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RÜCKENzeit Das Skoliose-Magazin

Ausgabe 1/2013

Schwerpunkt Golf! Schwungvolle Therapie Sportliche Erfolge Wohltuende Bewegung

Themen: Orthopädietechnik: Sensomotorische Einlagen Physiotherapie: Sensomotorisches Training & CMD-Therapie Im Porträt: Golferin Stacy Lewis Podo-Orthesiologie: Aktivierte Muskeln


Bewegungsintelligenz ist lern- und lehrbar Spiraldynamik® Akademie AG Die Zusammenarbeit von Physiotherapeut und Skoliose-Patient bietet die optimale Lernfläche – besuchen Sie unsere Kombikurse für Patienten und Therapeuten: Kurse 13.09.2013 - 15.09.2013 | Zürich und 12.09.2014 - 14.09.2014 | Zürich Infos & Anmeldung T + 41 (0) 43 222 58 68 akademie@spiraldynamik.com

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EDITORIAL

Iris Gabriel, Herausgeberin

„Die Zeit ist eine mächtige Meisterin, sie bringt vieles in Ordnung“ Von Pierre Corneille

Liebe Leserin, lieber Leser, Zeit ist Bewegung. Über diesen Zusammenhang haben sich schon viele Naturwissenschaftler, Philosophen und Schriftsteller Gedanken gemacht. Vielmehr geht es um Ihr persönliches Empfinden von Zeit und wie viel Sie davon in Bewegung sind.Wenn Sie schöne Dinge erleben, aktiv sind und neue Eindrücke sammeln, werden Sie das anders empfinden, als wenn Sie nichts erleben.

RÜCKENzeit online: Unser Magazin können Sie im Shop bestellen unter www.rueckenzeit-magazin.de.

Fotos: Tom Trenkle Fotografie

Wir sind auch auf Facebook für Sie da.

Wie viel Bewegung wäre notwendig, damit wir uns dauerhaft fit fühlen? 30 Minuten jeden Tag zu laufen, wäre schon ein Anfang, denn der Mensch ist von seiner Anlage her als Ausdauerläufer konzipiert. „Der Steinzeitler“, von dem wir uns genetisch noch nicht entfernt haben, hatte einen Bewegungsradius von etwa 30 km pro Tag, den er barfuß auf der Suche nach Nahrung zurücklegte. Laufen war also überlebenswichtig! Anfang des 20. Jahrhunderts waren wir noch täglich 10 bis 20 km auf den Beinen. Glaubt man aktuellen Untersuchungen, sind es heute weniger als 1 km pro Tag. Sport oder Bewegung und zwar täglich, ist die beste Medizin. Umsonst, wirksam und nebenwirkungsfrei. Wann haben Sie sich zuletzt Gedanken darüber gemacht, wie Sie sich bewegen? Jeden Schritt einmal richtig bewusst wahrnehmen. Manche von Ihnen kennen es vielleicht noch von der Gangschule aus der Schroth-Therapie. In dieser Ausgabe werden wir uns mit dem Zusammenspiel von Fuß und Wirbelsäule beschäftigen und Ihnen Diagnostik und Therapiemöglichkeiten vorstellen. Lesen Sie zudem persönliche Erfolgsgeschichten von Patienten, die ihre eigene Bewältigungsstrategie gefunden haben. Ihre Erfahrungen mit Ihrer Skoliose interessieren uns sehr. Wir freuen uns, bald von Ihnen zu lesen. Schreiben Sie an redaktion@rueckenzeit-magazin.de Sportliche Grüße, Ihre Iris Gabriel

RÜCKENzeit | Das Skoliose-Magazin | Ausgabe 01/2013

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RÜCKENzeit

Ausgabe 1/2013

Inhalt Editorial.......................................................................................................................................................3 Golf – eine spielende 3-D-Therapie ................................................................................. 6

Die Spiraldynamik© als persönliches Sportprogramm

Golf ist Bewegung pur................................................................................................................. 8 Ein Erfahrungsbericht einer jungen Skoliosepatientin

Porträt: ..................................................................................................................................................... 9 Stacy Lewis

Mit sensomotorischen Einlagen ins Gleichgewicht ......................................... 10 Diagnostik und Therapiechancen

Sensomotorisches Training ................................................................................................... 12

Über die Verbesserung von Mobilität & Gleichgewicht

CMD-Therapie .................................................................................................................................. 14

Fehlstatik im Biss- Symptome & Therapie

Die Podo-Orthesiologie ............................................................................................................16 Fußsohlenmuskulatur & Haltung

Buchtipp................................................................................................................................................... 18 Erfahrungsbericht............................................................................................................................19 Die Skoliose meiner Tochter Ria

Erfahrungsbericht............................................................................................................................21 „Ich stehe zu mir und möchte anderen Mut machen“

Fotos: © gunterkremer - Fotolia.com, Mizuno Corporation

Impressum............................................................................................................................................. 23


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Seite 6

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SPORT

Golf ist ein Altherrensport! So oder so ähnlich war es noch bis vor einigen Jahren zu hören. In der Zwischenzeit hat sich das Bild allerorts verändert: Junge Menschen üben mit viel Engagement und spielen sportlich orientiertes Golf. Kann auch der/ die Skoliosepatient/in daran teilhaben? In diesem Artikel soll beleuchtet werden, was aus Sicht des Spiraldynamik®-Konzepts dafür spricht, Golf zu einem Bestandteil des persönlichen Sportprogramms in der Skoliosetherapie zu machen. Von Dr. Jens Wippert Die Grundidee der Therapie nach dem Spiraldynamik®Konzept ist Funktionalität, Dreidimensionalität und die Wirkung auf drei Ebenen. Die Aufrichtung der Wirbelsäule, die Detorsion des Beckens und des Rumpfes sind dabei wichtige Lernschritte hin zu einem koordinierten Gebrauch der gesamten Wirbelsäule in der Therapie und vor allem im Alltag. Unterstützt wird das Erlernen der richtigen Bewegungskoordination durch entsprechende Spiraldynamik®-Übungen, bevor sie kraftvoll in den Alltag integriert werden sollen: Joggen, Yoga, Pilates und vieles mehr kann so skoliosespezifisch besser trainiert werden. Für die rechtskonvexe Brustwirbelsäulen-Skoliose stellt das Golfspielen eine besonders attraktive Möglichkeit des Trainierens dar.

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Das Negative am Golfspielen All die guten Eigenschaften der Schwungbewegung können natürlich nur zur Geltung kommen, wenn sie auch richtig ausgeführt werden. Geschieht dies nicht, entstehen hier – wie für jeden anderen Golfer ebenso – Gefahrenpotenziale. Fehlt die Aufrichtung der Wirbelsäule, wird die Weiterleitung der Drehbewegung vermindert und die Kräfte wirken v. a. in der überstreckten Lendenwirbelsäule. Die damit einhergehende fehlende Hüftstreckung verhindert ebenfalls die volle Kraftentfaltung. Eine vor allem sich in der Rotation befindliche unbewegliche Brustwirbelsäule verstärkt die Drehung in der Lendenwirbelsäule zusätzlich. Der korrigierende Effekt für die Brustwirbelsäule entfällt und wird häufig durch eine Seitneigung nach links ersetzt. Dadurch rutscht die rechte Schulter weiter über die Rippen nach vorne-oben und löst sich aus der stabilisierten Position am Rumpf. Vorbereitende Übungen Für eine korrekte Bewegungsausführung können einige Übungen zu Hause oder direkt vor dem Golfspiel in das Trainingsprogramm eingebaut werden. >>

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Fotos: © ARochau - Fotolia.com, Praxis Elementhera

Golf – eine spielende 3-D-Therapie

Das Positive am Golfspielen Die richtig ausgeführte Schwungbewegung korrigiert die (rechtskonvexe Brustwirbelsäulen-)Skoliose in den von der Spiraldynamik® angedachten Richtungen: In der Ansprechposition ist das Becken aufgerichtet, der Kopf in Längsrichtung der Wirbelsäule verlängert, die Brustwirbelsäule aufgerichtet; die Wirbelsäule wird ohne starke muskuläre Anspannung längs unter Zug gebracht. Diese Grundausrichtung wird auch über den Schwungverlauf beibehalten. Beim Durchschwung rotiert der Oberkörper nach links und richtet sich über den Schwungverlauf sogar weiter auf. Das korrigiert die Brustwirbelsäulenposition. Die rechte Schulter bleibt auch am Ende des Schwungs tief, d. h. sie bewegt sich nicht in die Fehlposition nach vorne-oben. Das Becken dreht sich im Raum mit in die Schlagrichtung, ist jedoch langsamer als der Rumpf. Das Becken und die untere Lendenwirbelsäule bleiben aufgerichtet. Dadurch wird die Hüftstreckung v. a. der rechten Seite gefordert und gefördert. In der Kombination mit der Rumpfrotation ergibt sich in der Endposition eine dreidimensionale Verschraubung der Wirbelsäule, wie sie für die Standbeinphase rechts richtig ist: Wirbelsäule aufgerichtet, Becken nach hinten-unten-außen orientiert, das Hüftgelenk rechts gestreckt, der Rumpf nach links rotiert, die Brustwirbelsäule aufgerichtet (evtl. leicht aus der Seitneigung nach links gedreht), das Schulterblatt an den Rippen stabilisiert. Die perfekte dreidimensionale Korrektur der Skoliose!


