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monatlich Nr. 01 / 2012

Neu Interview: Julian Assange im Dialog mit dem Philosophen Peter Singer

Pro und Contra Hat die Natur immer recht? Axel Honneth „Das Finanzkapital entmachten“

Warum haben wir Auf der Suche Kinder? nach guten Gründen 16-seitiges Booklet

Sammelbeilage von

Nr. 01

ARISTOTELES

ÜBER DIE FREUNDSCHAFT „Nikomachische Ethik”, IX. Buch, 9. bis 12. Kapitel

aristoteles Das erste Universalgenie

Deutschland 5,90 € Österreich: 6 €; Schweiz: 11,80 SF; Luxemburg: 6,40 €. Italien & Spanien: Auf Nachfrage.


EditoRial

Wolfram Eilenberger Chefredakteur

Der Mut zum Neuen © Illustration: Katharina Gschwendter / Foto: Markus C. Hurek

„Philosophierenden ergeht es wie Gebärenden: Sie haben Wehen bei Tag und Nacht – nur weit ärger als jene der schwangeren Frauen.“ Mit diesen Worten ermunterte der Grieche Sokrates auf dem Marktplatz von Athen seine ­Schüler, sich auf das Abenteuer der Philosophie einzulassen. Ein zweifelhafter Motivationsversuch. Welches ­vernünftige Wesen sucht schon freiwillig schmerzhafte Erfahrungen auf? Bis heute prägt die Vorstellung einer mühsamen, mitunter sogar qualvollen Tätigkeit unser Philosophieverständnis. Selbst bei wichtigsten Lebensfragen werden die Erben des Sokrates deshalb außer Acht gelassen. Etwa bei der Überlegung zweier Liebender, ob sie gemeinsam ein Kind in die Welt setzen sollen – oder besser nicht? Heikle Gespräche. Und wie tief sie zwangsläufig führen müssen: Was will ich von meiner Existenz? Wie sehr kann ich dir vertrauen? Bin ich reif für diese Verantwortung? Mein Kinderwunsch, ist er etwas anderes als die lebendige Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft? Erwachsene Menschen, die sich angeregt und ernsthaft darüber unterhalten, wie sie leben wollen, das wäre eine Weise, das Programm des Sokrates zu beschreiben. Einmal so formuliert, taugt es auch als Grundlage für ein neues Magazin: NR. 01 — DEZ. 2011/JAN. 2012

ein Magazin, das seine Themen ernst nimmt. Ein Magazin, das seine Fragen auf den Marktplatz trägt, um sie im Licht der Öffentlichkeit zu ergründen. Ein Magazin, allein in dem Sinn radikal, keinen Zweifel für tabu zu erklären. Ein Magazin auf der konsequenten Suche nach dem klärenden Gespräch. „In was für einer Art von Welt würdest du gerne leben?“ – mit dieser Frage wendet sich der Wikileaks-Gründer Julian Assange an den Philosophen und Tierrechtsaktivisten Peter Singer. Sie wird zum Ausgangspunkt eines faszinierenden Gesprächs zwischen zwei Menschen, die zu den interessantesten und umstrittensten Denkern unserer Zeit gehören (ab Seite 24 in diesem Heft). Ihr Dialog ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was es bedeuten kann, sich im Jahre 2011 in die Spur des Sokrates zu begeben – schmerzhafte Einsichten und abenteuerliche Visionen eingeschlossen. Solche Gespräche sind kein Privileg der Mächtigen, Berühmten oder Verwegenen. Sie stehen uns allen offen. Jeden Tag. Wer sich auf das Abenteuer alltäglichen Philosophierens einlässt, ahnt, dass es mit gewissen Anstrengungen verbunden bleibt. Doch sollten wir Sokrates – immerhin der Sohn einer Hebamme – auch heute noch glauben, wenn er allen Gebärenden dieser Welt verspricht: „Dass du es aber nicht kannst, sage nur niemals: Denn so Gott will und du wacker bist, wirst du es wohl können.“ Mit anderen Worten: Philosophieren braucht vor allem Mut. Den Mut zum Neuen!

