meister des Sitzens oder Stapelns. Bei uns aber sind Sitzgelegenheiten noch Forschungsgegenstand für teils waghalsige Verknüpfungen von Material, Verfahren und neuen Positionen.

between the stools  There are possibly more chairs drawn by an architect’s pen than are made by the hand of a designer. And often those chairs are more icons for that handwriting, than masterpieces for sitting on or stacking. As for us, our chairs are still research items for sometimes daring links between material, process and new positions. Tine Huhn waagen, Playtest im Projekt / playtest in the project Neue Positionen, 2010

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Küche an die Wand  Das Stehpult hat den Vorteil, dass nur ein Zettel auf seiner Schräge haften bleibt. Diese praktische Ordnungs­hilfe blind auf die Küche zu übertragen würde aber Scherben bringen. Unsere sich selbst aufräumende Küche hat deshalb die klassische Werkzeugwand der Autoschlosserei zum Vorbild genommen. Umrisse von Hammer, Kreuzschlüssel und Akkuschrauber zeigen dort jedem, wo was fehlt und hingehört, geschickt positionierte Schrauben geben den Tools ihren Halt. Um zeigen und halten elegant miteinander zu verknüpfen und Benutztem nicht die allzu krasse Signalstärke des Fehlenden zu verleihen, bieten form-shows-function gebogene Metallbügel eine ideale Lösung. Kaum an der Wand im UdK-Atelier, ging es mit der Kollektion Nils Holger Moormann schon auf den Markt. Dass Tschibo klamm­ heimlich stibitzte, peinlich auffiel und wieder das Feld räumen musste, ist nur eine ermutigende Episode am Rande.

hang the kitchen  The advantage of a lectern is that only one page stays put on the sloping top. If this practical feature were to be blindly transferred to a kitchen cupboard, it would surely lead to breakages. Our self-tidying kitchen, therefore, is modelled on the classical pegboard in a car body shop. Outlines of hammers, wrenches, cordless screwdrivers clearly indicate what is missing and what belongs where; well-positioned screws serve as holders for the tools. In order to elegantly link display and fastening, and to avoid giving too much prominence to the absence of what is in use, metal hangers in a form-shows-function-style provide an ideal solution. Scarcely on the wall at the UdK studio, this wall kitchen was introduced to the market with the Nils Holger Moormann Collection. Soon it was painfully obvious that the Tschibo coffee shop chain had swiped it, so they were forced to leave the field. And that’s just one encouraging episode to be noted in the margin. Henrik Drecker, Katharina Ploog, Davide Siciliano, Sven Ulber, Wall-Kitchen Erika aus dem Projekt / from the project bitte nicht vermöbeln, Produktion / production Nils Holger Moormann, 2005

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Netzfang  Glas ist bei Raumtemperatur eine stark unterkühlte Flüssigkeit, die zuvor in der Hitze seiner zähen Schmelze in Form gezogen oder geblasen wurde. Üblicherweise dienen Hohlformen aus Stahl oder bei kleineren Stückzahlen aus genässtem Holz der seriellen Formgebung. In diesem Experiment mit einer kleinen Glasmanufaktur traten technische Gewebe und Streckbleche aus Kupfer an deren Stelle. Im innigen Kontakt mit der Glasschmelze prägen sich auch feinste Texturen der zu Manschetten vernähten Blasformen in die zähe Oberfläche. Untermalt werden sie von spurenhaften Verfärbungen durch die mit dem glühenden Glas reagierenden Kupferoxide. Durch diesen forschen Materialwechsel entstand so ein neues Verfahren zur Ornamentierung von mundgeblasenem Glas, das durch das vielfältige Zusammenwirken der beteiligten Faktoren aus jedem Stück ein Unikat werden lässt.

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verrücken / shifting

ruby&raw  At room temperature, glass is a super-cooled fluid, having previously been drawn or blown into shape in the heat of its viscous molten state. Usually, hollow steel moulds are suitable for serial contouring, while moistened wooden moulds are used for smaller production runs. In this experiment carried out at a small glass manufactory, the moulds were replaced by copper meshes. In close contact with the molten glass, even the most subtle textures of these meshes impress themselves on the amorphous surface. These textures are accentuated by traces of discoloration resulting from the copper oxides reacting with the molten glass. This speedy material change gave rise to a new process for ornamenting mouth-blown glass. The multifaceted interplay of the different factors means that each piece is unique. Milena Kling, Diplomprojekt / diploma project The Presence of Absence, 2012


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k u l t i v i e r e n Mit Experimenten in die Ordnung der Dinge zu grätschen kann Staub, Funken oder auch Tränen erzeugen. Daraus gilt es dann eine Gestalt zu entwickeln, die sich neu mit der Welt verbindet – unsichtbar wie immer schon dagewesen oder faszinierend wie ein Juwel. c u l t i v a t i n g Intervening in the order of things with experiments can give rise to dust, sparks or even tears, leading hopefully to something that enters into a new relation with the world – as invisible as if it had always been there, or as fascinating as a jewel.

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Einen Stein über die Alpen werfen?  Bevor Alcantara brennt, schmilzt es. Unlösbar verbinden sich die Mikrofasern unter der Lötflamme mit Beton, Holz oder Metall. Der Findling kann mit diesem krustigen Wundbrand vielleicht in ein samtrot gepolstertes Dasein starten. Aber wird dieser teutonische Flammenwurf den Italienern, die uns ihr Alcantara für ein experimentelles Designprojekt über die Alpen brachten, nicht Furcht einjagen? Lässt sich die radikale Faserzer­ störung durch treffende Konzentration kultivieren und zum filigranen Dekor dressieren? Die heiße Spitze des Lötkolbens bringt es auf den Punkt und ermöglicht im ornamentalen Rhythmus sonst üblicher Polsternägel eine elegante Verschmelzung mit dem Kunststoff des Monobloc Chairs. Auch wenn Plastikstühle durch Polstereien nicht unbedingt salonfähig werden – das innovative Punktschweißverfahren eignet sich perfekt für die serielle Verarbeitung und fand so großen Anklang, dass sie auch den Findling gleich mit über die Alpen nahmen.

throwing a stone over the Alps? Before it burns, Alcantara melts. Under a soldering flame, its micro fibres become inseparable from concrete, wood or metal. Equipped with this crusty gangrene, the resulting foundling could perhaps start out on a new career as something velvety red and upholstered. But will this Teutonic flame-throwing product not engender fear in the Italians who brought their Alcantara across the Alps to us for an experimental design project? Can the radical destruction of the fibres be cultivated when appropriately concentrated and transformed into a filigree decoration? The hot tip of the soldering iron makes the weld point fuse with the plastic of the monobloc chair, producing an elegant seam – an ornamental rhythmic line of welds as an alternative to the customary upholstery nails. And even if upholstering plastic chairs does not make them any more chic – the innovative spot welding is perfectly suitable for serial processing. In fact, it met with such approval that Alcantara even took the foundling back across the Alps. Fynn Freyschmidt, Pascal Hien, Max Schäth, Schlanzen, Prototypisches Verfahren im ForschungsProjekt / prototypical process in the research project supersoft/knallhart – Exploring Alcantara, 2011

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Faltenwurf  Falten sind meist gefürchtet wie das Alter. Wie wundervoll doch kann das Licht in all seinen Schattierungen im üppigen Futter eines Briefumschlags schwelgen! Diese Experimente kultivieren charakteristische Faltenbildungen durch rückseitige Beschichtungen: gespanntes Latex knautscht, Aluminiumfolie knittert, Kunstharz fixiert manipulierte Furchen und Kniffe und verhilft Alcantara zu neugeborenen Erscheinungen.

