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Schauspielhaus Z端rich Zeitung #9


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Als Partner stehen wir dem Schauspielhaus Zürich tatkräftig zur Seite. Grosse Auftritte sind ohne starke Partner im Hintergrund nicht denkbar. Deshalb unterstützen wir das Schauspielhaus Zürich und andere ausgewählte Kulturinstitutionen. Erfahren Sie mehr über unser kulturelles Engagement unter www.swissre.com/sponsoring


3 Vorwort von Barbara Frey

Abgründigkeit des Augenblicks Heinrich von Kleist war fasziniert von der Magie und Abgründigkeit des Augenblicks. Legendär ist seine Beschreibung jenes Moments, in dem er vor Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ stand und eine unerhörte Erfahrung machte. Er fühlte sich, als sei er „der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis“. Er verglich das Gemälde „in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit“ mit der Apokalypse. Wenn man es betrachte, sei es, „als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären“. Er verpflanzte sich gewissermassen selbst in das Bild hinein, empfand sich als der dargestellte Mönch, der ins Nichts schaut – und es war ihm klar, wie sehr Friedrich als Maler eine neue, andere Welt entwarf und damit auch einen neuen Blick einforderte. Was Kleist sah, war keine lediglich virtuos gemalte Landschaft, war nichts Dekoratives oder ästhetisch Tröstliches, sondern die höchst beunruhigende Öffnung in eine monumentale Innenwelt, in welcher der betrachende Mensch ohne Halt umhergleitet, als flöge er durch sein eigenes Ich wie durchs All. Kleist erkannte in Friedrich einen Bruder im Geiste. Wenn Sosias in „Amphitryon“ nach Hause kommt und dort sich selbst erblickt (den Gott Merkur in seiner, Sosias’ Gestalt), verliert er augenblicklich den Boden unter den Füssen und kommt, sich selbst sehend, sich selbst abhanden. Penthesilea fühlt sich im nach ihr benannten Drama beim Anblick des Achill „in dem Innersten getroffen“, vom Donner gerührt, als sähe sie in einem einzigen Augenblick das ganze Schicksal aufblitzen, das ihr und Achill blüht. Gleichzeitig aber ist der verhängnisvolle Augenblick auch ein ekstatischer erotischer Moment; Penthesilea stürzt gleichsam in Achill hinein. Kleists Heldinnen und Helden folgen keinerlei moralischen Handlungsmustern, ihr Hunger nach Liebe ist rücksichtslos und unberechenbar und niemals geprägt von einer Sehnsucht nach Ordnung, Zugehörigkeit oder gar Bequemlichkeit. Sein Personal gewinnt keinerlei Aufschluss über sich selbst, keine Erkenntnis, die irgendwie verwertbar wäre und eine „Lebensoptimierung“ nach sich zöge,

wie der heutige Mensch sie unablässig anstrebt. Genau deswegen sind seine Figuren so unwiderstehlich. Ihre Unfähigkeit, pragmatisch zu sein, sich an Nützlichkeitskriterien zu orientieren oder irgendeinem „Plan“ zu folgen, macht sie für uns anmutig und furchterregend zugleich. Ihre Zärtlichkeit ist so monumental wie ihr Zorn, und die Masslosigkeit ihrer Empfindungen so befremdlich wie anrührend. Kleists eigene Erfahrung vor Friedrichs Gemälde macht ihn zu einem Komplizen all der Männer und Frauen, Knaben und Mädchen, die sein Werk bevölkern und unablässig unbeirrbar auf alle erdenklichen Abgründe zugehen, auf der – unbewussten – Suche nach dem Augenblick, der sie in die Ekstase, die blitzartige Erkenntnis, den erotischen Taumel, ins Nichts stürzen lässt. Weder mit psychologischem noch mit literaturwissenschaftlichem Deutungsfuror ist ihnen beizukommen. Je mehr wir von ihnen zu verstehen glauben, desto mehr entziehen sie sich uns. Und somit bleiben wir, an ihre Fersen geheftet, selbst hungrig und verletzlich.

Inhalt 3

Vorwort

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Die Umkehrung Kaspar Surber über „Der Prozess“ und „Woyzeck“

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Im Ausnahmezustand Gwendolyne Melchinger über „Amphitryon und sein Doppelgänger“ im Pfauen

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Nichts, was nicht möglich ist Gespräch mit Henrike Johanna Jörissen und Nils Kahnwald über den Regisseur Antú Romero Nunes

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Sagen Sie jetzt nichts, Herbert Fritsch Der Regisseur im Porträt

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Filmwissenschaftler Günter Krenn über den Zauber der Bohème

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Schon gesehen? Szenen aus dem Repertoire – Fotogalerie

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Der Glücks(er)finder Claudius Körber im Porträt

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Von Odysseus bis Darth Vader Kinderreporter interviewen Schtärneföifi

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Ganz diskret und zoologisch privat Karolin Trachte über den „club diskret“ und die erste Theaterserie in der Kammer

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Geglückte Verwandlung Schicht mit Judith Janser, Leiterin der Maskenbildnerei

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Ins Theater mit Brigitte von der Crone „Der Prozess“ im Pfauen

Titel Markus Scheumann in „Der Prozess“ Rückseite Fritz Fenne, Michael Neuenschwander, Lena Schwarz und Carolin Conrad in „Amphitryon und sein Doppelgänger“


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Woyzeck und Marie: Jirka Zett und Henrike Johanna Jรถrissen


5 Essay

Die Umkehrung Zum Saisonauftakt sind am Schauspielhaus mit Franz Kafkas „Der Prozess“ und Georg Büchners „Woyzeck“ zwei grosse Stoffe der Weltliteratur zu sehen, die auf sehr unterschiedliche Weise die Frage nach dem Verhältnis von Gesellschaft und individueller Freiheit stellen. Von Kaspar Surber

uns die gegenwärtig vorherrschende Ideologie an individueller Freiheit gerade verspricht. Eine Gesellschaft, deren Recht die Menschen herrichtet, sie im glücklicheren Fall aber auch berechtigt, ermächtigt. Woyzeck und Josef K. sind keine glücklichen Fälle.

Woyzeck: Ja, wahrhaftig, ich möcht mich nicht blutig mache. Käthe: Aber was hast du an die Hand? Franz Woyzeck und Josef K. sind beide Woyzeck: Ich? Ich? dreissig Jahre alt, K. wird exakt an seinem 30. Geburtstag in seiner Wohnung Käthe: Rot! Blut. (Es stellen sich Leute um sie.) verhaftet. Das gleiche Alter kann ein Woyzeck: Blut? Blut? Hinweis sein, dass die beiden Figuren Wirt: Uu Blut. etwas miteinander zu tun haben. Woyzeck: Ich glaub ich hab mich Wer selbst schon den 30. Geburtstag geschnitte, da an die rechte Hand. erlebt hat, weiss, dass an diesem Wirt: Wie kommts aber an de Ellenbog? Tag die Erinnerung an die Vergangenheit, Woyzeck: Ich habs abgewischt. an Kindheit, Jugend, Liebe, Beruf Wirt: Was, mit de rechten Hand an de zusammenfällt mit dem Ausblick in die rechte Ellboge? Ihr seid geschickt. Zukunft, in die Möglichkeiten, die folgen Karl: Und da hat der Ries gesagt: ich werden. Jetzt kann, könnte nochmals alles geändert werden! Der 30. Geburtstag riech, ich riech, ich riech Menschefleisch! Puh! Der stinkt schon. handelt vom Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Ich rief drei meiner Freunde Woyzeck: Teufel, was wollt ihr? Was gehts euch an? Platz! Oder der erste – an, wir trafen uns und sprachen lange. Ein friedlicher, nur leicht bedrohlicher Tag. Teufel! Meint ihr, ich hätt jemand umgebracht? Bin ich Mörder? Was gafft ihr? Guckt euch selbst an! Platz da. Woyzeck ist zu diesem Zeitpunkt bereits (Er läuft hinaus.) verfolgt, Josef K. wird gleich verhaftet. Sie werden vom Gesetz zugerichtet Woyzeck, von der Wissenschaft und oder verlieren sich selbst darin. Georg dem Militär diszipliniert, von der Freundin Büchner hat, selbst noch jünger, Marie betrogen, ist ein Gehetzter. Was das Drama seines 30-Jährigen zu Beginn Innenwelt ist und was aussen, verwischt des 19. Jahrhunderts niedergeschrieben. sich in Büchners flirrender, fiebriger Damals wurden die Freiheitsrechte Montage. Es pocht hinter Woyzeck, unter erkämpft und doch war schon absehbar, ihm, er hält das Ohr an den Erdboden: dass sie in eine neue, industrialisierte „Hör ichs da auch, sagt es der Wind Ordnung führen, wo einer wie Woyzeck auch? Hör ichs, immer, immer zu, stich zur Disziplinierung, die nun in der Gestalt tot, tot?“ Woyzeck wird zur Tat getrieben: wissenschaftlicher Forschung aufscheint, Er bringt Marie um. Der Gerichtsdiener seine Erbsen zu essen hat. Franz Kafka wird im Schlusssatz festhalten: „Ein guter beginnt mit der Arbeit am „Prozess“ im Sommer 1914, als der mittlerweile kolonial Mord, ein ächter Mord, ein schöner expandierte, nationalistisch hochgeputschte Mord, so schön als man ihn nur verlangen tun kann, wir haben schon lange so Kapitalismus in den Ersten Weltkrieg kein gehabt.“ übergeht. Dass beide Texte Fragmente bleiben, macht sie nur stärker, weil das Verhältnis des einen zu den anderen zwangsläufig offen bleibt. Sie zählen deshalb zu den wichtigsten Texten der modernen Literatur, weil sie klar machen, dass es eine Gesellschaft gibt, was auch immer

Bin ich Mörder? Guckt euch selbst an! Kafkas Prozess braucht keine Tat mehr, der Text beginnt mit ihrer Abwesenheit: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“, heisst der berühmte erste Satz.

