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Gendersensibles Design/Textbuch Gender-Sensitive Design/Reader

Entweder oder – sowohl als auch Either/or – as well as

Mit freundlicher Unterstützung der D.E.S.I.G.N Foundation


Impressum Imprint Medieninhaber / Verlag Media owner / publisher

Herausgeber Publisher Redaktion Editing

New Design University Privatuniversität GesmbH Mariazeller Straße 97a, 3100 St. Pölten Österreich / Austria www.ndu.ac.at / office@ndu.ac.at Ulrike Haele, Stefan Moritsch

Ulrike Haele, Magdalena Gansch

Lektorat Copy Editing

Martin Ross

Übersetzung Translations

Roy Culbertson

Grafische Gestaltung Graphic Design Druck Printing Urheberrecht Copyright

Sylvia Kostenzer, studio*dluxe

gugler*

Das Urheberrecht der Texte liegt bei den Autor*innen. The authors retain copyrights to their texts. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. ©2020 New Design University Privatuniversität GesmbH

ISBN 978-3-9503515-7-6 Ermöglicht durch supported by

D.E.S.I.G.N. Foundation


Inhalt Contents

05–08 Ulrike Haele und Stefan Moritsch

Vorwort/Preface 09–36 Ulrike Haele

GENDER und/and DESIGN... 37–44 Friedrich von Borries

Ein Brief / A letter 45–64 Laura Haensler

Milch & Chips / Milk & Chips 65–76 Mayar El Bakry und depatriachise design

Bodies in/and Spaces 77–86 Christian Jurke

Über das Wesen der Dinge oder der systemische Ansatz von Design und der Sprache eines Produkts / About the essence of things or the systemic approach of design and the language of a product 87–108 Stefanie Wuschitz

Is this Feminist Hardware? 109–110 Zu den Autor*innen / About the authors



Ulrike Haele und Stefan Moritsch Vorwort/ Preface

In der von uns Designer*innen maßgeblich gestalteten materiellen Kultur fehlt weitgehend das Bewusstsein für Gender-Aspekte, in der Design-Ausbildung sowieso. Mit dem Semesterthema „Entweder oder – sowohl als auch. Gendersensibles Design“ im Studiengang ‚Design, Handwerk & materielle Kultur‘ an der New Design University möchten wir mit konkreten Arbeiten unserer Studierenden und im Rahmen eines international besetzten Symposiums einen praktischen und theoretischen Beitrag leisten, um diese Lücke zu schließen. Die vorliegende Publikation ist im Frühsommer der Corona-Zeit 2020 entstanden. Schon in guten Zeiten wird die Gender-Thematik in den verschiedensten Lebensbereichen allzu oft übersehen. In Krisenzeiten wächst ihre Unsichtbarkeit, was an Argumenten wie „Erst einmal gehe es um Menschenleben, dann erst um Geschlechtergerechtigkeit oder Bürger*innenrechte“ transparent wird. Krisen verstärken traditionelle Rollenbilder. Auch pandemiebedingtes Home-Office, HomeSchooling und ganz allgemein die Ver-

In the material culture that we designers, to a large extent, have shaped, there is a lack of awareness of gender aspects, especially in design education. With the semester topic “Either/or – as well as. Gender-Sensitive Design” in the course of studies ‘Manual & Material Culture’ at the New Design University, we would like to make a practical and theoretical contribution to closing this gap with concrete works by our students and within the framework of an international symposium. This publication was produced in the early summer of the corona period 2020. Even in good times, gender issues are all too often overlooked in the most diverse areas of life. In times of crisis, their invisibility grows, which becomes transparent in arguments such as “First of all it is about human lives, only then about gender justice or civil rights”. Crises reinforce traditional role models. Even pandemic-related home office, homeschooling and generally the shifting of life into one’s own four walls have not led to a redistribution of unpaid care work.1

1  See https://www.wu.ac.at/en/vw3/research/current-projects/genderspecificeffectsofcovid-19/1blog (last accessed on 23 July 2020).


lagerung des Lebens in die eigenen vier Wände haben nicht zu einer Umverteilung von unbezahlter Sorgearbeit geführt.1 Manchmal ist es schwierig zu erklären, warum es die Debatten um Genderdiversität und die damit verschränkte Frage der Gleichberechtigung noch braucht; warum die Sache mit den rosa/hellblau aufgeteilten Warenwelten für Kinder eben keine Kleinigkeit ist. Wenn wir davon ausgehen, dass traditionelle Geschlechterrollen und patriarchale Strukturen unsere Gesellschaft nach wie vor prägen, dann ist die zielgruppenorientierte Designindustrie davon selbstverständlich nicht ausgenommen. Teilaspekte der Gestaltung wie Gender und materielle Kultur sind mit zentralen Fragen verbunden: Wie wollen wir leben? Wollen wir den Status Quo stützen oder in Alternativen denken? Verstehen wir Design vorrangig als Dienstleistung oder auch als Werkzeug zur Reparatur eines in der Krise befindlichen Systems? Sechs Beiträge widmen sich dem Verhältnis von Gender und Design, behandeln unterschiedliche Aspekte und bereichern den so wichtigen Fachdiskurs gerade auch in diesen Zeiten. Der einleitende

1  Vgl. dazu https://www.wu.ac.at/en/vw3/research/current-projects/genderspecificeffectsofcovid-19/1blog (zuletzt aufgerufen am 23. Juli 2020).

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Sometimes it is difficult to explain why the debates on gender diversity and the intertwined question of equality are still needed – why the issue of the pink/lightblue divided worlds of goods for children is no small matter. If we assume that traditional gender roles and patriarchal structures continue to shape our society, then of course the target-group oriented design industry is not exempt from this. Partial aspects of design such as gender and material culture are linked to central questions: How do we want to live? Do we want to support the status quo or think of alternatives? Do we understand design primarily as a service or also as a tool for repairing a system in crisis? Six contributions are dedicated to the relationship between gender and design, deal with different aspects thereof and enrich the ever-important professional discourse – especially in these times. The introductory text identifies relevant areas of application for designers in the context of gender and design, based on work with students in the course of design studies. It also attempts at an approach, a discussion starter, with a juxtaposition of gender-sensitive and gender-blind / gender-specific coded design.


Friedrich von Borries, in a letter, reflects on his unfinished text, on fluid boundaries between gender attributions, chimeras and their possible location in his political design theory. Text identifiziert ausgehend von der Arbeit mit Studierenden im Rahmen des Designstudiums relevante Anwendungsbereiche für Designer*innen im Kontext Gender und Design und versucht eine Annäherung, einen Diskussionsstarter mit einer Gegenüberstellung von gendersensibler und genderblinder/genderspezifisch kodierter Gestaltung. Friedrich von Borries reflektiert in einem Brief über seinen unvollendeten Text, über fließende Grenzen zwischen den Geschlechterzuschreibungen, Chimären und ihre mögliche Verortung in seiner politischen Designtheorie. Laura Haensler setzt sich auf ironische und sogleich kritische Weise mit dem Konsum von Lebensmitteln, dessen medialer Repräsentation und damit verbundenen Identitätskonstruktionen. Kleinste Alltagsphänomene eröffnen große Fragen zu Geschlechternormen und der Rolle von Gestaltung. Mayar El Bakry und depatriarchise design beschreiben mit Hilfe von Alltagsszenen das Verhältnis unserer Körper mit der gestalteten (man-made) Umwelt und nähern sich den zugrundeliegenden Strukturen an.

Laura Haensler takes an ironic and at the same time critical look at the consumption of food, its media representation and the associated identity constructions. The smallest everyday phenomena open up big questions about gender norms and the role of design. Mayar El Bakry and depatriarchise design use everyday scenes to describe the relationship between our bodies and the designed (man-made) environment and approach the underlying structures.


Christian Jurke legt am Beispiel der Designentwicklung der Bosch-IXOProduktlinie dar, dass Produktkommunikation, die nach einem systemischen Designansatz entwickelt wird, keine Genderladung kennt. Stefanie Wuschitz geht anhand zahlreicher Beispiele eines neuen feministischen Materialismus und Strategien des Hackens der Frage nach, was feministische Hardware sein kann, und skizziert damit die Grundlage fßr ein laufendes Forschungsprojekt. Die Bandbreite der publizierten Beiträge zeigt, wie bereichernd die Perspektive des gendersensiblen Designs fßr Theorie und Praxis der Gestaltung sein kann.

Christian Jurke, using the design development of the Bosch IXO product line as an example, explains that product communication developed according to a systemic design approach is not gender-laden. Stefanie Wuschitz, using numerous examples of a new feminist materialism and strategies of hacking, explores the question of what feminist hardware can be, thus outlining the basis for an ongoing research project. The range of published contributions shows how enriching the perspective of gender-sensitive design can be for the theory and practice of design.

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Ulrike Haele GENDER und/and DESIGN …


Das Verhältnis „Gender“ bezeichnet die Geschlechtsidentität eines Menschen in Bezug auf kulturelle und soziale Deutungen, im Gegensatz (oder eigentlich in Ergänzung) zum biologischen Geschlecht, das die biologischen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Körpern definiert. Verstanden als kulturelle Konstruktion, ist Gender keine Konstante, sondern historisch und kulturell spezifisch und somit veränderbar. Verstanden als soziale Kategorie, ist Gender, analog zu Ethnizität, Nation oder Klasse in Zusammenhang mit Machtverhältnissen zu sehen und deswegen auch eine politische Kategorie. Hier trifft sich die politische Lesart von Gender mit dem Verständnis vom politischen Wesen von Design (von Borries 2016: 30; Fry 2011), das im Entwerfen alternativer Zukünfte ein Veränderungspotenzial in sich birgt und sich seiner Auswirkungen bewusst sein muss. Durch die Gestaltung formalästhetischer Spezifika, Funktionen und Bedeutungen von Objekten werden Designer*innen zu wichtigen Agent*innen in der sozialen Konstruktion von Wirklichkeits- und Deutungszusammenhängen. „Entweder unterstützen wir den Status Quo (eine Entscheidung, die so oft unbewusst getroffen wird) oder wir wählen einen Weg der Veränderung (was nur wenige tun).“ (Fry 2011: Viii) In akademischen und feministischen Kreisen, etwa in den Bereichen Philosophie, Soziologie und Psychologie, ist Geschlechterdiversität seit Jahrzehnten ein Diskussionsthema, die Debatten der bereits vierten Feminismus-Welle oder zur Gender-Fluidität sind hier stellvertretend zu nennen. Ab den 1980er-Jahren wurden Genderfragen auch in der Designwissenschaft diskutiert. Designforscher*innen erwähnten besonders die männliche Dominanz im Design (Buckley 1986; Attfield 1989; Rawsthorn 2017). Buckley (1986) verweist auf das wachsende Interesse an weiblichen Positionen in Bezug auf Designpraxis und -geschichte. Das Verhältnis von Gender und Design wird in zahlreichen Beiträgen durch die morphologische oder produktsprachliche Analyse (Haslinger 2006, Petersson McIntyre 2018, van Ost 2003) von Marktangeboten behandelt. In der Designpraxis ist die Thematik, bis auf wenige Ausnahmen, nicht verankert. Wenn über Geschlechterrollen, die implizit oder explizit in 10 | 11


The relationship “Gender” denotes the gender identity of a person in relation to cultural and social interpretations, in contrast (or actually in addition) to the biological gender, which defines the biological differences between male and female bodies. Understood as a cultural construct, gender is not a constant, but rather historically and culturally specific – and therefore changeable. Understood as a social category, gender, analogous to ethnicity, nation or class, is to be seen in connection with power relations and therefore also as a political category. This is where the political reading of gender meets with an understanding of the political nature of design (von Borries 2016: 30; Fry 2011), which has the potential for change in designing alternative futures and must be aware of its consequences. Through the design of formally aesthetic characteristics, functions, and meanings of objects, designers become important agents in the social construction of the contexts of reality and interpretation. “We either support the status quo (a choice so often made unknowingly) or we choose a path of change (which few do).” (Fry 20011: Viii) In academic and feminist circles – for instance in the areas of philosophy, sociology and psychology – gender diversity has been a topic of discussion for decades, the debates of fourth-wave feminism or gender fluidity are representative here. Since the 1980s, gender issues have also been discussed in design science. Design researchers particularly mentioned male dominance in design (Buckley 1986; Attfield 1989; Rawsthorn 2017). Buckley (1986) points to the growing interest in female positions in relation to design practice and history. The relationship between gender and design is dealt with in numerous articles by the morphological or product language analysis (Haslinger 2006, Petersson McIntyre 2018, van Ost 2003) of market offers. With few exceptions, this topic is not anchored in design practice. When thinking about gender roles that are implicitly or explicitly inscribed in design decisions, categories such as “typically male” or “typically female” usually apply. The binary distinction between individuals also runs through empirical gender research when it comes to behavior, consumption habits, etc. (see Brandes 2017: 46): Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Gestaltungsentscheidungen eingeschrieben sind, nachgedacht wird, gelten meist Kategorien wie „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“. Die binäre Unterscheidung von Individuen zieht sich auch durch die empirische Gender-Forschung, wenn es um Verhalten, Konsumgewohnheiten etc. geht (vgl. Brandes 2017: 46): „Es stehen uns für die Interpretation vergeschlechtlichter Aktionen und Objektaneignungen keine anderen Kategorien zur Verfügung als wiederum jene, die diese genderstereotypen Aktionen und Objektaneignungen gesellschaftlich hervorgebracht haben und ausmachen.“ (Brandes 2017: 48). Von einer Befassung mit Gender-Diversität, alternativen Identitätskonzepten oder Gender-Neutralität ist nur in seltenen Fällen die Rede. Die Daten dahinter Die Debatten über Geschlechterdiversität haben 2020 den Mainstream erreicht, gesetzliche Rahmenbedingungen, etwa zur Angabe des Geschlechts (neben ›männlich‹ oder ›weiblich‹ kann auch ›divers‹ genannt werden) wurden angepasst. Gleichzeitig sind medial unterschiedlichste Rollenbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit präsent, die Toleranz gegenüber verschiedenen Auslegungen von Gender-Identitäten oder sexuellen Orientierungen scheint in der öffentlichen Wahrnehmung gestiegen zu sein. Die Geschlechterparität an Design-Ausbildungsstätten ist erreicht, beispielsweise im Studiengang Design, Handwerk & materielle Kultur identifizierten sich im Jahr 2019 59% der Studierenden als weiblich, an der Fakultät für Gestaltung der NDU waren es sogar 79%. Im österreichischen Kreativwirtschaftsbericht aus dem Jahr 2017 wird der Anteil der beschäftigten Frauen im Bereich Design mit 45 Prozent angegeben (Kreativwirtschaft Austria 2017: 9f). Inwiefern wirken sich diese gesellschaftlichen Veränderungen auf unsere materielle Kultur aus? Wir leben nach wie vor, forciert formuliert, in einer von Männern für Männer gestalteten Welt. Männer werden in Hinblick auf Maße, Gewohnheiten und Anforderungen meist als Standard angenommen. Frauen werden, wenn überhaupt, als Abweichung identifiziert. Eine Grundlage dafür können fehlende Daten zu den darauf aufbauenden Gestaltungsentscheidungen sein.

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“There are no other categories available to us for the interpretation of gendered actions and object appropriations, other than those which have produced and characterized these gender-stereotypical actions and object appropriations.”(Brandes 2017: 48). A discussion of gender diversity, alternative identity concepts or gender neutrality is only mentioned in rare cases. The data behind it The debates on gender diversity reached the mainstream in 2020 and legal framework conditions have been consequentially adjusted. Gender specification, for example: in addition to “male” or “female” one can also be called “diverse”. At the same time, a wide variety of role models of masculinity and femininity are present in the media; tolerance towards different interpretations of gender identities or sexual orientations seems to have increased in public perception. Gender parity at design training institutions has been reached, e.g. in our “Manual & Material Culture” course, 59% of students identified as female in 2019, and even 79% of the Faculty of Design at the NDU. In the Austrian Creative Industry (KAT) report from 2017, the proportion of women employed in the field of design was given as 45 percent (Kreativwirtschaft Austria 2017: 9f). How do these social changes affect our material culture? We still live, forcedly formulated, in a world designed by men for men. Men are usually accepted as the standard in terms of dimensions, habits and requirements. Women, if identified at all, are done so as a deviation. A basis for this could be that the design decisions are based on missing data. Criado Perez (2019) describes how a world dominated by data ignores half of the population (women) 1. Numerous case studies from history, medicine, research and the data which is used as the basis for the increasingly relevant AI applications describe the androcentric “Gender Data Gap” and confirm feminist technology criticism (Wajcman 1994, Saupe 2002). 1  The same applies to non-binary and trans people, people of color, the elderly, marginalized groups etc. Criado Perez is criticized for restricting herself to the binary gender order. Nevertheless, their composition is an important indication that it cannot be that one population group is declared the norm at the expense of others. Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Criado Perez (2019) beschreibt, wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung (Frauen)1 ignoriert. Zahlreiche Fallbeispiele aus der Geschichte, der Medizin, der Forschung bis hin zu jenen Daten, die als Grundlage für die immer relevanter werdenden AI-Anwendungen herangezogen werden, beschreiben den androzentrischen „Gender Data Gap“ und bestätigen feministische Technikkritik (Wajcman 1994, Saupe 2002). In diesen Daten – Grundlagen zu Ergonomie, Biologie, Bedürfnissen und Unterschiedlichkeiten – kommen Frauen entweder nicht vor, oder wenn es Daten zu Frauen gibt, werden sie nicht getrennt dargestellt. Dahinter stecken keine generell bösen Absichten, es fehlt allerdings das Bewusstsein, es fehlt Diversität an maßgebenden Positionen. In Bezug auf Gestaltung sind die Ergebnisse schwere Türen, die für Frauen mit einer Hand nicht öffenbar sind, Stiegen mit Glasböden, die für Frauen unangenehm sind, Standard-Raumtemperaturen in klimatisierten Büros, die auf Basis des Metabolismus eines 40-Jährigen 70-kg-Mannes in den 1960er-Jahren berechnet wurden (vgl. Criado Perez 2019: 113). Klaviertastaturen sind für die Durchschnittsmaße von Männerhänden genormt (ebd: 157), Stimmerkennungs-Systeme reagieren nicht auf die Frequenzen weiblicher Stimmen (ebd: 162). „Von Entwicklungs-Initiativen bis hin zu Smartphones, von medizinischer Technik bis hin zu Elektroherden werden Werkzeuge (ob physisch oder finanziell) ohne Bezug auf die Bedürfnisse von Frauen entwickelt, und deshalb versagen diese Werkzeuge im großen Stil.“ (ebd: 191) Die genderblinde Gestaltungspraxis kann ihre Wurzeln folglich auch in der zugrunde liegenden Datenlage suchen, die in ihrer Erhebung biologische oder ergonomische Fakten, Bedürfnisse und Verhaltensweisen nicht differenziert. Der Markt In Nischen setzt sich eine langsam wachsende Anzahl von Designer*innen kritisch mit Geschlechtervielfalt auseinander, es entstehen Marken und Produktangebote (Chua 2019; Howarth 2015), die dezidiert 1  Dasselbe gilt wohl ebenso für nicht-binäre und Trans-Menschen, People of Color, Ältere, Randgruppen etc. Criado Perez wird dafür kritisiert, sich auf die binäre Geschlechterordnung zu beschränken. Dennoch ist ihre Zusammenstellung ein wichtiger Hinweis darauf, dass es nicht sein kann, dass eine Bevölkerungsgruppe auf Kosten anderer zur Norm erklärt wird.

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In these data - the basics of ergonomics, biology, needs and differences - women either do not appear, or if there are data on women, they are not shown separately. There are no generally evil intentions behind this, but there is a lack of awareness and diversity in key positions. In regards to design, the results are heavy doors that women can’t open with one hand, glass-bottomed stairs that are uncomfortable for women, and standard room temperatures in air-conditioned offices based on the metabolism of a 40-year-old, 70-kg man – which was calculated in the 1960s (Criado Perez 2019: 113). Piano keyboards are standardized for the average dimensions of male hands (ibid: 157), voice recognition systems do not react to the frequencies of female voices (ibid: 162). “From development initiatives to smartphones, from medical tech to stoves, tools (whether physical or financial) are developed without reference to women’s needs, and, as a result these tools are failing them on a grand scale.” (ibid: 191) Gender-blind design practice can therefore also find its roots in the underlying data, which in its survey does not differentiate between biological or ergonomic facts, needs and behaviors. The market In niches, a slowly growing number of designers are critically examining gender diversity, creating brands and product offers (Chua 2019; Howarth 2015) that are decidedly gender-neutral and propagate ideological gender neutrality/diversity. In the vast majority of consumer goods, however, the gender factor is either not taken into account – gender-blind products – or is served in a stereotypical way; encoded in a gender-specific manner. The binary idea of ​​how we shop, get dressed and live still prevails, designers usually anticipate the gender of their users without question. “Many products are designed as women’s and men’s items and bought and used as such, and not just in fashion, cosmetics and hygiene or children’s toys; here stereotypes are immediately visible on the surface.” (Brandes 2017: 45) - It appears that these offers have become more instead of less in the past two decades. Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


genderneutral sind und ideologische Geschlechterneutralität/-diversität propagieren. In der großen Masse der Konsumangebote wird der Faktor Geschlecht aber entweder nicht berücksichtigt – genderblinde Produkte – oder auf stereotype Art und Weise bedient; genderspezifisch kodiert. Die binäre Vorstellung davon, wie wir einkaufen, uns anziehen und leben, herrscht weiter vor, Designer*innen antizipieren das Geschlecht ihrer Nutzer*innen meist unhinterfragt. „Viele Produkte werden als Frauensachen und Männersachen gestaltet und als solche gekauft und genutzt, und das nicht nur in den Segmenten Mode, Kosmetik und Hygiene oder Kinderspielzeug; hier werden Stereotype lediglich bereits auf der Oberfläche unmittelbar sichtbar.“ (Brandes 2017: 45) – Gefühlt, sind diese Angebote in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr anstatt weniger geworden. Warum das so ist, dazu können nur Hypothesen zur Debatte gestellt werden. Etwa jene, dass eine Produkt-Differenzierung nach binären Geschlechtern zu einer Steigerung im Absatz führt, wobei Gestalter*innen vor allem auf die Marktpotenziale von Design zielen. Oder eine Lesart der massenhaften Verbreitung stereotyp gestalteter Produkte könnte das Bedürfnis vieler Menschen nach Orientierung sein, frei nach Pawloff, jenes Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit etwa. Dazu referiert Laura Haensler (S. 44) in ihrem Beitrag auf Retrotopia (Baumann 2018), womit die Renaissance regressiver Werte und Normen in einer Welt, in der scheinbar alles möglich ist, beschrieben wird. Oder eben die Annahme, dass in unserer Dingwelt schlichtweg herrschende Machtverhältnisse und Repräsentationssysteme gespiegelt werden. Pierre Bourdieu beschreibt mit dem Begriff der „symbolischen Gewalt“ jene Phänomene, dass durch die Kategorisierung und Klassifizierung zwischen den Geschlechtern (u.a.) die Anerkennung von Machtstrukuren unterschwellig und alltäglich gesichert, und die Abwertung bestimmter Menschengruppen normalisiert werden. Symbolische Gewalt ist „[…] eine sanfte, selbst für ihre Opfer nicht wahrnehmbare und unbesiegbare Gewalt, die zum größten Teil über die rein symbolischen Kanäle der Kommunikation und der Wahrnehmung (oder genauer gesagt, der Fehlinterpretation), des Erkennens oder sogar des Fühlens ausgeübt wird“ (Bourdieu 2001: 3). Auch Buchmüller merkt an, dass die hierarchische 16 | 17


Why this is so, only hypotheses can be put up for debate. For example, that a product differentiation according to binary genders leads to an increase in sales, with designers primarily targeting the market potential of design. Or a reading of the mass distribution of stereotyped products could be the need of many people for orientation, the need for social belonging, à la Pawloff. Laura Haensler (S. xy) talks about this in her article in Retrotopia (Baumann 2018), which describes the renaissance of regressive values ​​and norms in a world in which everything seems to be possible. Or just the assumption that power relationships and the prevailing systems of representation are mirrored in our world of things. With the term “symbolic violence”, Pierre Bourdieu describes those phenomena which, through the categorization and classification between the sexes (i.a.), ensure that power structures are recognized subliminally and routinely, and that the devaluation of certain groups of people is normalized. Symbolic violence is “[…]a gentle violence, imperceptible and invincible even to its victims, exerted to the most part through the purely symbolic channels of communication and cognition (or more precisely, miscognition), recognition, or even feeling” (Bourdieu 2001: 3). Buchmüller also notes that the hierarchical valuation is implicit in gender-specific coded objects: “ This can be seen both in the higher valuation of male versus female characteristics, abilities and behavior as well as in the unequal distribution of socio-material opportunities and resources [...].” (Buchmüller 2018: 27) Design training What we can and want to practice with students in the `Manual & Material Culture’ course is a critical, “alternative” view of our material culture. In the winter semester 2019, the chosen focus was on the relationship between gender ideas and our designed environment. In the course of the preparatory work, it emerged that the gender category is not an integral part of design training (Kurz, Jerger 2020: 122). An exception was the chair “Gender & Design” at KISD (Köln International School of Design) from 1995-2015, headed by Uta Brandes, Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Wertung in genderspezifisch kodierten Objekten implizit vorhanden ist: „Das zeigt sich sowohl in der höheren Bewertung von männlich gegenüber weiblich konnotierten Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen als auch in der Ungleichverteilung soziomaterieller Chancen und Ressourcen […].“ (Buchmüller 2018: 27) Die Designausbildung Was wir im Studiengang ›Design, Handwerk & materielle Kultur‹ mit Studierenden einüben können und wollen, ist der kritische, „andere“ Blick auf unsere materielle Kultur. Im Wintersemester 2019 war der gewählte Fokus jener auf das Verhältnis von Gender-Vorstellungen und unsere gestaltete Umwelt. Im Zuge der Vorarbeiten hat sich ergeben, dass die Kategorie Gender als integraler Teil in der Designausbildung nicht verortet ist (Kurz, Jerger 2020: 122). Eine Ausnahme bildete der von Uta Brandes geleitete Lehrstuhl „Gender & Design“ an der KISD von 1995–2015, der sich an dezidiert an der Thematik interessierte Studierende richtete.2 In unserem Fall war die Herausforderung, eine heterogene Gruppe Studierender zu einem überwiegenden Teil erstmals mit dieser Perspektive zu konfrontieren. Das fehlende Bewusstsein für geschlechtergerechte Gestaltung wurde evident, die Reflektion jener Rollenbilder, die in Produkten implizit oder explizit materialisiert sind, war Neuland. Im ersten Schritt wurde Kritikfähigkeit geschult. Weiters wurden formalästhetische Aspekte wie Form, Materialien, Farbe, Symbolik und Metaphern, sogenannte Gender-Codes diskutiert, die in der Gestaltung von Produkten ablesbar sind. Ziel war eine Sensibilisierung für Gender als soziokulturelle Konstruktion. Die gendersensible Perspektive für die Semesterarbeiten wurde als Möglichkeitsraum präsentiert, von dem alle (beide) Geschlechter profitieren können, wenn sie sich von binären Oppositionen frei machen. Die Herausforderung bestand darin, vom Perspektiven-Wechsel über die eigene Positionierung im Feld, von der Definition einer individuellen Interessenslage hin ins konkrete Tun, Entwerfen und Umsetzen zu kommen. 2  Brandes, 2017: Gender Design. – Versammelt eine Reihe entstandener Projekte von Studierenden im Forschungsdreieck Design–Gender–Projekt. Vgl. hier Quellenverzeichnis.

