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INTENSIVES WOHNEN MOMENTAUFNAHMEN

Masterstudium Innenarchitektur & visuelle Kommunikation


INTENSIVES WOHNEN MOMENTAUFNAHMEN


INHALT

Vorwort 01 Gedanken 02 Unwort des Jahres 03 Beobachtungen 04 Tagein, tagaus 05 Der Alleskönner 06 Bewusstsein 07 Corona – eine Lektion? 08 Selbstreflexion 09 Corona-Mahlzeit 10 Richtiges Verhalten? 11 Mein Wohnort 12 Drei Räume 13 Tag 46 14 Held innen der Menschheit 15 Ernstnehmen? 16 Ein Tag, fast wie jeder andere 17 Wahrnehmung 18 Liebes Tagebuch 19 Me, myself and I 20 Von Grenze zu Grenze 21 Wie lange noch? 22 Tatsachen Impressum

04 06 10 12 22 28 30 32 36 40 42 46 48 52 54 58 60 66 68 70 72 74 76 80


VORWORT

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C H R I ST I N E S C H WA I G E R

Auf dem Höhepunkt der COVID-19 Krise befanden sich weltweit 3,9 Milliarden Menschen im sogenannten „Lockdown“, das heißt, sie waren angewiesen, sich selbst zu Hause zu isolieren, um die Verbreitung des Virus einzuschränken. Ein historisch einmaliges Gemeinschaftsgefühl von digital vernetzten Menschen in privaten Wohnräumen entstand. Auch der Unterricht, ob in Schulen oder an Universitäten, wurde auf digitale Vermittlung umgestellt. Das bedeutete für mich als Lehrende in der Innenarchitekturausbildung, aus meiner Wohnung virtuelle Treffen mit den Studierenden zu organisieren, die sich – je nachdem, wer es wohin wie schnell geschafft hatte – bei ihren Eltern, in eigenen Wohnungen oder in ihren Studierendenunterkünften befanden.

05 Arbeit und Studium finden traditionell in dafür speziell eingerichteten Räumen statt. Die vorgegebene räumliche Ordnung im Universitätsgebäude stellt eine „neutrale“ gemeinsame Umgebung dar, die Lehrende und Studierende zusammenfasst und in der sie sich von Angesicht zu Angesicht treffen. Dieser gemeinsame Raum wurde nun ersetzt durch virtuelle Plattformen, den Bildschirm meines Laptops und Bilder und Töne vermittelt über das Internet. Nach einer kurzen, aber intensiven Umstellungszeit zeigte sich ein neues Phänomen, das mein professionelles Interesse weckte. Die Videobilder ermöglichten im Hintergrund einen Einblick in eine Welt, die in unserer auf Selbstdarstellung ausgerichteten Gesellschaft zunehmend verborgen bleibt:

D E N P R I VAT E N WOHNRAUM. Deshalb begann ich mich, mit eben diesen Hintergründen, der Innenarchitektur des Privaten, auseinanderzusetzen. Die Isolierung hatte also – ausgerechnet im virtuellen Raum – zu einer Annäherung geführt, weil die private Umgebung, ebenso wie die Bekleidung, ja Teil des persönlichen Ausdrucks jeder und jedes Einzelnen ist. Dass es dabei um eine rein visuelle, noch dazu um eine digitale Kommunikation handelte, wurde schnell dadurch klar, dass eben dieser private Zugang nach kurzer Zeit auf verschiedenste Weise manipuliert wurde: durch Verschleierung oder andere Filter, durch von Software erzeugte artifizielle Hintergründe (man sah Palmen und Almwiesen), aber auch, und das betraf auch mich selbst, durch die gezielte Auswahl des Hintergrunds in der eigenen Wohnung. Da wurden Bilder umgestellt, Lampen anders ausgerichtet und vor allem das Verhalten von Mitbewohner*innen geregelt, um eine Art Bühnenhintergrund zu schaffen, der schon privat, aber eben auch digital veröffentlichbar sein sollte. Diese Möglichkeiten – und darin

zeigte sich die ungleiche Verteilung von Raum in unserer Gesellschaft – hatten natürlich nicht alle: insbesondere bei Familien hatte man häufig den Eindruck, Reportagen aus belagerten Nebenzimmern zu sehen, weil diese den einzigen Rückzugsort für die Arbeit zuhause oder eben eine Kommunikation außer Haus boten. Hatte man, wie ich, einmal begonnen, die Hintergründe bei jeder Kommunikation mitzulesen, entwickelte sich auf dem Bildschirm ein Kippbild zwischen der*dem Kommunikationspartner*in im Vordergrund und der von ihr oder ihm gewählten oder gezwungenermaßen genutzten Umgebung. In dieser Anfangszeit des Lockdowns, in der sich auch langsam abzeichnete, dass die geplanten Exkursionen bis Ende des Semesters nicht mehr durchführbar sein würden, entstand die alternative Idee, den Studierenden nicht die Außenwelt zu zeigen, sondern ihnen ihre „Innenwelten“ bewusster zu machen. Ihre Aufgabe bestand darin, ganz persönliche Beobachtungen dazu anzustellen, wie sie ihren Wohnraum im Moment des Lockdowns in Bezug auf Nutzung, Lichtverhältnisse, Raumproportionen, Ausstattung etc. wahrnahmen. Auch wie dieser zum Beispiel den neuen multifunktionalen Anforderungen gerecht wurde, sollten sie in Diagrammen, Texten, Fotografien dokumentieren. Darüber hinaus sollten die Studierenden ein Artefakt konzipieren und herstellen, welches frei interpretiert ihre persönliche Corona Stimmung widerspiegelte. Das hat nicht nur zu sehr interessanten Dokumentationen, Objekten und Zeichnungen geführt, sondern in einem Fall sogar dazu, dass eine Band formiert wurde, die zusammen den Song „Anahoib Meter“ komponierte und textete. Dafür gab es sogar ein Lob des FM4-Moderators Stuart Freeman. Mit dieser Publikation, die eine Auswahl der Ergebnisse aller Studierenden zeigt, soll etwas Bleibendes, Materielles, Haptisches geschaffen werden, das auch für künftige Generationen zugänglich ist und zeigt, was die COVID-19-Krise für uns und unsere Innenräume bedeutet hat.


GEDANKEN

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ZUHAUSE Im Allgemeinen sollte man glauben, dass das eigene Zuhause, wenn es nicht durch irgendetwas, wie beispielsweise eine Mietbefristung, einen Wasserschaden oder laute Nachbar*innen gefährdet wird, ein Ort ist, der sich im Alltag wenig bis gänzlich unspürbar ins eigene Leben integriert. Das Wort „integriert“ ist dabei bewusst gewählt, da wir es doch gewöhnt sind, uns neben dem eigenen auch in vielen anderen Innenräumen aufzuhalten: im Büro, im Haus der Großmutter, in der Bar, der Tiefgarage, alles selbstverständliche Orte des täglichen Lebens. Die Anfangsphase zum wochenlangen Zu-Hause-Sein machte sehr wohl ein mulmiges Gefühl. Wie würden meine Eltern zu zweit allein sein? Der eigene Ort des Rückzugs wurde schlagartig Ort der eigenen Isolation. Die persönlich erwünschte Privatsphäre zum ganzen Kosmos, der sich von einer Sekunde auf die andere auf eine abzählbare Quadratmeterzahl verringert hatte. Schritte, die außerhalb dieses Raumes gemacht wurden, waren reduziert und die Distanzen nicht weiter als ausgedehnte Sonntagsspaziergänge. Die Frage um Abstände und Räume wurde kurzerhand anders bemessen. Jeder Quadratmeter der Wohnung fiel auf, wurde geordnet, weckte vielleicht auch Ideen. Zuallererst fiel auf, dass sich innerhalb der wenigen Wochen und des Heranrückens der wärmeren Jahreszeit, wenn auch in der Temperatur nicht spürbar, zumindest die Lichtsituation merklich änderte. Die Wohnung, die in Richtung Ost-West ausgerichtet ist, fing die sich immer früher zeigende Sonne ein. Der morgendliche Blick aus dem Fenster inspirierte Erraten nach der Tageszeit. Meistens nah dran.

Über den Tag wanderte die Sonne dann vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer und zu guter Letzt hatten wir nachmittags auch im Esszimmer, das zum Arbeitszimmer umfunktioniert worden war, die hellen Strahlen der Sonne an der Wand. Neben dem Verlauf des Lichtes, dem die Aufgaben im Tagesverlauf quasi folgten, wurde scheinbar auch die Zeit anders gemessen. Der Arbeitstag, zuhause, der Tag mit Präsenz an der Uni, zuhause, Sonntage, zu Hause. Die eigenen vier Wände waren angenehm, gemütlich und vertraut, wurden jetzt aber mit neuen Aktivitäten belebt. Arbeitstage im Esszimmer waren durchaus

beruhigend, dauerten aber länger. In der Mittagspause eine Runde laufen gehen oder direkt in der Früh und mit hochrotem Kopf zum morgendlichen Online-Meeting. Es funktionierte und war kein Problem. Ich bemerkte, dass ich bei meinen stetigen Versuchen, mein Nest zu optimieren, alles richtig gemacht hatte und einen Wohnraum bewohnte, der mich entspannte – auch wenn ich mehr als sonst an ihn gebunden war. Auch war ich nicht alleine, sondern teilte diese Freude mit Mario, meinem Freund, den diese Zeit und Umstände noch mehr als zuvor animierten, die Küche zum Ort hervorragender Abendessen zu machen. Das

beruhigte zu Hause-Sein, ohne das Gefühl, sich vor etwas oder jemandem zurückzuziehen, ist etwas sehr Schönes, das ich mir bewahren möchte. Daheim ist eben nicht, wo man schläft, um zu funktionieren, sondern genauso ein Ort wie das Ferienhaus, das Museumsquartier oder der Stadtpark. Ein Ort, an dem Freizeit passiert, und, wie ich jetzt weiß, oder lernen durfte, auch ein Ort der so flexibel sein und trotzdem einem selbst entsprechen sollte, dass auch Arbeit und Uni darin Platz haben. Aus dieser Perspektive gesehen kann es nur Ziel sein, diese Symbiose von Mensch und Wohnung als Meisterdisziplin der Innenarchitektur zu betrachten.


GEDANKEN

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STIMMUNG

01 ERINNERUNG AN SIZILIEN Seit zwei Jahren liegt der sizilianische Brocken als Erinnerungsobjekt in der Wohnung neben dem Kamin.

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UNWORT DES JAHRES?

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SARS-CoV-2 Das Virus, das doch das Leben einer und eines jeden verändert hat. Auch in meinem Fall hat dieses Virus einen nicht unerheblichen Eindruck hinterlassen. Überwog anfangs die Angst gegenüber dem unsichtbaren Feind, so hat sich meine persönliche Einstellung zu dieser Ausnahmesituation Tag für Tag verbessert. Um eine positive Attitüde beizubehalten – oder besser gesagt: zurückzugewinnen – wurden nach und nach die Horrorszenarien, wie sie beispielsweise in unserem Nachbarland Italien herrschten, ausgeblendet. Man beginnt, quasi sich in seinen eigenen kleinen Mikrokosmos zurückzuziehen. Eine gewisse Art der Entschleunigung tritt ein. Ich war nicht mehr die Getriebene, sondern es kam eine gewisse Ruhe ins Leben. Statt Zug, Auto und Flugzeug war auf einmal der eigene Balkon der Lebensmittelpunkt und das hat zweifelsohne etwas sehr Charmantes. Zeit für sich zu haben war wohl für die meisten von uns eine ausgesprochene Rarität geworden und so scheint es auch recht logisch, dass man anfangs nicht wirklich wusste, wie man damit umgehen soll. Klar vermisst man soziale Kontakte, seine Freund*innen, seine Familie. Es ist nicht dasselbe, mit dem Großvater nur zu telefonieren oder die Mutter nur über Video-Call zu sehen, aber wenn das mein Beitrag zur allgemeinen Gesundheit ist, dann bitte sehr gerne. Diese Zeit geht schließlich vorüber. Und das schneller als man merkt. Kaum hat man es sich in den eigenen vier Wänden

gemütlich gemacht, wird das Social-Distancing auch schon wieder gelockert. Das Zeitgefühl geht verloren. Man weiß oft gar nicht mehr, welchen Wochentag wir gerade haben, und der gute Wille, sich selbst mal von oben bis unten zu reflektieren, ist auch schon wieder fast verflogen. Die Welt bleibt also doch nicht stehen, so groß kann wohl eine Krise gar nicht sein. Das ist nicht wirklich etwas Positives. Man kommt schnell wieder zurück in alte Verhaltensmuster, lässt sich treiben, kommt nicht zur Ruhe. Ich denke, man sollte versuchen, sich selbst ein wenig zu drosseln. Corona hat uns gezeigt, dass das möglich ist. Regionalität ist auch ein Wort, das bei mir seine Spuren hinterlassen hat. Abhängigkeit von fernen Ländern, beispielsweise in der Industrie und Pharmazie, kann durchaus schnell zum Problem werden – darauf wurden wir aufmerksam gemacht. Generell gibt es viele „Baustellen“, die diese Ausnahmesituation ans Licht gebracht hat. Lasst es uns doch als Chance sehen, gewisse Dinge in die richtige Perspektive zu rücken— jede und jeder für sich selbst.

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BEOBACHTUNGEN

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ZUR AKTUELLEN W O H N S I T U AT I O N Die letzten Wochen haben mir—mal wieder— vor Augen geführt, wie privilegiert ich eigentlich lebe und wohne. Denn für mich fühlt sich die aktuelle Situation nicht, wie möglicherweise für viele andere, wie eine Beschränkung, sondern wie eine Bereicherung an. Ich muss mir kaum existenzielle, räumliche oder sonstige Sorgen machen und bewege mich großteils wie bisher durch meine gewohnte Umgebung. Mir erscheint es fast so, als wäre ich in einer Zeitschleife hängen geblieben, in der es nur Samstage und Sonntage während eines ganz normalen Semesters gibt. In der Beschäftigung mit der aktuellen Wohnsituation fällt mir gleich mehr auf: Normalerweise wohne ich während der Woche, wenn es zur Uni geht, auf 35 m² für mich alleine nahe dem Hauptbahnhof Wien. Wobei ich nur wenige Stunden – und diese hauptsächlich zum Schlafen – in der Wohnung verbracht habe. Für soziale Kontakte neben der Uni war kaum Zeit, nur die Wochenenden habe ich außerhalb von Wien, im Haus meiner Eltern verbracht. Jetzt wohne ich ständig im Elternhaus auf mehr als 300 m² mit großem Garten, das ich mit 3 weiteren Familienmitgliedern teile—wie in jener Zeit, bevor ich mich für die Uni entschieden habe. Die Größe des Hauses ist und war ein Vorteil, da ich die Möglichkeit habe, mich zurückzuziehen und den anderen nicht die ganze Zeit über den Weg laufe. Alle haben ihren eigenen Arbeits- und Rückzugsplatz und niemand muss die anderen stören, wie es auf weniger Quadratmetern der Fall sein könnte. Ich nutze hauptsächlich die 14,5  m² meines Zimmers, um zu arbeiten und zu schlafen. Für Sport steht mir mein

Dachboden zur Verfügung, allerdings nur nachdem mein Vater seine Arbeit im dort eingerichteten Heimbüro beendet hat, und im Keller kann ich unsere Werkstätte nutzen. In der ganzen letzten Zeit habe ich nur fünf Zimmer des Hauses nicht betreten und das tue ich auch sonst eher in Ausnahmefällen. Es handelt sich dabei um das Zimmer meiner Eltern, das Zimmer meiner Schwester, Abstell-, Technik- und Lagerräume sowie einen Raum im Keller, den mein Vater seit mehreren Jahren Stück für Stück renoviert. Gerne halte ich mich im Außenraum auf, wofür früher neben den notwendigen Wegen (Weg zur Uni und zur Wohnung) kaum Zeit geblieben ist. Spaziergänge mit unserem Hund oder einfach so sind in der Siedlung kein Problem, auch wenn jetzt viel mehr Menschen als einst auf den Straßen unterwegs und die Häuser und Gärten auf einmal belebt sind. Es ist zu sehen, wie viele Bewohnerinnen und Bewohner früher nur zum Schlafen nach Hause gekommen sind und dass die Siedlung schon immer eine reine Schlafsiedlung für die Pendlerinnen und Pendler nach Wien gewesen ist und wieder sein wird. Auch war ich überrascht, wie viele Kinder in meiner Umgebung wohnen; diese waren sonst nie zu sehen, da sie vermutlich den ganzen Tag in der Schule und danach in Betreuungseinrichtungen verbracht haben. Das „Home-Learning“ selbst empfinde ich als sehr praktisch. Ich sitze immer in der ersten Reihe, auf einem Sessel und an einem Tisch, die ich persönlich gewählt habe und die beide zu mir passen. Ich habe keine Probleme damit, die Schrift der Vorlesungsfolien zu lesen; sollte sie zu klein sein, aktiviere ich den Zoom am Bildschirm. Wenn jemand zu