Einer der Wächter erklärt die Verhaftung: „Unsere Behörde, soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heisst, von der Schuld angezogen und muss uns Wächter ausschicken, das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?“ „Dieses Gesetz kenne ich nicht“, sagte K. „Desto schlimmer für Sie“, sagte der Wächter. „Es besteht wohl auch nur in Ihren Köpfen“, sagte K., er wollte sich irgendwie in die Gedanken der Wächter einschleichen, sie zu seinen Gunsten wenden oder sich dort einbürgern. Aber der Wächter sagt nur abweisend: „Sie werden es zu fühlen bekommen.“ Ein Jahr lang bemüht sich Josef K., mehr über das Gericht zu erfahren, irrt vergeblich durch Gerichtssäle, die sich in den Dachkammern heruntergekommener Stadtviertel befinden. Am Vorabend seines 31. Geburtstages kommen zwei Herren und bringen ihn in einen Steinbruch ausserhalb der Stadt. Einer legt ihm die Hand an die Gurgel, der andere stösst ihm das Messer ins Herz. „Wie ein Hund!“, lauten die letzten Worte von Josef K. Woyzeck ist ein Opfer der gesellschaftlichen Umstände, die Büchner, der Mediziner und Dramatiker, in all ihren Widersprüchen seziert. Die Menschen in seinen Stücken spielen nicht, sondern werden gespielt: Eine politisch aktuelle Erfahrung, die bei Büchner, dem Revolutionär, gerade nicht zu einer Ohnmacht führt. Er schlägt sich nicht parteiisch auf Woyzecks Seite, sondern schildert, ein weit stärkeres Plädoyer für den Schwachen, die existenzielle Dimension seines Schicksals. Josef K., und hier ist Kafkas Zeit einen Schritt weiter, macht sich im Prozess das Gesetz zu eigen, indem er sich dagegen verteidigen will. Je mehr er sich wehrt, umso dominanter wird es in seinem Kopf. Kafka ist stark von der jüdischen Mystik geprägt: In der Parabel des Gefängniskaplans kommt ein Mann vor die Tür des Gesetzes, wo er ein Leben lang auf Eintritt wartet. Am Ende


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„Machen Sie keinen solchen Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld.“ aus „Der Prozess“ von Franz Kafka

Claudius Körber, Christian Baumbach, Nils Kahnwald und Markus Scheumann in „Der Prozess“ fragt er den Türwächter, weshalb niemand ausser ihm Eintritt verlangte: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Einlass war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schliesse ihn.“ Josef K. tritt im Prozess gegen einen vermeintlich labyrinthischen Kontrollapparat doch nur gegen sich selbst an. Kafkas Folgerung daraus war nicht die Revolution, sondern das Gelächter: Als er Freunden Teile aus dem „Prozess“ vorgelesen hat, soll er unbeherrscht gelacht haben. Wie zeigt sich die Gesellschaft und ihre Justiz heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Ich habe den Eindruck, die Zeit mache gerade einen Salto: War der Einzelne, wie Woyzeck, ein von

der Gesellschaft Gehetzter, war er daraufhin, wie Josef K., ihre Spiegelung, so ist der Einzelne heute seine Vorhersage: Unser künftiges Verhalten erscheint als Prognose aus unseren digitalen Spuren, beim Einkauf wie bei der Überwachung. Einige Feststellungen zur derzeitigen Ordnung: In ihrer wirtschaftlichen Logik zielt sie, angeleitet von der neoklassischen Schule, auf den kurzfristigen Eigennutz, wie er im Shareholder-Value-Denken zum Ausdruck kommt, in bloss noch in Sekundenschnelle gehaltenen Wertpapieren an der Börse, in flexibilisierten Arbeitsverhältnissen, in der jede und jeder zum eigenen Unternehmen wird.

Der Wettbewerb zwischen kleinstmöglichen Einheiten wurde technisch durch die Erfindung der relationalen Datenbank in den 1970er-Jahren möglich: Die Daten werden nicht hierarchisch gespeichert, sondern von den Nutzern zueinander in Beziehung gesetzt. Die Programmierer in Kalifornien stellten sich als Nutzer einen Manager vor, dem es möglich sein sollte, folgende Frage zu beantworten: „Wie feuere ich alle Mitarbeiter, die im ersten Stock arbeiten?“ Heute arbeiten wir als Userinnen und User von sozialen Medien für die grossen Internetkonzerne wie Google, Facebook oder Amazon: Alles, was wir sharen und liken, dient einer noch präziseren


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Vorhersage der Bedürfnisse, die uns als Kunden zugeschrieben werden. Was wir im Internet finden, ist die Vorhersage unserer bisherigen Datenspur. Das Wort „googeln“ ist treffend: Wir arbeiten für einen Konzern, und das auch noch gratis. Zeichnete sich die Ordnung bis zum Ende des Kalten Krieges durch die Organisation von Massen aus, setzt die gegenwärtige Ideologie des Neoliberalismus die Individualität absolut – der Vorgang ist eine gesellschaftliche wie persönliche Privatisierung, was als vermeintliche Freiheit erscheint, ist häufig ein Kauf- oder Konsumzwang. Die Disziplinierung bei Woyzeck läuft über die Pathologisierung, die Zuschreibung des Wahnsinns. Josef K. hat die Kontrolle verinnerlicht, bis er sich ihr hingibt als nackter Körper, „wie ein Hund“. Heute sind es die individuellen Wahlmöglichkeiten, welche die Individualität auf die des künftigen Konsumenten beschränkt. Wehe bloss, er oder sie könnte stören! Juristisch zeichnet sich die neue Ordnung durch die Umkehrung der Unschuldsvermutung aus. Sie wird legitimiert mit Floskeln wie: „Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten!“ Oder, im städtischen Alltag: „Erlaubt ist, was nicht stört!“ In der Schweiz begann die Umkehrung in der Asylpolitik: Hier wurden erstmals Rayonverbote für einzelne Personen festgesetzt, die bestimmte Räume nicht betreten dürfen. Diese Verbote sind nichts anderes als ein dauernder, institutionalisierter Verdacht. Sie gelten heute in den Städten über Wegweisungsartikel auch für sogenannte Randgruppen wie beispielsweise Alkoholiker. Mit dem Hooligan-Konkordat wurde der Verdacht auf Fussballfans ausgedehnt. Der derzeitige Skandal um den US-Geheimdienst NSA zeigt die unermessliche Dimension der Entwicklung: Von Bürgern rund um den Globus werden Mails, Telefone und Kreditkarten präventiv überwacht, um terroristische Anschläge zu verhindern.

„Woyzeck“ (Ensemble) Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, welche die Dokumente des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden enthüllt, wurde selbst jahrelang überwacht. Sie sagt: „Man setzt Menschen auf eine Liste, verhört sie während sechs Jahren bei ihren Reisen und sagt ihnen nie, warum. Das ist so wie bei Kafka.“ Bradley Chelsea Manning, Edward Snowden oder Laura Poitras sind vielleicht am ehesten Figuren wie Franz Woyzeck oder Josef K. Sie machen die heutige Kultur der Vorbestimmung sichtbar und durchbrechen sie. In ihrem Widerstand erscheinen Gesellschaft und Individualität gleichzeitig. Ein glücklicher Ausgang ist für sie vorläufig nicht zu erwarten. Wir, die wir keine Romanfiguren oder Internethelden sind, sollten zumindest mit der alltäglichen Abweichung von unseren Konsumprofilen beginnen. Kaspar Surber, geboren 1980, ist Journalist bei der Wochenzeitung WOZ in Zürich. Von ihm ist im Echtzeit-Verlag das Buch „An Europas Grenzen. Fluchten, Fallen, Frontex“ über die europäische Migrationspolitik erschienen.

Der Prozess von Franz Kafka Fassung von B. Frey und C. Besier Regie Barbara Frey, Bühne Bettina Meyer, Kostüme Bettina Munzer, Video Andi A. Müller, Dramaturgie Christine Besier Mit Christian Baumbach, Klaus Brömmelmeier, Nils Kahnwald, Claudius Körber, Dagna Litzenberger Vinet, Markus Scheumann, Siggi Schwientek Seit 12. September im Pfauen Unterstützt von der René und Susanne Braginsky-Stiftung Woyzeck von Georg Büchner Regie Stefan Pucher, Bühne Stéphane Laimé, Katharina Faltner, Kostüme Marysol del Castillo, Musikalische Leitung Christopher Uhe, Video Meika Dresenkamp, Dramaturgie Andreas Karlaganis Mit Jan Bluthardt, Ludwig Boettger, Irm Hermann, Lukas Holzhausen, Robert Hunger-Bühler, Henrike Johanna Jörissen, Isabelle Menke, Johannes Sima, Jirka Zett, Roger Greipl, Christof Hipp Mathis, Jörg Hurschler, Becky Lee Walters Seit 13. September im Schiffbau/Halle Unterstützt von Swiss Re


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„Träum ich etwa?“ Michael Neuenschwander, Fritz Fenne, Lena Schwarz und Carolin Conrad


9 Essay

Im Ausnahmezustand Nach einer grossartigen „Elektra“Inszenierung in der Schiffbauhalle (Wiederaufnahme im November) wendet sich die Regisseurin Karin Henkel nun Kleists „Amphitryon“ mit seiner Doppelgängerthematik und seiner grenzenlosen Identitätsverwirrung zu. Von Gwendolyne Melchinger Es gibt diese Momente, in denen man spürt, dass man wirklich und unwiderruflich man selbst ist und dass man lebend aus sich selbst und aus seinem Körper nicht mehr herauskommt. „Das Ich stösst dabei unvorbereitet auf sich selbst“, schreibt Peter Sloterdijk, „als voraussetzungslosen Fund. Der Selbstfindling erfährt sich in diesem Moment als das unheimliche Wesen, das schlechterdings kein Ding ist und das auch nicht im Widerschein der Dinge verstanden werden kann.“ Aber was passiert, wenn ich mit diesem unverstandenen Bewusstsein auf andere Menschen treffe? Wir spiegeln einander unsere Zerrissenheiten und agieren – je nach Eignung und Neigung – miteinander auf glattem Boden. Während unsere Vorstellungen, Bilder, ja auch das Bewusstsein von uns selbst uns nur vermittelt durch andere zur Verfügung stehen, sind die daraus resultierenden Aktionen unvermittelt, direkt, real. Darin findet das Ich sich unverstellt. Und zwar ähnlich wie im Traum. Der nur mir gehört und dessen Bilder nur für mich allein sichtbar sind. Handelnd und träumend, im Realen und Irrealen, erlebt das Ich sich unmittelbar. In Kleists „Amphitryon“ geht es um die Urfrage der Existenz: Wer bin ich? Die Frage ist tückisch, denn wer bin ich, dass ich mir selbst fragwürdig geworden bin? Der fragwürdige Mensch hat bereits einen Bruch seines Selbstbewusstseins erlebt. Der sich in ungebrochener Identität mit sich selbst befindet, fragt so nicht. Trotzdem ist die Frage existentiell. Das „Selbst“ gehört zum Wesentlichen des Menschseins. Durch das Auftreten des Doppelgängers wird das Selbst-Bewusstsein gänzlich erschüttert. Und wenn Sosias fragt: „Bin ich mir meiner selber nicht bewusst?“, so offenbart seine Frage Unsicherheit und Zweifel an der eigenen Existenz.

