EPALE - Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration

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DER BLICK ÜBER DEN TELLERRAND EPALE und Erasmus+ Erwachsenenbildung 2016

Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration Die aufnehmende Gesellschaft im Fokus

EPALE – E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa



DER BLICK ĂœBER DEN TELLERRAND EPALE und Erasmus+ Erwachsenenbildung 2016

Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration Die aufnehmende Gesellschaft im Fokus


INHALT

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Editorial, Team EPALE Österreich

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Einleitende Worte, Regina Rosc

BEITRÄGE 12

Die Integration Points für geflüchtete Menschen in Nordrhein-Westfalen

Hasan Klauser

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»Reden auf gleicher Augenhöhe«

Muhammad Kasem

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Können Solidarität und Toleranz gelehrt werden?

Herbert Langthaler

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Über die Möglichkeit, Toleranz und Solidarität lehren

Joachim Gruber und Polonca Kosi Klemenšak

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Integrationspolitik und Freiwilligenarbeit am Beispiel von StartWien – das Jugendcollege und der Arbeit von Interface Wien

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Maria Steindl und Margit Wolf

Regionalentwicklungs-Initiativen der Region Västra Götaland für Asylwerber/innen und neu Zugewanderte Therese Ydrén


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Kritische Erwachsenenbildung mit Migrant/innen: Herausforderungen und Perspektiven Rubia Salgado

Regionale Zusammenarbeit und Integration Freiwillige, NGOs, Behörden und Wirtschaft – (wie) geht das? Rolf Ackermann

Graz:Spendenkonvoi – Verein für den menschlichen Umgang mit Schutzsuchenden Marion Bock

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Sprache(n) verbinden – Spracharbeit mit Geflüchteten

Thomas Fritz

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Fremdsprachenlernen und -lehren für den Beruf bei Migrant/innen und Flüchtlingen

Michel Lefranc

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Fördermöglichkeiten im Programm Erasmus+ Erwachsenenbildung

Karin Hirschmüller und Madalena Bragança Fontes-Sailler

EPALE 60

EPALE – Was haben Sie davon?


4 | © OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger


Editorial – Team EPALE

Die europäische Dimension der Erwachsenenbildung In der Erwachsenenbildung bestimmt der wechselseitige Austausch innerhalb Europas zunehmend den Berufsalltag, Digitalisierung und Internationalisierung schaffen neue Möglichkeiten der Vernetzung. Gerade in Hinblick auf die Migrationsentwicklungen der letzten Jahre ist die Erwachsenenbildung besonders gefordert, europäisch-vernetzt auf die neuen Herausforderungen und Chancen zu reagieren. EPALE Österreich leistete auch 2016, im zweiten Jahr der Veranstaltungsreihe »Der Blick über den Tellerrand«, einen Beitrag zur europäischen Dimension in der Erwachsenenbildung: EPALE förderte die qualitätsvolle Arbeit in der Erwachsenenbildung u. a. durch ein EPALE/Erasmus+ Modul im Rahmen des bifeb-Seminar »Evaluierung von Projekten« (November 2016) und ermöglichte den Austausch von Best Practices auf regionaler Ebene im Rahmen einer Veranstaltung in Dornbirn (Dezember 2016). Darüber hinaus wurde mittels Webinaren über die Möglichkeiten des Programms Erasmus+ im Bereich der Erwachsenenbildung informiert. Am 24. November 2016 wurde in Kooperation von EPALE und Erasmus+ Erwachsenenbildung eine thematische Veranstaltung organisiert. Die Veranstaltung fand in magdas Hotel statt, ein von der Caritas ins Leben gerufener sozial-ökonomischer Betrieb, in dem Menschen aus 14 Nationen mit den unterschiedlichsten Lebens­geschichten arbeiten und der einen hervorragenden Rahmen für die Veranstaltung bot. Die vorliegende Publikation ist dieser Konferenz »Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration: Die aufnehmende Gesellschaft im Fokus« gewidmet.

EPALE Österreich dankt allen Personen, die als Vortragende und Expert/innen zum Gelingen der Veranstaltung und zu der vorliegenden Publikation beigetragen haben. © OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Alle Präsentationen der Konferenz, der vorgestellte Kurzfilm »I regret nothing« (https://vimeo.com/154156798, FH Joanneum, Studiengang Informationsdesign) sowie die Diskussionen inner­ halb der sogenannten »Ideenpools« sind in den eigens dafür eingerichteten »Communities of Practice« (COP) auf der europäischen Ewachsenenbildungsplattform EPALE nachzulesen. Diese COP bieten die Möglichkeit, die auf der Konferenz angestoßenen Diskussionen online fortzusetzen.

Eine interessante Lektüre wünscht das Team von EPALE Österreich Carin Dániel Ramírez-Schiller Eva Baloch-Kaloianov Katrin Handler Andreas Koreimann

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EINLEITENDE WORTE

© OeAD-GmbH/ APA-Fotoservice/Hörmandinger

zum Tagungsband – basierend auf den Eröffnungsworten der Veranstaltung

Regina Rosc Bundesministerium für Bildung

Regina Rosc studierte Germanistik und Romanistik an der Karl-­FranzensUniversität Graz. Nach Unterrichts­ tätigkeit in Paris und Wien sowie journalistischer Arbeit, ist sie seit 1987 Mitarbeiterin der Abteilung Erwachsenenbildung des Bundes­ ministerium für Bildung. Sie ist zuständig für die Bereiche Basis­ bildung, Migration und Gleich­ stellung. Rosc ist Initiatorin des Portals erwachsenenbildung.at und des Onlinemagazins erwachsenenbildung.at Kontakt regina.rosc@bmb.gv.at www.erwachsenenbildung.at

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Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration Regina Rosc

Der Einladung zur Veranstaltung »Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration« sind internationale Fachleute gefolgt und haben für die vorliegende Publikation spannende Beiträge verfasst. Die Themen Flucht und Migration sind hochaktuell. Die Themensetzung der Veranstaltung war in diesem Zusammenhang der wichtige und konstruktive Zugang, sich mit der aufnehmenden Gesellschaft zu befassen. Die auf den Vorträgen und Workshops basierenden Beiträge beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten von Flucht und Migration. Zur Einstimmung auf die Lektüre soll auf Erwachsenenbildungsmaßnahmen hingewiesen werden, die aus Sicht des Bildungsministeriums (BMB) von großer Bedeutung sind, wobei es – vorweg gesagt – um weit mehr als ums Deutsch lernen geht: Ein verbreiteter, populistischer Standpunkt besagt, dass Migrantinnen, Migranten und alle Geflüchteten zunächst und vor allem »richtiges« Deutsch lernen müssen. Nur gute Sprachkenntnisse ermöglichen beste Integration, und Integration ist die individuelle Bringschuld der Zugewanderten. Was das für die betroffenen Personen bedeutet, darüber wird nicht reflektiert. (Welcher Politiker, welche Journalistin hat schon einmal Dari oder Farsi gelernt – und das bitte mindestens bis zum B1 Niveau und möglichst schnell?!) Auch perfektes Deutsch ist keine

Garantie für einen Arbeitsplatz, für gesellschaftliche Anerkennung und Partizipation. Entsprechende Bildungsangebote sind zweifellos wichtig, noch wichtiger ist es aber, den Blick auf gesellschaftliche Strukturen zu richten, die Ungleichheit produzieren, die Zugangsbarrieren errichten und die diskriminierend wirken. Nicht die Integration von Migrantinnen, Migranten und Geflüchteten in die Mehrheits­ bevölkerung sollte im Fokus stehen, sondern Chancengerechtigkeit für alle Menschen, ungeachtet ihrer ethnischen und sozialen Herkunft.

Welchen Beitrag leistet nun die österreichische Erwachsenenbildung, um Chancengerechtigkeit zu erhöhen, Barrieren abzubauen und wie sieht es mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit aus? Initiative Erwachsenenbildung Seit Jänner 2012 läuft das von Bund und Ländern geförderte Programm »Initiative Erwachsenenbildung«, das das kostenlose Nachholen grundlegender Bildungsabschlüsse inklusive Basisbildung ermöglicht und sich vor allem an benachteiligte Personen richtet. Ca. 70 % der Teilnehmenden haben Migrationshintergrund. Eine dritte Programmperiode wird derzeit vorbereitet.

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Neben Bildungsangeboten fördert das BMB seit Jahren Entwicklungs- und Forschungsprojekte im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (esf). In mehrjährigen Projektnetzwerken wurden und werden Themen der Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft behandelt. Ein Förderkriterium ist, dass Einrichtungen der EB, spezifische NGOs die sich an Menschen mit Migrationserfahrung richten und die Wissenschaft ein Projektnetzwerk bilden müssen. Die kooperative Arbeit in den Projekten lieferte bzw. liefert wesentliche Bei­ träge für eine nachhaltige Erwachsenenbildung: Rubia Salgado, Thomas Fritz und Regina Rosc (v. l. n. r.)

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Projekte setzen sich mit »Mehrsprachigkeit« im Kontext von Migration auseinander; Ergebnisse fließen in die Basis­ bildungsarbeit ein und werden umgesetzt.

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Die Bildungsbeteiligung von Frauen mit Migrationshintergrund in ländlichen Regionen wird gestärkt durch Ansätze der Community Education. Die »Freien Radios« fungieren als Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Leben, Teilnehmerinnen entwickeln regionale Sprachlernangebote und Radiosendungen.

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Bildungswünsche von Migrant/innen der 2. Generation werden erforscht, daraus entstehen Empfehlungen und Handlungsoptionen für die Erwachsenenbildung.

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Vereinfachte Instrumente zur Berufsorientierung für Menschen mit Migrationserfahrung liegen vor; eine frühzeitige Karriereplanung erhöht die Motivation Deutsch zu lernen, eine open source Lernplattform steht für die Zielgruppen zur Verfügung.

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Eine Bestandsaufnahme und Analyse der Rolle von NGOs, die von Migrantinnen und Migranten getragen werden, wird durchgeführt. Ihre Integrationsleistung auf Gemeinde­ebene und ihre Potentiale werden erhoben. Darauf aufbauend wird ein Profil für Bildungsexpertinnen und -experten und eine entsprechende Ausbildung erarbeitet. Diese Ausbildung

© OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Bildung für junge Flüchtlinge Ein weiteres Förderprogramm des BMB – »Bildung für junge Flüchtlinge« – richtet sich an jugendliche Asylwerber und Asylwerberinnen; auch hier geht es um das Nachholen von grundlegender Bildung. Die Nachhaltigkeit beider Programme spiegelt sich in für das BMB wesentlichen Prinzipien wieder – ich möchte nur einige nennen:

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Die Vermittlung von Kompetenzen, die die Handlungsfähigkeit der Teilnehmenden erweitern.

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Die Interessen und Ressourcen der Teilnehmenden sind die Ausgangspunkte für die Angebote.

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Die Autonomie und Selbstwirksamkeit der Teilnehmenden werden gefördert.

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Der Lernprozess erfolgt auf Augenhöhe und ist ein gleich­ berechtigter Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden.

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Politische Bildung, Antidiskriminierung und Antirassismus sind Querschnittsmaterien in allen Lernfeldern.


ermächtigt Vertreter/innen dieser NGOs als interkulturelle Vermittler/innen auf kommunaler Ebene zu agieren. >

Auch im Rahmen des Programms Erasmus+ Bildung werden zahlreiche Projekte gefördert, die wichtige Beiträge zum Thema Flucht und Migration liefern.

Es tut sich also Einiges in der Erwachsenenbildung, es gibt innovative Ansätze, vielversprechende Projektergebnisse und Maßnahmen, die den Zugang zu Bildung, Weiterbildung und Arbeitsmarkt ermöglichen. Dennoch bleibt noch viel zu tun, um die Herausforderungen einer Migrationsgesellschaft zu meistern. Abschließend soll ein Punkt herausgegriffen werden, der ganz wesentlich für gelebte Diversität und damit für eine nachhaltige Erwachsenenbildung ist: Die Erwachsenenbildungseinrichtungen müssen sich öffnen, Ausschlussmechanismen reflektieren, organisatorische und inhaltliche Änderungen initiieren und umsetzen. Besonders wichtig ist es, dass Menschen mit Migrationserfahrung nicht nur als Teilnehmende, als sogenannte Zielgruppe angesprochen werden, sondern dass sie als Akteur/innen, als Lehrende, als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, als Programmverantwortliche, als Leitende auf allen organisatorischen Ebenen der Institutionen aufgenommen werden. Mit ihren Erfahrungen, ihrem Potential, ihrer Mehrsprachigkeit tragen sie zur Öffnung der Institutionen bei.

Wie sollte also die nahe Zukunft einer nachhaltigen Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration aussehen? >

In der Erwachsenenbildung spiegelt sich die vielfältige gesellschaftliche Situation wider: Personen unterschiedlicher Herkunft sind in allen Bereichen und auf allen Ebenen der Bildungssysteme vertreten.

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Bildungsangebote werden von allen wahrgenommen, die Differenzierung »Personen mit oder ohne Migrations­ hintergrund« ist obsolet.

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Mehrsprachigkeit ist ein zentrales Element in den Maßnahmen, auch dort wo Sprache eine Zugangsbarriere darstellt.

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Diskurse über Migration, über Diskriminierung und Rassismus werden auf allen Ebenen der Organisationen, in allen Bildungsbereichen geführt.

Die Beiträge und Workshops der Konferenz waren ein weiterer Schritt in diese Richtung, führten zu spannenden und konstruk­ tiven Diskussionen und spiegeln sich in der vorliegenden Publi­ kation wider.

Die »Leitlinien für die Erwachsenenbildung in der Migrations­ gesellschaft« bieten Orientierung und einen Rahmen für Veränderungsprozesse hin zu einer Öffnung von Einrichtungen der Erwachsenbildung. Die Leitlinien wurden vom Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) auf der Webseite https://migrationsgesellschaft.wordpress.com online gestellt.

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BEITRÄGE

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Die Integration Points für geflüchtete Menschen in Nordrhein-Westfalen

© privat

Wegbereiter der Integration in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt

Hasan Klauser Bundesagentur für Arbeit

Das Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) hat seit 2015 mehr als 250.000 Menschen aufgenommen, die ihre Heimatländer unter anderem auf der Flucht vor Krieg und Terror verlassen haben. Ein erheblicher Anteil dieser Menschen wird zumindest für eine längere Zeit, wenn nicht gar dauerhaft in NRW bleiben. Das stellt eine große Herausforderung dar, bietet aber auch Chancen für den Wirtschaftsstandort und den Arbeitsmarkt in Nordrhein-Westfalen1.

Hasan Klauser ist Bereichsleiter in der Agentur für Arbeit Düsseldorf sowie Berater in der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, Düsseldorf. Seine Aufgabenschwerpunkte in der Agentur für Arbeit Düsseldorf sind u. a. die Projektgruppe »Geflüchtete Menschen«, welche Kooperationen mit Landesministerien, Projekte der vertieften Berufsorientierung und Projekte für Migrant/innen umfasst. Seine Ausbildung beinhaltete das Studium der Psychologie an der Universität Bonn sowie die die Ausbildung zum Vertriebsassistenten (Mannesmann AG in Düsseldorf und Berlin).

Für geflüchtete Menschen ist es nicht leicht, auf dem Arbeits- oder Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Sie müssen lernen, in einem fremden Land mit ungewohntem Alltag, mit neuen Anforderungen und einer für sie ebenso ungewohnten deutschen Behördenstrukturen zurecht zu kommen. Hinzu kommen die größten Hemmnisse für die Integration: fehlende Sprachkenntnisse und Qualifikationsdefizite.

Kontakt hasan.klauser@arbeitsagentur.de www.arbeitsagentur.de

Mit der frühzeitigen Ansprache von Flüchtlingen mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit stellen die lokalen Agenturen für Arbeit und Jobcenter Weichen für den erfolgreichen Berufseinstieg. Die Integration Points übernehmen dabei als Anlaufstelle für

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Den für NRW wichtigen ersten Schritt hat die »Bundesagentur für Arbeit« (BA) durch die flächendeckende Einführung von sogenannten Integration Points gemacht. Dabei handelt es sich um ein neues Angebot für eine neue Kundengruppe. NRW war mit der Einführung dieser Einrichtungen deutschlandweit Vorreiter. Organisiert sind die Integration Points nach dem Modell des »One-Stop-Government«: Unterschiedliche Informations- und Dienstleistungsangebote der öffentlichen Verwaltung werden unter einem Dach zusammengeführt, die Wege und die Bearbeitungszeiten dadurch deutlich verkürzt, die Möglichkeit der Abstimmung unter den Behörden in jedem Einzelfall deutlich vereinfacht. Ziel ist es, die Arbeitsaufnahme geflüchteter Menschen als Schlüssel zur Integration durch enge Zusammenarbeit effizient voranzutreiben. Andere Bundesländer folgen dem Vorbild NRWs mittlerweile.


Beratung und Vermittlung geflüchteter Menschen die Lotsenfunktion: Spezialisten von der Arbeitsagentur, Jobcenter und Kommune (u. a. Ausländerbehörde, Sozialamt, Jugendamt) unterstützen in enger Abstimmung die geflüchteten Menschen auf ihrem Weg in Arbeit und Ausbildung und initiieren zum Beispiel vor Ort frühzeitig Sprach- und Integrationskurse. Dem schnellen Eintritt in Förderprogramme kommt eine entscheidende Bedeutung zu. Die Integration Points erlauben es den Institutionen und weiteren örtlich einbezogenen Organisationen, etwa den Wohlfahrtsverbänden oder ehrenamtlichen Einrichtungen, ihre Angebote und Maßnahmen an einem zentralen Ort, an dem sie und die geflüchteten Menschen zwangsläufig in Dialog treten, zusammenzuführen und aufeinander abzustimmen. Sie bereiten damit den Weg für die erfolgreiche, aktive und wirkungsvolle Integration jedes einzelnen geflüchteten Menschen.

Integration Point © Agentur für Arbeit Düsseldorf

Ein wichtiger Faktor für den Erfolg der Integration Points sind die persönlichen Kompetenzen und Erfahrungen, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbringen. Viele haben besondere Qualifikationen und Erfahrungen, die es ihnen ermöglichen, sich auf die Anliegen der geflüchteten Menschen gut einstellen zu können. Ihr Einfühlungsvermögen und ihr Verständnis ermöglichen es ihnen, gemeinsam den Rat- und Hilfesuchenden passende individuelle Integrationspfade zu finden.

Integration Point gehört zudem die Ausländerbehörde. Die Vermittlungsfachkräfte der BA können durch die enge Zusammenarbeit mit der lokalen Ausländerbehörde geflüchteten Menschen zeitnah und greifbar Transparenz über ihre jeweiligen Zugangsmöglichkeiten zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt herstellen. Der Aufenthaltsstatus spielt eine zentrale Rolle bei der Entscheidung über arbeitsmarktpolitische Fördermaßnahmen und die Rechtskreis­zuordnung (Sozialgesetzbuch2 II oder III) eines Kunden.

