Page 1

märz/april Nr. 03 / 2012

Neu

Sind Frauen moralischer als Männer ? Vereinigt euch!

Warum Deutschland und Frankreich fusionieren sollten

Sterben lernen Ernst Tugendhat über letzte Fragen

Wer vergibt uns unsere Schulden?

Genealogie der Finanzkrise

16-seitiges Booklet Sammelbeilage von

Spezial -Ausgab Lesepro b e das Ph e - Entdecken ilosophie S Magazin ie !

Nr. 03

Nietzsche

Die Kultur der schuld „Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift“ von 1887 (Auszug)

Nietzsche Denk dich frei!


In unseren ersten Ausgaben: Dr. Wolfram Eilenberger Chefredakteur

Ökonomische Krisen, schwelende Kriege, permanenter Informationsüberfluss: Es ist heute schwieriger denn je, den Sinn für das Wesentliche zu bewahren. Deshalb bietet das Philosophie Magazin ein völlig neuartiges journalistisches Konzept: Wir betrachten die wichtigen Fragen des Lebens und der Gesellschaft aus philosophischer Perspektive. Weltweit führende Denker äußern sich zu den drängenden Problemen unserer Zeit. Sie analysieren, klären, mahnen und inspirieren. Außerdem stellen wir in jedem Heft die Kerngedanken eines klassischen Philosophen vor. Das Philosophie Magazin bietet damit eine einzigartige Mischung aus Aktualität, Orientierung und Bildung. Wir liefern keine vorgefertigten Lehren oder Meinungen, sondern vermitteln Denkanstöße und neue Perspektiven. Verständlich, überraschend, relevant. Genau so, wie gute Philosophie schon immer war.

Slavoj Žižek Der slowenische Psychoanalytiker und Philosoph ist einer der bekanntesten linken Denker. In seinem Buch „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs“ (S. Fischer, 2011) fordert er den radikalen Systemwechsel. Im großen Interview der Nr. 02 erklärt der notorische Provokateur seine politische Position und sich selbst

Annette Schavan Die Bundesministerin für Bildung und Forschung ist promovierte Philosophin. Das Thema ihrer Doktorarbeit: Gewissensbildung. Als Honorarprofessorin lehrt sie an der Freien Universität Berlin. Im zweiten Heft diskutiert die CDU-Politikerin mit dem Sozialphilosophen Hans Joas über Werte und Vorbilder

Julian Assange Der Wikileaks-Gründer ist einer der umstrittensten politischen Aktivisten des 21. Jahrhunderts. Wegen der Veröffentlichung von US-Diplomatendepeschen geriet er 2010 erstmals ins Kreuzfeuer der Kritik. In der Nr. 01 streitet er mit dem Moralphilosophen Peter Singer über den Wert der Transparenz

Barbara Vinken Die Literaturwissenschaftlerin an der LudwigMaximilians-Universität München streitet im Dossier der dritten Ausgabe mit Eugen ­Drewermann über die Frage, ob Mutterliebe natürlich ist. Publikation zum Thema: „Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos“ (S. Fischer, 2007)

Redaktion & Verlag: Philomagazin Verlag GmbH, Rodenbergstraße 29, D-10439 Berlin Tel: +49 (0)30 60 98 58 219 E-Mail: info@philomag.de Geschäftsführer & Herausgeber: Fabrice Gerschel Stv. Herausgeberin: Anne-Sophie Moreau Abo-Service: Philosophie Magazin Leserservice PressUp GmbH Postfach 70 13 11, 22013 Hamburg Tel: +49 (0)40 / 41 448 463 Fax: +49 (0)40 / 41 448 499 E-Mail: philomag@pressup.de

Der emeritierte Professor für Philosophie lehrte zuletzt an der Universität Tübingen. Sein Buch „Immanuel Kant“ (C. H. Beck, 2007) ist ein Klassiker. Im Heft Nr. 02 erörtert der Philosoph, ob der Pflicht­ ethiker Kant die Occupy-Wall-Street-Bewegung gutheißen würde

Ariadne von Schirach arbeitet als Kritikerin und Journalistin für das Deutschlandradio. In ihrem Beitrag „Frauenfantasien“ in Heft Nr. 03 beleuchtet die Philosophin die dunkle Seite des weiblichen Begehrens. Ihr Buch „Tanz um die Lust“ (Goldmann, 2007), das die Widersprüche der pornografisierten Gesellschaft untersucht, war ein Bestseller

Florian Henckel von Donnersmarck In der Kolumne „Projektionen“ denkt der Regisseur und studierte Philosoph über die Wechselwirkungen von Film und Gesellschaft nach. Für seinen Debütfilm „Das Leben der Anderen“ erhielt er 2007 einen Oscar. Er lebt in Los Angeles und schreibt derzeit an einem neuen Drehbuch

© Alexandra Kinga Fekete, Trevor Good, Jérôme Galland, Christian Protte, privat, dpa, Özgür Albayrak

Otfried Höffe


Ihre neue Zeitschrift für die großen und kleinen Fragen des Lebens „Die Welt aus philosophischer Perspektive betrachtet“ ZEITGEIST GRENZGANG

Zeitgeist

||||||||||||||||

Denken ||||||||||||||||

hinter Gittern

ZEITGEIST XXX XXX

E

in klarer Wintertag in Berlin. Scheinbar endlos zieht sich die Gefängnismauer, Spiralen aus Stacheldraht glänzen in der Sonne. Der Besuchereingang befindet sich links neben dem Haupttor. Eine schwere Tür öffnet sich automatisch und schließt sich sofort nach dem Eintreten mit einem Geräusch, als würde ein Gefäß luftdicht versiegelt. Das Gefängnis Tegel wurde 1898 in Betrieb genommen. Zwei Teilanstalten aus dieser Zeit werden noch genutzt, eine wurde bis auf Weiteres geschlossen: Zellen von 5,25 Quadratmetern verstößen gegen die Menschenwürde, befand das Berliner Verfassungsgericht 2009. Der Weg zur moderneren Teilanstalt  V, in der Hauke Burmeister untergebracht ist, führt über den Gefängnishof. Ein Häftling mit Schubkarre überquert das Gelände, dicht gefolgt von einem Beamten. An der Südwestseite des Hofes thront hoch oben ein Beobachterposten. Ist Philosophie an einem Ort, der vom Gesetz des Misstrauens beherrscht wird, überhaupt möglich? Seit der Jahrtausendwende kommen regelmäßig Studierende der Freien Universität Berlin, Psychologen und Philosophen in die JVA Tegel und diskutieren mit Gefangenen über Themen wie Freundschaft, Toleranz, Werte. Prinzipiell ist die sokratische Gruppe für alle Insassen des Hauses V offen; lediglich akut Gewaltbereite sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Auch Hauke Burmeister nimmt an den Gesprächen teil. Seit neun Jahren sitzt der 53-Jährige im Gefängnis, Tegel ist bereits sein 19. Inhaftierungsort. Unser Gespräch findet in einem kleinen vergitterten Raum im Erdgeschoss statt. Ein Tisch, zwei Stühle, für mehr ist kaum Platz. Vom Fenster her zieht es ein wenig. Aufsicht wird es keine geben, „wir wollen ja nichts zensieren“, erklärt Lars Hoffmann, Leiter der sozialpädagogi-

ZEITGEIST ANALYSE

ZEITGEIST

Selb Se lbst lb stmo st mord mo rd““ so rd sowi wie wi e de den n „ff att al alis isti is ti-ti sch hen Se S lb lbst stmo st mord mo rd“, rd “ der auf ein n Übe Übe berr maß ma ß an soz ozia iale ia len le n No Norm rmen rm e zurückg geht. Poli Po liti li tisc ti sch sc h mo moti tivi ti vier vi erte er te S el elbs b tm bs m or orde de liließ eß D Dur urkh ur khei kh eim ei m in sei eine nerr ei ne ein nfluss ssre reire ichen ch en Sch chri rift ri ft dab abei ei völ öllililig g au auß ßerr Ac Acht ht. ht Heut He ute ut e pr präg ägen äg en ssie ie jjed edoc ed och oc h da dass We elt ltge ge-ge sche sc hehe he hen: he n: W Wäh ähre äh rend re nd d das as Sel elbs b tm mor orddatte at tent te ntat nt at a auf uf die Töt ötun ung un g un unbe b te teilililig ig-ig terr Dr te Drit itte it terr zi te ziel elt, el t ist ein Fre reit i od dw wie ie die di e Se Selb lbst lb stve st verb ve rbre rb renn re nnun nn ung un g ei ein n sy s mb mbol oliol ische sc herr Ak he Akt, t, der als u ult ltim lt imat im ativ at ive iv e Au A to toag agag gres gr essi es sion si on a auf uf d die ie Q Qua uale ua len le n ei eine ness ga ne anz nzen en Volk Vo lkes lk es a auf ufme uf merk me rksa rk sam sa m ma mach chen ch en willl.l

>

Beverl Beve rly y Hi Hill lls s / USA / 11. 11 2.20 2012 12

SINNBILD

Kill Your Idols

„Der Wahnsinn einer Handlung misst sich an der Zahl der Gründe, die sie determiniert haben“ 10

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

D

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

Brüsse Brüs sell / Bel elgi g en n/1 11. 1.2. 2.20 2012 12

Kopfgeburt

© REUTERS (2), AFP/Getty Images, Tom Donahue/Polaris/laif, Getty Images

Netz Ne tzak tz akti ak tivi ti vist vi sten st en kkri riti ri t siier erte ten te n jü jüng ngst ng st sch char arff ar das internationale Handelsabkommen n ACTA AC TA, da TA dass di die e Ur Urhe h be berr rrec rr echt ec hte ht e im Int nter er-er nett sc ne schü hütz hü tzen tz en sol oll.l Im Hi Hint nter nt ergr er grun gr und un d de derr De De-batt ba tte tt e st steh ehtt di eh die e Fr Frag a e:: Wem g geh ehör eh ören ör en g gei eisei s stige ti ge Pro rodu dukt du kte? kt e? K Kan ann n ma man n si sie e be besi sitz si tzen tz en,, en wie wi e ma man n Au Auto toss be to besitz tzt? tz t? F Für ür die lib iber ertä er täre tä re Phil Ph ilos il osop os ophi op hin hi n Ay Ayn n Ra and iist st d die ie L Lag age ag e ei einndeut de utig ut ig:: De ig Derr Me Mens nsch ns h hab abe e ei ein n un unbe bedi be ding di ng-ng tess Re te Rech chtt „a ch „an n de dem m Pr Prod oduk od uktt se uk sein ines in es V Ver erer stan st ande an des“ de s“.. Do s“ Doch ch sin nd ge geis isti is tige ti ge Pro rodu dukt du kte, kt e, wie wi e et etwa wa R Rom oman om a e od oder er p phi hilo hi loso lo soph so phis ph isch is che ch e Text Te xte, xt e wir irkl klic kl ich ic h Erze ze eug ugni niss ni sse ss e de dess ei eige gene ge nen ne n

>

Kopf Ko pfes pf es?? Fü es Fürr di die e bu bulg lgar lg aris ar isch h-franzö f ösische h Philililos Ph osop os ophi op hin hi n Ju Julililia a Kr Kris iste is teva te va bau autt si sich c jed eder er Text Te xt „„al alss ei al ein n Mo Mosa saik sa ik von Zit itat aten at en auf u . Je Jede derr de Text Te xt ist Abs bsor orpt or ptio pt ion io n un und d Tr Tran ansf an sfor sf orma or ati tion on eine ei ness an ne ande dere de ren, re n, b ber erei er eits ei ts g ges esch es chri ch rie ri eb en eben enen en Text Te xtes xt es“. es “. Die Pro rodu dukt du kte kt e de dess ei eige gen ge nen n Ve Verrstan st ande an dess en de entp tpup tp uppe up pen pe n si sich ch unt nter er die i se er in intert te rtex rt extu ex tuel tu elle el len le n Pe Pers rspe rs pekt pe ktiv kt ive iv e al alss ne neu u ar arra ranra n gier gi erte er te Sam amml mlun ml ung un g be best steh st ehen eh ende en derr Sc de Schrrif ifte ten. te n Akte Ak tenv te nver nv erme er merk me rk:: Na rk Nach ch a allllllem em,, wa em wass be b ka kann nntt nn ist, is t, h hat at d die iese ie se The heor orie or ie Kri rist stev st eva ev a al alle l rd rdin ings in gs nich ni chtt da ch dazu zu b bew eweg ew egt, eg t, auf die Urh rheb eber eb e re ech chte te fürr ih fü ihre re eig igen enen en en W Wer erke er ke zzu u ve verz rzic rz icht ic h en en.

18

Menlo Menl o Pa Park rk / US USA A / 25 25.1 .1.2 .201 012 2

Allwissender Erzähler Face Fa cebo ce book bo ok h hat at a ang ngek ng ekün ek ündi ün digt di gt, sä gt sämt mtli mt lich li che ch e Pr Proofile ssei eine ei nerr kn ne knap app ap p 90 900 0 Mi Millllllio ione io nen ne n Nu Nutz tzer tz er auf d die ie Time Ti melililine me ne umz mzus uste us tellllllen te en.. Di en Dies ese es e ne neue ue F Fun unkt un ktio kt ion io n so oll es ei einf nfac nf ache ac herr ma he mach chen ch en,, di en die e ei eige gene ge ne B Bio iogr io gragr a fie da darz rzus rz uste us tellllllen te en. Nur ein Klick auf die entsprech hen ende de JJah ahre ah resz re szah sz ahll od ah oder er den ent ntsp spre sp rech re chen ch ende en den de n Mona Mo nat, na t und sof ofor ortt wi or wiss ssen ss en d die ie Fre F>re reun unde un de v von on „P Pet eter er Pos oste ter“ te r“,, wa r“ wass di dies eser es er e ein inst in st g ged edac ed acht ac ht, ge ht ge-sa agt o ode derr ge de gema mach ma chtt ha ch hat. t . Fac aceb eboo eb ookoo k-Gr kGrün Gr ünde ün derr de Mark Ma rk Z Zuc ucke uc kerb ke rber rb erg er g pr prei eist ei st die Tim imel elin el ine in e al alss „e „ein ine in e ne eue Art rt, um aus uszu zudr zu drüc dr ücke üc ken, ke n, w wer er d du u bi bist st“. st “ Er ou ute tett si sich ch dam dam amit it a als ls V Ver ertr er tret tr eter et er e ein iner in er „na narr na rrat rr atiat ive en Id Iden enti en titä ti tät“ tä t“.. Na t“ Nach ch die iese serr ph se philililos osop os ophi op hisc hi sche sc hen he n Th heo eori rie ri e is istt da das, s was jed eder er von u uns ns ssei ein ei n „I „Ich ch““ ch

