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U A N E T R O S

g r u o b s a r t S _ d l a n w z r e a g w ch a

t r o Re p


Mehr pixelige Schwarzwald-Ikonen fĂźr zu Hause finden Sie unter artwood.de

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EDITORIAL

ediToRial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es gibt sie noch: die guten Magazine, von Meisterhand gefertigt. Damit hat sich Hubert Burda Media einen Namen gemacht. Aktuell erzeugt das Unternehmen über 600 Medienprodukte. Zum wiederholten Male dürfen wir uns in Kooperation mit der Burda Journalistenschule über ein eigenes Magazin freuen. Geschrieben von den Journalistenschülern des Verlags, mit interessanten und kurzweiligen Geschichten aus der Ortenau. Ich bin gespannt, wie Ihnen das gefällt. Echtes Papier zwischen den Fingern und den Duft aus einer Druckerpresse in der Nase. Noch mehr freuen wir uns auf Ihre Reaktionen zu den spannenden Geschichten.

Coverillustration: Alexander Aczél

Viel Freude beim Lesen wünscht Dominik Fehringer

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18 Die kochen auch nur mit Stahl

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Boar, ey!

Schreiten wie ein König

24 Play!

I N H A LT

06 TIPPS

36 MÄNNER ALLEIN IM WALD

Ob aktiv oder entspannt, die Ortenau bietet jedem Freizeit-Typ das Besondere.

Wildzelten im Winterwald heißt taube Zehen, nasser Schlafsack und Wildschweinspuren im Schlamm. Selbstentdeckung inklusive.

MODE

H A N DW E R K

Sarah Schimmels Online-Shop geht durch die Decke, das Wohlfühlgefühl unter ihrer selbstgefertigten Kopf bedeckung ebenso.

In Willi’s Barbershop wird Pflege zur Männersache. Ein Ort, an dem die Sehnsucht nach dem Mann-Sein auf Eitelkeit trifft – und treffen darf.

LIFESTYLE

TECHNIK

Obst und Gemüse sind eindeutig vegan. Aber Zahnpasta oder Kondome? Miriam Brilla prüft alles, bevor es in ihre boutique vegan kommt.

Neuronale Netze? Deep Learning? Prof. Ulrich Hochberg erklärt, worum es bei Sweaty, dem fußballspielenden Roboter, in Wirklichkeit geht.

INDUSTRIE

ARCHITEKTUR

Wo Altautos und anderer Schrott zu Walzdraht und Betonstahl werden: Die Badischen Stahlwerke in Kehl gehören zu den saubersten der Welt.

Eine Blockhütte am Hang mit Blick aufs Tal: Im Baumhaushotel Waldhütten Zauber in Oberkirch ist die Schwarzwaldnatur kuschelig warm.

MEDIEN

H E I M AT

Wenn Kerstin Trayer alias Cali Kessy aus Lauterbach bastelt und sich dabei filmt, folgen knapp 124.000 Abonnenten ihrem Youtube-Kanal.

Heimat kann hier sein oder ganz woanders – im Restaurant #heimat im Badischen Hof in Bühl oder auf dem Weingut Jacaranda in Südafrika.

F OTO G R A F I E

H A N DW E R K

Fotograf Hubert Grimmig liegt in den schönen Landschaften der Ortenau auf der Lauer und wartet auf den perfekten Augenblick.

Früher war er das Fußkleid der Armen, heute wärmt der traditionelle Schwarzwald-Strohschuh aus Elgersweier die Zehen durch den Winter.

10 VOLL AUF DIE MÜTZE

14 SCHÖNE VEGANE WELT

18 DIE KOCHEN AUCH NUR MIT STAHL 24 PLAY!

28 TÄTER MIT MOTIV

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ABENTEUER

42 SO LÄUFT DAS HIER!

48 SCHREITEN WIE EIN KÖNIG 56 2-BAUM-WOHNUNG 60 HEIMAT

62 MAISBLATT & SCHUWERK


14 Schöne vegane Welt

36 Männer allein im Wald

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So läuft das hier!

Hahn und Henne

GENUSS

66 BOAR, EY!

Die Ortenau hat nicht nur Wein zu bieten, hier wird auch der erfolgreichste Gin der Welt produziert. Auf einen Schluck am Brennofen. H A N DW E R K

72 GESCHNITZE PERSÖNLICHKEIT

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Er legt Hand an mit Stechbeitel, Holzhammer und vielen Messern. Seit über drei Jahrzehnten schnitzt Wolfgang Ducksch aus Oberkirch Masken.

Voll auf die Mütze

MUSIK

76 COVER GIRL

Sie ist Sängerin, Songwriterin, Model. Seit 2014 steht Kemi Cee mit ihrer Jam Session Deluxe in Baden-Baden und Offenburg auf der Bühne. TRADITION

78 HAHN UND HENNE

Ein beigefarbenes Geschirr sichert seit Jahrhunderten die Existenz einer Keramikmanufaktur. Wie kann das denn klappen?

03 Editorial 86 Autoren / Impressum

6 Bärige Tipps

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Tipps

Mit der Tram durch Straßburg

Bären beobachten, Bier brauen, über ganz Europa fliegen? Schlendern, wandern oder nur entspannen? Die besten Freizeit-Tipps aus der Ortenau.

✒ Mira Bode, Julia Gross, Julia Hanigk, Neele Kehrer, Sandra Langmann, Louisa Markus, Maximilian Schroth, Corinna Weigand

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Als Europa-Hauptstadt ist Straßburg nicht nur für Politiker ein Ziel. Bei Touristen ist die Stadt an der deutsch-französischen Grenze wegen ihrer kulturellen und kulinarischen Vielfalt beliebt. Von Deutschland aus lässt sie sich bequem mit der Tramlinie D erkunden, die seit April 2017 Kehl mit Straßburg verbindet. Mehrmals in der Stunde fährt sie vom Kehler Bahnhof aus quer durch „Schdroosburi“, wie es im elsässischen Dialekt heißt. Von den Haltestellen Langstross/ Grand’Rue und Homme de Fer sind das Münster und andere Sehenswürdigkeiten in wenigen Gehminuten zu erreichen. Die Suche nach einem Parkplatz hat man so umgangen. Achtung: Seit Juli 2018 gibt es nur noch papierlose Tickets, sodass man die Fahrt nur noch mit Chipkarten oder über das Mobiltelefon bezahlen kann. Informationen zu Fahrplänen und Ticketpreisen unter www.cts-strasbourg.eu/de


Glück auf! Mit Stiefeln, Jacke, Helm und Grubenlampe in die Tiefen des Bergwerks: In der Grube Wenzel wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch Silber geschürft. Seit 2001 ist das Bergwerk für Besucher geöffnet. Die alte Tradition soll auf einer Tour über 1000 Meter vermittelt werden, sie dauert etwa 1,5 Stunden. Dem Original-Bergarbeiter entsprechend werden alle Gäste vor der Führung mit den wichtigsten Utensilien ausgestattet. Dann geht es durch die weitläufigen Gänge – um zu sehen, was damals Schlägel, Eisen und Schießpulver beim Silberabbau hinterlassen haben. Ein Ritual steht immer ganz am Ende: Bevor es aus der elf Grad kühlen Grube rausgeht, müssen die Besucher ihre Stiefel waschen, um den damaligen Bergbauern Respekt zu zollen. www.oberwolfach.de Traditionelles Bier, modernistisches Ambiente: das Brauwerk Baden in Offenburg.

AUF EINEN SCHLUCK

Prima Klima! Die Erde wird wärmer, das Klima wandelt sich. Um diese Veränderungen geht es im Klimawandelgarten in Rust. Auf 1,8 Hektar Fläche können sich Kinder, Jugendliche und interessierte Erwachsene mit Quiz- und Experimentierstationen unter freiem Himmel beschäftigen. Alles unter dem Motto: erleben und lernen. Deutschlands erster Klimawandelgarten hat drei Stationen: Sonne, Niederschlag und Wind. Zu jedem dieser Wetterphänomene gibt es verschiedene Spiele. Wer sich eine Führung durch das Naturzentrum wünscht, schaut am besten donnerstags vorbei. Um 14 Uhr finden da geführte Rundgänge statt. Anmeldung ist erforderlich. www.naturzentrum-rheinauen.eu

Mitten in der Ortenau vereint das Brauwek Baden Produktion, Lager und Logistik an einem Standort. Auch eine Schaubrauerei und ein Wirtshaus mit offener Küche gehören dazu. Vom „Kronen Pils“ bis zu ausgefalleneren Sorten wie „Wagners Privat“ können Besucher dort ihr Bier genießen; Studenten und Schüler sogar mit 20 Prozent Rabatt. Die Rohstoffe kommen vorzugsweise aus regionalem Anbau. Im Jahr 2015 wurde das Brauwerk als eine der besten Brauereien in Baden-Württemberg ausgezeichnet. Es liegt in der Gutenbergstraße 3 in Offenburg, das Wirtshaus dienstags bis freitags von 11:30 bis 14 und von 17 bis 24 Uhr geöffnet, samstags von 18 bis 2 Uhr und sonntags von 11:30 bis 24 Uhr.

Schwarzwälder Glashandwerk Glasbäserei hat im Schwarzwald eine lange Tradition. Gut hundert Glashütten gab es zu Hochzeiten, nur eine Handvoll hat überlebt. Die Dorotheenhütte in Wolfach ist die bekannteste. Hier üben Glasmacher nach alter Tradition ihr Handwerk aus. Gläser werden von Mund geblasen und von Hand geschliffen oder graviert. Dabei entstehen Vasen, Schalen und vieles mehr. Im Glasmuseum erfährt man viel über die Geschichte der Glasmacherei. Erwachsene und Kinder können sich selbst versuchen und eine Vase nach eigenen Vorstellungen herstellen. Im Außenbereich gibt es die wohl größte Holzkrippe des Schwarzwalds, von Schnitzkünstlern aus aller Welt gestaltet. www.dorotheenhuette.de

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EUROPA ERLEBEN

Entspannt im Dollina

Bunte Tulpenfelder in Holland, die KanalLandschaft von Venedig, das Matterhorn oder der Eiffelturm – all das kann man im Voletarium im Europa-Park Rust bestaunen. Europas größtes „Flying Theater“ befördert die Besucher in sesselliftartigen Flugapparaten, Effekte wie Wind, Wasser und Düfte sorgen für sinnliche Eindrücke. Für die Aufnahmen wurden Kamerasysteme an einem Helikopter und an Drohnen befestigt, die Bilder werden auf über 400 Quadratmeter große Leinwände projiziert. Die Musik produzierte ein 60-köpfiges Orchester unter der Leitung des Komponisten Kolja Erdmann. Mitfliegen darf jeder ab vier Jahren und einem Meter Körpergröße. Wer nicht Schlange stehen will, kann vorab ein Ticket kaufen. www.voletarium.de

Warmes, sprudelndes Wasser, der Klang kupferfarbener Schalen, kuschelige Bademäntel, bequeme Liegen – das Dollina Spa des Dollenberger Schwarzwald Resorts in Bad Peterstal vereint auf 5000 Quadratmeter alles, was es braucht, um so richtig zu entspannen: ein Solebad, ein Mineralwasserbad, ein Innen- und Außenbecken, ein Luftsprudelbad und einen Bergsee, in dem man bei 15 Grad baden kann, dazu vier verschiedene Saunen und Dampfbäder. Während das KräuterDampfbad Kreislauf, Durchblutung und Stoffwechsel anregt, befreit das Sole-Dampfbad schonend die Atemwege. Im Hamam können Besucher bei gedämpftem Licht mit Schaum, Peeling und Kernseife Körper und Seele reinigen. Das Spa ist das ganze Jahr über geöffnet. www.dollenberg.de/de/wellness/dollina

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt Seit mehr als zwanzig Jahren ist der Weihnachtsmarkt in Gengenbach ein echter Touristenmagnet. Das liegt nicht nur am leckeren Glühwein und der romantischen Stimmung, sondern vor allem am weltgrößten Adventskalender, der Jahr für Jahr in den 24 Fenstern des Gengenbacher Rathauses präsentiert wird. Diese werden mit Werken namhafter Künstler wie Andy Warhol, Marc Chagall oder Otmar Alt gestaltet und ab dem 30. November 2018 täglich um 18 Uhr enthüllt. Dieses Spektakel lockt mehr als 100.000 Besucher nach Gengenbach. Und die kommen nicht nur aus der Ortenau. Gäste aus Frankreich, Spanien und sogar Asien wollen den einzigartigen Adventskalender nicht verpassen. Eine gute Möglichkeit, einmal eine „echte“ deutsche Bratwurst zu probieren. So wird der Weihnachtsmarktbesuch zu einem Erlebnis der besonderen Art. Während des Weihnachtsmarkts werden die Fenster im Rathaus Gengenbach zum Adventskalender.

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Genusswandern „Wein erleben“ heißt es auf den über 100 Kilometern des Ortenauer Weinpfades. Bei der Wanderung durch die idyllischen Rebhügel lässt sich neben den Weinen der Ortenau auch die Aussicht auf das Rheintal, die Vogesen und die Schwarzwälder Berge genießen. Auf den sieben Tagesetappen von Gernsbach bis nach Diersburg, von der Murg zur Kinzig – beides Nebenflüsse des Rheins – führt der Wanderweg vorbei an zahlreichen Schlössern und Burgen. Die Gaststätten auf dem Weg laden mit ihrer zünftigen badischen Küche. Ausgebildete Wein-Guides führen die Tour durch die Reben und versorgen die Wanderer bei Weinproben mit spannenden Infos – zum Beispiel, warum Wein und Käse so gut zusammenpassen. www.weinparadies-ortenau.de


Wer glaubt, man könne vor Bären auf Bäume fliehen, der hat sich getäuscht.

ACHTUNG, WILD! Gibt es Wölfe und Bären im Schwarzwald? Aber natürlich! Sie leben im Alternativen Wolf- und Bärenpark in Bad Rip­ poldsau-Schapbach. Die Anlage wurde von der Stiftung für Bären ins Leben gerufen und kümmert sich auch um Luchse und Wölfe. Die Tiere im Wolf- und Bärenpark waren vorher von ihren Haltern vernachlässigt worden, die Stiftung hat sie gerettet.

Nun kann man sie in großen Freigehegen aus der Nähe erleben und bei Fütterungen dabei sein. Einmal im Monat veranstaltet die Stiftung für Bären eine „Nacht der glühenden Augen“, bei der die Besucher in der Dämmerung auf spannende Tierbegegnungen hoffen können. Dazu gibt es Geschichten über Wölfe. Für diese Veranstaltung ist eine rechtzeitige Anmeldung nötig. www.baer.de

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Sarah Schimmel hat gemeinsam mit ihrem Freund Rafael Weißmüller ihr eigenes Start-up SCHNEEWOLLE aufgebaut und verkauft selbstgefertigte Mützen. Ihr Online-Shop geht durch die Decke, das Wohlfühlgefühl ebenso.

✒ Sandra L

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angmann


MODE

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Alles andere als verwickelt: Sarah Schimmel (links außen mit rosa-grauer Mütze) mit ihrem gut gelaunten Schneewolle Team.

n der Ortenau werden selbst Ethnologiestudenten zu Unternehmern. Eine davon ist Sarah Schimmel. Sarah wickelt den Faden mit einem geschickten Handgriff um den Finger, und die Häkelnadel flitzt nur so durch das Wollstück. Ihre Mama hat es ihr als Kind beigebracht. Vor ein paar Jahren während ihres trockenen Studiums hat sie sich wieder die Häkelnadel geschnappt. Regelmäßig hat sie bei Zugfahrten gehäkelt. Wie von Geisterhand wurden Mützen daraus. Heute ist sie mit 27 Jahren Geschäftsführerin des OnlineShops Schneewolle. Draußen regnet es in Strömen und der Wind schlägt die dicken Tropfen gegen die Fensterscheiben. Bei Sarah ist es warm und gemütlich. Sie hat die Stehlampe hinter der Couch angeknipst und sich zurück in die Kissen gelehnt. Ich hingegen sitze kerzengerade, mit verkrampften Fingern die Nadel umklammernd, am Rande des Sofas und rackere mich noch immer mit den ersten Maschen ab. Boho, 70s und Festivalstyle – vergangen Sommer habe ich mich in diesen Style verliebt. Meine weiße Strickweste zu kurzen zerrissenen Jeansshorts auf brauner Haut. Die Sonne brannte fast im Gesicht, doch die Musik ermunterte mich, weiter zu tanzen. Leute in Fransenkleidern, bunte Hippie-Röcken zu ausgelatschten Lederboots und John-Lennon-Sonnenbrille um mich rum. Häkeln wird neu zelebriert, wird zum Sommerhit oder gehört zum Winterblues. Das Gesicht vergräbt man für das nächste Instagram-Selfie im selbstgestrickten Wollschal und die kalten Zehen stecken in dicken Socken. Dazu kommt das unvergleichliche Gefühl, etwas zu tragen, das man selbst gemacht hat. Auch Sarah liebt es, etwas mit ihren Händen zu schaffen. Dank ihrem Geschick wurde daraus mehr. Die Mützen begannen sich zu stapeln und mussten verkauft werden. Rafael Weißmüller, ihr Freund und ITler, brachte sie auf die Idee, einen eigenen Online-Shop zu eröffnen und hat dafür die passenden Seiten programmiert. 2015 ging der Shop online. Da war Sarah gerade einmal 23 Jahre alt. 2017 wurde alles professioneller. Hochwertige Fotos und kurze Texte zeigen ihre Entwicklung der zwei Jahre. Mittlerweile kommen täglich 20 Bestellungen rein – zu Weihnachten waren es 50 am Tag. Und das zusätzlich zu ihrem Vollzeitjob im Online-Marketing von „Dr. Hall Versand“.

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gerade einmal einen kleinen Fleck gehäkelt und werkle schon seit 50 Minuten dran herum. Ich komme einfach nicht voran. Was mich erstaunt: Es macht trotzdem richtig Spaß. Komisch. Eigentlich hasse ich es doch, wenn etwas nicht gleich klappt, wie ich es will.

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ie Bommel sind aufwendiger. Anfangs hat Sarah dafür noch einen Stuhl umgedreht und die Wolle um zwei Stuhlbeine gewickelt. Dann sieben Zentimeter abgetrennt und einen Bommel geformt. Mittlerweile übernimmt diesen Arbeitsschritt eine „Bommelmaschine“. Obwohl die Bezeichnung „Maschine“ wohl übertrieben ist. Eigentlich ist es nur ein Holzbrett mit Streben. Aber es geht viel schneller und man kann mehrere gleichzeitig bommeln. Meine Oma hat sich auch immer auf die Couch im Wohnzimmer gesetzt. Die Füße hochgelegt, die Katze auf dem Schoß und im Fernsehen lief eine Talkshow. In

den Händen fünf Stricknadeln für mein zukünftiges Geburtstagsgeschenk: ein paar Socken. Das sah so bequem aus, dass ich mich als Kind nach der Schule dazugesetzt und mitgestrickt habe. Das war nur eine kleine Decke für ein Kuscheltier, aber ich durfte helfen und das machte mir Spaß. Und auch damals stand ich vor dem gleichen Problem: Ich strickte so fest, dass die Wolle über die Nadel quietschte und dass ich nicht einmal mit der Spitze in die nächste Masche kam. Häkeln ist schon lange nicht mehr nur etwas für Eigenbrötler, die mit ihrer Zeit nichts anderes anzufangen wissen und mit schmuddeligen Strickwesten durch die Gegend laufen. Mit der Do-it-yourselfPlattform „Myboshi“ startete vor fünf Jahren ein wahrer Trend. Strickanleitungen und Pakete voller Nadeln und Wolle konnte man sich online günstig nach Hause bestellen. Heute zeigt man stolz, was man selbst gemacht hat. Legt mehr Wert auf die Qualität und das Handwerk. Eine

Immer dieselbe Masche: Ist der Anfang geschafft, geht es ganz schnell.

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Fotos: Christoph Nertz/You Are Here Studio

Nach einem Kreis schaut das bei mir nicht aus. Eher etwas verwurschtelt. Sarah zeigt mir den nächsten Schritt. Faden holen, in die Masche, Faden durchziehen. Immer wieder. Ich raff ’ es nicht. „Da rein?“ „Nein, da.“ „Aber da war ich doch schon.“ „Ja in dieser Runde musst du zwei Mal“. Aha. Sarah kam mit dem Häkeln nicht mehr hinterher. Zu viele Bestellungen kamen rein. Zuerst halfen ihr Freundinnen. Und dann kam die „Schwarzwald Marie“. Eine schwarze Mütze mit knallroten Bommeln drauf – die moderne Antwort auf den historischen Bollenhut. Der Bollenhut, ursprünglich nur in der Ortenauer Gemeinde Gutach in Verwendung, wurde längst Symbol für den gesamten Schwarzwald. Anlass für die Bollenhut-Entwicklung war ein Interview mit dem #heimat-Magazin. Sarah wollte zeigen, was sie draufhat. Vereinte damit Heimat und Trend in einer Mütze. Mittlerweile beschäftigt sie zehn Häkelfrauen. Für eine Mütze arbeitet Sarah rund eine Stunde – ohne Bommel. Ich habe


Häkeln wird neu zelebriert, wird zum Sommerhit oder gehört zum Winterblues.

Einfach gehäkelt: Statt Bollenhut mal eine Bollenmütze als „Schwarzwald Marie“.

Fünf-Euro-Mütze vom Discounter? Nein, doch lieber ein hochwertiges Einzelstück, in das jemand viele Ideen und Liebe gesteckt hat. Als Häkelfrau müsste ich rund um die Uhr unter Beobachtung stehen. „Muss ich jetzt da rein? Schau mal.“ „Ich glaub, jetzt hab ich’s. Oh, das war falsch, oder?“ Sarah zeigt mir an ihrer Arbeit, wie es richtig geht. Beim Blick darauf rutscht ihr immer wieder das schwarze Brillengestell zu weit über den Nasenrücken runter, sodass sie es schnell wieder mit dem Mittelfinger der linken Hand nach oben schiebt. In ihrer Wohnung in Schuttern bei Friesenheim merkt man, dass Sarah und Rafael hier nicht nur wohnen. Rechts neben dem Fernsehapparat wurde der hellgrüne Plastiksack mit roten Bommeln abgestellt. Links vom Fernseher sind drei durchsichtige Plastikboxen mit bunten Mützen übereinandergestapelt. Neben der kleinen Bar schräg hinter der Couch sammeln sich Kartons mit der Aufschrift Schneewolle. Ein Probestück von einer Häklerin. Fertig für den Versand. Hey, bei mir geht es endlich schneller voran. Behutsam folgen Luftmasche auf Luftmasche und Stäbchen auf Stäbchen Die Maschen werden lockerer, ich werde lockerer. Ich entspanne mich, bin gleichzeitig aber völlig konzentriert. Fragt mich Sarah etwas, antworte ich immer etwas später, und leise. Meine Gedanken sind ganz weit weg.