Für geflüchtete Menschen ist das mitteleuropäische Behördensystem ein schwer zu überwindendes Hindernis. Auch an dieser Hürde für eine gelungene Eingliederung setzt das Konzept der Integration Points an. Als einheitliche Anlaufstellen bieten sie Geflüchteten Orientierung im gegliederten Behörden- und Sozialsystem der Bundesrepublik. Der Integration Point ist für die Kunden die eine Anlaufstelle mit Wiedererkennungswert und kurzen Wegen, in der sie aufeinander abgestimmte Beratung und Unterstützung durch spezialisierte und qualifizierte Fachkräfte erhalten. Dazu gehört u. a. auch die Anerkennung glaubhaft beigebrachter Zeugnisse und Qualifikationsnachweise. Zu den Kerninstitutionen jedes

Die Dienstleistungsangebote der Arbeitsagenturen und Jobcenter können grundsätzlich von allen Flüchtlingen unabhängig vom Herkunftsland oder der Zugehörigkeit zu einem deutschen Rechtskreis, der sich aus dem jeweiligen Aufenthaltsstatus der geflüchteten Menschen in Deutschland ergibt, in Anspruch genommen werden. So werden geflüchtete Menschen, deren rechtmäßiger und dauerhafter Aufenthalt zu erwarten ist und damit also in absehbarer Zeit ein grundsätzlicher Arbeitsmarktzugang bestehen wird, initiativ durch die Mitarbeiter der Integration Points angesprochen. Derzeit sind dies vor allem Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Iran, Irak und Somalia.

BEITRÄGE

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Plakat für Flüchtlingsunterkünfte © Agentur für Arbeit Düsseldorf

Angebote des Bundes, des Landes und der Bundesagentur für Arbeit greifen schon während des Asylverfahrens © Bundesagentur für Arbeit

Die entscheidende Grundlage für eine nachhaltige berufliche und gesellschaftliche Integration sind ausreichende Sprachkenntnisse. Die in der Regel sieben bis acht Monate dauernden Integrationskurse des »Bundesamt für Migration und Flüchtlinge« (BAMF) stellen einen systematischen Spracherwerb sicher und haben eine fortgeschrittene Sprachverwendung zum Ziel. Das ermöglicht den Anschluss an den deutschen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, wie die duale Berufsausbildung, Hochschule oder den direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt. Wichtig für die Konzeption der Förderprogramme war, dass einzelne Maßnahmen aufeinander abgestimmt werden und gemeinsam eine Förderkette ergeben können. Dabei ist zu beachten, dass die Aufnahme einer Arbeit als Alternative zu einer Maßnahme in den meisten Fällen Vorrang hat. Die Programme erlauben eine individuelle Abstimmung auf die Bedürfnisse und Belange der geflüchteten Menschen. Um einen sehr schnellen Übertritt in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, bieten Arbeitsagenturen und Jobcenter geeigneten Asylbewerberinnen und Asylbewerbern sowie anerkannten Flüchtlingen kombinierte Maßnahmen aus Integrationskursen und arbeitsmarktpolitischen Förderinstrumenten an.

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Die Verzahnung erfolgt in aller Regel so, dass es nicht zu Verzögerungen der regulären Sprachkursdauer kommt. Zum Beispiel kann der Vormittag dem Erwerb der Sprache, der Nachmittag der beruflichen Qualifizierung bei einem Maßnahmenträger oder einem Arbeitgeber dienen. Konsens unter den Akteuren in der Bundesrepublik Deutschland ist, dass die Grundlage einer erfolgreichen gesellschaftlichen Ein­ gliederung geflüchteter Menschen die Integration in den Arbeits­ markt ist. Beide Formen von Integration können nur durch gemeinschaftliche Zusammenarbeit erfolgreich gestaltet werden – Integration ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Auf dieser Einsicht gründend haben sich auf lokaler und regionaler Ebene stabile Netzwerke aus Arbeitsverwaltung, Kommunen, Wirtschaft, Wohlfahrtsverbänden und Gewerkschaften etabliert. Zum Teil konnten schon früh bestehende und langjährige Strukturen revitalisiert werden, was den Ausbau der Netzwerke erheblich beschleunigt hat. Moderator dieser strategischen Partnerschaften und der Weiterentwicklung des Integrationsprozesses sind in der Fläche die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter.


Dadurch, dass Unternehmensverbände, Kammern und Bleiberechtsnetzwerke an einem Strang ziehen, ist nicht nur der Kontakt der Arbeitsverwaltung zu geflüchteten Menschen intensiver und vor allem dichter geworden, sondern die Zusammenarbeit mit Unternehmen vor Ort, deren Engagement ein Schlüssel zur Einbindung der Flüchtlinge in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist, konnte deutlich von diesen Netzwerken profitieren und wird auch in Zukunft weiter ausgebaut. Ungeachtet des intensiven Engagements aller Akteure wird es für viele geflüchtete Menschen ein langer Weg in zukunftssichere Arbeit und gesellschaftliche Integration. Der realistische Blick ist für die Planung arbeitsmarktpolitischer Programme zentral. Sechs bis zwölf Monate Integrationskurs, sechs bis 18 Monate Ausbildungsvorbereitung und bis zu 42 Monate Ausbildung: Für Zuwanderer werden fünf Jahre vom Beginn des Integrationskurses an, eher die Regel denn die Ausnahme sein, um in Deutschland Fuß zu fassen. Selbst dann werden für diejenigen mit geringerer Qualifikation, immerhin rund 30 Prozent der 35 bis 65-Jährigen, zumindest mittelfristig nur Tätigkeiten auf dem Anforderungsniveau einer Hilfsarbeitskraft in Frage kommen, also vor allem typische Tätigkeiten für An- und Ungelernte. Auch diejenigen, die einen höheren formalen Abschluss aus ihrer Heimat mitbringen und deren Qualifikation in Deutschland gefragt ist, werden ihre Zeit brauchen, dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Wenn es allen beteiligten Partnern gelingt, die Menschen tatkräftig in ihrem Bemühen zu unterstützen, auf dem deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarkt anzukommen, wenn es gelingt, diesen Menschen individuell zur Seite zu stehen und sie darin zu unterstützen, sich mit ihren Talenten und ihren mitgebrachten Kompetenzen in einem neuen beruflichen Leben zu etablieren, werden aber letztlich alle Beteiligten profitieren.

1 Mit rund 17,9 Millionen Einwohnern ist Nordrhein-Westfalen das bevölkerungs-

reichste deutsche Bundesland. 29 der 77 deutschen Großstädte liegen in seinem Gebiet. 2 Im deutschen Sozialgesetzbuch (SGB) finden sich die Regelungen zum Sozial-

recht. Das SGBII bspw. enthält die Förderung (inkl. finanzieller Förderung) von erwerbsfähigen Personen und deren Angehöriger, soweit diese über kein (ausreichendes) Arbeitseinkommen verfügen. Das SGB III wiederum betrifft Leistungen der Bundesagentur für Arbeit (BA), wie Arbeitsvermittlung und Leistungen bei Arbeitslosigkeit.D69E

BEITRÄGE

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»Reden auf gleicher Augenhöhe«

© OeAD-GmbH/ APA-Fotoservice/Hörmandinger

EPALE Österreich führte mit Muhammad Kasem, dem Gründer der Facebook-Plattform »Austriainarabic« ein Interview.

Herr Kasem, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Facebook-Plattform zu gründen?

Muhammad Kasem ZeMiT

Muhammad Kasem ist Betriebswirt (MBA), stammt aus Syrien und ist seit zwei Jahren in Österreich. Er arbeitet als Berater bei ZeMiT, AST – Anlaufstelle für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen für Tirol und Vorarlberg. Das von ihm gegründete Facebook-Portal »Austriainarabic« bietet den über 35.000 Followern auf Arabisch integrationsrelevante Informationen zu Österreich. Kontakt muhammad.kasem@zemit.at www.facebook.com/Austriainarabic ‫ النمسا‬Austria

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Ich musste wie viele mein Heimatland Syrien verlassen. Als ich in Österreich ankam, war ich ganz allein in einem Land, wo ich keinen kannte, die Sprache nicht beherrschte und keine Ahnung vom System hatte. Als ich einmal eine Frage an meine Mitbewohner/innen stellte, die vor mir in Österreich angekommen waren, bekam ich sehr unterschiedliche Antworten und stellte fest, dass keiner das System versteht und es viele falsche Informationen und Gerüchte gibt. Ich fragte nach, wer für solche Fragen zuständig ist, ging direkt zur zuständigen Behörde und bekam eine ganz andere Auskunft als zuvor. Ich hatte den Vorteil, dass ich Englisch konnte. Wie jeder weiß, dürfen Asylwerber/innen während des Asylverfahrens nicht arbeiten, es war also auch für mich unmöglich. Ich brauche aber immer eine Beschäftigung und beschloss, anderen Flüchtlingen zu helfen. Ich habe viele Mitbewohner/innen im Flüchtlingsheim begleitet als Dolmetscher zu Behörden, Ärzten usw. Damals konnte ich nur Englisch und einmal habe ich jemanden begleitet, der einen Termin beim Roten Kreuz hatte, um einen Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen. Und hier kam mir die Idee, dass ich mich freiwillig als Dolmetscher beim Roten Kreuz melde. Nach ein paar Terminen hatte ich alle Informationen zum Thema »Familienzusammenführung« gesammelt und gepostet, damit ich mehr Leute erreichen und anderen Leuten helfen kann, über meinen Kreis hinaus.


Screenshot Facebook © www.facebook.com/Austriainarabic/?pnref=lhc, 30. November 2016

Ich hatte viele Herausforderungen, als ich vor zweieinhalb Jahren nach Österreich gekommen bin. Jeden Tag musste ich eine neue Lösung finden. Dann dachte ich: »OK, ich habe diese Probleme gelöst, aber es gibt noch viele andere, die jeden Tag mit diesen Problemen konfrontiert sind.« Deshalb gründete ich vor zwei Jahren das Facebook-Portal »Austriainarabic« (www.facebook.com/Austriainarabic), das arabisch sprechenden Flüchtlingen hilfreiche Informationen für alltägliche Probleme bietet. Am Anfang musste ich viele Themen in Deutsch lesen und versuchen zu verstehen und dann, um sicher zu sein, nochmals in Englisch lesen und dann ins Arabisch übersetzen, das hat mir sehr geholfen, die Sprache schnell zu lernen. Meine Lieblingswebsite war »HELP.gv.at« und über manche Themen habe ich aus eigener Erfahrung geschrieben. Irgendwann konnte ich die vielen Anfragen nicht mehr bewältigen.

Was kann man auf Ihrer Plattform finden? Die Plattform erklärt zum Beispiel, wie man schneller Deutsch lernen kann. Ich habe ein ganzes Archiv erstellt, wie Flüchtlinge schon vor dem Asylbescheid einen Deutschkurs bekommen können, wie sie Wohnungen und hilfreiche Organisationen finden, kostenlose Deutschkurse. Weiters Hinweise zu »Wo gibt‘s was?«, ÖBB und

Sparschiene, Flohmarkt, Studienmöglichkeiten, Staatsbürgerschaft, Asylverfahren, die Verwaltung Österreichs, die Bundesländer, politische Situation, Familienzusammenführung, Lehre und Berufe, Anerkennung, Integrationstipps usw. Die Plattform informiert, an wen man sich wenden sollte, wenn man eine bestimmte Frage hat oder, wenn wir, die Betreiber der Plattform, nicht weiterhelfen können, und wie man Abläufe einfach besser bewältigen kann. Es geht auch um unsere Perspektive: Wir sehen eher, was Flüchtlinge wollen. Wir reden mit den Menschen auf gleicher Augenhöhe.

Sie haben nun über 35.000 Follower, wie bewältigen Sie das? Als ich die Facebook-Seite gegründet habe, ist sie so schnell gewachsen, dass ich das nicht mehr allein machen konnte. Ich bekam täglich viele Anfragen und Nachrichten. Ich brauchte also Hilfe. Ich habe gefragt, ob jemand mitmachen will, und dann hat mir Sobhi Aksh eine Nachricht geschickt, dass er gern dabei sein möchte. Ich habe ihn am Anfang getestet und nicht zum Admin der Seite gemacht, weil ich sicher sein wollte, dass keine falsche Information dargestellt wird. Ich habe gehofft, dass sich mehrere Freiwillige finden, zumindest eine Person pro Bundesland, damit wir laufend alle neuen Infos von allen Bundesländern darstellen können. Bis jetzt sind es aber nicht mehr Administratoren geworden, da auch hier die Frage der Qualität der Information sehr wichtig ist. Ich lebe in Tirol, Sobhi Aksh lebt in Wien. Wir haben ein Jahr miteinander gearbeitet, ohne dass wir einander getroffen haben. Das Brainstorming haben wir übers Telefon gemacht. Wir machen auch Videos zu unterschiedlichen Themen, denn mit Videos kann man besser erklären als schriftlich. Sobhi hat Info-Videos beigesteuert und war bei mehreren Veranstaltungen, die in Wien stattgefunden haben, als Vertreter der Seite.

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Diskussion

Muhammad Kasem

© OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

© OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Wir haben teilgenommen an der »Willkommenskultur« in Wien im Herbst 2015 und haben ein Video gedreht, das 3 Millionen Leuten erreicht hat.

Kollegen weiß ich, was die Leute hier denken. Außerdem arbeite ich noch für den »Tiroler Sozialen Dienst«, wir sind eine Tochter des Landes Tirol und zuständig für die Grundversorgung. Dort arbeite ich in der Abteilung für Klienten-Management und wegen dieser beiden Jobs habe ich für »AustriainArabic« (www.facebook. com/Austriainarabic) kaum mehr Zeit.

Die Beratung von Flüchtlingen ist mittlerweile auch Ihr Brotberuf … Da ich viele Flüchtlingen zur Behörden begleitet habe und im sozialen Bereich sehr engagiert bin, habe ich viele Leute kennengelernt, mein Gesicht wurde bekannt und durch meine Fähigkeiten und Kontakte habe ich gleich nach Erhalt des Aufenthaltstitels einen Job gefunden und dann noch einen zweiten Job. Bei meiner Arbeit im Zentrum für Migranten in Tirol (ZeMiT, bietet soziale und arbeitsmarktpolitische, mehrsprachige Beratung an) habe ich täglich Erfahrungen mit Klient/innen. Und ich kenne beide Seiten. Über die Arbeit mit den einheimischen Kolleginnen und

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Bei ZeMiT kümmere ich mich um den Bereich Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Manche Flüchtlinge sind gut ausgebildet, haben zum Beispiel schon als Arzt gearbeitet. Sie haben aber keine Ahnung, wie sie das in Österreich machen können, das Thema Anerkennung ist sehr kompliziert. Ein Anwalt aus Syrien zum Beispiel kann seinen Beruf hier nicht einfach so ausüben. Er hat andere Gesetze gelernt. Daher braucht er eine Perspektive: Entweder ein neues Studium, was nicht einfach ist, oder eine Arbeit in einem anderen Bereich. Ich selbst bin auch ein Beispiel, ich habe ein Masterstudium in Betriebswirtschaft abgeschlossen und jetzt arbeite ich als Berater!


Wie ist die Resonanz auf die Beiträge Ihrer Plattform? Unsere erste Reportage war das Traiskirchen-Video. Es hat schon mehr als 50.000 Aufrufe, auch das Interview mit der jetzigen Staatssekretärin Muna Duzdar auf Arabisch haben sehr viele gesehen, da ging es um »Asyl auf Zeit«. Wir haben auch Interviews mit Anhängern der FPÖ gemacht und sie gefragt, warum sie gegen Flüchtlinge sind. Die Antworten waren sehr unterschiedlich.

Was ist das Anliegen der Personen, die Ihre Plattform nützen? Fast jeder Flüchtling ist traumatisiert und kann sich noch nicht in diese Gesellschaft integrieren. Es gibt eine Lücke zwischen ihm und der Gesellschaft und er kann diese Lücke noch nicht ausfüllen. Wir arbeiten daran, diese Lücke auszufüllen. Wir versuchen als Brücke zu funktionieren zwischen den beiden Seiten, ich schreibe auf Facebook, was die Einheimischen von den Flüchtlingen erwarten und wenn ich zu einer Veranstaltung eingeladen wurde, habe ich die Flüchtlinge gefragt, was ich als Botschaft übermitteln soll und dann gebe ich das wieder, was Flüchtlinge sagen wollen. So war ich beispielsweise auch beim europäischen Mediengipfel in Lech im Dezember 2015 als Referent. Es gibt schon viele gute Initiativen, aber aus unterschiedlichen Gründen erreichen sie leider ihre Zielgruppe nicht. Unser Ziel ist es, dass die Flüchtlinge über diese Initiativen Bescheid wissen. Wir erreichen mehr Leute, weil wir genau wissen, was die Flüchtlinge brauchen und wir reden mit ihnen auf gleicher Augenhöhe. Deswegen habe ich eine Facebookgruppe und nicht eine Webseite gegründet, weil ich weiß, dass die meisten von ihnen ein Mobiltelefon besitzen und keinen Computer.

Welches Thema steht bei Ihnen derzeit im Vordergrund? Ich arbeite jetzt an einem Projekt, das dazu beitragen soll, dass sich Österreicher und geflüchtete Menschen aus dem arabischen Raum besser kennenlernen, was das Verhalten in Alltagssituationen und bestimmte gesellschaftliche Aspekte betrifft (z. B. Grüßen, Duzen oder Siezen, Termine ausmachen, Gastfreundschaft, Humor, etc.). Missverständnisse, die aus kulturellen Unterschieden und andersartigen Denk- und Handlungsmustern erwachsen, sind oft Grund für gegenseitige Ablehnung und für Missgunst gegenüber den sogenannten »Ausländern«. In humoristisch anregender Weise werden in kurzen Videoclips Situationen skizziert, die unterschiedliche Aspekte des Umgangs und der Kommunikation im Alltag ansprechen. Die Idee zu diesem Projekt entstand im Rahmen der Erfahrungen, die ich sowohl persönlich als syrischer Flüchtling, als auch danach in meiner Arbeit gemacht habe. Durch die Videoclips werden folgende Ziele verfolgt: >

Beide Kulturkreise erfahren, wie die jeweils »Anderen« im Allgemeinen und üblicherweise denken und handeln.

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Den Flüchtlingen vermitteln, wie sie sich hier verhalten können und sollen, ohne dass diese Informationen diskriminierend, als Befehl oder als eine autoritäre Struktur erlebt werden.

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Den Österreicher/innen die Möglichkeit geben, neue Kulturen kennenzulernen.

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Es wird mehr Verständnis für den jeweils »Anderen« erzeugt, denn was für mich selbstverständlich ist, ist für den anderen vielleicht nicht so.

BEITRÄGE

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Viele geflüchtete Menschen haben den Wunsch, sich in die Gesellschaft, die sie aufgenommen hat, einzubringen, etwas zurückzugeben, mitzugestalten. Dazu braucht es die Fähigkeit, gut zu kommunizieren. Als Flüchtling habe ich selbst erfahren müssen, dass es dazu mehr braucht als nur Sprachkenntnisse: Gesellschaftliche Konventionen und übliche Umgangsformen stehen nirgends geschrieben, – auch ich habe die Kenntnis darüber erst in vielen selbst durchlebten Situationen langsam erwerben müssen. Ich musste zum Beispiel lernen, dass man sich in Österreich – anders als bei uns in Syrien – beim Grüßen in die Augen schaut, wie wichtig Pünktlichkeit ist, Tabuthemen (Was darf ich fragen? Was gilt als impertinent? Was hier als privat gilt, gilt bei uns in Syrien teilweise nicht als privat, was bei uns als privat angesehen wird, ist in Syrien vielleicht nicht privat … usw.) In Österreich ist Pünktlichkeit ein wichtiger Wert. In Syrien ist es kein großes Thema, wenn jemand einmal 15 Minuten später kommt. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber es gibt tausend andere. Die Einheimischen erwarten, dass man sich in so kurzer Zeit integriert, aber keiner zeigt den Leuten, wie man es machen soll. Das will ich übernehmen. Dieses Projektteam besteht nun aus zwei ehemaligen Flüchtlingen und vier Tirolern und Tirolerinnen. Ich hoffe, dass wir noch Freiwillige dazu bekommen, die beim Projekt mitmachen wollen oder finanzielle Unterstützung, damit wir dieses Projekt umsetzen können.