Abbildung 1

Möglichkeit 1: Rotation im Einbeinkniestand Hier eine Übung für den Golfplatz, die auch ohne Gummiband durchgeführt werden kann: Ausgangsstellung ist der Einbeinkniestand auf dem rechten Knie (für die rechtskonvexe Thorakalskoliose). Die Aufgabe lautet, das rechte Knie kraftvoll in den Boden zu schieben und den Kopf Richtung Decke auszurichten. Dann folgt die Rotation des Rumpfes nach links. Dabei soll sich das rechte Becken leicht nach hinten-unten-außen bewegen und die rechte Hand sich über den Rumpf gegen das Gummiband nach links drehen. Je gestraffter das Band, desto mehr Rotationswiderstand ist vorhanden. Die Bewegung bis zum individuellen Bewegungsende ausführen, dann langsam nachlassen und erneut drehen. (Abb. 1 + Abb. 2)

Abbildung 2

Möglichkeit 2: Der Einbeinstand Die Ausgangsposition kann überall eingenommen werden, ein Stuhl, ein Tisch oder eine Bank sind völlig ausreichend. Das linke Bein sollte so hoch wie möglich aufgestellt werden. Ähnlich wie im Einbeinkniestand das Knie, wird nun die Ferse in den Boden geschoben und der Kopf zur Decke orientiert. Das Körpergewicht bleibt mittig auf dem Fuß. Das Becken wird rechts leicht nach hinten-unten-außen bewegt und die rechte Hand über den Rumpf gegen das Gummiband nach links gedreht. In dieser Ausgangsstellung braucht es noch mehr Aufrichtung in der Hüfte und vermehrte Beinachsenstabilität, wie sie auch später im Golfschwung gefordert wird. Erschwerend kann man für mehr Hüftstreckungsaktivität den linken Fuß jetzt noch abheben. Für mehr Rotationsarbeit kann das Gummiband gestrafft werden oder die Rotation verstärkt werden.

Special: Skoliose-Paket

Trainingsvoraussetzungen:

Erfahrung mit der Spiraldynamik®Therapie zwingend erforderlich. Bei Fragen wenden Sie sich jederzeit gerne an elementhera 089-959272 00 oder service@elementhera.de

• •

1x Spiraldynamik®Bewegungsanalyse (60 Minuten) 4x Spiraldynamik®-Einzeltherapie (je 60 Minuten) 1x Skoliose-Gruppenkurs (8 Einheiten à 60 Minuten) nach Absolvierung der (meisten) Einzeltherapien

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Abbildung 3

Abbildung 4

Mit diesen einfachen und überall durchführbaren, jedoch funktionellen und effektiven Vorbereitungsübungen kann man die Schwungbewegung noch besser für die dreidimensionale Skoliosekorrektur nutzbar machen. Somit wird Golfsport zur Therapie! (Abb. 3 + Abb. 4) • Kursleiter: Dr. Jens Wippert, Physiotherapeut, Spiraldynamik®-Dozent Ort: Praxis elementhera, Eisenmannstr. 4, 80331 München, www.elementhera.de Paketpreis 429 Euro (anstatt 545 Euro )

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SPORT

Golf ist Bewegung pur Von Chiara

▲ Sportliche Ziele als Therapie

Im Alter von etwa 10–11 Jahren wurde bei mir eine Skoliose festgestellt, doch der Arzt meinte: „Mit zehnmal Krankengymnastik wird das schon wieder.“ Bei einer ganz normalen Routineuntersuchung bei meiner Hausärztin bemerkte diese, dass meine Wirbelsäule schief und verkrümmt ist, deswegen schickte sie mich zu einem Orthopäden und der verordnete mir ein Korsett. Ich werde nun nach Lehnert-Schroth und der Spiraldynamik® behandelt, zusätzlich war ich über Weihnachten und Silvester 2012 auf Reha. Da ich mit beiden Therapiearten vertraut bin, kann ich Elemente aus beiden Therapiearten gut in meinen Alltag einbauen. Mein Korsettbauer hat mir eine Tragezeit von 23 Stunden am Tag verordnet, die ich aber nicht einhalten kann, da mir das Korsett immer noch Schmerzen bereitet. Aber sonst komme ich gut damit klar und werde in der Schule akzeptiert und respektiert.

In der Sommer-Saison gehe ich einmal in der Woche zum Jugendtraining und meistens noch einmal in der Woche mit meinem Papa auf den Golfplatz. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, spiele ich bei Turnieren mit. Mein Trainer gibt mir Tipps für meinen Schwung. Ich spüre kaum einen Zusammenhang mit der Therapie, aber die „Entdrehung“ spüre ich mittlerweile schon. Ich spiele nun schon seit 5 Jahren Golf und finde großen Spaß am Spiel und an der Bewegung. Im Golfsport bewegt man sich mehr als man denkt und ich bin nach etwa zwei Stunden Spielzeit schon ziemlich erschöpft. Nach dem Golfen habe ich manchmal Rückenschmerzen, aber die sind nach kurzer Zeit schon wieder weg. Ich würde diese Sportart nur Leuten empfehlen, die geduldig sind, Spaß am Spiel finden oder es ernsthaft lernen möchten. •

Ärzte und Krankenhäuser hat Stephanie Ramsauer von frühester Kindheit an allzu oft gesehen. Sie leidet an verschiedenen Krankheiten, muss operiert und therapiert werden. Als sie acht Jahre alt ist, wird bei ihr Skoliose, eine starke seitliche Verbiegung der Wirbelsäule, festgestellt. Gezielte Physiotherapie-Maßnahmen und ein orthopädisches Korsett sollen Abhilfe schaffen, doch die Erkrankung setzt sich fort, und nur eine Operation kann helfen. Tatsächlich kommt es danach zu einer deutlichen Verbesserung, und endlich kann die junge Autorin wieder normal leben. Stephanie Ramsauer berichtet von ihren Erfahrungen als Kind und Jugendliche, von Stimmungsschwankungen, Ängsten und Hoffnungen. Ähnlich Betroffenen und Verunsicherten möchte sie Rat und Hilfe gewähren und Mut machen zum Durchhalten. Frieling & Huffmann GmbH, ISBN-978-3828027855 8,90 €

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Foto: © Christoph Hähnel - Fotolia.com

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SPORT „Ich war mein ganzes Leben der Underdog, nie die Größte oder Athletischste, nie eine der Längsten vom Abschlag. Aber wer Schrauben in seinem Rücken hat und trotzdem Golf spielen kann, für den ist wohl alles möglich.“

