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Fotos: privat

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Stefan Rier und Lukas Rungger: Die Gründer von noa*

Die Geschichtenbauer Das Architektur- und Designstudio noa* im Porträt Ihre Architektur erzählt Geschichten. noa*, das preisgekrönte Architektur- und Designstudio im Herzen von Bozen, zählt zu den ganz Großen der heimischen Bauszene. Ihre Werke erregen Aufmerksamkeit – auch jenseits unserer Landesgrenzen. Ein Porträt über die Querdenker, die neue Wege beschreiten und architektonische Langeweile überwinden. Ein märchenhaftes Familienhotel im Bayerischen Wald, ein Vier-SterneHaus als stille Bühne für die Bergkulisse, ein schwebender Pool, der die Grenze zwischen Himmel und Erde aufhebt – die Architektur von noa* hinterlässt bleibenden Eindruck. Ihre Entwürfe begeistern international. Vom Fachmagazin über die Lifestyle-Zeitschrift bis hin zum Boulevardblatt – überall werden die Projekte von noa* hochgelobt. Jüngstes Beispiel: Die New York Times kürte den von noa* konzipierten Seehof zu einem der „52 Places to Go in 2018“. Längst ist das Bozner Architekturbüro im Olymp der Architekturszene angelangt. Wie sonst lässt sich erklären, dass

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noa* von den Machern der documenta 14 in Kassel dazu eingeladen wurde, anlässlich der Ausstellung „ways of life“ einen Wohn-Prototypen zu designen, der das Leben und Arbeiten außerhalb der Stadt inmitten der Natur neu interpretiert? Hinter noa* stehen zwei Charakterköpfe, Lukas Rungger und Stefan Rier. Seit 2011 mischen sie mit ihren Entwürfen die heimische Architekturszene auf. Dass sie in Bozen gelandet sind, ist wie so oft im Leben einer Reihe von glücklichen Zufällen zu verdanken. Lukas ist ein Weltenbummler. Nach seinem Studium in Graz arbeitet er in Brüssel,

dann in London beim Architekturbüro Softroom und schließlich in Mailand bei Matteo Thun. Hier lernt er Stefan Rier kennen, der in Verona und Ferrara studiert und zuvor in Bergamo tätig war. Ewig als angestellte Architekten arbeiten, das wollen beide nicht. Und so fassen sie den Entschluss, in heimliche Gefilde zurückzukehren und in Bozen allen Unkenrufen zum Trotz ein Architekturstudio zu eröffnen.

Hoch hinaus Ihr Büro, das sich im letzten Stock des höchsten denkmalgeschützten Gebäudes der Bozener Altstadt befindet, ist

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Wie ein schwebender Felsbrocken: Der Sky Pool des Hotels Hubertus in Olang

Die Architektur spiegelt die Umgebung wider: Hotel Tofana

Die handgewebten Heutücher erzählen eine Geschichte

Der Valentinerhof in Seis: Bühne frei für den Schlern

Licht, das spricht: Mundgeblasene und Tropfen nachempfundene Leuchtkörper

Laut New York Times einer der „52 Places to Be 2018“: Der Seehof in Natz-Schabs

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Weit ist nicht nur der räumliche Blick vom Büro aus

Das junge Team setzt auf eine interdisziplinäre Entwurfsmethodik

Im Austausch entstehen die besten Ideen

Sinnbild ihrer Philosophie. So weit wie der Blick von der Terrasse über Dom, Schlern, das Unterland bis nach Jenesien schweift, so weit ist auch ihr Blick auf die Architektur, die über den Tellerrand ihrer eigenen Disziplin hinausgeht. Der Name noa* ist die Abkürzung für network of architecture und spiegelt ihre kollaborative Arbeitsethik wider. „Der klassische Architektenberuf wandelt sich. Er wird als methodologische Konsequenz ersetzt durch interdisziplinäre Kreative aus diversen gestalterischen Sparten. Wir empfinden uns mehr als Dirigenten, die ein Orchester konzertieren“, betont Lukas Rungger. Und so wie ein Orchester je nach Opus, das es zur Aufführung bringt, seine Besetzung ändert, so greift auch noa* je nach Anforderungen des jeweiligen Projekts auf einen Pool an Experten zurück, die aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen. Dazu gehören neben Lichtkünstlern, Stoffdesignern oder Landschaftsarchitekten auch Philosophen, Musiker, Historiker, Psychologen oder Schriftsteller.