Der Mensch bei Kleist ist ein eigentümliches, widersprüchliches und vieldeutiges Wesen, weil er zugleich den unterschiedlichen Sphären und Registern zugehört und in jedem Versuch logischer Feststellung scheitern muss. Er ist ein Wesen, das Kategorien der Unterscheidung durcheinanderwirft: Geliebter und Gemahl, Gott und Tier. Selbstbewusstsein und Bewusstlosigkeit, Herrscher und Beherrschter, innigstes Gefühl und übelste Täuschung. Und wenn dann noch die Liebe ins Spiel kommt mit ihrem Anspruch auf Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit, Unwiederholbarkeit – wer liebt dann wen? Der eine den anderen oder im anderen den einen? Wo führt das hin? Natürlich ins Chaos der Gefühle. In Turbulenzen, die alles, was zu seinem sicheren Gang durchs Leben nötig ist, hinwegfegen. Wo das Gefühl die Sinne Lügen straft und umgekehrt, wo die Gedanken ins Trudeln geraten und ich steuerungslos dem Spiel preisgegeben bin, das die Götter mit mir treiben … Und ich merke dabei, dass ich mich im Kreis drehe. Ohne mir ins Gesicht sehen zu können. „Ich kann nicht um mich herumsegeln“, sagt Kierkegaard dazu. Kleist stürzt das Personal des „Amphitryon“ in eine Identitätskrise, die im Verlust der Identität ihren Höhepunkt findet. Die Strukturen, die über das menschliche Leben bestimmen, sind nicht mehr verlässlich. Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand. Auch die Verständigung mittels Sprache bietet keinen Halt. Erst recht nicht sie. Das Sprechen ist ein einziges Versprechen, man missversteht sich und die anderen. Kleists Figuren gelingt es ebenso wenig, sich selbst von den anderen wie Sein von Schein zu unterscheiden. Während die Diener Charis und Sosias versuchen, Kapital aus ihrer Identitätsverletzung zu schlagen, hat Jupiters Betrug existentielle Folgen für Amphitryon und Alkmene. Besonders Alkmene wird sukzessiv bis in ihr Innerstes erschüttert, so sehr, dass sie beginnt, an ihrem „innersten Gefühl“ zu zweifeln. Sie stürzt ins Bodenlose. Zwar gibt sich Alkmene dem falschen Amphitryon freiwillig hin – wie kann sie

auch wissen, dass sie nicht den richtigen in den Armen hält? – Jupiters Betrug zerstört aber ihr Selbstgefühl, das ganz von dem Ideal einer ungeteilten Liebe zu Amphitryon erfüllt ist. Doch Jupiter genügt das noch nicht. In seinem grenzenlosen Narzissmus steigert er noch sein Verlangen. Er will als Jupiter und nicht als Amphitryon geliebt werden. So zwingt er Alkmene in einem Verhör zu einer Stellungnahme, die sie nicht geben kann, weil sie die wahren Umstände nicht kennt. Sie versucht an ihrer Liebe zu Amphitryon festzuhalten und demütigt damit Jupiters Verlangen. Auch Amphitryon wird an die äusserste Grenze des Erträglichen getrieben. Er, der Kriegsheld, verliert ohne eigenes Verschulden von einem Moment zum anderen alles, seine Ehefrau, sein Haus, seine Machtposition. Und seinen Verstand, auf den er immer bauen konnte. Sein Doppelgänger hat ihm Platz, Name, Bild, Erscheinung genommen, hat ihn ausgetauscht, ersetzt, ohne dass die anderen den Betrug bemerkten. Steht er an der Grenze zum Wahnsinn oder ist es nur ein Traum? Am Ende, wenn der Deus ex Machina regelrecht eingreift und der göttliche Jupiter die Situation aufklärt und damit scheinbar die Welt wieder in Ordnung bringt und Amphitryon zur Wiedergutmachung die Geburt des Halbgotts Herakles prophezeit, bleibt Alkmene fassungslos. Ihre Liebe und ihre Beziehung sind erschüttert und vielleicht sogar zerstört. Die Unschuld ihrer Liebe ist vernichtet. Sie wurde unschuldig schuldig. Alkmenes „Ach“ zeigt ihren und schliesslich den anhaltenden Ausnahmezustand aller.

Amphitryon und sein Doppelgänger nach Heinrich von Kleist Regie Karin Henkel, Bühne Henrike Engel, Kostüme Klaus Bruns, Musik Tomek Kolczynski, Dramaturgie Gwendolyne Melchinger Mit Carolin Conrad, Fritz Fenne, Michael Neuenschwander, Lena Schwarz, Marie Rosa Tietjen Seit 27. September im Pfauen


10 Gespräch

Nichts, was nicht möglich ist Es ist sind kaum vier Jahre vergangen, da feierte das Feuilleton den Regisseur Antú Romero Nunes als das Wunderkind der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Seither ist der Regisseur dem Label – Gott sei Dank! – entwachsen. Magischen Stoffen und seinen Wegbegleitern ist er aber erfreulicherweise treu geblieben. Ein Gespräch mit den neuen Ensemblemitgliedern Nils Kahnwald und Henrike Johanna Jörissen über ihre Arbeit mit dem Regisseur. Von Julia Reichert „Alles was hier passiert, ist Lüge“ – mit diesen Worten betritt ein Zauberer eine Bühne und beginnt dann, wahrhaftig zu zaubern. Dieser Moment, der Beginn von Antú Romero Nunes’ Diplominszenierung, Schillers Fragment „Der Geisterseher“, hat bereits in vielerlei Hinsicht Marken gesetzt. Er verrät etwas von einer theatralen Arbeitsweise, die augenzwinkernd die Illusion zerstört, um ihre Splitter erst recht zum Funkeln zu bringen. Und er markiert den Beginn einer aussergewöhnlichen Theaterlaufbahn (der Zauberer war übrigens Ensemblemitglied Jirka Zett, mit dem Nunes jetzt regelmässig in Zürich zusammenarbeitet). Mit spielerischer Unbeschwertheit nahm sich der damals Mitte 20-jährige Regisseur noch des grössten Klassikers, der universellsten Fragestellung an. 2010 folgte die Wahl zum Nachwuchsregisseur des Jahres, er war jüngster Hausregisseur am Maxim Gorki Theater Berlin, inszenierte in Hamburg, Frankfurt, Zürich („Solaris“), Wien – ein „romantischer Skeptiker (…), der an die Wahrheit von Gefühlen mit der gleichen Trotzigkeit glaubt wie an die Notwendigkeit, Wahrheit immer wieder zu befragen“ (so Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung). Eine Traumkarriere, klar. Im Gegensatz zu vielen anderen selbst- oder fremderklärten Wunderkindern ist Nunes keineswegs an den Erwartungen gescheitert, im Gegenteil. Seine Inszenierungen – knapp 20 in nur vier Jahren – sind nach wie vor trotzig-ehrlich im Zugriff, jovial in der Handschrift und dabei zu melancholisch, zu existentiell, zu universell, um bloss jugendlich zu sein. In dieser Spielzeit gibt es von ihm in Zürich gleich zwei Arbeiten zu sehen: „Peer Gynt“, die

Peer Gynt in den Armen seiner Mutter: Henrike Johanna Jörissen und Nils Kahnwald Neueinstudierung einer Produktion des Schauspiels Frankfurt, und eine Bearbeitung von Lewis Carolls „Alice“-Romanen – bevor er an die Bayerische Staatsoper in München weiterzieht, um dort zu inszenieren – mit kaum 30 Jahren. Ungelogen. Julia Reichert – Mit Antú Romero Nunes verbindet euch eine längere gemeinsame Geschichte, ihr kennt euch seit dem Studium. Was ist das Besondere an der Zusammenarbeit? Henrike Johanna Jörissen – Dass auch Schnapsideen ernsthaft auf die Bühne kommen können und dass die Grundidee für eine Szene erst einmal Spass machen kann. Da ist Antú wirklich ein Macher – der macht das dann wirklich (lacht). Nils Kahnwald – Tatsächlich verbringe ich mit ihm als Mensch einfach gerne Zeit. Sein Humor – den ich nicht immer komplett teile (lacht) – ist ein wesentlicher Verbindungsfaktor. Ich finde, dass er sehr humorvolles Theater macht, Theater, das etwas mit mir zu tun hat. JR – Ich habe den Eindruck, in seinen Arbeiten gibt es den Mut, auch naiv an eine Geschichte heranzugehen, ohne

Zynismus und ohne klüger sein zu wollen als die Geschichte ... NK – Es gibt auch immer eine sehr gute Portion Grössenwahn, die ich sehr schön finde. Es gibt bei Antú erst einmal nichts, was nicht möglich ist ... HJJ – … weil er auch gerne zaubert! NK – Ja, er macht gerne Zaubertricks. HJJ – Er stellt eine Windmaschine mitten auf die Bühne, um dann so zu tun, als wäre sie nicht da ... (lacht) Das ist schon grossartig. Dabei ist sie ja offensichtlich da. JR – Aus solchen Mechanismen ziehen die Abende ihre Poesie, oder? Dass sie zaubern, mit einem Augenzwinkern ... HJJ – … und die Theatermittel Theatermittel sein lassen – eben weil sie so schön sind. Man spielt die schönste Liebesszene mit Windmaschine und Konfettikanone, um dann zu sagen: „Moment mal, das war ja jetzt ganz schön. Aber kommen wir auf den Boden der Tatsachen zurück: es ist nur eine Windmaschine und nur eine Konfettimaschine …“ NK – Es gibt immer wieder diese Brüche, die darauf verweisen, dass man auch selbst, als Schauspieler dort oben auf der Bühne, weiss, wo man ist. Dass man nicht


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„Ich bin ein Papier und werd’ niemals beschrieben.“ aus „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen

gezwungen ist, so zu tun, als wäre man anderswo als im Theater. HJJ – ... und dass klar ist, dass unten Leute sitzen und zuschauen. Die sind ja auch beteiligt und tragen ihren Teil dazu bei. JR – Jemand sagt: „Alles was hier passiert, ist Lüge“. Und trotzdem oder deswegen kann ich erst recht darauf hereinfallen. NK – Allein die Situation, wie „Peer Gynt“ beginnt: Da kommen Schauspieler auf die Bühne, sammeln beim Publikum drei Begriffe ein und dann erzählt einer daraus eine Lügengeschichte. Und sofort ist das Thema greifbar, weil es mit allen im Raum zu tun hat. JR – Und am Schluss wird die Lügengeschichte doch wahr. Aber das dürfen wir hier noch nicht verraten ... NK – Nein, das dürfen wir nicht. JR – Diese Arbeitsweise hat ja auch eine gewisse Romantik ... NK – Es hat Kitsch. Da gehört auch Mut dazu. Wenn ich Inszenierungen von ihm sehe, in denen ich nicht selbst mitspiele, denke ich oft: „Oh nee, Antú, das kann man doch nicht machen.“ Und dann geht es doch, berührt es einen doch. JR – Fehlt euch das manchmal sonst im Theater? Mut zum Gefühl? NK – Ich finde, im Theater gibt es auch oft einen falschen Mut zum Gefühl. Das kann auch sehr unangenehm sein beim Zuschauen. HJJ – Ich finde das schon ganz besonders an Antú, auch an ihm privat. Das ist wirklich seine Persönlichkeit. JR – Ist „Alice“ nicht auch so ein Stoff, in dem sich Magie und Theater treffen? Das Wunderland ist eine Welt, wo die Regeln nicht mehr gelten, wo man alles neu verhandeln kann und muss. Das kann verstörend sein, aber auch ganz befreiend. Ist das eine Metapher fürs Theaterspielen? HJJ – Häufig wird dieser Stoff ja komplett verniedlicht. Es gibt diesen Film mit Johnny Depp. Ich weiss es gar nicht, ist der für Kinder? JR – Der möchte wohl einfach beide Segmente bedienen. HJJ – Eigentlich verniedlicht er aber die Situation. Ich finde auch, es ist eher verstörend, was da passiert.

