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BAZON BROCK DENK-ARTIST

Uwe Schütte

Denk-Artist Bazon Brock

Versuch einer Annäherung

Schwabe Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

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Abbildung Umschlag: Foto Verena Berg

Korrektorat: Linde Kapitzki, Berlin Cover: icona basel gmbh, Basel

Layout, Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck: Finidr, Tschechische Republik

Printed in the EU

Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch

Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de

ISBN Printausgabe 978-3-7965-5482-7

ISBN eBook 978-3-7965-5483-4

DOI 10.24894/978-3-7965-5483-4

rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

Für Antje, meiner «Beauftragten des Volkes für die Bewahrung der Hoffnung, dass Liebe dennoch gelingt»

Anhang 1:

Listen, Kataloge, Merksätze aus dem Kosmos von  Bazon Brock – Ein Schnelldurchlauf in acht Etappen

Anhang 2:

Jeden Tag ein Schluck Coca Cola gibt größere Gewißheit als das Abendmahl, das Blut Christi.

Bazon Brock, «Das Leben als Theater» (1965)

Abbildung 1: Paul Klee, Seiltänzer, Lithografie, 1923

Bazon Brock auf den Punkt gebracht

Wie lässt sich das vielschichtige, so ausgreifende wie umfassende Werk von Bazon Brock auf einen Nenner, ein Bild, einen Punkt bringen? Vielleicht am besten durch das Bild des Seiltänzers, das er immer erneut in Erinnerung ruft.

Der Denk-Artist Brock wird zum Beispielgeber, da er vorführt, was im Zirkus jenen Akrobaten gelingt, die über ein an zwei Pfählen aufgespanntes Seil balancieren. Diese Wagemutigen sind abenteuerlich ungeschützt in mehreren Metern Höhe, fortwährend bedroht vom Risiko eines fatalen Absturzes. Ein veritables Kunststück. Denn die «Seiltänzer halten sich nur an dem fest, was sie selber tragen: eine Balancierstange». Sie ist das Einzige, was den Artisten in lebensgefährlicher Situation Sicherheit und Stabilität gibt. Staunend beobachten wir so ihr atemberaubendes Geschick, selbstsicher über dem Abg rund zu wandeln.

Das also ist das Beispiel, dem es nachzueifern gilt. Auch wir müssen das Kunststück erlernen, sicher durchs Leben zu gehen allein dank einer Stabilität, die wir uns selber geben. «Denn sich festzuhalten an etwas, das wir selber tragen», ist Inbegriff der Autonomie des Menschen. Wir brauchen keine Götter, keinen Kaiser, auch keine Ideologien. Nichts von alledem. Vernunftgetragene Gedanken und selbsterarbeitete Überzeugungen, die wir unserer Kritik der Wahrheit unterzogen haben, vermögen einen verlässlichen Halt zu geben.

So angeleitet bewegen wir uns, im Angesicht des Abgrunds einer Welt, die wir nie begreifen werden, durch unser Leben.

Vorrede mit Austerlitz

Unheimliche Koinzidenzen, merkwürde Wiederholungen, gespenstische Doppelungen. Das erzählerische Werk von W. G. Sebald ist voll davon. Der zur Mitte der 1960er Jahre in die englische Auslandsgermanistik entlaufene Allgäuer war mein Doktorvater. Als ich sein PhD student wurde, im Herbst 1992, war nur Sebalds erster Prosaband Schwindel. Gefühle. erschienen; als ich meine Dissertation im Frühjahr 1996 an der University of East Anglia in Norwich einreichte, hatte er wenige Monate vorher sein Meisterwerk Die Ringe des Saturn veröffentlicht. Mit The Emigrants, der Übersetzung von Die Ausgewanderten, stieg der von mir bewunderte und von Susan Sontag mit Lob überschüttete Sebald ab 1996 meteorhaft zum bedeutendsten Repräsentanten der deutschen Gegenwartsliteratur im englischsprachigen Kulturraum auf.