Das Interview hat Eva Baloch-Kaloianov, EPALE Österreich, mit Muhammad Kasem geführt.

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Die asylkoordination österreich (www.asyl.at) ist seit ihrer Gründung vor 25 Jahren im Bereich der schulischen Bildung und Erwachsenenbildung tätig. Einerseits um Österreicherinnen und Österreichern die Situation von Menschen auf der Flucht sowie von Schutzsuchenden in Österreich näherzubringen, andererseits um durch gezielt antirassistische Bildungsarbeit Mechanismen rassistischer Konstruktionen sowie Mechanismen von Vorurteilen und Diskriminierung erkenn- und verstehbar zu machen. Antirassistische Bildungsarbeit will weitergehen als Toleranz- oder Integrations­ pädagogik und beschäftigt sich mit institutionellem Rassismus (von dem unter anderem Flüchtlinge stark betroffen sind), zu Grunde liegenden Machtverhältnissen sowie alltäglichen Ausformungen struktureller Rassismen.

© OeAD-GmbH/ APA-Fotoservice/Hörmandinger

Können Solidarität und Toleranz gelehrt werden?

Herbert Langthaler asylkoordination österreich

In unserer Arbeit verwenden wir mehrere Trainingsformate, die im Folgenden kurz besprochen werden sollen.

Argumentationstraining gegen Stammtischparolen Dieses Trainingsformat wurde von dem deutschen Erwachsenenbildner Klaus Peter Hufer entwickelt und von der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung 2002 nach Österreich gebracht. Das »Argumentationstraining gegen Stammtischparolen« ist weder ein Rhetoriktraining noch geht es um Schlagfertigkeit, sondern es ist ein Format, das in erster Line auf den Erfahrungen der Teilnehmenden aufbaut und mit ihren persönlichen Ressourcen arbeitet. Stammtischparolen (STP), diese »in Worte gefassten Vor­ur­teile« (Hufer), treffen uns oft unvorbereitet im Kreise von Menschen, die wir schätzen (Stammtisch, Familie, Kolleginnen oder Kollegen) oder im öffentlichen Raum. Mit solchen Sprüchen konfrontiert, verfallen viele Menschen in eine Art Schock­starre oder lassen

Herbert Langthaler ist Sozial­ anthropologe und Journalist. Er arbeitet seit über 20 Jahren im Flüchtlingsbereich als Vorstands­ mitglied und Mitarbeiter der asylkoordination österreich und als Chefredakteur der Fachpublikation asyl aktuell. Er arbeitet seit 1999 als Trainer in verschiedenen Programmen der antirassistischen Bildungsarbeit. Kontakt langthaler@asyl.at www.asyl.at

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»Stationen einer Flucht« und »Rechtsweg Asyl« »Stationen einer Flucht« und »Rechtsweg Asyl« sind zwei Planspiele, bei denen die Teilnehmer/innen in die Rolle von Flüchtlingen, aber auch von Beamtinnen und Beamten oder Flüchtlingsberater/innen schlüpfen. Bei »Stationen einer Flucht« (entwickelt vom UNHCR) arbeiten wir mit Co-Trainer/innen, die selbst Flucht­ erfahrungen gemacht haben und authentisch von ihren Erfahrungen berichten können. Diese Kombination aus selbst erleben (Rollenwechsel) und sehr unmittelbarem Bericht von »Betroffenen« (Begegnungspädagogik) hat sich als äußerst effizient erwiesen. Ideen- und Networkingpool 1 »Politische Bildung« mit Herbert Langthaler © OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

sich auf end- und fruchtlose Debatten mit Personen ein, denen es meist nicht um Diskussion von Problemen, sondern um Ressentiments geht. Meist ist auch der Umgang mit den eigenen Emotionen (Ärger, Angst …) ein Problem. Dieses »Versagen« wird meist verdrängt und bei der nächsten Gelegenheit wiederholt sich das selbe Muster – zurück bleibt ein Gefühl der Hilflosigkeit.

»Rechtsweg Asyl« hat sich als eine Methode zur Vermittlung rela­ tiv komplexer rechtlicher Zusammenhänge und bürokratischer Verfahren sehr bewährt. Das Planspiel wurde von der asylkoordination österreich entwickelt und in den letzten 24 Jahren immer wieder an die wechselnden gesetzlichen Vorgaben adaptiert.

Antirassismus-Workshops »Was tut uns der Rassismus an?«

Bei einem ein- bis eineinhalbtägigen »Argumentationstraining gegen Stammtischparolen« wird anfangs relativ viel Zeit darauf verwendet herauszufinden, worin das Phänomen STP besteht und was es so schwierig macht, auf solche Parolen zu reagieren. Schließlich werden konkrete Parolen (»DIE nehmen uns die Arbeitsplätze weg« »DIE belästigen UNSERE Frauen« usw.) gesammelt. Im zweiten Teil des Trainings werden in Form eines Rollenspiels (am Stammtisch drei gegen drei) Strategien gegen Stammtischparolen gesammelt und bei weiteren »Stammtischrunden« erprobt. Am Ende stehen eine intensive Erfahrung und ein Katalog an Strategien.

Grundlagen dieser Workshops sind in erster Linie antirassistische Trainingsformate, die in den späten 1990er und 2000er Jahren entwickelt wurden als Reaktion auf die um sich greifenden (vor allem kulturalistischen) neuen Rassismen und das Erstarken rechtsnationalistischer autoritärer Parteien. Namentlich waren die Erfahrungen und die Arbeit mit den verschiedenen Trainings­ programmen der US-amerikanischen Menschenrechtsorganisation ADL (Anti-Defamation League) sehr fruchtbar. Ich habe auf Einladung von ADL gemeinsam mit sieben Kolleginnen und Kollegen im Jahr 2000 in den USA eine Ausbildung als »A World of Difference«-Trainer erhalten.

In das Training eingestreut werden theoretische Grundlagen wie die Theorie der kognitiven Dissonanz, Entstehung und Funktion von Vorurteilen oder Theorien zu Autoritarismus und Aggression.

Wichtig war auch der Austausch mit Susanne Ulrich. Zum Beispiel lernten wir so das Programm »Achtung (+) Toleranz« kennen, das 1997–2000 von Susanne Ulrich am Centrum für angewandte

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Politikforschung (C·A·P) in München entwickelt worden war. Ein anderes Trainingsformat, das wir durch die Vermittlung von Su­ sanne Ulrich kennenlernen durften: »Betzavta« ist ein Programm zur Demokratie-, Toleranz- und Menschenrechtserziehung des ADAM-Institut für Demokratie und Frieden in Jerusalem. Schließlich verwendeten und verwenden wir auch Elemente aus dem Trainingsmanual »Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit« des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Aus den verschiedenen Modulen und Übungen haben wir im Laufe der Jahre mehrere Workshops von dreistündigen Interventionen bis zu mehrtägigen Trainings für Multiplikator/innen erarbeitet.

Einige grundlegende Fragen zur Weiterentwicklung von entsprechenden Bildungsangeboten beschäftigen uns: >

Wen erreichen wir überhaupt?

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Welche Inhalte müssen für welche Zielgruppe aufbereitet werden?

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Was können wir mit unseren Interventionen erreichen?

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Wie erreichen wir Menschen mit einem »anderen« Weltbild?

Wichtige Konzepte und Theorien, die in die antirassistischen Workshops einfließen sind: verschiedene Rassismustheorien, Critical Whiteness Theory, Intersectionality, Diskussionen über Interkulturalität und Interkulturelle Öffnung, etc. Besonders wichtig ist ein kritisches Hinterfragen von Konzepten wie »Identität« und »Kultur« (ich spreche nicht mehr von »Kultur«, sondern von »Herkunftskontexten«) oder »Integration«. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren der Eindruck verstärkt, dass wir mit diesen zum Teil 20 Jahre alten Trainings nicht mehr den Problemen und Erfahrungen der postmigrantischen1 Gesellschaft des Jahres 2016 gerecht werden. Auf den sozialen und demographischen Wandel aber auch auf die neuen Erscheinungsformen von Rassismus müssen wir reagieren. Daher werden wir im kommenden Jahr unsere Antirassismus-Trainings in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen anderer Einrichtungen neu konzipieren.

Vorträge zu Migration Vorträge zu Migration wie »Wanderungsraum Europa« oder grundlegende Informationen zum österreichischen Asylregime ergänzen das Angebot der Erwachsenbildung der asylkoordination österreich.

1 »Postmigrantisch« bedeutet nicht, dass es keine Migration gibt. Allerdings ist es

durch Migration in den vergangenen fünfzig Jahren zu sozialen und politischen Transformationen, Konflikten und Identitätsbildungsprozessen kommt, die auch zu neuen veränderten Erscheinungsformen von Rassismus geführt haben.

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Über die Möglichkeit, Toleranz und Solidarität lehren

Davon wissen wohl alle Eltern ein sprichwörtliches Lied zu singen. Halten wir also an dieser Stelle fest, dass alle Menschen in ihrer frühkindlichen Phase diesem Lehrprozess unterworfen werden und diesen Lernprozess notwendigerweise vollziehen müssen, wollen sie in einem gesellschaftlichen Gefüge auf Dauer leben und überleben können. Die kritiklose Übernahme des gesellschaft­ lichen Wertesystems durch das Kind lässt in dieser Lebensphase wohl kaum eine Wahlfreiheit zu.

Joachim Gruber Bildungshaus Schloss Retzhof

© www.tg-graphiczone.com

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Kann Toleranz und Solidarität gelehrt werden? So lautete die Fragestellung, zu der wir aufgefordert wurden, einige Gedanken beizutragen. Die Fragestellung kann zunächst einmal mit einem knappen »Ja!« beantwortet werden. Der frühkindliche Sozialisierungsprozess zielt unter anderem ganz wesentlich darauf ab, diese Fähigkeiten zu lehren und erlernbar zu machen. Kleinkinder sind bekanntlich nicht von Geburt an tolerant und solidarisch. Erst in einem oft mühevollen Erziehungs- und Sozialisierungsprozess muss diese Fähigkeit und Fertigkeit erlernt werden.

Polonca Kosi Klemenšak Bildungshaus Schloss Retzhof

Joachim Gruber promovierte im Bereich Erziehungs- und Bildungs­wissenschaft mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung an der Karl-Franzens-Universität Graz. Er ist Lektor an der Universität Graz in den Bereichen Management und Qualitätsmanagement in der Weiterbildung. Seit 1999 ist er Direktor des Bildungshauses des Landes Steiermark, Schloss Retzhof.

Polonca Kosi Klemenšak studierte Germanistik an der Pädagogischen Fakultät in Maribor sowie Erwachsenenbildung an der Universität Klagenfurt. Sie ist seit 2006 im Bildungshaus des Landes Steiermark, Schloss Retzhof für das pädagogische Programm, EU-Projekte sowie andere grenzüberschreitende Maßnahmen zuständig. Die Slowenin, die täglich über die Grenze pendelt, spricht neben ihrer Muttersprache fließend Deutsch und Englisch.

Kontakt joachim.gruber@stmk.gv.at | www.retzhof.at

Kontakt polonca.kosi-klemensak@stmk.gv.at | www.retzhof.at

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Der Retzhof

Polonca Kosi Klemenšak

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© OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Eine etwas andere Dimension nimmt die Fragestellung mit zunehmendem Alter des Individuums und seiner ebensolchen Kritik­ fähigkeit und Wahlfreiheit an. Es stellen sich Fragen wie: »Toleranz und Solidarität – wem und was gegenüber?« »Welchen gesellschaftlichen Normen und Werten bin ich als Individuum und Teil einer Gesellschaft unterworfen und wie werden in dieser Gesellschaft Toleranz und Solidarität definiert?« »Welches Verständnis eigne ich mir persönlich an und internalisiere sie zum Teil oder vollständig? Wo und wann setze ich letztendlich meine individuellen Grenzen?«

Kommt man zum Thema der Migrationsproblematik, zur sogenannten Flüchtlingskrise, die in Wahrheit ja auch eine Krise des Bewusstseins und der Klarheit über die eigenen Normen und Wertvorstellungen ist, so stellt sich in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung vor allem die Frage nach der Möglichkeit des Verlernens und Umlernens erlernter und mitgebrachter Norm- und Wertsysteme aus anderen Kulturen und Gesellschaftsmodellen.

Überlegenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass Toleranz und Solidarität auch gegenüber Personen und Gesellschaftsformen geübt werden kann, die selber nicht unbedingt den Grundsätzen einer liberalen und offenen Gesellschaft im Stil einer mitteleuropäischen, aufgeklärten und womöglich relativ wohlhabenden Gesellschaft entsprechen müssen. Toleranz und Solidarität sind nicht per se gut. Es gilt also vorab auch zu klären, was im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext darunter verstanden wird.

Folgt man der Einschätzung des deutschen Soziologen und Sozialphilosophen Oskar Negt, so ist die Demokratie die einzige Staatsform, die tatsächlich erlernt werden muss, da man allen anderen unterworfen ist. Kann also demokratisches Denken und Handeln und die damit in enger Beziehung stehenden, in einem demokratischen Verständnis erforderlichen Werte wie Toleranz und Solidarität, gelehrt und erlernt werden? Wir denken, ja.

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Dabei stellt sich die Frage, ob und inwieweit für einen solchen Lehrund Lernprozess ein Informations-, Wissens- und Erfahrungsaustausch sowie die Konzeption von pädagogischen Vermittlungsmodellen (Methodenfrage) im Rahmen von EU-Programmen ihren zielführenden Beitrag leisten können? Auch diese wollen wir mit einer positiven Stellungnahme und Perspektive bezüglich ihrer Wirksamkeit beantworten: Der gegenseitige Austausch und das Diskutieren und Abwägen vor Ort, oft auch kontroverser Standpunkte, erscheinen uns für daran anschließende Konzeptionen und Problemlösungsversuche unverzichtbar. Das unmittelbare persönliche Kennenlernen von Personen und Organisationen mit ihren oft sehr subtilen Mechanismen, die sie letztendlich zu erfolgreichen Best-Practice Beispielen werden lassen, ist durch Fachliteratur und digitale Medien nicht ersetzbar. Ist also Toleranz und Solidarität grundsätzlich lehr- und lernbar? Im Prinzip, ja. Trotz aller konzeptiven und methodischen Raffinessen und Hoffnungen muss jedoch stets daran erinnert werden, dass jeder gelingende Lehr- und Lernprozess ein funktionierendes dialogisches Verhältnis von Lehrendem (auch bei technologisch aufbereiteten Angeboten) und Lernendem voraussetzt. Das Individuum hat die Wahl und bestimmt letztendlich darüber selbst, ob dieser Prozess gelingt und das Angebot angenommen wird oder nicht. Abschließend sei von uns der Gedanke vorgeschlagen, ob das Lehrund Lernziel Toleranz nicht besser durch das der gegenseitigen Akzeptanz ersetzt werden soll.

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Integrationspolitik und Freiwilligenarbeit am Beispiel von StartWien – das Jugendcollege und der Arbeit von Interface Wien

Fotos: © OeAD-GmbH/ APA-Fotoservice/Hörmandinger

Mit »StartWien – das Jugendcollege« besteht seit 1. Juli 2016 ein Bildungsangebot, das an zwei Standorten 1.000 Kursplätze für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 21 Jahren bietet. Es ist ein Projekt das zur Hälfte aus den Mitteln des Europä­ischen Sozialfonds und zur anderen Hälfte vom Arbeits­ marktservice Wien, dem Fonds Soziales Wien und der Magistratsabteilung 17 finanziert wird. Das StartWien Jugendcollege ist an Asylwerberinnen, Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte zwischen 15 und 21 gerichtet.

Das Besondere am StartWien Jugendcollege, das seit Oktober 2016 im Vollbetrieb ist, ist, dass Asylwerber und Asylwerberinnen sowie Asylberechtigte/subsidiär Schutzberechtigte gemeinsam unterrichtet werden mit dem Ziel, die nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen in einem modularen System fit für eine weiterführende (Aus-)Bildung oder den Jobeinstieg zu machen.

Maria Steindl

Margit Wolf

VHS Wien

Interface Wien GmbH

Maria Steindl, Sozial – und Kulturanthropologin, ist verantwortlich für die Gesamtprojektleitung StartWien – Das Jugendcollege (VHS Wien – Lead Partner), vormals Geschäftsführerin des Vereins Interkulturelles Zentrum und Trainerin im Bereich Interkulturelle Kompetenzen, Antidiskriminierung und Diversity Management.

Margit Wolf, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Interface Wien GmbH, hat nach Abschluss ihres Studiums in Geschichte und Sozialkunde sowie Philosophie, Psychologie und Pädagogik (Lehramt) aufgrund ihrer Bildungs- und Berufswege viel Wissen und Erfahrung in der Freiwilligen-, Flucht- und Integrationsarbeit und initiiert(e), plant(e) und leitet(e) Freiwilligenprojekte mit unterschiedlichsten Zielgruppen.

Kontakt maria.steindl@vhs.at | www.vhs.at

Kontakt m.wolf@interface-wien.at | www.interface-wien.at

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Das Netzwerk des StartWien Jugendcolleges

Clearing und Aufnahme

Das Netzwerk des StartWien Jugendcollege ist an zwei verschiedenen Standorten, tätig und besteht aus neun Partnern: Die Wiener Volks­hochschulen GmbH (Gesamtkoordination), WUK-Verein zur Schaffung offener Kultur-und Werkstättenhäuser, Caritas der Erzdiözese Wien – Hilfe in Not, Verein Projekt Integrationshaus, Interface Wien, abz*austria, equalizent, Bildungsinitiative Österreich – Vielmehr für Alle! (PROSA), Berufspädagogische Institut BPI der ÖJAB, das für den Werkstättenunterricht zuständig ist.

Die Zuweisung zum StartWien Jugendcollege ist über zwei Schienen möglich: Anerkannte und subsidiär schutzberechtigte Jugendliche werden über ihre Betreuungsperson beim AMS Wien zum Clearing zugewiesen. Personen im Asylverfahren, die in der Grundversorgung sind, darunter auch privat untergebrachte Jugendliche, kommen über den Fonds Soziales Wien und die MA 17 zum StartWien Jugendcollege.

Neben Training und Beratung haben die Teilnehmer/innen des StartWien Jugendcolleges die Möglichkeit berufspraktische Tage zu absolvieren. Weiters gibt es Spezialangebote wie das Genderund Diversity-Training, das durch das abz*austria durchgeführt wird, sowie Inklusionsangebote durch equalizent.

Bildungsangebot im StartWien Jugendcollege Das Kursangebot im StartWien Jugendcollege umfasst die Kernmodule Basisbildung (Mathematik, Englisch, IKT) und Deutsch sowie Spezialmodule, die je nach Stufe und Vorkenntnissen sowie nach schulischen bzw. beruflichen Bildungszielen kombiniert werden können (z. B. Pflichtschulabschluss, Peer-Dolmetsch und Werkstätte). Weiters gibt es modulbegleitende Angebote, wie sozialintegrative Aktivitäten, Bildungs- und Berufsberatung sowie Unterstützungsangebote. Die durchschnittliche Verweildauer im StartWien Jugendcollege ist neun Monate, der Stundenplan für die Teilnehmer/innen ist immer achtwöchig aufgebaut. Dieser Aufbau ermöglicht Flexibilität und Individualisierung der Ausbildung. Ziel des StartWien Jugendcolleges ist die Vermittlung in eine weiterführende Schule, eine berufliche Ausbildung oder in eine nachhaltige Beschäftigung.