13 leise spricht, drehe ich den Ton lauter. Außerdem kann ich, wenn mir der Rücken vom vielen Sitzen weh tut, auch während der Vorlesung aufstehen und einmal eine Runde im Zimmer drehen, ohne dass ich die Vorlesung störe. Überaus angenehm ist auch, dass ich nicht die ganze Zeit meinen schweren Rucksack zur Uni und wieder zurück schleppen muss und die zwei Stunden An- und Abreise pro Tag in überfüllten Bussen und Zügen entfallen. Der Arbeitsplatz ist eingerichtet und muss nicht immer mitgenommen werden. Einen Arbeitsplatz im Garten musste ich recht schnell wieder aufgeben. Einerseits ist es leider in letzter Zeit noch oft zu kalt, andererseits stellt sich besonders die Nutzung des Laptops im Freien als größtes Problem dar. Die Internetverbindung (dieser Tage wohl eines der wichtigsten Privilegien) reicht nicht, um an den Vorlesungen teilnehmen zu können, zusätzlich ist der Bildschirm nicht an die äußeren Lichtverhältnisse angepasst. Deswegen arbeite ich besonders gerne bei geöffnetem Fenster (wenn schon nicht im Freiraum, dann wenigstens mit Verbindung zu ihm) und bekomme so von der Umgebung sehr viel mit. In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, dass eines der wichtigsten Elemente meines Zim-mers – nicht nur akustisch, sondern auch visuell – eigentlich etwas ist, das außerhalb des Hauses liegt: Auf der anderen Straßenseite befindet sich eines der wenigen noch unbebauten Grundstücke der Siedlung mit einem alten verwilderten Obstgarten und dieser macht aus, warum ich mich in meinem Zimmer so besonders wohl fühle. Von meinem Fenster aus sehe ich mehr oder weniger einen Wald und merke kaum etwas von der umliegenden Bebauung. Positive Gefühle geben mir etwa das Sonnenlicht, schöne Geräusche und gute Gerüche, wie zum Beispiel, wenn bereits während der Vorlesung in der Küche das Mittagessen vorbereitet oder ein Kuchen gebacken wird. Der Geruch nach feuchter Erde statt nach abgestandener Stadtluft und Zigarettenrauch meiner Nachbarinnen und Nachbarn erreicht mich, wenn ich in der Früh das Fenster öffne. Der Duft nach Blumen erfrischt mich am Abend. Da der Flugverkehr gesunken ist—das merke ich sehr deutlich, da

das Haus direkt unter einer Einflugschneise von Wien Schwechat liegt—treten auch alle anderen Geräusche viel deutlicher hervor. Das Zwitschern der Vögel, der nächtliche Ruf der Käuzchen und Eulen, das Fauchen und Kreischen der Katzen in der Dämmerung. Mir ist bewusst geworden, dass ich meine Umgebung viel deutlicher wahrnehme, wenn ich nicht permanent von einem Ort zum anderenhetzen muss. Da ich die meiste Zeit in meinem Zimmer sitze, habe ich zum ersten Mal die Chance, zu beobachten, wann das Sonnenlicht mein nach Nord-Westen ausgerichtetes Zimmer erreicht. Den gesamten Vormittag über ist es im Zimmer dunkel und bei bedecktem Himmel muss ich das künstliche Licht aufdrehen. Erst um ca. 15:30 Uhr fallen die ersten Sonnenstrahlen herein und wandern bis zum Sonnenuntergang durch den Raum. Da ich jetzt meine Zeit weitgehend frei einteilen kann, verbringe ich die Minuten des Sonnenuntergangs entweder draußen oder am Fenster und sehe den Farbenspielen zu, die dabei durch den niedrigen Einfallswinkel und die Bewölkung jeden Tag ganz neu entstehen. Ein zeitlicher Luxus, den ich mir normalerweise nur im Urlaub leiste. Besonders spannend finde ich es, das persönliche Umfeld von anderen Leuten zu sehen, wenn auch nur den Ausschnitt, der als Hintergrund für Videokonferenzen dient. Hier sieht man, ob der Hintergrund bewusst inszeniert oder einfach das Vorhandene gezeigt wird. Die Verbindung ist, wenn auch distanzierter, auf gewisse Art viel persönlicher, als wenn sich alle in einem vorgegebenen, weitgehend unpersönlichen Raum treffen. Außerdem bekommt man die Chance, das Umfeld von Personen zu sehen, die sonst nur inszeniert auftreten (faszinierendstes Beispiel dafür war die abgeänderte Ausstrahlung des Eurovision Songcontests, bei dem alle Künstler*innen aus ihren Wohnungen teilnahmen.

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BEOBACHTUNGEN

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A B S TA N D H A LT E N Oberstes Kredo der letzten Wochen war „Auf Abstandhalten achten!“ und das scheint schwieriger zu sein als gedacht. In der persönlichen Beobachtung hat sich gezeigt, dass von vielen Menschen der erforderliche Abstand vollkommen falsch eingeschätzt wird – und da hilft auch das neu eingeführte Konzept des „Babyelefanten“ kaum, denn wer kann sich dessen Größe schon genau vorstellen? Dieses Maßsystem ist eindeutig zu weit von menschlichen Maßvorstellungen und Bezügen entfernt und unterstreicht einmal mehr, dass der menschliche Maßstab für die Vorstellung von Proportionen essenziell ist. In der Überlegung, wie dieser Abstand für alle – nicht nur durch statisch aufgeklebte Linien oder gezogene Kreise am Boden, denn diese sind statisch und bewegen sich nicht überall hin mit – deutlich visualisiert werden könnte ist mir die Mode der Barockzeit aufgefallen. Ein „Abstandsvisualisierer“ müsste demnach ähnlich einem Reifrock aufgebaut sein. Die Größe würde vom eigenen Körperdurchmesser und vom einzuhaltenden Abstand abhängen. Natürlich müsste beachtet werden, dass alle den „Abstandsvisualisierer“ an allgemein zugänglichen Orten tragen, ähnlich wie bei den vorgeschriebenen Schutzmasken, dann wäre dieser zielführend. Im Eigenexperiment sind mir aber ein paar Aspekte aufgefallen, die ein Tragen eines solchen schwierig machen nebst der Tatsache, dass alle befragten Männer diesen – auch unter Anführung, dass es dem Allgemeinwohl dienen würde – kategorisch ablehnten und eine Ahnung aufkommen lassen, warum Räume und Bauten aus der Barockzeit so aussehen, wie sie aussehen und für unsere heutige

Zeit unverhältnismäßig großzügig bemessen erscheinen. Wurden die damaligen Bauten aufgrund der Mode so ausufernd groß gestaltet oder musste die Bekleidung so voluminös sein, um in den Räumen nicht verloren und klein zu wirken? Und welche Bezüge gibt es zwischen Architektur und Mode und umgekehrt oder wurzelt das Ganze in einer einfachen Verschwendungs- und Präsentiersucht ohne weitere Überlegungen? Beim Tragen des „Abstandsvisualisierers“ merkt man nicht nur wie unangenehm nahe man den Menschen normalerweise unbewusst kommt und wie klein Räume auf einmal erscheinen, sondern auch, wie eng ganz normale Türen sind da ist nämlich bei einem festen Reifen mit dem erforderlichen Durchmesser kein Durchkommen mehr möglich. Das Autofahren kann man damit überhaupt gänzlich vergessen. Große Doppelflügeltüren, große Kutschen und weitläufige Hallen als Aufenthaltsräume in den Prunkräumen waren ebenso durch die Bekleidung in der Barockzeit bedingt. Auch in den heutigen Regalreihen im Supermarkt und in den Hausfluren, den Aufzügen etc. ist es plötzlich sehr eng und zwei Menschen kommen kaum aneinander vorbei. Das stimmt mich als Gestalterin für Innenräume nachdenklich und ich bekomme als körperlich nicht eingeschränkter Mensch ein Gefühl dafür, welchen Platz Rollstuhlfahrer*innen, Mütter mit Kinderwägen oder alte Menschen mit Gehhilfen benötigen. Auch dafür, wie groß der richtige Abstand in Zukunft bemessen werden soll, falls die Maßnahmen über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden müssen. Der „Abstandsvisualisierer“ ist eine andere Art, den „Fußabdruck“ unserer Gesellschaft zu visualisieren, denn er zeigt unmittelbar und für alle sichtbar, welchen Platz jede und jeder Einzelne einzelne in der Welt wirklich in Anspruch nimmt.

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TAGAUS

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ES IST DER

13. MÄRZ 2020

18. MAI 2020

Am Abend geht mein Flug nach Berlin. In den Nachrichten fallen Wörter wie Quarantäne und Grenzsperre. Alle raten mir, nicht zu fliegen, denn wer weiß, wann ich zurück nachhause kommen kann. Andererseits möchte ich auch nicht auf ungewisse Zeit von meinem Freund getrennt sein. Mit all diesen Gedanken und dem unguten Gefühl der Ungewissheit bin ich trotzdem geflogen. Die Freude des Wiedersehens war wie immer sehr groß. In seiner Wohnung fühle ich mich sehr wohl, aber im Hinterkopf schwirren immer wieder Gedanken umher, wie lange ich wohl hier bleiben muss. Es begann die Eingewöhnungszeit. Ich war es gewohnt, ein bis zwei Wochen bei ihm zu sein viel länger haben wir auch am Stück nicht Zeit miteinander verbracht. Obwohl ich immer sehr gerne und auch oft über einen längeren Zeitraum in meinen eigenen vier Wänden bin, war die Situation jetzt doch anders. Ich war nicht in meiner gewohnten Umgebung und hatte meine Sachen nicht um mich. Es begann ein leichtes Gefühl der Klaustrophobie. Mit Familie und Freund*innen Videotelefonate zu führen, hat geholfen. Ich verfolgte fast täglich die österreichischen Nachrichten. In Berlin kamen die Vorschriften ungefähr ein bis zwei Wochen später. Auf den Straßen waren verdächtig viele Leute, als gäbe es keine Quarantäne. Den gewünschten Abstand zu halten, der überall angeschrieben war, fiel sehr schwer. Ich muss zugeben, ich war genervt. Es schien die Leute nicht wirklich zu kümmern. Ich frage mich, ob sonst auch so viele Menschen draußen sind. Es kommt mir vor, als wären mehr Leute unterwegs als sonst. In Parks treffen sich unbekümmert größere Gruppen und picknicken gelassen. Auf den

Grasflächen ist kaum ein Fleck frei, sie wird zur Festivalwiese. Laute Musik und überall leere Bierflaschen. Abstand zu halten ist auch hier eine echte Herausforderung. Masken werden wirklich nur in vorgeschriebenen Situationen getragen. Das gibt mir ein ungutes Gefühl, als würden die Menschen die Situation nicht ernst nehmen, wissend wie ernst die Situation in Wien genommen wird. Die Tage vergehen und man kommt in eine Routine. Ich beginne morgens Yoga zu machen und es fühlt sich toll an. Ich fühle mich wieder gelassen und glücklich, sicher auch weil der Frühling in voller Blüte ist. Auch abends setzen neue Rituale ein. Ich beginne Kerzen anzuzünden. Der Wunsch nach Gemütlichkeit und Schaffung einer anderen Atmosphäre ist gestiegen – mit der Intention, jetzt herunterzukommen und zu entspannen. Wenn man so lange zuhause ist, fallen einem auf einmal alle möglichen Details auf, wie etwa Licht und Schatten. Etwas, was mir wahrscheinlich sonst nie aufgefallen wäre, wird jetzt beobachtet, analysiert und sogar notiert. Besonders der Schattenwurf am Nachmittag vom Fenster im Wohnzimmer auf die angrenzende Wand hat besonders meine Aufmerksamkeit geweckt. Die Struktur des Vorhanges wird auf die Wand projiziert. Alle paar Minuten verändert sich die Licht- und Schattensituation. Ich notiere mir die Zeiten. Nach öfteren Beobachtungen wusste ich anhand des Schattenbildes schon ungefähr, wie spät es war. Mir fällt sehr stark auf, dass Menschen verstärkt die Verbindung zur Natur suchen. Ich selbst auch; obwohl ich ein überzeugter Stadtmensch bin, kann ich an nichts anderes denken, als daran, wie schön es wäre, jetzt

am Land zu leben. Einen Garten zu haben und Waldspaziergänge machen zu können. Meine täglichen Spaziergänge gehören jetzt auch zu meiner neuen Routine und ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen. Menschen passen sich auch sehr schnell an. Gewisse Räumlichkeiten sind derzeit nicht verfügbar, also nehmen sie einfach die Straße ein. Das Essen wird vom naheliegenden Lokal abgeholt und am Gehsteigrand verzehrt. Auch Kinderspielplätze sind leer und abgesperrt. Dafür werden an Wochenenden um den Park herum die Straßen abgeriegelt, damit sich die Kinder austoben können. Es wird Ball gespielt und mit Kreide auf die Straße gemalt. Nach Wochen wird die Situation endlich gelassener. Es ist jetzt erlaubt, sich auf eigene Gefahr, mit Leuten zu treffen. Ehrlich gesagt merke ich bezüglich der Menschenanzahl nicht viel Unterschied zu vorher. Die Straßen sind durch die geöffneten Lokale und Geschäfte belebter. Aufgrund des schönen Wetters sitzen die meisten draußen. Der Park ist noch immer beliebt und voll, auch Kinder spielen wieder auf den Spielplätzen. Obwohl es eine Erleichterung ist, dass wieder eine Form der Normalität einkehrt, und es sehr schön ist die Straße wieder zum Leben erweckt zu sehen, ist es andererseits etwas beängstigend. Zum einen ist es ungewohnt und zum anderen kommt das Gefühl auf, dass es noch zu früh dafür ist. Die schreckliche Vorstellung, dass sich der Lockdown wiederholen könnte, ist unerträglich.

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Die Grenzen lockern sich. Es wird Zeit, nach Hause zu fahren. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge mache ich mich mit dem Zug auf den Weg nach Wien. Es ist das erste Mal seit neun Wochen, dass ich mit einem öffentlichen Verkehrsmittel fahre. Wenn ich mich umsehe, schaue ich nur in maskierte Gesichter. Das ungute Gefühl kommt wieder auf. Vor ein paar Wochen hätte niemand sich das auch nur annähernd vorstellen können. Alle haben jetzt wieder mehr Freiheiten, außer mir. Ich muss jetzt zwei Wochen lang in Quarantäne. Das bedeutet für mich erneut eine Veränderung mit einer abermals gewissen Umgewöhnungszeit.

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AUSBLICKE B A L KO N L I N KS

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SONNEN-

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DER ALLESKÖNNER

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Das Gebäude wurde ca. 1900 erbaut. Die Wohnfläche beträgt ca. 64 m2. Zwei große Räume sind das Herzstück der Wohnung. Durch die komplette Hoflage ist es sehr ruhig.

