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write my fire


Mit Feuer und Flamme traf man sich im Rahmen verschiedener Schreibevents zur Schweizer Erzählnacht 2012. Ausgestattet mit zündenden Ideen wurde geschrieben, bis die Tasten glühten. Write My Fire lautete das Motto, das nicht nur die Köpfe, sondern auch die Ohren zum Rauchen brachte: 20 Songs aus rund 50 Jahren Musikgeschichte inspirierten Studierende, Dozenten, externe Erwachsene und auch Kinder zum Schreiben. 20 Songs aus diversen stilistischen Ecken, von Chanson und Classic Rock über House und Pop bis zu Hip Hop und Thrash Metal. Die einzige Gemeinsamkeit bestand darin, dass sich all diese Tracks mit dem Thema Feuer und seinen vielen Facetten beschäftigten. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Texte, die während des Hörens verfasst wurden – feurige Kurzgeschichten, funkelnde Gedichte oder wiederaufgewärmte Songlyrics. Das noch nicht abgekühlte Ergebnis halten Sie nun in den Händen. Wir wünschen Ihnen ein brennendes Lesevergnügen!




Write My Fire

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Ohne Feuer kein Leben. Oder auf Neudeutsch: «Ohne Feuer geht gar nix Mann!» Die Höhle im Winter, ohne Feuer – unerträglich. Mahlzeiten zubereiten ohne Feuer bedeutet Veganerdasein. Rauchen ohne Feuer bedeutet, sich auf Kaugummizigaretten zu beschränken. Was für ein Statusdasein? Industrie? Stahl, Waffen, Schmuck – ohne Feuer? Good luck! Aha, und da wäre noch die Sonne, welche die Erde zu dem macht, was sie ist – ihr sozusagen menschliches Leben schenkt. Auch wenn sie uns seit der kopernikanischen Erkenntnis den zentralen Platz im Universum abgelaufen hat. Sie weiss einfach nicht, wie man seine Kinder behandelt. Lässt uns über tausende Jahre im Glauben, wir wären was Wichtiges und schwupps – beraubt sie uns unserer Selbstverliebtheit. Na ja, mich hat meine Unwichtigkeit noch nie wirklich gestört und ich bin leicht schadenfreudig gegenüber denen, die sich über die Dezentralisierung ihres Daseins mokieren. Ha! La. Halala. Ein Hoch auf Kopernikus. Till de Ridder



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I N H A LT S V E R Z E I C H N I S Fire – Arthur Brown Jugenderinnerungen Advent

Irène Spörri Julia Rietze

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House of Fire – Alice Cooper Abgebrannt

Julia Rietze

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Ring of Fire – Johnny Cash Feuerring Miranda Landstrasse I BI

Yves Furer Martina Feldmann Erik Altorfer Alexander Schiess

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Set Fire to the Rain – Adele Vielleicht ist das so Mit meinen Freunden Der Zug reisst mein Herz Berner Oberländer Du warst es Jetzt

Helen Kaufmann Rita Burtscher Daniel Ammann Erik Altorfer Mirjam Maron Bonina Oberholzer

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Regenfeuersatzung

Monique Honegger

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I’m on Fire – Bruce Springsteen Sommer 1993 Sandro Kübler Hitzesommer Nic Baschung Zerzaustes Freiheitsgefühl Annina Gutmann 4

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Schattenseiten des Feuers Till de Ridder

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Emotional Fire – Cher Lieber Jonas

Judith Leumann

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We Didn’t Start the Fire – Billy Joel We Didn’t Stop the Fire Feuer-Schneemann

Lukas Ramseier Ruth Zimmer

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Martina Feldmann

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Johannes Fuchs

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Burnin’ – Daft Punk Höhenflug

Feuer frei! – Rammstein Täuferschwein

I han es Zündhölzli azündt – Mani Matter 20 Minuten 8./15.11.12

Sofia Paredes-Littmann 40

Firestarter – The Prodigy Die Flamme im Dorf

Hüseyin Ucmak

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Light My Fire – The Doors Weiss Gabriella Rauber Neulich: Kernfusion Alex Rickert

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Put Out the Fire – Queen 26. September 1982 Hi! 

Markus Brandenburg 50 Tobias Zimmermann 51 5


I am the god of hellfire and I bring you Fire, I‘ll take you to burn (…) Fire, to destroy all you‘ve done Fire, to end all you‘ve become Fire – Arthur Brown

* Jugenderinnerungen. Wenn die Musik nicht laut genug sein konnte zum Ärger der Eltern. Die langen Haare, die von ihnen auch nicht goutiert wurden und rückblickend waren diese Haare weder lang noch die Musik laut. *

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Fire – Arthur Brown


Advent Er springt auf dem Kranz, ich seh’ ihn genau, den teuflischen Tanz, er stellt sich zur Schau. Am Docht unsrer Kerze, vollführt er Gogo. Ich mach keine Scherze, er schwenkt den Popo. Das zweite Adventslicht, es brennt seit heut morgen, seitdem – glaubt ihr’s nicht? Mach mir selber schon Sorgen! Wie soll ich hier brav sein, sehn wie Mama häkelt, während vor mir – ganz klein, sich der Gogotyp räkelt. *

Fire – Arthur Brown

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We are buildin‘ a house of fire every time we touch House of Fire – Alice Cooper

* Verbrannt Abgebrannt, ausgebrannt, weggebrannt, verbrannt und dann bin ich weggerannt. Meine Haare stinken immer noch, sie stinken seit vorgestern. Sie stinken nach Rauch, penetrant und ich will, dass das aufhört. Die Hitze spür ich stetig im Rücken. Im Morgengrauen wache ich schweissgebadet auf und will nur noch eins: Wasser. Die halbgefüllte Mineralwasserflasche neben dem Bett ist in einem Zug leer, die Kohlensäure stösst auf, mein Bauch fühlt sich an, als würde er platzen, aber ich bin noch durstig. Einen Tetrapack Orangensaft schlürfend laufe ich ins Schwimmbad. Zum Glück ist so früh kaum jemand dort, ich hab das Wasser für mich allein. Ich mache einen Kopfsprung und bleibe unten. Während mein Bauch die Fliesen streift bewege ich mich langsam vorwärts. In dieser Unterwasserwelt ohne Sauerstoff brennt nichts und stinkt nichts, ich muss nicht denken. Meine Reflexe zwingen mich aufzutauchen. Sobald mein Kopf die Wasseroberfläche durchbricht, ist das Feuer wieder da. Die Sonne knallt auf mein Gesicht und direkt in meine 8