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In der sogenannten zweitägigen »Clearingphase« wird der Bildungsstand (Mathematik, EDV und Englisch) sowie das Sprachstandsniveau erhoben und ein Beratungsgespräch mit Sozialbetreuer/innen geführt. Diese entscheiden gemeinsam mit den Trainer/innen über die Aufnahme ins StartWien Jugendcollege. Ziel ist es, 40 % weibliche und 60 % männliche Jugendliche aufzunehmen, was angesichts der zum Großteil aus männlichen Jugendlichen bestehenden Zielgruppe nicht einfach zu erreichen ist. Das am stärksten vertretene Herkunftsland ist bis jetzt Afghanistan, die zweitgrößte Gruppe sind die syrischen Jugendlichen.

Berufsorientierung und Beratung Beraterinnen und Berater des StartWien Jugendcollege überlegen mit jedem einzelnen Jugendlichen was der nächste Schritt nach dem StartWien Jugendcollege sein wird. Bei Bedarf besteht die Möglichkeit, dass Jugendliche, wenn sie in ein anderes Regelsystem übersteigen, bis zu maximal drei Monaten noch weiter begleitet werden. Der Großteil der Jugendlichen, um die 800, sind von ihrem Sprachniveau im Bereich A1 bis A2 (GERS – Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen) angesiedelt. Bei circa 100 Jugendlichen gibt es Alphabetisierungsbedarf und ersten


Basisbildungsbedarf. Circa 50 Jugendliche sind bereits auf B1 Niveau, bei ihnen wird verstärkt Berufsorientierung gemacht.

Weitere Kooperationspartner Durch eine Kooperation mit dem psychosozialen Zentrum ESRA, die durch die Unterstützung durch die Arbeiterkammer Wien möglich ist, werden einerseits Fortbildungen für die Mitarbeiter/innen durchgeführt, andererseits wird das Zentrum auch zur psychiatrischen und psychologischen Betreuung von Jugendlichen genutzt. Durch eine Kooperation mit dem Stadtschulrat für Wien wurden seit Mitte Oktober 2016 Jugendliche in sogenannte Übergangsklassen in allgemein bildenden höheren Schulen, Abendgymnasien sowie berufsbildenden mittleren und höheren Schulen weitervermittelt. Verschiedene Unternehmen wie z. B. die REWE-Gruppe bieten Lehrplätze für Jugendliche an. So gibt es beispielsweise auch ein Angebot der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft, die zwei Lehrplätze für Jugendliche bieten wollen. Besonders wichtig ist auch die Kooperation mit den Wiener Jugend­zentren mit ihren lokalen Jugendeinrichtungen.

Was wollen die Jugendlichen und was motiviert sie? Zu Beginn wurden mit den Jugendlichen die Regeln in Form einer »Wolke« festgelegt: Was wollen wir dort haben, was wollen wir nicht haben. Langeweile wollen die Jugendlichen zum Beispiel nicht. Sie wollen aber auch keine Gewalt, keinen Rassismus, keine Ausgrenzung. Auch Handys wurden als nicht erwünscht genannt. Die Jugendlichen wollen beispielsweise Pünktlichkeit – natürlich muss im Alltag immer wieder dran erinnert werden.

Einbindung von Freiwilligen durch Interface Wien Die sozial integrativen Aktivitäten, die durch ehrenamtliche Mitarbeiter/innen durchgeführt werden, begleiten die Kernangebote des StartWien Jugendcolleges. Interface Wien ist im Netzwerk des StartWien Jugendcolleges für das Angebot der Freiwilligenarbeit zuständig und koordiniert den Kontakt zu diesen sowie zu Praktikant/innen und zu der Elternund Communityarbeit. Interface Wien ist eine gemeinnützige GmbH der Stadt Wien, in welcher täglich rund 1.300 zugewanderte Menschen die Bildungsund Beratungsangebote nützen. Das Ziel der Einrichtung ist das Fördern der gesamtgesellschaftlichen Integration von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund, dies geschieht durch Bildungs- und Beratungsangebote. Die Angebote werden vom Europäischen Sozialfonds, dem Bundesministerium für Bildung, dem Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres, der Magistratsabteilung 17 Integration und Diversität der Stadt Wien sowie dem Fonds Soziales Wien gefördert. Im Konkreten werden im Bereich Bildung Basisbildungskurse der Bund-Länder-Initiative Erwachsenenbildung für Jugendliche, Frauen und Männer, Deutschkurse mit sozialintegrativen Begleitmaßnahmen und muttersprachliche Bildungsveranstaltungen für Erwachsene, insbesondere Eltern, im Rahmen des Programms StartWien für Zuwanderinnen und Zuwanderer angeboten. Im Bereich Beratung arbeitet insbesondere die Abteilung Startbe­ gleitung für Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte. Die 143 Mitarbeiter/innen von Interface Wien (Stand November 2016) beherrschen insgesamt 34 Sprachen.

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Freiwilligenarbeit von Interface Wien im Kontext der Stadtpolitik Die Stadtpolitik hat im Rahmen der Flüchtlingsankünfte 2015 reagiert und das Netzwerk für Freiwilligentätigkeiten gestützt und ausgebaut. Federführend waren hier der Fonds Soziales Wien und die Magistratsabteilung 17 – Integration und Diversität. Seit Oktober 2016 ist beispielsweise die Webseite www.where2help. wien online. Auf dieser Webseite vom Fonds Soziales Wien können sich Personen und Organisation registrieren, die freiwillig tätig sein möchten oder Freiwillige suchen. Eine weiteres Angebot der Stadt Wien für Freiwillige sind die Informationsmodule von freiwillig:info (www.wien.gv.at/menschen/ integration/neuzugewandert/info-module-freiwillige.html) für Freiwillige in der Flüchtlingshilfe und Integrationsarbeit, die quartalsmäßig von der MA 17 – Integration und Diversität angeboten werden. Im Rahmen dieser Module wird Grundlagenwissen zu Aufbau und Arbeit der Stadt im Bereich Flüchtlingshilfe und Integrationsarbeit bis zu Basisinformationen zum Asylrecht und Informationen zu Herkunftsländern und Religionen der Geflüchteten vermittelt. Den grundlegenden Zugang der Stadt Wien sieht man auch an dem Beispiel von StartWien – Das Jugendcollege. In der Ausschreibung war die Einbindung von Freiwilligen in dieses Projekt ein Teil des Leistungskatalogs und in der konkreten Umsetzung des Projekts gibt es eine eigene Freiwilligenkoordinatorin. Es ist sehr wichtig darauf zu achten – und das ist auch ein Grundsatz der Stadtpolitik in Wien, dass Freiwillige nicht Arbeitsplätze gefährden. Interface Wien achtet als gemeinnützige GmbH der Stadt darauf, dass die Freiwilligen ein vorhandenes Angebot, wie z. B. einen Deutschkurs, zusätzlich zu den jeweiligen Fachtrainer/innen unterstützen.

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Wie können Freiwillige bei Interface Wien tätig sein? Bei Interface Wien sind derzeit 50 Freiwillige tätig. Sie kommen über unterschiedliche Freiwilligen-Plattformen in Wien, da in Wien ein dichtes Netzwerk im Bereich der Freiwilligenarbeit existiert. Die Freiwilligen sind in Österreich geboren oder sind zugewandert. Insbesondere die Freiwilligen zum Dolmetschen sind oftmals selbst als Flüchtling nach Österreich gekommen. Von der Altersstruktur sind viele zwischen 20 und 30 Jahre bzw. 50 und 60 Jahre alt. 2014 wurde in einem partizipativen Mitarbeiter/innenprozess ein Leitfaden unter Einbindung von Expert/innen für die Freiwilligenarbeit bei Interface Wien erstellt, um eine gute Zusammenarbeit zwischen Mitarbeiter/innen-Kund/innen-Freiwilligen zu gewährleisten. Sie helfen den Deutschkursteilnehmer/innen – Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer – beim Erlernen von Deutsch. So lernen sie beispielsweise mit den Jugendlichen für die Österreichische Sprach­ diplomprüfung oder treffen sich mit zugewanderten Frauen – auch außerhalb der Kurse – zu Deutsch-Konversationstrainings. Als Resultat dieser Zusammenkünfte ist oft zu hören: »Jetzt lerne ich endlich die Menschen außerhalb der Medien kennen. Das tut gut.« Das zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt von freiwilliger Arbeit in der Flüchtlingshilfe und Integrationsarbeit: Die persönlichen Begegnungen tragen dazu bei, mögliche Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen, denn diese Begegnungen schaffen Vertrauen auf beiden Seiten und sind somit sehr wertvoll für das Zusammen­ leben in einer Stadt.


Einen neuen Weg der Freiwilligenarbeit ging 2015 Interface Wien mit Betriebspatenschafts-Projekten. Es wurde als erstes in Kooperation mit der Robert Bosch AG umgesetzt. Die Robert Bosch AG fördert die Freiwilligenarbeit ihrer Mitarbeiter/innen in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit und Interface Wien bildete gemeinsam mit der Asylkoordination Österreich zwei Ansprechpersonen als Multiplikatoren im Betrieb für Patenschaften aus. Danach wurde das Projekt »Patenschaft für jugendliche Flüchtlinge« den derzeit 900 Mitarbeiter/innen der Robert Bosch AG vorgestellt. Diese hatten die Möglichkeit, bei Interesse sogenannte Patinnen/ Paten-Schulungen mit Workshops zu absolvieren und konnten sich danach für eine Patenschaft entscheiden. Der so genannte »Get together Event« führte Patinnen und Paten mit »Patenkindern« zusammen. Diese werden begleitet von den Multiplikator/innen der Robert Bosch AG und Sozialarbeiter/innen von Interface Wien. Das Projekt läuft seit beinahe einem Jahr und es ist ein zweiter Durchgang geplant. Derzeit bestehen 30 Patenschaften. Sehr viele durch das Projekt betreute Jugendliche haben eine Lehrstelle oder sind in einer Ausbildung im Regelschulsystem, denn viele Menschen, die diese Patenschaften übernehmen, verfügen über Netzwerke, die den Jugendlichen fehlen und unterstützen diese, in Österreich Fuß zu fassen. Hier kehren wir, wenn man es so sagen möchte, zum Anfang zurück: »Das Besondere … ist, … Asylwerber und Asylwerberinnen sowie Asylberechtigte/subsidiär Schutzberechtigte … fit für eine weiterführende (Aus-)Bildung oder den Jobeinstieg zu machen.«

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Therese Ydrén Department of Regional Development, Region Västra Götaland, Schweden

Therese Ydrén arbeitet seit 2007 im Bereich Regionalentwicklung in der Region Västra Götaland in Schweden mit dem Fokus auf Integration, Skills und Inklusion am Arbeitsmarkt sowie internationale Koordination. Ihre Berufserfahrung umfasst die Tätigkeit bei der Ständigen Vertretung Schwedens bei der Euro­pä­ ischen Union, die Beschäftigung an der Universität West in Trollhättan im Bereich der Forschungsförderung sowie die Koordination eines Forschungsnetzwerks im Bereich der Berufsforschung. Ydrén hat Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften und Französisch an Universitäten in Schweden sowie dem Institut d’Études Politiques de Lille in Frankreich studiert. Kontakt therese.ydren@vgregion.se www.vgregion.se www.supportgroup.se www.doublecup.se

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Regionalentwicklungs-Initiativen der Region Västra Götaland für Asylwerber/innen und neu Zugewanderte Dank ihrem robusten Arbeitsmarkt und ressourcenstarken öffentlichen Sektor ist die Region Västra Götaland gut positioniert, um mit der Herausforderung der Einwanderung umzugehen. Für die erfolgreiche Integration in die schwedische Gesellschaft ist eine enge Zusammenarbeit verschiedener lokaler Stakeholder notwendig. In diesem Text wird die Haltung der Region Västra Götaland gegenüber Asylsuchenden und Neuangekommenen aus der Perspektive der Regionalentwicklung dargestellt.

Zahlen und Fakten zu Schweden, Västra Götaland und Integration 2014–2016 >

Regionalverwaltung im westlichen Teil Schwedens, 1,7 Mio. Einwohner/innen (9,9 Mio. in Schweden), 130 Nationalitäten

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Asylsuchende pro Jahr in Schweden: 2014: 81.301 | 2015: 162.877 | 2016 (Sept.): 22.330

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2015 genehmigte Schweden 350 Asylanträge pro 100.000 Einwohner/innen – im Vergleich zu 180 pro 100.000 Einwohner/innen in Deutschland, wo in absoluten Zahlen in der EU die meisten Asylsuchenden aufgenommen wurden.


Ausgangspunkte für die Initiativen für Asylsuchende und Neuangekommene im Rahmen der Regionalentwicklung Die Anzahl der in Schweden ankommenden Flüchtlinge ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Die Aufnahme von Flüchtlingen beruht vor allem auf humanitären Gründen, wobei die Region Västra Götaland Flüchtlinge und Neuankömmlinge auch als Gewinn für die Gesellschaft und als potenzielle Arbeitskräfte für ihre Unternehmen betrachtet. Eine gute und effektive Vorgehensweise hinsichtlich der Aufnahme von Flüchtlingen ist für die zukünftige Entwicklung von Västra Götaland von großer Bedeutung. Die Ambitionen und die unternehmerischen Fähigkeiten der Zuwanderinnen und Zuwanderer in Schweden sowie die am Arbeitsmarkt gefragten Fertigkeiten und Kompetenzen sind Ressourcen, die sicherstellen, dass die Region attraktiv und wettbewerbsfähig bleibt. Die Umsetzung der Regionalentwicklungsstrategie ist ein wichtiger Aufgabenbereich der Regionalverwaltung der Region Västra Götaland. Das Ziel ist eine integrative Gesellschaft sowie die Schaffung von Bedingungen, die für das Wachstum und die Entwicklung von Menschen, Organisationen und Unternehmen förderlich sind. Eine gute Gesundheitsversorgung, Bildung, Fachausbildung, kulturelle Aktivitäten und der Zugang zum Arbeitsmarkt sind die Grundvoraussetzungen, die es den Menschen ermöglichen, sich in das Gemeinschaftsleben einzugliedern, Eigenverantwortung zu übernehmen und ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Die Umsetzung der Kernmaßnahmen, die den Weg zur Selbstversorgung beschleunigen sollen, verringert den Bedarf an Sozialhilfe und trägt dazu bei, dass Menschen sich nicht ausgegrenzt fühlen.

Die Aufgabe und Rolle der Region Västra Götaland aus der Perspektive der Regionalentwicklung Als Gebietskörperschaft wurde die Region Västra Götaland mit der Durchführung des Regionalentwicklungsprogramms beauftragt. Sie ist mit ihren 53.000 Angestellten der größte Arbeitgeber in der Region. Die Zusammenarbeit unterschiedlicher Sektoren – von der Industrie über die Bildung bis hin zu den öffentlichen Einrichtungen, Gemeindebehörden und der Zivilgesellschaft – ist ein entscheidender Faktor, dass Geflüchtete in der Region Fuß fassen können. Derzeit ist das Amt für Migration für Asylsuchende zuständig, während die Arbeitsmarktverwaltung und die Regionalverwaltung dafür verantwortlich sind, Neuangekommene, die bereits eine Aufenthaltsgenehmigung haben, dabei zu unterstützen, sich zu etablieren. Die Zivilgesellschaft spielt eine wesentliche Rolle bei der Integration von Flüchtlingen. Ab 2017 werden die Provinzregierungen von der Regierung damit beauftragt sein, frühzeitige Maßnahmen für Asylsuchende zu koordinieren und zu organisieren, auch im Bereich des Sprachenlernens und der Beschäftigung. Aufgrund seiner Verantwortung in der Regionalentwicklung spielt die Region Västra Götaland gemeinsam mit den lokalen Behörden eine wichtige Rolle in der Aufnahme von Flüchtlingen. Langfristige, strategische Arbeit und sorgfältig geplante Aktivitäten ergänzen einander. Zusätzlich werden die Rahmenbedingungen geschaffen, die die Effizienz in der Arbeit der Region Västra Götaland aufrechterhalten.

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Regionale Aktivitäten für Asylsuchende und Neuangekommene Die Wartezeit für die Prüfung der Anträge von Asylsuchenden wird immer länger, da mehr und mehr Flüchtlinge in Schweden eintreffen. Bevor der Asylantrag entschieden ist, befinden sich die Asyl­suchenden im Niemandsland und haben sehr begrenzte Möglichkeiten, sich aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Um das Risiko einer wachsenden Ausgrenzung zu verringern, konzentriert sich auch die Region Västra Götaland auf Flüchtlinge, die sich in der Asylantragsphase befinden. Die Gebietskörperschaft bemüht sich darum, diese Wartezeit sinnvoll zu gestalten und die Bedingungen für Asylsuchende und Neuangekommene zu verbessern, indem ihnen ermöglicht wird, selbstständig zu leben. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich die Region Västra Götaland dazu entschieden, ihre Mittel in den folgenden Bereichen einzusetzen: >

Bereitstellung von Sprachkursen während des Asylverfahrens

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Ermöglichung der Teilnahme am kulturellen Leben, an Sport- und Freizeitaktivitäten

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Zugang zur Zivilgesellschaft und zu Netzwerken

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Erleichterung der Mobilität durch spezielle Vereinbarungen für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel

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Förderung des interkulturellen Dialogs

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Möglichkeiten für Berufspraktika, Anstellungen oder Selbstständigkeit

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Arbeitsvermittlung in Berufsfelder mit Fachkräftemangel anhand eines Validierungsverfahrens mitgebrachter Kompetenzen von Fachkräften

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Erarbeitung von Plänen, um Arbeitsplätze für Neuangekommen auch innerhalb der Verwaltung der Region Västra Götaland zu schaffen

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Beteiligung am »Fast-track«-Programm der Arbeitsmarkt­ verwaltung, das Neuangekommenen dabei helfen soll, sich zu etablieren

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Förderung des Unternehmertums und unternehmerischer Initiativen

Beispiele für freiwillige Initiativen in Västra Götaland für Asylsuchende Von der Region Västra Götaland werden Projekte zur Stärkung der Integration gestartet, weiterentwickelt und mitfinanziert. Zur Aufgabenstellung der Region Västra Götaland gehört es, bewährte Verfahren, die von Stakeholdern in Västra Götaland initiiert worden sind, zu identifizieren und anzuwenden. Die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und die Anerkennung von Freiwilligen-Initiativen sind hierfür von großer Bedeutung. Einige Freiwilligen-Initiativen, die sich in Västra Götaland bewährt haben, spielen eine wichtige Rolle dabei, die Wartezeit während laufender Asylverfahren sinnvoll zu gestalten und die Integration der Geflüchteten zu stärken. Eine solche Maßnahme ist das »Support Group Network« – ein Netzwerk aus Flüchtlingen, die mit der schwedischen Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, um anderen Asylsuchenden sowie Migrantinnen und Migranten während der langen Wartezeit, in der die Entscheidungen zum Aufenthaltsstatus getroffen werden, zu helfen. Diese Gruppe bietet psychosoziale Unterstützung durch bedarfsgerechte Aktivitäten und ist sinnstiftend während der Wartezeit. Das »Support Group Network« wurde im August 2014 in Restad Gård in Vänersborg gegründet – der größten schwedischen Aufnahmestelle für Asylsuchende, wo ungefähr 1.300 geflüchtete Menschen untergebracht sind. Dieses Modell wird inzwischen in


13 weiteren Städten und 16 Aufnahmezentren in Schweden angewandt. Das »Support Group Network« ist zu einer Dachorganisation für Vereine, Gruppen und Einzelpersonen geworden, die Asylsuchende, Flüchtlinge sowie Migrantinnen und Migranten in Schweden und im Ausland befähigen und unterstützen möchten, indem sie eigenständige Maßnahmen fördern und lokale Unterstützungsgruppen in ihren temporären oder permanenten Wohnorten gründen. Eine weitere Freiwilligen-Initiative, die vom lokalen Wirtschaftsrat in der Stadt Trollhättan – zwanzig Kilometer von Restad Gård entfernt – eingeführt wurde, ermöglicht im Rahmen des Projekts »DoubleCup« Zusammenkünfte zwischen Firmen und Migrant/innen. Der Grundgedanke von »DoubleCup« ist das einfache Konzept, sich zum Kaffeetrinken zu treffen. Asylsuchende und Neu­ angekommene werden dazu eingeladen, sich mit dem Vertreter oder der Vertreterin eines Unternehmens direkt an deren Arbeitsplatz zu treffen. Diese Zusammenkunft wird durch ein IT-Tool arrangiert. Die freiwillige Unterstützungsgruppe (Restad Support Group) und das Arbeitsamt suchen und finden die Kandidat/innen für dieses Programm.