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which was aimed at students who were decidedly interested in the topic.2 In our case, the challenge was to confront a heterogeneous group of students for the first time with this perspective. The lack of awareness of gender-equitable design became evident, the reflection of those role models that are implicitly or explicitly materialized in products was new territory. In the first step, critical skills were trained. Furthermore, formal aesthetic aspects such as form, materials, colour, symbolism and metaphors, so-called gender codes, were discussed, which can be read in the design of products. The aim was to raise awareness of gender as a socio-cultural construction. The gender-sensitive perspective for the term projects was presented as a space of possibility from which all (both) genders can benefit if they free themselves from binary oppositions. The challenge was to move from a change of perspective to one’s own positioning in the field, from defining individual interests to concrete action, design and realization. The project activities The bachelor students of `Manual & Material Culture’ deal with the topic of gender-sensitive design and the range of projects that have been developed confirms the potential of the chosen perspective for solution-oriented and innovative design. A major focus was placed on the exploratory approach; great importance was attached to the research phase in order to be able to make informed design decisions based on this. Even though the results were implemented in a wide variety of ways, the 23 resulting works can be assigned to concrete application contexts. Without any claim to validity beyond this, the areas identified can also be a fruitful stimulus for the professional practice of product design as areas for the implementation of gender-sensitive design. These areas are represented here by selected works from students:

2  Brandes, 2017: Gender Design. - Gathers a number of projects created by students in the research triangle Design-Gender-Project. Cf. list of sources here.

Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Die Projektarbeiten Die Auseinandersetzung der Studierenden im BA ›Design, Handwerk & materielle Kultur‹ mit dem Thema Gendersensibles Design, die Bandbreite der entstandenen Projekte bestätigt das Potential der gewählten Perspektive für lösungsorientierte und innovative Gestaltung. Ein wesentliches Augenmerk lag auf der forschenden Herangehensweise, der Phase der Recherche wurde großer Stellenwert eingeräumt, um darauf basierend informierte Gestaltungsentscheidungen treffen zu können. Auch wenn die Ergebnisse sehr vielfältig umgesetzt wurden, die 23 entstandenen Arbeiten lassen sich konkreten Anwendungskontexten zuordnen. Ohne Anspruch auf Gültigkeit darüber hinaus, können die herausgearbeiteten Bereiche auch für die professionelle Praxis des Produktdesigns als Bereiche zur Umsetzung von gendersensiblem Design eine fruchtbare Anregung sein. Die Bereiche sind hier anhand ausgewählter Arbeiten von Studierenden repräsentiert.

Critical Design ist als gestalterische Kultur- und Technologiekritik (Buchmüller 2018: 143) anerkannt. Mit den Strategien des Critical Design können Designer*innen Rollenbilder und damit verbundene Phänomene zur Diskussion stellen (siehe Yvonne Rausch Plot Twist, S.21) oder auf ironische oder kritische Weise mit Stereotypen brechen. Das Projekt Rollentausch von Maria Scharl analysiert binäre Schönheitsvorstellungen und Normen, die in den vergangenen Jahrhunderten Artefakte und Hilfsmittel hervorgebracht haben, mit deren Hilfe Körper von Frauen auf teils schmerzhafte Art geformt und sexualisiert wurden: hochhackiger Schuh, Büstenhalter oder Korsett. Mit dem entstandenen Objekt werden Rollenbilder vertauscht, der oberflächliche Blick auf Frauenkörper wird fiktiv zurückgeworfen. Ergebnis ist eine idealisierende Körpermaske für Männer, die, ähnlich einengend und unangenehm wie BH oder Korsett, für die Realität von starren Geschlechterrollen und Schönheitsvorstellungen sensibilisiert.

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Critical design is recognized as a creative critique of culture and technology by design (Buchmüller 2018: 143). With the strategies of critical design, designers can put role models and related phenomena up for debate (see Yvonne Rausch Plot Twist) or break with stereotypes in an ironic or critical way. Maria Scharl’s project Role Reversal analyses binary concepts of beauty and norms that have produced artifacts and assistive devices in past centuries, with the help of which women’s bodies were shaped and sexualized in a sometimes painful way: high-heeled shoes, brassieres or corsets. With the resulting object, role models are exchanged; the superficial view of ◊ MARIA SCHARL Rollentausch / Role Reversal √ YVONNE RAUSCH Plot Twist Basierend auf realen Daten wird die Ungerechtigkeit des „Gender Pay Gap“ spielerisch erfahrbar, Debatten werden angeregt. Based on actual data, the injustice of the „Gender Pay Gap“ can be experienced playfully and instigates debate.

Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Objekte für Kinder: Ein relevantes Anwendungsfeld stellt die Schaffung von attraktiven, genderdiversen Angeboten für Kinder dar (siehe Irene Haider Fantalousia, S. 23). In Recherchen erhoben Studierende, dass Kinder bis zum sechsten Lebensjahr ihre grundlegende Geschlechtsidentität entwickeln, verbunden mit einem Verständnis zu Unterschieden, Konstanz und Stereotypen (Rohrmann 2020: 3). Gendersensibles Design kann mit Objekten zur Unterstützung einer geschlechtsbewussten Pädagogik einen wesentlichen Hebel zur Überwindung von stereotypen Prägungen darstellen.

Das Projekt Strizzis – haptische Bausteine für Kinder von Teresa Egger und Magdalena Manigatter fokussiert auf die Entwicklung von Geschlechtsidentitäten bei Kindern. Die Designerinnen fanden heraus, dass gerade im emotionalen Ausdruck große Differenzen zwischen den Geschlechtern festzustellen sind. In enger Zusammenarbeit mit Pädagog*innen gingen sie der Frage nach, wie die Artikulation von und der Umgang mit Emotionen im Kindesalter gefördert werden kann. Die entstandenen Bausteine ermöglichen Kindern auf spielerische Art und Weise und über haptische Erfahrungen, ein Ventil für ihre Emotionen zu finden, oder diese zu repräsentieren. Formen und Farben wurden frei von Gender-Codes definiert, unterschiedliche Oberflächen und Befüllungen regen alle Sinne an. 22 | 23


ΩΩ TERESA EGGER und MAGDALENA MANIGATTER Strizzis ∆ IRENE HAIDER Fantalousia Steckplattensystem für phantasievolle Räume und Kulissen als Gegenentwurf zu Hellblau-Rosa-Spielwelten für Kinder. Slotted panel system for imaginative rooms and scenes as a counter-design to pinkblue play worlds for children.

women’s bodies is fictitiously thrown back. The result is an idealizing body mask for men, which, similarly constricting and uncomfortable as bra or corset, sensitizes to the reality of rigid gender roles and ideas of beauty. Objects for children: A relevant field of application is the creation of attractive, gender-diverse offers for children (see Irene Haider Fantalousia). In research, students found that children up to the age of six develop their basic gender identity, combined with an understanding of differences, constancy and stereotypes (Rohrmann 2020: 3). Gender-sensitive design can be an essential lever for overcoming stereotypes with objects supporting gender-conscious pedagogy. The project Strizzis (eng. Rascals) - haptic building blocks for children by Teresa Egger and Magdalena Manigatter focuses on the development of gender identities in children. The designers found out that there are great differences between the sexes, especially in emotional expression. In close cooperation with educators, they investigated the question of how the articulation of and the handling of emotions can be promoted in childhood. The resulting building blocks enable children to find an outlet for their emotions or to represent them in a playful way and through haptic experiences. Shapes and colors were defined free of gender codes; different surfaces and fillings stimulate all senses. Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Deutungsoffene, individualisierbare Produkte: Farbcodes und Formen, welche die binäre Sichtweise auf Geschlecht verstärken, werden vermieden. (siehe Fabian Wohlfarth-Kruckenfellner Holster-Clutch). Ein weiterer Ansatz ist das individualisierbare Produkt (ergonomisch, funktional sowie formal), das modular und flexibel von Nutzer*innen konfiguriert wird. Objekte als offene, individualisierbare Bausätze, Modularität und die Einbeziehung der Nutzer*innen in die Ausgestaltung des Entwurfs, das ist auch in Hinblick auf ökologische Langlebigkeit eine zukunftsfähige Strategie (vgl. Haele 2017: 37). Martin Koberwein hat in einer kleinen designethnografischen Studie analysiert, wie sich die Inhalte von Badezimmer-Schränken einerseits und die funktionalen Anforderungen andererseits, je nach Geschlechtsidentität unterscheiden. Der entstandene Badezimmer-Schrank bezieht die Erkenntnisse ein und interpretiert den Kultklassiker heimischer Badezimmermöbel, den Allibert, als Allibert*a neu. Die Funktionen des Vorbilds aus den 70er-Jahren (Spiegel, Beleuchtung, Kästen, Accessoires) wurden zerlegt und modular neu angeordnet. Mittels 3Dgedruckter Verbindungselemente können die einzelnen Teile je nach ergonomischen und funktionalen Erfordernissen in die Lochrasterwand eingehängt werden.

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Openly interpretable, individualizable products: Color-codes and forms that reinforce the binary view of gender are avoided. (see Fabian Wohlfarth-Kruckenfellner Holster-Clutch). Another approach is the customizable product (ergonomic, functional as well as formal), which is configured modularly and flexibly by users. Objects as open, customizable kits, modularity and the involvement of users in the design is also a sustainable strategy in terms of ecological longevity (see Haele 2017: 37).

∆ MARTIN KOBERWEIN Allibert*a ◊FABIAN WOHLFARTHKRUCKENFELLNER Holster - Clutch Ein genderneutrales Accessoire als Verstau-Möglichkeit reagiert auf das Phänomen, das Taschen in Frauenkleidung meist zu klein, zugenäht oder gar nicht vorhanden sind. A gender-neutral accessory as a stowage option responds to the phenomenon that pockets in women‘s clothing are usually too small, sewn up or not available at all.

In a small design ethnographic study, Martin Koberwein has analyzed how the contents of bathroom cabinets on the one hand and the functional requirements on the other differ according to gender identity. The resulting bathroom cabinet incorporates these findings and reinterprets the cult classic of domestic bathroom furniture, the Allibert, as Allibert*a. The functions of the model from the 1970s (mirrors, lighting, cabinets, accessories) have been dismantled and rearranged in a modular fashion. Using 3D-printed connecting elements, the individual parts can be hung in the perforated grid wall according to ergonomic and functional requirements. Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Objekte und Körperbilder: Artefakte, die den Körper kategorisieren (Möbel, Bekleidung etc.) tragen zur Konstruktion und Verstärkung von Geschlechterrollen bei. Im Spannungsfeld von Natürlichkeit und Künstlichkeit, von gesellschaftlich produzierten Idealbildern (siehe Isabella Fürst, Unrasiert, S. 27) bis zu Körperpolitiken können aus der gendersensiblen Perspektive heraus Produkte für alternative Narrationen entstehen. Katharina Partik hat sich die Frage gestellt, wie ein unvoreingenommenes Bewusstsein für die Ästhetik des eigenen Körpers geschaffen werden kann. Ausgehend von der Befassung mit Körperbildern, deren ästhetischer Bewertung, der Beobachtung, dass die Gesamtansicht des Körpers automatisch eine Geschlechtszuordnung mit sich bringt und die Selbst-Wahrnehmung beeinflusst, wurden Ausschnitte von Körperabbildungen gewählt. In den gewählten Sequenzen wird das Geschlecht unwichtig, der Bild-Ausschnitt birgt eine eigene Ästhetik in sich. Von der Betrachtung anderer Körper war der logische Schritt jener hin zur Betrachtung des eigenen Körpers, in Fragmenten. Das dazugehörige Spiegel-Objekt Ego liefert immer eine aktuelle Abbildung des Gegenübers. 26 | 27


∆∆ KATHARINA PARTIK Ego ∆ ISABELLA FÜRST Unrasiert / Unshaved Wiederholtes Ansehen und Erfahren steigern ästhetisches Gefallen. Das Gefühl unrasierte, stoppelige Haare zu berühren wird mit Objekten, die gut in der Hand liegen, kombiniert, das Nachdenken über Schönheitsideale wird angeregt. Repeated viewing and exposure enhances aesthetic pleasure. The feeling of touching unshaved, stubbly hair is combined with objects that are good to hold in the hand, and reflection on beauty ideals is stimulated.

Objects and body images: Artifacts that categorize the body (furniture, clothing etc.) contribute to the construction and reinforcement of gender roles. In the field of tension between naturalness and artificiality, from socially produced ideal images (see Isabella Fürst, Unrasiert) to body politics, products for alternative narratives can emerge from a gender-sensitive perspective. Katharina Partik has posed the question of how an unbiased awareness of the aesthetics of one’s own body can be created. Based on the examination of body images, their aesthetic evaluation, the observation that the overall view of the body automatically entails gender classification and influences self-perception, excerpts of body images were chosen. In the selected sequences, gender becomes unimportant; the image excerpt contains its own aesthetic. The logical step from the observation of other bodies was the observation of one’s own body, in fragments. The corresponding mirror-object Ego always provides a current image of the counterpart. Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Alternative geschlechtsspezifische Angebote: Produkte können entweder auf geschlechtsspezifische Anforderungen und neue Produkte reagieren (siehe Daniela Cabrilo Menstruationstassenreinigung To-Go) oder bestehende genderspezifisch kodierte Objekte umdeuten. Jonas Tarmann hat ausgehend von einer Schmuck-Analyse Objektkategorien identifiziert, die üblicherweise von einem binären Geschlecht getragen werden. Für Menschen, die sich weiblich identifizieren, benennt er Choker- oder Perlenketten, Bauchnabel-Piercings, Haarspangen oder Solitaire-Ringe als deutlich zugeordnete Schmuckstücke. Der Solitaire-Ring, ein Fingerring mit einem einzelnen Diamanten im Brillantschliff in einer Krappenfassung, hat sich zum Inbegriff des Verlobungsrings entwickelt. Das Ergebnis der formalen sowie funktionalen Neu-Interpretation dieses Solitaire-Rings ist ein Herren-Verlobungsring, der die Entscheidung und den Bindungswillen beider Seiten repräsentieren soll und Rollenklischees kritisch befragt. Jonas Tarmann sieht den Ring LOSIAMO als Ermöglicher für die Gleichstellung von Mann und Frau. 28 | 29


Alternative gender-specific offers: Products can either react to gender-specific requirements and new products (see Daniela Cabrilo Menstruationstassenreinigung (eng. Menstrual Cup Cleaning) To-Go) or reinterpret existing gender-specific coded objects. Based on a jewelry analysis, Jonas Tarmann has identified object categories that are usually worn by a binary gender. For people who identify themselves as female, he names choker or pearl necklaces, navel piercings, hair clips or solitaire rings as clearly assigned pieces of jewelry. The solitaire ring, a finger ring with a single brilliant-cut diamond in a claw setting, has become the epitome of the engagement ring. The result of the formal as well as functional reinterpretation of this solitaire ring is a men’s engagement ring that is intended to represent the decision and the will to bind both sides and critically questions role clichés. Jonas Tarmann sees the ring LOSIAMO as an enabler for equality between men and women. ∆JONAS TARMANN Losiamo ∆∆ DANIELA CABRILO Menstruationstassenreinigung To-Go / Menstrual Cup Cleaning To-Go Eine Open-Source-Anleitung für ein portables System aus simplen Bestandteilen reagiert auf die Herausforderung, Menstruationstasse in öffentlichen Toiletten zu reinigen. An open source instruction for a portable system of simple components responds to the challenge of cleaning menstrual cups in public toilets.

Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Die Verortung Die Formulierung „gendersensibles Design“ ist als wertfreies, niederschwelliges Angebot für die Semesterarbeit mit Studierenden gewählt worden. Gendersensibles Design soll sich hier als Strategie zwischen dezidiert feministischen Positionen im Design einerseits und Inklusivem Design andererseits verorten. Ein wichtiger Beitrag zu einer Macht-kritischen und geschlechterinformierten Designmethodologie stammt von Sandra Buchmüller (2018). Sie verknüpft feministische Theorie, Wissenschafts- und Technikkritik mit Designforschung und gestalterischer Praxis und formuliert eine feministische Methodik für Designforschung und -praxis. Feministische Designpraxis verfolgt ihr zufolge insgesamt eine Enthierarchisierung der Designer*innen/Nutzer*innen-Beziehung, hat also auch Auswirkungen auf den Designprozess selbst. Die Kritik an universalen Bedeutungskategorien, das Öffnen des Blicks für Individuelles, Kontextuelles, Situatives und Heterogenes sind dabei wesentliche Kriterien für feministische Designtheorie und -praxis (vgl. Buchmüller 2018: 250). Um nicht all jene auszuschließen, die sich nicht als weiblich und/oder als feministisch identifizieren, wurde keine dezidiert feministische Perspektive gewählt. Feminismus ist nach wie vor ein Reizwort und ruft bei vielen Menschen negative Konnotationen hervor. Es gibt eine bedenkliche Differenz gibt zwischen dem, was die verschiedenen Feminismen erreichen möchten, und wie sie in der Alltagswelt gesehen werden. Bestätigt wurde diese Einschätzung durch Zurufe von Kollegen im Rahmen der Semester-Programmierung, die fragten, ob denn ein Fokus auf Genderfragen nicht überholt wäre, weil die Designdisziplinen des Inklusiven Designs / Design for All ohnedies alle Abweichung von der Norm mitberücksichtigen. Gender ist in diesen Teildisziplinen des Designs neben generationellen Aspekten oder körperlichen Einschränkungen ein Kriterium unter anderen. Eine Definition zu inklusivem Design liefert das British Standards Institute (2006): „Die Gestaltung von Massenprodukten und/oder Dienstleistungen, die für möglichst viele Menschen zugänglich und nutzbar sind … ohne die Notwendigkeit einer besonderen Anpassung oder eines speziellen Designs.“

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The contextualization The formulation of “gender-sensitive design” was chosen as a value-free, low-threshold offer for semester work with students. Gender-sensitive design is to be contextualized here as a strategy between decidedly feminist positions in design on the one hand and inclusive design on the other. An important contribution to a power-critical and gender-informed design methodology comes from Sandra Buchmüller (2018). She links feminist theory, science and technology criticism with design research and design practice and formulates a feminist methodology for design research and practice. According to her, feminist design practice pursues an overall de-hierarchization of the designer/user relationship, thus also having an impact on the design process itself. The criticism of universal categories of meaning and the widening of horizons for the individual, contextual, situational and heterogeneous are essential criteria for feminist design theory and practice (Buchmüller 2018: 250). In order not to exclude all those who do not identify themselves as female and/or feminist, no decidedly feminist perspective was chosen. Feminism is still an emotive word and evokes negative connotations in many people. There is an alarming difference between what the various feminisms seek to achieve and how they are seen in the everyday world. This assessment was confirmed by calls from colleagues during the semester programming, who asked whether a focus on gender issues would not be outdated, since the design disciplines of Inclusive Design / Design for All take into account all deviations from the norm anyway. In these sub-disciplines of design, gender is one criterion among others besides generational aspects or physical limitations. The British Standards Institute (2006) provides a definition of inclusive design: “The design of mainstream products and/or services that are accessible to, and usable by, as many people as reasonably possible... without the need for special adaptation or specialized design.”

Ulrike Haele / GENDER and DESIGN ....


Aus der Disziplin des inklusiven Designs sind wesentliche Beiträge hervorgegangen, einige zeichnen sich allerdings durch die Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aus oder reagieren in ihrer Gestaltung stigmatisierend (z. B. die ‚Jumbotasten‘ auf technischen Produkten für ältere Nutzer*innen). Strategien des Inklusiven Designs können dazu beitragen, genderneutrale Produkte zu entwickeln, darüber hinaus erscheinen sie nicht dienlich. An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass es definitiv nicht hinreichend ist, Gender als Abweichung von der Norm neben anderen Kriterien gleichwertig zu behandeln. Dies zu tun bedeutet die Relativierung eines kulturell und sozial entstandenen Phänomens, das exklusive Aufmerksamkeit und in seiner Komplexität dezidierten Raum beanspruchen darf und soll. Gendersensibles Design ist somit ein Angebot, aus der Disziplin des Designs bewusst auf Gendervorstellungen hinzusehen, die in unsere materielle Kultur eingeschrieben sind, und die Befassung mit Gender im Designprozess aus ihrem Nischendasein zu befreien. Möglichst viele Designer*innen sollen angesprochen werden, sich und ihre gestalterische Tätigkeit von Gender-Kategorisierungen loszulösen, damit ihren Handlungsspielraum zu erweitern und zu einer vielfältigen Gesellschaft beizutragen. Die Gegenüberstellung Abschließend sollen die Erfahrungen aus der Projektarbeit und Auseinandersetzung mit den Studierenden, sowie die Recherche-Arbeit zum Spannungsfeld Gender und Design durch das Darstellen von Oppositionen pointiert zusammengefasst, vermittelt und zur Diskussion gestellt werden. Wie unterscheiden sich genderspezifisch kodiertes Design oder genderblindes Design, deren Angebote unsere materielle Kultur dominieren, von einem Designprozess, der gendersensibel informiert ist? Die Gegenüberstellung ist eine Annäherung, ein Denkanstoß, der die zu Grunde liegenden Probleme adressiert und Unterschiede ausmacht.

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The discipline of inclusive design has produced significant contributions, but some are characterized by a reduction to the lowest common denominator or have a stigmatizing effect on design (e.g. the ‘jumbo buttons’ on technical products for older users). Strategies of inclusive design can contribute to the development of gender-neutral products; beyond that they do not appear to be useful. Here it must be pointed out that it is definitely not sufficient to treat gender as a deviation from the norm alongside other criteria in an equivalent manner. To do this means to relativize a culturally and socially developed phenomenon that can and should claim exclusive attention and a decided space in its complexity. Gender-sensitive design is thus an offer to consciously look from the discipline of design at gender concepts that are inscribed in our material culture and to liberate the preoccupation with gender in the design process from its niche existence. As many designers as possible should be encouraged to free themselves and their creative work from gender categorizations in order to expand their scope of action and contribute to a diverse society. The juxtaposition finally, the experiences from project works and discussions with the students, as well as the research work on the interplay between gender and design by presenting oppositions are being summarized, communicated and put up for debate. How does gender-coded design or gender-blind design, whose offerings dominate our material culture, differ from a design process that is informed in a gender-sensitive way? The juxtaposition is an approach – some food for thought – that addresses the underlying problems and identifies differences.


