Programmheft »Solitude« | Leipziger Ballett

Page 1

SOLITUDE

BALLETT VON MARIO SCHRÖDER MUSIK VON ANTONIO VIVALDI, PĒTERIS VASKS, JOHANN SEBASTIAN BACH UND GALINA USTWOLSKAJA



SOLITUDE


daniel róces gómez, marcos vinicius da silva

SOLITUDE


marcelo ferreira

SOLITUDE


vivian wang, madoka ishikawa

SOLITUDE


SOLITUDE | mario schröder

ABSTAND. IM BALLETTSAAL NUR GEMEINSAM GESTALTBAR.

7


SOLITUDE | mario schröder — DER WANDERER ÜBER DEM NEBELMEER, CASPAR DAVID FRIEDRICH

8


SOLITUDE | mario schröder — E INE VERTRAUTE UMGEBUNG, NEUE RAUMWEGE. JEANNE BAUDRIER DOKUMENTIERT DAS WIEDERKOMMEN AUCH FOTOGRAFISCH.

9


SOLITUDE | mario schröder

SZENENABFOLGE STABAT MATER NR. I Antonio Vivaldi

STABAT MATER NR. II »CUJUS ANIMAM«

Antonio Vivaldi

STABAT MATER NR. III »O QUAM TRISTIS«

Antonio Vivaldi

MUSICA DOLOROSA Pēteris Vasks

STABAT MATER NR. IV »QUIS EST HOMO«

Antonio Vivaldi

STABAT MATER NR. V »QUIS NON POSSET«

Antonio Vivaldi

STABAT MATER NR. VI »PRO PECCATIS«

Antonio Vivaldi

10


SOLITUDE | mario schröder

THE FRUIT OF SILENCE Pēteris Vasks

SCHLUMMERT EIN, IHR MATTEN AUGEN AUS »ICH HABE GENUG«

Johann Sebastian Bach

STABAT MATER NR. VII »EJA MATER«

Antonio Vivaldi

STABAT MATER NR. VIII »FAC UT ARDEAT«

Antonio Vivaldi

STABAT MATER NR. IX »AMEN«

Antonio Vivaldi

SYMPHONY NR. 5 »AMEN«

Galina Ustwolskaja

11


SOLITUDE | mario schröder

»LETZTLICH IST JEDE ENT­ SCHEIDUNG EINE EINSAME« ANNA ELISABETH DIEPOLD ÜBER »SOLITUDE« In Zeiten von freiwilliger und auferlegter Isolation entsteht Einsamkeit in vielfältigen Facetten und entzieht sich so einer eindeutigen Definition. Denn es bleibt unklar, wer entscheiden darf, ab wann Alleinsein zur Einsamkeit wird. Nicht alle, die allein sind, fühlen sich einsam und nicht alle Einsamen sind allein. Es bedarf nur eines internetfähigen Endgeräts und »Social Distancing« verwandelt sich ein weitaus erträglicheres »Physical Distancing«. Wir sind erreichbar, im Austausch und verbunden mit einer kompletten Welt – dafür müssen wir nicht mal das eigene Wohnzimmer verlassen. Da drängt sich schon die nächste Frage auf: Kann in einer Gesellschaft der dauerhaften Erreichbarkeit nicht auch die Einsamkeit ein Sehnsuchtsort werden?

12

Die Idee von selbstgewählter Einsamkeit boomt. Erlebnisurlaube zu Fuß oder auf dem Rad stehen hoch im Kurs. Ziel ist zumeist die Abgeschiedenheit einer schönen Region, die unberührte Natur und das exklusive Versprechen, diese Orte allein – oder zumindest nur mit ausgewählten Mitreisenden – erleben zu dürfen.