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inhalt

Zeitgeist

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Dialog: Sie zählen zu den einflussreichsten Aktivisten und Denkern des Planeten: Wikileaks-Gründer Julian Assange und der umstrittene Moralphilosoph Peter Singer. Hier sprechen sie das erste Mal miteinander. Ihr Thema: Die Welt retten

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Unsere Frage: Was ist Philosophie? Sinnbild Presseschau Radar Pro & Contra: Hat die Natur immer recht? Urteilskraft: Die Gerichtskolumne von Juli Zeh Sind Staatsschulden vernünftig? Klassiker antworten Begegnung: Ist Schuld vererbbar? Der französische Philosoph Vladimir

Dossier

Jankélévitch schwor, nie wieder Deutsch zu lesen oder zu sprechen – bis er einen Brief von einem jungen Lehrer aus Ostfriesland erhielt. Wir haben den Absender besucht

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Warum haben wir Kinder? Ein Dossier über die Motive, sich fortzupflanzen, die Herausforderungen des Mutter- und Vaterseins und die Irrationalität menschlicher Wünsche. Mit Antworten von Platon bis Peter Sloterdijk

die philosophen

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Das Gespräch – Axel Honneth Einer der bedeutendsten

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Beispielsweise Thomas Nagel und die Fledermaus Was soll das? Die Kunst, immer recht zu behalten

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aristoteles, der meister des Realen

Kein Denker hat das Abendland stärker geprägt. Die Thesen des griechischen Universalgenies sind heute so relevant wie vor mehr als zweitausend Jahren. Mit Beiträgen von Julian Nida-Rümelin, Daniel Kehlmann und Brigitte Falkenburg

Bücher

© Jérôme Galland, Olivier Marboef, Julie Cerise, Angela Strassheim

Ereignis

Dieses Heft wird mit einer 16-seitigen Sammelbeilage verteilt: „Über die Freundschaft" aus der „Nikomachischen Ethik" von Aristoteles

Philosophen der Gegenwart über Volksaufstände, Castingshows und den kommenden Sozialismus

78 Martin Seel und Alain Badiou über Lust und Liebe 80 Die Monopoly-Gesellschaft – Vier Bücher zur Finanzkrise 82-84 Jan Costin Wagners finnische Aufklärung / Favoriten des Buchhandels 86

Tod und Spiele: Lucha Libre in Mexiko – Von Airen

90 92 94 95 98

Agenda – Philosophische Termine Brauchen wir Segways? – Markus Krajewski testet ein neues Produkt Spiele + Comic Sokrates fragt: Christoph Maria Herbst antwortet

Unser Autor hat sich ins Coliseo gewagt, die brodelnde Kampfarena der mexikanischen Wrestler. Ein Augenzeugenbericht aus der Hölle – und dem Himmel Projektionen: Die Filmkolumne von Florian Henckel von Donnersmarck

Die nächste Ausgabe erscheint am 24. Januar 2012 Ihr Vorteilsabo auf Seite 63 Nr. 01 — Dez. 2011/jan. 2012

www.philomag.de 5


Zeitgeist

Sinnbild

„Die kleinste Bewegung ist für die ganze Natur von Bedeutung; das ganze Meer verändert sich, wenn ein Stein hineingeworfen wird“ Blaise Pascal / „Gedanken“

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— Philosophie Magazin


Nr. 01 — DEZ. 2011/JAN. 2012

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© Reuters

Homs, Syrien / 27. September 2011 Demonstranten protestieren gegen die Gewaltherrschaft von Syriens Präsident Baschar al-Assad.


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— Philosophie Magazin

© Jérôme Galland für Philosophie Magazin


Zeitgeist

Die Welt retten Sie sind beide Australier, mutig, Reformer und Radikale. Und sie haben noch nie miteinander gesprochen. Zum ersten Mal debattiert Julian Assange, der Gründer von Wikileaks, mit dem Moralphilosophen Peter Singer. Ein Gesprächsereignis, organisiert von Philosophie Magazin Von Alexandre Lacroix