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

ie britische Wochenzeitschrift The Economist hat auf ihrer Webseite eine spektakuläre „Weltschuldenuhr“ installiert, deren Stand in Echtzeit aktualisiert wird: In dem Moment, da ich diesen Artikel schreibe, beläuft sich der weltweite Schuldenstand auf 38 897 801 487 732 Dollar. Man muss blinzeln, so schnell wird die Summe größer. Auch wenn sie stolz auf ihr Triple-AAA-Rating sein kann, hält die BRD einen traurigen Rekord: Sie hat den höchsten Schuldenstand der Alten Welt. 1,78 Billionen Euro, gegenüber 1,75 Billionen in Italien, 1,54 Billionen in Frankreich oder 287 Milliarden Euro in Griechenland. Umgerechnet beträgt die Pro-Kopf-Verschuldung jedes Deutschen 21 447 Euro. Schlimmer noch, die Zahlen könnten weit unterschätzt sein. Das Handelsblatt hat im September gemeldet, die deutschen Schulden seien 5 Billionen Euro höher als vermutet, da in den öffentlichen Finanzen des Landes die Alterung der Bevölkerung, die zurückzulegenden Rentengelder, die Kosten des Gesundheitssystems sowie die Pflegekosten nicht einbezogen seien. Die glücklichen Erben der Frühgeschichte Doch versuchen wir, etwas Abstand zu gewinnen: Muss ein solches Unbehagen der westlichen Zivilisation ausschließlich mangelhafter Voraussicht der Verantwortlichen zugeschrieben werden, einer Pandemie schlechter Führung? Oder reichen die Wurzeln tiefer, da der ökonomische Diskurs über Schulden nur eine partielle Ansicht der Krise bietet? Sind Schulden am Ende gar ein Produkt der morali-

schen Struktur Kultur? nenn ne n t, n nic icht ic htss an ht ande dere de ress al re alss unserer dass Pr da Prod oduk od ukt uk t ei eine nerr Er ne ErUnter ethischen zähl zä h un ng, d die ie die iese ses se s „I „Ich ch““ üb ch über erGesichtspunkten ssic ich ic h se selb lbst lb st er- sind Schulden eine wahrhaft geniale ndung, die das Geschick der Menschzähl zä h t. Dan anie iell De ie Denn nnet nn ett et t (g (geb eb..Erfi eb 1942 19 42), 42 ), ein H aupt au ptpt vert ve r re ete terheit r de derrtief Theo Th eori eo rie, ri e, w wei eist ei st dar arau auff hi au hin, n, e ess greifend veränderte. Friedrich Nietzsche widmet stehe jede dem m „IIch ch““ fr frei ei, hi ei hin n un und d wi wied eder ed er ssei ei-ei nen ne n eiige gene nen ne n „n „nar arra ar rati ra tive ti ven ve n Sc Schwerpu p nkt“ zu än22 dern de rn — rn — zum B Bei eisp ei spie sp iel, ie l, iind ndem nd em es de derr ei eige gene ge nen ne n Er Erzähl zä hlun hl ng ne neue ue F Fak akte ak ten te n hi hinz nzuf nz ufüg uf ügtt od üg oder er and nder ere er e wied wi ederr lös ed ösch cht. ch t So na natü türl tü rlic rl ich ic h au auch ch im ei eige gene ge nen ne n Face Fa cebo ce ook ok-P -Pro -P rofi ro fil. N Nur ur F Fac aceb ac eboo eb ookk se oo selb lbst lb st llös ösch ös chtt ch kein ke ine in e Da Date ten. te n. U Und nd ver ergi giss gi sstt au ss auch ch n nic icht ic hts. ht s Wer weiß we iß, we iß welc lche lc he Ges esch chic ch icht ic hte ht e da dass so sozi zial zi ale al e Ne Netz tztz werk we rk in n Zu Zuku kunf ku nftt üb nf über er d dic ich ic h er erzä zähl zä hlen hl en w wir ird ir d — un und d zu wel e ch hem Z Zwe weck we ck. ck

19

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

29

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

>

Wenn wir der Schuldenfalle entkommen wollen, müssen wir unser Verständnis von Schuld, Zeit und historischem Handeln radikal überdenken Von Alexandre Lacroix

Erst Er st Mic M ic icha hael ha el Jac J ac acks kson ks on,, da on dann nn Amy A my Win W in inee- ni nieß eßen eß en zu la lass ssen ss en,, da en dami mitt wi mi wirr se selb lbst lb st nic icht ht in n Oslo, Norwegen, 6. Februar 2012: hous ho use, us e, jjet etzt et zt W Whi hitn hi tney tn ey H Hou oust ou ston st on.. Sc on Scho on wi wieeAttentäter edie di e Ge Gefa fahr fa hr d des es E Exz xzes xz esse es sess ge se gera rate ra ten. te n. D Der er iint nterrnt der de r st stir irbt ir btBehring ein e in S Sta tarr Breivik ta fürr se fü sein ine in e Fa Fan ns. Fü Für die di e pa pass ssiv ss ive iv e Ge Genu nuss nu ss iist st e ein in d del eleg el egie eg iert ie rter rt er G Gen enu en uss: s:: Anders erscheint inr Handschellen Fans? WasAnhörung hat die Drog genund Me M dika„Offenbar weichen interp passive Mensche en zu einer vor Gericht. Seine Anschläge ment me nten nt ensu en such su chtt de ch derrkosteten gena ge nann na nnte nn ten te n Id Idol ole mi ol mitt de den ndasih ihre rerr Lu re Lust st aus us, in inde dem de m si sie e di dies ese es e an ande dere de r n vom Juli 2011 77 Menschen Sehn Se hnsü hn süch sü chte ch ten te n de derr Ma Mass sse ss e zuseine tun un?? Ei ETat nffac ach al-- Pe al Pers rson rs onen on en, Ti en Tier eren er en, Ma en Masc schi sc hine hi nen ne n et cet eter e a Leben. Er rechtfertigte inheinem knapp les, le s wür ürde de der öst ster erre er reic re ichi ic hisc hi sche sc he Phiilo loso soph so ph üb über ertr er trag tr agen ag en“, ana en naly lysi ly sier si ertt Pf er Pfal alle al ler. le r. Sta tars rs leb leb eben n 1500-seitigen rechtsradikalen Manifest Robe Ro bert be rt Pfa fallllller er ant ntwo wort wo rten rt en. De en Derr vo von ih ihm m ge ge-- fü fürr un unss da dass ex exze zess ze ssiv ss ive iv e Le Lebe ben, be n, d das as wir unss präg pr ägte äg te Beg Beg egri riff ri ff Int Int nter erpa er pass pa ssiv ss ivit iv ität it ät bez e ei eich chne ch nett wü ne wüns nsch ns chen ch en und d doc och oc h au auff ke kein inen in en F Fal alll le al lebe b n 11is die di e ve verb rbre rb reit re itet it ete et e Pr Prax axis ax is,, an ande dere de re fü für uns gee wollllllen wo en.. • en

Michel Foucault / „Wahnsinn und Gesellschaft“

„Ohne die sokratischen Gespräche würde ich elendig verrecken“ „zu wenig Zeit geschenkt“. Mit einem Lachen, das eigentümlich antrainiert klingt, fügt er hinzu: „Da brannte ganz schön die Hölle damals!“ Eigentlich sei er hier im Gefängnis zum ersten Mal in seinem Leben richtig zur Ruhe gekommen. Und ja, er denke hier sehr viel nach. Psychologisch in der Therapie, philosophisch in den sokratischen Gesprächen, an denen er regelmäßig teilnimmt. „Ohne die sokratischen Gespräche würde ich elendig verrecken in dieser Verblödungsanstalt“, sagt er. „Denken im allgemei-

Schulden? Prob Pr oble ob lem le m zu z lös ösen en:: nä en näml mlic ml ich ic h ei eine nen ne n Ge Gege genge nstan st and an d zu unt nter ersu er such su chen ch en und g gle leic le ichz ic hzei hz eiti ei tig ti g jegl je glic gl iche ic hen he n Ko ont ntak aktt de ak dess Ge Gege gens ge nsta ns tand ta ndss mi nd mitt dem de m Er Erke kenn ke ntn tnis isin is inst in stru st rume ru ment me nt zu ve verh rhin rh in-in dern. „Von de V dem, was (die Dinge g ) an sic ich h selb se lbst lb st sei e n mö möge gen, ge n, w wis isse is sen se n wi wirr ni nich chts ch ts.““ ts Jede Je dess er de erka k nn nnte te Din ing, g, mei mei eint nte nt e Ka Kant nt,, is nt istt scho sc hon ho n im imme me er vo von n un unse sere se ren re n An Ansc scha sc hauu ha uung uu ngsng s sund un d Ve Vers rsta rs and ndes eska es kate ka tego te gori go rien ri en kon onta tami ta mini mi nier ni ert. er t. Sollllllte So te die Wos osto tokto k-An kAnal An alys al yse ys e oh ohne ne men ensc schsc hlilich chen ch en Ein i flus usss ge gelililing ngen ng en,, hä en hätt tten tt en die rus us-sisc si sche sc hen he n Fo Fors rsch rs cher ch er die ers ers rste te a abs bsol bs olut ol ut rrei eine ei ne Erke Er kenn ke nntn nn tniss rea tn ealililisi sier si ert. er t

dem Konzept der Schuld in der zweiten Abhandlung der „Genealogie der Moral“ (1887) eine lange Passage. Dem Geschichtsbild Nietzsches zufolge konnte die Menschheit erst durch Schulden den Urzustand verlassen und in das historische Zeitalter eintreten. „Ein Thier heranzüchten, das versprechen darf – ist das nicht gerade jene paradoxe Aufgabe selbst, welche sich die Natur in Hinsicht auf den Menschen gestellt hat? ist es nicht das eigentliche Problem vom Menschen?“ („Zur Genealogie der Moral“, 2. Abhandlung, Anfang) Es gab, so erklärt es Nietzsche, eine lange und heftige frühzeitliche Vorarbeit der Menschheit an sich selbst, über die sie sich ein Erinnerungsvermögen erworben hat. Es ist nicht das Gleiche, ob man ein Mensch des 21. Jahrhunderts, des 19. Jahrhunderts oder des antiken Griechenlands ist. Weshalb? Weil Menschen nichts vergessen. Und doch ist das Erinnerungsvermögen nicht angeboren. Es ist das Ergebnis einer grausamen Dressur. Im Grunde hätte die menschliche Bestie niemals ein so ausgeprägtes Erinnerungsvermögen entwickelt, wenn sie nicht von körperlicher Strafe, von Schmerz bedroht worden wäre: „Namentlich aber konnte der Gläubiger dem Leibe des Schuldners alle Arten Schmach und Folter anthun, zum Beispiel so viel davon herunterschneiden als der Grösse der Schuld angemessen schien: – und es gab frühzeitig und überall von diesem Gesichtspunkte aus genaue, zum Theil entsetzlich in’s Kleine und Kleinste gehende Abschätzungen, zu Recht bestehende Abschätzungen der einzelnen Glieder und Körperstellen. Ich nehme es bereits als Fortschritt, als Beweis freierer, grösser rechnender, römischerer Rechtsauffassung, wenn die Zwölftafel-Gesetzgebung Rom’s dekretierte, es sei gleichgültig, wie viel oder wie wenig die

© Curtis Johnson/Getty Images

Echos der Gegenwart

Ru uss ssis isch is chen ch en F For orsc or sche sc hern he rn ist es ge gelu lung lu ngen ng en,, en de en un unte teri te rird ri rdis rd isch is chen ch en W Wos osto os tokto k-Se kSee Se e in der An n ta tark rkti rk tiss an ti anzu zuza zu zapf za pfen pf en.. Se en Sein in S Süß üßwa üß waswa sse er, r des esse sen se n Al Alte terr au te auff bi biss zu 2 25 5 Mi 5  Millllllio Mi ione io nen ne n Ja ahr hre e ge gesc schä sc hätz hä tztt wi tz wird rd, ka rd kann nn allller erdi er ding di ngss nu ng nurr dann wichtig ge Erke kenn nntn nn tnis tn isse is se ü übe berr Kl be Klim imaim aun nd Le Lebe bens be nsbe ns bedi be ding di ngun ng unge un gen ge n de derr Ve Verg rgan rg ange an genge n he eit lie lie iefe fern fe rn,, we rn wenn nn jeg eglililich cher ch er Kon onta takt ta kt d des es 28 Se ees m mit it d der er Geg Geg egen enwa en wart wa rt ver ermi mied mi eden ed en wir ird. d Bo ohr hrfl flüs üssi sigk si gkei gk eit, ei t, K Kei eime ei me,, se me selb lbst lb st das Mat ateeriial der B Boh ohrs oh rson rs onde on de kkön önnt ön nten nt en d das as Was Was asse serr se ve eru runr nrei nr eini ei nige ni gen, ge n, für ürch chte ch ten te n Ex Expe pert pe rten rt en.. Es g en gilililtt allso so, ei ein n fü fürr Im Imma manu ma nuel nu el Kan antt un unlö lösb lö sbar sb ares ar es

© REUTERS/Scanpix Norway

Erneut hatt sic ich h ei eine ne t ib ibet etan et anis an isch is che ch e Nonn No nne nn e ve erb rbra rann ra nnt, nn t, um ge g ge g n die Unterd te rdrü rd rück rü c un ng ih ihre ress Vo re Volk lkes lk es zu de demo mons mo nsns trie tr iere ie ren. re n. Sei eitt An ei Anfa fang fa ng 201 011 1 ha habe ben be n si sich ch fast fa st 20 Tiibe bete terr au te auss Pr Prot otes ot estt se es selb lbst lb st ange an gezü ge zünd zü det et.. In ssei eine ei nerr Sc ne Schr hrif hr iftt „D if „Der er Selb Se lbst lb stm st mord rd d “ (1 (189 897) 89 7) unt nter ersc er sche sc heid he idet id et derr So de Sozi z olog oge og e Ém Émil ile il e Du Durk rkhe rk heim he im vie vie ierr Type Ty pen pe n de d r Se Selb lbst lb sttö st tötu tö tung tu ng:: De ng Den n „e ego go-isti is tisc ti sche sc hen he n Se Selb lbst lb stmo st mord mo rd“, der aus g rd gee sellllllsc se scha sc haft ha f liich cher er Iso sola lati la tion ti on rres esul es ulti ul tier ti ert; er t; den de n „a alt ltru r issti tisc sche sc hen he n Se Selb lbst lb stmo st mord mo rd“, rd “, der zu sta tark rke rk e so ozi zial ale al e Bi Bind ndun nd unge un gen ge n al alss Ur Ur-sache h ha h t; den a auf uf Nor ormm- und Sin innnverl ve rlus rl ustt gr us g ün n de dend nden nd en „„an anom an omiss chen om

RADAR

schen Abteilung. Teilanstalt V ist ein Haus, das ganz im Zeichen der gesetzlich verankerten Resozialisierung steht. „Die Häftlinge leben hier auf Stationen in Wohngruppen zusammen“, sagt Lars Hoffmann, „eingeschlossen werden sie von 21.30 Uhr bis 6 Uhr, tagsüber dann nur während festgelegter Zeiten.“ Schneller als erwartet steht ein Mann mit ergrautem, sorgfältig gekämmtem Haar in der Tür. Er trägt ein Hemd, darüber einen Wollpullover, Cordhose, braune Lederschuhe. Freundliches, festes Händeschütteln. Lars Hoffmann verabschiedet sich. Hauke Burmeister schließt die Tür und nimmt Platz. Er sei, erzählt Burmeister mit norddeutschem Akzent, studierter Physiker und Chemiker, habe im Bereich Netzwerktechnik gearbeitet. „Wenn ich mich mit einer Sache beschäftige, neige ich dazu, sehr in die Tiefe zu gehen“, erklärt er. Seine Frau und seine kleine Tochter hätten darunter manchmal gelitten. Er habe ihnen, rückblickend,

Wer vergibt uns unsere

Wostok Wost ok-S -Sta tati tion on / Ant Antar arkt ktis is / 8.2 .2.2 .201 012 2

Das Wasser an sich

Pro in Prov nz Si Sich chua uan n / Tib ibet et / 1 12. 2.2. 2.20 2012 12

Brennen für die Freiheit

>

Wie viel Skepsis braucht Europa? Wie vernünftig sind Staatsschulden? Sollten Drogen legalisiert werden? Reportagen, Essays & Interviews bieten auf 20 Seiten philosophische Denkanstöße zu den wichtigsten und aktuellsten Fragen unserer Zeit

Wegen Totschlags wurde Hauke Burmeister zu lebenslanger Haft verurteilt. Gemeinsam mit anderen Langzeithäftlingen nimmt der 53-Jährige an den sokratischen Gesprächen teil, die in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel seit gut zehn Jahren regelmäßig stattfinden. Wie gestalten sich Leben und Denken, wenn die Freiheit entzogen ist? Von Svenja Flaßpöhler Fotos von Trevor Good

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

23

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

>

„In jedem Heft ein großes Thema“ DOSSIER SIND FRAUEN MORALISCHER?

Dossier

Wodurch sind die Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern bestimmt: die Evolution, einen unterschiedlichen Hormonhaushalt, die Größe der Frontallappen im Gehirn? Lässt sich soziales Verhalten überhaupt auf biologische Tatsachen zurückführen? Die Wissenschaft experimentiert – und streitet

DOSSIER

Von Natur aus gut?

Warum haben wir Kinder? Macht Arbeit glücklich? Sind Frauen moralischer als Männer? Im Titeldossier wird ein grundlegendes, gesellschatliches Thema tiefgreifend und vielstimmig dargestellt

DOSSIER SIND FRAUEN MORALISCHER?