Film über Restad Support Group und DoubleCup, produziert von der Region Västra Götaland: > www.youtube.com/watch?v=_qHWXQhLHW4

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© OeAD-GmbH/ APA-Fotoservice/Hörmandinger

Kritische Erwachsenenbildung mit Migrant/innen: Herausforderungen und Perspektiven Rubia Salgado

das kollektiv. kritische bildungs-, beratungs- und kulturarbeit von und für migrantinnen

Rubia Salgado ist als Erwachsenen­ bildnerin und Autorin in selbst­ organisierten Kontexten tätig. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Feld der kritischen Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft. Sie arbeitet in Forschungs- und Entwicklungsprojekten im Bereich der Erwachsenbildung für Migrantinnen, als Unterrichtende in der Erwachsenenbildung (Deutsch als Zweitsprache, Alphabetisierung) und in der Aus- und Weiterbildung von Lehrenden. Sie ist Mitbegründerin und langjährige Mitarbeiterin der Selbstorganisation maiz. Seit 2015 arbeitet sie auch im neuen Verein das kollektiv. kritische bildungs-, beratungs- und kulturarbeit von und für migrantinnen in Linz. Kontakt rubia@das-kollektiv.at www.das-kollektiv.at

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oder

Erinnerungen an das Management, an den Tod, an den Rest.

Ich erinnere mich, dass Pierre Bourdieu vor 16 Jahren, kurz nach der schwarzblauen Regierungsbildung, eine Video­ botschaft nach Österreich sendete. Ich erinnere mich, dass vor 16 Jahren die Lissabon-Strategie verfasst wurde. Sie handelte vom strategischen Ziel eines wettbewerbsfähigen, dynamischen, wissensbasierten EU-Wirtschaftsraums. Ich erinnere mich, dass George W. Bush vor 26 Jahren die neue Weltordnung deklarierte.

Ich erinnere mich, dass Neo­liberalismus eine konservative Revolution genannt wird. Ich erinnere mich, dass Kritik an Neoliberalismus nicht unbedingt Kapitalismus­ kritik beinhaltet.

Ich erinnere mich, dass Bildung nicht abgekoppelt von gesellschaftlichen Verhältnissen gedacht werden kann. Ich erinnere mich, dass Paulo Freire vor 42 Jahren schrieb, dass Bildung immer politisch sei. Sie kann den Status quo verfestigen oder ihn hinterfragen. Ich erinnere mich, dass vor sechs Jahren die Lissabon-Strategie in einer Evaluation als gescheitert bezeichnet wurde. Ich erinnere mich, dass es bei der Nachfolge-Strategie »Europa 2020« u. a. um die Verbesserung und Flexibilisierung des rechtlichen Rahmens für Beschäftigung geht. Ich erinnere mich, dass Teilzeitarbeit ein weit verbreitetes Phänomen ist.


Ich erinnere mich, dass vor 16 Jahren ein Viertel der erwerbstätigen Frauen in Österreich teilzeitbeschäftigt war. Ich erinnere mich, dass vor 6 Jahren 32 % der Frauen in Österreich teilzeitbeschäftigt waren. Ich erinnere mich, dass vor einem Jahr ein­ en Rekord in Österreich erreicht wurde: Die Teilzeitquote bei Frauen lag bei 48 %.

Ich erinnere mich, dass in der Evaluation der Lissabon-Strategie vor 6 Jahren angemerkt wurde, dass, um die EU als einen attraktiven Raum für Investitionen und Arbeit zu gestalten, die Mitgliedstaaten einen Beitrag leisten sollen: aktive Wettbewerbspolitik und Reduzierung von Beihilfen. Ich erinnere mich, dass 2015 Intellektuelle behaupteten, dass eine dezidierte Sozialpolitik die einzige Alternative für Europa sei.

Ich erinnere mich, dass Migrantinnen im Vergleich zu den Österreicherinnen mehr als doppelt so oft armutsgefährdet sind.

Ich erinnere mich an die Austeritätspolitik der EU.

Ich erinnere mich an Asylpolitik.

Ich erinnere mich an Griechenland.

Ich erinnere mich an die Bezeichnung »de facto Flüchtling«, damals war Franz Löschnak Innenminister in Österreich und es war vor 24 Jahren.

Ich erinnere mich an Spanien. Ich erinnere mich an Anteilslose.

Ich erinnere mich an mein Unbehagen. Ich erinnere mich, ihm gesagt zu haben, er habe Recht. Ich erinnere mich an die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen politisch agierenden Gruppen.

Ich erinnere mich, dass die Demokratie in einer Krise ist. Ich erinnere mich, dass, seit die Video-Botschaft von Bourdieu gesendet wurde, ca. 30.000 Menschen im Mittelmeer starben. Ich erinnere mich, »ca.« schreiben zu müssen, weil genaue Zahlen nicht vorliegen, was ein grenzloser Skandal ist. Ich erinnere mich, dass die Austeritätspolitik der EU soziales Elend hervorruft.

Ich erinnere mich an Sozialbewegungen. Ich erinnere mich, dass die österreichische Bundesregierung vor einem Jahr einen Grenz­zaun errichten ließ. Ich erinnere mich an Bourdieus Empfehlung anlässlich der schwarzblauen Regierungsbildung im Jahr 2000, nicht nach Belehrung zu suchen, sondern Lehren zu ziehen.

Ich erinnere mich, dass vor einem Jahr ein behinderter Mann, der sich in einer Organisation für die Rechte von Behinderten engagiert, mich streitend beschuldigte, ich würde nur über Migrant/innen und Flüchtlinge schreiben.

Ich erinnere mich, dass trotz des Mantras der Alternativlosigkeit zum Neoliberalismus, Wissen über die Möglichkeit der Veränderung der herrschenden, gewaltvollen, mörderischen Ordnung besteht. Ich erinnere mich, dass die Not global sehr unterschiedlich verteilt ist.

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Ich erinnere mich, dass ein Großteil der Menschen, die in Armut leben, sich in Ländern befinden, die ehemalige Kolonien Europas sind.

Ich erinnere mich an die Ökonomisierung der Bildung. Ich erinnere mich an Stimmen, die meinen, dass Bildung sich entsprechend der gesellschaftlichen Transformationen transformieren muss. Ich erinnere mich an Globalisierung, Wissensgesellschaft, »Employability«, Wettbewerbsfähigkeit, Humankapital und andere Schlüsselbegriffe. Ich erinnere mich, dass Bildung nicht abgekoppelt von gesellschaftlichen Verhältnissen gedacht werden kann. Ich erinnere mich, dass die Verwertungsinteressen der Wirtschaft oberste Priorität haben, auch wenn dies unter dem Deckmantel der Förderung der sozialen Kohäsion und des Umweltschutzes geschieht, wie es in der Lissabon-Strategie von 2000 oder in ihrer aktuellen neuen Auflage formuliert wird.

Ich erinnere mich an das Verständnis von Bildung als ein Mittel zur Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse. Ich erinnere mich, dass Bildung demokratische Handlungsmöglichkeiten erschließen, nicht Handlungsbedingungen herstellen kann. Ich erinnere mich, dass die Berücksichtigung der Unzulänglichkeit von Bildung in Hinblick auf das Ziel der Transformation der Gesellschaft jedoch nicht bedeutet, dass Bildung keine Funktion in diesem Prozess ausüben würde. Ich erinnere mich, dass eine emanzipatorische und kritische Bildungsarbeit sich nicht in der Enthüllung der Realität erschöpft. Sie führt zur Organisierung einer Veränderungspraxis. Sie fordert auch zu Strukturveränderungen heraus. Ich erinnere mich an Ausländerpädagogik und an interkulturelle Pädagogik. Ich erinnere mich, dass einige Pädagoginnen die »Kulturalisierungstendenzen« der interkulturellen Pädagogik problematisierten.

Ich erinnere mich, dass der interkulturelle Ansatz die Aufmerksamkeit von strukturellen Problemen abzieht und diese auf externe, kulturelle Determinanten lenkt. Ich erinnere mich an pädagogische Reflexivität. Ich erinnere mich an das Prinzip der Wechselseitigkeit: Alle Lernenden sind immer auch Lehrende und alle Lehrenden sind immer auch Lernende. Ich erinnere mich, dass seit ich vor 10 Jahren einen Text von Frigga Haug las, mir immer wieder die Frage stelle: Was lerne ich von den Lernenden? Ich erinnere mich, dass dies die schwierigste Frage ist, wenn ich als Antwort keine Bestätigung meines Vorwissens haben will. Ich erinnere mich, dass die Konstruktion eines »Wir« in Abgrenzung zu einem »Nicht Wir« steht. Ich erinnere mich an ungleiche Machtverhältnisse. Ich erinnere mich, dass das Zelebrieren der »Buntheit« nicht das Ziel, sondern ein Problem für kritische Bildungsarbeit darstellt.


Ich erinnere mich immer wieder zu fragen: Was gilt als Wissen? Wann? Wo? Warum? Ich erinnere mich an gegenhegemoniale Wissensproduktion. Ich erinnere mich an die Grenzen meines westlichen Wissens. Ich erinnere mich an gewaltvolle Prozesse der Aberkennung von Wissen.

Ich erinnere mich, dass die Forderung nach der Implementierung einer selektiven Migrationspolitik, nach einer Steuerung der Migration zugunsten der österreichischen wirtschaftlichen Interessen, von einem breiten Spektrum politischer Akteurinnen gestellt wurde und wird. Ich erinnere mich, dass 33 Prozent der Migrant/innen unterhalb ihres Ausbildungsniveaus eingesetzt werden. Bei autochthonen Österreicher/innen sind es elf Prozent.

Ich erinnere mich an Dequalifizierung. Ich erinnere mich, dass vor drei Jahren im Arbeitsprogramm der aktuellen österreichischen Bundesregierung das Erlernen der deutschen Sprache als Fundament für Integration beschrieben wurde. Ich erinnere mich, dass leitendes Ziel einer von der Bundesregierung angekündigten Schaffung von Integrationsstrukturen die verbesserte Leistung im »Wettbewerb um die besseren Köpfe« ist.

Ich erinnere mich, dass die Priorisierung der Kosten-Nutzen-Logik im Vorhaben der Steuerung von Migration und Integration zur Abschottung, zur Ausgrenzung, zur Verstärkung der kapitalistischen Ausbeutungsmechanismen, zur Perpetuierung ungleicher gesellschaftlicher Verhältnisse und vor allem zum Tode Tausender Menschen auf der Suche nach einem Leben abseits von Armut und/oder Gewalt führt. Ich erinnere mich, dass die Möglichkeiten, in Österreich legal einzureisen, verschwindend sind. Vor allem für diejenigen, die es nötig haben.

Ich erinnere mich an Ethik. Ich erinnere mich an das Strategie Dokument der Internationalen Organisation für Migration (IOM): Migration muss gemanagt werden, damit ihre Vorteile maximiert und ihre negativen Folgen minimiert werden können. Ich erinnere mich, dass die aktuell von der österreichischen Bundesregierung verordneten Werte- und Orientierungskurse für Flüchtlinge grundsätzlich kein Novum im Feld der Erwachsenbildung für Migrant/ innen bilden. Ich erinnere mich, dass der Bereich Erwachsenenbildung für Migrant/innen mehrheitlich als ein Raum hegemonialer Zurichtung erscheint. Ich erinnere mich, dass Wertevermittlung im Sinne eines Zivilisierungsprojektes, das Grundzüge einer Kolonialpädagogik trägt, nicht erst seit Dezember 2015 in Österreich stattfindet. Das Neue daran beschränkt sich auf die explizite Benennung der verfolgten Ziele.


Ich erinnere mich, dass Thomas Fritz vor einem Jahr im Text »Vom Wert der Wertekurse und der Haltung der Erwachsenen­ bildung« folgende Frage stellte: Wie soll sich die Erwachsenenbildung im Kontext von nationalstaatlichen Werteordnungen und einem post-kolonialem Bildungsimperativ verhalten? Ich erinnere mich, dass er damals schrieb, dass der »Wertefibel« des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) der Generalverdacht zugrunde liegt, dass »Menschen aus dem so genannten Islamischen Raum keine demokratischen Werte haben. Und, wenn sie gesellschaftliche Regeln haben, dann die falschen.« Ich erinnere mich, dass eine aktuelle Maßnahme der Landesregierung in Oberösterreich beispielhaft die Konsequenzen des Managementansatzes auf der Ebene der Integrationspolitik illustriert. Ich erinnere mich, dass die Richtlinien der geförderten Bildungsmaßnahmen für Flüchtlinge in Oberösterreich im krassen Widerspruch zu den Richtlinien des Programmplanungsdokuments der Initiative Erwachsenenbildung stehen.

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Ich erinnere mich, dass das Programmplanungsdokument der Initiative Erwachsenenbildung keine Beschränkung der Unterrichtseinheiten, die Kursteilnehmer/innen im Rahmen von Basisbildungskursen absolvieren dürfen, vorsieht.

Ich erinnere mich, dass zahlreiche Studien und Lehrerinnen darauf hinweisen, dass für die Alphabetisierung erwachsener primären Analphabeten in einer Zweit- oder Fremdsprache deutlich mehr Zeit eingeräumt werden soll.

Ich erinnere mich, dass sich die einzige Bestimmung auf die Festlegung einer maximalen Anzahl von Unterrichtseinheiten pro Kurs (400 Unterrichtseinheiten) beschränkt.

Ich erinnere mich, dass die Frage nach dem Sinn oder nach dem Ziel dieser Regelungen uns notwendigerweise zum Thema des Verhältnisses zwischen Demokratie und Migration heute in Österreich führt.

Ich erinnere mich, dass für die Deutschund Alphabetisierungskurse, die im Rahmen des Förderpaketes in Oberösterreich umgesetzt werden, die Anzahl der Unterrichtseinheiten pro Kurs auf 75 Einheiten beschränkt ist und dass ein/e Kursteilnehmer/in einen Kurs maximal zweimal besuchen darf.

Ich erinnere mich, dass Migrationsmanagement die Vorteile von Migration maximieren und ihre negativen Folgen minimieren will.

Ich erinnere mich, dass diese Bestimmung konkret bedeutet, dass auch ein/e erwachsene/r primäre/r Analphabet/in innerhalb von maximal 150 Unterrichtseinheiten in einer Fremdsprache alphabetisiert werden soll.

Ich erinnere mich, dass die Verlierer/innen wie im Beispiel aus Oberösterreich, und es gibt leider viele weitere Beispiele, meistens Frauen sind: Frauen mit wenigen oder keinen formalen Bildungserfahrungen. Ich erinnere mich, dass diese Frauen in der Perspektive des Migrations- und des Integrationsmanagements die negativen Folgen der Migration verkörpern, die zu minimieren sind.


Ich erinnere mich, dass es in der Demokratie keine Ausnahme gibt. Ich erinnere mich, dass es sich hier um eine Demokratie der Ausnahmen handelt.

Ich erinnere mich an meinen Alltag als Lehrerin in der Basisbildung mit Migrantinnen: Das Management, der Tod, der Rest, die Kraft und der Kampf dieser Menschen um ein besseres Leben. Die Tränen und auch die Freude. Trotzdem.

Ich erinnere mich, dass Bourdieu vor 16 Jahren meinte, dass Österreich aus dem Schlaf aufgeschreckt sei und dass es ganz Europa aus dem Schlaf rütteln konnte. Ich erinnere mich an ein Sujet einer Ausstellung in maiz, 15 Jahre nach der Video-­ Botschaft von Bourdieu: »Schläft dein Hund gut?« Ich erinnere mich, dass diese Frage von Flüchtlingen, die in Zelten untergebracht wurden, vorgeschlagen wurde. Ich erinnere mich, dass ich 16 Jahre später oft nicht schlafen kann.

Ich erinnere mich an Technokratie. Ich erinnere mich, dass politische Entscheidungen zu bloßen Sachfragen werden. Ich erinnere mich an Obergrenzen für Flü­chtlinge. Ich erinnere mich an die Willkommens­ kultur. Ich erinnere mich an Begegnungsveranstaltungen und an Toleranzpredigten. Ich erinnere mich, alles schon gehört zu haben.

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Regionale Zusammenarbeit und Integration: Freiwillige, NGOs, Behörden und Wirtschaft – (wie) geht das?

Rolf Ackermann Ministerium für Kultus, Jugend und Sport

Rolf Ackermann arbeitet seit 2007 im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg in der Abteilung »Berufliche Bildung und Weiterbildung«. Er koordiniert zahlreiche EU Projekte im Bereich Erasmus+ Bildung. Im Rahmen der »European Association of Regional and Local Authorities for Lifelong Learning« (EARLALL) kooperiert er mit mehr als 20 Regionen und Städten in Europa. Rolf Ackermann ist Absolvent der Führungsakademie des Landes-Baden-Württemberg. Kontakt rolf.ackermann@km.kv.bwl.de www.km-bw.de www.peopleandskills-danuberegion.eu www.kultusministerium-bw.de www.earlall.eu

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Die Wirtschaftslage der Region Baden-Württemberg ist sehr gut, vor allem die anhaltend robuste Beschäftigungsentwicklung im Land lässt hoffnungsvoll in das Jahr 2017 blicken. Mit einer Arbeitslosenquote von 3,6 Prozent nimmt es eine Spitzenposition in Deutschland ein. Die starke Fachkräftenachfrage bringt vielfältige Chancen für Arbeitssuchende. Eine erfolgreiche Integration in Gesellschaft und in den ersten Arbeitsmarkt erfordert größte Anstrengung und Investition von allen relevanten Partnern und Partnerinnen.

Bundesland Baden-Württemberg Integration 2015–2016 >

Bevölkerung: 10, 7 Millionen, Arbeitslosenrate: 3,6 %, Jugend­ arbeitslosenquote 2,7 % (niedrigste in DE) ca. 132.000 Handwerksunternehmen ca. 102.000 Industrieunternehmen

>

Asylsuchende pro Jahr in Baden-Württemberg: 2014: 25.673 | 2015: 97.822 | 2016: ca. 50.000

Schwellenängste vor Behörden, Informationsdefizite, aber auch die fehlende Verbindung und Vernetzung von Angeboten machen eine enge Zusammenarbeit von Welcome-Centern, Ehrenamtlichen, Mentoren und Mentorinnen und eine Abstimmung möglichst aller relevanten Partner/innen notwendig. Des Weiteren gibt es die Schwierigkeit mit der Fülle von Anforderungen umzugehen, wenn zu wenige Deutschkenntnisse vorhanden sind. Im komplexen Mehrklang von Integration und Qualifizierung zum Arbeitsmarkt werden hier kurz die tragenden Säulen Weiterbildungsberatung und Training sowie neue Ansätze, wie ein »Education-Campus für Flüchtlinge« und ein Pilotprojekt: »TALENTS – Neue Talente für Unternehmen – Potenzialentwicklung von Migranten und Flüchtlingen« in laufenden ERASMUS+ KA2 – strategischen Partnerschaftsprojekten beschrieben.


