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Nachrichten aus der Kultur.Region Niederösterreich . November 2012

schaufenster

Kultur.Region Wir sind Bühne Kulturpreise 2012 / Volkskultur und Kulturinitiativen

P.b.b. · Vertragsnummer 11Z038847 M · Erscheinungsort: 3452 Atzenbrugg · Verlagspostamt: 3451 Michelhausen · DVR: 0933 295

Handwerk / Seilerei . Brauchkultur / Rund um Allerheiligen


lTur u k s k Vol d n u TuM ch. h c u Bra sTerrei r h e M derö e i n r fü

www.noevers.at

Wir schaffen das.

WIEN NORD

. k i s u M . z Tan zMusik. Tan n e f f a h c s wir . s a d


Editorial / 3

Brücken bauen

EINBLICK Konstruktive Kulturarbeit.

Brücken haben in vielerlei Hinsicht Bedeutung. Zunächst einmal dienen sie als Bauwerke dem Überqueren von Flüssen, Schluchten, Straßenzügen oder ganzen Tälern. Gerne wird der Begriff Brücke auch als Metapher verwendet, um auf diese Weise verbindende Elemente oder Eigenschaften bildhaft zu erklären. Man spricht daher von Brückenbauern, die Gegensätze überwinden und Konflikte bereinigen, von tragfähigen Brücken, die auch bei argen Belastungsproben sicher standhalten, von Brücken in die Vergangenheit oder in die Zukunft, um das gegenwärtige Handeln zu behaupten, zu erklären und in den Lauf der Geschichte einzubinden, oder aber im negativen Sinn vom Abbruch von Brücken, wenn freundschaftliche Beziehungen beendet werden. Gerade die laufende Staffel der Kremser Kamingespräche zum Thema „Donau.Visionen“ gibt Einblicke in die verschiedensten Aspekte, die mit Brücken einhergehen. Jede

neue Brücke fördert die Intensivierung von Beziehungen zwischen den Menschen beiderseits des Stromes, ob nun die neue SanktGeorgs-Brücke den Zentralraum Niederösterreichs besser erschließt oder ob rund 1.200 Kilometer flussabwärts die bald fertige Donaubrücke zwischen der bulgarischen Stadt Vidin und dem rumänischen Calafat enorme Verbesserungen für die Menschen beider Länder bringt. Nicht zuletzt versteht sich diese Brücke als weiterer Meilenstein im europäischen Integrationsprozess. Übrigens: Über diese und verschiedene andere Brücken macht sich Mella Waldstein ihre Gedanken, nachzulesen auf Seite 30. Die schönsten, funktionellsten und tragfähigsten Brücken helfen allerdings dann nicht weiter, wenn sie nicht beschritten oder befahren werden, wenn sie also im übertragenen Sinn nicht als konstruktives Bindeglied verstanden werden. Bildungsresistenz gilt hier wohl als ein fundamentales Hinder-

nis, den Wert von solchen Brücken zu erkennen, mögen diese nun zu bisher nicht bekannten Regionen, Menschen, Kulturen oder Wissensgebieten führen. Doch auch der entsprechende Wille und ein Quäntchen Mut gehören dazu, um sich auf das Gegenüber einzulassen. In besonderen Fällen kann es helfen, goldene Brücken zu bauen. Wer es allerdings ablehnt, selbst so einen Brückenschlag anzulehnen, sieht wahrscheinlich tiefe Gräben vor sich liegen. Konstruktive Kulturarbeit bedeutet jedenfalls, sowohl Brücken zu bauen als auch für ihre feste Verankerung an den Ufern zu sorgen. Allen Brückenbauern wünschen wir daher viel Kraft und Ausdauer, denn der Weg in eine erfolgreiche Zukunft führt über eine Vielzahl verschiedener Brücken. Dorli Draxler, Edgar Niemeczek

MusikSCHUL management KULTUR . REGION NIEDERÖSTERREICH

schaufenster / Kultur.Region / November 2012


Top-Termine / 4

November 2012

TOP-TERMINE

ORGELKONZERT PRIMA LA MUSICA —————————————————— Di, 20. 11. 2012, 18.00 Uhr Konservatorium für Kirchenmusik der Diözese St. Pölten, Festsaal 3100 St. Pölten, Klostergasse 10 —————————————————— Erstmals kommt es am 20. November 2012 am Konservatorium für Kirchenmusik der Diözese St. Pölten zu einem gemeinsamen Konzert der niederösterreichischen Preisträger des Landeswettbewerbs prima la musica in der Wertungskategorie Orgel. In seiner langen Tradition wurde der niederösterreichische Landeswettbewerb heuer bereits zum 18. Mal ausgetragen und stellte mit über 1.000 Musikschülern bundesweit die größte Teilnehmeranzahl. Höchste Zeit, einmal jene in den Vordergrund zu rücken, die in der Regel aufgrund der Wahl ihres Instruments zwar hörbar, jedoch im Hintergrund weniger sichtbar sind: die Organisten. ——————

cd-präsentation auf nach bethlehem! —————————————————— Do, 29.11.2012, 19.00 Uhr Trachten Tostmann, Bandlkramerladen 1010 Wien, Schottengasse 3a —————————————————— Rechtzeitig vor dem ersten Adventwochenende präsentiert die Volkskultur Niederösterreich ihre neue CD „Auf nach Bethlehem!“ Dem mehr als zwei Jahrtausende alten Ruf der einfachen Hirten, nach Bethlehem zu pilgern, um die Geburt Christi zu feiern, folgten auch Instrumental- und Vokalensembles: D’Schlofhaumbuam, der Familiendreigesang Knöpfl, Rohrblatt und Salterina sowie die Harfenistin Andrea Hampl machten sich auf die Suche nach volksmusikalischen Raritäten rund um den Weihnachtsfestkreis. Der musikalische Bogen spannt sich von der Herbergssuche über Verkündigungslieder und Gesänge der Hirten bis zu Liedern zum Neuen Jahr und Dreikönig. Mitwirkende Ensembles umrahmen die Veranstaltung. ——————

niederösterreichisches adventsingen BEIM GRAFENEGGER ADVENT —————————————————— Do, 6., und Fr, 7. 12. 2012, 19.00 Uhr Auditorium Schloss Grafenegg —————————————————— Herausragende Gesangs- und Instrumentalensembles aus Niederösterreich stimmen mit traditionellen Liedern und Weisen auf Weihnachten ein. Chor Haag, Mostviertler BlechMusikanten, der Familiendreisang Knöpfl und NiglHoga Stubnmusi Lesung: Adi Hirschal Moderation & Konzept: Dorli Draxler und Edgar Niemeczek Karten: EUR 14,00 bis 24,00 Mit der Eintrittskarte erhält jeder Besucher einmalig freien Eintritt zum Grafenegger Advent! —————— Information und Karten:

Information:

Information und Anmeldung:

Auditorium Grafenegg: Tel. 02735 5500

Musikschulmanagement Niederösterreich Tel. 02742 90666 6100 www.musikschulmanagement.at

Volkskultur Niederösterreich Tel. 02275 4660, office@volkskulturnoe.at

Tonkünstler-Kartenbüro: Tel. 01 586 8383

www.volkskulturnoe.at

www.grafenegg.at

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Inhalt / 5

November 2012

INHALT Volkskultur & Kulturinitiativen Kulturpreise 2012

24 / Mundart

Weinviertel

Stadtmuseum Traiskirchen Der Ferntöner

6 /

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Haus der Regionen Südtirol – Eine

Weinviertel Literarisches

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Haus der Regionen Sizilien

Forschung Streng geheim!

8 /

Erfolgsgeschichte

11 /

27 /

am Brandlhof

28 /

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Brauchkultur Rund um Allerheiligen

Donau.Visionen Brücke Nummer zwei

14 /

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Gala-Abend Botschafter der Tracht

16 /

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Musikschulen Annie – das Musical

18 /

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30 /

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Mostviertel Altes Handwerk

31 /

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Chorszene Niederöstererich Chorleiter „on tour“

34 /

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Musikschulen Musiktheater

21 /

Auslage Bücher, CDs & feine Ware

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Industrieviertel Leopoldi

38 / Fortbildung

23 /

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36 /

40 /

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Österreichische Bernsteinstraße Museumsnetzwerk

42 /

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Amethyst Welt Maissau

44 / Voll violett

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Museumsdorf Niedersulz University goes

46 /

Museumsdorf

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Museumsdorf Niedersulz Taten, nicht Worte

48 /

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Kultur.Region Intern

49 /

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50 / Die letzte Seite

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Kultur.Region

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IMPRESSUM Herausgeber: Dr. Edgar Niemeczek, Dorothea Draxler. Chefredakteurin: Mella Waldstein. Redaktionsteam: Karin Graf, MA, Mag. Günter Fuhrmann, Mag. Michaela Hahn, Dr. Lejla Halilovic, Mag. Katharina Heger, Mag. Marion Helmhart, Otto Kurt Knoll, DI Claudia Lueger, Dr. Freya Martin, Dr. Veronika Plöckinger-Walenta, Mag. Ulrike Vitovec, Mag. Michaela Weiss, Mag. Anita Winterer, Mag. Eva Zeindl, Mag. Michaela Zettl. MitarbeiterInnen dieser Ausgabe: Gabriele Burian, Mag. Thomas Hofmann, Josef Schick, Elisabeth Schiller, Dr. Elsbeth Wallnöfer, Mag. Karin Weber-Rektorik, Dr. Helga Maria Wolf. Produktionsleitung, Marketing, Anzeigen und Beilagen: Mag. Marion Helmhart. Eigentümer/Medieninhaber: Volkskultur Niederösterreich GmbH, 3452 Atzenbrugg, Schlossplatz 1, FN 308711m, LG St. Pölten. Tel. 02275 4660, office@volkskulturnoe.at, www.volkskulturnoe.at. Geschäftsführung: Dorothea Draxler, Dr. Edgar Niemeczek. Sekretariat: Petra Hofstätter, Tina Schmid. Grafik/Layout: Atelier Olschinsky Grafik und Design GmbH, 1060 Wien. Druck: good friends Druck- und Werbeagentur GmbH. Verlagspostamt: 3451 Michelhausen. Versandpostamt: Verteilerzentrum BZW 1000. ISSN 1680-3434 Copyrights: Kultur.Region.Niederösterreich GmbH, 3452 Atzenbrugg. Artikelübernahme nur nach Vereinbarung mit dem Herausgeber. Fotos: wenn nicht anders angegeben, Bildarchiv der Volkskultur Niederösterreich GmbH. Ziel der Zeitung: Information und Berichterstattung über Kunst und Kultur und ihre gesellschaftlichen Bedingtheiten mit besonderer Berücksichtigung der Regionalkultur im Bundesland Niederösterreich, Beiträge aus Wissenschaft und Praxis, Ankündigungen und Hinweise. Alle in der Zeitschrift verwendeten Begriffe, Personen- und Funktionsbezeichnungen beziehen sich ungeachtet ihrer grammatikalischen Form selbstverständlich in gleicher Weise auf Frauen und Männer. Cover: Bei den Proben der Musikschülerinnen für das Musical Annie, Foto: Nikolaus Korab.

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Kulturpreise 2012 / 6

Würdigungspreis Volkskultur

ein verbandler Rudi Pietsch – Musiker, Forscher, Lehrer.

rig, verrückt, stets authentisch und mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

Der Wissenschaftler In Wien hat er Schulmusik studiert und ist später als lehrender Wissenschaftler am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der Universität für Musik und darstellende Kunst ebendort tätig geworden. Als Überbringer von Volkskulturpaketen, die er im Rahmen von leidenschaftlich begangenen Feldforschungen und Exkursionen in diversen Regionen Niederösterreichs, Österreichs und Ländern der Welt bunt befüllt hat mit gesammelten Tänzen, Bräuchen, Melodien für jeden Anlass im Leben, steht bei ihm die Anwendbarkeit dieser Inhalte stets im Vordergrund. Er hat sie bis heute an ca. 4.000 Studenten – ihrerseits Multiplikatoren – weitergereicht mit dem Auftrag, nie nur Teilaspekte dieser Inhalte zu betrachten, sondern sie als Ganzes im großen Zusammenhang zu sehen und durch Innenansicht zu verstehen.

Das musikalische Vorbild

Rudi Pietsch mit „seinen“ Tanzgeigern. V. l. n. r.: Rudi Pietsch, Walter Burian, Dieter Schickbichler, Marie-Theres Stickler, Claus Huber, Michi Gmasz, Hannes Martschin.

Eine schillerndere Persönlichkeit lässt sich schwer finden: ein bewegter und bewegender Mensch, der stets mit unvorhersehbaren, gar unglaublichen Reaktionen sein Gegenüber überrascht, wendig und pointiert formuliert, musikalisch wie verbal, mit unverwechselbarem charakterlichen wie physiognomischen Profil – das und vieles mehr ist Rudi Pietsch. Wenngleich er tief verwurzelt ist in seiner Heimat Niederösterreich, gleich einem 60 Jahre alten Rebstock, ist sein Zuhause eigentlich die Welt. Ein Grenzgänger ist er, ein Grenzüberschreiter. Und er denkt grenzenlos. Sein freidenkerischer Geist, umspielt vom Ostinato der heimatlichen Verbundenheit, prägt sein Leben und Schaffen in vielfältigen Wirkungskreisen.

Der Geiger Seine geigerischen Qualitäten hat er in frühen Jahren in der Familienmusik entwickelt, während weiterer musikalischer Allianzen in seiner Sturm-und-Drang-Zeit ausgebaut und preziös geschliffen als Primas der „Tanzgeiger“, die er ins Leben gerufen hat. In inzwischen mehr als drei Jahrzehnten Lebens- und Musikgeschichte der „Tanzgeiger“ haben sich die Instrumentierung, das Repertoire und Besetzung gewandelt. Konstant geblieben sind die Vertrautheit mit den eigenen musikalischen Wurzeln und die Hellhörigkeit für das Fremde. Auf unzähligen Reisen durch die ganze Welt hat sich ihre Musik aus Österreich als unmissverständliche Sprache bewährt. Sie präsentieren sich kraftvoll, virtuos, mitreißend, feu-

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Ein Motor, ein Macher, ein Anreger, ein Verbandler ist er. Viele Musiker hat er zu Ensembles zusammengeführt und gecoacht, die heute aus der österreichischen Kulturszene nicht mehr wegzudenken sind. Er ist mitverantwortlich für die Entstehung des Weltmusikfestivals „glatt & verkehrt“ in Krems. Für Radio NÖ hat er Sendungen programmiert und verfasst und so für die Verbreitung von Volksmusik aus Niederösterreich gesorgt. Für den Konzertzyklus „Musikanten“ im Wiener Konzerthaus ist er Kurator. Sein Urteil als Juror wird bei Volksmusikwettbewerben landauf landab hoch geschätzt. Als Herausgeber etlicher Notenhefte und wissenschaftlicher Publikationen hat er unzählige Tanzmusikstücke vor allem niederösterreichischer Abkunft ins Leben zurückgeholt. Abertausende Zuhörer seiner Konzerte hat er als Meister der Stegreifmoderation begeistert durch die geniale Verquickung von ethnologischem Wissen und bester Unterhaltung. Rudi Pietsch ist ein Phänomen. Er ist der Brennstoff, der sich selbst verzehrt und dabei stets erneuert. Möge das zeit seines Lebens so bleiben. / Text: Gabriele Burian Foto: Die Tanzgeiger


Kulturpreise 2012 / 7

Anerkennungspreis Kulturinitiativen

Anerkennungspreis Kulturinitiativen

keine angst vor „quotengift“

eine balance des machbaren

Der Kulturhof Amstetten und sein ungewöhnliches Programm.

Über das feine Literaturmagazin DUM.

V. l. n. r.: Andreas Frühwald, Ernst Gassner, Franz Helm und Fritz Rafetseder

Wolfgang Kühn.

Wer Visionen hat, braucht einen Arzt, meinte angeblich einst Helmut Schmidt. Es ist wohl eher umgekehrt: Wenn man für die Planung eines Kulturvereines ein wenig durchgeknallt ist, kann das kein Nachteil sein. In Amstetten hat man sich an dieses Motto gehalten und mit einer gehörigen Portion Unerschrockenheit eine Kulturinitiative gegründet, die einzigartig war im Land und vermutlich darüber hinaus. Das war im Jahr 1992. Die Idee: Eine Plattform für Gedankenaustausch zu verschiedenen gesellschaftlich relevanten Themen gründen; eine Vereinigung, die sich einem emanzipatorischen Politik-, Geschichts- und Kulturverständnis verpflichtet fühlt und den Zusammenhang zwischen Kultur und Politik nicht unterschlägt. Man wollte ein Publikum gewinnen, das Interesse am Diskurs und am intellektuellen Austausch hat sowie Freude an hochwertigen Inputs. Bis heute wird folgerichtig ein Veranstaltungsmix umgesetzt, der weit weg von den üblichen Aktivitäten von Kulturinitiativen ist. Den Großteil des Programms bilden Angebote mit Wortanteil: Lesungen und Vorträge, hochwertig, ohne Angst vor großen Namen und thematisch immer am Puls der Zeit. Abgerundet werden diese Aktivitäten durch die „philosophischen Cafés“, freie Diskussionsabende zu vorgegebenen Themen. Man bewegt sich also weitgehend in einem Bereich, der gemeinhin als Quotengift gilt. Geradezu märchenhaft mutet es daher an, dass dieses so ungewöhnliche Konzept seit 20 Jahren funktioniert. Gründungsmitglied Fritz Rafetseder: „Wir sehen die Wirkung unserer Aktivitäten auf das Geschehen zwar als sehr begrenzt, aber andererseits haben wir eine gefühlte wichtige Funktion als gesellschaftlicher Sauerteig.“ Na bitte. /

DUM wurde von Reinhard Paschinger und Wolfgang Kühn im Oktober 1992 erfunden und gemeinsam mit Erich Engelbrecht ins Leben gebracht. Die erste Ausgabe erschien am 24. Dezember desselben Jahres und wurde in wenigen kopierten Ausgaben an die Besucher der Christmette verschenkt. Die Frage, ob das jetzt täglich komme, zeugte immerhin von Interesse, und so ging man weiter ans Werk.

www.kulturhof.at

www.dum.at

Text: Josef Schick, Foto: Helmut Lackinger

Text: Josef Schick, Foto: Helmut Lackinger

Poetische Qualität DUM ist auf ungewöhnliche Art erfolgreich: Es bleibt klein, ohne dadurch an Bedeutung zu verlieren oder daran zugrunde zu gehen. Es braucht kein Wachstum, um für die Leserschaft spannend und frisch und für die Herausgeber erfüllend zu bleiben. Es schafft gekonnt eine Balance des Machbaren. Den Hauptteil des Heftes bilden Prosatexte, Textauszüge und Lyrik von Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, vervollständigt durch Interviews und Rezensionen. Auffallend viele Junge und Autorinnen finden hier ihre Öffentlichkeit, von auffallender poetischer Qualität sind die Texte. Die Geschichte von DUM ist aber auch eine Geschichte von Wolfgang Kühn, dem einzigen noch aktiven Gründungsmitglied. Gemeinsam mit Kathrin Kuna und Markus Köhle gibt er die Zeitschrift heraus. Ausgestattet mit einer soliden Gelassenheit und stets auf der Suche nach neuen Ansätzen, treibt ihn die Freude an jeder neuen Ausgabe voran. Er sagt, jede sei wie ein Kind für ihn. /

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Haus der Regionen / 8

Südtirol

erfolgsgeschichte Vor 20 Jahren erklärte die italienische Regierung dem Staat Österreich als Schutzmacht der Südtiroler, sie hätte die Vertragspunkte ratifiziert. Dies führte zur „Streitbeilegungserklärung“ von Seiten Österreichs.