wrinkles  Wrinkles are feared as age itself. And yet how the light in all its shades delights in the luxurious meanderings of an envelope lining! These experiments cultivate characteristic fold formations by treating the reverse side: this results in stretched latex creasing, aluminium foil crumpling, artificial resin fixing manipulated grooves and wrinkles, and thus gives rise to novel phenomena using Alcantara. 72: Theresa Lusser, loop 73 oben/top: Lene Fischer, Jörn Weidenmüller, vivid 73 unten/bottom: Eva Feldkamp, send 74: Stephanie Hornig, Camilla Richter, Crush Cushions, Prototypisches Verfahren / prototypical process Im Rahmen des kooperativen Forschungsprojekts / in the cooperative research project supersoft/knallhart – Exploring Alcantara, 2011

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crash  Hellwache Zerstörungslust kann im experimentellen Trubel eine Qualität aufblitzen lassen, die es aufzugreifen und, sei sie auch nur noch aufzufegen, in eine edle Fassung zu bringen gilt. crash  In all the experimental hustle and bustle, a purposeful delight in destruction can bring to light a property that deserves to be picked up, even swept up, and put in an elegant setting. Yi Guo, Splittering, Objekt im Projekt / object in the project Crash, Workshopleitung / workshop director: Ronen Kadushin, 2007

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FensterSchau  Sind die Schaufenster unserer Stadt nicht ungeschliffene Diamanten? Was könnten sie der Straße für wundervolle Geschichten erzählen. Solche, die dem Laden in unserem Bild von der Stadt einen besten Platz geben. Das könnte einem Ladenbesitzer doch gerade so passen … Unsere Absicht, mit dem Pilot-Projekt Alles Muss Raus? ein schlummerndes Potenzial anzupieksen und herauszufinden, ob durch kreative Interventionen in ein klassisch angestaubtes Terrain vielfältige Haupt- und Nebenwirkungen für die urbane Kultur erzeugt werden können, hat sich als vielversprechend herausgestellt. Quer durch die Bezirke konnten alle angefragten 15 Ladenbesitzer aus unterschiedlichsten Branchen gewonnen werden, ihre Schaufenster unserem Experiment zur Verfügung zu stellen – das anschließende Medienecho hat sie dafür heftig belohnt. Die Bereitschaft zu investieren, um das eigene Fenster wieder herauszuputzen, setzt voraus, die identitätsstiftenden und wirtschaftlichen Potenziale dieses ja für die Attraktion geschaffenen Mediums zu erkennen – und sei es durch das Schaufenster des Nachbarn, das sich über Nacht in ein spannendes Szenario, in eine interessante Botschaft, in ein akrobatisches Waren­ ensemble verwandelt hat – oder auch nur etwas Einzigartiges zeigt: das Produkt der Woche auf dem Präsentierteller.

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window displays  Are the display windows in our city not rough diamonds? What wonderful stories they could tell the street. Stories that could gain first place for the shop in our image of the city. That would certainly appeal to a shop-keeper … Our intention turned out to be full of promise: a pilot project entitled Alles Muss Raus? (Everything must go!) aimed at goading a slumbering potential to find out if creative interventions on a classic-musty terrain could have major and/or minor effects on urban culture. All the 15 shop keepers from the various branches throughout the districts were persuaded to place their display windows at the disposal of our experiment – and were well rewarded by the subsequent media resonance. The willingness to invest in dressing up one’s own display window presupposes that the identity-giving and economic potential of this medium is recognised. After all, it was created to attract attention – be it through the neighbour’s display window transformed over night into an exciting scenario, through an interesting message, an acrobatic ensemble of commodities – or just displaying something unique: the product of the week on a platter.

76 oben/top: Fynn Freyschmidt, Kärcher Center 76/77 unten/bottom: Karoline Haasters, Lux Optik 78: Michael Erbach, Apotheke zum Goldenen Einhorn 79 oben/top: Franziska Müller, Fahrradbüro 79 unten/bottom: Frederike Delius, Sun-Line 80 oben/top, 81: Hanna Halstenberg, Lindt Second Hand 80 unten/bottom: Maria Schwermer, Hammett Krimi­b uchhandlung Alles Muss Raus? mit/with Sarah Illenberger, 2012


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Shit Rules!  Wer kann es sich schon leisten, Fäkalien mittels Trinkwasser durch kilometerweite Kanalsysteme spülen zu lassen? In vielen peri-urbanen Ansiedlungen führt zur Verrichtung der Notdurft kein Gang zur Toilette, sondern ein Spießrutenlauf zu einem Örtchen im Freien. 2.6 Milliarden Menschen leben ohne fließendes Wasser – und es ist auch keines in Sicht. Je kostbarer es wird, desto dringender werden alternative Entsorgungen – und Verwertungen. Ganz abgesehen von den Verunreinigungen, die jeder Regen mit sich in die Umgebung spült. Wie kann die Notdurft im privaten Bereich verrichtet, gesammelt und leichterhand zu einer Sammelstelle transportiert werden, um dort wertschöpfend in Dünger und Energie verwandelt zu werden? Und in der Summe der Vorteile genügend Anreiz bieten, die Entsorgung in die eigene Hand zu nehmen oder sogar ein Business daraus zu machen? Shit Rules! zeigt, dass in der Privatsphäre ein stilles Örtchen installiert und als geschickt konstruierter Tank zur Sammel- und Verwertungsstelle gerollt werden kann. Ob die Energiebilanz der Biogas- und Düngerge­ winnung es dem Anlieferer ermöglichen wird, mit einer desinfizierten Trommel und einem wenn auch geringen Salär in der Tasche den Rückweg antreten zu können, wird die weitere technische Entwicklung und Erprobung an verschiedenen Orten der Welt zeigen. Im Blick auf die Gesamtbilanz der Lebensqualität an den stark wachsenden Rändern der Gesellschaften wäre es ein großer Schritt.

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shit rules!  Who can afford to use drinking water to flush faeces through kilometres of sewage systems? In many peri-urban areas, relieving oneself involves not a walk to the toilet, but running the gauntlet to some hidden place outdoors. 2.6 billion people have no running water – and there is none in sight. The more valuable it becomes, the more urgent alternative forms of disposal and utilisation become. To say nothing of the impurities washed into the area by each fall of rain. How can relieving oneself be done in private and the results collected and easily transported to a gathering place so as to be transformed there commercially into dung and energy? And how can the advantages offered provide enough stimulus to get involved in the disposal oneself and even make a business of it? ‘Shit rules’ shows that a cleverly con­ structed tank can be installed as a toilet in the private sphere and be rolled to the ga­thering and recycling point. Further technical developments and testing at different places around the world will indicate whether the energy balance of the biogas and dung production will enable the supplier to make the return journey with a disinfected tank and a sum of money, however small, in his pocket. With a view to the overall quality of life on the burgeoning peripheries of societies, this would be a great leap forward. Fionn Dobinn und / and Noa Lerner, Diplomprojekt / diploma project Shit Rules! 2009