Akzeptiert Macht- Hinterfragt Machtstrukturen und die strukturen und die Logik des Marktes Logik des Marktes Fokussiert auf das Fokussiert auf das Marktpotenzial von Veränderungspotenzial Design von Design Binäre Sichtweise Non-Binäre Sichtweise auf Geschlecht auf Geschlecht

Genderspecific coded Gender design/ sensitive Gender- Design blind design

EINSTELLUNG MINDSET

Genderspezifisch kodiertes GenderDesign/ sensibles Gender- Design blindes Design

Accepts power Questions power structures and the structures and the logic of the market logic of the market Focuses on the Focuses on the market potential potential for change of design in design Binary perspective Non-Binary of gender perspective of gender

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Trifft Annahmen zu GenderRollen

Hinterfragt zugrundeliegende Daten oder schafft differenzierende Daten Hinterfragt Annahmen zu GenderRollen

GRUNDLAGE BASIS

Ist informiert durch Daten, die zu Gender nicht differenzieren

Informed by data that does not differentiate between the sexes

Setzt etablierte Verzichtet auf GenderGendercodes in Form codes, setzt sie ironisch und Funktion ein oder kritisch ein oder neutralisiert sie * Vordefinierte Farben, Formen und Funktionen: definiert Möglichkeitsräume

Formal und funktional modular und flexibel: eröffnet Möglichkeitsräume

Produktdifferenzie- Produktdifferenzierungen rungen aufgrund des aufgrund unterschiedbinären Geschlechts licher Bedürfnisse oder Funktionen Hierarchischer Partizipativer Designprozess Designprozess

METHODE METHOD

Makes assumptions about gender roles

Questions underlying data or creates differentiating data Questions assumptions about gender roles

Uses established Abandons gender gender codes in form codes, uses them and function ironically or critically or neutralizes them* Predefined colors, shapes and functions: defines spaces of opportunity

Formally and functionally modular and flexible: opens up spaces of opportunity

Product differentiation Product differentiation based on binary gender based on different needs or functions Hierarchical Participatory design process design process

* Haslinger 2006: 4


Quellen Sources

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Friedrich von Borries Ein Brief / A letter

Liebe Ulrike, nun sitze ich seit einigen Tagen immer wieder vor dem Computer, starre auf den Bildschirm und weiß nicht, was ich schreiben soll. Oder besser: wie ich es schreiben soll. Ich habe mir Notizen gemacht, worüber ich schreiben wollte, die ich nun mit Dir teilen möchte. Ich wollte davon schreiben, dass ich den Begriff „sensibel“ schwierig finde, weil er auf den ersten Blick positiv wirkt – einfühlsam, sensibel zu sein ist ja eine durchweg positive Eigenschaft, aber der Begriff hat für mich noch eine andere Konnotation, eine negative Zuschreibung. „Du Sensibelchen“ war in meiner Kindheit ein Schimpfwort, es bezeichnete jene Jungen, die nicht hart, nicht tough, nicht durchsetzungsfreudig genug waren – womit das Themenfeld, mit dem sich Gender Sensible Design befasst, zwar berührt ist, aber doch nicht in dem Sinne, wie der Begriff „Gender Sensible Design“ verwendet werden möchte. Friedrich von Borries / Ein Brief


Ich wollte davon schreiben, wie ich als Fünfzehn- oder Sechzehnjähriger auf einer Party jemanden umgarnt habe (geflirtet, getanzt, was auch immer), dessen Geschlecht ich nicht genau identifizieren konnte, ein sehr weiblicher Mann oder eine sehr männliche Frau oder irgendetwas dazwischen – auf jeden Fall sehr schön und unheimlich attraktiv. Aufbauend auf dieser Beobachtung hätte ich davon schreiben wollen, wie schön, wie wertvoll, wie bereichernd ich es noch heute finde, wenn Zustände nicht festgeschrieben, Grenzen nicht definiert sind, alles fließend gehalten wird, auch wenn das manchmal verunsichernd, anstrengend, herausfordernd ist. Ich wollte von der Chimaira schreiben und von all den anderen mythologischen Mischwesen: Mischwesen aus Mann und Frau, aus Mensch und Tier, aus realem und fiktionalem Lebewesen. Mit der Chimaira/ Chimäre könnten wir eintauchen in die Welt der griechischen Götter und Göttinnen. Von der Beschreibung ausgehend wollte ich in den Vorstellungsraum eindringen, den Chimären und andere Mischwesen eröffnen, die Welt der Phantasie, des Rollenspiels, des Un- und Überbestimmten. Ich hätte vielleicht einen Exkurs unternommen zu anderen Mischwesen, der ägyptischen Sphinx etwa, zu Pegasus, dem geflügelten Pferd, zu den Zentauren, die halb Mensch und halb Pferd sind. Vielleicht wären wir am Ende dieser Reise in die Welt der Misch- und Fabelwesen zum Einhorn gekommen und hätten über seine vielfältige Rezeption zwischen mittelalterlicher Mystik, zeitgenössischen Wurstverpackungen, Start-up-Finanzwelt und LGBTI-Szene nachgedacht. Ich wollte im Anschluss an die Betrachtung der Welt der Misch- und Fabelwesen der Frage nachgehen, warum in unserer Sprache der Begriff „Chimäre“ auch dann verwendet wird, wenn etwas als Nichtigkeit, als eine unwichtige Einbildung (im Sinne von: „Das war doch nur eine Chimäre/Schimäre“) beschrieben werden soll, womit meine Überlegungen bei Aspekten von Ausgrenzung und Marginalisierung durch Sprache hätten angelangen können. Und vielleicht wäre darin die Antwort zu suchen, warum die antike Chimaira sterben musste. Ich wollte davon schreiben, wie ich mit neunzehn oder zwanzig eine Nacht in Frauenkleidern verbrachte, im engen Top und Minirock, rasiert 38 | 39


und geschminkt; wollte von der Lust und der Freude und den aufregenden und erschütternden Erlebnissen berichten, die mit diesem temporären Rollenwechsel einhergingen. Ich wollte ein Plädoyer halten für Travestie und ironisierende Genderklischees, die, wenn man sie überspitzt und übertreibt, wahnsinnig komisch und lustig sein können. Ich wollte, aufbauend auf der Denkfigur der „Chimäre“, nochmal meine „politische Designtheorie“ anschauen und das Kapitel „Selbstdesign“ erweitern, weil zum „Selbstdesign“ natürlich auch die Geschlechtsanpassung oder -transformation gehört, und zum Entwerfen – als Gegensatz zum Unterwerfen – auch das Gestalten von hybriden Identitäten, die weit über das hinausgehen, was heute unter Präfixen wie „trans/ inter“ diskutiert wird. Ich wollte das Bild der Chimäre nutzen, um das Verhältnis von Mensch und Tier, von Biologie und Kultur, von Unterworfenem und Entworfenem weiter zu denken. Ich wollte das Kapitel „Gesellschaftsdesign“ aus dem selbigen Buch in eine Richtung überdenken, die die Frage nach gesellschaftlichen Utopien und der Erprobung von Freiheit so erweitert, dass das Erproben, Erfahren, Experimentieren mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten seinen Raum bekommt, aber gleichzeitig – weil ich die Chimäre so spannend finde – auch den anthropozentrischen Blick der Menschen auf die Menschen durchbricht. Aber, und das ist meine Schwierigkeit, ich finde dafür im Moment keine Sprache. Mein Text kommt über das „ich wollte“ nicht hinaus. Er hat kein Argument, so könnte man sagen. Mein Text bleibt, um den Gedanken wieder aufzugreifen, eine Chimäre. Vielleicht ist es die Zeit, die mir fehlt, vielleicht ist es die Zeit, in der ich gerade lebe, mit Gesichtsmaske, Mindestabstand und Virenangst, vielleicht ist es meine deshalb leicht depressive Grundstimmung, die mir sagt, „das können andere besser als du“, was vielleicht aber auch einfach eine realistische Selbsteinschätzung ist. Nun könnte ich mich disziplinieren, so wie ich es gelernt habe; ich könnte meine Gedanken in eine Sprache pressen, die ich beherrsche; die akademische Sprache, wie wir sie gewohnt sind zum Beispiel, aber sowohl „disziplinieren“ als auch „beherrschen“ sind für einen Text, der über den Rausch, über die Freude am Finden von und Friedrich von Borries / Ein Brief


Ausbrechen aus seiner Geschlechtsidentität und über die Lust am Sprengen von Rollenmodellen reflektieren will, die genau falschen Vorgehensweisen. Das Denken soll nicht diszipliniert und die Gedanken sollen nicht von einer Sprache beherrscht werden. Das würde ihnen die Freiheit nehmen. Und, so wie mir scheint, ist genau diese Sprachlosigkeit ein wesentliches Merkmal im Umgang mit dem Thema, um das es geht. Ich hoffe, dass ich das, was ich hier anschneide, im Herbst werde präzisieren können. Ich werde es versuchen, so wie ich auch mit diesem Brief versuche, einen Text zu schreiben, der dem Zustand meiner Gedanken angemessen ist. Vielleicht wird mir dann eine angemessene Form des Sprechens gelingen. Wenn Du willst, kannst Du diesen Brief verwenden. Vielleicht findest Du ihn aber auch absolut unbrauchbar. Das wäre auch völlig okay. Wenn Du ihn verwendest, würde ich Dich aber bitten, ihm Luft zu lassen, für all das, was der Text beschreiben und bedenken wollte, wofür der Text – und ich – aber keine passende Sprache gefunden haben. Es grüßt herzlich Friedrich

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Dear Ulrike, I’ve been sitting down in front of the computer off and on for a few days, staring at the screen and not knowing what to write. Or rather: how I should write it. I have made notes about what I wanted to write about, which I would like to share with you now. I wanted to write about the fact that I find the term “sensitive” difficult because it has a positive effect at first glance - being sensitive is a thoroughly positive quality, but the term has another connotation for me, a negative attribution. In my childhood, “Du Sensibelchen” (eng. literally You Little Sensitive One, perhaps best translated as Softy) was a swearword, it referred to those boys who were not hard, not tough, not assertive enough – which touches on the field of gender sensitive design, but not in the sense in which the term “gender sensitive design” would be used. I wanted to write about how, when I was fifteen or sixteen years old, I was at a party and I ensnared (flirted with, danced with, whatever) someone whose gender I couldn’t identify exactly, a very feminine man or a very masculine woman or something in between – in any case, very beautiful and incredibly attractive. Based on this observation, I would have wanted to write about how beautiful, how valuable, how enriching I still find it today, when conditions are not fixed, boundaries are not defined, everything is kept fluid, even if this is sometimes unsettling, exhausting, challenging. I wanted to write about the chimera and all the other mythological hybrid beings: a mixture of man and woman, of man and animal, of real and fictional creatures. With the chimera we could dive into the world of the Greek gods and goddesses. Starting from the description, I wanted to enter the space of imagination, opened up to the chimera and other mixed beings, the world of fantasy, of role-playing, of the undefined and the over-determined. Perhaps I would have made an excursion to other hybrid beings, such as the Egyptian sphinx, to Pegasus, the winged horse, to the centaurs, Friedrich von Borries / A letter


who are half man and half horse. Perhaps at the end of this journey into the world of mixed and mythical creatures we would have come to the unicorn and reflected on its diverse reception between medieval mysticism, contemporary sausage packaging, the start-up financial world and the LGBTI scene. Following my examination of the world of mixed and mythical creatures, I wanted to pursue the question of why the term “chimera” is used in our language even when something is to be described as nullity, as an unimportant conceit (in the sense of: “Das war doch nur eine Chimäre/Schimäre”), which would have allowed my reflections to reach aspects of exclusion and marginalization through language. And perhaps the answer to why the ancient chimera had to die could be sought in it. I wanted to write about how I spent a night at the age of nineteen or twenty in women’s clothes, in a tight top and miniskirt, shaved and made up; I wanted to tell about the pleasure and joy and the exciting and shattering experiences that went along with this temporary change of roles. I wanted to make a plea for travesty and ironic gender clichés, which, if exaggerated and hyperbolized, can be hilarious and funny. Building on the thinking figure of the “chimera”, I wanted to take another look at my “political design theory” and expand the chapter on “self-design”, because “self-design” naturally also includes gender adaptation or transformation, and designing – as a contrast to subjugation – also includes the creation of hybrid identities that go far beyond what is discussed today under prefixes like “trans/inter”. I wanted to use the image of the chimera to further think about the relationship between man and animal, biology and culture, the subjugated and the designed. I wanted to rethink the chapter on “social design” from the same book in a direction that expands the question of social utopias and the testing of freedom in such a way that the testing, experiencing, experimenting with different sexual identities gets its space, but at 42 | 43


the same time - because I find the chimera so exciting - also breaks through the anthropocentric view of humans on humans. But, and this is my difficulty, I can’t find a language for it at the moment. My text doesn’t get beyond the “I wanted”. It has no argument, you could say. My text remains, to take up the thought again, a chimera. Maybe it’s the time I’m missing, maybe it’s the time I’m living in right now, with a face mask, minimum distance and fear of viruses, maybe it’s my slightly depressive basic mood that tells me “others can do that better than you”, which is perhaps simply a realistic self-assessment. Now I could discipline myself, as I have learned to do; I could squeeze my thoughts into a language that I have mastered; the academic language, for example, as we are used to it, but both “discipline” and “mastery” are exactly the wrong approaches for a text that wants to reflect on intoxication, on the joy of finding and breaking out of one’s gender identity and on the pleasure of breaking role models. Thinking should not be disciplined and a language should not dominate thoughts. That would take away their freedom. And, it seems to me, it is precisely this speechlessness that is an essential characteristic in dealing with the issue at hand. I hope that I will be able to specify what I am talking about here in the autumn. I will try, just as I am trying with this letter, to write a text that is appropriate to the state of my thoughts. Perhaps then I will succeed in finding an appropriate form of speaking. If you want, you can use this letter. Or perhaps you will find it absolutely useless. That would also be completely okay. But if you use it, I would ask you to give it some space for everything the text wanted to describe and consider, but for which the text - and I - have not found a suitable language. Warmest regards, Friedrich

Friedrich von Borries / A letter


Chimären Chimeres


Laura Haensler Milk & Chips


Das Essen eines Butterbrotes und der Griff in die Chipstüte verraten mehr über eine Person als ihre Glutenunverträglichkeit oder Laktoseintoleranz. Der Konsum von Lebensmitteln dient als Spiegel unserer Alltagskultur und gibt Aufschluss über gesellschaftliche Zustände und Identitätskonstruktionen. Alle Gebrauchsgegenstände und Waren unseres Alltags, so Mary Douglas, kommunizieren Botschaften (vgl. Douglas 1978: 59f.). Lebensmittel agieren als soziale Artefakte, als Vehikel, deren Angebot und die Art und Weise, wie sie wann, wo, mit wem und womit konsumiert werden, gesellschaftliche Konstitutionen, Bedürfnisse und Wünsche zum Ausdruck bringen; sie zeigen kulturellen Wandel und materialisieren soziale Phänomene. Roland Barthes zufolge agieren Lebensmittel und der Konsum von Lebensmitteln als Kommunikationssystem: Sie protokollieren Verwendungen, Situationen und Verhaltensweisen und stellen Barthes, Roland (1997): Toward a Informationen her – sie bedeuten (vgl. Barthes 1997: Psychosociology of Contemporary Food 21). „One could say that an entire ‚world‘ (social enConsumption. vironment) is present in and signified by food“ (Barthes In: Counihan, Carole; van Esterik, Penny: 1997: 23). Food and Culture. A reader. New York: Routledge, 20–27

Das Konsumieren von und Identifizieren mit Lebensmitteln gewinnt zunehmend an Bedeutung und dringt immer kleinteiliger, pluralisierter und spezifischer in unseren Alltag ein. In der Vergangenheit, so Barthes, wurden nur festliche Anlässe durch Essen signalisiert; heute drücken sich Arbeit, Sport, Freizeit und Feiern in und durch Ernährung aus (vgl. Barthes 1997: 25). Diese „Polysemie des Essens“ (ebd.), die, so Barthes, die Moderne markiert, zeigt sich einerseits in der wachsenden Pluralisierung des Akts des Essens in alltäglichen Situationen und Riten und andererseits in dem damit einhergehenden Angebot von Produkten und Dienstleistungen. Am Beispiel der Milch lässt sich diese Verästelung und gleichzeitige Spezifizierung deutlich und auf materialisierte Weise ablesen: Bezog man vor rund 100 Jahren die Milch noch einmal wöchentlich beim Milchmann aus dem Dorf, wird man heute im Supermarkt vor die Wahl aus über 170 Milchsorten (coopathome.ch) gestellt. Durch das Bedienen unterschiedlichster Ernährungsformen werden gleichzeitig die diversen Lebensstile dahinter sichtbar: Vegan, teilentrahmt, wiesenfrisch, Bio Demeter, Pro Montagna oder High Protein – die Wahl der Milch wird 46 | 47


Eating a sandwich and reaching into a bag of chips reveals more about a person than their gluten intolerance or their inability to fully digest lactose. The consumption of food serves as a Douglas, Mary mirror of our everyday culture and provides informa(1978): The world tion about social conditions and identity construcof goods. Towards an Anthropology of tions. According to Mary Douglas, all everyday objects Consumption. New York: Norton and goods communicate messages (see Douglas 1978: 59f.). Food acts as social artifacts, as a vehicle; its supply and the way in which it is consumed – when, where, with whom and with what – expresses social constitutions, needs and desires; it shows cultural change and materializes social phenomena. According to Roland Barthes, food and the consumption of food act as a communication system: they record uses, situations and behavior and produce information - they imply something (cf. Barthes 1997: 21). “One could say that an entire ‘world’ (social environment) is present in and signified by food” (Barthes 1997: 23). The consumption of and identification with food is growing in importance and it is penetrating our everyday life in an increasingly small, pluralized and specific way. In the past, according to Barthes, only festive occasions were signaled by food; nowadays work, sport, leisure time and celebration are expressed in and through food (cf. Barthes 1997: 25). This “polysemy of eating” (ibid.), which, according to Barthes, marks the modern age, can be seen on the one hand in the growing pluralization of the act of eating in everyday situations and rituals, and on the other hand in the accompanying offer of products and services. This ramification and simultaneous specification can be seen clearly and in a materialized way in the example of milk: About 100 years ago, milk was purchased from the milkman in the village once a week. Today, the supermarket offers a choice of over 170 different types of milk (coopathome.ch). By serving the most diverse forms of nutrition, the various lifestyles behind them become visible at the same time: vegan, semi-skimmed, meadow-fresh, organic Demeter, Pro Montagna or High Protein - the choice of milk becomes a statement. What is poured into a glass is barely distinguishable from the other, is negotiated on and through the packaging and transferred into a language that can be experienced - the packaging design alone Laura Haensler / Milch & Chips


zum Statement. Was eingeschenkt in ein Glas kaum voneinander unterscheidbar ist, wird auf und durch Verpackung verhandelt und in eine erfahrbare Sprache transferiert – allein das Verpackungsdesign verleiht dem Inhalt eine Story, skizziert die Markenidentität, die Target Group und den zu konsumierenden Lifestyle. An Lebensmitteln lassen sich nach einem fast schon seismographischen Prinzip gesellschaftliche Strömungen, Bewegungen und Erschütterungen ablesen. Neuartige Phänomene wie Sober Curiosity und Healthy Hedonism zeigen sich in Lebensmitteln oder werden durch sie vorangetrieben: So erfährt der bewusste Alkoholverzicht durch ein Redesign alkoholfreier Drinks und Cocktails aktuell eine Entstigmatisierung. Statt OranHaensler, Laura gensaft und Apfelschorle werden jetzt Curious Elixirs (2019): Chips & gereicht: Die organischen Tinkturen zelebrieren den Cheats. Über das Entstellen von Normen. Genuss am Nüchternsein. Eingeschenkt und mit LimetZürich: Masterarbeit tenschnitz geziert, erwecken die Elixiere den Anschein Baumann, Zygmunt einer Margarita, die braunen Flaschen reihen sich in die (2018): Retrotopia. Frankfurt am Main: Ästhetik hipper Craft-Biere ein: Durch ein Moment von Suhrkamp Mimikry wird der Rechtfertigung und dem Erklärungsbedarf einer Alkoholabstinenz entgegengewirkt. Ob vegane Mandelmilch oder Virgin Spritz: Essen und Trinken stiften Zugehörigkeit und skizzieren Identitäten (vgl. Haensler 2019: 7). Dabei agiert auch Geschlecht als irreduzibler Bestandteil: Esswaren und Essenswahl haben einen fundamentalen Einfluss auf die Konstruktion und Störung von Geschlechtsidentitäten (vgl. Baučeková 2015: 97). Im Verpackungsdesign von Lebensmitteln ist die Verhandlung von Geschlecht omnipräsent; dabei werden derzeit zwei sich konträr bewegende Richtungen sichtbar: Einerseits geraten im Zuge des Megatrends Gender Shift hegemoniale Geschlechterkodierungen ins Wanken: Reduktionistische Zuschreibungen und klischierte Rollenbilder werden durch neue Gestaltungsmaximen aufzubrechen und zu hinterfragen versucht (vgl. Haensler 2019: 13). Andererseits zeigt sich eine „Zurück zu“-Tendenz (Baumann 2018: 17): In seinem Buch Retrotopia beschreibt Zygmunt Baumann die wachsende Sehnsucht nach der untoten Vergangenheit, dem halbvergessenen Gestern und der Renaissance regressiver Werte und Normen (vgl. Baumann 2018: 14). Eine Entwicklung, die sich auch im gegenwärtigen Genderdiskurs 48 | 49


gives the content a story, outlines the brand identity, the target group and the lifestyle to be consumed. Social currents, movements and tremors can be read from food according to an almost seismographic principle. Novel phenomena such as sober curiosity and healthy hedonism can be seen in food or are being promoted by it: for example, the conscious renunciation of alcohol is currently being destigmatized by a redesign of non-alcoholic drinks and cocktails. Instead of orange juice and apple spritzer, Curious Elixirs are now being served: the organic tinctures celebrate the pleasure of sobriety. Poured as a gift and decorated with lime slices, the elixirs give the impression of a margarita, the brown bottles are part of the aesthetics of hip craft beers: Through a moment of mimicry, the justification and explanation of an abstinence from alcohol is counteracted. Whether vegan almond milk or virgin spritz: food and drink create a sense of belonging and outline identities (cf. Haensler 2019: 7). Gender also acts as an irreducible component: food and choice of food have a fundamental influence on the construction and disruption of gender identities (see Baučeková 2015: 97). The negotiation of gender is omnipresent in the packaging design of food; two opposing directions are currently becoming apparent: on the one hand, hegemonic gender codes are being shaken up in the course of the megatrend Gender Shift: reductionist attributions and clichéd role models are being broken down and questioned by new design maxims (cf. Haensler 2019: 13). On the other hand, a “back to” tendency is emerging (Baumann 2018: 17): in his book Retrotopia Zygmunt Baumann describes the growing longing for the undead past, the half-forgotten yesterday and the renaissance of regressive values and norms (cf. Baumann 2018: 14). A development that is also evident in the current gender discourse: “In the waves of an ever faster moving globalized world, the categorization of the sexes into ‘man’ and ‘woman’ appears like a saving anchor. (Haensler 2019: 13) Baučeková, Silvia (2015): Dining room detectives. Analysing food in the novels of Agatha Christie. Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholard Publishing

The resulting tension between gender shift and Retrotopia manifests itself in current food products in the supermarkets we trust: Thus Laura Haensler / Milch & Chips


zeigt: „In den Wogen einer sich immer schneller bewegenden globalisierten Welt erscheint die Kategorisierung der Geschlechter in ‚Mann‘ und ‚Frau‘ wie ein rettender Anker.“ (Haensler 2019: 13) Das daraus resultierende Spannungsfeld aus Gender Shift und Retrotopia manifestiert sich in gegenwärtigen Lebensmitteln im Supermarkt unseres Vertrauens: So trifft das „erste ,genderneutrale‘ Bier“ (vgl. Nudd 2011) Copenhagen, das sich durch das „minimal, stylish design of its bottles“ (ebd.) von der männlich konnotierten Bierdomäne zu lösen versucht, auf den britischen Broker’s Gin und den Ginlikör von Pomp & Whimsy. Ersterer kommt in einer Weißglasflasche mit kleinem Bowler-Hut als Deckel und einem Portrait eines Herrn in Anzug daher: Worte wie Quality, Premium, traditional und classic versprühen das Gefühl jahrelanger Erfahrung und damit einhergehenNudd, Tim (2011): Is der Qualität: „Bewährte Handwerkskunst, gepaart mit This the World’s First dandyhafter Eleganz: Alte, aber untote Werte zeichGender-Neutral Beer? https://www.adweek. nen durch eine Reinszenierung das romantisierte Bild com/creativity/woreloquenter, gebildeter und qualitätsliebender Konsulds-first-gender-neutral-beer-131742/ (Letzment*innen, das sich am Phänomen des ,retrotopiter Aufruf: 03.06.2020) schen‘ Moments bedient“ (Haensler 2019: 63). Ein Produkt, das auf plakative Weise mit männlich konnotierten Bildern, Motiven und Symbolen vergangener Tage wirbt und seine 200 Jahre alte Tradition des Gin-Destillierens durch ein attraktives Redesign zelebriert und ins Heute manövriert. Der „fancy“ Likör von Pomp & Whimsy wirbt mit „a touch of feminity“ und verspricht ein wondrously, delightful, natural, playful und sensorial Trinkerlebnis. Auf der Website wird man mit „Hello Darling“ begrüßt, Produktshots zeigen den Ginlikör neben kleinen Gläschen, gefüllt mit einer rosafarbenen Flüssigkeit und essbaren Blüten. Der Alkoholgehalt des Gins liegt bei 30 Prozent und somit weit unter dem Durchschnitt herkömmlichen Gins. So lädt der gut betuchte Gentleman im feinen Zwirn zu einem hochprozentigen Jack the Ripper (brokersgin.com/recipes/), während sich die Darlings eine Violet Femme (pompandwhimsy.com/sipsandtips) zu Gemüte führen. Anhand dieser Beispiele zeigt sich bereits, dass Geschlecht eben nicht nur auf der Oberfläche von Verpackungen verhandelt wird, sondern 50 | 51


the “first ‘gender-neutral’ beer” (cf. Nudd 2011) Copenhagen, which attempts to break away from the male-connoted beer domain through the “minimal, stylish design of its bottles” (ibid.), meets the British Broker’s Gin and the gin liquor of Pomp & Whimsy. The former comes in a white-glass bottle with a small bowler hat as lid and a portrait of a gentleman in a suit; words like quality, premium, traditional and classic radiate the feeling of years of experience and the quality that goes with it: “Proven craftsmanship paired with dandyish elegance: old but undead values are re-staged to create a romanticized image of eloquent, educated and quality-loving consumers who make use of the phenomenon of the ‘retrotopian’ moment” (Haensler 2019: 63). A product that boldly advertises with masculine-connoted images, motifs and symbols of bygone days, celebrating its 200-year-old tradition of gin distillation with an attractive redesign and maneuvering it into the present day. The “fancy” liquor from Pomp & Whimsy advertises with “a touch of femininity” and promises a wondrously delightful, natural, playful and sensorial drinking experience. On the website you are greeted with “Hello Darling”, product shots show the gin liquor next to small glasses filled with a pink liquid and edible flowers. The alcohol content of the gin is 30 percent, which is far below the average for conventional gin. Thus the well-heeled gentleman in the finest apparel invites you for a high-proof Jack the Ripper (brokersgin.com/ recipes/), while the darlings enjoy a violet femme (pompandwhimsy. com/sipsandtips). These examples already show that gender is not only negotiated on the surface of packaging, but is already inherent in the expectations of behavior and tastes constructed by keywords and sales promises: these are often codes that cannot be grasped a priori, which are unconsciously incorporated into the actions and consumption of subjects and function according to a set of rules of cultural grammar (cf. Haensler 2019: 111). “Cultural grammar is [...] an expression of social power and domination relations, and its rules play an important role in their production and reproduction. As an inner structure it permeates the entire [...] social space” (Blissett; Brünzels 2012: 18f.). Learning and practicing grammatical rules happens unconsciously, adherence to them is largely considered “normal” and is rarely Laura Haensler / Milch & Chips