Die hochmittelalterliche Haderburg/Castello di Salorno oberhalb von Salurn markiert seit alters her die Grenze zwischen dem deutschen und italienischen Sprachraum.

Kriegsende 1918. Die Welt liegt in Trümmern. Hunger, Not und Seuchen regieren. Vier Jahre waren seit Ausbruch des Krieges vergangen. Am Ende sollten annähernd 40 Staaten am ersten großen geopolitischen Machtgerangel beteiligt sein. Das Ergebnis war eine Unzahl Toter und Verletzter und ein Chaos, das der politischen Neuordnung bedurfte. Im Jänner 1919 tritt in Paris die Friedenskonferenz zusammen. Die Verhandlungen sollten in einem Friedensvertrag enden, der am 7. Mai 1919 als Vertragsentwurf des so genannten Versailler Vertrag den Verlierern vorgelegt wurde. Die teilweise sehr rigiden Vertragspunkte (Reparationszah-

lungen, Bündnisverbote) sollten, so sind sich Fachleute heute einig, Folgen bis heute zeitigen. Als Ergebnis dieses Versailler Vertrages nun wurde auch die territoriale Neuregelung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie geregelt. Am 10. September 1919 unterzeichneten die alliierten Mächte mit Österreich in der Person des Staatskanzlers Dr. Karl Renner in der Nähe von Paris den 381 Artikel umfassenden Vertrag von St. Germain en Laye. Österreich sollte fortan Südtirol, Welschtirol, das Friaul und Triest an Italien abtreten. Weitere Gebietsabtretungen waren bereits erfolgt. Das Original des Vertrages, das in Paris aufbewahrt wurde, ist

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nunmehr verschollen. Man vermutet, dass dieser während der Kriegsjahre des Zweiten Weltkrieges in Berlin, wohin Nazi-Deutschland den Vertrag bringen ließ, den Verwüstungen zum Opfer fiel. Österreich jedenfalls war in seiner territorialen Neuordnung zu einem Rumpfstaat geworden, der sich politisch und kulturell neu zu formieren hatte. Der Wegfall Südtirols sollte in den ersten Tagen nicht das vordringlichste Problem des neuen Österreichs sein. Hingegen für Südtirol war der Pariser Vertrag eine vollendete Tatsache, die das Land bis auf den heutigen Tag beschäftigt.


Haus der Regionen / 9

Filmszenen aus „Verkaufte Heimat“ …

… aus den Jahren 1989 bis 1994 …

Am Tag des Waffenstillstands, dem 3. November 1918, besetzten italienische Truppen das deutschsprachige Territorium des heutigen Südtirol. Die deutschsprachigen kaisertreuen Tiroler sahen sich ab diesem Zeitpunkt einer neuen, fremdsprachigen nationalen Herrschaft ausgesetzt, die sich sehr bald – vor allem ab dem Zeitpunkt, ab dem die Faschisten zu regieren begannen – als wenig pfleglich im Umgang entwickelte.

Herrschaft und Symbol Mit Mussolinis Marsch auf Rom im Jahre 1922 und der damit verbundenen Entmachtung des italienischen Königs brach über die sich als österreichisch fühlenden Südtiroler eine Welle der Unterdrückung herein. Den Tirolern wurde verboten, die eigene Muttersprache zu sprechen, ihre Trachten zu tragen und ihre Feiertage so zu gestalten, wie sie es gewohnt waren. Deutsche Bücher zu besitzen war in den Augen der neuen Herrschaft ebenso ungern gesehen, wie deutsche Namen zu tragen.

… von den Regisseuren Karin Brandauer und Gernot Friedel. Fotos: ORF.

Bozen, schon seit dem ausgehenden Mittelalter als wichtige Handelsstadt bekannt, wurde in Windeseile italianisiert. Faschistische Herrschaftsarchitektur überzog das beschauliche Städtchen und eine beträchtliche Anzahl von Süditalienern wurde in Südtirol angesiedelt. Die Assimilierungspolitik gipfelte im so genannten Siegesdenkmal, das die Faschisten auf dem Siegesplatz errichteten und das den Einheimischen vermitteln sollte, sie würden nunmehr von ihrer barbarisch germanischen Unterlegenheit zur römisch zivilisierten Vollkommenheit geführt werden. Noch heute geben rechte italienische Politiker sich an diesem Platz ein Stelldichein. Während sich also nördlich des Brenners eine Erstarkung des Deutschen ihren Weg bahnte, durfte man in Südtirol nicht einmal mehr in Tracht zur Prozession gehen. Nicht ohne Einfluss und Hoffnung blickte man daher nach Hitlerdeutschland, ganz besonders, nachdem die Annexion Österreichs so reibungslos vonstattenging.

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Doch alle Hoffnungen sollten sich recht schnell zerschlagen, denn Hitler und Mussolini unterzeichneten im Jahr 1939 einen Pakt, der das Territorium Südtirols unangetastet lassen sollte – es den Südtirolern jedoch möglich machte, nach Nazideutschland auszuwandern. Als so genannte „Option“ ging das Projekt in die Geschichte ein. Es hat bei nüchterner Betrachtung keinem der Beteiligten Erfolg beschert. Südtirols Gesellschaft spaltete sich in Dableiber und Optanten, je nach Blickwinkel war man ein Verräter: entweder an der deutschen Sache oder am eigenen Land. Bis auf heutige Tage überzieht dieses Thema Südtirol wie ein Schleier, der nur ab und an gelüftet wird und so manchen Historiker noch zu beschäftigen weiß.

Kultur & Politik als Rechtsform Die kulturelle Vielfalt und Selbstsicherheit Südtirols jedenfalls wurde zu allen Zeiten ganz bewusst zu einem Instrumentarium des Widerstandes genutzt. Die Hoffnung, nach einer erneuten Neustrukturierung Europas


Haus der Regionen / 10

im Zuge der Aufteilung während des Jahres 1945, hatte sich für die Südtiroler recht schnell zerschlagen. Erneut verhandelte man in Paris, wiederum verblieb Südtirol bei Italien. Österreichs Außenminister Karl Gruber und Italiens Ministerpräsident Alcide De Gaspari unterzeichneten schließlich den nach ihnen benannten Vertrag (Gruber-De-Gaspari-Abkommen), der allerdings diesmal den besonderen Schutz der deutschsprachigen Bevölkerung berücksichtigte. Dieser Vertrag sicherte u. a. den Südtirolern das Recht auf Schulunterricht in der Muttersprache, den Schutz der kulturellen Vielfalt, die Gleichstellung mit den Italienern vor öffentlichen Ämtern (Gericht), die Eigennamen in der Muttersprache führen zu dürfen und Ortsbezeichnungen in deutsch führen zu können. Obwohl der Vertrag umfangreich war, ging die Ratifizierung recht schleppend voran. Nicht zuletzt durch die Zusammenlegung der Provinzen Trentino und Südtirol und den Fortgang der Zuzugspolitik durch die Italiener. Dies führte zur Radikalisierung einer Gruppe von Südtirolern, die sich im BAS (Befreiungsausschuss Südtirol) zusammenfanden und im Juni 1961 in einer in die Annalen als Feuernacht eingegangenen Bombennacht ganz Europa aufschreckten. In der Folge gab es auf beiden Seiten Tote – auch dieser Teil der Geschichte Südtirols wird heftig debattiert, sorgt noch immer für Unruhe unter Historikern, Politikern und den Südtirolern. Noch vor diesen Ereignissen sah sich Österreich aufgrund der schleppenden Umsetzung der Vertragspunkte des Gruber-De-GaspariAbkommens gezwungen, das Problem zu internationalisieren. Der damals noch junge Außenminister und Sozialdemokrat Bruno Kreisky nahm sich der von den Südtirolern vorgebrachten Probleme an und brachte das Völkerrechtsproblem vor die UNO. Damit fand eine kleine Gruppe selbstbewusster Menschen in den abgeschiedenen Tälern der Alpen international Gehör. Hand in Hand fanden laufend Verhandlungen zwischen Österreich unter Einbeziehung von Vertretern Südtirols und Italien statt. Dieses beispiellose Vertragswerk zum Schutz einer Minderheit ist nunmehr nahezu vollendet. Im Jahr 1992, als Europa in einem fortgeschrittenen Stadium der Vergemeinschaftung

Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll überreicht dem Südtiroler Landeshauptmann Dr. Luis Durnwalder das „Goldene Komturkreuz mit dem Stern des Ehrenzeichens für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich“. Bei ihrem Arbeitstreffen sprachen sie über die Stärkung der Regionen in der EU, innovative Projekte für Tourismus und Handwerk sowie alternative Energien. Foto: NLK/Filzwieser.

vorangeschritten war, teilte die italienische Regierung dem Staat Österreich als Schutzmacht der Südtiroler mit, sie hätte die Vertragspunkte ratifiziert. Dies führte zur so genannten Streitbeilegungserklärung von Seiten Österreichs, dernach man einen bereits im Jahr 1919 getroffenen Vertrag zum Schutze einer kleinen Gruppe über viele wechselvolle Jahre zum Erfolg geführt hatte.

drucken, diese ein gelungenes Beispiel für eine formvollendete Minderheitenpolitik darstellen. /

„Geheimnisse“ des Erfolgs

——————————————————— Do, 8. 11. 2012 Teil 1: 17.00 Uhr, Teil 2: 20.15 Uhr Verkaufte Heimat Regie: Karin Brandauer; beide Filme werden einleitend vom Drehbuchautor Felix Mitterer kommentiert. Eintritt frei!

Zwischen diesen politisch-völkerrechtlichen Jurisdiktionen fand parallel eine ungebrochene Pflege kultureller Verwandtschaft zwischen Österreich und Südtirol statt. Der überwiegende Teil der Südtiroler besuchte Österreichs Universitäten – sie bildeten Südtirols zukünftige Eliten aus. Die kulturelle Förderung Südtirols fand nicht zuletzt mit Hilfe finanzieller Unterstützung Österreichs statt. Lebenslange Freundschaften und Partnerschaften, darunter die zwischen den derzeitigen Landeshauptleuten Niederösterreichs und Südtirols, wurden noch während Studententagen geknüpft. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, mit dem kleinen Unterschied, dass Südtirol und seine Bewohner durch ihre mehrsprachliche Kompetenz (dt.-ital.) im Ausland beein-

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Text: Elsbeth Wallnöfer

südtirol im haus der regionen

Sa, 10. 11. 2012, 19.30 Uhr Südtiroler Huangart Als Huangart werden in Südtirol Musikantenstammtische bezeichnet. Im Haus der Regionen zu Gast: Teiser Tanzlmusig, Latzfonser Viergesang Kat. I: VVK: EUR 14,00, AK: EUR 16,00 Kat. II: VVK: EUR 12,00, AK: EUR 14,00 Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Tel. 02732 85015 www.volkskultureuropa.org


Haus der Regionen / 11

Sizilien

spaziergang nach syrakus Große Dichter und Denker unterwegs in Sizilien. Wir folgen ihnen.

Cefalu liegt an der Nordküste Siziliens am Fuß der Rocca di Cefalù, eines 270 Meter hohen Kalkfelsens zwischen Palermo und dem Capo d’Orlando. Foto: Makowitsch.

Seufzend ruderten wir hinein in die schreckliche Enge. So näherte sich Odysseus der Insel Sizilien. Auf der einen Seite droht Skylla und auf der anderen die wilde Charybdis. Die Meerenge von Messina ist eines der vielen Abenteuer, die Homers Held Odysseus zu bestehen hat: Dort ist ein Feigenbaum mit großen laubigen Ästen; / Drunter lauert Charybdis, die wasserstrudelnde Göttin. / Dreimal gurgelt sie täglich es aus, und schlurfet es dreimal / Schrecklich hinein. Weh dir, wofern du der Schlurfenden nahest! / Selbst Poseidaon könnte dich nicht dem Verderben entreißen: / Darum steure du

dicht an Skyllas Felsen, und rudre / Schnell mit dem Schiffe davon. Die Strudel bei Cariddi (Charybdis) sind das Ergebnis unterschiedlichen Gezeiten im Ionischen und Tyrrhenischen Meer und Skyllas drohender Fels liegt am Festland gegenüber. Glücklich auf Sizilien gelandet, erkannte Goethe: Hier erst ist der Schlüssel zu allem! Wer Italien kennen und die Antike begreifen will, muss Sizilien bereisen. Sizilien war der südlichste Punkt seiner Italienreise, die er

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

zwischen 1786 und 1788 unternahm. Die Antike, deren Spuren in den zahlreichen Tempelanlagen der größten Mittelmeerinseln allgegenwärtig sind, war das Reiseziel der aufgeklärten Bürgerschicht, und als Reiseführer diente Johann Wolfgang von Goethe: Nun ich all diese Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Weiden, fruchtbare Felder, geschmückte Gärten, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen Abwechslungen und Mannigfaltigkeiten im Geiste


Haus der Regionen / 12

Straße in Noto. Foto: Dalibor Kastratovic.

Taormina, Isola Bella. Foto: Angelo Giampiccolo.

gegenwärtig habe, nun ist mir erst die Odyssee ein lebendiges Wort. Es ist nicht nur das Erbe der griechischen Kolonien, die die Reisenden begeistern, auch die Einflüsse der arabischen Welt und der Normannen gehen auf Sizilien eine Mesalliance ein, die bis heute in der Küche, in den Bauten und in der Musik zu finden ist.

Palermo sehen und sterben Für Sizilianer sind wird falsch gepolt. Nordländer wollen immer das Meer sehen. So wurden die historischen Häuser aber nicht gebaut. Die Balkone der Palazzi wenden sich vom Meer ab. Roberto Alajmo porträtiert in „Palermo sehen und sterben“ seine Heimatstadt: Die Einwohner der Stadt pfeifen auf das Meer. In der Überzeugung, von den Göttern abzustammen, verzichten sie mit der gleichen Arroganz auf das Meer, mit der sich ein Reicher seine Zigarette an einem Geldschein anzündet. Der morbide Charme Palermos nährt sich von den – jetzt immer weniger – bröckelnden Fassaden des üppigen Barock, der Aura der Mafia und der Totenwelt des Kapuzinerklosters. In seinen Katakomben wurden die verstorbenen Brüder mumifiziert und viele Reiche Palermiter folgten dieser Totenverwahrung. Das beschreibt der österreichische Autor Josef Winkler in „Friedhof der bitteren Orangen“: Die Mauernischen, in denen die Toten lagen, waren von Glas geschützt, da sich die männlichen Besucher an den Frauenleichen vergingen.

Der Pate Die blutige Hauptstadt der Mafia war die im Westen gelegene unscheinbare Provinzstadt Corleone. Hier bekämpften sich zwei Clans, deren blutige Grausamkeiten aber letztendlich ein Umdenken in Gesellschaft, Politik und Justiz einleiteten. Für viele Schriftsteller, die sich dem Thema organsiertes Verbrechen angenommen haben, steht allen voran Mario Puzos Roman „Der Pate“. Es ist die Geschichte eines amerikanischen Mafiabosses, der den Namen seiner Heimatstadt trägt: Don Vito Corleone.

Der Fürst Sizilien ohne Giuseppe Tomasi di Lampedusa ist nicht denkbar. Der Roman „Gattopardo“ beschreibt das Feudalsystem des Adels und des Klerus und ist der Abgesang auf eine untergehende Gesellschaft. Die Biografie seiner Familie schrieb der Fürst Lampedusa im kleinen Caffe Mazzara in Palermo. So lange man noch sterben kann, ist noch Hoffnung. Das ist einer der berühmten Sätze über die sizilianische Lethargie. Die glühenden Sommer verbrachte der Palermiter Adel auf weitläufigen Landsitzen. So auch bei Lampedusa, dessen Schloss im Roman Donnafugata heißt, dessen Vorbild aber der Familiensitz in Santa Margherita di Belíce ist. Davon stehen nur mehr Ruinen. Ein Erdbeben zerstörte das Schloss 1968: Es umfasste etwa hundert große und kleine Zimmer. Es machte den Eindruck eines in sich geschlossenen, sich selbst genügenden Komplexes – sozusagen eine Art Vatikan; es enthielt

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

Repräsentationsräume, Wohnräume, Quartiere für dreißig Gäste, Zimmer für Dienerschaft, drei riesige Höfe, Stallungen und Remisen, ein privates Theater und eine private Kirche, einen ausgedehnten wunderschönen Garten und ein großes Stück Gemüse- und Obstland.

Landschaft, die alles vereint Im Dezember 1801 brach ein Mann im sächsischen Grimma auf und ging neun Monate zu Fuß durch Europa mit dem Ziel Sizilien vor Augen. Das ist der „Spaziergang nach Syrakus“ von Johann Gottfried Seume. Dies ist also das Ziel meines Spaziergangs, und nun gehe ich mit einigen kleinen Umschweifen wieder nach Hause. So lapidar Seumes Resümee klingt, natürlich hatte er sich in der ostsizilianischen Hafenstadt das griechische Theater angesehen und ist Platons Spuren gefolgt, der in Syrakus einen Idealstaat errichten wollte, oder ist über die Tempelstufen gegangen, die vielleicht auch schon der große griechische Mathematiker Archimedes beschritt. Seume hatte viel Zeit zum Reisen. Das ist nicht allen gegönnt. Guy de Maupassant gibt einen Reisetipp für Eilige ab. Wenn jemand nur einen einzigen Tag Zeit hätte für Sizilien und mich fragte: „Was muss man unbedingt gesehen haben?“, würde ich ihm ohne zu zögern antworten: „Taormina“. Es ist eigentlich nur eine Landschaft, aber eben eine Landschaft, die alles vereint, was auf Erden nur geschaffen sein mag, um Auge, Geist und Phantasie zu verzaubern. / Zusammengestellt von Mella Waldstein


Haus der Regionen / 13

Sizilien

tarantella siciliana In Sizilien wird Volksmusik großgeschrieben. Einblicke in die fröhliche sowie melancholische Musik geben Konzerte im Haus der Regionen.

atemberaubende Mischung aus melancholischer Wehmut und schwungvollen Tanzrhythmen.