Porträt Stacy Lewis Von Petra Levator

Fotos: Mizuno Corporation

Wer es im Sport nach ganz oben schaffen will, braucht nicht nur Talent, Trainingsfleiß und eiserne Disziplin. Es gehören auch Vorbilder dazu, Eigenschaften wie Frustrationstoleranz, das positive Umgehen mit Fehlern und Niederlagen, gesunde Ernährung, Verzicht auf Energie raubende Substanzen wie z. B. auf Alkohol und Nikotin. Wer das schafft, kann auf Ersatzbefriedigungen verzichten, denn die vielen kleinen und großen Erfolgserlebnisse sind Ansporn und Freude genug. Sie erlauben sogar die Überwindung schwerer körperlicher oder seelischer Beeinträchtigungen. Die am 16. Februar 1985 geborene amerikanische Golferin Stacy Lewis war elf Jahre alt, als die Diagnose Skoliose fiel. Ihre schwere Rückgratverkrümmung sollte durch eine Oberkörperschiene aufgehalten bzw. verbessert werden, die sie dafür 18 Stunden am Tag tragen sollte. Nur zum Duschen und Golfen durfte sie diese ablegen. Grund genug, viele Stunden täglich auf dem Golfplatz zu verbringen, zu trainieren, das körperliche Manko in zahllosen Schwüngen und Putts zu vergessen. Die als sehr scheu geltende Stacy war 18 Jahre alt, als sie sich für eine aufrichtende Operation entschied, da die Orthese RÜCKENzeit | Das Skoliose-Magazin | Ausgabe 01/2013

nicht den gewünschten Erfolg bewirkte. Ihre Wirbelsäule wurde mit einer durch fünf Schrauben fixierten Metallschnur begradigt mit dem Risiko, nie wieder Golf spielen zu können. Die Operation gelang und es folgten sechs lange, schmerzhafte Monate, in denen sie ihre Wirbelsäule weder verdrehen noch beugen konnte. Ihr Vater Dale erzählt, wie sich Schweißperlen der Pein auf dem Gesicht der Tochter bildeten, wenn sie nur aufstehen und zur Toilette gehen wollte. Nach der Rekonvaleszenz begann die kleine, unscheinbare College-Schülerin wieder Golf zu spielen. Und was für ein Golf! Angst vor Anstrengungen oder Konkurrenz hatte sie nicht. Ihre Persönlichkeit ist durch die Problematik ihrer Skoliose, durch die Schmerzen und Ängste einer gewagten Operation gereift und erstarkt. Sie gewann bereits während ihrer Collegezeit zwölf Turniere, zuletzt die NCAA Women´s Golf Championships 2007 als beste College-Golferin der USA überhaupt. Im Mai 2008 wechselte sie ins Profilager, wo sie Dritte bei den U.S. Open wurde. Seit September 2008 ist Lewis beim Golfausrüster Mizuno unter Vertrag und fungiert hier als erste internationale Botschafterin des Konzerns und damit auch als Vorbild für andere junge Sportlerinnen und Sportler mit oder ohne Handicap. Ihren ersten Sieg als Profi erzielte sie 2011 im Kraft Nabisco Championship und rangiert seither als Zweite in der Weltrangliste der Golferinnen. 2012 gewann sie vier große Turniere und wurde Golfspielerin des Jahres. Die siebenmalige Major-Siegerin Karrie Webb aus Australien, die heute in Florida in Stacys Nachbarschaft wohnt, sagt über ihre Trainingspartnerin und Freundin: „Stacy ist extrem schüchtern, aber sie gehört zu den Menschen, die viel Selbstvertrauen in sich haben, das sie nicht nach außen kehren müssen.“ Die Leistungen der jungen Sportlerin aus Texas, die mit zwei Schwestern ohne großen finanziellen Hintergrund, aber mit viel moralischer Unterstützung der Familie aufwuchs, sprechen für sich. Konnte sich die Familie in früheren Jahren nicht einmal Trainingslager in Kalifornien oder Florida leisten, gehört Stacy heute zu den gut verdienenden Spitzensportlern. Ihre wachsende Popularität nutzt die bekennende Christin für soziale Zwecke. So sprach sie kürzlich in Washington vor Kongressmitgliedern über die Bedeutung von Fitness für Kinder, was in einem Land mit vielen, auch extrem übergewichtigen Menschen sehr wichtig ist. Mit aktiver, sportlicher Leidenschaft kann viel erreicht und auch überwunden werden. Stacy ist der Beweis, ein Vorbild an Erfolg und Bescheidenheit. • Mehr über Stacy unter www.stacysback.com

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ORTHOPÄDIETECHNIK

Mit sensomotorischen Einlagen ins Gleichgewicht Damit wir gehen und stehen können, sammelt der Körper permanent Informationen über seine Position im Raum. Augen, Ohren (Vestibuläres System), Propriozeption (Tiefensensibilität) und auch der Tastsinn im Fuß senden die Daten zum Gehirn, drei Gigabyte in der Sekunde. Dort werden die Daten integriert, und erst dann ist Gehen und Stehen möglich. Dieses System nutzen die sensomotorischen Einlagen, um Fehlstellungen, die durch Muskelungleichgewicht entstehen, aktiv zu korrigieren. Von Franz Fischer Als ich mich 1988 in Amberg selbstständig machte, umfasste unser Arbeitsgebiet die klassische Orthopädieschuhtechnik. Maßschuhe in allen Variationen und vor allem in aktuellem Design gehörten damals zu unseren Hauptaufgaben. Für die kleinen Krankheitsbilder in der Orthopädie fertigten wir zum damaligen Zeitpunkt ausschließlich passive Einlagen. Dies führte auch immer wieder zu Konflikten mit Physiotherapeuten, die sich aktive Hilfsmittel wünschten. Ende der Neunziger kamen aus Frankreich neue Einlagensysteme, aktive Einlagen oder sensomotorische Einlagen, wie wir sie heute nennen. Sie arbeiten über die Eigenwahrnehmung und der Fuß wird dazu benutzt, dem Patienten eine Fehlhaltung zu suggerieren. Die Einlagenelemente sind nicht höher als 2–3 mm und haben keine mechanische Wirkung. Nach einer Ausbildung in Regensburg und bei Dr. Bourdiol (dem Erfinder dieser Therapie), entwickelten wir 2004 ein Messsystem, um die Wirkung der Teilchen wissenschaftlich nachzuweisen. Die Streifenlichtprojektion hielt Einzug und so sind wir heute in der Lage, unsere Sohlen auf den Patienten genau abzustimmen und den Verlauf zu dokumentieren. Diese Einlagensysteme werden meist eingesetzt bei Kopfschmerzen, Migräne, Nackenverspannungen und Rückenbeschwerden. Auch die Skoliose gehört seit Kurzem zu unseren Einsatzgebieten.

Über Franz Fischer: • • • • •

Orthopädieschuhmachermeister Dozent an der Meisterschule München Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Fachzeitschrift für Orthopädieschuhtechnik Dozent für sensomotorische Therapiesohlen Seit 1988 selbständig in Amberg in der Oberpfalz

Leistungen: orthopädische Maßschuhe, passive Einlagen, sensomotorische Einlagen, Lauf- und Ganganalyse www.rueckenscanner.de

Fotos: Privat

Wie unterscheiden sich die Therapiesohlen von normalen Einlagen? Sie wirken aktiv, d. h. der Patient vollzieht die Korrektur durch den Reiz selbst. Es werden an der Fußsohle an definierten Stellen Plättchen mit zwei oder drei Millimetern Höhe angebracht, die über die Eigenwahrnehmung und deren Umsetzung (Sensomotorik) die Veränderung bewirken. Aktiv heißt aber auch, das System ist lernfähig und speichert die Korrektur ab. Im Gegensatz dazu gibt es die passiven Einlagen, die mechanisch versuchen, etwas zu verändern, wie z. B. beim Senk-Spreizfuß. Im Gegensatz zum aktiven System fördern sie aber auf lange Sicht die Muskelschwäche. >>

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Wie überprüfen wir die Wirkung der Einlagen? Wir arbeiten heute mit der Streifenlichtprojektion, einem optischen 3-DMessverfahren. Es ist ein strahlungsfreies Verfahren, im Vergleich zur Röntgentechnik. Dazu werden Lichtstreifen auf den Rück-en projiziert. Über eine digitale Kamera und eine Software liefert das System Daten im Zehntel Millimeterbereich. Es zeigt die Fehlstellungen in der Körperhaltung und liefert Daten in den drei Achsen X-Y-Z. Nach der Eingangsmessung werden die sensomotorischen Teile an der Fußsohle angelegt und die Reaktion mit einer neuen Messung kontrolliert. So wird Stück für Stück die Körperhaltung korrigiert. Wie verläuft die Therapie? Sind die sensomotorischen Teilchen mit Hilfe des 3-D-Verfahrens festgelegt, werden sie auf eine Therapiesohle platziert und der Patient läuft damit ca. 6 Wochen. Die Therapiesohle ist eigentlich ein Trainingsgerät, denn über den Reiz der Fußsohle erfolgt eine muskuläre Eigenkorrektur. Nach ca. 6 Wochen wird die Sohle mithilfe des 3-D-Messverfahrens noch einmal überprüft und der weitere Therapieverlauf festgelegt. Im Bereich der Skoliose kontrollieren wir die jungen Patienten immer nach einem Wachstumsschub oder spätestens nach 4 Monaten. Mithilfe des 3-D-Verfahrens können wir so den Verlauf dokumentieren und evtl. bei Verschlechterung sofort mithilfe der sensomotorischen Einlagen eingreifen. Die sensomotorischen Einlagen sind in meinen Augen ein neues Therapieverfahren in der Behandlung von Skoliosen. Leider gibt es im Bereich der sensomotorischen Sohlen auch Grenzen. Verfestigte Strukturen erschweren es uns, in die Körperhaltung einzugreifen und eine Korrektur durchzuführen. In diesem Falle arbeiten wir eng mit den Physiotherapeuten und den Korsettbauern zusammen, unterstützen sie gegebenenfalls auch mit Messungen, um ihre Therapie zu dokumentieren und den Verlauf zu kontrollieren.