bereits den durch Keywords und Verkaufsversprechen konstruierten Erwartungen an Verhaltensweisen und Geschmäckern innewohnt: Dabei handelt es sich um oft nicht a priori fassbare Codes, die unbewusst in das Handeln und Konsumieren von Subjekten einfließen und nach einem Regelwerk kultureller Grammatik funktionieren (vgl. Haensler 2019: 111). „Kulturelle Grammatik ist […] Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsbeziehungen, und ihre Regeln spielen eine wichtige Rolle, bei deren Produktion und Reproduktion. Als innere Struktur durchdringt sie den gesamten […] gesellschaftlichen Raum“ (Blissett; Brünzels 2012: 18f.). Das Erlernen und Einüben Blissett, Luther; grammatikalischer Regeln geschieht unbewusst, sie Brünzels, Sonja einzuhalten gilt weitgehend als „normal“ und wird nur (2012): Handbuch der Kommunikaselten hinterfragt (vgl. Blissett; Brünzels 2012: 17). So tionsguerilla. sind Verhaltensweisen, Uhrzeiten und Mengen von kulBerlin/Hamburg: Assoziation A turell und diskursiv konstruierten Kodierungen reguliert, denen nicht zuletzt geschlechtsspezifische und oft reduktionistische Komponenten zugrunde liegen, die das Verhalten und die Agency essender und trinkender Subjekte auf asymmetrische Weise markieren. Verena Mayer schrieb in diesem Zusammenhang einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über die Abwesenheit weiblicher „Vorbilder“ im Kontext vom Konsum von Alkohol in Massenmedien: „Wenn Frauen in Filmen und Serien trinken, dann sprudelnde Flüssigkeiten oder pastellfarbene Cocktails, die so albern sind wie das Wort ‚Mädelsabend‘. Meistens sitzen sie kichernd zusammen und reden über Schuhe und Sex.“ (Mayer 2019) Die Darstellung der trinkenden Frau beschränke sich auf die „arme Alkoholikerin oder die beschwipste Aufgedrehte“, während trinkende Männer als cool wirken, so Mayer (vgl. Mayer 2019). Durch die Darstellung der trinkenden Frau in Massenmedien werden rollenspezifische Handlungsräume und legitimierte Verhaltensweisen abgebildet, die reduktionistische Annahmen über Präferenzen und Geschmäcker tätigen (vgl. Haensler 2019: 105). Es fehle an Vorbildern, so Mayer, an denen sich Protagonistinnen orientieren können: „Wahrscheinlich müssen trinkende Frauen ihre Rolle erst finden“ (Mayer 2019). Ein anderes Beispiel normativer geschlechtsspezifischer Kodierungen im Kontext von Foodkonsum liefert die Keyword-Suche bei shutter52 | 53


questioned (cf. Blissett; Brünzels 2012: 17). Thus, behaviors, times and quantities of culturally and discursively constructed codes are regulated, which are not least based on gender-specific and often reductionist components that asymmetrically mark the behavior and agency of eating and drinking subjects. In this context, Verena Mayer wrote an article in the Süddeutsche Zeitung about the absence of female “role models” in the context of alcohol consumption in the mass media: “When women drink in films and series, they drink fizzy liquids or pastel-colored cocktails that are as silly as the phrase ‘girls’ night out’. Mostly they sit giggling together and talk about shoes and sex.” (Mayer 2019) The depiction of the drinking woman is limited to the “poor alcoholic or the tipsy hyper one”, while drinking men appear cool, according to Mayer (cf. Mayer 2019). The portrayal of the drinking woman in mass media depicts role-specific spheres of action and legitimized behavior that make reductionist assumptions about preferences and tastes (cf. Haensler 2019: 105). According to Mayer, there is a lack of role models by which female protagonists can orient themselves: “Probably, drinking women first have to find their role” (Mayer 2019). Another example of normative gender-specific coding in the context of food consumption is the keyword search at shutterstock.com. If you search for the term depressed eating, 102 pictures appear on the first page, and 83 of them show women as protagoMayer, Verena (2019): nists. The photographs show women in tears, lying on Von Gläsern und the couch or in bed or standing in front of the mirror. Gleichberechtigung. https://sz-magazin. They eat ice cream, chips or chocolates straight from sueddeutsche.de/ the package, surrounded by handkerchiefs and empgetraenkemarkt/ von-glasern-undty food packages. The captions provide information gleichberechtigung-86832/ (Letzter about the context: heartbroken, unhappy, lonely, fat, Aufruf: 03.06.2020) overweight, sad. They deal with topics such as relationship terminations, body norms, frustration and loneliness; situations or states that can apparently be counteracted by the consumption of a bucket of chocolate. The pictures are composed in a completely different way with male protagonists: They show men at the kitchen table with a child in a high chair or at the workplace in the office. The captions of the pictures read as follows: Laura Haensler / Milch & Chips


stock.com. Sucht man da nach dem Begriff depressed eating, erscheinen auf der ersten Seite 102 Bilder, und 83 von ihnen zeigen Frauen als Protagonistinnen. Die Photographien zeigen Frauen unter Tränen, auf der Couch oder im Bett liegend oder vor dem Spiegel stehend. Sie essen Eis, Chips oder Pralinen direkt aus der Packung, sind umgeben von Taschentüchern und leeren Lebensmittelverpackungen. Die Bildunterschriften geben Auskunft über den Kontext: Herz zerbrochen, unglücklich, einsam, fat, overweight, traurig. Es geht um Themen wie Beziehungsbeendigungen, Körpernormen, Frust und Einsamkeit. Situationen oder Zustände, denen scheinbar mit dem Konsum eines Schokokübels entgegengewirkt werden kann. Ganz anders setzen sich dabei die Bilder mit männlichen Protagonisten zusammen: Sie zeigen Männer am Küchentisch mit Kind im Hochstuhl oder am Arbeitsplatz im Büro. Die Bildunterschriften der Bilder lesen sich wie folgt: Appetitverlust, mangelnder Appetit, sad businessman. Diese Situationen sind nicht etwa durch einen übermässigen Konsum von Junk Food sondern vielmehr durch den mangelnden Appetit markiert. Inhaltlich geht es um das Gestresstsein im Alltag, Überforderung in der Arbeitswelt oder mit Kindern – oder aber der Kontext wird gar nicht angesprochen oder gewissermaßen neutralisiert. Es sind Situationen, die Leistungsdruck oder übermäßige Erwartungshaltungen konkretisieren. Die Untersuchung des essenden Menschen in Massenmedien stellt auch in meiner Masterarbeit Chips & Cheats einen wichtigen Teil der Forschung dar. Die im Jahre 2019 an der Zürcher Hochschule der Künste in der Vertiefung Trends & Identity entstandene Arbeit beschäftigt sich mit dem interdependenten Verhältnis von Food und Gender und fragt, welchen Einfluss der Parameter ‚Geschlecht‘ auf die Art und Weise hat, wie, wo, wann und mit wem Chips gegessen werden. Kartoffelchips eigenen sich dabei hervorragend dazu, die Alltäglichkeit der vorliegenden Thematik und den Diskurs an einem scheinbar ordinären und niederschwelligen Lebensmittel sichtbar zu machen. Bei Darstellungen von Chipskonsum durch Frauen zeigen sich unterschiedlich motivierte Szenarien, von denen ein prägnanter Zweig die trauernde und unglückliche Frau darstellt: Sie liegt oder sitzt allein im Bett, eingehüllt in schützende Bettdecken oder wärmende Strickpullover, von leeren Essensverpackungen flankiert und von Unglück 54 | 55


loss of appetite, lack of appetite, sad businessman. These situations are not marked by excessive consumption of junk food but rather by a lack of appetite. In terms of content, it is a matter of being stressed in everyday life, overstrained in the world of work or with children - or the context is not addressed at all or, in a sense, neutralized. These are situations that concretize pressure to perform or excessive expectations. The investigation of the eating person in mass media is also an important part of my master’s thesis Chips & Cheats. The work, which was written in 2019 at the Zurich University of the Arts in the Trends & Identity department, deals with the interdependent relationship between food and gender and asks what influence the parameter ‘gender’ has on how, where, when and with whom chips are eaten. Potato chips are an excellent way of making the everyday nature of this topic and the discourse on a seemingly vulgar and low-threshold food visible. In depictions of chip consumption by women, variously motivated scenarios emerge, of which a concise branch represents the grieving and unhappy woman: She lies or sits alone in bed, wrapped in protective blankets or warming knitted sweaters, flanked by empty food packages and marked by misfortune: The women depicted eat chips out of grief, after break-ups or emotional instability (cf. Haensler 2019: 94). They are also pushed into invisibility: The fact that chips are only consumed in states of emergency and hidden in the wardrobe or under the blanket reinforces their absence from a woman’s regular and happy everyday life (cf. Haensler 2019: 102). “There seems to have to be a presence of certain emotional fissures and broken relationships in order to be allowed to eat chips as a woman” (Haensler 2019: 95). Excessive chip eating becomes apparent when the protagonists portrayed are confronted with body images and body norms that they - in their opinion - do not correspond to; the women portrayed are in emotionally frustrated situations and interact with attributes such as the bed as a place of retreat, tears, handkerchiefs and empty food packages - the scenes are apparently given negative connotations (cf. Haensler 2019: 102). The depiction of chip consumption by men also manifests itself through various motifs and framings, with the Laura Haensler / Milch & Chips


geprägt: Die dargestellten Frauen essen Chips aus Trauer, nach Beziehungsbeendigungen oder emotionaler Instabilität (vgl. Haensler 2019: 94). Sie werden außerdem in die Unsichtbarkeit verdrängt: Dass Chips nur in Ausnahmezuständen und versteckt im Kleiderschrank oder unter der Bettdecke konsumiert werden, bestärkt deren Abwesenheit im geregelten und glücklichen Alltag einer Frau (vgl. Haensler 2019: 102). „Es scheint eine Präsenz gewisser emotionaler Einschnitte und zerrütteter Verhältnisse geben zu müssen, um als Frau dem Essen von Chips nachgehen zu dürfen“ (Haensler 2019: 95). Ein exzessives Chipsessen zeigt sich, wenn die dargestellten Protagonistinnen mit Körperbildern und Bodynorms konfrontiert werden, denen sie – ihres Erachtens – nicht entsprechen; die dargestellten Frauen befinden sich in emotionalen Frustsituationen und interagieren mit Attributen wie dem Bett als Rückzugsort, Tränen, Taschentüchern und leeren Essenspackungen – die Szenerien sind augenscheinlich negativ konnotiert (vgl. Haensler 2019: 102). Auch die Darstellung des Chipskonsums durch Männer manifestiert sich anhand diverser Motivationen und Rahmungen, wobei der essende Mann im Wohnzimmer auf der Couch die prägnanteste Szenerie markiert: Bestückt mit einer Dose Bier widmet er sich einer TV-Serie oder einem Fußballspiel (vgl. Haensler 2019: 98). Die Chips werden aus Lust und zur Vervollständigung einer vergnüglichen Szenerie gegessen – sie agieren als Genussmittel, das inbrünstig, leidenschaftlich und mit geschlossenen Augen vertilgt wird (vgl. Haensler 2019: 98). – Ein weiteres Motiv ist der Konsum von Chips aus Langeweile: In Jogginghose sitzen oder liegen die Protagonisten auf der Couch und horten die Tüte Chips in ihrem Schoß (vgl. Haensler 2019: 99). Obwohl diese Szenen das Moment eines Faulenzers oder gar Versagers vermitteln, unterscheiden sie sich dennoch stark von den Darstellungen Chips konsumierender Frauen (vgl. Haensler 2019: 99). „Der Chipskonsum durch Männer in Jogginghose wird selten hinterfragt, geniesst vielmehr die Position eines legitimierten Alltagszustands und muss weder durch emotionale Einschnitte noch durch andere zerrüttete Verhältnisse gerechtfertigt werden. Die Chips agieren dabei nicht als Kompensation oder Frustessen, sondern vielmehr als konventioneller Snack, den man soeben mal im Schrank gefunden hat und genussvoll zu konsumieren legitimiert ist“ (Haensler 2019: 99). 56 | 57


eating man on the couch in the living room marking the most striking scenery: Equipped with a can of beer he devotes himself to a TV series or a football match (cf. Haensler 2019: 98). The chips are eaten out of lust and to complete a pleasurable scene - they act as a stimulant that is consumed fervently, passionately and with closed eyes (cf. Haensler 2019: 98). - Another motive is the consumption of chips out of boredom: Wearing sweatpants, the protagonists sit or lie on the couch and hoard the bag of chips in their laps (cf. Haensler 2019: 99). Although these scenes convey the moment of laziness or even failure, they are nevertheless very different from the depictions of women consuming chips (cf. Haensler 2019: 99). “The chip consumption by men in sweatpants is rarely questioned, but rather enjoys the position of a legitimate everyday state and does not have to be justified by emotional cutbacks or other dysfunctional conditions. The chips do not act as compensation or frustration, but rather as a conventional snack that you have just found in the cupboard and which is legitimized to be consumed with pleasure” (Haensler 2019: 99). The protagonists are shown with their mouths open in these scenes and are surrounded by attributes such as the cold beer, the remote control and the couch. Advertisements, images, TV series and films of popular culture have a great influence on the reproduction of cultural grammar and on the way gender is produced and presented: They depict scenes and situations that recipients orient themselves by or find themselves in (cf. Haensler 2019: 105). Teresa de Lauretis writes in this context about the social technology of a semiotic apparatus, through which an interface between recipients and socially endowed codings is created (cf. de Lauretis 1984: 14) - codings that are translated into their own action through the imitation by recipients: “While codes and social formations define positions of meaning, the individual reworks those positions into a personal, subjective construction” (de Lauretis 1984: 14). By constantly quoting, learning and exercising a role, gender-specific codings are constituted that appear “natural”, according to Judith Butler: “For as we have seen, the substantivist effect of gender identity is performatively produced and forced by the regulatory procedures of gender coherence” (Butler 2014: 49). The resulting “social Laura Haensler / Milch & Chips


Die Protagonisten werden in diesen Szenerien mit offenem Mund gezeigt und sind umgeben von Attributen wie dem kühlen Bier, der Fernbedienung und der Couch. Werbung, Bilder, TV-Serien und Filme der Populärkultur haben einen großen Einfluss auf die Reproduktion kultureller Grammatik und auf die Art und Weise, wie Geschlecht her- und dargestellt wird: Sie zeigen Szenerien und Situationen, an denen sich Rezipient*innen orientieren oder sich in ihnen wiederfinden (vgl. Haensler 2019: 105). Teresa de Lauretis schreibt in diesem Zusammenhang über die soziale Technologie eines semiotischen Apparates, durch den eine Schnittstelle zwischen Rezipient*innen und sozial gestifteter Kodierungen hergestellt wird (vgl. de Lauretis 1984: 14) – Kodierungen, die durch das Nachahmen durch Rezipient*innen in ihr eigenes Handeln übersetzt werden: „While codes and social formations De Lauretis, Teresa (1984): Alice doesn’t. define positions of meaning, the individual rework Feminism, Semiotics, Cinema. London: those positions into a personal, subjective constructiMacmillan on“ (de Lauretis 1984: 14f.). Durch ein stetiges Zitieren, Butler, Judith (2014): Erlernen und Ausüben einer Rolle konstituieren sich Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt geschlechtsspezifische Kodierungen, die „natürlich“ am Main: Suhrkamp wirken, so Judith Butler: „Denn wie wir gesehen haben, wird der substantivistische Effekt der Geschlechtsidentität durch die Regulierungsverfahren der Geschlechter-Kohärenz performativ hervorgebracht und erzwungen“ (Butler 2014: 49). Die daraus resultierende, natürlich wirkende „soziale Realität“ wird wiederum von Massenmedien zitiert und durch die Darstellung reproduziert. Somit fungieren Serien wie ‚Gilmore Girls‘, ‚New Girl‘ oder ‚Family Guy‘ nicht nur als Spiegel, sondern auch als Rollenmodell für viele Zuschauer*innen (vgl. Recht 2008: 143). „Dadurch entsteht ein endloser, perpetuierender Kreislauf, der sich durch das Zitieren und Reproduzieren stetig neu konstituiert“ (Haensler 2019: 104). Dabei zeigt sich, dass das mit einer gewissen Scham verbundene ‚Frustessen‘ durch Massenmedien zu einem weiblichen Phänomen gemacht wird. Männer hingegen essen Chips als Alltagsbeschäftigung auf legitimierte und selten hinterfragte Weise.

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reality”, which appears natural, is in turn quoted by mass media and reproduced by the representation. Thus series such as ‘Gilmore Girls’, ‘New Girl’ or ‘Family Guy’ function not only as a mirror but also as a role model for many viewers (cf. Recht 2008: 143). “This creates an endless, perpetual cycle that is constantly reconstituted through quotation and reproduction” (Haensler 2019: 104). It becomes apparent that the ‘stress eating’ associated with a certain amount of shame is turned into a female phenomenon by mass media. Men, on the other hand, eat chips as an everyday occupation in a legitimate and rarely-questioned way. To make this asymmetry visible, a six-piece cutlery set was created as part of the Chips & Cheats diploma project. The tools deal in a critical and ironic way with culturally and socially constructed eating behavior, spaces for action and legitimate behavior in the context of the consumption of chips with hands and fingers. The binary gender codes extracted from films and TV series and the incorporated cultural grammar are translated into physical tools and at the same time made visible and presented Barthes, Roland (1986): Sade, Fourier, in an exaggerated way. “Is not the best subversion,” Loyola. Frankfurt am Main: Suhrkamp Barthes asks, “to distort the codes rather than destroy them?” (Barthes 1986: 41) The translation into cutlery Recht, Marcus (2008): (De)constructing focuses on the question of how the perpetuating cycle the gendered Gaze: of reception, incorporation and reproduction can be Geschlechtsspezifische Blickdisrupted and put up for debate. The food tools consist hierarchien in der TV-Serie „Buffy“. of a combination of recycled silver cutlery and plasIn: Ruhl, Alexander; ter positives of fingers and hands. The body literally Richard, Birgit (Hg.), Konsumguerilla: Widerbecomes cutlery itself, and the tools force one to stand gegen Massenkultur? Frankfurt am Main: adopt specific body postures and behaviors, and learn Campus Verlag. to eat chips with one’s own extremities. Three pieces of cutlery deal with the subtle, quiet and stigmatized consumption of chips - the tools play with the moment of hiding, minimizing and decontextualizing. With the Kaukaschierklappe (eng. mastication concealment lid), for example, one eats chips behind the palm of one’s hand, the Kuppenklemme (eng. dome clamp) helps you consume elegantly and thoughtfully, and the Daumendresche (eng. thumb thresher) crushes the chips already in the palm of your hand, Laura Haensler / Milch & Chips


Um diese Asymmetrie sichtbar zu machen, entstand im Rahmen des Diplomprojekts Chips & Cheats ein sechsteiliges Besteckset. Die Tools beschäftigen sich auf kritische und ironische Weise mit kulturell und sozial konstruierten Essverhalten, Handlungsräumen und legitimierten Verhaltensweisen im Kontext vom Konsum von Chips mit Händen und Fingern. Die aus Filmen und TV-Serien extrahierten binären Genderkodierungen und die inkorporierte kulturelle Grammatik werden in physische Tools übersetzt und zugleich überspitzt sichtbar gemacht und dargestellt. „Ist die beste Subversion“, fragt Barthes, „nicht die Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?“ (Barthes 1986: 41) Die Übersetzung in Besteckteile fokussiert sich auf die Frage, wie der perpetuierende Kreislauf aus Rezipieren, Inkorporieren und Reproduzieren gestört und zur Debatte gestellt werden kann. Die Foodtools bestehen aus einer Kombination aus rezykliertem Silberbesteck und Gipspositiven von Fingern und Händen. Der Körper wird buchstäblich selbst zum Besteck, und die Tools zwingen zum Einnehmen spezifischer Körperposen, Verhaltensweisen und Erlernen des Essens von Chips mit den eigenen Extremitäten. Drei Besteckteile beschäftigen sich mit dem subtilen, leisen und stigmatisierten Konsum von Chips – die Tools spielen mit dem Moment des Versteckens, Minimierens und Dekontextualisierens. So isst man mit der Kaukaschierklappe Chips hinter vorgehaltener Hand, die Kuppenklemme verhilft zu einem eleganten und bedachten Konsum und die Daumendresche zerkleinert die Chips bereits in der Handinnenfläche, so dass unangebrachte Geräusche und Kaubewegungen minimiert werden. Drei Besteckteile thematisieren das artikulierte, offensichtliche Essen von Chips. Die Tools maximieren Geräusche in ihrer Lautstärke, skalieren Kauprozesse lupenartig und provozieren die Öffnung des Mundes auf übertriebene Weise. Die Rachenröhre wirkt wie ein Megaphon und verstärkt die Lautstärke während des Essens von Chips. Die Großglotzlupe agiert als Lupe – Mund, Zunge und Zähne werden grotesk vergrößert, das ganze Gesicht gleichsam entstellt. Die Schlundspreize zwingt schließlich dazu, den Mund auf schmerzhafte Weise weit zu öffnen. Die Tools versuchen, den vorliegenden Diskurs in eine erfahrbare Sprache zu transferieren und sichtbar zu machen. Dabei wohnen dem Design nicht zuletzt epistemische Qualitäten inne: Durch das 60 | 61


minimizing inappropriate noise and chewing movements. Three pieces of cutlery address the articulated, obvious eating of chips. The tools maximize the volume of noise, scale chewing processes magnifyingly and provoke the opening of the mouth in an exaggerated way. The Rachenröhre (eng. throat tube) acts like a megaphone and amplifies the volume while eating chips. The Großglotzlupe (eng. gawking glass) acts as a magnifying glass - mouth, tongue and teeth are grotesquely enlarged, the whole face is disfigured as it were. The Schlundspreize (eng. gullet spreader) finally forces the mouth to open wide in a painful way.

Haensler, Laura (2019): Chips & Cheats. Über das Entstellen von Normen. Zürich: Masterarbeit

The tools attempt to transfer the present discourse into an experiential language and make it visible. The design has epistemic qualities: by eating the chips with the tools, the performativity of one’s own extremities is questioned and the learning of new behaviors is forced. They attempt to highlight a deformation and Laura Haensler / Milch & Chips


Essen der Chips mit den Tools wird die Performativität der eigenen Extremitäten hinterfragt und das Erlernen neuer Verhaltensweisen erzwungen. Sie unternehmen den Versuch, durch Subversives Design und gezielte gestalterische Eingriffe ein Entstellen und Umdenken zu markieren (Haensler 2019: 119). Als Vermittlungstools zeigen sie auf, wie mediale Darstellungen von Lebensmittelkonsum und das Angebot des Marktes binäre und reduktionistische Bilder und Kodierungen reproduzieren, die der Fülle, Diversität und Individualität von Geschlechtsidentitäten nicht gerecht werden. Sie verfolgen den Ansatz, die bestehende Sprache und die daraus resultierenden Bilder durch das Moment des Skalierens und Verzerrens mit neuen Inhalten und Bedeutungen zu füllen. Design agiert hier sozusagen als Dioptrie, um soziale und historische Konstitutionen, die sich durch das Dekodieren der gestalteten Dinge unseres Alltags und deren Konsum ableiten lassen, scharfstellen, lesen und verstehen zu können. Design leistet aber nicht nur Übersetzungsarbeit, in dem es Bestehendes zu hacken und durch Collagen zu entstellen vermag; Design ist auch – oder vielmehr – imstande, Zukünftiges zu entwerfen und noch nie Dagewesenes und Unvorstellbares vorstellbar, lesbar und verstehbar zu machen – Design hat eine politische Dimension und die Macht, in avantgardistischer Manier, Revolutionen, Veränderungen von Normen, Abläufen und Strukturen ins Rollen zu bringen. Es bedarf einer Sprache, die gegenwärtige Genderdebatte im und eben durch Design voranzutreiben. Nicht aber etwa durch ‚genderneutrales‘ Design, dessen Maxime ich als Oxymoron zu betiteln wage: Design soll und kann niemals neutral sein – jedes Material, jede Farbe und jede Oberfläche ist historisch und gesellschaftlich geprägt und unterliegt einem vergeschlechtlichten Diskurs. Vielmehr plädiere ich für ein Design, das divers und spektral agiert; ein Design, das nicht versucht, Gender zu negieren oder zu neutralisieren, sondern das Subjekte in ihrer Individualität und Vielfalt ansprechen, abbilden und repräsentieren kann. Es braucht ein Design, das nicht nach retrotopischer Manier am Gestern festhält, sondern die Gegenwart liest, versteht und abbildet, um Zukünftiges möglich und intelligibel zu machen. Design kann Neues hervorbringen. Neues, das sich so divers, pluralisiert und breit manifestiert, wie das Milchangebot im Kühlregal des Supermarktes um die Ecke – und weit darüber hinaus. 62 | 63


change in thinking through subversive design and targeted creative interventions (Haensler 2019: 119). As mediation tools, they show how media representations of food consumption and market supply reproduce binary and reductionist images and codes that do not do justice to the abundance, diversity and individuality of gender identities. They pursue the approach of filling the existing language and the resulting images with new content and meanings through the moment of scaling and distortion. Here, design acts as a diopter, so to speak, in order to be able to focus, read and understand social and historical constitutions that can be derived by decoding the designed things of our everyday life and their consumption. However, design does not only perform translation work by hacking the existing and disfiguring it with collages. Design is also - or rather - capable of designing the future and making the unprecedented and unimaginable imaginable, readable and understandable; design has a political dimension and the power to set in motion, in an avant-garde manner, revolutions, changes in norms, processes and structures. A language is needed to advance the current gender debate in and through design. But not through ‘gender-neutral’ design, whose maxim I dare to call an oxymoron: Design should and can never be neutral - every material, every color and every surface is historically and socially shaped and is subject to a gendered discourse. Rather, I plead for a design that acts diversely and spectrally; a design that does not attempt to negate or neutralize gender, but that can address, depict and represent subjects in their individuality and diversity. What is needed is a design that does not cling to yesterday in a retrotopian manner, but reads, understands and depicts the present in order to make the future possible and intelligible. Design can create something new. New things that are as diverse, pluralized and widely manifested as the milk on offer in the refrigerated shelves of the supermarket around the corner - and far beyond. Bildnachweis S. 45, 61 / Photo Credits p. 45, 61: Laura Haensler

Laura Haensler / Milch & Chips



Mayar El Bakry und depatriachise design Bodies in/and Spaces

Wir möchten zu einer Reise einladen. Einer Reise durch öffentliche Räume, aus unseren persönlichen Perspektiven. In verschiedenen Szenen möchten wir mithilfe unserer Erfahrungen das Verhältnis von Körpern mit der gestalteten (Menschen- bzw. Männer-gemachten) Umwelt besprechen. Das Persönliche ist politisch, denn unsere eigenen Biografien und Erfahrungen beeinflussen unsere Forschung, Lehre und Praxis. Wir stellen persönliche Ansprüche, um den vom Design-Patriarchat übernommenen Schein der Objektivität und Neutralität aufzulösen. Persönlich zu werden bedeutet, unsere Emotionen zu diskutieren und, wie u.a. von der Feministin Sara Ahmed vorgeschlagen, unsere Erfahrungen zu katalogisieren. Das Persönlich-werden erlaubt uns, zu reflektieren und uns zu verbinden. So können wir unsere Positionalität analysieren und deutlich machen, dass weder unsere noch irgendeine andere Arbeit objektiv oder neutral ist, sondern immer subjektiv.