Mein iPhone noch weiter. Liegt es noch auf Sarahs dunklem Holztisch? Ich konzentriere mich nur auf dieses Stück Wolle. Auf die Häkelnadel, die ich fast nicht durch die Masche bekomme. Ich konzentriere mich auf mich. Und auf eine Tätigkeit, die ich schon längst vergessen hab’. Ich denke an nichts. An nichts Bestimmtes. Nicht daran, was aus der Wolle werden soll. Nicht daran, ob es schön ist oder nicht. Ich häkle einfach und fühl mich wohl dabei. Passt mir ganz gut so, wie es gerade ist. Bin ich zufrieden? Beim Häkeln? Schaut so aus. Ha!

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ützen verkaufen sich im Winter her vorragend. Vor allem wenn es richtig kalt ist. Im Sommer denkt keiner an den Winter. Daher hat Sarah nun auch einen eigenen Blog auf der Website, auf dem sie Häkelanleitungen für Babyschuhe oder DIY-Apps vorstellt. Vor kurzem kamen auch noch Caps mit Stickereien zum Sortiment hinzu, denen bald auch Stirnbänder folgen sollen. Vor Stolz platze ich fast aus allen Nähten und blicke ich auf meinen giftgrünen Maschenhaufen. „Gut gemacht“, lobt mich Sarah, während sie wieder ihre Brille nach oben schiebt. Als ich aber ihr Werk begutachte, kann ich nur den Kopf schütteln. Eine Masche gleicht der anderen. Es hätte genauso gut von einer Maschine stammen können. „Das ist unser Qualitätsanspruch.“ Gleichmäßig, makellos und hochwertig. Sarah nickt zufrieden. Sie könnte sich schon vorstellen, für die Schneewolle Vollzeit zu arbeiten. Aber so, wie es gerade ist, kommen sie und Rafael gut zurecht. Vielleicht bleibt es ihr zweites Standbein. Mal sehen, was kommt. Ja, eine Karriere als Häkelfrau bleibt mir wohl verwehrt. Dennoch freu’ ich mich wie ein kleines Kind. Würde am liebsten meine Oma anrufen. Meiner damaligen Werklehrerin in den Hintern treten, dass Handarbeit doch Spaß macht. Schön ist aber was anderes. „Dann trennen wir es auf“, beruhigt mich Sarah. Man kann es doch wiederverwenden? Wäre doch schade um die teure Wolle. „Nur, wenn du mir keine Knoten hineingemacht hast.“ Ein Stoßgebet gen Himmel. ●

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SchĂśne vegane Welt

Der erste Schritt zum veganen Leben ist leicht: Obst, GemĂźse und Tofu statt Fleisch, Wurst und Milch.

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LIFESTYLE

Wer sich für eine rein pflanzliche Ernährung entschieden hat, macht früher oder später eine Entdeckung: Nicht nur in Lebensmitteln, in so gut wie jedem zweiten Haushaltsprodukt steckt etwas Tierisches, ohne dass man es ahnt. MIRIAM BRILLA, Gründerin des OnlineShops boutique vegan, weiß Bescheid. ✒ Frederike Rausch

Fotos: brooke lark @unsplash, joanna kosinska @unsplash

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er Schock trifft mich an einem regnerischen Sonntagnachmittag. Ich klicke mich, tief in meinen Sessel eingemummelt und mit allmählich heiß laufendem Laptop auf dem Schoß, durch die boutique vegan. Für mich, die sich von Milch, Fleisch, Honig und Eiern verabschiedet hat, ist der Online-Shop mit Sitz in Sasbach ein digitales Paradies. Ich öffne die Rubrik „Nahrungsmittel“. Wie üblich landen Schnittkäse auf Mandelbasis und Seidentofu in meinem Warenkorb, auch Schokolade, die sich vor ihren nicht veganen Geschwistern nicht zu verstecken braucht. Noch vor ein paar Monaten wurde mein Müsli mit Kuhmilch zubereitet, bei Döner und Putenbrustaufschnitt hatte ich keine Bedenken. Der Umbruch kam, als ich einen sogenannten Gnadenhof besuchte: ein Landwirtschaftsbetrieb, auf dem Kühe, Schweine und Hühner, die aus Mastbetrieben gerettet wurden, wieder artgerecht leben dürfen. Ich beschäftigte mich mit dem Thema Massentierhaltung, und was ich las und in Dokumentarfilmen sah, verdarb mir den Appetit auf Schnitzel, Eier und ähnliches. Vegan sein bedeutet für mich zunächst vor allem eines: Ich esse und trage nichts an mir, in dem etwas Tierisches steckt. Die Frage, wo sonst noch in meinen Alltagsprodukten nicht vegane Stoffe stecken könnten, war für mich bisher nicht relevant. Die Umstellung war deshalb einfach: Milch, Wurstaufschnitt und Butter wurden aus dem Kühlschrank verbannt. Stattdessen zogen Tofu, Mandelmilch und Berge von Gemüse in die Fächer ein. Die zwei Paar Schuhe aus Leder und die Pullis mit Anteilen von Schafswolle wurden großzügig gespendet. Das Einkaufen fiel mir nicht schwer. Discounter und Drogerien haben mittlerweile eine große Auswahl an veganen Produkten im Angebot. Noch praktischer sind Online-Shops wie die boutique vegan. Egal, was ich mir bestellt habe, es hat mir geschmeckt. Der Grund dafür dürfte sein, dass das Team hinter boutique vegan alles testet und bewertet, bevor es in der Angebotspalette landet. „Wenn uns ein Produkt nicht überzeugt, wird es auch nicht ins Sortiment aufgenommen“, erklärt Gründerin Miriam Brilla. Sie hat den Shop 2012 gegründet. Die inzwischen 30-jährige Mutter ist seit ihrem Studium überzeugte Veganerin. Als sie ihr Einkaufsverhalten umstellte, musste man Tofu und Sojamilch in Discountern noch suchen. Selbst im Internet wurde man nicht richtig fündig.

In ganz Europa gab es damals keinen digitalen Laden mit einem breiten Sortiment an kontrolliert veganen Produkten. „Das wollte ich ändern!“ Aus der Idee hat sich inzwischen ein Online-Shop entwickelt, der mit über 4000 unterschiedlichen Artikeln Europas größte Auswahl an ausschließlich veganen und tierversuchsfreien Produkten anbietet. Dem Team, bestehend aus 15 Mitarbeitern, liegt nicht nur das Tierwohl am Herzen. Es achtet auch sehr genau darauf, wo die Artikel herkommen und unter welchen Bedingungen sie produziert werden.

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icht nur reine Pflanzenesser zählen zu den Kunden; auch Vegetarier, Allergiker, Bio-Fans oder Rohköstler kaufen hier ein. Jährlich verzeichnet das Unternehmen rund 35 Prozent Wachstum. Neben Nahrungsmitteln bietet der Shop auch Kosmetik an. Außerdem gehören Bücher, Produkte für Kinder und Babys, Tierbedarf und Haushaltsmittel zum Sortiment. Zum ersten Mal durchforste ich die Rubrik „Hygiene/Kosmetik“. Neben veganem Geschirrspülmittel entdecke ich vegane Kondome. Ups. Was soll denn daran bitte tierisch sein? Google findet die Antwort. Kondome sind in der Regel nicht vegan; der schuldige Inhaltstoff heißt Kasein. „Das ist der Proteinanteil der Milch, der für die Herstellung von Käse verwendet wird“, weiß Miriam Brilla. Bei der Herstellung von Kondomen dient Kasein als Bindemittel. Ich denke an die Schachtel in meiner Nachttischschublade. Was haben Milchbestandteile in Kondomen zu suchen? „Das hat nichts damit zu tun, dass tierische Inhaltsstoffe besser wären“, erklärt Miriam Brilla. „Aber sie sind generell billiger als pflanzliche Alternativen.“ Ich erfahre, dass Schlachthäuser und Milch verarbeitende Betriebe ihre sogenannten „Nebenprodukte“ – also etwa Kasein, Molke oder Gelatine – verkaufen. Abfall wird zu einem zusätzlichen Geschäft. Ich mache einen Abstecher ins Bad, öffne den Waschbeckenunterschrank mit den Putzmitteln und suche nach Tierischem. Der Schrank quillt fast über vor grellfarbenen Flaschen, die den Duft von Bergwiesen versprechen und doch ein eher übel riechendes Geheimnis bergen. „Reiniger, aber auch Waschmittel können Tenside als Schmutzlöser enthalten, die meist aus tierischen Fetten gewonnen werden“, habe ich von Miriam Brilla gelernt. Meine weiteren Entdeckungen: Auch Zahnpasta enthält oft tierische Bestandteile. Neben Bienenwachs und -pollen sind in vielen Sorten tierische Fette wie Glycerin und sogar Knochenmehl als Scheuermittel. Knochen von toten Schweinen auf den Zähnen, wer will denn das?

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gewonnen und dient wie Kasein als Bindemittel. Der tierische Kleber haftet an einer ganzen Palette von auf den ersten Blick unbedenklichen Dingen: an Etiketten auf Flaschen oder an Slip­ einlagen, und – was mich sehr trifft – Schuhe und Handtaschen werden damit geklebt. Beides besitze ich im Übermaß.

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ie Wohnung ist untersucht, alle verdächtigen Produkte stehen vor mir auf dem Tisch. Erst jetzt wird mir klar, dass ein hundertprozentig veganes Leben nicht einfach ist. Überall lauern Fallen. „Klar, es gibt viel umzustellen“, sagt Miriam Brilla. Aber auch wenn man nicht alles auf einmal schaffe und das vielleicht auch gar nicht wolle – „jeder Schritt, den man geht, ist ein Schritt in die richtige Richtung“. Und wenn man konsequent sein will, wohin dann mit den tierischen Restbeständen? „Gekauft hat man es ohnehin schon. Wenn man solche Produkte wegwirft, tut man dem Tier nichts Gutes mehr“, sagt Miriam Brilla. „Man kann es ruhig aufbrauchen und sieht sich dann beim nächsten Kauf nach einer veganen Alternative um.“ Aber Fischschuppen auf den Fingernägeln, Knochenmehl auf den Zähnen und Sex mit tierischem Bindemittel im Kondom? Will ich das noch? Das kommt alles in eine Jute-Tasche. In meinem immer noch Fleisch essenden Bekanntenkreis wird sich sicher jemand finden, der daran noch Freunde hat. ●

Passion bedeutet für Miriam Brilla: Was man verkauft, wird zuerst selbst getestet.

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Fotos: ian schneider @unsplash, monika grabkowska @unsplash

Als nächstes mache ich mich über meine Kosmetika her und denke: Wenigsten hier bin ich sauber. Schon seit Jahren lasse ich nur Naturkosmetik an meine Haut. Mascara, Make-up, Lidschatten – alles rein pflanzlich. Bis auf den Nagellack. Und ausgerechnet in dem steckt ein absurdes Nebenprodukt mit dem Namen Guanin: Ein schimmerndes Pigment, das aus Fischschuppen gewonnen wird. Ich werfe einen kurzen Blick auf das kunterbunte Sammelsurium der Fläschchen, die ich auf einer Etagere platziert habe. Jahrelang habe ich mir Fischschuppen auf die Nägel gestrichen. Kann es noch kurioser werden? Ja! Klebstoff enthält oft das bereits erwähnte Kasein. Außerdem kann Glutin drin sein. Das wird beim Auskochen von Knorpeln, Häuten und Knochen


Ein Salat aus grĂźnen Tomaten ist fĂźr Veganer kein Problem.

Aber wie steht es um Zahnpasta, Nagellack und Kondome?

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INDUSTRIE

Die kochen auch nur mit Stahl

Foto: d:light/Christian Koch

✒ Maximilian Schroth

Ob in Gebäuden, Autos oder simplen Nägeln – überall steckt Stahl drin. Kein anderer Werkstoff ist so vielfältig verwendbar, und vor allem: Stahl hat nie ausgedient. Er kann beliebig oft und ohne Qualitätsverlust recycelt werden. Genau das wird bei der BADISCHEN STAHLWERKE GMBH (BSW) in Kehl seit 50 Jahren getan. Im einzigen Stahlwerk Baden-Württembergs wird aus Schrott neuer Walzdraht und Betonstahl für die Bauindustrie produziert.

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Die Öfen werden von einem sicheren Kontrollraum aus überwacht.

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er haushohe Schrottkorb öffnet über dem Ofen die Luken, 70 Tonnen Altmetall stürzen ins Feuer. Was folgt, ist wie ein Vulkanausbruch. Es böllert und knallt, Stichflammen schießen über 20 Meter in die Höhe und prallen an der Hallendecke ab. Zischend fliegt ein Funkenschauer aus glühendem Metall durch die Luft. „Das sind die sogenannten Hüttenflöhe“, erklärt Gerhard Serrer amüsiert. Auch nach 30 Jahren im Kehler Stahlwerk freut sich der Werksinstandhaltungsmeister noch an diesem Spektakel. Ohne Schutzkleidung und Gehörschutz darf nicht gearbeitet werden. „Wir haben hier das ganze Jahr über Feuerwerk“, scherzt ein Stahlarbeiter. Er sitzt im Kontrollraum direkt neben dem Schmelztiegel. Dort lässt es sich gut aushalten. Der Raum ist klimatisiert und geräuschgedämmt. „Unsere Öfen werden nicht oft kalt“, ergänzt sein Kollege. Die nächsten Körbe stehen schon bereit. „Streng genommen sind es zwei Elektrolichtbogenöfen“, sagt Serrer. „Die meisten verwechseln das mit den Hochöfen aus den kohlebefeuerten Hüttenwerken im Ruhrgebiet oder im Saarland.“ Das Kehler Elektrostahlwerk ist das älteste seiner Art in Deutschland. Und noch etwas ist besonders: Hier wird kein neuer Stahl gewonnen; das Werk ist ein reines Recyclingunternehmen für Schrott. Es produziert seit 1968 und feiert im Oktober sein 50-jähriges Bestehen. Personalchef Christian Zerfaß verweist besonders auf den grünen Daumen des Unternehmens. „Wir arbeiten seit 1976 kontinuierlich

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an unserem Umweltschutzprogramm.“ Das ist der Firma genauso wichtig wie andere, etwa wirtschaftliche Unternehmensziele. „Den Umweltaspekt berücksichtigen wir bei allen unseren Entscheidungen.“ Es gibt eine eigene Abteilung, die daran arbeitet, die ohnehin schon verhältnismäßig umweltfreundlichen Produktionswege weiter zu verbessern. Klar: Das Werk ist wegen der Elektrolichtbogenöfen ein Stromfresser, es verbraucht mehr Strom als eine Großstadt und wird deshalb über eine eigene Starkstromleitung beliefert. Aber Kohle zu Verbrennen wäre deutlich umweltschädlicher. „Wir versuchen trotzdem, so viel Energie wie möglich zu sparen“, versichert Zerfaß. Die Emissionen liegen weit unter den gesetzlichen Grenzwerten. Aus den Schornsteinen steigt kein sichtbarer Rauch auf. Zu sehen ist nur Wasserdampf aus den Kühlanlagen. Und auch das Kühlwasser fließt durch eine eigene Aufbereitungsanlage, was in der Schwerindustrie noch keine Selbstverständlichkeit ist. Stolz berichtet der Personalchef: „Wir sind eines der saubersten Stahlwerke der Welt und auch eines der produktivsten.“ Sogar in China und Brasilien sei man am Kehler Know-how für effiziente Stahlproduktion und Umweltfreundlichkeit interessiert. Das Klischee vom Malocher, der gefährliche Schwerstarbeit verrichtet, ist längst Vergangenheit. „Die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat oberste Priorität“, betont Zerfaß. Es finden jährlich Sicherheitsschulungen für die Mitarbeiter statt. Fast alle Produktionsschritte sind mittlerweile voll automatisiert. Trotzdem müssen die Arbeiter jederzeit konzentriert bei der Sache sein.


„Wir sind eines der saubersten Stahlwerke der Welt und auch eines der produktivsten.“ In den Werkshallen stehen schließlich schwere Maschinen, die flüssigen Stahl verarbeiten. Da kann die kleinste Unachtsamkeit zu einer großen Gefahr werden. Deshalb gelten in der Produktion strenge Vorschriften. „Jeder muss hier flammenhemmende Kleidung, Sicherheitsschuhe, Helm, Schutzbrille und Gehörschutz tragen“, sagt Zerfaß. Für Arbeiter, die unmittelbar am Ofen stehen, ist ein sogenannter „Silbermantel“ vorgeschrieben. Alle Beschäftigten beherrschen ihre Aufgaben, dessen ist sich Serrer

sicher. „Fast alle haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder absolvieren gerade eine.“ Das Unternehmen bildet mehr Leute aus, als es selbst benötigt, und will damit auch etwas gegen den Fachkräftemangel in der Ortenau tun. Pro Jahr produzieren die BSW bis zu 2,3 Millionen Tonnen Walzdraht und Betonstahl für die Bauindustrie. „Unser Ziel sind 8000 Tonnen am Tag“, sagt Gerhard Serrer. Dafür müssen die Öfen im Schichtbetrieb Tag und Nacht mit Schrott gefüttert werden. Nur donnerstags ruhen zeitweise die Anlagen. An diesem Tag wird geputzt und instandgesetzt, um Störungen vorzubeugen und die Effizienz zu steigern. Doch woher kommen die immensen Mengen von Schrott, die hier verarbeitet werden? Rund 70 Prozent werden auf Schiffen über den Rhein angeliefert, den Rest bringen überwiegend Güterzüge. „Das Schiff ist bei weitem die umweltfreundlichste Lösung. Bei Hoch- oder Niederwasser müssen wir verstärkt auf die Bahn ausweichen“, sagt Serrer. Die BSW liegen auf einer Landzunge zwischen der Kinzig und dem Kehler Rheinhafen. Das Areal

Foto: d:light/Christian Koch (1)

Es zischt und qualmt – ein Spektakel wie bei einem Vulkanausbruch.

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Am Kehler Rheinhafen kommt der Schrott auf Schiffen bis direkt vor das Werk.

ist fast so groß wie 60 Fußballfelder, der Standort optimal. Am werkseigenen Kai hat ein mit zerkleinerten Altautos beladenes Frachtschiff angelegt. „Hier beginnt unsere Produktionskette“, sagt Serrer. Bevor die Lieferung gelöscht wird, kommen speziell ausgebildete Schrott-Kontrolleure und untersuchen die Ladung auf Verunreinigungen und mögliche Hohlkörper. „Wir messen sogar die Radioaktivität.“ Nur unbedenkliche Ladung darf entladen werden. Das übernehmen vier riesige gelbe Kräne mit Greifer und Magnet. Bis zu 6000 Tonnen – rund 240 Lastwagenladungen – fasst so ein Schiff. Der Kranführer arbeitet flink und legt doch das Alteisen so vorsichtig in den Schrottkorb, als würde es sich nicht um Schrott, sondern um wertvolles Porzellan handeln. „Wir wollen die Lärmbelastung so niedrig wie möglich halten“, sagt Serrer. Auf der anderen Seite des Kinzigufers stehen die ersten Häuser von Auenheim. Nach circa 40 Minuten wird der flüssige Stahl bei ungefähr 1600 Grad in eine Pfanne abgestochen. Anschließend wird der Ofen abgeschlackt. „Das ist wie Lava, nur noch heißer“, sagt Serrer. Lava kommt bei einem Vulkanausbruch nur auf bis zu 1200 Grad. Die Schlacke wird aufbereitet und im Straßen- und Wegebau verwendet. „Es wird nichts weggeworfen.“ Die Pfanne fährt unter einen Pfannenofen. Im Pfannenofen wird die endgültige Zusammensetzung und Gießtemperatur eingestellt. In der Stranggussanlage wird der flüssige Stahl zu endlos langen Stahlbarren gegossen, die langsam aushärten. „Die sind noch

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Rund 70 Prozent des Schrotts werden auf Schiffen über den Rhein angeliefert, den Rest bringen überwiegend Güterzüge. immer sehr heiß“, warnt Serrer. Anschließend wird das Metall in 14 Meter lange sogenannte Knüppel geschnitten. Dabei kommt keine sirrende Säge zum Einsatz, sondern ein gebündelter Strahl aus Sauerstoff. Die noch heißen Knüppel werden mit einem Kran zur Weiterverarbeitung in das zugehörige Walzwerk transportiert. Dazu werden die Knüppel noch einmal in einem Ofen erhitzt. Was am Ende der Produktionsstraße herauskommt, hängt vom Wunsch der Kunden ab: vom exakt zugeschnittenen Stahl in Stäben bis hin zu dünnen Drähten. Abschließend werden diese Endprodukte für den Transport fertiggemacht und nach ganz Europa versandt. In vier Stunden von Schrott zu Stahl! ●


Kaum einer kennt das Betriebsgelände so gut wie Werkinstandhaltungsmeister Gerhard Serrer.

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MEDIEN

Alles selbst gemacht: Idee, Ambiente, Aufnahme und Schnitt. Youtuber vermarkten sich selbst und ihre Sponsoren. KERSTIN TRAYER aus Lautenbach im Schwarzwald ist im weltweiten Video-Kanal Cali Kessy. Sie bastelt gern und 124.000 Abonnenten sehen ihr dabei zu.

Play! ✒ Lisa Strauß

Auch ohne Computer und Youtube haben Cali Kessy und ihre Hündin Emma tierischen Spaß.