NK – Antú hat den schönen Satz gesagt, dass „Alice im Wunderland“ beginnt wie eine Geburt. Wenn du auf die Welt kommst, hast du noch keine Realität – dann fällst du durch ein Loch und es geht los. Ich glaube jedenfalls, dass es ein idealer Stoff ist für Antú, weil er auch die Möglichkeit zum Zaubern eröffnet. Es ist ja ein Märchen und ermöglicht einem, andere Realitäten zu öffnen, als die, die man lebt. JR – Auch ein wiederkehrendes Motiv, oder? Peer Gynt lügt sich eine andere Welt zusammen, weil die Welt, in der er lebt, nicht besonders wünschenswert ist. Auch Alice träumt sich weg aus einer strengen, viktorianischen, regelorienterten Welt. NK – Es geht immer um die Sehnsucht nach etwas anderem. JR – Peer Gynt sagt ja bei euch: Die Realität ist keine Schuhsohle wert. NK – Das ist tatsächlich mein Lieblingssatz im Stück. Weil er so zutreffend ist. Ich würde das komplett unterschreiben. JR – Was ist für euch als Schauspieler wichtiger: Die Realität abzubilden oder eine Gegenwelt zu zaubern? HJJ – Letzteres. Auf jeden Fall. NK – Das geht mir auch so. Ich finde es immer schöner, Utopien zu entwickeln. Ich glaube auch nicht daran, dass die Menschen eine einzige Realität haben. Die Grundannahme bei „Peer Gynt“ war ursprünglich: Da kommt jemand und sagt, „Ich bin Peer Gynt“. Dann kommt ein anderer und sagt: „Nein, bist du nicht.“ Und dann gibt es die Suche danach, wer man eigentlich ist ... Mit diesem Faust-Motiv: Wer bin ich? wird auch die Realität in Frage gestellt. Viele interessante Stücke drehen sich darum. Die tiefste menschliche Frage, die die Menschen seit Jahrhunderten, Jahrtausenden beschäftigt. Und die sie dennoch nicht in den Griff kriegen. JR – Die Frage nach Identität ist ja auch eine Parallele zu Alice: Sie wächst und schrumpft und vergisst ihren Namen. NK – An dieser Frage kann man sich immer abarbeiten, weil sie auch ein Schmerzpunkt ist. Man kann sich damit arrangieren, aber es hat mit einer Trauer zu tun – darüber, was man ist und was man gerne wäre. Und sowohl mit Alice als auch mit Peer Gynt hat man die

Möglichkeit, dass phantastische Dinge geschehen – darin gleichen sie sich ja auch. JR – Darin, dass doch alles möglich ist? NK – Ja. Aber es ist eben auch ein Kraftaufwand, alles möglich zu machen. Das kommt auch mit dem gesunden Grössenwahn, von dem ich vorhin gesprochen habe. Sich nicht zu beschneiden, sich nicht einzuschränken, sondern erst einmal zu sagen: Los geht die Reise und mal sehen, wo wir ankommen! Ich würde Probenarbeiten mit Antú auch immer als eine gute Art von Reise beschreiben. Die einen guten Startpunkt hat, dann geht es auch mal hoch und auch mal runter. Da ist Platz zum Atmen.

Peer Gynt von Henrik Ibsen Regie Antú Romero Nunes, Bühne Florian Lösche, Kostüme Judith Hepting, Musik Johannes Hofmann, Video Sebastian Pircher, Dramaturgie Sibylle Baschung Mit Michael Goldberg, Henrike Johanna Jörissen, Nils Kahnwald Seit 20. September im Schiffbau/Box Neueinstudierung einer Produktion des Schauspiel Frankfurt Alice im Wunderland nach Lewis Carroll Regie Antú Romero Nunes, Bühne Florian Lösche, Kostüme Judith Hepting, Musik Johannes Hofmann, Dramaturgie Julia Reichert Mit Hilke Altefrohne, Henrike Johanna Jörissen, Nils Kahnwald, Claudius Körber, Jirka Zett sowie Anna Katharina Bauer, Lisa Marie Neumann Ab 8. November im Pfauen


12 Porträt

Sagen Sie jetzt nichts, Herbert Fritsch Nach mehr als 15 Jahren wird ab dem 19. Oktober am Schauspielhaus wieder eine Neuinszenierung von Dürrenmatts „Die Physiker“ zu sehen sein. Regie führt Herbert Frisch, dessen Inszenierungen u.a. an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, am Residenztheater München, in Hamburg oder Bremen zu sehen sind und mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden, zuletzt „Murmel Murmel“ von Dieter Roth. Seine erste Opernarbeit war vergangene Spielzeit mit Eötvös’ „Drei Schwestern“ am Zürcher Opernhaus zu sehen. Von Sabrina Zwach Man trifft Herbert Fritsch am ehesten auf der Strasse. Er ist ein Geher. Er geht zur Probebühne und wieder zurück. Das sind locker acht Kilometer Fussmarsch. Jeder Schritt auf dem Weg dorthin ist ein Gedanke. Herbert Fritsch bereitet sich auf seine Arbeit vor, indem er seinen Körper in Bewegung setzt. Auf der Probe angekommen, setzt er die Körper der Schauspieler in Bewegung. Schnell erhitzen sich alle bei Fritsch auf der Bühne, verrenken und verdrehen sich. Dabei geht es um etwas. Er inszeniert nicht mit dem Textbuch in der Hand, sondern mit einem schweissnassen Regie-Hemd am Leib, denn auch auf der Probe bleibt Herbert Fritsch in Bewegung. Den Inszenierungen sieht man die Körperlichkeit des Regisseurs an. Fritsch ist jedoch kein Zirkusdirektor oder Turnlehrer, sondern er verkörperlicht und sexualisiert jeden seiner Gedanken zum Stück. Die Geschichten werden bei ihm über die Körper erzählt, die dabei auch und unter anderem sprechen. Die Prioritäten und Erzählgewohnheiten verschieben sich dadurch bei Herbert Fritsch extrem. Man wirft ihm gerne vor, dass er die Geschichten nicht ernst nähme oder nicht erzähle, dass er sie nicht verstehe und auch nicht auf den Punkt bringen könne. Dem muss man entgegensetzen, dass alle Geschichten erzählt werden, nur eben anders. Nichts auf Herbert Fritschs erfolgreichem beruflichen Weg ist geradlinig. Er ist nicht geradlinig! 1951 in Augsburg geboren, wirft

es ihn als Jugendlichen mit katholischer Prägung gehörig aus der Bahn. Ein kluger Jugendrichter verschont ihn vor allzu langer Haft und formuliert die Bewährungsauflage, unverzüglich eine Ausbildung anzufangen. Fritsch bewirbt sich an der OttoFalckenberg-Schule in München, wird aufgenommen und nach dem Abschluss (heute sagt er, er hätte die Schule nur ein Jahr regulär besucht) an grosse Häuser als Schauspieler engagiert. Sein Weg als Regisseur und Bühnenbildner ist beispiellos und kerzengerade. Allerdings findet er ihn vergleichsweise spät. Anfang der 2000er-Jahre beginnt Fritsch zu inszenieren und kommt über Luzern, Halle, Oberhausen, Wiesbaden, Schwerin, Berlin, Hamburg, München nun – nachdem er in der letzten Spielzeit am Opernhaus inszenierte – nach Zürich. Seine Inszenierungen „Nora oder Ein Puppenhaus“, „Der Biberpelz“, „Die (s)panische Fliege“ und „Murmel Murmel“ wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. 2013 wurde Herbert Fritsch Bühnenbildner des Jahres. Fritschs Grundannahme als Regisseur ist, dass alle Körper in einem Verhältnis stehen: Ganz naturwissenschaftlich und einleuchtend. Seine Grundannahme ist Physik: Er erzählt von der Ordnung der Dinge. Und sie ist Metaphysik, weil er von dem, was dahinter liegt, noch mehr erzählt. Während man sich im Theater nun gemeinhin darauf geeinigt hat, sich auf die Psychologie der Figuren zu konzentrieren, konzentriert Fritsch sich auf die Körper, auf alle Komplexe, unbewusste und bewusste Begierden, auf alle Verkrampfungen und Ekstasen oder eben – ganz naturwissenschaftlich – auf die Energie der Dinge, also der Körper. Keine Energie geht verloren, alles bleibt erhalten: Der Energieerhaltungssatz – ganz einfach und physikalisch. Das heisst, Fritsch versieht die Körper und den Raum mit einer sehr spezifischen, meist sexualisierten Energie, unter deren Einfluss dann die jeweiligen Figuren agieren und sich verhalten. Ausgedehnt wird die naturwissenschaftliche Herangehensweise durch die Gestaltung klarer Arrangements. Die Körper verhalten sich zueinander im Raum.

Der Fritsch’sche Bühnen-Raum wird durch die Schauspieler-Körper sichtbar gemacht und vereinnahmt. Figuren begegnen sich über grosse Distanzen oder supernah. Räume werden aufgemacht und verteidigt – ähnlich wie in Feldsportarten, wie beim Fussball. Energie – Körper – Raum! Dürrenmatt beschrieb die Schweiz als Gefängnis. Fritsch hat dazu einen Raum gebaut, in dem er seinen physik-basierten Theateransatz mit den „Physikern“ und einem grossartigen Ensemble in Zürich zusammenbringen will. Für Herbert Fritsch ist nicht die Schweiz, sondern fast alles darum herum ein Gefängnis. Frei fühlt er sich auf den Proben und befreiend ist sein Lachen dort. Überhaupt: Eine Sache wird bei Herbert Fritschs Arbeiten ganz gross geschrieben, die die Physik leider nicht als Naturkraft erkennt: der Witz. Der Fehler, Fundament des Humors, Ironie, Zweideutigkeit, das Stolpern: All das wird der Physik für immer verborgen bleiben. Vielleicht, weil es menschlich, allzu menschlich ist und mit der Ordnung der Dinge im eigentlichen Sinn nichts zu tun hat? Für Fritsch jedenfalls ist es die Kraft, die hinter allem steht.

Die Physiker von Friedrich Dürrenmatt Regie und Bühne Herbert Fritsch, Kostüme Victoria Behr, Dramaturgie Sabrina Zwach Mit Jan Bluthardt, Gottfried Breitfuss, Jean-Pierre Cornu, Corinna Harfouch, Wolfram Koch, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Friederike Wagner, Susanne-Marie Wrage, Milian Zerzawy Ab 19. Oktober im Pfauen Unterstützt von der Charlotte Kerr Dürrenmatt-Stiftung


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„Die Gerechtigkeit macht zum ersten Male Ferien, ein immenses Gefühl.“ aus „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt

Sie stecken mitten in den Proben zu Dürrenmatts „Physikern“. Können Sie uns eine kleine Kostprobe geben?

Dürrenmatt beschrieb die Komödie als schlimmstmögliche Wendung einer Geschichte. Teilen Sie seine Ansicht?

Wie stellt man sich gemeinhin den Beruf des Regisseurs vor?

Und wie hat man sich Sie beim Inszenieren vorzustellen?

Was schätzen Sie am Schauspielerberuf?

Sie inszenieren zum zweiten Mal in Zürich. Wie erleben Sie die Stadt bzw. die Zürcherinnen und Zürcher?