Design scenes from everyday life A collaboration between Mayar El Bakry and depatriachise design


• Persönlich werden wird oft als unprofessionell angesehen, weil jede Handlung, die Frauen* unternehmen, um die patriarchalische Logik zu stören oder aufzulösen, automatisch als irrational, unangemessen oder schwach etikettiert wird. • Persönlich werden entmystifiziert den Kanon und entlarvt die unterdrückenden Rollen von Geschlecht, Rasse und Klasse bei der Konstruktion von Macht-Ungleichgewichten (McClure 2000:53-55). • Persönlich werden ermöglicht es uns, unsere eigene Stimme zu finden und unsere eigene visuelle, formale und textliche Landschaft zu gestalten. • Persönlich werden betont die diskriminierenden Werte und Standards des Designs. • Persönlich werden regt uns an, über die Rolle des Geschlechts bei der Konstruktion von Design als Disziplin zu reflektieren. • Persönlich zu werden bedeutet aber auch, eine Spaßkillerin (Killjoy) zu werden, wie Sara Ahmed herausgestrichen hat (Ahmed 2017: S. 37). Es bedeutet, sich gegen die Ungerechtigkeiten zu wehren, die Quellen der Unterdrückung herauszufordern und auf Praktiken hinzuweisen, die den patriarchalischen Status Quo aufrechterhalten. Das kann frustrierend, wütend und ermüdend werden. Aber Killjoy bringt auch eine transformierende Wirkung mit sich. Sie kann befreiend sein, wenn wir uns bemühen, neue Praktiken zu schaffen, uns auf neue Inhalte zu konzentrieren und die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, in Frage zu stellen. Szene 1: 2020, Zürich, in einer Küche Ich stehe in meiner Küche und halte die kleine Falafelpresse in meiner Hand, alle Zutaten stehen bereit. Dieser Gegenstand, der Geruch – die gesamte Atmosphäre versetzt mich zurück in meine Kindheit: Frühstück an einem Freitag am Küchen66 | 67

We would like to invite you on a journey. A journey through public spaces, from our personal perspectives. In various scenes, with the help of our experiences, we would like to discuss the relationship of bodies with the designed (man-made as well as Man-made) environment. The personal is political, because our own biographies and experiences influence our research, teaching and practice. We make personal demands in order to dissolve the semblance of objectivity and neutrality adopted by design patriarchy. Becoming personal means discussing our emotions and, as suggested by feminist Sara Ahmed, among others, cataloguing our experiences. Becoming personal allows us to reflect and connect. In this way we can analyze our positionality and make it clear that neither our nor any other work is objective or neutral, but always subjective. • Getting personal is often regarded as unprofessional because every action that womxn take to disrupt the patriarchal logic is automatically labelled as irrational, inappropriate or weak. • Getting personal demystifies the canon and exposes the oppressive roles of gender, race and class in the construction of power imbalances (McClure 2000: 53-55) • Getting personal allows us to find our own voice and to shape our own visual, formal and textual landscape. • Getting personal highlights, the discriminatory values and standards of design. • Getting personal stimulates us to reflect on the role of gender in how design as a discipline is constructed.


tisch meiner Oma, wo wir frische Falafel und gebratene Eier zubereiteten. Ich wuchs in Kairo auf. Die Küchenutensilien wie die Falafelpresse waren und sind ein Teil unseres Alltags. Jeder dieser Gegenstände erzählt eine Geschichte lokaler Industrie, Materialien, Produktionsmethoden und Traditionen, persönlicher Beziehungen, Erinnerungen, die Geschichte einer Region (Südwestasiens und Nordafrika [SWANA Region]), ebenfalls die Geschichte ihrer Kolonialisierung. Sie tragen lokales Wissen in sich und geben dieses Wissen von Generation zu Generation weiter. Diese bescheidenen und praktischen Küchenutensilien / Kochwerkzeuge wandern über Grenzen von Nationalstaaten hinweg, genauso wie die Menschen, ihre Rezepte und Erinnerungen, sich anpassen an lokale Kontexte. Sie sind mehr als reine Werkzeuge, die uns helfen, Alltagsgerichte zuzubereiten. Oft anonym gestaltet, können sie zu Gesprächen über das unsichtbare und marginalisierte, uns umgebende Design anregen. Als menschliche Wesen haben wir immer über das Kochen und Essen, und die dabei sich entfaltenden Gespräche, einen Sinn für Gemeinschaft entwickelt. Viele unserer Bräuche, Rituale und Traditionen sind rund um das Konzept von Gemeinschaft entstanden – gemeinsam essen, andere einladen, großzügig Mahlzeiten miteinander teilen. Wir feiern und trauern mit Essen und Trinken. Wir beschließen Verträge, Übereinkommen und Verhandlungen über eine geteilte Mahlzeit. Soziale Aspekte sind hier mit unserem Überleben als Menschheit verwoben. Als Designerin sehe ich außerdem Parallelen zwischen dem Kochen und depatriachise design / Bodies in/and Spaces

• But getting personal also means becoming a killjoy, as Sara Ahmed has pointed out (Ahmed 2017: 37). It means resisting injustice, challenging the sources of oppression and pointing to practices that maintain the patriarchal status quo. This can become frustrating, annoying and tiring. But killjoy also has a transformative effect. It can be liberating, as we strive to create new practices, focusing on new contents and challenging the conditions in which we operate. Scene 1: 2020, Zurich, in a kitchen Standing in my kitchen holding a small falafel press while all the ingredients are ready, I’m reminded of my childhood. This object, the smells of deep-frying falafel dough: It takes me back to the Fridays at my grandmother’s kitchen table where we prepared fresh falafel and fried eggs. I grew up in Cairo. The kitchen tools like the falafel press were and are part of our everyday life. Each of these objects tells a story of local industry, materials, production methods and traditions, personal relationships, memories, the history of a region (Southwest Asia and North Africa [SWANA region]), as well as the history of its colonization. They carry local knowledge within them and pass it along from generation to generation. These modest and practical kitchen utensils / cooking tools migrate across borders of nation states, just as people, their recipes and memories, adapting to local contexts. They are more than mere tools that help us to prepare everyday dishes. Often designed anonymously, they can stimulate conversation about the invisible and marginalized design that surrounds us.


der Gestaltung. In beiden Feldern wurde manchen Traditionen historisch mehr Wert zugeschrieben als anderen. Die Haute Cuisine wird geschätzt, überaus komplizierte Gerichte und die professionellen Köch*innen, die sie kreieren, werden gefeiert, während das tägliche, unordentliche Kochen zu Hause und diejenigen, die es durchführen, nicht ihre angemessene Anerkennung bekommen. Ähnlich im Design: die von ausgebildeten (meist weißen, männlichen) Designer*innen entwickelten Traditionen werden gefeiert – und die kreativen Entwürfe und Ergebnisse der „anderen“ (Frauen*, Indigene, Amateur*innen) werden unsichtbar gemacht, indem sie als Handwerk oder Hobby abgetan werden. Dieses binäre Denken – Design und Handwerk, Haute Cuisine und Alltagsküche – führt dazu, dass das eine als überlegen und das andere als unterlegen angesehen wird, denn es spiegelt die vorherrschenden Erzählungen und Hierarchien innerhalb der Disziplinen wider. Für mich sind Gestaltung und Kochen allerdings keine voneinander getrennten Felder. Die Designhistorikerin Judy Attfield (2000) erinnert uns daran, dass „the experience of designing is […] something that most people do every day when they put together a combination of clothes to wear or plan a meal.“ (Attfield 2000: S. 17) Und ihre Kollegin Cheryl Buckley ermutigt uns dazu, Gestaltung nicht nur in der öffentlichen Sphäre zu sehen, sondern auch in „the mundane practices involved in the design or production of services in everyday life“ (Buckley 2020) – wie das Kochen zu Hause. Je nachdem, wer und wo wir sind, kommen diese täglichen „Dinge“, wie etwa häusliche Arbeit, in unser Sichtfeld oder sogar in unseren Weg, wie Sara Ahmed in ihrem Buch „Queer Phenomenology“ schreibt. Wenn wir uns auf jene konzentrieren, die 68 | 69

Each one tells a story of local industry, materials, production modes and traditions, of personal relationships, memories, a region’s history, and also the story of colonization. The objects fluctuate across and beyond the borders of nation-states, as did the people, their recipes and stories, adapting to the local contexts. They are more than mere tools helping prepare everyday meals. As human beings, we have always developed a sense of community through cooking and eating, and the conversations that unfold in the process. Many of our customs, rituals, and traditions have evolved around the concept of community - eating together, hosting others, generously sharing meals with each other. We celebrate and mourn with food and drinks. We finalize contracts, treaties or negotiations over a shared meal. It’s social but also distinctly connected to our species survival. As a designer I also see parallels between cooking and design. In both fields, some traditions have historically been valued more than others. Haute cuisine is appreciated, highly complex dishes and the professional chefs who create them are celebrated, while daily, messy home-cooking and those who do it do not get acknowledged. Similarly, in design: the traditions developed by trained (mostly white, male) designers are celebrated - and the creative designs and results of the “others” (womxn, indigenous, amateur) are made invisible by dismissing them as crafts or hobbies. This binary thinking - design and craft, haute cuisine and everyday cooking leads to one being seen as superior and the other as inferior, because it reflects


marginalisiert und aus Gesprächen und Räumen ausgeschlossen werden, können wir einen besseren Blick auf die Küche und den Küchentisch bekommen – als einen Raum, in den alle delegiert wurden, die kein weißer, vermögender Mann waren, aber auch als einen Rückzugsort für gegenseitige Unterstützung und Widerstand gegen soziale Ungleichheiten. Szene 2: 2018, Bahnhofstraße Zürich / Madre del Dios, Peru Als Industriedesignerin habe ich gelernt, jedes Material zu untersuchen/recherchieren, seine Eigenschaften zu analysieren, seine Einsatzmöglichkeiten und Funktionen zu bewerten. Und schließlich die Produktionsmethoden zu bestimmen. An dieser Stelle soll nun über die wirtschaftliche, politische und anthropologische Bedeutung dieser Materialien nachgedacht werden. Neunzig Prozent des globalen Goldes durchläuft in irgendeiner Phase seines Verarbeitungs- und Verkaufsprozesses die Schweiz. Ein Großteil dieses Goldes kommt aus Peru. Ein Großteil des peruanischen Goldes wird in illegalen Minen gewonnen. Die bekanntesten Goldraffinerien sind in der Schweiz angesiedelt, ebenso wie die Luxusmarken. Sie werden unter den zerstörten Wäldern von Peru extrahiert und über die Schweiz an die Finanziers in Europa gebracht. Als ich durch die Bahnhofstraße, Zürichs Fifth Avenue, schlenderte, konnte ich nicht aufhören, mich über das sehr spezifische Frauen*bild zu wundern, das diese Produkte fördern. Die weibliche Ausbeutung begleitet das Gold vom Beginn seiner Gewinnung bis zur Schwelle eines jeden Hauses, das Goldwaren erwirbt. Ich denke depatriachise design / Bodies in/and Spaces

the prevailing narratives and hierarchies within the disciplines. For me, however, design and cooking are not separate fields. Design historian Judy Attfield (2000) reminds us that “the experience of designing is [...] something that most people do every day when they put together a combination of clothes to wear or plan a meal.” (Attfield 2000: 17) And her colleague Cheryl Buckley encourages us to see design not only in the public sphere, but also in “the mundane practices involved in the design or production of services in everyday life” (Buckley 2020) - like home cooking. Depending on who and where we are, these daily “things”, such as domestic work, come into our field of vision or even into our path, as Sara Ahmed writes in her book “Queer Phenomenology”. If we focus on those who are marginalized and excluded from conversations and spaces, we can get a better view of the kitchen and the kitchen table - as a space to which all were delegated who were not white, wealthy men, but also as a retreat for mutual support and resistance against social inequalities. Scene 2: October 2018, Bahnhofstrasse Zurich / Madre del Dios, Peru As an industrial designer, I have learned to examine/research each material, analyze its properties, evaluate its applications and functions. And finally to determine the production methods. At this point, I will now reflect on the economic, political and anthropological significance of these materials. Ninety per cent of the global gold passes at some stage of its processing transformation and sale process through Switzerland. Much of this gold comes


über meinen Platz als Designerin innerhalb dieser spezifischen Realität nach. Die Ausbeutung von Frauen* folgt auf die Gewinnung von Gold aus seinen Erzen. Gold ist wörtlich und metaphorisch ein Symbol für die Verbindung zwischen Kapitalismus und Patriarchat. Der physische, brutale Missbrauch von Frauen* in den illegalen Minen von Madre de Dios in Peru steht offensichtlich in direktem Zusammenhang mit der patriarchalischen Kontrolle über den weiblichen Körper sowie mit ihrem sozialen Status und ihrer Klasse. Kapital und Patriarchat verschlimmern zusammen die Unterdrückung der Frauen*. Die Enteignung und der Umlauf von Gold fassen ein grundlegendes Merkmal des Kapitalismus selbst zusammen, der nach Silvia Federici eine ständige Infusion von enteignetem Kapital erfordert, um sich selbst zu verewigen (vgl. Federici 2004). Gold als solches spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung der Ausbeutung von Frauen* und ihrer Unterdrückung. Tatsächlich ist der gesamte Prozess der Goldgewinnung und -versorgung Teil des regenerativen Zyklus der ursprünglichen Akkumulation, die durch koloniale Enteignung und kulturelle Aneignung erleichtert wird, wovon indigene Frauen* aufgrund ihres Geschlechts die größten Opfer sind. Als Designerin interessiere ich mich für Schmuck wie für jedes andere Objekt. Im Gegensatz zu Stühlen oder Lampen, durch seine enge Beziehung zum Körper, spielt Schmuck jedoch eine wichtige kulturelle Rolle innerhalb der Unterdrückung von Frauen* und ihren Körpern. Wie ein Kleidungsstück wird Schmuck getragen, 70 | 71

from Perú. Much of this Peruvian gold is extracted in illegal mines. The most prominent gold refineries are based in Switzerland, and so are the luxury brands. Extracted from beneath the razed forests of Perú and brought to the financiers of Europe by way of Switzerland. Strolling through Bahnhofstrasse, Zürich’s Fifth Avenue, I couldn’t stop wondering about the very specific image of womxn that these products foster. Female exploitation accompanies the gold from the very beginning of its extraction until the threshold of each house which acquires gold commodities. I am thinking about my place as a designer within this specific reality. Womxn’s exploitation follows gold extraction from its very ores. Gold is literally and metaphorically a symbol of the umbilical connection between capitalism and patriarchy. Physical, brutal abuse of womxn in the illegal mines of Madre de Dios is obviously directly related to the patriarchal control over a female body as well as to their social status and class. Capital and patriarchy combine to exacerbate the oppression of womxn. Gold´s expropriation and circulation summarize a fundamental characteristic of capitalism itself, which, following Silvia Federici, in order to perpetuate itself requires a constant infusion of expropriated capital (Federici 2004). Gold as such plays a crucial role in sustaining exploitation of womxn and their oppression. Indeed, the whole process of gold extraction and distribution is part of the renewable cycle of primitive accumulation, which is being facilitated by colonial


der die Haut berührt – er bezieht sich auf eine biologische, kulturelle und soziale Konstruktion des Körpers, auf dem er sich befindet. Es gibt einen unbestreitbaren sexuellen, politischen und wirtschaftlichen Kontext. Durch die ausgestellten Objekte – Verlobungsringe, Eheringe und Armbänder – präsentiert jedes Schaufenster ein sehr strukturiertes, spezifisches Bild von Weiblichkeit, Sexualität, Gender und Klasse. Jede Marke pflegt das Image einer objektivierten Frau und fördert gleichzeitig das Image eines mächtigen, paternalistischen und wohlhabenden Mannes. Frauen* werden zunächst außer Gefecht gesetzt und dann objektiviert, um Eigentum der fähigen, dominanten Männer zu werden. Und der Schmuck wird in seiner weiten Definition verwendet, um die Unterschiede zwischen Mann und Frau hervorzuheben. In dieser Welt existieren nur zwei Gender, innerhalb der Binarität, es gibt kein Spektrum. Diese binäre Rollenverteilung ermöglicht nur dann eine Kontrolle, wenn sich eine Rolle von der anderen unterscheidet, wenn die Hierarchie klar markiert ist und nur dann, wenn der Prozess der misogynen Unterordnung fortgesetzt werden kann. Um den Kreislauf der patriarchalischen Kontrolle wie mit dem Kapital zu erneuern, ist extrem wichtig Modelle ständig neu aufzulegen, die dann den Status Quo wiederholen und festigen. Verlobungsringe sind ein gutes Beispiel für männliche Vormachtstellung gegenüber Frauen*. Sie kennzeichnen die Frau als „reserviert/besetzt“. Ein solcher Ring ist ein sichtbares Zeichen der Kontrolle über die weibliche Sexualität, Fruchtbarkeit und „Verfügbarkeit“. Der Blick auf die Ringe in einem Schaufenster in der Bahnhofstraße erinnert mich an eine liebe depatriachise design / Bodies in/and Spaces

expropriation and cultural appropriation, of which indigenous womxn, due to their gender are the biggest victims. As a designer, my professional eye is attracted to jewellery as to any other object produced by craftswomxn and craftsmen or by process of industrialized production. But unlike, for example, chairs or lamps, jewellery plays a significant cultural role in the oppression and ownership of womxn and their bodies through an intimate relation to the body itself. Like a piece of clothing, jewellery is worn, touching the skin — it relates to a cultural and social construction of the body it is on. There is an undeniable sexual, political and economic context. Through the displayed objects — engagement rings, wedding bands, and bracelets — each shop window presents a very structured, specific image of femininity, sexuality and class. Each brand nourishes the image of an objectified womxn while encouraging one of a powerful, paternalistic and wealthy male. Womxn are at first being incapacitated, then objectified to become a property of the capable, dominant men. And the jewellery in its broad definition is used to emphasize the differences between the male and the female. This binary of roles, enables control, only when one is distinct from another, only when the hierarchy is clearly marked, only then the process of misogynic subordination can be perpetuated. Obviously, to renew the cycle of patriarchal control, as with the capital, a constant new infusion of models repeating and indurating the status quo is crucial. Engagement rings are a good illustration of male supremacy over womxn, they


Freundin, die heute selbst Schmuckdesignerin ist und mir einst sagte, dass ein Verlobungsring zwei Monate des Verlobtenlohns wert sein sollte. Ich erinnere mich, dass ich von dieser Einsicht und ihrem Wissen darüber überrascht war. Ein Mann kann sich also nicht nur durch einen Ring eine Frau aneignen, sondern sie wird auch zum Beweis seiner finanziellen Potenz. Es ist nicht subtil, wie Juweliere eine solche geschlechtsspezifische kulturelle Praxis annehmen und verbreiten. Der goldene Schmuck aus geeignetem Material, der unter prekären Bedingungen gewonnen und von Gewalt, Ausbeutung und Unterwerfung der vor allem einheimischen Frauen* befleckt wurde, wird als Luxusprodukt verkauft. Und dann ist da noch Klasse. In der Vermögenslücke, die zwischen den Schweizer Käufern von Gold und Schmuck und denjenigen am anderen Ende des Spektrums besteht, die Gold ausbeuten, sehe ich die Verewigung eines engen geschlechtsspezifischen Verhältnisses zum Kapital über Kontinente hinweg. Die Unterdrückung von Frauen* dient dem Kapitalismus. Die Bemühung, die Körper von Frauen* zu kontrollieren, ist ein gemeinsamer Nenner von Kapitalismus und Patriarchat. In diesem Zusammenhang dient Gold als Medium, um diesen Kreislauf zu erneuern und den wirtschaftlichen und sozialen Status Quo zu stärken. Szene 3: 2019, Wochenende, Stadtzentrum Es ist Samstagnachmittag und ich gehe durch das Zentrum einer kleinen Stadt in Schweden. Ich habe meine Tage, und ich brauche eine Toilette. Ich will nicht in irgendein Café gehen und ein Getränk 72 | 73

mark the womxn as being “reserved’’. It is a visible sign of control over female sexuality, fertility and “availability”. Looking at rings in a shop window of Bahnhofstrasse reminds me of a dear friend, nowadays a jewellery designer herself, who once told me that an engagement ring should be worth two months of the fiancé’s wages. I recall being taken aback by this piece of insight — and by her knowledge of this. So not only through a ring, a man can appropriate a womxn, but she also becomes some kind of display of his financial potency. There is no subtlety in the way jewellers embrace and broadcast such gendered cultural practice. The golden jewellery made out of appropriated material, extracted in precarious conditions, stained with violence, exploitation and subjugation of mostly indigenous womxn, is being sold as a luxurious product. And then, there’s class. In the wealth gap that exists between Swiss purchasers of gold and jewellery, and those at the other end of the spectrum exploiting and exploited by gold, I see the perpetuation across continents of an intimate gendered relation to capital. As a tool, the oppression of womxn serves capitalism to deal with the whole workforce to its own benefit. The effort to control womxn’s bodies is a common denominator of capitalism and patriarchy. Within this context, gold serves a medium to renew this cycle and reinforce economic and social status quo. Scene 3 2019, weekend, city center It is Saturday afternoon and I am walking through the center of a small city in


bezahlen, nur um dessen Toilette benutzen zu dürfen. Also gehe ich in das nächste Einkaufszentrum und suche nach einem Schild, das mich zu öffentlichen Toiletten führen kann. Als ich endlich im 5. Stock ankomme, stehe ich vor drei Türen und muss mich entscheiden durch welche ich gehen will, gehen kann oder gehen soll. Wenn ich die Tür wähle, die ein Schild mit einer Person hat, die Hosen trägt – und ich trage Hosen – komme ich sehr wahrscheinlich in einen Raum mit mehreren Waschbecken, Einzelkabinen und Urinalen. Und außerdem werde ich bestimmt ein paar Männern begegnen. Und natürlich habe ich gelernt, dass das Symbol einer Person, die Hosen trägt, für Männer steht – und nicht für alle, die Hosen tragen. Wenn ich durch diese Tür gehe, werde ich sehr wahrscheinlich auch Verwirrung erzeugen, und Unbehagen und vielleicht sogar noch Negativeres erleben. Aber selbst das Öffnen der Tür, die eine Person im Kleid zeigt, kann mich in eine unangenehme Situation bringen. Manche Nutzer*innen dieser Toiletten könnten mein Frausein in Frage stellen. Obwohl ich mich als Frau identifiziere, erfülle ich nicht alle typischen Merkmale: Ich habe kurze Haare, heute trage ich kein Make-up, und habe mich für Jeans und Doc Martens entschieden. Es ist gerade mal eine Stunde her, dass ich im Supermarkt mit „junger Mann“ angesprochen wurde. – Okay, also was ist mit der dritten Tür? Sie zeigt ein Piktogramm einer Person im Rollstuhl – verglichen mit den beiden anderen Schildern scheint dieses Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung ein Geschlecht vollkommen abzusprechen. Wie auch immer, diese Toilette ist abgeschlossen. Also gehe ich in die Frauentoilette. depatriachise design / Bodies in/and Spaces

Sweden. I have my period, and I need a bathroom. I don’t want to go to some café and pay for a drink just to use its toilet. So I go to the nearest shopping center and look for a sign that can lead me to public restrooms. When I finally reach the 5th floor, I stand in front of three doors and have to decide through which one I want to go, can go or should go. If I choose the door that has a sign with a person wearing trousers and I am wearing trousers - I will most likely end up in a room with several sinks, single cabins and urinals. And besides, I’ll probably run into a few men. And, of course, I have learned that the symbol of a person wearing trousers stands for men – and not for everyone who wears trousers. If I walk through that door, I will most likely create confusion, and experience discomfort and maybe even more negative things. But even opening the door showing a person in a dress can put me in an uncomfortable situation. Some users of these toilets might question me being a womxn. Although I identify myself as a womxn, I do not fulfill all typical characteristics: I have short hair, today I don’t wear make-up, and have chosen jeans and Doc Martens. It’s only an hour ago that I was addressed as “young man” in the supermarket. – Okay, so what about the third door? It shows a pictogram of a person in a wheelchair – a sign that, when set against the other two, seems to suggest people with disabilities have no gender. Anyway, this toilet is locked. So I go to the womxn’s toilet.

Behind the door there are four womxn waiting for one of the few cubics to become available. At least nobody seems to mind my presence. But I still feel out


Hinter der Tür stehen vier Frauen und warten darauf, dass eine der wenigen Kabinen frei wird. Zumindest scheint sich keine an meiner Anwesenheit zu stören. Aber ich fühle mich dennoch fehl am Platz, in diesem teuren Einkaufszentrum, in dem jede und jeder alle heteronormativen Merkmale zu erfüllen scheint, um eindeutig als Frau oder Mann identifiziert werden zu können. Wissenschaftliche Studien machen deutlich, dass die standardmäßige Gestaltung öffentlicher Toiletten nicht nur Frauen, sondern besonders Transgender und Personen, die sich mit keinem der Geschlechter identifizieren, ignoriert und ausgrenzt (vgl. Herman 2013). Die Gestaltung trägt aktiv dazu bei, Konflikte zu schüren und Menschen Gefahren auszusetzen. Vielen Transgender und non-binären Personen wird von anderen Nutzer*innen der Zugang verweigert oder sie verbal belästigt, indem ihnen beispielsweise Fragen nach ihrem Geschlecht gestellt wurden. Andere erleben sogar physische Gewalt. Häufig treten in diesen Gruppen Gesundheitsprobleme auf, die auf das Vermeiden öffentlicher Toiletten zurückgehen. Nachdem ich eine Weile angestanden habe, kann ich endlich in eine der Kabinen gehen. Sie ist mit einer Toilette und einem Sanitätsbehälter ausgestattet. Das Waschbecken befindet sich allerdings außerhalb der Kabine. Ich habe mir eben meine Hände gewaschen, muss jetzt aber herausfinden wie ich die Tür der Kabine schließen kann, ohne schon wieder mit Bakterien in Kontakt zu kommen. Die räumliche Gestaltung macht es außerdem unmöglich, dass ich meine Menstruationstasse ausspülen kann oder meine 74 | 75

of place, in this expensive shopping mall, where each and every one seems to fulfill all heteronormative characteristics to be clearly identified as either a womxn or a man. Scientific studies make it clear that the standard design of public toilets ignores and excludes not only womxn, but especially transgender people and people who do not identify with either gender (see Herman 2013). The design actively contributes to fomenting conflicts and exposing people to danger. Many transgender and non-binary persons are denied access by other users or verbally harassed by them, for example by being asked questions about their gender. Others even experience physical violence. These groups often experience health problems caused by avoiding public toilets. After standing in line for a while, I can finally go to one of the cubics. It is equipped with a toilet and a sanitary container. However, the sink is located outside the cubics. I just washed my hands but now I have to find out how to close the door of the stall without getting in contact with bacteria again. The interior design also makes it impossible for me to rinse my menstrual cup or wash my hands before I leave the stall again. Public restrooms should be designed to be functional, safe and accessible to all. The concept of large-capacity toilets with individual cubics must be replaced by individual, disabled-accessible rooms, each with one toilet, one sanitary container, one washbasin and no gender-specific labeling. In this way, not only wheelchair users, but also children or other people with accompaniment and


Hände waschen kann, bevor ich die Kabine wieder verlasse.

people with strollers would have enough space.

