Lucy's Rausch Nr. 2

Page 88

88

Psilocybin und Zen-Meditation Eine neuartige Studie mit Pilzen in ungewöhnlichem Setting TEXT

Va n j a Pa l m e r s

Im Dezember 2014 und im März 2015 fanden im Meditationszentrum Felsentor, abseits der Touristenströme auf der Südseite der Rigi gelegen, zwei traditionelle Zen-Sesshins im Schweigen statt. Ein Sesshin ist auch für erfahrene Meditierende immer wieder eine Herausforderung, es dauert in der Regel eine Woche und umfasst täglich viele Stunden formeller Sitz- und Gehpraxis, Rezitationen und Niederwerfungen. Das ist an und für sich nichts Neues. Wir bieten diese Art intensiver Meditation seit der Gründung der Stiftung Felsentor vor gut 15 Jahren an; ich selber praktiziere sie seit über 40 und leite sie seit über 30 Jahren an. Und seit über 700 Jahren haben Menschen in Asien diesen Übungsstil in ziemlich genau der gleichen Form praktiziert. Sogar die Roben, welche einige von uns tragen, haben sich, wie alte Stiche und Gemälde zeigen, im Laufe der Jahrhunderte nicht wesentlich geändert. Neu – auch für mich – war der Umstand, dass am vierten Tag die Hälfte der jeweils 20 Teilnehmer Psilocybin, die andere Hälfte ein Placebo einnahm. Wir waren Teil einer offiziellen Studie der Universität Zürich. Auch für Franz Vollenweider, den für diese Studie verantwortlichen Professor, war dieses Setting neu. Er ist zwar einer der weltweit erfahrensten Wissenschaftler im Bereich Brain Imaging und Psilocybin und forscht seit über 20 Jahren auf diesem Gebiet, aber bisher waren das immer Einzelsitzungen gewesen, die alle in der Klinik stattgefunden hatten. Kein Wunder also, dass wir alle sehr gespannt und hoch motiviert waren. Im Tempelgebäude wurde ein Raum für mögliche medizinische Zwischenfälle eingerichtet; Ärzte, Psychologen und Betreuer standen bereit. Psilocybin ist aus medi­z inisch-toxikologischer Sicht als sehr sichere Substanz bekannt, außer einem möglichen leichten Anstieg des Blutdrucks sind eigentlich keine Nebenwirkungen üblich. Außerdem wurden nur gesunde und emotional stabile Perso-

Das Zendo im Felsentor. Foto: Nina Seiler

nen zur Studie zugelassen. Eine weitere Bedingung zur Teilnahme war eine jahrelange Erfahrung in Meditation und ein gewisses Vertrautsein mit dem Format eines Zen-Sesshins. Die wissenschaftliche Auswertung sowie die Langzeitbeobachtungen und -befragungen werden noch eine Weile dauern. Soviel kann ich aber als Leiter des Sesshins heute schon sagen: Von den 20 Teilnehmern, die das Psilocybin und nicht das Placebo bekommen haben, hatten alle eine positive und tiefe Erfahrung, und niemand hatte ernsthafte Verwirrungs- oder Angstzustände. Und soweit ich das aus persönlichen Rückmeldungen beurteilen kann, üben diese transformativen Erfahrungen weiterhin einen willkommenen Einfluss auf die Meditationspraxis und die Lebensführung aus. Es erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit, dass diese Studie stattgefunden hat; ich hoffe, dass ein weiteres Forschen in dieser Richtung möglich sein wird. Das Zusammenbringen einer soliden Meditationspraxis mit Psychedelika scheint mir vielversprechend, sowohl was die persönliche Entwicklung als auch das globale Geschehen betrifft. Mögen alle Wesen glücklich sein.

VANJA PALMERS, geboren 1948 in Wien, verheiratet. Hippie-Boutique/Label Vanja Palmers in Zürich. Drop-out, Wander- und Yogi-/Saddhu-Jahre. 1972–1982 Zen Center of San Francisco (Tassajara & Green Gulch). Seit 1978 Tierschutzaktivist. Gründer des Hauses der Stille Puregg, Salzburg, und der Stiftung Felsentor, Rigi. Seit 2010 Landwirt.


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.