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design as cure  Kann Design einen Verlust in ein Geschenk verwandeln? Hat das Konzert der Spitzentechnologien, das Organver­ pflanzungen überhaupt erst ermöglicht und längst zur lebensrettenden Routine ausgereift hat, das Entscheidende vergessen – die Hingabe des Menschen zur Spende, seine in den unterschiedlichsten ethischen und religiösen Räumen gebildete und für den Fall des Falles so notwendige Stimme für das Ja? Hochtechnische Entwicklung gerät hier ohne entsprechend intensive kulturelle Begleitung spürbar außer Balance, die mit Werbekam­ pagnen und Talkshows nicht ohne weiteres einzupendeln ist. Für Extremsituationen wie den Tod von Mitmenschen haben alle Kulturen seit jeher Rituale entwickelt, die Halt geben und handlungsfähig machen. Aber weder die urplötzliche Entscheidungssituation für Angehörige am Ende eines Lebens und schon gar nicht die Entscheidungsfindung zum Ausfüllen eines Spenderausweises mitten im eigenen Leben ist durch gegenwärtige Rituale oder verwandte Kultur­ techniken gestützt. Das Symposium design as cure diskutierte die Wirkungsmacht des Design in Heilungsprozessen und stellte folgende Frage: Kann Design durch die behutsame Gestaltung von Praktiken und ihrer Umgebungen helfen, den Wert einer Spende als das hervorzubringen, was sie sein kann: ein Geschenk an die Welt?

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design as cure  Can design transform a loss into a gift? Has the most decisive thing been forgotten in the concerted effort of the top technologies that made organ transplantations possible in the first place and have long since matured into a live-saving routine. The decisive thing is, namely, human beings’ inclination to donate, their decision in favour of a “yes”, shaped in the most diverse ethical and religious environments and so necessary in that most vital of cases? If they are not given intensive cultural backing, top technical developments become noticeably out of kilter and cannot easily be rectified by advertising campaigns and talk shows alone. All cultures have developed traditional rituals for extreme situations, such as the death of our fellow men. These rituals support people and render them capable of action. Yet there are no contemporary rituals or associated cultural techniques to support people either in the sudden need to make a decision at the end of a life, or with the decision to fill out a donor’s pass in the prime of one’s own life. The symposium ‘design as cure’ discussed the impact of design on healing processes and raised the following question: By carefully shaping practices and their surroundings, can design help to underscore the value of a donation as what it could be: a gift to the world? Lisa Weiss, Diplomprojekt / diploma project design as cure, 2012


f o r m a t i e r e n Aus Projekten Modelle gestalten und aus Modellen Formate. Sie bilden einen Rahmen, der nach auĂ&#x;en schĂźtzt und nach innen immer wieder ermĂśglicht. f o r m a t t i n g Making models from projects and formats from models, providing protection from the outside while promoting possibilities within.

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Design Reaktor Berlin  Die heiße Phase des Design Reaktors dauerte nur fünf Monate: von März bis Juli 2007 konnten wir 50 Berliner Unternehmen und über 80 Studierende aus den Gestaltungsdisziplinen der UdK zu einem experimen­tellen Crossover anstiften. Die Gewerke stellten ihr Knowhow, ihre Materialien und ihre Verfahren zur Verfügung. Und die angehenden Modeund Produktdesigner, Grafiker und Kommunikations­strategen konnten, unterstützt durch Initial-Workshops und internationale Experten aus Design und Business, in dem großen Strauß aus Potenzialen experimen­ telle Verknüpfungen erzeugen. Resultat waren 52 Prototypen, 5 Patent­ anmeldungen, mehrere Designpreise, Marktein­führungen und ein großes Maß an ansteckender Energie. Die EU zeichnete den Design Reaktor Berlin als Best Practice aus und startete eine Initiative zur Erforschung und Förderung von Cross-Innovation, wie die transdisziplinäre Open-Innovation von nun an bezeichnet wurde. Mit dem Design Reaktor konnten wir die Stand- und Spielbeine der Beteiligten aus Hochschule, Unternehmen und Markt in Bewegung setzen. Die Spielregeln in den Reaktor-Prozessen sind einfach, aber grenzüberschreitend. Durch Verknüpfung der kreativen mit den technologischen und den ökonomischen Strategien – und zwar auf Augenhöhe und mit gemeinsamem Blick ins Ergebnisoffene – können neue Produktideen unabhängig von den individuellen Produk­ tionskapazitäten und Vertriebsmöglichkeiten entwickelt werden. Eine multidisziplinäre Entwicklung ermöglicht Qualitäten, die durch klassische Dienstleistung oder betriebsinterne Entwicklung nicht entstehen würden. Werkstätten

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werden zu temporären Labors, der Standort zum Spielfeld, die vereinzelten Disziplinen und Branchen zur gemeinsamen Entwicklungskompetenz. Der Prototyp ist das Produkt, Herstellung und Markt sind global. Ein Treffer, der seinen Weg in die Welt findet, also die vielen Hürden zur Innovation schafft und Rückflüsse erzeugt, ist damit zwar noch nicht garantiert, aber riskiert. Auch eine Forschungslandschaft braucht einen kultivierten Spielplatz, der mit kreativer Querforschung den oft einsamen Spitzen­ forschungen vielfältige Transfer-Strategien anbietet. Er würde ein ideales Pflaster für die Beteiligung, Ausgründung und Ansiedlung von Unternehmen bilden. Der Design Reaktor konnte zunächst nur ein erstes Modell für eine solche experimentelle Entwicklungs- und Verwertungsplattform erproben. Denn im Dickicht universitärer Strukturen erweist es sich als hochkomplex, hybride Formate zwischen hoheitlichem und privatwirtschaftlichem Terrain zu entwickeln, die als vitale Knotenpunkte zwischen Markt und Hochschule neue Wertschöpfungen ermöglichen können. Design Reaktor Berlin  The heady phase of the Design Reaktor only lasted for five months: from March to July 2007. During this period we were able to win 50 Berlin companies and more than 80 students from the UdK for an experimental crossover project. The firms made available their know-how, their materials and their processes. And the budding fashion and product designers, graphic designers and communication strategists were able to make experimental cross-connections within the great bunch of possibilities at their disposal, with the help of initial workshops and international experts in design and business.

The project resulted in 52 prototypes, 5 patent applications, several design prizes, market introductions and a large amount of con­ tagious energy. The EU awarded the Design Reaktor Berlin the title Best Practice and started an initiative for research and support of cross-innovation, formerly known as transdisciplinary open-innovation. With Design Reaktor we could set in motion the supportive “standing legs” and the innovatory “free legs” of the participants from the academy, the firms and the market. The rules of play in the Reaktor-processes are simple but boundary-crossing. Novel product ideas can be developed without being limited by individual production capacities and marketing potential, combining the creative with technological and economic strategies – on an equal footing and with a collective commitment to an open outcome. Multidisciplinary evolution allows qualities to emerge that could not be achieved through classical facilities or in-house research and development. Workshops become temporary laboratories, the site becomes a playing field, the individual disciplines and branches work together on developing competences. The prototype is the product, the manufacture and market are global. A winner, in the sense of a product that finds its way into the world and overcomes all the hurdles faced by innovation to generate feedback, is not guaranteed. No guts, no glory. A research landscape needs a cultivated playing field where creative exploration outside the box offers diverse transfer-strategies to otherwise rather lonely top-level research. It would be an ideal spot for the participation, outsourcing and relocation of firms. The Design Reaktor was able to at least test a preliminary model for an experimental development and assessment platform of this kind. For in the thicket of university structures it has proved to be a highly complex, hybrid format in between the realm of public and private economic territory, acting as a vital hub between market and the academy, able to promote new values. Design Reaktor Berlin 2007–2009, transdisziplinäres Forschungsprojekt an der UdK, gefördert durch EFREMittel der EU und ausgezeichnet als Best Practice / transdisciplinary research project at the UdK, sponsored by the EFRE (EU) and recipient of the Best Practice award. In Kooperation mit / In cooperation with Marc Piesbergen, Judith Seng, Joachim Schirrmacher, Studierenden und Lehrenden der UdK und 50 Unternehmen / students and teachers at the UdK and 50 companies: 6–7, 27, 44, 45, 48, 54.