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er Laptop spielt Musik aus den Charts, an der Wand neben der Tür steht eine Kommode. Darauf eine Glasbox, mit Schmuck gefüllt, und ein Gitterkorb, in dem Haarspray und Bodylotion verstaut sind. Weiße Möbel geben dem Raum Struktur, Deko, Tiegelchen und Fläschchen mit Kosmetik sorgen dafür, dass das Zimmer nicht steril wirkt. Der Schreibtisch ist zugleich Schminktisch. Dahinter befindet sich ein weißes Pflanzengitter. Nicht etwa für Efeu, sondern für Fotos und Statement-Karten: „Ich stehe mit beiden Beinen fest im Glitzer“, steht auf einer. Auch an der Wand hinter der kleinen grauen Couch funkelt es: Zwei Lichterketten sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Eine weiße Kleiderstange und Studiolichter bringen einen Hauch von Showroom in das Mädchenzimmer. Es ist Rückzugsort, Kreativzone – und Arbeitsplatz. Am Schreibtisch sitzt eine zierliche junge Frau im schwarzen Off-Shoulder-Shirt; makelloses Makeup, dicht geschminkte Wimpern. Die langen blonden Haare fallen ihr über die Schultern: Ihre Augen sind konzentriert auf den Bildschirm gerichtet, sie schneidet ein Video. Es ist ein sogenanntes DIY, was „di ai uai“ ausgesprochen wird und „do it yourself“ meint: eine Bastelanleitung zum Nachmachen. Es geht darin um kreative Kostüme, mit denen man bei Fasnets-Veranstaltungen heraussticht. Die Hand der jungen Frau liegt auf der kabellosen Maus. Der rote Nagellack schimmert, sie führt konzentriert die einzelnen Sequenzen zu einem Video zusammen. Die 24-jährige Cali Kessy ist Youtuberin, stellt ihre Video-Clips regelmäßig auf die größte Videoplattform des Internets. Mit 124.000 Abonnenten gehört sie zu den Großen im Online-Geschäft. Regelmäßig wird sie sogar beim Einkaufen von ihren Fans erkannt. Von heute auf morgen schafft man das nicht. Es begann nach ihrem Abitur. Kerstin Trayer, im beschaulichen Lautenbach im Schwarzwald aufgewachsen und schon damals von allen Kessy genannt, wollte erst einmal hinaus in die Welt, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Von einem Jahr als Au-pair kam sie mit einem vom geliebten Kalifornien abgeleiteten Künstlernamen und mit einer Passion zurück: Seither tobt sie

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„Ich möchte mit der Community in einen Dialog treten, um auch etwas über sie zu erfahren!“

sich als Cali Kessy auf Youtube aus. Passend dazu begann sie ein Studium der Betriebswirtschaftslehre. Es soll ja Leute geben, die als Youtuber zu Millionären wurden. Die ersten Versuche der damals noch dunkelhaarigen Studentin waren, was Bildqualität und Thematik angeht, noch etwas wackelig und sprunghaft: Alltagsbeschreibungen wechseln sich mit kleinen Mutproben oder Beauty-Clips ab. Es gibt noch kein standardisiertes Begrüßungs- und Abschiedsritual. In einem der früheren Videos lässt die Youtuberin ihre Community an ihrer Morgenroutine teilhaben: Um 6.30 Uhr steht sie auf, geht ins Bad. Dort blättert sie sich auf dem Mobiltelefon durch Whatsapp, Instagram & Co. Und nebenbei putzt sie die Zähne. Weil die Zeit drängt, müssen beim Schminken die Basics reichen. Damit ihre Zuschauerinnen keine Abstriche beim Anstrich machen müssen, zeigt sie ihre Schminkutensilien in Nahaufnahme. Bei ihrer Outfit-Wahl wartet man in diesem Video noch vergeblich darauf, dass sie Marken nennt. Im Grunde geht Kessy in ihrem Video nichts anderem als nur ihrem Alltag nach – genau wie ihre Zuschauer, und doch

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sieht man ihr gerne beim Wachwerden zu. Warum nur? Weil sie sympathisch ist? Oder weil man glaubt, dass man – wenn man es genauso tut – genauso nett ist wie sie? Heute ist das anders. „Die Zuschauer sollen nicht einfach nur ein Video sehen und ich will nicht so unpersönlich rüberkommen“, sagt die 25-Jährige. „Ich möchte mit der Community in einen Dialog treten.“ Natürlich nutzt Cali Kessy – wie viele Youtuber – den Austausch zur Vermarktung der im Video verwendeten Produkte. Für Sponsoren sei man nur interessant, wenn man mindestens 10.000 Abonnenten hat, erklärt sie. „Wenn man die dann nett fragt, schicken sie gerne Gratisproben, weil das günstige Werbung für sie ist.“ Eine Win-win-Situation. Um mehr über ihre Community zu erfahren und deren Wünsche für weitere Videos zu berücksichtigen, stellt sie zu Beginn und während der Clips Fragen, die in einer Kommentarbox unterhalb des Videos beantwortet werden können: „Schreibt mir jetzt unbedingt eure Meinung zu Glitzer in die Kommentare – love it or hate it?“


Ihre Zielgruppe sind 15- bis 20-jährige Mädchen. Das ist nicht ungewöhnlich: Die meisten Youtuber sind älter als ihre Zuschauer. Für Kessy spielt der Altersunterschied keine Rolle, im Gegenteil. Sie fühle sich jünger, als sie ist, und bastele eben auch gerne. „Das ist der Ausgleich zu dem, was ich in der Uni mache – da ist alles so theoretisch.“ Ihr Youtube-Zimmer sei der nötige kreative Ausgleich.

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amit die Kreativität auch über den Bildschirm flimmert, braucht Kessy kein ausführlich niedergeschriebenes Konzept. Ihr Notizbuch, in dem sie die einzelnen Todos mit viel Liebe zum Detail vermerkt, reicht. Und wenn ihr nach einem langen Tag in der Uni einmal die Motivation fehlt, bringt sie ihr Freund Raphi wieder auf Kurs. „Wenn ich schlechter Laune bin, kann ich nicht drehen“, sagt sie. „Die Menschen vor den Bildschirmen sollen ein wenig von meiner Fröhlichkeit abbekommen.“ Dass sie bisweilen etwas überdreht wirkt, müsse so sein. Ein einfaches Lächeln komme durch die Kamera nicht als solches bei den Zuschauern an, sagt sie. Ein Hauch von Übertreibung gehöre einfach dazu. Kessy filmt alles selbst: Mit einer Spiegelreflexkamera, die sie auf ein Stativ stellt. Wenn die für eine Einstellung zu sperrig ist, benutzt sie eine kleinere handliche Kamera. „Ich mache mir vorher viele Gedanken, wie ein Video aussehen soll. In meinem Kopf ist

denken: Das ist ja Kessy, die hat immer die schönen Lichterketten im Hintergrund und die trägerlosen Sachen an.“ Ihre Community bezeichnet die Youtuberin als „Cali Crew“, weil „Crew“ Zusammengehörigkeit vermittle. Klar, es geht auch ums Geld. Sie hat Sponsoren aus der Kosmetik-, Schmuck- und Klamottenbranche und wenn vor oder in der Mitte ihrer Videos Werbung eingeblendet wird, bekommt sie ein paar Cent. Die „Nähe zu den Followern“ störe das nicht. Im Gegenteil: Kessy weiß mittlerweile, dass in der Kommentarbox unter den Videos nach ihren Möbeln, der Deko oder den Markennamen ihrer Klamotten gefragt wird und so sagt sie es lieber gleich. Es gibt nur eine Grenze in Cali Kessys WorldWide-Kosmos: Fotos von ihrer Familie hält sie nie in die Kamera. Wenn sie in einem Video bastelt, bastelt sie auch an ihrer eigenen Marke. Die mag zuweilen quietschig wirken. Aber letztlich ist Cali Kessy auf Youtube nur eine etwas überdrehte Version von Kerstin Trayer. Apropos basteln: Die Verkleidung aus dem DIY-Video ist ein Hippiekostüm, samt Blumenkranz und Glitzer-Make-up. Es eignet sich für Fasentfeiern genauso wie für den nächsten Festivalsommer. ● Und Action! Cali Kessy spielt die Hauptrolle vor und auch hinter der Kamera.

es dann schon so gut wie fertig und ich muss es nur noch drehen.“ Viele Szenen dreht sie doppelt oder dreifach: Zunächst filmt sie sich von vorne, dann macht sie eine Nahaufnahme ihrer Hand, wie sie beispielsweise Papierblumen an einer Schnur befestigt. Zu guter Letzt dreht sie dasselbe noch einmal von oben. Bevor das fertige Video online geht, zeigt sie es ihrer besten Freundin Judith. „Sie ist mein größter Fan und meine größte Kritikerin“, erzählt Kessy. Gelegentlich tritt auch Judith gemeinsam mit ihr vor die Kamera. Und natürlich ihr Freund. „Raphi und Judith sind wichtig in meinem Leben und Youtube ist es auch; deshalb freue ich mich, wenn die beiden auch in meinen Videos eine Rolle spielen.“ Auch von anderen bekommt sie viel Zuspruch. Das war nicht immer so: Etliche, die sie jetzt für ihre Videos und die 124.000 Abonnenten beglückwünschen, haben sie am Anfang belächelt. Heute genügt es Kessy nicht mehr, dass jedes Video für sich genommen einfach nur schön ist. Sie will eine eigene Marke sein, mit Wiedererkennungseffekt: „Ich möchte mich auf DIY-Videos konzentrieren“, sagt sie. „Und jeder soll beim Anschauen gleich

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FOTOGRAFIE

TÄTER MIT MOTIV

Fotograf HUBERT GRIMMIG liegt in den schönen Landschaften der Ortenau auf der Lauer und wartet auf den perfekten Augenblick

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raußen ist es noch stockdunkel, kaum sichtbar legen sich die kalten Hände um die Kamera. Ein leichter Wind zieht vorbei, lässt die Blätter rascheln, und für einen Augenblick fühlt es sich zwischen den riesigen, alten Bäumen noch ein bisschen kälter an. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich ihren Weg durch das Dickicht. Ganz langsam färbt sich der Himmel, in einer unendlich erscheinenden Ferne, rötlich – und erhellt die dunkle Nacht. Endlich geht die Sonne auf, und da ist er: der perfekte Moment für ein großartiges Foto. Die malerische Kulisse, wie auf einem alten Ölgemälde, scheint fast unwirklich für den Betrachter. Der Fotograf Hubert Grimmig aus der Ortenau hat so einen Moment wohl schon ziemlich oft auf seinen Touren erlebt. Er ist Hobbyfotograf und liebt den Augenblick, in dem er mit der Natur eins wird und mit allen Sinnen seine Umgebung aufsaugt. Jede Jahreszeit bietet außergewöhnliche Lichtstimmungen und Perspektiven. Egal ob die klirrende Kälte im Winter, wenn dicke Schneeschichten auf den Bäumen lasten, oder sich die Sonne im Frühling auf den ersten Tautropfen widerspiegelt. Grimmig war schon immer mit der Kamera in der Natur unterwegs – für ihn der Ausgleich zum täglichen Bürojob. Ein Lebenselixier und eine Magie, die ihn antreibt. Erste Erfahrungen mit der Fotografie sammelte er bereits in den 80ern, während seiner Reisen durch Südeuropa. Als später die Digitalfotografie eine gute Bildqualität versprach, besann er sich wieder auf sein Hobby, etwa um das Jahr 2003 herum, probierte, experimentierte, optimierte. Was genau er so spannend und herausfordernd findet? Das Motiv, die Stimmung und die Geschichte des Bildes, erklärt er, stehen und fallen in der Landschaftsfotografie mit dem Licht. „Wenn ich zu Hause am Monitor das Bild sehe und alles, was ich mir gewünscht habe, eingetroffen ist – dann ist es für mich perfekt!“ Die volle Leidenschaft packte ihn im Jahr 2012, nach einer Fototour mit einem Freund. Seither verbringt er jede freie Minute mit seinem Hobby. Inspirationen findet der Mitarbeiter eines Handwerkbetriebs fast überall – Fotos im Internet, die er in seinem eigenen Stil übersetzen will, oder die Natur direkt mit ihren wunderschönen Jahreszeiten und Landschaften. Wenn andere noch in ihrem kuschelig warmen Bett liegen, ist Grimmig schon längst in der Natur unterwegs. Denn wenn der neue Tag beginnt oder der Alte endet, erlebt er „unbeschreibliche“ Momente, die er versucht, in seinen Bildern festzuhalten. „Wenn es passt und man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, braucht man nur ein paar Hundertstel, bis es klick macht für das perfekte Bild.“ Manchen Motiven rennt er jedoch schon Jahre hinterher, und irgendwann, davon ist er überzeugt, wird er es schaffen. Die Natur laufe ihm ja schließlich nicht davon. Zum Fotografieren hat Grimmig bereits viele Länder bereist – Island, die Toskana oder Sardinien sind nur einige Beispiele. Sein Wohnmobil dient ihm dabei als Fotomobil, er braucht Ruhe zum Fotografieren. Das nächstes Motiv hat er auch schon geplant: ein verschneiter Berggipfel bei Vollmond. Und wenn er Glück hat, klappt es vielleicht gleich beim ersten Versuch. ●

✒ Beatrix Stengl 29


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ABENTEUER

Männer allein im Wald ✒ Marisa Gold

im Winterwald heißt taube Zehen, nasser Schlafsack und Wildschweinspuren im Schlamm. Bei Nacht sieht man den Wald vor lauter Träumen erst richtig – Selbstentdeckung inklusive WILDZELTEN

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er Wald schmeckt nach Metall. Die stählerne Taschenlampe in meinem Mund leuchtet auf eine Tasse Tee. Wackelig steht sie zwischen meinen Beinen auf der Isomatte. Es ist 21:23 Uhr und ich sitze barfuß im Zelt. Der Regen prasselt unablässig auf die Plane. Heiß tropft der Tee jetzt von meinen zitternden Händen auf den Schlafsack. Es ist mir egal, denn nichts in diesem Zelt ist trocken. Nichts in diesem Wald. Jeder Mann hat wohl eine imaginäre To-do-Liste. Imaginär deshalb, weil er sie oftmals lauthals seinen Freunden, seinen Frauen, seiner Familie verkündet – das wenigste davon aber wirklich umsetzt. „Irgendwann will ich den Yukon mit dem Kanu befahren.“ „Einmal ein Haus bauen, komplett aus eigener Hand.“ Oder eben in meinem, zugegeben, bescheideneren Fall: „Alleine

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im Wald schlafen.“ Und weil das zu unspektakulär klingt, mit dem Zusatz: „im Winter“. Während ich mittags packe, stelle ich mich selbstverständlich in die Tradition großer Entdecker, die den Reiz meines Vorhabens wahrscheinlich gar nicht verstanden hätten. Jack London hätte nach der Herausforderung gefragt. Bear Grylls würde mich für meinen Proviant belächeln, den er sich wohl aus Baumrinden und bei 20 Grad weniger vor Ort erarbeitet hätte. Und Reinhold Messner? Sie können sich denken, wo das hinführen soll. Wo mich diese Nacht hinführen soll, weiß ich noch nicht. Ich kenne meinen Lagerplatz, ja. Aber ich erwarte mir mehr als einen mehr oder weniger erholsamen Schlaf. Ich erwarte mir Abenteuer. Grenzen überschreiten. Mich an den Urzuständen des Menschen messen. Vielleicht auch ein Initiationsritus für den

Fotos: Will Swann@unsplash, Rizzo@WikiCommons

✒ Maximilian Krones


Wildschweine können bis zu 90 Kilo schwer werden – und haben messerscharfe Zähne.

erlauchten Kreis meiner Selbstbilder. Heute trifft Langzeitmitglied Großmaul auf den Neuling Naturbursche. Glücklicherweise hat sich ein Bekannter bereit erklärt, mir seinen Privatwald in der Nähe von Offenburg zur Verfügung zu stellen. In Deutschland ist Wildcampen auf öffentlichem Grund verboten. Meine Ausrüstung ist spärlich. Ein Zelt, eine Isomatte, ein Schlafsack. Sonst die Kleidung, die ich am Körper trage plus Ersatzsocken. Das mit den Ersatzsocken habe ich aus meinem Survival-Buch – ebenfalls im Gepäck. Selbstverständlich auch ein Messer, das ich nicht brauchen werde. Zwei Brötchen in Alufolie, acht Müsliriegel, eingeschweißt. Gegen 14:30 Uhr mache ich mich auf den Weg. Etwas früh, wie ich finde, aber ich möchte diese Nacht so schnell wie möglich hinter mich bringen. Bei all den großen Tönen, die ich spucke,

befürchte ich, dass der Wald mich noch vor Mitternacht wieder ausspuckt. Als ich den Kofferraum meines Autos auf dem Waldparkplatz schließe, deutet alles darauf hin: Der Himmel bricht. Innerhalb von fünf Minuten saugt sich meine Kleidung voll mit Wasser und ich verfluche meine imaginäre To-do-Liste, schon bevor ich auch nur einen Punkt davon abgehakt habe. Nach einer Stunde und zwei Irrwegen bin ich an meinem Lagerplatz für die Nacht angelangt. Der Weg führt über Teer, Schotter, dann Reifenspuren von Waldfahrzeugen und am Ende durch Morast. Meine Fußspuren kreuzen sich mit denen eines Wildschweins. Oder Rehs? Ich bin kein Fährtenleser, also sagen wir: zumindest eines Paarhufers. Ich finde, ich habe mir ein schönes Fleckchen Wald herausgesucht. Moosbewachsene Baumstümpfe, ein zersplitterter Baum,

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der wohl vom Blitz getroffen wurde, hellbraunes Laub am Boden und genug Platz, um meine persönlichen zehn Quadratmeter Abenteuer-Republik auszurufen. Während ich diese Deklaration mit dem Zeltaufbau feiern möchte, artet der Festakt eher in eine Fluch-Gala aus, und ich wünsche mir ein Wurfzelt. Leider habe ich ein umständliches Aldi-Aufbau-Festival-Mief-Zelt.

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ls es in voller Pracht steht, ist es 16:30 Uhr. Zeit, meine bescheidenen Vorräte vor Wildschweinen in Sicherheit zu bringen. Der vom Blitz gezeichnete Baumstamm scheint mir ein passendes Mahnmal an die Schwarzwildbestände des Offenburger Waldes zu sein. In zwei Metern Höhe thront nun König Salami-Brötchen I. mit seinem Hofgefolge, den Müsliriegeln, und führt strenges Regiment über meinen Appetit. Das erste, was mir auffällt: Ich habe Lust auf ein Brötchen. Ich kann die Salami riechen, obwohl sie mindestens zehn Meter von meinem Zelt entfernt residiert. Bilde ich mir das ein? Nein, ein Mann, der im Januar alleine im Wald schläft, der kann Salami zehn Meter gegen den Wind riechen. Es geht schließlich ums Überleben. Dass das bei aller Ironie nicht ganz falsch ist, wird mir klar, als ich mich im Vorfeld über Erfrierungsgefahren informiere. Kältebusse in deutschen Großstädten bieten Obdachlosen zum Teil ab fünf Grad einen Schlafplatz an. Heute haben wir drei Grad. Während ich mein Abendessen zu mir nehme, tue ich etwas, das ich sonst nie tue. Ich stehe für zwei Stunden einfach nur da

Fotos: Andrew Welch@unsplash, Felix Russell-Saw@unsplash, Ehud Neuhaus@unsplash

Wenn der Waldboden kalt ist, muss die Wärme von innen kommen.

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Nur weil ich eine Nacht im Wald schlafe, bin ich noch lange kein harter Hund. Kein Naturbursche.

und beobachte, wie es dunkler wird. Ich sehe die Metamorphose vom Naherholungsziel zum Ursprung vieler Schauergeschichten. Nicht erst seit den Grimmschen Märchen werden dem Wald unheimliche Mythen angedichtet. Schon den Römern waren die dichten deutschen Wälder nicht geheuer, und im Mittelalter sah man gar Dämonen und Geister im Unterholz. Ich starre also ins dunkler werdende Dunkel. In der Stadt mache ich das nie. Da kommt die Nacht beiläufig. Hier verändert sie alles. Hier werden meine Sinne schärfer, ich höre jeden Tropfen, der auf den Laubboden fällt, jeden brechenden Ast, jeden Vogel und vor allem jedes Geräusch, das ich nicht zuordnen kann. Je weniger Licht, desto mehr dieser Geräusche nehme ich wahr. Und desto eher kriecht die Kälte meine nassen Hosenbeine hoch. Jetzt werden auch die Gedanken an den Morast, an die Spuren

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im Schlamm lauter. Ich weiß, seit ich 14 bin, dass Wildschweine gefährlich sind. Im Zeltlager hatte man uns gesagt: „Wenn ihr angefallen werdet, lasst die Beine zusammen. Lieber brechen sie euch die Knochen, als dass sie eure Hauptschlagadern an der Oberschenkelinnenseite erwischen.“ Bei jedem Knacksen, Grunzen, Gurgeln im Wald rücken meine Beine enger aneinander. Ich rede mir ein, dass meine Angst unbegründet ist. Denn eigentlich bin ich heute das gefährlichste Tier im Wald. Die gefährlichste Spezies. Wildschweine sind nur nachtaktiv, weil sie tagsüber gejagt werden. Selbst Schuld also, die gefährlichste Spezies. Mit den Wildschweinen im Kopf ist auch wieder das Großmaul da, das abermals beginnt, an dieser Reifeprüfung für Großstädter zu zweifeln.

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Im Zelt dann der Survival-Schock: Als ich mein Paar Ersatzsocken auspacke, halte ich ein triefendes Bündel Baumwolle in der Hand. Natürlich hat der strömende Regen auf dem Hinweg meinen Rucksack nicht verschont. Und natürlich habe ich den einfachen, aber bewährten Packtipp meines Vaters „alles in Plastiktüten“ nicht befolgt. Der zweite Schock: Mein Schlafsack ist feucht. Lange nicht so wie meine Socken, aber ungefähr so wie ein zusammengeknäultes Handtuch nach zwei Tagen Sporttaschen-Aufenthalt. Unten ohne, dafür aber mit klammer Hose, verschwitztem Wollpullover und unangenehm dampfiger Winterjacke, quetsche ich mich also in meinen feuchten Schlafkokon. Die Plane meines Zeltes klebt stellenweise an der Innenwand. Sogar jeder

Fotos: Bobby Burch@unsplash, Will Swann@unsplash

Nasse Zeltwände, klamme Kleider – eine einzigartige Erfahrung.


Hochsommer-Festivalcamper weiß, dass das kein gutes Zeichen ist. Aber durch die physische und psychische Anstrengung bin ich fürs Erste so erledigt, dass ich gegen 18:30 einschlafe. Ich wache auf, weil sich das Tropfen um mich herum nicht mehr nur auf den Waldboden beschränkt, sondern auch meinen Zeltboden um eine Pfütze bereichert. Also T-Shirt aus und drauf gelegt. Meinen Wollpullover ziehe ich auf die nackte Haut an. Die beste Entscheidung dieser Nacht, denn echte Wolle trocknet wesentlich schneller am Körper als die Baumwollfasern meines Shirts. Ich schaue auf die Uhr. 19:15 Uhr. Scheiße. Normalerweise komme ich um diese Zeit aus dem Büro nach Hause und denke nicht im Traum daran zu schlafen. Jetzt liege ich zusammengekauert auf einer offensichtlich auf den asiatischen Markt zugeschnittene Isomatte, weil kurz, mit tauben Zehen, weil kalt, mitten im nassen Wald, weil Großmaul. Herzlichen Glückwunsch.