Insel der Sonne Das von Homer als „Insel der Sonne“ bezeichnete Sizilien lockt jährlich viele Touristen mit dem milden Klima, den herrlichen Küsten und dem zauberhaften Meer an. Landschaftlich, aber auch kulturell gibt es hier viel zu sehen: Zahlreiche Völker haben auf Sizilien ihre unauslöschlichen Spuren hinterlassen und machen Sizilien zu einer Perle des Mittelmeeres. /

I Beddi. Foto: z.V.g.

italien / SIZILIEN IM HAUS DER REGIONEN

——————————————————— Do, 22. 11. 2012, 19.30 Uhr Amuri e Suduri – Liebe und Schweiß Irene Coticchio Trio Kat. I: VVK: EUR 14,00, AK: EUR 16,00 Kat. II: VVK: EUR 12,00, AK: EUR 14,00 Irene Coticchio Trio. Foto: z.V.g.

Di, 27. 11. 2012, 19.30 Uhr Diashow Sizilien – Insel der Sonne

Irene Coticchio

I Beddi

Die gebürtige Sizilianerin Irene Coticchio widmet sich in ihrer Musik den sizilianischen Volksgesängen, die zum Großteil aus Liedern armer und unterdrückter Bevölkerungsschichten besteht. Gemeinsam mit dem Gitarristen Daniel Zdrahal Serrano und dem Oud-Spieler Karim Othman Hassan erforscht sie die musikalischen Wurzeln ihrer Heimat, die stark durch die Kulturen des Mittelmeerraums genährt und beeinflusst wurde: So finden sich orientalische, arabische sowie mediterrane Wurzeln in der sizilianischen Musik.

I Beddi – fünf Vollblutmusikanten aus Sizilien – reisten durch das ländliche Gebiet der Insel, um nahezu in Vergessenheit geratene Volkslieder zu entdecken, zu adaptieren und so lebendig zu erhalten. Von Aufgeschlossenheit zeugt aber nicht nur der musikalische Stil der Gruppe, sondern auch das Instrumentarium: So finden sich neben Gitarre, Flöte, Harmonika und Kontrabass auch typisch sizilianische Instrumente wie Maultrommel und Dudelsack auf der Bühne. Das Programm verspricht eine

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VVK: EUR 7,00, AK: EUR 9,00 Fr, 30. 11. 2012, 19.30 Uhr Tarantella Siciliana I Beddi Kat. I: VVK: EUR 14,00, AK: EUR 16,00 Kat. II: VVK: EUR 12,00, AK: EUR 14,00 Kombi-Karte für beide Konzerte und die Diashow der Reihe Sizilien: Kat. I: EUR 32,00, Kat. II: EUR 28,00 Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Tel. 02732 85015 www.volkskultureuropa.org


Rund um Allerheiligen / 14

Brauchkultur

Rund um allerheiligen Der November beginnt mit dem Doppelfest Allerheiligen und Allerseelen, das zu unterschiedlichen Bräuchen Anlass gab und gibt.

Das Fegefeuer – eine tröstliche Einrichtung.

Nach antiker Vorstellung beginnt ein Fest am Vorabend. Der Heilige Abend vor dem Christtag oder die Geburtstagsfeier am Abend vor dem Fest sind bekannte Beispiele. Vor dem 1. November galt der 31. Oktober als „All Hallows evening“. Geschnitzte, beleuchtete Kürbisse zu Halloween sind mit der Sage von Jack O’Lantern verknüpft: Jack, ein trunksüchtiger irischer Schmied, überlistete den Teufel, der ihm versprechen musste, dessen Seele für alle Zeiten in Ruhe zu lassen. Wegen seines Lebenswandels blieb Jack nach seinem Tod aber auch der Himmel versagt. Daher ist die arme Seele bis zum Jüngsten Tag dazu verdammt, unstet durch die Gegend zu irren. Ihr einziger Lichtblick ist die Laterne aus einem Kürbis, in dem ein Stück Kohle aus dem Höllenfeuer brennt. Die Sage zeigt

Wider aller Behauptungen: Halloween ist kein keltisch-irisches Totenfest.

auffallende Verwandtschaft mit Erzählungen, die im Zusammenhang mit der kirchlichen Lehre vom Fegefeuer standen. Der deutsche Volkskundler Alois Döring, der sich mit dem Phänomen eingehend beschäftigt hat, schreibt: „Allen populären Erklärungen zum Trotz: Halloween ist seiner Herkunft nach kein keltisch-heidnisches Totenfest. Vielmehr verweisen die Überlieferungen auf die im geschichtlich-kulturellen Ausbreitungsprozess säkularisierten Bezüge zum christlichen Totengedenkfest Allerheiligen.“ Leopold Schmidt (1912–1981) nannte im Standardwerk „Volkskunde von Niederösterreich“ Allerheiligen und Allerseelen „das große Doppelfest der Toten, nämlich der toten Heiligen und der toten Weltkinder“. Seit

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dem 9. Jahrhundert feiert die Kirche das Allerheiligenfest am 1. November, an das sie seit dem 10. Jahrhundert das allgemeine Totenfest am 2. November anschloss. Das Allerseelenfest war eng mit dem Fegefeuerglauben verbunden. Das Fegefeuer (Purgatorium) war eine tröstliche Konstruktion. Im Gegensatz zur Vorstellung von Himmel und Hölle, die für Sünder ewige Verdammnis vorsah, stand den Geläuterten der Weg ins Paradies offen. Zuwendungen wie Gebet, Kerzenspenden oder gute Taten sollten die Qual der armen Seelen verkürzen. Die Erlösten wiederum konnten zu Fürsprechern der Lebenden werden. So entstand ein Modell des ständigen geistigen Austauschs zwischen Lebenden und Toten, in dem die christliche Nächstenliebe (Caritas) einen wichtigen Platz


Rund um Allerheiligen / 15

Schaurig dargestellt: der Arme-Seelen-Kult.

Die Sage vom irischen Schmied Jack O'Lantern.

Striezelpaschen im Weinviertel.

hatte. Im Allerseelen-Spendebrauch von Naturalien nahmen Kinder und arme Leute die Stelle der armen Seelen ein.

Lotterie. Mit einer gezogenen Nummer wurde eine Anzahl von Gebeten einer bestimmten Gruppe von armen Seelen zugedacht. Leopold Schmidt berichtete von einem solchen „Glückshafen“ am Ende des 18. Jahrhunderts in Geras.

reichische Heimatforscher Johannes Mayerhofer (1859–1925) schrieb, dass man in der Nacht zum Allerheiligentag „missliebigen und geizigen Personen“ einen großen, aus Stroh geflochtenen Striezel vor das Haus stellte. Das „Rügezeichen“ wurde so platziert, dass es die Vorbeigehenden früher sahen als die Betroffenen, denen der Spott sicher war. Im ab 1888 erschienenen „Kronprinzenwerk“ wird das Gleiche berichtet und erwähnt, dass Burschen maskiert und schreiend durch die Dörfer „heiligen“ gingen. Parallelen zu Halloween drängen sich auf: Auch das „Trick or Treat“ richtet sich am Allerheiligen-Vorabend gegen die Geizigen. Leopold Schmidt hingegen nannte die Strohzöpfe „Gunstbezeugungen der Burschen an die tanzreif gewordenen Mädchen“.

Geburt des Fegefeuers Das Fegefeuer als „Verdammnis auf Zeit“ kommt weder in antiken Kulten noch in der Bibel vor. Jacques le Goff, einer der führenden Historiker Europas, setzt „die Geburt des Fegefeuers“ im 13. Jahrhundert an. Unter bestimmten Voraussetzungen konnte ein Ablassgebet den armen Seelen im Fegefeuer zugewendet werden. 1858 nannte ein Dekret Pius IX. als eine Bedingung für einen „vollkommenen Ablass“ das Gebet vor einem Kruzifix. Noch im 20. Jahrhundert findet man auf Sterbebildchen Stoßgebete wie „Süßes Herz Maria! Sei meine Rettung!“ mit dem Hinweis „300 Tage Ablass“ oder „Mein Jesus Barmherzigkeit“ (100 Tage Ablass). Ablass (lat. indulgentia) bezeichnet einen von der römisch-katholischen Kirche geregelten Gnadenakt, durch den zeitliche Sündenstrafen erlassen werden. Der Ablasshandel war ein Grund für Martin Luthers Kritik am Katholizismus, die zur Reformation führte. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt“, spotteten seine Anhänger. In der Barockzeit erhielt der Arme-SeelenKult neuen Auftrieb. Prediger wie der berühmte Abraham a Sancta Clara (1644–1709) hielten flammende Appelle. Es gab fromme Lieder, schaurige Darstellungen auf Bildern und in Kirchen, sogar eine Arme-Seelen-

Striezelbettler In Niederösterreich sind am Allerheiligenund Allerseelentag Kinder als „Striezelbettler“ unterwegs. In der Buckligen Welt bekommen sie von ihren Paten Striezel oder Weißbrotlaibchen. Bis in die Zwischenkriegszeit sagten sie beim Heischen Sprüche wie: „Gelobt sei Jesus Christus, tat bitten um an Heiligenstriezel“ oder „Glück und Segen für deine Kuchl, Glück und Segen für Haus und Stall und für deine Hühner und Kinder all’ “. Zum Dank hieß es: „Vergelt’s Gott Allerheiligen.“ Im Schneeberggebiet erhielten die Kinder, die in Gruppen kamen, kleine Brote von den Bäuerinnen und wurden aufgefordert, als Gegenleistung für deren verstorbene Familienmitglieder zu beten. Bis in die 1870er Jahre verschenkten Bäcker in den Städten verschieden große Allerheiligenstriezel an ihre Kunden – je nachdem, wie viel diese im Laufe des Jahres gekauft hatten. Im Weinviertel ist das „Striezelpaschen“ Brauch. Man bestellt beim Bäcker einen besonders guten, großen Striezel. Er ist der Preis beim Würfeln, den der Spieler mit dem höchsten Wurf gewinnt.

Der Ethnologe Helmut Paul Fielhauer (1937 bis 1987) beobachtete 1963 im Weinviertel verschiedene Geflechte aus Stroh: lange, über die Straße gespannte Zöpfe, mit Abfällen gespickte Geflechte und mit Blumen verzierte Striezel. Fielhauer deutete den strohernen Allerheiligenstriezel als burschenschaftlichen Rügebrauch, der vielfach zu einem Hänselbrauch abgeschwächt worden sei. Er hätte „vor allem den moralisch freizügigeren Mädchen oder älteren, unverheirateten Frauen“ gegolten. Innerhalb mehrerer Generationen wäre aus dem Rüge- und Hohnzeichen eine Minnegabe geworden. / Text: Helga Maria Wolf

Von ganz anderer Art waren die Allerheiligenstriezel aus Stroh. Der niederöster-

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Illustrationen: Magdalena Steiner


Botschafter der Tracht / 16

Gala-Abend

in die welt tragen Zum vierten Mal wurden die Botschafter der Tracht gewählt: Johanna Maier, Haubenköchin aus Filzmoos, und Markus Wasmeier, Skiweltmeister und Museumsdirektor aus Bayern.

Trachtenmodenschau im Rahmen des Gala-Abends „Botschafter der Tracht“ in der Salzburger Residenz.

Sie stehen dafür. Sie tragen sie und sie tragen sie hinaus in die Welt: Die Tracht hat ihre Botschafter. Zum vierten Mal organisierten die Grand Dame der österreichischen Trachtenmode, Gexi Tostmann, und ihre Tochter Anna einen Festabend im Zeichen der Tracht. Haubenköchin Johanna Maier und der deutsche Skiweltmeister Markus Wasmeier wurden von der Jury – unter anderem Dorli Draxler, Geschäftsführerin der Volkskultur Niederösterreich – zu den Botschaftern der Tracht gewählt. Erstmals fand die „Angelobung“ der beiden Botschafter in Salzburg

statt. Und da gleich im feierlichsten Rahmen, den die Stadt bieten kann: in den Sälen der fürsterzbischöflichen Residenz. Durch den Gala-Abend führte Dorli Draxler und eröffnet wurde er von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, die in einem pink-schwarzen Dirndl erschien – unweigerlich ein EyeCatcher. „Ich freue mich, dass im 21. Jahrhundert die Tracht eine so große Offenheit zeigt“, so die Salzburger Landeshauptfrau, denn „Tracht kommt ja von tragen“. Johanna Maier aus Filzmoos, die in der Pension ihrer

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Schwiegereltern zu kochen begonnen hat und von Gault Milleau als einzige Köchin mit vier Hauben ausgezeichnet ist, lebt vor, dass das Dirndl auch für den Alltag taugt. Sie arbeitet in ihrem weißen „Kochdirndl“. Das „Sterntalerkind“, wie Laudator André Heller sie treffend benennen wird: „Ich stelle immer wieder fest: In einer Tracht müssen die Damen nicht so rank und schlank sein, gerade sie schauen in Tracht besonders chic aus.“ Das kann einer Köchin aus Leidenschaft nur entgegenkommen.


Botschafter der Tracht / 17

V. l. n. r.: Lederhosen-Hersteller Markus Meindl, Anna Tostmann, André Heller, Botschafter der Tracht Markus Wasmeier, Botschafterin der Tracht Johanna Maier, Gexi Tostmann.

„Die Tracht und das Kochen haben etwas Gemeinsames: Beide entwickeln sich weiter. Aber wie der Saibling ein Saibling bleibt, so ist das mit den schönen alten Stoffmustern: Sie sind die Grundlage, auf der sich neue Kreationen aufbauen“, so die Köchin Johanna Maier.

Altes und Neues verbinden An diesem Abend wurde Johanna Maier nicht nur zur Botschafterin der Tracht ernannt, sondern sie umsorgte die über 250 geladenen Gäste in der Salzburger Residenz. Müßig zu erwähnen, dass diese nahezu vollständig in Tracht erschienen waren. An den Tischen entsponnen sich angeregte Diskussionen über das Alter einer Lederhose, über die Großmütter, die Wollstutzen strickten, und über mancherlei Sticktechnik auf den Einsätzen Inntaler Festtagstrachten. Gexi Tostmann plädierte in ihrer Rede für „eine Zukunft, in der sich Altes und Neues miteinander verbindet“. Und Johanna Maier, die lieber hinter dem Buffet als auf der Bühne stand, sprach sie Mut zu: „Du musst noch ein bisschen durchhalten.“ Die Laudatio für Maier sprach André Heller, der „in der Tracht des japanischen Yamamoto-Volkes“ gekommen war.

Die richtige Antwort „Ja, auch ich habe Lederhosen getragen, als Kind in St. Gilgen am Wolfgangsee …“, begann Heller seine Rede. Im weiteren ging er auf jene Kleidung ein, die immer mehr den

Alltag bestimmt: „Die Freizeitkleidung hat weite Teile der Welt ruiniert. Deswegen sage ich – obwohl ich Demokrat bin –, die Kleidung selbst auszusuchen gehört abgeschafft.“ Daher sein Plädoyer für Tracht, die auch praktische Gründe hat: „Ob japanischer Kimono oder indischer Sari: Die Tracht ist die richtigste Antwort auf das lokale Wetter.“ Die Antwort, warum er heute keine Lederhosen mehr trage, gab André Heller auch: „Lederhosen taugen für mich nicht, dazu sind meine Waden nicht geschaffen, aber Wachauer Goldhauben stehen mir sehr gut.“ Bilder aus einer idyllischen Welt brachte die Modeschau. „Ja, wir zeigen auch Klischees“, so Gexi Tostmann. Da wurden Krautköpfe geschupft und dort mit Heugabeln gewinkt. Ein Hirsch trat auf, ein Jäger. Besonders gelungen war eine Sequenz aus dem Salzburger Huberti-Kirtag mit Ringelspiel und Luftballons.

Wegbegleiter Tracht „Ich bin Museumsdirektor, Landwirt und Bierbrauer.“ So stellte sich der zweite Botschafter der Tracht, Markus Wasmeier, vor. Der Ex-Skirennläufer hat Höfe aus dem bayerischen Oberland gerettet und am Schliersee ein Freilichtmuseum errichtet. Für den deutschen Weltmeister ist die Tracht ein ständiger Wegbegleiter. „In Tracht“, und da kommt er ins Schwärmen, „bist du immer anders willkommen. Da bist du wer.“ Sein Laudator war der deutsche Lederhosen-Hersteller Markus

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Hilfe im eigenen Land-Präsidentin Sissi-Pröll und Landeshauptfrau Gabi Burgstaller.

Meindl, der nicht nur die Tradition seiner Familie weiterführt, sondern – ganz im Motto dieses Abends – Altes und Neues verbindet und Modepartner eines großen deutschen Motorradherstellers ist. Besondere Paten sind die Namensgeber der überreichten Preise. Johanna Maier wurde der Emilie-Flöge-Preis überreicht, Markus Wasmeier der Konrad-Mautner-Preis. Emilie Flöge (1876–1952), Modedesignern und bekannt als Muse von Gustav Klimt, entwarf das Reformkleid, und mit Versatzstücken slowakischer Stickereien und siebenbürgischer Trachtenelemente schuf sie die Anfänge des Ethno-Looks. Die Designerin verbrachte viele Sommer im Salzkammergut und trug selbst gerne Tracht. Konrad Mautner (1876–1924) stammte aus einer Familie jüdischer Textilfabrikanten und entdeckte in der Sommerfrische am Grundelsee sein Interesse für Volkskunde. „Er hat sich flammenden Herzens in die Tracht, in die Lieder, in die Tänze verliebt“, so der Schauspieler Miguel Herz-Kestranek, selbst Botschafter der Tracht 2008. Gemeinsam mit dem Volkskundler Viktor von Geramb arbeitete Konrad Mautner an dem „Steirischen Handbuch“, das zu den Standardwerken der Volkskunde zählt. / Text: Mella Waldstein Fotos: Tostmann Trachten


Musikschulen / 18

Wir sind Bühne

auf den weg helfen Wir sind Bühne! In einem einzigartigen Projekt erarbeiten Musicalprofis gemeinsam mit Musikschülern ein Stück.