Öffentliche Toiletten sollten so gestaltet sein, dass sie für alle funktional, sicher und zugänglich sind. Das Konzept der Großraumtoiletten mit Einzelkabinen muss unbedingt ersetzt werden durch einzelne, behindertengerechte Räume mit je einer Toilette, einem Sanitärbehälter, einem Waschbecken und ohne geschlechtsspezifische Auszeichnung. So hätten nicht nur Rollstuhlfahrer*innen, sondern auch Kinder oder andere Menschen mit Begleitung und Personen mit Kinderwagen genügend Platz.

Epilogue The scenes we have just presented can now serve as a basis for a conversation. We have just shared personal experiences. But these experiences are much more than individual occurrences. It is no coincidence that we perceive public spaces the way we do. Privilege and discrimination function on a structural level and in relation to characteristics such as gender, sexual orientation, skin color, and many more. We now have the opportunity to talk about these structures together and to discuss, within these structures, the role of the design discipline and, more specifically, our role as designers.

Epilog Die Szenen, die wir gerade vorgestellt haben, können uns nun als Grundlage für ein Gespräch dienen. Wir haben eben zwar persönliche Erfahrungen geteilt. Diese Erfahrungen sind allerdings viel mehr als individuelle Vorkommnisse. Es ist kein Zufall, dass wir öffentliche Räume so wahrnehmen, wie wir es tun. Denn Privilegierung und Diskriminierung funktionieren auf struktureller Ebene und in Bezug auf Merkmale wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, und viele mehr. Wir haben jetzt die Möglichkeit, gemeinsam über diese Strukturen zu sprechen und über die Rolle der Designdisziplin und – ganz konkret über unsere Rolle als Gestalter*innen – innerhalb dieser Strukturen zu diskutieren.

depatriachise design / Bodies in/and Spaces


Quellen Sources

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Federici, Silvia (2004): Caliban and the Witch: Women, the Body and Primitive Accumulation, New York: Autonomedia Goldin, Magdalena Ines; Ober, Maya (2018): „Polarised migration: Self-perspectives on Gold, Capital and Exploitation of Women“, depatriarchise design, https://depatriarchisedesign. com/2018/01/20/polarised-migration-self-perspectives-on-gold-capital-and-exploitation-of-women/ (zuletzt aufgerufen am 19. Juli 2020) Herman, Jody L. (2013): „Gendered Restrooms and Minority Stress: The Public Regulation of Gender and Its Impact on Transgender People’s Lives“, The Williams Institute, UCLA School of Law Informe de Monitoreo de país sobre la Explotación Sexual Comercial de Niños, Niñas y Adolescentes – CHS ALTERNATIVO, Peru Kafer, Alison (2013): Feminist, Queer, Crip. Bloomington: Indiana University Press Neidhardt, Anja (2018): „Öffentliche Toiletten müssen sicher und zugänglich

für alle werden“, depatriarchise design, https://depatriarchisedesign. com/2018/07/31/offentliche-toiletten-mussen-sicher-und-zuganglich-fur-alle-werden/ (zuletzt aufgerufen am 19. Juli 2020) McClure, Laura (2000): Feminist Pedagogy and the Classics, in: The Classical World, 94(1), Baltimore: John Hopkins University Press, 53-55 U.S Department of State: Trafficking in Persons Report – Peru, 30 June 2016 (www.refworld.org/docid/577f95bba. html, zuletzt aufgerufen am 19. Juli 2020) United States Department of State: Trafficking in persons report for the years 2009, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014 (www.state.gov/j/tip/rls/tiprpt/ zuletzt aufgerufen am 19. Juli 2020) Bildnachweis S. 65 / Photo Credit p. 65: Anja Neidhardt


Christian Jurke Ăœber das Wesen der Dinge oder der systemische Ansatz von Design und der Sprache eines Produkts

Christian Jurke About the essence of things or the systemic approach of design and the language of a product


“A tool must get the job done – and shine like silver.”1 „Ein Werkzeug hat silbern zu sein und zu funktionieren.“1

Dieser Beitrag versteht sich als Auseinandersetzung sowohl mit den Mechaniken „ikonischer“ Produkte als auch mit den Zwischentönen, die es zu ihnen gibt, und führt das anhand der Designentwicklung des aktuellen Bosch IXO 6 Akkuschraubers vor. Was macht eigentlich ein Objekt aus; was macht ein Produkt des Alltags zu einem ikonischen Ding, das für manche etwas Besonderes, Reizvolles verkörpert oder es zu Etwas macht, das Relevantes in sich trägt? Welche Konsequenzen haben etwaige an diese Fragen anschließenden Überlegungen dann für ein Designstudio, als Herausforderung, einem Gebrauchsgegenstand, dem Besonderheit und Reiz – oder gar ein neuer Impuls – nachgesagt werden soll, Relevantes und Wesentliches mitzugeben? Es sind der Prozess und die Mechanik der bildhaft-semantischen Differenzierung, die auf dem Polaritätensystem der Wahrnehmungspsychologie basiert, die bestätigen, dass die Impulse der Wahrnehmung (etwa 78 | 79

This article is intended as an examination of both the mechanics of ‘iconic’ products and the nuances that exist between them, and demonstrates this with the design development of the current Bosch IXO 6 cordless screwdriver. What actually makes an object? What turns an everyday product into an iconic thing that for some people embodies something special, something charming, or turns it into something relevant? What are the consequences for a design studio of any considerations that follow these questions; as a challenge to take an object of everyday use, which is said to have something special and attractive about it – even an entirely new momentum – and give it something relevant and essential?


für ein bestimmtes Objekt, eine bestimmte Art eines Produkts) analysiert, gemessen und verglichen werden können; dass es also definierbare, gestaltbare Auslöser und einen Ort für die Stimuli für diese Empfindungen gibt.1 Dass es also eine Antwort gibt auf die Frage, warum etwas gefällt, warum etwas geschätzt oder sogar geliebt wird. Mindestens aber, warum etwas als das erkannt werden kann, was es sein soll oder was es ist. Wie also können wir als Gestalter wissen, wie wir mit einer strategischen Gestaltungshandlung eine bestimmte Wahrnehmung eines Objekts absichtlich auslösen? Andersherum – nicht als Frage, sondern als Feststellung formuliert: Da wir als Gestalter können, müssen wir also wissen … Für jede, jeden, alle. Unsere „Produkt“- oder auch „Design“Wahrnehmung bedient sich dabei einer Kodierung, die sich aus der Konfrontation einer Tätigkeits- oder Aufgabenstellung, einer Nutzungshistorie und aus den persönlich sozialisierten, sozio-kulturellen Dimensionen speist – gleichwohl aus gewachsenen, meist regionalen Kulturmemen, die eine konkrete Aussendung von Signalen bündeln. Das Verständnis und die Zuordnung eines Objekts und seiner Funktion sind somit vom Verstehen dieser Sprache und der bedingt bewussten Reflexion der persönlichen Erwartung abhängig. Daher ist seine systemische Wahrheit immer nur in einer beschränkt individuellen Bewertung zulässig. Ein ikonisches Objekt entwerfen Da die Herausforderung darin besteht, einen „neuen“ Ansatz für ein künftiges ikonisches Produkt zu entwickeln, „neue“ Felder zu entdecken und zu erobern, so war es für uns bei NVGTR wichtig, dass Christian Jurke / Über das Wesen der Dinge ...

It is the process and the mechanics of pictorial-semantic differentiation, based on the polarity system of the psychology of perception, that confirm that the impulses of perception (e.g. for a certain object, a certain type of product) can be analyzed, measured and compared; that there are thus definable, shapeable triggers and a place for the stimuli for these sensations.1 In other words, there is an answer to the question of why something is liked, appreciated or even loved, and at the very least, why something can be recognized as what it should be or what it is. So how can we as designers know how we can deliberately trigger a certain perception of an object with a strategic design action? The other way round - not formulated as a question, but as a statement: Since we as designers can, we must therefore know... for everybody and everyone. Our “product” or “design” perception makes use of a coding that is fed by the confrontation of an activity or task, a history of use and the personally socialized, socio-cultural dimensions – but also by grown, mostly regional cultural patterns that bundle a concrete emission of signals. The understanding and assignment of an object and its function thus depend on the understanding of this language and the conditionally conscious reflection of personal expectations. Therefore, its systemic truth is always permissible only in a limited individual assessment. To design an iconic object Since the challenge is to develop a “new” approach for a future iconic product, to discover and conquer “new” fields, it was important for us at NVGTR to face this truth and fully reflect this challenge.


wir uns dieser Wahrheit stellen und diese Herausforderung vollumfänglich reflektieren. Dass der „silberne“ Werkzeugschlüssel – seine bisherige Prägnanz, Form & Funktion, aber auch die Nutzungswelt, der bisherige Produktanspruch also, für unsere Arbeit nicht gelten muss, wir jedoch seine Relevanz nicht außer Acht lassen durften. Dieser systemische Designansatz wiederum, der die Auseinandersetzung, die kreative Definition, die Balancierung von mehr als 21 Wahrnehmungsparametern kennt (basierend auf der ISO EN NORM 9242), war und ist uns dabei der Schlüssel zur strategischen Ausrichtung eines jeden Produkts. So auch die Kodierung und die Sprachfindung bei der Designentwicklung des aktuellen BOSCH IXO 6. Diese Sprache, wohlformuliert, bestimmt also die Gesamtwahrnehmung, generiert neben der reinen Funktionserfüllung auch mit Zwischentönen diese Produktpräsenz und schafft darüber hinaus einen Raum für das „Wesen“ eines Dings. Das Wesen eines Dings meint hier das Nicht-Sagbare, Nicht-Beschreibbare, den Zauber oder für manche auch die Aura eines Produkts, was es, immer ganz individuell, so begehrlich und besitzbar macht – ein Produkt-Ich, das zwischen aller Aufgabenerfüllung, Funktion, Featureset wie der Anwendungshistorie beheimatet sein kann. Die semantische Ableitung des Wertekanons auf Produktattribute, auf die Aufbauarchitektur, die Formgebung, die Materialität wie auf die Oberflächenbeschaffenheit waren dabei die ausgewählten und priorisierten Verständigungsbrücken dieser non-verbalen Kommunikation. Dabei kennt sie aus sich heraus keine Genderladung. Der Bosch-Akkuschrauber 80 | 81

Though the “silver” wrench – with not only its conciseness, form & function, but also its ubiquitousness, in other words, a product standard – need not apply to our work, we still must not allow ourselves to ignore its relevance. This systemic approach to design, which involves the examination, creative definition and balancing of more than 21 perceptual parameters (based on ISO EN NORM 924)2, was and is the key to the strategic orientation of every product. This is also true for the coding and consideration of language during the design development of the current BOSCH IXO 6. This language, well formulated, thus determines the overall perception, generates product presence with nuance, and in addition to the pure fulfillment of the function it also creates a space for the “essence” of a thing. The essence of a thing means here the non-sayable, the non-describable, the magic; or for some also the aura of a product, which makes it, in an individual way, so desirable and possessable – a product ego, which can find itself at home amongst task fulfillment, feature set and function, as well as application history. The semantic derivation of the canon of values to product attributes, structural architecture, design and materiality as well as to the surface texture were the selected and prioritized bridges of understanding of this non-verbal communication. At the same time, it does not have any gender of it’s own accord. The Bosch cordless screwdriver is first and foremost a tool of a global technical brand – and perhaps therefore neutral in itself.


ist zu allererst ein Werkzeug einer technischen Weltmarke. Und vielleicht aus sich heraus somit neutral. Das ist der gestaltungstheoretische Unterbau, der der Designentwicklung des vielleicht verspieltesten (oder auch: kindlichsten, buntesten, fröhlichsten, weiblichsten, andersartigsten, unklarsten …) Werkzeugs aus dem Hause Bosch zugrunde liegt. Diese gerade eben angedichtete Produktzuschreibung ist natürlich Nonsens. Denn gleich vorab: Es gibt aus unserer Sicht keine Notwendigkeit einer vermeintlich gender-relevanten Designtypologie von Produkten. Es gibt nur zwei Seiten der Betrachtung: Die ergonomisch-funktionale und die produktkulturelle – die des Sozio-Subkulturgeschichtlichen. Jedoch bedarf es für die, die gestalten, immer und unbedingt eines Verständnisses von Sprache für ein Produkt, und es bedarf der Kenntnis und ständigen Christian Jurke / Über das Wesen der Dinge ...

This is the design-theoretical foundation of the design development of the perhaps most playful (or also: most childlike, colorful, cheerful, feminine, different, unclear... ) tool from the Bosch company. This product attribution, which has just been hinted at, is of course nonsense. Because first of all: From our point of view, there is no need for a supposedly gender-relevant design typology of products. There are only two sides of the equation: the ergonomic-functional and the product-cultural (the storied socio-subcultural). However, for those who design, an understanding of language for a product is always and absolutely necessary, and it requires knowledge of and constant reflection on its effect. This also includes reflection on intellectual and manual skills and their formulation. For the strategic and creative process of the systemic design development of the Bosch IXO 6 cordless screwdriver, we have accordingly considered, analyzed, discussed and applied these approaches, mechanisms and influencing variables. The principles of perception and cultural


Reflexion seiner Wirkung. Dazu zählt auch die Reflexion der intellektuellen wie handwerklichen Fähigkeiten und ihrer Formulierung. Für den strategischen wie kreativen Prozess der systemischen Designentwicklung des Bosch IXO 6 Akkuschraubers haben wir dementsprechend diese Herangehensweisen, Mechaniken und Einflussgrößen betrachtet, analysiert, diskutiert und angewendet. Die Wahrnehmungsprinzipien und Kulturmemes dienten uns dabei als Grundgerüst und haben den Raum der Erwartungshaltungen beschrieben – unterstützt von einer narrativen Formulierung und Bebilderung der potenziellen und auch abgelegensten Anwendungswelten und Nutzungsszenarien. Das hat den Blick sowohl auf das Mögliche wie auch auf das Notwendige eröffnet. Zur besseren Orientierung wurden dann alle möglichen Design-Styles (entgegen der allgemeinen Annahme gibt es genau sieben sortenreine) als Ästhetik-Cluster illustriert und ein prinzipieller ästhetischer Gestaltungsraum kartographiert, innerhalb eines Werteschemas von einfachen zu komplexen Produkten, und, als zweite Wertungsachse, von neuen bis zu formalen Designausprägungen mit historischem Bezug. Die User-Experience-Norm und ihre miteinander in Abhängigkeit stehenden Parameter haben den Handlungsspielraum weiter fokussiert und klare Schwerpunkte gesetzt. Die moderierte Aktivität einer Nutzer-Co-Creation haben Erwartungen, Präferenzen und Vorlieben für Farbgebung, Materialausprägung (wie etwa die Oberflächenbehandlung) ausgelotet und gleichwohl quantitativ präferiert. 82 | 83

memes served as a basic framework and described the space of expectations supported by a narrative formulation and illustration of the potential and even the most remote application worlds and usage scenarios. This opened up a view of both the possible and the necessary. For a better orientation, all possible design styles (contrary to the general assumption, there are exactly seven pure design styles) were then illustrated as aesthetic clusters and a basic aesthetic design space was mapped within a value scheme from simple to complex products, and, as a second evaluation axis, from new to formal design forms with historical reference. The user experience standard and its interdependent parameters have further focused the scope of action and set clear priorities. The moderated activity of user co-creation has sounded out expectations, preferences and fondness for coloring and material characteristics (such as surface treatment), and never-


Genau hierbei wurde einerseits für dieses Projekt das Wesen dieses Dings als eine Art poetische wie anwendungshistorische Verklärung durch die Nutzerbeteiligung entdeckt, aber auch, durch ein Abzählen und Hierarchisieren, eine vermeintlich demokratische, auf jeden Fall aber nachvollziehbare, marktpolitische Zielrichtung des Produkts festgelegt: Es ist ein kleiner, handlicher Akkuschrauber, der nicht mehr nur Werkzeug sein muss, der es aus der Werkzeugkiste rausschaffen soll. Somit konnte, als Innovationsfeld, ein definierter Bruch sowohl mit bestehenden Farbschemata und Oberflächenmustern als auch – bedingt – das haptische Materialerlebnis neu interpretiert, konzipiert und in eine strategische Positionierung übertragen werden. Die Neuplatzierung im Wohnbereich als erster und letzter Buchstabe, hat dann zum Design, zur finalen Designsprache geführt, die dann auch sehr erfolgreich und bestätigend getestet wurde. Polarisierend wurde dabei einerseits die Farbdirektion aktiv in Kauf genommen – weg von dem bisher typischen und markenkonformen Grün, über etwa ein Neongrün, Lila, Cool Grey und viele andere Varianten bis hin zu Rosé-Gold – andererseits hat man ein Leitmotiv und neues Produktbild gekürt. Für eine mögliche gender-spezifische Ausrichtung konnte weder ein Treiber noch ein Threshold abgeleitet werden. Stereotypen hingegen wurden bewusst, wie auch vom Nutzer gewünscht, umgesetzt, und zwar so weit, dass in einem nachgereichten Nutzerwettbewerb die wildesten, üblichsten und erneut die beliebtesten Kombinationen „gesampelt“ werden konnten. Die von allen Teilnehmern favorisierte Siegerkombination ist jetzt am Markt erhältlich. Christian Jurke / Über das Wesen der Dinge ...

theless quantified them preferentially. On the one hand, it was precisely here that, through user participation, the essence of this thing was discovered for this project as a kind of poetic as well as application-historical romanticization. On the other hand, through counting and hierarchizing, a supposedly democratic, but in any case comprehensible, market-political goal of the product was established: It is a small, handy cordless screwdriver, which no longer has to be just another tool to make it out of the toolbox. Thus, as a field of innovation, a defined break with existing color schemes and surface patterns as well as – conditionally – the haptic material experience could be reinterpreted, conceived and transferred into a strategic positioning. The new positioning in the home as the alpha and the omega led to the final design language, which was then tested very successfully and confirmed. Polarizing on the one hand, the color direction was actively accepted – a far cry from the previously typical and brand-compliant green, color choices became, for example, neon green, purple, cool grey and many other variants up to rose gold. On the other hand, a leitmotif and new product image was chosen. A possible gender-specific orientation could be inferred from neither driver nor threshold. Stereotypes, conversely, were consciously implemented as desired by the user, to the extent that the wildest, most common and once again the most popular combinations could be “sampled” in a subsequent user competition. The winning combination favored by all participants is now available on the market.


Designentscheidungen Der Akkuschrauber BOSCH IXO 6 selber wurde also zu dem, was er jetzt ist, aber auch zu dem, was Nutzer und Hersteller bereit waren und sind zu akzeptieren. Und das geht immer so weit, wie man erlaubt, einlädt und begeistert, diese Sichtweise zu verschieben, zu erweitern und zu zeigen, dass Vielfalt ein Zugewinn ist. Als Urheber, nicht nur des BOSCH IXO 6, generell als Designstudio beziehen wir Position und propagieren in diesem Zuge immer auch unsere Einschätzung für das Genre und für zukünftige Produktkreationen: • Die Gestaltung anfassbarer, formgewordener „User Experiences“ – sind zu allererst frei und sollten sich, wenn überhaupt, dann des Nutzers generell und damit der Mechanismen der soziokulturellen wie der wahrnehmungspsychologischen Erwartungen und Wünsche wie auch der ergonomischen und funktionalen Bedürfnisse annehmen und sich die geplante Anwendung zu Dienste machen. • Es bedarf keines genderspezifischen Designs. Es bedarf jedoch einer viel stärker ausgewogeneren Balance einer genderspezifischen, NutzerInnen-orientierten, damit auch einer ergonomischen wie funktionalen Ausgeglichenheit. • Es bedarf also eines Produktdesigns, das den konkret wahrnehmungsrelevant-messbaren wie auch den kulturellen Einflüssen Rechnung trägt. Aber dann nicht hin zu einem ausgeglichenen Konto eines Produktpräsenz- und Wahrnehmungsgleichstands – also ein Unspezifisches oder Langeweile gar –, sondern zu einem Produktdesign für eine bereichernde Vielfalt und einer produkt-inhärenten 84 | 85

Design decisions The cordless screwdriver BOSCH IXO 6 itself thus became what it is now, but also what users and manufacturers were and are willing to accept. And that always goes as far as one allows, invites and inspires to expand this view and to show that diversity is an asset. As the originator, not only of the BOSCH IXO 6, but generally as a design studio, we take a stand and in this process always propagate our assessment for the genre and for future product creations: • The design of tangible “user experiences” that have taken shape are first and foremost free and should, if at all, take the user in general and thus the mechanisms of socio-cultural and perceptive psychological expectations and wishes as well as ergonomic and functional needs into account and make the planned application available to them. • No gender-specific design is required. What is needed, however, is a much more balanced gender-specific, useroriented, and thus also ergonomic and functional equilibrium. • A product design is needed that takes into account concrete influences: perceptive and measurable as well as cultural. But then not towards a balanced account of a product presence and perception equilibrium – i.e. an unspecific or even boring equilibrium – but towards a product design for an enriching diversity and a product-inherent unambiguity, which is important for sustainability. And which also necessarily inspires. • What is needed, still and much more, are strong designers and design teams


Eindeutigkeit, die wichtig ist für die Nachhaltigkeit. Und die unbedingt auch begeistert. • Es bedarf, immer noch und viel mehr, starker DesignerInnen und Designteams, die das stereotypische Normprimat positiv und für alle aufbrechen. Auch als Chance für die so unterschiedlichen Nutzarten wie für die Hersteller als ein erweitertes Feld. Fazit Es kann zwar weiter typisch, typologisch oder gar stereotypisch werden. Es soll aber keine Differenzierung hin zur Lächerlichkeit sein, denn ein ironischer Öffner macht keine Flasche auf. Wenn es die eigentliche Idee, die entworfene Lösung, die immer eine „Lösung-für-den-Menschen-gut“ sein muss, unterstützt und damit niemanden ausgrenzt, sondern, jede, jeden, alle einlädt, das mit Freuden zu tun, was es kann, dann ist es richtig. Und im besten Fall dann das Wesen eines Dings mithervorbringt. Weil dann kann man es lieben. Soweit man denn ein Objekt lieben kann.

1  Das sagte Hannes Scheibnitz, Werkstattleiter des Frauenhofer Institut für zerstörungsfreie Prüfverfahren IZFP, Saarbrücken beim Expert-Interview. 2  Eine von der CN St. Gallen Personalberatung entwickelte wissenschaftliche Methode kennt 15 Wertepaare, die als Treiber für die Wahrnehmung von Objekten verantwortlich sind. Dieses Modell, das mittels semantischer Differenzierung eine Annäherung und Verortung der kognitiven Wahrnehmung ermöglicht, legt dabei die jeweiligen Wahrnehmungspolaritäten in Hirnregionen nach dem Züricher Modell von Bishop. Es benennt also, verortet und macht kognitive Stimuli wiederholt messbar. 3  Die ISO-Norm DIN EN ISO 9241, 11 sagt: „Usability ist das Ausmaß, in dem ein Produkt durch bestimmte Nutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um bestimmte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen.“ Bildnachweis S. 77–82: Bosch

Christian Jurke / Über das Wesen der Dinge ...

who break up the stereotypical norm primacy in a positive and inclusive way. Also as a chance for the varied kinds of uses as well as for the manufacturers as an expanded field. Conclusion It can still become typical, typological or even stereotypical. But it should not be a differentiation towards ridiculousness, because an ironic bottle opener does not open a bottle. If it supports the actual idea, the designed solution, which always has to be a “solution-for-thegood-of-the-people”, and thus does not exclude anybody, but invites everybody and everyone to do with pleasure what it can do, then it is right. And in the best case it then brings out the essence of a thing. Because then you can love it. As far as you can love an object.

1  This was said by Hannes Scheibnitz, workshop manager of the Frauenhofer Institute for Non-Destructive Testing IZFP Saarbrücken, during an expert interview. 2  A scientific method developed by CN St. Gallen GmbH recognizes 15 pairs of values that are responsible as drivers for the perception of objects. This model, which uses semantic differentiation to approximate and locate cognitive perception, establishes the respective perceptual polarities in brain regions according to Bishop’s Zurich model. It thus names, locates and makes cognitive stimuli repeatedly measurable. 3  The ISO standard DIN EN ISO 9241, 11 says: “Usability is the extent to which a product can be used by certain users in a certain usage context to achieve certain goals effectively, efficiently and satisfactorily”. Photo Credit p. 77–82: Bosch



Stefanie Wuschitz Is This Feminist Hardware?