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SchwarmLabor  Schwärmen will gelernt sein! Dies war eine der vielen Erfahrungen im Projekt SchwarmLabor, in das wir Forscher aus Soziologie, Biologie, Kognitiver Robotik, Informatik, Kunstwissenschaft, Klimafolgenforschung, Bionik und Design eingeladen haben, um ihre spezifischen Kenntnisse über die Prinzipien von Formationen, Verhalten und Intelligenz des Schwarms durch experimen­ telle Untersuchungen in neue Verbindungen zu bringen – sei es untereinander, sei es in alltäglichen Anwendungskontexten. Schwarmintelligenz ist die bislang einzig bekannte Intelligenz außerhalb eines zentralen Nervensystems. Individuen wirken temporär oder auch im gesamten Lebenszyklus als eine Art Super-Organismus zusammen, selbstorganisiert, ohne hierarchische Strukturen, emergent. Können wir Schwarmintelligenz gezielt hervorrufen und kurzfristig einsetzen, dort wo wir wertvolle Synergien nutzbar machen wollen? Wie käme ich da rein und wie auch freiwillig wieder raus? Wo einem schon schwindelig wird, im Mikroschwarm zu fünft und zu Fuß eine befahrene Straße zu überqueren … Die innige Verknüpfung von Menschen mit Systemen und ihren Maschinen hat neben der Chance, Synergien zu erzeugen, auch erhebliche Gefahrenpotenziale: unaufhaltbare und unentrinnbare Eigendynamik und extreme Anfälligkeit für Fernsteuerung.

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Also brauchen wir selbstbewusste und funktionierende Einstiegs- und Ausstiegsmöglichkeiten. Möglicherweise ist die massenhafte Nutzung der Social Networks sogar für die intimsten Botschaften schon eine Vorahnung, aber auch Vorübung darauf, wie dies künftig in allen Bereichen scheinbar individueller Ressourcen- und Infrastrukturnutzung etwa bei Mobilität, Klimatisierung, Einkauf, Produktion, Handel und Gebrauch nur noch geschehen kann – weil wir uns linearen und parallelen Verbrauch einfach nicht mehr leisten können. Crowd Sourcing, Crowd Production, Crowd Computing, aber auch Shitstorms oder Smartmobs haben wachsende Bedeutung. Der Trick, das Teilen attraktiv zu machen, liegt möglicherweise in der Mit-Teilung. Und eine weitere Steigerung in der Teilhabe daran. Wenn wir also jetzt massenhaft Gefallen gefunden haben, unsere Erlebnisse zu verknüpfen, wieviel spannender wird es wohl, wenn wir bald unsere Vorhaben verknüpfen? Aber: Schwärmen will gelernt sein! Wir konnten in der Kürze eines Semesters nur die Ränder ungeahnter Möglichkeits­ räume bespielen, die sich durch den gezielten Einsatz von Schwarmstrategien öffnen. Es bedarf weiterer Initiativen, die Phänomene disziplinübergreifend auf ihre Anwendungspotenziale hin zu erforschen. Ein Format wie das ScharmLabor hat aber gezeigt, wie

mitten im Nebeneinander der Forschungslandschaft ein temporäres, thematisch gefasstes Projekt die Expertisen hochrangiger Forscher zusammenführen kann, um aus dem vernachlässigten Synergiepotenzial zu schöpfen. Zu den Nebenwirkungen zählt der Startschuss für den Campus Charlottenburg und die Stiftung einer Professur für Designforschung an der UdK.


SchwarmLabor  Swarming has to be learnt! This was one of the many experiences made in the ‘SchwarmLabor’ project, to which we invited researchers from sociology, biology, cognitive robotics, informatics, art theory, climate change research, bionics and design. The aim was to make new connections between their specific kinds of knowledge about principles of formation, behaviour and intelligence in the swarm, through experi­ mental investigations – either interdisciplinary or in everyday application contexts. Swarm intelligence is, to date, the only known intelligence that exists outside the central nervous system. Individuals interact to form a kind of super-organism, either temporarily or through their whole life-cycle, in a selforganized, decentralized, emergent system. Can we engender swarm intelligence purposefully and apply it with ease wherever we want to exploit useful synergies? How would I get mixed up and then extricate myself freely? Considering how dizzy you get just crossing a busy road on foot as a micro-swarm of five… In-depth system and machine interfaces with humans may offer the chance of pro­ ducing synergies, but they also carry considerable risks: of developing unstoppable and inescapable momentum, and of extreme vulnerability to remote control. So we need conscious, functioning ways of getting in and getting out.

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Perhaps the mass use of social networks for the most intimate messages offers not only a premonition, but also preliminary practice in how this will soon apply to all areas once considered a matter of personal recourse to resources and infrastructure, such as mobility, energy consumption, shopping, production, trade and usage – because we can no longer afford linear and parallel consumer behaviour. Crowd sourcing, crowd production, crowd computing and also shitstorms and smartmobs have grown in importance. The trick of making sharing attractive probably lies in sharing content with others. The next level is participating. If we already find mass pleasure in linking our experiences, how much more exciting will it be to interlink our intentions? But: swarming has to be learnt! In the short length of one semester, we could only scratch the surface of the unimaginable possibilities that open up when swarm strategies are applied purposefully. It will take more initiatives to conduct interdisciplinary research into these phenomena and identify their potential applications. A format such as the SchwarmLabor has demonstrated that a temporary, thematically focussed project within the landscape of unlinked research fields can bring together the expertise of high-level researchers to exploit untapped synergetic potential. Side-effects include the go-ahead for Campus Charlottenburg and the establishment of a Chair for Design Research at the UdK Berlin.

SchwarmLabor 2009, eine experimentelle Untersuchung zum Umgang mit Schwarm-Phänomenen. Eine Kooperation mit Prof. Dr. Gesche Joost / T-Labs und Prof. Dr. Ingo Rechenberg / TU Berlin, 2009 SchwarmLabor 2009, experimental research into the uses of swarm phenomena. A collaboration between Prof. Dr. Gesche Joost / T-Labs and Prof. Dr. Ingo Rechenberg / TU Berlin, 2009 86: Milena Kling, Robert Fehse, Ferrofluid 87: Moritz Kassner, Swarmdisplay SchwarmLabor, 2009


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DesignService In der Wühlkiste mit den 181 zusammengetrommelten Kugelschreibern gibt es allein 36 verschiedene Arten und Weisen, die Kugel vom Schreiben abzuhalten. Und wenn dann mal einer stiften geht – zeichnet er hoffentlich eine phantastische Idee in die Welt. DesignService In a lucky dip of 181 ballpoint pens that we rounded up, there are some 36 different ways and means of preventing the ballpoint from writing. And when one of them does a bunk – it will hopefully write some brand new idea out there in the world.

DesignService der UdK ist eine selbstorganisierte No-Budget-Bibliothek für Kataloge, Materiale und Muster. In Kooperation mit Wilm Fuchs und Hanna Wiesener sowie Tutoren und Studierenden der UdK. DesignService at the UdK is a self-organized no-budget library for catalogues, materials and samples. In cooperation with Wilm Fuchs and Hanna Wiesener as well as tutors and students at the UdK.