NR. 01 — DEZ. 2011/JAN. 2012

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 ief in der englischen Grafschaft Suffolk. Die Straße führt an ausge‑ dehnten Schweinefarmen entlang. In ihren Pferchen trotten die fetten Tiere hin und her. Es ist seltsam, sich so weit aufs Land hinaus begeben zu müssen, um Julian Assange zu treffen. Einen Menschen, dessen Namen man vor allem mit dem Internet, mit Computerhacking und dem revolutionärsten Akt in der Geschichte des politischen Gebrauchs von Informationstechnologie verbindet. Peter Singer ist der zweite Mann, den ich an diesem Nachmittag um fünf Uhr sehen soll. Er hat einer transatlantischen Diskussion mit Assange über das Abenteuer Wikileaks zugestimmt, die sie per Skype führen werden. Laut der Zeitschrift New Yorker ist Singer „der einflussreichste lebende Philosoph der Welt“. Er ist vor allem als entschlossener Vorkämpfer für Tierrechte bekannt. Doch das ist nicht Singers einziges Interessengebiet: Im August 2011 veröffentlichte er im Harper’s Magazine eine bemerkenswerte Analyse der Auswirkungen des Internets auf unsere Welt. In diesem Aufsatz unter dem Titel „Visible Man“ zeichnet Singer einen Prozess nach, der die Welt immer transparenter macht. Jeder Mensch wird unter Beobachtung gestellt, für alle sichtbar. Wir verlieren allmählich den Schutz unseres Privatlebens – unsere Vorlieben bei der Freizeitgestaltung oder beim Sex werden öffentlich. Singer ist nicht sicher, ob er diese Entwicklung verurteilen soll. Denn für ihn bietet das Internet auch eine historische Chance, die Menschheit moralischer zu machen. Wenn wir wissen, dass alles am Ende bekannt wird, werden wir häufiger davon absehen, Schlechtes zu tun. Eine Stunde später befinde ich mich in einem der Empfangszimmer von Ellingham Hall. Das Landhaus gehört Vaughan Smith, dem Nachfahren einer Militärdynastie, die mehrere Jahrhunderte lang im Dienst der englischen Krone stand. Julian Assange betritt das Zimmer. Verblüffend, welch tiefe Ruhe er ausstrahlt. Er wirkt völlig stressfrei – wenn man bedenkt, dass jeden Moment ein Gerichtsentscheid seine Auslieferung besiegeln könnte, dass in den USA eine Sonderkommission hinter verschlossenen Türen prüft, ob man ihn wegen Spionage anklagen kann. Wenn man dazu noch die Gefahr in Betracht zieht, eine zweifellos geringe, aber als Möglichkeit durchaus gegeben, dass ihm eine leichtsinnige Hand ein wenig Gift in den Tee schütten könnte, ist solche Gelassenheit doch erstaunlich. Die Skype-Verbindung ist hergestellt.

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— Philosophie Magazine


DOSSIER

Warum haben wir Kinder? Mit Beiträgen und Gedanken von: Elisabeth Badinter // Michael J. Sandel // Dieter Thomä // Platon // Friedrich Nietzsche // Jacques Derrida // Peter Sloterdijk

Es ist die wichtigste Entscheidung des Lebens. Doch stellen sich die wenigsten die Frage: Warum Kinder? Bei Menschen, die noch keinen Nachwuchs haben, erregt das Thema Schwindelgefühle. Fragt man Freunde, die bereits Eltern geworden sind, ist die erste Reaktion oft − Ratlosigkeit. Ein Dossier über die Gründe, sich fortzupflanzen, die Herausforderungen des Mutter- und Vaterseins und die Irrationalität menschlicher Wünsche.

Du sollst nicht zeugen! Sec

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hs Argumente gegen Kinder Seite 52

N° 45 — décembre 2010 / janvier 2011

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DOSSIER

Warum haben wir Kinder?

Je tiefer die Liebe, desto dringlicher der Wunsch nach einem Kind. Kaum ein Paar, das sich ohne dieses dritte Element wahrhaft vollständig fühlte. Anstatt die Beziehung zu bereichern, wirkt das Kind allerdings oft als zerstörerische Kraft Von Svenja FlaSSpöhler