House of Fire – Alice Cooper


Augen. Um mich herum tanzen rote Kreise. Ich war zu sehr mit Atmen beschäftigt, habe zu spät weggeschaut. Überhaupt ist es viel zu hell, dass Wasser reflektiert die Sonnenstrahlen und ich sehe nichts mehr. Es brennt, sogar hier im Schwimmbecken. Geblendet und atemlos steige ich aus dem Wasser, versuche wegzulaufen, doch ich bin nicht mehr schnell genug. Das Geschehen holt mich ein, die Erinnerung rennt mich um. Ich liege am Boden, mit dem Gesicht im Gras. Es ist kühl und riecht nach Erde. Fast so wie es in der Hütte gerochen hat. Wir laufen den zugewachsenen Gartenpfad entlang, ganz dicht nebeneinander, unsere Oberarme berühren sich. Unsere Worte sind zunächst leise, doch schnell vergessen wir, dass wir uns auf verbotenem Grund bewegen. Ich lache viel, denn ich bin glücklich, eigentlich hätte das gereicht. Doch wir wollten uns noch glücklicher machen – glücklich, glücklicher am glücklichsten. Ohne zu wissen was Glück überhaupt bedeutet. Das weiss man immer erst hinterher, dann wenn es weg ist. Er öffnet das eingeschlagene Fenster von aussen, ich steige hinein, während er meine Taille umfasst und mir Sicherheit gibt. Die war trügerisch. Wir sitzen in muffigen Kissen und trinken Red Bull, solange bis seine Dose leer ist. Er dreht die Dose und beginnt in der House of Fire – Alice Cooper

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Kuhle am Dosenboden weisses Pulver mit Wasser zu mischen. Ein letzter Rest Energydrink tropft auf den Kissenbezug. Seine Finger bewegen sich ruhig und routiniert, überhaupt nicht wie bei einem Junkie. Als er meinen freigerollten Unterarm hält, habe ich keine Angst, seine Hände sind warm. Es tut weniger weh als beim Blut abnehmen. Mein Herz beginnt zu pochen und mein Blick verändert sich. Vielleicht merke ich jetzt zum ersten Mal, dass ich überhaupt lebe. Mir geht vieles durch den Kopf, aber ich kann nichts festhalten. Was dann war, weiss ich nicht mehr. Ich habe vermutlich geschlafen. Als ich nach der Hand neben mir griff, war sie nicht mehr warm, sein Gesicht grau und anders. Ich ­versuchte ihn wachzurütteln und dabei wusste ich: Er wacht nicht mehr auf. Mir war schlecht vor Angst, ich überlegte nicht, sondern handelte – nahm die Grill­ anzünder aus der alten Kommode und legte sie in die Kissen. *

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House of Fire – Alice Cooper


Love is a burning thing And it makes a fiery ring Ring of Fire – Johnny Cash

* Feuerring, brennend vor Leidenschaft für das Eisquadrat, stürmte hitzköpfig auf dem heissen Pflaster zu seiner Flamme, um ihr seine Liebe zu gestehen. Eisquadrat hingegen liess die heisse Luft von Feuerring völlig kalt. So kalt wie die Schulter, die er Feuerring zeigte. Wasserdreieck blieb neutral im Bezug auf die Situation. Derartiges floss, ohne ihn grossartig zu berühren, an ihm vorbei. * Miranda Miranda sass an der Bar des Striplokals, in dem sie arbeitete und massierte sich ihre schmerzenden Füsse. Morgens um 6 Uhr hatte der letzte Gast den Club verlassen und die Musikbox spielte endlich etwas Entspannenderes ... Bei Johnny Cash wurde Miranda immer etwas nostalgisch. Als sie noch jünger gewesen war, wollte sie die Bühnen dieser Welt erobern. Nun war sie seit sechs Jahren in diesem etwas siffigen Lokal Ring of Fire – Johnny Cash

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und entblösste sich für fünf Dollar die Stunde vor sabbernden Typen. Einen schlechten Tag durfte sie sich nicht leisten, sonst gab’s erstens kein Trinkgeld (auf welches sie angewiesen war) und zweitens drohte der Rausschmiss. Oft schon hatte sie sich gefragt, was wohl passiert wäre, hätte sie damals das unmoralische Angebot des Regisseurs angenommen und sich in eine erste Rolle am Broadway geschlafen. Doch diese Zeiten waren vorbei. Eigentlich war sie ganz zufrieden mit ihrem Camper am Rande der Stadt. Sie hatte mit Eddie einen guten Partner gefunden, der auch etwas zum Haushalt beitrug und sie nicht nur als Putze ansah. Der Song war zu Ende und Miranda wurde aus ihren Gedanken gerissen. So, sagte sie sich, genug Trübsal geblasen! Sie musste noch aufräumen und den Boden putzen. Das gehörte auch zu ihren Aufgaben. Dann abschminken und ins Bett, während das Städtchen langsam zum Leben erwachte und normale Leute langsam ihrer geregelten, anständigen Arbeit nachgingen. *

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Ring of Fire – Johnny Cash


Landstrasse, gelber Mittelstreifen, Wüste, keine Tiere. Sie am Steuer, er auf dem Beifahrersitz. Füsse aus dem Fenster. Radio in voller Lautstärke. Er singt die Vocals, sie gibt die Bläser. Eine Tankstelle. Fill her up. Ein Diner. Cheesecake and coffee. Refill, yes baby. Radio in voller Lautstärke. Er singt die Vocals, sie gibt die Bläser. Gang an die Kasse. Pistole, Geld. Radio. Sie tanzt. Auto, Motor. Pumpgun auf Zapfsäule. Fire. Landstrasse, gelber Mittelstreifen, Wüste, toter Waschbär. Radio in voller Lautstärke. Sie: Thanks for the inspiration Johnny. Er: Yeah. * Ring of Fire – Johnny Cash

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I BI I BI WI US WA CH SG MA CH T ... nie ändend wärmi spändend beschönend betörend burn burn burn ha di gärn *