Geschichten zelebrieren Der ausgeprägte Netzwerkgedanke und die interdisziplinäre Herangehensweise sind nicht die einzigen Unterschiede zu anderen Büros. Den Architekten, der in seinem stillen Kämmerlein mit wenigen Strichen einen großen Wurf monumentalen Ausmaßes aufs Papier

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skizziert, den gibt es nicht mehr. Heutzutage muss Architektur Geschichten erzählen. „Besondere Menschen suchen besondere Geschichten, die sie erzählen können. Wir helfen ihnen, diese zu finden, zu zelebrieren, zu entfalten“, erklärt Lukas Rungger die ungewöhnliche Herangehensweise ihrer Arbeit. In fast detektivischer Kleinarbeit erforschen die Architekten von noa* den „genius loci“, begeben sich auf die Suche nach dem Besonderen an jenem Ort, spüren die Geschichten auf, die es zu erzählen gibt, und weben sie dann in ihre Entwürfe ein. So zieht sich etwa im Seehotel in Natz-Schabs die Geschichte des Ortes, die eng mit dem Bau der Wohlstand bringenden Wasserleitung verbunden ist, wie ein roter Faden durch das Interieur, während eine eigens angefertigte Fototapete die Vergangenheit der Skischule Seiser Alm in Bildern Revue passieren lässt. Es müssen nicht immer die großen Geschichten sein, auch viele kleine verbinden sich zu etwas Großem. Etwa im Valentinerhof, für den noa* Heutücher aus altem Leinen auf einen Webstuhl von 1901 handweben ließ, oder im Apfelhotel „Torgglerhof“, in dem der Zyklus des Apfels im Jahresverlauf von der Blüteund Erntezeit über die Veredelung bis zur Ruhezeit Pate für die Architektur stand.

Jedes Projekt ist einzigartig Weder wiederkehrende Motive noch eine erkennbare Handschrift prägen das Schaffen der Bozner Architekten. Architektonischer Einheitsbrei ist ihnen zutiefst zuwider, denn jedes Projekt und jeder Ort sind einzigartig. „Wir schaffen maßgeschneiderte Produkte, die spezifisch für jeden Bauherren elaboriert werden. Anstatt auf Marktprodukte zurückzugreifen, versuchen wir, jedes Projekt als Unikat zu konzipieren“, erzählt Stefan Rier. Die Reduktion auf das Essentielle, der bewusste Umgang mit der Landschaft und das richtige Gespür für die verwendeten Materialien, das sind die Eckpunkte des Schaffens. Gearbeitet wird ausschließlich mit einheimischen Rohstoffen, die in der näheren Umgebung zu finden sind und die Geschichte des Orts fortschreiben und das Besondere zur Geltung bringen. Ob imposante, einheimische Lärchen-Baumstämme, die scheinbar das Gebäude stützen, Fassaden aus Altholz, Natursteinmauern und Schindelverkleidung, Kupferrohre als gestalterisches Element oder dicht gepflanzte Nadelbäume, die das Erscheinungsbild prägen – der Kreativität der Architekten sind keine Grenzen gesetzt. Und darum geht es den Kreativen von noa* auch in ihrer Arbeit: Grenzen mit aller Kraft zu verschieben, aufzulösen oder neu zu definieren. Barbara Zöll

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noa* @ Südtirolerin N° 1/2018  

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