In den folgenden Projekten sind jeweils die relevanten Partner/innen der jeweiligen Regionen (Behörden-NGOs, Wirtschaft, Freiwillige) als Konsortialpartner/innen involviert.

FairGuidance Das Projektziel dieses ERASMUS+ Projektes FairGuidance ist die Integration von unterschiedlich benachteiligten Personengruppen wie gering qualifizierten Menschen, Migrantinnen und Migranten, ethnischen Minderheiten und Lanzeitarbeitslosen in Weiterbildung und in den Arbeitsmarkt.

Weiterbildungsberatung und Training Qualifizierte, kostenlose Angebote zur Weiterbildungsberatung in jeder Lebensphase für alle Bürgerinnen und Bürger gehören zu den wichtigsten Bildungszielen in Baden-Württemberg und in allen EU-Regionen.

BRIDGE Das ERASMUS+ Projekt BRIDGE »Building up Regional Initiatives to Develop GuidancE for lower-skilled adults« fokussiert sich auf Erwachsene, die aufgrund ihrer geringeren Qualifikation vom Verlust des Arbeitsplatzes bedroht sind. Unternehmen mit Beschäftigten dieser Zielgruppe sind in diesem Projekt eingebunden. Die Ergebnisse dieses dreijährigen-Projektes werden sein: Ausbau und Stärkung gemeinsamer Netzwerke der Weiterbildungsberatung, Kooperationen und Entwicklung neuer Aktivitäten zur besseren Unterstützung des gemeinsamen Lernens innerhalb der EU, Entwicklung neuer Zugänge für diese Zielgruppe, Beratungs-Qualitätsüberprüfung aus Sicht der Klientinnen und Klienten. Projektpartner/innen: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (DE), Volkshochschul-Verband Baden-Württemberg (Koordination – DE), Région Bretagne, FONGECIF (FR), Jämtland-Härjedalen (SE), EARLALL Brüssel (BE). Silent partner: Västra Götaland, Arbeitsmarkt und Erwachsenen­ bildung Stadt Göteborg (SE), Baskenland, Katalonien (ES). Weitere Information sowie ein Video: www.earlall.eu

Die Ergebnisse sind: Erstellung eines Handbuchs mit den Schwerpunkten: klienten- und klientinnenorientierte Beratung, Qualitätsstandards und Diversität, mit dem Ziel der Weiterqualifizierung von professionell Beratenden. Hierdurch soll ein besseres Angebot an Weiterbildungs- und Laufbahnberatung unter der besonderen Berücksichtigung von Gerechtigkeit und Vielfalt für benachteiligte bildungsferne und gering qualifizierte Erwachsene entwickelt werden. Zusätzlich entsteht eine E-Learning-Plattform für Beraterinnen und Berater der Partnerländer Deutschland, Rumänien, Bulgarien sowie für weiteren EU-Länder. Projektpartner/innen: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (DE); ttg team trainingGmbH, Tübingen (Koordinator – DE); Diakonisches Werk Württemberg (DE); VHS Freiburg (DE); AJOFM GALATI, AMFSS GALATI, AIDRom (RO); Universität Ruse Angel Kanchev, TO-Ruse (BG). Weitere Information: www.fairguidance-project.eu

TALENTS: Migration und Flüchtlinge Das im Oktober 2016 gestartete 3-Jahres-Projekt »TALENTS – Neue Talente für Unternehmen – Potenzialentwicklung von Migranten und Flüchtlingen« hat folgende Aufgaben und Ergebnisse: Analyse bestehender Angebote der Weiterbildungsberatung, Curricula, einschließlich Sprachkursen in Verbindung zum Arbeitsplatz. Eine Testphase und Auswertung neuer Sprachmodule in verschiedenen Berufsfeldern (Hotellerie, Gastronomie, Gesundheit, Pflege u. a.) in den beteiligten Regionen.

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Die Entwicklung von EU-Handreichungen und Instrumenten für Projekte der Weiterbildung, die einen schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen. Die Erstellung einer »TALENTS«-App zur besseren Verständigung zwischen den Klientinnen und Klienten und Beraterenden einerseits und Unternehmen anderseits. Projektpartner/innen: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (DE); Volkshochschul-Verband Baden-Württemberg (Koordination – DE); mehrere VHS in Stuttgart, Ulm, Offenburg, Konstanz-Singen, Oberschwaben u. a. (DE); Stadt Göteborg (SE); Cuben Utbildning AB (SE); Oslo Voksenopplaering Rosenhof (NO); Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft Graz (AT); Universität Florenz (IT); EARLALL Brüssel (BE). Silent Partner: Västra Götaland (SE) Weitere Information sowie ein TV-Bericht: www.earlall.eu

Ausbildungscampus für Flüchtlinge in Stuttgart Ausgangslage Teilhabe durch Arbeit ist einer der Eckpfeiler der Flüchtlingspolitik. Deswegen ist entscheidend, vor allem junge Menschen qualifiziert auszubilden und ihnen durch Bildung, Qualifikation und Ausbildung eine gute Chance auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Die Stuttgarter Bürgerstiftung »Flüchtlinge und Ausbildung« brachte hier alle entscheidenden Interessensvertreter/innen aus dem gesamten Bereich an einen »runden Tisch«. Folgende Organisationen und Unternehmen engagieren sich jetzt im Trägerverein: Robert Bosch Stiftung, Ausländerbehörde, Steinbeisschule, Robert Bosch GmbH, Staatliches Schulamt, IHK Region Stuttgart, Daimler AG, Jugendamt Stuttgart, Welcome Center Stuttgart, Arbeitsagentur, Arbeitsförderung/Referat WFB, Sozialamt Stuttgart, Porsche AG, Jobcenter, Handwerkskammer Region Stuttgart. Generell ist zu unterscheiden zwischen gesetzlichen Leistungen und Ansprüchen, Angeboten der Berufsschulen, der Arbeitsagentur und des Jobcenters, der Kommune, Unterstützungsmaßnahmen

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der Kammern, Instrumenten von Arbeitsgebern und dem Enga­ gement aus der Zivilgesellschaft. Nachdem die ersten größeren Gruppen von geflüchteten Menschen 2015 angekommen waren, ergab sich folgende Problemanalyse: >

Der nötige Informationsfluss, auch bedingt durch dauernde Änderungen der gesetzlichen Vorgaben und der Unterstützungsangebote, ist noch nicht ausreichend. Es fehlt an speziellen Bildungsangeboten im Bereich Sprache, Kommunikation, Bewerbungstraining oder spezielle Berufskunde.

>

Viele Unternehmen und Betriebe sind – auch motiviert durch ihre gesellschaftliches Engagement – an den jungen Flüchtlingen als Arbeitnehmer/innen interessiert, beklagen aber ebenfalls – trotz vieler Angebote – Informationsdefizite und fehlende Abstimmung.

>

Viele der jungen geflüchteten Menschen haben große Schwierigkeiten, das von den Betrieben und der Berufsschule geforderte Sprachlevel B2 zu erreichen und sie wissen zu wenig über die Aufnahmegesellschaft. Sie benötigen deshalb zusätzliche fortlaufende Unterstützung. Grundsätzlich: Das Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf (VAB) ist ein Schultyp an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg, der als Alternative zur Schulart Berufsvorbereitungsjahr dient. Der Abschluss im VAB entspricht etwa dem Niveau des Hauptschulabschlusses. Das Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse (VABO) stellt eine Sonderform des VAB an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg dar. In VABO-Klassen erhalten überwiegend jugendliche Migrant/innen ohne Deutschkenntnisse ein gezieltes Sprachförderangebot. Dies findet in eigenen Klassen des Vorqualifizierungsjahres Arbeit und Beruf statt, welche die Schwerpunktsetzung in der Regel auf den Erwerb von Deutschkenntnissen legen. Ein Schulabschluss wird nicht angestrebt. Das Schuljahr endet mit einer Deutschprüfung, die maximal das Sprachniveau B1 prüft.


Im Ausbildungscampus besteht daher die Hauptzielgruppe aus den im Moment rund 400 Schülerinnen und Schüler der VABOKlassen. Schüler/innen aus VAB-Klassen sind genauso willkommen wie junge Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf. Der Ausbildungscampus ist zunächst einmal für drei Jahre (2016– 2019) angelegt. Damit soll in der akuten Situation eine besondere Unterstützung für die besondere Zielgruppe geleistet werden. Wenn sich die Struktur bewährt und der Bedarf erhalten bleibt, muss über den weiteren Bestand entschieden werden. Der Ausbildungscampus – Grundgerüst Die jungen Menschen brauchen einen zentralen, realen Ort, wie beispielweise das Welcome Center, an dem sie selbstständig Beratung und Begleitung abrufen können. Dieser Ort muss Beratungsangebote im gesamten Bereich der Qualifizierung und Ausbildung bieten oder darüber Bescheid wissen. Das geschieht indem Beratungsinstitutionen wie die Arbeitsagentur und das Jobcenter, aber auch die Kammern und die freien Träger mit personellen Ressourcen vor Ort sind. Ebenfalls dort abrufbar sind weitere Unterstützungsangebote wie persönliche Beratung, Sprachunterricht und Fort- und Weiterbildung. Der Ort muss gut erreichbar, sehr niederschwellig, zielgruppengerecht und gastfreundlich sein – ausgestattet mit den passenden Öffnungszeiten. Außerdem braucht es Räume, in denen man sich treffen und lernen kann sowie Zugriff auf Computer und das Internet hat. Erfahrungen aus Projekten wie Jobconnection und dem Welcome Center werden mit einbezogen. In der räumlichen Nähe gelingt den teilnehmenden Institutionen eine einfachere Vernetzung und Fokussierung des gemeinsamen Arbeitsauftrages und beugt Doppelstrukturen vor. Ein entscheidender Punkt für das Gelingen des Campus ist die Koordination. Sie entwickelt Strategien wie das Angebot stadtweit sichtbar und vor Ort wirksam wird, ist im ständigen Gespräch mit Anbietern und Klienten und baut ein umfassendes Netzwerk auf.

Des Weiteren koordiniert sie die Angebote, ermittelt Bedarfe, beauftragt die Entwicklung fehlender Module und nimmt dafür gezielt weitere Partner/innen auf. Module fehlen vor allem in den Bereichen Sprache, Kommunikation, aber auch die Vermittlung von Berufsfeldern und dem Ausbildungssystem. Dazu ist es aber auch nötig eine neue Methodenvielfalt gepaart mit interkultureller Kompetenz anzubieten sowie weitere Formen des Peerlearnings. Als exklusives Angebot könnte der Ausbildungscampus auch der Ort sein, an dem Kompetenzen und Neigungen von Jugendlichen vor dem Eintritt in die beruflichen Schulen ermittelt werden, um eine passgenauere Vermittlung in weitere Felder von Bildung und Ausbildung zu gewährleisten. Paten- und Patinnenprojekte Die Erfahrungen aus dem Bereich Ausbildung haben gezeigt, dass Jugendliche aus bildungsfernen Schichten und/oder mit Sprachdefiziten eine größere Chance haben, wenn sie vor und während der Ausbildung in einer 1:1 Beziehung begleitet werden. Deswegen sollen am Campus direkt Patenprojekte angesiedelt und Paten und Patinnen vermittelt werden. Hierbei ist es notwendig, dass die Projekte Qualitätsstandards und Erwartungen erfüllen. Dabei sollen die bisher bestehenden Projekte miteinbezogen und je nach Bedarf vergrößert, weiterentwickelt oder zusätzliche Möglichkeiten geschaffen werden. Hierbei ist die gesamte Vielfalt des Patengedankens im Blick: von peer to peer-Modellen und den klassischen Mentoring-Projekten bis zu Angeboten des Corporate Volunteerings. Außerdem wurde über eine zentrale Struktur für die Aus- und Weiterbildung sowie für die Begleitung und Supervision nachgedacht. Insgesamt soll der Ausbildungscampus Treff-, Lernund Austauschort für alle Paten- und Patinnenprojekte werden, die auf diesem Gebiet arbeiten. Die Entwicklung zu einem solchen Ort, die Ausweitung und Intensivierung des Angebotes muss in Abstimmung mit den bestehenden Projekten geschehen. Weiter Infos unter: www.buergerstiftung-stuttgart.de/ neuigkeiten/ausbildungscampus-in-den-startloechern Anfragen: irene.armbruster@buergerstiftung-stuttgart.de

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Graz:Spendenkonvoi – Verein für den menschlichen Umgang mit Schutzsuchenden »Graz:Spendenkonvoi«: Wer sind wir und was tun wir?

Marion Bock Graz:Spendenkonvoi

Marion Bock, ist nach einem Studium der Pädagogik und Germanistik, Lehrgang für internationales Projektmanagement (Karl-Franzens-Universität Graz) seit 1999 in unterschiedlichen NGOs beschäftigt als Mitarbeiterin bzw. Koordinatorin nationaler und europäischer Projekte, die sich mit der Entwicklung von Qualifizierungen für bildungsbenachteiligte Menschen und der Anerkennung von non-formal erworbenem Wissen befassen. Seit Juli 2016 ist Marion Bock ehrenamtlich Vorstandsmitglied des Graz:Spendenkonvoi. Kontakt marion.bock@gmx.at Facebook: www.facebook.com/ groups/1706328169613315/

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»Graz:Spendenkonvoi« entstand aus einer Initiative Grazer Studierender im Herbst 2015. Zu dieser Zeit kamen täglich tausende Menschen auf der Flucht über den Balkan nach Norden. Um diese Schutzsuchenden auf ihrem Weg mit dem Allernötigsten zu versorgen, wurden spontan in den sozialen Medien und im Verwandten- und Freundeskreis Hilfsgüter (vorwiegend Kleidung, Decken und Lebensmittel) gesammelt, Autos und eine Feldküche organisiert und mehrtägige Fahrten durchgeführt, um die Menschen auf ihrem Weg entlang der Balkanroute zu unterstützen. An diesen Fahrten nahmen Engagierte unterschiedlichen Alters und verschiedenster Nationalitäten teil. Nachdem die Grenzen Ende 2015 immer dichter wurden und die Schutzsuchenden in der Türkei, auf den griechischen Inseln und am griechischen Festland festsaßen, startete in den Weihnachtsferien 2015 der erste Konvoi Richtung Griechenland, und zwar auf die Insel Lesbos. Die große Betroffenheit über die Lage der Menschen, die Frustration über das unkoordinierte und wenig engagierte Vorgehen vieler offizieller Stellen und manch großer Hilfsorganisationen sowie das Wissen, in Kooperation mit anderen Freiwilligen-Organisationen auch als kleine Gruppe die Schutzsuchenden physisch, aber auch psychisch unterstützen zu können bewirkte, dass im Laufe des Jahres 2016 vier weitere Fahrten nach Griechenland durchgeführt wurden. Zu Ostern und Pfingsten wurden mehrere tausend Menschen, die in Idomeni an der griechisch-makedonischen Grenze gestrandet waren, mit warmem Essen, Kleidung und Hygieneartikeln versorgt und viele mit persönlicher Anteilnahme, Informationen und individueller Hilfe unterstützt. Nachdem Idomeni am Tag unserer Abreise geräumt wurde, führte uns der Weg im Sommer nach Thessaloniki, wo wir in mehreren umliegenden Camps die Menschen


Idomeni März 2016

Petra Olympos

© Graz:Spendenkonvoi

© Graz:Spendenkonvoi

mit Hygiene-, Lebensmittel- und Bekleidungspaketen versorgten. Zusätzlich hatten wir ein Open-Air-Kino dabei, mit dem wir zur Freude vieler Kinder und Erwachsener Filmvorführungen und Musik­abende in den Camps anbieten konnten. In den Weihnachtsferien 2016 startet erneut ein Konvoi nach Nordgriechenland.

auf Facebook. Die Vereinsstruktur dient in erster Linie der besseren Rechtssicherheit für die aktiven Ehrenamtlichen, aber auch für Unterstützer und Unterstützerinnen, die Geld und Sachspenden zur Verfügung stellen.

Die Mitglieder und Freunde des »Graz:Spendenkonvoi« sind aber auch auf regionaler Ebene äußerst aktiv. So gibt es laufend unterschiedliche Eigeninitiativen, um den Menschen, die in der Steiermark ein neues Zuhause suchen, beim hier Ankommen und Fußfassen zu helfen. Besuche in entlegenen Flüchtlingsquartieren und regelmäßige Sportaktivitäten werden ebenso organisiert wie Begleitung zu Behörden- und Arztterminen, Hilfe bei der Wohnungsund Jobsuche und der Beschaffung verständlicher und korrekter Informationen zum Thema Asyl, Integration/Inklusion und dem Leben in Österreich. Die Bandbreite der Themen ist enorm und stellt die Handelnden oft vor große zeitliche, organisatorische und emotionale Herausforderungen.

»Graz:Spendenkonvoi«: Wie agieren wir?

Seit Juli 2016 ist »Graz:Spendenkonvoi« ein eingetragener Verein mit 50 offiziellen Vereinsmitgliedern und rund 1.400 Mitgliedern

Trotz der Formalstruktur eines eingetragenen Vereins hat sich an der Arbeitsweise der engagierten Personen nicht viel geändert – jede und jeder kann Ideen einbringen, deren selbständige Umsetzung ist gewünscht. Dieser offene Zugang ermöglicht eine Vielfalt an Aktivitäten, basierend auf den individuellen Ressourcen und Möglichkeiten der Einzelnen, aber auch mit starkem Fokus auf den individuellen Unterstützungsbedarf unserer neuen Mitbürger und Mitbürgerinnen. Wichtig dabei ist uns die Zusammenarbeit mit anderen NGOs, um Synergien nutzen zu können, rascher an relevante Informationen zu gelangen und die Palette der Unterstützungsleistungen erweitern zu können. Ein wesentliches Hilfsmittel für diese, oft interna-

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»Graz:Spendenkonvoi«: Was lernen wir aus den täglichen Herausforderungen?

Idomeni, März 2016 © Graz:Spendenkonvoi

tionalen, Kooperationen stellen soziale Medien dar, ohne die die schnelle, unkomplizierte und breite Vernetzung kaum möglich wäre. Auch mit Behörden gibt es immer wieder eine gelingende Zusammenarbeit, die sich oft aufgrund persönlicher Kontakte, aber auch durch die Expertise und den Bekanntheitsgrad des »Graz:Spendenkonvoi« ergibt bzw. durch diese Aspekte erleichtert wird. Das Gleiche trifft auch auf die Kooperation mit Wirtschaftsbetrieben zu – persönliche Kontakte sind meistens der Türöffner für Firmensponsoring oder mehr Offenheit bei der Arbeitsmarktintegration.

»Graz:Spendenkonvoi«: Was treibt uns an? Die Motive jener, die mit dem »Graz:Spendenkonvoi« aktiv sind, sind unterschiedlich: persönliche Betroffenheit aufgrund der eigenen Biografie, gelebte soziale Wertehaltung, das Bedürfnis nach sinnvollem politischem Engagement usw. Was uns eint, ist das Bild einer offenen Gesellschaft, die sich jener Menschen annimmt, die in ihrer physischen, psychischen und sozialen Existenz bedroht sind.