Herr Pinker, in Ihrem neuen Buch „Gewalt“ (S. Fischer, eine große Zahl der Männer keine Familie gründen kön2011) beschäftigen Sie sich auch mit der Frage, welche nen – und deshalb auch nichts haben, wofür es sich, bioloRolle Frauen beim Rückgang der Gewalt spielten und gisch gesprochen, zu leben lohnt. Folglich fühlen sie sich immer noch spielen. Gibt es Unterschiede zwischen von Milizen, Straßengangs und terroristischen Gruppieden moralischen Werten von Frauen und Männern? rungen angezogen. Ja! Gewalt ist größtenteils ein männlicher Zeitvertreib. Männer üben die große Mehrzahl aller Gewalttaten aus, Gibt es wissenschaftliche Erklärungen dafür, warum ganz gleich, in welcher Gesellschaft wir uns befinden. Frauen weit weniger gewalttätig sind als Männer? In allen Ländern und zu allen Zei- Bei den meisten Säugetieren sind Männer das brutalere Steven Pinker ten vertreten Männer weit radika- Geschlecht, weil sie in gewalttätigen AuseinandersetzunDer Kanadier ist Professor an der Harlere und kriegerischere Meinun- gen mehr zu gewinnen und weniger zu verlieren haben vard-Universität und forscht im Bereich gen in politischen Umfragen. Eine als Frauen. Ein Mann kann die Erträge seiner NachkomEvolutionspsychologie und Linguistik. Mehrheit der Frauen stimmte bei- menschaft recht einfach multiplizieren: Je mehr Paarun2004 wählte ihn das Time Magazine zu spielsweise gegen George W.  Bush gen er eingeht, desto mehr Kinder hat er. Bei der Frau hinden „100 einflussreichsten Menschen bei den US-Wahlen 2000 und 2004. gegen ergeben hundert Sexpartner nicht gleich hundert der Welt“. Zu seinen zahlreichen BestWenn Frauen bei Entscheidungen Babys, denn die Schwangerschaft und die Stillzeit schieauer sellern gehören „Das unbeschriebene das SagenSchopenh haben, gibt es mit großer ben der unbegrenzten Reproduktion einen Riegel vor. Ein Arthur Blatt“ (Berlin-Verlag, 2003) und zuletzt Sicherheit weniger dumme Kriege – weibliches Tier wird nicht dafür belohnt, wenn es große (1788–1860) (das „Gewalt“ (S. Fischer, 2011) weniger Kriege, bei denen umgeringere Ehre, Gefahren in Kauf nimmt, nur um Sex haben zu können. Die sequior „Sie sind sexus Betracht Nachkommenschaft aller Säugetiere beruht massiv auf der Ruhm, aus Rache oder kriegerischem in jedem Johann Gottlieb Fichte das Geschlecht), (1762–1814) Stolz gekämpft wird. Frauen reagieren auf eineGeschlecht, Beleidi- mütterlichen Fürsorge: Ein weibliches Tier, das in einem zweite zurückstehende, demnach man gung viel seltener mit Gewalt und sind weit weniger von Kampf getötet wird, würde ihre Waisen zum Tod verdam„Das Weib ist nicht unterworfen, dessen Schwäche ihrem gesellschaftlichen Status besessen alswelchem Männer. Ehrfurcht men. Im Vergleich zu Männern hat Gewalt deshalb für aber sodass der Mann ein Zwangsrecht schonen soll, lächerlich Frauen weit weniger Nutzen und höhere Kosten. über die Maßen auf sie hätte, sie ist unterworfen zu bezeugen Augen eigenen Gibt es andere Gründe, weshalb dieihren Gewalt abnimmt, durch ihren eigenen fortdauernden, ist und uns in wenn Frauen das Sagen haben? ” Und wie regulieren wir unsere aggressiven Impulse? notwendigen und ihre herabsetzt. Moralität Auf jeden Fall! Wenn Frauen – zum Beispiel durch Ver- Selbstbeherrschung ist ein wichtiger Faktor, wenn es bedingenden Wunsch, unterworfen hütung – Kontrolle über ihre Reproduktion haben, dann darum geht, unsere impulsiven Aggressionen zu unterzu sein.“ drücken – also beispielsweise nicht unsere Rachefantasien auszuleben. Die meisten Menschen, insbesondere MänFriedrich Nietzsche ner, haben gelegentlich Mordfantasien. Sie denken darü(1844–1900) Immanuel Kant ber nach, jemanden zu töten, den sie nicht leiden können. (1724–1804) „Alles am Weibe Aber natürlich schreitet die Mehrheit der Menschen desoder peinliches Grübeln, ist ein Rätsel, „Mühsames Lernen und alles am halbhat nicht gleich zur Tat. Und wir haben experimentelle Weibe Frauenzimmer darin eine Lösung: wenn es gleich ein Sie Vorzüge, heißt die Schwangers tendieren sie dazu, späterFriedrich zu heiraten sowie später und Belege dafür, dass es ohne Selbstbeherrschung deutlich vertilgen chaft.“ Wilhelm hoch bringen sollte, Georg G eigentümlich weniger Kinder zu bekommen. Wenn aber Staaten eine mehr Gewalt geben würde. Daher behaupte ich auch: Die die ihrem Geschlechte der gefährliche (1770–1831) H Hegel demografische Struktur mit vielen jungen Gewaltverbrechen haben in den Sechzigern genau deshalb dieselben wohl um sind, und können einer Menschen haben, dann zwischen neigen diese Gesellschaften zur so rapide zugenommen, weil die Menschen dieser Generazum Gegenstande „Der Unterschied „D Seltenheit willen wie Mütter werden. tion Selbstbeherrschung verspottet haben. derselbe machen, aber sie Zwangsheirat, beiFrau der ist Frauen sehr früh M Mann und kalten Bewunderung anze.” Pflsehr All diese Gesellschaften sind oft polygam, sodass ein Tier und die Reize schwächen, z zwischen zugleich werden das Mann mehrere Ehefrauen haben kann. In diesem Fall wird Das Gespräch führte Patrick Spät große Gewalt über wodurch sie ihre ausüben.“ andere Geschlecht

Der Mensch und sein Ahn — verdanken wir auch die sozialen Unterschiede zwischen den Geschlechtern der Evolution?

Frau Fine, sind Frauen Ihrer Ansicht nach moralischere Menschen? Wenn mit dieser Frage gemeint ist: „Richten Frauen weniger Unheil an als Männer?“, dann wird die Antwort Ja lauten. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Frauen von Natur aus mitfühlender oder fürsorglicher wären. Die Fähigkeiten eines Menschen, sich moralisch zu verhalten, sind weder biologisch determiniert noch unveränderlich.

Top Ten der sexisti schen Philosophen

?

Philosophie galt über Jahrtausende als reine Männerdomäne. Die Argumente für diesen Missstand haben die großen Denker gleich mitgeliefert – und sind dabei vor keiner Peinlichkeit zurückgescheut. Eine repräsentative Auswahl

Die MachoFraktion

Avicenna (980–1037)

„Die (...) Festigkeit in der Ehe hängt ab von der Frau, und der Gesetzgeber muss dafür sorgen, dass es nicht in ihrer Gewalt liegt,

Denis Diderot

(1713–1784)

Trennung herbeizuführen; „Sie sind zwar äußerlich Der Mann istdie das problematische Individuum denn sie ist in Wahrheit von als wir; aber innerlich zivilisierter und leicht sind sie wahre schwachem Verstande Wildegebildeter, geblieben, mindestens des 21. Jahrhunderts. Frauen sind ganze dazu geneigt, der Leidenschaft Machiavellisten. zu gehorchen.“ und dem Zornefürsorglicher im Allgemeine sozial kompetenter, und n istDasdasSymbol der Frauen über der geschrieben der Apokalypse, Geborenen steht: Mysterium. „Unter den als Männer weniger “ und (jene,) aggressiv. Empathie, Kooperation, gingen die Feiglinge, Lebens Unrecht Kommunikation: Sogenannte weibliche die während ihres keit übten, der Wahrscheinlich Geburt in Jean-Jacques zweiten Rousseau ihrer Eigenschaften sind gefragt wie nie zuvor nach bei Frauen über.“ in der Geschichte der „Tatsächlich Menschheit. Steuern lernen alle Mädchen nur Aristoteles mit Widerwillen Lesen und Schreiben; wir auf ein feminines Zeitalter zu? aber wie man eine Nadel hält, das lernenwünschenswert? sie gerne. Sie kommen sich „Das Weibchen Und wäre das überhaupt ist nämlich gleichsam erwachsen vor und denken mit viel

Platon

(428–348 v. Chr.)

„Männer üben die Mehrzahl aller Gewalttaten aus“

(1712–1778)

(384–322 v. Chr.)

© Fabio Lovino/contrasto/laif

ein verstümmeltes Männchen.“

>

34

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

Vergnügen daran, dass diese Fähigkeit ihnen eines Tages dazu dienen könnte, sich herauszuputzen.“

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

Die Ehrenretter

Charles Fourier

35

„Ich habe oft gedacht, dass Frauen von Geist mehr als die Männer geeignet sind, die schönen Wissenschaften zu fördern.”

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

>

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

Wie kommt es, dass sich Naturwisist Psychologin und Autorin. Sie stusenschaftler so stark auf die Unterdierte experimentelle Psychologie und schiede zwischen Mann und Frau Kriminologie in Cambridge (England) konzentrieren, anstatt die Gemeinund promovierte am University College samkeiten herauszuarbeiten? in London. Derzeit lehrt die Autorin mehDas liegt zunächst sicher daran, dass rerer international erfolgreicher Sachbüdie Ungleichheiten im Geschlechtercher als Professorin an der Melbourne verhältnis nach wie vor so groß und Business School. Ihr neuestes Buch „Die damit erklärungsbedürftig sind. So Geschlechterlüge“ erscheint im März gesehen erscheint es sinnvoll, Unter2012 im Verlag Klett-Cotta schiede zu finden, die den Status quo zu erklären oder manchmal sogar zu rechtfertigen scheinen. Es gibt aber einen anderen, wesentlich profaneren Grund: Studien, die keine Unterschiede feststellen, wirken weniger interessant, gerade im Bereich der Geschlechterforschung. Werden keine Unterschiede gefunden, haben die Ergebnisse einen geringeren

„Wir schließen Wissenslücken durch alte Stereotypen“ Nachrichtenwert, erzielen weniger Aufmerksamkeit. Aufgrund dieser Dynamik kommt es auch in der Forschung selbst zu starken Verzerrungen. Sie beklagen in Ihrem Buch eine neue Form des Sexismus: den Neurosexismus. Was meinen Sie damit? Von Neurosexismus lässt sich sprechen, wenn neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse dazu genutzt werden, traditionelle Geschlechterstereotypen zu rechtfertiNR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

gen, obwohl dies aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar ist. Am deutlichsten erscheint der Neurosexismus in populären Sachbüchern, wenn Autoren gewisse Ergebnisse übertreiben, falsch darstellen oder sogar fälschen, um mit Neurobegriffen alte Stereotypen zu verfestigen. Es gibt aber Untersuchungen, die belegen, dass sich die Entwicklung von Männer- und Frauengehirnen hormonell bedingt klar voneinander unterscheidet. Vom Hormon zum Gehirn zum Verhalten, was stimmt an dieser Erklärungskette nicht? Monokausale Erklärungsansätze sind in der Entwicklungsforschung sehr umstritten. Wird die interaktive Komplexität der Gehirnentwicklung ernst genommen, gerät die Wissenschaft in allergrößte Schwierigkeiten, eine Hormon-Gehirn-Verhalten-Kette nachzuweisen – und zwar bereits in den niederen Gehirnregionen von Ratten. Entgegen gängigen Annahmen gibt es aus wissenschaftlicher Sicht einfach keine klare, unumstrittene Beziehung zwischen Testosteron-Gehalten und „männlichen“ Qualitäten wie etwa soziale Dominanz oder Raumerkennungsvermögen. Die bemerkenswerte soziale Dynamik und der Aufstieg der Frauen innerhalb der vergangenen sechzig Jahre fanden ja auch statt, ohne dass sich auf der hormonellen Ausschüttungsebene Wesentliches geändert hätte. Nichtsdestotrotz gibt es Unterschiede zwischen Männer- und Frauenhirnen, wie Sie selbst ja auch schreiben. Worin liegen die Probleme in der Interpretation dieser Unterschiede? Das Hauptproblem liegt darin, dass wir in dieser frühen Forschungsphase einfach nicht ausreichend verstehen, wie neuronale Verbindungen die jeweiligen geistigen Prozesse erschaffen und beeinflussen. Was bedeutet es aus psychologischer Sicht, dass beispielsweise die Amygdala bei Frauen etwas aktiver ist oder die Präfrontallappen bei Männern ein bisschen größer? Wir wissen es derzeit nicht, aber es ist sehr verführerisch, unsere großen Wissenslücken einfach durch alte Geschlechterstereotypen zu schließen. Das Gespräch führte Jutta Person

41

John Stuart Mill

(1772–1837)

Gottfried W. Leibniz

(1646–1716)

42

>

40

>

Gaius Musonius Rufus

(30–102 n. Chr.)

„Denn alle menschlichen Arbeiten und Verrichtungen bleiben ein gemeinsames Arbeitsfeld für beide Geschlechter, sind Frauen und Männern gemeinsam, und keine einzige ist nur für das eine Geschlecht durch den Naturzwang reserviert.”

© picture alliance / ZUMA Press, www.kilden.forskningsradet.no, D. Roberts/Getty Images

Sind Frauen moralischer als Männer

Cordelia Fine

Auguste Comte

„Die Philosophen befassen sich mit der häuslichen Ordnung nur, um die Fesseln des schwachen Geschlechts zu verstärken. (…) Sie predigen die Unterdrückung der Frauen und reden ihnen vor, welch ein Vergnügen es sei, sich lebendig begraben zu lassen.“

(1798–1857)

„Die weibliche Revolution muss nun auf die proletarische Revolution folgen, so wie die proletarische Revolution sich aus der bürgerlichen Revolution ergab. Letztere wiederum ging aus der Revolution in der Philosophie hervor.“

(1806–1873)

„Die Unterordnung des einen Geschlechts unter das andere ist ein Unrecht und ein wesentliches Hindernis für eine Vervollkommnung der Menschheit.“

Zusammengestellt von Stefan Mekiffer, Patrick Spät und Jakob Zanker

43

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

„Philosophische Gedanken verstehen“ Die Philosophen / Der Klassiker

Von Axel Honneth bis Slavoj Žižek: die heutigen Denker im Gespräch Im Autorendossier: ein klassischer Philosoph zum Kennenlernen — Aristoteles, Kant, Nietzsche ...

DIE PHILOSOPHEN Ernst Tugendhat

„Man kann das Ego nicht überspringen“

DIE PHILOSOPHEN FRIEDRICH NIETZSCHE

Im Bewusstsein seiner Sterblichkeit stößt der Mensch an seine Grenzen. Ernst Tugendhat, einer der einflussreichsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit, über die Macht der Sprache und die Kunst des Loslassens Das Gespräch führte Michael Hesse Fotos von Thomas Koenig

E

rnst Tugendhat sagt, er könne nur denken, wenn er an seiner Schreibmaschine sitzt. Sie steht heute in Tübingen und ist so alt, dass man meinen könnte, er hätte sie schon zu Beginn seiner philosophischen Karriere in Gebrauch gehabt. Das war in Freiburg damals, im Jahr 1949. Tugendhat zählt zu den bedeutendsten Philosophen Deutschlands. Er wirkte in den geistigen Kraftzentren, in Münster, in Heidelberg oder später in Berlin an der Freien Universität. Mit seinem Freund Jürgen Habermas arbeitete er gemeinsam am Max-Planck-Institut in Starnberg. Seine auf Vorlesungen zurückgehenden Werke über Ethik, das Selbstbewusstsein und die Sprachphilosophie zählen zum philosophischen Kanon deutscher Geistesgeschichte. Seine „Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie“ elektrisierte eine ganze Studentengeneration. Die Schreibmaschine steht auch heute noch auf dem Schreibtisch. Vom Sofa aus blickt man auf ein Regal mit akkurat geordneten Büchern. Das geordnete, transparente Denken zählt zu Tugendhats herausragenden Eigenschaften. Man kann ihm beim Denken förmlich zusehen. Besonders mit der Tradition der Mystik hat er sich in letzter Zeit beschäftigt. Die Mystik sei mit etwas verbunden, das er bei seinem früheren Lehrer Martin Heidegger erfahren habe, sagt Tugendhat: dem Staunen vor dem Sein, der Verwunderung, dass es so etwas wie diese Welt überhaupt gibt – und nicht zuletzt dem Wissen, diese Welt wieder verlassen zu müssen.