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Den Spieß umdrehen – vom AtelierProjekt zum Projekt-Atelier  Nicht dem Curriculum hinterhereilen, sondern die Universität zum eigenen Möglichkeitsraum machen, die Vielfalt der Expertisen unter den Dozenten und Kommilitonen für die akuten Frage- und Hilfestellungen gewinnen, die Werkstätten und Labors als reichhaltiges Terrain nutzen, die Angebote und Pflichten mit eigenen Ansinnen bereichern, kurz: vom Status des Hörers zum Modus des Akteurs wechseln – dafür braucht es bei den Studierenden das lichte Moment, den Kairos, der sich zwar in die Wege leiten und provozieren, aber nicht gezielt auslösen lässt, der vielleicht nur im Augenwinkel aufleuchten, aber auch ungesehen wieder verglühen kann. Wie spannend und wertvoll ist für Lehrende die Begleitung auf Augenhöhe, als Fragender, Ratgeber und Ermöglicher, als Kritiker und Förderer und nicht zuletzt als Mitlernender. Bei Jörg Höltje und Joscha Brose kam der Kairos gemeinsam und führte zur Gründung des Design-Labels Studio Hausen mit einem Projekt-Atelier als Standbein in der UdK und ihrem Spielbein in der Designwelt. Gemeinsam auch war ihnen die reiche Chaotik in den Arbeitsweisen. Immer im Maßstab 1:1, unter Einbezug aller verfügbaren Materialien, Halbzeuge und Techniken, ob für Mockups, Versuchsmodelle, improvisierte Werkzeuge für Biege-, Form- und Gussstudien, und schließlich für eine Vielzahl an Prototypen,

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dadurch raumgreifend, staubaufwirbelnd, ansteckend. Ihre Baustelle im Projekt-Atelier war auch Schaustelle. Weiterreichende Fertigungstechniken mussten über den Campus Charlottenburg hinaus gefunden und mangels Budget mittels Begeisterung erobert werden. Das verlieh den Prototypen den nötigen Rückenwind, nicht im Hochschulkontext stecken zu bleiben, sondern mehrfach die begehrten Kojen auf Milanos Satellite als Sprungbrett zu weltweiten Publikationen und Produktionen nutzen zu können. turning the tables – from atelier-project to project–atelier  Instead of chasing a curriculum, why not turn the university into its own space of possibilities, win the wide range of experts among the lecturers and colleagues to help address urgent questions and offer assistance, use the workshops and laboratories as a well-equipped terrain, enrich the course offers and responsibilities with one’s own requests, in short: switch from the status of listener to the role of actor. – To this end, the students need a moment of illumination, a Kairos, that can be brought into being and provoked but not effected deliberately. Perhaps it only catches the corner of the eye and may peter out unnoticed. How exciting and valuable it is for the teaching staff to operate on an equal footing as questioners, advisers, catalysts, critics and supporters and last but not least co-learners.

That opportune moment “Kairos” came to Jörg Höltje and Joscha Brosay and led to the foundation of the design-label Studio Hausen with a project-atelier as a standing leg at the UdK and a free leg in the design world. They also shared a considerable degree of chaos in their way of working. Always in a scale of 1:1 and employing all kinds of available materials, semi-finished products and techniques, whether for mock-ups, test models, improvised tools to study bending, shaping and casting, and finally for a multitude of prototypes: all this requires a lot of space, throws up dust – ­ and infects. Their work room in the projectatelier was simultaneously a show room. Further manufacturing techniques had to be found beyond the walls of Campus Charlottenburg and, given the lack of budget, realized through sheer enthusiasm. This gave the prototypes the necessary vital momentum, so that instead of remaining stuck in the academy context they were able to occupy the coveted booths at the Salone Satellite in Milan as a jumping-off point for worldwide publications and productions. Joscha Brose, Jörg Höltje, Atelierprojekt Studio Hausen, seit/since 2006


5 supersoft/knallhart – Exploring Alcantara  Dumm Fragen und klug in Frage stellen, das ist die Chance in kooperativen Forschungs­ projekten zwischen Unternehmen und Kunsthochschule. Wir dürfen forsch den Joker spielen, das Unmögliche versuchen und mit dem Ungehörigen tricksen. Damit öffnet sich gleich ein fruchtbares Terrain, das zwischen allen Disziplinen ruht, unversucht oder missachtet. Rückt dieses durch die ergebnisoffenen Experimente wie plötzlich ins Licht, wirken die betrieblichen Labora­ torien völlig unzureichend durch ihre spezialisierte Aus- und Einrichtung. Das Komplementäre zum Untersuchen fehlt dort gänzlich – das Versuchen. Es gilt, mit asymmetrischen Formaten die klassische Forschung zu befruchten, wobei das Design mit experimenteller Kraft und verknüpfender Interpretation eine wesentliche Rolle in der Entwicklung kreativer Forschungskultur spielen kann. Radikal und damit komplementär zum luxuriösen Kontext der klassischen Einsatzgebiete von Alcantara bei Luxusautos, Yachten und Interiors starteten wir in einem Kooperationsprojekt mit dem italienischen Mikrofaserhersteller unsere experimentellen Erkundungen und Erprobungen, um neue und unerwartete Qualitäten von Oberflächen und Strukturen, Materialverbindungen und Anwendungen zu entdecken. So hatten wir es Giulio Cappellini, dem Art Director von Alcantara, versprochen.

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Was ist das für ein Material, das nicht Stoff, nicht Textil und nicht Lederersatz genannt werden will? Dessen Faser so ultradünn ist, dass 1 Gramm vom Standort der hochtechnischen Fabrik in den Bergen Umbriens bis in die Hauptstadt Rom reicht. Können wir es als Haut, Fell, Pelle, Membran, Layer, Grenzschicht begreifen? Wie sträubt oder schmiegt es sich, wann zittert oder knittert, pulsiert oder schwitzt es, straff oder faltig, geliftet, aufgeblasen, gereizt, empfindlich, zum Zerreißen gespannt oder völlig entspannt. Die Ergebnisse haben alle Seiten doch sehr überrascht: wir waren wohl die ersten, die sich das Zeug so richtig zu Herzen genommen haben … supersoft/knallhart – Exploring Alcantara  Asking stupid questions and intelligently questioning something, that is the opportunity presented by cooperative research projects involving firms and the Art Academy. We have a fool’s license to try the impossible and play improper tricks. Thereby, a fruitful terrain opens up between the individual disciplines that was hitherto hidden, unexplored or ignored. Emerging into the light of day as a result of open-ended experiments, this shows up the firms’ laboratories as completely inadequate, in view of their specialized orientation and facilities. There is a total lack of trying, all they do is testing. Classical research needs to be enriched by asymmetrical formats. Here, design has an important part to play, with its experimental power and interlinking interpretations to forward a culture of creative research.