Annie: Schülerinnen und Schüler aus der Musikschulregion Mitte haben in Workshops und Intensivproben das Musical erarbeitet. Foto: Nikolaus Korab.

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Musikschulen / 19

„Pippin“, eine Produktion aus dem Jahr 2009 der Musikschulen Region Mostviertel. Foto: Atelier Olschinsky.

24. August, PR-Auftritt in Tulln: Einige Jugendliche sitzen kichernd im Kreis, einzelne stehen etwas abseits und wirken angespannt, die letzten Mikros werden fixiert und Instruktionen erteilt. Nur noch wenige Momente, dann werden sie auf der Bühne ihr Bestes geben. Es ist der erste gemeinsame große Auftritt, das erste Mal vor Publikum. Wird alles gut gehen? Wie wird die Resonanz beim Publikum sein? Kann die Gruppe überzeugen? Die Gruppe – das sind Musikschüler und Darsteller aus der Region Niederösterreich Mitte. Sie alle sind Teil einer einzigartigen Produktion. Das Musicalprojekt „Wir sind Bühne“ geht heuer in die dritte Runde. In einer modellhaften Kooperation von Musicalprofis und Musikschülern wird dieses Jahr das Musical „Annie“ erarbeitet und gelangt im November zur Aufführung. Für Idee und Konzept zeichnet Luzia Nistler verantwortlich, die auch die künstlerische Leitung innehat. Die Sängerin, Schauspielerin, Regisseurin und Stimm- und Sprechtrainerin kann selbst auf eine erfolgreiche Karriere als Musicaldarstellerin zurückblicken. Als Christine in der deutschsprachigen Uraufführung von „Das Phantom der Oper“ startete Luzia Nistler ihre Karriere im Theater an der Wien, die sie über die Grazer Oper bis zur Wiener Volksoper führte. Dabei wirkte sie in über 60 Rollen in verschiedenen Musicals, Opern

und Operetten sowie in diversen Schauspielund Kabarettproduktionen mit. Ihr Regiedebüt gab sie mit dem Musical „Konrad, das Kind aus der Konservenbüchse“. Die Idee, nun ein Musical in einer gesamten Musikschulregion aufzuziehen, kam ihr vor einigen Jahren: „Die niederösterreichischen Musikschulen bieten ein vielfältiges Ausbildungsangebot, darunter Gesang, Tanz und Schauspiel. Diese Fächer werden von qualifizierten Lehrern unterrichtet, in vielen Schulen wird die Möglichkeit geboten, einer darstellenden Gruppe beizutreten. In einem regionalen Musicalprojekt wollen wir nun alle Sparten zusammenführen und machen uns auf die Suche nach Talenten und Begabungen.“ Dabei übernehmen Profis eine vermittelnde Rolle ein. Vom Vorsingen beim Casting über die Einstudierung der Choreographie bis hin zur Aufführung begleiten sie die Jugendlichen und stehen ihnen mit Tipps zur Seite. „Wir führen nur zusammen, was schon vorhanden ist“, betont Luzia Nistler, „wir übernehmen nicht die Aufgabe der Musikschullehrer.“

Gesang, Schauspiel und Tanz Warum die Wahl des Genres genau auf das Musical gefallen ist? Luzia Nistler erläutert verschiedene Gründe. Sie selbst hat auch eine klassische Gesangsausbildung genossen und

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weiß, dass der Weg zur Gesangskarriere meist über selbige führt. Dieser ist jedoch lang, und um Opern oder Operetten professionell singen zu können, braucht man eine gewisse technische Reife. Das Musicalfach zu erlernen ist nicht weniger schwierig als klassischer Gesang, doch kommen einige Parts der Naturstimme sehr nahe. „Es ist wichtig, beim Singen sein Ich, seine Persönlichkeit zu finden. Die eigene Stimme ist etwas sehr persönliches. Heutzutage wird sehr viel imitiert, damit kann man sich die Stimme zerstören. Wir wollen die Jugendlichen dazu bringen, selbst auszuprobieren, die eigene Linie zu finden und sich auf diesen Findungsprozess auch einzulassen.“ So sollen die jungen Darsteller nicht nur musikalisch, sondern vor allem auch menschlich am Projekt wachsen und sich dieser Entwicklung bewusst werden. In der Arbeit mit Jugendlichen sieht Luzia Nistler auch einen Vorteil in den zeitgemäßen Arrangements des Musicals. Junge Menschen können sich damit identifizieren, sie fühlen sich davon angesprochen. Auch die Vielfältigkeit durch die drei Teile Gesang, Schauspiel und Tanz trägt dazu bei, dass das Genre als attraktiv wahrgenommen wird.

Hartes Business Fast wöchentlich treffen sich die 41 Darsteller, die in einem vorangegangenen Casting ausgewählt wurden, rund um Luzia Nistler,


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Das Musical „Zustände wie im alten Rom!“ wurde 2011 in Kooperation mit der Musikschulregion Ost durchgeführt. Foto: Gerald Lechner.

Carsten Paap (Dirigent) und Christoph Sommersguter (Choreograph) zu den Proben. Dabei ist nicht nur das Organisationsteam vor logistische Herausforderungen gestellt. Auch von den Darstellern wird viel abverlangt. Neben Schule, Arbeit und Musikschule gilt es im Zeitmanagement auch die regelmäßigen Proben unterzubringen. Luzia Nistler über den Probenprozess: „Es ist wichtig, den gesamten Prozess des Entstehens eines Musicals kennenzulernen. Der Teil des Entstehens ist ein sehr wesentlicher Part – der einzig kreative, denn alles andere ist harte Arbeit und Business.“ Deswegen legt man in der Produktion viel Wert auf die gemeinsame Probenarbeit. Man will die Kreativität der Jugendlichen erwecken und Entwicklungen ganz nach dem Motto „Schau, was du alles kannst!“ aufzeigen. Das Lernen voneinander gestaltet sich dabei als wichtiges Element. Seit drei Jahren existiert das Projekt „Wir sind Bühne.Musical“ und bisher gastierte es bereits in den Musikschulregionen Ost und Mostviertel. Immer wieder gibt es Darsteller, die eine weite Anreise in die neue Region auf sich nehmen, um noch einmal Teil des Projekts zu sein. Als „alte Hasen“ im Geschäft können sie ihre Erfahrung an die anderen weitergeben und tragen einen wichtigen Teil zur Entwicklung der Gruppe bei. Intensivproben im Sommer dienten unter anderem der Ermittlung des Probenstandes und der Fortschritte. Sie sollen allen Beteiligten zeigen: Wo stehen wir bei unserer Arbeit, was funktioniert

Luzia Nistler und „ihre drei Annies“: Marie-Theres Müller aus Langenlois, Emilia Heigl aus Wieselburg und Verena Dorn aus Maria Anzbach. Foto: NÖN.

schon gut und woran müssen wir noch arbeiten? Bei Durchläufen werden erstmals Aufund Abgänge geprobt. Luzia Nistler weiß, welch essenzielle Rolle die Intensivproben für den Prozess bedeuten: „Die Darsteller bekommen erstmals einen Überblick über das gesamte Stück. Auch gruppendynamisch sind diese Einheiten sehr wichtig, schließlich muss man gemeinsam an einem Strang ziehen, um das definierte Ziel zu erreichen.“

Die Probenwochen eilen dahin und die Premiere naht in großen Schritten. In sechs Aufführungen in Tulln und Krems können die Darsteller ab 10. November ihr Talent unter Beweis stellen und zeigen, was sie in den vergangenen Monaten gemeinsam erarbeitet haben. Der PR-Auftritt in Tulln verspricht Großartiges. / Text: Katharina Heger

Fordern und fördern Auf dem Weg dahin werden die Jugendlichen von „Profis“ rund um Luzia Nistler begleitet. Denn für gewöhnlich geht ein Musical nicht als komplettes Stück in die Proben, sondern ist ständigen Änderungen unterworfen und steht in einem andauernden Prozess. „Wir verlangen den Darstellern viel ab und alle sind gefordert – und wenn man die Entwicklung und das Ergebnis sieht, weiß man: Das ist es, was ich will. Wir fordern und fördern … und wollen aufzeigen, was an Talent und Potenzial schon da ist und wie man es ausbauen kann. Es ist schön, wenn nachher manche sagen: Das ist mein Weg, in dem Bereich möchte ich weiter Fuß fassen! Dies trifft auf einige wenige zu. Gleichermaßen gibt es jene, die diesen Weg nicht einschlagen wollen. Beides ist wichtig, denn es geht um die Findung. Wenn die Jugendlichen dabei Spaß haben, lernen und gute Erfahrungen machen, ist es das Beste, was uns passieren kann.“

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annie – das musical

——————————————————— Sa, 10. 11. 2012, 19.30 Uhr (Premiere) So, 11. 11. 2012, 17.00 Uhr Mo, 12. 11. 2012, 10.30 Uhr* Atrium Tulln, Minoritenplatz 1 3430 Tulln Fr, 16. 11. 2012, 10.30 Uhr* Sa, 17. 11. 2012, 19.30 Uhr So, 18. 11. 2012, 17.00 Uhr Stadtsaal Krems Edmund-Hofbauer-Str. 19 3500 Krems *Geschlossene Vorstellung für Schulklassen Karten: VVK EUR 12,00 bis 18,00 www.oeticket.com —————— www.musikschulmanagement.at/ wir-sind-buehne


Musikschulen / 21

Musiktheater

anything goes Neben der überregionalen Initiative „Wir sind Bühne“ sind Musikschulen auch selbst aktiv und bieten eigene Produktionen, Kooperationen und das Unterrichtsfach Musical an.

Musikschullehrer Bernhard Putz bei den Proben zum Rockoratorium „Eversmiling Liberty“. Foto: Johann Hofbauer.

In seiner Form als Unterhaltungstheater vereint das Musical gleichermaßen Schauspiel, Musik, Gesang, Tanz und Szene. Demnach sind Musicalproduktionen meist Produkt einer Teamarbeit von Spezialisten. Neben dem Librettisten, Komponisten und Textdichter (lyricist) nehmen auch Regisseur, Choreograph, Bühnenbildner und Produzent eine wichtige Rolle ein und haben Einfluss auf die Entwicklungen. Ebendieser Aufwand an Ressourcen gestaltet Produktionen im Bereich Musiktheater in Musikschulen problematisch. Projekte dieser Art sind oft verbunden mit dem persönlichen Einsatz einzelner Lehrer und Musikschulleiter und stützen sich auf das Engagement Freiwilliger. Oft wird der Großteil der Aufgaben von einer einzigen Person übernommen.

Eigene Produktion Einer, der davon ein Lied singen kann, ist Wolfgang Berry. In der Joe-Zawinul-Musikschule Gumpoldskirchen führt er seit Jahren Musicalprojekte mit Schülern durch. Dabei schlüpft er in die Rolle des Komponisten, Lyricisten und Regisseurs zugleich. Die Idee kam ihm bei einem Klassenabend: Warum immer die gleichen Vorspielsituationen, gezwängt in Konzertanzug oder schwarzen Rock, abhalten? Bald schon textete er Lieder um, arrangierte und inszenierte mit seinen Schülern Musicals. Mittlerweile sind die so genannten „Musicomicals“, die Berry eigens für die Schüler schreibt, Tradition und be-geistern regelmäßig das Publikum. Das Gumpoldskirchner Publikum, wohlgemerkt. Denn bei allem Erfolg und der Freude, die die

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Projekte mit sich bringen, ist Berry enttäuscht: „Es ist schade, dass Produktionen wie diese, die mit großem Aufwand möglich gemacht werden, nur ein Mal in Gumpoldskirchen stattfinden. Nach vielen Arbeitsstunden ist das Material nun vorhanden und angepasst an das Können der Schüler – es wäre schön, wenn die Stücke in Form von Kooperationen oder Gastspielen öfter auch in anderen Musikschulen übernommen und zur Aufführung gebracht würden.“

Kooperation Eine Musikschule, die sich an ein enormes Kooperationsprojekt herangewagt hat und dabei eine ganze Region einbinden konnte, ist die Musikschule der Stadtgemeinde Kirchschlag in der Buckligen Welt. Unter dem


Musikschulen / 22

musikschulprojekte

——————————————————— Weitere Musical-Projekte an niederösterreichischen Musikschulen: —————— Ritter Kamembert Musikschule Kirchberg am Wechsel in Kooperation mit dem Chor Capricciata Fr, 22. 3. 2013 Verein Morgenstern in Piesting Sa, 23. 3. 2013 Musikschule Kirchberg am Wechsel www.musikschule-kirchberg.at —————— Best of Michael Jackson Musikschulverband Staatz und Umgebung April 2013 www.musikschule-staatz.at —————— Geisterstunde auf Schloss Eulenstein Die Musikschule Staatz im Weinviertel bietet Musical als Unterrichtsfach an. Foto: Elisabeth Koci.

Motto „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt“ (Mahatma Ghandi) versammelte Bernhard Putz, Musiker und Musikschullehrer, insgesamt 140 Sänger, Bandmusiker, Sprecher, Tänzer und Techniker um sich. Die Musikschule Kirchschlag lud als Veranstalter freiwillige Sänger aus dem südöstlichen Niederösterreich und dem steirischen Wechselland ein, an einer szenischen Inszenierung des Rockoratoriums „Eversmiling Liberty“ teilzunehmen. Stimmkräftige Unterstützung erfuhren diese zusätzlich vom Volksschulchor Kirchschlag, dem Chor der Volksschule Bad Schönau und dem Chor der Modellschule Kirchberg am Wechsel. Die Mithilfe der Gemeinde Kirchschlag und etlicher Kooperationspartner machten es möglich, die Produktion als Benefizveranstaltung durchzuführen. Doch nicht nur die Vinzigemeinschaft, der der Erlös zugute kam, profitierte von dem ambitionierten Projekt: Die Vernetzung der Musikschule mit der Region hinterlässt bleibende Eindrücke und zeigt auf, was durch Kooperation und mit Engagement möglich wird.

Musical als Fach Laufende Musicalprojekte werden im Musikschulverband Staatz und Umgebung abgewickelt. Denn als eine der wenigen niederösterreichischen Musikschulen hat man hier eine Musicalklasse eingerichtet. Eine im Jahr 2004 entstandene Produktion anlässlich des Weinviertel-Festivals wurde von Teilnehmern und Publikum begeistert angenommen, sodass ein Konzept für regelmäßige Stunden schon im nächsten Jahr umgesetzt werden konnte. Die künstlerische Leitung hat der Initiator der Musicalklasse selbst inne: Hubert Koci ebnete nicht nur den Weg für das Projekt, sondern wirkt auch als Komponist, Autor und Arrangeur. Zusätzlich wird die Gruppe, die aus 16 bis 30 Kindern und Jugendlichen ab dem Alter von acht Jahren besteht, von einem kompetenten Team betreut. Heuer kamen bereits zwei Stücke von Hubert Koci zur Aufführung, 2013 wartet ein „Best of Michael Jackson“ auf das Publikum. / Text: Katharina Heger

Musikschule der Stadt Tulln in Kooperation mit dem Gymnasium und dem TanzRaum Tulln Do, 25. 4. 2013, 9.00 und 10.30 Uhr Fr, 26. 4. 2013, 16.30 und 19.00 Uhr Atrium Tulln, Minoritenplatz 1 3430 Tulln www.musikschule-tulln.at —————— Der Zauberer von Oz Franz-Schmidt-Musikschule Perchtoldsdorf Sa, 15. 6. 2013, 19.00 Uhr (Premiere) So, 16. 6. 2013, 19.30 Uhr Sa, 22. 6. 2013, 19.00 Uhr So, 23. 6. 2013, 19.00 Uhr Franz-Schmidt-Musikschule, Knappenhof 2380 Perchtoldsdorf, Wienergasse 17 (bei Schlechtwetter im Kulturzentrum Perchtoldsdorf). www.ms-perchtoldsdorf.at —————— Max und die Zaubertrommel Musikschule Ober-Grafendorf und Neue Mittelschule Ober-Grafendorf Di, 25. 6. 2013, 18.00 Uhr Großer Festsaal der Pielachtalhalle 3200 Ober-Grafendorf, Raiffeisengasse 6 www.ober-grafendorf.at/musikschule

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Industrieviertel / 23

Leopoldi-Tag

alles poldi! Zahlreiche Leopoldifeste finden zu Ehren des niederösterreichischen Landespatrons im Industrieviertel statt.

Festlichkeiten ist Klosterneuburg. Dort gab es zunächst große Bankette mit Tänzen und Turnieren, die heute noch nach altem Brauch nachgestellt und gefeiert werden. Ein besonders beliebter Brauch ist das legendäre „Fasslrutschen“. Dabei wird über das Tausendeimerfass im Binderstadel des Stiftes Klosterneuburg gerutscht. Mittlerweile gibt es auch einen Jahrmarkt, der viele Besucher aus weiten Teilen Niederösterreichs anlockt. Aber auch in anderen Orten Niederösterreichs und in Wien wird gefeiert.

Leopolditanz Die Volkstanzgruppe Brunn am Gebirge veranstaltet jedes Jahr einen Tanz zu Ehren des hl. Leopold. Heuer gibt es ein besonderes Jubiläum zu feiern: das 30-jährige Bestehen der Volkstanzgruppe und den 30. Leopolditanz. Von den Mitgliedern der Volkstanzgruppe, aber auch von ihren Familien und ihren vielen Freunden wird der Leopolditanz aus verschiedenen Gründen als etwas Besonderes empfunden. Zum einen kommen nicht nur „geeichte“ Volkstänzer auf ihre Rechnung. Auch Tanzlustige, die nicht regelmäßig den Volkstanz pflegen, kommen dank der kurzen informativen Hinweise des Tanzmeisters Gerhard Müller und der Volkstänzer aus Nah und Fern mit den Tänzen gut zurecht. Zum anderen ist der Leopolditanz eine zum gemeinsamen Tanzen inspirierende fröhliche Begegnung aller Generationen. / Text: Karin Graf

Die Volkstanzgruppe Brunn am Gebirge lädt zum Leopolditanz. Foto: VTG Brunn/Geb.