SOLITUDE | mario schröder

Denn hier liegt das Paradoxe des Sehnsuchtsbildes der selbstgewählten Einsamkeit: Einsam, im radikalsten Sinne, ist sie nicht. Diese Idee vom Eremiten, von den Aussteigern, von den Wanderern – die lebt nur dann, wenn diese Menschen zurückgekommen sind oder gefunden wurden. Wir wissen nichts von all denen, die wirklich niemand mehr findet, die nicht zurückkommen. Und existieren Menschen wirklich, wenn niemand etwas von ihnen weiß? Das Gemeinsame wird als Goldstandard des menschlichen Gehirns gesehen, es sehnt sich nach Nähe und Zugehörigkeit. Gesellschaftliches Zusammenleben, Innovation, Glaube – es ist schwer möglich, sich eine Welt, ohne das Gemeinsame vorzustellen. Einsamkeit ist dennoch gefährlich, sie birgt den Anschein von menschlichem Versagen. Einsamkeit bedroht uns auf physischer und psychischer Ebene gleichermaßen. Solitude beschreibt einen freiwilligen Zustand des Seins, der die physische Anwesenheit eines anderen ausschließt und den Blick auf die eigene innere Landschaft legt. Momente von tiefer Reflexion, Selbsterkenntnis und Kreativität werden erst dann möglich, wenn äußere Einflüsse verschwinden und Raum bleibt für Einsamkeit. Im konstanten Wechselspiel von Begegnung und Isolation stellen sich Fragen nach der Sichtbarkeit, Darstellung und Auswirkungen von Einsamkeit. Welchen Makel bringt es mit sich einsam zu sein und wie reagieren wir gesellschaftlich auf Einsamkeit? Welche Balance braucht es, um Gemeinsamkeit zu fühlen und gleichzeitig den Luxus einer Solitude leben zu können?

13


SOLITUDE | mario schröder

Schlummert ein, ihr matten Augen, Fallet sanft und selig zu! Welt, ich bleibe nicht mehr hier, Hab ich doch kein Teil an dir, Das der Seele könnte taugen. Hier muss ich das Elend bauen, Aber dort, dort werd ich schauen Süßen Friede, stille Ruh.

BACH-KANTATE »ICH HABE GENUG«, ARIE »SCHLUMMERT EIN IHR MATTEN AUGEN«

14


BALLETTDIREKTOR UND CHEFCHOREOGRAF MARIO SCHRÖDER UND DRAMATURGIN ANNA ELISABETH DIEPOLD SPRECHEN ÜBER DAS WIEDERKOMMEN, REGULIERTE KÖRPER UND DIE FACETTEN VON EINSAMKEIT.

SOLITUDE | mario schröder

IM GESPRÄCH Lange waren die Ballettsäle leer und verlassen. Jetzt sind Sie, ist die Company, wieder im Haus. Sie sind nach einer langen Zeit zurückgekommen – fühlen sich denn das Studio, der Raum, der Boden, jetzt anders an? Anders nicht. Es fühlt sich eher an wie ein Nachhausekommen. Es gibt nicht einen neuen Moment, es gibt eine Neuentdeckung. Es ist, wie wenn man lange nicht zu Hause war und sofort, wenn man einen Raum betritt ein heimatliches Gefühl hat. Dieser Schritt in einen gewohnten Raum, nach langer Zeit, das ist ein schöner Moment. Und doch hat sich optisch in den Räumen einiges verändert. Vieles ist neu markiert, die große Fläche ist aufgeteilt. Haben Sie das Gefühl, das verändert die Beziehung zwischen Ihnen und den Tänzerinnen und Tänzern im choreografischen Prozess? Weniger von einer emotionalen, seelischen Ebene hergedacht. Das Ganze hat für mich eher den Aspekt, dass es imaginär etwas bestimmt. Und das kann ich auch künstlerisch betrachten. Die Markierungen können etwas Spannendes ergeben, als Momentum, aber sie setzen sofort auch ein gedankliches Ausrufezeichen. Man wird an etwas erinnert – und das ist ja auch Sinn und Zweck der Sache – man wird daran erinnert den Abstand einzuhalten und diesen miteinander zu erleben. Das ist für mich das Verrückte daran: Wir müssen Abstand halten, müssen diesen aber auch gemeinsam gestalten. Im Ballettsaal ist er sogar nur gemeinsam gestaltbar. Unser aller Körper wurden in den letzten Monaten stark reguliert. Wo dürfen sie hingehen, wie nah dürfen sie sich kommen? Das ist alles festgelegt. Für Tänzerinnen und Tänzer ist es ganz alltäglich über die Grenzen des eigenen Kör-