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Als Ehrenamtliche ohne formalisierten Zugang zu Informationen und Ansprechpersonen stehen wir oft vor unerwarteten Herausforderungen, die sich aus der individuellen Situation der von uns begleiteten Personen ergeben. Auf Fragen wie »Ist der Anspruch auf Familienbeihilfe an den Asylstatus des Kindes oder der Mutter gekoppelt?«, »Wie ist ein Asylwerber oder eine Asylwerberin während eines Volontariats zu versichern?« oder »Wie finden wir eine Wohnung für eine Familie mit einem herzkranken Kind, obwohl die Familie noch in der Grundversorgung ist?« suchen wir nach Antworten – und machen immer wieder die erstaunliche Erfahrung, mehr Informationen zu haben als manche Hauptamtliche oder Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Behörden, Ämtern und in den Unternehmen. Umso bedauerlicher ist es, dass die Leistungen der vielen Ehrenamtlichen, die täglich mit viel Energie, Zeit, Herzblut und Kreativität aktiv sind, um – im Sinne der neuen, aber auch der alt eingesessenen Bürger und Bürgerinnen – die vielen Schritte auf dem Weg der Inklusion in unsere Gesellschaft zu unterstützen, in den Medien kaum noch Erwähnung finden … Die laufende Notwendigkeit, sich mit individuellen Problemstellungen auseinander zu setzen, mündet in einen ständigen Prozess des informellen Lernens und trägt dadurch zu einem enormen Wissens- und Kompetenzaufbau bei vielen Menschen bei, die ehrenamtlich im Bereich der Inklusion von Asylwerbenden und Asyl- und subsidiär schutzberechtigten Personen aktiv sind. Aber auch der persönliche Umgang mit den neuen Mitbürgern und Mitbürgerinnen, das Kennenlernen anderer Kulturen, Sprachen, Lebensentwürfe erweitert unseren Horizont ständig. Um dieses geballte Know-how noch besser nutzen zu können, plant der »Graz:Spendenkonvoi« gemeinsam mit anderen Organisationen in der Steiermark den Aufbau einer online Plattform, auf der Vereine, Initiativen, Behörden, Projekte und andere relevante Kontakte und Information präsentiert werden.


Durch diese Vernetzung soll engagierten Ehrenamtlichen, aber auch Betroffenen selbst (und vielleicht auch Mitarbeitenden in anderen NGOs, Behörden, Ämtern und Unternehmen) ein leichterer Zugang zu wichtigen Informationen und Anlaufstellen ermöglicht werden.

»Graz:Spendenkonvoi«: Was wünschen wir uns? Unsere Vision ist, dass irgendwann ein großer Teil jener Aufgaben, mit denen wir uns auseinandersetzen, nicht (mehr) notwendig sein wird, weil diese Unterstützungsleistungen entweder – und in entsprechender Qualität – von damit beauftragten Stellen und Organisationen durchgeführt werden, oder gar nicht notwendig sind, weil das Ziel des Integrations-/Inklusionsprozesses nicht im Aufbau, sondern in der Beseitigung von Barrieren besteht. Soweit die Vision. Für die gegenwärtige Arbeit, die die Ehrenamtlichen des »Graz:­ Spendenkonvoi«, aber auch anderer Initiativen und Organisationen leisten, wünschen wir uns mehr Öffentlichkeit und Unterstützung in Politik und Verwaltung. Denn eines ist klar: ohne diesen kontinuierlichen Einsatz vieler Personen würde die Inklusion jener Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Zerstörung ihre Heimat verlassen mussten und darauf hoffen, bei uns eine neue zu finden, wesentlich seltener gelingen!

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Sprache(n) verbinden – Spracharbeit mit Geflüchteten

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Flucht ist die Art der Migration, die sich durch besonders harte Bedingungen auszeichnet: weder wird das so genannte Herkunftsland freiwillig verlassen, noch ist das so genannte Ankunftsland das langersehnte Ziel. Die dort gesprochene Sprache ist nicht diejenige, die Menschen schon immer lernen wollen. Flucht ist zumeist gekennzeichnet durch lange, anstrengende und lebensbedrohende Wege. Flucht resultiert nicht nur im Verlieren der gewohnten Umgebung, der Netzwerke, die Stabilität bedeuteten, sondern auch im endgültigen oder angedrohten Verlust geliebter Menschen. Oftmals bedeutet Flucht auch ein Ankommen in einer Gesellschaft, die sich vor scheinbarer Angst in Xenophobie und Abwehr zurückzieht. Bildungswege von Kindern und Jugendlichen werden abgebrochen und können nur selten und wenn, dann mit unheimlichem Aufwand und Zeitverlust, fortgesetzt werden.

Thomas Fritz lernraum.wien

Sprachverlust Thomas Fritz ist Leiter des lernraum.wien, Institut für Mehrsprachigkeit, Integration und Bildung der VHS Wien. Er ist seit langer Zeit als Unterrichtender, Aus- und Weiterbildner, Vortragender und Projektmanager in der Erwachsenenbildung tätig. Inhaltliche Schwerpunkte: Mehrsprachigkeit, Basisbildung, Superdiversity und Weiterbildung. Kontakt thomas.fritz@vhs.at www.vhs.at/lernraumwien

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Wenn Menschen vor Gewalt, Krieg und der Zerstörung ihrer Lebensumwelt flüchten, dann verstärken die im so genannten Ankunftsland herrschenden Diskurse um Obergrenzen und Grenzzäune vorhandene Traumata: Das geschieht in Kombination mit Sprachverlust und der Unmöglichkeit so zu kommunizieren, wie man es gewohnt war. Sprachverlust geht stets einher mit dem Zwang und der Notwendigkeit die neue Landessprache zu erlernen. Seit einigen Jahren können wir hierzulande beobachten, dass Deutsch in vielen Diskursen gleichgesetzt wird mit Sprache schlechthin, so dass alles, was nicht der Normalität des Deutsch entspricht, automatisch entund verfremdet wird. Deutschlernen wird zur Pflicht, sollte aber eine Chance sein. Deutsch lernen ist eine Belastung, vor allem dann, wenn Menschen eigentlich an anderes denken wollen und müssen. Deutsch lernen kann den Verlust anderer Sprachen bedeuten, wie es ein bosnischer Kriegsflüchtling vor einigen Jahren so treffend beschrieben hat. Er sieht Deutsch als »[e]ine fremde Welt, eine fremde Galaxie im


Kopf, diese deutsche Sprache, wo alles umgekehrt ist wie bei uns, so haben sie oft gesagt.« (Busch und Busch 2008, S. 25 ). Für ihn »leben« die verschiedenen Sprachen, die er spricht, in Taschen in seinem Gehirn, und Deutsch kommt in die selbe Tasche wie Englisch, um so mehr Deutsch dieselbe Tasche kommt, um so mehr verschwindet das Englische. »Die gehören, kann man sagen, in dieselbe Tasche in meinem Kopf. Und es gab nicht genug Platz für beide. Je mehr deutsche Wörter ich gelernt habe, desto wenig englische hab ich im Kopf gehabt. Oder besser, ich habe mehr Schwierigkeiten, wenn ich Englisch herausholen muss.« (ibid) Wir sehen an diesem Beispiel sehr schön, welch große Herausforderung das Lernen einer Sprache sein kann – und den langsamen Verlust des Englischen durch das Vordringen des Deutschen.

Freiwillige Spracharbeit An dieser Stelle seien ein paar Gedanken zur freiwilligen Spracharbeit erlaubt. Zumeist sind Freiwillige vor allem sehr engagiert, oftmals haben sie aber noch nie im Leben Sprache unterrichtet, manchmal kommen sie aus dem Bereich der Grundschule und sind nicht an die Arbeit mit Erwachsenen, sondern mit Kindern gewöhnt. Oftmals ist die Möglichkeit, mit professionellen Sprachunterrichtenden zu arbeiten nicht vorhanden, es mangelt an Geld, an Strukturen oder eben an den professionellen Unterrichtenden. Darin kann aber eine große Chance bestehen, nämlich nicht Sprache und Grammatik zu vermitteln, sondern die Sprache als das zu verwenden, was sie ist: ein Mittel zu Kommunikation. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine natürliche Kommuni­ka­ tion, das Sprechen und vor allem das Zuhören eine viel effektivere Art sich einer Sprache anzunähern bedeutet als das Vermitteln von abstrakten Grammatikregeln. Sprache in ihrer natürlichen, kom-

munikativen, authentischen Form ist das, was Geflüchtete brauchen. Und sie brauchen ebenfalls Sprache als einen Ausdruck der Empathie und des sozialen Zusammenhalts, und genau das kann Sprachunterricht oftmals nicht leisten. Die Profis orientieren sich an Zielen, wie zum Beispiel den Stufen des Europäischen Referenzrahmens, an einer – vermeintlich notwendigen – Grammatikprogression und oft an den vollkommen irrelevanten Inhalten von Lehrwerken. All das kann nicht zu einer Handlungsfähigkeit in der neuen Sprache führen, sondern bloß zu einer Ansammlung an metasprachlichem Wissen. Überdies ist die Rolle, die die Freiwilligen einnehmen, oftmals charakterisiert von dem, was ich gerne »die gleiche Augenhöhe« nenne. Also keine Haltung, die paternalistische Züge aufweist und die Ehrenamtlichen zu Ersatzeltern, Lehrer/innen oder »dei ex machina«, den allgegenwärtigen und allmächtigen Superwesen macht. Kurz zusammengefasst können wir sagen: Ehrenamtliche sollen das tun, was sie am besten können: Kommunikationspartner/innen und Bezugspersonen sein. Und noch ein Gedanke zum Ehrenamt: Das Ehrenamt braucht Strukturen, die die engagierten Menschen unterstützen, da sie leicht in Situationen kommen, die auch für sie überfordernd werden. Seien es so einfache Dinge wie das Transferieren von Geld aus Schweden nach Österreich, das weder über eine Bank funktioniert, weil die Menschen keine Konten haben, noch über Institutionen wie Western Union, weil dies zu teuer ist. Also muss das Geld persönlich überbracht werden. Beide Seiten brauchen Sicherheit, und das kann dazu führen, dass eine Ehrenamtliche dem Überbringer des Geldes ihren Pass zeigen muss, was eine sehr verunsichernde Situation darstellt. (Dies und die folgende sind wahre Geschichten). Andererseits können plötzlich Trauma Erscheinungen auftreten, oder die betreuten Menschen reden über Suizid – und wer von uns wäre da nicht überfordert? Daher bedarf es unbedingt Stützstrukturen sowohl für die Ehrenamtlichen als auch für die

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Geflüchteten.

Gegenseitiger Sprachaustausch Abschließend noch ein paar Gedanken zu Spracharbeit (also eher Kommunikation) und Mehrsprachigkeit: Ich habe oben erwähnt, dass Deutsch lernen oftmals auch zu Sprachverlust führen kann. In einem klassischen Deutschunterricht wird Deutsch unterrichtet. In der »normalen« Kommunikation bedienen wir uns aller sprachlichen Mittel, die uns zur Verfügung stehen um miteinander zu reden, unsere Geschichten auszutauschen oder gemeinsam Probleme zu lösen. Und es ist diese natürliche Kommunikation, die wesentlich erscheint. Ebenso wie das Prinzip der Gegenseitigkeit aus dem Sprachunterricht, wie ich ihn gerne verstehen würde. Ich kann zwar auch als Sprachlehrer/in, viel besser jedoch als Kommunikationspartner/in, neue Sprachen lernen, Neugierde zeigen oder mit vielen »Fehlern« Worte wiederholen und zu einfachen Sätzen zusammenbauen. Diese Gegenseitigkeit erscheint mir vor allem in der Arbeit mit Geflüchteten wesentlich, da sie in Situationen, in denen sie etwas erklären, eventuell auch korrigieren und helfen, in einer anderen Situation sind, als in vielen Momenten in ihrem derzeitigen Leben. Sie helfen, sie sind die Expert/innen, die Lehrer/innen, sie haben ein wenig Macht in der Kommunikationssituation – und das sollen, ja müssen, wir ihnen geben.

1 Busch, Brigitta und Busch, Thomas (2008): Von Menschen, Orten und Sprachen.

Multilingual leben in Österreich. Klagenfurt/Celovec: Drava

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Auf diesem Gebiet ist im Laufe der Jahre bereits viel geschehen. Im Jahr 1968 verabschiedete der Ministerrat des Europarates eine Entschließung, bei der es um den Sprachunterricht für »Gastarbeiter/innen« ging. In den 70ern wurden in Londoner Vororten Sprachkursmodule für indische Arbeitskräfte in der Industrie entwickelt, daher die Bezeichnung »Industrial English«. Allerdings wurden berufsbezogene Aspekte in der Sprachvermittlung bis vor Kurzem weitgehend vernachlässigt. Damit verbundenen Fragestellungen wird erst seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Dieser Artikel stellt drei Maßnahmen vor, die Flüchtlingen und Migrant/innen bei ihrem Einstieg in den Arbeitsmarkt des Aufnahmelandes unterstützen: 1. Forschungsprojekte am Europäischen Fremdsprachenzentrums (= European Centre for Modern Languages of the Council of Europe, kurz ECML) des Europarates 2. »HOTEL TALENTS«: Die Verknüpfung von Arbeitspraxis und Sprachlernen bei Flüchtlingen und Migrant/innen in Göteborg, Schweden 3. »New Amigos«, ein Spiel aus Norwegen, das auf der Wertschätzung aller Sprachen beruht und das die Integration von Flüchtlingen und Migrant/innen fördert

1. Forschungsprojekte am ECML in Graz »Entwicklung der Sprachenkenntnisse von Migrantinnen und Migranten am Arbeitsplatz« (2012–2015) Das erste Projekt des Europarates, das am EMCL umgesetzt wurde, ebnete den Weg für innovatives Lehren und Lernen. Die Ergebnisse umfassen eine Website, die es Fachleuten in verschiedenen europäischen Ländern ermöglicht, ihre Methoden auszutauschen und zu entwickeln. Diese Website beinhaltet auch einen Toolkit mit praktischem Material für die Sprachausbildung am Arbeitsplatz.

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Fremdsprachenlernen und -lehren für den Beruf bei Migrant/innen und Flüchtlingen

Michel Lefranc Consultant Michel Lefranc – Ehemaliger Generaldelegierter der »Alliances françaises« (unterrichtete Französisch als Fremdsprache) in Belgien. Ehemaliger Direktor des europäischen Fremdsprachen­ zentrums (ECML) des Europarates. Co-Organisator der jährlichen Sprachenkonferenz in Paris in Verbindung mit der Europäischen Kommission und des Europarats. Michel Lefranc spricht Französisch, Englisch, Deutsch und Norwegisch. Kontakt micky.lefranc@orange.fr

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»Language for Work: Tools für die berufliche Weiterbildung« (2016–2019) Das Ziel des zweiten Projekts des Europarates ist die Förderung beruflicher Entwicklungsmöglichkeiten von Migrant/innen und Angehörigen ethnischer Minderheiten im Erwachsenenalter, die im Arbeitskontext eine »Zweitsprache« erlernen. Dabei entstehen Tools und Materialien, welche die Weiterbildung von Lehrkräften unterstützen. Geplante Projektergebnisse: >

Ein »Quick Guide« in mindestens fünf europäischen Sprachen

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Ein erweiterbares Kompendium mit methodischen Ansätzen zur Unterstützung des Sprachlernens am Arbeitsplatz

>

Ein Rahmenlehrplan zur Unterstützung beruflicher Weiter­ bildung, der berufspraktische Aufgaben und Kompetenzen mit methodischen Ansätzen zusammenführt, um so arbeits­ bezogenes Sprachenlernen zu fördern

>

Eine Sammlung von Ressourcen (einschließlich Lernmaterial, Fallstudien, etc.)

Diese Produkte werden online über die Language for Work Network Website (http://languageforwork.ecml.at) zugänglich sein.

2. »HOTEL TALENTS« in Göteborg, Schweden In diesem Projekt gibt es vier 4 Hauptakteure, die zur sozialen, beruflichen und sprachlichen Integration der Migrant/innen und Flüchtlinge beitragen: 1. die Stadt Göteborg 2. das Weiterbildungsinstitut Cuben (www.cubenutbildning.se/) 3. potenzielle Arbeitgeber/innen (häufig Hotels, die alle möglichen Arten von Arbeitsplätzen zur Verfügung stellen) und 4. Migrant/innen und Flüchtlinge

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Wir werden uns auf den wichtigsten Akteur und die treibende Kraft dieses Projekts konzentrieren: Cuben. Diese Schule ist für den Sprachunterricht und für die generelle Planung verantwortlich, sie organisiert Kontakte und unterstützt Migrant/innen und Flüchtlinge bis zum Eintritt ins Arbeitsleben in Schweden. Cuben ist keine berufsbildende Schule im engeren Sinn. Es ist einerseits eine Sprachschule und andererseits eine Berufsschule mit etwa 1.600 Lernenden. Sie bietet normale Sprachkurse an und hat sich auf Kurse spezialisiert, die mit dem Eintritt in den Arbeitsmarkt verzahnt sind. In der Schule sind 40 Lehrkräfte und vier Coaches angestellt. Cuben begleitet den gesamten Prozess, den die teilnehmenden Flüchtlinge oder Migrant/innen durchlaufen, von Sprachkursen und spezialisierten Kursen mit Coaches über die Suche nach dem richtigen, berufsbezogenen Lernmaterial bis hin zu den Verhandlungen mit Arbeitgeber/innen und der Vermittlung von Praktikumsplätzen, usw. Die Schule vertritt in dieser Hinsicht ein ganzheitliches Konzept. Folgende Branchen werden abgedeckt: Die Hotellerie, die unterschiedlichste Arbeitsplätze anbietet, aber auch Bau, Gesundheit, Business, Shop-Logistik, … Die Mehrheit der Lernenden ist im Alter von 20–60 Jahren. Sie kommen aus vielen verschiedenen Ländern und sind nicht ausschließlich geflüchtete Menschen. Der Großteil derjenigen, die Vorbereitungskurse belegen, um Praktikumsplätze zu finden, sind wenig qualifizierte Arbeitskräfte. Manche haben aber einen Universitätsabschluss und wollen mithilfe einer ersten Berufserfahrung durch Cuben erste Karriereschritte unternehmen. Jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer an den auf bestimmte Berufsfelder ausgerichteten Kursen wird ein Coach zugeteilt. Gleichzeitig arbeiten sie soweit wie möglich selbstständig, damit sie so schneller ihren Weg in der schwedischen Gesellschaft finden.