Wer kennt sie nicht, die so genannte Schleierlegende über die Gründung des Stifts Klosterneuburg? Als Markgraf Leopold III. von Österreich seine Agnes ehelichte, riss ein Windstoß den Brautschleier mit sich, als die Frischvermählten auf den Leopoldsberg, den damaligen Kahlenberg, traten. Trotz langer Suche gelang es nicht, den Schleier zu finden. Da versprach Leopold, an der Stelle, an der der Schleier gefunden werde, ein Kloster zu errichten. Es sollte neun Jahre dauern, bis es so weit war. Leopold III., Markgraf von Österreich, lebte von 1073 bis 1136 und stammte aus dem Adelsgeschlecht der Babenberger. Neben

dem Beinamen „der Heilige“ trug er auch die Bezeichnungen „der Fromme“ und „der Milde“. Diese Namen verdiente er sich durch seine großzügigen Gaben und Tätigkeiten in Wien und Niederösterreich.

Klosterneuburg Seit 1663 ist Leopold III. österreichischer Landespatron. In Anlehnung an seinen Todestag wird Leopoldi immer am 15. November begangen. Der österreichische Landespatron ist auch Patron der Bundesländer Niederösterreich, Oberösterreich und Wien. In Niederösterreich begeht man Leopoldi mit verschiedensten Bräuchen. Das Zentrum der

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leopolditanz

——————————————————— Sa, 17. 11. 2012, 19.30 Uhr (Einlass 19.00 Uhr) 30. Leopolditanz der Volkstanzgruppe Brunn am Gebirge Festsaal der Marktgemeinde Brunn am Gebirge Tel. 02236 33583 (Elisabeth und Alois Deutsch) www.vtgbrunn.at


Weinviertel / 24

Dialekt

TUID GUIT Aktiv wird sie immer seltener gesprochen, wird aber von einer Gruppe an Liebhabern gepflegt und gehegt: die ui-Mundart – eine Spurensicherung im Weinviertel.

In der Straninger Kellergasse – auch wenn’s am Bild nicht zu hören ist; diese Frau spricht ui-Mundart. Foto: Thomas Hofmann.

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Weinviertel / 25

„Muida gib da Kui a Fuida!“ Derartige Sätze sind klassische Einstiege in eine heute fast schon ausgestorbene Sprache: den ui-Dialekt. „Zu den ui-Mundarten zählt man jene, die für mhd. [mittelhochdeutsch] uo, dem u der Schriftsprache in Wörtern wie ‚gut, Kuh, Blut, Krug‘ den Zwielaut ui sprechen.“ So die Definition von Maria Hornung und Franz Roitinger in ihrem Standardwerk „Die österreichischen Mundarten – eine Einführung“. Die geografische Verbreitung der ui-Mundart hatte vom südmährischen Raum einst bis Wien gereicht, verschob sich vom Hauptverbreitungsgebiet, dem Wein- und nördlichen Waldviertel, durch den Einfluss des Wienerischen stetig gen Norden. In südlicheren Gefilden des Waldviertels wird das ui durch ein ua abgelöst. Wurde um 1950 der ui-Dialekt noch von rund einer halben Million Bewohnern Niederösterreichs gesprochen, sind es heute nur mehr wenige. Typisch ist neben dem ui die große Zahl reduzierter Worte. So sagt man im Nordosten Niederösterreichs für „grob“ nur gro. Die Rebe wird zur Re und der Pflug zum Bflui. Die historischen Wurzeln liegen in der Besiedlung des Alpen- und Donauraumes durch die Bajuwaren ab dem 6. Jahrhundert. Sprachwissenschaftler unterscheiden das Mittel- vom Südbairischen. Der mittelbairische Sprachraum umfasst Wien, Niederund Oberösterreich, den Großteil Salzburgs und das Burgenland bis zur Lafnitz. Das Südbairische hingegen ist prägend für den Hauptteil der Steiermark, Kärnten und Tirol.

Joseph Misson Neben dem gesprochenen Wort wurde und wird die ui-Mundart in gedruckter Form seit dem 19. Jahrhundert bis in unsere Tage hoch-

Kellergasse in Großengersdorf. Foto: Barbara Krobath.

Eine Stärkung tuid guit. Foto: Barbara Krobath.

gehalten. Johanna Knechtl befasste sich in ihrer Dissertation „Das Schrifttum der niederösterreichischen ui-Mundart im 20. Jahrhundert – Möglichkeiten und Grenzen der Mundart als künstlerisches Ausdrucksmittel“ im Detail mit der Thematik. Die Spurensuche beginnt beim unbestritten bedeutendsten Vertreter des Genres, bei Joseph Misson. Sein Werk „Da Naz“, ein Epos aus dem Jahr 1850, ist der Klassiker der ui-Literatur. Misson wird 1803 als achtes Kind in Mühlbach am Manhartsberg geboren. Sein Vater, der Kaufmann Giovanni Battista Misson, stammt aus Udine, seine Mutter aus dem benachbarten Ort Zemling.

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Der Knabe besucht zunächst das Gymnasium in Krems und tritt als 20-Jähriger bei den Piaristen in den Orden ein. Seine Lehrtätigkeit beginnt 1826 in Horn und führt ihn später nach Krems, Freistadt und Wien, wo er in St. Thekla auf der Wieden als Bibliothekar und Archivar arbeitet. Misson stirbt am 28. Juni 1875. Berühmt ist er durch sein Epos „Da Naz, a niederösterreichischer Bauernbui, geht in d’Fremd“. Die acht Gesänge in hexametrischem Versmaß blieben unvollendet. 1880 wird es mit dem Untertitel „Gedicht in unterennsischer Mundart“ als schmales Büchlein mit 34 Seiten bei Carl Gerold & Sohn in Wien herausgegeben.


Weinviertel / 26

Das Geburtshaus des Dichters Joseph Misson in Mühlbach am Manhartsberg ist auch Sitz der Misson-Gesellschaft.

Koloman Kaiser Nach Missons Tod fühlte sich zunächst der heute weitgehend in Vergessenheit geratene Josef Strobl (1844–1879) bemüßigt, das Werk in 20 Gesängen fortzusetzen. Auch Koloman Kaiser (1854–1915) aus Hornsburg wollte mit seinem 1898 erschienenen Werk „Da Franzl in der Fremd“ Missons Schaffen vollenden. Er schrieb ebenfalls in Hexametern und ist – wohl auch durch den Koloman-Kaiser-Bund, der sich um sein Erbe bemüht – heute bei Kennern bekannt. Ålsdann iatzt losts, liabe Leut, und paßts ma guit auf, i derzähl Eng Jatza a schöne, gspoasige Gschicht von Kern-Schneider Franzel, … Nicht unerwähnt soll hier der aus Südmähren (Waltrowitz/Valtrovice) stammende Karl Bacher (1884–1954) bleiben, der in seinem Hauptwerk „Dos Liad von der Thaya“ in 13 Gesängen seine Heimat bis hin zu den Ereignissen des Jahres 1945 beschreibt. Aus dem Pulkautal stammen mit Adolf Jagenteufel (1899–1987) aus Watzelsdorf und Lois Schiferl aus Hadres (1906–1979) zwei weitere wichtige Vertreter der ui-Mundart. Jagenteufel war, was sein Schaffen betrifft, ein Spätberufener, sein wichtiges Werk „Haustrunk und Guider“ erschien 1961. Sein Sohn

Hermann kümmert sich heute in Zellerndorf aktiv in der „Bacher-Runde“, einem informellen Treff von Mundartfreuden, um den Weiterbestand der ui-Mundart im Weinviertel. Lois Schiferl hingegen veröffentlichte 1946 seinen ersten Mundartgedichtband „Heimat im Weinland“. Seine Vorbilder waren Josef Misson und Karl Bacher. Schiferl bildet zusammen mit eben erwähnten Bacher und dem in Schrick geborenen Josef Weiland (1882–1961) das große Triumvirat der Weinviertler Mundartdichtung der zweiten Generation. Schiferl schreibt (1965) über ihn, der 1927 sein erstes Büchlein („Aus dá Weingegnd“) veröffentlichte: „Weiland war im niederösterreichischen Mundartschrifttum, außer Joseph Misson der bedeutendste Vertreter der ui-oi-Mundart, […]. Heute lebt dieser Lautbestand nur noch im Weinviertel, in einzelnen Orten des nördlichen Waldviertels, im Burgenland bis zum Unterlauf der Lafnitz und im Pustertal von Abfaltersbach bis in den Raum Brunneck–Mühlbach.“ Weiland, der begnadete Mundartdichter, ein gebürtiger Schricker, schrieb seine Texte in Zierschrift, datierte sie und sammelte sie in seinen „Tagebüchern“. Der jüngere Walter Kainz (1918–1996) gab mehrere Gedichtbände heraus, darunter „Liebeserklärung an das Weinland“ und „Untern Manhartsberi“. Kennern ist der

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humorige Hollabrunner Kirchenmann, Dechant Georg Pfeifer (1867–1946) ein Begriff. „Der Bubikopf und andere Dummheiten“ erschien 1932, die Gedichtauswahl „Ernst und Scherz fürs Menschenherz“ wurde posthum (1952) editiert. Schlussendlich soll zwei verdienten Menschen gedankt werden: Hans Salvesberger aus Gösing und Michael Staribacher aus Eichenbrunn. Beide kümmern sich um das Erbe der Weinviertler Mundart. Salvesberger ist seit vielen Jahren ambitionierter Verleger der „Edition Weinviertel“. Staribacher wiederum hat sich mit seinem „Weinviertler Dialektlexikon“ (3. Auflage 2006) einen Namen gemacht. Wenn Misson in seiner Einleitung zum „Naz“ mit dem Satz „Jatzt pfiat dih Gott, schau, daß da giut geht und mach ma koan Schand nöd!“ schließt, so haben diese Worte auch heute noch Gültigkeit. / Text: Thomas Hofmann Fotos: Barbara Krobath

JOSEPH MISSON-HAUS

——————————————————— 3473 Mühlbach am Manhartsberg 23 Im Winter nach Vereinbarung geöffnet Tel. 02957 216 oder 02957 763 www.missonhaus.at


Weinviertel / 27

Brandlhof

ernst & scherz Die Neuauflage sämtlicher Werke des Hollabrunner Heimatdichters Dechant Georg Pfeifer.

(1952) sowie weitere Texte des ausgezeichneten Menschenkenners. Vorworte von Prof. Dr. Ernst Bezemek und Manfred Breindl sowie umfassende Erläuterungen und Anmerkungen zur Person Georg Pfeifer und zu den Texten ergänzen den Band. Präsentiert wurde das Buch dort, wo die Gedichte großteils geschrieben wurden – im Pfarrkeller der Sitzendorfer Kellergasse in Hollabrunn. Georg Pfeifer, Dichter und Dechant in Hollabrunn.

Dechant Pfeifer, 1867 im südmährischen Joslovice/Joslowitz geboren, war von 1920 bis 1946 Pfarrer von Hollabrunn und ein Weinviertler mit Leib und Seele. Auf treffliche Weise vereinigen sich in seiner Persönlichkeit die Berufung als Seelsorger, die intensive Beschäftigung mit Weinbau und Kellerwirtschaft, sein Sinn für Humor und Lebensfreude und die Gnade hoher poetischer Begabung. Sein dichterischer Nachlass gliedert sich in hochdeutsche Schöpfungen und die bekanntere Lyrik in südmährischer ui-Mundart, inhaltlich spannt er einen weiten Bogen von tiefen religiösen und berührenden persönlichen Erfahrungen über humoristische Betrachtungen des alltäglichen Lebens bis zu seiner innigen Wein- und Kellerpoesie – wobei sich nicht selten mehrere Themenbereiche glücklich vereinen. Das Buch umfasst sämtliche Gedichte aus den früheren Veröffentlichungen „Der Bubikopf und andere ‚Dummheiten‘“ (1932) und „Ernst und Scherz fürs Menschenherz“

OSR Ernst Sachs wird aus dem Werk des legendären Heimatdichters und großen Hollabrunners Georg Pfeifer lesen. /

ernst sachs liest georg pfeifer

——————————————————— So, 4. 11. 2012, 17.00 Uhr Brandlhof 3710 Ziersdorf, Radlbrunn 24 Tel. 02956 81 222 Eintritt frei! www.volkskulturnoe.at./brandlhof Do, 15. 11. 2012, 19.30 Uhr Pfarrzentrum Hollabrunn 2020 Hollabrunn, Kirchenplatz 5 Tel. 02952/2178

BUCHTIPP

——————————————————— Georg Pfeifer: Gesammelte Gedichte Edition Weinviertel www.edition-weinviertel.at ISBN 978-3-902589-41-5 EUR 25,00

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Barocke Pfarrkirche Wullersdorf. Die Pfarre Wullersdorf war eine Schenkung des Babenberger Herzogs Leopold III. an das Stift Melk.

LEOPOLDISINGEN IN WULLERSDORF

——————————————————— So, 18. 11. 2012, 14.00 Uhr 2041 Wullersdorf, Pfarrkirche Eintritt frei! Das Leopoldisingen der Bäuerinnen findet jedes Jahr an einem anderen Ort statt – heuer in der Pfarrkirche von Wullersdorf. Der markante Bau mit den zwei Fassadentürmen entstand als Konkurrenzbau zur Göttweiger Filialkirche in Roggendorf und geht auf den Melker Abt Berthold Dietmayr und Baumeister Jakob Prandtauer zurück. Fertiggestellt wurde der „Dom des Weinviertels“ 1733 von Josef Munggenast. Zunehmend schließen sich in ganz Niederösterreich Bäuerinnen zusammen, um gemeinsam zu singen. Zehn Bäuerinnensinggruppen aus den Regionen Amstetten, Arbesbach, Bruck/ Leitha, Geras, Gresten, Hollabrunn, Kirchschlag, Mistelbach (De Zsamgwiafötn), Stockerau und Zwettl lassen die Tradition der geistlichen Volkslieder aufleben und bringen diese mit viel Freude und Leidenschaft fürs Singen zu Gehör. Das Leopoldisingen wird in Zusammenarbeit von Arbeitsgemeinschaft der Bäuerinnen, Volkskultur Niederösterreich, Chorszene Niederösterreich und Landwirtschaftskammer Niederösterreich organisiert. —————— Information: Tel. 05 0259 26500 martina.hermann@lk-noe.at


Musikantensprache / 28

Forschung

streng geheim! Musikanten kommunizierten in einer Sprache, die dem Publikum nicht zug채nglich war.

Die herumziehenden Musikanten. Bildbeilage zur Wiener allgemeinen Theaterzeitung Wiener Scenen No. 30. Kolorierter Kupferstich von Andreas Geiger (nach Entwurf von Hofmann), 1839. Copyright: IMAGNO/Austrian Archives

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Musikantensprache / 29

„Irlas quantn Fetzer stroman on!“ – „Die guten Musikanten kommen schon!“ Mit diesem erwartungsvollen Ausruf konnte ein Dorfkirtag in Schwung kommen. Musikanten bedienten sich einer Geheimsprache. Mussten sie doch coram publico schnell über finanzielle Belange entscheiden: „Irlas Pink a Hei?“ Hat der Mann, der einen Tanz bestellt hat, überhaupt Geld? Irlas steht für das einleitende bestimmte/unbestimmte Pronomen, Pink ist der Mann, Hei das Geld, was wir in der Redewendung „Geld wie Heu“ kennen.

lichen Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen – Dirnen, Händlern und Hausierern, Handwerksburschen, Vagabunden, Schindern oder Landgerichtsdienern, herumziehenden Klerikern und natürlich auch Spielleuten – diese Geheimsprache entwickelten. Musikantensprachen sind im ganzen deutschen Sprachraum und darüber hinaus in Tschechien, Serbien, Bulgarien und Mazedonien nachgewiesen.

„Für Nichtmusiker ungeeignet“

Mobile Menschen, die über die Grenzen hinweg unterwegs waren und mit anderen mobilen Menschen handelten, arbeiteten oder Musik spielten, mussten sich verständigen können. Was heute Englisch ist und für die gebildeten Schichten das Französische war, war eine jeweils an die Situation angepasste Sprachmischung mit einem geringen Wortumfang und Satzbausteinen. Die böhmischen Köchinnen in Wien sprachen das sogenannte Kuchlböhmisch. Friedrich Torberg hat in „Die Erben der Tante Jolesch“ den wunderbaren Satz überliefert: „Hausmajstr vypucuje votruv ibacia na klandru.“ [Der Hausmeister putzt Vaters Überzieher am (Stiegen-)geländer.] Eine deutsch-böhmische Promenadenmischung, wobei die Wörter deutsch sind, Grammatik und Vorsilben aus dem Tschechischen gebildet werden. Die Donauschiffer bedienten sich der Versatzstücke aus den Sprachen der Donauländer – Deutsch, Ungarisch, slawische Sprachen und Rumänisch. Und Gregor von Rezzori schreibt in „Blumen im Schnee“ über seine Kindheit in der Bukowina und über seine Amme, die alle Sprachen die im Umlauf waren, vermischte. Rezzori spricht von einem Geheimidiom. „Der Hauptteil dieses Idioms war ein niemals richtig und zur Gänze erlerntes Deutsch, dessen Lücken ausgefüllt waren mit Wörtern und Redewendungen aus sämtlichen anderen Zungen, die in der Bukowina gesprochen wurden. So war jedes zweite oder dritte Wort ruthenisch, rumänisch, polnisch, russisch, armenisch oder jiddisch; auch ungarische und türkische habe ich gefunden.“

Ich bekam 1993 vom Landwirt und Klarinettisten Leopold Hackl (1921–1996) aus Michelbach im Bezirk St. Pölten eine über 60 Wörter umfassende in Maschinschrift angefertigte Liste, die er Jahre zuvor mit seinem Musikkollegen Leopold Lechner (1911–1995) aus der Nachbargemeinde Pyhra angefertigt hatte. Die Überschrift des Glossars lautet: „Sprache der Blasmusiker, übertragen von unseren Alten Vorgängern. Für Nichtmusiker ungeeignet. Streng geheim!!!“ Der Wortschatz deckt sich im Großen und Ganzen mit den nahezu 140 Wörtern und über 20 Satzbeispielen der aus mehreren Orten des Weinviertels bekannten Musikantensprache. In der Monarchie und in der Zwischenkriegszeit hatten die Weinviertler Kontakte zu böhmischen und mährischen Musikanten, deren Geheimsprachenvariante die „Fatzer- oder Fetzersprache“ war. Der Name leitet sich vom lateinischen Verb facere = machen ab und deutet an, dass die Musikanten die „Stimmungsmacher“ sind. Die Geheimsprache der Musikanten ist mit der Sprache der Fuhrleute und Fahrenden verwandt, die als Dialekt bzw. Soziolekt, eben der Sprache einer bestimmten Berufsgruppe, vor allem gesprochen und kaum geschrieben wurde. Der Wortschatz dieser Sondersprache geht auf das spätmittelalterliche Rotwelsch zurück, das neben dem Mittelhochdeutschen Elemente des Jiddischen, Slawischen, Romani (Sprache der Roma und Sinti) und anderer europäischer Sprachen enthält. Die Grammatik der Musikantensprache wurde der jeweils ortsüblichen Mundart entnommen. Das Wort „Rotwelsch“ ist mit „unverständliche Sprache der Bettler“ zu übersetzen, die auf den spätmittelalterlichen Straßen anzutreffen waren, wo sie mit anderen von der bürger-

Kuchlböhmisch, Donausprache

Jenische Der Musikantensprachwortschatz, der in Niederösterreich noch von alten Menschen verstanden wurde, hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit der Geheimsprache der

Jenischen, die bis in die 1950er Jahre als Lumpensammler, Scherenschleifer, Regenschirmmacher, Korbflechter oder Textilhausierer durchs Land zogen. Neben ihrer europaweiten Verbreitung waren jenische Familien z. B. im kleinen Dorf Sitzenthal in Loosdorf bei Melk ansässig. Diese Menschen waren vom Frühling bis zum Spätherbst unterwegs, wurden von den Menschen des Mostviertels „Sitzenthaler“ genannt und wollten nicht mit den Roma verwechselt werden. Als Kind habe ich sie erlebt und höre heute noch den Satz: „Mia san kane Zigeiner, mia sand Sitznthola!“, was ihnen aufgrund der Hautfarbe auch den Namen „weiße Zigeuner“ eintrug. Jenische wurden im 18. Jahrhundert von den Grundherrschaften sesshaft gemacht. Das Sesshaftwerden setzte ihre Sprache dem Einfluss der örtlichen Dialekte aus.