Herr Tugendhat, was bedeutet Philosophie für Sie? Wenn ich überlege, was ist für philosophierende Menschen die grundlegende Frage, dann ist es die, die sich bereits Platon in seinem Werk „Politeia“ stellte: Wie soll man leben? Und ich meine, dass diese Frage tatsächlich eine Fundamentalfrage des Menschen ist. Die Philosophie von Sokrates und Platon ist eigentlich von dieser Frage ausgegangen – und nicht etwa von der Frage nach dem Sein. Das Interesse am Sein ging bei den Griechen einher mit der Erfahrung von Veränderlichkeit, Tod und Gewesenheit.

DER KLASSIKER

NIETZSCHE

Das Wissen um unsere Sterblichkeit spielt dabei eine besondere Rolle? Wir Menschen verstehen so etwas wie Sein. Andererseits haben wir ein besonderes Verhältnis zum Tod, also zum Nichtsein und zur Veränderlichkeit des Lebens. Dies bringt eine bestimmte Form der gemeinsamen Reflexion auf unser Leben hervor, nämlich die, wie man leben soll. Es ist die Fundamentalfrage, in der alle philosophischen Fragen und Disziplinen ihren Grund haben.

DIE FEIER DES DENKENS

Selten hat jemand einen so hohen Preis für sein Genie bezahlt wie Nietzsche. Ein Leben zwischen Schaffensrausch und Daseinskrise: Bereits im Alter von 45 Jahren kam es zum endgültigen Zusammenbruch, dem sich ein letztes Lebensjahrzehnt in geistiger Umnachtung anschloss. Werk und Person sind bei Nietzsche untrennbar miteinander verflochten.

Etablieren Sie damit wieder eine antike Konzeption von Ethik, die vom konkreten Leben handelt, während sich die gegenwärtige Philosophie in metatheoretischen Überlegungen aufhält?

Dennoch ist Nietzsches Philosophie mehr als ein brillanter Kommentar zu seiner tragischen Existenz – eine Philosophie, der letztlich auch die fatalen Ausdeutungen im 20. Jahrhundert nichts an Faszinationskraft nehmen konnten. Mit stilistischer Brillanz und untrüglichem psychologischem Instinkt richtete er neue Werte und Ideale auf. Illustrationen von Martin Haake

>

58

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

59

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

>

IMPULS Verunsicherung, Ratlosigkeit, Indifferenz. Wer Kunstausstellungen besucht, kennt diese Zustände mindestens ebenso gut wie das einzigartige Glücksgefühl genuin ästhetischer Erfahrung. Früher hatte Kunst einen klaren Zweck: Sie diente der ethischen Erbauung des Menschen. Von diesem Ziel haben sich die modernen Museen denkbar weit entfernt, klagt der Philosoph Alain de Botton. Er fordert eine Rückkehr zu alten Idealen. Die Leiterin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, widerspricht energisch

Bücher 67

Mit Marx streiten

Ereignis / Bücher / und mehr O MIT VORWISSEN

O HOCH MOTIVIERT

Buch des Monats

Gedanken füttern Herbert Schnädelbach führt durch den Wissensschatz der Philosophen – und erledigt das Klischee vom vernebelten Grübler

K

leiner Selbstversuch: Besuchen Sie einen Marktplatz und fragen Sie die Leute, was Philosophen eigentlich wissen – die häufigste Antwort wird lauten: nichts, oder zumindest: ziemlich wenig. Das war bereits dem Marktplauderer Sokrates klar, nach unzähligen Dialogen kam er zum Schluss: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – ein Satz, der seitdem wie ein Damoklesschwert über den brütenden Philosophenhäuptern hängt. Der Philosoph Herbert Schnädelbach ist da entspannter. Dass es sehr wohl gesichertes Wissen in den ungesicherten Gewässern der Philosophie gibt, belegt er mit einem erhellenden Rundgang durch die Philosophiegeschichte. Eine Hauptrolle spielt das Ich, zu dem der emeritierte Erkenntnistheoretiker ausführt, „dass das Substantiv ‚das Ich‘ bestenfalls das empirische Selbst bezeichnen kann“. Nur weil wir uns als Ich füh-

>

76

len, dürfen wir daraus nicht schließen, dass dieses Ich ein Eigenname ist, der ein konkretes Ding bezeichnet. Zum Thema Selbstbewusstsein erläutert der Autor, weshalb sich „das Erkennende nicht selbst zum Objekt von Erkenntnis machen kann“. Den Unterschied zwischen Werten und Normen veranschaulicht er gekonnt anhand der StVO. Mithilfe seiner bevorzugten Dialogpartner Kant und Wittgenstein zeigt Schnädelbach, was wir von den Meisterdenkern lernen können. Dabei wird deutlich, dass das „gesicherte“ Wissen vor allem auf den Fehlern und argumentativen Sackgassen der Vorgänger beruht. „Was Philosophen wissen“ versucht aber auch, die Philosophie als akademische Disziplin wieder neu zu verorten. Wer mehr über die Feinheiten der theoretischen Sprachphilosophie wissen möchte – oder das eigene analytische Fundament festigen will –, der findet in diesem so souveränen wie lehrreichen Buch die „dos and don’ts“ des Philosophierens. Patrick Spät Herbert Schnädelbach  Was Philosophen wissen. Und was man von ihnen lernen kann  C. H. Beck / 237 S. / 19,95 € / O

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

Jürgen Habermas Zur Verfassung Europas Ein Essay edition suhrkamp SV

Die Lehren der Krise sind eindeutig. Nicht weniger, sondern mehr europäische Koordination ist notwendig. Jürgen Habermas’ Band „Zur Verfassung Europas“ besteht aus bereits erschienenen Texten und einem neuem Vorwort, die dieses „mehr“ an Europa einklagen. Statt hochrangiger Treffen hinter verschlossenen Türen fordert Habermas die Transnationalisierung der Demokratie: Die Staatsvölker und die Bürger müssen gemeinsam entscheiden. Man mag den Optimismus hinsichtlich eines europaweiten demokratischen Diskurses nicht in allen Punkten teilen. Dennoch ist Habermas’ pro-europäische Gegenerzählung zur „technokratischen Selbstermächtigung“ unabdingbar. Sie zeigt, dass mehr Europa nicht weniger Demokratie heißen muss. Im Gegenteil. Frederike Kaltheuner

Intelligenzforschung

Mit Köpfchen arbeiten Dieter E. Zimmer  Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung Rowohlt / 320 S. / 19,95 € / O © Innis McAllister/Gallerystock, Amelie Soyka

Neuerscheinungen, Spiele, Reportagen aus aller Welt: Das Philosophie Magazin informiert, unterhält und bietet neue Sichtweisen auf die Welt

Politik

Mit Demokraten lernen Jürgen Habermas Zur Verfassung Europas. Ein Essay Suhrkamp / 140 S. / 14,90 € / O

O FÜR NEUGIERIGE

Warum Kunst ?

von Jutta Person

Terry Eagleton Warum Marx recht hat / Übersetzt von Hainer Kober  Ullstein / 288 S. / 18 € / O

Ob und wie die Welt zu retten sei, daran scheiden sich seit je die Geister. Der Literaturtheoretiker, Katholik und Marxist Terry Eagleton nimmt die Diskussion in ihrer radikalsten Form wieder auf. Eagleton präsentiert zehn geläufige Einwände gegen den Marxismus und entkräftet sie. Seine Erwiderungen sind schwungvoll geschrieben und provozieren – gelinde gesagt. Man fragt sich: Hab’ ich das so noch nie gesehen, oder ist das sachlich falsch und raffiniert verpackt? Deshalb will man weiterlesen, weiterdenken, tiefer einsteigen. „Warum Marx recht hat“ ist ein streitlustiges Buch, das die Chance bietet, die eigene Perspektive zu erweitern: über die heile Welt unseres Wohlstands und deren – gestehen wir es – Zynismus hinaus. Jakob Zanker

O FÜR ALLE

Fotos von Martin Parr

Thesen lesen

Ideologien

>

Alle ernst zu nehmenden Studien zeigten seit Jahrzehnten, so behauptet Dieter E. Zimmer, dass Menschen hinsichtlich ihrer Intelligenz genetisch vorgezeichnet seien. Der Wissenschaftsjournalist erklärt, warum genetische Intelligenz keineswegs direkt mit Rassenhygiene und elitärem Dünkel assoziiert werden muss: Ist nicht gerade die Annahme, dass alle Menschen als tabula rasa auf die Welt kommen, problematisch? Ihre Folge ist, dass auch der für Mathematik und Sprachen unbegabteste Schüler durchs Abitur geprügelt wird. Anstatt genetische Intelligenz abzustreiten, gälte es, individuelle Fähigkeiten zu erkennen und praktische Berufsfelder aufzuwerten. Svenja Flaßpöhler NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

Bienenstich Sie sind schön. Sie sind klug. Sie sind nützlich. Sie sind goldgelb und tragen Pelz. Sie können tanzen und stechen. Fliegen sowieso. Sie sind Feministinnen und Royalistinnen. Und sie beflügeln unsere Träume. Sie haben trotzdem noch leise Zweifel, was Bienen in einer Philosophiezeitschrift zu suchen haben? „Die Symbolkraft der Honigbiene“, schreibt Ralph Dutli in seiner Kulturgeschichte, „ist eine Menschheitskonstante. Sie gab Anlass zu religiösen Riten, Aberglauben und Wundergeschichten. Sie steht für Gemeinschaftssinn, Selbstaufopferung, Zukunftsvorsorge, durchdachte Ordnung, Reinheit, Fleiß und Fülle. Aber auch: für Magie und Prophetie, Seele und Inspiration.“ Die Biene ist ein durch und durch philosophisches Tier, und das liegt nicht nur daran, dass der perfekt organisierte Bienenstaat immer schon als ideale Projektionsfläche politischer Philosophie herhalten musste (erst im 17. Jahrhundert erkannte man, dass an der Spitze der Organisation kein Bienenkönig, sondern eine Königin stand). Darüber hinaus ist die Bienen-Symbolkraft auffallend ambivalent. Seit der Antike sieht man eine honigtriefende Erotikerin von Blüte zu Blüte fliegen. Dagegen war das Christentum gerade an der Keuschheit der Bienen interessiert. Der Mystiker Bernhard von Clairvaux glaubte, dass sich die Bienen vor jeder Nektarsuche bekreuzigen. Vom sokratischen Dichter-Bienen-Vergleich über Bernard Mandevilles Bienenfabel bis zur Honigpoesie bei Ossip Mandelstam, Rainer Maria Rilke oder Sylvia Plath: Ralph Dutlis Bienenbegeisterung ist unmittelbar ansteckend; wer sein „Lied vom Honig“ liest, wird sich wandeln. Insektensnobs zu Bienenverehrern! Vor allem aber zeigt der Essayist, Lyriker und MandelstamBiograf: Das Phantasma der Reinheit ist ohne poetische Milanden Design Week, 2007 Nachtseite nicht zu haben. Wo die Philosophen straffen Bienenstaat im Auge haben, schwirrt immer auch ein Dichter an, der sich an Honig- und Flugmetaphern berauscht. Sprache und Den> ken, das legt Dutlis Honighymne nahe, kommen ohne solche Bilder nicht aus. Ralph Dutli  Das Lied vom Honig. Eine Kulturgeschichte der Biene Wallstein / 208 S. / 14,90 € / O

77

>

© magnum

XXX XXX

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

y

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

p

66

g

•>

84

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

85

>


Zeitgeist

PrO & Contra Streitfall

Den Tyrannen töten?

Die gezielte Tötung von Tyrannen ist gerecht und notwendig Parag Khanna Der Politologe ist ­Senior Fellow bei der New America Foundation. Er war Berater der amerikanischen Special Operations Force in Afghanistan und ist Senior Fellow des European Council on Foreign Relations. Zuletzt erschien von ihm: „Wie man die Welt regiert: Eine neue Diplomatie in Zeiten der Verunsicherung“ (Berlin-Verlag, 2011)

>

In den zehn Jahren, die seit dem 11. September vergangen sind, sind viele hochrangige Anführer und Kämpfer von Al Qaida im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia und anderswo getötet worden. Da das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit in solchen Ländern kaum greift, müssen diese Subjekte auf dem Staatsgebiet dieser Länder getötet werden. Viele Menschen werten eine solche Tötung von verbrecherischen Einzelpersonen als einen Verstoß gegen den Grundsatz der Staatenimmunität, ja, sie betrachten sie gar als Anmaßung „göttlicher“ Verfügungsgewalt. Aber diese Auffassung ist falsch. Die Tatsache, dass nicht eine ganze Gesellschaft in 20

einen Krieg gezogen wird, sondern nur einzelne Missetäter für ihre Verbrechen bestraft werden, ist ein beeindruckendes Zeichen dafür, dass wir uns sowohl gesellschaftlich als auch psychologisch weiter­entwickelt haben. Der Internationale Strafgerichtshof verfügt über immer größere Zuständigkeit. Das ermöglicht es der internationalen Gemeinschaft, das traditionelle Bollwerk der staatlichen Immunität – die oft genug nur ein Synonym für Straffreiheit ist  – zu umgehen und Tyrannen ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Darüber hinaus wurde 2005 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Doktrin der Schutzverantwortung ratifiziert. Sie legt die Regeln fest, anhand derer

entschieden werden kann, ob die internationale Staatengemeinschaft in die inneren Angelegenheiten eines Staates eingreift, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern. So hätte im Falle Libyens durch eine zeitigere Tötung Muammar al Gaddafis viel Blutvergießen vermieden werden können, da diese den Kollaps des Regimes garantiert hätte. Gaddafi hat außenpolitisch keine schlagkräftigen Verbündeten mehr, keinen, der ihm zur Seite gestanden wäre. Das unterscheidet den Fall Libyen von der Situa­tion in Syrien. Eine gezielte Tötung Baschar al Assads würde den fest verankerten Sicherheitsapparat nicht entscheidend ins Wanken bringen und die Situation deshalb eher verschärfen. Es gilt also je nach Situation abzuwägen. Dennoch bleibt zu wünschen, dass wir uns in Zukunft etwas schneller durch das Dickicht aus Protokollen und Beratungen kämpfen und also handeln werden! Dann hätten sowohl die Gräueltaten Gaddafis als auch der von dem sudanesischen Präsidenten Umar al Baschir begangene Völkermord in Darfur verhindert werden können. Die Argumente, die gegen politisch motivierte

•••

— Philosophie Magazin

© Ahmad Al-Rubaye/AFP/Getty Images, privat, Nusrat Durrani

Wer schützt das Volk vor seinem Diktator? Die Frage nach der Zulässigkeit des Tyrannenmords hat durch die Bürgerkriege in Libyen und aktuell Syrien neue Relevanz erhalten. Völkerrechtlicher Tabubruch oder effektivste Hilfeleistung – ein philosophischer Streitfall zwischen Leben und Tod


Zeitge ist Akt

uells und Ge te Themen au s philoso ellschaft auf s Politik, Kult u ü phisch beleuch ber 20 Seiten r tet

Demokratien müssen in ihrer Praxis unterscheidbar bleiben Julian NidaRümelin lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er war Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder. Jüngste Publikationen zum Thema: „Ethische Essays“ (Suhrkamp, 2002); „Philosophie und Lebenswelt“ (Suhrkamp, 2009); „Verantwortung“ (Reclam, 2011)

Die Vorteilhaftigkeit der Tötung eines Tyrannen rechtfertigt allein die Tat nicht. Zwar kann die Tötung eines Tyrannen die Demokratieentwicklung in einer Region fördern (zwingend ist das nicht, wie das Beispiel Irak/ Iran zeigt), doch reicht dies als rechtfertigender Grund nicht aus. Die zumal in der Politik verbreitete Zustimmung zu einer konsequenzialistischen Ethik, der gemäß der Wert der Handlungsfolgen den Ausschlag gibt, ob etwas richtig oder falsch ist, greift gerade in diesem Fall zu kurz. Eine konsequenzialistische Praxis ist nämlich mit Individualrechten, Kooperation und Integrität unvereinbar. Im Fall von Muammar al Gaddafi haben die Vereinten Nati-

Nr. 03 — März/April 2012

onen einen Beschluss gefasst, der die Staatengemeinschaft ermächtigte, dafür zu sorgen, dass die Zivilbevölkerung nicht mit Militärflugzeugen vonseiten der Regierung angegriffen werden kann. Doch deckte der Beschluss der Vereinten Nationen nicht die Tötung von Gaddafi ab. Insofern war es völkerrechtlich illegitim, Jagd auf Gaddafi zu machen. Zwar könnte das, was völkerrechtlich unzulässig ist, moralisch immer noch geboten sein. Nach Lage der Dinge beziehungsweise unserer heutigen Kenntnis entsprechend, war dies jedoch nicht der Fall – ein Völkermord schien nicht beabsichtigt zu sein, alles deutete vielmehr auf bürgerkriegs­­­ähnliche Zustände in Libyen hin, mit einer

in seinen Loyalitäten regional und ethnisch gespaltenen Bevölkerung. Ähnliches gilt für die Tötung Osama bin Ladens. Ich bin, wie viele andere, erleichtert darüber, dass er keine Terrorakte mehr vorbereiten oder in­­spirieren kann. Dennoch ist dieser Tötungsakt zumindest problematisch, jedenfalls dann, wenn der aufgestöberte bin Laden nicht die Mittel besaß, um die Kämpfer der amerikanischen Spezialeinheit ernsthaft zu bedrohen. Warum wurde offenbar nicht einmal der Versuch unternommen, ihn vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen? Das hätte der größten westlichen Demokratie gut angestanden. Warum wurde im Zusammenhang mit dieser Aktion so viel gelogen und manipuliert? Das ist einer Demokratie im Grunde unwürdig. Demokratien müssen in ihrer konkreten Praxis unterscheidbar bleiben, das macht ihre eigentliche Stärke, nicht ihre Schwäche aus. Die aktuelle Tötungspraxis auf beiden Seiten – im vermeintlich moral- und rechtsfreien Raum des Terrors, der asymmetrischen Kriege und des Gegenterrors – entfernt uns von der zivilen Ordnung internationalen

•••

21


>

34

— Philosophie Magazin


ALISCHE R?

