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WIR DA OBEN, IHR DA UNTEN


Die Gedanken sind frei, heisst es so schön. Aber können sie es auf Dauer bleiben, wenn unser Reden und Schreiben ständig durch professionelle Vorgaben gehemmt wird? Denn das wird es ohne Zweifel. PH-Studierende lernen alle möglichen Sprachen: Die Sprache des Pädagogen, der Wissenschaftlerin, der gesellschaftlichen Institution: Immer politisch korrekt. Nur eine Sprache lernen sie kaum, dabei wäre es die wichtigste: Die des eigenen Denkens und Herzens. Training in freier Meinung und offener Rede tut also not! Einen guten Anlass hierzu bot, wie schon in vergangenen Jahren, der Schreibwettbewerb PH Goes Poetry: Die Teilnehmenden waren eingeladen, frei um das Thema «Wir da oben, ihr da unten» Texte zu verfassen. Beschränkung war einzig die Länge. Eine Jury nominierte daraus ihre acht Favoritinnen und Favoriten, die dann in einem Live-Battle auf der Moosestache-Bühne des Kafi Schnauz gegeneinander antraten. Über Ruhm, Preisgeld und den traditionellen Siegerwhisky entschied schliesslich die Publikumsgunst. In diesem Büchlein finden sich alle Finaltexte abgedruckt. Ergänzt wird die Sammlung durch einen Text, den die Jury würdigen möchte,


obwohl er es wegen Überlänge nicht in den Final geschafft hat. Wir geben ihm eine Wildcard. Auch dies soll ein klares Signal sein: Zwar braucht der Battle seine Regeln, der künstlerische Dialog hingegen braucht keine. Und als solchen betrachten wir jeden Beitrag, den uns Autorinnen und Autoren — Studierende, Dozierende und Mitarbeitende der PH — schicken. Wir lesen alles mit grossem Interesse und sind offen für jeden Austausch. In diesem Sinne freuen wir uns schon auf eure Beiträge im nächsten Jahr! Und nun viel Vergnügen mit kritischen, politischen und poetischen Betrachtungen, abenteuerlich philosophischen oder ganz einfach wilden Geschichten, sogar eine Publikumsbeschimpfung ist dabei: Alles nach dem Motto «Wir da oben, ihr da unten» …


INHALTSVERZEICHNIS

4 3. Platz – Peter Fäh Peter Handke Goes Poetry – Ein Feldversuch an der PHZH 9 Lorenz Vogel Hybris überwinden 15 Natascha Hossli In Liebe, eure Nachbarn von oben 19 Laura Sägesser Wie aus einer Mücke ein Elefant wird 24 Andreas Zwick Eine Reise im Bus (Wildcard) 30 Daniel Ammann Wie es euch gefällt, oder The World Is Not Enough 34 2. Platz – Nadja Baumgartner Auf dem Mond 40 Cyril Müller Geldschein und Hoffnungsschimmer 46 1. Platz – Peter A. Kaiser Winterwärme


3 PETER HANDKE GOES POETRY – EIN FELDVERSUCH AN DER PHZH PETER FÄH


1966 wurde Peter Handkes Theaterstück «Publikumsbeschimpfung» zum ersten Mal aufgeführt. Wie der Titel ja bereits sagt, beschimpfen im Stück die Schauspieler das Publikum. Das Konzept hatte Peter Fäh schon immer gefallen und nun hat er endlich die Gelegenheit, selber einmal ein Publikum zu beschimpfen. Im Unterricht wird das in der Regel von den Fachdidaktikern und Praxislehrerinnen nicht goutiert. Im Gegensatz zu Handke möchte er aber nicht zum Nachdenken über das Theater oder Kunst im Allgemeinen anregen. Die Beschimpfung ist hier reiner Selbstzweck. Ich hier oben, ihr dort unten. Die Rollen sind schon klar verteilt. Während ich mich für euch zum Affen mache und verkrampft versuche, meine Stressschweissflecken durch enges Anlegen meiner Arme an meinen Oberkörper zu kaschieren, verbringt ihr einen gemütlichen Abend. «Es bitzli Bier. Es bitzli Kultur. Es bitzli min Kolleg supporte. Nachher no es bitzli in Usgang. Nice.» Der feuchte Traum jedes studentischen Hedonisten-Arschlochs. Möglichst viel saufen für möglichst wenig Geld. 5


Möglichst kultiviert wirken, ohne einmal ein Buch in die Hand zu nehmen. Der Kollegin möglichst das Gefühl geben, dass man sich für ihre kreativen Ausbrüche interessiert, nur um sich anschliessend mit billigem Fusel dermassen die Kante zu geben, dass man sich am nächsten Tag beim besten Willen nicht einmal mehr an das Thema des Slams erinnern kann. Ich bin schon viel zu lang hier an der PH, um euch auch nur ein bisschen ernst zu nehmen. Ich weiss genau, wie ihr seid. Ihr schlurft am Morgen um zwanzig nach acht ins Modul hinein und faselt irgendetwas von wegen «Sie, tuet mer leid, Zug hät verspätig gha». Mit einem verdammten Kaffee aus der Beckeria in der Hand notabene. «Weisch, de huere Mensa-Kafi chasch eifach nöd suufe und am Morge bruchi eifach en guete Kafi.» Leck. Mich. Nachher jammert ihr in der Pause darüber, dass die Dozentin euch aufgefordert hat, den Laptop mal zuzuklappen und euch aktiv an der Diskussion zu beteiligen. «Ich bin eh nur wäge de Präsenzpflicht da, ihri Modul sind immer so langwiilig.» Ich fände die Module auch stinklangweilig, wenn ich sie damit verbringen würde, mit euren stinklangweiligen Freunden über Whatsapp stinklangweilige Belanglosigkeiten auszutauschen. Passt doch während der Module mal auf, es geht schliesslich um euren verdammten zukünftigen Job! «Weisch, das Züg woni da lerne, chani dänn i de Praxis eh nöd bruuche. Das isch eifach so praxisfern.» Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid? Da werden Resultate jahrzehnte6


langer Forschung für euch auf bereitet und in Kompetenzen verpackt, die sukzessive aufgebaut werden, damit ihr die Zukunft eurer zukünftigen Schüler so wenig wie möglich gefährdet. Und dann kommt irgendein Schnösel frisch ab der Kanti und beschwert sich, das Ganze sei praxisfern, weil sich seine Sek-Schüler im P1 etwas anders verhalten haben als die dreijährigen Kinder aus den Beispielen in der Vorlesung zur Entwicklungspsychologie. Und dann habt ihr auch noch die Nerven, mit den Augen zu rollen, sobald jemand das Wort Reflexion auch nur in einem Nebensatz braucht. Habt ihr eigentlich komplett den Verstand verloren? Ihr habt euch alle in der Schule über den einen Lehrer genervt, der seit zwanzig Jahren die gleichen Arbeitsblätter verteilt und euren Eltern schon die gleichen Witze erzählt hat wie euch. Wenn ihr nicht endlich mal anfangt, die Sache mit der Reflexion ernst zu nehmen, dann seid ihr in zehn Jahren genauso eine Lusche. Und für euch machen wir hier oben den Hampelmann. Unglaublich. ARE YOU NOT ENTERTAINED ? Wollt ihr noch mehr? (Ja – Alles klar, dann kommen wir jetzt zur Blitzrunde.) (Nein – Leckt mich, wir kommen zur Blitzrunde.) Die Blitzrunde funktioniert folgendermassen: Ich schildere etwas, das eine Person macht, und sage euch anschliessend, was ich über diese Person denke. Alle Ähnlichkeiten mit real existierenden Studenten sind alles andere als zufällig und absolut beabsichtigt. 7