Grundriss der Wohnung

Raum aufgehalten hat. Zum Glück hat meine Wohnung zwei Räume und so konnte der Homeoffice-Betrieb optimal stattfinden, sogar bei täglichem Platzwechsel. Dadurch entstand ein wenig Abwechslung und das Ganze wurde nicht zu monoton. Weiters haben sich meine Kochkünste um einiges verbessert, sodass ich Jamie Oliver mit Leichtigkeit die Stirn bieten oder sein neuer Partner in der Kochshow werden könnte. Durch die Schließung der Cafés und den damit verbundenen österreichischen Süßspeisen, wurde die Wohnung im Handumdrehen zu einer Zuckerbäckerei, die sich sehen lassen konnte. Von Biskuitroulade bis Lemon Drizzle Cake, (nach Rezept von Thomas Brezina) war fast alles dabei. Dadurch waren die wöchentlichen Kaffeehausbesuche in der eigenen Wohnung gesichert und ein wenig Normalität kam auf. Natürlich wäre ein Kaffee aus einer professionellen Maschine noch idealer gewesen, aber es konnten nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Die Ausgangssperre wird wohl immer in Erinnerung bleiben. In solch einer Situation merkt man, wie gut es uns in Österreich geht. Glücklicherweise kann ich behaupten, dass ich das Beste aus dieser Zeit gemacht habe. Seither schätze ich die Zeit mit meinen Liebsten viel mehr. Des Weiteren kenne ich jetzt die Qualitäten meiner Wohnung und weiß, was ich dort alles erledigen kann. Hoffentlich lerne ich daraus und erspare mir dadurch in Zukunft einige stressige Momente. Trotz der langen Zeit zuhause freue ich mich wieder um so mehr auf einen „normalen“ Alltag. Dazu gehören auch die vollen Tage an der NDU und das Wiedersehen aller Studierenden.

Das Gebäude der Altbauwohnung wurde ca. 1900 erbaut und befindet sich in der Stumpergasse. Die Wohnfläche betragt ca. 64m2. Zwei große Räume sind das Herzstück der Wohnung. Durch die komplette Hoflage ist es sehr ruhig und angenehm.

Die Situation der COVID-19-Pandemie sorgt für weltweite Furore. Spätestens einige Tage vor der Ausgangssperre wurde den Menschen bewusst, dass die folgenden Tage oder Wochen, wenn nicht sogar Monate zu einer herausfordernden Challenge werden. Es lag irgendwie in der Luft, dass die nächste Zeit alles verändern wird. Zu Beginn setzte Österreich einen neuen Trend, das „Hamstern“. Niemand wusste, wieso und weshalb die Supermärkte leer gekauft wurden Womöglich war die Angst vor einem kompletten „Lockdown“ sehr groß und alle wollten sich nur absichern. Natürlich war die Situation für alle neu, sich so selten wie möglich in der Öffentlichkeit blicken zu lassen und die engsten Freunde und Verwandten nicht zu sehen. Doch glücklicherweise hielten sich fast alle an die Bestimmungen und ein schlimmeres Ausmaß konnte verhindert werden. Seit der Quarantäne werden die eigenen vier Wände zum „Alleskönner“. Es wird dort so viel Zeit verbracht wie noch nie zuvor. Für viele Menschen wird aus einer kleinen Wohnung ein Homeoffice, ein Fitnessstudio, eine Erholungsoase, ein Kino – und das alles zugleich. Spätestens jetzt wird einem klar, wie wandelbar die eigene Wohnung ist. Die Versuchung nicht wirklich notwendige Einkäufe durch Onlineshopping zu kompensieren, war groß, hielt sich aber zum Glück bei mir in Grenzen. Einige nützliche Dinge, wie zum Beispiel weitere Gesellschaftsspiele, waren unverzichtbar und mussten besorgt werden. Da wird man zugleich wieder in die eigene Jugend zurückversetzt, wo der Spielabend noch tagtäglich praktiziert wurde. Auch mit den Liebsten wurde die Ausgangssperre zu einer neuen Herausforderung. Es scheint fast so, als würde man sich ein zweites Mal neu kennenlernen, da man sich zuvor ja nie wirklich 24 Stunden und sieben Tage im gleichen


BEWUSSTSEIN Aufgrund des Coronavirus-Ausbruchs hat sich unser aller Alltag verändert. Das Zuhause verwandelte sich zu unserem Mittelpunkt, in welchem wir leben, arbeiten und unsere Freizeit verbringen. Im Idealfall verlassen wir es höchstens, um Nahrungsmittel und sonstige Waren zu besorgen, welche wir zum Überleben brauchen. Diejenigen, die einen Garten nutzen können, schätzen sich glücklich. Seit Mitte März gehen die Menschen nur noch auf die Straße, um das Nötigste zu besorgen, und gehen sich dabei aus dem Weg. Der Kontakt zwischen Personen, abgesehen von Angehörigen im gemeinsamen Haushalt, kommt völlig zum Erliegen. Die Vereinsamung alleinstehender Menschen

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ist vorprogrammiert; manche müssen womöglich zwischen ihrer körperlichen und psychischen Gesundheit entscheiden. Prioritäten müssen gesetzt werden. So steht auch die Regierung, deren Aufgabe es ist, die Bürger*innen zu schützen, im Widerspruch zu den Grundrechten auf Freiheit und Versammlung. Auch die Entscheidung, den Schutz des Lebens der Menschen über die Wirtschaft zu stellen wurde getroffen. Nicht alle Staatsoberhäupter hatten die gleichen Prioritäten. Auswirkungen waren bald sichtbar – unzählige Menschen haben ihre Stellen verloren oder stehen kurz davor. Kleine wie auch große Unternehmen können ihre Geschäfte nicht

L I C H T E I N FA L L Ü B E R D E N TA G 06–05–20

10:00 UHR A R B E I T S P L AT Z K Ü C H E

12:00 UHR M I T TA G S P A U S E

17:00 SCHREIBTISCH

06 öffnen und befinden sich in der gleichen Lage. Einige Unternehmer*innen handelten kreativ und erweiterten oder passten ihr Geschäftsmodell den aktuellen Bedingungen an. Wie zum Beispiel Onlineshops, Lieferservice oder die Produktion von Desinfektionsmittel, Gesichtsmasken, usw. Doch was ist mit den Kunst- und Kulturschaffenden? Viele von ihnen stehen ebenfalls vor dem Existenzminimum, denn Museen, Konzerthäuser, Galerien, Kinos, Theater, wie auch sonstige Einrichtungen müssen geschlossen bleiben und Veranstaltungen aller Art entfallen. Dies hat nicht nur schwerwiegende Folgen für die Künstler*innen, sondern es betrifft uns alle. Die Musik, die bildende Kunst, Opernhäuser, Theater und Museen zählen alle zum kulturellen Erbe. Sie bilden zusammen die Identität unseres Landes und diese droht nun zu zerbrechen. Auch in der Nachkriegszeit stand es um die Kunst in Österreich sehr schlecht, da die Menschen nur Geld für das Nötigste aufbringen konnten und ein Dach über dem Kopf wie auch ein Essen auf dem Tisch hatten Priorität. Die Absage von Kulturveranstaltungen basiert auf Paragraph 15 des Epidemiegesetzes. Für Kulturschaffende ist die Situation erschütternd. Die allgemeine Lage hat sich mit Mitte Mai gebessert, denn das Ziel „Flatten the Curve“ wurde erreicht und somit dürfen seit 15. Mai Gastronomielokale wieder öffnen. Auch der Handel hat schon seit längerem geöffnet, woraufhin die von Langeweile geplagten Heimwerker*innen mit einem Ansturm auf die Baumärkte reagiert hatten. Doch um Veranstaltungen mit größeren Menschenmengen steht es in nächster Zeit sehr schlecht, da hier die verordneten Mindest-

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abstände zwischen einzelnen Personen nicht eingehalten werden können. Den Künstler*innen sind scheinbar noch immer die Hände gebunden, doch was sie in dieser Situation tun können, ist, mit ihren Werken Bewusstsein in Bezug zu Corona und ihrer eigenen Situation zu vermitteln und dieses Bewusstsein zu verbreiten, denn Kunst, egal welcher Art, ist ein starkes Mittel und kann jeder Person eine laute undeindrucksvolle Stimme verleihen. Vor allem auf digitaler Ebene erreicht man in der aktuellen Situation mehr Menschen denn je. Auch das Bedürfnis nach Unterhaltung in unseren eigenen vier Wänden ist groß geworden und uns bleibt mehr Zeit, um über wichtige Themen nachzudenken oder die Schönheit von Dingen zu betrachten und wertzuschätzen. Folglich wird Kunst nun mehr denn je benötigt.


CORONA – EINE LEKTION? 32

PA RT O N E CO-RO-NA – diese drei Silben klingen nicht wie Musik in meinen Ohren. Nein, sie sind vergleichbar mit dem Geräusch vom Auftreffen von Kreide auf einer Tafel, dem Laut, welcher ein Nagel von sich gibt, der gefeilt wird, dem Kratzen auf einer Nylon-Strumpfhose, dem schrillen Ton, der erklingt, wenn Besteck gegen einen Teller gerieben wird.  Und spätestens jetzt wird klar: CO-RO-NA ist also kein neuer Frühlingshit. Nein, CO-RONA gleicht vielmehr einer allergischen Reaktion auf alles, was blüht und lebendig erscheint. CO-RO-NA, du hast den Frühling gestohlen oder etwa gebracht? Die Meinungen hierzu gehen wohl auseinander. Während sich Mutter Erde von den permanenten Strapazen seit der Industrialisierung erholt und die Tierwelt ihr Territorium wieder zurückerobert, wird der Mensch dazu gezwungen ein, zwei Gänge runterzuschalten und sich in sein persönliches Gefängnis zu begeben. CO-RO-NA – wenn man der Familie, den Freund*innen und allen anderen Menschen zuliebe in seinen eigenen vier Wänden bleibt. Wenn man beim Händewaschen 2 x „Happy Birthday“ vor sich her summt. Wenn man sich beim Husten oder Niesen die Armbeuge vor den Mund hält. Wenn man nicht mehr einen Schritt ohne Maske vor die Tür wagt.  Wenn man mindestens einen Meter Abstand zu allen wandelnden Subjekten hält. Wenn man bei Fieber, Husten oder Atembeschwerden panisch die 1450 wählt, dann weiß man dass man den Verstand verloren—oder CO-RONA bekommen—hat. Wenn man sich in Maske und Handschuhen heimlich der Bankräuberbewegung angeschlossen und sich so zum Supermarkt begeben hat. Wenn man die Hamstereinkäufer*innen zu Boden geschlagen und sich selbst Vorräte gesichert hat.

Wenn man die Jagd fast hinter sich und eine endlos lange Schlange vor sich hat. Wenn man im Speed-Tempo den Parkplatz verlassen und die Verkleidung abgelegt hat, dann weiß man: dass man einen kühlen Kopf bewahren – oder CO-RO-NA verklagen – sollte. Wenn man sich also in sein Versteck zurückgezogen und sich mit massenweise Dosenessen und Toilettenpapier eingedeckt hat, denselben Sweater eine Woche lang trägt, die Dusche nur eine schemenhafte Erinnerung an ein früheres Leben darstellt und die Internetverbindung streikt, dann weiß man, wie es ist, ein*e Pfadfinder*in – oder in CO-RO-NAQuarantäne—zu sein. Wenn man die Medien akribisch verfolgt, damit man weiß wie man sich jetzt zu verhalten hat. Wenn Pressekonferenzen zu einem fixen Bestandteil im Leben werden, obwohl man selbst nie Politiker*in werden wollte. Wenn man einer lebendig gewordenen Wachsfigur mit proportional überdimensionierten Ohren tagtäglich dabei zuhört und zusieht, wie sie neue Regeln festlegt. Wenn einem mit Geldbußen in Höhe von 2000 bis 3000 Euro gedroht wird, wenn man sich seines eigenen Verstandes bedient. Wenn man kopfschüttelnd vor dem Bildschirm sitzt. Wenn man schon alle Verschwörungstheorien durchhat, dann weiß man: das Ende – oder CO-RO-NA. 

PA RT T WO CO-RO-NA „Und täglich grüßt das Murmeltier“ oder so ähnlich. Wie Bill Murray, dem Hauptdarsteller dieses Filmes, erging es mir die letzten Wochen. Gefangen in einer nicht enden wollenden Zeitschleife gleicht jeder Tag dem anderen. Mittlerweile verschwimmt der Alltag zu einer Suppe, die immer unklarer erscheint. Verwirrtheit steht an der Tagesordnung. Wochentage und Zeitgefühl sind wie

07 wegradiert. Der Arbeitsmodus ständig auf on. Das Hamsterrad ständig in Bewegung. Ob Tag oder Nacht, es spielt keine Rolle. Freizeit? Was ist das? Wochenende? Fehlanzeige. Meine Familienmitglieder haben sich mittlerweile auch darauf geeinigt, mir die schmeichelnden Spitznamen „Vampir“ oder „Ratte“ zu verpassen, nachdem ich laut ihren Angaben nur in meinem „dunklen Loch“ hocke und pausenlos auf den Bildschirm starre. Ganz unrecht haben sie damit zwar nicht, allerdings gefällt mir letzterer Kosename nicht ganz so gut. Deshalb habe ich mich zu einem Imagewechsel entschieden, den ich, wie sollte es auch anders sein, nach dem Sommersemester in Angriff nehmen werde. Denn wer hat denn die Zeit, sich mitten im Semester neu zu erfinden und alte Gewohnheiten in ständigen Abgabephasen abzulegen? Niemand. Ganz genau. Deshalb liegt „Projekt Selbstliebe“ erstmal auf Eis. Ja, an dieser Stelle gibt es sicher die*den ein*en oder ander*en Kandidat*in, die*der das anders sehen mag. Als Designer*in hat man jedoch sicherlich schon Bekanntschaft mit solchen Phasen geschlossen und weiß nur allzu gut, wie es ist, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Und zwar nicht in Clubs, nein — in dem bereits erwähnten Loch, in das man, wie Alice auf wundersame Weise, gefallen ist und aus dem man sich nur schwer befreien kann. Es ist nicht so, dass diese Art zu leben nicht auch ein bisschen Spaß macht. Sich immer mehr in Konzepten zu verlieren und sich vorzustellen, wie auch andere kreative Geister die Nacht zum Tag und das Unmögliche möglich machen: die rechtzeitige Abgabe eines Projekts. CO-RO-NA – das Leben davor? Glich dem oben beschriebenen Szenario. CO-RONA – hat es meine Sicht verändert? Ja, aber nicht so wie man es erwarten würde. Während

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andere von entschleunigtem Leben geschwärmt, Online-Kurse bei masterclass absolviert, Pamela Reif-Home-Workouts praktiziert, Ausmisten à la Marie Kondo in Angriff genommen und Netflix-Serienmarathons hinter sich haben, bestand mein Alltag aus gefühlten 99 % Arbeit. So nüchtern, wie es klingt, war es auch. Während der Coronakrise gab es nicht weniger Hektik, Stress oder Aufgaben als zuvor. Was wirklich Energie gebracht hat, waren die meist abendlichen oder nächtlichen Spaziergänge mit meiner Familie. Ganz egal, ob man das Haus mit einer dicken Winterjacke oder einem frühlingshaften Überzug verlassen hat, die Zeit an der frischen Luft hat geholfen, den Kopf frei zu bekommen und aus den Zwängen der eigenen vier Wände und denen des Arbeitsplatzes zu entkommen. Mein Bett war zwar immer in Sichtweite, allerdings wurde es von mir vergleichsweise wenig genutzt. Mein Partner hingegen hat es sich darin gemütlich gemacht und mir von dort aus Kraft gespendet, indem er mich mit seinem Humor beglückt, seinem Gesang aufgeheitert, seinen Vorlesekünsten inspiriert und mich um drei, vier, fünf Uhr morgens oder später in seine starken Arme geschlossen und mich gewärmt hat. CO-RO-NA hatte für mich also nichts mit Stillstand zu tun. CO-RO-NA hat mir unabhängig von seiner Existenz gezeigt, dass meine mentale und physische Gesundheit endgültig die oberste Priorität haben sollte. Dass ein Leben gefüllt mit Arbeit eben nur ein Leben voller Arbeit bedeutet. Dass ein Zustand ständiger Erschöpfung nicht die Regel sein sollte. Dass Zeit mit Familie und Freund*innen einen festen Bestandteil im Alltag haben darf. Dass es möglich sein muss, sein Leben zu leben — eingeschlossen aller Aufgaben, die es queren und manchmal erschweren. CO-RO-NA – Lektion gelernt?