Heilige Mütter

DOSSIER SIND FRA UEN MO RALISCH ER?

Mutterli analytik ebe ist natürlich er Eugen , mein lerin Barb Drewerm t der The die gute ara Vinken hing ann. Die Lite ologe und Psy cho Streitge nährende Mut egen ist dav raturwissenscha ter on der Evo spräch, das sein ein kulturelles überzeugt, ftlution und dass en Kon die Myt Namen verdient strukt ist. Ein Svenja hen des Flaßpö Abendla , über das Erbe hler Fotos von Christ ndes

Das Gespr äch führte

ian Protte

E

s ist kalt in aus Münc Paderborn. Barba hen anger ra Vinke unter eist, n, mit dem Wohnung dem Pelzmantel. trägt trotzdem Zug nur ein gut Eugen Drew noch Telefo geheizt. Er Kleid erma besitzt weder Intern nn hat seine im Wohn n, dafür sehr viele zimmer et, ter nimm statt. Der Bücher. Das Gespr noch Fax, t sel. Unter auf dem Sofa Platz,ehemalige katho äch findet schiedlicher lische Priesdie Femin können istin auf zwei Mens dem Philosoph chen kaum Sesder in sich ie Magazin: sein. Frauen haben gungsfähig. zu tragen und das Poten zu Folgt aus gebären, zial, Kinkeit ein dieser Männ unter und Frau? schiedliches unterschiedlichener sind zeumoralische Körperlichs Verha lten von Barbara Mann Vinken: unmittelba Ich glaub e nicht, gibt. Das res Verhältnis dass die zur Menschen Konzept verdankt von Mütte Natur haben – ein sich einer dass es rlichkeit, wicklung. Natur langen Bilder, philosophi wie wir es kenne die aus hen wurd n, sch-religiös dem „natü en, en Entrische Bedeu bekamen im rlichen“ Berei tung. Geisti Hochmitte Hingabe lalter eine ch entliege Mütte an ander metaphorlichk höchsten e, christlichenwurde als vollko eit, die unbed dieser Mütte ingte mmene Tugend. carita rlichkeit Obwohl Mütter war, konnt Maria das s zur sein. en auch Vorbild als Mutte Bernhard von Männer Clairvaux r seiner geisti Mönche gesehen. zum Beispiel hat ge Diese geisti sich ge Tugen d

> 44

— PHILO

SOPH IE

MAGA

ZIN NR. 03

— MÄRZ

/APRIL

2012

Neurowiss wissenscha enschaften. In den Kognitions wie Kanti ften wurde das - onsor anismus von Empi wirkungsm seit dem ientiertes rismus Wesen, lichkeitsver ächtig behau 18. Jahrhundert anderer von Natur aus das den Stand ptete Aussc digen punkt und „Fühl hältnis von mit einbe „Denken“ hließ- bald Publizisten wie den zog. Von fehlt entlar en“ (Frau) als die „Emp Jeremy (Mann) fin- cher Führungsetagen, Rifkin vollko athische vt. In Wahr rufen, und beiden Zivilisation wurde der geschrieben werdefür die diese heit beste mmen verführende ein vergangene “ ausge n, hat sich LehrbüWissenscha wie „Emo Bedingungsverhä he zwischen Anthropolo tion“ oder ltnis. Begri wie koope ge Michael Toma ftler wie der wie nichts geändn 30 Jahre allerd im Laufe gesamten auch „Intui ffen rieren“) ings so sello („War den betreff ert, genau Bereich Prinzip tion“, ja gut bildung, der vorbe so wenig um gunge enden Empathie“)oder Frans de dem wurde wie an sam nahe, n. In den Arbeitszeiten legen publi Waal („Das auf der wussten Urteil Erkenntnis oder wie gut Aufsi s- doch größten Grundlage und wüns kumswirkverholfen. schon bald Wirtschaft chtsräten der -bedinwäre, diese zu zukünftig Fraue r chenswert hundert sunternehm Fähigkeit Als eigentlich neuer Nobilität Natur auf das vom wahr es Wesh nanteil kürzl en sank aussc etabliert ich auf Sollen en schaft alb späte der nale Intell der globa Sein der zu schlie sich dabei hlaggebende stens hier unter 1 Pro wäre igenz len Gesel ßen. Frühe renmoral zent. die „emo zu fragen “ – ganz Domäne. lr schien rein , was die der Punkt erreic tioklar eine die Her- der Diskurshoh feminine ht weibliche es, mit Nietz naturgewollt, Noch weita eit den Eroberung gebracht heute schei sche gespr moral Fraue anhaltend us wirkmächtig hat: Könn ochen zu sein. n nt Femin er ist der te es nicht ganz konkret Eine evolu , die Sklav dungs isierung Ausgelöst e Boom des ensein, dass tionäre der Tugen Empathie-Bbis heute bleibe figur, der aus Begrün- benen Produ die d unter der sogen wurde er durch nder Skeps philosophis egriffs. ktion den gegeeffektivs cher Sicht sverhältnis annten die Entde Derzeit is begeg te Weise der neun Spieg mit hältn sen schlic ist, die ziger Jahre elneuronen ckung in welchjedenfalls verge net werden ht die isse zu sollte um den . ht kaum er nicht legitimiere herrschend italienischen gelang es einemAnfang der eine Woch . onsfähig eine neue n und dami en Vergemäß zollati zu halte e, seine Team Forsc Studie im Groß n? Ein t funkt ersch ken oder sich die Hirne r hirn von her Giacomo lokalisieren Ratten weiblicher iene, überl Natur, tut nun System, es liegt iRizMakaken oder Mens zu den eben. Zur einmal Makatisch waren, deren Aktiv chen im alles, um in ierungsmu Zellen zu empa männlichen , ganz Vergleich Zu diesem Verda Not kastriert zu Affe eine ster thiefreudig Artgenosse egal ob es sich cht würd sen, dass n als deutl gewisse der betre iden- Natur sogar. e die oder aber Handlung während will es off er erwiesen. ffende Was tun? ich schaftskris enbar so. der verga Tatsache pasren derse einen Artgenosse selbst ausführte Die ner e mehr lben Hand als dopp ngenen Wirtn beim wie Fraue gemeine Ausfüh- Der kastrierte lung beoba n ihre Stelle elt so viele USA waren Makake Kapitalism MänNirgendwo chtete. neuronen, war dami verlor us Der en (in 70%) und es 2009, währe „anderen aber lässt sich sich bereit als ein Säug t, dank Spieg nd der Rezes den der Siege Stimm el- im etier erkan verhältniss im Anschluss s auf eleme sion, szug Vokabular e“ deutlicher in Besch nt, ntarster nachweisen der prekärer e gezwungen äftigungsder Arbei Ebene mit das der Mana wurden, Beschaff als fast tswelt. gementthe sei- mativ mit deren enheit Der Berei aussc orie sich vor e Speer 30 Jahren spitze der bildet hier die ch Mütter) hließlich Fraue abzufi norBewegung. nden hatten n (insbesond Wer aktu- bezogen, flexibe ere : Teilze it, l, gerne auch von bedarfszu Hause Eine alte . Moral Die eigen nen Artge tliche Mora aufgeklärte nossen l der Gesch Situation verbunden ichte in der Einsic Feministen Unter dem der ander fühlte und und Femin mag für pretierte – en als die die elle moralische ht liegen, mit istinnen Beg eigene Vision Lehrbücher der Erobe dann sagte also „empathisc intergewonnen n Diskurshoh einer neuriff der Fürsorge h“ war, studiert eit nicht rung der Ungeachte . wie man entstammen (die zu haben Bewegu en Ges halb so entw , wie Contempor Jones/Geo folgenden Zitate mals ausm mene Einfüt der Tatsache, alen wollt man sich das viel rge: „Esse ary und allzung, über echt ellschaft. Joan erfen amerikan dass sich Mana einstHighe die Idee, eine vollko e. ntials gement“, Reich der hlung in eine e Alte männlich ein ander Vielmehr entla ische Polit m- schne r Education Das Gespr andere McGraw-H of eine ander Affen, die 2006), rvt es Sprec e Demokra rnativen zumTronto, die führ Person tizierbare äch führte e Gesel ill begre ologinne im und ll, worum es hen werd Wolfra Geisteskranwir sind, eine Kapitalis end in der heuti ift jedenfalls doppelt verfeh lschaft ins Leben ten m Eilenb e Napoleon! Perso diagn Wirkt sich kheit darste lter erger nalführun os- lich er von rufen, als gen Betrie mus, fals e Vertreterinn die den wahr Idealismus. Ersten llt um Empathieze), wurde die g bsJoan Tron und Hand das Geschlecht che Barm Entdeckung(Ich bin empo ein gegenseitig gehen muss der en, mater eln aus? : näm- gen des anges auf das Die Profes to tion gefeie llen vor allem iellen Bedins, weil wering“ es „enco herzigke dieser Schon trebte moralische sorin als zweit (Bestärken uragi rt, n Wand Plato ethische Politol selbstvers für it digmenwe ja, als wahre ogie Denken els ablen gunund Bemä ng und liche ens, weil die Fixier Begründun n gab uns in tändlich der Univer lehrt an r moralische Sensa- darum chsel. kt, und seiner dass zumin chtigen), den Blick ung „flach Schien , „Kom Schrift r ParaMinnesota.sity of auf mora g dafür, waru dafür verste auf das Begri in Wahr Darwins munikatio e Hierarchie „Der m zu Sie sen. Fürso dest einen Teil lische das ff erleic seit Staat heit verän (einer krude llt, wie Geschlecht Reich des n“, der Publik gilt s Denk n auf allen “ eine Spielt es davon ander htern“, rge setzt wenig sich dert hat. en und Vor 30 Ja ihres Buche ation sowie keinen eine Eben immer e übern lose Arena n Lesart nach) ewigen Werdens hältnis aus Hand Einfluss in relationale kahl? Doch Rolle, ob s „Moral vorau Flexibilität ein produktives en die dazu hren nannte Bound ehmen n, also einst als ein Schus eln habe. Er aries: A fen denke müsman Vokab um Plato benskampf, von Alphatierch nicht in s, dass wir den und „respo Vergnaden- zu erreichen. erschaffen Politic fragte ter men, n. langhaarig al Argum n zuzus Grun Mens indiv : dass mora Wüss ularien, nsiveness“ Ungleichhe en im wurd for an ent timmen, neuronal so zeigte sich Überle- man wollte schwö te man es ist oder andere zu sorge dsätzlich ist jeder idualistischen chen lisches Ethic hängig Mutter müssen gien. Gut iten zu verhe en, bestehend nicht besse nicht wenig Denk Care“ (Routl of sind von Begri n und risch wurd ren, die Mensch Natur nun – ale des zeitge wir anneh hlen, noch e ein tief möglich, den Leben en und Hand edge, lichen imstande, f1993) e die Fürso darin einen mitfühlend er krud begla nössischen Herrschaftsmanur, ckende dass Ideol Hinte eln als vor aus Sinn zu sumstände führen völlig unabdie gesell ofür Feminisieru 30 Jahren ubigt der Unter rge auf Vertre es, prinz Kapitalism aber glaub rgrund der - der finden terin der de schaftsdeFrauen, schicht, ipiell koope  – als stillen von einer Akteurin/d n und dem ng der größte schätzen, Fürsor us und zwar . Histoder Mütte Tugend persö Trumpf ge-Eth Selbsthilfe seien ist, dadurch en, dass mora raties Akteu heißt daher abgewälzt. ik derzeit in den r verfas die an An der geprägt lisches Die Fürso vor allem rs. Wenn n- normaler gruppe Händen , st worde einer die faktischen gen und Denken sind, auf Leute wertz Belan wir rge wertz gerec Veränderun all derer Handlunge und Geschlechte n. welche uuschätzen. ge und Aktiv 54 g der Geschhtigkeitsorientie wird das Weise mora Handeln itäten ganz noch rverteilung Geschlechtn im Alltag der rten lechte lische Fra- Geht mit diese in haben immer nicht doch releva Menschen das gerin rverhältnisse m Ansa sogenann . vorkommen nt. gste Intere Sie setze ten schw tz denn auch , einhe n sse ein ächeren r? Care) ein: sich für eine Teile der Fokus auf die Vom Stand Ethik der ihre wicht Was ist deren Gesellsch Fürsorge nachzuden punkt der Fürso moralische — PHILO aft (Ethic Alle Mens igsten Werte? rge SOPH IE ken, of r Kern MAGA chen sind , was sind ten. Alle Fürso bedeutet, sie aus über die ZIN ist der Bedar Gesellscha auf rende Fürso rge ist wicht von unten f an Fürso Fürsorge angew ft aus zu ig. Also NR. 03 rge, rge, der betrach— MÄRZ uns ausm iesen. Zeitweise henden Beruf wie wir sie Mütte nicht allein /APRIL acht, so en zusch die 2012 rn sich nähoder auch alltäglich gewaltig, reiben, den erziesondern aus der Lebens „Drecksarb ebenso ergibt. die, eit“ des menschlichdie en

45

> •

© Aurora/la if, privat

Die Fem inis der Tug ierung end

55 >

Ob in Wiss Vorstellu enschaft, Polit kaum profingen guten Han ik oder Manage deln ment: Klas tiert? Eine sisch weib ziemlich s. Wie kam es dazu assen Sie männlich liche Beg mich ganz e Analyse? Und warum nen. Es riffe leite persönlich geschah haben Frau Von Wolfra n heute begineiner vergangen m Eilenb halb nur en von dies unsere es Während kanadischen erger im absol UmkleidekJahr in len ich uten Notfa em Wan spielen), ter die Fußb meiner siebe abine. ll (die Beste del und auch njährigen allschuhe war alles n Kabin