Ein Student in der vordersten Reihe zieht sich während einer Vorlesung YouTube-Videos rein. – Du lenkst den halben Vorlesungssaal ab, mach den Scheiss zuhause. Eine Studentin wärmt die Fischtacos vom Wochenende in der Mikrowelle im Stübli. – Was für ein egozentrisches Arschloch kann man eigentlich sein? Ein Student kackt sich die Seele aus dem Leib und kommt anschliessend nicht auf die Idee, mit der WC-Bürste zumindest Schadensbegrenzung zu betreiben. – Lebst du eigentlich in einer Höhle, du Unmensch? Ein Student kommt trotz Grippe an die PH. – Bastard. Ein Student wäscht sich auf dem WC die Hände nicht. – Echsenmensch. Eine Studentin hat das Handy in der Bibliothek auf laut gestellt. – Fick. Dich. Jemand aus der Mentoratsgruppe organisiert eine Party und ich bin nicht eingeladen. – Verständlich. Und zum Schluss habe ich noch etwas Kleines als Abschluss für euch vorbereitet. (Hand in die Hosentasche stecken und mit gestrecktem Mittelfinger wieder herausziehen). Merci für nüt.

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Nicht auf andere Menschen runterschauen, weniger urteilen und vor allem die eigene Überlegenheit immer wieder hinterfragen: hehre Ziele, die sich Lorenz Vogel steckt und die ihm ermöglichen, neugierig durch die Welt zu gehen und auch den grössten menschlichen Sonderlichkeiten mit einer gewissen Gelassenheit zu begegnen. Und wenn alle guten Vorsätze versagen, hilft Atemtechnik und Nasenwurzelmassage, denn der Anblick einer Tarantelhaut am stillen Örtchen ist wirklich nichts für schwache Mägen.

HYBRIS ÜBERWINDEN LORENZ VOGEL Wir da oben, ihr da unten. Das hat ja so eine herrlich normative Implikation. Ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen. Ein Herunterschauen auf andere. Und damit möchte ich mich heute auseinandersetzen: mit meiner persönlichen Hybris. Für die weniger gebildeten Menschen hier im Raum: 9


Hybris bezeichnet eine extreme Form des Hochmuts oder der Überheblichkeit, die in klassischen Dramen regelmässig zum Fall tragischer Heldinnen und Helden führt. Notorisches Klugscheissertum kann übrigens ein erster Hinweis auf eine vorhandene Hybris sein. Dieser Auswuchs ist besonders häufig anzutreffen unter Lehrern jeglichen Altersstadiums. Wenn ihr jetzt gedacht habt «Hey, das heisst aber Lehrpersonen», dann sage ich: Haha! Klugscheisser! Sorry, falls ich jemandem zu nahe trete hier, ich bin neu in diesem Slam-Ding. «Beleidige immer wieder mal die Zuschauer», haben die mir gesagt «Da stehn sie drauf», haben sie mir gesagt. Doch heute soll es ja genau nicht darum gehen, auf andere Menschen herunterzublicken. Ich glaube nämlich, dass man mit der Überwindung der eigenen Hybris einen tiefen inneren Frieden erlangt. Das ganze Aburteilen, das ganze Sichaufregen über die Dummheiten auf dieser Welt, das ständige Sichabheben von der mediokren Masse, das ist mit der Zeit ja auch anstrengend. 10


Und da hilft es eben manchmal, wenn man seine Überheblichkeit etwas runterschraubt und dieses normative Oben-unten-Verhältnis etwas auflöst. Und mit sonderbaren Menschen bin ich da inzwischen schon ganz gut. Ihr kennt sicher auch solche Charaktere. Schräge Vögel. Freaks. Am schönsten finde ich es, wenn man den Freak in einem Menschen entdeckt, in dem man nie einen vermutet hätte. Vor ein paar Jahren lud mich ein Arbeitskollege zu einem Bier bei ihm zuhause ein. Beim Wohnungsrundgang stiessen wir auf eine Türe mit einem grossen Poster, das eine Tarantel abbildete. «Und was ist hier drin?», fragte ich, ehrlich interessiert. «Das ...», erwiderte er prompt und mit glänzenden Augen, «das ist mein Spinnenraum!» «Spinnenraum. Aaha.» «Willst du reinschauen?» «Ähm, klar.» Der Typ öffnet den Raum, ich sehe etwa vierzig Terrarien, sorgfältig den Wänden entlang aufgestapelt, jedes einzelne ein kleines Reich für eine mindestens handgrosse, haarige Jagdspinne. 11


Damals fand ich das noch komplett seltsam und unverständlich, diese Liebe und Hingabe für Kreaturen, die dich ohne Zögern auffrässen, wenn du beim Wechseln eines Spinnenklos plötzlich tot umfallen und in die Terrariumwand stürzen würdest. Er behielt auch die Häute der Taranteln, die häuten sich ja regelmässig, wie das Haustiere halt so tun – er behielt die Häute, welche zum Verwechseln ähnlich aussahen, wie die Tiere, von denen sie stammten. Und er hängte diese Tarantelhäute an verschiedenen Orten in der Wohnung auf, zum Beispiel im WC. Könnt ihr euch das Erlebnis vorstellen, zum ersten Mal dort Pipi zu gehen? Ein grossartiger Scherz. Wenn schon unheimlicher Spinnentyp sein, dann richtig. Heute sehe ich solche Dinge total entspannt. Der Mann liebt seine Spinnen, nichts Schräges daran. So eine Tarantel gibt dir ja auch viel zurück, emotional. Wenn sie dich mit ihrem treuherzigen Blick anschaut, aus ihren acht Augen. Tarantelmann ist aber bei weitem nicht der schrägste Charakter, der mir je begegnet ist. Je älter und verschrobener ich werde, 12


desto seltsamer scheinen auch die Menschen zu werden, die mir unterkommen. Vor geraumer Zeit lernte ich eine Frau kennen, die ernährt sich nach einem Farbkonzept. Dabei gibt jeder Tag einen Farbton vor, der nicht nur für ihre Kleidung, sondern auch für jedes Lebensmittel gilt, das sie zu sich nimmt. Das klingt erst so richtig wahnsinnig, wenn man sich das mal durchdenkt. Grüner Tag – tonnenweise Gemüse. Noch nichts gegen das Konzept einzuwenden. Wahrscheinlich sollte ich selbst öfter mal einen grünen Tag einlegen. Weisser Tag – Milch, Rahm, Frischkäse, Joghurt, Crème fraîche, Feta, Mozarella. Oh, eine köstliche Kombination! Mozarella-Milchsuppe. Mehl und Eier könnte man fairerweise auch zu weiss zählen, aber gilt ein Teig noch als weiss, wenn man ihn backt und er sich bräunt? Oder muss man dann mit dem Essen bis zum braunen Tag warten? Dem besten Tag, übrigens, an dem es nur Gebäck und Schokolade gibt! Aber zuvor kommt der blaue Tag mit – ahm ... Blau ... Beeren? Blauem Gatorade und dem widerlichsten Teil des Blauschimmelkäses? 13


Grässlich, wie kann man nur so leben? Die hat doch komplett den Verstand ... Uff ... Ok, atmen, Nasenwurzelmassage, Hybris runterschrauben, Atmen. Wer weiss – vielleicht ist sie ja wirklich diejenige, die das Rätsel der perfekten Ernährung gelöst hat. Vielleicht will sie auch nur der erste Mensch sein, dem es gelingt, einen Regenbogen zu scheissen. Beides total legitime Gründe für diesen Lebensstil. Vielleicht steckt ja in jeder und jedem von uns ein Tarantelmann. Vielleicht sollten wir alle einfach mehr auf unser Bauchgefühl hören, und dem Freak in uns Raum geben. Hoffentlich nicht mit Gatorade und Blauschimmelkäse. Aber fernab von einem normativen Oben-unten-Denken.