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abei hätte das mit der Ausrüstung auch besser laufen können. Experte Pascal Hejj vom Offenburger Outdoor-Sportgeschäft „Wolfzeit“ rät mir im Vorfeld zu Merino-Wolle und einer Luftmatratze mit einem Airwert von 3,8. Ich kenne den Airwert meiner Isomatte nicht. Gefühlt liegt er im Minusbereich. „Nur bei Schnee musst Du aufpassen“, sagt der Kollege Miro Rahner, „wenn man zugeschneit wird, kann man ersticken.“ Kurz bin ich froh über den Regen. Um mich abzulenken, komme ich ins Grübeln. Ist irgendwie ja auch Pflicht bei dieser Grenzerfahrung. Männer allein in der Wildnis müssen tiefe Gedankengänge erörtern. Über das Leben nachdenken. Und genau wie der Wald mit der Dämmerung eine Metamorphose vom Vertrauten zum Unbehaglichen macht, dämmert auch mir eine Einsicht. Nur weil ich eine Nacht im Wald schlafe, bin ich noch lang kein harter Hund. Kein Naturbursche. Aber vielleicht kann ich etwas mitnehmen aus dieser Nacht. Vielleicht wird es Selbstvertrauen sein. Auf einmal fühle ich mich seltsam wohl in meinem Zelt. Konzentriere mich nur auf meine Gedanken. Keine Störgeräusche mehr. Ist der Wald das Ritalin unserer ADHS-Vorfahren und wirkt bis heute? Wir lernen im Dunkel des Waldes nicht das Abschalten, wir lernen das Umschalten. Meine Herausforderung jetzt ist: Stadt aus. Wald an. Die Wildschwein-Paranoia lässt mit jedem Geräusch, hinter dem sich dann doch nichts Bedrohliches verbirgt, nach. Ich lasse mich auf den Wald ein und schlafe. Zwei Stunden. Liege eine Stunde wach. Trinke Tee. Schlafe eine Stunde. Liege eine halbe Stunde wach. Friere. Fühle mich seltsam ausgeschlafen und gleichzeitig ausgelaugt.

Als ich das nächste Mal aufwache, ist es früher Morgen. Die Nacht ist noch immer tiefschwarz. Aber ich kann nicht mehr einschlafen. Bin fit und packe zusammen. Hole mein letztes Salami-Brötchen von seinem hölzernen Thron und esse es in der Dunkelheit. Als ich im Schein der Taschenlampe durch das Dickicht stapfe, trete ich öfter in tiefe Pfützen. Wieder sind meine Füße nass, die jetzt ohne Socken in den Stiefeln stecken. Ich laufe einen kleinen Umweg, habe mich verirrt. Denn es ist eine Sache, nachts im Wald zu schlafen. Nachts im Wald zu navigieren, ist für mich fast die größere Herausforderung. Doch die Bundesstraße, an der mein Auto steht, wird lauter. Ich fühle Stolz in mir aufsteigen. Mit der Zivilisation kommt offensichtlich das Großmaul wieder. Ich fühle mich sicher mit mir selbst. Mir ist klar, dass sich dieses Gefühl nicht ewig hält. Eine Nacht im Wald macht noch keinen John Rambo aus mir. Dennoch: „Heute war ich das gefährlichste Tier in diesem Wald“, rede ich mir ein, während ich die Wildschweine höhnisch lachen höre. Das nächste Mal verpassen wir uns hoffentlich im Sommer. ●

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HANDWERK

✒ Nina Habres

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Fotos: christoffer engstrom @unsplash (1), chrisweberpics.de (1)

In WILLI’S BARBERSHOP wird Pflege zur Männersache. Zu Besuch an einem Ort, an dem die Sehnsucht nach dem MannSein auf Eitelkeit trifft – und treffen darf.

s riecht nach Holz in Willi’s Barbershop, nach Arganöl, nach Kokosbutter mit Zitronenduft. Es ist Viertel vor sechs, ein grauhaariger Mann öffnet die Ladentür. „Hi, habt ihr grad Zeit?“, fragt er noch auf der Schwelle und steht im nächsten Moment schon mitten im Raum. Peter Mayer dreht den Kopf kurz nach rechts und nickt ihm freundlich zu. „Setz dich noch kurz, Andreas. Wenn du was trinken willst – weißt ja Bescheid.“ Jetzt ist gerade André dran, schwarzer Vollbart, schwarze Haare. Wie die meisten kommt er alle drei bis vier Wochen, um sich seinen Bart formen zu lassen und alle sechs, um die Frisur wieder in Form zu bringen. Heute ist beides fällig. In der rechten Hand hält Peter Mayer den Rasierer, in der linken den Kamm. Mit kleinen kontrollierten Bewegungen definiert er die unteren Kanten von Andrés Bart. Kämmt über das Haar, rasiert ein Stück. Hält kurz inne, schaut auf, hält Andrés Gesicht mit beiden Händen gerade, blickt in den Spiegel an der Wand. Wenn man einen Bart schneidet, muss man exakt arbeiten. Jeder noch so kleine Fehler fällt auf. Peter Mayer trägt die schwarze Lederhose und das schwarze T-Shirt wie eine Rockerkluft. Das Logo seines Barbershops, eine Barber-Pole zwischen zwei gekreuzten Rasiermessern, trägt er wie das eines Rocker-Clubs auf dem Unterarm. Er mag schnelle Autos und Elvis. Seine grauen Haare und sein grauer Bart sitzen perfekt. Es gibt nicht den einen Bart, erklärt er gerade, einen, der jedem steht. Jedes Gesicht habe seine eigenen geografischen Linien. „Hält man die nicht ein, springt der Bart aus der Achse.“ Peter Mayer ist schon lange im Geschäft. Drei Jahre hatte er bereits als Barber gearbeitet, als er im März 2017 Willi’s Barbershop eröffnete. In diesen drei Jahren war er viel herumgekommen, hatte Seminare belegt, um sein Handwerk zu verbessern. Jetzt gibt er selbst welche. Und obwohl Barbershops seit einigen Jahren aus dem Boden schießen – in jeder größeren Stadt in Deutschland findet man spätestens seit 2015 mindestens einen –, kommen


Peter Mayer, Chef des Shops – alias Little Willy –, mag neben Bärten auch Elvis und schnelle Autos.

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Peter Mayer ist Gründungsmitglied der „Barber Angels Brotherhood“ – ein Verein, in dem Friseure ehrenamtlich Obdachlose frisieren. Hier ist er als Little Willy bekannt.

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Fotos: www.emotion-fotos.eu (1)

Akkurates Arbeiten: Jeder noch so kleine Fehler fällt auf.


Männer aus einem Umkreis von gut hundert Kilometern zu ihm nach Friesenheim. In eine 13.000-Einwohner-Stadt in der Ortenau. Um sich von ihm den Bart und die Frisur machen zu lassen.

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enn sich die Barber-Pole dreht, hat Willi’s Barbershop geöffnet. Sie dreht sich vorne im Eck, direkt am Fenster. Der blaue Streifen steht für Wasser, der weiße für Hygiene, der rote für Blut. Früher waren Barber auch für Wundbehandlung zuständig und fürs Zähneziehen. Früher, in Zeiten der Prohibition, haben die Barber in ihren Shops auch für die Mafia Alkohol verkauft. Um sich vor ungebetenen Gästen zu schützen, lag neben dem Alkohol immer ein Gewehr, meistens eine Thompson Gun im Kaliber .45. Heute verkauft Peter Mayer Whiskey nicht unter der Hand für die Mafia, sondern legal mit einer Schanklizenz. Die alte Thompson liegt bei ihm heute auch nicht unter der Bar, sondern hängt von der Decke. Neben dem großen Spiegel noch eine Winchester. Die hat Peter Mayer mal von einem Kunden geschenkt bekommen – weil sie so gut in den Laden passen würde. Über drei Jahre hat Peter Mayer Dekoration für seinen Barbershop gesammelt: Alte Pfeifen, Blechschilder, Lampen. Der Name „Willi’s Barbershop“ ist eine Hommage an seinen Großvater Wilhelm und seinen Vater Willi. Beide waren Friseure, beide haben den Grundstein für das gelegt, was Peter heute leben kann. 1998 hat er den Laden seines Vaters, den Kreativfriseur Mayer, übernommen und dort bis zur Eröffnung seines Barbershops Männer und Frauen frisiert. Im Internet hat er über die Ost- dann über die Westküste der USA recherchiert, hat nach Inspiration gesucht, den Raum des Barbershops geplant. Er mag die 50er-Jahre, die Musik, den Stil. Sehr bald wusste er genau, was er wollte. Jetzt ist Willi’s Barbershop durch zwei Türen und einen kleinen Zwischenraum vom Kreativfriseur Mayer getrennt – aber zwischen ihnen liegen Welten. Drüben ist es hell, hier ist es dunkel. Drüben liegen pinkfarbene Post-its auf dem Tisch, „Nicht vergessen: Lächeln“Karten hängen am Spiegel. Hier stehen Pfeifen auf den Tischen, an der Wand hängen die alten Waffen. Peter Mayer wusste nicht nur sehr bald, wie der Laden aussehen soll, sondern auch, wie man sich hier fühlen soll. Er hat es selbst erlebt, wie das Herrenfach während der Friseurausbildung oft als „notwendiges Übel“, als Anhängsel gesehen wird. Und er findet, dass man das auch auf den Köpfen der Männer sieht: Runde, weiche Schnitte, die man bei Frauen setzt, wirken natürlich auch feminin. Bei einem Mann müsse man den Kopf anders einteilen, andere geografische Winkel ziehen. „Dann wird alles kantiger. Und in dem Moment, in dem es kantiger wird, wird es maskuliner.“ Die Frisur verändere sich nicht entscheidend. Aber sie wirke anders. „Männlich“. Und das ist Peter Mayer wichtig. Im Barbershop ist es ruhig an diesem Dienstagabend. Es ist nicht die Ruhe, bei der es still ist im Raum, sondern eine, die eher in der Luft liegt als in den Ohren. Männer reden beim Friseur eben nicht besonders viel. Und wenn sie reden, dann nicht besonders laut. „Wo ein Mann Mann sein kann“, sagt ein Bild neben der Theke. Das Surren der Rasierer mischt sich mit leiser Rockabilly-Musik. Von den vier Plätzen sind drei besetzt. Rechts föhnt Mitarbeiterin Nicole einem Mann die Haare trocken, Mitarbeiter Marwan massiert einem anderen Kunden den Kopf. Auf dem äußeren, dem ganz linken, beugt sich Peter Mayer über André.

Die Kombination aus Barbershop und Whiskybar ist ein Relikt der Prohibition

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Angefangen hat der ganze Hype um den Bart vor ein paar Jahren, mit einer Werbung von trivago, erzählt Peter Mayer. Ein vollbärtiger Mann in einem Hotel, im Bademantel auf dem Flur, oben ohne im Spa-Bereich, im Anzug im Aufzug, trifft immer die gleiche Frau. Er sieht gut aus, gepflegt. Das war im Jahr 2011. Viele wollten nun einen Vollbart. Peter Mayer glaubt, dass dieser Trend vielleicht noch dieses, vielleicht auch noch nächstes Jahr anhält, „dann war’s das, im Großen und Ganzen“. In England deute sich das schon an und das Land sei, was Trends angeht, immer ein Jahr voraus. Um seinen Barbershop fürchtet er aber nicht. „Es bleiben immer welche übrig.“ Schon heute kämen viele ohne Vollbart. Wie lang oder wie dicht er sei, spiele ohnehin keine Rolle – überhaupt einen zu haben, darauf komme es an. Denn ein Bart sei schon immer ein Zeichen der Männlichkeit gewesen. In Russland war es früher nur den Zaren und den „Blaublütigen“ erlaubt, Bart zu tragen. Wer Bart hatte, hatte Macht, erklärt er.

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Fotos: ryan waring @unsplash

Entzum vitium am quo ma sit, Lange wird der Trend sape sequoss umquat Vollbart nicht mehr bleiben. endestibus ditatur ad quam, Doch bis dahin sind die Kunden bei Peter Mayer bestens aufgehoben.

inten auf dem schweren Chesterfield-Sofa wartet Andreas, er ist der nächste. Inzwischen ist es kurz nach sechs. Ab jetzt gibt es bei Peter Mayer keine Termine mehr – wer was braucht, der kommt einfach vorbei. Frauen nehmen sich Zeit für den Friseur, Männer sind lieber spontan. „Bound by wild desire, I fell in to a ring of fire“, singt Johnny Cash. Oft bleiben Männer wie Andreas dann auch länger, als ihr Haarschnitt dauert. Lassen sich erst mit warmen Handtüchern auf dem Gesicht die Poren öffnen, erkundigen sich, wie man sein Barthaar weich hält, wollen den Duft nach Kokosbutter mit Zitrone. Wer danach noch nicht heim will, der bleibt. Im Kühlschrank hinten an der Wand ist Bier, Black Forest Stout und Ketterer. Jeder nimmt sich, was er will, merkt sich, was er hatte, zahlt, wenn er geht. „Men: No Shirt. No Shoes. No Service. Women: No Shirt. Free Drinks“, sagt das Schild über dem Kühlschrank. In Willi’s Barbershop geht es um mehr als um Bärte und Frisuren. Hinten an der Bar gibt es Whiskey, Talisker Skye, Highland Park, Glenfiddich. In Willi’s Barbershop spielen Männer Billard, schauen mittwochabends die Champions League, reden über den Job. Und über Frauen. „Sie wollte tanzen, aber ich bin eher so der Ficker“, steht auf einem Bild über der Theke. Sprüche kloppen, auch das gehört dazu, über sich selbst grinsen. 19:17 Uhr, die Glastür schwingt auf, ein Vater kommt mit seinem fast erwachsenen Sohn herein. Peter begrüßt beide mit einem Handschlag – „Alles klar? Wollt ihr Billard spielen?“. Die beiden müssen warten. Peter Mayer geht zurück zum Stuhl ganz links. Hier sitzt inzwischen Gerhard, die beiden kennen sich schon seit vielen Jahren. Eigentlich wollte Gerhard heute Mittag vorbeikommen, aber alle Termine waren vergeben. Also haben sie ausgemacht, Peter meldet sich, sobald er Zeit hat. Als Peter Gerhard dann nicht erreichen konnte, rief er Gerhards Frau an, die rief Gerhard an, der kam direkt nach der Arbeit vorbei. So läuft das hier. Während Peter Mayer eine frische Rasierklinge auspackt, gehen Vater und Sohn zum Kühlschrank, holen sich zwei Bier, stoßen an, hängen ihre Jacken auf, nehmen sich zwei Queues. Es knallt im Raum, als die weiße Kugel die anderen trifft. Niemanden stört es. Im Hintergrund singen die McCoys über Sloopy, das Schnipseln der Schere mischt sich unter das Knallen der Billardkugeln. Vorne im Eck, direkt am Fenster, dreht sich die Barber-Pole. ●


Über drei Jahre hat Peter Mayer seinen Laden geplant – jedes noch so kleine Detail stimmt.

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Fotos: Michael Bode, info@bode-fotografie.com

Schreiten wie ein Kรถnig

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TECHNIK


Neuronale Netze? Deep Learning? Die ersten Minuten in der Werkstatt an der Hochschule in Offenburg fühlen sich an wie erwartet: verwirrend. Studenten mit großer Brille auf der Nase erklären viel zu viel und vor allem viel zu kompliziert. Bis Professor ULRICH HOCHBERG ins Labor kommt. Und sagt, worum es bei Sweaty, dem fußballspielenden Roboter, wirklich geht. ✒ Julia Gross

Sweaty ist der perfekte Allrounder: Er schüttelt Hände, spielt Fußball und ist fast nie aus der Ruhe zu bringen.

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Jahrzehntelang haben Menschen davon geträumt, künstliche Intelligenz zu erschaffen.

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weaty ruht auf einem blechernen Ständer, der seine schweren Glieder trägt. Alleine aufstehen kann er nicht. Erst, wenn Ulrich Hochberg möchte, öffnet Sweaty seine Augen. Brummt ein wenig, streckt Hände und Füße von sich, als wäre es ein Morgenritual. Sweaty ist ein humanoider Roboter. Er kann sich nur bewegen, wenn die Batterien in seiner Brust voll geladen sind, kann nur sehen, weil ihm eine Software in seinem Innern sagt, wohin er den Kopf drehen soll. Die komplizierten Algorithmen, die ihn zum Leben erwecken, sind Sweaty egal. Er ist nur eine Maschine. Eine, die wohl irgendwann schreiten wird. Wie ein König. Heute aber noch nicht. Um acht Uhr hat Ulrich Hochberg sich mit seinen Studenten verabredet. Als die Schranke vor dem Gebäude sein Auto passieren lässt, ist es zwei Minuten vor acht. „Ich lasse mir mittlerweile auch mal Zeit“, sagt er. „Meistens kann man eh nicht beeinflussen, wie schnell es vorangeht.“ Ulrich Hochberg ist Professor an der Hochschule Offenburg. Etwa 18 Stunden in der Woche doziert er vor Maschinenbaustudenten. Die restliche Zeit forscht er in seinem Labor, nur wenige Schritte vom Hörsaal entfernt. Jeden Tag fährt er von Karlsruhe die etwa 100 Kilometer zu seinem Arbeitsplatz. Die Sache mit der antrainierten Gemütlichkeit, von der Hochberg spricht, stimmt nicht ganz oder zumindest nur, wenn es ums Autofahren geht. Denn wenn Hochberg sich mit Dingen beschäftigt, die in seinen Augen wirklich wichtig sind, ist er ungeduldig. Es kann gar nicht schnell genug gehen. „Manchmal wirke ich dadurch auch genervt“, sagt Hochberg und zieht seine markanten Augenbrauen nach oben. „Bin ich aber eigentlich nie.“

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Ein kleines Grübchen hat sich an dem spitzen Kinn gebildet, die Augen kugelrund, zusammen so groß wie eine geballte Faust von Sweaty. Blau und klar. Wenn der 1,70 Meter große Sweaty nicht gerade im Ruhemodus seinen Kopf hängen lässt, formen seine grauen Lippen ein Lächeln. Einen anderen Ausdruck kennt der Roboter nicht, denn sein Gesicht ist aus unbeweglichem Kunststoff geformt. Zehn Stunden lang hat es gedauert, um die am Computer entwickelte Form des Gesichts auszudrucken – dreidimensional. Nicht ganz symmetrisch ist die linke Seite zur rechten. Das haben die Studierenden mit Absicht gemacht, denn so sieht Sweaty viel menschlicher aus. „Auch unsere Gesichtshälften sind schließlich nicht identisch.“ Um Gewicht zu reduzieren, besteht die tragende Struktur des Roboters aus Aluminium und KohlefaserVerbundwerkstoffen. Drei künstliche Gleichgewichtsorgane lassen Sweaty spüren, wenn er zur Seite, nach hinten oder nach vorne kippt. Heute steht er nicht an seinem gewöhnlichen Platz in der Werkstatt, sondern im Studio in einem anderen Gebäude der Hochschule. Manuel Scharffenberg, Hochbergs wissenschaftlicher Mitarbeiter, drückt einen großen Knopf an Sweatys Brustkorb. Oder dort, wo ein Brustkorb sich befinden würde, wäre Sweatys 25 Kilo schwerer Körper ein menschlicher. „Jetzt wecken wir ihn mal auf“, sagt er. Sweaty brummt ein wenig, streckt Hände und Füße von sich, als wäre es ein Morgenritual. Wie eine Vogelscheuche aus Draht sieht der Prototyp noch aus, als Hochberg das Projekt mit seinen zwei Kollegen Klaus Dorer und Michael Wülker angeht. 2012 überlegen die Wissenschaftler zum ersten Mal, wie man zusammentragen kann, was jeder für sich im stillen wissenschaftlichen Kämmerlein dieser Hochschule herausfindet. Dorer zum Beispiel kommt aus der Informatik. Er arbeitet damals schon mehrere Jahre an Simulationsrobotern,


Immer wieder müssen die Studierenden an der Technik feilen und Fehler beseitigen.

entwickelt Algorithmen, die auch bei autonom fahrenden Autos eingesetzt werden. Die Algorithmen sind vielversprechend. Aber alleine kann Dorer damit nichts anfangen. Er möchte Hochberg für das Projekt gewinnen. Der denkt zuerst: Simulation? Da fehlt das Öl! Der Maschinenbauingenieur macht das Projekt dann aber zu seinem, überzeugt Dorer, einen Roboter zu bauen. Nicht am Computer, sondern in echt. Weil man dann die Fehler sieht, daran arbeiten kann und auch Außenstehende merken: Hier wird an etwas Wichtigem getüftelt, das gesellschaftliche Probleme lösen könnte. Zum Beispiel die Sache mit den selbstfahrenden Autos. Irgendwann werden dank ihnen weniger Unfälle im Straßenverkehr passieren. Oder: Menschen dort ersetzen, wo es gefährlich wird. In Krisengebieten vielleicht, bei Rettungsaktionen in unsicherem Gelände. Auch Wülker erkennt das Potenzial, steigt mit ein und findet in der Bildverarbeitung, also dem, was Sweaty sieht und wahrnimmt, einen Bereich, der ihm besonders liegt. Die Hochschule ist gleich mit im Boot: Sie will den jungen Menschen die trockenen Grundlagen der technischen Studiengänge näherbringen, zeigen, wofür sie die Theorie gebrauchen können – die trockene Mathematik beispielsweise, ohne die Sweatys Körper nicht so problemlos funktionieren würde.

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er Kapuzenpullover und die dunkelblauen Jeans, die Hochberg sonst trägt, sind heute zu Hause geblieben. Er muss später vor der Kamera stehen, deswegen lieber schick. Über seinem weißen Hemd trägt er ein Jackett, die schwarzen Lederschuhe klappern, als er durch die Werkstatt läuft. Hier lagert alles, woraus sich Sweaty zusammensetzt. Auch Sweatys Intelligenz – hinter sechs passwortgeschützten Computern. Hochberg bereitet sich auf den Videodreh vor, den er für den Vormittag mit

drei Studenten vereinbart hat. Die Medienwissenschaftler sollen visuell festhalten, was bis jetzt geschafft ist: Sweaty kann laufen, Hände schütteln und Fußball spielen. Fußball spielte er zum ersten Mal 2014 – auf einer Weltmeisterschaft für Roboter. Beim RoboCup in Brasilien machte er den letzten Platz. Sweaty konnte noch nicht so gut laufen wie die anderen auf dem Feld, fiel immer wieder hin und überhitzte schnell. Zwei Jahre lang tüftelten Hochberg und alle um ihn herum weiter, machten Sweaty ums Doppelte schwerer. Und schickten ihn 2016 nach Leipzig. Dort musste sich der Roboter wieder auf den Rasen stellen und in Duellen gegen andere Fußballer aus Blech behaupten. Sweaty wurde Zweiter und Hochberg immer motivierter. „Das ist so großartig, wenn man sieht, was man in so kurzer Zeit erreichen kann“, sagt er heute, zwar euphorisch, aber doch ganz leise wie immer in seinen grauen Dreitagebart hinein. „Der RoboCup hat die Vision, mit den Robotern spätestens bis 2050 gegen echte Fußballer aus Fleisch und Blut zu gewinnen. Gegen die Mannschaft, die dann gerade Weltmeister ist. Ich will, dass Sweaty im Team ist.“ Fußballer aus Fleisch und Blut besiegen – davon spricht Hochberg immer, wenn er gefragt wird, warum er das alles macht; sich auf Sweaty als Forschungsgegenstand konzentriert, seinen Studenten im Hörsaal von ihm erzählt. Und vor allen Dingen: nahezu seine gesamte Freizeit im Labor am Roboter verbringt. Aber eigentlich ist das nur die halbe Wahrheit. Er will den Roboter zwar im Fußball so stark machen, dass er irgendwann alle vom Platz fegt, das stimmt schon. Aber es gibt daneben noch einen anderen Plan. Hochberg lacht. Und verrät: „Dazu gehört, dass Sweaty irgendwann schreitet wie ein König.“ Warum? Dazu später. Das graue Gesicht hebt sich, die Gelenke blinken. Bunte Kabel ziehen sich wie Adern durch den gesamten Körper, dessen

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FĂźr einen Imagefilm muss Sweaty vor die Kamera: Der soll zeigen, was der Roboter bisher schon alles kann.