14 Essay

Zauber der Bohème

Aki Kaurismäki Was versteht man eigentlich unter der „Bohème“ und worauf beruft sich Aki Kaurismäki in seinem Film „Das Leben der Bohème“? Der Filmwissenschaftler Günter Krenn geht der Frage auf den Grund. Die Regisseurin Corinna von Rad, die sowohl im Schauspiel als auch im Musiktheater tätig ist, und zuletzt „Zwerg Nase“ im Pfauen inszenierte, wird sich ausgehend von Kaurismäkis „Leben der Bohème“ diesem poetischen Stoff zusammen mit einem Ensemble von Schauspielern und Musikern widmen. Von Günter Krenn

Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler – solcherart bunt personifizierte Karl Marx einen Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode gekommenen Begriff, „kurz die unbestimmte, aufgelöste, hin und her geworfene Masse, die die Franzosen la Bohème nennen.“ Honoré de Balzac, der den Begriff 1840 im Titel eines Bandes seiner „La Comédie humaine“ verwendete („Ein Fürst der Bohème“) sah in ihnen Leute aus gutem Hause, Aristokraten und Bürgersöhne, aber auch Journalisten, Schriftsteller und Künstler, also eine Halbwelt aus Begüterten und

Lebenskünstlern. Der Name selbst spielt auf Böhmen an, dem Land, aus dem nach der zeitgenössischen französischen Meinung die Roma herstammten (spätestens seit Monsieur Sarkozy wird in Frankreich anders zugeordnet). In der, quod erat demonstrandum, immer schon recht willkürlich auslegbaren Metapher Bohème vereint sich heute die idealisierte Vorstellung von nicht bürgerlichem Leben und künstlerischem Talent. Ihre Anhänger formierten sich nach der Juli-Revolution 1830 und rekrutierten sich vor allem aus dem


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„Mir gefallen diese Dinge, die einen so süssen Zauber haben, die von Liebe sprechen, vom Frühling, von Träumen und Hirngespinsten, diese Dinge, die Poesie heissen.“ aus „Das Leben der Bohème“ von Aki Kaurismäki

Kleinbürgertum. Unter ihnen waren der Maler Gustave Courbet sowie die Schriftsteller Henri Murger und Jules Champfleury, die in Konkurrenz zu begüterten Künstlern wie Flaubert oder den Brüdern Edmond und Jules de Goncourt standen. Murger hat allerdings immer betont, dass sein Werk nicht 1830 in Paris sondern „zu allen Zeiten und allerorts“ spiele. Er bezeichnet in seiner Vorrede zu seinem Buch „Scènes de la vie de Bohème“ mit dem Terminus Maler, Musiker, Schriftsteller, Bildhauer und Philosophen, die um ihre Existenz ringen, bestand aber darauf, dass für echte Bohémiens ihr unbürgerliches Leben nur ein Übergangsstadium darstellt, bis sie vom Ertrag ihrer Werke mehr als gut leben können. Die bühnentaugliche Bearbeitung der Buchvorlage erfolgte zunächst durch Murger selbst, der seinen Roman gemeinsam mit Théodore Barrière 1849 in das Theaterstück „La vie de Bohème“ umwandelte. Nicht zuletzt durch die Adaptierung des Stoffes durch zwei italienische Opernkomponisten, Ruggero Leoncavallo und vor allem Giacomo Puccini (1896), blieb der Bohème-Begriff denn auch in Murgers phantasievoller Ausprägung der geläufigste. Durch die ungebrochene Popularität von Puccinis Version liest sich Bohème heute als flexible Metapher zwischen überlebter Historie und verklärter Idylle, mit Akzentuierung auf letzterer. Bereits in der ersten literarischen Manifestation zeichnet sich ab: Die Ungebundenheit ihrer Lebenssituation erlaubt den witzigüberhobenen Ton der Bohémiens. Der Galgenhumor der Lebenskünstler schuf eine eigene Sprach- und Begriffswelt, um deren Akkordanz Murger sich sehr bemühte: „Alle Stilmischungen finden sich in diesem unerhörten Idiom, wo apokalyptische Wendungen neben Unsinn stehen, wo die Derbheit der Volkssprache sich mit phantastischen Perioden verbindet (...) ein Jargon, dessen Kühnheit die freiesten Sprachen übertrifft. Dieses Wörterbuch der Bohème ist die Hölle der Rhetorik und das Paradies des Neologismus.“ In diesem Umfeld ist vermutlich der

eigentliche Kern des Begriffes zu suchen, dort finden alle dramaturgischen Varianten Unterschlupf, von Murger über Puccini bis zu filmischen Variationen von Géza von Bolvary („Zauber der Bohème“, 1937) über Aki Kaurismäki („Das Leben der Bohème“, 1992) bis hin zu Baz Luhrman („Moulin Rouge!“, 2001). Der Film hatte das populäre Thema früh für sich entdeckt. „Men die and governments change but the songs of ‚La Bohème‘ will live forever“ – lauten die Worte eines Briefes, mit dem Thomas Alva Edison im September 1920 seinem Respekt für Puccinis Oper Ausdruck verleiht. Zehn Jahre zuvor hatte seine Gesellschaft „La Bohème“ erstmals verfilmt, zahlreiche Stummund Tonfilmadaptierungen sollten folgen, die meist auf Puccini und weniger auf Murger basierten. Zu den Ausnahmen zählt Aki Kaurismäki, der bei seinem Film Wert auf die Feststellung legte, dass er sich nicht auf die Oper, sondern ausschliesslich auf Murger bezog. „Die Oper ist eine aussterbende Gattung“, heisst es bezeichnenderweise in seinem Film. Puccini hatte „La Bohème“ allerdings nicht als Oper sondern wie das literarische Vorbild als „Szenen“ bezeichnet. Die lyrische Komponente überwiegt gegenüber der dramatischen, wenngleich letztere sich speziell gegen Ende als unverzichtbar erweist. Die illustrative Kolorierung einzelner Situationen tritt an vielen Stellen vor die eigentliche Handlung, ohne dass diese jedoch dadurch vernachlässigt wird. Murger schrieb seine „Bohème“ in betont heiterem Stil, für „ein Lachen, das nahe den Tränen“ liegt. Die Handlung des Romans zentriert ziemlich gleichmässig jeden der vier männlichen Charaktere, einige Kapitel sind Mimi, ihrer Vorgängerin Francine und Musette gewidmet. Puccinis Oper balanciert in der Introduktion das männliche Quartett, um sich im weiteren Verlauf auf die beiden Paare und schliesslich das tragische der beiden zu konzentrieren. In der Vorlage Murgers verdingt sich Mimi ihren Unterhalt als Maitresse wechselnder Herrenbekanntschaften und nimmt auch ihre Liebe zu Rudolf als Teil eines grossen Spiels, dessen Einsatz sie stets selbst zu

bestimmen trachtet. Die Oper wählte das unhappy end, also die, gemessen am literarischen Vorbild, nicht zu Ende erzählte Geschichte, denn Murgers Roman schliesst nicht mit Mimis Tod, sondern beschreibt danach noch die gutbürgerliche Karriere von Rodolphe und Marcel. Kaurismäkis „Das Leben der Bohème“ zeigt moderne Bohémiens, über seine Version wurde geschrieben, dass, während bei Puccini die Pariser Atmosphäre die eigentliche Heldin sei, sich der Finne mehr für den Lebensstil seiner Protagonisten interessiere. Diese wären zwar nach wie vor von den Sehnsüchten des 19. Jahrhunderts gesteuert, aber dennoch unverkennbar Menschen von heute: „So wie sie sich ihre Kleider beim Trödler zusammenstellen, kommen auch all ihre Eigenschaften heute vor. Sie sind postmoderne Individualisten.“ Was wir heute als klassische Kunst definieren, meint Baz Luhrman, war bei ihrer Entstehung Pop: „Man glaubte, dass Shakespeare nicht von Dauer sein werde. Oder die griechischen Skulpturen. Die Akropolis war in bunten Disco-Farben bemalt – das ist die Wahrheit! ‚La Bohème‘ war die TV-Show ihrer Zeit.“ An einer Weiterdichtung des Bohème-Begriffs ist demnach wohl nicht zu zweifeln, zu gut kann sich jede neue Generation darin wiederfinden, sich ihre eigene Interpretation davon erstellen. Der offenbar unverzichtbare Mythos wird weiter gedeihen, wie es in „Bohemian Rhapsody“ von Queen heisst (um dem eingangs zitierten Personal noch die Rockmusiker zu addieren): „Any way the wind blows ...“ Das Leben der Bohème nach dem Film von Aki Kaurismäki Regie Corinna von Rad, Bühne Piero Vinciguerra, Kostüme Sabine Blickenstorfer, Musik Jürg Kienberger, Dramaturgie Gwendolyne Melchinger Mit Klaus Brömmelmeier, Daniel Sailer, Jürg Kienberger, Dagna Litzenberger Vinet, Peter Conradin Zumthor, Nicolas Rosat, Vreni Urech Ab 2. November im Schiffbau/Box Unterstützt von der Gesellschaft der Freunde des Schauspielhauses


16 Fotogalerie

Schon gesehen? Szenen aus dem Repertoire

oben: „Die Geschichte von Kaspar Hauser“, Regie Alvis Hermanis; unten: „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen, Regie Antú Romero Nunes


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„Elektra“ nach Sophokles/Hofmannsthal/Aischylos/Euripides, Regie Karin Henkel – Wiederaufnahme im November!


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„Woyzeck” von Georg Büchner, Regie Stefan Pucher


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Neu im Ensemble: Der Schauspieler Claudius Kรถrber


21 Porträt Claudius Körber

Der Glücks(er)finder Claudius Körber ist seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich. In Barbara Freys Bühnenadaption von Kafkas Roman „Der Prozess“ steht er zum ersten Mal auf der Pfauenbühne. Von Andreas Karlaganis Claudius Körber stammt aus keiner Theaterfamilie. Auch in seinem Freundeskreis hatte keiner direkt etwas mit Theater zu tun. Jedenfalls nicht, wenn man sich unter Theater eine herkömmliche Bühne vorstellt. Aufgewachsen im Dresden der 80er-Jahre, hatte er als Kind eine viel weiter gehende Vorstellung davon, was Theater sein kann. Die prägt ihn bis heute. Theater – das bedeutete für den jungen Claudius Körber erst einmal das famose mütterliche Geschichtenerzählen. Oder die vielen Feiern, die in der Nachbarschaft zu jeder Zeit und an allen Orten begangen wurden, wenn etwa eine Waschküche ausgebaut oder ein Treppenhaus renoviert worden war. Das Zelebrieren des Alltags also, sobald es eine Gelegenheit dazu gab. Ein Haus konnte auch ein Schiff und die Veranda deren Kommandozentrale sein. Im „Wünscheland“ durfte sich jeder einen Wunsch ausdenken, der augenblicklich von den anderen erfüllt wurde. So wurde gemeinsam überlegt und improvisiert, wie man dem Kollegen einen AmerikaAuswanderungsausflug herbeizaubern konnte. Wenig später kam dann das „eigentliche“ Theater. Am Staatstheater suchte man Knaben, die singen konnten. Kurzerhand fand sich der Elfjährige auf der gewaltigen Dresdner Bühne und sang in einer Inszenierung von „Was ihr wollt��� Vertonungen von Shakespeares Sonetten. Natürlich wurde auch dieses Ereignis zelebriert: Der grosse Bruder sah fast alle Vorstellungen und nahm seine Freunde mit. So erlebte man erneut gemeinsam einen schönen Abend. Ob man als Beteiligter auf der Bühne stand oder als Zuschauer dabei war, spielte weniger eine Rolle. Hauptsache, man hatte zusammen eine gute Zeit. Claudius war dabei mehr Vermittler und Mitagierender als Mittelpunkt.