CORONAPRODUKTIVITÄT

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Reden wir doch mal über die Produktivität. Dieses Diagramm zeigt mein Vorankommen während des Tages an. Wie unschwer zu erkennen ist, sind tatsächlich die dunkelsten Stunden am fruchtbarsten. Sich die Nächte vor dem Laptop um die Ohren zu schlagen und bis in die frühen Morgenstunden durchzumachen, gehört mittlerweile zur daily routine. CO-RO-NA war für viele eine Zeit

der Entschleunigung. Vieles, was lange aufgeschoben wurde, hatte nun endlich Platz im nie endenden Wahnsinn des Alltags. Ob Umbauarbeiten, Sport-Sessions, Online-Kurse, kreative Pausen, Ausmisten oder einfach nur ein gemütlicher Netflix-Serienmarathon auf dem Sofa. Zig Menschen berichteten von ihrer neu gewonnenen Freiheit und der positiven Seite eines Virus, das die Welt in Atem hält.

BOUQUET Die Natur hat uns in den letzten Wochen so viel gegeben, so viel Kraft geschenkt. Das tut sie immer, nur ist das in den vergangenen Wochen der*dem einen oder anderen mehr ins Bewusstsein getreten. Die erlaubten Spaziergänge in näherer Umgebung zeigen die Vielfalt und Schönheit, die uns jeden Tag umgibt. Man muss nur hinsehen.


SELBSTREFLEXION Gedanken während dieser Zeit zu sammeln und auf Papier zu bringen, ist keine leichte Aufgabe. All dieses Gewirr im Kopf, diese vielen Beschränkungen, Vorschriften und diese ungewohnte Situation fühlen sich befremdlich an. Das Tragen von Masken beim Einkaufen ist noch viel fremder. Für mich ist es besonders ungewohnt, für gewöhnlich reise ich täglich von A nach B – Wien, St. Pölten, Waidhofen ander Ybbs, Haidershofen und Weyer. Viele Orte, die ich mein Zuhause nenne – doch wohin mit mir in dieser Zeit? Einiges ist nach und nach weggefallen: Die Uni wurde geschlossen, Räumlichkeiten in, denen ich normalerweise arbeite, darf ich nun auch nicht mehr von Innen sehen. Diese vermisse ich. Auch der Kontakt zu den Menschen an diesen Orten ist unterbunden. Zwar funktioniert das Kontakthalten elektronisch überraschend gut, dennoch ist diese Distanz nicht leicht zu handeln. Man würde meinte zwar, man hat viel Zeit zuhause und alle Termine immer im Kopf, doch dem würde ich nicht zustimmen. Die Termine im Kopf werden vermischt mit Gedanken an die Zukunft; die Menschen, die man vermisst nehmen einen großen Teil ein, der Wunsch das zu tun, was man gewöhnt ist, bestimmt die Gedanken. Man wünscht sich den Alltag zurück. Doch gleichzeitig bemerkt man auch, wie schön man es zuhause eigentlich hat. Der Gegenstand, der normal dein Esstisch ist, eignet sich auch als Schreibtisch – welch ein guter Zufall. Doch der Drehstuhl mit dem ergonomischen Rücken fehlt. Das merkt man, wenn man sich nach der neunstündigen Computerarbeit vom Schreibtisch entfernt, ihn wieder zum Esstisch umfunktioniert und das Büro für heute verlässt. Die Zeit vergeht, wenn man neben dem Studieren auch noch arbeiten muss. Es vermischt sich alles in einem Raum – das Lernen, das

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Arbeiten und das Wohnen. Der kleine Balkon, der untertags das Licht in den Raum fallen lässt, erweist sich in dieser Zeit als wahres Geschenk. Wie gerne würde ich ihn nur aufhübschen, um auch zuhause das Gefühl von Urlaub verspüren zu können. Palmen, ein kleiner Gemüsegarten mit einer Liege und einer Hängematte, um Abwechslung zu garantieren. Zu viel geträumt, so groß ist er nicht. Auch die Wohnung innen könnte wieder mal verändert werden. Eine neue Farbe an der Wand? Und wie würde die Küche aussehen, wenn ich sie unten dunkel streiche, sodass sie zu den angrenzenden Sideboards passt? Neue Kissen auf die Couch? Ach, wie schön die Abendsonne den Raum erhellt. Ist es etwa schon Abend? Die Zeit vergeht, Tag für Tag macht man das Gleiche in den gleichen Räumen. Die einzige Abwechslung ist der Weg nach draußen – welch ein Privileg hab ich in dieser Zeit, aus der Großstadt Wien flüchten zu können – durch den Wald zu spazieren, die Gedanken kurz stummzuschalten und einfach mal zu genießen. Die frische Luft und die andere Umgebung tun wirklich unglaublich gut und füllen die Energiereserven wieder einigermaßen auf. Dann wieder nach Hause eine Kleinigkeit essen, ab zum Schreibtisch, ach nein, Esstisch. Zurück sind die Gedanken an den morgigen Tag: Was hab ich da wieder alles zu tun? Viel, aber keine Sorge, du musst nirgends hin, du kannst hier bleiben und musst deine Koffer nicht packen für deine nächste Reise.

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EIN TAG QUARANTÄNE 38

WIE SIEHT EIN TAG IN CORONA QUARANTÄNE AUS? GUTEN MORGEN 1:oo 2:oo

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CORONA NEUES NEUHEITEN DIE CORONA MIT SICH BRINGT NEUHEITEN DIE CORONA MIT SICH BRINGT BRINGT

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GUTE NACHT 1:oo 2:oo

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C O R O N AV I R U S C O V I D -1 9 Die Coronavirus-Erkrankung ist eine Infektionskrankheit, die von einem neu entdeckten Coronavirus ausgelöst wird. Die meisten Menschen, die an COVID-19 erkranken, haben leichte bis mittelschwere Symptome und werden wieder gesund, ohne dass sie eine besondere ärztliche Behandlung benötigen.


CORONAMAHLZEIT Dies ist ein unglaublich außergewöhnliches Geschehnis, mit vielen Sanktionen, und es bringt viele ungewohnte Situationen in unser Leben. Das Erste, was mich wirklich betrifft, ist natürlich der Hausarrest und die soziale Distanz. Plötzlich trat ein winziger Virus in unser Leben ein und wir mussten alles entsprechend planen. Es ist sehr schwierig, das Haus nicht zu verlassen, außer für Pflichten, sich nicht nach draußen zu begeben, keine Zeit mit den Lieben verbringen und sie nicht umarmen zu können. Obwohl das Wetter schön ist, sind die Straßen fast leer, und die Leute, die mit Masken herumlaufen, wirken seltsam. Es erinnert fast an einen Film, nur fehlen draußen herumwandernde Zombies. Vieler andere Probleme rücken in den Hintergrund. So schwierig diese Ereignisse auch sein mögen, ich bin glücklich Zuhause zu sein, gesund und mit meiner Familie. Ich liebe mein Zuhause, diesen Ort, wo ich mit meiner Familie lebe. In meinem Zimmer verbringe ich natürlich die meiste Zeit. Ich schlafe hier, studiere, lese oder suche Ruhezeiten. Ich fühle mich hier gut, es ist sehr hell, aber natürlich gibt es gewisse Dinge, die besser sein könnten. In meinem Zimmer mit einer Größe von 12,5 Quadratmetern habe ich eigentlich genug Platz, aber mein großer Zeichentisch führt natürlich zu etwas Raumverlust. Ebenfalls gibt es keine Steckdose in der Nähe meines Schreibtisches, sodass ich ein Verlängerungskabel benötige. Das andere Zimmer, in dem ich die meiste Zeit mit meiner Familie verbringe, ist das Wohnzimmer. Wir haben ein sehr großes, helles und geräumiges Wohnzimmer, mit einem großen Esstisch, hinter welchem sich die Balkontür befindet. Ein kleinerer Esstisch wäre an dieser Stelle wohl vorzuziehen gewesen. Wir haben eine Küche in der Größe von 15 Quadratmetern. Sehr praktisch, hell und komfortabel, da wir genug

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Platz für die ganze Familie haben. Das einzig Störende ist die räumliche Enge zwischen Kühlschrank, Mikrowelle und Backofen in der Ecke des Raumes. Wenn wir zum Beispiel gekochtes Essen aus dem Ofen nehmen, besteht keine Möglichkeit, die Kühlschranktür gleichzeitig zu öffnen. Natürliches Licht während des Tages wirkt sich sehr positiv auf mich aus. Bei künstlichem Licht, denke ich, ist die Farbe des Lichts wichtig. Die Wirkung des weißen Lichts auf mich ist kälter und macht mich aggressiver, während mich die warme Wirkung des gelben Lichts beruhigt. Mit dem Auftauchen des Coronavirus in unserem Leben haben sich viele Dinge geändert. Insbesondere die Nutzung unseres Zuhauses hat sich verändert. Da wir während der Pandemie nicht frei ausgehen können, sind wir meistens auf dem Balkon. So wurde uns sehr deutlich gemacht, wie wichtig unsere Freiheit ist. Da wir nicht mehr im Freien, in Cafés oder im Restaurant essen können, hat sich die Nutzung der Küche deutlich erhöht. Die Zubereitung der Mahlzeiten benötigt viel Zeit. Leider ist es infolgedessen nicht sehr gesund, ständig zu Hause zu sein, sich überhaupt nicht zu bewegen und vermehrt zu kochen bzw. zu essen. So hat sich die Nutzung des Sportraums in unserem Wohnhaus deutlich erhöht. Wir machen fast jeden Tag Sport, versuchen gesund zu bleiben und die Pandemie durchzustehen!

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M E R C I M E K K Ö F T E S I — Frikadelle aus roten Linsen

K A R N I Y A R I K — mit Faschiertem gefüllte Aubergine

09 P I Y A Z — Salat mit weißen Bohnen


RICHTIGES VERHALTEN?

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Am 15. März verdichteten sich die Gerüchte über eine naheliegende Quarantäne in Österreich aufgrund der weltweiten CoronaPandemie. Mein Freund und ich beschlossen kurzerhand, unsere Sachen zu packen und zusammen in eine freistehende Wohnung meiner Familie zu ziehen. Beim Zusammensuchen meiner Kleidung kamen mir immer mehr Zweifel: „Wie viel pack ich überhaupt ein? Zahlt es sich überhaupt aus Ort zu wechseln? Wir sind doch in einer Woche wieder zurück in der Normalität!“ Entschlossen packte ich also wie für einen Wochenendtrip, ohne zu wissen, dass es nicht bei einem Wochenendausflug bleiben wird. Die ersten Tage in der Quarantäne sind sehr ungewohnt und angespannt. Alle paar Stunden gibt es Neuigkeiten aus den Nachrichten, die gleich anschließend in diversen Whatsapp-Gruppen diskutiert werden. Viele Leute nehmen das Thema auf die leichte Schulter und finden den Kauf von Masken lächerlich. Auf der anderen Seite gibt es jene Leute, die sich mit ihrer Familie völlig verschanzen, das Haus nicht mehr verlassen wollen und die nächsten drei Wochen von Vorräten leben. Die Ungewissheit, welches Verhalten nun richtig ist, beziehungsweise ob es überhaupt ein „richtiges Verhalten“ gibt, macht das Leben in der neuen Situation noch eigenartiger. Bald jedoch merkt man den Zusammenhalt der Menschen. Es wird einem schnell klar, dass wir alle im selben Boot sitzen. Wir alle müssen zuhause bleiben, wir alle sorgen uns um Nahestehende und wir alle wissen nicht, wohin das Ganze führt. Nach einigen Tagen wirkt das Zuhausebleiben fast schon normal. Vor die Tür zu gehen, fühlt sich unbekannt an und wurde schnell uninteressant für mich. Zum Glück ist meine Wohnung groß und sehr hell, wodurch die alltäglichen Dinge

zuhause einfacher erscheinen. Nach der Eingewöhnungsphase wird mir schnell klar, dass die Zeit vor dem Laptop zu einem noch viel größeren Bestandteil meines Tages wird als sonst. Es stellt sich heraus, dass man Präsentationen, Besprechungen und Vorlesungen von der Universität problemlos online weiterführen kann. Es scheint jedoch so, als ob alle Aktivitäten doppelt so lange dauern und die eingeschränkte Kommunikation einiges erschwert. Vier Stunden online einem Vortrag zuzuhören, ermüdet viel schneller. Einer Person inhaltlich folgen zu können, deren Kopf am Bildschirm nicht größer als 10 Zentimeter ist, scheint auch eine größere Herausforderung zu sein, als anfänglich gedacht. Sobald man den Laptop nach mehreren Stunden Online-Unterhaltungen schließt, merkt man, dass man in einem dunklen, geschlossenen Raum, vollkommen alleine in einer nicht realen Welt versunken ist. Durch eine intensive Computernutzung erhöhen sich natürlich auch die technischen Probleme. Das WLAN funktioniert plötzlich nicht, der Laptop stürzt grundlos ab, ein wichtiges Programm lässt sich einfach nicht öffnen – all das scheint wie das Ende der Welt, wenn sich das Leben nur mehr online abspielt. Viele Dinge nimmt man in der CoronaQuarantäne ganz anders wahr: Das Untergehen der Sonne, das im Stress des Alltags oft gar nicht wahrgenommen wird, ist ein bedeutender Moment am Tag. Die Lichtstimmung ändert sich, künstliches Licht wird plötzlich benötigt und die Wohnung wird auf einmal zu einem ganz anderen Umfeld – die Dunkelheit wirkt bedrückender als sonst.

A N A V EaR A G E C O R O N A D AY verage corona day sleepingsleep relaxing

sleep

relaxing

relaxing

moving around (kitchen, bathroom) movement [kitchen, bathroom]

[kitchen, bathroom] working,movement university

making phone calls work, university work, university

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MEIN WOHNORT

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WAS I ST E I N ZUHAUSE? Wie entwickelt ein Mensch eine emotionale Beziehung zu einer Konstruktion, die ihm Schutz bietet? Nicht in Frage steht die Tatsache, dass jeder Mensch Unterschlupf sucht. Selbst Obdachlose, die oft aus einer bewussten Entscheidung heraus kein Zuhause haben, organisieren temporäre Bauten, die sie vor Wetterbedingungen, Lärm und Angriffen von außen schützen und ihnen ein Gefühl von Sicherheit verschaffen. Dies ist ein Urinstinkt, der logischerweise auf dem Selbsterhaltungswillen beruht. Ab welchem Zeitpunkt fangen wir aber an, eine emotionale Bindung zu unser Unterkunft zu entwickeln? Wann beginnen wir, unseren Platz Zuhause zu nennen? Aufgrund des Migrationshintergrunds habe ich in den letzten 15 Jahren oft meinen Wohnort gewechselt. Ich hatte bereits verschiedene Wohnungen in England, Frankreich und Österreich gemietet und bin daher

auf unterschiedliche Organisations- und Wohnformen gestoßen. Natürlich hängt es von den individuellen Bedürfnissen der Menschen ab, welche Bedingungen ein Haus erfüllen muss, damit sie sich darin wohl fühlen. Es ist schwierig, allgemeingültige Regeln dementsprechend zu definieren. Meine Überlegungen konzentrieren sich auf die emotionale Einstellung der*des Bewohner*in zu ihren*seinen vier Wänden. Ich bleibe in der Quarantäne-Zeit nicht in meinem eigenen Haus, sondern an einem Ort, der mir bessere Möglichkeiten bietet, diese ungewöhnliche Zeit zu verbringen. Meine Wohnung war für mich bis jetzt aufgrund ihrer Lage – Nähe zum Zentrum, guter Zugang zum Bahnhof, um zur Universität zu kommen, Nähe zu Geschäften und allgemein gute Infrastruktur – komfortabel. In der aktuellen Situation, in der ich nicht zum Bahnhof, und nur selten zum Laden gehen

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11 muss, haben sich meine Bedürfnisse radikal verändert. Der Aufenthalt in meiner Wohnung wäre extrem belastend und umständlich. Ich wohne derzeit in einem Einfamilienhaus in der Steiermark, wo es einen Garten und viel Natur gibt. Wegen der fehlenden Infrastruktur und schlechten Zugverbindung nach Sankt Pölten war es für mich vorher nicht möglich, hier zu bleiben. In der Quarantäne-Situation ist dieser Ort jedoch viel vorteilhafter, da er alles bietet, was den Stadtbewohner*innen per Ausgangssperre verboten wurde. Ich habe mich sehr schnell an den neuen Aufenthaltsort gewöhnt und vermisse meine Wohnung nicht im emotionalen Sinne. Das einzige, was mir fehlt, sind individuelle Dinge, die ich in zwei Gruppen einteilen kann: Dinge, die ich aus praktischen Gründen brauche – für Hausaufgaben, Körperpflege usw. – oder Dinge, die für mich einen sentimentalen Wert haben. Die Wohnung selbst hat für mich keinen gefühlsmäßigen Inhalt. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass die Zufriedenheit mit dem Wohnort untrennbar mit den aktuellen Bedürfnissen verbunden ist. Wenn sich die Umstände ändern, ändert sich auch die emotionale Einstellung zum eigenen Heim. Wenn das Heim seinen Zweck

nicht mehr erfüllt, kann sich eine negative Einstellung zu ihm entwickeln. Was wirklich einen emotionalen Wert hat, ist der Inhalt des Hauses – die Menschen und Gegenstände, die es ausmachen. Das Haus selbst besteht nur aus „vier Wänden“, die den Behälter für die Aufbewahrung dieses Inhalts darstellen. Das Haus ist wie eine Schatulle zur Aufbewahrung kleinerer Gegenstände, die einen realen Wert haben. Das bedeutet, dass es für eine Person leicht ist, sich emotional von ihrem Zuhause abzutrennen und an einen Ort zu ziehen, der ihren Bedürfnissen besser entspricht. In einer solchen Situation wird es ihr sehr leicht fallen, sich an ihre neue Heimat zu gewöhnen. Für Architekt*innen ist dies aber auch eine weitere sehr wichtige Schlussfolgerung. In unseren Projekten sollten wir uns so sehr dafür einsetzen, die Bedürfnisse der Bewohner*innen zu berücksichtigen, dass sie eine möglichst starke emotionale Bindung zu ihrem Zuhause entwickeln. Nur dann werden sie sich in ihren Wohnungen wirklich wohl fühlen und sie nicht mehr verlassen wollen. D I E N AT U R IST EINE ARCHITEKIN.