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lieben beide die Arbeit an ihrem Sweaty. Anfangs mussten sie sich jeweils an den anderen und an dessen Gebiete gewöhnen. Beide wissen heute: Nur durch die Kombination der Disziplinen können sie gegen die Konkurrenz bestehen. „Die Stärke der doch relativ kleinen Hochschule Offenburg liegt in der Teamarbeit. Während beispielsweise an der Universität Peking hauptsächlich Informatiker die Roboter bauen, zahlt sich bei Sweaty die Arbeit im Team über Fakultätsgrenzen hinweg aus“, sagt Hochberg.

Über einen kleinen Bildschirm kann der Sweaty ausund eingeschaltet werden.

Motoren grün leuchten und dessen Material grau schimmert. Durch sie fließen sekündlich tausende Informationen. Mit vier Fingern an jeder Hand begrüßt der Roboter inzwischen Besucher, spielt „Schere, Stein, Papier“ und überreicht ab und an auch mal Blumensträuße. Einmal hat sich Sweaty etwas vertan, hat mit Blumen in der Hand den „Schere, Stein, Papier“-Modus angefahren. Die Blumen sind dann durch den ganzen Raum geflogen. Hochberg lacht laut, wenn er sich daran erinnert. „Ach, keiner ist perfekt.“ Er sucht in der Werkstatt noch einen Controller, um Sweaty im Studio später besser steuern zu können. Und läuft dann los über den Campus, immer wieder Studenten grüßend, die er kennt.

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ahrzehntelang haben Menschen davon geträumt, künstliche Intelligenz zu erschaffen. Von Maschinen, die lernen können – genau wie wir. Dass sie irgendwann einen nicht unwesentlichen Bestandteil unseres Lebens ausmachen werden, ist für Wissenschaftler inzwischen klar. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann. Hochberg und sein Team sind mit diesem Traum nicht alleine. Immer wieder sind schlaue Köpfe aber auch daran gescheitert, intelligente Maschinen zu bauen. Doch es geht voran: Hochberg vergleicht den Prozess gerne mit der Entwicklung von Smartphones. „Irgendwann ging’s dann rasend schnell.“ Neben Hochbergs Team arbeitet auch die Universität Bonn an einem humanoiden Roboter, ein wenig erfolgreicher noch ist deren Maschine, stabiler beim Gehen und im Schießen, gibt Hochberg zu. „Aber bald haben wir die Bonner eingeholt.“ Die Maschine aus Bonn ist aber auch nur 1,35 Meter groß, also nur bedingt vergleichbar mit dem 40 Zentimeter größeren Sweaty. Mit seinem Kollegen Klaus Dorer hat sich Hochberg vor dem Studio verabredet, in dem die Aufnahme stattfinden soll. Inzwischen

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weaty liegt am Boden, als Hochberg und Dorer an die dicke Sicherheitstür des Studios klopfen. Die Studenten sind gerade dabei, ihn wieder aufzurichten, wollen ganz aufgeregt erklären, was passiert ist. Für das Video sollte Sweaty auf eine Torwand schießen. Als er über den Kunstrasen läuft, verliert er aber das Gleichgewicht und stürzt hart. „Sweatys Hand ist gebrochen, und auch das Genick sieht nicht so gut aus“, ruft Hochbergs wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Runde. Die buschigen Augenbrauen ziehen sich wie von alleine in die Höhe. Hochberg sagt lange nichts. Dann: „In welche Richtung ist er gefallen? Dann können wir bis zum RoboCup daran arbeiten.“ Und: „Eigentlich sollte immer jemand hinter Sweaty stehen, damit man ihn auffangen kann, wenn er fällt.“ Scharffenberg hängt Sweatys Schulterstange auf den blechernen Ständer, der seine Glieder trägt, seine Füße stützt. „Das sollte irgendwann nicht mehr passieren. Darauf arbeiten wir hin. Wegen des Plans“, sagt Hochberg mit Bedacht, so leise, dass man ihn nur mit Anstrengung verstehen kann. „Bis der Realität wird, geht es aber sicher noch mindestens zehn Jahre“, sagt er. „Oder 20“, entgegnet Dorer. „Oder länger. Vielleicht erleben wir’s auch nicht mehr. Aber wir denken ja in kleinen Schritten. Erstmal muss er schreiten können.“ Hochbergs Mitarbeiter klebt die verletzte Hand mit Panzertape und stellt Sweaty wieder aufs Feld. Der Roboter schießt erneut: Der Ball rollt langsam ins Tor. Alle klatschen. Die Maschine hat ihren Dienst für heute getan, piepst laut. Sweatys Motoren sind heiß gelaufen vor Anstrengung. Ein nasses Tuch liegt auf einigen Teilen. Das Wasser verdunstet und kühlt seinen Körper. Sweaty macht seinem Namen alle Ehre. Er schwitzt. Seine Akkus müssen jetzt geladen werden. Seine Füße, die aus zwei unbeweglichen, leicht gewölbten Platten bestehen, ruhen wieder. Bald werden sie ersetzt. Das Team untersucht gerade noch, was den Gang besser machen könnte. Königlicher. Hochberg findet die Vorstellung von einem schreitenden Sweaty wunderschön. „Aber jetzt endlich zu meinem Plan.“ In Hochbergs Vorstellung schreitet Sweaty durch ein Haus, überwindet Hindernisse, ganz sicher, ohne zu fallen. Hochberg wünscht sich nichts sehnlicher als einen Sweaty, der im Haushalt gebraucht wird und dort zurechtkommt. Der dafür sorgt, dass ältere Menschen länger in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleiben können, weil es Sweaty gibt. „Eine schlaue Haushaltshilfe, die Brötchen holt, die Wäsche macht und die Wohnung sauber hält.“ Das ist Hochbergs Plan, das könnte er sich für sich selbst vorstellen. Und für viele andere auch. Und deshalb freut sich der Professor ganz ungeduldig immer dann, wenn Sweaty sich wieder verändert. Wenn er ein neues Gelenk bekommt oder neue Füße. Er will ihn in der Zeit, in der er noch an der Hochschule ist, so fit und schlau machen, wie es überhaupt nur geht. Damit Sweaty ihm irgendwann nicht nur die Brötchen aus der Küche, sondern vielleicht sogar das Bier aus dem Keller holen kann. Schreitend. Wie ein König. ●


Der RoboCup hat die Vision, mit den Robotern spätestens bis 2050 gegen echte Fußballer aus Fleisch und Blut zu gewinnen.

Bis zu dem großen Ereignis darf Sweaty noch ein bisschen üben.

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Fotos: Michael Bode, info@bode-fotografie.com

Auch schmucke Blockhütten, auf Pfählen an den Hang gebaut, können ein Hotel sein.


Urlaub in der Natur gleich Übernachtung im zugigen Zelt auf schlapper Luftmatratze? Nicht immer. Im OBERKIRCHER BAUMHAUS-HOTEL darf in extraweichen Betten von Rehen und Wildschweinen geträumt werden. ✒ Mira Bode

ARCHITEKTUR

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aus aus dem hektischen Alltag, Ruhe finden, nahe an der Natur. Aber bitte nicht zu nahe. Was Natur angeht, bin ich eher der Schönwetter-Typ. Bei Sonnenschein durch Wälder spazieren? Klasse! Fahrradtouren im Flachland entlang eines Kanals? Gerne! Durch buntes Laub gehen und die ersten Windstöße des Herbstes im Haar spüren? Wunderbar! Aber Regen und Matsch? Nein danke! Auf einer undichten Luftmatratze im kalten Zelt zu schlafen? Definitiv nicht! Ein Baumhaus statt eines Zelts? Würde man nicht sofort an gewagte Holzkonstruktionen denken, hoch oben in schwankenden Ästen, dann könnte das ein Kompromiss sein: mitten in der Natur und doch mit festem Dach über dem Kopf. Ein bisschen Abenteuer vielleicht, aber nicht zu viel. Ein Abend im flackernden Kerzenlicht, aber trocken und hoffentlich nicht mit kalten Händen. In Oberkirch werden Baumhäuser als Feriendomizil angeboten. Die Unterkunft nennt sich „Baumhaushotel Waldhütten Zauber“. Ein Hotel also, das sogar ein bisschen Komfort verspricht. Der erste Blick auf die vier Baumhäuser der Familie Huber beruhigt: Keine krumm zusammengezimmerten Hütten in schwindelnder Höhe, sondern solide Blockhäuser mit Wänden aus naturbelassenen starken Brettern und ein mit Ziegeln gedecktes Dach. Die Häuser sind auf wuchtigen Stämmen in einen Hang gebaut und müssen nicht einmal über eine Leiter erklommen werden. Ein autotauglicher Schotterweg führt den Berg hinauf, von hinten kommt man auf die große Terrasse und von dort ins Innere. Schnell wird klar: Kerzen gibt es hier höchstens zur Dekoration, die Häuschen haben Strom und fließend Wasser. „Hier muss im Winter niemand frieren und im Sommer keiner schwitzen“, sagt Hotelbesitzerin Stefanie Huber. Sie zeigt auf die Heizung, die im Sommer als Klimaanlage die Temperatur auch herunterkühlen kann. Gut so, es ist heute nämlich kalt und in meiner kleinen Reisetasche war kein Platz für Thermosocken und Wollpullover. Nach zwei Jahren planen und bauen wurde das Baumhaushotel in Oberkirch im Dezember 2017 eröffnet. Die Erfolgschancen stehen nicht schlecht: Viele wollen nicht lange im Flugzeug sitzen, um an einen Urlaubsort zu kommen. Naherholung ist angesagt, der Schwarzwald boomt. Allein 2016 haben dort Touristen mehr als 21,5 Millionen Mal übernachtet. „Unser Angebot spricht Menschen an, die Ruhe und Natur suchen“, sagt Stefanie Huber. Nach Natur riecht es auch: im Baumhaus liegt ein intensiver Duft von Holz. „Wir haben hier rund um den Hof zehn Hektar Wald“, erklärt Stefanie Huber. Da fällt einiges ab als Baumaterial. Es sei ihr und ihrem Mann Josef sehr wichtig gewesen, das Holz möglichst naturnah zu verarbeiten. Die Wände der Hütten bestehen, genau wie die Betten, aus dem Holz der eigenen Bäume, übrige Bretter wurden zu Nachttischen verarbeitet. Gespannt inspiziere ich das Bad des Häuschens. Die Regendusche lässt mich kurz an das Wetter draußen denken, wo der Wind große Tropfen gegen das Fenster treibt. Umso lieber richte ich mich im Baumhaus ein. Beim ersten Probesitzen auf dem Bett stelle ich fest, dass die extradicke Matratze in der Nacht wunderbar kuschelig sein wird. Im Schreibtisch in der Ecke finde ich eine Mini-Bar, auf dem Tisch steht ein Fläschchen Oberkircher Rotwein. So ist Natur gemütlich. Ich schenke mir ein Glas ein und kuschle mich in einen der beiden Filzsessel vor der breiten Fensterfront. Draußen sehe ich nur den dunklen Wald in einer fast schwarzen Nacht. Das ist ungewohnt. Vor den Fenstern meiner Wohnung in der Großstadt wird es auch nachts nie richtig dunkel. Hier gibt es

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nur den Hauch eines Schimmers hinter dem gegenüberliegenden Hügel, von den Lichtern des dahinter liegenden Offenburg. Mehr ist nicht zu sehen. Schade eigentlich. Irgendwie hatte ich gehofft, hier draußen in der Natur – mit einer sicheren Scheibe zwischen uns – vielleicht einen Fuchs oder ein Wildschwein zu erspähen. Aber da gibt es nur Dunkelheit. Dafür ist die Geräuschkulisse beeindruckend. Zu Hause in der Großstadt bin ich an das allgegenwärtige Hintergrundrauschen des Verkehrs gewöhnt; hier stürmt in der beginnenden Winternacht der Wind um die Hütte. Er rauscht durch die umliegenden Bäume. Könnte eine besonders heftige Böe auch einen von ihnen umwerfen, aufs Dach über meinem Kopf? Keine Angst. Stefanie Huber hat schon erklärt, dass alle Bäume gefällt wurden, die zu nahe bei den Hütten standen. Sicherheitshalber. So genieße ich entspannt das mächtige, irgendwie meditative Rauschen und lasse mir eine Brotzeit schmecken.

Vom Kuschelbett aus genießt man den Blick ins weite Tal.

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ie Kombination aus Natur und Komfort hat Konjunktur. „Gäste wünschen sich eine Auszeit von ihrem hektischen Alltag, wollen runterkommen, und wo geht das besser als in der Natur,“ sagte die auf Hotels spezialisierte Innenarchitektin Corinna Kretschmar-Joehnk den „Hamburg News“. Trotzdem wolle nicht jeder im Zelt schlafen und vor Gemeinschaftsbädern Schlange stehen, sondern lege Wert auf den Komfort eines Hotels. „Glamping“ nennt man das in der Tourismusbranche, eine Kombination aus Glamour und Camping, Luxusurlaub in der Natur. Viktoria Groß vom Deutschen Camping Club sieht das positiv: „Durch Glamping kommen Menschen mit Camping in Berührung, die sonst damit nichts anfangen könnten.“ Menschen wie ich also. Draußen schlägt der Regen gegen die großen Scheiben. Ab und zu zittert mein kleines Baumhaus ein wenig; immer dann, wenn es von einer besonders heftigen Windböe erfasst wird. Ich nehme meine Lektüre zur Hand. Endlich einmal wieder Zeit, in Ruhe zu lesen. Zwischendurch kurz durch den Instagram-Feed gescrollt – WLAN gibt es schließlich auch. Je stürmischer die Nacht vor dem Fenster wird, desto gemütlicher wird es drinnen. Ich nehme einen Schluck Rotwein, schließe die Augen und atme den Holzgeruch ein. Kaum drei Stunden nach der Ankunft bin ich entspannt. Genau das ist Teil des Konzepts der Betreiber. Die Gäste sollen zur Ruhe kommen. „Der Tunnelblick, den man im Alltag hat, soll geweitet werden. Hier kann man einfach entschleunigen“, sagt Stefanie Huber. Alles klar, wird gemacht. Ich gehe schlafen. Mitten in der Nacht werde ich wach. Habe ich da etwas gehört? Was, wenn jemand um mein Häuschen schleicht? Ich bin ganz allein hier oben. Wenn etwas passiert, kann mir so schnell niemand helfen. Ich schalte das Licht an und stelle – wenig überraschend – fest, dass weit und breit niemand zu sehen ist. Ich atme tief durch. Was einem die Fantasie so alles vorgaukeln kann! Auch für Ängste ist in der Natur jede Menge Platz. Um wieder auf andere Gedanken zu kommen, lese ich ein paar Zeilen, bevor ich wieder einschlummere. Am Morgen breitet sich vor dem Balkon der Hütte ein idyllisches Schwarzwald-Panorama aus. Auf grünen Bergwiesen stehen vereinzelte Fachwerk-Höfe, am Hang gegenüber eine kleine Kapelle. Hübsch; bei Sonnenschein bestimmt noch schöner. Meine Laune steigt weiter, es duftet nach Kaffee. Den serviert Stefanie Huber nicht am Bett, sondern ein paar Meter unterhalb der vier Baumhäuser in einem Frühstücksraum. Ich habe Glück. Der Regen hat sich gelegt. ●


Die Wände der Hütten bestehen, genau wie die Betten, aus dem Holz der eigenen Bäume.

Zwei Filzsessel, eine Flasche Oberkirchner Rotwein. Der Abend kann beginnen.

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KULINARIK

Heimat #1 Von Griesbach im Schwarzwald nach Wellington in Südafrika: Birgit Schmiederer-Reiser und ihr Mann haben für ihr eigenes WEINGUT JACARANDA neben 13.000 Kilometern noch einiges mehr auf sich genommen. Ein Gespräch über Dürre, Heimatgefühle und Weintrauben. ✒ Nadja Dilger

Und warum hatten Sie Lust auf Wein? Wein war schon immer unsere Leidenschaft. Das ist einfach so, wenn Leute wie wir das Glück gehabt haben, in Weinregionen aufzuwachsen. Mein

Mann und ich haben aber erst 2008 in Wellington mit dem Weinimport angefangen. Damals haben wir unter anderem mit der Oberkircher WG, Siegbert Bimmerle sowie Weinguten aus Südafrika zusammengearbeitet. Parallel dazu lief die Suche nach einem geeigneten Objekt im Kap, um selbst Wein herzustellen. Nun, da Sie in Afrika sind: Was haben afrikanische Weintrauben, was den badischen fehlt? Das kann ich mit einem ganz kurzen Wort beschreiben: Sonne! Welche Trauben ernten Sie denn?  Auf der Farm haben wir Chardonnay, Viognier, Shiraz und Mourvedre. Von unserem Nachbarn kaufen wir noch Cabernet Sauvignon und Sauvignon Blanc ein. Unser ganzer Stolz ist ein 40 jähriger Block von alten Reben der Sorte Chenin Blanc.

Gibt es in Wellington Herausforderungen, die Sie so in Baden nicht hätten? Im Moment sind Dürre und die Wasserknappheit das größte Problem. Wir haben eine eigene Quelle und sind somit noch recht gut versorgt. Aber überall sind die verheerenden Auswirkungen von drei Jahren Dürre zu sehen. Vermissen Sie da das behütete Ländle manchmal? Ja, vor allem um die Weihnachtszeit oder während der Hitzewellen hier im Sommer. Eine Sache, an die ich mich als „wasserverwöhnte“ Badenerin nie gewöhnen kann, sind eben die Brände. Die nehmen katastrophale Ausmaße an. Nach Baden, Shanghai und Wellington: Wo ist nun Ihre Heimat? Die Heimat trage ich in meinem Herzen. Ein Teil davon wird immer im Schwarzwald sein. Heimat ist für mich mehr ein Gefühl als ein Ort. Dazu gehören für mich gute Freunde, eine ansprechende Kultur sowie die Natur. Sie schreiben auf Ihrer Webseite, dass Wein Einblicke in die Kultur und das Leben eines Landes geben kann. Wie würden Sie Deutschland beschreiben? Also – für die badische Seele fallen mir folgende Stichworte ein: genussvoll, natur- und heimatverbunden, traditionell und gleichzeitig innovativ, gesellig und sehr freundlich. Und welchen Wein sollten die Badner von Ihnen probieren? Na, alle! Die Rotweine sind durch das warme Wetter sehr gehaltvoll und vollmundig. Die Weißweine fruchtig und spritzig. Ich persönlich liebe die Sorten Chenin Blanc, Viognier und Shiraz. ●

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Foto: photo-nic-co-uk-nic @unsplash

Frau Schmiederer-Reiser, Sie sind in Griesbach aufgewachsen und hatten in der Umgebung zahlreiche Weinreben stehen. Wieso sind Sie ausgerechnet nach Wellington gezogen, um dort ein Weingut zu betreiben? Geplant war das so nicht. Eigentlich haben wir immer an Frankreich gedacht. Mein Mann René und ich sind zuerst von Deutschland nach Shanghai – da er dort für eine internationale Firma tätig war, die ihn dann nach Südafrika versetzt hat. Als nach sieben Jahren der Vertrag auslief, war das unser „window of opportunity“, wie man so schön sagt. Wir wollten nun das machen, worauf wir Lust hatten.


Heimat #2 Heimat, das kann ein Ort sein oder ein Gefühl – und versehen mit einem Hashtag sogar ein Lokal. Das RESTAURANT #HEIMAT im Hotel Badischer Hof in Bühl bietet eine kuriose Kombination aus traditionell Regionalem und der Welt. ✒ Carole Friedrich

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enn Menschen über Heimat sprechen, wird es persönlich: Es geht um Gerüche, Orte, Erinnerungen. Manchmal auch nur um den einen, den ganz besonderen Augenblick. Jeder beschreibt Heimat anders, und immer hat es etwas mit Gefühlen zu tun. Auch bei Martin Foshag. Er drückt dieses Gefühl in einem Lokal aus. Seit Oktober 2017 betreibt er im Hotel Badischer Hof in Bühl das Restaurant #heimat. Bodenständige, regionale Gerichte, Weine und CraftBiere aus der Region und eine traditionelle Einrichtung mit Möbeln aus Holz treffen hier auf Moderne. „Heimat ist da, wo ich mich zu Hause fühle. Wo meine Freunde und Familie sind und dort, wo es die Dinge zu essen gibt, die ich schon als Kind liebte“, sagt der Inhaber und er meint das nicht stubenhockerisch rückwärtsgewandt. In seiner #heimat treffen badische Gerichte auf internationale Einflüsse, in der Küche wird ausprobiert und experimentiert, das Klassische aber nie vergessen. Der Badische Hof ist für Martin Foshags #heimat wie gemacht: Das Anwesen wurde 1563 erbaut und 1790 erstmals für gastronomische Zwecke genutzt. Vor drei Jahrzehnten betrieb der Sternekoch Peter Wehlauer hier eines der besten Restaurants im deutschen Südwesten. An diese Zeit will Martin Foshag anknüpfen. Gemeinsam mit dem Offenburger Verleger Ulf Tietge und dem Architekten Jürgen Grossmann hat er neues Leben in das

in die Jahre gekommene Gebäude gehaucht. Gedimmtes Licht. Große zum Teil mit Moos bedeckte Baumstämme ragen zur Decke und dienen als Raumteiler. Der deutsche Wald, auch so ein Sinnbild von Heimat. Etwas weiter stehen zwei Weinfässer, daneben Stühle und Tische aus hellem Holz. Eine meterlange Sitzbank erstreckt sich durchs Restaurant. Neben moderner Kunst aus dem Schwarzwald hängen Fotos aus alten Bühler Tagen an den Wänden. Eine Etage höher, in der Bar, schmückt ein echtes Weizenfeld die Decke. Überall sind kleine und große Hingucker, überall findet man Heimat; modern gestaltet, aber doch nicht modisch kühl. Die Inneneinrichtung ist nur ein Vorgeschmack auf das, was auf den Teller kommt. Auf der Karte stehen Gerichte, die Oma schon früher gekocht hat: Maultaschen, Rinderroulade oder Tafelspitz. Daneben modernere Speisen, etwa aus dem japanischen HamachiFisch oder – ganz heimatlich und doch modern – Gratiné von der Fichtennadel. An der Bar werden zu Cocktails, regionalen Gins oder Craft-Bieren badische und Schwarzwald-Tapas serviert – Kreationen des jungen Küchenchefs Mario Aliberti. Beides, die Speisekarte und die Inneneinrichtung, sind zusammen Foshags Konzept von #heimat. Dazu kommt das vierteljährlich erscheinende gleichnamige Magazin, das wie das Lokal das Logo mit Hashtag trägt. Hier erfahren Leser alles Wissenswerte und Neue aus dem Gourmet-Kreis Ortenau. ●

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Strohschuhe mit traditionellem rotem Rand halten im Winter die FĂźĂ&#x;e warm.