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— Philosophie Magazin

© Martyn Thompson/Trunkarchive

Das dritte Element


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m Anfang ist alles leicht. Ein zaghafter Flügelschlag kitzelt die Mutter von innen wie ein erstes, unbeschwertes Gefühl des Verliebtseins, außen ruht die väterliche Hand warm auf der klei­ nen, kaum sichtbaren Wölbung. Noch hat das neue Leben keine Gestalt, kein Geschlecht, kein Gesicht, das Kind ist reine Potenzialität und gleichzeitig ein unwiderlegbares Zeugnis der Liebe. Fand diese bislang ihren Grund ausschließlich in sich selbst, hat sie nun etwas Drittes hervorgebracht, das ihr eine neue Form der Notwendigkeit verleiht und sie damit entlastet. Die Liebe muss sich nicht mehr allein tragen, muss sich nicht unentwegt selbst bestätigen, sondern sie findet eine zusätzliche Stütze in dem noch ungeborenen Kind. Durch seine vage, kaum spürbare Existenz erleichtert und beflügelt es die Liebe, weil sie sich schon jetzt auf etwas Drittes, außer ihr Liegendes beziehen kann, das gleichzeitig aufs Innigste zu ihr gehört. Dann – langsam, ganz langsam – senkt sich die Macht des Faktischen in die Liebe ein. Der Bauch der Mutter wird runder, statt des schmetterlingshaften Flatterns sind, nun auch für den nur mittelbar am Geschehen beteiligten Vater, deutlich Tritte zu spüren. Beim Sex haben die Eltern Sorge, das kleine Wesen zu schädigen, welches, so wissen sie mittlerweile, mit einem bestimmten Geschlecht ausgestattet ist. Halb scherzhaft werden Konkurrenzszenarien durchgespielt und abends im Bett Stillbücher gelesen. Vom Kolostrum ist da unter anderem die Rede, einer gelblichen Vormilch, die schon jetzt hin und wieder aus der mütterlichen Brust tropft; fasziniert und doch auch eine Spur nostalgisch blickt der werdende Vater auf den neben ihm liegenden Körper.

in den Vordergrund: Ja, als supplementierendes Drittes ist es, folgt man dem französischen Philosophen Jacques Derrida, im Grunde immer schon potenziell ein ersetzendes Drittes, das an die Stelle der Liebesbeziehung rückt. Das Supplement ist beides, wie der Philosoph in seiner Schrift „Grammatologie“ zeigt: Ergänzung und Ersatz. Einerseits, so Derrida, fügt sich das Supplement hinzu: „Es ist ein Surplus: Fülle, die eine andere Fülle bereichert, die Überfülle der Präsenz.“ Gleichzeitig aber ist das Supplement für das, was es angeblich nur zu ergänzen scheint, immer auch gefährlich: „Das Supplement supplementiert. Es gesellt sich nur bei, um zu ersetzen. Es kommt hinzu oder setzt sich unmerklich an-(die)-Stelle von; wenn es auffüllt, dann so, wie wenn man eine Leere auffüllt.“ Nur dasjenige bedarf einer Ergänzung, so argumentiert Derrida, was gerade nicht durch sich selbst schon eine Fülle ist. Und wenn das Ergänzende überhaupt erst für die Fülle sorgt, dann tritt es „unmerklich“ an die Stelle dieser nur scheinbaren Fülle. Auf der Suche nach dem Gleichgewicht Dass ein Kind als ergänzendes Drittes immer auch eine Gefahr für die Liebe darstellt, wird spätestens dann deutlich, wenn es erst einmal auf der Welt ist. Aus der Zweierbeziehung ist endgültig eine Dreierbeziehung geworden, der eine prekäre – und unter Umständen zerstörerische – Schieflage innewohnt. Ungleichgewichtig ist die familiäre

„Nur dasjenige bedarf der Ergänzung, was nicht durch sich selbst schon eine Fülle ist“

Eine Bereicherung, die Gefahren birgt Hatten die Liebenden bislang ihrem Verhältnis stillschweigend die Priorität eingeräumt und das Kind ausschließlich als ergänzendes Drittes gedacht, rückt es mehr und mehr

Ménage à trois nicht nur, weil der Anspruch des Neugeborenen nach Nahrung, Wärme, Zuneigung schier unersättlich ist und sich die gesamte Aufmerksamkeit der Eltern (die unter notorischem Schlafmangel leiden und kaum noch Zeit füreinander finden, geschweige denn Sex haben) auf das kleine, hilflose Menschenwesen richtet – diese Dysbalance tariert sich von selbst aus, sobald das Kind selbstständiger wird, sobald es durchschläft, spricht, sich allein zu beschäftigen vermag. Viel grundsätzlicher und folgenreicher ist die Tatsache, dass die Beziehung von Mutter und Kind anders, nämlich symbiotischer geartet ist als die zwischen Vater und Kind. Die Mutter hat das Kind neun Monate in sich getragen und hat es geboren; und selbst wenn sie nicht stillt, macht sich dieser biologische Unterschied – der auch von Feministinnen nicht wegzureden ist – bemerkbar. Die frühe Mutter-Kind-Dyade kann