Alcantara is normally involved in the production of luxury cars, yachts and interiors. We began our experimental explorations and probes in collaboration with the Italian microfiber manufacturer by taking a radical and therefore complementary approach to this luxury context in search of new and unexpected qualities in surfaces and structures, material bonds and applications. This is what we had promised Guilio Capellini, the art director of Alcantara. What sort of a substance is this! It doesn’t fit the description of a material, nor a textile nor a leather substitute. Its fibres are so thin that 1 gram would suffice to stretch from the site of the high-tech factory in the mountains of Umbria to the capital Rome. Can we comprehend it as skin, fur, hide, membrane, layer, or a boundary? How does it resist or snuggle up, when does it cringe or crease, pulse or sweat, become rigid or wrinkled, lifted, puffed up, irritated, vulnerable, stretched to tearing point or completely at ease? The results were a surprise all round: we were probably the first to put our heart and soul into this stuff… supersoft/knallhart – Exploring Alcantara kooperatives Forschungsprojekt / coop­erative research project 2010/11, in Kooperation mit / in cooperation with Jörg Höltje, Jerszy Seymour, Klaudia Kruse, Fabian Hemmert, Marco Dessi und Studierenden der UdK / and students from the UdK: 9, 30, 40, 71, 72.


Kollisionen  Was passiert, wenn Mode die Architektur verführt, Design beim Tanz verschwindelt wird und Perkussionisten den Grafikern einheizen? In erster Linie entsteht etwas Ungeahntes. Das ist die Idee der UdK-Kollisionen – Provokation von Durcheinander, Irritation der Kenntnisse und wechselseitige Infektion. Und so funktioniert es: Die erste Woche im Jahr ist frei. Je 2 Dozenten aus verschiedenen Disziplinen bieten ein gemeinsames Format an und die Studierenden verlassen ihren vertrauten Stall. Tische verrücken, Plätze tauschen, Grenzen überspringen. Die Ressourcen der Universität kreuz und quer vermischen. Ihre Menschen neu verknüpfen. Temporärer Campus mit dauerhaften Folgen. Nach 5 Tagen trommeln sich alle zu­ sammen und präsentieren ihre Erlebnisse. Atemlos, staunend, angesteckt. So auch die UdK, die unsere informell gestarteten Kollisionen schließlich zum festen Bestandteil ihres Studium Generale geadelt hat.

Collisions  What happens if fashion beguiles architecture, design gets dizzy dancing and percussionists enthuse the graphic artists? In the first instance something unexpected happens. This is the idea of the UdK Collisions – provoking confusion, disrupting certainties and encour­ aging reciprocal contagion. And it works like this: the first week of the year is free. Two teachers from different disciplines offer a collective format and the students leave their accustomed quarters; shifting tables, exchanging places, transgressing boundaries. The resources of the university are mixed up every which way. Its populace is re-networked. A temporary campus with lasting consequences. After five days everyone is called back to present their experiences: breathless, astonished, infected. And so is the UdK, for it has honoured our ad hoc Collisions by making them a fixed part of the Studium Generale. Campus-Kollisionen, UdK-weite Projektwoche zu Jahresbeginn, seit 2009 in Kooperation mit / UdK-wide project week at the start of the year, since 2009 in cooperation with Prof. Dr. Jürgen Schulz, Prof. Valeska Schmidt-Thomsen, Prof. Rhys Martin, Prof. Nik Haffner, seit 2013 im Programm des Studium Generale der UdK Berlin / since 2013 in the programme of the Studium Generale of UdK Berlin.

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Ein Ort – dazwischen  Es liegt noch nicht lange zurück, da hat die Universität der Künste Berlin gemerkt, dass ihr ein Campus fehlt – und damit der Dreh- und Angelpunkt einer Universität. Konglomeriert aus diversen ehemaligen Bildungstätten für die Künste und verteilt auf 16 Standorte in mehreren Bezirken Berlins scheint die Autonomie der Häuser ihren dort beheimateten Disziplinen lange ausreichend gewesen zu sein. Poly­ zentrisch passt ja auch zu Berlin – eigenständige Milieus, interne Wege und gemeinsame Codes, weit entfernt die Zentrale als rein verwaltende Figur. Das Wake up gelang durch den Folgenreichtum Disziplin-übergreifender Projekte, initiiert durch eine neue Generation von Professorinnen und Professoren, denen die Kultur der Kooperation wesentliche Qualität in der eigenen Disziplin ist und für die das Überbrücken von Distanzen und Unterlaufen von Strukturen ohnehin zu den professionellen Strategien gehört. Auch außen klingelten Wecker: Berlin erklärte sich zum weltweiten Kreativ-Mekka, Exzellenz-Clusterer erfanden übergreifende Themenkomplexe und die Berliner Hochschullandschaft sah sich durch das Konzept einer neuen Super-Universität mit herausragenden Forschungsbedingungen von Austrocknung bedroht. Die UdK ergriff die Chance, dass nun auch allgemein wahrgenommen wurde, welche Rolle die Künste und die Kreativwirtschaft für

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formatieren / formatting

die Entwicklung der Stadt spielten und welcher Wert im komplementären Potenzial künstlerischer und kreativer Strategien für die Kooperation mit klassisch-wissenschaftlicher Forschung liegt – und setzte sich fortan als vierte mit an den Tisch der bislang nur bis drei gezählten Berliner Universitäten. Das blieb nicht ohne Folgen: Der Stand­ort Charlottenburg wurde als gemeinsamer Campus von TU, UdK und umliegenden Fraunhofer-Instituten erkannt und ausgerufen. Eine EU-geförderte Hybrid-Plattform soll die Initiierung gemeinsamer Projektvorhaben erleichtern und den Zugang zu den vielfältigen Einrichtungen am Campus ermöglichen. Die Einstein-Stiftung, die dann anstelle der Super-Uni gegründet wurde, um exzellente Wissenschaft und Forschung an allen Berliner Hochschulen zu fördern, konnte für die Finanzierung der Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften gewonnen werden – ein Novum in der Wissenschaftsförderung, denn wie bei dem von Olafur Eliasson geleiteten Institut für Raumexperimente der UdK wird auch hier den Künsten ihre Relevanz in der Forschungs­landschaft zuerkannt. Sogar die Lehre spielt auf dem Campus: die zunächst informell gestarteten CampusKollisionen, die jeweils zu Jahresbeginn hunderte von Studierenden in interdisziplinären Workshops auf ungeahnte Arbeitsfelder verführen, wurden jetzt offizieller Teil des Studium Generale der UdK.


Modelle für disziplinübergreifende Forschung und Lehre und die daraus entwickelten Formate beginnen also Schule zu machen und spielen als eine Art tempo­rärer, ja situativer Campus eine wesentliche Rolle bei der zunehmenden Entdeckung der so wertvollen Synergien. Dieser Transitmodus ist anstrengend, erzeugt aber viele Qualitäten: Man genießt den Gaststatus in anderen Häusern oder bietet selbst die Homebase für die Kooperation. Die Standorte vernetzen sich, Ameisenstraßen entstehen und vergehen, Milieus befruchten sich, die Reichweite bereichert sich um die Kompetenzen der anderen, Wechselwirkungen nehmen zu. Infiziert dadurch wächst der dringende Bedarf nach einem expliziten, konzentrierten Ort der Kooperationen. Ein Ort als coura­giert kuratierte Spielstätte, als Labor für expe­rimentelle Projekte zwischen den Künsten, zwischen den Wissenschaften und den Künsten, zwischen UdK Berlin und TU, zwischen Forschung und Lehre, zwischen Campus und Stadt und damit auch zwischen Hochschule, Wirtschaft und Gesellschaft. Das Symposium Graduale 12 der Graduiertenschule für die Künste und Wissenschaften nutzte eine letzte Chance, das Amerikahaus, immer wieder Objekt der Diskussion um einen künftigen Ort der interdisziplinären Campus-Formate, im play:test auf die Probe zu stellen – und konnte zwar nur kurz, aber mit einer beeindruckenden Vielfalt an experimentellen Interventionen zeigen, was ein solcher Ort bieten und leisten kann. Es war allerdings schon abzusehen, dass die UdK Berlin im Wettbewerb um dessen künftige Nutzung unter „ferner liefen“ gelandet war. Zu wenig strahlend noch war das Modell einer attraktiven Plattform, die mit Keywords aus Sonntagsreden – von Wissenstransfer über Cross-Innovation bis Forschung & Lehre – werktags nachhaltig experimentiert. Das Modell vom Ort zwischen allen Disziplinen werden wir weiter wachsen und gedeihen lassen – der Campus ist ja fruchtbar. Und ein Schutzdach wäre schnell gespannt. Aber für den ersten Spatenstich zur Nachhaltigkeit brauchen wir einen Ort. an in-between place  It’s not long since the Berlin University of the Arts noticed that it lacked a campus – and with it a university hub. It seems that, for many a year, the conglo­ merate of diverse sites, erstwhile art education establishments, spread out over 16 locations in different districts of Berlin satisfied the autonomous institutions and their respective disciplines. Polycentrism is typical of Berlin with its independent milieus, internal pathways and collective codes, far removed from a centre with a purely administrative function. The wake-up call was achieved through consequential cross-disciplinary projects, initiated by a new generation of professors and lecturers for whom the culture of