▲ 3-D-Messverfahren

Die Entstehung einer Skoliose kann sehr viele Ursachen haben. So sind auch unsere sensomotorischen Einlagen nur eine Therapie unter mehreren Methoden, die Körperhaltung zu verändern. Eine gute Physiotherapie, die Spiraldynamik®, ein stark korrigierendes Korsett – sie haben alle das gleiche Ziel, die Fehlstellung zu korrigieren und dem Patienten Hilfe zu geben. •

weiß_skolioserat_1-4_Layout 1 10.01.13 14:00 Seite 1

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Ich habe Skoliose

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Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Therapeuten 8., überarbeitete Auflage, 137 S. mit 42 Abb., kart., EUR 12,ISBN 978-3-7905-1005-8

Ein bewährter Ratgeber zu allen Fragen der Skoliose: Diagnosestellung, Messverfahren, krankengymnastische Behandlung, Korsettversorgung, Operation und Nachsorgemöglichkeiten. Medizinische Informationen werden ergänzt durch persönliche Erfahrungsberichte von SkoliosePatienten, die Mitbetroffenen Mut machen und wertvolle Hilfestellungen geben für die Beurteilung der individuellen Handlungs- und Behandlungsspielräume und für die selbstverantwortliche Entscheidung über den eigenen Therapieverlauf.

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PHYSIOTHERAPIE Bestandteile im klinischen Leitfaden sind unter anderem:

Sensomotorisches Training in der Behandlung von Skoliosepatienten Bei fast schon jedem zweiten Deutschen besteht eine Formvariante der Wirbelsäule. Dabei trifft der Skoliosebegriff bei ca. 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung zu. Über 90 Prozent der Skoliosen werden als idiopathisch eingestuft, das bedeutet, dass die genaue Ursache für das Auftreten dieser sogenannten Wachstumsdeformitäten nicht eindeutig geklärt ist. Hinzu kommt, dass Skoliosen unbehandelt in der Regel zur Verschlechterung neigen.

Redcord – einbeinige instabile Aufhängung zur Koordination und Kräftigung der Rumpfmuskulatur

Von Paul Edel

Die bei Skoliosepatienten zum Einsatz kommenden krankengymnastischen Methoden stehen heute auf dem Prüfstand. Neuere Erkenntnisse aus den angewandten Bewegungs- und Neurowissenschaften zeigen, dass in der klinischen Umsetzung bei Weitem nicht alle Ressourcen genutzt werden, welche für eine langfristige Stabilisierung des Beschwerdebildes nützlich wären.

Seriöse Studienübersichten zeigen neuerdings auf, dass die zu vermittelnden Kernkompetenzen zur Haltungsschulung und Korrektur in einem 1:1-Verhältnis Therapeut – Patient zu nachhaltigeren Effekten führt als in einer großen Gruppe. Hintergrund zum Sensomotorischen Training: Das Verständnis für die Nutzung hierfür geeigneter Verfahren und zum Einsatz kommender Therapiemittel wurde in den 90ern durch internationale Studien aus der Neurophysiologie und Bewegungswissenschaft belegt und untermauert. Im deutschen Sprachgebrauch findet man in diesem Zusammenhang sämtliche Methoden, die das Zusammenspiel der Sinnessysteme mit den motorischen Systemen fördern. Die meisten Anwendungen decken jedoch nur Teilbereiche ab, was zur Folge hat, dass nicht alle Ressourcen der Informationsverarbeitung im Nervensystem genutzt werden. Illustrationen von Übungen auf instabilen Unterlagen (Ballkissen, Matten, Therapiekreisel,Vibrationsplatten etc.) und Partnerübungen mit Kleingeräten (Bälle, Tücher etc.) seien hier nur am Rande erwähnt. >>

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Der Redcord Mini: Alle wichtigen Übungen für Zuhause

Stabilisation der Halswirbelsäule in Seitlage und Integration aller wichtigen Muskelketten bis zum Fuß

Stabilisation der Halswirbelsäule in Rückenlage unter Berücksichtigung aller Muskelketten des Rückens bis zum Fuß

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Foto: Foto Bernhard in Neufahrn

Organisatorische Voraussetzungen: In Deutschland hat sich zur Therapie von Skoliosepatienten die „medizinische Trias“, bestehend aus Physiotherapie oder Bewegungserziehung, Korsettversorgung und ärztlicher Intervention als die effizienteste Versorgungsform durchgesetzt. Dabei stellen Statuskontrollen durch einen vernetzten Informationstransfer aller beteiligten Therapeuten und standardisierte Nachbehandlungsschemata wichtige Voraussetzungen für eine langfristige Therapieplanung und Durchführung dar.


Aus dem Behandlungsmanagement von Skoliosen leitet sich in diesem Kontext daher folgender Anspruch ab: • „dynamische“ Stabilisierung des Rumpfes und der großen Gelenke • allgemeine Verbesserung der Mobilität und die Schulung des Gleichgewichts • standardisierte Eigenübungsprogramme und nachgehende Kontrollen • hohe Trainingsdisziplin seitens des Patienten Redcord medical und Neurac®: Wie kaum ein anderes Konzept wird bei der Forderung für wirksame und nachhaltige Behandlungsmodelle im Sensomotorischen Training die Neurac®-Methode (bedeutet: neuromuskuläre Aktivierung) des norwegischen Unternehmens Redcord AS den Anforderungen gerecht. Im Rahmen eines standardisierten klinischen Handlungsleitfadens werden durch einen erfahrenen und in der Neurac®-Methode ausgebildeten Therapeuten nachweislich die Programme im Nervensystem zur Ansteuerung der Muskulatur optimiert. Dies ist insbesondere für Skoliosebetroffene von großer Bedeutung. Unter Zuhilfenahme der Arbeitsplattform (Redcord Workstation), einer an der Decke befestigten Aluminiumkonstruktion mit beweglichen Traversen und Seilgeräten (Redcord Trainer), beachtet der Therapeut hierfür folgende notwendige Faktoren: • • •

Bilder und Verfahrensbezeichnung mit Genehmigung der Redcord GmbH Deutschland

Präzise Dosierung von Körpergewicht tragenden Übungen > durch Ausnutzung physikalischer Hebelgesetze und Expander Instabile Unterstützungsfläche > durch die Apparatur und andere Hilfsmittel bedingt Bei Bedarf Vibrationsimpulse > manuell oder apparativ (Redcord Stimula) verabreicht Training ohne Provokation von Schmerzen > durch Beachtung wichtiger Signale für Ermüdung oder Kompensation

Die dabei auftretenden Formungskräfte an Skelett und Muskulatur wirken sich für Skoliosepatienten hinsichtlich Haltungskorrektur und Körpergefühl, Muskelkraft und Koordination sowie Beschwerderesistenz nachweislich positiv aus.