Nr. 01 — dez. 2011/jan. 2012

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die philosophen gespräch mit Axel Honneth

„das Finanzkapital ist zu entmachten“ Nur wenn der Mensch um Anerkennung kämpft, kann er sein Recht auf Freiheit verwirklichen. Das ist die These von Axel Honneth, einem der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Seine Theorie der Anerkennung ist so aktuell wie nie zuvor. Ein Gespräch über die Occupy-Wall-Street-Bewegung, das Wutbürgertum und die Vision eines kommenden Sozialismus Das Gespräch führte Svenja FlaSSpöhler

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in lichtdurchflutetes Arbeitszimmer in der GoetheUniversität Frankfurt. Axel Honneth sitzt auf einer roten Couch und raucht Pfeife. Seine Stimme ist ruhig und bedächtig, sein Blick hellwach. Der 62-Jährige ist einer der wichtigsten lebenden Vertreter der Kritischen Theorie. Begründet wurde die kapitalismuskritische Schule in den dreißiger Jahren von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Während diese beiden Denker, unter dem unmittelbaren Eindruck des Nationalsozialismus stehend, ein sehr düsteres Bild der Zukunft zeichneten, ist Honneth zuversichtlich. In seinem neuen Buch „Das Recht der Freiheit“ behauptet er: Das Prinzip der Gerechtigkeit kommt immer stärker zur Entfaltung, da die Menschen nicht müde werden, bestehendes Unrecht einzuklagen. Dieser Optimismus, diese Offenheit für das Kommende, spiegelt sich in seiner ganzen Haltung. Das Gespräch dauert fast zwei Stunden. Am nächsten Tag wird Honneth, der zurzeit an der Columbia-Universität lehrt, wieder nach New York reisen.

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Herr Honneth, Sie fingen 1969 an zu studieren, ein politisch brisanter Zeitpunkt. Um zum Kern der 68er-Bewegung zu gehören, war das schon zu spät. Aber ich entwickelte sofort ein starkes Interesse für die Frankfurter Schule, für das Soziale in seiner Konflikthaftigkeit. Hat dieses Interesse auch etwas mit Ihrer Herkunft zu tun? Sie kommen ja aus Essen, einer klassischen Arbeiterstadt. Ich denke ja. Noch in der Abiturphase wurde ich Jungsozialist, und das bedeutete allein schon politisch eine starke Konfrontation und Auseinandersetzung mit der arbeitenden Klasse im Ruhrgebiet. Mein Gymnasium war ein Reformgymnasium, das Arbeiterkinder — — Philosophie Philosophie Magazin Magazin


aufnahm. Das führte bei mir zu einer starken Aufmerksamkeit für die symbolischen und kulturellen Dimensionen ­sozialer Ungleichheit.

© Gaby Gerster

Ihre geistigen Väter — vielleicht sogar Über­väter —  sind Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die B ­ egründer der Frank­furter Schule. Ist das manchmal bedrückend? Nein, keinen von beiden empfinde ich als Vaterfigur. Am ehesten würde ich diese Rolle Jürgen Habermas zusprechen, der mein Doktorvater war und den ich schon am Anfang meines Studiums für den stärksten Vertreter der Frankfurter Schule hielt. Seinen väterlichen Blick habe ich immer ein bisschen auf mir gespürt. Ihre Habilitationsschrift trägt den Titel „Kampf um Anerkennung“. Und auch in Ihrem neuen Buch spielt die Anerkennung eine ganz wesentliche Rolle. Warum ist dieser Begriff eine so zentrale Kategorie für Sie? Nr. Nr. 01 01 — — DEZ. DEZ. 2011/JAN. 2011/JAN. 2012 2012

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Der KlaSsiker

Aristoteles den menschen denken

© Illustration : Olivier Marbœuf

Wenn sich jüdische, christliche oder islamische Denker im Mittelalter mit seinen Argumenten beschäftigten, hieß es einfach: „Der Philosoph hat gesagt …“ Der Platonschüler Aristoteles ist bis heute für Philosophen, Naturwissenschaftler, Künstler, vor allem aber für engagierte Bürger und Politiker der große Lehrmeister. Er interessierte sich vor allem für das Lebendige der irdischen Welt, erforschte unablässig die Vielfalt der Natur und die Verhaltensweisen der Menschen. Er gilt als Begründer der Logik sowie der politischen Philosophie und setzte Maßstäbe auf dem Gebiet der Ethik und Metaphysik.