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Wohnkonstellationen polarisieren. Während die einen sich zu fünft in einer Dreizimmerwohnung ansiedeln, lassen sich die anderen zu zweit in der gleichen Wohnung einen Stock tiefer nieder. Das führt zu Konflikten. Dabei sind Gut und Böse nicht immer so eindeutig zuzuschreiben, wie es im gängigen Treppenhaustratsch häufig geschieht. Von einer besonderen Art der Konfliktbewältigung erzählt Natascha Hossli, wenn sie die «Lauten» von oben den «Braven» von unten einen Brief schreiben lässt.

IN LIEBE, EURE NACHBARN VON OBEN NATASCHA HOSSLI Liebe beide Wir wollten uns mal bei euch melden, euch so ein bisschen von uns erzählen. Uns geht’s gut, denn wir hier oben, wir haben schon eine «choge Gaudi». Wir haben zwar nur drei Zimmer, aber das heisst ja nicht, dass wir nicht zu fünft in dieser Wohnung leben können. So macht es ja auch viel mehr Spass, dann 15


ist doch die Gaudi viel grösser! Es gibt wenige Minuten, in denen es wirklich ruhig ist bei uns – das geniessen wir, ja, das zelebrieren wir fast. Uns wird nämlich nicht langweilig. Wir finden immer einen Grund zum Lachen, zum laut miteinander Diskutieren oder auch mal zum Streiten. Was uns auch hilft gegen die überall drohende Langeweile: Kinder. Wir haben auch immer ein paar von denen bei uns, die spielen mit ihren Autos auf dem Boden oder werfen einen Ball an die Wände und Möbel. Natürlich lachen und weinen und schreien auch sie – sie lernen ja nur von den Besten (wobei sie leider ein bisschen mehr weinen und schreien, als dass sie lachen – wir arbeiten daran, wirklich). Und dann telefonieren wir auch oft miteinander oder mit anderen. Manchmal vergessen wir vielleicht, dass wir ja eigentlich mit einem Telefon in der Hand nicht schreien müssten, damit man uns versteht. Ist halt einfach schwierig, sich zu merken, was man sich so alles merken müsste … Die Gaudi gegen die Langeweile geht übrigens bei uns bis spät am Abend. Weil wir ja doch einige Personen in dieser Wohnung sind, müssen wir abends um 11 Uhr – oder manchmal auch etwas später – die Möbel ein bisschen umherrücken, um unsere Klappbetten aufzustellen: Wir wollen ja schliesslich doch auch mal schlafen und leider sind die Zimmer zu klein, um unsere täglichen und nächtlichen Bedürfnisse gleichzeitig zu befriedigen. Dieses Unterfangen bietet uns gleich noch mal so circa 15 Minuten Gaudi. Dann sind wir meist auch schon so müde vom vielen Lachen und Diskutieren und Schreien, dass wir beim Laufen unsere Hausschuhe gar nicht mehr richtig vom Boden abheben mögen … Das Leben ist anstrengend, wir sagen’s euch. 16


Wenn wir dann im Bett liegen, denken wir ab und zu an euch da unten. Wir denken daran, wie langweilig es bei euch da unten sein muss – so bünzlig, zu zweit in einer Dreizimmerwohnung. Ohne Kinder! Wir stellen uns vor, wie ihr manchmal einfach stundenlang zu Hause seid, ruhig irgendwo sitzt und wahrscheinlich gar nichts macht. Wir denken, ihr starrt grosse, leere Löcher in eure ruhige Luft. Wir hören selten laute Gespräche von euch da unten, oder dass ihr Möbel verrückt. Erst recht nicht hören wir vergnügt spielende Kinder. Ab und zu – wenn wir zum Beispiel an einem Abend gerade mal kurz sitzen und ruhig sind – hören wir, wie ihr staubsaugt. Die einen von uns finden das fast schon beruhigend, so wissen wir, dass wir nicht die Polizei rufen und sie bitten müssen, doch mal zu prüfen, ob da überhaupt noch lebende Menschen in dieser Wohnung sind. Immer mal wieder hören wir auch, dass es bei euch klingelt, und manchmal hören wir nach so einem Klingeln, wenn wir wirklich ganz gut hinhören, dass da mehr als zwei Stimmen sprechen. Es ist auch schon passiert, dass dann bis spät in der Nacht Stimmen und Lacher zu hören waren. Toll! Das beruhigt uns, es gibt uns die Sicherheit, dass ihr, die da unter uns wohnt, doch auch ein soziales Leben habt und kein KellerkindDasein im dritten Stock führt. Wir fühlen uns dann abends in unserem Klappbett auch immer ganz gut. Wir wissen, Selbstlob stinkt, aber wenn wir ehrlich sind, tun wir euch da unten mit unserem Lebensstil doch einen Gefallen. Wir versuchen, euch so gut wie möglich an unserem spannenden, lustigen, intensiven, lauten Leben teilhaben zu lassen – denn wir können uns als empathische Wesen vorstellen, wie langweilig es in eurer 17


Wohnung sein muss. Fairerweise müssen wir das gute Gefühl aber eigentlich teilen: mit den Architekten und Bauherren dieses Gebäudes. Sie haben es uns nämlich erst mit diesen geräuschübertragenden Wänden, Böden und Decken ermöglicht, euch zu einem kleinen, ruhigen Teil unseres Lebens werden zu lassen. Wir hoffen ganz fest für euch, dass ihr auch bald mehr Menschen in eurer Wohnung habt, die dafür sorgen, dass ihr nicht so grosse Löcher in eure ruhige Luft starrt. Vielleicht können wir dann ja ein paar mittelgrosse Löcher in unseren Boden, beziehungsweise eure Decke, bohren, damit wir alle zusammen ein lautes, lustiges Leben führen können. Bis dann geben wir uns natürlich weiterhin Mühe, euch nicht auszuschliessen. Wir hoffen, ihr seid uns in gebührendem Masse dankbar. In Liebe, eure Nachbarn von oben

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Wer kennt das nicht? Man legt sich ins Bett, schaltet das Licht aus, wartet auf das Einsetzen der entspannenden Träume und vernimmt plötzlich das berühmt-berüchtigte Summen einer Mücke. Laura Sägesser dokumentiert in Form von Logbucheinträgen die erstaunliche Kooperation dieser lästigen Insekten: Gezielt treiben sie ein Paar aus dem Bett und in den Wahnsinn.