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Ring of Fire – Johnny Cash


And I threw us into the flames When we fell, something died Set Fire to the Rain – Adele

* Vielleicht ist das so Mira: Ja klar, ich meine du musst das jetzt nicht verstehen oder so. Lars: Nein? Mira: Man kann ja auch etwas akzeptieren. Lars: Ohne es zu verstehen meinst du. Mira: So in etwa. Lars: Aha. Pause Lars: Ich find halt einfach ... Du weisst gar nicht, was du dabei alles aufs Spiel setzt. Was wird aus uns zwei und den Kindern? Ich meine, bist du dir überhaupt bewusst, was du jetzt alles hast? Mira: Nur deswegen soll man nicht etwas Neues wollen? Oder wollen dürfen? Lars: Ja-a. Nein, nicht unbedingt. Es ist nur ... Mira: Du bleibst dein ganzes Leben am gleichen Ort wie jetzt, weil es eigentlich ganz okay ist? Das ist der Unterschied zwischen uns beiden ... Du ... Du gibst dich einfach so verdammt schnell mit allem zufrieden. Set Fire to the Rain – Adele

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Lars: Naja, nur weil ich nicht die ganze Zeit den Job wechsle und immer noch in der Stadt lebe, wo ich aufgewachsen bin ... Mira: Darum geht’s ja gar nicht. Ich will dich ja gar nicht ändern. Es ist, es ist halt nur ... Schwierig. Ich wünschte mir manchmal ... Lars (schroff): Was? Dann willst du ja trotzdem, dass ich mich ändere. Mira: (schweigt lange). Aber ich will es nicht wollen. Bis jetzt hast du mich ja auch nie aufgehalten ... Lars: Bis jetzt wolltest du auch noch nie alles auf eine Karte setzen, ohne – Mira: Ohne was? Lars: Ohne dir der Konsequenzen, naja, bewusst zu sein. Mira (schaut aus dem Fenster): Du weisst ja gar nicht, wie ich mich damit beschäftigt habe. Und ausserdem ... Ich will mich ja gerade der Ungewissheit stellen und mich als freischaffende Fotografin versuchen. Lars: Ja, aber du bist immer so radikal. Du könntest es ja auch schrittweise angehen. Mira: Du weißt genau, dass mich der Job jetzt ... Ich mein der ist schon ganz nett, aber ... er erfüllt mich halt einfach nicht. Lars: Aber auch dass du dein Projekt jetzt unbedingt im hinterletzten Kaff der Ukraine realisieren willst ... 16

Set Fire to the Rain – Adele


Dazu hast du ja gar keinen Bezug. Mira: Eben. Du verstehst es irgendwie einfach nicht ... Und akzeptieren tust du’s auch nicht. Lars: Vielleicht. Ja, vielleicht ist das so. * Mit meinen Freunden Es war dunkel, so dunkel – ich ging weiter, immer weiter, nur nicht stehen bleiben, weiter, weiter und weiter. Aber – ich konnte nicht mehr, wollte nicht mehr – ich liess mich fallen, ins Nichts. Dunkel. Innerlich schien ich zu verbrennen, qualvoll, langsam – Stück für Stück. Der Schmerz raubte mir den Verstand, ich versuchte es zu ignorieren, loszulassen – ich viel tiefer und tiefer bis ich nichts mehr spürte. Schwerelos. Aber ich fiel nicht, etwas hielt mich zurück. Ich wollte aber gehen – Schreie, ich hörte Schreie. Ohrenbetäubend laut. Immer lauter, bis ich realisierte – man rief mich, jemand rief meinen Namen. Es hallte in meinem Kopf. Wozu dieses Geschrei, lass mich in Ruh! Ich bin nicht taub. Ich wollte zurückschreien, es ging nicht – meine Kehle brannte. Ach, lasst mich doch in Ruhe. Ich ignorierte das Geschrei, lies mich fallen, wollte gehen.

Set Fire to the Rain – Adele

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Ich wurde gerüttelt, da öffnete ich zaghaft meine Augen. Keine gute Idee. Viel zu hell, zu grell. Es durchzuckte mich. Ich liess es lieber bleiben. Aber die hörten nicht auf, meinen Namen zu schreien, immer wieder, unaufhörlich. Es nervt. Lasst mich in Frieden. Erneut öffnete ich die Augen, doch es brannte, brannte und brannte, ich fing an zu weinen, ich spürte die warmen Tränen auf meinem Gesicht – langsam, zaghaft, erkannte ich die Umrisse eines Gesichts. Es schüttelte mich, jemand zerrte und zog an mir. Ich schaute und hörte nochmals hin und langsam, ja langsam dämmerte es in meinem Hirn. Wie ein Blitz, ein Knall – alles war wieder da. Eben noch kochte ich ein Curry, schnitt Chili, als mir Roberto einen Happen anbot – mir wurde übel, speiübel – ich rannte hinaus in den dunklen Gang, fand den Lichtschalter nicht, ich dachte, nur nicht hier, schnell aufs Klo – es hat nicht mehr gereicht. Röte stieg mir ins Gesicht. Wie peinlich! *

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Set Fire to the Rain – Adele


Der Zug reisst mein Herz durch die Nacht, schiesst mich in den schwarzen Schacht. Ich fliege als Kugel in die Dunkelheit, ziehe zum letzten Mal die Lippen breit, bis der Schmerz in mir bricht und lacht, und glühend in den Abgrund kracht. Unter der Schädeldecke zittert ein Licht, wabert und glimmt und brennt doch nicht. Regen fällt, wäscht weich mein Gesicht, löscht Erinnerung aus, Schicht um Schicht, lässt Bilder vergehen und zart zerfliessen, bis sich für immer die Augen schliessen. *