DREI RÄUME

Wohnungsgrundriss

ERZEUGT DURCH EINE AUTODESK-STUDENTENVERSION

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FORUM II ERZEUGT DURCH EINE AUTODESK-STUDENTENVERSION

B A L K O N SoSe 2020 _ Heidelinde Mickal ERZEUGT DURCH EINE AUTODESK-STUDENTENVERSION

Die Zeit der Corona-Pandemie, in der man sehr viel mehr Zeit zuhause verbringt und Arbeiten, Uni und soziale Kontakte ins Digitale verlegt werden, ändert bei mir den täglichen Ablauf, die Stimmungen und das Erleben. Die drei Räume, in denen ich mich am meisten aufhalte, habe ich hier kurz beschrieben.

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Zum einen wächst mein Bewusstsein für das Leben auf meinem Balkon. Ich freue mich sehr, dass ich im letzten Herbst Blumenzwiebel eingesetzt habe und jetzt im Frühling deren Wachstum täglich beobachten kann. Wodurch das Pflegen der Pflanzen nun auch viel mehr an Bedeutung für mich gewonnen hat. Zum anderen habe ich das Vorhaben, nun die Samen der Sommerblumen auszusäen, da es mir sehr Spaß macht, zuzusehen, wie sich das Wachstum jeden Tag entwickelt. Der Besuch von Bienen oder die Kommunikation der Vögel untereinander ist in meiner Wahrnehmung viel wertvoller geworden und eine sehr freudige Abwechslung zum sonstigen Leben im Wohnzimmer.

WOHNZIMMER

INTERNET

Homeoffice und das digitale Erleben der Uni-Veranstaltungen zuhause lassen mein Wohnzimmer zu einem Raum werden, der nun viel mehr Nutzungen inne hat. Der Tag spielt sich ausschließlich hier ab – ob es Videokonferenzen mit der Arbeit sind, Seminare, Tutorials, Präsentationen von der Uni, die Teamarbeit fürs Projekt, Modellbauen, Recherchieren, Essen, Hobbies, das Pflegen der sozialen Kontakte über Video Calls oder Festnetz, Online Gaming oder Offline gaming mit Video Calls sowie das Relaxen. Die Verknüpfung des Privatlebens mit den „things to do“ findet ausschließlich in einem Raum statt. Für mich ist es dadurch notwendig, ein Ritual bewusst festzulegen, um den „Arbeitstag“ für beendet zu erklären. Das kann in Form von „Am Balkon sitzen“, Abendspaziergängen oder auch Kochen geschehen.

Wahrnehmbar ist auch die Abhängigkeit vom Internetanbieter. In meinem Bezirk in Wien gab es an einem Tag im Mai einen Absturz des Systems. Er hat nur vier Stunden gedauert, hat mir aber auch eine völlige Abhängigkeit bewusst gemacht. Während dieser Zeit war alles lahmgelegt, was für mein aktuelles Tagesgeschehen gerade notwendig ist.

KÜCHE Die Küche ist ein Raum, der viel frequentierter geworden ist und dadurch natürlich auch wichtiger. Das Kochen war mir schon immer eine Freude, aber nun freue ich mich auch mal wieder darauf, nicht selber zu kochen, auch wenn ich hin und wieder neue Rezepte ausprobiere. Ungewöhnlich war es für mich, eine ganze Woche Lebensmittel zu besorgen, was ich nie mache und auch schnell wieder verwerfen werde. Meine Küche wird in dieser Zeit mehr gepflegt und als ein wichtiger Pausenraum für mich erlebt.

NEUERUNGEN Des Öfteren spiele ich mit meinen Nichten und Neffen in Deutschland, um deren Eltern eine kurze Pause zu gestatten – und zwar Offline-Spiele, die über Videotelefonie durchführbar sind. Eine Neuerung ist vielleicht auch die Wiederaufnahme des Analogen. Ich pflege momentan einen Briefkontakt mit meiner Nichte. Auch mit meinen Freund*innen in Wien werden als Neuerung Abende mit Videogames gestaltet. Video Calls an sich haben auch schon davor stattgefunden, da viele Freund*innen und Familienmitglieder im Ausland leben. Die neue Häufigkeit der Calls und das Gemeinsam-Zeit-Verbringen jetzt über Video ist jedoch sehr gestiegen. Ich merke wie der soziale Austausch gerade jetzt viel mehr Wichtigkeit bekommen hat und wie sich die Pandemie in den jeweiligen Ländern auswirkt. Es ist auch bezeichnend, dass das ehrliche Erkunden des zwischenmenschlichen Wohlergehens nicht nur privat in der Kommunikation an Bedeutung gewonnen hat.


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FORUM II

TAGESAKTIVITÄTEN

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FORUM II

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SoSe 2020 _ Heidelinde Mickal

SoSe 2020 _ Heidelinde Mickal

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TAG 46

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13 ARTEFAKT: LIEBLINGSORT

Die letzten Wochen waren geprägt von ständiger medialer Berichterstattung über die Zahlen der Neuinfektionen und Geheilten, über neue staatliche Regelungen, die Arbeitswelt und das Privatleben. Heute ist Tag 46 unserer Quarantäne und rückblickend – oder gerade jetzt mit den bevorstehenden Lockerungen – ist diese neue Situation immer noch ein Rätsel. Ein Rätsel oder eine Situation, die uns wahrscheinlich noch länger beschäftigt und begleitet. Die letzte Zeit war durchwachsen und ich blicke mit gemischten Gefühlen zurück. Tag eins: 16. März. Ausgangsbeschränkungen wurden verhängt. Anfangs war diese überaus neue Situation sehr schwierig für mich; ich machte mir große Sorgen vor der kommenden Zeit und auch um meine Familie und Freund*innen. Ich war bereits Anfang Februar schon mit dem Virus konfrontiert, da ich meinen Urlaub in Thailand verbrachte. Zu diesem Zeitpunkt war der Virus noch nicht in Österreich angekommen. Es war für mich nicht neu, dass viele Menschen in Asien Masken tragen, und man wurde vermehrt mit dem Virus konfrontiert. In vielen Geschäften waren die Masken bereits ausverkauft, man musste sich überall die Hände desinfizieren und manchmal wurde die Temperatur gemessen. Trotz all dem kehrte ich nach einer tollen Reise gesund nach Österreich zurück und freute mich nun wieder, weit weg von dem Virus zu sein und mir keinerlei Gedanken machen zu müssen. Einige Wochen später erreichte COVID-19 auch uns und rückblickend hätte ich mir nie gedacht, dass sich alles so entwickeln wird. Es folgten viele Wochen zuhause ohne soziale Kontakte und der Ungewissheit, wie lange wir nun so leben müssen. Wir hatten weiterhin Uni allerdings virtuell, was

erstaunlich gut funktionierte. Dadurch, dass die Tage gefüllt waren mit virtuellem Coaching, Vorträgen und der Self-Study Time, waren die Tage gut strukturiert und es gab immer was zu tun. Die übrige Zeit konnte ich gut für meine eigene Wohnung nutzen: Ich putze so gründlich wie noch nie und setzte einige Ideen um. Nach dieser langen Zeit nehme ich mein Zuhause immer noch – oder sogar verstärkt – als meine persönliche Oase war, in der ich mich sehr wohlfühle. Rückblickend habe ich die Quarantäne-Zeit als entschleunigend empfunden. Ich habe Dinge geschafft, die ich Monate vor mich hergeschoben hatte, habe neue Ecken in meiner Wohnung entdeckt, die zu meinen Lieblingsplätzen geworden sind wie zum Beispiel die Fensterbank im Wohnzimmer. Ich entdeckte meine Freude am Basteln und werde mir auch in Zukunft Zeit dafür nehmen. Diese Faktoren und vor allem mein schönes Zuhause halfen mir sehr durch diese Zeit. Im Moment ist es nicht klar, ob sich diese Situation in den kommenden Wochen wiederholen wird, viele sprechen von einer zweiten Welle in ein paar Wochen oder Monaten, die Ungewissheit bleibt. Was jedoch nicht bleibt, ist die Angst vor dem Zuhausesein.

MEIN LIEBLINGSORT


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eigentlich nichts zerstören konnte, doch anfing zu bröckeln. Menschen werden von Nachbar*innen angezeigt, jede*r beobachtet jede*n und ernennt sich zur*zum „Held*in der Menschheit“. Wie definiert man Held*innen der Menschheit? Sind das diejenige, die andere anzeigen und maßregeln? Klar ist, Risikogruppen und ältere Menschen müssen geschützt werden und jedes Leben zählt. Die Entwicklung des Verhaltens von Menschen, die sich alle in einer Ausnahmesituation befinden, lässt das unwohle Gefühl in mir nicht verschwinden. In Anbetracht der Geschichte der Menschheit ist es nicht verwerflich, sich bestimmten Umständen zumindest bewusst zu sein und zu reflektieren, wie man mit gewissen Situationen umgeht, wie Menschen in gewissen Situationen handeln und gehandelt haben. Wichtig für mich ist es, dass so viele Menschen wie möglich gesund aus dieser Krise kommen, und vor allem, dass unser Zusammenleben weiterhin, auch abseits der Krise, von Zusammenhalt,

Respekt und Mitgefühl unseren Mitmenschen Problem. Vielmehr sind es die sozialen Kongegenüber geprägt ist. takte, die man sich sehnlichst wünscht, Mein jetziger Alltag besteht daraus, und Menschen, die man wieder in die Arme zuhause zu sein, unterschiedlichen, teilschließen kann. Diesbezüglich schwindet weise neuen Hobbies nachzugehen und mit jedoch meine Hoffnung, dass es den einen meinen Freund*innen und meiner Familie zu Tag geben wird, an dem alle wieder auf telefonieren. Außerdem kommt die Langedie Straßen gehen und sich unter Freudenweile hinzu, die mir im noch stressigen Alltag tränen in die Arme fallen werden. Allergefehlt hat. Erst dadurch konnten sich einige dings würde esnatürlich schon reichen, sich neue Gedanken entwickeln und man sieht mit Masken wiederzusehen. Ja, ich finde einiges aus einer ganz anderen Perspektive. das wäre ein toller Anfang, zurück ins alte Sichtweisen, die sich im stressigen StudienLeben zu kommen. oder Berufsalltag gar nicht erst entwickelt hatten. Meine Freund*innen nicht mehr besuchen zu können, fällt mir schwer. Mit Videotelefonie, Telefonaten, SMS oder ähnlichem konnte man sich einige Zeit lang mit den Ablauf Ablauf Lockdown Lockdown in inmeiner meinerSiedlung Siedlung Ausgangsbeschränkungen abfinden. Jetzt Corona CoronaLockdown Lockdown- -Woche Woche11 Corona CoronaLockdown Lockdown- -Woche Woche22bis bis55 ist es jedoch schon eine sehr lange Zeit, die WOHNWEG WOHNWEG WOHNWEG WOHNWEG man isoliert in den eigenen vier Wänden verbringt, und man wünscht sich das gewohnte Leben mehr denn je. Die Tatsache, nicht mehr einkaufen gehen zu können oder sich die Haare schneiden zu lassen, ist nicht mein

WOHNWEG WOHNWEG

Eine nie dagewesene Situation bestimmt unser Land, unsere Gedanken, unser Leben. Dass der Beginn noch nicht das Schlimmste war, konnte man da noch nicht ahnen. Erstmal alle – bis auf drei triftige Gründe – zuhause bleiben, war die Devise. Die Schließung der Geschäfte, der Schulen, das HomeOffice und – bezogen auf uns Studierende – natürlich auch die Schließung der Universität können dann schon ein mulmiges Gefühl auslosen. Mit einigen Floskeln, wie „Das wird schon nicht lange dauern...“, schaffte man es, sich die ersten Tage zu vertrösten. Das Land hält zusammen und die Österreicher*innen rufen zu Solidarität, Mithilfe und Zusammenhalt auf. Plötzlich waren wir eine Einheit, waren angetan von unserer Politspitze und mir schien, als wäre es das erste Mal so. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl konnte man wahrlich spuren, alleine beim Zusehen bei den ersten Pressekonferenzen, da man ziemlich genau wusste: Da sieht jetzt wirklich jede*r zu. Umso bestürzter war ich, als dieses Gefühl, das

DER MENSCHHEIT

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HELD* INNEN

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ABLAUF LOCKDOWN Ablauf Lockdownin inmeiner meinerSiedlung Siedlung I N M E I N E R S I EAblauf D L U N GLockdown Corona CoronaLockdown Lockdown- -Woche Woche11

Corona CoronaLockdown Lockdown- -Woche Woche22bis bis55

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Lockdown- -Woche Woche55bis bis88 W O C H E Corona 1CoronaLockdown WOHNWEG WOHNWEG

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CoronaLockdown Woche99 W O C H E 2Corona – 5 Lockdown- -Woche

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Bewohner Bewohner


MUSIKALISCHES ARTEFAKT

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ANAHOIB METER 2019, ein Virus bricht aus Wer is drau Schuid? A Fledermaus. 2019, in Wuhan geht’s los In Ischgl was kana, die Party is groß. 2020, Heislpapier Jeder hat ghamstert, ohne Genier.

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2020, die Regierung gibt’s vor Owa fia manche is ned gounz kloa. „Wie groß ist eigentlich so ein Babyelefant?“ Anahoib Meter – greif mi ned au. Anahoib Meter – sunst gehst du in Bau. Anahoib Meter – is gsund fia uns olle. Anahoib Meter – Basti hat die Kontrolle. Mitte März, die Regierung gibt’s vor Ollas is gschlossen, kana schneidt da die Hoa. Anfang April, jeder geht jetzt spaziern. Olle in Kurzarbeit, wer sui’s finanziern. Mitte April, des Wagerl is Pflicht Am Ende des Tunnels sieht man langsam schon Licht. Und jetzt im Mai, dürf ma wieder hinaus. Basti bleibt standhaft, die Maske bleibt drauf. „Und die Moral von der Geschicht? Abstand hält man oder nicht!“

Anahoib Meter – greif mi ned au. Anahoib Meter – sunst gehst du in Bau. Anahoib Meter – is gsund fia uns olle. Anahoib Meter – Basti hat die Kontrolle.