Diese soziale Komponente in seiner Sicht auf das Theater hat sich gehalten. An Stelle seiner Freunde sind es nun meist die Kollegen auf und hinter der Bühne, die von Bedeutung sind. „Wo man hingeht – man ist sofort aufgefangen in einem Netz von Menschen, die irgendwo dasselbe wollen.“ Zum Schauspielstudium reiste er ans renommierte Max Reinhardt Seminar nach Wien. Eine Schule, die ihm weniger einen bestimmten Stil vermittelte. Eher wurde er in Wien mit Theaterästhetiken konfrontiert, die er bislang nicht kannte und hatte die Gelegenheit, von verschiedensten Schauspielerkalibern zu lernen, die am Seminar als Dozenten tätig waren. Ist aus ihm ein Intellektoder Bauchschauspieler geworden? Er selbst beschreibt sich als Ausprobierer, der durchaus das genaue, reflektierte Arbeiten schätzt. Dinge bei den Proben zu erspielen ist ihm jedoch wichtiger als langes Reden. Zu Regisseuren sucht er eine Vertrauensbasis. Er schätzt es, wenn er das Gefühl hat: Da ist jemand, der einen lenkt, der alles sieht und der versteht, was man gerade probiert. Die Aufgabe des Schauspielers wiederum sei es, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo der Regisseur mit seinem Instinkt gerade hin wolle und dort anzudocken. Mit Sensibilität, mit Gespür, mit Hilfe des Intellekts und des Handwerks. Begreiflich, dass er es ablehnt, wenn in der Probenarbeit der gemeinsame Prozess ausbleibt, die Dinge im Vornherein feststehen, der Schauspieler Ausführender bleibt. Wie geht er mit dem Fremdbestimmten um, dem man als Schauspieler in einem Ensemble oftmals ausgesetzt ist? Am Schauspielhaus Graz, wohin er direkt nach dem Studium engagiert wurde, hatte er aus nachvollziehbaren Gründen wenig Probleme damit. Er hatte stets das Glück, gute Rollen spielen zu dürfen. Gleich nach seinem Engagement wurde er als Ödipus besetzt. Nach dem Erfolg der Inszenierung folgten weitere Titelrollen, in denen er über die Stadtgrenze hinaus Aufmerksamkeit erregte. Für seine Darstellung als Hamlet (Regie Theu Boermans) und Peer Gynt

(Regie Ingo Berk) erhielt er eine Nominierung für den österreichischen Theaterpreis Nestroy in der Kategorie „Bester Nachwuchsschauspieler“. Ein Jahr später wurde ihm der Publikumspreis übergeben. Fast zeitgleich entdeckte ihn Barbara Frey bei einem Vorsprechen. Seit ein paar Wochen ist er nun in der Schweiz. Was sind seine Eindrücke? Natürlich hatte er hier – einmal mehr! – Glück. Er fand gleich eine tolle Wohnung, während der Arbeit am „Prozess“ konnte er vor der Probe morgens direkt vom Haus aus ein Bad in der Limmat nehmen. Und er lernte interessante Menschen kennen, die Gelegenheit und Lust haben, Dinge weiterzuentwickeln, zu optimieren. Er erkennt hier „immer ein verstecktes Prozent Anarchie. Das gehört zur Optimierung vielleicht schon wieder dazu – das verrückte Moment, das freie Radikal, was ein sehr sympathischer Faktor ist.“ Folgt ihm das Glück auf den Fersen? Und ist Glück überhaupt gut für den kreativen Prozess – wo es am Theater doch vor allem darum geht, Probleme und Konflikte auszuloten? Beim Erarbeiten von Theaterrollen sucht Körber nicht in den tiefsten Abgründen und traumatischsten Erfahrungen aus dem eigenen Leben. Private Erlebnisse mag er nicht benutzen, um Gefühle auf der Bühne herzustellen. Es geht ihm viel mehr darum, die Phantasie für Konflikte im Umgang mit Menschen zu finden. Ein Verständnis füreinander zu entwickeln. Abzutasten, wie man miteinander reagiert, agiert, umgeht – daraus entsteht Kreativität. Das Verständnis für das Gemeinsame ist mit dem Theater verhaftet geblieben. Es scheint ihm Glück gebracht zu haben.


22 Kinderreporter

Von Odysseus bis Darth Vader

Sibylle Aeberli und Boni Koller im Gespräch mit den Kinderreportern Zum diesjährigen Familienstück „Die Odyssee“ für Kinder schreibt die Zürcher Band Schtärneföifi neue Songs und ist auch live auf der Bühne mit dabei. Unsere zwei Kinderreporter, die Schtärneföifi-Fans Semfira und Emil, haben die beiden Sänger Sibylle und Boni zum Gespräch in der Kantine im Schiffbau getroffen – und alles gefragt, was sie schon immer von ihnen wissen wollten ... Semfira – Sibylle, wie lange kannst du schon so gut singen? Sibylle – Ich weiss nicht, wie lange ich schon gut singe ... danke vielmals übrigens! Angefangen zu singen habe ich vermutlich gleichzeitig mit meinen ersten Sprechversuchen!

Semfira – Boni, wie lange gibt es die Band schon unter diesem Namen und wie viele Konzerte habt ihr schon gespielt? Boni – Schtärneföifi gibt es seit 18 Jahren. Und den Bandnamen haben wir ebenfalls schon so lange. Pro Jahr spielen wir 50 bis 70 Konzerte. Unser allererstes Lied „Heicho – ohni Znacht is Bett“ haben wir schon weit über 1000 Mal gesungen. Emil – Ist das Lied „Mir mached Fride“ in Dur oder Moll? Boni (beeindruckt) – So etwas hat noch nie jemand gefragt. Es ist in Moll und endet in Dur. Oder umgekehrt! Semfira – Sibylle, ich bin ja dein Fan! Hast du als Kind auch eine

Lieblingssängerin gehabt? Sibylle – Nein, eigentlich nicht. Aber es gab ja auch keine Kinderbands damals. Ich liebte schon sehr früh die Beatles und meine erste Platte war „Ho-chi-ka-ka-ho“ von Sweet. Das klang wie Hosegaggi ho. Das fand ich super. Semfira – Ist euch mal was Peinliches auf der Bühne passiert? Sibylle – Einmal musste ich nach einem anstrengenden Lied extrem viel Wasser trinken, Wasser mit Bläterli. Als ich dann wieder ans Mikrophon ging, musste ich sehr laut rülpsen. Das kam direkt über die Lautsprecher. Und als mir dann auch noch „Scheisse“ rausrutschte, wollte ich vor Scham im Boden versinken.


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Semfira – Und habt ihr schon einmal den Text vergessen? Sibylle – Ja, und auch kein anderes Bandmitglied wusste, wie es weiterging. Ich fragte also die Kinder. Und ein Mädchen kam dann auf die Bühne und hat mir gesagt, wie die zweite Strophe geht. Boni – Solche Aussetzer sind aber selten. Eher kommt es vor, dass sich beim Singen mal eine Textzeile verdreht. Manchmal wird der Sinn dadurch total verändert. Dann muss man aufpassen, dass man keinen Lachkrampf bekommt. Semfira – Sibylle, wann hattest du am meisten Lampenfieber? Sibylle – Vor den Konzerten habe ich kein grosses Lampenfieber mehr. Aber vor dem Theaterspielen. Also weiss ich, wann ich bestimmt das nächste Mal grosses Lampenfieber haben werde: nämlich vor der Odyssee! Semfira – Ich kenne die Geschichte. Odysseus wird darin fast von einem einäugigen Riesen gefressen. Der hat ihm versprochen, ihn als letzten zu verspeisen, um ihm einen Gefallen zu tun. Aber das ist ja gar kein Gefallen! (lacht) Emil – Welche Rollen spielt ihr in der Geschichte? Sibylle – Wir spielen verschiedene Rollen. Unter anderem spiele ich die Zauberin Circe, die Odysseus verzaubern will und es nicht schafft. Da verliebt sie sich in Odysseus – denn sie ist noch nie einem Mann begegnet, der ihren Zauberkräften widerstehen konnte. Boni – Und ich spiele einen Gefährten von Odysseus, denn er ist mit zehn starken Männern auf seinem Schiff unterwegs. Sie kommen alle zusammen aus dem Krieg und obwohl sie alle ziemlich mutig und unerschrocken sind, wollen sie jetzt vor allem eins: nach Hause. Aber auf dem Weg dahin müssen sie viele Abenteuer überstehen. Zum Beispiel auch den einäugigen Riesen, von dem Semfira erzählt hat. So wird er bei uns im Stück aussehen. (Boni zeigt eine Skizze der Bühnenbildnerin, auf der der Zyklop mit seinen Schafen zu sehen ist.) Findet ihr den zum Fürchten? Emil – Nein, ich fürchte mich eher vor den Schafen, die haben Hörner und

Schtärneföifi-Fans Semfira (7) und Emil (6) haben die Köpfe so nah zusammen. Ich finde übrigens, dass Töme, der Schlagzeuger von Schtärneföifi, sehr gut den Zyklopen spielen könnte. Welche Lieder werdet ihr denn spielen? Auch „Königin“? Sibylle – Nein, das spielen wir nicht, es gibt komplett neue Lieder! Lieder mit Geschichten aus der Odyssee. Emil – Sind sie schon fertig? Boni – Viele Liedtexte sind schon geschrieben. Die Ideen dazu sind zusammen mit der Regisseurin Meret Matter entstanden. Und die Musik schreiben wir derzeit. Allerdings werden wir auch während der Proben, die im Oktober beginnen, einiges weiterentwickeln. Das ist deswegen so, weil auch die anderen Schauspieler mitsingen werden. Das ist für uns auch etwas Neues. Semfira – Eine Frage zum Schluss: Habt ihr gewusst, dass in einem eurer Lieder Darth Vader mitspielt, nämlich im „Trotselbähnli“? Sibylle – Nein! Wie das denn? Semfira – Es gibt diese Stelle mit einem Blasebalg. Das hört sich genau an wie

der Atem von Darth Vader! Boni – Da sind wir ja platt. So gut hat noch nie jemand zugehört! Und wir selber haben es gar nicht gemerkt! Dank an Theaterpädagogin Manuela Runge, die das Gespräch begleitet hat.

Die Odyssee für Kinder nach Homer Familienstück ab 6 Jahren mit Musik von Schtärneföifi Regie Meret Matter, Bühne Sara Giancane, Kostüme Renate Wünsch, Musik Schtärneföifi, Dramaturgie Karolin Trachte Mit Christian Baumbach, Fritz Fenne, Aaron Hitz, Lisa-Katrina Mayer, Johannes Sima, Dimitri Stapfer, Barbara Terpoorten und der Band Schtärneföifi: Sibylle Aeberli, Adrian Fiechter, Töme Haldimann, Boni Koller, Jean Zuber Ab 30. November im Pfauen


24 Zoo der Zeitgenossen / club diskret

Ganz diskret und zoologisch privat Mit dem „club diskret“ wird am 24. Oktober eine Art öffentliches Wohnzimmer eröffnet: der ganz und gar mit Teppich überzogene Raum, den die Bühnenbildnerin Bettina Meyer für das neue Kammerformat entworfen hat, hat eine Bar – aber keine Bühne. Karolin Trachte stellt das neue Programm vor. Im „club diskret“ sind sie alle zu Hause: Der Basler Theatermacher Marcel Schwald verfasst für sein Konversationsformat „Host Club“ mit dem Zürcher Autor, Performer und Regisseur Andreas Liebmann und der Choreographin Lea Martini vier „conversation pieces“. Der Wissenschaftsjournalist Roland Fischer hat eine Live-Studie entwickelt, bei der alle Zuschauer zugleich Teilnehmer sind. Der Berner Autor Jonas Lüscher ist in „Geschichten verstrickt“ und berichtet, warum komplexe Zusammenhänge wie die Finanzkrise durch Erzählungen viel besser zu verstehen sind. Die drei jungen Autoren Anna Papst, Konstantin Küspert und Lukas Linder werden auf halber Strecke zum neuen Stück ihr Recherchematerial offenlegen – so geht Neue Dramatik auch. Das Game-Designer Kollektiv „UrbanOut“ entwickelt ein interaktives Live-Computerspiel. In der „Radioshow“ bearbeitet Alexander Keil spielerisch Trends der Zeitgenossenschaft als Radio-Feature. In einer Stadtreportage begeben sich Magdalena Drozd, Liliane Koch und Lea Schregenberger auf die Spuren des Privaten im Öffentlichen und kommen Erstaunlichem auf die Spur. Donnerstags zum „club diskret“, das ist wie Fernsehschauen, aber live ... und nicht ganz so diskret! Die Bar ist bei jeder Vorstellung eine Stunde vor Beginn geöffnet. Im Format „club diskret spezial“ geht es dann weiter: Es entstehen zwei Theaterserien, die aus jeweils vier bzw. fünf Premieren bestehen und am Ende als Marathon nochmals zur Gänze gesehen werden können. Für die erste der beiden Serien hat die Münchner Regisseurin Antje Schupp das Projekt „Zoo der Zeitgenossen“ entworfen. Darin beschäftigt sie sich gemeinsam mit vier Schauspielstudierenden der ZHdK

mit vier herrlichen Stereotypen: dem Hipster, dem Moneymaker, dem Nerd und dem Idealisten. Antje Schupp nennt das eine „Feldforschung“, weil sie sich gemeinsam mit den vier Spielern auf die Spur der Zeitgenossen begibt – jenen Wesen, über die man in einigen Jahrzehnten sagen wird: Das war 2013! – und die heute natürlich trotz aller Klischees bald jeder Eindeutigkeit entbehren. Und obwohl es zunächst scheint, dass jeder dieser Typen nur in seiner ganz eigenen Währung rechnet – sei es der Lifestyle, der Kontostand, das Spezialwissen oder eben nichts geringeres als die Rettung der Welt – stellt sich bald heraus, dass die vier sich viel zu erzählen haben, ja sich vielleicht sogar ergänzen können. In vier zoologischen Kurzporträts stellen wir die Zeitgenossen vor ...