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cooperation is a significant quality in their own discipline, and for whom bridging distances and subverting old structures are professional strategies. And the alarm also rang from outside: Berlin declared itself an international creative Mecca, excellence clusters developed overarching thematic complexes and the Berlin university landscape feared being upstaged, as the idea emerged of a new super-university with exceptionally favourable research conditions. The UdK grasped this opportunity, the role that the arts and the creative economy play in urban development now being widely recognized as well as the potential value of complementary artistic and creative strategies when applied in cooperation with classical economic research. The UdK joined the three previously recognized Berlin universities at the round table. This was not without consequence: the location Charlottenburg was proclaimed and became recognized as the common campus of the TU, the UdK and the Fraunhofer Institutes in the vicinity. An EU-sponsored hybridplatform was founded to enable the initiation of collective projects and provide access to the diverse establishments at the campus. The Einstein Foundation was established, instead of a super-university, to promote excellent research and science at all Berlin’s universities. It agreed to financially support the new Graduate School for Arts and Sciences – a novelty in research funding, recognizing the relevance of the arts in the research landscape, as at the “Institut für Raumexperimente der UdK” run by Olafur Eliasson. Even new teaching came into play at the campus: the once informal ad hoc Campus-Kollisionen that brought together hundreds of students in interdisciplinary workshops at the beginning of the year and introduced them to new fields became an official part of the Studium Generale at the UdK. Models for interdisciplinary research and teaching and the resulting formats start to catch on, and as a kind of temporary, indeed situative campus, play a significant role in the discovery of such valuable synergies. This transit mode is demanding, but it is very fruitful: one enjoys guest status at other institutions or offers them a home base for collaboration. The locations become interlinked, pathways come and go, milieus cross-pollinate, the range expands to include the competencies of others, interaction increases. Inspired by all this, an urgent need arises for an explicit, concentrated place for collaborations. A site as a courageously curated playground, as a laboratory for experimental projects between the arts, between the sciences and the arts, between UdK and TU Berlin, between research and teaching, between campus and city, and thus between university, economy and society.

The symposium Graduale 12 at the Graduate School for Arts and Sciences used a last chance to implement the play:test at the Amerika Haus. The latter had often been discussed as a future place for interdisciplinary campus formats – and play:test was able to show, if only for a short time, the impressive variety of experimental interventions that such a place can offer and encourage. However, it was already evident that the UdK Berlin would not make the grade in the competition about the future function of the Amerika Haus. Our model of an attractive platform, experimenting sustainably on workdays with keywords from Sunday sermons – from know­ledge transfer, cross-innovation to research & teaching – was not sufficiently glossy. A place in-between all disciplines is a model we intend to allow to grow and flourish – the campus provides fertile ground. And a protective canopy could be easily erected. But we need a site to turn the first sod towards sustainability. Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften der UdK Berlin / Graduate School for the Arts and Sciences of the UdK Berlin.


Künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiter/ Art and research assistants Wilm Fuchs 2004 – 2010 Jörg Höltje 2010 – 2011 Frank Spenling 2004 – 2008 Hanna Lisette Wiesener 2011 – heute Christian Zöllner 2008 – heute

Gastdozenten und Projektbeteiligte / Guest lecturers and project participants Prof. Anna Anders – Design Reaktor Berlin Azumi+David – Design Reaktor Berlin Marc Bergold – Rapid Clean-Up Matthias Brunner – Design Reaktor Berlin Peter Bünnagel – Design Reaktor Berlin Prof. Dr. Kathrin Busch – Transritus Dr. Nicole Busch – Design Reaktor Berlin Marco Dessi – Exploring Alcantara Lars Dinter – Lichten Franz Fietzek – Design Reaktor Berlin Prof. Nik Haffner – Campus-Kollisionen Prof. Achim Heine – Design Reaktor Berlin Dr. Fabian Hemmert – SchwarmLabor – Exploring Alcantara Prof. Fons Hickmann – 100 Beste Plakate – Design Reaktor Berlin Sarah Illenberger – Alles muss raus? – Transritus Dr. Johann Habakuk Israel Sketching in Space Holger Jahns – Rapid Balzing – Rapid Clean-Up – Transritus Prof. Dr. Gesche Joost – SchwarmLabor Ronen Kadushin – Crash – Design Reaktor Berlin Marcus Keichel – Design Reaktor Berlin Hermann Klöckner – Design Reaktor Berlin Klaudia Kruse – Exploring Alcantara Thomas Kutschker – Design Reaktor Berlin

Mark Kwami – Design Reaktor Berlin Piero Lissoni – Exploring Alcantara Prof. Dr. Rhys Martin – Campus-Kollisionen Franziska Morlok – Design Reaktor Berlin Prof. Andreas Mühlenbehrend – Bionik&Design – Design Reaktor Berlin Claudia Nicolai – Design Reaktor Berlin Karen Olze – Design Reaktor Berlin Marc Piesbergen – Design Reaktor Berlin Prof. Dr. Ingo Rechenberg – Bionik&Design – SchwarmLabor Joachim Schirrmacher – Design Reaktor Berlin Prof. Valeska Schmidt-Thomsen – Campus-Kollisionen – Design Reaktor Berlin Franziska Schreiber – Design Reaktor Berlin Prof. Dr. Jürgen Schulz – Campus-Kollisionen – Design Reaktor Berlin Daniel Schulze – Exploring Alcantara Hendrik Schwantes – 100 Beste Plakate Judith Seng – Design Reaktor Berlin Prof. Grit Seymour – Design Reaktor Berlin Prof. Jerszy Seymour – Unconditional Tools Prof. Inge Sommer – Design Reaktor Berlin Michael Stache – Bionik&Design – SchwarmLabor Dr. Frank Steinbach – Design Reaktor Berlin Frank Steinert – Design Reaktor Berlin Konrad Süßkow – Design Reaktor Berlin Flora Talasi – Campus-Kollisionen Anita Tillmann – Alles muss raus? Ole Tillmann – Exploring Alcantara Donata Wenders – Design Reaktor Berlin Peter Zizka – Design Reaktor Berlin