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HANDWERK

Maisblatt und Schuhwerk Flechten, nähen und stricken: Es hört sich einfach an, den traditionellen SCHWARZWALD-STROHSCHUH

herzustellen. Doch nach einem Nachmittag in der Lehre bei Elke Ruf weiß man, dass das Handwerk schwieriger ist, als man dachte. ✒ Corinna Weigand

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keptisch halte ich die Nadel in der Hand und drücke sie durch zwei Strohzöpfe und den Stoff. Egal, wie ich sie drehe und wende, die Spitze kommt nie wieder dort heraus, wo sie soll. Und dann passiert, was passieren muss, wenn man mit Nadel, Faden und festem Stroh hantiert: Die Nadel stößt unkontrolliert aus dem Stroh heraus und direkt in meinen Finger. Autsch! Wie die Müllerstochter im Grimmschen Märchen „Rumpelstilzchen“ komme ich mir vor, so viel Stroh liegt auf dem Küchentisch. Nur soll ich daraus kein Gold spinnen, sondern einen Strohschuh nähen. Dabei hilft mir Elke Ruf aus OffenburgElgersweier. Seit 22 Jahren fertigt sie die traditionellen Strohschuhe mit dem typischen Zopfmuster und einem bunten Band am Einschlupf. Genauso lange arbeitet sie bei den Strohschuhfrauen mit. Die Gruppe gibt es schon länger, seit 37 Jahren. Von September bis zum ersten Advent treffen sich 32 Frauen und ein Mann jeden Montag im katholischen Gemeindehaus, um zusammen Strohschuhe zu fertigen.

„Früher haben das hauptsächlich Männer getan“, weiß Elke Ruf. Bis aus Stroh ein fertiges Schuhpaar geworden ist, vergehen bis zu 15 Stunden. Zuerst wird der Leisten – eine Art Holzfuß mit der gewünschten Schuhgröße – mit Stoff bezogen. „Dazu verwenden wir alte Pullover“, sagt Elke Ruf. Wir sitzen in ihrer geräumigen Küche, das Holz knackt im Ofen in der Ecke und neben dem Tisch stehen Kisten mit den nötigen Rohstoffen und dem Handwerkszeug. Sie macht die letzten Stiche, damit der Stoff fest um den Leisten sitzt, und vernäht den Faden. Auch alte Socken eignen sich als Futter, oder Fell – für Leute mit besonders kalten Füßen. „Mir ist das zu warm“, sagt Elke Ruf. Auf den Stoff an der Sohlenseite näht sie Schaumgummi. „Das ist dann schön weich, wenn man läuft.“ Neben dem Stroh liegen schon Nadel, Faden und die Gummisohle auf dem Tisch, an der Kante ist ein kleiner Schraubstock befestigt. An dem wird der Strohzopf beim Flechten gestrafft. Das Maisstroh sammelt Elke Ruf selbst auf dem Feld. Früher, als die Blätter noch von Hand vom Maiskolben abgezogen wurden, war das im Spätsommer leicht zu

finden. Heute übernehmen Mähdrescher die Ernte, und das ist ein Problem: Die modernen Maschinen zerhäckseln die Maispflanze komplett in kleine Stücke. Nur Mähdrescher früherer Generationen hinterlassen noch ganze Maisblätter auf dem Feld. Wenn die Blätter zu Stroh getrocknet sind, werden sie in Streifen gerissen und anschließend mehrere Stunden in heißes Wasser mit etwas Spülmittel eingeweicht. So werden sie wieder weich und geschmeidig und brechen nicht beim Flechten. Flechten ist meine erste Aufgabe. Ein Klacks, denke ich, damit kenne ich mich aus. Schließlich habe ich meiner Schwester früher oft Zöpfe ins Haar geflochten. Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die Strohstreifen sind kurz, ich muss immer wieder nachlegen und den im Schraubstock eingeklemmten Zopf straffen. So wird er länger und fester, die einzelnen Maisblätterstreifen können nicht mehr herausrutschen. Also die Stränge rechts und links übereinanderschlagen, rechts neues Stroh nachlegen und alles wiederholen – solange, bis der Zopf die richtige Länge hat. Für Schuhgröße 38 soll der Strohzopf sechsmal von der Hand zur Elle reichen. Das ist harte Arbeit, bei der meine Hände wegen des ständigen Festziehens schnell verkrampfen. Elke Ruf kennt das: „Flechten ist auf Dauer anstrengender als Nähen.“ Mit einer als Halbkreis gebogenen Polsternadel und gewachstem Faden beginnt sie, den Zopf auf der Schuhspitze zu befestigen. Schneckenförmig näht sie das Stroh auf den Leisten. Dann bin ich an der Reihe: Mit der Nadel durch eine Masche des bereits festgenähten Strangs, durch den Stoff und zurück durch die Masche des anzunähenden Strangs, hat Elke Ruf erklärt. Dann muss der Faden festgezogen werden, weil sonst der Zopf später auf dem Schuh rutscht und außer Form gerät. Doch was bei einer Meisterin spielerisch aussieht, wird für mich als Anfängerin zur Herausforderung: Mit der unhandlichen Nadel durch die erste Masche und den Stoff, das ist der einfachere Teil der Übung. Aber dann auf dem Rückweg die Masche des losen Zopfes zu treffen, das erweist sich als knifflig. Die Nadel kommt überall heraus, nur nicht da, wo sie soll. Und dann passiert es: Ich steche mir heftig in den Ringfinger. Aber das bleibt für ein paar Reihen der einzige Unfall. Flechten gefällt mir besser – es ist ungefährlicher. Elke Ruf sieht den Pieks in meinem Finger gelassen:

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riesige Aufgabe. Je größer der Schuh, desto mehr Arbeit. „Aber so etwas kommt Gott sei Dank nicht häufig vor.“ Die traditionellen Schwarzwald-Strohschuhe wurden aus Not erfunden: Um in Kriegszeiten festes Schuhwerk zu haben, nahmen die Leute auf dem Land einfach das, was sie noch hatten: abgetragene Hemden oder Socken, Stroh und alte Fahrradreifen als Sohle. Auch heute nimmt man als Lauffläche Gummi, nur edlere Exemplare bekommen Leder.

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evor die Sohle angebracht wird, muss das Stroh wieder trocknen, „sonst würde es schimmeln“. Elke Ruf schneidet die Gummisohle zurecht und stanzt mit einer kleinen Zange Löcher in etwa einem Zentimeter Abstand hinein. „Dann reißt der Faden nicht so schnell aus“. Die Sohle näht sie mit geübten Fingern an den Schuh. Keine Arbeit für Anfängerinnen: Das Gummi wird immer wieder mit den Fingern an den Schuh angedrückt, um unschöne Knubbel zu vermeiden. Mit ihren 55 Jahren gehört Elke Ruf zu den Jüngeren der Strohschuhfrauen. Nachwuchs zu finden sei schwer. Es gebe zwar immer wieder Interessentinnen, „aber wenn sie dann sehen, was das für eine Arbeit

Das Maisstroh wird zum Flechten in einen Schraubstock geklemmt, den Leisten überzieht Elke Ruf mit Stoff.

„Ich habe mir bei meinem ersten Schuh fast einen Finger gebrochen.“ Die Strohschuhfrauen fertigen in den drei Monaten vor Weihnachten weit über 100 Paar Schuhe. Angeboten werden sie am ersten Advent im Gemeindehaus in Elgersweier. Im vergangenen Jahr wurden 97 Paare verkauft. Die Einnahmen – gut 3500 Euro – spendeten die Frauen unter anderem dem Verein „Leser helfen“, dem Frauenhaus und der Kinder-Krebsklinik in Freiburg. Elke Ruf geht davon aus, dass sie durch die Restverkäufe bei sich Zuhause noch einmal um die 1000 Euro einnehmen werden. Den Preis kann man nicht verhandeln: Ein Paar kostet so viel wie die Schuhgröße plus fünf Euro für die

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Sohlen. In den Monaten, in denen sich die Gruppe nicht trifft, fertigt Elke Ruf Schuhe bei sich zu Hause und nimmt Bestellungen an. In diesem Jahr war schon ein Paar in Größe 50 darunter – eine wortwörtlich


Foto: aaron burden @unsplash

Das Maisstroh sammelt Elke Ruf auf dem Feld. Früher, als die Blätter noch von Hand vom Maiskolben abgezogen wurden, war das im Spätsommer leicht zu finden.

ist …“ So sterbe das Handwerk langsam aus. Um es am Leben zu erhalten, bieten die Frauen im Sommerferienprogramm der Kinder Bastelnachmittage an. Die dort gefertigten Strohschuhe sind zu klein, um sie zu tragen. „Jeder soll etwas Fertiges mit nach Hause nehmen können“, als Dekoration für das Kinderzimmer, sagt Elke Ruf. Vielleicht erinnert sich ja später der eine oder die andere, dass diese Arbeit Spaß machen kann. Als sie mit der Sohle fertig ist, schneidet sie den Stoff über dem Leisten auf und

nimmt den Holzfuß heraus. Während sie die Gummisohle auf dem zweiten Schuh anbringt, bin ich damit beschäftigt, ein rotes Strickbändchen um den Einschlupf des ersten zu nähen – meine leichteste Aufgabe. Den Steppstich kenne ich noch aus dem Handarbeitsunterricht in der Grundschule. Ganz zum Schluss wird noch ein kleines Glöckchen auf den Schuh genäht, das Markenzeichen von Elke Ruf. Fertig. Nun kann ich die Schuhe anprobieren. Sie sind bequem; und sie halten bis zu zehn Jahre – wenn sie als Hausschuhe genutzt werden.

In der Fasnachtszeit kommen Strohschuhe aber auch auf die Straße. Bei den Hexenkostümen der Gegend sind sie Pflicht. Dabei kann das Bändchen am Einschlupf auch einmal eine andere Farbe als das traditionelle Rot bekommen; es wird passend zum Häs, dem Kostüm, gestrickt. „In Ortenberg ist das Bändchen zum Beispiel rot-grün“, erzählt Elke Ruf. Wenn die Narren mit solchem Schuhwerk wie Rumpelstilzchen ums Feuer springen, ist Vorsicht geboten. Stroh ist leicht entflammbar. ●

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GENUSS

Boar, ey! Wer den Schwarzwald kulinarisch erkunden will, denkt meist als erstes an Schnaps und Schwarzwälder Kirschtorte. Dass der Süden Deutschlands aber auch Produktionsstätte des ERFOLGREICHSTEN GINS DER WELT ist, wissen nur wenige. Die Freunde Markus Kessler, Hannes Schmidt und Thorsten Boschert laden mit ihrem „Boar Gin“ zum Genießen ein. ✒ Franziska Vystrcil

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Schwarzwälder Kräuter und Gewürze geben dem Boar Gin sein Aroma.

Ent vitium am quo ma sit, sape sequoss umquat endestibus ditatur ad quam,

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Torsten Boschert, Markus Kessler und Hannes Schmidt (v. l.) beherrschen die alte Kunst des Brennens.

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ie Eiswürfel fallen klirrend ins Glas. Als der Barkeeper Tonic Water über das Eis gießt, hört man die Kohlensäure zischen. Routiniert gibt er Himbeeren in einen Shaker und zerkleinert sie mit einem hölzernen Stößel. Aus einer schwarzen Flasche mit goldener Schrift gibt er den Gin hinzu. Es folgen Zitronensaft, Zuckersirup und Eis. Mit lässigen Bewegungen schüttelt er den Shaker zuerst über seine linke, dann über seine rechte Schulter, bevor er das rote Gemisch zum Tonic Water gibt. Dann wandert die schwarze Gin-Flasche wieder zurück ins Regal hinter der Bar. Die goldene Schrift sticht zwischen den vielen anderen Flaschen heraus. Boar steht in Großbuchstaben darauf, ein Wildschweinkeiler im Anzug blickt dem Betrachter vom Etikett entgegen. Darunter ein Banner mit der Aufschrift Blackforest Premium Dry Gin. Ein Gin aus dem Schwarzwald? Ja! Genauer gesagt aus Bad Peterstal. In dem kleinen lichtdurchfluteten Raum ist es angenehm warm. Durch die Fenster auf der rechten Seite des Raumes blickt man über Bad Peterstal. Ein leises Surren kommt aus der hinteren Ecke des Raums, wo ein knapp zwei Meter hoher silberner Kessel steht. Darauf eine kupferfarbene Kugel, von der ein schmaler Hals nach oben in eine kleinere Kugel übergeht. Sieht alles ein bisschen aus wie ein Männchen, dieses Konstrukt. Von seinem ‚Kopf‘, der Brennblase, führen mehrere Leitungen über ein kupferfarbenes Gefäß in ein silbern glänzendes Rohr. Das wiederum endet in einem kleinen Hahn, aus dem eine durchsichtige Flüssigkeit in einen Eimer tropft. Mit einem Quietschen öffnet Markus Keßler die Luke zum Brenner und wirft einen Holzscheit in die Glut. „Im Winter ist es

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hier ein Traum, im Sommer ist es nicht so toll.“ Gut gelaunt überprüft der Brennmeister die Temperatur an einem runden Thermometer am Kessel. 78 Grad. Perfekt, um Gin zu brennen. Seit jeher brennt die Familie Kessler auf dem Bühlender Andrea­ senhof Hochprozentiges. Ein alter Schlussstein neben dem Kessel mit der Gravur „1844“ erinnert noch an die Anfänge. Das ganze Renchtal, viel mehr die Ortenau, ist ein Mekka der Brennrechte, wie Hannes Schmidt, Mitbegründer des Boar Gin, erzählt. „Hier stellt so gut wie jeder selbst Schnaps her.“ Prüfend wirft auch er noch mal einen Blick auf das Thermometer. Alles perfekt. Seit 2016 destillieren er, Markus Kessler und Torsten Boschert nun den Boar Gin. Schon während des Studiums war der Wacholderschnaps ihr Lieblingsgetränk. Im Jahr 2014 kamen Boschert und Schmidt auf Kessler zu mit der Idee, ihn professionell herzustellen. Eineinhalb Jahre haben sie anschließend getüftelt und entwickelt. Woche um Woche gebrannt, probiert und verfeinert. Doch irgendetwas fehlte. Durch einen Freund erfuhr Hannes Schmidt, dass der Schwarzwald einst eine bedeutende Trüffelregion war. Der sogenannte Burgundertrüffel könnte DIE Zutat sein, die ihnen noch fehlte, überlegten sie. Im ersten Versuch gaben sie ein Kilogramm des Speisepilzes hinzu. „Das musste in die Hose gehen“, sagt Hannes Schmidt heute lachend. Vom ersten Ergebnis war keiner der drei begeistert. Der Pilz dominierte den Gin, er schmeckte muffig und war nicht genießbar. Was sie allerdings sofort gespürt hatten, war die Milde, die er dem Gin verlieh. Also experimentierten sie weiter. Wie lange musste der Trüffel ruhen, bis er verarbeitet werden konnte? Wie viel sollten sie dazugeben? Sie benötigten ein halbes


Jahr, bis sie die perfekte Mischung gefunden hatten. „Es gibt den einen oder anderen Sommelier, der meint, den Trüffel im Abgang herauszuschmecken.“ Er nehme dem Gin aber vor allem die Schärfe und die Bitterstoffe. „Wir nennen das den Boar-Effekt“, sagt Schmidt lächelnd. Nicht nur der Trüffel stammt aus der Heimat, auch viele der anderen Kräuter wachsen im Schwarzwald. Für den Gin werden sie getrocknet, damit möglichst viele der Aromen vom AlkoholWasser-Gemisch aufgenommen werden. Wacholder, andere Früchte und Kräuter kommen in ein Getreidedestillat. Nach zehn bis zwölf Tagen wird das sogenannte Mazerat in die Brennblase geleitet und dort mit Wasser aus der hofeigenen Quelle verdünnt. Das Wasser ist laut Hannes Schmidt ganz entscheidend für den Gin. „Würden wir ihn zum Beispiel in der Rheinebene brennen, würde er definitiv anders schmecken.“ Das Mazerat wird in einem Wasserbecken erhitzt, damit es nicht anbrennt. Ganz leise hört man es aus dem Kessel brodeln. Markus Kessler kontrolliert in regelmäßigen Abständen die Temperatur, die er an einem kleinen runden Thermometer an

der Brennblase ablesen kann. Der rote Pfeil zeigt immer noch 78 Grad. Gut so. Markus öffnet noch einmal die Luke zum Ofen, um Holz nachzulegen. Rote Funken rieseln auf den Boden. Durch ein kleines Guckloch kann man die Flüssigkeit brodeln sehen. Immer wieder spritzt sie gegen das Glas.

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eim Erhitzen verdampft der Reinalkohol, der Dampf wird aufgefangen und durch Herunterkühlen in diesem silbernen Rohr wieder verflüssigt. Aus einem kleinen silbernen Hahn läuft dann eine klare Flüssigkeit in einen Metalleimer. Den Alkoholgehalt kann man an einem kleinen Röhrchen oberhalb des Hahns ablesen. 86 Prozent. Viel zu hoch, um ihn so zu trinken. Der Gin wird deshalb anschließend mit Wasser verdünnt, „verschnitten“, wie es die Profis nennen. So kommt der Boar Gin zu seinen 43 Prozent. Durch eine schwere weiße Stahltür gelangt man in den Raum nebenan, wo der edle Tropfen weiterverarbeitet wird, nachdem er zuvor mehrere Wochen im Lager geruht hat. Regale reichen bis unter die Decke, vollgestellt mit diversen Kartons und Utensilien. Auf der

„Die Ortenau ist ein Mekka der Brennrechte“

Die Gin-Liebhaber mit ihrem Maskottchen Archibald.

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Der Schwarzwald ist die Heimat des Boar Gin.

Preisgekrönt von Wien bis Hongkong

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Da die Kappe aus einem speziellen thermoplastischen Material ist, schmiegt sie sich um die Flaschenmündung. Bei genauerem Hinsehen erkennt man darauf die Silhouette von Nadelbäumen. Selbst über den Flaschenverschluss haben sich die drei Männer also viele Gedanken gemacht und experimentiert. „Es ist auch die Liebe zum Detail, die unseren Gin ausmacht“, sagt Hannes Schmidt und dreht die Flasche beinahe zärtlich in den Händen.

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orsichtig stellt er die Nummer 12 zurück zu den anderen, wo ihr Paula Kessler ein kleines Buch um den Hals hängt. Boar-Lockstoff-Rezept steht darauf, eine Zubereitungsidee mit frischen Himbeeren und Tonic. Mit einem runden goldenen Sticker fixiert sie die Schnur des Buches an der Flasche. Höchstprämierter Gin der Welt. Von Wien bis nach Hongkong – der Boar Gin wurde im letzten Jahr mehrfach mit Gold ausgezeichnet. Im Büro zieren die Urkunden die Wände, die drei Goldmedaillen aus Las Vegas, San Francisco und Wien schmücken eine riesige Sechs-Liter-Flasche. Manchmal nehmen sie die Preise auch persönlich entgegen. „Das ist alles eine spannende Erfahrung“, erzählt Hannes Schmidt. Er sei aber auch froh, wenn er dann wieder nach Hause zurück in den Schwarzwald könne. Gedankenverloren lässt er den Blick über die Urkunden und Medaillen schweifen und dann durch das Bürofenster Richtung Bad Peterstal. Für ihren Gin fahren sie natürlich gern auch mal bis nach China. Aber hier im Schwarzwald, in ihrer Heimat, schmeckt er ihnen immer noch am besten. ●

Foto: KTG/David Lohmüller

einen Seite des Raumes reihen sich Paletten aneinander, bepackt mit Kartons, die darauf warten, ausgeliefert zu werden. Von allen Seiten blickt einem der Boar, das Maskottchen des Gins, entgegen. So lange die Freunde über der Rezeptur gebrütet hatten, bei der Wahl des Maskottchens mussten sie nicht lange überlegen. Eigentlich sucht ja die Wildsau nach den Trüffeln im Wald – da die Gin-Macher aber nun mal Männer sind, sollte es lieber ein Keiler als eine Bache sein. Fehlte nur noch der Name. „Im Englischen ist der Keiler der „Boar“. Das fanden wir cool und es hat einfach perfekt gepasst“, erinnert sich Hannes Schmidt. Auch auf den Messen ist der Boar vertreten, in Form des präparierten Schwarzwaldkeilers Archibald, wie er von allen liebevoll genannt wird. Der Gin steht in einem großen weißen Plastikbehälter in der Ecke des Raumes. Markus Kesslers Mutter Paula Kessler füllt hier die Flaschen von Hand ab. Ganz genau jeweils einen halben Liter. Neben dem Behälter steht eine kleine silberne Maschine. Mit geübten Bewegungen legt sie die Flasche auf zwei Rollen und drückt einen grünen Knopf. Die Flasche beginnt sich zu drehen, daneben ebenso die Papierrolle mit dem Etikett. Jetzt hat die Flasche den unverwechselbaren goldenen Schriftzug. Auf dem Rücken sind Chargennummer, Destillationsdatum und die Unterschrift des Destillateurs. 12. 17/01/2018. M. Kessler. Die Nummer 12 wandert auf einen langen Tisch, wo alle Flaschen in Reih und Glied stehen. Eine nach der anderen bekommt einen schwarzen Plastiküberzug über den Verschluss und Flaschenhals. Die sogenannten Schrumpfkappen werden mit Heißluft erwärmt.