WIE AUS EINER MÜCKE EIN ELEFANT WIRD LAURA SÄGESSER Logbucheintrag 3478, Freitag, 00:03 Uhr Es tut sich nichts. Nahezu Stille. Nur beständiges Ein- und Ausatmen in zwei unterschiedlichen Rhythmen. Gelegentliches, unregelmässiges «Chatschibüü» aus dem Munde des deutlich behaarteren Wesens. Ideale Bedingungen für die erste nächtliche Patrouille. Erster Stopp bei Karl, unter den Schindeln 8. Karl klagt noch immer über Schmerzen und vereinzelten Blutungen im Beinstumpf, wo vor dem Zusammentreffen mit dem weniger behaarten Wesen sein 8. Glied war. Unfall ist protokolliert und Schadenersatz19


klagen werden eingeleitet. Glied 7 weist weiterhin eine Zerrung der Oberschenkelmuskulatur auf. Ich verschreibe Karl zwei Tage Bett- bzw. Netzruhe. Nächster Stopp bei Frank, neben dem Balken 4. Logbucheintrag 3479, 00:34 Uhr Nicht-identifizierter Eindringling nähert sich geschickt dem offenen Fenster! Das Verteidigungssystem «Netz i9000» kann wegen unfallbedingten Ausfalls von Karl nicht aktiviert werden. Eindringling kommt ohne Mühe oder Hindernisse ins Zimmer, Alarmstufe Rot! Logbucheintrag 3480, 00:35 Uhr Der Eindringling konnte als Peter von der Nachbarskolonie identifiziert werden. Schnelle Rückführung wird eingeleitet. Logbucheintrag 3481, 00:36 Uhr

Peter findet den Ausgang durch das offene Fenster nicht mehr. Mehrfach fliegt er gegen die Scheiben des Fensters. Er bricht in Panik aus und fliegt wie wild durch das Zimmer auf der Suche nach dem Ausgang, sein Summen ist auf der höchsten Geräuscheskala zu verorten. Das deutlich ausgeprägter behaarte Wesen zuckt mit dem Bein. Öffnet daraufhin die Augen. Macht eine heftige Bewegung mit den Armen. Sitzt nun aufrecht im Bett und betätigt den Lichtschalter. Er schaut sich suchend um und greift zur Todesklatsche. Peter ist für einen Augenblick still. 20


Logbucheintrag 3482, 00:40 Uhr Peter fliegt wieder wie wild umher. Das behaartere Wesen steht senkrecht im Bett und fuchtelt mit der Todesklatsche in der rechten Hand um sich. Mittlerweile sind auch die Augen des weniger behaarten Wesens geöffnet. Von ihm geht keine akute Gefährdung aus, trotz des Zwischenfalls mit Karl. Transkription des Gesprächs zwischen den beiden Wesen für eventuelle spätere Verwendung: –– «Schatz, was machsch da? Chum, liig ane! S’isch doch nur e Flüüge! Mach bitte s Liecht wieder uus!» –– «Du weisch genau, wie mich die Plaggeischter zur Wiisgluuet bringet. So chani ned schlafe, kei Chance!» –– «Ich muess morn früeh ufschtah, mach wenigschtens s Liecht us, bissoguet!» –– «Ohne Liecht chani d Flüge aber schlecht gseh und jage, Fräulein Schlau!» Logbucheintrag 3483, 00:42 Uhr Peter begibt sich immer weiter in die Todeszone. Das ausgeprägter behaarte Wesen ist in seiner sportlichen Bestform, Gehör und Armbewegung sind geschickt koordiniert! Zwei Streifschläge nach Peter sind ihm bereits geglückt. Deshalb ist schnelles Handeln und ein Ablenkungsmanöver meinerseits gefragt. Ich rufe nach Verstärkung bei der Nachbarskolonie. Das weniger behaarte Wesen hat unterdessen den Lichtschalter betätigt. 21


Dies lenkt das stärker behaarte Wesen kurzzeitig von seiner Mission ab. Es folgt die Transkription des folgenden Gesprächs: –– «Gopferverdammi, mach sofort s Liecht wieder ah! Das verdammti Mischtvieh verwütschi schono!» –– «Mein Gott, jetzt lass sie doch! Ich ha morn en wichtige Termin und du störsch gad min Schlaf!» –– «Die elende Schiisflüüge störet min Schlaf! Bis doch dankbar, dass ich öppis degege unternimme, denn chasch nachher besser schlafe!» –– «Mich schtört das Gebrumme nöd, mich schtört s afängermässige Usraste. Nie nimmsch du Rücksicht uf mich. Immer lahsch dini Socke umeliege und nie ruumsch du dis Gschirr weg. Drum hemer sicher au Flüüge!» Logbucheintrag 3484, 00:44 Uhr Verstärkung ist eingetroffen. 12 Mücken und 4 Schmeissfliegen stehen im Einsatz. Die Fliegen begeben sich ebenfalls in die Todeszone, um Peter märtyrerisch zu retten und durch das immer noch offenstehende Fenster hinauszubegleiten. Währenddessen wir 13 Mücken uns zur Attacke vorbereiten. Treffsicher stechen wir das eine Wesen 11 Mal, das andere 2 Mal, zur Prophylaxe. –– «Mir langets! So lahn ich mich nöd behandle! So chani nöd wiiterlebe, du denksch nur a dich und nie a mich! Ich zieh wieder zrugg zu minere Mueter!» 22


Diese Worte stammen aus dem Munde des weniger behaarten Wesens. Logbucheintrag 3485, 01:23 Uhr Peter konnte sicher rückgeführt werden. Die Verstärkung zieht von dannen. Zeit für eine weitere nächtliche Patrouille. Das behaartere Wesen findet seine Ruhe noch nicht, sondern ist fieberhaft auf der Suche nach weiteren Geräuschemissionen. Zeitgleich nimmt das weniger behaarte Wesen Teile der Kleider aus dem Schrank. Motte Isabel wird so geweckt. Logbucheintrag 34978, Samstag, 00:03 Uhr Es tut sich nichts. Nahezu Stille. Nur beständiges Ein- und Ausatmen eines Rhythmus. Gelegentliches, unregelmässiges «Chatschibüü». Ideale Bedingungen für die erste nächtliche Patrouille. Es sind eben nicht nur die Schmetterlinge, die mit einem Flügelschlag einen Tornado in Brasilien auslösen können. Wir da oben können mit blosser Präsenz einen gewaltigen Sturm auslösen, das hat die Welt noch nicht gesehen. Wir da oben, ihr da unten.

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Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Und man muss eine Busreise in Lateinamerika schon selber erleben, um die Hitze zu spüren, den Schweiss zu riechen und die Nähe der Passagierin auf dem Nebensitz zu fühlen. Grundbedürfnisse wie viel Trinken gegen die Hitze erweisen sich als trügerisch, denn aus dem Fahrenden Bus zu urinieren ist auch nicht jedermanns Sache. Aber Andreas Zwick schickt Hilfe in diesen rollenden Brutkasten: Eine selbsternannte göttliche Reinkarnation bringt ein Ständchen und löst unerwartete Reaktionen aus.