— PHILO

SOPH IE

MAGA

ZIN

Frauen ihre mora hilfe von lischen Urtei emotional sensitiven gefärbten le eher mitBegriffen und und konte denheit“, wie xt- zelneSorge (als Nach „Verantwor „Fürsorge“ haltigkeit). , „Verb bildeten. dieser Begri Im Ansch tung“ und „Emp un- Zuord Jeder einffe ist – die Unter nung – luss an athie“ bei Ihnen weiblich. gemäß klassi scheidung Gilligan scher paaren zu unter fütter mit weiteren wurde Die Wer denkt Hause die Weihnacht neuen versus Begri t, wie Jäger „Dial Na also.) an Geburtstag etwa „Mon ffs- Die e von Verwskarten? Frage, „Situation“, og“ oder „Abst Die Umst olog“ wie es archaische andten? ellun kurzen in einem kularismus „Universalismusraktion“ versu Unterscheid g verkehrte vergle teil, wie s Umde Zeitraum zu “. “ versu selbst ungen etwa die einer vollkoichsweise s „Parti utung der Ein wesen in ihr Gegen zwisc und Werte bewegung tliches Ziel kam, führt mmenen des Sammlern (Frau hen Jägern (Män der Baron Gutte en). Wie ner) zu einer darin liegenmusste ausge Emanzipationsnberg eindr etwa der Fall ist das , die männ hend von Gillig Sammeln nanz zu ücklich liche Begri an brechen heute bewies, zur Disku zur wirks und die ffsdom i„weib amsten darf heute rshoheit zu führe liche Mora l“ che Begri als erreicht gelten n. Diese s Ziel ff . Denn „anderen e, die einst im Bedeutungs sämtli- Konst Stimme“ den Disku ellation, feld der lagen, bestim rs wüns in der sich men heute senschaftli gleichen chenswerte media che und Zuge n Hand rungen ökonomischle, naturwisMoralattrib sind männ elns. wech Im liche Tugen Form der selseitig Druck gerateute gesellschaf verstärktene VerändeJagd gewo den und Stelle sind hier tiv ist tlich massi gewiss . rden. Beson alen Innov n. Selbs tig ersch die techn An erster rarch dieses Samm v unter t der an ders einende eln aber sich unver isch-m nets samt ationen des isierten musste Begriff nicht etwa effekediHorden, sogenannte Mobilfunk dem der Gerec däch- zu in hiesondern s, Inter- Verbünden. nennen. ness weich eher situat r sozia Kein Zweif in egalit iven Ideal htigkeit der ler Sie legende ären el, dass Konzentrati verlangen und Netzwerke des frühe en. Die unbes mediale der Fairschaf Veränderun die grund n 21.  Jahrh trittenen förde on auf Komm Leitwerte netzung und Verbunden rn mit positi tsgerüsts weibl g underts unikation, dezen iche Tugen des Gesellonen bevor Kooperatio aber lauten: neues Handlungs trale Steuerung heit, Verden und zugt. die Sozio n, Empa profil mit ein ganz Dislogen eher thie NR. 03 Kompetenz Das — MÄRZ nossen bei weibl en, Die Primat des Fühle realisiert /APRIL ichen Artge 2012 sehen. medi ns ale (Frage: Wer schre - natur wisse Revolution wurde nscha ibt sonde re auf dem ftlichen unter von einer stützt Gebiet , insbeder Kogn itions- und

Vernetzu Die neu ng, Verbund enh weiblichen Medien ver eit: lan es Hand lungsprofigen ein l

© Heide

>

sol- Wert wer Tochandere band, lausch enans als gleich die Tore schos drin stand vokabular tem Tonfa prache der te s, gültig, der Uwe, Trainerin. ich der dann dominierte denn vorne Aristoteles chen Ziele ll hob die Fachf schon reinw und der werde In sanf. Das hatte über Augu rau die „das Ding Nietzsche zur ichsen“. von stinu Spaß habenhervor. Zunä wesentli- damals, und Ja, Folge, Fraue s bis Kant chst und auch nicht niemand nahm so sprach man moralische und vor allem alle Spiele (Have fun!) n n Urtei meine Mutte Ansto . Es rung : die lsbildung im Bereich der Schuhe werden r des gemischten solle immer r, die mir ß daran – und als letztlich an bale band. (Sharing inkompetenund Staatsfühentwi mäßig Kabinendis Ganz offenbar fürsorglich is caring Teams gedac t, besch ausge ht sie vorne cklungsgestört !), hat kurs im ränkt sche Team wechselt werd weshalb regel- fundament zu beurt hmlich Jugendfußb der glo- Um ale ihrem eilen, da Wandlung e. Das es mit all eine Gefühl Freunde“ wurde durch gegneri- nicht nur er. Hegel gehorchen. gängig Ist das Phäno durchlaufen an der adressiert. Blick Spitze der zu sagen: „Steh als „unse den rund men einma . Und in en Fraue re weich genommen, Regierung, zehn Minu Von Gewinnen Gefah wird l in den n r, hin, kurz lich. In war in so ist der Anforderundenn sie hand den westl der Befund unau bevor man ten keine Rede. Staat eln nicht Kreis gebild ichen Gesel Immer- kam es binne gen sherau n lschaften nach zufälliger der Allgemeinh nach den dazugebete et (anwesend strat, wurde ein ständigen Umstnur 30 Jahren eit, Neigung zu einer e Eltern Am einfl n) und ellung und Meinu sondern gerufen. vollwurden mit dem wir uns ussre dreimal des Leitvo In diese ng.“ laut „to-ge als Indiv kabulars, der systematischichsten wurd schaf ten m Mom rung an iduen ther!“ beschreibe ent unterdrück e die These von die prinzipiell stellen. n, motiv und Gemeinnen Kindh Kabinenansprachkam die Erinn ten Existe ieren und eren, distin en Gleichwer nz und en meine tigkeit „Respekt eit zurück. Um darr eigeeiner andeGilligan kt weiblichen sich auf zu versc dem Platz Der Sieg der vertreten, damals Moral haffen“, von Carol ein, sei erschienen ande schärfte und zwar es notw spieler man uns Die Behauptung ren Stimm in ihrem beim endig, e Lebenskonfen Buch „Die , unser 1982 lar sei den Gege umzuhauen ersten Ballko andere moralische n- zählt alles andere Stimm amer ikani likte und Mora ntakt erst (der muss s Vokab e – als gesch lich ging zu den einmal lechtsneutr u- unterschie sche Entwicklu l der Frau“. Die wichtigsten es in erster dich spüren!), des mode (worum ngspsychol d in diese natürGlaubenssä al, zwisc auch sonst? Linie ums m sei unser rnen Femi nism ogin hen Werk Gewi einer männ ), gewec grundlegen e Kultu us. Schli tzen mora hselt wurd nnen gewe r über lichen d sen, in Gerec Jahrtausen eßlic h Die l und einer weibl e desmännliche, Mann gehör der das öff ichen Fürso htigkeitsde eine entlic bis rgemoral. rende mora te und he Wort dato in der 52 lische Stimmeindeutig domi demgemäß dem um eher niee organ verstandeso sein „Regel“, rientierte isiere sich „Recht“ Begri und „Pfl icht“, wohinffe wie gegen

Benser/C orbis

L

„Yes, we care!“

Früher schien naturgew die Herre Sklavenmollt, heute sch nmoral eint es oral zu die sein

DOSSIER SIND FRA UEN MO RALISCH ER?

Dossier

53

>

Dossie r V

ielfältig zentrale e Antworten Mit Beit n Frage unse zu einer r ­Denker rägen von pro er Zeit. n und h minent zu den Klassikeilfreichen Bez en ügen rn

Sind Frauen moralischer als Männer

?

Der Mann ist das problematische Individuum des 21. Jahrhunderts. Frauen sind gebildeter, sozial kompetenter, fürsorglicher und weniger aggressiv. Empathie, Kooperation, Kommunikation: Soge­nannte weibliche Eigenschaften sind gefragt wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Steuern wir auf ein feminines Zeitalter zu? Und wäre das überhaupt wünschenswert? © Fabio Lovino/contrasto/laif

Di vollstä e n Artikel digen lese Sie in d er aktu n Ausgab ellen e!

Nr. 03 — märz/april 2012

35

>


Dossier Sind frauen moralischer?

M Von Svenja Flaßpöhler

änner neigen zu Egozentrik, Frauen denken eher an andere als an sich selbst. Wer glaubt, dass es anders sei, schaue sich um: Tendenziell sind es die Frauen, die trotz Vollzeitarbeit noch an die fehlende Milch im Kühlschrank denken und ihre Karrierewünsche an den Nagel hängen, sobald Nachwuchs da ist. Männer hingegen merken selten, dass der Küchenboden klebt, und wenn sie überhaupt Elternzeit nehmen, dann nur für zwei Monate. Selbst in Führungspositionen benehmen sich Frauen fürsorglicher als Männer. „Engagiert, eifrig, gewissenhaft, empathisch, verantwortungsbewusst und gut organisiert: So führen Frauen“, resümiert die Journalistin Juliane Gringer die Ergebnisse ihres Buches „Mein Chef ist eine Frau“. An die Stelle von Kampfeslust, Siegeswille, Durchsetzungsvermögen treten, sobald Frauen das Sagen haben, Einfühlungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft.

Selbst in Führungspositionen agieren Frauen fürsorglicher Im 17. Jahrhundert behauptete der Philosoph Baruch de Spinoza, „dass Frauen von Natur nicht das gleiche Recht haben wie Männer, sondern ihnen nachstehen, weshalb es eine Unmöglichkeit ist, dass beide Geschlechter in gleicher Weise regieren, geschweige denn, dass Männer von Frauen regiert werden“. Mittlerweile sprechen gute Gründe dafür, das genaue Gegenteil anzunehmen: Nicht die weibliche, die männliche Natur ist eine schlechte Voraussetzung für jede Form von Herrschaft. Dominique Strauss-Kahn, ehemaliger Direktor des Internationalen Währungsfonds, produziert mitten in der weltweiten Finanzkrise einen Hotelzimmer-Skandal, weil er, euphorisiert durch die eigene Macht, seinen Sexualtrieb nicht unter Kontrolle hatte; seine Nachfolgerin Christine Lagarde bemerkte kurz vor ihrer Wahl nur lakonisch, dass sie ihre Arbeit mit „weniger Testosteron“ angehen werde. >

36

Ist der Unterschied der Geschlechter in modernen und aufgeklärten Gesellschaften mitunter verblasst, tritt er in anderen, traditionelleren Kulturen umso deutlicher hervor: Liberias Staatspräsidentin Ellen JohnsonSirleaf, die Friedensaktivistin ­Leymah Gbowee, ebenfalls Liberianerin, und die Bürgerrechtlerin Tawakkul Karman aus dem Jemen erhielten im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis, weil sie wiederaufbauen, was Männer zerstören. „Es sind Frauen, die bis zur Erschöpfung rackern, die das Feld bestellen, die Kinder großziehen, Brennholz oder Wasser schleppen, einkaufen, putzen, Hirse oder Mais mahlen, Körbe, Hüte oder Halsketten flechten, um das Schulgeld für die Kleinen zu verdienen“, so war anlässlich der Preisverleihung in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. „Männer hingegen, und das lässt sich auch so pauschal sagen, drücken sich oft vor der Verantwortung und haben nur ihren eigenen Vorteil im Sinn.“ Die Verleihung des Preises sei verbunden mit der Hoffnung, „dass Frauen vernünftiger mit Macht umgehen als Männer“. Dass diese Hoffnung nicht unbegründet ist, zeigt allein schon der weibliche Körperbau. Die Muskelkraft der Frau ist weniger ausgeprägt, zu vielen Gewalttaten ist sie rein biologisch nicht in der Lage. Männer ziehen in den Krieg, jagen, morden, foltern und vergewaltigen. Frauen werden schwanger, gebären und nähren. Das Gefühl, ein Kind in sich zu tragen und zu stillen, kennen Männer nicht; viele verlassen ihre Familie. Wenn Mütter sich trennen, dann höchstens von ihrem Mann, in den seltensten Fällen jedoch von ihrem Kind. Das Hormon Oxytocin wird bei der Geburt und beim Stillen ausgeschüttet und stärkt die mütterliche Verbindung zum Säugling; das männliche Sexualhormon Testosteron, siehe Strauss-Kahn, steigert die Aggressivität. Wenn Frauen Testosteron einnehmen, so fanden Forscher kürzlich am University College in London heraus, schränkt sich ihr ansonsten kooperatives Verhalten merklich ein und sie handeln egoistischer. Auch neuronal, behaup— Philosophie Magazin


ten Hirnforscher, sind Frauen auf Fürsorge programmiert. „Das weibliche Gehirn ist vor allem auf Empathie angelegt“, schreibt der britische Psychologe Simon Baron-Cohen. „Das männliche Gehirn ist vor allem auf das Verständnis und die Errichtung von Systemen angelegt.“ Mit den Drüsen denken? Ist die Frau also von Natur aus gut, der Mann hingegen qua Biologie gewaltbereit, egozentrisch oder im besten Falle kühl-rational? So plausibel diese Annahme auf einen ersten Blick scheinen mag, bei näherem Hinsehen ist sie höchst problematisch. Vor dem Hintergrund neurowissenschaftlicher Behauptungen etwa erscheint eine Frau, die sich lieber mit abstrakten Gedankengebäuden beschäftigt anstatt mit Kindern, nachgerade pathologisch. Ein Mann, dem es umgekehrt ergeht, ebenfalls. Männer und Frauen von ihrer Biologie her zu begreifen, bedeutet die Geschlechts­­­identitäten zu „essenzialisieren“, das heißt ihnen ein kulturunabhängiges, qua Natur verbürgtes Wesen zuzuschreiben. Im Unterschied zum Tier leben Menschen aber in Gesellschaften, deren Verbote, Regeln und

Geschlechternormen die Existenz zutiefst prägen. „Wo die Sitten Gewaltanwendung verbieten, kann die Muskelkraft keine Herrschaft begründen“, schrieb die französische Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir schon 1949 in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“. „Wenn man also sagen kann, dass bei den höheren Tieren die individuelle

Männer und Frauen von ihrer Biologie her zu begreifen, bedeutet sie zu „essenzialisieren“ Existenz sich beim Männchen energetischer durchsetzt als beim Weibchen, so hängen beim Menschen die individuellen ‚Möglichkeiten‘ von der ökonomischen und sozialen Situation ab.“ Anders gesagt: Dass Frauen sich um die Kinder kümmern, während der Mann seinen Horizont erweitert und die Welt erobert, hängt nicht mit der weiblichen und männlichen Natur zusammen. Vielmehr bleibt die Frau zu Hause,

•••

Daten, die zu denken geben 95 % der insgesamt rund 51 000 Gefängnisinsassen in der Bundesrepublik sind männlich /// Frauenanteil unter alleinerziehenden Eltern: 90 % ///

/// Die Aktienkurse von Unternehmen, die einen starken Frauenanteil in Führungspositionen aufweisen, entwickeln sich um

///

73,3 % der Selbstmorde werden von Männern begangen

36 % besser

/// Jungen spielen fünfmal so häufig ­brutale Computerspiele wie Mädchen /// Frauenanteil unter den Vorstandsmitgliedern der 200 größten deutschen Unternehmen 2009:

2,5 %

/// Charaktereigenschaften der Männer aus Sicht der Frauen: Wehleidigkeit

63 %, Sturheit 61 %, Egoismus 53 %

/// Charaktereigenschaften von Frauen aus Sicht der Männer: Zärtlichkeit

76 %, Eitelkeit 66 %, Hysterie 55 %

Quellen: Statistisches Bundesamt / Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland / Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung / Catalyst Information Center: „Why diversity matters. Research studies 2005-2010“

Nr. 03 — märz/april 2012

37


Die Philosophen Ernst Tugendhat

„Man kann das Ego nicht überspringen“ Im Bewusstsein seiner Sterblichkeit stößt der Mensch an seine Grenzen. Ernst Tugendhat, einer der einflussreichsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit, über die Macht der Sprache und die Kunst des Loslassens Das Gespräch führte Michael Hesse Fotos von Thomas Koenig

E

rnst Tugendhat sagt, er könne nur denken, wenn er an seiner Schreibmaschine sitzt. Sie steht heute in Tübingen und ist so alt, dass man meinen könnte, er hätte sie schon zu Beginn seiner philosophischen Karriere in Gebrauch gehabt. Das war in Freiburg damals, im Jahr 1949. Tugendhat zählt zu den bedeutendsten Philosophen Deutschlands. Er wirkte in den geistigen Kraftzentren, in Münster, in Heidelberg oder später in Berlin an der Freien Universität. Mit seinem Freund Jürgen Habermas arbeitete er gemeinsam am Max-PlanckInstitut in Starnberg. Seine auf Vorlesungen zurückgehenden Werke über Ethik, das Selbstbewusstsein und die Sprachphilosophie zählen zum philosophischen Kanon deutscher Geistesgeschichte. Seine „Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie“ elektrisierte eine ganze Studentengeneration. Die Schreibmaschine steht auch heute noch auf dem Schreibtisch. Vom Sofa aus blickt man auf ein Regal mit akkurat geordneten Büchern. Das geordnete, transparente Denken zählt zu Tugendhats herausragenden Eigenschaften. Man kann ihm beim Denken förmlich zusehen. Besonders mit der Tradition der Mystik hat er sich in letzter Zeit beschäftigt. Die Mystik sei mit etwas verbunden, das er bei seinem früheren Lehrer Martin Heidegger erfahren habe, sagt Tugendhat: dem Staunen vor dem Sein, der Verwunderung, dass es so etwas wie diese

>

58

Welt überhaupt gibt – und nicht zuletzt dem Wissen, diese Welt wieder verlassen zu müssen. Herr Tugendhat, was bedeutet Philosophie für Sie? Wenn ich überlege, was ist für philosophierende Menschen die grundlegende Frage, dann ist es die, die sich bereits Platon in seinem Werk „Politeia“ stellte: Wie soll man leben? Und ich meine, dass diese Frage tatsächlich eine Fundamentalfrage des Menschen ist. Die Philosophie von Sokrates und Platon ist eigentlich von dieser Frage ausgegangen – und nicht etwa von der Frage nach dem Sein. Das Interesse am Sein ging bei den Griechen einher mit der Erfahrung von Veränderlichkeit, Tod und Gewesenheit. Das Wissen um unsere Sterblichkeit spielt dabei eine besondere Rolle? Wir Menschen verstehen so etwas wie Sein. Andererseits haben wir ein besonderes Verhältnis zum Tod, also zum Nichtsein und zur Veränderlichkeit des Lebens. Dies bringt eine bestimmte Form der gemeinsamen Reflexion auf unser Die Leben hervor, nämndigen t lich die, wie man volls ä lesen leben soll. Artikel ellen

•••

er aktu Sie in d sgabe! Au

— Philosophie Magazin


Das Ge spräch Ausfüh rli

bedeut che Intervie w endste n Denk s mit den ern von heute

Nr. 03 — April/Mai 2012

59

>


ssiker schichte a l K r e D Ge nd e in die Leben u is r Eine Re osophie - übe nkers e il h D der P großen s e in e Werk

Lexikon Die Kernbegriffe seines Denkens, lebendig und verständlich erklärt

Biografie

DIE PHILOSOPHEN FRIEDRICH NIETZSCHE BIOGRAFIE

Das Leben des Philosophen als Einführung in seine Werke

SEIN LEBEN

w

GESCHICHTLICHER w KONTEXT

Aufnahme in Schulpforta, dem Eliteinternat bei Naumburg an der Saale. Nietzsche verfasst seine ersten „Autobiografien“.