Pink und Musch In der Musikantensprache können wir mehrere Themenkreise ausfindig machen – neben der Musik, das Essen, Feste, Sex und Erotik. „A quante Monscharei“, ein gutes Essen, sollte für die Musikanten möglichst viel Busn oder Buslat, nämlich Fleisch enthalten (quant vom lat. Quantum = groß, gut, Monscharei vom frz. manger, eben essen. Buslat geht auf jidd. bossor = Fleisch zurück. Bei Festen konnte man die Musikanten hören, wie sie die Tanzenden kommentierten: „Irlas Oberpani niglt mit seiner Musch!“ (Der Bürgermeister tanzt mit seiner Frau). Wobei bei Oberpani das tschechische Wort pan = Herr und Musch auf das deutsche Wort Mutze für weibliche Scham zurück zu verfolgen ist. Auch der schon öfters zitierte Pink (Mann) geht auf die rotwelsche Wurzel für Penis zurück, wobei das Pinkeln als gebräuchlicher Ausdruck bekannt ist. Das Ende einer Geheimsprache ist meist mit einschneidenden politischen Ereignissen verbunden, für die niederösterreichische Musikantensprache war das der Zweite Weltkrieg, andere haben ihre Aktivität nach dem Ersten Weltkrieg oder schon früher eingebüßt. / Text: Mella Waldstein und Bernhard Gamsjäger. Zusammenfassung eines Vortrags von Bernhard Gamsjäger, den der Volksmusikforscher und pensionierte Lehrer bei der Sommerakademie 2012 des Österreichischen Volksliedwerkes in Weyregg am Attersee hielt.


Haus der Regionen / 30

Donau.Visionen

BRÜCKE nummer zwei Brücken bauen – eine beliebte Metapher. Wenn Brücken gebaut werden, dauert das oft Jahrzehnte. Die Donaubrücke zwischen Vidin und Calafat ist ein Beispiel dafür.

So soll sie aussehen: Die neue Brücke Nr. 2 zwischen Vidin und Calafat. Foto: FCC.

Als während des Jugoslawienkriegs die Donaubrücke in Novi Sad (Serbien) von der NATO bombardierte wurde, beschloss man hunderte Kilometer flussbwärts ein neues Brückenprojekt: Sie heißt nüchtern „Brücke Nr. 2“ und wird ab 2013 Rumänien und Bulgarien miteinander verbinden. Eigentlich ist Nr. 2 die dritte Brücke, die die beiden Länder miteinander verbindet. Die erste wurde im 4. Jahrhundert unter dem römischen Kaiser Konstantin den Großen gebaut. Die hölzerne Konstruktion erstreckte sich über 2,4 Kilometer und war die längste Brücke des Römischen Imperiums. Ihr waren nur vier Jahrzehnte beschieden. Die einzige derzeit befahrbare „Brücke der Freundschaft“ im unteren Donauabschnitt wurde 1954 auf Initiative von Stalin zwischen der bulgarischen Stadt Ruse und der rumänischen Giurgiu errichtet. „Es ist derselbe Fluss und doch ein anderer“, so Elena Shekerletova, die

Botschafterin Bulgariens bei den Kamingesprächen „Donau.Visionen“ im Haus der Regionen in Krems. „Hier bei Ihnen wird der Fluss in das alltägliche Leben einbezogen. Man sieht, was am anderen Ufer geschieht. Er fließt mitten durch eine Stadt, er ist keine Grenze und kein Hindernis. Bei uns in Bulgarien ist die Donau schon immer die Nordgrenze gewesen. Sie hat das Land geschützt und war gleichzeitig eine Hürde.“ 450 Kilometer Grenze zwischen den beiden Staaten Bulgarien und Rumänien und bis dato nur eine Brücke, die beide Länder verbindet. Der deutsche Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl schrieb 1842 vom „brückenärmsten Fluss“ Europas. Budapest wurde erst zur Großstadt als die beiden selbständigen Städte Óbuda (rechtes Donauufer) und Pest durch Brücken miteinander verbunden wurden. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts, während

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zu dieser Zeit über die Themse bereits 50 Brücken gespannt waren. Die Donau war bis zu den Flussregulierungen im 19. Jahrhundert durch Engen und Strudel, durch Überschwemmungen und Eisgänge ein unberechenbarer Strom. Der Journalist und Autor Ernst Trost („Die Donau – Lebenslauf eines Stromes“) berichtete beim Kremser Kamingespräch von seiner Fahrt mit dem DDSGSchubverband Kamegg, dessen Schiffe beim Eisernen Tor (Rumänien/Serbien) einzeln durch die Enge gelotst werden mussten. Erst mit der Staustufe Eisernes Tor I und II wurde die gefürchtete Strecke entschärft. Allerdings versanken durch den Bau der Staustufe auch Ortschaften und die sagenumwobene Insel Ada Kaleh, die bis 1912 eine türkische Enklave war. Trotz aller Schwierigkeiten, die Donau zu passieren, war die Donau die wichtigste Verbindung nach Europa. In Rumänien wird sie die „Straße ohne Staub“ genannt. Der in Ruse an der Donau (Bulgarien) geborene Schriftsteller Elias Canetti schrieb: „Und wenn jemand die Donau hinauf nach Wien fuhr, sagte man, er fährt nach Europa, Europa begann dort, wo das türkische Reich einmal geendet hat.“ Elena Shekerletova: „Die Eröffnung der neuen Brücke ist für uns ein Ausnahmeereignis. Es hätte noch länger gedauert, wären wir nicht in der EU.“ Die Brücke Nr. 2 ist 1.800 Meter lang und ein wichtiger Teil des Paneuropäischen Verkehrskorridors IV. Sie ist sowohl Eisenbahn- als auch Straßenbrücke mit einem eigenen Abschnitt für Fahrräder und Fußgänger. Sie ist im nordwestlichen Teil Bulgariens gelegen, der zu den strukturschwächsten Teilen des Landes zählt. Sie ist ein Statement für mehr Donau, mehr Brücken, mehr Europa. / Text: Mella Waldstein

KREMSER KAMINGESPRÄCHE

——————————————————— Mi, 14. 11. 2012, 18.00 Uhr Donau.Räume Mi, 12. 12. 2012, 18.00 Uhr Donau.Schätze Haus der Regionen, 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Eintritt frei, Anmeldung erbeten! www.volkskultureuropa.org


Mostviertel / 31

Handwerk

fest gezurrt & GUT VERTÄUT Die Seilerei Eisserer in Amstetten ist eine der letzten Werkstätten, in der Seile in Handarbeit hergestellt werden. Nicht nur für Pfadfinder und Theaterausstatter ein Geheimtipp.

Klaus Eisserer sieht in den Seilen Philosophisches: Spannung aufbauen und in Harmonie entlassen.

Es riecht nach Seefahrt und nach Postpaketen, die noch mit Packpapier umwickelt und geschnürt waren. Es riecht nach Strick, Tau und Spagat. „Das Seil schafft Verbindung fürs Leben“, ist Klaus Eisserers Motto. In seinem Geschäft stehen Rollen mit dicken und dünnen Schnüren, grobem und feinem Spagat, Seile aus Hanffasern und Kunststoff. Zwischen allerlei Waren lehnt in einem Eck ein altes Schild: Ignatz Eißerer, Ulmerfeld,

Seilerei seit 1860. Der Großvater übersiedelte 1904 nach Amstetten. Er stellte Seile für die Landwirtschaft her – vom Kaibelstrick bis zum Zugstrang. Seile sind allumfassend einzusetzende Werkzeuge. Klaus Eisserer verkauft Seile für Kindergärten, auch für Landwirte, für den Hausgebrauch, für Pfadfinder und fürs Theater. In den Schnürböden sind aus feuertechnischen Gründen Hanfseile vorgeschrieben.

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Wer vor dem Geschäft in Amstetten steht und in der Auslage Sportbekleidung sieht, würde kaum vermuten, dass sich in den hinteren Werkstätten ein nahezu ausgestorbenes Handwerk fest eingeschnürt hat. Grundsätzlich hat der Familienbetrieb Eisserer mehrere Standbeine. Er verkauft industriell hergestellte Seile, die Eisserer und seine Frau „konfektionieren“ – also zuschneiden und verarbeiten. Ein Seil ist nicht ein Seil. Bergsteigerseile aus Kunststoff sind anders zusammengesetzt


Mostviertel / 32

Das Knäuel ist eindeutig eine Schnur (ein dünnes Seil) und kein Spagat.

als Springschnüre aus Hanffasern „Für technische Anwendungen müssen die Seile geprüft sein. Das Prüfen ist eine teure Angelegenheit“, so der Seiler. Daneben wird, passend zum Grundmaterial des Seiles, Kleidung aus Hanffaser verkauft. In den rückwärtigen Trakten des Hauses liegt die Werkstätte.

Wo beginnen? Dass die Werkstatt richtig schön alt ist und dass auf der dunklen, ölverschmierten Maschine, die das Seil zum Drehen bringt, Hanffasern wie Kükenflaum hängen? Dass die Transmissionsriemen schon x-mal geflickt sind und in all den vielen Werkstätten, die ich im Laufe meines Reporterinnendaseins besuchen konnte – überall das selbe Problem: Bitte, wo ist die Werkstatt, die für alte Werkstätten Transmissionsriemen aus Leder herstellt? Dass auf den Holztüren Zahlen mit Kreide notiert sind, Meterangaben, Mengenangaben etc., so wie es früher in allen Werkstätten zu sehen war? Dass unter dem Muttergottesbild ein Ölkännchen steht? Dass in einem Regal merkwürdige Kegel stehen,

deren Zweck wir noch kennenlernen werden? Dass die Seilerbahn 30 Meter lang ist? Die Seilerbahn ist der Arbeitsraum der Seilerei. Die Länge braucht es, um die Litzen zu spannen, aus denen dann das Seil gedreht wird. Litzen sind die gesponnenen Hanffasern, die Eisserer als Halbfertigprodukt kauft. Das gesponnene Werksgarn wird am Haken der Maschine befestigt. Wenn der Seiler am Garn zieht, überträgt sich darauf die Drehbewegung des Motors. In die linke Hand nimmt er den Spinnfleck (ein befeuchteter Filzlappen) und mit der rechten Hand führt er ein weiteres vorbereitetes Werksgarn zu, das sich nun um das drehende Garn wickelt. So entstehen die so genannten Litzen. Um ein Seil in der Mitte dicker zu machen, so wie es für eine Springschur gebraucht wird, werden die Werkgarne, in der Länge verlaufend, zum drehenden Seil geführt, sodass in der Mitte mehr Garne zusammengedreht werden und das Seil hier dicker ist als dessen Enden.

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Für Interessierte: die Technik der Knoten.

„Meine Arbeit ist sauber und ich arbeite mit weichen und geschmeidigen Teilen. Daraus wird ein Produkt, das viel aushält.“ Klaus Eisserer ist begeistert. Und die Begeisterung vermittelt er auch in Kursen. „Leider war mein Vater schon tot, deshalb habe ich vieles als Autodidakt gelernt.“ Dass er den Kleinbetrieb weiterführt, war eine bewusste Entscheidung. „Wir haben uns entschlossen, ein Leben in einer altmodischen Bürgerlichkeit zu führen, mit einem eigenen Betrieb, dem Geschäft und der Familie unter einem Dach.“ Eisserer ist einer von etwa einem Dutzend Menschen, die das Seilerhandwerk in Österreich noch ausüben. Zurück in die Werkstatt. Die Litzen sind vorbereitet. Seile können drei- oder vierlitzig sein. Wobei: So wie ein dreibeiniger Tisch nicht wackelt, so ist ein dreilitziges Seil am gleichmäßigsten gedreht. Die Hanffaser ist die reißfesteste Naturfaser. Das „38er“ ist das dickste Seil in Eisserers Geschäft – mit einer Zugkraft von 8.560 Dekanewton, das entspricht ungefähr 8.000 Kilogramm.


Mostviertel / 33

Die Lehre ist der Holzkegel, der es ermöglicht, dass die drei Litzen gleichmäßig zusammengedreht werden.

Hier wird nichts weggeschmissen – jede Schnur kann noch gebraucht werden.

Die drei Litzen für das zu drehende Seil werden an den Haken der Maschine befestigt. Am anderen Ende werden die Litzen auf einen kugelgelagerten Haken gehängt. Dieser wiederum ist an einem Seilzug befestigt, an dessen unterem Ende ein Stein hängt. Dieses Konstrukt heißt Hängerstange. Eisserer holt aus dem Regal einen Holzkegel – die Lehre –, in den drei Führungen geschnitzt sind. In der linken Hand den Spinnfleck, in der rechten den Kegel: Der Seiler setzt die Maschine in Bewegung und hinter dem Kegel drehen sich die Litzen zum Seil. Der Kegel ist die Führung, damit dieser Vorgang gleichmäßig passiert. Am hinteren Ende beginnt sich der Haken nach vorwärts zu bewegen, da das gedrehte Seil kürzer ist als die einzelnen Litzen. Damit das Drehen gleichmäßig verläuft, ist der Widerstand des Steins am Ende des Seilzugs notwendig. „Hier wird die Spannung aufgebaut, die in Harmonie entlassen wird.“ Herr Eisserer hält das fertige Seil in der Hand. Es fühlt sich gut und glatt an, es riecht streng und würzig.

Klaus Eisserer und seine Hängerstange – ein wichtiger Bestandteil jeder Seilerei.

Diagonalbund & Affenfaust Wenn ein Seil länger sein sollte, als die Seilerbahn es zuließ, so ging der Großvater früher auf einen Feldweg und hat Hängestange und das Seilergeschirr mitgenommen. Mit dem Seilergeschirr wurden die Seile gedreht, als es noch keine Motoren gab. Dieses nimmt Eisserer mit, wenn er auf Märkte fährt oder Kurse hält. Dann gibt er eine kleine Einführung in die Technik der Knoten. „Das ist eine Verbindung, die jeder können sollte.“ Klaus Eisserer setzt mit drei Handbewegungen zum Zimmermannsklank an. Weberknoten, Diagonalbund, Ankerstich: Auf einer Schautafel hat er Seile zu Affenfäusten und doppelten Diamantknoten verbunden. „Überhaupt repariere ich viel mit Schnüren, denn bei uns im Mostviertel heißt es: ,Wer net bandert, kann net hausn.‘ “ Sein Körbchen, in dem er allerlei Werkzeug mit sich herumträgt, ist auch schon heftig gebandert, d. h. kaputte Stellen mit Spagat repariert. Jetzt

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ist auch endlich die Möglichkeit, um den Unterschied zwischen Schnur und Spagat zu erfahren. „Das ist ganz einfach“, sagt der Seiler, „Spagat ist die gesponnene Faser und die Schnur ist gedreht. Deshalb ist der Spagat billiger. Aber in der Reißfestigkeit besteht kein Unterschied, nur in der Haltbarkeit. Der Spagat, da nicht geseilt, dröselt sich leichter auf.“ Natürlich wirft Eisserer keinen Spagat und keine Schnur weg. Die Reste werden aufgerollt und in eine Lade gelegt. Zum Bandern wird man sie noch gut brauchen können. / Text: Mella Waldstein Fotos: Nikolaus Korab

SEILEREI NIKOLAUS EISSERER

——————————————————— 3300 Amstetten, Ardaggerstraße 6
A Tel. 07472 62771 www.hanfseil.at


Chorszene / 34

Jugendsingen 2013

chorleiter on tour „Coaches on Tour“ gibt Schulchören die Möglichkeit, Tipps von erfahrenen Chorleitern zu holen.

Magdalena Nödl, Markus Pfandler, Oliver Stech, Martin Stohl, Alfred Tuzar, Edgar Wolf, Gottfried Zawichowski, Elisabeth Ziegler, Wolfgang Ziegler. O. Univ.-Prof. Erwin Ortner (Professor für Chorleitung und chorische Stimmbildung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) erklärt die Initiative: „Mit qualitativ hochwertiger Vorbereitung sollen die Teilnehmer zum Chorgesang ermuntert und dadurch zur verstärkten Beteiligung an unserem kulturellen Leben und zum gemeinsamen Musizieren motiviert werden.“ Mag. Heinz Ferlesch (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) fügt hinzu: „Ziel dieses Projektes ist die qualitätsvolle Förderung des Singens junger Menschen in Vokalensembles und Chören und die Ermutigung zu öffentlichen Auftritten.“ Mag. Claudia Kettenbach (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) ist sich sicher: „Singen ist unverrückbar die elementarste und zugleich umfassendste musikalische Tätigkeit.“

Schülerinnen und Schüler der Musikhauptschule Tulln.