„And in a knotted world of vibrant matter, to harm one section of the web may very well be to harm oneself.“ (Jane Bennett 2010, 13)


Das Erdbeben Ende der 1990er-Jahre ereignete sich ein feministisches Erdbeben: es hieß Judith Butler und warf jene Fragen neu auf, die zuvor von Arendt, Foucault, Derrida und Latour1 gestellt worden waren. Inwieweit entsteht unser Ich im Augenblick, und zwar in der Art, wie wir Arendt, Hannah (1958): uns auf unsere Umgebung und die Menschen um uns The Human Condition. herum beziehen? Judith Butler erklärte, dass es kein Chicago: Chicago University Press angeborenes Selbst oder nicht einmal Geschlecht gibt, Butler, Judith (1991): sondern, dass es durch Sozialisation und GewohnheiDas Unbehagen der ten ständig neu „performt“ und verkörpert wird (Butler Geschlechter (Gender studies, Bd. 722). Frank2004). Der Pudel hat also keinen Kern, weswegen Katefurt am Main: Suhrkamp gorisierungen, die sich auf diesen nicht-vorhandenen Butler, Judith (2006): Gender trouble: feminism Kern stützen, leider unbrauchbar sind. All jene Feminisand the subversion men, die sich auf die Kategorie „Frau“ beziehen, entpupof identity. New York: Routledge pen sich somit als ebenfalls unbrauchbar. Butler, Judith (2009): Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Translated by Karin Wördemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp (= Undoing Gender. New York: Routledge 2004)

Die Aufräumarbeiten nach den Erschütterungen dieses Erdbebens haben neue Ressourcen zu Tage befördert. Wenn wir uns selbst keiner Kategorisierung unterwerfen, erweitert sich unser Blick. Salopp gesagt, wir können es dann aufgeben, uns selbst in die eigene Tasche zu lügen: ein menschliches Merkmal tritt nun mal nicht Derrida, Jacques (1988): „Signatur Ereignis Kontext immer gekoppelt mit einem anderen Merkmal auf. Die [kommentiert (D)]“, in: Verkopplung ist eine kulturell entstandene, erlernte Ders.: Randgänge der Philosophie. Wien: Verbindung, der wir uns aktiv entziehen können, die wir Passagen, 291–314 eigentlich auch wieder verlernen können. Besonders Foucault, Michel das Loslassen und Verlernen alter, binärer Geschlech(1988): Technologies of the Self. A Seminar with ternormen eröffnet uns schlagartig neuen HandlungsMichel Foucault. Editor: spielraum, so Butler. Zum Beispiel: eine Person, die Martin, L. H. et al. London: Tavistock einen Penis trägt, kann auch simultan Röcke oder einschlafende Neugeborene tragen und Frustrationen durch Ausheulen verarbeiten. Eine Person, die Kinder gebären kann, ist auch in der Lage eine millionenstarke Organisation zu repräsentieren, Metall zu schweißen oder Gipfel im Himalaya zu besteigen. Begabung, Interesse, Leistung … dies alles hängt nur zu einem viel geringeren Teil von unseren Körpern ab, als von erlernten Wiederholungen, so Judith 1  Arendt 1958; Butler 1991; Derrida 1988; Foucault 1988; Latour 1991, 2007.

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The earthquake At the end of the 1990s, a feminist earthquake occurred: it was called Judith Butler and raised anew those questions that had previously been asked by Arendt, Foucault, Derrida and Latour.1 To what extent does our ego emerge at the moment, and in the way we relate to our surroundings and the people around us? Judith Butler explained that there is no innate self or even gender, but that it is constantly being “performed” and embodied anew through socialization and habits (Butler 2004). The poodle therefore has no core, which is why categorizations based on this non-existent core are unfortunately useless. All those feminisms that refer to the category “woman” thus turn out to be equally useless. The cleanup efforts following the earthquake have brought new resources to light. If we do not subject ourselves to categorization, our view expands. To put it crudely, we can then give up lying to ourselves: a human trait does not always occur in Plant, Sadie (1998): conjunction with another trait. Coupling is a culturally Zeroes + Ones: Digital developed, learned connection that we can actively Women and the New Technoculture. New York: withdraw from, that we can actually unlearn again. Doubleday According to Butler, letting go and unlearning old, Latour, Bruno (1991): Technology is Society binary gender norms in particular suddenly opens up Made Durable. In: Law, new scope for action. For example: a person who has John (Hg): A Sociology of Monsters. Essays on a penis can also simultaneously wear skirts or carry Power, Technology and Domination, Sociological dozing newborns and process frustrations by having a Review Monograph N°38, good cry. A person who can bear children is also able 103–132 to represent an organization of millions, weld metal Latour, Bruno (2007): Eine neue Soziologie für or climb peaks in the Himalayas. Giftedness, interest, eine neue Gesellschaft. achievement ... all this depends only to a much lesFrankfurt am Main: Suhrkamp ser extent on our bodies than on learned repetition, says Judith Butler. The earlier in childhood an action, gesture or posture is learned, practiced and repeated, the sooner it becomes flesh and blood. And into our thinking (Plant 1998). The Frankfurt School developed similar concepts of thinking even before Arendt, Foucault, Derrida, Latour and Butler (Fromm 1992). 1  Arendt 1958; Butler 1991; Derrida 1988; Foucault 1988; Latour 1991, 2007. Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?


Butler. Je früher in der Kindheit eine Handlung, Geste oder Haltung erlernt, geübt und wiederholt wird, desto eher gehen sie in Fleisch und Blut über. Und in unser Denken (Plant 1998). Die Frankfurter Schule hat noch vor Arendt, Foucault, Derrida, Latour und Butler ähnliche Denk-Konzepte entwickelt (Fromm 1992). Dennoch konnten nicht einmal die kulturpessimistischen Vertreter der Frankfurter Schule das ungeheure Ausmaß der bevorstehenden Digitalisierung und Globalisierung erahnen. Um diese atemberaubenFromm, Erich (1990): den Veränderungen ohne Kategorisierungen begreifen Die Furcht vor der zu können, haben sich die Posthumanist*innen zusamFreiheit. München: Deutscher Taschenmengetan. Karen Barad bewies, dass selbst im Nanobuch Verlag technologie-Bereich und gerade hier (und schon von Barad, Karen (2017): Niels Bohr) nachgewiesen worden ist, dass das KategoMeeting the Universe Halfway. Quantum risieren keine gewinnbringende naturwissenschaftliche Physics and the Entanglement of Matter Praktik ist, zumindest wenn wir verstehen wollen, wie and Meaning. Durham: naturwissenschaftliche/physikalische Abläufe tatsächDuke University Press lich vor sich gehen und sie auch vorhersagbar machen Braidotti, Rosi (1996): „Cyberfeminism with möchten (Barad 2007, 83–87). Denn sie sind relativ zu a Difference.“ New Formaeinander und erlauben sich unintuitive Gleichzeitigkeitions, no. 29, 1996, 9–25 ten (z.B. beim Welle-Teilchen-Dualismus). Braidotti, Rosi (2002): Metamorphoses: towards a materialist theory of becoming. Cambridge UK: Polity Press

Posthumanistin Rosi Braidotti hingegen schafft eine Vision für die Zukunft, wenn sie uns alle als im selben Braidotti, Rosi (2019): Boot sitzend beschreibt und endlich die dichte VerstriPosthuman Knowledge. Cambridge UK: Polity ckung jedes einzelnen Lebewesens mit dem Leben an Press sich, bei unseren Entscheidungen mitdenken möchte. Dieses Mitdenken macht Mühe, Mühe – „Trouble“, wie Donna Haraway in die Debatte einbringt, richtig viel Mühe, die uns Motivation gibt und unsere Kraft nährt (Haraway 2016). Kraft, um sich den sich wandelnden Verstrickungen zähneknirschend immer wieder aufs Neue zu stellen. Oder sich ihnen mit einer „fürsorglichen“ Einstellung zu widmen, wie eine weitere Posthumanistin, nämlich Puig de la Bellacasa hinzufügt (Bellasca 2017). T.J. Demos antwortet, dass wir diese fürsorgliche Haltung gegenüber allen Wesen beibehalten sollten, ohne uns doch wieder auf der trügerischen Eisscholle herkömmlicher Kategorisierungen auszuruhen (Demos 2016). Denn während durch die 90 | 91


Nevertheless, not even the culturally pessimistic representatives of the Frankfurt School could foresee the immense extent of the impending digitalization and globalization. In order to be able to grasp these breathtaking changes without categorization, posthumanists joined forces. Karen Barad proved that even in the field of nanotechnology, and especially here (and already by Niels Bohr), it has been proven that categorizing is not a profitable scientific practice, at least if we want to understand how scientific/physical processes actually happen and make them predictable (Barad 2007, 83-87). For they are relative to each other and allow themselves unintuitive simultaneities (e.g. in wave-particle dualism). Posthumanist Rosi Braidotti, on the other hand, creates a vision for the future when she describes us all as sitting in the same boat and finally wants to consider the dense entanglement of Haraway, Donna (2016): every single living being with life itself, in our decisiStaying with the Trouble: ons. This way of thinking causes trouble – “trouble”, as Making Kin in the Chthulucene. Durham: Duke Donna Haraway brings into the debate, really a lot of University Press, 38 trouble, which gives us motivation and nourishes our Puig de la Bellacasa, Maria (2017): Matters of strength (Haraway 2016). Strength to grudgingly face care: speculative ethics the changing entanglements again and again. Or to in more than human worlds, Posthumanities, devote ourselves to them with a “caring” attitude, as Minnesota: University of another posthumanist, Puig de la Bellacasa, adds (BelMinnesota Press lasca 2017). T.J. Demos replies that we should mainBennett, Jane (2010): Vibrant Matter. Durham tain this caring attitude towards all beings, without and London: Duke Univerresting again on the deceptive ice floe of conventional sity Press categorizations (Demos 2016). For while the climate catastrophe is melting the ice around us, the conscious unlearning of repeated, environmentally harmful, toxic everyday actions is the key to recognizing and implementing alternatives. The last voice I would like to hold out the microphone to for a statement in this discussion is Jane Bennett, who contrasts the ‘hustle and bustle’ with the functioning concept of a living and healthy democracy (Bennett 2010). For by putting the experience of the complex entanglements of all beings of our time at the center of our communities, we are taking a new attitude towards politics. Deconstructing categorizations and norms ultimately means resisting the temptations of racism, imperialism and Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?


Klimakatastrophe das Eis um uns herum wegschmilzt, ist das bewusste Verlernen von wiederholten, umweltschädlichen, toxischen Alltagshandlungen, der Schlüssel um Alternativen erkennen und umsetzen zu können. Der letzten Stimme, der ich in dieser Diskussion das Mikrofon zu einem Statement entgegenstrecken möchte, ist Jane Bennett, die das funktionierende Konzept einer gelebten und gesunden Demokratie dem ‚Trubel und Trouble‘ entgegenhält (Bennett 2010). Denn indem wir das Erleben der komplexen Verstrickungen aller Wesen unserer Zeit ins Zentrum unserer Gemeinschaften rücken, nehmen wir eine neue Haltung gegenüber der Politik ein. Das Dekonstruieren von Kategorisierungen und Normen, heißt schlussendlich auch, den Versuchungen des Rassismus, Imperialismus und Sexismus zu widerstehen. Im besten Falle verhilft es uns, autochthone Haltungen wertschätzen zu lernen und indigene Strategien mitzutragen. Cis Men Manche Menschen haben dieses Erdbeben anders erlebt. Weiße, der Mittelschicht von Industriestaaten zugehörige Menschen, denen schon im Babyalter erklärt worden war, sie wären Männer, die mal das Ruder übernehmen würden. Du bist „der“, der den Traktor, die Drohne, möglicherweise sogar den Staat lenken wird. Diese Menschen empfinden keine Befreiung durch erodierende Normen, sie sehen sich plötzlich jeglicher Kontrolle und Macht entzogen, die ihnen zustehen würde. Ihnen scheint eine gewaltige Zunahme an Unsicherheit bevorzustehen, statt der erhofften Hegemonie. Diese Angst kann lähmen, sich durch Aggression entladen, von rechtspopulistischen Gruppierungen orchestriert und für militärische Interventionen instrumentalisiert werden. Doch die Mehrheit der Menschen, die zu so einer toxischen Maskulinität sozialisiert wurden, empfinden die Dekonstruktion derselben als langersehnte Befreiung und erweitern gerne ihren Handlungsspielraum (Kelber 2015). Zum Beispiel queere Kunstschaffende sowie Kindergärtner oder Menschen in Vaterkarenz. Wie verändern sich durch diese massiven Werteverschiebungen klassisch maskuline, imperialistische, gesellschaftlich-zentrale Baustellen? Wie verändern sie Technologieentwicklung? Nun, auch was Technologie und deren Entwicklung und Design betrifft, bleibt kein Stein auf dem anderen. An Paradigmen, an denen festgehalten worden war, wird nun emsig gerüttelt und gefeilt. 92 | 93


sexism. At best, it helps us to learn to value autochthonous attitudes and to support indigenous strategies. Cis men Some people experienced this earthquake differently. White people from the middle class of industrialized countries, who had been told at a very young age that they were men who would take over the helm. You’re “the one” who will drive the tractor, the Murphy, Peter F (Ed.) drone, maybe even the state. These people do not (2004): Oxford Reading feel liberated by eroding norms; they suddenly find in Feminism. Feminism and Masculinities. themselves deprived of all the control and power they Oxford New York: Oxford would be entitled to. They seem to be facing a huge inUniversity Press, 9–10, 25–26, 57–68 crease in insecurity instead of the hegemony they had Cornelia Kelber (2015): hoped for. This fear can be crippling, vented through Gender Shift: Zukunft der Geschlechter. Frankfurt aggression, orchestrated by right-wing populist groups am Main: Zukunftsinstitut. www.zukunftsinstitut.de/ and instrumentalized for military intervention. But the artikel/gender-shift-zumajority of people who have been socialized into such kunft-der-geschlechtetoxic masculinity perceive the deconstruction of it rrollen/ Letzter Aufruf: 6. 7. 2020 as a long-awaited liberation and are happy to expand their scope of action (Murphy 2004, Kelber 2015). For example queer artists as well as kindergarten teachers or people on paternal leave. How do these massive value changes cause shifts in classically masculine, imperialist, socially centralized construction sites? How do they change technological development? Well, when it comes to technology and its development and design, no stone is left unturned. Paradigms that had been held on to are now busily shaken and polished. Is progress a priority? Is hardware hard? Is technology masculine? Is it really necessary to keep opening up new mines, speeding up equipment and conquering new markets? Feminist Hardware People who feel close to the feminist new materialism keep all the above dynamics in mind to tell better stories. New stories that will allow us to gently forge alliances between all those entangled and deeply connected beings and the many processes they are immersed in. Our research project entitled: “Feminist Hacking. Building Circuits as an Artistic Practice” has been trying to answer the question of what feminist Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?


Hat Fortschritt Priorität? Ist Hardware hart? Ist Technologie maskulin? Müssen tatsächlich immer wieder neue Minen erschlossen, Geräte beschleunigt, Märkte erobert werden? Feministische Hardware Menschen, die sich dem feministischen neuen Materialismus nahe fühlen, behalten all die oben genannten Dynamiken im Auge, um bessere Geschichten zu erzählen. Neue Geschichten, die es uns erlauben, behutsame Allianzen zu schmieden, zwischen all jenen verstrickten und fest verbandelten Wesen und den Professor Ko (Seoul), A deep-learning-enzahlreichen Prozessen, in die sie vertieft sind. Unser hanced e-skin that can decode complex human Forschungsprojekt mit dem Titel: „Femininist Hacking. motions Building Circuits as an Artistic Practice“ versucht seit https://techxplore.com/ news/2020-05-deep-leMärz 2020 die Frage zu beantworten, was feministiarning-enhanced-e-skindecode-complex-human. sche Hardware sein könnte. Vielleicht Hardware, die html, Letzter Aufruf: sich auch unter den neuen Werten posthumanistischer 3. 7. 2020 Theorie noch herstellen lässt? Ohne auf die VerwegenKate Hartman, Botanicalls, 2006 heit feministischer neuer materialistischer Haltungen http://www.katehartman. zu verzichten? com/projects/botanicalls/ An open source system that enables communication between humans and houseplants through telephone and twitter. Letzter Aufruf: 3. 7. 2020

Aus welchen Elementen könnte diese Hardware bestehen? Aus Haut und Haaren wie die Hardware von Forschern der Seoul National University um Professor Ko? Die Sensoren, die das Forschungsteam entwickelt Sarah Grand and Selena hat, befinden sich direkt in der Haut. Oder sind sie Savic, Modeling Communication with Slime aus Schleim, wie von Sarah Grant und Selena Savic Mould http://digicult.it/articles/ untersucht wurde? Schleim, der eine Art „Erinnerung“ modeling-communicatiaufweist, ein proto-intelligentes Verhalten? Ist femion-with-slime-mould-artistic-residency-with-sanistische Hardware stattdessen möglicherweise aus rah-grant/ Letzter Aufruf: Wasser und Salz, wie das Computerelement von Ioana 3. 7. 2020 Vreme Moser, das eine umweltfreundliche Alternative zu elektrischer Hardware darstellen soll? Aus Topfpflanzen wie Kate Hartmanns „Botanicalls“, in dem Sensoren den Output von Pflanzen verstärken, um deren „Bedürfnisse“ eindringlicher an Menschen kommunizieren zu können? Besteht feministische Hardware aus antiken Goldfäden, Stickereien und feinem Gewebe wie der immer wieder neu programmierbare 8-bit Computer von Irene Posch und Ebru Kurbak, 94 | 95


hardware could be since March 2020. Perhaps hardware that can still be produced under the new values of posthumanist theory? Without renouncing the audacity of feminist new materialistic attitudes? What elements could this hardware consist of? Of skin and hair like the hardware of researchers at Seoul National University around Professor Ko? The sensors developed by the research team are located directly in the skin. Or are they made of mucus, as Sarah Grant and Selena Savic investigated? Mucilage Ioana Vreme Moser, Fluid Memory. Fluidic that displays a kind of “memory”, a proto-intelligent Computer (2019-2020) The piece displays a Lud- behavior? Instead, is feminist hardware possibly made dite computer element of water and salt, like Ioana Vreme Moser’s computer that runs on water and salt. Once triggered with element, which is supposed to be an environmentally water streams, It performs one simple process: it friendly alternative to electrical hardware? From potted memorizes its previous plants like Kate Hartmann’s “Botanicalls”, in which state, by storing its water flow condition. sensors amplify the output of plants to communicate https://ioanavretheir “needs” to people more forcefully? Does feminist memoser.com/ post/190583999707/ hardware consist of antique gold threads, embroidery fluid-memory-fluidic-computer-2019-2020-the and fine fabric, such as the ever-reprogrammable 8-bit Letzter Aufruf: 3. 7. 2020 computer by Irene Posch and Ebru Kurbak, built from dozens of handmade and embroidered relays? Or does feminist hardware consist only of electronic waste? Like the ironic creatures of Sapu Upcycle. Or the copper of the Makerspace on the garbage dump near Accra, which is made from electrical waste. Or is the self-made respirator of the Afghan schoolgirls who developed the robotic project called “Afghan Dreamers” from used motors feminist hardware? Is feminist hardware a concrete product, like the FairPhone, a modular, self-repairable smartphone, or like Fairlötet (eng. FairSolder), a fairly-produced and purchasable solder? Or “Project Ara”, which was unfortunately bought by Google from Motorola and then shut down, which also wanted to generate more sustainable, repairable hardware for the smartphone sector? Or more pragmatically: Doesn’t feminist hardware tend to be intertwined circuits that are taken up for design projects, as in Joshua Klein’s “Crow Box” project? In this project, birds can learn to spot and collect coins from a bird’s eye view, which they can use to buy food from a special vending machine. Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?


gebaut aus dutzenden handgemachten und gestickten Relays? Oder besteht feministische Hardware lediglich aus Elektromüll? So wie die ironischen Wesen von Sapu Upcycle. Oder dem aus Elektromüll gewonnenen Kupfer des Makerspaces auf der Müllhalde bei Accra. Oder ist das selbstgemachte Beatmungsgerät der afghanischen Schülerinnen, die das Robotic Projekt mit dem Namen „Afghan Ebru Kurbak and Irene Dreamers“ aus gebrauchten Motoren entwickelt haben Posch, Embroidered Computer 8-bit program- feministische Hardware? mable computer using golden thread embroidery https://www. designboom.com/art/ irene-posch-ebru-kurbak-embroidered-computer-01-16-2019/ und http://www. ireneposch.net/ Letzter Aufruf (beide): 3. 7. 2020 Sapu Upcycle https://sapu-upcycle. com/ Letzter Aufruf: 3. 7. 2020 Crow Box https://en.wikipedia.org/ wiki/Joshua_Klein und www.dailymail. co.uk/sciencetech/ article-2982961/ The-feeder-trains-birdsPAY-food-Crow-Boxteaches-corvids-collectcoins-return-peanuts.html / Letzter Aufruf: 3. 7. 2020

Ist feministische Hardware etwa ein konkretes Produkt, wie das FairPhone, ein modulares, selbst reparierbares Smartphone, oder wie Fairlötet, nämlich ein fair hergestellter und käuflich erwerbbarer Lötzinn? Oder das leider von Google von Motorola aufgekaufte und dann stillgelegte „Project Ara“, das ebenfalls nachhaltigere, reparierbare Hardware für den Smartphonesektor generieren wollte? Oder pragmatischer: Handelt es sich bei feministischer Hardware doch eher um ineinander verschlungene Kreisläufe, die für Designprojekte aufgegriffen werden, wie beim Projekt „Crow Box“ von Joshua Klein? In dem Projekt können Vögel erlernen, aus der Vogelperspektive Münzen zu erspähen und zu sammeln, mit denen sie bei einem speziellen Automaten Futter kaufen können.

Zentral sind in all diesen Ansätzen Nachhaltigkeit und das Einbetten von technologischen Abläufen in existierende Systeme, ohne diese zu stören; das Verstehen, Aufgreifen und Schonen bereits vorhandener Kreisläufe und die darin erneuerten Ressourcen. Die meisten der gerade erwähnten Akteure und Akteurinnen, Designer und Designerinnen, Künstler und Künstlerinnen machen transparent, wie sie diese Hardware hergestellt haben. Viele tragen das Label Open Source Hardware (OSH): um es anderen leichter zu machen, an bereits gemachte Überlegungen anzuknüpfen, werden Baupläne, Konzepte, Modelle für 3D-Druck oder PCB-Boards und -Manuals zum Nachmachen online gestellt. Transparenz ist also ebenfalls eine wichtige gemeinsame Qualität dieser Umsetzungen. 96 | 97


Central to all these approaches are sustainability and the embedding of technological processes into existing systems without disrupting them; understanding, taking up and preserving existing cycles and the resources renewed within them. Most of the actors, designers, artists, and designers just mentioned make transparent how they have produced this hardware. Many are labeled Open Source Hardware (OSH): in order to make it easier for others to follow up on ideas already made, blueprints, concepts, models for 3D printing or PCB boards and manuals are put online to be copied. So transparency is also an important common quality of these implementations. Our artistic research project is inspired by all these approaches. With this in mind, we want to develop a PCB board that works without new components. Instead, it should contain locally occurring metals, elements, scrap and organic materials or even components that can be produced in self-construction to meet the demands of feminist artists and designers. This group of “technology developers” is unfortunately often not perceived as such; we don’t find them in big labs and hubs, but rather in off-spaces, studios, hackspaces and citizen labs. These spaces are a central interface between university expert knowledge and situated knowledge brought in by Toupin, Sophie (2014): „Feminist Hackerspaces: euphoric geeks, artists and brilliant autodidacts (TouThe synthesis of feminist and hacker cultures“. pin 2014). Therefore, our research team works closely Journal of Peer Productiwith all these groups: with the feminist hackspace Mz* on no. 5, 6 Baltazar’s Lab in Vienna, the artist space esc medien kunst labor in Graz and international technical universities. The team consists of Patricia J. Reis, Tagahui Torosyan and Stefanie Wuschitz, all three of whom are based at the Academy of Fine Arts. Answering our question “What is feminist hardware?” is a big challenge, because supply chains of rare earths and other electrical components usually remain untraceable, recycled hardware is unreliable and our project has been scheduled for only three years. Nevertheless, it is possible to find out about the working conditions of the producers, test old components for reuse and recover valuable hardware from scrap. The remaining hurdles are a stimulus to become creative. The answer to our question will not be a paper document, but rather a speculative and functional object that can be changed and reinvented through its use. Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?


Unser künstlerisches Forschungsprojekt wird von all diesen Ansätzen inspiriert. In diesem Sinne wollen wir ein PCB-Board entwickeln, das ohne neue Bauelemente auskommt. Stattdessen soll es lokal vorkommende Metalle, Elemente, Schrott und organische Materialien bzw. selbst in Eigenbau erzeugbare Komponenten enthalten, um den Ansprüchen von feministischen Künstler*innen und Designer*innen gerecht zu werden. Diese Gruppe von „Technologieentwickler*innen“ wird leider oft nicht als solche wahrgenommen, wir treffen sie nicht in großen Labs und Hubs an, sondern eher in Off-Spaces, Ateliers, Hackspace- und Citizen-Labs. Diese Räume sind eine zentrale Schnittstelle zwischen universitärem Expert*innen-Wissen und situiertem Wissen, das euphorische Geeks, Künstler*innen und brillante Autodidakt*innen einbringen (Toupin 2014). Deswegen arbeitet unser Forschungsteam auch mit all diesen Gruppen eng zusammen: mit dem feministischen Hackspace Mz* Baltazar’s Lab in Wien, dem Künstler*innen Raum esc medien kunst labor in Graz und internationalen technischen Universitäten. Das Team besteht aus Patricia J. Reis, Tagahui Torosyan und Stefanie Wuschitz, die alle drei an der Akademie der bildenden Künste angesiedelt sind. Die Beantwortung unserer Frage „Was ist feministische Hardware?“ ist eine große Herausforderung, weil Lieferketten von seltenen Erden und anderen Elektrobauteilen meist unnachvollziehbar bleiben, recycelte Hardware unzuverlässig ist und unser Projekt auf nur drei Jahre angesetzt wurde. Dennoch es ist möglich, sich über Arbeitsbedingungen der Produzent*innen zu erkundigen, alte Bauteile für einen Wiedergebrauch zu testen und wertvolle Hardware aus Schrott zu gewinnen. Die restlichen Hürden sind Anregung, um kreativ zu werden. Die Antwort auf unsere Frage wird kein Paper, sondern ein spekulatives und funktionales Objekt sein, das sich durch seine Verwendung verändert und neu erfinden lässt. Es existieren bereits zahllose wertvolle Plattformen, die die Herausforderung, posthumanen Werten gerecht zu werden, über die Metaebene lösen möchten, wie zum Beispiel die Dokumentationsplattform „i fix it“ oder „thingiverse“. Hier erlernen User und Userinnen, wie sie unkooperative technische Geräte reparieren und mit Hilfe von 3D-Druck nötige Ersatzteile zur Reparatur erhalten. Als Künstler*innen, Designer*innen und Entwickler*innen kommen wir trotzdem nicht um die Frage herum, 98 | 99


There are already countless valuable platforms that want to solve the challenge of doing justice to posthuman values via the meta-level, such as the documentation platforms “i fix it” or “thingiverse”. Here, users learn how to repair uncooperative technical devices and how to use 3D printing to obtain necessary spare parts for repair. As artists, designers and developers, we still can’t avoid the question of how much it costs to realize our own projects. And what it would take to be able to create your own projects with only five percent of the technical devices currently consumed. Individual resources Impressive pioneering work has already been done for these considerations as well. For example: the mixed media installation HAEM by the artist Cecilia Jonsson. Together with Rodrigo Leite de Oliveira of “The Netherlands Cancer lnstitute” she started a long process. She collected placentas from friends and acquaintances that had given birth to a child. In 2016, over seventy mothers voluntarily gave her their placentas. The blood of the placenta transports oxygen from the mother to the unborn child, and it contains a lot of iron. Cecilia Jonsson Cecilia Jonsson extracted and compressed exactly this https://www.ceciliajonsiron from the placenta in a complicated process. From son.com/4-haem Letzter Aufruf: 3. 7. 2020 the compact, actually metallic iron, she forged a masMary Maggic sive compass needle. A compass is certainly not conhttp://maggic.ooo/ ventional hardware. But this project makes it possible Estrofem-Lab-2016 Letzter Aufruf: 3. 7. 2020 to feel how closely the human body is connected to substances from the earth. The absorption of substances by the body is not a one-way street. Our bodies could therefore become hardware manufacturers in the future. Mary Maggic also points this out in her Estro Fem Lab. In international workshops she teaches participants how to extract estrogen from their own urine. She combines DIY estrogen extraction with information on the devastating contamination of water by artificially produced hormones for technologies such as drugs and contraceptives. Biohacking here becomes an artistic practice that not only generates new knowledge and stirring experiences, but also the finest estrogen.