1844

Nietzsches SchopenhauerErlebnis bei der Lektüre von „Die Welt als Wille und Vorstellung“

1858 1848/49

„Märzrevolution“ – bürgerlich-demokratische und nationale Bewegungen gehen gegen die Restaurationsbestrebungen der „Heiligen Allianz“ auf die Barrikaden.

Am 8. Oktober lernt Nietzsche in Leipzig Richard Wagner kennen.

1862 Otto von Bismarck wird Ministerpräsident von Preußen.

Der vierte und letzte Teil von „Zarathustra“ erscheint. Nietzsche zufolge handelt es sich bei diesem Werk um „das tiefste Buch, das die Menschheit besitzt“.

1870 1870/71

1876

Deutsch-Französischer Krieg. Am 18. Januar 1871 kommt es im Spiegelsaal von Versailles zur „Kaiserproklamation“, dem Gründungszeremoniell des Deutschen Kaiserreichs.

Die Bayreuther Festspiele finden erstmals statt. Richard Wagner wird als nationales Musikgenie gefeiert.

ten in deren Haus. Mit der vergötterten Cosima spaziert er die Uferpromenaden des Vierwaldstättersees entlang; Wagner wird ihm neben Schopenhauer zum Hauptimpulsgeber seines frühen Denkens. Für Letzteren indes ist Nietzsche vor allem ein hervorragender Wagnerianer, ein propagandistisch begabter Jünger. Doch Nietzsches erste bedeutende Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ von 1872 ist mehr als die gedankliche Nachbereitung der mystischen Operndramatik des Meisters. Nietzsche beschreibt hier die menschliche Grundsituation als spannungsvolles Wechselverhältnis zweier entgegengesetzter Prinzipien, dem rauschhaftmaßlosen „Dionysischen“ und dem Form und Einheit stiftenden „Apollinischen“. Von seinen akademischen Kollegen wird das Werk abgelehnt. Nietzsches universitäre Karriere ist ruiniert. Allmählich wandelt sich auch sein Urteil über Wagner. Das völkisch-christliche Erlösungspathos, das Nietzsche bei den ersten Bayreuther Festspielen von 1876 entgegenschlägt, erfüllt ihn mit Abscheu. Zwei Jahre später kommt es zum endgültigen Bruch mit Wagner.

1869 wird Nietzsche – noch keine 25 Jahre alt und ohne abgeschlossene Promotion – als außerordentlicher Professor nach Basel berufen. Bald schon fallen ihm die Gepflogenheiten des Campus-Lebens zur Last. Immer öfter flüchtet er vor dem akademischen Betrieb ins nahe gelegene Tribschen. Hier empfängt ihn Richard Wagner mit seiner Cosima – der skandalumwitterten Tochter des Komponisten Franz Liszt. Nietzsche wird bald zum Intimus des glamourösen Paares, verbringt gar Weihnach-

An seinem 30. Geburtstag ist Nietzsche ein kranker Mann. Migräne, Schlaflosigkeit, Magenleiden, Depressionen, heftige Augenschmerzen – einige der Symptome sind vermutlich auf eine Syphilisinfektion zurückzuführen, die er sich während eines Bordellbesuchs in seiner Bonner Studentenzeit zugezogen hat. Im Jahr 1879 sieht er sich gezwungen, die Basler Professur aufzugeben. Es beginnen die Jahre der ärztlich verordneten Unrast, die Zeit der Pensionsaufenthalte, der Eierdiäten, der Trink-

Die PHILOSOPHEN PhilosoPhen DIE Friedrich NIETZSCHE Nietzsche FRIEDRICH

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

Zu Beginn des Jahres bricht Nietzsche zusammen. Angeblich soll er ein Droschkenpferd auf den Turiner Straßen umarmt haben.

Tod in der Villa Silberblick am 25. August. Die Schwester Elisabeth hat die Verwaltung seiner Werke bereits seit Jahren übernommen.

1889

1900

1885

1866 Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ erscheint.

m Jahr 1844 nimmt das Schicksal im sächsischen Ort Röcken seinen Lauf. Nietzsche kommt am 15. Oktober als erstes von drei Kindern in einem evangelischen Pastorenhaushalt zur Welt. Fünf Jahre später ist er bereits Halbwaise. Eine „Gehirnerweichung“ sei die Ursache für den Tod des Vaters. Dem kleinen Friedrich brennt sich diese Diagnose ein. Später führt er seine eigenen Beschwerden auf eine Erbkrankheit zurück. Als 14-Jähriger besteht Nietzsche die Aufnahmeprüfung von Schulpforta, einem Eliteinternat im Saaletal. In seiner Musterschülerschrift verfasst er mehrere „Autobiografien“, er musiziert, begeistert sich für Friedrich Hölderlin und Jean Paul. Als Nietzsche wenige Jahre später in Leipzig Altphilologie studiert (Geistlicher, wie die Mutter es sich innig wünscht, will er zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr werden), gerät ihm Arthur Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ in die Hände. Noch nie hat ein Buch ihn derart erschüttert. Bei Schopenhauer findet der 21-Jährige seine Ahnung bestätigt, dass die Welt ihrer inneren Natur nach nichts Geistiges, Vernünftiges sei, sondern dynamisch und chaotisch, dunkler Trieb und Drang.

68

Nietzsche wird ohne abgeschlossene Promotion als Professor nach Basel berufen.

1868

1865 1861

Tod Arthur Schopenhauers am 21. September

I

>

Die kommende Vernunft

Nietzsches sprachgewaltiger sprachgew Widerspruchsgeist fürchtete sich noch nicht nic einmal vor dem Selbstwiderspruch. Während andere über das Leben widerspruch nachdachten, dachte er um sein Leben. Ein Leben, das es um jeden Preis durch die Philosophie zu bejahen galt, und koste es den Verstand Von Marianna Lieder

Nietzsche wird am 15. Oktober im sächsischen Röcken geboren, als er fünf Jahre alt ist, verliert er seinen Vater.

© picture-alliance/akg-images (8), picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo, picture-alliance/Imagno, picture alliance/imagestate/HIP, Getty Images, Klassik Stiftung Weimar, GSA

DIE PHILOSOPHEN FRIEDRICH NIETZSCHE BIOGRAFIE

DIE PHILOSOPHEN FRIEDRICH NIETZSCHE GRUNDBEGRIFFE

1888 Wilhelm II. wird letzter deutscher Kaiser.

und Bäderkuren. Die Sommer verbringt Nietzsche meist in Sils-Maria, die Winter in Genua, Turin oder Nizza. Seine Not macht er zur Tugend. Die regelmäßigen Krankheitsattacken deutet er als „Stimulans des Lebens“. So gibt es für ihn auch keine prinzipielle Andersartigkeit von Krankheit und Gesundheit, sondern nur den Unterschied zwischen den „typisch Morbiden“, deren Dasein – ob mit oder ohne medizinischen Befund  – ein einziges Siechtum ist, und den „typisch Gesunden“, bei denen durch Krankheit erst recht verborgene Energiereserven freigesetzt werden. Kurz nach Erscheinen von „Die fröhliche Wissenschaft“ im Jahr 1882 lernt Nietzsche in Rom die 21-jährige Lou Andreas-Salomé kennen. „Von welchen Sternen sind wir einander zugefallen?“, lauten seine ersten Worte an die junge, hoch begabte Aristokratin. Wenige Tage darauf macht er ihr einen Heiratsantrag und erhält einen Korb. Auch der Plan, mit dem gemeinsamen Freund Paul Rée als philosophisch-erotisches Dreigespann glücklich zu werden, scheitert. Zum endgültigen Zerwürfnis zwischen Salomé und Nietzsche kommt es allerdings erst durch die Intrigen von Nietzsches Schwester Elisabeth, die 1883 den Antisemiten Bernhard Förster heiratet, um kurz darauf mit ihm in Paraguay eine arische Kolonie zu gründen. Nietzsche fühlt sich nun völlig verlassen und verraten. Aller Niedergeschlagenheit zum Trotz vollendet er im Jahr 1885 den vierten und letzten Teil von „Also sprach Zarathustra“. Seiner eigenen Einschätzung zufolge handelt es sich hierbei um „das tiefste Buch, das die Menschheit besitzt“. In den beiden Jahren darauf erscheinen „Jenseits von Gut

Veröffentlichung des „Willens zur Macht“, einer von Elisabeth stark verfälschten Ausgabe von Nietzsches nachgelassenen Schriften

Perspektivismus Nietzsche war keineswegs der Erste, der behauptete, dass Erkenntnis durch die Eigentümlichkeiten des menschlichen Erkenntnisvermögens bedingt sei. Allerdings konnten sich Kants „endliche Vernunftwesen“ noch umstandslos auf allgemeingültige Gewissheiten einigen, weil ja alle aus demselben spezifisch menschlichen Blickwinkel auf die Welt blickten. Nietzsche nun hat diesen Perspektivismus radikalisiert. Ihm zufolge hat die Welt „keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne“: Es gibt nur „vielerlei Augen“, viele verschiedene, grundsätzlich unversöhnliche Weltinterpretationen, die sich von ihrem jeweiligen Standpunkt aus behaupten wollen. Damit wird jedem objektiven Geltungsanspruch eine endgültige

1901 1914

1934

Ausbruch des Ersten Weltkriegs

Hitler posiert vor der Büste Nietzsches. Ein Jahr später erscheint er zur Beerdigung von Elisabeth Förster-Nietzsche.

und Böse“ und „Zur Genealogie der Moral“. Als hätte Nietzsche geahnt, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt, bündelt er seine Kräfte in einem gewaltigen Schaffensrausch. 1888 entstehen gleich fünf Werke: „Der Fall Wagner“, „Götzendämmerung“, „Der Antichrist“, „Ecce Homo“ und „Nietzsche contra Wagner“. Zu Beginn des Jahres 1889 schließlich kommt es in Turin zum Zusammenbruch. Nietzsche soll sich am Morgen des 3. Januar schluchzend einem Droschkenpferd um den Hals geworfen haben, um es vor den Peitschenhieben des ungeduldigen Kutschers

sche die Götter: „Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich endlich an mich selber glaube!“ Als sein dunkler Wunsch sich erfüllt hatte, bekam er nichts mehr davon mit, dass nun auch andere an ihn glaubten. Eine bereits im Januar 1890 erschienene Neuauflage sei-

Mit „der Gekreuzigte“ oder „Nietzsche-Caesar“ signierte er seine Briefe gegen Ende

Nietzsches erste Worte an Lou von Salomé: „Von welchen Sternen sind > wir einander zugefallen?“

ner Schriften fand reißenden Absatz. Die Nobel-Boheme Europas hatte gerade begonnen, Nietzsches Werk zu entdecken, während dieser zunächst von seiner Mutter, später auch von der aus Paraguay zurückgekehrten Schwester Elisabeth gepflegt wurde. Am 25. August 1900 endete schließlich auch sein physisches Leben. Der Dämmerzustand seiner letzten Jahre bewahrte Nietzsche allerdings auch davor, bewusst mitzuerleben, wie Elisabeth die Deutungshoheit über sein Werk an sich riss. Drei Jahrzehnte nach dem Tod des Bruders führte die

69

>

Moral In „Zur Genealogie der Moral“ fingiert Nietzsche folgendes Szenario: In vorzivilisatorischen Zeiten, als der humanistisch-christliche Tugendkatalog noch ungeschrieben war, ritten aristokratisch-barbarische „Herren“ ohne Sattel durch Steppen und Dörfer, kämpften tapfer, wüteten grausam. Sich selbst nannten die Herren „gut“, meinten damit aber keineswegs „selbstlos“ oder „zartfühlend“, sondern „vornehm, wild, stark, genussfreudig“. Alle Nichtherren waren aus ihrer Sicht „Sklaven“, gemeiner Pöbel und wurden darum „schlicht“, später „schlecht“ genannt. Auch die Sklaven, die Unterdrückten, Demütigen, Fleißigen, nannten sich selbst „gut“, die Herren und deren Eigenschaften nannten sie „böse“. Irgendwann rotte-

— PHILOSOPHIE MAGAZIN

71

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

Der DER KlAssiKer KLASSIKER

nietzsche NIETZSCHE Die DIE Feier FEIER Des DES Denkens DENKENS

Nr. 03

SC NIETZ

n

eilage vo

Sammelb

HE

selten Selten hat jemand einen so hohen Preis für sein Genie bezahlt wie nietzsche. Nietzsche. ein Ein leben Leben zwischen schaffensrausch Schaffensrausch und Daseinskrise: Bereits im Alter von 45 Jahren kam es zum endgültigen Zusammenbruch, dem sich ein letztes lebensjahrzehnt Lebensjahrzehnt in geistiger Umnachtung anschloss. Werk und Person sind bei nietzsche Nietzsche untrennbar miteinander verflochten. verflochten. Dennoch ist nietzsches Nietzsches Philosophie mehr als ein brillanter Kommentar zu seiner tragischen existenz – Existenz – eine Philosophie, der letztlich auch die fatalen Ausdeutungen im 20. Jahrhundert nichts an Faszinationskraft nehmen konnten. Mit stilistischer Brillanz und untrüglichem psychologischem instinkt Instinkt richtete er neue Werte und ideale Ideale auf. illustrationen: Martin Haake Illustrationen von Martin Haake

•>

662

— PHILOSOPHIE PhilosoPhie MAGAZIN Magazin —

nr. NR. 03 03 — — März/aPril MÄRZ/APRIL 2012 2012

al. der Mor uszug) (A nealogie „Zur Ge rift“ von 1887 reitsch Eine St

in.indd

he_ssch_f

tNietzsc

pm03_Hef

1

67

Sammelbeilage

ur Die Kcuhltuld der S

22.02.12

13:36

ten sich die Sklaven zum Aufstand zusammen und siegten dank einer ausgefeilten Kriegslist: Sie schoben den Herren ihr eigenes Sklavenwertesystem unter. Die Starken mussten sich fortan selbst aus der Perspektive der Schwachen beurteilen, das war ihr Untergang. Dieser „Sklavenaufstand der Moral“ sei die Urszene, der sich unsere modernen sittlichen Maßstäbe verdankten. Nietzsche, der wissenschaftliche Gewissheiten entthronte, indem er sie als radikal subjektive, von Eigeninteresse geleitete perspektivische Zuschreibungen enttarnt, verfährt hier ähnlich mit ethischen Werten. Ihm zufolge ist die herrschende Moral eine durch und durch egoistische Erfindung derer, die zuletzt die Deutungshoheit an sich rissen.