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ERNSTNEHMEN? Ehrlich zugegeben wusste ich schon lange, bevor die Coronakrise ausgebrochen ist, dass die ganze Welt und unser Lebensstil zumindest für einige Monate auf den Kopf gestellt werden wird. Als Psychiaterin hatte meine Mutter schon Wochen vor der Ausgangssperre gesagt, ich solle genug Nahrungsmittel einkaufen und am besten für einige Wochen, um nicht mehr aus der Wohnung rausgehen zu müssen. Die Informationen hatte sie, weil sich dies unter den Ärzt*innen ziemlich schnell herumgesprochen hatte. Ich habe sie selbstverständlich nicht ernst genommen – wieso auch? Wir hatten weiterhin Unterricht, sogar die Ausflüge nach Steyr wurden nicht abgesagt, es gab also keinen Grund, Panik zu schieben. Unter den Klassenkolleg*innen gab es einige, die bezüglich dieser Ausflüge eher skeptisch waren; eine Freundin und ich haben uns, unwissend, was auf uns zukommt, gemütlich auf den Weg gemacht. Wir haben die zwei Tage dort genossen und sind trotz des abgesagten Unterrichts am zweiten Tag auch noch dort geblieben. Der Plan war, dass ich dann zurückfahre und sie noch am Wochenende mit ihrem Freund in Steyr bleibt. Wir hatten entschieden, uns nach der Besichtigung zu entspannen und den Abend mit einigen Getränken auf der Terrasse ausklingen zu lassen – und da kam er wieder, der Anruf meiner besorgten Mutter, welche meinte, ich solle so schnell wie möglich nach Wien fahren, im Zug sollte ich eine Maske tragen und wenn möglich Desinfektionsmittel besorgen. Etwas später bekam auch meine Freundin einen Anruf von einer Bekannten, welche ihr geraten hatte viel einzukaufen und zu Hause zu bleiben. Nach diesen beiden Anrufen war uns beiden zum ersten Mal bewusst, dass die Lage definitiv ernst zu nehmen ist. Sie würde mich

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mit ihrem Freund gleich am nächsten Tag zum Bahnhof bringen, damit ich schnellstmöglich nachhause komme. Nachdem schon viele über die Hamstereinkäufe geredet hatten und ich mir nicht sicher sein konnte, ob ich in Wien alles finden und kaufen könnte, hatten wir vor meiner Abfahrt noch brav beim Metro eingekauft. Die Fahrt nach Wien war eigentlich unspannend, aber doch ein wenig beängstigend – im Zug saßen, abgesehen von mir, nur drei Menschen, alle natürlich mit Masken. Den intensiven Geruch vom Desinfektionsmittel habe ich heute noch in der Nase. Nachdem ich die Fahrt überstanden hatte, war ich froh wieder in meinem kleinen Nest sein zu dürfen. Ich habe mich gefreut, viel Zeit zuhause verbringen zu können, länger zu schlafen, öfters zu kochen, auch mehr für mich zu machen, mehr mit den Katzen zu spielen – die Ausgangssperren haben im ersten Moment gar nicht so schlimm geklungen. Die folgenden Tage habe ich bis 9 Uhr geschlafen, danach hatten wir meistens Unterricht. Ich habe jeden Tag gekocht, mit den Katzen gespielt, viele Serien und Dokumentationen auf Netflix geschaut und meine Kleiderschränke ausgeräumt (da hatte ich noch Kleidung aus der Zeit von vor 3–4 Jahren, in der ich 15 Kilogramm mehr gewogen hatte). Einige Wochen später fing ich, zusätzlich zum Kochen, an zu backen. Im Wohnzimmer wurde trainiert, gesungen und getanzt. Die Küche wurde langsam zum Arbeitszimmer, in welcher – neben dem Lernen – auch noch Präsentationen und Tutorials abgehalten wurden. Ich habe jeden zweiten Tag die ganze Wohnung sauber gemacht, weil mir erst da bewusst wurde, dass mich die Katzenhaare beim Lernen und Arbeiten stören (eigentlich stimmte das gar nicht, aber es war aber eine gute Ausrede, um

15 in diesem Moment nicht das zu tun, was ich tun musste). Langsam machte es keinen Spaß mehr, in der Küche alleine die Zigarette und den Kaffee genießen zu müssen – eine andere Option hatte ich aber nicht. Die beste Lösung für solche Momente war meine Freundin anzurufen und mich über die Situation aufzuregen – sie tat dann natürlich das Gleiche und dann war es auch schon wieder gut, weil es uns beiden gleich schlecht ging. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Um ganz ehrlich zu sein, hatten wir uns zwei Mal nicht an die Regeln der Ausgangssperre gehalten: Wir hatten ausgemacht, uns vor meinem Haus zu treffen und eine kurze Runde, natürlich mit 1,5 Metern Abstand zwischen uns, zu drehen. Die folgenden Wochen durfte ich glücklicherweise lange schlafen, es gab keinen Grund, vor 9 Uhr aufzustehen. Alleine die Tatsache, dass man die Möglichkeit hat, so lange zu schlafen, ist doch Grund genug, jeden Tag ohne Wecker zwischen 5 oder 6 Uhr aufzustehen – oder habe ich da etwas falsch verstanden? Gut, nun fängt mein Tag schon um 6 Uhr an. Ich habe mehr Zeit für alles, es ist doch super so früh aufzustehen und den ganzen Tag nutzen zu können – bis 17 Uhr habe ich schon vier Mal gegessen, zwei Mal geschlafen und der Tag ist noch immer nicht zu Ende. Mein großer Spiegel gefällt mir auch nicht mehr, er macht mich dicker – habe ich meinen Kleiderschrank doch zu früh ausgeräumt?

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EIN TAG,

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22. JÄNNER 2020

21. MÄRZ 2020

Heute ist Mittwoch und ich wache zuhause in meinem Bett auf, weil die Sonne bereits mein ganzes Schlafzimmer erleuchtet. Ich ziehe die Vorhänge nie über Nacht zu, da ich gerne von der Morgensonne geweckt werde. Levi schnarcht neben mir und plötzlich läutet mein Wecker. Ich bin wie immer schon vor meinem Wecker aufgewacht und muss mich trotzdem schon sputen, da ich um 10 Uhr bei einer Lehrveranstaltung auf der Uni sein muss. Ich öffne das Fenster und höre eine Mischung aus weit entfernten Autos, ein paar Menschen und im Hintergrund ein paar Vögel. Die Stadt klingt wie immer, und ich bin froh, trotzdem die Möglichkeit zu haben, Vogelgezwitscher zwischen den Autogeräuschen zu hören. Ich gehe duschen, ziehe mir eine Jean und einen Pullover an, packe meine Sachen für den Tag und steige mit Levi gemeinsam ins Auto Richtung St. Pölten. Bei der Abfahrt gehe ich im Kopf noch einmal durch, ob ich alles mithabe: „Laptop, Ladegerät, Modell, Handy, Schlüssel, Geld,…“ und bin froh, dass ich nichts vergessen habe. Auf den Straßen ist viel los, aber eigentlich ganz normal für einen Mittwoch in der Früh. Ich drehe meine Musik auf und genieße die Fahrt alleine im Auto sehr. Trotzdem stresst es mich innerlich sehr, zu wissen, dass heute Abend schon wieder die Möglichkeit bestünde, mit Freundinnen Essen zu gehen, was ich allerdings absagen muss, da ich meine Ruhe brauche und sowieso genug für Uni und Arbeit zu tun hab. Nach einem langen Tag auf der Uni fahre ich wieder zurück und bin froh, wenn ich die Türe hinter mir zumache und nur für mich bin.

Heute ist Donnerstag und ich wache zuhause in meinem Bett auf, weil die Sonne bereits mein ganzes Schlafzimmer erleuchtet. Ich ziehe die Vorhänge nie über Nacht zu, da ich gerne von der Morgensonne geweckt werde. Levi schnarcht neben mir und mir fällt auf, dass heute der Wecker nicht geläutet hat, und ich bin verwirrt, bis mir einfällt, dass ich mir keinen Wecker gestellt habe, da ich mir sicher war, rechtzeitig vor der Online-Lehrveranstaltung aufzuwachen – und es hat wiedermal super funktioniert. Ich öffne das Fenster und höre die Vögel heute besonders laut zwitschern und merke, dass es sich anfühlt als wäre es Wochenende. Nicht nur vom Gefühl her, sondern auch die Stadt klingt so, als würde sie heute Pause machen. Ich gehe Zähne putzen, ziehe mir eine Jogginghose und einen Sweater an und gehe mit Levi eine Runde Gassi. „Ich muss mich heute gar nicht beeilen!“, denke ich mir und gehe sogar die große Runde, die wir leider viel zu selten schaffen. Irgendwie fühle ich mich unwohl, da einem alle Menschen aus dem Weg gehen. Trotzdem versuche ich die negativen Gedanken rund um das Coronavirus nicht meinen Tag bestimmen zu lassen und mir möglichst positive Gedanken beizubehalten. Beim Spaziergehen gehe ich im Kopf einmal durch, was ich heute alles machen möchte: „Küche putzen, am Projekt arbeiten, OnlineLV besuchen, Homeworkout und was für die nächsten Tage kochen…“ und bin froh, dass ich das heute alles machen kann. Ich hoffe, dass ich die gesetzten Ziele schaffe. Auf den Straßen ist gar nichts los, komplett abnormal für einen Donnerstag in der Früh. Ich gebe meine Kopfhörer in die Ohren, drehe meine Musik auf und genieße den Spaziergang sehr. Ich bin trotz allem ganz froh, dass alles ist,

FAST WIE JEDER ANDERE wie es ist, und dass ich heute Abend nicht schon wieder die Möglichkeit habe, essen zu gehen, sondern den Tag daheim verbringen darf. Egal was ich tue: Wenn ich nachhause komme und die Türe hinter mir zumache, bin ich nämlich froh, dass ich nur für mich bin.

19. MAI 2020 Heute ist Mittwoch und ich wache zuhause in meinem Bett auf, weil die Sonne bereits mein ganzes Schlafzimmer erleuchtet. Ich ziehe die Vorhänge nie über Nacht zu, da ich gerne von der Morgensonne geweckt werde. Levi schnarcht neben mir und ich bin so froh, dass mein Schlafrhythmus so gut geworden ist und ich ohne Wecker jeden Tag rechtzeitig aufwache, um vor der Online-Lehrveranstaltung zumindest Zähne geputzt zu haben, geduscht zu sein und zumindest ein ordentliches Oberteil anzuhaben. Was ich unten trage, ist egal sieht sowieso keiner. Ich öffne das Fenster und höre eine Mischung aus weit entfernten Autos, ein paar Menschen und im Hintergrund ein paar Vögel. Die Stadt klingt wie früher, und ich bin froh, trotzdem die Möglichkeit zu haben, Vogelgezwitscher zwischen den Autogeräuschen zu hören. Ich ziehe mir dann doch eine Jogginghose und einen Sweater an und gehe mit Levi eine Runde Gassi und nachher einkaufen. „Ich darf meine Maske nicht vergessen!“, denke ich mir und stecke sie gleichzeitig in mein Sackerl. Irgendwie fühle ich mich ganz wohl, da einem alle Menschen aus dem Weg gehen und fast alle eine Maske tragen. Trotzdem

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versuche ich die negativen Gedanken rund um das Coronavirus – welche schon fast vergessen und abgesehen von den Masken kaum mehr präsent sind – durch all die positiven Gedanken zu ersetzen, die ich in den letzten Wochen dazugewonnen habe. Beim Spazierengehen gehe ich im Kopf einmal durch, was ich heute alles machen möchte: „Bad putzen, am Projekt arbeiten, Online-LV besuchen und was Gesundes kochen…“ und bin froh, dass ich das heute alles machen kann. Ich bin mir sicher, dass ich die gesetzten Ziele schaffen werde. Auf den Straßen ist sehr viel los, eigentlich normal, aber ich empfinde das als zu extrem und frage mich, wie es sein kann, dass man nach so kurzer Zeit so tut, als wäre nie etwas passiert. Trotzdem bin ich froh, dass alles ist, wie es ist, und dass ich heute Abend nicht essen gehen muss, weil ich mir selbst den sozialen Druck genommen habe, überall dabei sein zu müssen. Nachdem ich mit Maske einkaufen war, nachhause gekommen bin und die Türe hinter mir zumache, bin ich froh, dass ich nur für mich bin.

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ODE

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PA RT 1 Und auf einmal warst da du. Ich sah dich und schlug sofort zu! Schon bei der ersten Besichtigung wusste ich es genau, denn zu warten wäre gar nicht schlau. In eine neue Wohnung umzuziehen ist nie leicht und mit viel Arbeit verbunden. Ich wusste aber, es ist es wert und vielleicht kann ich in dir ganz neue Seiten meines Selbst erkunden. Von Tag eins an war es ganz klar, was ich in dir gefunden habe, ist ganz wunderbar: Sobald ich daheim ankomme und die Tür hinter mir schließe, überkommt mich ein Glücksgefühl und komplette Ruhe, die ich total genieße. Nur du Levi, du und ich, mehr braucht es in diesen Wänden momentan nicht. Die Möbel und die Einrichtung habe ich mit viel Liebe ausgesucht und ach herrje, hab ich die langen Wartezeiten verflucht. Aber nach und nach haben sich alle Probleme aufgeklärt und jedes Telefonat und jede Schweißperle waren es wert. Ich hatte genaue Vorstellungen und Träume, wie es hier aussehen soll; der Grundriss hatte alles, was ich wollte, und war wirklich unglaublich toll. Kein Vorraum, da ich das schon immer als verlorenen Platz empfunden habe. Dafür direkt in einem großen Küchen-Essbereich ankommen, genau wie ich es mag. Mit viel Platz für einen großen Tisch für bis zu 8 Personen, da ich unglaublich gern meine Freund*innen zu Besuch habe und mich dabei erhole. Bei Design hab ich ganz spezielle Ansprüche und das endet natürlich auch nicht in der Küche. Deshalb war ich sehr froh, dass es hier noch keine Küche gab und ich sie mir selbst kaufen konnte, um sie so zu gestalten, wie ich es mag. „Ganz schlicht und bitte keine Hänge-schränke da oben!“, höre ich mich

AN MEIN ZUHAUSE

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PA RT 2 heute noch in den Geschäften sagen. Und ich muss mich loben, da die Küche genau so geworden ist, wie ich es wollte, und nicht so, wie sie laut Verkäufer werden sollte. Ganz schwarz und minimalistisch gehalten, hier sollen sich schließlich meine Kochkünste entfalten. Farbige Wände, aber auch nicht zu bunt, das war der Traum, und auf der Dachterrasse einen großen Baum. Ich habe ewig gebraucht, die richtigen Farben zu wählen, und die große Auswahl kann einen echt quälen. RAL 1019 erwies sich oft als optimal – nicht zu warm, nicht zu kalt und schön neutral. Mein absolutes Highlight direkt zu erkennen, ist gar nicht leicht, da man dieses erst über ein paar Stufen erreicht. Beim Essbereich raus und ein paar Meter weiter hinauf und es erwartet einen ein Bereich der mir immer wieder den Atem raubt. Eine Dachterrasse mit Blick über die Dächer. In meinen Augen geht’s gar nicht besser. Die Terrasse ist uneinsichtig und man ist ganz für sich – ein Ort zum Entspannen und Zurückziehen und das sag nicht nur ich. Auch ohne Besuch kann am Tisch viel passieren. Essen, Pläne zeichnen, Modelle bauen und alles Mögliche ausprobieren.