Bislang habe ich neun Monografien und Sammelbände über sein Werk veröffentlicht, auf Deutsch wie auf Englisch. Bevor ich mein zehntes Sebald-Werk angehe, das seine unveröffentlichten, im Deutschen Literaturarchiv verwahrten Schriften behandeln wird, wollte ich nicht zuletzt mir selbst beweisen, dass ich kein one trick pony bin; ich schrieb Bücher über Briefmarken und Bowie, und wollte schon eine Studie über Bacon, den Maler, beginnen, als ich das Angebot bekam, mich mit Bazon Brock zu beschäftigen. Ich sagte allein schon aus Gründen zwingender Alliteration zu. Doch damit der Koinzidenz nicht genug. Je mehr ich mich mit Brock beschäftigte, desto stärker realisierte ich die nachgerade unheimlichen Analogien zwi-

schen ihm und Austerlitz, der Hauptfigur aus dem gleichnamigen Roman Sebalds. Das 2001 erschienene Buch wurde durch Sebalds vorzeitigen, mich tief erschütternden Tod im Alter von nur 57 Jahren, zu seinem literarischen Vermächtnis.

Austerlitz also. Die handlungstragende Konstellation, mit der ein Sebald nahestehender Erzähler berichtet von seinen Begegnungen und Gesprächen mit dem deutlich älteren, von ihm bewunderten Architekturhistoriker Austerlitz, der zum Mentor und Vorbild wird, glich ohnehin meinem Verhältnis als Doktorand zum freundschaftlichen Betreuer Sebald. Nun aber drängte sich eine weitere Analogie auf: Nahm ich nicht erneut, inzwischen in die Endrunde meines Lebens eintretend, die Rolle eines Adlatus vis-à-vis dem drei Jahrzehnte älteren Gelehrten ein? Mehr noch, glich Bazon Brock nicht in markanten Einzelheiten der fiktiven Romanfigur? Sebald beschreibt Austerlitz als einen «beinahe jugendlich wirkenden Mann mit blondem, seltsam gewelltem Haar»1, den der Erzähler dafür bewundert, wie er aus dem sogenannten Stegreif heraus über architekturgeschichtliche wie verwandte kulturhistorische Themen zu referieren vermag – ganz wie Brock also, der sich ohnehin mit denselben Themenfeldern beschäftigt hat, um die sich der Roman dreht. «Es war für mich von Anfang an erstaunlich, wie Austerlitz seine Gedanken beim Reden verfertigte, wie er sozusagen aus der Zerstreutheit heraus die ausgewogensten Sätze entwickeln konnte, und wie für ihn die erzählerische Vermittlung seiner Sachkenntnisse die schrittweise Annäherung an eine Art Metaphysik der Geschichte gewesen ist, in der das Erinnerte noch einmal lebendig wurde»,2 schreibt Sebald und erfasst damit präzise meine Erfahrung, dem extemporierenden Bazon Brock zuzuhören. Als ich ihm diese Passage vorlas, entgegnete er: «Besser kann man tatsächlich nicht beschreiben, was ich über mein ganzes Leben gemacht habe.»

Brock, zu meinem Erstaunen mit Sebalds Werk bestens vertraut, waren bei seiner Lektüre des Romans selbstredend weitere erstaunliche Kongruenzen aufgefallen, die er sich angestrichen hat. So etwa die Stelle, in der das Kindermädchen Věra im Gespräch mit dem

erwachsenen Austerlitz diesem berichtet, dass er sie als Kind «schon im Alter von nicht einmal ganz drei Jahren mit meiner Konversationskunst auf das angenehmste unterhalten hätte.»3 Hier fiel Brock die ihm von Tante Lieschen berichtete Anekdote ein, er sei, gerade zweieinhalb Jahre alt, im Januar 1939 anlässlich einer Familienfeier der rund dreizehnköpfigen Festgesellschaft, die am Lauenburger Bahnhofsperron stehend die Ankunft seiner Mutter mit ihrem jüngst geborenen Sohn erwartete, sei also der Willkommensgruppe vorangelaufen ins Restaurant, um dort dem Oberkellner die baldige Ankunft seiner Verwandten anzukündigen, diese namentlich aufzählend und ihre jeweiligen Lieblingsspeisen benennend, welche man mithin jetzt schon in der Küche ordern könne. «Und das hat der Kellner gemacht und als alle reinkamen, sagte er, ich weiß schon, was Sie gerne essen, ist alles schon bestellt. Und in der Tat bekam das dann jeder, zum großen Erstaunen der Verwandtschaft.»