Paul Edel ist als Physiotherapeut, Manualtherapeut und Spezialist für Sensomotorisches Training seit 1994 in Neufahrn bei Freising in eigener Praxis tätig. Er arbeitet bereits seit 1992 mit dem RedcordEquipment und konnte seinen Erfahrungsschatz als Instruktor in einem Zeitraum von 16 Jahren an seine Kollegen weitergeben. Sein Fachwissen wird auf den unterschiedlichsten Vortragsplattformen geschätzt (Fortbildungsakademien für Ärzte und Therapeuten, Sportvereine und Verbände, bayerische Polizei etc.). www.paul-edel-physiotherapie.de

Konkrete Vorteile für Sie: Die Neurac®-Methode ist als standardisierte und wissenschaftlich anerkannte Methode jedem Skoliosepatienten zugänglich. Dabei vermitteln in der Neurac®-Methode speziell ausgebildete Physiotherapeuten im Rahmen eines klinischen Leitfadens sämtliche, für das Beschwerdebild relevante Maßnahmen, in welchen der Patient jederzeit aktiv mitarbeitet. Zum Einsatz kommende Testprotokolle geben Auskunft über den Trainingserfolg und dokumentieren klar nachvollziehbare Veränderungen im gesamten Handlungsleitfaden. Der Kassenarzt stellt in der Regel eine Heilmittelverordnung zur Behandlung der Skoliose aus. Normalerweise wählt er die Heilmittel Krankengymnastik (auch als Doppelbehandlung möglich), manuelle Therapie (bei Blockaden) oder Krankengymnastik am Gerät (aktive Trainingstherapie). Für gewöhnlich durchläuft der Patient die Maßnahmen bis zu der im Diagnoseschlüssel angegebenen Gesamtverordnungsmenge. Sollte die Behandlung nun langfristig weitergeführt werden müssen, kann der Arzt seit 01.01.2013 auf sogenannte

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PHYSIOTHERAPIE „Praxisbesonderheiten“ zurückgreifen. Insbesondere für Kinder und Heranwachsende mit einem Skoliosegrad ab 20° kann der Arzt mit der entsprechenden Kennzeichnung auf dem Rezept (ICD-Codierung) langfristig verordnen, ohne dass dies sein Budget belastet. In allen drei Fällen kann die Neurac®-Methode auch im Rahmen einer standardisierten Heilmittelkombination (D 1) bei komplexen Schädigungen mit anderen Therapiemaßnahmen umgesetzt werden. Hinsichtlich der Eingangsproblematik (postoperativ, posttraumatisch, Schmerztherapie, präventiv etc.) aber auch des Alters (vom Kindesalter bis zum Senium) zeichnet sich die Neurac®-Methode durch große Flexibilität aus. Da die Patienten jeden Schritt im Behandlungsprozess aktiv mit gestalten können, sind die Arbeitsbereitschaft und die Motivation erfahrungsgemäß sehr hoch. Neurac®Therapeuten verzeichnen dadurch eine sehr gute Ergebnisqualität und Nachhaltigkeit in der Behandlung von Skoliosen. Unsere Empfehlung: • •

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Nehmen Sie Kontakt zu einem in der Behandlung von Skoliosen erfahrenen Arzt auf. Stellen Sie sicher, dass Ihr Arzt mit speziell ausgebildeten Therapeuten und ggf. Orthopädietechnikern in Verbindung steht, denn nur so ist gewährleistet, dass ein zeitnaher Informationsaustausch stattfindet und eine individuelle Therapie zustande kommen kann. Insgesamt jedoch stellt eine lebensbejahende und optimistische Einstellung der Skoliosebetroffenen die wichtigste Grundlage für eine erfolgversprechende Therapie mit Perspektive dar. Neurac®-Schwerpunktpraxen und weitere Informationen vermittelt Ihnen gerne die Redcord GmbH Deutschland (www.redcord.de) unter Tel.: 07543 9344930. •

Kopf- und Nackenschmerzen mit der CMD-Therapie behandeln Eine Fehlstatik im Biss mit Folgen für den gesamten Organismus? Kopfschmerzen, Schwindel, Nackenverspannungen, Rückenbeschwerden und Tinnitus können ihre Ursachen in einer Fehlstellung der Kiefergelenke und des Unterkiefers haben. Von Christian Bartelmann Der Nackenschmerz: Viele meiner Patienten mit Skoliose klagen immer wieder über Kopfschmerzen, Migräne und Verspannungen der Nackenmuskulatur. Sehr häufig berichten sie dabei über Spannungskopfschmerzen, also muskulär bedingten Kopfschmerzen. Meiner Erfahrung nach haben Verspannungen der Nacken- und Kiefermuskulatur einen großen Anteil daran. Eine Skoliose hat über die Verbindungen von Muskulatur und Faszien fast im-

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mer Einfluss auf die Statik und die muskulären Spannungsverhältnisse des Nackens. Ein skoliotisch bedingter Schulterhochstand verursacht zum Beispiel eine Asymmetrie der Schulter- und Nackenmuskulatur mit ungleichen Längen- und Spannungsverhältnissen. Die Betroffenen klagen oft über einseitige Schmerzen an Schulter, Nacken und der Schädelbasis wie auch über Schmerzen, die sich vom Hinterkopf über die Stirn bis in

die Augen ziehen. Eine Einschränkung der Nackenbeweglichkeit bemerken zudem viele beim Schlafen auf dem Bauch oder beim rückwärts Einparken im Auto. Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsschwäche und allgemeine Abgeschlagenheit sind häufige Begleitsymptome. Die Einnahme handelsüblicher Schmerzmittel bringt in der Regel nur begrenzt und kurzfristig Erleichterung. >>

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SCHMERZTHERAPIE

Foto: Privat

Die Kieferverspannung: Die sog. Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) kann sich u. a. in Kopfschmerzen äußern. Darunter versteht man eine Funktionsstörung aller am Kauapparat direkt und indirekt beteiligten Strukturen. So kann beispielsweise eine Fehlstellung der Zähne oder ein zu kleiner Unterkiefer zu einem Fehlbiss führen, das heißt, beim vollständigen Schließen des Mundes verzahnen sich die Zähne nicht regelrecht. Dies wiederum kann zu dauerhaften Verspannungen der Kiefermuskulatur führen, welche dann Kopfschmerzen auslösen.Wenn der Zahnarzt auf übermäßigen Abrieb der Backenzähne hinweist und man nachts vielleicht auch knirscht, sind das deutliche Hinweise auf eine CMD. Darüber hinaus können auch Stress, deutliche Haltungsabweichungen und muskuläre Defizite der Nacken- und Rückenmuskulatur eine CMD verursachen. Daher sollten sowohl ein in dieser Thematik erfahrener Zahnarzt als auch ein Physiotherapeut zusammenarbeiten. Die Behandlungsmöglichkeiten: Ziel der Behandlung ist es, die verspannten Muskeln im Kopf- und Nackenbereich, welche die Kopfschmerzen auslösen, zu identifizieren. Dazu werden zunächst bestimmte Referenzpunkte am Körper ertastet. Häufig kann der Therapeut an der Schädelbasis oder in der Kiefermuskulatur sogenannte Triggerpunkte ertasten, die beim Behandeln den Kopfschmerz auslösen oder verstärken. Die verspannten Muskeln werden dann mit einer Art Druckmassage so lange behandelt, bis die Symptome verschwinden oder deutlich nachlassen. Bei großflächigen Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich kann eine elektrische Muskelstimulation (EMS) zu einer spürbaren Entspannung der Muskulatur führen. Die beste Erfahrung habe ich mit einer manuellen Konfiguration des Gerätes bei 65 Hz. Bei dieser Frequenz kommt es zur bestmöglichen Stimulation der Muskulatur, welche sowohl bei regelmäßiger Anwendung

einen Zuwachs der Muskelkraft als auch eine spürbare Steigerung der Durchblutung bewirkt. Bei Schmerzen und Verspannungen der Rücken-, Schulter- und Nackenmuskulatur berichten viele Patienten von einer deutlichen Schmerzreduktion. Das Gerät ist für die Nutzung zuhause konzipiert und kann nach kurzer Einarbeitung und Programmierung sicher und einfach ergänzend zur Schmerztherapie eingesetzt werden. Mobile Heimgeräte gibt es bereits ab ca. 60 Euro. Wissenschaftlicher Hintergrund: Insgesamt ist die wissenschaftliche Datenlage bezüglich einer Korrelation zwischen Zahnspangen und Skoliose bzw. einer Craniomandibulären Dysfunktion (CMD) sehr dürftig. Hier gilt es auf Expertenmeinungen und Patientenerfahrungen zurückzugreifen. Auf jeden Fall erachte ich es als sinnvoll, sich bei einer Skoliose auch immer die Zähne einmal genauer anzuschauen. Eine grobe Beurteilung kann man auch ohne besondere medizinische Vorkenntnisse selbst vornehmen. Viele Betroffene wissen bereits, dass sie eine Zahnfehlstellung oder einen Fehlbiss haben, bei dem es zu keiner regelrechten Verzahnung beim Zubeißen kommt. Ob eine Zahnspange Abhilfe schafft oder nicht, muss wohl im Einzelfall und nach Absprache und Abwägung aller Beteiligten geschehen. Physiotherapie kann sowohl ein Kieferorthopäde als auch ein Zahnarzt verordnen.