Set Fire to the Rain – Adele

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Berner Oberländer 7. November 2012 Wetterpech für Bollywoodproduktion Gestern musste die indische Filmproduktion von «Set Fire To The Rain» vor dem Wetter kapitulieren. Eine Woche hatten sie bei schönstem Spätherbstwetter am Tschuggen gedreht, die indischen Stars Deepika Padukone und Shahrukh Khan waren vor der Bilderbuchkulisse des Berner Oberlands förmlich aufgeblüht. «Es ist wunderschön hier, ich fühle mich wie zuhause! An das Essen müssen wir uns noch etwas gewöhnen, aber die Eingeborenen sind wirklich sehr freundlich. Sie sind zwar etwas schmutzig, aber so hilfsbereit!» hatte die indische Filmdiva vor drei Tagen in einer Drehpause noch zu Protokoll gegeben. Gestern hätte die letzte grosse Szene gedreht werden sollen – das tanzende Paar, das nach und nach umringt wird von hunderten von Schulkindern aus dem Tal und schliesslich von der Menge mit Alpenrosen, Frauenschuhen und Männertreu überhäuft und begraben wird. Alle Schulen waren geschlossen, die Dörfer verlassen, auch die Eltern wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen – und dann geschah das Unerwartete: innerhalb von wenigen Stunden brach der Föhn zusammen und starker Regen prasselte auf das Set nieder. An 20

Set Fire to the Rain – Adele


eine Weiterführung der Arbeit war nicht zu denken, und als dann am Abend noch Schneefall einsetzte, war allen klar, dass nun in diesen Breitengraden der Winter angebrochen war. Schauspieler und Crew fanden sich dann in Lauterbrunnen vor dem Kaminfeuer im Oberen Löwen ein und erzählten sich bis spät in die Nacht die unglaublichen Erlebnisse des vergangenen Tages. Die letzte Runde ging aufs Haus. Die Locationscouts haben sich in der Zwischenzeit schon wieder auf den Weg gemacht – nächste Woche soll in Neuseeland weitergedreht werden. Aber für die Inder werden diese Tage im Berner Oberland sicher unvergesslich sein. * Du warst es, der mich als Erster gesehen hat, als ich noch unsichtbar war. Durch dich wurde ich sichtbar. Du hast etwas in mir entfacht, was schon immer entfacht werden wollte. Und jetzt? Ein Haufen Asche mit wenig Glut auf der Suche nach neuer Entflammung. Aber ich weiss, eines Tages wird mein Feuer sogar den Regen entfachen, – auch ohne dich. * Set Fire to the Rain – Adele

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Jetzt Alles: Aus Zeit: Vorbei Gefühle: Keine Liebe: Weg Du: Fort Sie: Da Ich: Allein Wir: Freunde Ewigkeit: Endlich Vergangenheit: Tot Gegenwart: Leer Zukunft: Wofür Tränen: Laufen Herz: Brennt Feuer: Aus Sprung: Jetzt *

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Set Fire to the Rain – Adele


Regenfeuersatzung Setz den Regen in Feuer. Leg die Häuser auf das Wasser. Koch die Luft zu Herzen. Schieb die Flammen in den Horizont. Feuerregenkuss legt sich in die Wasserhauskeller, um dort die Herzen luftig zu kochen, bis die Flammen in den Tropfen zittrig husten. Ein 13-Gang-Menü. Wiederholbar. Wetterfest und mit garantierter Zimmertemperatur. 13 Gänge durch Zustände, die nicht passen, sich in die Augen schmiegen, der Nase ein Lied von Aschenwassergestank flüstern, das den Ohren am Arsch vorbeigeht. Wir wissen, wie Flammen auf den Wellen reiten und warum eine Sintflut immer Ketten raucht. 13 Gänge. Lang. Bevor die Kellerkröte sich auf dem Dach in die Quarktauchglut hustet.1

1 Songs: Feurio!, I han es Zündhölzli azündt, Set Fire to the Rain

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Can he do to you the things that I do I can take you higher I’m on fire I’m on Fire – Bruce Springsteen

* Sommer 1993 und der Motor erklang. Die Strassen waren kurvenreich, auf der linken Seite befand sich das wunderschöne Meer. Überall waren Werbungen vom Konzert unseres Idols zu sehen. Das Wetter war mit Sonnenschein und strahlendblauem Himmel nahezu perfekt. Wir hatten einen roten Ford Mustang gemietet und fuhren der Küste von Kalifornien entlang. Der Wind zerzauste ihre wunderschönen Haare. Es war ihr egal. Sie sass im Autosessel, mit dem Kopf an die Stütze gelehnt. Immer wieder neigte sie ihren Kopf zu mir hinüber. Die Augen funkelten wie Diamanten. Ihre Ausstrahlung war atemberaubend. Sie musste mich nur anschauen, um ein Lächeln in mein Gesicht zu zaubern. Sie war glücklich und ich war es auch. Nie zuvor hatten wir so eine Reise gemacht. Nie zuvor waren wir in ein fremdes Land gereist, um Bruce Springsteen zu sehen. Wir drehten das Radio auf und wie durch Zufall spielten sie den Song – I’m on fire. * 24

I’m on Fire – Bruce Springsteen


Hitzesommer Ich bin heiss, du bist so heiss – warum sind wir so heiss, Nina? Weit weg, 1979 ungefähr – Hitzesommer Flüssiger Stickstoff –72° C brennt Warzen weg, brennt Male ein Brennender Eisberg Amerika Schreibfeuer im Alleinsein Singfeuer in der Sehnsucht Ich kann dich mitnehmen nach Hause Ich will zu mir kommen Ich komme zu dir Die Sehnsucht bleibt ... ... nicht zurück zurück spulen bitte! * Zerzaustes Freiheitsgefühl Sie hielt ihre Arme in die Luft und liess ihr Haar vom Wind zerzausen. Vereinzelte herbstlich gefärbte Baumkronen zogen an ihnen vorbei, Wolkentürme wanderten langsam hinter sie und die weitläufigen Felder, die wie Patchwork auf der Erde lagen, verschwammen ineinander. Er schrie und versuchte die laute Musik zu übertönen, die ihre ausgelassene Freiheit noch mehr I’m on Fire – Bruce Springsteen