So einfach geht’s! Zwei köstliche Gin-Rezepte zum Ausprobieren

Boar Gin & Tonic Der Klassiker unter den Longdrinks ZUTATEN: 4 cl Boar Gin, 20 cl Tonic Water deiner Wahl, 1 Stück Zitronenschale, Rosmarin ZUBEREITUNG: Reichlich Eis in ein Rotweinglas geben. Gin & Tonic einfüllen. Zitronenschale über dem Glas brechen, in das Glas geben und mit Rosmarin garnieren.

Boar Lockstoff® Signature Drink Boar Gin® by Dr. Clemens Krost ZUTATEN: 6–8 frische Himbeeren, 1 Minze, 4 cl Boar Gin, 3 cl frisch gepresster Zitronensaft, 2 cl Zuckersirup, 2 cl Tonic Water ZUBEREITUNG: Himbeeren in den Shaker und stößeln. Boar Gin, Zitronensaft, Zuckersirup & Eis hinzugeben. Kräftig schütteln und in ein Glas mit Tonic und Eis abseihen. Mit Zitrone, Minze und Himbeere garnieren.

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Foto: Jigal Fichtner

Der Mann und die Maske: Seit 35 Jahren arbeitet Wolfgang Duksch als Schnitzer.


HANDWERK

Geschnitzte Persönlichkeit Hier etwas weniger Kinn, dort etwas mehr Nase, der linke Vorderzahn steht linkisch hervor. Die Masken von Wolfgang Ducksch sind nicht eben schön, eher einzigartig schaurig. Der HOLZSCHNITZER aus Oberkirch übt ein seltenes, in der Ortenau aber traditionelles Handwerk aus. ✒ Patrizia Seibert

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underte Augenpaare starren von den Wänden. Sie blicken aus Regalen, hängen an der Decke. Gruselige Hexen, dämonische Fratzen und zähnefletschende Bären dicht an dicht, wie die Wurst in einer Räucherkammer. Licht dringt durch den Türspalt hinten im kleinen Ladengeschäft in Oberkirch. Gleichmäßiges Schaben und dumpfe Schläge klingen herüber, im Hintergrund dudelt ein Radio. Wolfgang Ducksch hat sich über die Werkbank gebeugt, um ihn herum das organisierte Chaos. Ein paar Dutzend Messer liegen verstreut auf der Werkbank, Holzspäne häufen sich auf dem Boden wie Blätter im Herbst, überall stapeln sich Kisten. Auch aus ihnen starren schaurig schöne Gesichter. In der Luft hängt warmer Holzgeruch. Dies ist kein Szenario aus einem LowBudget-Horrorfilm, es ist die Werkstatt von Wolfgang Ducksch. Sein Beruf: Maskenschnitzer. Der kräftige ergraute Mann schaut konzentriert durch seine eckigen Brillengläser. Er setzt das Stecheisen an, greift zum Holzhammer auf dem Tisch und lässt ihn auf den Griff des Eisens niedersausen. Man sieht es und man weiß, woher das Wort „Bildhauer“ kommt. Ein Span springt vom Holzblock und landet elegant auf dem Boden. Im Kopf von Wolfgang Ducksch existiert schon ein Abbild dessen, was aus dem Holzklotz werden soll. In einem schlichten Schrank hinter dem Holzbildhauer liegen die Entwürfe aller Masken, die in dieser Werkstatt entstanden sind. Ducksch öffnet eine der vielen Schubladen, hebt vorsichtig einen Stapel Zeichnungen und Ausdrucke heraus wie kostbare Schätze. „Es gibt Kunden, die kommen mit fertigen Entwürfen für ihre Masken“, erzählt er. „Oder Bildern aus dem Internet.“ Doch auch Masken sind urheberrechtlich geschützt, man darf sie nicht einfach kopieren. „Ich verändere die Vorlagen dann so, dass es keine rechtlichen Probleme gibt.“ Manche Fastnachtsvereine lassen sich vom Schnitzer selbst ein Modell entwerfen. Der nimmt dann den Namen oder das Motto des Vereins als Ausgangspunkt seiner Ideen. Für die Rock’n’Rabbits aus Lorsch etwa entwarf Ducksch eine Hasenmaske mit Elvis-Tolle, in die eine Zigarre eingedreht ist.

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Gut 200 Vereine lassen sich vom Schnitzer aus Oberkirch für die Fastnacht ausstatten. Seine Masken werden hauptsächlich in Baden-Württemberg getragen, ein paar aber auch im Saarland und in Frankreich. Ducksch freut sich über ausgefallene Entwürfe wie die Rocker-Hasen. „Das Hexenthema ist schon etwas ausgelutscht“, sagt er. „Aber das hat eben auch eine lange Tradition.“ Egal, ob traditionell oder außergewöhnlich, die Entwürfe werden mit den Kunden besprochen und ihren Wünschen angepasst. Danach geht es an die Handarbeit – zunächst ohne Holz. Mit seinen großen Händen formt Ducksch mit kleinen Handgriffen ein Modell der Maske aus Knetmasse. Gewissermaßen eine halbe Portion: maßstabsgetreu, aber nur halb so groß wie die Holzmaske, die entstehen soll. „So können sich die Kunden vorstellen, wie ihr Stück später aussieht.“ Wenn die sich eine größere Nase oder schiefere Zähne wünschen, „forme ich das vor ihren Augen, bis es ihren Vorstellungen gerecht wird“. An so einem Knetmodell sitzt Ducksch bis zu fünf Stunden, geduldig, mit Sorgfalt und viel Feingefühl, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Stimmt auch. Schon als Kind hat der 66-Jährige gerne modelliert und gezeichnet – und Fastnacht gefeiert! Als Mitglied der Narrenzunft Oberkirch ist er während der Fasent noch heute auf den Straßen und schlägt die große Trommel.

Ein Span springt vom Holzblock wie ein euphorischer Turmspringer.

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Ist der Kunde mit dem Modell aus Knet zufrieden, geht es an die Holzarbeit. Linde oder die etwas leichtere Weymouthskiefer sind für Ducksch die Hölzer der Wahl. Weymouthskiefer lässt sich besonders gut bearbeiten, weil sie kaum eine Maserung hat. Ducksch kauft frisches Holz und trocknet es im eigenen Lager; so hat er den gesamten Prozess unter Kontrolle. Ist der zugeschnittene Holzblock in den Schraubstock gespannt, kann Ducksch mit dem Schnitzen beginnen. Er greift zu einem besonders breiten Stechbeitel und einem Holzhammer, dem sogenannten Klüpfel. Er setzt die scharfe Stahlkante auf den Holzblock und schlägt mit dem Hammer auf den Griff, erst sachte, dann fester. „Die groben Züge der Maske arbeite ich mit dem Klüpfel heraus“, erklärt er. „Ich klopfe das Holz bis zu den Wangenknochen herunter, nur die Nase bleibt stehen.“ Wangen und Nase sind seine Orientierungspunkte für den Grobschnitt. Zwischendurch bläst Ducksch immer wieder die Backen auf und pustet die Späne von der Werkbank. Danach geht es an die Feinarbeit. Mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen führt Wolfgang Ducksch die Schnitzmesser über die glatte Holzoberfläche. Er arbeitet mit einer Routine, als seien die Handgriffe einstudierte und oft wiederholte Tanzschritte. Der Holzbildhauer legt eine Klinge beiseite und greift zu einer etwas größeren. Es braucht nur ein paar kleine Bewegungen und das Kinn wird markanter, die Zähne spitzer. „Jeder Maskenschnitzer hat seine eigene Handschrift“, sagt Ducksch und spitzt das Kinn eines Teufels zu. „Und auch wenn zweimal die gleiche Maske vom selben Schnitzer gefertigt wurde, ist jede doch ein Unikat. Man kann den Schnitzvorgang nicht eins zu eins wiederholen.“


Seit fast 34 Jahren tanzt Wolfgang Ducksch mit seinen Messern über die Masken. Verletzt hat er sich nur selten. Wenn er sich schneide, dann nicht beim Schnitzen, sondern wenn er das Eisen wechsle. „Manchmal bin ich so in die Maske vertieft, dass ich nicht richtig hinschaue, wenn ich nach dem Messer greife“, sagt er. „Da kann es schon mal passieren, dass ich in die Klinge greife.“ Etwas Schlimmes aber sei nie passiert. Nach dem Schnitzen gilt es, Farbe zu bekennen. Ducksch greift nach einem breiten Pinsel und wählt einen Grauton. Großzügig fährt er über die gesamte Breite der bisher noch holzfarbenen Fratze. Dieser Ton dient als Grundierung. Danach kann mit Dispersionsfarbe drauflosgemalt werden. Erlaubt ist, was gefällt. Abschließend wird das Ganze mit Lack versiegelt, damit die Farbe die manchmal turbulente Fastnacht überlebt. Dennoch: Jedes Jahr kommen danach ein paar Maskenträger, die es zu bunt getrieben haben. Dort bricht ein Horn ab, hier

blättert Farbe von der Hakennase. Für Ducksch kein Problem. „Ich habe sogar schon eine Maske repariert, die nur noch in kleinen Einzelteilen zu mir kam“, sagt er schmunzelnd. So richtig Leben eingehaucht wird den Masken mit den Haaren. Ein Fell, angenäht oder mit Druckknöpfen befestigt, verwandelt eine kahle Hexe schnell in ein gruseliges Zerrbild von Rapunzel. Auf einem kleinen Regal liegen Glasaugen und starren in die Neonlampe an der Decke. Behutsam nimmt Ducksch ein Paar heraus und setzt sie in die dafür vorgesehenen Höhlen. Prüfend hebt er die Teufelsmaske an sein Gesicht und schaut durch die unter den Glasaugen liegenden Gucklöcher. Passt! Danach wandert die Larve zu den anderen stierenden Teufeln in die Kiste, um an Fastnacht die Straßen unsicher zu machen. Genauso wie Wolfgang Ducksch. Auch er wird zur fünften Jahreszeit wieder die Trommel schlagen und mit den Masken tanzen. ●

Dämonen, Teufel, Hexen und Hirsche hängen in Duksch’ Werkstatt Seite an Seite – im zur Fasent passenden organisierten Chaos.

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MUSIK

Cover Girl Wo passen Wohnzimmeratmosphäre, Uptempo-Songs aus den 90ern und ein Wildschweinburger mit Portwein-Schalotten-Marmelade zusammen? In der musikalischen Show der Sängerin KEMI CEE. Gemeinsam mit anderen Musikern steht sie seit 2014 regelmäßig bei ihrer „Jam Session Deluxe“ in der Ortenau auf der Bühne. ✒ Robin Schmidt

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er Sound der E-Gitarre jault durch den Raum, kurz darauf setzt das Keyboard ein. „Wish I didn’t miss you“, von Angie Stone. Als das Schlagzeug den Takt angibt, kommt Kemi Cee auf die kleine Bühne und präsentiert ihren Gästen stimmgewaltig den ersten Song des Abends. Die Sängerin und ihre Band verstehen sich ohne Worte. Ein Blick genügt und jeder Ton sitzt. Zwanzig Mal klingelt an diesem Abend die Kasse der Gema. Otto-Robert Fuchs trägt am Ende der Show jeden der gecoverten Titel samt seinem Komponisten und der Spieldauer in eine Tabelle ein, die er gleich morgen an die Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte schicken wird. In der Liste stehen Pop-Größen wie der verstorbene George Michael, Pink oder die Eurythmics, aber auch Rapper wie Macklemore oder Marteria. Die Stücke, die durch den Raum hallen, hat Fuchs nicht ausgewählt. Er unterstützt nur seine Frau bei der Organisation der Veranstaltung. Sie soll sich voll und ganz auf ihr Konzert konzentrieren können: Kemi Cee’s „Jam Session Deluxe“. Finden Musiker, die üblicherweise nicht gemeinsam in einer Band musizieren, zu einem zwanglosen Zusammenspiel zusammen, nennt man das eine Jam Session. Bieten sie dabei das gewisse Etwas, ergänzt man die Jam Session einfach um das Attribut „deluxe“. Fertig ist der Name einer der Showreihe, die Kemi Cee und Band bereits seit 2014 monatlich in der Ortenau auf die Bühne bringen. Die Künstlerin, die in Achern wohnt, wurde 2003 bekannt. Damals sang sie sich unter den tausenden Teilnehmern der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ bis in die Finalshows des Wettbewerbs. Musikproduzent und Chefjuror Dieter Bohlen adelte sie mit dem Prädikat „Weltklasse“. Seither stand sie auf einer Bühne mit internationalen Stars wie Justin Timberlake, Sarah Connor oder Ronan Keating. Sie ist Singer/Songwriter, Model, hat einen Abschluss in International Business and Management und ist Mutter von Zwillingen. Kemi Fuchs, geborene Awosogba, Tochter eines nigerianischen Vaters und einer Mutter von der KaribikInsel Curaçao, ist ein Tausendsassa. Das „Cee“ in ihrem Künstlernamen kommt

von ihrem zweiten Vornamen Christina. Die Leidenschaft für Musik spürt man bei ihr und ihrem Ensemble bereits während des Soundchecks: ein eher zwangloses Beisammensein, bei dem man die geplanten Lieder kurz anspielt, neue Ideen dazu spinnt und manchmal auch wieder verwirft. Die Jam Session Deluxe lebt vom Improvisierten, vom Authentischen jedes einzelnen Musikers. Auf ihrer Webseite beschreibt Kemi Cee diese Musiker. Rainer Scheithauer sitzt in der Regel für Herbert Grönemeyer am Keyboard, er ist das Herzstück der Truppe an diesem Abend. Er bearbeitet die Tasten seiner Klaviatur mit einer Ruhe und Gelassenheit, bei der es Stefan Hoefele Dias in den Fingern jucken dürfte. Der Mann am Schlagzeug spielt, so Kemi Cee, immer mit zwei Dingen: mit einem Lächeln im Gesicht und mit voller Energie. Er ist das Kraftwerk des Orchesters. Der lässige Arno Sälzer hat seine Coolness bei diversen Tourneen als Bassist von Xavier Naidoo eingeübt. Georg Mayer schließlich begleitet zum ersten Mal an der Gitarre. Aktuell hat er an der Nummer-Eins-Single „Senorita“ der Musiker Kay One und Pietro Lombardi mitgeschrieben und damit Platin-Status erreicht. Und dann ist da die Powerfrau selbst, der Host des Abends. Dass sie eine Vollblutmusikerin ist, merkt man schon beim Soundcheck vor der Show. Sie saugt jedes Instrumental der Pop-Größen auf und interpretiert es auf ihre ganz eigene Art. Über den ganzen Abend hinweg wird sie den einzelnen Songs mit viel Soul in der Stimme ihren eigenen Stempel aufdrücken. Die Jam Session Deluxe ist kein normales Konzert. Es geht ungezwungen zu, gerade so, als würde man im eigenen Wohnzimmer mit den Freunden zusammensitzen. Als Beweis dafür, dass die Jam Session Deluxe kein gewöhnliches Event ist, reicht ein Blick auf die Speisekarte. Üblicherweise gibt es bei Pop-Konzerten allenfalls Currywurst mit Pommes. Hier werden an runden schwarzen Stehtischen Wildschweinburger mit Portwein-Schalotten-Marmelade oder Gulasch vom Reh mit Schoko-Gin-Sauce serviert. Bevor dann der erste Ton erklingt, hat Otto-Robert Fuchs schon eine lange To-do-Liste abgearbeitet. Er hat einen Online-Ticketservice für die Jam Sessi-

on Deluxe eingerichtet, er hat Sponsoren besorgt, Musiker gebucht, mit den Technikern und Fotografen gesprochen. Nach dem Konzert wird er sich um alle Abrechnungen kümmern. Zudem gibt er zusammen mit seiner Frau monatlich einen Newsletter mit allen aktuellen Auftritten und weiteren Infos heraus. Neben seiner eigentlichen Arbeit in der eigenen Consulting-Firma ist das kaum zu schaffen. Seit es die Jam Session Deluxe auch in Offenburg gibt, wird er von einem Minijobber unterstützt. „Ich wollte immer eine eigene Show haben“, erzählt Kemi Cee. Täglich hatte sie neue Ideen, „aber nie den Mut, sie in die Tat umzusetzen.“ Als sie vor vier Jahren wieder einmal mit ihrem Mann darüber sprach, machte der Nägel mit Köpfen und besorgte ihr innerhalb weniger Tage eine Location. „Es war verrückt“, erinnert sie sich. „Ich hatte bis zur ersten Show gerade sechs Wochen Zeit. Jetzt sind wir schon in zwei Städten und vielleicht bald in drei“, sagt sie lachend.

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ach einigen Solo-Songs bittet Kemi Cee bei jeder Show ihren Special Guest auf die Bühne. Heute Abend ist es Cristobal. Die beiden kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der Castingshow „Popstars“. Derzeit konzentriert sich Cristobal auf sein spanisches Publikum und singt seine Songs in seiner Muttersprache. Mit Kemi stand er seit zehn Jahren nicht mehr auf der Bühne. Doch als sie gemeinsam den George Michael-Klassiker „Freedom“ anstimmen, groovt es sofort im ganzen Raum. Die beiden singen englische Songs, aber auch deutsche Lieder. „Musik mit englischen Texten klingt besser“, findet Kemi Cee. „Aber ich bin in Deutschland aufgewachsen und möchte meinen Gästen dafür etwas in deutscher Sprache zurückgeben.“ Bei einem solchen deutschen Song wird es gegen Ende des Konzerts gänsehautmäßig emotional. Das Stück ist von Kemi Cee selbst: „Stark“, ein autobiografischer Song. Eine ruhige Instrumentierung trägt die Ballade. Das Thema: Niemals aufgeben, immer selbstbewusst nach vorne blicken. ●

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HANDWERK

Hahn & Henne Kaum zu glauben: Ein beigefarbenes Hühnergeschirr sichert seit mehr als 100 Jahren die Existenz einer einzelnen Firma. Wie soll das denn funktionieren? Und wer mag bitte Hühnertassen? Ein Besuch in der ZELLER KERAMIKMANUFAKTUR in Zell am Harmersbach – der Brutstätte von Hahn und Henne. ✒ Nadja Dilger

Die Henne auf der Tasse: Geboren wurde sie bereits im Jahr 1898.

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Farbe, Granulat und alle Zutaten stehen bereit …

… bevor Erika Börsig zum Pinsel greift.

der Tassenteig wird in Formen gepresst …

Illustration: Alexander Aczél

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igentlich müsste es laut gackern. Und nach Mist riechen – so viele Hühner und Hähne wie hier stehen. Mehr als 1000 Stück starren in den Verkaufsraum der Zeller Keramikmanufaktur. Ihr roter Kamm ragt in die Höhe, das Gefieder ist ganz schwarz. Ob sie sich wohl anfassen lassen? Klar! Sie sind ja eingefangen auf den beigefarbenen Tassen, Tellern und Eierbechern: Hahn und Henne, das gackernde Paar. Die Kassenschlager in der Zeller Keramikmanufaktur. Seit 125 Jahren werden sie in dem über 200 Jahre alten Betrieb hergestellt und von dort aus weltweit in Hausschränke und Kaufhäuser verfrachtet. Sogar in die ZDF-Kinderserie Löwenzahn hat es eine Hühnertasse geschafft. Spätestens seit dem Zeitpunkt ist sicher: Jeder kennt die Henne aus dem 8000-EinwohnerStädtchen Zell am Harmersbach. So versteht es sich beinahe von selbst, dass die Manufaktur auch ein eigenes Museum hat – mit großen Glasvitrinen und unzähligen Fotografien in Schwarzweiß. Vom Verkaufsraum aus sind es nur wenige Schritte dorthin. Neben Fotos von Gründer Josef Anton Burger ist auch das einer jungen Frau zu erkennen: Mit einem hauchdünnen Pinsel malt sie einen Namen auf eine Hühnertasse: „E, v“ – „a“, ergänzt eine tiefe Stimme aus dem Hintergrund. Ein älterer Mann mit riesigem Schnauzer hat sich ganz unbemerkt in das Museum geschlichen. Oder arbeitet

er etwa hier? Verstohlen grinst er unter seinem großen Schnauzer hervor und streckt die Hand zum Gruß aus: „Urmar Herrmann.“ Vor 38 Jahren hat Herrmann hier seine Lehre zum Keramikmaler gemacht. Gemalt hat er schon immer gerne, und die Manufaktur stand quasi vor seiner Haustür. Das hat dann alles so gut gepasst, dass er in Höhr-Grenzhausen auch noch Keramik studierte. Anschließend arbeitete er einige Jahre als Produktionsleiter in der Glasindustrie und als Keramikkünstler, bis er 2016 zur Manufaktur zurückkehrte. Zu Hahn und Henne. Die er vermisst hat, genauso wie das robuste Material. Das Glas zerbrach dem großen Herrmann oft beim Bemalen, die Keramik nie – was er auch gerne seinen Lehrlingen erzählt. Herrmann ist es sehr wichtig, das Handwerk weiterzugeben. Immerhin haben in der Zeller Keramikmanufaktur zu Hochzeiten bis zu 300 Mitarbeiter gearbeitet! Bis Plastik und Porzellan kamen. Viele traditionelle Betriebe mussten um 1980 herum schließen, weil sie mit den günstigen Produktionen im Ausland nicht mithalten konnten. Die Zeller Manufaktur konnte sich mit 35 Mitarbeitern halten. Dank Hahn und Henne! Herrmann will zeigen, wie sie entstehen. Auf einer großen moosgrünen Rutsche, die selbst für übermütige Lausbuben zu steil ist, gleiten Körner aus Ton hinab. Jene weißen

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Karl Schöner zeichnete 1898 zur Geburt seiner Tochter den ersten Gockel auf die Tasse.

Verschiedene Pinselstärken und Schablonen helfen bei dem Dekor.

Die Hühner müssen schnell noch trocken werden.

Die unkomplizierteren Teller sind schon fertig für den Verkauf.