15


SOLITUDE | mario schröder

pers nachzudenken. Für andere Menschen ist es das vielleicht nicht. Kann Tanz für Sie eine Antwort auf die gesellschaftliche Regulierung von Körpern sein? Was wir feststellen ist, wie sehr wir den zwischenmenschlichen Kontakt in einem Live-Moment brauchen. Das hat diese Krise natürlich gezeigt. Wir hatten zwischenmenschliche Kontakte, aber die fanden im digitalen Raum statt. Das Normale in unserem Beruf ist es aber, dass wir miteinander agieren. Auf einer körperlichen, seelischen, intellektuellen und künstlerischen Ebene. Wir kombinieren diese Formen des Zusammenseins. Das ist der Gedanke einer Company und der speist alles. Das ist die Basis unserer Arbeit – da ist der Live-Mensch nicht ganz unwesentlich. Uns fehlt gerade die Basis. Das haben wir jetzt ganz besonders erlebt und sind sensibel dafür geworden, auch auf gesellschaftlicher Ebene. Einige haben das schnell gemerkt, anderen wird es vielleicht erst später bewusst werden. In solchen Momenten ist Tanz eben nicht nur Selbstbetrachtung. Der menschliche Körper ist unser Instrument und damit Kommunikator nach außen. Kommunikation gibt es nur mit einem Gegenüber. Das ist der Kern unseres Berufs: Interagieren. Es ist der Kern des menschlichen Körpers mit anderen in einen Dialog treten zu können, zu müssen. Auch wenn wir mit Worten kommunizieren, ist der Körper, die Seele immer vorhanden. Für den Abend »Solitude« arbeiten wir mit Werken ganz unterschiedlicher Komponistinnen und Komponisten. Sie tragen alle verschiedene Stimmungen und Assoziationen von Einsamkeit in sich. Kannst du in den Unterschied von freiwilliger und unfreiwilliger Einsamkeit an einzelnen Komponist*innen beschreiben?

16

Es war wichtig für diesen Abend, dass wir nicht wahllos irgendwelche Komponisten aneinanderreihen, sondern dass diese Arbeiten inhaltlich Bezug zueinander nehmen sollen, können und dürfen. Da spielt die Zeit, in der die Komponisten gelebt haben, eine wesentliche Rolle. Das zeigt sich in der Gegenüberstellung von Musik aus dem Barock zu zeitgenössischen Kompositionen. Mir geht es immer wieder so, wenn ich klassische Musik höre und für Kreationen verwende, dass diese Musik nicht nur extrem zeitlos zum Hören, sondern auch zum Empfinden ist. Vielleicht kommt das aus der Kombination mit zeitgenössischen Komponisten, aber noch viel stärker kommt es aus der Erfahrung, die jeder einzelne


SOLITUDE | mario schröder

mitbringt. Musik bringt immer eine eigene Matrix mit. Sie lässt Räume entstehen und wir hören Musik immer aus unserer Zeit heraus. Wir katapultieren uns nicht in der Zeit zurück, sondern wir nehmen diese Musik mit zu uns. Weil sie etwas in uns auslöst. Inhaltlich geht es nicht um Gegensätze, sondern um ein Zusammenspiel. Das kann eine gemeinsame Motivation sein oder ein gemeinsamer Ursprung. Das ist ein seelischer Moment. So spielen die Musiken des Abends zusammen und werden ein neues Ganzes. Das Tolle ist, dass wir durch den Tanz und die Choreografie die Musik anders hörbar machen. Wir nehmen den Inhalt, den diese Musik mitbringt, zu uns und stellen ihn in einen neuen Kontext. Das Thema ist Einsamkeit, weil es uns immer wieder umtreibt. In der Gegenwart, der Vergangenheit aber auch schon für die Zukunft. Das ist ein zyklisches Thema für uns Menschen, auch über eine aktuelle Krise hinaus. Der Tanz macht die Musik neu hörbar und für die 5. Sinfonie von Galina Ustwolskaja passiert das im Rahmen von »Solitude« zum ersten Mal. Dieses Werk wurde noch nie tänzerisch bearbeitet. Ist es choreografisch eine besondere Herausforderung das erste Bild zu kreieren? Darüber denke ich weniger nach. Ich wähle häufig Musik für meine Arbeiten, die nicht für Tanz geschrieben worden ist. Ein für mich wesentlicher Aspekt in der Musikwahl ist, ob sie mich beim Hören bewegt. Gleichzeitig geht es nicht nur darum, mich selbst zu spiegeln, sondern ich versuche Momente zu entdecken, die uns alle betreffen und beschäftigen. Bei dieser Suche spielt es keine Rolle, aus welche Epoche ein Musikstück ist. Wobei die Musiksuche keine unmittelbare Suche ist, um einen Moment zu beschreiben. Eher findet die Musik mich, sie ist einfach da und die Empfindungen sind greifbar. Das macht es irrelevant, ob Musiken für Tanz geschrieben worden sind oder nicht. Aber natürlich ist es etwas Besonderes, ein Werk wie das von Galina Ustwolskaja zu bearbeiten. Es ist großartig, mit Stücken zu arbeiten, die noch nie vertanzt worden sind. Wer diese Musik nicht kennt und sie zum ersten Mal hört, findet sie vielleicht ungewöhnlich. Es ist ein besonders kraftvolles Stück. Gerade da kann der menschliche Körper helfen, die Musik auf einer zusätzlichen Ebene wahrnehmen zu können.