EINE REISE IM BUS ANDREAS ZWICK Es ist heiss, tropisch feucht. Die Sonne steht im Zenit und brennt erbarmungslos auf das Dach herunter. Die Strasse ist holprig, der Buss wippt auf und ab – mal nach rechts, dann nach links. Der Fahrer bahnt sich mehr oder weniger souverän einen Weg über die von Schlaglöchern durchzogene Strasse. Palmen ziehen an den Fenstern vorbei, alles ist grün. Es scheint nicht mehr weit bis zum Dschungel. Die meisten der Schiebefenster stehen offen und der Fahrtwind 24


macht die schwere Hitze etwas erträglicher. Es ist Nachmittag und nicht ohne Grund pflegen die Leute hier um diese Uhrzeit ein Nickerchen zu machen, denn jede Bewegung, möge sie auch noch so klein und unbedeutend sein, führt zwangsläufig zum nächsten Schweissausbruch. Und so hängen wir träge in unseren kleinen Sitzen, wie halbtote Fliegen. Selbst für die meisten der Einheimischen sind die Sessel zu klein und erst recht für mich, den grossen weissen Gringo. Meine Kniescheiben schmerzen von den vielen Schlägen gegen die Rücklehne vor mir. Die schwüle Hitze lässt keinen klaren Gedanken zu. Pläne rücken in weite Ferne, alles ist reduziert auf das Hier und Jetzt. Ich spüre die seidene Haut der Frau neben mir auf meinem Unterarm. Vor ungefähr einer Stunde ist sie eingenickt und zur Seite gekippt. Seither lehnt sie an meiner Seite, den Kopf auf meiner Schulter. Ihr gleichmässiges, leises Schnarchen zeugt von tiefem Schlaf. Ich traue mich nicht, die Sitzposition zu ändern, weil ich sie nicht aufwecken möchte. Stattdessen versuche ich auch etwas Schlaf zu finden. Wir kennen uns nicht, aber die Menschen hier scheinen Fremden mehr zu trauen als den eigenen Landesgenossen. Mein T-Shirt ist schon lange durchgeschwitzt und scheint sich langsam in der Feuchte des Sitzpolsters aufzulösen. Ich trinke den letzten Schluck aus der Wasserflasche und hoffe, dass der nächste Halt in nicht allzu weiter Ferne liegt. Immer wieder ziehen kleine Siedlungen mit zwei, drei Hütten am Fenster vorbei, aber eine grössere Ortschaft haben wir seit einer Ewigkeit nicht mehr passiert. Der Bus brettert weiter über die unbefestigte Strasse, alles ruckelt und bewegt sich, nur die Zeit scheint stillzustehen. Eine Schweissperle bahnt sich ihren Weg über meine Stirn, sammelt sich in den 25


bereits gesättigten Augenbrauen und läuft dann direkt in mein linkes Auge. Es brennt. Der Bus wird langsamer und passiert eine Bodenwelle. Die Hinterachse ächzt und mein Kopf prallt gegen die kaputte Elektronikkonsole über mir. Früher konnte man hier wohl eine kleine Leselampe einschalten und die Lüftung regulieren, aber das scheint vor langer Zeit gewesen zu sein. Ihr Kopf ist auf meine Brust heruntergerutscht. Behutsam schiebe ich ihn wieder zurück auf die Schulter. Seit ich den Fahrstil der Busfahrer hier kenne, ist mir auch klar, warum in jedem Bus eine lebensgrosse Abbildung einer Jesusfigur hinter der Fahrerkabine zu den Passagieren sagt «Ich bin mit euch!» Das Tempo wird gedrosselt, der Bus hält an, die entweichende Luft der Hydraulik kündigt an, dass sich die Türe sogleich öffnen würde und mit einem Mal kommt Bewegung ins Innere. Eine Schar Verkäufer entert den Bus. Sie zwängen sich zwischen den Sitzen hindurch nach hinten. Mantraartig wiederholen sie ohne Unterbruch den Namen des Produktes, das sie anbieten. Das Aguaguaguaguaguaguaguaguagua vermischt sich mit Bollobollbollbollobollo und dem Chiclechiclechiclechicle zu einem Gegacker, das an einen Hühnerstall erinnert. Meine Leidensgenossen strecken sich, auch die schöne Frau an meiner Seite öffnet die Augen, erschrickt kurz, als ihr bewusst wird, dass sie die ganze Zeit an meiner Schulter lehnte, unterzieht mich einem kurzen, prüfenden Blick und richtet ihre Aufmerksamkeit dann auf die sich durch den engen Mittelgang zwängenden Verkäufer. Ich kaufe mir für fünfzig Cent eine neue Wasserflasche und während ich gierig trinke, erinnere ich mich daran, dass ich wieder vorne bei der Türe werde aus dem fahrenden Bus urinieren müssen, wenn ich zu viel 26


trinke. Was für die einheimischen Männer ganz normal ist, kommt für mich einer kleinen akrobatischen Einlage gleich. Die Verkäufer verlassen uns, steigen aus, ein zischendes Geräusch, Druck entweicht und die Türe schliesst sich langsam. Noch während der Bus an Fahrt aufnimmt, öffnet sie sich wieder und ein dunkel gekleideter Herr schwingt sich zu uns herauf. Aufrecht bleibt er vorne bei der Fahrerkabine stehen und verdeckt die Sicht auf das Jesusbild. Mit lauter, etwas krächziger, aber dennoch fester Stimme fängt er an zu predigen, erzählt von der Grösse Gottes und der Nichtigkeit von uns armen Sündern hier unten auf Erden. Die meisten scheinen ihm nicht richtig zuzuhören, sie sind die fahrenden Prediger gewohnt. Er wird uns wohl ein schlechtes Gewissen machen und dann um eine kleine Unterstützung für die Bedürftigen bitten, an den Sitzreihen vorbeigehen und die Almosen einsammeln. Doch irgendetwas scheint mit dem Kerl da vorne anders zu sein. Er behauptet, er wäre der lebende Beweis für die Existenz Gottes. Warum? Ganz einfach deshalb, weil der da oben jeden Menschen mit einer Gabe segne. Nun sei es so, dass er selbst, wie wir alle sehen könnten, nicht gerade der Schönste sei, und der Blick auf seine Hasenscharte überzeugt alle Mitfahrenden von seiner Feststellung. Zudem könne er bei Gott nicht behaupten, besonders intelligent zu sein. Auf einmal hat er meine Aufmerksamkeit und nicht nur meine – viele der Köpfe drehen sich nun erstaunt in seine Richtung. «Aber wie jedem Geschöpf auf Erden, hat der liebe Gott, der über uns allen steht, auch mir ein spezielles Talent geschenkt, das mich einzigartig macht!», fügt er stolz an. Ich ertappe mich beim Gedanken, was in Gottes Namen wohl die Gabe dieses bemitleidenswerten Geschöpfes sein könnte. Die ent27


waffnende Ehrlichkeit der Gestalt da vorne zieht mich in ihren Bann. Er wiederholt das Gesagte um Spannung zu erzeugen, legt eine Kunstpause ein – und krächzt dann, dass er von dem da oben eine wundervolle Stimme geschenkt bekommen habe und: «Damit ihr euch selbst davon überzeugen könnt, werde ich euch jetzt etwas vorsingen!» Die Frau neben mir setzt sich gespannt gerade hin, reckt sich, um über den Kopf des vor ihr sitzenden Passagiers einen Blick auf die bevorstehende Darbietung zu bekommen. Und dann fängt er an! – Noch nie in meinem ganzen bisherigen Leben habe ich jemanden so falsch singen hören. Spontan kommt mir Troubadix, der Barde aus Asterix und Obelix, in den Sinn. Reflexartig schaue ich in die Gesichter der Mitfahrenden und bleibe an den Augen meiner Sitznachbarin hängen. Erleichtert stelle ich fest, dass es ihr nicht anders geht wie mir. Die Situation ist so urkomisch, dass es uns beiden nur unter schwerster Anstrengung gelingt, das Lachen zu unterdrücken, und noch während er da vorne weiter vor sich hinkrächzt, schaukelt sich im Innern des Busses langsam eine Spannung auf, die innert Sekunden unaufhaltsam dem Unausweichlichen entgegenstrebt. Alle spüren es – gleich wird es passieren –, aber keiner möchte sich die Blösse geben und als Erster loslegen. Ein verzweifeltes Glucksen da, ein dumpfes, im Polster der Rücklehne ersticktes Kichern dort und dann geht’s los: Irgendwo weiter vorne rechts kann einer nicht mehr, platzt und prustet los. Jetzt gibt es kein Halten mehr: Der ganze Bus grölt und johlt, alle halten sich die Bäuche, schauen sich ungläubig an, lachen im Chor. Ein jeder scheint sich zu fragen, ob das gerade wirklich passiert, und schämt sich, dass er den armen Mann da vorne so schonungslos auslacht. Der Gesang geht im Gelächter völlig 28