Zuhausesein ist ein Gefühl, das stand für mich immer fest. Und du gibst mir genau dieses Gefühl, was mein Herz täglich höher schlagen lässt. Auch wenn ich immer schon gern und viel zuhause war, so wird mir besonders in schwierigen Zeiten wie momentan klar, dass es so wichtig ist, sich wohl und geborgen zu fühlen. Und keine negativen Gedanken zuzulassen, die einen aufwühlen. Es gibt hier nichts Schlechtes, alles ist so, wie ich es mag. Ich mache mir hier alles so wie es mir gefällt, und das Tag für Tag. Auch wenn ich aufwache, weil mich im Albtraum etwas erschreckt, geht es mir direkt ein bisschen besser, wenn mich die Sonne weckt. Ich fühle mich daheim wohl und liebe jedes Detail in jedem Raum. Und das beginnt bei meiner Türmatte und reicht bis hinauf zum Feigenbaum. Wohnen in Wien ist teuer und man muss sich gut überlegen, was man möchte und was man wirklich braucht zum Leben. Viele Fenster sind, wie ich finde für das Wohlbefinden essenziell, da sie die Umgebung in den Raum holen, und es wird dadurch so schön hell. Die Wohnung ist mit 45 m2 absolut nicht groß, aber die tolle Aufteilung erstreckt sich über das ganze Geschoss. Somit hab ich viele Fenster nach Osten und nach Westen. Das ist eine tolle Ausrichtung und die finde ich am besten. Im Osten ist mein Schlafzimmer und somit perfekt, wenn die Sonne aufgeht. Und im Westen mein Essbereich, also wirklich optimal, wie ihr seht. Beide Seiten sind mit raumhohen Fensterfronten versehen, somit verfolge ich die Sonne beim Auf- und beim Untergehen. Die Raumaufteilung ist gut durchdacht und macht super viel Sinn. Wenig benutzte Räume sind klein, dafür gibt es mehr Quadratmeter in den Räumen, in denen ich öfter

bin. Das hat zu Folge, dass die Wohnung größer wirkt als sie ist. Einfach so gut, dass man die nur 45 m2 total vergisst. Die Wohnung ist in zwei Bereiche aufgeteilt, die sich auch farblich leicht unterscheiden – und trotzdem passen sie zusammen und ergeben eine tolle Einheit, die beiden. Eine große Wand im Bereich, wo ich schlafe und relaxe, hat ein dunkles beruhigendes Blau. An der Farbe sehe ich mich einfach nicht satt, auch wenn ich jeden Tag genau hinschaue. Vorne in Küche und Essbereich gibt’s ein paar waldgrüne Akzente, die mir auch immer Freude bereiten, wenn ich genau daran denke. Alles in allem kann ich euch wirklich empfehlen, euer Zuhause mit viel Bedacht zu wählen. Denn gut Ding braucht Weile und man sollte bei der Wohnungssuche nichts überstürzen. Räume sollen Freude bereiten und bestenfalls nicht die eigene Lebensdauer verkürzen. Oft ist Geld besser in einen schönen Wohnraum als ins Auto investiert, da das Wohngefühl so wichtig ist und man dadurch auch mal alle Sorgen vergisst. Also nutzt die Zeit daheim und macht es euch schön. Denn wer sich daheim wirklich wohlfühlt, mag nicht so oft rausgehen.


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AN MEIN ZUHAUSE

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WAHRNEHMUNG E C K D AT E N HOFGEBÄUDE IM 16. WIENER GEMEINDEBEZIRK, ERBAUT 2005, WOHNFLÄCHE 175 M², TERRASSENFLÄCHE 175 M², ZIEGELMAUERWERK Das Hofgebäude, welches wir mit der Firma teilen, besteht aus zehn Mitarbeiter*innen, also insgesamt 12 Personen und 2 Hunden. Das kann etwas eng werden, vor allem in der Küche. Gott sei Dank gibt es einen ausziehbaren Küchentisch und es gibt gute Rückzugsmöglichkeiten ins Atrium oder auf die Terrasse. Wir haben oberhalb unserer Wohnung die Möglichkeit, abends oder tagsüber auf der Hollywood-Schaukel zu entspannen. Seitdem Corona in Österreich (Ischgl) Ende Februar ausgebrochen war, sind die Mitarbeiter*innen, die mit der U-Bahn in die Arbeit fahren ins Home-Office geschickt worden. Seit vier Wochen sind die restlichen Mitarbeiter auch im Home-Office. Derzeit genieße ich die Ruhe im zweiten Stock, ohne Anrufe an die Hotline im ersten Stock. Es ist schön, dass mein Mann seinen Bereich im ersten Stock hat und ich meinen Bereich im zweiten Stock. Wo jede*r das tun kann, was nötig ist, und Raum dafür hat. Was ich mir auf jeden Fall wünsche, ist, dass das Abschalten zwischen Beruf und Privatem, wenn alle Mitarbeiter*innen da sind, möglich wird. Diese Trennung ist räumlich nur durch das Stockwerk gegeben, oft nimmt die Lautstärke der Menschen oder der Telefonanlage zu. Da ich oft, um in die Küche zu gelangen, durch die Firma gehen muss, wäre es besser, eine kleine Teeküche bei mir im 2. Stock zu

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haben. Deswegen habe ich mich am Anfang des ersten Semesters im Masterstudium dazu entschlossen, unter der Woche im Studierendenheim zu sein. Und am Wochenende zu Hause zu sein, da ich keine Zeit für mich unter der Woche habe. Die Bürozeiten sind frei wählbar zwischen 8 Uhr bis 20 Uhr (optional). Seit ca. 2,5 Jahren leben wir hier, da wir uns aus finanziellen Gründen für diesen Weg entschieden haben. Als Firma haben wir eine flache Hierarchie und als Team harmonieren wir zusammen. In der Gemeinschaftsküche gibt es seit kurzem ein Schild für den Geschirrspüler, wo es den Dirty/Clean-Schalter gibt. Das erleichtert das Sauberhalten der Küche.

WAS I C H V E R ÄNDERN WÜRDE? Ich würde gerne viel mehr Pflanzen auf den Terrassenflächen haben und einen Schutz beim Geländer, dass die Terrassen nicht so offen sind, wie derzeit. Spannend fände ich die Möglichkeit, manche Räume für Meditationsseminare zu mieten oder selber welche zu halten. Ich würde auch die Terrassenflächen in den Sommermonaten vermieten oder zur Verfügung stellen, als Schlafplätze für Bedürftige. Ich würde sie generell auch für Events vermieten, da gewisse Feiern in dieser schönen Lage draußen stattfinden können. Auch unseren Mitarbeiter*innen ermöglichen wir Spieleabende, wo sie die Zeit mit Freund*innen in der Küche verbringen. Ich finde, dass ich derzeit die Lampen montieren kann, die schon lange darauf warten, und ich würde mir sehr gerne oben im privaten Bereich Vorhänge aussuchen.

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LIEBES TAGEBUCH Sieben Wochen ist es her, dass ich die Nachricht bekommen hatte, dass Schulen und Universitäten für zwei Wochen wegen der Coronakrise geschlossen werden. Sieben Wochen ist es her, dass ich meine Koffer gepackt und mich von meiner kleinen Studentenheimwohnung in St. Pölten verabschiedet hatte, um nachhause zu meinen Eltern zu fahren. Sieben Wochen bin ich seitdem daheim, in Leoben, abgeschottet von der Außenwelt. Sieben Wochen sind nun vergangen, seit die Welt in den Stillstand versetzt wurde. Früher habe ich mir am Abend vor dem Schlafengehen gerne mal ein oder zwei (an extremen Tagen 10, haha) Folgen meiner Lieblingsserie reingezogen. Musste ich am nächsten Tag aufstehen, bin ich natürlich pünktlich 9 Stunden vor dem Weckerklingeln ins Bett gehüpft, um mich meiner Traumwelt hinzugeben. Warum? Ich war schon immer jemand, der seinen Schlaf braucht. Also ich meine, wirklich BRAUCHT. Muss ich meinen Schönheitsschlaf nämlich vor den vollendeten 9 Stunden beenden, bin ich für absolut nichts zu gebrauchen. Wie ich mich dann fühle? So in etwa wie nach einer wilden, durchzechten, sehr, sehr flüssigen Partynacht. Mein Leben als Studentin kommt mir dabei sehr zugute. NEIN, ich meine NICHT die wilden, durchzechten, sehr, sehr flüssigen Partynächte. Was ich meine, ist der Luxus, vor acht oder neun Uhr morgens nur in den seltensten Fällen aus dem Bett zu müssen. Würde ich jemandem erzählen, dass ich

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heute, in Zeiten wie diesen, in denen ohnehin nichts Großartiges geschieht, jeden Tag freiwillig vor 9 Uhr munter und gut gelaunt aus dem Bett hüpfe, würde mir vermutlich keiner glauben. Nicht mal ICH würde mir selber glauben! Und heute, nach fast 6 Wochen, ist der erste Satz, den ich am Morgen von meiner Mama höre, immer noch: „Gutn Morgn, wos mochst’n du schon auf?“ Ja, es ist wirklich wahr, liebes Tagebuch: Corona hat mich tatsächlich zu einer Frühaufsteherin gemacht. Spätestens um sieben Uhr morgens beginnt mein Tag. Und ich LIEBE es! Wenn der Morgenhimmel wolkenlos ist, wecken mich die ersten Sonnenstrahlen sanft aus meinem Schlaf, und ich kann von meinem Bett aus dabei zusehen, wie der rote Ball hinter den Bergen langsam in die Höhe steigt. Und während ich dann mit um meine Schultern geworfener Decke auf meinem Balkon stehe, die wärmer werdende Nachtluft einatme und in das Licht in der Ferne starre, kann ich hören, wie die Vögel um mich herum langsam munter werden. Dann lausche ich ihrem wundervollen Gesang und nehme die unterschiedlichsten Klänge der Natur in mich auf. Und dann denke ich mir, welches Glück ich habe, hier, in diesem Haus, mitten in dieser atemberaubenden Natur zu leben. Und die Zeit steht still. Zumindest für einen Augenblick. Denn dann, wenn ich an den Berg von Arbeit denke, der noch vor mir liegt, steht die Zeit ganz und gar nicht mehr still. Sie rinnt mir sprichwörtlich wie Sand durch meine Finger. Von Entschleunigung und Zu-Sich-Selbst-

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18 Finden, von dem gerade in jedem zweiten Instagramposting zu lesen ist, kann bei mir keine Rede sein. Ich arbeite und arbeite. Gefühlt 24/7. Pausen? Kenne ich nicht mehr. Ob ich hinterherkomme? Nicht wirklich. Ob ich gestresst bin? Sehr. Naja. Zumindest bekomme ich von dieser ganzen Ausgangssperre nicht mehr viel mit. Obwohl, wenn ich ehrlich bin, würde ich auch ohne diese (hauptsächlich unabgehakten) To-do-Liste gut mit der Situation zurechtkommen. Die Decke ist mir noch nicht auf den Kopf gefallen. Wie auch? Immerhin habe ich das Glück, in einem großen Haus meine Zeit verbringen zu können, mit schönem Garten, in dem ich die warmen Sonnenstrahlen genießen kann. Und der Wald ist auch gerade mal 5 Gehminuten von mir entfernt. Sogar zum Einkaufen war ich schon drei Mal in der Stadt. In meiner 17 m²-Studierendenwohnung in St. Pölten wäre das sicherlich eine andere Sache. Alleine bin ich hier auch nie. Meine Eltern und meinen (viel größeren als ich) „kleinen“ Bruder habe ich immer um mich herum. Er ist übrigens genauso wie ich ständig vor dem Laptop aufzufinden. Das neue Studentenleben? Hoffentlich nicht. Darum suche ich hin und wieder gerne mal einen ruhigen Ort auf, wo ich meinen momentanen Studienalltag für einen kurzen Moment vergessen und die Zeit alleine genießen kann. Ich bin von Natur aus schon jemand, der das Alleinsein unbedingt braucht. Vermutlich, weil ich da am meisten ich selbst bin. Auf jeden Fall: Menschenmassen, langes Beisammensitzen und intensive Gespräche

laugen mich aus. Das war schon immer so. Aber mal ehrlich: Ich liebe es auch einfach, Zeit mit mir selbst zu verbringen. Zeit für mich. Bevorzugt an meinem Lieblingsplätzchen: hinter mir der schöne dichte Fichtenwald, vor mir eine große Wiese mit einem Ausblick über ganz Leoben. Und das Beste? Keine Menschenseele weit und breit! Na gut, meistens zumindest. Seit Corona ist das nämlich anders. Täglich flüchtet gefühlt ganz Leoben, teilweise sogar ein paar Wiener* innen, aus ihren Wohnungen zu uns auf den kleinen Berg, um bei einem Spaziergang oder einer Radtour die Natur zu genießen. Aber das ist ein anderes Thema. Der Punkt ist, und was ich dir eigentlich erzählen wollte, liebes Tagebuch: Früher habe ich mir am Abend vor dem Schlafengehen gerne mal ein oder zwei (an extremen Tagen 10, haha) Folgen meiner Lieblingsserie reingezogen. Heute schalte ich meinen Fernseher nicht mal mehr ein. Der Laptop bleibt aus. Das Handy wird immer seltener benutzt. Das stundenlange Arbeiten vor dem Bildschirm macht mich müde. So müde, dass ich um 20 Uhr im Bett liege, um 22 die Lichter abdrehe, meine Augen schließe und mich in meinen Schlaf gleiten lasse. Und kurz bevor ich wegtrete, denke ich, wie sehr ich mich schon darauf freue, am Morgen wieder von der Sonne geweckt zu werden. GUTE NACHT! IN LIEBE, DEINE XX


ME, MYSELF „Schlagartig hat sich dein Leben auf den Kopf gestellt!“, diese Aussage trifft wohl am besten auf die derartige Situation zu. Von einer Stunde auf die nächste musste ich meine „Zelte“ in St. Pölten „abreißen“ und für eine unbestimmte Zeit nachhause ins (wunderschöne) Innviertel zurückkehren. Doch so einfach „Home-Learning“ und „Isolation“ auch anfangs klingen mag, die Umsetzung und Einhaltung ist umso schwieriger. Isolation – weg von der Menschheit, für sich sein und niemanden sehen und hören „müssen“. Diese Definition ist bestimmt etwas, wovon die*der eine oder andere (wie auch ich) hin und wieder schon geträumt hat. Doch die Wahrheit sieht bekanntlich anders aus. „Home-Learning“ – nie im Leben würde ich freiwillig von zu Hause aus studieren bzw. diverse OnlineKurse besuchen. „Hätte ich ein Fernstudium gewählt, dann würde ich nicht einmal das erste Semester beenden.“, war nur eine Aussage von vielen, welche sich meine Familie in den letzten Wochen anhören musste. Die erste Zeit in der Quarantäne fühlten sich an wie „Pubertät 2.0“. Die ständigen Stimmungsschwankungen, das „Sich-SelbstNicht-Mögen“ und die anderen schon gar nicht, sind nur ein kleiner Ausschnitt meiner Gefühlslage zu dieser Zeit. Außerdem durfte man das Haus nicht verlassen, um Freund* innen zu treffen, wodurch Jogginghose und Kapuzenpullis zu den neuen Vertrauten gehörten. Zusätzlich wurden wir regelrecht mit Uni-Abgaben erschlagen, was eine Besserung der psychischen Verfassung in naher Zukunft nicht unbedingt realistisch erscheinen ließ. Nach erneutem Durchleben der

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pubertären Phase wurde mir letztlich jedoch klar, dass diese Lebensweise weder für mich, noch für meine Umwelt ein Happy End bedeutet. Also war es unausweichlich, unverzüglich eine neue Lösungsstrategie zu finden. Als erstes musste die Uni „dran glauben“, denn für einen 24/7-Beschäftigungsaufwand war die Entlohnung viel zu gering. Also ging ich ungefragt um ein paar Stunden zurück, um mich auch vermehrt anderen Dingen widmen zu können. Des Weiteren versuchte ich mich in äußerst kuriosen Aktivitäten, wie jeden Tag Obst essen, spazieren gehen und „Sport“ betreiben, um nur ein paar zu nennen. Zudem standen Freddy, Dolly, Whitney und viele weitere völlig unerwartet auf der Matte – oder besser gesagt, auf meiner Playlist. Ich ließ die 80er durch Queen, Whitney Houston, ABBA, Dolly Parton und einige mehr wieder hochleben! Der Rhythmus, die Melodie und die Texte schafften es, mich zu motivieren bei guter Laune zu halten. So kam es dann auch, dass ich Y–M–C–A alleine vor mich hingrölte. Nach so manchen, meiner Meinung nach, filmreifen Gesangs- und Tanzeinlagen musste ich in verdutzte und genervte Gesichter sehen. „Birgit! Bitte hör endlich auf!“, bekam ich dann hin und wieder zu hören. „Laut, falsch und mit Begeisterung!“, lautet(e) meine Devise! Wie dem auch sei, normalerweise verbrachte ich sehr viel Zeit auf der Uni. Vor allem in der „heißen Phase“, vor Zwischenbzw. Endpräsentationen, war ich bis zu 16 Stunden am Tag dort anzutreffen. Ein „gemeinsames Verzweifeln“ im Computerraum

AND I

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19 wird uns in diesem Semester jedoch verwehrt bleiben. Denn genau dieses „Miteinander“, das gegenseitige Helfen und ZurSeite-Stehen gibt es in dieser Art leider nicht. Wie wichtig zwischenmenschliche Beziehungen sind, wird einem erst in derartigen Krisensituationen bewusst. Es ist natürlich schade, dass, man erst etwas zu schätzen weiß, wenn man es nicht mehr hat. Welche Schlüsse können wir also aus dieser Zeit

ziehen? In der Corona-Pandemie hat sicherlich jede*r für sich erkannt, wie wichtig einem manche Menschen (geworden) sind. Deshalb sollte man in Zukunft daran festhalten, wer und was das Leben erst lebenswert macht. Außerdem hoffe ich, dass man dadurch etwas zur Besinnung kommt und wieder respektvoller mit seinen Mitmenschen umgeht, denn in vielerlei Hinsicht war dies vor der Krise nicht mehr spürbar!