Von Suzi Vieira; übersetzt von Marianna Lieder

70

zu schützen. Der Philosoph, der die Mitleidsmoral seines einstigen Übervaters Schopenhauer so unerbittlich kritisiert hat, wurde gegen Ende seines geistigen Lebens vom Mitleid mit einem Tier überwältigt. Allerdings gilt es heute als höchst unwahrscheinlich, dass sich diese Episode tatsächlich ereignet hat. Nicht weniger faszinierend, dafür glaubwürdiger, dokumentieren die sogenannten Wahnsinnszettel Nietzsches krankhaften Geisteszustand im Winter 1888/1889: An Freunde und Bekannte adressierte er Briefe von irrwitzig-anrührendem Inhalt, wahlweise signiert mit „der Gekreuzigte“, „der Antichrist“ oder „Nietzsche Caesar“. Bereits in seiner 1881 erschienenen Schrift „Morgenröthe“ beschwor Nietz-

NR. 03 — MÄRZ/APRIL 2012

hochbetagte Nachlassverwalterin Hitler stolz durch die Räume des von ihr geleiteten Nietzsche-Archivs in Weimar. Zweifelsohne hätten die Nationalsozialisten auch ohne ihr verfälschendes Eingreifen genug Gründe gefunden, Nietzsches Denken zu vereinnahmen – allein, sie verfuhren dabei wie jene „plündernden Soldaten“, die Nietzsche mit jenem unseligen Typus Leser vergleicht, der sich nur diejenigen Worte aus dem Gesamtzusammenhang reißt, die ihm behagen. Zweifelsohne war Nietzsche alles andere als ein lupenreiner Demokrat, doch war er weder Antisemit noch Rassist. Sein gesellschaftspsychologischer Spürsinn, sein Individualismus und sein Ästhetizismus waren letztlich unvereinbar mit der Ideologie des Dritten Reichs. Im Lauf des vergangenen Jahrhunderts hat Nietzsche Jünger aus den unterschiedlichsten Lagern angezogen: Surrealisten, Existenzialisten, Freudianer, Anarchisten, Wirtschaftsliberale. Manchen bot er mehr, als sie vertragen konnten, andere nahmen ihm mehr, als er geben wollte. Nietzsche selbst hoffte darauf, dass ein „Genie von Menschenkenner“ sein Werk in ferner Zukunft zu deuten wissen werde. Vielleicht wartet er noch immer.

Absage erteilt, zugleich jedoch ergeben sich neue Möglichkeiten der Betrachtung. Man solle, so die nachdrückliche Empfehlung, möglichst oft den Blickwinkel ändern und beispielsweise die „Wissenschaft unter der Optik des Künstlers sehen, die Kunst aber unter der des Lebens …“ („Geburt der Tragödie“) Diesen beständigen Perspektivwechsel hat sich Nietzsche zum formalen und inhaltlichen Prinzip seines Werkes gemacht. Mal spricht er in Aphorismen, dann wieder als analytischer Pamphletist, sein Ton schwankt zwischen Spott und Pathos, er ergreift Partei für die Starken und „Renaissance-Menschen“, kurz darauf schlägt er sich auf die Seite der Schwachen und der ewig kränkelnden Décadence.

In jedem Heft: ein 16-seitiges Booklet mit Originaltext

>

>


Die Philosophen Friedrich Nietzsche Biografie

I

m Jahr 1844 nimmt das Schicksal im sächsischen Ort Röcken seinen Lauf. Nietzsche kommt am 15. Oktober als erstes von drei Kindern in einem evangelischen Pastorenhaushalt zur Welt. Fünf Jahre später ist er bereits Halbwaise. Eine „Gehirnerweichung“ sei die Ursache für den Tod des Vaters. Dem kleinen Friedrich brennt sich diese Diagnose ein. Später führt er seine eigenen Beschwerden auf eine Erbkrankheit zurück. Als 14-Jähriger besteht Nietzsche die Aufnahmeprüfung von Schulpforta, einem Eliteinternat im Saaletal. In seiner Musterschülerschrift verfasst er mehrere „Autobiografien“, er musiziert, begeistert sich für Friedrich Hölderlin und Jean Paul. Als Nietzsche wenige Jahre später in Leipzig Altphilologie studiert (Geistlicher, wie die Mutter es sich innig wünscht, will er zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr werden), gerät ihm Arthur Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ in die Hände. Noch nie hat ein Buch ihn derart erschüttert. Bei Schopenhauer findet der 21-Jährige seine Ahnung bestätigt, dass die Welt ihrer inneren Natur nach nichts Geistiges, Vernünftiges sei, sondern dynamisch und chaotisch, dunkler Trieb und Drang. 1869 wird Nietzsche – noch keine 25 Jahre alt und ohne abgeschlossene Promotion – als außerordentlicher Professor nach Basel berufen. Bald schon fallen ihm die Gepflogenheiten des Campus-Lebens zur Last. Immer öfter flüchtet er vor dem akademischen Betrieb ins nahe gelegene Tribschen. Hier empfängt ihn Richard Wagner mit seiner Cosima – der skandalumwitterten Tochter des Komponisten Franz Liszt. Nietzsche wird bald zum Intimus des glamourösen Paares, verbringt gar Weihnachten in deren Haus. Mit der vergötterten Cosima spaziert er die Uferpromenaden des Vierwaldstättersees entlang; Wagner wird ihm neben Schopenhauer zum Hauptimpulsgeber seines frühen Denkens. Für Letzteren indes ist Nietzsche vor allem ein hervorragender Wagnerianer, ein propagandistisch begabter Jünger. Doch Nietzsches erste bedeutende Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ von 1872 ist mehr als die gedankliche Nachbereitung der mystischen Operndramatik des Meisters. Nietzsche beschreibt hier die menschliche Grundsituation als spannungsvolles Wechselverhältnis zweier entgegengesetzter Prinzipien, dem rauschhaftmaßlosen „Dionysischen“ und dem Form und Einheit stiftenden „Apollinischen“. Von seinen akademischen Kollegen wird das Werk abgelehnt. Nietzsches universitäre Karriere ist ruiniert. Allmählich wandelt sich auch sein Urteil über Wagner. Das völkisch-christliche Erlösungspathos, das Nietzsche bei den ersten Bayreuther Festspielen von

Nr. 03 — März/April 2012

1876 entgegenschlägt, erfüllt ihn mit Abscheu. Zwei Jahre später kommt es zum endgültigen Bruch mit Wagner. An seinem 30. Geburtstag ist Nietzsche ein kranker Mann. Migräne, Schlaflosigkeit, Magenleiden, Depressionen, heftige Augenschmerzen – einige der Symptome sind vermutlich auf eine Syphilisinfektion zurückzuführen, die er sich während eines Bordellbesuchs in seiner Bonner Studentenzeit zugezogen hat. Im Jahr 1879 sieht er sich gezwungen, die Basler Professur aufzugeben. Es beginnen die Jahre der ärztlich verordneten Unrast, die Zeit der Pensionsaufenthalte, der Eierdiäten, der Trink- und Bäderkuren. Die Sommer verbringt Nietzsche meist in Sils-Maria, die Winter in Genua, Turin oder Nizza. Seine Not macht er zur Tugend. Die regelmäßigen Krankheitsattacken deutet er als „Stimulans des Lebens“. So gibt es für ihn auch keine prinzipielle Andersartigkeit von Krankheit und Gesundheit, sondern nur den Unterschied zwischen den „typisch Morbiden“, deren Dasein – ob mit oder ohne medizinischen Befund – ein einziges Siechtum ist, und den „typisch Gesunden“, bei denen durch Krankheit erst recht verborgene Energiereserven freigesetzt werden. Kurz nach Erscheinen von „Die fröhliche Wissenschaft“ im Jahr 1882 lernt Nietzsche in Rom die 21-jährige Lou Andreas-Salomé kennen. „Von welchen Sternen sind wir einander zugefallen?“, lauten seine ersten Worte an die junge, hoch begabte Aristokratin. Wenige Tage darauf macht er ihr

Nietzsches erste Worte an Lou Salomé: „Von welchen Sternen sind wir einander zugefallen?“ einen Heiratsantrag und erhält einen Korb. Auch der Plan, mit dem gemeinsamen Freund Paul Rée als philosophisch-erotisches Dreigespann glücklich zu werden, scheitert. Zum endgültigen Zerwürfnis zwischen Salomé und Nietzsche kommt es allerdings erst durch die Intrigen von Nietzsches Schwester Elisabeth, die 1883 den Antisemiten Bernhard Förster heiratet, um kurz darauf mit ihm in Paraguay eine arische Kolonie zu gründen. Nietzsche fühlt sich nun völlig verlassen und verraten. Aller Niedergeschlagenheit zum Trotz vollendet er im Jahr 1885 den vierten und letzten Teil von „Also sprach Zarathustra“. Seiner eigenen Einschätzung zufolge handelt es sich hierbei

•••

68

>


Also ich hätte gerne das Menü 23, mit Glasnudeln ...

Comic

Konfusion Und könnte ich die Litschis vor den Nudeln bekommen?

Denn ist Speise nicht in Ordnung, Mensch nicht in Ordnung.

Nicht gut, mein Herr, gar nicht gut.

Und ist Mensch nicht in Ordnung, Kosmos nicht in Ordnung.

Niemals die Ordnung der Speise stören, lehrt die Tradition.

Menü 23 braucht Ordnung.

Nichts verändern man darf.

Äh ... dann lieber keine Litschis.

94

— Philosophie Magazin


Was soll das? Philosophen formulieren oft provokant und scheinbar unverständlich. Gerade diese rätselhaften Sätze sind der Schlüssel zum Gesamtwerk Heinz von Foerster:

Die Kunst, immer Recht zu behalten Kniff Nr. 3

„Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ Was machen Philosophen? Die gängige Antwort lautet: Sie suchen nach der Wahrheit. Für den Biophysiker und Philosophen Heinz von Foerster (1911-2002) ist diese Suche allerdings hoffnungslos: Unser Gehirn ist ein geschlossenes System, das sich seine eigene Wirklichkeit erzeugt – und keineswegs unsere Außenwelt eins zu eins abbildet. Ein Beispiel: Die Farben, die wir sehen, haften nicht an den Gegenständen selbst – das Gehirn interpretiert die Lichtwellen, sodass ein und derselbe Apfel für uns grün ist und für einen Vogel ultraviolett. Unsere Sinneseindrücke, die wir für ein wahres Abbild der Welt halten, sind also ein Konstrukt unserer Nervenzellen. Von Foerster wird deshalb als Konstruktivist bezeichnet. Alle kulturellen Einflüsse und Erinnerungen, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln, brennen sich in unsere Hirnwindungen ein. Und mit diesem Hirn schauen wir auf die Welt: Manche sehen sie mathematisch, manche religiös, andere politisch. So viele Menschen, so viele Meinungen. Deshalb behauptet Foerster, dass es die Wahrheit nicht geben kann. Im Gegensatz zu den klassischen Philosophen steht die altehrwürdige Wahrheit bei Foerster nicht für das Schöne, Edle oder Gute. Sie sei vielmehr ein rhetorischer Taschenspielertrick – eben die Erfindung von Lügnern, die ihre Diskussionspartner übertrumpfen wollen. Dieser Gedanke hat vor allem auf die Systemtheorien des Biologen Humberto Maturana und des Soziologen Niklas Luhmann gewirkt: Systemtheoretiker leiten ihre Theorien nicht von übergeordneten Wahrheiten ab; stattdessen untersuchen sie ein Phänomen innerhalb des Systems, in dem es sich ereignet. Die Kritiker des Radikalen Konstruktivismus halten dagegen: Dass zum Beispiel ein Auto fährt, ist schlichtweg wahr; und die dahinterstehende Technik basiere auf wahren physikalischen Gesetzen. Foersters Antwort: „Das Funktionieren ist ein Beleg für das Funktionieren, nicht aber für die Existenz einer Wahrheit.“ Man habe eben so lange herumprobiert, bis das Auto einmal losgetuckert ist. Die Befreiung von der Idee der Wahrheit müsse schon bei den Kleinsten beginnen: „Dies zeigt sich am deutlichsten in unserer Methode des Prüfens, die nur Fragen zulässt, auf die die Antworten bereits bekannt sind.“ Indem Lehrer nur eine Wahrheit akzeptieren,

•••

Nr. 03 — März/April 2012

... und v zum Na iele weitere Ar ch- und Weiter tikel denken

Behaupten Sie das Gegenteil DAS Verfahren Beim Angriff wird wie folgt vorgegangen: Sie übernehmen das Argument Ihres Gesprächspartners Wort für Wort, um es in sein Gegenteil zu verkehren. Beispielsweise vertritt ihr Gegenüber die Ansicht: „Das ist ein Kind. Man muss nachsichtig mit ihm umgehen.“ Antworten Sie: „Eben weil es ein Kind ist, sollte man keinesfalls nachsichtig mit ihm sein! Sonst wird es nämlich nie erwachsen. Schopenhauer zufolge ist dies die eleganteste aller rhetorischen Finten, weil dabei mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Wirkung erzielt wird. In der Tat – die bloße Verwendung des Wörtchens „eben“, verbunden mit einer Verneinung, macht Sie zum strahlenden Sieger der Debatte. Das Material des Arguments hat Ihnen ja bereits Ihr Gegner geliefert, ein Umstand, der nicht unwesentlich zu seiner Demütigung beiträgt. Die meisten großen Philosophen beherrschten dieses Verfahren aus dem Effeff – Hegel etwa, der darauf bedacht ist, die Freiheit nicht mit der Moral in eins zu setzen: Das Kant’sche Diktum „du kannst, denn du sollst“ dreht er in seiner „Wissenschaft der Logik“ einfach um, wenn er schreibt: „Du kannst nicht, eben weil du sollst. Denn im Sollen liegt ebenso sehr die Schranke als Schranke.“ (I, § 141). Dieser als retorsio berüchtigten Argumentationsfinte gebührt ein Ehrenplatz in der Philosophiegeschichte. Denn jeder große Geist musste sich zunächst als rebellischer Schüler gegen seinen Meister beweisen. Die Abwehr Um sich gegen dieses demütigende Verfahren zur Wehr zu setzen, genügt es, die eigene Ansicht unverzagt zu bekräftigen. Sie drehen das von ihrem Gegner verdrehte Argument erneut um. Im oben angeführten Streitfall über Kindererziehung würde

•••

65


Jetzt abonnieren!

MÄRZ/APRIL NR. 03 / 2012

NEU

Sind Frauen moralischer als Männer ? Vereinigt euch!

Warum Deutschland und Frankreich fusionieren sollten

Sterben lernen Ernst Tugendhat über letzte Fragen

Wer vergibt uns unsere Schulden?

Bestellen Sie das Philosophie Magazin

Genealogie der Finanzkrise

>>> telefonisch unter +49 (0)40 41 448 463

16-SEITIGES BOOKLET Sammelbeilage von

Nr. 03

NIETZSCHE

Die Kultur der Schuld „Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift“ von 1887 (Auszug)

NIETZSCHE Denk dich frei!

>>> online auf www.philomag.de/abo

Deutschland 5,90 € Österreich: 6 €; Schweiz: 11,80 SF; Italien & Spanien: Auf Nachfrage.

Luxemburg: 6,40 €.

4 192451 805900

03

>>> mit Ihrer Bestellkarte in der Mitte dieses Heftes

Vorteils- oder Geschenkabo 6 Ausgaben im Jahr Pünktlich im Briefkasten Jedes Heft mit 16-seitigem Klassiker-Booklet 15% sparen (nur 30 €* statt 35,40 €)

30 €

Studentenabo

24 €

6 Ausgaben im Jahr Pünktlich im Briefkasten Jedes Heft mit 16-seitigem Klassiker-Booklet 30% sparen (nur 24 €* statt 35,40 €)

+ Geschenk Ihrer Wahl: Nietzsche T-SHIRT Aus 100% Baumwolle, von Fruit of the Loom. Für den echten Sammler! In zwei Größen: M oder XL

PARKER JOTTER STEEL Der Klassiker aus Edelstahl. Weltweit wegen seiner Qualität und Haltbarkeit geschätzt. 2 Jahre Garantie. Lieferung in eleganter Schatulle

Probeabo

12 €

3 Ausgaben Pünktlich im Briefkasten Jedes Heft mit 16-seitigem Klassiker-Booklet 30% sparen (nur 12 €* statt 17,70 €)

*Preis im Inland inklusive MwSt. und Versand. Auslandspreise (inkl. Versandkosten): Vorteilsabo 40 € / Geschenkabo 40 € / Studentenabo 34 € / Probeabo 17 €

Philosophie Magazin #3, Leseprobe  
Philosophie Magazin #3, Leseprobe  

Entdecken Sie das Philoophie magazine