unter. Doch irgendwann erstickt das Lachen und weicht einer reuigen Stille. Auch das Gekrächze ist in der Zwischenzeit verstummt. Beschämt und doch gespannt darauf, was als Nächstes passiert, richten sich die Blicke nach vorne. Der hässliche Prediger steht bewegungslos und gelassen da, schaut seinerseits mitleidig in die Runde. Ungerührt fährt er fort und meint, dass er uns jetzt, nachdem wir uns von der Existenz Gottes überzeugen konnten, um eine kleine Gabe an die Bedürftigen bitte. Noch nie habe ich erlebt, dass ein Busprediger derart mit Geld überhäuft wurde wie dieser.

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Ein Blick gen Himmel und ich frage mich: Ist da oben jemand, der mir zuschaut? Sitzt da oben womöglich mein ganz persönlicher Lebensgeschichtenschreiber, der mich leitet oder nach Lust und Laune auf die Schnauze fallen lässt? Daniel Ammann gibt den Autor*innen unserer Welt eine Stimme und zeigt, was die da oben wirklich von uns denken.

WIE ES EUCH GEFÄLLT, ODER THE WORLD IS NOT ENOUGH DANIEL AMMANN Hier oben ist die Luft dünnblau und duftet nach Ambrosia. Doch wir bewahren einen kühlen Kopf. Wir denken klar. Während es da unten wimmelt und wuselt, zwischen Buchten und Bergen, Wüsten und Weltenmeer, behalten wir den Überblick. Wir auktorialen Erzähler lehnen uns im Wolkensessel zurück und schauen herab, was unsere Figuren auf der flachen Erde treiben. Für uns ist das seit Zillionen von Jahren kosmischer Alltag. Nicht grau, aber die Farben sind etwas abgeschossen. Nichts Neues unter der Sonne, wie ich dem Prediger in die Feder diktierte. Auch wenn’s bis heute keiner glaubt. Ihr da unten müsst euch das so vorstellen. Wir sitzen vor

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dem leeren schwarzen Blatt und knipsen erst mal das Licht an. Alles ist möglich. Oder wie ihr sagt: Nichts ist unmöglich. Omnipotenz fühlt sich grandios an. Also erfinden wir die Gefühle, damit auch ihr ein wenig Ergötzung, Ehrfurcht und Ehrgeiz verspürt. Es gibt nichts Langweiligeres als Figuren, die antriebslos rumhängen und keine Handlung auf die Reihe kriegen. Aber mit jeder Entscheidung schwinden die Möglichkeiten, schmelzen wie Schnee in der Sonne. Das Programm nimmt seinen Lauf. Wir ahnen schon, was kommt. Deshalb ist es so verlockend, euch da unten einen Schein von Macht in die Hand zu legen. Und siehe da: Die Marionette macht Bewegungen, die der Puppenspieler nicht geplant hat. Ein bisschen Eigenleben hauchen wir euch ein, damit auch wir überrascht und unterhalten werden. Hier oben, denkt ihr, sei alles ein Spiel. Wir bräuchten nur mit den Fingern zu schnippen. Wir werfen ein Quäntchen Glück in die Waage, und schon verlieben sich zwei oder drei und sind glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Wir lassen den Zug aus den Gleisen springen und jagen euch Angst und Schrecken ein. Wenn das so simpel wäre. Ihr solltet die Schaltzentrale sehen. Mehr Knöpfe als Köpfe auf der Erde. Warnleuchten und Wunschlichter, Hebel und Regler ohne Ende. Was haben wir nicht schon diskutiert, ob wir auf Autopilot schalten oder einfach den Stecker ziehen, das Universum wieder zusammenrollen wie einen mottenzerfressenen Teppich. Tabula rasa und ein neues Kapitel beginnt. Ihr fürchtet euch vor Klima, Krieg und Katastrophen? Bah! Das ist euer kläglicher Kampf. Also kümmert euch gefälligst, hört auf zu lamentieren. Für uns steht die Geschichte auf dem Spiel. Wenn ihr’s verkackt, haben wir uns selbst ins Knie geschossen. 31


Ihr da unten haltet’s für ein trauriges Stück, eine qualvolle Queste, ein langweiliges Lebensquiz. Ihr rätselt nach dem Sinn eures Seins und vermögt doch das Augenscheinliche nicht zu lesen. Unseren Offenbarungen schenkt ihr kein Gehör. Also haben wir die Wahrheiten im Verborgenen versteckt. Im Singen der Wale, im Säuseln des Winds, im Wabern der Wolken, im goldenen Glanz der Gestirne. Erkennt ihr den Quellcode nicht? Den Algorithmus im Blues? Das Licht im Lächeln eines Kindes? Versteht ihr die Doppelhelix nicht zu deuten? In den hintersten Kommastellen der Kreiszahl Pi haben wir unsere Nummer hinterlegt. Aber ihr ruft nicht zurück. Und was ist mit Dichtung, Musik und bildender Kunst? Bei jedem Geniestreich hatten wir die göttlichen Finger im Spiel. Wir gaben euch Verstand, die Welt zu sehn im Korn aus Sand. – Alles umsonst, ihr hohlen Häupter aus Holz. Im dunkelsten Spiegel seht ihr nur euch selbst und bläht euch auf in blindem Stolz. Hier oben machen wir den harten Job. Denken uns Formen und Figuren aus, stecken euch in packende Plots. Wir sorgen für Action. Dichterische Freiheit gaben wir euch, derweil ihr euch ums Drehbuch foutiert, nur weiter in Routine rotiert. Aber jetzt ist Schluss. Das ist das Ende der Fahnenstange. Es reicht. Genug. Fertig. Aus. Jetzt kappen wir die Puppenfäden. Wir nehmen den Hut und treten ab. Vorhang zu. Der Letzte, der am Horizont über die Klippe springt, lösche bitte das Licht. Und ihr da unten: Macht doch, was ihr wollt und wie es euch gefällt. Macht die Erde dem Erdboden gleich. Feiert bis ihre Kruste kracht. Ein letzter Blitz, dann gute Nacht.

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2 AUF DEM MOND NADJA BAUMGARTNER


Wie wäre es, fern zu sein von Materi­ alismus und Krieg, weit weg vom Druck eines verzerrten Schönheitsideals, das die Selbstliebe aller zerstört. Nadja Baumgartner plädiert für ein Leben auf dem Mond, wo Plastik, Chemie und Gender keine Rolle spielen. Aber sie erinnert uns daran, dass alles immer eine Kehrseite hat – wie der Mond.