Schritte der

10.000 10.000

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Februar märz jännerJänner februar

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April

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VON GRENZE The global COVID-19 pandemic has distanced us not only from social interaction with other people, but also from our daily routines, which seemed like something normal and something that no one could take from us. When the virus started spreading, most of us thought that it was not going to be that serious and that people are overreacting. After the municipality of Austria had closed universities and schools, fear started to grow. As I live alone in Vienna and only have a brother and his family in Vienna, my anxieties increased. There were many questions that bothered me, but I was mostly afraid of how I would manage without meeting the rest of my family and my boyfriend who were at home in Bosnia and Herzegovina. I went to my home country when the borders were still open, but so many students didn’t have this chance and they stayed apart from their families. For the sake of my parents’ health, but also because I had learned how to work alone in my apartment, I decided to move to a seperate apartment that we usually rent. I still met my family on a daily basis, but somewhere outdoor, where we could adhere to the distance measures that were recommended by the Country Safety Department. Since Bosnia is a small country with a population of 3.324 million inhabitants, it also has smaller hospitals. More than 96% of the population of Bosnia and Herzegovina belong to one of its three autochthonous constituent peoples: Bosniaks, Serbs and Croats. The most easily recognizable feature that distinguishes the three ethnic groups is their religion, with Bosniaks being predominantly Muslim, Serbs predominantly Orthodox Christian, and Croats Catholic. My city Bihac is at the border to Croatia and it has a population of only 61.186 inhabitants. From the beginning, people were afraid

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that in case the virus started to spread (as it did in some other countries), there would not be enough capacity in hospitals, that supermarkets would be empty, and that all you could hear was about Corona. On March 17, the Council of Ministers of BiH declared a state of natural disaster upon the territory of Bosnia and Herzegovina. However, the two entities – the Republika Srpska and the Federation of BiH and the Brcko District issued different orders concerning the behavior of residents during the COVID-19 pandemic. These restrictions confused the people who worked in different entities and they were not able to travel home during the 1 There lockdown. always been issues d o t had = 00 about the entities and1religions but p e in o pBosnia, l e the these last two months were only about pandemic, which made people forget about this whole situation (at least for a while). The borders were closed, there was police surveillance for 2 weeks: everyone had to stay home from 6 pm till 5 am, bars and 5 0 ,11 restaurants were closed and people started % to fear for their future. All of this has resulted up until now in 2.267 confirmed cases, which 3 0 ,people includes 1.355 recovered and 129 dead 78% in Bosnia. When the introduction of special measures began, it was obvious that some cri15that , 4there sis headquarters were not coping, 3% were no experts in certain areas and a lot was being copied from neighbouring countries. Everything is getting back to normal after more than 2 months of constant fear. This is not only because the virus stopped spreading at such an enormous speed, but also because the people got fed up of being locked up in their homes and not being allowed to visit public places. The bars started to open again and the city feels like it is breathing again. I spent my time in quarantine mostly by doing the university tasks and I

BOS

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ZU GRENZE realized how much easier it was to work when we had normal lessons. I had always complained that it’s hard to travel from Vienna to St. Pölten on university days, but it’s much harder to focus when you’re at home all the time and have all these distractions around you. The rest of my free time, I spent with my boyfriend and my family at home or somewhere in nature, which is a positive side of the pandemic. I also took walks with my boyfriend every day and I

HERZ

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realized how my city and its colours changed according to the weather and the time of day. After almost 5 years of living abroad and coming home only for holidays and always running around in between meeting my family, friends and boyfriend, I felt like I live at home again. It is such a big blessing to have someone cook for you and look after you. After all, we have all experienced the quarantine life and we have all learned something from it.

aks

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BOSNIA & HERZEGOVINA ETHNIC GROUPS Population: 3324 million 1 dot = 100 people

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BOSNIAKS 5 0 .1 1 % 30.78% SERBS 15.43% C R O AT S OTHERS 3.68%

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WIE LANGE NOCH? Corona crisis – it started with real insecurities. How long will it last? What impact will it have on our lives? Now that it all seems to calm down a little bit, what I feel about this whole quarantine situation and restrictions is that a lot of people (including me) took it seriously at the beginning and that this strictness started to fade away with time even though the restrictions weren’t lifted. Personally, for me the quarantine time did not make much difference. The biggest difference was that I’m not constantly travelling between Sankt Pölten and my hometown. Otherwise, I’m not the person who goes to a cafeteria almost every day and to parties every Friday and Saturday, so it didn’t change my routine. Now after almost 3 months I’m starting to miss going out to eat or have a drink in the evening since the weather is getting warm. However, all of these things are already allowed here by now. For me it was not a totally boring time, when the days seemed neverending. I always had something to do. At the beginning, I spent a lot of time helping my grandmother and dad belong to the risk group due to their age. I went grocery shoppingto the, pharmacy, post, etc. However, by and by they started to take over these chores and did them themselves. In Hungary, the government reserved a daily time window from 9 am to noon, for older people, older than 65, to go shopping. Younger people are not allowed in the shops during

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this time. I found these rules quite contradictory to the statement written everywhere: older people should stay home and get help from others. So when these rules came into force around the end of March it encouraged older people to go out and a lot of them did. Now they are more independent again and do no longer need my help that often. Again, university is quite busy with assignments and presentations, so now this takes up basically most of my time. Our prime minister has always followed the COVID-19 steps and actions that have been taken in Austria. Except for the total curfew. He closed the schools one day later than in Austria, he closed the restaurants one day later than Austria, it was like this with everything. But they didn’t think about the fact that at that time we only had around 100 infected people, in contrast to Austria where there were already several hundreds infected and the virus was spreading really fast. I find it really stupid to close everything because of 100 infections and reopen everything now that we have around 2000 actively infected people. At the beginning, the prime minister was allowed to make rules for two weeks at a time. So, he decided to do a vote amongst the representatives of the parliament vote for his monocracy, which means that he can now make rules without their acceptance and govern without control. My city is quite

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4. WHEN DO I SPEAK THE MOST AND LEAST

During the week from 7 till 4 I spend my days alone when i was at home all the time during quarantene except a short lunch break when my boyfriend comes home to eat. Then we usually speak more in the evening and discuss things.

close to the Austrian border, which meant that going to shopping in Austria or just taking a quick trip to Oberwart was not a problem. We did that a lot because, honestly, the food quality and choice is so much better across the border. Hence, we have gotten used to it for a long time now and it felt really weird not being able to move freely whenever I wanted to. It impacted our currency a lot as well. In the past year, it was always around 320 Hungarian Forint/Euro but never too low or too high. Since the pandemic started it rose to 370 HUF/EUR. This had an impact on our economy as well as on me and my family in view of paying my university and dormitory fees in Austria. Before, we always had our EUR income from the restaurant on a 300 HUF/EUR rate. Now these costs are higher than usual. I have a feeling that this pandemic will change a lot of things in our surroundings. People will try to work, commute, shop with less contact with other people. I think

science has developed as well and will develop further because urgent and innovative solutions are needed for problems that haven‘t occured until now. Production has become faster because of the rising demand for hand sanitizers or face masks. People suddenly started to value green spaces and nature more and even though he areas were banned, they were going out to parks and lakesides. True human nature is that we want what we can’t have. I don’t know this much disinfecting will affect us in the long term. Sterilizing everything against the corona virus means we kill other bacteria as well which we may need to develop basic resistance against other diseases. Therefore, it could be possible that our immune response becomes weaker. Now that I see that we are going back to our normal every day life with our businesses open again and us going back to work I can say that I am thankful it didn’t last much longer. It didn’t ruin a lot of things, which it could have if it lasted 2–3 months longer or even more.


TAT-

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WOHNEN UND ARBEITEN Ich wohne mit meinem Lebensgefährten gemeinsam in einer Wohnung im 10. Wiener Gemeindebezirk. In der näheren Umgebung gibt es keine wirklichen Grünflächen oder Parks, jedoch haben wir einen Balkon, der über die Jahre hinweg ein Zuhause für viele Pflanzen (Rosen, Gräser, Steinobstbäume Naschbeeren, Zierbäume, Küchenkräuter sowie im Sommer Chili-, Paprika- und Tomaten-pflanzen) geworden ist. Die Wohnung wurde von mir im Alter von 15 Jahren eingerichtet und seither kaum verändert, wodurch noch jeder Raum eine andere Farbe (wie man in der fotografischen Dokumentation erkennen kann) und damit auch jeweils eine eigene Atmosphäre besitzt. Das Mobiliar besteht größtenteils noch aus den alten Massivholz-Möbeln meiner Tante und dem alten Schreibtisch meines Vaters. Dieser Tisch ermöglicht es uns, im Arbeitszimmer nach kleineren Veränderungen zu zweit im „Home Office“ nebeneinander zu arbeiten. Dafür mussten Kabel neu verlegt werden, der Scanner ins Schlafzimmer unters Bett wandern und ein kleines Stockerl als zweite Sitzmöglichkeit hinzugefügt werden. Grundsätzlich sind wir durch die Infrastruktur des Raumes in der Lage, relativ gut arbeiten zu können, wobei es natürlich immer wieder zu Überschneidungen der Telefon- oder Videokonferenzen kommt. Dafür ließ sich leider keine bessere Lösung finden, als sich möglichst gut abzusprechen, da ein Ausweichen auf andere Räume leider nicht möglich ist. In der Zeit vor Corona mussten wir eigentlich nie gleichzeitig im Arbeitszimmer am Schreibtisch sitzen und arbeiten, wodurch wir auch nie darüber nachdachten, einen zweiten (Büro-) Sessel anzuschaffen oder auch nur den Tisch für zwei zusätzliche Laptops freizuräumen. Wir sind uns nach der ersten Eingewöhnungsphase beide darüber im Klaren, dass es zwar

funktioniert, aber dass es für die Zukunft durchaus einer Adaption bedarf. Denn wenn man 8 bis 10 Stunden am Tag auf einem Stockerl und mit den Laden vor den Knien sitzen muss, ist das auf Dauer eine schmerzhafte Angelegenheit. In Zukunft wird man wohl als Innenarchitekt*in auch generell einen anderen Blick auf die Räume werfen müssen, um entweder die Möglichkeit zu schaffen, diese leicht einer veränderten Nutzung anzupassen oder auch einfach fixe Arbeitsplätze einzuplanen. Ich befürchte, dass – auch wenn wir diese Krise überstanden haben – die Wahrscheinlichkeit für ähnliche Veränderungen bzw. Einschränkungen gegeben bleiben wird. Zudem gehe ich davon aus, dass sich die Wertigkeit eines Balkons, einer Terrasse, einer kleinen Rasenfläche oder eventuell sogar der Nähe zu einem Park durch die CoronaPandemie stark verändert hat. In meinem Fall trifft das auf jeden Fall zu und auch in Gesprächen mit Freund*innen, Bekannten und Studienkolleg*innen lässt sich diese Aufwertung heraushören. So sehr ich mich am Anfang auch in meiner Wohnung eingesperrt und gefangen gefühlt habe, halte ich es dennoch für wichtig, zu wissen was für ein Glück man hat, wenn man seine eigenen vier Wände, ein Dach über dem Kopf und eine Umgebung hat, die man kennt und die einen auch durch bekannte Gegenstände oder viele Erinnerungen beruhigen kann. Denn ich war zu Beginn der Krise sehr unruhig und die zunehmende Beschäftigung mit den Pflanzen und den neuen Gewohnheiten sowie mit den Materialien, Möbeln uvm. in der Wohnung, die mich umgeben und mich vertraut umhüllen (während ich mich an viele schöne Ereignisse erinnere), hat mich wieder mehr zu mir selbst und damit auch zur Ruhe finden lassen.

SACHEN

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UMGEBUNG

KO M M U N I K AT I O N

Wir wohnen in einer Gegend, in der es grundsätzlich eigentlich immer sehr laut auf den Straßen und in den Geschäften zugeht, wodurch es umso erschreckender für mich war, als ab dem 16. März eine unheimliche Stille die Straßen erfasste. Denn kaum jemand hat mehr das Haus bzw. die Wohnung verlassen. Verstärkt wurde dieses Gefühl noch durch die Durchsagen der Polizei, die allgemein um die Einhaltung der Einschränkungen bat. Sobald ich die Wohnung verließ, um Lebensmitteleinkäufe zu erledigen, hatte ich sofort das Gefühl, schon fast etwas Verbotenes zu machen – und die Blicke der wenigen Personen im Supermarkt sowie die Blicke der Kassiererin haben das zusätzlich noch verstärkt. Der Fokus der zu vernehmenden Geräusche verlagerte sich jedoch in Folge auf die Tätigkeiten der Bewohner*innen des Hauses im Inneren, da man in unserem Gebäude aus Stahlbeton fast alles – angefangen vom Husten, Niesen, Duschen, Streiten, Kochen, Fernsehen uvm. – mitanhören kann, vor allem, wenn es draußen umso ruhiger geworden ist. Mittlerweile ist aber zum Glück wieder etwas mehr Leben auf die Straßen zurückgekehrt und wir hören z. B. Kinder lachen und spielen sowie Nachbar*innen vorm Haus über ihre Einkäufe diskutieren (natürlich unter Einhaltung des entsprechenden Abstands).

Am meisten vermisse ich es noch immer, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, denn ich war es bisher gewohnt, mich jede Woche 1 bis 2 Tage um meine Großeltern in Niederösterreich zu kümmern und zumindest einen Tag in der Woche mit meiner Schwester zu verbringen. Das musste ich unterlassen, um ihnen nicht versehentlich den Virus bei meiner Fahrt durch ganz Wien mitzubringen, denn meine Großeltern sind beide schon ziemlich alt und mein Opa zählt aufgrund schwerer Vorerkrankungen bereits zur Risikogruppe. Leider war auch das regelmäßige Telefonieren nicht so einfach, da meine Oma sich jetzt allein um alles kümmern musste und dadurch sehr erschöpft war und wenig Zeit erübrigen konnte. Bei meiner Schwester war es ähnlich und da auch sie gesundheitlich sehr geschwächt ist, haben wir uns auch hier auf das Telefonieren beschränkt, was uns noch viel schwerer gefallen ist als bei meinen Großeltern. Auch auf das Zusammensein zum Geburtstag meiner Schwester mussten wir verzichten und die Geschenke waren natürlich schwer zu bekommen und fielen daher anders aus als bisher. Dennoch haben wir mit gebotener Vorsicht die Chance genutzt, um uns nach den ersten Lockerungen kurz zu sehen und uns dadurch wieder ein wenig aufzubauen. Daher hoffen wir, dass so bald keine zweite Welle des Corona-Virus aufkommt und wir weiterhin bestmöglich mit der neuen Normalität zu leben lernen.

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VERANTWORTUNG?

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Medieninhaber New Design University Privatuniversität GesmbH, Mariazellerstraße 97a, 3100 St. Pölten Masterstudium Innenarchitektur & visuelle Kommunikation, Forum II, 2. Semester, SS 2020 www.raumundinformation.com

Herausgeberinnen Christine Schwaiger, Vali Potmesil

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Lektorat Andrea Kraus

Text + Bildrechte Alle Bilder und Informationen, wenn nicht anders vermerkt, sind Eigentum der New Design University St. Pölten

Die New Design University ist die Privatuniversität der Wirtschaftskammer NÖ und ihres WIFI


2020

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Innenwelten bewusster wahrnehmen – die Publikation zeigt eine Auswahl an Beobachtungen zum persönlichen Wohnraum im Moment des Lockdowns. Damit soll etwas Bleibendes, Materielles, Haptisches geschaffen werden, das auch für künftige Generationen zugänglich ist und zeigt, was die COVID-19-Krise für uns und unsere Innenräume bedeutet hat.

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