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zum Ausdruck brachte. Den R hythmus in seinen Adern spürend, klopfte er mit den Fingern auf das Steuerrad, als ob er der Gründervater dieser klangvollen Melodie wäre. Sie liebte in dem Moment nichts mehr, als ihre Reise, während er sich kein anderes Leben als dieses mehr vorstellen konnte. Das himmelblaue Cabriolet raste über die unendlich scheinende Asphaltlinie, die sich am Horizont als winziger Punkt verewigte. Er gehörte allein ihnen, niemand sonst war weit und breit zu sehen, sie waren die Könige auf dieser Strasse. Langsam öffnete sie ihre Augenlieder und betrachtete ihre beiden Hände am Himmel. Was würde sie erwarten? Es spielte im Grunde keine Rolle, denn es war in jenem Augenblick unbedeutend. Vor ein paar Monaten waren sie zusammen aufgebrochen. Gemeinsam und miteinander, um ein neues Leben zu beginnen. «Lass uns einfach gehen, ganz egal wohin. Wir empfangen das Leben und lassen uns hier nicht mehr von ihm in Beschlag nehmen.» Ihre Worte klangen damals wie eine theatralische, auswendig gelernte Strophe in einem Musical. Ihre leuchtenden Augen besagten jedoch das Gegenteil und das wusste er. Sie war bereit zu gehen, was er zu jenem Zeit26

I’m on Fire – Bruce Springsteen


punkt nicht von sich behaupten konnte. Obwohl er zwar immer der Mutigere von ihnen beiden war, war es jenes Mal sie, die ihm ihre Hand hingestreckt hatte. Er musste sie nur nehmen, ergreifen und sich von ihr führen lassen. Ihr vertrauen und einfach in ihren Gesang mit einstimmen, stattdessen blieb er stumm und rührte sich kein bisschen. Nie würde er ihren Gesichtsausdruck vergessen, als sie ihre Hand zögernd und mit Mühe wieder zu sich genommen hatte. Seine Augen wurden gross, während sie ein und zwei Schritte rückwärts gemacht hatte, um sich dann langsam von ihm abzuwenden. Er ahnte, dass sie gehen würde und weil er nicht ohne sie zurückbleiben konnte, war er ihr nachgerannt, rannte noch weiter und hatte ihr den Weg versperrt. Dieses Mal waren ihre Augen gross und seine wurden schmal. Schmal und mit feinen Lachfalten an den Rändern verziert. «Darf ich Sie zu diesem Tanz bitten?», hatte er sie mit fester und ruhiger Stimme aufgefordert, indem er ihr seine Hand hinstreckte. Ihre Blicke trafen sich, als sich ihre Fingerspitzen berührt hatten. Es war der Moment, in dem seine schweigende Antwort zu ihrem Geschenk wurde, und der Tanz, der ihn auf das Neue und Unerwartete vorbereitet hatte. Sie drehte ihren Kopf zu ihm, blickte ihn von der Seite her an und strich sich eine lange Haarsträhne aus dem I’m on Fire – Bruce Springsteen

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Gesicht. Sein dunkles Haar spielte im Wind und als auch er zu ihr schaute, erlebten sie gemeinsam wieder einer dieser Augenblicke, der ihnen verriet, dass ihr neues Leben bereits begonnen hatte. *

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I’m on Fire – Bruce Springsteen


Schattenseiten des Feuers Aber nun wurde dem Feuer genug geschmeichelt. Reden wir doch auch mal ein bisschen über die Schattenseiten des Feuers – seine potenziellen Entwicklungs­ bereiche sozusagen. Waldbrand, fuck! Häuser abbrennen – bad shit. Missbraucht durch böswillige Brandstifter. Feuer mach ’nen Charaktercheck! Wieso deine Dienste in jede Hand geben? Solltest mal ’n bisschen Psychologie und Judo studieren. Könnte helfen. Will mich ja nicht aufspielen oder einmischen, aber wenn jeder seine Macht in solch missbräuchliche Dienste stellte …

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My heart is burning with the heat of this emotional fire Emotional Fire – Cher

* Bern, 7. November 2012 Lieber Jonas Es mag dir merkwürdig erscheinen, dass ich dir einen Brief schreibe, so richtig mit Tinte und Postversand. Und das obwohl wir fast täglich skypen oder im Mailverkehr sind. Es ist eben genau dieser Verkehr, der mich dazu bewegt. Ich halte diese Distanz nicht länger aus, weißt du. Das ewige in Kontakt sein, aber eben nur digital und nicht physisch, das befriedigt mich nicht. Ich mache mit uns, mit dir, Schluss. Das ist der Grund meines Schreibens. Du wirst es nicht nachvollziehen können, warum ich meine Gefühle nicht vor fünf Minuten am Telefon ausgesprochen habe. Ich konnte es nicht. Es plagte mich nächtelang, aber da du nicht neben mir lagst, hast du es nicht mitbekommen. «Wie hast du geschlafen, Schatz?», klingt es aus dem Telefon, wenn du auf dem Weg zur Arbeit bist und den Schlaf schon längst aus den Augen gerieben hast. Ich sagte dann nur, dass ich keinen Sex hatte. Du hast immer 30

Emotional Fire – Cher


gelacht und mich an unser Wiedersehen in vier Wochen erinnert und dass du dich riesig freust. Ich freute mich ja auch. Und dann lernte ich eines Tages Bonnie kennen. Ich habe dir schon von ihr erzählt, diese Frau aus dem Bluefish. Letzten Freitag besuchte ich ein Konzert von ihr und es stellte sich jedes einzelne Körperhaar von mir auf. Diese Stimme und ihr Auftreten! Das war feurig. Emotionen, die ich seit zwei Jahren vermisste. Du warst immer aufrichtig und anständig, es war schön. Am Anfang mag es geknistert haben, das gebe ich zu. Aber es ist keine Flamme und schon gar kein Feuer daraus entstanden. Das tut mir leid. Lieber Jonas, ich wünsche dir von Herzen alles Liebe und Gute. Und ich wünsche dir eine Frau, die deine Flammen entfacht. – Ich konnte es nicht, genau so, wie du es bei mir auch nicht konntest. Ich werde dich und Dublin vermissen. Alexandra *

Emotional Fire – Cher

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It was always burning Since the world‘s been turning We Didn’t Start the Fire – Billy Joel

* We Didn’t Stop the Fire Ronald Reagan, Palestine, Berlin Wall, A Chorus Line Maradona, Iraq War, Backstreet Boys and Hanson Alice Cooper, Bush, Bill Gates, Jägermeister, Red Bull, AIDS Digimon and Pokémon, Marilyn Manson Paris Hilton, 9/11, Coldplay, Far From Heaven Johnny Depp, Tommy Lee and «The Big Bang Theory» Star Wars is «A New Hope» and there is a new Pope Steven Spielberg, Harry Potter, China and Pornography   We didn’t stop the fire It will keep on burning Like the world is turning We didn’t stop the fire Yes we tried to fight it But we did just light it