Ganz still fliegen wir über euch hinaus die Sterne zieren hier doch ihr macht euch nichts draus Eure Köpfe im Bankkonto flankiert von Noten und noch so ’nem Volvo alles für die Quoten während die Welt die euch lange noch so drohte Flammen fängt Hier auf dem Mond spielt das alles nicht so ’ne Rolle wir hier oben ein bisschen ausser Kontrolle schauen zu diesem Desaster 35


von Anbeginn der Zeit vielleicht lieber nachher lautet euer ewigwährender Eid Seht ihr nicht das Leiden der Nation etwas bricht in mir, ach wird schon und Menschen sterben Hunger herrscht wir schneiden uns an den Scherben der Trümmer dieses Landes Doch das Blut an unseren Händen wird nicht bemerkt derweil wir Stunden verschwenden damit unser gutes Gewissen verstärkt wird Doch wir hören Schüsse Schreie und Proteste Beweise für eure groteske Illusion, eine Verzerrung der Wirklichkeit Plakate, die werben für unermessliche Schönheit ein Frauengebild mit herben Effekten auf kleine Mädchen die nichts essen, weil sie denken nicht schön genug zu sein 36


auch den kleinen Jungen schärfen wir ein bloss keine Schwäche zu zeigen ein «richtiger Mann» zu sein sich zusammenzureissen eine Sünde sind die vergossenen Tränen des stärkeren Geschlechts also lassen sie sich quälen im Gefängnis ihrer selbst Ich ich möchte so gerne deine Hand halten doch auch hier bin ich verzagt denn ich kann den Blicken nicht standhalten wie kann es sein, dass die Liebe versagt du bist doch ein Mensch was ist so schwierig zu verstehen dass ich dich mag, ich sehe kein Problem Alles ist nichtig meine Liebe zu ihr seine Liebe zu ihm Selbstliebe Tränen, Proteste, dick sein dünn sein wir können euch nichts recht machen Hier auf dem Mond spielt das alles nicht so ’ne Rolle wir hier oben ein bisschen ausser Kontrolle Tränen, längst vergossen 37


nur eine brennende Wut durch Kämpfe verdrossen geschwächt, die Herzen Glut Das Essen ist voller Chemie schmecken tut es trotzdem gut also wird nicht darauf geschaut sie fordern Tribut ausgebeutet, mit System Im Grundwasser gibt’s Plastik soweit das Auge reicht Kleider aus der Fabrik in Asien gebleicht Es hört nicht auf eine Zeitschlaufe im Lauf dabei geht die Erde wohl drauf und wir gleich mit ihr Wenn wir zu faul sind, um zu handeln von unserer Vernunft Gebrauch zu machen wird sich nichts zum Besseren wandeln Dennoch hat jede Geschichte zwei Seiten vielleicht auch unsre wenn sich ändern die Zeiten und wir nicht mehr schweigen

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Und eines Tages wenn die Sonne eines unbekannten Jahres aufgeht denken wir an alte Zeiten schwelgen wir in Erinnerungen in denen Grenzen noch existierten und Menschen unterteilt wurden in Klassen, die noch nicht fielen Aber jetzt hier auf dem Mond spielt das alles doch ’ne Rolle wir hier oben ihr da unten an den Wogen des Meeres so still und friedlich

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Einst war viel die Rede von «Oben» und «Unten» und gemeint waren damit politische Klassen. Heute scheuen wir die Dogmatik, verbannen die Begriffe aus dem Diskurs und kaschieren damit nur allzu leicht, dass Gegensätze nach wie vor existieren. Höchstens noch im Suff kommen sie uns mal hoch, diese ungelösten Konflikte mit ihrer Wut und Verzweiflung. Und so lässt Cyrill Müller den Klassenkampf im Gelalle zweier Betrunkener aufleben. Und da seine fiktiven Streithähne wiederum wohl nur im Kopf des ebenfalls betrunkenen Erzählers existieren, eröffnet sich die beunruhigende Perspektive: Zerreisst das Kapital womöglich nicht nur die Gesellschaft, sondern vor allem uns selbst?

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GELDSCHEIN UND HOFFNUNGSSCHIMMER CYRIL MÜLLER Letzte Woche, gegen Morgen, ich ging nachhause von der Bar und ich geb zu, ich war betrunken, deshalb wohl war der Kummer da. Was hat das alles zu bedeuten? Wie haben wir uns das verdient? Wir hier oben, ihr da unten – wer entscheidet, wer befiehlt? Da sah ich an der Tramstation auf einer Bank, sehr hell beleuchtet, zwei Typen sitzen im Gespräch. Geldschein war da und Hoffnungsschimmer, eingetieft im Anorak. Sie teilten sich beim Konversieren Rotwein aus dem Tetrapak. Wir hier oben, exklamierte Geldschein, haben noch System! Finanz- und Wirtschafts-, Bildungs-, Schul-, Versicherungs-, Verkehrs-, Gesundheits-, Rechts-, pardon, Justiz- und mehr! 41


Aber wir, wir haben Hoffnung! Und die solche stirbt zuletzt! Und bleibt’s dabei auch nur beim Schimmer von Geld, Erfolg und Zukunftstraum, von Fame vielleicht und etwas Glimmer, von Arbeit, Lohn und Zuversicht. Von unsrem eignen Stück vom Kuchen, von Social Media und Glück. Ohne Struktur könnt ihr’s vergessen! schrie der Geldschein in die Nacht. Nach Armbanduhr mit Disziplin, Arbeitsmoral und Aspirin, das lernen hier bei uns die Kleinen vor ihrem allerersten Spiel. Bei euch da wird zu viel gedacht – wir leben ’s Leben Tag und Nacht! Hand in den Mund ohne zu sparen, reicht’s für heute, reicht das dann. Und wenn wir morgen wieder wachen, fangen wir von vorne an. Und wenn das Fest fällt, wird gefeiert! Getanzt wird bis in alle Nacht. Heut ist heut und morgen morgen, solange ’s Spass macht, wird gelacht. Griesgram wohnt in eurem Haus, ihr oben, ihr wisst nicht zu leben. Lichter an und Lichter aus. 42


Geldschein lallt: Das ist grotesk! Wir schwänzen freitags für Protest, fürs Klima und für Lebenswandel. Samstag heben wir dann ab gen Mykonos, Burj Al Arab. Kreuzfahrt all inclusive leisten kann sich nur, wer dran auch glaubt. Dort schwimmen wir durch Ozeane, mit Wohlstand und mit Geld im Nacken. Euch steht das Wasser bis zum Hals! Wir ersaufen hier im Reichtum, ihr bei euch im Mittelmeer. So blüht’s dem, der mit ganzem Schneid bloss fordert wie Francis Bebey: Bananen und ein bisschen Freiheit. Wir lehren euch Genügsamkeit! rief Hoffnungsschimmer ganz verzweifelt, wo bleibt bei alledem der Mensch? Eingepasst in Arbeit, Arbeit, Verpflichtungen und Redlichkeit, könnt ihr euch ja kaum bewegen! Euer Ende ist nicht weit. Hundertdreiundneunzig Meter, die sind auch irgendwann dahin. Spätestens dann werdet ihr sehen, fällt’s auf euch zurück, das Spiel. Dann sind wir alle wieder eins, dann bleibt uns allen nur derselbe! 43


Hoffnungsschimmer setzte an, die Träne fiel in den Tetrapak. Im Himmel spürte man schon morgen: Licht und grau und furchterfüllt, wandt ich mich zum Heimwärtsgehen und dachte müde drüber nach. Wir hier oben, ihr da unten, jetzt noch – doch was kommt danach?