Was sich angesichts solch sinniger Doppelungen aufdrängt, ist die gängige Hierarchisierung von Fakt und Fiktion, Literatur und Leben probeweise zu verkehren, um eine andere Perspektive auf die Welt zu gewinnen. Was mir seit langem vertraut war an der Romanfigur als festgemachter Fiktion, begegnete mir unverhofft in der Realität. Das unterstreicht und verstärkt aber weniger die Stimmigkeit der romanhaft erschaffenen Kunstfigur, es lässt vielmehr die reale Person Bazon Brock genauer erkennen, nämlich als signifikanten Zeittypus. Oder versuchen wir diese Umkehrbewegung anders zu fassen: Nicht eine reale Person als Vorbild für eine fiktive Figur in einem Roman oder als Thema einer Biografie zu bewerten, ist unsere Aufgabe. Nein, im Gegenteil gilt es, zur Welterkenntnis auszugehen von der literarischen Produktion, die mit ästhetischen Mitteln einen Erkenntnisrahmen erschafft, der uns erlaubt, reale Personen als Zeittypus, als Akteure in der Zeit besser zu erkennen.

Es verhält sich also, um zur Illustration das Register zu wechseln, wie im Fall neomythologischer Superheldengestalten vom Typus eines Superman oder Batman, die als Figurationen übermenschlicher Kräfte uns das analytische Handwerkszeug geben, die erratische, hyb-

risgetriebene Machtpolitik solcher Autokraten wie Putin, Trump oder Erdoğan zutreffend beurteilen zu können. Die Fiktion orientiert uns auf die Wirklichkeit, durch Gestalten der Imagination gewinnt man unverhofft Zugang zu einer anderen Sicht, zu einem ganz anderen Begriff für das Handeln von Akteuren in der Realität. In diesem Sinne will diese Annäherung an das Denkwerk von Bazon Brock versuchen, wahrzunehmen, auszudeuten, zu würdigen und festzuhalten, was vorgegeben ist im Zeitgenossen Bazon Brock. Und dabei gerade nicht das Biografische, sondern das Ideengeschichtliche, also das, was eben nicht im rein Historischen seiner Lebensumstände aufgeht. Nicht nach dem gängigen Schnittmuster eines «Er lebte, liebte, lehrte und starb» wird hier verfahren, vielmehr soll jene entscheidende Frage gestellt werden, die lautet: «Was hat er sich dabei gedacht?» (so der Titel seines Großbuchs Theoreme).

1 Achtung Denk-Ar tist!

Bazon Brock, wer ist das?

Unfug, völlig unerheblich. Sagt er. Nicht die Biografie, nein, das Werk allein zählt, geht es um Denker, Künstler und Vertreter verwandter Denominationen. Ein Werk schaffen, das bleibt. Das weiterlebt, im Denken, Schreiben und Handeln anderer, damit die Ideen im Sozialen wirksam werden. Ein Werk schaffen, beispielhaft, das sich die Erhellung der Welt vornimmt. Ein Werk, das sich der Kritik aussetzt, denn kritische Auseinandersetzung mit Gedanken und Konzepten ist die einzige Form tatsächlicher Wahrnehmung. Menschen sind dann interessant, so erklärte Bazon Brock, wenn sie vehement für etwas einstehen, für eine Idee glühen, ein Konzept mit missionarischem Ernst verfolgen. So wie er.

Ersuchen wir probehalber die neue Diskursautorität der sogenannten Künstlichen Intelligenz, in Form von Chat GPT V1.2, darum, die intellektuelle Gestalt von Brock in einem Satz zu charakterisieren, so lesen wir: «Bazon Brock ist ein deutscher Denker, Künstler und Kulturtheoretiker, der sich durch seine provokative Art, interdisziplinäre Ansätze und unkonventionelle Vermittlung von Kunst und Philosophie auszeichnet.» Das kann man fürs Erste durchaus stehenlassen. Ausreichend ist es kaum. Daher dieser Versuch, seinem Denkwerk zu begegnen. Sich zentralen Theoremen von Brocks Denkkosmos anzunähern, um seine Welterschließung auf ihre Tauglichkeit zum Verständnis unserer Gegenwart zu überprüfen.