Über Christian Bartelmann: Staatsexamen in Physiotherapie 1995 an der Physiotherapieschule in Worms, Master in Physiotherapie (Manuelle Therapie) an der Curtin University in Perth/Australien, Weiterbildungen in Skoliose-Therapie nach Lehnert-Schroth und Craniomandibulärer Dysfunktion. Seit 2003 selbstständig in eigener Praxis in München-Trudering. www.physiotherapie-trudering.de

Persönliches Statement: „Da ich selbst eine leichte Skoliose habe und mich so in die Thematik gut einfühlen kann, macht es mir eine besondere Freude, jüngere Patienten im Wachstum über einen längeren Zeitraum zu begleiten. Bei konsequenter Therapie bin ich davon überzeugt, dass man gemeinsam mit und für den Patienten gute Fortschritte erzielen kann. Dies stellt wohl die größte Herausforderung dar und spornt mich immer wieder neu an.“ •

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DIAGNOSTIK & THERAPIE um Folgeerscheinungen und Sekundärschäden des gesamten Bewegungsapparates zu verhindern.

Die Podo-Orthesiologie Über die Lehre, etwas ins Gleichgewicht zu bringen

Die Podo-Orthesiologie hilft dem Patienten, seine eigene optimale Haltung (wieder-)zufinden. Spezifische Sensoren werden dabei in der Fußsohlenmuskulatur aktiviert. Es ist jedoch keine Fußreflexzonentherapie, sondern vielmehr eine neurophysiologische, propriozeptive Beeinflussung der Muskeln. Von Wolfgang P. Schallmey, DO.CN Heilpraktiker

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Der Fuß ist ein äußerst sensibles Organ, das bei jedem Schritt Informationen über Temperatur, Bodenfestigkeit, Oberflächenbeschaffenheit und Bodenneigung wahrnimmt und weitergibt. Im Laufe des Lebens verändern sich diese Fähigkeiten. Die Auswirkung dieser Veränderungen betrifft in der Hauptsache die Muskulatur, die für die Fußgewölbebildung und den Abrollvorgang zuständig ist. Eine Änderung der Fußmuskulatur zieht aber automatisch auch eine Änderung der gesamten Körperstatik und des Bewegungsapparates nach sich. Daher ist es von Bedeutung, die Korrektur von Defiziten und Fehlstellungen des Körpers über den Fuß anzugehen. Der Grund ist die bereits angesprochene Fähigkeit des Fußes, Informationen weiterzuleiten und durch eine sensomotorische Integration eine reflektorische, neuromuskuläre Antwort zu erhalten. Mit dieser Information ist nicht nur die Steuerung des Körpers gegen die Schwerkraft möglich, sondern auch deren kontrollierte Gegenbewegung. Der Fuß ist einerseits ein kybernetisches und andererseits propriozeptives Organ, das über Muskelketten Informationen mit dem Gehirn austauscht. Diese Fähigkeit des Fußes sollte immer therapeutisch berücksichtig werden,

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Der Fuß als eine Schaltzentrale des Körpers beinhaltet eine Reihe von Störmöglichkeiten und stellt ein außerordentlich sensibles und anfälliges System dar, das schnell aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. So unterliegt die Fähigkeit, Informationen über den Untergrund zu erfassen und weiterzugeben einer gewissen Abnutzung. Die Rezeptoren wie Muskelspindel, Haut-, Gelenk- und Mechanorezeptoren (Golgizellen) reagieren auf jede Muskeländerung im Fuß. Das heißt, eine Fußgewölbeänderung verändert den Abrollvorgang und die Steuerung der Fußmuskulatur, was wiederum zu Störungen des gesamten Haltungsund Bewegungsapparates führt. Sensomotorische oder auch propriozeptive Einlagen verbessern die propriozeptiven Fähigkeiten von Koordination und Eigenwahrnehmung des Fußes. Sie sind eine Alternative zu den herkömmlichen statisch, biomechanisch orientierten Einlagentypen und stellen eine Bereicherung des Anwendungsspektrums dar. Die sensomotorisch aktive Therapiesohle gibt afferente Impulse von Muskelspindel, Sehnen- Mechano- und Gelenkrezeptoren als Impuls an das Gehirn weiter (propriozeptiv). Hier findet eine Verschaltung im Kleinhirn statt. Die Sohle stimuliert die speziellen Rezeptoren, beziehungsweise die schwach getestete Muskulatur, und führt so langsam zu einer Stellungs- und Haltungsänderung, da die Muskelketten angesprochen und entsprechend gereizt werden. Bei der Skoliose, besonders der idiopathischen mit einer muskulären Deformation, wirkt die Sohle positiv auf die Muskulatur. Durch spezielle Elemente, die die Fußmuskulatur und somit die propriozeptiven Ketten stimulieren, erfolgt ein muskulärer Ausgleich und somit eine Streckung und Rotationsveränderung der Wir-

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belsäule. Gerade bei Jugendlichen ist die neurovegetative Therapiesohle eine sehr sinnvolle Unterstützung, da kleine Stimulationen über die Muskelketten bereits große Wirkung auf das System Statik zeigen. Ziel ist es, eine aktive Stütze des Fußes durch Stimulierung spezifischer Muskelgruppen hervorzurufen, um eine verloren gegangene koordinative Fähigkeit und das muskuläre Gleichgewicht zu verbessern. Voraussetzung zur Erstellung einer Sohle ist eine eingehende Anamnese. So ist zum Beispiel die zeitliche Linie von Zusammenhängen wichtig, um einige Rückschlüsse auf die Beschwerden zu ziehen. Wann sind die Schmerzen erstmals aufgetreten, ist ein Unfall vorausgegangen, eine Operation, neurologische Erkrankungen u. ä. Wichtig ist auch, ob kürzlich Zähne behandelt wurden, denn Bissstörungen verursachen durch eine nicht korrekt eingepasste Zahnfüllung häufig Haltungsstörungen, die dann zu Schulterbeschwerden, Beckenschiefstand oder Knieschmerzen führen können. Auch eine Brille, neue Schuhe oder Hörbeschwerden gehören zu dieser Anamnese, da diese Einfluss auf das Haltungssystem des Körpers haben. Das Endresultat ist eine neurophysiologische Therapiesohle, die die Aufgabe hat, den Fuß zu aktivieren und über die propriozeptiven Muskelketten Fehlstellungen und Verspannungen zu lösen. Wenn das Bierglas auf dem Tisch schief steht, legen Sie etwas unter das Tischbein und nicht unter das Bierglas. Genau dies macht die Podo-Posturaltherapie mit der podosohle®, es gleicht den Körper über die Füße aus. Literaturhinweise beim Verfasser •

Über Wolfgang P. Schallmey Heilpraktiker und Begründer des Lehrinstitutes für Podo-Orthesiologie, Podo-Posturaltherapie und manuelle Therapien. Das Lehrinstitut bildet ausschließlich Behandler aus und sieht sich u. a. als Fachfortbildungsinstitut für Heilpraktiker, Ärzte und Physiotherapeuten. Den Schwerpunkt legt das Lehrinstitut auf die neurophysiologische Therapie und auf Aus- und Weiterbildungen in Podo-Orthesiologie nach Breukhoven®, die über das Jahr verteilt sind und im In- und Ausland stattfinden. Außerdem ist das Lehrinstitut bekannt für neue Therapieformen und neue Entwicklungen wie z. B. das Skolisohle® Trainings-Programm. Weitere Infos unter www.podo-orthesiologie.de www.skolisohle.de

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LESEZEIT

Tarnkappe

Petra Levator Dr. Franz Begov

Schmerz und Depression überwinden. Durchhalten mit Sport. Ist es Ehrgeiz, Perfektionismus oder typisch weiblicher Masochismus? Was treibt diese kluge Lehrerin und so vielseitig talentierte Sportlerin in Richtung Selbstzerstörung? Ist es ein Superfrauensyndrom oder das verschleierte Handicap Skoliose, dass sie ihre Belastungsgrenzen nicht mitteilen will und kann?

Tarnkappe Schmerz und Depression überwinden. Durchhalten mit Sport.