Körner, die sich auch über Herrmanns dunkle Schuhe sowie den steinigen Boden der Produktionshalle ziehen. Ziemlich staubig und sehr trocken ist die Luft hier. Herrmann greift mit seinen breiten Händen in einen Sack und lässt die feinen Körner durch seine Finger rieseln. „Daraus machen wir ganz tolle Keramik“, schwärmt er. „Dieses Material ist so leicht zu formen und wenn es gebrannt ist, besonders gut zu bemalen.“ Die Körner sind die Grundzutat für Keramik. Der einzige Ort in Deutschland, in dem sie noch zu bekommen sind, ist der Westerwald in Hessen. Sonst gibt es das Gut nur noch in den benachbarten Ländern. Aus Frankreich und England kamen um 1700 übrigens die ersten Rohstoffe für helle Keramik und Porzellan. Davor hatten die deutschen Keramikmaler nur braune Masse zu bepinseln. Die Zeller Keramikmanufaktur stellte 100 Jahre lang, von 1845 bis 1945 sogar selbst Porzellan her. Das feine Material Bone China war allerdings sehr teuer und es zu brennen ebenso. Die Manufaktur konzentrierte sich schließlich wieder ganz auf die Keramik – die günstiger herzustellen ist. Herrmann geht zu einer Grube mit braunem Wasser. Tonpulver wird mit Wasser zu einer gießfähigen, keramischen Masse aufgerührt. Herrmann schaut fasziniert zu – als würde er das zum ersten Mal beobachten. Dabei weiß er genau, wie hier alle Maschinen

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funktionieren. Was er tun muss, wenn eine mal streikt; bei 60 Jahre alten Geräten kann das schon einmal vorkommen. Wie oft? Verrät er nicht. Er drängt lieber zum Weitergehen, denn seine Lieblingsmaschine kommt jetzt: der Tassenautomat. Nicht zu verwechseln mit Kaffeeautomat. Obwohl dieser ganz ähnlich funktioniert. Über ein Fließband rollen weiße Behälter, die an einen Trichter erinnern. Gräuliche Masse fließt hinein, um so eine Tasse zu formen. Ein Mitarbeiter muss sie jetzt nur noch an den Kanten säubern – „so dass der Rand schön glatt ist“, erklärt Herrmann, während er den Vorgang mit den Händen nachspielt. An ihm rauschen große Wagen vorbei. Ein Mitarbeiter kutschiert das geformte Geschirr Richtung Ofen. Bei 1040 ° Celsius wird dort die Keramik zum ersten Mal gebrannt. Im Hintergrund läuft Udo Jürgens’ „Aber bitte mit Sahne“, als Herrmann nun Erika Börsig vorstellt. Eine ältere Dame, die an einer Töpferscheibe sitzt. Vergnügt zieht sie ihren grünen Pinsel über einen hellen Eierbecher – „Aha, oh yeah!“ Weil sie sich beim nächsten Schritt ein wenig konzentrieren muss, dreht sie die Musik leiser. Auf einer Seite des Eierbechers hält sie eine dunkle Schablone fest, die sie behutsam mit schwarzer Farbe ausmalt. Was für ein Muster es wird, ist noch schwer zu erkennen. Nach wenigen Sekunden lächelt Börsig und zieht die Schablone


ganz locker vom Becher ab. Zu sehen: die Henne. Doch fehlt nicht etwas? Die Malerin nickt abwesend und tauscht eifrig ihre Pinsel. Mit roter Farbe tupft sie nun auf den Hühnerkopf. Aha: der Kopfschmuck! Jetzt muss nur noch der dunkelgrüne Rand auf die obere Tassenkante gemalt werden.

Seit langem dabei: Keramikmaler Urmar Herrmann – der Herr der Hühner

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it der rechten Hand setzt Börsig erneut den Pinsel an und dreht mit der linken den Eierbecher. Ganz langsam entsteht so eine geschwungene Linie. Nicht mal eine Minute hat sie für die Henne gebraucht. Seit 36 Jahren arbeitet Börsig bereits in der Manufaktur, Herrmann und sie kennen sich seit ihrer Malerausbildung. Den Vater von Hahn und Henne haben beide nie getroffen: Karl Schöner. Im Jahr 1898 zeichnete er zur Geburt seiner Tochter den ersten Gockel auf die Tasse. Er wollte ihr ein Motiv schenken, das einfach zu merken und kindgerecht ist. So, wie vermutlich der nächste Vorgang in der Brutstätte. Ist Börsigs Bild auf dem Eierbecher trocken, bekommt er noch eine durchsichtige, gelbliche Glasur, der das Geschirr hart und glänzend macht. Im Museum werden die Hühner dafür in ein planschbeckengroßes Gefäß getaucht. Zange um Zange, Hahn um Henne. Zum Glattbrand, das ist der zweite Brand bei 1140 °Celsius, geht es erneut in den Ofen. Doch es sind beileibe nicht nur Tassen, Teller und Eierbecher, die gebrannt und verkauft werden. Herrmann schätzt, dass es rund 200 Hühner-Accessoires gibt. Darunter Brotdosen, Töpfe, Lampen und viele andere Gegenstände. Woher kommt nur dieser Hühner-Hype? Herrmann zuckt mit den Schultern. Er vermutet, dass es schlichtweg Kult geworden ist. Seit 125 Jahren werden die Gockel von Eltern und Großeltern mit dampfenden Kakao gefüllt und den Kindern in die Hand gedrückt. Wenn sie groß sind, bekommen sie das Geschirr geschenkt oder gar vererbt, um die Tradition fortzusetzen. Vielleicht sind sie aber auch nur durch Löwenzahn auf sie aufmerksam geworden. Denn es sind auch die jungen Leute, die immer wieder in die Zeller Manufaktur kommen oder über das Internet bestellen. Herrmann hält eine der beigefarbenen Tassen hoch und streicht dem schwarzen Gockel sanft über die Brust – als wollte er prüfen, ob auch alle Federn glatt sind. Er lächelt zuversichtlich: „Hahn und Henne kann man doch nur mögen.“ Wohl wissend, dass es die beiden sympathischen Lieblinge, die längst zu einem Symbold des Schwarzwalds geworden sind, noch viele Generationen auf den Tisch schaffen werden. ●

An Weihnachten dürfen die Hähne sogar ein Mützchen tragen.

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Die guten ins TĂśpfchen: Der Unternehmer Swen Laempe hilft jungen GrĂźndern, die richtigen Ideen zu finden und umzusetzen.

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WIRTSCHAFT

„Am Ende geht's ums Menscheln” Wenn das Wort Start-up fällt, denkt man sofort an Metropolen wie New York, London und Berlin. Aber auch die Ortenau kann was: Die örtliche Gründerinitiative STARTUP CONNECT zieht immer mehr junge Unternehmen in die Region und steht Berlin in Sachen Gründergeist in nichts nach. ✒ Solveig Gode

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tanislav Schmidt will Freiheit. Die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, wie er sie will. Die Freiheit, alles auch mal komplett umzuschmeißen und neu anzufangen, wenn ihm danach ist. Er will raus aus den festen, veralteten Strukturen seines Jobs als Programmierer, in denen einfache Prozesse Tage dauern. Schmidt will Unternehmer werden und sein eigenes Start-up gründen. Zusammen mit 16 anderen Gründungsbegeisterten und seinem potenziellen Geschäftspartner verbringt der 27-jährige Schmidt seinen Freitagabend im Offenburger Technologiepark im Industriegebiet, der auf den ersten Blick so gar nicht nach Freiheit und Aufbruch aussieht, so grau wie das Gebäude von außen scheint. Drinnen aber wird viel gelacht, die Gruppe ist bunt gemischt. Der Jüngste ist 23, die Ältesten 44, aber alle teilen den selben Traum: Gründer zu werden. Sie alle sind Teilnehmer des Black Forest Accelerators, zu dem sie regelmäßig abends und an Wochenenden zusammenkommen. Accel-was? Der Accelerator ist ein Programm, das Start-ups coacht und dabei hilft, die Unternehmen zu entwickeln und erfolgreich zu werden. Aus dem Gründer-Jargon ist der Begriff nicht mehr wegzudenken. Der Black Forest Accelerator findet, wie der Name schon sagt, nicht im Silicon Valley oder im sexy-armen Berlin statt, sondern mitten im Schwarzwald, im Herzen der Ortenau. Dort, wo der Wein für die Bars der deutschen Großstädte

angebaut wird. Dort, wo der beste Gin der Welt herkommt. Hippe Berlin-Mitte Büros mit Club Mate und Bällebad sucht man hier vergeblich. Dafür aber herrscht in der Ortenau Vollbeschäftigung, der Landkreis ist der industriestärkste am Oberrhein und außerdem die Heimat zahlreicher weltmarktführender Betriebe. Bekannt für ihren Gründergeist ist die Ortenau noch nicht. 2015 wurden hier nur 542 neue Unternehmen angemeldet, in Berlin

wie ein „sch“ gesprochen. Aufs Holzbrettchen kommen nur regionale Spezialitäten aus dem Schwarzwald, die eine Bäuerin jeden Tag frisch vorbeibringt: Schwarzwälder Schinken, Käse, und natürlich der Klassiker Wurstsalat auf Badische Art. ’To Accelerate’, das heißt auf Deutsch ja beschleunigen. „Unsere Idee bekommt hier den Raum, sich weiterzuentwickeln und langsam an Dynamik zu gewinnen“, stellt Peter Schneider fest und nickt. Der 41-Jährige ist hier, weil er sein eigener

Der Jüngste ist 23, der Älteste über 44, aber alle haben den selben Traum waren es rund 38.900. Das soll sich jetzt ändern, haben die treibenden Kräfte der Region beschlossen. Das neue AcceleratorProgramm des Schwarzwalds wird nämlich von der Wirtschaftsregion Ortenau (WRO) organisiert. Die WRO ist der regionale Thinktank. „startUp.connect“ heißt ihre Gründeroffensive, unter deren Schirm ein bunter Strauß an Aktivitäten wie der Accelerator Innovationen und Start-ups in die Region bringen soll. Seit Anfang 2017 gibt es startUp.connect, und seit Dezember den Accelerator, was ihn zum jüngsten Baby der WRO macht. Pause im Technologiepark, Zeit fürs Abendbrot. „Vesper“ wird die Brotzeit hier im Badischen genannt, das „s“ wird dabei

Chef werden will. Derzeit hat er noch eine 50-Prozent-Stelle, will aber unbedingt etwas Eigenes auf die Beine stellen. Die zündende Idee hat er noch nicht. Aber hier kann er in Ruhe und nach Feierabend und an den Wochenenden an seinem Projekt weiterarbeiten, sich Tipps und Anregungen holen, ohne Angst haben zu müssen, dabei zu scheitern. Er muss nicht einmal in Vorkasse gehen, um einen Büroraum zu mieten: Jeder, der im Black Forest Accelerator einen Platz ergattern kann, erhält von der WRO einen Arbeitsplatz im Coworking-Bereich des Technologieparks. Und – wie weit sind seine Pläne? Wann wird er gründen? Schneider winkt vorsichtig ab. „Das dauert noch ein wenig.“ Schließlich

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sei es ein großer Schritt, den er da vorhat. Schneider gehört zu den wenigen älteren Teilnehmern der Gruppe, die in etwa den Durchschnitt in Deutschland abbildet, was das Alter von Gründern betrifft: Hierzulande waren im Jahr 2017 laut des KfWGründungsmonitors die meisten zwischen 25 und 35 Jahren (35,7 Prozent), danach folgen die 35- bis 44-Jährigen mit nur noch 22,6 Prozent. Einer der Gründe: Ist man erst einmal fest im Arbeitsleben integriert, fällt es vielen schwer, noch einmal etwas Neues zu wagen. Die meisten hier haben wie Schneider bereits einen Job, sind in einem Unternehmen fest angestellt oder studieren noch. Deshalb ist der Accelerator ein Teilzeit-Programm und richtet sich an Teilnehmer, die erst einmal nebenberuflich gründen möchten. Das gibt vielen das Gefühl von Sicherheit und den Mut, sich überhaupt mit solchen Plänen zu beschäftigen.

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ie Pause ist vorbei, weiter geht’s mit dem Unterricht. Heute stehen die Themen Markenentwicklung und Kommunikation auf dem Plan. Schneider fragt den Dozenten: „Ist es nicht besser, ein Produkt schnell zu testen und dann womöglich einen Pivot zu erleben, als viel Zeit und Geld zu verlieren, wenn die Idee gar nicht funktioniert?“ Er spricht das Wort „Pivot“ so aus, wie man es deutsch lesen würde. Im Englischen und in der Start-up-Szene steht der Begriff für eine radikale Änderung des Geschäftsmodells. Eine typische Vorgehensweise, die gerade unter amerikanischen Start-Ups und Investoren gepredigt wird. Der Dozent antwortet: „Das passt nicht zu uns. Wir Deutschen sind sehr perfektionistisch. Das ist sicher auch besser, als nur mit einem Provisorium zu arbeiten.“ Die Workshops sind in acht Module unterteilt: von strategischen Grundlagen über Finanzierungsmodelle bis hin zur Marktforschung. In den fünf Monaten entwickeln die sechs teilnehmenden Gruppen dann ein möglichst fertiges, eigenes Geschäftsmodell, mit dem sie auf Investorensuche gehen können. Jedes Team muss 450 Euro Teilnahmegebühr zahlen. Wer es sich nicht leisten kann, für den wird eine Lösung gefunden. Bei dem 37-jährigen WRO-Mitarbeiter Florian Appel laufen alle Fäden des Programms zusammen. Der Bereichsleiter von startUp.connect ist die erste Anlaufstelle: für Gründer, Studenten und mögliche

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Investoren, hauptsächlich aus dem Wirtschaftsbeirat der WRO. Sein feines Gespür für Menschen macht ihn zum perfekten Regisseur des Ganzen. Viele Teilnehmer finden zum Accelerator, weil Appel sie angesprochen hat. Er erkennt, wenn jemand den nötigen Ehrgeiz und eine Vision hat. Die WRO stellte ihn vor knapp einem Jahr dafür ein, die Ortenau zur attraktiven Region für Unternehmensgründungen zu machen.

Was heißt es wirklich, Gründer zu sein? Freiheit. Aber auch Abenteuer, Risiken und das Gefühl, etwas eigenes zu erschaffen. Quasi eine One-Man-Show? „Nein“, sagt er und lacht. „Ich bin in einem engagierten Team gelandet, das über 50 Kommunen und die 160 innovativsten Firmen der Region im Rücken hat. Das macht die Arbeit leichter.“ Finanziert wird die WRO von Kommunen, Landkreis, Volksbanken und Sparkassen sowie den größten Unternehmen der Region. Mitmachen ist ein Privileg, keine Pflicht. Für die Aufnahme in das WRO-Netzwerk stehen die Unternehmen Schlange. Als Mitarbeiter der WRO wird man zum regionalen Netzwerkkönig. Es gibt kaum einen im TPO, den Florian Appel nicht kennt – und das, obwohl er nicht von hier kommt. „Komm, du musst noch Christian und Stanislav treffen, die haben ein sehr interessantes Projekt und sind schon kurz vor der Gründung“, sagt er, als der erste Kurstag am Freitagabend vorbei ist. Das Gemenge und Stühlerücken übertönt ihn fast. Händeschütteln also mit Stanislav Schmidt und seinem Geschäftspartner

Christian Falk (31). Die beiden sind zwar etwas müde, aber noch sehr gesprächig, denn sie sind voller Pläne und wollen bald mit ihrem Start-up „Falcon AI“ durchstarten. Wie sie zu diesem Kurs gekommen sind? Durch einen Zufall. Der Student Christian Falk saß im Oktober 2017 an der Hochschule Offenburg in der BWL-Vorlesung „Entrepreneurship“. Die lockere Art und Weise, wie der Gastdozent die Vorlesung hält, beeindruckt den 31-Jährigen. Mit Swen Laempe steht ein gestandener, erfolgreicher Unternehmer aus der Region vor den Studenten. Er erklärt ihnen redegewandt abseits der trockenen Theorie, was es wirklich heißt, Gründer zu sein. Nämlich Freiheit. Aber auch Abenteuer, Risiken und das Gefühl, etwas Eigenes zu erschaffen. Das will Falk auch. „Noch nie hat mich jemand so fürs Gründen begeistert“, schwärmt Falk. „Ich wusste, den müssen Stanislav und ich uns schnappen.“ Die beiden Bekannten haben schon lange davon geträumt, sich selbstständig zu machen. Jetzt, der Zufall: Genau diese Entrepreneurship-Vorlesung hat die WRO initiiert, auf der Suche nach gründungshungrigen jungen Leuten. Am Schluss werden sie die Studenten, die Interesse haben zu gründen, einladen, in den Black Forest Accelerator einzusteigen. Stanislav Schmidt, der derzeit noch bei einer IT-Firma als Programmierer angestellt ist, ist sofort begeistert. Die Idee der beiden: eine Software mit künstlicher Intelligenz für besseres Projekt- und Zeitmanagement. Und wer ist während der Auftaktveranstaltung des Accelerators im Dezember mit an Bord? Klar, Swen Laempe, WRO-Mitglied und Netzwerkpartner. Den wollten sie sich doch sowieso schnappen. Die beiden tragen ihre Idee vor und Laempe hört zu. Als das Schlüsselwort „künstliche Intelligenz“ fällt, wird Laempe hellwach. Damit wollte er sich schon lange intensiver beschäftigen. Natürlich ist auch Netzwerkprofi Appel dabei und merkt: Die Jungs haben den nötigen Ehrgeiz und Laempe Interesse an der Technologie – warum die beiden nicht zusammenbringen? Laempe wird ihr offizieller Mentor. Das Projekt nimmt schnell an Fahrt auf und bald treffen die drei sich auch außerhalb des Kurses. So sitzen Falk, Schmidt und Laempe gemeinsam an einem Dienstagmittag in Laempes Büro seiner Firma Vioma im Offenburger Ortsteil Elgersweier. Es sieht alles sehr Start-up-mäßig aus, überall


hängen Bilder mit Sprüchen wie „Good Vibes only“, sogar ein Billardtisch steht im Coworking-Bereich. Schon fünfmal haben die drei sich dort getroffen, einmal über sechs Stunden lang, um auch außerhalb des Accelerators an ihrem Projekt weiterzutüfteln. Laempe hat das nötige betriebswirtschaftliche Know-how als Manager, das den beiden fehlt, und er hat keine Angst, Entscheidungen zu treffen. Ihr Mentor hat ihnen deshalb zu einer kleinen Änderung ihres Produkts geraten. Mit der ursprünglichen Idee hätten sie seiner Meinung nach mit großen SoftwareUnternehmen wie SAP konkurrieren müssen. „Ich bin ja auch da, um sie vor solchen Fehlern zu warnen“, sagt Laempe väterlich. Ihr Start-up „Falcon AI“ ist jetzt eine Software, die Managern dabei hilft, wichtige Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel, ob sie mehr Personal einstellen sollen. Aus hunderttausenden Datensätzen bewertet die künstliche Intelligenz die Si-

tuation und gibt eine Empfehlung. So eine Software hat Laempe sich in seiner Rolle als Führungskraft selbst lange gewünscht.

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nd was hat Laempe davon, Mentor zu sein? Als Unternehmer trage er in der Region eine Verantwortung. Das sei ein Geben und Nehmen. Gleichzeitig sichere er dadurch seine Zukunft als Unternehmer, indem er junge Gründer und innovative Projekte in der Region halte. „Außerdem bringen die beiden mir im Bereich Künstliche Intelligenz noch sehr viel bei“, erklärt er und grinst. Die ausgefeilte Software von Falk und Schmidt soll Anfang 2019 auf den Markt kommen. Geht es dann nach Berlin ins Haifischbecken? Wo sich all die wichtigen Investoren tummeln sollen? Nein, die Großstadt ist nichts für sie. „Hier bekommen wir Unterstützung, die wir da nie bekommen würden. Die Wege sind hier viel

kürzer“, sagt Schmidt. Laempe ergänzt: „Außerdem geht’s hier am Schluss doch ums Menscheln.“ Auch Peter Schneider ist optimistisch. Über das Kurswochenende hat sich sein Geschäftsmodell zwar noch einmal geändert, aber das sei nicht schlimm. Anfangs hatten er und sein Freund die Idee, eine Videoplattform für Vorträge anzubieten, ähnlich der bekannten TED Talks. Jetzt wollen sie sich dabei auf Videos zum Thema Gesundheit konzentrieren. „Die sind noch ein bisschen in der Findungsphase“, sagt der Dozent, „aber genau dafür bekommen sie hier die nötige Hilfe und den Raum.“ Denn hier zählen wirklich die Menschen. Anders als in Berlin, wo nur harte Zahlen zählen. Die Ortenau scheint nur oberflächlich nicht so hip. Dafür verspricht die Region echte und belastbare Kontakte in zahlreiche Unternehmen. Bodenständig und persönlich. Lieber Wurstsalat als Club Mate. Und wer braucht schon ein Bällebad? ●

Zum Schluss noch ein Abschiedsfoto: Im Offenburger Technologiepark haben Gründer in spe und alte erfahrene Unternehmer miteinander diskutiert.

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AUTOREN/INNEN

Carole Friedrich Corinna Weigand Beatrix Stengl Nadja Dilger

Julia Hanigk

Julia Gross

Frederike Rausch Sandra Langmann

Marisa Gold

Patrizia Seibert Maximilian Krones

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Maximilian Schroth


Solveig Gode Nina Habres

Robin Schmidt

Franziska Vystrcil

IMPRESSUM

ORTENAU SCHWARZWALD_ STRASBOURG REPORTAGEN ist ein Projekt der Wirtschaftsregion Ortenau (WRO) in Zusammenarbeit mit der Burda Journalistenschule

Lisa Strauß

HERAUSGEBER Dominik Fehringer | In der Spöck 10 77656 Offenburg | www.wro.de CREATIVE DIRECTION Alexander Aczél

Louisa Markus

SCHLUSSREDAKTION Dominik Fehringer | In der Spöck 10 77656 Offenburg | www.wro.de MITARBEITER REDAKTION: Mira Bode, Nadja Dilger, Carole Friedrich, Solveig Gode, Marisa Gold, Julia Gross, Nina Habres, Julia Hanigk, Neele Kehrer, Maximilian Krones, Sandra Langmann, Louisa Markus, Frederike Rausch, Robin Schmidt, Maximilian Schroth, Patrizia Seibert, Beatrix Stengl, Lisa Strauß, Franziska Vystrcil, Corinna Weigand FOTOGRAFIE: Michael Bode, Bobby Burch, Aaron Burden, Christoffer Engstrom, Jigal Fichtner, Monika Grabkowska, Hubert Grimmig, Viola Hedtke, Christian Koch, Joanna Kosinska, Brooke Lark, David Lohmüller, Christoph Nertz, Ehud Neuhaus, Rizzo, Felix Russel-Saw, Ian Schneider, Will Swann, Chris Weber, Andrew Welch DRUCK Nino Druck | Im Altenschemel 21 | 67435 Neustadt (Weinstr.) www.ninodruck.de

Mira Bode Neele Kehrer

DANK Ein besonderer Dank geht an die Unternehmen, die das Zustandekommen des Projekts mit einer Anzeige unterstützt haben, sowie an die Gesellschafter und den Wirtschaftsbeirat der Wirtschaftsregion Ortenau. RECHTLICHE HINWEISE Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme gesetzlich zugelassener Fälle ist die Verwertung ohne Einwilligung des Verlags straf bar.

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Illustration: artwood.de

Profile for WRO GmbH

Ortenau Reportagen  

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