club diskret Konzept Alexander Keil und Karolin Trachte, Grundraum Bettina Meyer Von und mit Marcel Schwald, Andreas Liebmann, Lea Martini, Anna Papst, Jonas Gygax, Lukas Linder, Konstantin Küspert, Roland Fischer, Peter Jüni, Jonas Lüscher, Magdalena Drozd, Lea Schregenberger, Liliane Koch, Maike Thies und Nuria Krämer („UrbanOut“) sowie Schauspielern des Ensembles und vielen anderen Bar ab 19.30 Uhr, Beginn 20.30 Uhr Ab 24. Oktober im Pfauen/Kammer, jeden Donnerstag Unterstützt von Ittinger Amber Zoo der Zeitgenossen Eine Feldforschung Projekt von Antje Schupp Regie Antje Schupp, Grundraum Bettina Meyer, Ausstattung Prisca Baumann, Dramaturgie Karolin Trachte Von und mit Steffen Link, Magdalena Neuhaus, Pascal Vogler, Alina Vimbai Strähler Eine Kooperation mit der ZHdK, Departement Darstellende Künste und Film Ab 1. November im Pfauen/Kammer

#1 Der Hipster In seinem natürlichen Lebensraum im Umfeld von Vintage-Shops, Shared Workspaces und temporären Stadtgärten bewegt sich der Hipster in gemischtgeschlechtlichen Kleingruppen von meist zwei bis drei Exemplaren. Der Hipster ist ein natürlicher Nomade: Indem er durch seine Niederlassung in bestimmten Stadtteilen die dortige Gentrifizierung befördert, zerstört er seine eigene Lebensgrundlage – und muss in ein neues Habitat weiterziehen. Zwar lebt er meist in friedlicher Koexistenz mit der Familie der sogenannten Medienintellektuellen, doch bleiben die von ihm gewählten Orte der Balz und Nahrungsaufnahme durch den arttypischen Wissensvorsprung exklusiv: Wo der Mainstream ankommt, hat der Hipster die Bildfläche gerade verlassen. Natürliche Feinde der Hipsterpopulationen sind neben dem Mainstream wie auch dem Tourismus gerade die eigenen Artgenossen: Hipster hassen Hipster. Denn sie sind als Modeopfer, pseudopolitisch und „spoilt kids“ der oberen Mittelschicht in Verruf geraten. Auch die Ironie und ein vertiefter, unaufdringlicher Hedonismus sind Merkmale der „hipsteresken“ Lebensweise.


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#2 Der Moneymaker

#3 Der Nerd

#4 Der Idealist

Selbst in freier Wildbahn ist diese Art für Trapper und Fallensteller leicht aufzufinden: Der Moneymaker ist da, wo das Geld ist. Als Berater, Banker, Jung-Unternehmer und Gründer von Internet-Start-Ups treibt er sich in BWLStudiengängen, auf Technologiemessen und in VIP-Lounges herum. Der Moneymaker ist umtriebig, aber sesshaft, im Beruf meist leistungsfreudig, belastbar und unabhängig. Der Moneymaker rechnet in bestechend ehrlichen Währungen: Geld und Flugmeilen. Im Umgang damit schwankt der Moneymaker stark zwischen dem arttypischen „hamstern“ und – bei Schlecht-ZinsWetterlage und hoher Inflation – publikumswirksamem Verschleudern. Laufen die Wetten gut, ist kein Destillat zu teuer, kein Restaurant zu exquisit, keine Suite unbezahlbar – alles ist gerade gut genug. Zwar hat der Moneymaker mit dem Hipster ein gewisses Savoir vivre gemeinsam, seine Jagdgründe verteidigt er allerdings nicht mit dem besagten Exklusivwissen. Der karnivore Meilenkönig flaniert auf den Dachterrassen, von denen er den Aasfressern auf den Kopf spuckt, deswegen alleine, weil er es bezahlen kann.

Unbeirrt von Mode, finanziellen Anreizen und der weit verbreiteten Sehnsucht nach kurzfristiger sozialer Anerkennung durch andere Bewohner des Ökosystems beackert der Nerd ein meist abseitiges oder unbekanntes Wissensfeld. Wo er fischt, fischt er allein – was seinem leicht soziophoben Temperament entgegenkommt: Der Nerd meidet das offene Feld und die direkte Konfrontation mit Artgenossen und Tieren anderer Arten. Die kleinen, über Jahre gewachsenen Sozialverbände zeichnen sich durch hohen Zusammenhalt und gemeinsame Interessensausrichtung aus. Statistisch kann in durchschnittlichen Nerdpopulationen eine überproportionale Anzahl von extrem intelligenten Exemplaren nachgewiesen werden. Auch weil Paarung und Balz im Leben des Nerds keine zentrale Stellung einnehmen, gilt er als ausgesprochen verspielte Gattung, kann er sich doch mehrere Stunden am Tag den für ihn charakteristischen Spielereien widmen, darunter Science-Fiction-Comics, Doppelspaltexperimente, programmierbare Taschenrechner, mittelalterliche Rollenspiele und selbstprogrammierte Browserspiele.

Der Idealist konnte bisher selten längere Zeit erfolgreich in Gefangenschaft gehalten werden: Das freiheitsliebende Rudeltier lebt in unabhängigen, grösseren Sozialverbänden, in welchen er Lebensraum und Nahrung teilt. Als Lebensraum werden von klein- und mittelgrossen Idealisten-Gruppen leerstehende Häuser am Rande grosser urbaner Gebiete zwischengenutzt oder besetzt. Dort festigen sich die weitestgehend autonomen Zusammenschlüsse und bleiben häufig über Jahre stabil – dabei verteidigen sie die Orte der Niederlassung teils vehement gegen Habitatsansprüche anderer Gruppen. Neben hoher Standorttreue und besonderer Sensibilität für die Ausgeglichenheit im ihn umgebenden Ökosystem zeichnen den Idealisten seine besonderen Ambitionen zur langfristigen Veränderung der bestehenden Sozialsystems aus: Neuordnung oder Aufhebung der bestehenden Hackordnung zu Gunsten gleichberechtigter Machtverhältnisse, Neuverteilung von eroberten Nahrungsräumen, Verhinderung von Überfischung, besonderer Schutz für Minderheiten und geschwächte Rudelmitglieder etc.


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Seit 26 Jahren am Schauspielhaus Z端rich: Judith Janser Ruckstuhl, Leiterin der Maskenbildnerei


27 Schicht mit Judith Janser Ruckstuhl

Geglückte Verwandlung

Judith Janser Ruckstuhl, deren Vater schon am Schauspielhaus Beleuchtungsmeister war, war bereits als kleines Kind vom Theater fasziniert und liebte die Verwandlung. Mittlerweile arbeitet sie selbst seit 26 Jahren am Schauspielhaus Zürich, seit Beginn der Spielzeit 2013/14 ist sie Leiterin der Maskenbildnerei. Eva-Maria Krainz hat sie bei ihrer Arbeit im Schiffbau begleitet. 10:00 Uhr Judith und ich treffen uns im ersten Stock des Schiffbaus im Schminkraum, wo sie gerade mit der Bestellung eines ganz speziellen Teint-Make-ups beschäftigt ist: „Homer Simpson-Gelb“, für die Gesichter jener Physiker-Darsteller, die sich in der Irrenanstalt aufhalten. Der richtige Farbton ist gemäss Katalog nur als Wasser-Make-up lieferbar, das im Ergebnis allerdings mehr wie Faschingsschminke denn professionelles Theater Make-up aussieht, erklärt Judith. Daher konnte sie die Herstellerfirma schliesslich zur Anfertigung eines Spezialprodukts für das Schauspielhaus überreden. 10:22 Uhr Neben dem Computer, an dem Judith gerade arbeitet, ist eine ihrer Mitarbeiterinnen gerade mit der Herstellung von Kunsthaartressen für die „Physiker“ beschäftigt: In Herbert Fritschs Inszenierung werden die drei Herren Newton, Einstein und Möbius Perücken aus sehr langem Kunsthaar tragen, die Judith und ihre Kolleginnen nach einiger Suche schliesslich in einem chinesischen Online-Shop für Manga-Produkte gefunden haben. Damit diese jedoch nicht zu unnatürlich einfarbig aussehen, werden nachträglich noch Haartressen in verschiedenen Farbtönen eingearbeitet. 11:19 Uhr Neben den Manga-Haaren und zahlreichen anderen Perücken entdecke ich eine, die anscheinend verkehrt herum auf ihrem Modellkopf sitzt, die Haare stehen in alle Richtungen. Mit Absicht, wird mir erklärt: Jan Bluthardts Haare als Tambourmajor in „Woyzeck“ sollten besonders verrückt und schräg aussehen – die Idee, seine Perücke einfach verkehrt herum aufzusetzen, ist zufällig bei einer