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um welchen Preis eigene Projekte umgesetzt werden müssen? Und was es brauchen würde, um in der Lage zu sein, mit nur fünf Prozent der derzeit konsumierten technischen Geräte eigene Projekte umzusetzen. Eigene Ressourcen Auch für diese Überlegungen gibt es bereits beeindruckende Pionierarbeiten. Zum Beispiel die Mixed-Media-Installation HAEM der Künstlerin Cecilia Jonsson. Zusammen mit Rodrigo Leite de Oliveira des „The Netherlands Cancer lnstitute“ begann sie einen langwierigen Prozess. Sie sammelte Plazentas von Freundinnen und Bekannten, die ein Kind geboren hatten. Im Jahr 2016 überließen ihr über siebzig Mütter freiwillig ihre Plazentas. Das Blut der Plazenta transportiert Sauerstoff von der Mutter zum ungeborenen Kind, und es enthält viel Eisen. Genau dieses Eisen hat Cecilia Jonsson in einem komplizierten Vorgang aus den Plazentas extrahiert und komprimiert. Aus dem kompakten, tatsächlich metallischen Eisen schmiedete sie eine massive Kompassnadel. Zwar ist ein Kompass keine herkömmliche Hardware. Doch macht dieses Projekt spürbar, wie eng der menschliche Körper mit Substanzen aus der Erde verbunden ist. Die Aufnahme von Substanzen durch den Körper ist keine Einbahnstraße. Unser Körper könnte also in der Zukunft Hardware-Hersteller werden. Auch Mary Maggic weist in ihrem Estro Fem Lab darauf hin. In internationalen Workshops vermittelt sie Teilnehmer*innen, wie aus eigenem Urin Östrogen gewonnen werden kann. Sie verbindet die DIY-Urin-Gewinnung mit Informationen über verheerende Verunreinigung von Wasser durch künstlich hergestellte Hormone für Technologien wie Medikamente und Verhütungsmittel. Biohacking wird hier zu einer künstlerischen Praxis, die nicht nur neues Paula Pin http://paulapin.net/# Wissen und aufwühlende Erfahrungen, sondern auch Letzter Aufruf: 3. 7. 2020 feinstes Östrogen hervorbringt. Feministisches Hacken Feministisches Hacken ist der unorthodoxe Umgang mit vorgefundenen Systemen durch eine non-binäre Sichtweise auf ‚Geschlecht‘. Allmählich etabliert sich feministisches Hacken als künstlerische Methode. Prominente Beispiele für feministische Hacker*innen sind 100 | 101


Feminist hacking Feminist hacking is the unorthodox way of dealing with existing systems through a non-binary view of ‘gender’. Gradually, feminist hacking is establishing itself as an artistic method. Prominent examples of feminist hackers include Paula Pin (formerly Pechblenda), who attempts to demystify gynecological devices and traces the colonial history of the development of well-known gynecological instruments. In her lab case there are numerous self-developed, Ira Agrivine – improved OSH instruments through which workshop Hacking to Live participants and patients regain autonomy over their www.youtube.com/ watch?v=r2CjhyEpG1 own bodies. Autonomy is also the basic motivation of M&feature=youtu.be Ira Agrivine’s project “DIY Water Purifier”, which she Letzter Aufruf: 3. 7. 2020 developed with her Hackspace, Fablab and collective HONF in Indonesia. With exclusively female participants, she uses stones and other naturally occurring materials to construct simple water filters to produce drinking water from the heavily polluted fresh water of the rivers near Yogyakarta (in Java). She goes to underserved villages and tries to inform especially mothers how they can get clean water. Tina Baumann, Julia Friesel and Marie Kochsiek have developed the smartphone app “Drip”. First and foremost to document menstrual cycles in a secure and confidential way without passing on data to third parties. This means that no conclusions can be drawn about the sexual orientation, social gender or life plans of the user. The design of the app tries not to replicate binary gender norms through aesthetics and application. The app also prevents targeted advertising to people in certain cycle phases that allegedly influence their mental state. Caroline Sanders is also working on the way data is collected. In her AI workshops, she consciously and carefully generates a data set of feminist texts together with participants in order to enable better/ more feminist text recognition, while at the same time criticizing the conventional bias in machine learning systems. Her open source database is available to the public and the “Feminist Data Set” can be downloaded free of charge from her website. Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?


beispielsweise Paula Pin (früher Pechblenda), die versucht, gynäkologische Geräte zu entmystifizieren und die koloniale Geschichte der Entwicklung bekannter Gynäkologie-Instrumente nachzuzeichnen. In ihrem Lab-Koffer befinden sich zahlreiche selbst entwickelte, verbesserte OSH-Instrumente, durch die Workshop-Teilnehmende und Patientinnen Autonomie über den eigenen Körper zurückerlangen. Autonomie ist auch Grundmotivation des Projekts „DIY Water Purifier“ von Ira Agrivine, das sie mit ihrem Hackspace, Fablab und Kollektiv HONF in Indonesien entwickelt hat. Mit ausschließlich Teilnehmenden, die sich als weiblich definieren, baut sie aus Steinen und anderen natürlich vorkommenden Materialien, einfach herzustellende Wasserfilter, um aus dem stark verschmutzen Süßwasser der Flüsse in der Nähe von Yogyakarta (auf Java) Trinkwasser zu gewinnen. Sie geht dafür in unterversorgte Dörfer und versucht besonders Mütter darüber zu informieren, wie sie an sauberes Wasser gelangen können. Tina Baumann, Julia Friesel und Marie Kochsiek haben die Smartphone-App „Drip“ entwickelt. In erster Linie, um auf sicherem und vertraulichem Weg Menstruationszyklen zu dokumentieren, ohne dass Daten an Dritte weitergegeben werden. Drip https://bloodyhealth. Dadurch können keine Rückschlüsse auf sexuelle gitlab.io/ Letzter Aufruf: 3. 7. 2020 Orientierung, soziales Geschlecht oder Lebensplanung der User*innen erstellt werden. Das Design der App bemüht sich darum, keine binären Geschlechtsnormen durch Ästhetik und Anwendung zu replizieren. Auch verhindert die App gezielte Werbung auf Menschen in bestimmten, sie angeblich mental beeinflussenden Zyklusphasen. Auch Caroline Sanders schraubt an der Art, wie Daten gesammelt werden. In ihren KI-Workshops generiert sie gemeinsam mit Teilnehmenden bewusst und sorgfältig einen Datensatz aus feministischen Texten, um KI bessere/feministischere Texterkennung zu ermöglichen, und kritisiert gleichzeitig die herkömmliche Bias in Machine-Learning-Systemen. Ihre Open-Source-Datenbank ist der Öffentlichkeit zugänglich, und das „Feminist Data Set“ kann gratis von ihrer Website geladen werden.

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Similarities At the center of all these projects, which were mentioned here as examples of feminist hacking, is peer-to-peer knowledge transfer, through workshops, performance lectures and festivals. DIY and DIWO (Do-It-Yourself and Do-It-With-Others) are regarded as basic principles of cooperation. This kind of common and community work thus are the fundaments of feminist hacking. In most cases a project idea is fed by immediate need, essential necessity and acute urgency. It is a bottom-up situation in which laypeople become experts because they are striving of their own accord to resolve a conflict that directly affects them. The process of searching, collecting, collating and working with others changes not only the technology being developed, but also the feminist hackers themselves. They are formed by the process – just as they themselves form a project. The actors overcome technical bugs, social resistance and personal problems in order to get closer to their goal and grow beyond themselves and into a new role, while at the same time their project gains impact and significance through the new role they take on. The experience of the direct application of the prototypes and designs and the direct exchange with people who are also affected in workshops will have been meaningful and knowledge-generating even if the project should fail. In Feminist Hacking – as in posthumanism and feminist new materialism – object and subject are understood as producing each other anew, constituting each other. It is difficult to find symbols for this, because the transformation and constant production and mutual conditionality reduce reduction to a sign. To write about it oneself, i.e. to use words as signs, is a stubborn matter. In her book “The Beautiful Warriors: Technofeminist Praxis in the 21st Century”, the editor Cornelia Sollfrank has gathered together important theoreticians of this movement. She has succeeded in linking the cyberfeminism of the 1990s with current positions of a techno-eco-feminism. Three generations of feminists who see technology as an experimental layout and/or artistic field of experimentation have their say. But even the image of the warrior is not enough to deal with the feminist hacking that is constantly changing and mutually constituting itself through ritualizing processes. Barad explains this incident through the image Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?


Gemeinsamkeiten Im Zentrum all dieser Vorhaben, die hier als Beispiele für feministisches Hacken genannt wurden, steht Peer-to-peer-Wissensvermittlung, durch Workshops, Performance Lectures, Festivals. DIY und DIWO (Do-ItYourself und Do-It-With-Others) gelten als Grundprinzipien der Zusammenarbeit. Diese Art der Commons- und Community-Arbeit stellt damit ein Grundprinzip feministischen Hackens dar. Meist wird eine Projektidee durch unmittelbares Bedürfnis, essentielle Notwendigkeit und akute Dringlichkeit gespeist. Es ist eine Bottom-up-Situation, in der aus Laien Expert*innen werden, weil sie sich aus eigenem Antrieb heraus um die Auflösung eines sie selbst direkt betreffenden Konflikts bemühen. Dabei verändert der Prozess des Suchens, Sammelns, Zusammentragens und Mit-anderen-Bearbeitens nicht nur die Technologie, die entwickelt wird, sondern die feministischen Hacker*innen selbst. Sie werden durch den Vorgang geformt, so wie sie dabei ein Projekt formen. Die Akteur*innen überwinden technische Bugs, soziale Widerstände, persönliche Probleme, um ihrem Ziel näher zu kommen, und wachsen dabei über sich selbst hinaus und in eine neue Rolle hinein, während zeitgleich ihr Projekt durch die neue Rolle, die sie einnehmen, an Schlag- und Aussagekraft gewinnt. Die Erfahrung der direkten Anwendung der Prototypen und Entwürfe und der unmittelbare Austausch mit ebenfalls Betroffenen in Workshops wird selbst dann sinnstiftend und wissensgenerierend gewesen sein, falls das Projekt scheitern sollte. Beim Feministischen Hacken – so wie im Posthumanismus und im feministischen neuen Materialismus – werden Objekt und Subjekt als sich gegenseitig neu hervorbringend verstanden; einander konstituierend. Dafür ist es schwer, Symbole zu finden, denn das Sollfrank, Cornelia (Hg.) Wandeln und stetige Hervorbringen und gegenseitige (2018): Die schönen Bedingen entzieht sich der Reduktion auf ein Zeichen. Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im Selbst darüber zu schreiben, also Wörter als Zeichen 21. Jahrhundert. Linz: einzusetzen, ist eine bockige Angelegenheit. In ihrem transversal texts Buch „Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert“ hat die Herausgeberin Cornelia Sollfrank wichtige Theoretikerinnen dieser Bewegung versammelt. Es ist ihr gelungen, den Cyberfeminismus der 1990er-Jahre mit aktuellen 104 | 105


of the wave. She shows that waves crossing each other produce something new, namely a new wave pattern, unlike what individual waves do. The phenomenon is called diffraction (wave deflection) and is on the one hand actually a state into which matter gets when it meets, but at the same time diffraction is also a good image for intersectional differences. For the troubles, the changes, the uncategorizable conflicts, become something completely different when they collide and fall into each other. Two stones plunged into a lake with a smooth surface draw circles whose waves create diffraction patterns when they meet. Barad proposes this kind of productive Tsing, Anna (2015): disagreement as a method of finding out new things The Mushroom at the through the mutually distracting wave movements. End of the World. Princeton: Princeton University Press

Closing This view does not mean that we have to renounce any statement about the world. In contrast to postmodernism, representatives of posthumanism emphasize that reality can be researched scientifically, especially by focusing on emerging diffraction patterns. These Harding, Sandra patterns give us insight into complex, interlocked (2009): „Standpoint processes and the materiality of their outcomes, Theories: Productively Controversial“, Hypatia be it production chains, electromagnetism or nano24(4), 192–200 technological phenomena (Tsing 2015, Barad 2007). Haraway, Donna (1991): Situated However, these statements can only ever be made in Knowledges: The Scienrelation to a certain situation, a certain constellation, ce Question in Feminism and the Privilege of in the intended configuration of the apparatus and at a Partial Perspective. in: Simians, Cyborgs, and certain point in time from a fixed perspective. Feminist Women: the Reinvention theorists, such as Donna Haraway, have already done of Nature. Feminist Studies Vol. 14, No. preliminary work for this in the 1990s with the concept 3 (Autumn, 1988), of “situated knowledge” and the “standpoint theory” 575–599. New York: Routledge (Harding 1998, 2009; Haraway 1991). Accordingly, designing, making transparent and documenting one’s own standpoint and the scientific experimental layout is the central and very responsible task of researchers and artistic researchers. Harding, Sandra (1998): Is Science Multicultural?: Postcolonialisms, Feminisms, and Epistemologies. Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press

“To experiment is to create, produce, refine and stabilize phenomena...” (Hacking 1983, 230) - For our forthcoming research project, Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?


Positionen eines Techno-Öko-Feminismus in Zusammenhang zu bringen. Drei Generationen von Feministinnen, die Technologie als Versuchsanordnung und/oder künstlerisches Experimentierfeld betrachten, kommen darin zu Wort. Doch auch das Bild der Kriegerin tut dem sich ständig im Wandel befindlichen und sich gegenseitig über ritualisierende Vorgänge konstituierenden feministischen Hacken nicht genüge. Barad erklärt diese Begebenheit durch das Bild der Welle. Sie zeigt, dass einander kreuzende Wellen etwas Neues, nämlich ein neues Wellenmuster ergeben, anders als das einzelne Wellen tun. Das Phänomen wird Diffraktion (Beugung; Wellenablenkung) genannt und ist einerseits tatsächlich ein Zustand, in den Materie gerät, wenn sie aufeinandertrifft, gleichzeitig ist Diffraktion allerdings auch ein gutes Bild für intersektionale Differenzen. Denn die Troubles, die Veränderungen, die unkategorisierbaren Konflikte, werden zu etwas gänzlich anderem, wenn sie aufeinander und ineinander fallen. Zwei in einen See mit glatter Wasseroberfläche geplumpste Steine ziehen jeweils Kreise, deren Wellen beim Aufeinandertreffen Diffraktionsmuster erzeugen. Diese Art des produktiven Zerwürfnisses schlägt Barad als Methode vor, um über die sich gegenseitig ablenkenden Wellenbewegungen Neues in Erfahrung zu bringen. Abschluss Diese Sichtweise bedeutet nicht, dass wir auf jegliche Aussage in Bezug auf die Welt verzichten müssten. Anders als im Postmodernismus betonen Vertreter*innen des Posthumanismus, dass die Wirklichkeit sehr wohl wissenschaftlich erforschbar sei, gerade durch das Fokussieren auf entstehende Diffraktionsmuster. Diese Muster geben uns Einblick in komplexe, ineinander verzahnte Vorgänge und in die Materialität ihrer Ausgänge, seien es nun Produktionsketten, Elektromagnetismus oder nanotechnologische Phänomene (Tsing 2015, Barad 2007). Allerdings können diese Aussagen immer nur in Bezug auf eine bestimmte Situation, eine gewisse Konstellation, die gewollte Konfiguration des Apparatus sowie zu einem bestimmten Zeitpunkt von einer festgelegten Perspektive aus betrachtet werden. Hierfür haben feministische Theoretikerinnen wie Donna Haraway mit dem Begriff „Situiertes Wissen“ und der „Standpoint Theory“ schon in den 1990ern Vorarbeit geleistet (Harding 1998, 2009; Haraway 1991). Den eigenen 106 | 107


I would now like to interweave the fields described in this article; firstly posthumanism (and the values of feminist new materialism) and secondly the practice of feminist hacking by means of a playful counter-reading in order to be able to observe their diffraction. Two premises will guide us in this project: The conviction that there is no essence that can categorize a person forever. Hacking, Ian (1983): That all beings, on the contrary, are closely connected Representing and Intervening: Introductory with each other, so closely that the boundaries are Topics in the Philosophy physically fluid, the atoms are virtually fuzzy and frayed, of Natural Science. New York: Cambridge time is relative and all matter, whether in the form of a University Press marsh marigold, a hammerhead shark or a jet plane, is ultimately composed of the same chemical elements of the periodic table and will ultimately disintegrate into them again. This conviction thus relies on the dissolution and solid, productive fusion of the perceiver with the perceived. The second premise is a basic attitude of longing that is taken over again and again: to alleviate one’s own and others’ suffering, to grow and live by oneself. The feminist hacking, the creativity, curiosity, squeaky penetrance and functional naivety of intersectional, eco-feminist hacking with its idealistic basic note is the integrative counterpart to post-humanistic dissolution. By counter-reading Butler’s concept of performativity with a feminist and ethical concept of technology, outrageously prudent, carefully developed and sustainably caring technologies are created. Sometimes they disappear extremely quickly, but sometimes they change their developers for the rest of their lives. Foucault, Michel (1985): The Use of Pleasure: The History of Sexuality, Volume Two. New York: Random House

Foucault, Michel (2013): Les heterotopies. Le corps utopique. Zwei Radiovortrage. Berlin: Suhrkamp

nistan-who-made-a-cheap-ventilatorout-of-toyota-parts-1.1002439 Letzter Aufruf: 3. 7. 2020

Foucault, Michel (2001) / (1976): In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-6). Frankfurt/Main: Suhrkamp

Wajcman, Judy (2006): „TechnoCapitalism Meets TechnoFeminism: Women and Technology in a Wireless World“, Labour & Industry: a journal of the social and economic relations of work, 16:3 (2006), 7

Feminist Data Set https://carolinesinders.com/feminist-data-set/ Letzter Aufruf: 3. 7. 2020

Foucault, Michel (2009) [1981/82]: Hermeneutik des Subjekts. (Übers. Ulrike Bokelmann). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag

Afghan Dreamers www.thenational.ae/world/mena/ the-all-female-robotics-team-in-afgha-

Stefanie Wuschitz / Is This Feminist Hardware?

IFIXIT https://www.ifixit.com/ Letzter Aufruf: 3. 7. 2020 Bildnachweis S. 87 / Photo Credit p. 87: Fairphone


Standpunkt und die wissenschaftliche Versuchsanordnungen zu gestalten, transparent zu machen und zu dokumentieren ist demnach die zentrale und sehr verantwortungsvolle Aufgabe von Forschenden und künstlerisch Forschenden. „To experiment is to create, produce, refine and stabilize phenomena …“ (Hacking 1983, 230) – Ich möchte für unser bevorstehendes Forschungsprojekt nun die in diesem Artikel beschriebenen Felder, also erstens Posthumanismus (und die Werte des feministischen neuen Materialismus) sowie zweitens die Praxis des feministischen Hackens durch ein spielerisches Gegenlesen miteinander verschränken, um ihre Diffraktion beobachten zu können. Zwei Prämissen werden uns bei diesem Vorhaben leiten: Die Überzeugung, dass es keine Essenz gibt, die einen Menschen für immer zu kategorisieren vermag. Dass alle Wesen ganz im Gegenteil eng miteinander verbunden sind, so eng, dass die Grenzen physikalisch fließend sind, die Atome quasi fusselig und ausgefranst, die Zeit relativ und alle Materie, ob in Form einer Sumpfdotterblume, eines Hammerhais oder Düsenjets, sich im Endeffekt aus den gleichen chemischen Elementen des Periodensystems zusammensetzt und schlussendlich wieder in diese zerfallen wird. Diese Überzeugung rechnet also mit der Auflösung und soliden, produktiven Verschmelzung des Wahrnehmenden mit dem Wahrgenommenen. Die zweite Prämisse ist eine immer wieder neu eingenommene sehnsüchtige Grundhaltung: das eigene und fremde Leiden zu mildern, selbst zu wachsen und zu leben. Das feministische Hacken, die Kreativität, Neugier, quietschvergnügte Penetranz und funktionale Naivität des intersektionellen, öko-feministischen Hackens mit seiner idealistischen Grundnote ist der integrative Gegenpart zur posthumanistischen Auflösung. Durch das Gegenlesen des Performativitäts-Konzepts von Butler mit einem feministischen und ethischen Technologiebegriff, entstehen unerhört umsichtige, sorgfältige entwickelte und nachhaltig fürsorgliche Technologien. Manchmal sind sie extrem schnell wieder verschwunden, aber manchmal verändern sie ihre Entwickler*innen für den Rest ihres Lebens. 108 | 109


Zu den Autor*innen About the authors

Laura Haensler studierte Kunstgeschichte und Gender Studies an der Universität Basel, sowie Design in der Vertiefung Trends & Identity an der Zürcher Hochschule der Künste. Sie arbeitet als freischaffende Designerin und forscht im Bereich Gender, Design und Identitäten.

Laura Haensler studied Art History and Gender Studies at the University of Basel, as well as Design with a focus on Trends & Identity at the Zurich University of the Arts. She works as a freelance designer and researches in the field of gender, design and identities.

Mayar El Bakry ist Designerin, die an den Peripherien des Grafikdesigns agiert. Sie repräsentiert depatriarchise design, eine gemeinnützige praxisorientierte Forschungsplattform die untersucht, auf welche Weise eine intersektionale feministische Perspektive in Designpraxis, Designausbildung und Designforschung genutzt werden kann. Sie wird von Anja Neidhardt und Maya Ober geleitet. depatriarchisedesign.com

Mayar El Bakry is a designer who operates on the peripheries of graphic design. She represents depatriarchise design, a non-profit praxis oriented research platform that analyses how an intersectional feminist perspective can be applied to design practice, design education and design research. It is corun by Anja Neidhardt and Maya Ober. depatriarchisedesign.com

Ulrike Haele ist Assistenzprofessorin im Studiengang „Design, Handwerk & materielle Kultur“ an der NDU in St. Pölten. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst sowie an der Universität Wien, arbeitet als Designwissenschaftlerin, Lehrende, Kuratorin und Autorin zu Fragen des gesellschaftlichen Wandels.

Ulrike Haele is assistant professor in the course of studies “Manual & Material Culture” at the NDU in St. Pölten. She studied at the University of Applied Arts and the University of Vienna, and works as a design scientist, lecturer, curator and author on aspects related to the transformation of society.


Christian Jurke ist als Gründer Miteigentümer der Designberatung NVGTR in München. Er studierte Bildhauerei am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax, Kanada, und Produktdesign an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, Saarbrücken. Zahlreiche Vorträge, u.a. am Massachusetts Institute of Technology, bei European Design Summit in Ljubljana, am Design Zentrum Stuttgart.

Christian Jurke is the founder and co-owner of the design consultancy NVGTR in Munich. He studied sculpture at the Nova Scotia College of Art and Design in Halifax, Canada, and product design at the Hochschule der Bildenden Künste Saar. Numerous lectures, among others at the Massachusetts Institute of Technology, the European Design Summit in Ljubljana, the Design Zentrum Stuttgart.

Hans Stefan Moritsch ist Designer und ordentlicher Professor an der New Design University in St. Pölten. Er leitet den Studiengang „Design, Handwerk & materielle Kultur /// Manual & Material Culture”.

Hans Stefan Moritsch is a designer and full professor at the New Design University in St. Pölten. He heads the course of studies “Manual & Material Culture”.

Friedrich von Borries ist ein deutscher Architekt, Kurator, Designtheoretiker und Schriftsteller mit Forschungs- und Entwurfsfokus auf politische Fragen und gesellschaftliche Transformation. Eigenes Projektbüro in Berlin, seit 2009 Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

Friedrich von Borries is a german architect, curator, design theorist and writer with a research and design focus on political issues and the transformation of society. He has his own project office in Berlin and has been Professor of Design Theory at the Hamburg University of Fine Arts since 2009.

Stefanie Wuschitz betreibt als Post-Doc an der Akademie der bildenden Künste in Wien künstlerische Forschung, sie beschäftigt sich mit feministischem Hacken als künstlerische Methode sowie kritischer Praxis und ist Mitgründerin des feministischen Hackerspaces Mz* Baltazar‘s Lab.

Stefanie Wuschitz conducts artistic research as a post-doctoral fellow at the Academy of Fine Arts in Vienna, she is engaged in feminist hacking as an artistic method as well as critical practice and is co-founder of the feminist hacker space Mz* Baltazar’s Lab.

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Gendersensibles Design befasst sich mit der Frage, inwiefern unsere gestaltete Umwelt und unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen zusammenhängen. Ausgehend von konkreten Projekten, die im Studiengang „Design, Handwerk & materielle Kultur“ an der NDU entstanden sind, werfen vielschichtige Beiträge von Mayar El Bakry und depatriachise design, Ulrike Haele, Laura Haensler, Christian Jurke, Friedrich von Borries und Stefanie Wuschitz Schlaglichter auf diesen wichtigen Teilaspekt der Gestaltung unserer materiellen Kultur. Gender-sensitive design deals with the question of the interrelation between our designed environment and our perceptions about gender roles. Based on concrete projects that have been developed in the course of studies „Manual & Material Culture“ at NDU, multi-faceted contributions by Mayar El Bakry and depatriachise design, Ulrike Haele, Laura Haensler, Christian Jurke, Friedrich von Borries, and Stefanie Wuschitz highlight this important aspect of the design of our material culture.

ISBN 978-3-9503515-7-6