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We Didn’t Start the Fire – Billy Joel


Sarah Palin, John McCain, Mubarak and Hussein Obama and Osama, «Needle In The Hay» Clinton «Twilight», Eminem and Coke Light Lady Di dies, «Fifty Shades Of Grey» «Luke, I am your father», «How I Met Your Mother» Josef Fritzl, EasyJet, Michael Jackson, Internet Paris Hilton, Steve Jobs, Israel and Gorbatschow Amy Winehouse, Dr. House, Eco writes ‘bout Mickey Mouse   We didn’t stop the fire It will keep on burning Like the world is turning We didn’t stop the fire Yes we tried to fight it But we did just light it OJ Simpson, Game Of Thrones, DNA of sheep is cloned Sandy, Katrina, Titanic and Avatar Michael Jordan, Marky Mark, iPod and «Jurassic Park» Smartphone, Angry Birds, Guttenberg just stole his words Lady Gaga, Amélie, Asian Tsunami Oklahoma, war alert, Johnny Cash’s and Reznor’s «Hurt»

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We didn’t stop the fire It will keep on burning Like the world is turning We didn’t stop the fire Yes we tried to fight it But we did just light it *

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* We Didn’t Start the Fire – Billy Joel

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«Das Lied tönt verrückt und ist wie ein Vulkan.» Nico Meier (11 Jahre) Burnin’ – Daft Punk

* Höhenflug Hellgrüne, hautenge Hosen, ein weit offenes, kariertes Hemd, die Haare top gestylt und die Tanzschuhe auf Hochglanz poliert. Leo bewegt sich in der zuckenden Masse. Die Tanzfläche leuchtet abwechselnd in allen Farben auf, die Discokugel taucht den abgedunkelten Raum in bewegende Lichtteilchen und die Menge bewegt sich im Einklang. Nein, wir befinden uns nicht in den 70-ern! Sondern im Jahre 2012. Doch auch jetzt lebt Disco für bestimmte Nächte wieder auf. Und Leo gibt sich immer besonders Mühe. Er liebt es, in der Masse aufzugehen, wenn alle im Gleichschritt zu den Discoklängen tanzen, die Bewegungen ganz exakt und im Gleichtakt mit den Anderen auszuführen und so etwas zum grossen Ganzen beizutragen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Partypeoples sind schon mit allen möglichen bewusstseinserweiternden Substanzen eingedeckt, die Bar hat Hochbetrieb. Vor allem die neon-glimmernden Drinks haben Hochkon36

Burnin’ – Daft Punk


junktur. Mit den schimmernden Getränken fällt man gleich etwas mehr auf. Denn trotz der Begeisterung für Disco sind doch auch hier viele auf Partnerschau! Die Mädels in glitzerigen und schrillen Outfits die mehr Haut zeigen als sie verdecken, die Jungs die sich trauen, leuchtende Farben zu tragen, um doch aus dem Haufen herauszustechen. Aber Leo interessiert sich nicht für die Frauen; oder die Männer, um dies gleich vorweg zu nehmen. Er geht einfach in der Musik und in der Masse der zuckenden Leiber auf. Lebt in diesem Moment nur für die Musik und die genauen Tanzabläufe. Morgens um fünf Uhr, nach sechs Stunden Tanzen geht er verschwitzt und erledigt nach Hause. Schon in den ÖVs schläft er fast ein. Und zuhause, in seiner etwas versifften ZweizimmerBude fällt er schon halb im Koma ins Bett. Den Sonntag verbringt er danach wie immer zwischen Bett, Bad und Küche und dämmert vor sich hin. Ab Montag lebt er nur wieder fürs Wochenende, um erneut in der Musik aufzugehen. Um den Disco wieder aufleben zu lassen, in einer etwas moderneren Version. *

Burnin’ – Daft Punk

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Bang Bang gefährlich das gebrannte Kind vom Feuer das vom Leben trennt Feuer frei! – Rammstein

* Täuferschwein Es wird warm, immer wärmer. Meine Zehen brennen! Meine Lunge brennt, oh sie brennt! Nichts als schwarzer Rauch, ich kann nichts mehr sehen. Ich höre das Feuer nun schon gut. Bald, bald ist es soweit. Alles wäre besser gewesen als das! Alles, alles, nur das nicht! Felix haben sie in die Limmat geworfen, mit einem Amboss an den Füssen. Oh Herr, hätten sie doch dasselbe mit mir getan! Oh, die Hitze! Die Flammen! Meine Füsse, meine Beine stehen in Brand! Die Schmerzen! Ich kann nicht mehr ... Das ohrenbetäubende Geschrei des Mannes auf dem Scheiterhaufen übertönte selbst die immer lauter werdenden Flammen. Von ihm war bereits kaum mehr etwas zu sehen, überragten ihn die höchsten Flammen nun schon vollkommen. Doch noch immer konnte man 38

Feuer frei! – Rammstein


sie hören, die Schreie aus hunderten von Kehlen, von reich und arm, von jung und alt: «Brenn, Täuferschwein brenn!» *

Feuer frei! – Rammstein

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Ja me weis was cha passiere We me nit ufpasst mit Füür I han es Zündhölzli azündt – Mani Matter

* 20 Minuten 8. November 2012 Ein Zündhölzli tötete den französischen Staatspräsidenten! Am vergangenen Donnerstag vollzog sich an einem internationalen Kongress in Paris ein grauenhaftes Geschehen. Zwei Attentäter bewarfen den französischen Staatspräsidenten mit mehreren Zündhölzchen. Eines der Zündhölzchen traf den Präsidenten so sehr, dass er an einer starken Hirnblutung am Tatort verstorben ist. Der Auslöser der Zündhölzchen-Attacke ist ein fataler Feuerbrand in einem Vorort von Paris. Vor einem Monat hat sich in einem Einfamilienhaus ein Brand entfacht, der unvorhersehbare Auswirkungen zeigte. Der Vater einer vierköpfigen Familie wollte sich am Abend mit einem Streichholz eine Zigarette anzünden. Das brennende Streichholz fiel auf den Teppich, welcher sogleich Feuer fing. Die Flammen setzten das Haus 40