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WINTERWÄRME

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PETER A. KAISER

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Zwischen oben und unten ist eine Welt, nicht Leben noch Tod, weder Himmel noch Hölle: Eine Zwischenwelt des Sehnens und Vermissens, der Wut und der Trauer. In seinem Liebesgedicht erzählt Peter A. Kaiser von Menschen, die erhaben sein wollen und deswegen keinen Platz in der Welt finden. Er klagt an, schildert den Mangel an Empathie und Wärme, der Menschen «erfrieren» lässt. Und er beschreibt die Schwierigkeit, sich damit abzufinden. Gewidmet: Karin Fischer (1970 –2001) 1.

Wir da oben sind erhaben. Ihr da unten seid Erdendreck. Wurmvieh, kriecht im Schlamm! Nenn mich elitär? Ich bin’s! Veracht ich euch? Nur an den Tagen, da ihr mordet. Oder schlimmer: Kinderseelen trampelt. Finster ist die Erde. Und müsst’s nicht sein. Wir alle haben einst im Licht gebadet. Mutterliebe mit Löffeln. 47


Der Beweis sind wir selbst: Ohne gäb es uns nicht. Findest du kitschig? Ich mein’s profan: Kaspar Hauser und die Mutti aus Draht: Du kennst die Theorie? Die Praxis erlebst auf der Suchtstation. Frag einen Pfleger: Nicht um das letzte Koks prügeln sie sich, nein, sie tun’s darum, bis aufs Blut, wer reden darf. Sprechen. Irgendwas. Mit irgendwem. Auf dem Rundspazier einmal um den Block hastig drei Sätze. Einem echten Menschen: Aufrechter Gang, ernstes Gesicht, weisser Kittel. Altkluge Augen, die schweigen so hart. Gehen voran, ziehen die Spur. Elender Söldner: Klappert mit Schlüssel am Bund! Und du? Hastest hinterher, nimmst ihn von der Seite, wirfst ihm dein kleines Leben nach. Flehst um ein Zucken in seinem Lied, ein Beben seiner fetten Lippen und hast noch Verständnis: Er darf nicht, er soll nicht, er kann nicht. So will es die Profi-Distanz noch bis heut um acht, dann geht er heim und studiert Physik oder fährt noch ins Kino und lacht, aber für dich kommt eine andere Wache zur Nacht. 48


2.

«Wir da oben sind erhaben», hör ich dich sagen. «Ihr da unten seid Würmerdreck»: Das ist von mir. Ich steh dazwischen. Kann nicht zu dir. Kann nicht von dir. Schau in die Höh und trete nach unten, ja nicht zu sinken hinab, fort von hier, fort von dir. Werf in die Tiefe zu euch meinen Hass, nur nicht Mensch zu sein. Nie mehr schwach. Herz ist genommen: Jetzt bin hart! Gesetz des Lebens: Hab dich gefressen. Als Ganzes geschluckt. Menschlichkeit ist ein knappes Gut. Reicht nicht für jeden. Und wo sie nicht reicht, wird gestorben. Schutz gibt es nicht, der Winter ist kalt. Dünn das Leben wie nackte Haut. Am Gefrier ist ein Punkt, da wirst du nicht alt. 3.

Menschen wie du: Haben nichts und teilen es doch. Das bisschen Leben und Liebe und Güte, das ihr kriegt; irgendwoher, weil irgendwer es weggeworfen hat und es war noch was dran: Ihr habt’s gesehen. Bückt euch tief, hebt es hoch, haltet kostbar den Schatz. Ruft noch ein Danke nach dem achtlosen Schwender. Dann bleibt zurück, den glimmenden Funken, wärmendes Od, in euren zierlich Händen, 49


starrt ihr darauf und nährt euch am Anblick des Nichts, das da glänzt. Und woran denkt ihr bloss? Teilen! Wollt geben, statt nehmen das Nichts, das ihr habt. Und wisst auch schon wem. Ja: Wem nicht?! Gebt her euer Licht! Zöger bloss nicht, bedürftig sind viele! Und du kennst sie alle. Nennst Freunde das Pack! Kommt, was kommen muss: Schon ist er weg, dein Schatz. Wird gereicht und bestaunt, nach Seiten gedreht. Besprochen, bequatscht, betatscht, gesogen, gelutscht, geschluckt und ausgespuckt. Bis irgend: Vertrocknet und dürr, verplättet und dünn wie Zeitungspapier, tausendfach spröde zerfalzt, ein staubiger Falter, zerfällt es irgendeinem deiner «Freunde» in der Hand. Gekeife, Gezeter, alle schaun bös. Blicke wie Messer, aber eigentlich nur hohl die Augen und stumpf und hilflos verlorn. 50


Nur du schaust zu Boden, wissend, voll Scham, Bestürzung zu verstecken und Wärme zu lügen, wo Täuschung zerbricht. 4.

Wir da oben, hör ich dich sagen, kennen die Welt. Sehen vom Kuchen das letzte Stück. Ein kleines Glück, dem der es findet. Aber wehe dem, der zu spät kommt. Findet nur Brosen. Steht verloren am Tellerrand. Ein elendes Bild! Wir da oben sehen das, hör ich dich sagen, und ertragen es nicht. Weil es uns die Seele zerbricht. Wir stehen gebannt vor dieser Gewalt, starren hin und können nichts tun, ausser nichts tun. Aber das wenigstens tut gut: Denn so tun wir nicht mit! Durchbrechen den Kreis. Sprengen, für einmal, das stickende Eis. Wir können das, hör ich dich sagen, weil wir keinen Kuchen brauchen! Brauchen wir nicht! Weil wir uns ganz aus uns selber nähren. Aber ja: Der Magen bleibt leer. Die Luft wird uns dünn da oben. 51


Die Finger klamm am Schwefelholz, der Atem kĂźhl, die Adern leer, der KĂśrper kalt. Der Funke erlischt. Wir hier oben sind tot. Ihr da unten lebt. Du da unten lebst. Darum: Lass mich ziehn, Liebster!

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Impressum Moosestache PH Goes Poetry Leitung: Joel Perrin, Lukas Becker Mitarbeit: Daniela Baumann, Sharon Ben Ishay, Nadja Isler, Peter A. Kaiser, Lorenz Vogel Herausgeber: Schreibzentrum PH Zürich 2019 Produktionsleitung: Erik Altorfer Redaktion: Daniela Baumann, Sharon Ben Ishay, Peter Fäh, Peter A. Kaiser Korrektorat: Daniel Ammann Gestaltung: Angela Reinhard, nordföhn Druck: OK Haller Druck AG © 2019 Schreibzentrum PH Zürich Auflage: 120 Exemplare.


DANIEL AMMANN NADJA BAUMGARTNER* PETER FÄH* NATASCHA HOSSLI PETER A. KAISER* CYRIL MÜLLER LAURA SÄGESSER LORENZ VOGEL ANDREAS ZWICK

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Wir da oben, ihr da unten  

Die Gedanken sind frei, heisst es so schön. Aber können sie es auf Dauer bleiben, wenn unser Reden und Schreiben ständig durch professionell...

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