Von Iris Gabriel Je länger ich mich in dieses Buch vertiefe, wächst neben der Spannung auch die Besorgnis, warum diese leistungsorientierte und hoch engagierte Frau und Mutter nicht endlich die rote Karte zückt. Wann sie endlich ihre Grenzen zieht, Aufgaben abgibt und aufzeigt, dass sie sich nicht länger selbst ausbeutet und ausbeuten lässt. Rückblenden in die Kindheit und Jugend der Autorin lassen erahnen, wo die Ursachen der seelischen Verletzlichkeit liegen, das Nichtannehmenkönnen des Makels einer schweren Wirbelsäulenverkrümmung. Mitgefühl steigt auf und Wut auf diesen Vater, der für ihre Situation nur Unverständnis zeigt. Und da ist dieser gnadenlose Schmerz im Bein und in der bereits 1976 korrigierten und versteiften Wirbelsäule, der Alltag und Psyche beschwert. Nur starke Medikamente und eine weitere riskante Operation können helfen. Doch wo und von wem soll sie durchgeführt werden, nach welcher Methode? Eine Odyssee durch süddeutsche Kliniken beginnt. Die depressive Entwicklung ist schon im Gange. Natur, Bewegung und Sport sind Ausgleich zu Schmerzen und Schulstress als auch Bewältigungsstrategien ersten Ranges. Es folgen diverse Therapien, eine OP und qualvolle Rekonvaleszenz. Nach einer Schonzeit wird weiter hoher Einsatz erwartet. Schon wieder unterwirft sich die gerade genesende Ex-Patientin Stresssituationen und bringt sich unter Leistungsdruck. Erfolge haben ihren Preis. Doch diesmal reichen die Kräfte nicht lange aus. Bevor es zur Katastrophe kommt, zieht sie die Reißleine, denkt endlich nur an sich. Entsetzen und Empörung bei den Angehörigen, mutiges und konsequentes Handeln bei der Autorin. Ein weiterer langer, stationärer Weg – führt er zur Wende, zu Einsicht und Heilung?

TARNKAPPE Schmerz und Depression überwinden. Durchhalten mit Sport. Knirsch-Verlag 2010 ISBN: 978-3-927091-84-9 € 18,90 Petra Levator Bestellung unter www.knirschverlag.de Mehr über die Autorin www.petra-levator.de

Ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Offenheit im Umgang mit den eigenen Schwächen und Grenzen, für mehr Verständnis und Menschlichkeit in unserer Leistungsgesellschaft. Spannend wie ein Krimi, flüssig wie ein Roman. Mutig, authentisch, realistisch. Ein wertvolles Buch zur Selbsterkenntnis, Selbsthilfe und Prävention. •

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Foto: Uli Weiprecht

Ein flüssig und äußerst spannend erzählter Erfahrungsbericht mit interessanten Schauplätzen, darunter Berlin, Basel, Paris und Vichy. Einblicke in den Familienalltag einer Lehrerin mit besonderer Liebe zum Wasser und zu Frankreich. Mit gut verständlichen Hintergrundinformationen (in Zusammenarbeit mit Dr. Franz Begov) zu 24 sportwissenschaftlichen und medizinischen Kernbegriffen wie z. B. Aggression und Sublimation, Biofeedback, Entspannungsmethoden, diagnostischen Verfahren wie Myelografie, Upright-MRT und der Diät nach der Montignac-Methode etc.


MEINE ZEIT

Die Skoliose meiner Tochter Ria „Ich habe die Entscheidung in Rias Hände gelegt, die Skoliose hat nicht mehr oberste Priorität in unserem Leben. Sie ist ein Teil unseres und ihres Lebens geworden, aber dominiert nicht mehr.“ Von einer Mutter

Die Diagnose bekamen wir bei der Einschulungsuntersuchung, verbunden mit dem Hinweis, unsere Kinderärztin zu konsultieren. Ich konnte mit dem Begriff zunächst wenig anfangen und begann mich schlau zu machen – immer mit einer Mischung aus „ich will wissen“ und „das kann doch nicht für uns gelten“. Es wollte mir nicht in den Kopf, dass mein doch eigentlich gesundes Kind mal so aussehen sollte – und wir ein eigentlich nicht lösbares Problem lebenslang an der Backe haben sollten. Gedanklich negierte ich das Thema, es wird schon nicht so schlimm sein/werden und es kann nicht sein, was nicht sein darf. Die Kinderärztin verwies uns an eine Physiotherapeutin, eine sehr nette junge Frau, die auch regelmäßig zu uns ins Haus kam. Ria zeigte bald wenig Begeisterung, bei den Übungen mitzumachen, geschweige denn diese alleine oder täglich mit mir durchzuführen. Wir führten einen täglichen Kampf, hatten Ärger und Stress – und ich einen immensen Zeitaufwand, weil dieses Thema in meinem Kopf ständig präsent war. Die Physiotherapeutin zeigte uns Bilder, wie der Rücken später aussehen kann, wenn man nichts tut – Ria zeigte sich wenig beeindruckt. Es war auch nicht herauszufinden, was sie überhaupt über das Thema dachte. Sie war ein schwieriges Kind, mit dem insgesamt schwer zu reden war, das höchstens ärgerlich wurde und jegliches Gespräch und auch das Essen verweigerte, wenn ihm etwas nicht passte. Irgendwann streikte ich auch und dachte mir: „Die Skoliose darf nicht unseren gesamten Alltag beherrschen“ und „das kann es auch nicht sein, so machen wir uns nur gegenseitig fertig“ – ich gab irgendwie auf. Ria „turnte“ nur einmal die Woche – was natürlich viel zu wenig war. Mit etwa 10 Jahren schickte die Kinderärztin uns zu einem Orthopäden. Er diagnostizierte bereits ca. 40° – stellte uns Korsett und einen Kuraufenthalt in Bad Sobernheim in Aussicht – Schock! Außerdem schickte er uns zu einer Schroth-Therapeutin. Wir fuhren zum Korsettbauer, saßen stundenlang im überfüllten Wartezimmer, es wurde anprobiert, korrigiert und so fort. Die Zeit lief davon, Ria wusste nicht, wie sie mit den Hausaufgaben fertig werden sollte (das G8 ist gnadenlos – und die Lehrer dazu) und ich bekam Schwierigkeiten mit meinen Kunden. Irgendwie muss man als alleinerziehende Mutter auch den wirtschaftlichen Aspekt des Lebens am Laufen halten. Das Korsett drückte, zwickte, scheuerte, ich redete ihr gut zu, wir fuhren wieder zum Ändern – Ria trug das Teil immer nur wenig, es klappte nicht. Ich machte mich fertig – so viel Aufwand (Zeit, Mühe der Korsettbauer, Kosten der Kasse) und Ria spielte nicht genug mit – wieder Stress. >> RÜCKENzeit | Das Skoliose-Magazin | Ausgabe 01/2013

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MEINE ZEIT Als Ria 13/14 Jahre alt ist, beschließen wir einen Aufenthalt in Bad Sobernheim. Ich kann wegen meiner Arbeit und unseren Haustieren nicht dort bleiben und habe eine stressige Zeit daheim, weil ich merke, dass es dort nicht klappt. Ria ist unglücklich, findet keinen Anschluss. In Bad Sobernheim habe ich keinen rechten Ansprechpartner, hinfahren kann ich nicht. Sie bekommt ein neues Korsett mit dem Hinweis, es unbedingt 23 Stunden zu tragen. Das klappt wohl auch – es tragen ja alle eines. Daheim klappt es wieder nicht, es klemmt und zwickt, sie kann damit nicht essen (ist eh schon so mager), nicht Fahrrad fahren (wie soll sie dann in die Schule kommen?), nicht richtig schlafen (soll aber für die Schule fit sein) – alles ist verknotet, unsere Beziehung, ihr Rücken … also wieder Stress.