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innert kürzester Zeit in Brand. Obwohl die Feuerwehr der Region mit mehreren Mitteln die Flammen zu zähmen versuchten, breitete sich das Feuer rasant aus und erfasste in der gleichen Nacht das ganze Quartier. Innerhalb weniger Tage ging das Feuer in das angrenzende Nachbardorf über. Zurzeit stehen grosse Teile westlich von Paris in Brand. Die französische Feuerwehr ist nicht im Stande das Feuer zu löschen. Der Präsident wollte keine Hilfe aus dem Ausland annehmen, viel mehr versuchte er das Feuerdesaster geheim zu halten. Dies war für die zwei jungen Attentäter aus Paris Grund genug, um am Kongress ein Zeichen für ihre Hilflosigkeit zu setzten. Es ist jedoch unklar, ob die zwei jungen Männer den Präsidenten geplant töten wollten. Das Volk ist erschüttert und trauert um den Präsidenten. *

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20 Minuten 15. November 2012 Internationale Abstimmung gegen den freien Zündhölzchenbesitz Das unbezwingbare Feuer von Frankreich breitet sich über die Grenzen aus. Vereinzelte Dörfer aus dem italienischen Nordgebiet und dem französischen Teilgebiet der Schweiz melden Feuer in mehreren Quartieren. Die Flammen schrecken vor nichts zurück. Europa ist empört über den Zündhölzchentod des Präsidenten und das Ausmass der Brände. Die europäischen Länder reagieren mit einer tiefen Abneigung gegen Zündhölzchen. Die Bürger protestieren gegen den freien Zündhölzchenbesitz. Mehrere Parteien lancieren den Vorschlag, das Streichholz als tödliche Waffe zu deklarieren: Das Zündhölzchen kann nicht nur Feuer entfachen sondern auch Menschen umbringen. Über ein Verbot des freien Zündhölzchengebrauchs wird Ende November abgestimmt. *

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I han es Zündhölzli azündt – Mani Matter


I‘m the fear addicted, danger illustrated I‘m a firestarter, twisted firestarter Firestarter – The Prodigy

* Die Flamme im Dorf Fabio und Ruben treffen sich auf dem Schulareal. Die rote, vollgekritzelte Bank ist ihr erstes Ziel. Ruben stellt seinen Ghetto auf den Boden, während Fabio fünf krumme Zigaretten aus der Hosentasche hervorzieht, die er seinem Vater geklaut hat. Sein Feuerzeug zündet nicht. Nach mehreren Versuchen nimmt er fluchend Anlauf und schmeisst das Feuerzeug weit weg. Ruben bewundert Fabio für seine Aggressivität. Ruben nimmt nervös und leicht zitternd seine Zündhölzchen hervor – endlich hat Fabio seine Flamme. Beide rauchen fleissig und rappen sich gegenseitig etwas vor. Von weitem erblicken die beiden ein blondes Mädchen, das in ihre Richtung läuft. Samantha. Die neue Flamme im Dorf. Je näher sie kommt, desto schneller schlagen ihre Herzen. Sie setzt sich zu ihnen und verlangt eine Zigarette. Fabio bietet ihr mit einer spektakulären Handbewegung eine Zigarette an. Sie nimmt sie, lächelt ihn an und sagt: «Merci. Huere geil.» Neidisch überlegt sich Ruben angestrengt, wie er bei ihr mehr Firestarter – The Prodigy

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Aufmerksamkeit erlangen kann. Plötzlich rappt er leise etwas, verstummt aber sofort, als sie ihn anblickt. «Was verzellsch du?» fragt sie. Fabio lacht und Ruben möchte in diesem Moment am liebsten im Erdboden versinken. «Was mached er am Wuchenänd?» fragt Samantha. Fabio hat sturmfrei und lädt sie zu sich nach Hause ein. Ruben hingegen ist bei den Pfadfindern und wird am Wochenende die meiste Zeit im Wald sein. Samantha sagt Fabio zu und sie tauschen ihre Handynummern aus. Aus der Ferne ist ein älterer, grosser, schnauztragender Mann in Sicht. Er läuft mit schnellen Schritten auf sie zu und flucht laut auf Italienisch: Francesco, der Bodenleger – der Vater von Fabio. Alle drei vergessen vor Angst zu atmen. Als Francesco bei ihnen ankommt, holt er mit dem rechten Arm aus und ohrfeigt Fabio so, dass dieser zu Boden knallt. Schnell werfen Samantha und Ruben ihre Zigaretten weg. Francesco zieht Fabio an den Haaren und nimmt ihn mit nach Hause. Beide schauen Vater und Sohn nach, bis sie in der Ferne verschwinden. Ruben nimmt die letzten zwei Zigaretten, zündet eine an und drückt die andere Samantha in die Hand. «Ich find dich mega schön im Fall.» *

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Firestarter – The Prodigy


Try now we can only lose And our love become a funeral pyre Light My Fire – The Doors

* Weiss Worauf besinnen wir uns? Davor, danach, jetzt. Ein einfacher, kahler Raum und doch wirkt er voller Leben. Nur wegen dir. Hörst du die Musik? Du bist so weiss. Alle Farben des Lichts vereinen sich in dir. Um dich dreht sich der Raum. Um dich, nur um dich. Du stehst im Mittelpunkt. Dein Leben steht im Zentrum. Du bist zurückgekehrt, nimmst Teil am Kreislauf. Hörst du die Wiederholungen der Melodie? Alles wiederholt sich, wiederholt sich. Wie weisse Schwäne, die stolz auf dem See schwimmen. Unendlich viele Wiederholungen, die immer zum Ziel hinweisen, das wir nicht erreichen oder schon erreicht haben. Wo ist der Beginn? Du bist eine Stufe weiter. Und trotzdem nicht am Ende, es gibt kein absolutes Ende. Weiss ich, wo du hingehst? Bist du wirklich noch hier? Unwirklichkeit ist Teil der Wirklichkeit. Du liegst da. Weiss, rein und jungfräulich. Du liegst da, doch erkenne ich dich nicht wirklich. Du bist zu ätherisch, wirkst erleuchtet. Du in der Mitte. Transzendenz. Ich mach weiter. In Weiss. Ich habe nichts zu verlieren. Alles wiederholt sich. * Light My Fire – The Doors