Mehr noch, um zu fragen, inwieweit sein Denken im sich zunehmend verdüsternden 21. Jahrhundert Orientierung bieten kann, will sagen: ob es valide Handlungsvorschläge enthält, wie zu reagieren auf erstarkenden Rechtspopulismus, virulenten Klimawandel, hysterische Identitätspolitik, systemische Wirtschaftskrise und digitalisierte Kultur – um nur ein paar der destruktiven Faktoren zu benennen, an denen der vielgestaltig sich vollziehende Untergang eines Gesellschaftsmodells zu beobachten ist, der den sozialdemokratischen Optimismus der 1970er Jahre, die neoliberale Sorglosigkeit der 1980er und das naive Siegesbewusstsein der 1990er Jahre endgültig Lügen straft. Wie also verändert sich die Sichtweise unserer Welt unter der Vorgabe von Brocks Denkwerk? Wie lässt sich unsere Misere anders verstehen, wie ließen sich die unlösbaren Probleme des 21. Jahrhunderts bemeistern?

Ein Wort der Warnung: Weder wollte ich eine Studie mit akademischem Anspruch vorlegen, noch strebt dieser Band eine umf assende Darstellung der in den philosophischen Schriften und den künstler ischen Aktionen, den medialen Auftritten und den in einem Grenzbereich zwischen Performance und Pädagogik angesiedelten Action Teachings von Brock entworfenen Theoremen, Begriffsprägungen und Provokationen an. «Objektivität», so weiß Brock, «wird nicht dadurch erreicht, daß man sich bemüht, möglichst alles zu erfassen, sondern dadurch, daß man weiß, das eigene wie das Urteil der anderen erfaßt immer nur Einzelaspekte.» (BS 7) Geliefert wird hier, zwangsläufig und intentional, daher eine persönliche Lesar t. Ihr Ausgangspunkt liegt in dem, was mich am stärksten an der intellektuellen Gestalt von Brock anzog, nämlich sein nonkonformer, kontradiktorischer, renitenter, furchtloser, parteiischer, quer ulantischer, punkiger Gestus. Bazon Brock, der Polemosoph. Was alles hat er für uns getan? Als Professor für nichtnormative Ästhetik schenkte er reinen Wein über die weithergeholten Ansprüche der Künstler, Kuratoren und anderer Gestalten des Kunstbetriebs ein. Als Verfechter einer Ästhetik des Alltags rückt er die akademische Bevorzugung der Hochkultur wieder ins Gleichgewicht,

wer ist das?

indem er zu zeigen vermag, dass selbst im billigsten Konsumprodukt des Massenmarkts sich noch ein tieferer Sinn auffinden lässt, blickt man genauer hin.

Als maßgeblicher Schrittmacher der Negativen Affirmation gibt er uns eine Subversionsstrategie an die Hand, mit der sich hegemoniale Machtansprüche so effektiv wie schlagartig aushebeln lassen. Als Proponent des Ernstfallverbots und der Selbstfesselung (Abbildung 2) fordert er, dass, wo Übermenschliches angestrebt wird, Gewöhnlichkeit herrschen soll, deren alltägliche Sicherstellung doch die wahre Großleistung jeder Zivilisation repräsentiert. Entgegen landläufiger Leistungslogik macht er sich stark dafür, «Scheitern als Chance» zu begreifen (lange vor Schlingensief). Und unermüdlich führt er eine Einmannkampagne gegen die Dummheit, die von seinen Zuhörern beziehungsweise Lesern nicht selten Mut zu schmerzhaften Einsichten einfordert. Um nur ein paar wesentliche Beispiele zu nennen.

Abbildung 2: Selbstfesselungskünstler

Bazon Brock, Navigator. Er macht uns vor, wie man sich, gleich den ersten Entdeckungsfahrern auf hoher See, verortet im Ortlosen, sind wir doch alle allein auf dieser Welt und haben nur unsere intellektuellen Fähigkeiten, um uns in ihr zu orientieren, um unsere Position zu bestimmen, um zum Ziel zu finden, von dem wir vielleicht

gar nicht wissen, was es ist. Seemänner mussten sich auf ihre geistigen Kräfte verlassen, ihrem Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen zu vertrauen, um sicher anzukommen, das macht sie zu Parallelgestalten der Künstler und Wissenschaftler.