Sie geben Tipps, sie zeigen Tricks. Sie motivieren und interagieren. Erfahrene Musiker und Pädagogen gehen „on tour“. Zur Vorbereitung für das NÖ Landesjugendsingen 2013 vom 22. bis 25. April 2013 im Auditorium von Schloss Grafenegg gibt es für Niederösterreichs Schulchöre in diesem Schuljahr die Möglichkeit, über das Projekt Stimmbogen nach Maßgabe der Fördermittel um „Coaches on Tour“ anzusuchen, eine Kooperation zwischen dem Netzwerk Musikpädagogik NÖ, dem Projekt Stimmbogen NÖ und der Chorszene Niederösterreich. Ziel des Projekts „Coaches on Tour“ ist es, erfahrene Chorleiter mit Rat und Tat bezüglich Stimmbildung, Choreinstudierung, Pro-

grammauswahl und mehr persönlich und vor Ort zur Verfügung zu stellen, um (Jugend-) Chorleiter, Lehrer und Erzieher gezielt bei ihren Vorbereitungen auf das Jugendsingen 2013 zu unterstützen. Erhard Mann vom Landesschulrat für Niederösterreich erklärt: „Wenn seitens eines Schulchores Interesse an einem Coach besteht, erhält dieser auf Anfrage das entsprechende Formular für sein Ansuchen übermittelt. Anschließend kann ein Coach kontaktiert und ein bis zwei Termine vereinbart werden.“ Die Referenten: Erwin Ortner, Heinz Ferlesch, Claudia Kettenbach, Michael Koch, Stefan Lindbichler, Erhard Mann, Maria

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

Um dabei behutsam und umsichtig mit dem eigenen Körper umzugehen, empfiehlt Oliver Stech (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) eine einfache Übung vor dem Singen: „Zu Beginn des Einsingens finde ich es immer gut, die Aufmerksamkeit zuerst auf unseren ,Gesangsmotor‘, die Atmung, zu lenken. Eine gute Möglichkeit dafür: Man setzt sich an die Vorderkante eines Sessels und lehnt sich nach vorne (Ellenbogen auf den Oberschenkeln, Kopf hängt locker herunter). Dann genüsslich durch die Nase einatmen – man spürt, wie sich die Flanken weiten.“ Alfred Tuzar (Gemeindeverband der WalterLehner-Musikschule Hollabrunn) schlägt vor, mit Dehnungsübungen fortzufahren: „Der Sänger sollte sich gut strecken, als ob er gerade morgens aufgestanden wäre, die Schultern kreisen lassen und den Körper gut abklopfen. So aufgewärmt kann mit dem Einsingen begonnen werden.“


Wir tragen Niederösterreich / 35

Adventsingen

Maria Magdalena Nödl, Diplompädagogin und Begründerin der Musikhauptschule Eggenburg, sieht im Singen „Fitness für Kopf und Persönlichkeit“. „Um die Resonanzräume des Körpers auf das Singen vorzubereiten, beginne ich am liebsten mit einer ,Gähnübung‘: staunend – gähnend – riechend öffnen. Ich möchte vor allem Freude an der ungezwungenen Gestaltung von Liedern anregen, durch Bewegung, durch Weckung der Empfindungen und des Staunens und durch Förderung der Kreativität und Fantasie.“ Für Gottfried Zawichowski, Chorleiter und Koordinator der Chorszene Niederösterreich, ist das Projekt „Coaches on Tour“ ein Zeichen in eine völlig neue Richtung: Bisher waren die Chorleiter und Musiklehrer oft auf sich alleine gestellt, sozusagen engagierte Einzelkämpfer. Nun werden Kontakte geknüpft, Türen geöffnet, man holt sich kollegiale Tipps von „Profis“. Die kommen in die Klasse, in die Probe und helfen mit, dem Singen in der Schule und in der Gemeinde jenen Stellenwert zu geben, den es verdient. Erfahrungen werden dorthin gebracht, wo man sie gleich umsetzen kann. / Text: Michaela Zettl Foto: Gerald Lechner

COACHES ON TOUR

——————————————————— Information und Anmeldung: Erhard Mann, erhard.mann@lsr-noe.gv.at veranstaltungen rund ums jugendsingen 2013 ——————————————————— Regional- bzw. Bezirksjugendsingen: März–Juni 2013 NÖ Landesjugendsingen: 23.–25. 4. 2013 im Auditorium in Grafenegg Bundesjugendsingen: 21.–25. 6. 2013 in Kufstein Informationen: NÖ Landesjugendreferat Tel. 02742 9005-13508 franziska.prummer@noel.gv.at

wir sagen euch an Besinnliches zur Vorweihnachtszeit am 6. und 7. Dezember 2012 im Auditorium Grafenegg.

In der Adventzeit hört man gerne die altbekannten Melodien und erfreut sich an vertrauten Traditionen. „Adventsingen“ sind beliebt und finden beim Publikum großen Anklang. Neben den schier zahlreichen Veranstaltungen in der Vorweihnachtszeit möchte die Volkskultur Niederösterreich das Niederösterreichische Adventsingen als Fixpunkt in der Adventzeit etablieren, fernab von herkömmlichen Adventkitsch. Ganz im Sinne der Initiative „Wir tragen Niederösterreich“ gestaltet man das Adventsingen mit heimischen Ensembles und Chören, die aus dem reichen Liederschatz Niederösterreichs schöpfen. Neben allseits bekannten und beliebten Advent- und Weihnachtsliedern und Weisen kommen auch schon fast vergessene Melodien zur Aufführung, die den Besucher friedfertige Adventstimmung und Erholung von der alljährlichen Weihnachtshektik vermitteln. Die Mostviertler BlechMusikanten, der Chor Haag unter der Leitung von Edgar Wolf, der Familiendreigesang Knöpfl sowie die NiglHoga Stubnmusi bieten mit ihrer unverfälschten Musik ein beschauliches und einzigartiges Konzerterlebnis. Für heitere, besinnliche Zwischentöne sorgt Adi Hirschal mit einer weihnachtlichen Lesung. Zur Einstimmung auf das dritte Niederösterreichische Adventsingen empfiehlt sich ein Spaziergang durch den stimmungsvollen Adventmarkt in Schloss Grafenegg. Als besonderen Bonus erhält jeder Gast mit der Konzertkarte am Konzerttag einmalig freien Eintritt zum Grafenegger Adventmarkt. /

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

Vorweihnachtliches aus dem Liederschatz Niederösterreichs.

NIEDERÖSTERREICHISCHES ADVENTSINGEN beim grafenegger advent

——————————————————— Do, 6. 12. 2012, und Fr, 7. 12. 2012, 19.00 Uhr Auditorium Grafenegg 3485 Grafenegg Karten: EUR 14,00–24,00 Tonkünstler-Kartenbüro: Tel. 01 586 83 83 Auditorium Grafenegg Tel. 02735 5500 www.grafenegg.at


Bücher, CDs & feine Ware / 36

Auslage HOMMAGE

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Wolfgang Krammer, Johannes Rieder: Weinviertler Kellergassen EUR 19,00 Edition Winkler-Hermaden ISBN 978-3-9503151-7-2 www.edition-wh.at Es war an der Zeit, dass sich ein Buch dieses Themas annimmt – seit dem letzten einschlägigen Werk sind 23 (!) Jahre vergangen. Johannes Rieder, Sohn einer alteingesessenen Poysdorfer Weinhauerfamilie sammelte seit Jahren Materialien zu diesem Thema. Er ist einer der Mentoren der Kellergassenführerausbildung im Weinviertel, er hegt und pflegt mit viel Liebe und – in seiner Bescheidenheit – ohne viel darüber zu reden (bedrohte) Kleinode des Weinviertels. Einmal sind es alte Schlossbleche Weinviertler Kellertüren, die er zu Edelsouvenirs macht; dann ist es die Vielfalt der Welt Hintaus, die er dem Vergessen entreißt. Wolfgang Krammer wiederum, der schon 2006 einen Bildband über das Weinviertel gemacht hat, zeigt uns die Bildwelt der Kellergassen in ihrer bunten Vielfalt. Manchmal sind es die typischen Bilder der langen Zeilen weiß getünchter Presshäuser, die man als inoffizielle Wahrzeichen der Region kennt, dann sind es wiederum Details archaischer Architektur wie kleine Fenster oder gekalkte Wände in Detailaufnahmen, wie man sie auch im mediterranen Raum findet. Kurzum, die Kellergassen haben ein ideales Autorenduo gefunden, die sich voll Sachkenntnis und vor allem mit viel Liebe dem Thema mit einem sehr breiten Ansatz widmen. Es werden hier nicht nur Kellergassen im eigentlichen Sinn, sondern in

insgesamt 15 Kapiteln auch alle damit verbundenen Aspekte beschrieben. Seien es Hohlwege, der Lehm, die Schlossbleche, die Entwicklung der Weinpressen, die Welt des Hintaus oder schlussendlich ein Glossar. Das Buch mit einem Vorwort von Alfred Komarek und einem umfangreichen Literaturverzeichnis erfüllt alle Voraussetzungen für ein Standardwerk zum Verständnis der Kultur der Weinviertler Bevölkerung. Bei aller Einzigartigkeit der Kellergassen, die im Weinviertel und den Weinviertlern derart selbstverständlich sind, dass es keine genauen Daten zu deren Entstehung gibt, besteht im Anbetracht des Wandels im Weinbau und der Entdeckung der Region durch Touristiker die Gefahr, dass sie als „nostalgisch bespieltes Freilichtmuseum“ (Zitat: Komarek) missinterpretiert werden. Möge dieses Buch die dafür nötige Sensibilität wecken, derartige Tendenzen verhindern! (Thomas Hofmann) /

familiengeschichte

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großbürgerlich, städtisch-elegant, belebt das alte Herrenhaus. Doch die Blüte um 1900 hielt nicht lange an, bald ist alles wieder im Wandel begriffen. Der biografisch-dokumentarische Roman erzählt von persönlichen Schicksalen, von einer Welt, die es nur noch in alten Briefen, Tagebüchern und privaten Aufzeichnungen gibt. In zehn Kapiteln und zahlreichen Abbildungen wird eine Familiengeschichte lebendig, die einst weit über Europa vernetzt war und im Ybbstal ihre Heimat gehabt hat. /

einfach glücklich

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Sepp Forcher: Einfach glücklich EUR 19,90 Verlag Christian Brandstätter ISBN 978-3-85033-600-0 www.cbv.at

Bertl Sonnleitner: Die Schütt. Eine Familiengeschichte aus dem Ybbstal EUR 22,90 FeRRUM Ybbsitz ISBN 3-901819-42-8 Im Jahr 1880, als der Niedergang der Kleineisenindustrie im Ybbs- und Erlauftal seinen Höhepunkt erreicht, erwirbt der aus Böhmen zugewanderte Carl Smrczka das zwischen Ybbsitz und Waidhofen an der Ybbs gelegene Haus „Schütt“. Er übernimmt ein aufgelassenes Walzwerk und nützt die vorhandene Wasserkraft und den Wald und erzeugt anstelle der bisherigen Ware Holzstoff für die Papierindustrie. Eine vornehme Gesellschaft, schaufenster / Kultur.Region / November 2012

Einfach anders als andere Glücklich-Ratgeber. Das Geschriebene ist nicht austauschbar, sondern der Erfahrungsschatz entlang biografischer Stationen. Mit über 80 Jahren ist Sepp Forcher nicht nur der populärste Repräsentant echter Volkskultur in Österreich, sondern vor allem ein Mensch mit einem so reichen Erfahrungsschatz, dass es an der Zeit ist, bei ihm in die Lehre zu gehen: Wie wird man ein glücklicher Mensch? Als Kind armer Auswanderer aus Südtirol schaffte es der Bergführer und Hüttenwirt zum gefeierten Fernsehstar und Publikumsliebling – destilliert er jene Lebensmomente und Begegnungen, jene Erfahrungen und Erkenntnisse heraus, die für ihn die Quintessenz eines geglückten Lebens ausmachen. Dabei vergleicht er seine eigenen Erlebnisse mit der Erfahrungswelt heutiger Kinder, ohne dabei jemals in die „Gute-alteZeit-Falle“ zu tappen. /


Bücher, CDs & feine Ware / 37

TANZLMUSIG

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Referat Volksmusik: Südtiroler Notenbiachl 3 EUR 15,00 Erhältlich beim Institut für Musikerziehung in deutscher und ladinischer Sprache www.musikinstitut.it/referat-volksmusik Das dritte Südtiroler Notenbiachl bietet insgesamt 19 neu entstandene Stücke in der Besetzung für Tanzlmusig (Klarinette, Flügelhorn/ Trompete, Posaune, Tuba). Die Noten sind in Einzelstimmen sowie in Partitur abgedruckt. Zu den Komponisten gehören Georg Hasler, Franz Kofler, Gernot Niederfriniger, Alex Pallaoro, Florin Pallhuber, Hubert Plunger, Rober Schwärzer, Franz Seebacher und Oswald Vigl – allesamt Musikanten aus Südtirol mit Leib und Seele. Mit einem eingängigen Repertoire, das Polkas, Walzer, Märsche, Boarische, Landler und Walzer beinhaltet, findet gewiss jede Form der Tanzlmusik in diesem Heft Geeignetes zum Musizieren. /

feurig

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Georg Breinschmid: Fire EUR 18,80 Preiser Records www.preiserrecords.at Georg Breinschmid wechselte von der klassischen Musik zum Jazz und Artverwandten

und tritt im Trio als „Brein’s Café“ mit Roman Janoska und František Janoska oder im Duo mit Thomas Gansch auf. So auch auf seiner neuen CD. Polka, Walzer, Musette, Wienerlied, Csárdás, Samba, Gstanzln, Jazz und Improvisationskultur prägen das neue Album. Musikintensiv und sprachverliebt galoppiert Breinschmid mit seinen Compañeros durch ein Feuerwerk an originalen wie originellen Gesangsstücken und Melodien, Marke Weltniveau. Georg Breinschmid zählt nicht umsonst längst zu den Top-Bassisten – „Fire“ ist sein nächstes Meisterwerk. /

semmering

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KNOPFSCHMUCK

—————————————————————— Die letzte Perlmuttdrechslerei des Landes ist im Thayatal zu finden. In Felling bei Hardegg werden im Familienbetrieb Marchart Knöpfe und für die zahlreich anreisende Buskundschaft auch immer mehr Perlmuttschmuck hergestellt.

Alfred Komarek: Österreich von Innen – Semmering EUR 17,90 Haymon Verlag ISBN 978-3-7099-7001-0 www.haymonverlag.at Stellen wir uns das so vor. Alfred Komarek fragt – ins Zugabteil kommend –, ob noch Platz sei? Es ist. Sanft verstrickt er uns in ein Gespräch. Kommentiert die vorbeiziehende Landschaft, die mit Addlitzgräben und Krausel-Klause an Dramatik gewinnt. Weiß von jedem Stein zu berichten. Er verführt uns, am Semmering auszusteigen, und lädt zu einem Glas Tee ins Panhans ein. Findet eine immer größere Zahl an Zuhörern und Zuhörerinnen, die ihm von Villa zu Villa folgen. Sind da nicht Peter Altenberg und Olga Waissnix, die Herrin des Thalhofs in Reichenau? Dort der Portier des Hotels Erzherzog Johann und das Fräulein Else? Er steigt mit uns verbotenerweise durch den löchrigen Zaun ins Südbahnhotel ein. Er führt uns durch eine vergilbte Zeit, die schön und bedrohlich am Abgrund balanciert. Den Tag beschließen wir vor dem Kamin im Loos-Haus am Kreuzberg. Alfred Komarek will uns Österreich von innen zeigen. „Semmering“ ist der erste Band. Wir freuen uns auf weitere. (MW) /

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

Kam das Perlmutt des 1911 gegründeten Betriebs einst aus den Schalen der Muscheln, die aus den Flüssen Thaya und March geholt wurden, so werden seit den 1950er Jahren Muscheln aus dem südchinesischen Meer verarbeitet. Erfreulicherweise haben die Flussmuscheln im letzten Jahrzehnten wieder ihren Lebensraum zurückerobert und sind auf den Sandbänken der Thaya anzutreffen. Die Knöpfe werden mit einem Diamantbohrer aus der Muschel gebohrt. Um ihren zarten und matten Schimmer zu bekommen, werden sie anschließend in eine rotierende Trommel gelegt, in der kleine Holzwürfel den Perlmuttknopf polieren. Je nach Fasson haben sie zwei oder vier Löcher, sind flach oder haben einen Wulst am Rand, sind rund, oval oder eckig. Alte Sortiment-Bücher der Fellinger Perlmuttdrechslerei zeigen die große Vielfalt eines kleinen Alltagsgegenstandes. Dass Knöpfe nicht nur die Funktion des Schließens haben, zeigen Ketten aus Perlmuttknöpfen. Sie schmücken durchaus. www.perlmutt.at Galerie der Regionen Mo–Mi, Fr 14.30–18.00 Uhr Do 14.30–19.00 Uhr Sa 10.00–12.00 und 13.00–17.00 Uhr sowie bei Abendveranstaltungen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Tel. 02732 85015 15 www.volkskultureuropa.org/galerie


Kultur.Region / 38

Fortbildung DATENSCHUTZ – richtiger umgang mit daten

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umidraht – volkstanzen für jedermann

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TONTRÄGER PRODUZIEREN – ABER RICHTIG

—————————————————————— Mi, 28. 11. 2012, 18.00–21.00 Uhr Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Leitung: Mag. Dr. Peter Gretzel MAS, Mag. Eva Zeindl Einen Tonträger mit Qualität zu produzieren, erfordert vielfältiges Know-how. Nach der Auswahl der Stücke sind Urheberrechte zu beachten; falls es sich um Bearbeitungen handelt, muss der Rechteinhaber der Bearbeitung zustimmen. Während beim Auftritt auf der Bühne durch die Präsenz der Musiker so mancher Fehler verziehen wird, deckt die Aufnahme die kleinsten Schwächen auf. Und ein informatives Booklet, das sowohl über die Stücke als auch die Werkschaffenden Auskunft gibt, hat zusätzlichen Mehrwert. Ein Überblick über Repertoire, Quellenrecherche und Produktion wird gegeben.