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— Philosophie Magazin


Tod & Spiele EReignis

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Airen

© Jorge Uzon/Corbis, Airen

Nachtmensch, Blogger und Schriftsteller, lebt mit seiner Familie in Mexico City. Zuletzt von ihm erschienen: „I Am Airen Man“ (Heyne Verlag, 2011)

Nr. 01 — dez./jan. 2012

Während das Land im Chaos des Drogenkriegs versinkt, berauschen sich die Mexikaner an den Showkämpfen maskierter Helden. Lucha Libre inszeniert den ewigen Widerstreit zwischen Gut und Böse als grelles Spektakel. Airen berichtet aus dem Herzen der Szene

17 Uhr, erster Gong. Ein Mann mit schwarzer Sturmhaube wuchtet seinen Körper über die Seile, stößt einen grausamen Schrei aus und reckt die Arme in die Luft: der Gladiator Apocalipsis. Apocalipsis stolziert durch den Ring, präsentiert dem Publikum seine geölten Muskeln, auf seiner linken Gesichtshälfte kommt ein Stammesmuster zum Vorschein. Scheinwerfer blitzen, Sehnen spielen, die Menge feiert. Hinter dem Ring steigt jetzt Rauch auf: Auftritt Bronco. Der durchtrainierte Indianer stürmt über einen Laufsteg Richtung Bühne. Heiße GoGo-Girls schwenken Schildchen und zwinkern in die Kameras von Fox Sports. Apocalipsis wartet in der Ringmitte und stemmt die Fäuste in die Hüften. Bronco springt aus dem Stand über die Ringseile, findet Halt, läuft an und tritt Apocalipsis mit beiden Füßen gleichzeitig ins Gesicht. Apocalipsis windet sich am Boden, Bronco reckt die Fäuste, das Coliseo brodelt. Das Coliseo, eine der traditionsreichsten Arenen in Mexico City, liegt im verrufenen Stadtteil Tepito. Das Viertel ist so etwas wie die Drogenhöhle, das Schmugglernest und die Armen­ küche der mexikanischen Hauptstadt zugleich. Seit 1943 finden hier Kämpfe der Lucha Libre statt, einer mexikanischen Version des Wrestlings. Es ist ein unauffälliger Komplex in einer

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Nebenstraße. Von außen könnte man ihn für ein kleineres Kino halten, aber drinnen öffnet sich ein riesiges Forum, 5000 Holzstühle stehen im Kreis um den Ring. Apocalipsis windet sich noch immer vor Schmerzen. Die Latinagirls smilen im Trockennebel. Absolut annehmbare Situation also, zumal: Das Bier ist billig. Nach dem Pelota-Ritual, einem archaischen Ballsport, den die alten Azteken einst in speziellen Spielfeldern ihrer Pyramiden abhielten, gibt es keinen mexikanischeren Sport als die Lucha Libre (wörtl.: freier Kampf). Luchadores lächeln heute von Werbeplakaten in Mexico City, ihre Masken werden auf Straßenmärkten verkauft, jeder Junge hat zu Hause ein paar Plastikfiguren von Místico oder Apocalipsis. Im Publikum die rauchende Oma neben dem Fan mit Maske, der bleiche Student neben dem Türsteher mit Boxernase. Ein repräsentativer Querschnitt der mexikanischen Gesellschaft. Alle verfolgen begeistert, wie Apocalipsis sich wieder aufrappelt, auf einen Eckpfeiler klettert und Bronco von hinten ins Genick tritt. Ein mörderischer Aufprall auf dem Ringboden, es hallt bis zu meinem Sitz in der siebten Reihe. Wachmänner mit Knopf im Ohr stehen zwischen der Bestuhlung und bewachen das Publikum. Nach drei Runden verdreht Apocalipsis schließlich

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Philosophie Magazin NR. 1  

Für die großen und kleinen Fragen des Lebens.