Diese versteht Brock als Beispielgeber dafür, wie man Probleme erkennt, sich ihnen aussetzt und im Scheitern an deren unmöglicher Lösung kreative Angebote von allgemeiner Relevanz macht. «Fortschritt besteht gerade darin, Gegenkräfte für das Weiterkommen zu nutzen. Das lehrt die Seefahrt: Kreuzen gegen den Wind, das ist Fortschritt – gegenüber dem bloßen Sich-vom-Wind-treiben-Lassen.» (T 224) Das Navigieren entpuppt sich so überraschend als Vorschule dafür, «sich gedanklich kraft eigener Fähigkeit zu orientieren, Aussagen über die Welt zu entwickeln und sich im eigenen Tun zu behaupten, also: selbständig eine Aussage zu begründen.» (T 225)

Brocks Denken ermöglicht, durch überraschende Verkehrungen der Perspektive die verborgene Wahrheit hinter allseits approbierten Glaubenssätzen zu erkennen, wie zugleich selbstherrlich vorgetragene Geltungsansprüche durch eine rigorose Kritik der Wahrheit als haltlose Besserwisserei zurückzuweisen. Ein Held der Heterodoxie. Oder ausgedrückt im uneigentlichen Jargon universitär approbierter Besserwisser: Bazon Brocks apophatisches Denkwerk verbürgt die Aktualität kultureller Resistenz durch intellektuelle Alterität.

Wie also würdigt man die im Kunst- wie Wissenschaftsbetrieb singuläre Gestalt Bazon Brock? «Die bedeutendste Form des Würdigens ist die Kritik», erklärt er selber, «wer kritikwürdig ist, wird darin ernst genommen und Kritik entwickelt sich aus dem Streit gegen, nicht aus der Behauptung von wahrem Wissen oder vom Wissen der Wahrheit.» (KV 1, 1) Wer behauptet, die Wahrheit zu kennen, muss lügen. Daher wird zum Verbrecher, wer aus seinen Wahrheitsbehauptungen das Recht auf Eingriffe in die Gesellschaft ableitet. Brock vertritt den diametralen Gegentypus zu allen sendungsbewussten Weltbeglückern aus Religion, Kunst, Philosophie oder Politik, die er verspottet als «Schausteller göttlicher Selbstherrlichkeit».

Bazon Brock thront über keiner reinen Wahrheit, hat keine alleinseligmachende Heilslehre zu verkünden und sitzt ebenso wenig einer welterlösenden Theorie vor. Folglich hat er keine simplen Rezepte zur Lösung der uns bedrängenden Probleme anzubieten, sondern lehrt vielmehr die Einsicht, dass Probleme prinzipiell unlösbar sind –ansonsten wären sie ja keine. Wer behauptet, über Problemlösungskompetenz zu verfügen, ist Lügner, Blender, Betrüger. Probleme, so Brock, lassen sich niemals zum Verschwinden bringen, sondern allenfalls bemeistern. Unabdingbare Forderung unserer problemüberladenen Zeitläufte ist daher, «ein Verständnis für einen intelligenten Umgang mit ihnen zu entwickeln.»4

Was mich beeindruckt an Brock ist seine Haltung. Er ist kein überheblicher Großsprecher, kein prahlender Aufschneider, auch wenn sich zuweilen «regelrechte Sturheiten, Verbissenheiten, unbeirrbares Insistieren»5 bei ihm finden lassen, wenn es um die Sache geht, also den Wettstreit der Argumente. Ein Mann mit Mission eben. Dennoch wäre ihm fremd, Anspruch auf Diskursführerschaft oder gar die Rolle eines intellektuellen praeceptor germaniae zu erheben, wofür es ja genügend Prätendenten in der bundesdeutschen Nachkriegszeit gab. Der «bundesdeutsche Staatsphilosoph Prof. Habermas» (BK 283) etwa, fast ein Generationsgenosse Brocks, sei hier als Paradigma aufgerufen.