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Neulich: Kernfusion im Nordbrüggli Im Lokal sitzen verschiedene Nicos, Elifs, Flös, Marys, Piiis und wahrscheinlich auch ein Jazz, eine Bri und ein Schmo. Musik Obendrein hat’s da auch noch zwei, die sich innig küssen. Zwei Zungenküsser um genau zu sein. Mehr mag man vorerst nicht sagen. Dann reden sie. Er: Sie:

Der Platz wird eng. Ungeheuer ungeheuer ungeheuer viel Energie wird frei!1 Ah Ah Ah Ah

Er:

Schliess deine Augen! Gib mir deine Hand, Darling! Fühlst du mein Herz schlagen? Verstehst du das? Fühlst du dasselbe? Träume ich nur?

1 Einstürzende Neubauten (1989): Feurio!. In (ebd.): Haus der Lüge. Potomak (Indigo).

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Oder brennt da etwa eine beständige Flamme?2 Pauspausgähnundpaus Sie: Er: Er: Sie: Er: Sie: Er:

Befehlen und fragen, das kann der Mann. Und sonst? Yeah, yeah, weisst du Mann ... Kritiker haben nie etwas Gutes zu sagen, Mann. Ich sag dir jetzt mal wie mein Tag war:3 tingel tangel tingel tangel Ich war der Gott des Höllenfeuers!4 Du brennst. Yeah, Das Haus des Feuers, Yeah Yeah Alright? Baby, bau ein Feuerhaus!5 Ohne Dach. Aber mit Liebe. Ich versteh den Mann nicht. Ich liebe Elvis Presley und Disney Land6. Was war denn nun? Ich auch.

2 The Bangels (1988): Eternal Flame. In: (ebd.): Everything. Sony BMG. 3 Eminem (2010): On Fire. In: (ebd.): Recovery. Universal. 4 Brown, Arthur (1968): Fire. In: (ebd.): The Crazy World of Arthur Brown. Atlantic Records. 5 Cooper, Alice (1989): House of Fire. In: (ebd.): Trash. Sony Music. 6 Joel, Billy (1998): We Didn‘t Start the Fire. In (ebd.): Storm Front. Sony Music.

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lalala lalala ooooooohhhh yeah!

Er: Sie: Er:

Ich sag nur so viel: Neubauten stürzten ein. Ok, mein Tag war so: England hat eine neue Q ueen, Obama weint zum Boss. Ich hasse diese Rockerfeller-Kommunisten. Krächz Krächz, Schrei Schrei Schrei

Er: Sie:

Amerika und England, das kann die Frau. Was sonst? Come on! Wenn du das Feuer angezündet hast, dann erklär mir mal eins: Warum ist da kein Rauch über dem Wasser7? Rapapapam rapapapam

Er: Sie:

Mich friert Schweig. Ich weiss schon. Frier doch, du Aas.

7 Deep Purple (1972): Smoke on the Water. In: (ebd.): Machine Head. EMI.

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You might fear for my reason I don‘t care what they say Put Out the Fire – Queen

* 26. September 1982 Waren wieder mal alle zusammen im Proberaum. Der Verstärker von Ruedi ist immer noch kaputt. Er knatterte nur, hatte keinen Saft. Wir versuchten nochmals den Song der Queen «Put Out the Fire». Wollte nicht recht klappen. Max kann den Text noch nicht richtig, fällt immer noch aus dem Takt, bringt nicht alle Wörter auf eine Zeile. Das Chörli mit den hohen Stimmen klappt schon recht gut. Steff hat Halswehzältli mitgebracht, damit wir in die hohen Töne raufkommen. Und dann legt Steff ein super Solo hin, dank ihm kommen wir der Sache doch etwas näher. Aber halt doch nur einen kleinen Schritt. Wir sind uns nicht einig, ob wir wirklich noch an diesem Song weiterarbeiten wollen. Vielleicht suchen wir noch etwas Ruhigeres fürs Programm. Mal sehen. Sind dann noch im Oberhöfli ein Bier trinken gegangen. Dort lief Ländermusik. *

Put Out the Fire – Queen

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Hi! «put out the fire» rockts aus dem lautsprecher – wo brennts? 0 schimmer. kreativer feueralarm anyway! zieml. surreal hier – CU, F. *

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Put Out the Fire – Queen


Impressum

Herausgeber: Schreibzentrum PH Zürich 2013. Produktionsleitung: Erik Altorfer und Alex Rickert. Mitarbeit: Annina Gutmann, Helen Kaufmann, Lukas Ramseier, Julia Rietze und Thomas Hermann. Gestaltung: Urs Stauber, Digital Learning Center. Druck: OK Haller Druck AG. © 2013 Schreibzentrum PH Zürich. Auflage: 250 Exemplare.


Judith Leumann • Nic Baschung • Tobias Zim mermann • Nico Meier • Martina Feldmann • Johannes Fuchs • Yves Furer • Annina Gutm Monique Honegger • Alex Rickert • Markus Brandenburg • Helen Kaufmann • Erik Altorf Hüsein Ucmak • Rita Burtscher • Sandro Küb Bonina Oberholzer • Sofia Paredes-Littmann Till de Ridder • Mirjam Maron • Lukas Ramse Alexander Schiess • Ruth Zimmer • Gabriell Rauber • Irène Spörri • Julia Rietze • Daniel A mann • Martina Feldmann • Thomas Herman Monique Honegger • Bonina Oberholzer • Luk Ramseier • Alex Rickert • Julia Rietze • Eva Z merli • Judith Leumann • Nic Baschung • Tob Zimmermann • Nico Meier • Martina Feldman Johannes Fuchs • Yves Furer • Annina Gutm Monique Honegger • Alex Rickert • Markus Brandenburg • Helen Kaufmann • Erik Altorf Hüsein Ucmak • Rita Burtscher • Sandro Küb • Bonina Oberholzer • Sofia Paredes-Littman Judith Leumann • Nic Baschung • Tobias Zim

Profile for Schreibzentrum

Write My Fire  

Erzählnacht 2012

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