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Skoliose-OP-Info

Informationen und Erfahrungsaustausch

Ich komme mir oft vor wie im Tollhaus – nebenbei ist meine Mutter auf dem Wege in die Demenz und erklärt mir, was ich alles machen soll! Ärzte und Korsettbauer erklären mir natürlich auch, was ich alles machen soll und wofür ich bei Ria natürlich sorgen soll. Bei den Lehrern sind es die Hausaufgaben, für die ich sorgen soll (hier habe ich mich aber bereits in der 6. Klasse weitgehend ausgeklinkt, weil es nicht mehr ging), bei der Physiotherapeutin soll ich für Rias tägliche häusliche Übungen sorgen, und um 23 Stunden Korsetttragen soll ich mich natürlich auch kümmern. Ich habe die Grenze zum Burn-out überschritten. Und nebenbei ist im Geschäft der Teufel los! So kann es nicht weitergehen. Irgendwann sage ich mir: „Hab mich gerne, das ist Dein Leben und ich bin nicht bereit, für Deine Skoliose auf mein Leben zu verzichten!“ Seitdem wurde unsere Beziehung zuhause etwas besser. Die Gradzahlen der Skoliose stiegen weiter an – ich verinnerlichte und akzeptierte, dass ich ein Kind mit schiefem Rücken habe. Es ist halt so, aber das Leben geht weiter, machen wir das Beste daraus. Die OP verweigere ich, das soll sie mal schön selbst unterschreiben. Ria wollte auch keine OP, obwohl die Ärzte natürlich drängten. Ich suchte den Kontakt zur Skoliose-Selbsthilfegruppe und sprach mit vielen Betroffenen, die sich erst später oder gar nicht operieren hatten lassen – es gibt offenbar nicht die „Ideallösung“. Auch der Orthopäde sagte mir später einmal, dass jeder seinen Weg finden muss und es sowohl bei den Operierten als auch den Nichtoperierten Glückliche und Unglückliche gibt. Ich fühle mich in meiner Einstellung des Loslassens bestätigt. •

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MEINE ZEIT

Aufgefallen ist die Skoliose etwa im Alter von 8 Jahren. Ich erhielt im Kindesalter Krankengymnastik und musste mehrere Jahre in Gipsbetten liegen. Ein im Alter von etwa 14 Jahren verordnetes, sogenanntes Hebekorsett habe ich nur kurzzeitig getragen. Eine Operation erfolgte nicht. Seither hatte ich mehrere Reha-Aufenthalte, später solche mit zum Teil spezieller Kranken- und Skoliosebehandlung.

„Ich stehe zu mir und möchte anderen Mut machen“ Von Dieter Hemmann

Seit mehreren Jahren erhalte ich regelmäßig wöchentlich eine ambulante Krankengymnastik am Gerät und gleichzeitig Krankengymnastik nach Schroth. Ich bin schwerbehindert mit einem anerkannten Grad der Behinderung von 70 und dem Merkzeichen G.

Foto: Andrea Vollmer

Mein Name ist Dieter Hemmann, ich bin 1954 geboren und lebe im schönen Spreewald. Ich bin seit 1982 verheiratet, habe drei erwachsene Töchter und ein Enkelkind. Ich habe eine sogenannte hochgradige Kyphoskoliose mit einem Skoliosewinkel nach Cobb von 79°, die eine massive degenerative Veränderung der betroffenen Bandscheibenabschnitte nach sich zieht.

Bei körperlich starker Beanspruchung oder Dauerbelastung sowie Fehlhaltung des Körpers kommt es zeitweise, aber auch über längere Zeitabschnitte hinweg zu Schmerzen, vor allem im Schulter-, Hüft- und Lendenbereich. Auch sog. „BlockaIm letzten Reha-Entlassungsbericht nach der Schroth-Therapie heißt es: den“ häufen sich. Meine Skoliose schwerste linkskonvexe Krümmung, Rippenbuckel links, Skoliometerwert verursacht zwar noch keine Dauer(nach Bunnell) thorakal 29°, lumbal 11°. Es besteht eine Osteoporose-Er- schmerzen, aber Schwierigkeiten bekrankung, die über mehrere Jahre mit Medikamenten behandelt wurde. Der- reitet mir vor allem die öfters auch zeit erfolgt keinerlei medikamentöse Behandlung. in Ruhestellung auftretende Luftnot. >> RÜCKENzeit | Das Skoliose-Magazin | Ausgabe 01/2013

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▲ Glückliche ZEIT: Dieter Hemmann mit Enkelkind

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich sehr viele Fort- und Weiterbildungen, u. a. im Sozial-, Betreuungsund Verbraucherrecht, in der klinischen Beratung und der Seelsorge absolviert. Gegenwärtig bin ich als Vereinsbetreuer und gerichtlich bestellter Betreuer im Betreuungsverein bei einem regionalen diakonischen Werk 30 Stunden wöchentlich beschäftigt. An meinem Arbeitsplatz befinden sich ein speziell angefertigter Skoliose-Bürostuhl und ein elektrisch höhenverstellbarer Schreibtisch. Beides habe ich über den zuständigen Rententräger beantragt und finanziert bekommen. Gelegentlich bin ich auch noch ehrenamtlich sozial und kulturell tätig. So bin ich – auch gemeinsam mit meiner Frau und ab und zu mit unseren Töchtern – zu Ausstellungsbesuchen, Konzerten und Theaterbesuchen, Schriftstellerlesungen und Ausflügen nah und fern unterwegs.

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Das Umfeld Eine nennenswerte Reaktion, Mitleid oder Bedauern, Auslachen, Ausgrenzung oder Ablehnung seitens meines Umfeldes habe ich nie erlebt. Mir war es immer sehr wichtig, meine Erkrankung zu akzeptieren und mich mit ihr zu „arrangieren“, sie als einen Teil von mir anzunehmen. Mir war es bisher auch immer wichtig, etwas dafür zu tun, um zu verhindern, dass mir meine Skoliose-Erkrankung dauerhaft Schmerzen bereitet. Deshalb ist die dreidimensionale Skoliose-Therapie nach Katharina Schroth schon seit Jahren immer wieder meine Begleiterin. Eine mir des Öfteren angeratene operative Behandlung meiner Skoliose habe ich abgelehnt, da ich dafür keinen Grund sah.

zu lassen. Ich habe dabei keinerlei Scham oder Unwohlsein empfunden. Im Gegenteil – es hat mir große Freude bereitet unter professioneller Anleitung als Model zur Verfügung zu stehen. Die Zusammenarbeit mit der Fotografin Andrea Vollmer bei mir zu Hause war sehr interessant, noch dazu im Rahmen eines so wichtigen Projekts, mit welchem das Thema „Skoliose“ ein Stück mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden kann, um Betroffenen und Nichtbetroffenen Hilfe geben und Mut machen zu können.

Bereits der mir im Vorfeld bekannte Ausstellungskatalog überzeugte und begeisterte mich. Die Fotos sind sehr persönlich, fesselnd und bewegend, lassen zudem dem einzelnen Betrachter auch Kraft schöpfen Es ist für mich als praktizierenden Raum zum Nachdenken. Ich bin naChristen wichtig und eine große Hil- türlich gern zur Ausstellungseröfffe zugleich, dem Leben vertrauen zu nung von Andrea Vollmer nach Berlin dürfen, dankbar für jeden neuen Tag gefahren. Die Vernissage war gelunzu sein, im Hier, Heute und Jetzt le- gen. ben zu können, ernst genommen zu Die Besucheranzahl – trotz des werden, Bedürfnisse, Wünsche und schlechten Wetters – war groß. Die Träume zu haben, auch Angst und Einleitung und Redebeiträge, auch Traurigkeit haben zu dürfen, auch von einigen Abgebildeten, gaben einmal mit mir und der Welt unzu- der Ausstellung einen unvergesslifrieden zu sein, für andere Mitmen- chen Rahmen. Ich habe den großen schen da zu sein, so sein zu dürfen, Wunsch, dass diese Ausstellung zu einer „Wanderausstellung“ wird, die wie ich eben bin. aber trotzdem auch immer etwas Besonderes und Einmaliges bleiben Das Fotoshooting Da ich selbst sehr viel und gern fo- soll. Informationen zur Fotografin tografiere, war es für mich sehr Andrea Vollmer aus Berlin unter spannend, mich mit meiner Skolio- www.andreavollmer.de • se-Erkrankung einmal fotografieren RÜCKENzeit | Das Skoliose-Magazin | Ausgabe 01/2013

Foto: Privat

Der Alltag Meine Skoliose-Erkrankung hat mich bisher in meinem persönlichen, privaten und beruflichen Alltag nicht bemerkenswert belastet. Nach einer abgeschlossenen kaufmännischen Ausbildung wechselte ich und bin seit fast 40 Jahren im kirchlich-diakonischen Dienst als Diakon, DiplomSozialarbeiter (FH) und Angestellter in verschiedenen Leitungsfunktionen tätig.


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Rückenzeit Magazin 01/2013  

„RÜCKENzeit“ ist ein Magazin für Patienten mit chronischer Wirbelsäulenerkrankung. Schwerpunkt des Magazins ist die Skoliose.

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