17


SOLITUDE | mario schröder — D AS ERSTE MAL ZURÜCK IM STUDIO. FOTOGRAFIE VON JEANNE BAUDRIER.

18


— UNGEWOHNT VERTRAUT.

19

SOLITUDE | mario schröder


SOLITUDE | mario schröder

WIEDER – KOMMEN

VIELE WOCHEN HABEN DIE TÄNZERINNEN UND TÄNZER DES LEIPZIGER BALLETT IN IHREN WOHNUNGEN TRAINIERT UND GEARBEITET – EIN UNGEWÖHNLICHES HOMEOFFICE. AKTUELL IST DIE ARBEIT STARK REGULIERT UND AN DIE AKTUELLEN HYGIENE-VORSCHRIFTEN ANGEPASST. JEANNE BAUDRIER UND NATASA DUDAR GEWÄHREN EINEN KLEINEN EINBLICK IN IHRE GEDANKEN UND WAHRNEHMUNGEN DER LETZTEN MONATE. JEANNE BAUDRIER »Ich muss mich immer noch daran gewöhnen, dass nicht alle von uns gemeinsam trainieren und proben. Es ist so normal in diesem Job, dass man seine Kollegen und Kolleginnen beobachtet und sich von ihnen inspirieren und motivieren lässt. Wenn man selbst einen schlechten Tag hat, kann man die Energie von jemandem, der sehr stark ist, aufnehmen. Ich weiß, dass es wichtig ist, dass wir in kleinen Gruppen arbeiten. Aber ich glaube, in diesem ganz speziellen Beruf, sind Kollegen und Kolleginnen besonders wichtig. Weil wir uns gegenseitig weiterbringen. Wir sind ein Ensemble und jetzt sind wir zersplittert. Ich merke erst jetzt, wie sehr ich es für selbstverständlich genommen habe, dass wir uns jeden Tag sehen konnten.«

20


»In den letzten Monaten des Alleinseins habe ich mir die Frage gestellt: Wer bin ich, wenn ich nicht nur Tänzerin bin? Was kann es da noch geben, wenn wir unseren Horizont erweitern. Und trotzdem habe ich für mich erkannt, wie sehr ich den Tanz vermisse. Ich will dieses Leben und jetzt, wo es mir weggenommen wurde, kämpfe ich umso mehr dafür. Deswegen ist es wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, dass die Markierungen am Boden und an den Stangen da sind, um sich darin zu halten. Zu Beginn war das ganz klar und eindeutig. Wir haben uns alle darangehalten. Jetzt, wo wir das schon monatelang machen, wird es immer schwerer. Man muss sich immer wieder daran erinnern: Wir haben diese Maßnahmen, damit wir arbeiten können. Hätten wir sie nicht, wären wir immer noch in der Küche und würden Online-Klassen nehmen.«

SOLITUDE | mario schröder

NATASA DUDAR

21


SOLITUDE | mario schröder

DAS IST NOCH VIEL ZU SCHÖN. LASS DICH EINFACH HÄNGEN.

MARIO SCHRÖDER IM PROBENPROZESS ZU »SOLITUDE«

22


marcelo ferreira, john edmar sumera

SOLITUDE


leipziger ballett | SPRECHER › yuriy mynenko

SOLITUDE


MUSIKALISCHE LEITUNG › felix bender | gewandhausorchester

SOLITUDE


marcos vinicius da silva, david iglesias gonzalez

SOLITUDE



03 IMPRESSUM OPER LEIPZIG INTENDANT UND GENERALMUSIKDIREKTOR Prof. Ulf Schirmer VERWALTUNGSDIREKTOR Ulrich Jagels BALLETTDIREKTOR UND CHEFCHOREOGRAF Mario Schröder HERAUSGEBER Dramaturgie der Oper Leipzig REDAKTION Anna Elisabeth Diepold SPIELZEIT 2020 / 21 Heft 03 PREMIERE 16. Oktober 2020 GESTALTUNG formdusche, Berlin / Ina Henkel-Graneist DRUCK Elbe Druckerei Wittenberg GmbH


Millions discover their favorite reads on issuu every month.

Give your content the digital home it deserves. Get it to any device in seconds.