Beide Intellektuelle waren gut miteinander bekannt, wie Brock erzählte: «In Frankfurt war das. Er wohnte in einem neuen Siedlungsgebiet, in einem Vorort. Da fuhr ich dann hin und stellte das Auto ab. Er kam raus und wir sprachen lange über das Autodach hinweg. Dann eines Tages, nach einem halben Jahr intensiver Diskussion, erzählte er: ‹Ich bin jetzt dabei, eine Soziologie zu entwickeln, die das Ende aller weiteren soziologischen Überlegungen in erkenntnistheoretischer Hinsicht darstellt.› Und da habe ich gesagt: ‹Aber Habermas, das ist doch die Kapitulation. Wenn Sie so etwas Großspuriges von sich behaupten, dann ruinieren Sie sich.› Das war das Ende. Ich habe ihn ein paar Mal wieder getroffen, aber mehr als lächerliche Austausche über Belangloses ergaben sich nicht mehr. In der FAZ habe ich 1972

als erster eine Gegenüberstellung von Habermas in Konkurrenz zu Luhmann unternommen. Das musste er schlucken. Er konnte einfach nicht akzeptieren, dass da gesagt wurde: ‹Habermas, Sie sind großartig in ihren Irrtümern.› Das hat er nicht kapiert. Großartige Irrtümer. Nein, er wollte unbedingt der entscheidende soziologische Theoretiker sein. Er wollte ein für alle Mal klären, was in Zukunft verbindliche soziologische Theoriebildung sei.»6

Für Brock also ein Musterbeispiel für die Haltlosigkeit von Absolutheitsansprüchen, die Hybris einer theory of everything, die allein deshalb unmöglich ist, weil es doch das Ganze gar nicht gibt. Unsere Wirklichkeit lässt sich nicht unter die Behauptung zwingen, eine Frage wie die nach dem Funktionieren der Gesellschaft allumfassend gelöst und für immer erledigt zu haben. Im Denkkosmos von Brock kommt eine solche Allmachtsphantasie einer intellektuellen Bankrotterklärung gleich, und dies nicht zu Unrecht. Allzu evident ist die Nähe absoluter Geltungsansprüche zum Titanismus der Tätertypen auf dem Feld der Politik oder Religion.

Bleiben wir bei den Intellektuellen. Konkreter Ausdruck der Selbstinszenierung als Überfigur ist das «große Buch». Was auf Habermas’ Parkplatzankündigung folgte, sind die beiden Bände der Theorie des kommunikativen Handelns mit ihren rund 1.200 Seiten Gesamtumfang. Masse ist Macht. Quantität als einschüchternde Demonstration und erschlagender Beweis für Überlegenheitsansprüche. Imponiergehabe, ähnlich wie unlängst im Fall der gleichfalls zweibändigen, allerdings bescheiden betitelten Auch eine Geschichte der Philosophie, die dafür im gigantischen Umfang von fast 1.800 Seiten auftritt. Das soll ihm erst mal einer nachmachen! Vielleicht passt dazu, was Brock weiter berichtete: «Ich habe Habermas vor kurzem wieder mal eine E-Mail geschickt: Wollen wir nicht zum Abschluss unserer Lebensphasen nochmal einen Rückblick starten? Ich komme mal nach Starnberg und besuche Sie. Aber es gab nie eine Antwort.»7

Von vergleichbaren Erfahrungen berichtet Bazon Brock immer wieder:Weggefährten ziehen sich zurück, Partner brechen die Arbeitsbeziehung ab, Schüler lassen den Kontakt einschlafen, Kollegen ver-

Brock, wer ist das?

leugnen die Freundschaft. Was zwangsläufig Folgen für die Präsenz im öffentlichen Bewusstsein hat. Wenn die Einladungen seltener werden, die Auftrittsorte weniger hochkarätig und die mediale Präsenz weniger reichweitenstark ausfällt, verliert eine einst prominente Gestalt an Gewicht, rückt eine vormals relevante, gar unabdingbare Stimme immer weiter vom Zentrum an den Rand. Ausnahmen bestätigen die Regel: Brocks so provokanter wie punktgenauer Kommentar zum erbärmlichen Skandal um die Documenta 15 von 2022 war in aller Munde und wurde außerhalb des bundesdeutschen Feuilletons rauf und runter diskutiert.