Betreuungspartner bei Diplomen / Supervising partners for diploma students Prof. Dr. Kathrin Busch Prof. Nik Haffner Ronen Kadushin Prof. Christina Klessmann Prof. Holger Neumann Prof. Dr. Gero Puhl Florian Sametinger Prof. Dr. Walter Scheiffele Prof. Barbara Tietze

Werkstattbetreuungen / Workshop supervisors Petra Akrap (Porzellan/Porcelain) Ferdinand Hübner (Holz/Wood) Matthias Kuhl (CNC) Rainer Prüfert (Kunststoff/Plastic) Benjamin Seidl (Kunststoff/Plastic) Marcel Wälthring (Metall/Metal) Andreas Velten (Foto/Photography) Andreas Schimanski (Foto/Photography)

Projektpartner / Project partners 100 Beste Plakate e.V. Alcantara S.p.A. Berlin Weekly Fraunhofer IPK Berlin Fraunhofer IWU Chemnitz Fraunhofer IZM Berlin Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin Lichtvision Nils Holger Moormann Spektral GmbH T-Labs Volkswagen AG Kleine und mittelständische Unternehmen in Berlin

Bilder / Photographs Sven Hagolani 94 Hans Hansen 7–8, 31–33, 40–41, 70–74, 92 Achim Hatzius 76–81 Onlab 84 Studierende und Mitarbeiter der UdK Berlin


Studierende / Students Tan Aksoy – Elektrolumen 55 Felipe Ascacibar – 100 Beste Plakate 42–43 Maren Bönsch – Niem 46–47 Ulf Brauner – alcantaraceae flectens 30–33 Joscha Brose – making objects with a flexible mould 37–39 – Studio Hausen 91 Jonas Darley – Puck 26 Frederike Delius – Sun-Line 79 Jakob Diezinger – Dune 54 Fionn Dobinn – Shit Rules! 82 Henrik Drecker – Wall-Kitchen Erika 67 Julinka Ebhardt – Unconditional Tools 9–17 Michael Erbach – Apotheke zum Goldenen Einhorn 78 Robert Fehse – Ferrofluid 86 Eva Feldkamp – send 73 Lene Fischer – Unconditional Tools 9–17 – Clair obscur 24–25 – vivid 73 Fynn Freyschmidt – Schlanzen 70–71 – Kärcher Center 76 David Geckeler – Fragment 64–65 Matthias Gerber – Rapid Balzing 8 Michel Giesbrecht – Matruschkas & Eierschalen 20–22 – Brasilia Walden 23 Yi Guo – Splittering 75 Karoline Haasters – Lux Optik 76–77 Hanna Halstenberg – Lindt Second Hand 80–81 Pascal Hien – UdK-Bookshop 61 – Schlanzen 70–71 Amelie Hinrichsen – Körper im Raum 50–51 Jörg Höltje – Studio Hausen 34–35, 91 – Hydra 62–63 Stephanie Hornig – Unconditional Tools 9–17 – UdK-Bookshop 61 – Crush Cushions 74 Tine Huhn – Laundry 28–29 – UdK-Bookshop 61 – waagen 66

Ole Jeschonek – Aufgefaltet 56 Moritz Kassner – Swarmdisplay 87 Milena Kling – Bond 40–41 – The Presence of Absence 68–69 – Ferrofluid 86 Magdalena Kohler – Trikoton 48 Christ van Leest – Unconditional Tools 9–17 Noa Lerner – Music Drop 27 – DeTail 60 – Shit Rules! 82 Liran Levi – Story Tail 6–7 Theresa Lusser – loop 72 Franziska Lutze – Brasilia Walden 23 Janja Maidl – Temae 44–45 Jan-Patric Metzger – 100 Beste Plakate 42–43 Franziska Müller – Fahrradbüro 79 Rea Naber – 100 Beste Plakate 42–43 David Olbrich – Brasilia Walden 23 Bodo Pahlke – UdK-Bookshop 61 Katharina Ploog – Wall-Kitchen Erika 67 Josua Putzke – Utopie einer Geometrie 18–19 Camilla Richter – Unconditional Tools 9–17 – Brasilia Walden 23 – Crush Cushions 74 Max Schäth – Brasilia Walden 23 – Brückenstein 36 – Schlanzen 70–71 Maria Schwermer – Hammett Krimibuchhandlung 80 Davide Siciliano – 100 Beste Plakate 42–43 – Wall-Kitchen Erika 67 Manuel Telschow – Pedellight 52–53 Sven Ulber – Wall-Kitchen Erika 67 Lukas Wegwerth – Crystals 57–59 Jörn Weidenmüller – Unconditional Tools 9–17 – vivid 73 Lisa Weiss – Brasilia Walden 23 – design as cure 83 Hanna Wiesener – Trikoton 48 Siren Elise Wilhelmsen – alles zählt 49 Anna von Zander – 100 Beste Plakate 42–43

Ich danke Lisa Weiss für die hellsichtige und zugkräftige Begleitung in Konzeption, Recherche, Redaktion und Organisation. Elisabeth von Haebler und Andreas GallingStiehler für das spitzfindige und treffsichere Lektorat. Celia Brown und Pauline Cumbers für die gelungene Übersetzung in die englische Sprache. Hendrik Schwantes und Michael Heimann für das großartige Buchmachen. Hans Hansen für die fantastische Fotografie. Kathrin Busch für das gemeinsame Denken. Hanna Wiesener, Christian Zöllner, Jörg Höltje, Frank Spenling und Wilm Fuchs für ihr vertrauensvolles und leidenschaftliches Engagement am Lehrstuhl. Martin Rennert für die großzügige Unterstützung der UdK Berlin.

I would like to thank Lisa Weiss for clear-sightedly and effectively supporting the concept, research, editing and organisation. Elisabeth von Haebler and Andreas GallingStiehler for their subtle and sound editorial work. Celia Brown and Pauline Cumbers for the felicitous translation into English. Hendrik Schwantes and Michael Heimann for their wonderful design of the book. Hans Hansen for the phantastic photography. Kathrin Busch for joining whole-heartedly in the thinking process. Hanna Wiesener, Christian Zöllner, Jörg Höltje, Frank Spenling and Wilm Fuchs for their faithful and passionate dedication to the Chair. Martin Rennert for the generous support of the UdK Berlin.

Axel Kufus, Berlin 2014


Möglichkeitsmodelle Designing Models Axel Kufus Redaktion / Editing Axel Kufus Lisa Weiss Lektorat / Proof reading Andreas Galling-Stiehler Elisabeth von Haebler Übersetzung / Translation Celia Brown Pauline Cumbers Gestaltung / Design Heimann und Schwantes Lithografie / Imaging max-color Druck / Printing DZA Druckerei zu Altenburg GmbH

Revolver Publishing Immanuelkirchstraße 12 D – 10405 Berlin Tel.: +49(0)30 616 092 36 Fax: +49(0)30 616 092 38 info@revolver-publishing.com www.revolver-pulishing.com ISBN 978-3-95763-034-6 © 2014 Institut für Produktund Prozessgestaltung der Universität der Künste Berlin & Revolver Publishing Alle Rechte vorbehalten. / All rights reserved. Abdruck (auch auszugsweise) nur nach ausdrücklicher Genehmigung durch den Verlag / Reprints (even of extracts) only possible with the explicit permission of the publishing house. www.design.udk-berlin.de/idk www.kufus.de


Möglichkeitsmodelle  Designing Models Axel Kufus

Universität der Künste Berlin Revolver Publishing

Mög chke ts- mode e Des gn ng Mode s Axel Kufus


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