Die Rolle von Sprachlehrkräften und Coaches Sprachlehrkräfte unterrichten Schwedisch und arbeiten eng mit Coaches und Unternehmen zusammen. Sie sind flexibel und passen sich den Bedürfnissen der Lernenden an. In den Kursen, die auf bestimmte Berufsfelder ausgerichtet sind, werden informelles Lernen und Unterlagen aus der Arbeitswelt in die formale Sprachausbildung integriert. Die Coaches haben unterschiedliche berufliche Hintergründe: Hotelmanagement, Fußball (mit viel Erfahrung in der Jugendarbeit). Manche sind selbst geflüchtete Menschen. Die Aufgabe der Coaches ist, die Lernenden in den Sprachkursen über die speziellen Lernangebote und die Kontakte zum Arbeitsmarkt zu informieren, vor allem über die Kooperation mit der Hotellerie. Derzeit bestehen mit etwa 14 Hotels in Göteborg Kooperationen. Die Coaches sind sehr aufgeschlossen, tolerant und flexibel. Sie sagen niemals NEIN. Den Coaches ist bewusst, dass die Lernenden auch einmal eine falsche Richtung auswählen. In solchen Fällen helfen sie ihnen dabei, eine andere Praktikumsstelle zu finden und übernehmen die Rolle von Berufsberater/innen. Die Lehrkräfte und Coaches arbeiten intensiv zusammen. Normalerweise haben die Lernenden ein Sprachniveau zwischen A1 und B1 in Schwedisch, wenn sie mit den auf bestimmte Berufsfelder ausgerichteten Kursen beginnen. Es kommt vor, dass sich Lernende mit unterschiedlichen Sprachniveaus im selben Kurs befinden, da sie dasselbe Ziel haben. Das ist aber kein Problem, da die Arbeit im Unterricht auf Kooperation beruht. Die Lernenden müssen verstehen, dass sie Teil eines Teams sind. Die Coaches ermutigen die Lernenden, zusammen zu arbeiten, um gemeinsam bessere Ergebnisse zu erzielen, bzw. voneinander zu lernen. Der Inhalt der Kurse ist mit den nachgefragten Anforderungen des Arbeitsmarktes in Göteborg abgestimmt. Praktika Die Praktikumsstellen werden lange im Voraus organisiert, die Hotel­manager etwa informieren die Schule, welche Arbeitskräfte

sie in naher Zukunft benötigen. Dementsprechend werden von Cuben spezielle Angebote organisiert. Dann beginnen die Lernenden mit einem Praktikum von zwei bis drei Tagen/Woche, gleichzeitig gehen sie zwei bis 3 Tage/Woche zur Schule. Das Praktikum dauert drei bis 15 Wochen. In dieser Zeit hat die Hotelleitung die Möglichkeit, herauszufinden, ob sie die Praktikantin oder den Praktikanten behalten möchte oder ob sie der- oder demjenigen eine andere Aufgabe zuteilen will. In einem Hotel gibt es ja eine Vielzahl an Arbeitsbereichen – Buchhaltung, Reinigung, technische Betreuung, Kindergarten, … Es kann natürlich vorkommen, dass die Lernenden während ihres Praktikums das Hotel wechseln, weil die Stelle nicht passt. Aber die Coaches und/oder die Lehrkräfte besuchen die Praktikantinnen und Praktikanten mindestens einmal wöchentlich, um sicherzustellen, dass alles gut funktioniert und um sie möglicherweise auf neue Ausbildungsabschnitte vorzubereiten. Manche Hotels wie etwa »Scandic« bieten eine interne Ausbildung an, wie innerhalb der Scandic Business School, wenn der Betrieb die Praktikantin oder den Praktikanten weiterbeschäftigen möchte. Die Lernenden in diesem Programm wissen, dass sie durch ein Praktikum einen ersten Einblick in den Arbeitsmarkt in Schweden bekommen. 90 % der Lernenden, die einen Job in der Hotellerie suchen, finden auf diese Weise einen, in anderen Berufsfeldern liegt die Zahl bei 70 %. Cuben bleibt in Kontakt mit seinen ehemaligen Kursteilnehmer/innen, was eine große Hilfe dabei sein kann, um neuen Teilnehmer/innen zu zeigen, was sie erreichen können. Sprachkenntnisse Angestellte in einem Hotel müssen kein flüssiges Schwedisch sprechen. Anfangs reichen Englischkenntnisse aus, aber die Lernenden sollten mit der Zeit ihr Schwedisch verbessern. Wenn sie Schwedisch sprechen, fühlen sie sich in Schweden wohler.

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Bei anderen Praktikumsstellen ist die Beherrschung der schwedischen Sprache vorgeschrieben (z. B. für Assistenzberufe in der Gesundheits- und Krankenpflege). Je besser die Praktikantinnen bzw. Praktikanten Schwedisch sprechen, desto größer ist ihre Auswahl an Arbeitsplätzen. Weiterentwicklung Der aktuelle Plan ist, dieses Konzept zu verbreiten, da es so gut funktioniert. Dies wird durch das TALENTS-Projekt im Programm Erasmus+ geschehen. Das Projekt hat folgende Zielsetzungen: • Entwicklung der Cuben Toolbox • In verschiedenen Ländern Unternehmen bzw. Strukturen ähnlich den Hotels in Göteborg finden, die bereit sind, in dieser Weise in ihre Personalentwicklung zu investieren. • Schriftliche Aufzeichnungen darüber anzufertigen, wie der Unterricht und das Coaching für den jeweiligen Arbeitsbereiche ablaufen soll (bis jetzt haben die Coaches ihren Unterricht erfolgreich, aber instinktiv, ohne fixe Lehrpläne durchgeführt). • Den Unterricht hinsichtlich des informellen Lernens bewerten. • Cuben einladen, Crash-Kurse für europäische Lehrkräfte und Coaches anzubieten. • Italienische Projektpartner aus dem Hochschulbereich werden einen allgemein anwendbaren Leitfaden mit Instruktionen für den gesamten Lernprozess verfassen.

3. Das Spiel »New Amigos« Das Spiel »New Amigos« wurde mit dem Europäischen Sprachensiegel ausgezeichnet. Es wird schon seit einigen Jahren in Norwegen erfolgreich umgesetzt, was dazu führen könnte, dass noch mehr Länder dieses Spiel als Brücke zwischen Flüchtlingen und »Einheimischen« nützen. Das Grundprinzip lautet: Jede Person ist aufgrund ihrer Muttersprache eine Ressource. »New Amigos« ist eine Möglichkeit für

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Neuangekommene und (bereits länger) Eingesessene, diesen Wert auf Augenhöhe miteinander zu teilen und im Zuge dessen neue Freundschaften zu schließen. Für das Spiel sind keine Vorkenntnisse notwendig, die Spielenden können bei Null beginnen und mit dem aktiven, flüssig gesprochenen Teilnehmen an Gesprächen enden (Sprechen Niveau B1). Das Ziel des Spiels ist es, das flüssige Sprechen zu lernen. Allzu viele Methoden des Sprachunterrichts konzentrieren sich nach wie vor auf Perfektion statt auf Funktion, wodurch viele Lernende aussteigen, lange bevor sie an Konversation teilnehmen können. Das »Zipfsche« Gesetz besagt, dass man, wenn man die 100 am häufigsten verwendeten Wörter einer Sprache versteht, bereits 50 % dieser Sprache versteht; daher sollte es dann nicht mehr lange dauern, das Niveau zu erreichen, auf dem man aktiv an Gesprächen teilnehmen kann. »New Amigos« beginnt mit den wichtigsten Wörtern und Phrasen mit eingebauter Wiederholung. Es hat drei Levels, sodass Anfängerinnen und Anfänger mit Fortgeschrittenen spielen können – wobei alle dieselbe Chance haben, das Spiel zu gewinnen. Menschen mit Muttersprache A können damit Sprache B lernen, Menschen mit Muttersprache B können Sprache A lernen, oder A und B können gemeinsam spielen, um voneinander zu lernen. Das Spiel wird in Schulen in ganz Deutschland sehr erfolgreich angewandt – in 15 Bundesländern gibt es entsprechende Schulwettbewerbe, und sollte ebenso erfolgreich in Schulen in Frankreich funktionieren. Die norwegisch-arabische Version des Spiels wurde im September in Norwegen eingeführt, sodass Flüchtlinge und Einwohnerinnen bzw. Einwohner sich nun in Sprachcafés in Bibliotheken in ganz Norwegen wöchentlich treffen. Mehr Details gibt es auf: http://siu.no/eng/For-the-media/News/award-fornorwegian-arabic-language-game


Fördermöglichkeiten im Programm Erasmus+ Erwachsenenbildung

Fotos © OeAD/Sabine Klimpt

Erwachsenenbildungseinrichtungen, die über den Tellerrand blicken und damit europäische Kontexte in die Arbeit einbeziehen möchten, können Projektanträge im Programm Erasmus+ Erwachsenenbildung stellen. Erasmus+ ist klar auf die bildungspolitischen Prioritäten der Strategie Europa 2020 und die Ziele des strategischen Rahmens für die europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der allgemeinen und beruflichen Bildung – ET 2020 ausgerichtet. Dieser Artikel skizziert die beiden Förderschienen »KA 1 – Mobilität in der Erwachsenenbildung« und »KA 2 – Strategische Partnerschaften«.

Karin Hirschmüller

Maria Madalena Bragança Fontes-Sailler

Nationalagentur Erasmus+ Bildung

Nationalagentur Erasmus+ Bildung

Karin Hirschmüller studierte Betriebswirtschaft an der WU Wien und arbeitet seit 2009 in der Nationalagentur Erasmus+ Bildung im OeAD im Bereich Erwachsenenbildung und Querschnitts­ materien. Sie ist Mitarbeiterin von Euroguidance (europäische Vernetzung der Bildungs- und Berufsberatung) und Projektbetreuerin von Erasmus+ Strategischen Partnerschaften in der Erwachsenenbildung. Davor war sie in der Erwachsenenbildung tätig, u. a. in der Dialogarbeit zwischen Roma und Nicht-Roma und im Bereich Antidiskriminierung am Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte.

Madalena Bragança Fontes-Sailler hat vor 18 Jahren ihre Tätigkeit im OeAD begonnen. Die gebürtige Portugiesin absolvierte ein Philosophiestudium an der Universität Porto und unterrichtete danach zwei Jahre Philosophie an einem Gymnasium in Portugal. Es folgte ein post-graduales Joint Masterstudium aus European Tourism Management an Universitäten in England und Deutschland. Fontes-Sailler war viele Jahre im internationalen Schul-, Hochschul- und Erwachsenenbildungsbereich tätig und lebte neben Österreich und Portugal insgesamt sieben Jahre in Israel, Russland und Belgien.

Kontakt karin.hirschmueller@oead.at | www.bildung.erasmusplus.at

Kontakt madalena.fontes-sailler@oead.at | www.bildung.erasmusplus.at

BEITRÄGE

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KA1 – Mobilität in der Erwachsenenbildung Diese Förderschiene erlaubt einer Organisation, Mitarbeiter/innen für vorher festgelegte Weiterbildungen ins europäische Ausland zu senden. Die Mitarbeiter/innen besuchen etwa Konferenzen und Fortbildungskurse, blicken einer anderen Einrichtung in Form eines Job Shadowings/einer Hospitation über die Schultern oder halten selbst einen Lehrauftrag an einer Gastorganisation. Wesentlich dabei ist, dass diese Aktivitäten mit dem sogenannten European Development Plan in enger Verbindung stehen und dass das Gelernte nach dem Auslandsaufenthalt in die Organisation integriert wird. Folgende Grafik stellt die Kernaspekte eines KA1 Antrags vor.

Bedarfsanalyse der Einrichtung

European Development Plan

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Plan der Organisation zu Qualitätsentwicklung und Internationalisierung

>

Maßnahmen zur Erfüllung des Plans: Mobilitäten

Konferenz

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Auswirkungen auf Personal, Lernende und Organisationen

Lehrauftrag an Gastinstitution

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Gelerntes in die Organisation bringen

Bedarf der Einrichtung

Bedarf der Einrichtung

Mobilitäten

Jobshadowing

KA1 Projekt

Einreichen als Konsortium Mehrere österreichische Organisationen, die sich mit einem ähnlichen Themengebiet befassen, können auch einen gemeinsamen Konsortiums-Antrag stellen. Besonders interessant daran: Durch einen gemeinsamen Antrag reduziert sich der Verwaltungsaufwand für jede der Einrichtungen. Dies ist daher besonders für Organisationen, die nur sehr wenige Mitarbeiter/innen versenden möchten, von Vorteil. Diese Möglichkeit fördert übrigens indirekt auch die regionale Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen, die gemeinsam eine Vision verfolgen.

KA2 – Strategische Partnerschaften Fortbildungskurs

© NA Erasmus+ Erwachsenenbildung AT

Am Anfang der Projektkonzeption steht das Analysieren des Bedarfs der eigenen Einrichtung zu Qualitätsentwicklung und Internationalisierung (z. B. bezogen auf die europäische Dimension in der eigenen Tätigkeit, die Kompetenzen des Personals, neue Unterrichtsmethoden oder -instrumente oder auch die Ausbildungsund Lernprozesse). Auf diesen festgestellten Bedarf stützt sich der European Development Plan. Darin beschreibt die Einrichtung die Ziele, die sich das Unternehmen für den Förderzeitraum steckt

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und die Maßnahmen (Mobilitäten in Form von Auslandsaufenthalten), die sie zur Erreichung unternimmt. Die Erfahrungen und Lernergebnisse, die die Mitarbeiter/innen bei Mobilitäten gemacht haben, werden in die eigene Einrichtung integriert, etwa durch Workshops für Kolleginnen und Kollegen, die Verwendung der gelernten Methoden im eigenen Arbeitsbereich oder das Starten neuer Initiativen. Die Auslandsaufenthalte eines gelungenen KA1 Projektes werden dadurch sowohl für die einzelnen Teilnehmer/innen als auch für die Organisation insgesamt Nutzen bringen.

In einer Strategischen Partnerschaft arbeiten mehrere europäische Einrichtungen über einen Zeitraum von einem bis zu drei Jahren intensiv zusammen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Von zentraler Bedeutung ist es dabei, in den Projekten Inhalte zu erarbeiten, die nachhaltig wirken. Dies können Materialien und Handbücher sein, die in den nächsten Jahren benötigt werden oder Lernergebnisse, die die Einrichtungen auf zukünftige Entwicklungen besser vorbereiten. Den Einrichtungen stehen dabei zwei Arten von Strategischen Partnerschaften zur Auswahl: Ein »Projekt zum Austausch guter Praxis« fokussiert darauf, sich zu konkreten Themen, Methoden,


Tools etc. mit anderen Ländern auszutauschen. Man recherchiert etwa Best Practice Beispiele, bewertet sie nach vorher definierten Qualitätskriteren, überprüft die Übertragbarkeit und erstellt darauf aufbauend eine Sammlung dieser Beispiele. Im Unterschied dazu entwickelt ein »Projekt zur Förderung von Innovation« gänzlich neue Materialien. Diese können sein: ein Curriculum für einen Lehrgang, Handbücher mit Lehrmaterialien oder auch Methodenbücher. Jedenfalls sind dies Produkte, deren Erarbeitung ein größeres Ausmaß an Arbeitstagen erfordert und die durch ihre Qualität und Innovation eine wesentliche Bereicherung für die Erwachsenenbildungslandschaft darstellen. Bei beiden Projektarten setzt sich das Budget aus einzelnen, modular kombinierbaren Kostenkategorien zusammen. Die finanzielle Abwicklung erfolgt großteils über Unit Costs, was den Verwaltungsaufwand vereinfacht.

Weitere Informationen zur Antragstellung: > www.bildung.erasmusplus.at

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EPALE

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EPALE – Was haben Sie davon? https://ec.europa.eu/epale Es bringt viele Vorteile, der EPALE-Gemeinschaft beizutreten.

Werden Sie Teil der Erwachsenenbildungsgemeinschaft Das Ziel von EPALE ist es, eine europäische Erwachsenenbildungsgemeinschaft aufzubauen. Wenn Sie EPALE beitreten, können Sie mit unterschiedlichen Akteuren aus dem Bereich Erwachsenen­ bildung kommunizieren, wie z. B. mit Trainer/innen, politischen Entscheidungsträger/innen und Freiwilligen. Networking mit Gleichgesinnten Als EPALE-Mitglied können Sie Ihre Ansichten mit anderen Menschen diskutieren, die in Ihrem Land oder in Europa im gleichen Bereich tätig sind, und mit ihnen Informationen austauschen. Die Plattform eignet sich hervorragend, um Projektpartner zu finden oder Erfahrungen und Ideen im Zusammenhang mit Ihrem Erwachsenenbildungsprojekt zu teilen. Vernetzung außerhalb des eigenen Umfelds EPALE bietet dem Erwachsenenbildungssektor etwas Neues – die Möglichkeit, unkompliziert mit europäischen Fachleuten aus der Erwachsenenbildung außerhalb Ihres gewöhnlichen beruflichen Umfeldes in Kontakt zu treten – mit politischen Entscheidungsträger/innen, Blogger/innen, Forscher/innen, Freiwilligen, Tutor/innen, Trainer/innen usw.

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Erweitern Sie Ihr Publikum Vielleicht sind Sie eine Bloggerin oder ein Blogger und möchten Ihre Meinung über ein Thema aus dem Bereich der Erwachsenenbildung teilen, oder Sie sind Forscherin bzw. Forscher und haben eine Arbeit über eine neue Methode veröffentlicht. Vielleicht haben Sie als politische/r Entscheidungsträger/in einen spannenden Vorschlag, oder Sie arbeiten als Trainerin bzw. Trainer und möchten Good Practices, eine Veranstaltung, einen Nachrichtenartikel oder eine Ressource teilen, an denen Ihre Kolleginnen und Kollegen interessiert wären. EPALE ermöglicht Ihnen nicht nur in Europa, sondern weltweit eine unmittelbare Plattform und sofortige Verbreitung. Zugang zu einer umfassenden Ressourcen-Datenbank Mitglieder von EPALE können auf über 1.000 hochwertige Ressourcen rund um das Thema Erwachsenenbildung zugreifen. Unsere Gemeinschaft sorgt dafür, dass diese umfangreiche Datenbank ständig wächst. Auf dem neuesten Stand bleiben EPALE informiert Sie über die aktuellsten Neuigkeiten und Entwicklungen aus dem Erwachsenenbildungssektor in Ihrem Land und in ganz Europa.


Wie können Sie mitmachen? Registrieren Sie sich einfach auf der Plattform, um sämtliche Funktionen von EPALE nutzen zu können.

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EPALE-Profil erstellen Erleichtern Sie sich das Networking und den Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen und anderen EPALE-Mitgliedern, indem Sie ein Profil anlegen, das so viele Informationen wie möglich enthält. Lassen Sie die Gemeinschaft wissen, welche beruflichen Erfahrungen und Interessen Sie haben oder an welchen Projekten Sie aktuell arbeiten.

Diskussionen führen EPALE konzentriert sich auf fünf Themen­ bereiche und regt über Foren, Kommentare, Bewertungen und Umfragen zur Zusammenarbeit unter Kolleginnen und Kollegen an. Die Themenseiten sind der Bereich, wo Informationen bereitgestellt werden und wo gleich­ gesinnte Nutzerinnen und Nutzer zusammentreffen können.

Gedanken austauschen Wenn Sie leidenschaftlich bloggen, würden wir gerne Ihre Ansichten zu verschiedenen Themen aus dem Bereich der Erwachsenenbildung kennenlernen. Mit nur wenigen Klicks können Sie Ihren Blog-Beitrag zur Publikation vorschlagen. Besuchen Sie einfach den Blog-Bereich von EPALE und legen Sie los.

Up-to-date halten Haben Sie eine interessante Ressource gefunden, neue Methoden kennengelernt oder eine Veranstaltung zur Erwachsenenbildung entdeckt? Teilen Sie diese einfach und unkompliziert auf EPALE. Innerhalb weniger Minuten können Sie neue Inhalte veröffentlichen und so Interessierte darauf aufmerksam machen. Besuchen Sie die verschiedenen Themenbereiche und erfahren Sie mehr.

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IMPRESSUM | Herausgeber: Österreichische Austauschdienst-GmbH | Nationalagentur Erasmus+ Bildung | Ebendorferstraße 7 | 1010 Wien | T +43 1 53408-0 | F +43 1 53408-999 | epale@oead.at bildung.erasmusplus.at | Sitz: Wien | FN 320219 k | ATU64808925 | DVR 4000157 | Redaktion: Eva Baloch-Kaloianov | Lektorat: Lydia Rössler | Für den Inhalt verantwortlich: Ernst Gessl­bauer Grafik-Design: Alexandra Reidinger | Druck: Paul Gerin GmbH & Co KG | Wien, April 2017 Diese Publikation wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.



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ec.europa.eu/epale/de facebook.com/EPALE.AT twitter.com/EPALE_AT bildung.erasmusplus.at oead.at

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