Doch der Erfolg lädt zugleich zu Spekulationen ein: Werden Bazon Brocks Positionen inzwischen weniger oft gehört, weil man seine unbequeme Fragen stellende und liebgewonnene Gewissheiten herausfordernde Person vorsorglich beschweigt in einem von Angst gekennzeichneten Diskursklima, in dem ein falsches Wort, ein kritischer Gedanke, eine unorthodoxe Aussage zu massiven Reperkussionen führen kann? Während sich Hass und Aggression in den asozialen Medien immer mehr entgrenzen, geraten die intellektuellen Debatten zunehmend braver und feiger; nicht Polemosophen, sondern Konformisten sind derzeit allein gefragt.

Zugleich gilt unverändert die alte Sprichwortweisheit vom Walde, aus dem es so herausschallt, wie man hineinruft. Wer wie Brock kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es etwa darum geht, die selbstherrlichen Stilisierungen und das unkritische Verklärungsgeschäft des Kulturbetriebs zu kritisieren, dem wird solch Mangel an Opportunismus selbstredend heimgezahlt durch Marginalisierung. Viel Feind’, viel Ehr’, aber wenig Freude. So benannte Brock in einem im November 2015 geführten Interview als für ihn verabscheuungswürdig die moralisch verlogene Haltung sogenannter engagierter Intellektuelle, für die er exemplarisch die Namen Enzensberger und Grass nannte. Beide verkörperten in nuce ein linkes, abweichendes Gewissen, nahmen aber zugleich aus opportunistischem Kalkül stattliche Preise an, was sie – in der treffenden Formulierung Brocks – zu «staatseigenen Abweichungsclowns» machte.

«Das waren die Staatsclowns», so Brock, «die die Position des hauptamtlichen linken Gewissens bildeten, die gegen die FAZ und gegen den Staat waren und pausenlos nach Kuba fuhren, um Herrn Castro als Evangelisten der Demokratie in der neuen Gesellschaft zu feiern. Genau diese Heinis wurden massenweise ausgezeichnet und sie wussten, was das bedeutet.»8 Wer sich also, wie Bazon Brock, nicht an die Spielregeln des Betriebs hält, indem er kritisiert und polemisiert, Verfehlungen und blinde Flecken kenntlich macht an jenen, die Akademiepräsidenten, Feuilletonredakteuren, Proseminarleitern als intellektuelle Leitsterne gelten, der muss selbstredend damit rechnen, nicht mitspielen zu dürfen beim großen innerbetrieblichen Verteilungsgeschäft von Preisen, Stipendien, Auszeichnungen und dergleichen mehr. Denn in der Freunderlwirtschaft des Kulturbetriebs werden nicht Integrität und Unabhängigkeit belohnt, sondern Seilschaften.

Ich, das sind bei Brock viele. Zwei jedoch mindestens. Stets zu berücksichtigen ist seine Doppelrolle als Performer und Professor, was etwa die sozioökonomische Ambivalenz von Freiberuflerexistenz und Beamtenstatus nach sich zieht. Brock ist Theoriebaumeister einerseits, Kunstpraktiker andererseits. Kunst und Wissenschaft vereinigt er in einer Person. Apropos: «Kunst und Wissenschaft», so erklärte er übrigens in einem Interview, «kann man nicht mit der Absicht betreiben, Geld zu verdienen. Kunst und Wissenschaft zu betreiben, heißt, ganz anderen Kriterien als denen des Verdienstes am Markt zu genügen. Und deswegen gibt es auch eine große Debatte, ob die Finanzämter nicht grundsätzlich gegen das Grundgesetz verstoßen, wenn sie sagen: Wir erkennen steuerrechtlich nur Leute an, die eine Gewinnerzielungsabsicht haben.»9

Doch dies nur in Parenthese. Bleiben wir bei den, um erneut einen schönen Begriff Brocks einzuflechten, Begeisterungsgemeinschaften von Kunst und Wissenschaft. Aus der erlebten Praxis betrachtet, sind es zwei wenig erquickliche Felder, da in ihnen, wie detailliert nachzulesen in den Schriften von Pierre Bourdieu, eine rücksichtlose Konkurrenz um die symbolischen, ökonomischen und sozialen

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