Anprobe entstanden und funktioniert offensichtlich richtig gut. Ganz allgemein würden Kostümbildner ihre Phantasie oft von Dingen, die sie zufällig hier sehen, inspirieren lassen, meint Judith – weshalb sie nicht viel von klinisch aufgeräumten Theaterwerkstätten hält. 11:53 Uhr Die eigentliche Werkstatt der Maske ist aktuell (noch) eine Baustelle – sie wurde über den Sommer renoviert, um den technischen Anforderungen sowie den Auflagen des Gesundheitsschutzes zu entsprechen, die die modernen (durch den Film mitgeprägten) Sehgewohnheiten und die dafür verwendeten Materialien an die Maskenbildnerei stellen. Daher sieht es im Schminkraum, in dem die Schauspieler bald wieder für die Vorstellungen geschminkt und frisiert werden, zur Zeit noch etwas anders aus als sonst: Die Schminkstühle wurden bis zu den Endproben für Büchners „Woyzeck“ in den Keller gebracht, um Platz in der provisorischen Werkstätte zu schaffen. Etwas eng ist es trotzdem, aber Judith und ihre Kolleginnen haben beschlossen, das Beste aus der Situation zu machen: So oft es das Wetter zulässt, übersiedeln sie etwa zum Perückenknüpfen ins Freie – im Atrium des Schiffbaus lässt es sich bei warmen Temperaturen sogar besser arbeiten als in der „alten“ Werkstatt im 3. Stock, wo es in den Sommermonaten oft unerträglich heiss gewesen sei. 14:32 Uhr Auf meine Frage, was man als Maskenbildnerin alles können müsse, beginnt Judith aufzuzählen: Neben allen Fertigkeiten, die mit Make-up, Haaren und Perücken zu tun haben, zählen dazu natürlich auch Spezialeffekte wie z.B. das Schminken von Hautverletzungen, weiters das Modellieren von Masken und Gesichtsteilen oder manchmal sogar von ganzen Tieren. Wichtig ist es, bei alldem immer Ruhe zu bewahren und über viel psychologisches Feingefühl zu verfügen – beispielsweise, um sich vor Premieren nicht von der Nervosität der Schauspieler anstecken zu lassen. Last but not least muss man auch loslassen können: Wenn man z.B. zahlreiche (etwa 40 bis 60) Arbeitsstunden in die Herstellung einer Perücke investiert hat, diese jedoch nach

nur einer Bühnenprobe schon wieder verworfen wird – das eigene „Baby“ so schnell wieder aufgeben zu müssen, ist manchmal hart, gehört aber auch dazu. 15:02 Uhr In ihren 26 Jahren hier am Haus hat Judith schon fast alles erlebt: Sie hat ihren Beruf hier erlernt und dann zunächst eine 50 Prozent-Stelle angenommen, die es ihr ermöglicht hat, daneben auch für Film und Fernsehen, verschiedene Theater- und Opernhäuser und sogar für einen Zirkus zu arbeiten. So unterliegt auch der Stellenwert, den die Maske am Theater hat, den unterschiedlichsten Strömungen – im Moment wird Judiths Abteilung zu ihrer grossen Freude wieder viel mehr geschätzt und genutzt, als dies in der Vergangenheit teilweise der Fall war, und die Zusammenarbeit mit dem Schauspielensemble macht grossen Spass. 15:28 Uhr Zum Abschluss machen Judith und ich einen Rundgang durch die noch nicht ganz bezugsfertige Maskenwerkstatt und deren Herzstück, den neuen „Kapellenraum“, in dem künftig dank permanenter Versorgung mit Frischluft auch Lösungsmittel (die etwa bei der Herstellung von Glatzen zum Einsatz kommen) ohne Mundschutz (wenn auch nach wie vor in Schutzanzügen) verarbeitet werden können. 16:12 Uhr Bald ist die neue Werkstatt fertig und der Endproben- und Vorstellungsbetrieb kann losgehen. Judith freut sich auf die neue Spielzeit und meint, das grösste Kompliment für sie sei immer, wenn Zuschauer ihre Arbeit gar nicht bewusst wahrnehmen und nach einer Vorstellung sagen, bei dieser Produktion hätte die Maske doch gar nichts zu tun gehabt. Das hört sie gerne, weil sie dann weiss: Die Verwandlung, von der sie bereits als Kind fasziniert war, ist geglückt.


28 Ins Theater mit ...

Brigitte von der Crone

„Der Prozess“: Dagna Litzenberger Vinet und Markus Scheumann Seit März dieses Jahres ist Dr. Brigitte von der Crone Verwaltungsratspräsidentin des Schauspielhauses. Sie arbeitet als Rechtsanwältin in Zürich. Am 12.September besuchte sie die Premiere von „Der Prozess“ in der Regie von Barbara Frey. Am Tag nach der Premiere hat sie unseren Fragebogen beantwortet. Von woher kamen Sie zu der Vorstellung ins Schauspielhaus? Ich kam von einem kleinen Znacht zu Hause. Da wir gleich um die Ecke wohnen, habe ich nur fünf Minuten zum Theater. Kannten Sie den Text vorher? Ja, ich kannte den Text. Ich habe ihn in

jungen Jahren gelesen. Auch wusste ich, dass er einmal von Orson Welles verfilmt wurde, habe diesen Film aber nicht gesehen. Dass bzw. ob es auch Bühnenfassungen gibt, war mir nicht bekannt. In diesem Sinne war es für mich am Donnerstag in doppelter Hinsicht eine Premiere. In welcher Stimmung waren Sie in dem Moment, als im Zuschauerraum das Licht ausging? Ich war in freudiger Anspannung, Saisoneröffnung mit Kafka, wunderbar! Haben Sie während der Vorstellung gelacht, und wenn ja, worüber? Die Szene mit Siggi Schwientek als alter

Anwalt senkrecht im Bett fand ich grossartig, ja, da habe ich gelacht. Ansonsten eigentlich nicht. Es gibt nach meiner Auffassung auch keine lustigen Passagen im Stück. Hat Sie etwas an der Vorstellung berührt? Wenn ja, was? Das einsame Leben von Josef K. ist trostlos, das hat mich berührt. Im Theater ist das aber weniger ausgeprägt als im Text selbst. Entsprach die Aufführung Ihren Erwartungen? Wenn ja, wie sahen diese aus? Wenn nein, warum nicht? Ich hatte keine konkreten Erwartungen. Anders als bei Stücken, die für die Bühne


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geschrieben sind, weiss man nicht, was einen erwartet und wie der Text umgesetzt werden wird. Bei Barbara Frey weiss ich, und ging deshalb davon aus, dass sie sich sehr intensiv mit dem Text auseinandersetzen und eine perfekt durchdachte Arbeit machen würde. Das hat auch zugetroffen, ich fand die Inszenierung ausgezeichnet. Hatten Sie während des Zusehens den Gedanken, dass es besser gewesen wäre, wenn Sie sich vor Ihrem Besuch noch einmal genauer über den Text und den Autor informiert hätten? Ich hatte noch Zeit, das Programmheft zu studieren. Das hat mir weitere Informationen geliefert. Finden Sie, dass die Aufführung etwas mit Ihnen zu tun hat? Wenn ja, was? Da ich selbst Anwältin bin, habe ich der damaligen Reputation meines Berufsstandes natürlich etwas mehr Beachtung geschenkt als wahrscheinlich jemand anderer. Mein Schluss war aber, dass sich der Rechtsstaat – obwohl er auch im Text mehrfach als solcher vorkommt – seit Kafkas Lebzeiten deutlich weiter entwickelt hat. Da muss man daher abstrahieren. Zudem lebte er in einer generell schwierigen Zeit. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass wir Anwälte heutzutage gerade wegen der grösseren Rechtssicherheit in unserem Rechtsstaat einen besseren Ruf geniessen als damals – ich jedenfalls erlebe das glücklicherweise so. Was denken Sie als Juristin über Kafkas Werk? Gibt es Parallelen zur heutigen Rechtsprechung?

Schauspielhaus Zürich Zeitung #9 Herausgegeben von der Schauspielhaus Zürich AG Zeltweg 5, 8032 Zürich www.schauspielhaus.ch Intendanz Barbara Frey

Kafka hat eine Welt beschrieben, die mit dem damaligen unsicheren und intransparenten System zusammenhing und überdies war er jemand, der die Welt als schwieriges Umfeld erlebte. Direkte Parallelen sehe ich in unserer Rechtsprechung glücklicherweise keine. Hingegen scheint mir das Stück ein flammendes Plädoyer für „due process“ zu sein. Das ist auch bei uns wichtig und sollte nie verloren gehen. Unser Problem liegt heute aber mehr bei Instanzen staatlicher Verwaltung im Umgang mit Bürgern oder etwa im öffentlichen und kurzen Prozess der Medien als beispielsweise im Strafprozess, in dem diese Standards weitgehend gewährleistet sind. Wie zufrieden waren Sie mit dem Publikum? Haben Sie sich geärgert oder gefreut? Worüber? Es wurde oft an Stellen gelacht, an denen ich nichts Lustiges entdecken konnte. Aber darüber geärgert habe ich mich nicht. Ich erlebe das fast bei jeder Vorstellung. Die Menschen sind unterschiedlich und haben auch einen unterschiedlichen Humor. Der Applaus am Schluss war toll, in diesem Sinne habe ich mich über das Premierenpublikum gefreut! Haben Sie sich nach der Vorstellung über das Stück unterhalten? Oder haben Sie auf dem Heimweg noch über etwas nachgedacht, das mit der Aufführung zu tun hatte? Ja, wir haben uns mit Bekannten gefragt, was wohl die Beweggründe waren, diesen Text überhaupt für die Bühne zu

Redaktion Andreas Karlaganis, Eva-Maria Krainz, Gwendolyne Melchinger, Julia Reichert, Andrea Schwieter (Redaktionsleitung), Karolin Trachte Fotos Prisca Baumann S. 24/25, Raphael Hadad S.22/23, Matthias Horn S.1/6/8/16 unten/ 17/28/32, Birgit Hupfeld S. 10, T+T Fotografie S. 4/7/13/16 oben/ 18/20/26, PD S. 14

adaptieren. Später haben wir uns darüber unterhalten, dass die Schauspieler wieder einmal eine grossartige Leistung gezeigt haben, insbesondere auch deshalb, weil jeder etwa vier Rollen spielte, die z.T. unterschiedlicher nicht hätten sein können. So spielt etwa Klaus Brömmelmeier einerseits den scharf bellenden Onkel und unmittelbar darauf kommt er als Künstler barfuss auf die Bühne. Nur Herr K. spielt immer sich selbst – Markus Scheumann auch ganz wunderbar, keine Frage – aber alle anderen wandeln sich laufend. Diese Regie passt hervorragend zum Stück, ja, setzt die ganze Ambivalenz des Textes perfekt um, fanden wir. Welche Frage würden Sie dem Regieteam dieser Aufführung gerne stellen? Was waren die Beweggründe, den Text auf die Bühne zu bringen? Kafka als Person oder der Inhalt des „Prozesses“? Welches Stück würden Sie gerne als nächstes sehen? Da ich lange Theaterstücke liebe, hätte ich gegen eine Bühnenadaption von „Anna Karenina“ absolut gar nichts einzuwenden. Ein wunderbares Gesamtkunstwerk. Ich würde aber gerne auch einmal etwas von Ernest Hemingway sehen, z.B. eine meiner Lieblingsgeschichten „The Short and Happy Life of Francis Macomber“ aus „The Snows of Kilimanjaro“.

Gestaltung velvet.ch / Nina Oppliger Druck Speck Print AG, Baar Auflage 20 000 Erscheint am 4. Oktober 2013

Partner des Schauspielhauses Zürich


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ROMAIN DURIS

AUDREY TAUTOU

GAD ELMALEH

OMAR AÏSSA CHARLOTTE SY MAÏGA LE BON

DER SCHAUM DER TAGE EIN FILM VON

NACH DEM ROMAN VON

MICHEL GONDRY

BORIS VIAN

AB 10. OKTOBER IM KINO

★★★★★ «Grossartig und berührend!» LE MATIN

★★★★★ «…eine Hymne an die Jugend.» LE TEMPS

★★★★★ «Ein Festival der Bildsprache!» 20MINUTES


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leS aMIS Du

Mehr Kultur f端r Z端rICh. Die Credit Suisse ist langj辰hriger Partner des Schauspielhauses Z端rich. credit-suisse.com/sponsoring


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„Ward, seit die Welt steht, so etwas erlebt?“ aus „Amphitryon und sein Doppelgänger“ nach Heinrich von Kleist, Regie Karin Henkel Jetzt im Pfauen!


Schauspielhaus Zürich - Zeitung #9