Do, 8. 11. 2012, 18.00–21.00 Uhr

Sa, 17. 11. 2012, ab 19.00 Uhr

Hotel Römerhof 3430 Tulln, Hafenstraße 3

Gasthaus Kerschbaumer 3340 Waidhofen/Ybbs Unterzeller Straße 85 (Böhlerwerk)

Referent: RA MMag. Dr. Albrecht Haller Das Verhältnis vieler Menschen zum Thema Datenschutz ist paradox: Während einerseits die Sensibilität zunimmt, werden andererseits personenbezogene Daten häufig leichtfertig und sorglos preisgegeben. Vor allem bei der Weitergabe von Daten Dritter ist es wichtig, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu kennen. Das Seminar bietet zunächst einen Überblick über das geltende Datenschutzrecht, wobei es natürlich auch um aktuelle Phänomene wie Handy-Ortung, Identitätsdiebstahl, Profilbildung, Social Networking und Videoüberwachung gehen wird. Im zweiten Teil werden aus einer Besprechung von Fällen rund um das Thema Adressaten Verhaltensmaßregeln und Handlungsempfehlungen für die Praxis abgeleitet. Information & Anmeldung Kulturvernetzung NÖ – Büro Industrieviertel Tel. 02639 2552 (Stephanie Fülöp) seminaranmeldung@kulturvernetzung.at www.kulturvernetzung.at

Tanzmeister: Franz Huber Eingeladen sind alle tanzlustigen Singles und Paare mit Interesse an traditionellen Volkstänzen. Vom Anfänger bis zum Profi ist jeder herzlich willkommen! Volkstanz im Wirtshaus bereitet allen Tanzbegeisterten große Freude. In entspannter Atmosphäre und mit viel Spaß tanzen die Besucher zu traditioneller Volksmusik. Tanzmeister Franz Huber vom Tanzforum Niederösterreich vermittelt kurz und anschaulich überlieferte Figurentänze, Polka, Walzer und Boarische. Die Nigloa Ziachmusi unter der Leitung von Johannes Lagler wird für schwungvolle Musik sorgen. Information & Anmeldung Volkskultur Niederösterreich Tel. 0664 8208594 (Claudia Lueger) www.volkskulturnoe.at Verein Stadt.Land.Leben Tel. 0664 5302498 (Antonia Lagler) www.stadtlandleben.at

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

Information & Anmeldung Kulturvernetzung NÖ – Büro Industrieviertel Tel. 02639 2552 (Stephanie Fülöp) seminaranmeldung@kulturvernetzung.at www.kulturvernetzung.at

KUNSTVERMITTLUNG

—————————————————————— Fr, 30. 11., u. Sa, 1. 12. 2012, 9.00–17.00 Uhr ESSL MUSEUM – Kunst der Gegenwart 3400 Klosterneuburg, An der Donau-Au 1 Referenten: Mag. Andreas Hoffer & Team Ein Workshop in der aktuellen Ausstellung „New.New York“ des ESSL MUSEUM, Kennenlernen eines Vermittlungsangebots dieser Schau mit junger zeitgenössischer Kunst sowie eine Einführung zu Methoden in der Kunstvermittlung. Information & Anmeldung Museumsmanagement Niederösterreich Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Tel. 02732 73999, Fax 02732 73999 33 museen@volkskulturnoe.at www.noemuseen.at


Kultur.Region / 39

Vortrag

HANDS-ON, MINDS-ON – INTERAKTIVE AKTIONEN

mach ein projekt!

—————————————————————— Fr, 7., und Sa, 8. 12. 2012, 9.00–17.00 Uhr Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Referentin: Mag. DI(FH) Martina Schönherr

Über erfolgreiche EU-Projekte, die Wichtigkeit von Kooperationen mit Projektpartnern und Projektentwicklung.

Museen werden zunehmend zu Orten, an denen ausprobiert, kommuniziert und experimentiert wird. So genannte Hands-on- und Minds-on-Stationen bereiten Inhalte disziplinübergreifend auf, laden zu aktiver Beteiligung ein und ermöglichen einen selbständigen Erkenntnisprozess. Die vielfältigen Möglichkeiten, museale Inhalte interaktiv zu präsentieren, sollen anhand zahlreicher Beispiele im Workshop vergegenwärtigt werden. Information & Anmeldung Museumsmanagement Niederösterreich Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Tel. 02732 73999, museen@volkskulturnoe.at www.noemuseen.at

MUSEUMSPÄDAGOGIK

—————————————————————— Fr, 18., und Sa, 19. 1. 2013, 9.00–17.00 Uhr Kunsthalle Krems 3500 Krems, Franz-Zeller-Platz 3 Referentin: OStR. Prof. Mag. Magda Krön Die klassische Führung und wie sie gelingt, eine Ausarbeitung einer Kurzführung oder eines Jugendprojekts im Team sowie ein Rollenspiel in Kleingruppen werden Schwerpunkte des Seminars sein. Magda Krön war sowohl konzeptionell als auch in der Ausarbeitung von museumspädagogischen Vermittlungsprogrammen an mehreren Landesausstellungen tätig und kann auf lang jährige Erfahrung mit pädagogischen Vermittlungsmethoden zurückblicken. Information & Anmeldung Museumsmanagement Niederösterreich Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Tel. 02732 73999, museen@volkskulturnoe.at www.noemuseen.at

Mag.phil. Leonie Hodkevitch

Das Herzstück eines erfolgreichen EU-Projekts ist eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen den Projektpartnern. Wie entwerfen wir ein EU-Projekt, erfüllen die Forderung nach dem transnationalen Ansatz, erarbeiten mit den Partnern gemeinsame Arbeitspakete und steuern die Kommunikation? Zentrales Thema des Vortrags ist das Wie: Wie plane ich ein Projekt, wie ziehe ich es auf, damit es funktionieren wird? Im Vortrag „Das erfolgreiche EU-Projekt“ bietet Mag. phil. Leonie Hodkevitch Impulse zu diesen Themen. Leonie Hodkevitch ist Autorin, freie Journalistin und Kulturproduzentin. Sie unterrichtet Kulturmanagement und Interkulturelle Kompetenz an den Universitäten Wien, Hamburg und den Hochschulen für Musik und darstellende Kunst in Belgrad und Tallinn. Sie ist Mentorin bei departure und der Wirtschaftskammer Österreich und Mitglied der Expertenjury für das Kulturprogramm bei der Education, Audiovisual and Culture Executive Agency der Europäischen Kommission. /

Das erfolgreiche EU-Projekt

——————————————————— Do, 29. 11. 2012, 18.00 Uhr Haus der Regionen, Festsaal 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Referentin: Mag. phil. Leonie Hodkevitch Öffentlich zugänglicher Vortrag aus der Reihe „Weiterbildung Kulturvermittlung“ www.noemuseen.at


Ausstellung / 40

Telefon

der ferntöner Die Geschichte des Telefons – vom Fräulein vom Amt bis zum Handy – in der Sonderausstellung des Stadtmuseums Traiskirchen.

Da gab es noch schwere Geräte aus Bakelit, Wählscheiben, die surrten, und Hörer, die zwischen Schulter und Nacken eingeklemmt werden konnten: Telefone aus dem Zeitraum 1925–1995.

Das Stadtmuseum Traiskirchen zeigt im heurigen Jahr eine Sonderausstellung über die Entwicklung der Telefonapparate und der Telefontechnik ab 1880. Auch wird auf die Bedeutung des Telefons im Leben der Menschen eingegangen und auf die historischen Meilensteine aufmerksam gemacht. Das Spektrum umfasst Hausapparate mit Gleichstromtechnik, Linienwählapparate, Vermittlungsstellen, Apparate mit Orts- und Zentralbatterie und einige Sonderformen. Eine anschauliche Präsentation mit einem

„alten Telefonhüttl“, einem „Fräulein vom Amt“ und einige Experimentiermodelle lassen den Besuch zu einem informativen Erlebnis werden. Einige der Ausstellungsstücke sind betriebsfähig zusammengeschaltet und vermitteln so die Funktionsweise der elektromechanischen Telekommunikationseinrichtungen vergangener Tage.

Mehrere Väter Der Wunsch, mit anderen Menschen, auch wenn sie Kilometer weit entfernt sind, zu

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

sprechen, bestand schon lange. Daher galt es eine Möglichkeit zu finden, mit der die menschliche Sprache direkt übertragen werden konnte. Und so entstand die Idee des Telefons. Allerdings gab es nicht einen einzelnen Erfinder, sondern wie so oft hatte auch diese Einrichtung mehrere Väter, bis es als einwandfrei funktionierendes Nachrichtenmittel in unseren Alltag einziehen konnte. Aus dem deutschsprachigen Bereich wird gerne Johann Philipp Reis (1834–1874) als wichtiger Wegbereiter genannt. Vor rund 150 Jahren gelang es ihm erstmals, „Töne aller Art


Ausstellung / 41

Mit solchen Apparaten nahm man Kontakt mit ...

durch elektrischen Strom zu reproduzieren“. Dabei wurde der seltsame Satz „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ gesprochen. Bei einer Vorführung sollte es dem Publikum das Funktionieren der Erfindung demonstrieren. Nach weiteren Verbesserungen wurde der „Ferntöner“ 1863 König Max II. von Bayern und Kaiser Franz Joseph I. vorgeführt, von den Beratern der Regenten allerdings als „physikalische Kuriosität ohne wirtschaftlichen Wert“ qualifiziert. Philipp Reis erlebte den Siegeszug der Telefonie nicht.

Bell’scher Sprechtelegraph Am 14. Februar 1876 meldete der in Boston lebende Taubstummenlehrer Graham Bell ein von ihm entworfenes „Telephon“ zum Patent an. Bei der im gleichen Jahr stattfindenden Weltausstellung in Philadelphia, Pennsylvania, zählte der mittlerweile funktionstüchtige „Bell’sche Sprechtelegraph“ zu den Attraktionen. Schon am 9. Oktober 1876 wurde das erste Ferngespräch der Welt auf einer zwei englische Meilen langen Telegraphenleitung zwischen Boston und Cambridge, Massachusetts, USA, geführt. Ein Bell’scher Handapparat des Jahres 1878 ist das älteste Ausstellungstück dieser Sonderausstellung. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass die Geräte ursprünglich nicht als Massenkommunikationsmittel, sondern als Hörhilfe für Gehörschwache erdacht und entwickelt wurden. Dieser Intention entsprechend wird in der Ausstellung Rechnung getragen. Auch ein Handapparat mit Transistorverstärker und ein Schreibtelefon sind ausgestellt.

... dem Fräulein vom Amt auf.

Themenschwerpunkt dieser Ausstellung sind zwar Fernsprechapparate, aber auch Münzfernsprecher und Vermittlungseinrichtungen. Es werden händische und auch automatische gezeigt. Die bewegliche Telefonie findet Raum, vom „Autotelefon“ über ein schweres Handfunkgerät bis zu den ersten „Handys“ aus der jüngeren Vergangenheit.

Vom Telegramm … Vor der Sprachübertragung mittels elektrischen Stromes über Leitungen stand die Telegraphie. Dabei wurde ein Stromkreis nach vereinbarter Weise geschlossen oder unterbrochen. Die solchermaßen übermittelte Information konnte einen Buchstaben, ein Zeichen oder ein Wortgefüge bedeuten. Entscheidender Nachteil dieser Kommunikationsart allerdings ist der Umstand, dass die Anwender an der Sende- bzw. Empfangsstation eigens geschult sein müssen. Das Klackern des Telegraphen kennen wir nun nur mehr aus den Filmen. Erheblich mehr technischen Aufwand, dafür aber eine einfache Handhabung und leichte Bedienbarkeit war das Kennzeichen der Fernschreibmaschinen und des Telex-Dienstes (TELetype EXchange), da auch bei Abwesenheit eines verlangten Teilnehmers Fernschreiben übermittelt werden konnten

… bis Online Mit dem Medium Bildschirmtext (BTX), in Österreich eingeführt im Juni 1982, wurden die ursprünglich eigenständigen Entwicklungen Fernsprecher, Fernschreiben, elektronische Datenverarbeitung und Fernsehen

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

Die Geschichte des Telefons in Traiskirchen.

zur einer gemeinsamen Anwendung verschmolzen. Dabei wurde zunächst das weit verbreitete Fernsehgerät zum Datensichtgerät umfunktioniert und mittels einer elektronischen Zusatzeinrichtung über die Telefonleitung mit einem zentralen Rechner verbunden. In Österreich wurde dazu als Endgerät MUPID (Mehrzweck Universell Programmierbarer Intelligenter Decoder) entwickelt. Der Übertragungsstandard erlaubte neben der Übermittlung von Texten auch die Übermittlung von auf Blockgrafik basierenden Bildern. Durch die fortschreitende Verbreitung von immer komplexeren Personal-Computern wurde die Decoderfunktion der Bildschirmtextgeräte zunehmend durch Software-Anwendungen, beispielsweise Decodix und Suxxess, ersetzt. 1996 wurden die BTX-Teilnehmer von der (damaligen) Telekom Austria AG auf den neu geschaffenen Internetdienst A-Online umgestellt. / Text: Karin Weber-Rektorik Fotos: Stadtmuseum Traiskirchen

DAS PFERD FRISST KEINEN GURKENSALAT

——————————————————— Öffnungszeiten: jeden So und Fei, 8.30–12.30 Uhr und n. V. Stadtmuseum Traiskirchen 2514 Traiskirchen, Wolfstraße 18 Tel. 02252 508521-10 (Kulturamt) oder 0664 2024197 (Karin Weber-Rektorik) www.stadtmuseum-traiskirchen.at


Österreichische Bernsteinstraße / 42

Museumsnetzwerk

unterwegs mit betty bernstein Der Verein „Die österreichische Bernsteinstraße“ präsentierte die Arbeit der letzten Jahre und rüstet sich für das Landesausstellungsjahr 2013 im Weinviertel. Wichtiger Punkt: „Betty Bernstein“ für Familien.

1. Reihe: LA Mag. Kurt Hackl, Kimmo Grabherr, Matthias Gadinger, Ing. Rainer Elsinger, Obmann Bgm. Herbert Nowohradsky, DI Hannes Wolf, Chris Heller; 2. Reihe: Mag. Ulrike Vitovec, Mag. Doris Grundei, Ulrike Wraneschitz, Dr. Walpurga Antl-Weiser, Susanne Ertl, Bernadette Böhm-Antony, Susanne Bauer, Andrea Sommer, Elisabeth Schiller, Dr. Veronika Plöckinger-Walenta, Mag. Maria Kranzl, Bettina Lang; 3. Reihe: Bgm. Johann Panzer, Fam. Bauer, Mag. Arnold Oberacher, Gottfried Erger, Hans Huysza, Walter Lauer, Marcus Linford, Mag. Günter Fuhrmann, Mag. Wolfgang Galler, DI Hannes Weitschacher, Bgm. Helmut Brandtner.

Das Ziel des Projekts Bernsteinstraße ist es, den alten Handelsweg zwischen Ostsee und Mittelmeer wieder zu beleben und die kulturellen und touristischen Angebote im Weinviertel zu vernetzen. Durch die Unterstützung des Weinviertel Tourismus, der Volkskultur Niederösterreich und LEADER-Region Weinviertel Ost konnte ein weiteres Förderprojekt mit den Inhalten Attraktivierung der Bernsteinstraßen-Mitglieder-Standorte, stärkere Bezugnahme zur

historischen Bernsteinstraße sowie Ausrichtung auf Familienprogramm eingereicht werden. Dieses von der EU geförderte LEADERProjekt wurde von 2011 bis 2013 genehmigt und läuft nun in die Endphase. Die Schlusspräsentation des touristischen Beratungsprojektes fand am 25. September 2012 im Museumsdorf Niedersulz statt. Die Mitglieder der Bernsteinstraße blicken auf eine erfolgreiche Saison zurück. Besonders gut angenommen wurde das Angebot

schaufenster / Kultur.Region / November 2012

„Kindergeburtstag feiern im Museum“ sowie direkt mit den Mitglieder-Museen vereinbarte Kinder- und Schulgruppenführungen.

Betty on tour Dieses Jahr war die „mobile Einsatztruppe Betty Bernstein“ – ein Team aus zehn deutsch-, tschechisch- und englischsprachigen Museumspädagogen – direkt bei der Zielgruppe im Einsatz. Bei Festen bzw. Motto-Tagen in der Therme Laa, im Tiergarten


Österreichische Bernsteinstraße / 43

ten, Literaturlisten, Film- und CD-Material dieses Vorhaben unterstützt. Schloss Halbturn hat Interesse an der Fotoausstellung „Die Wieder-Entdeckung der Bernsteinstraße“ von Markus Zohner signalisiert.

Touristische Beratung

Fotografin in Aktion – Fotoshooting für Betty Bernstein auf Schloss Poysbrunn

Schönbrunn, beim Römerfest Carnuntum, beim Kelten- und Hunnenfest etc. konnten ca. 7.500 Interessierte beim interaktiven Kinderprogramm mit Betty Bernstein begrüßt werden. „Halber Tag – ganzes Vergnügen“ – unter diesem Titel wurde dieses Jahr erstmals das Angebot für Schul- und Kindergruppen beworben. Ergebnis: 24 Schulgruppen mit ca. 1.000 Schülern besuchten im Rahmen eines Schulausfluges unsere Mitglieder-Museen. Auch in den virtuellen Netzen ist Betty Bernstein zu finden und auf facebook aktiv.

history4U Erstmals fand in Kooperation mit der Volkshochschule Mistelbach ein viertägiger Workshop in den Sommerferien mit dem Titel „Betty Bernstein-Kindermusical-Workshop“ statt. Überrascht hat uns die Anmeldezahl: 44 Kinder. In drei Gruppen geteilt, wurden die Kinder und Jugendlichen von den Konservatoriums-Absolventinnen und regional bekannten Musical-Darstellerinnen Lisi Heller und Andrea Frohn in den vier Tagen zu Höchstleistungen angespornt. Im Zuge des Pilotprojektes wurde von Gottfried Erger (Weinstadtmuseum Poysdorf) die Geschichte des Weinviertels, im Unterrichtsfach Heimatkunde bzw. Geschichte in sechs Schulen im Weinviertel altersstufengerecht aufbereitet. Bei „history4U“ konnten die Schüler hautnah Zeugen der Vergangenheit (Mammutzähne, Knochen, Meteoriten und mehr) erleben. Geschichte zum Angreifen also! Die Nachfrage nach einem derartig

Interaktives Kinderprogramm bei Römer- und Keltenfesten.

lebendigen Geschichtsunterricht ist entsprechend groß.

Landesausstellung 2013 Im Schloss Wolkersdorf wird parallel zur Landesausstellung 2013 das Thema „Straßengeschichte(n) – Handelswege quer durch Europa und mitten durchs Weinviertel“ präsentiert. Mit dem Kurator Mag. Wolfgang Galler wird bezüglich der Präsentation der Bernsteinstraße intensiv zusammengearbeitet. Ein Projekt der Winzer ist der Bernsteinwein. Die Marchweingärtner – eine Kooperation mit zwölf Winzern entlang der March – haben sich zum Ziel gesetzt, einen „Bernsteinwein“ zu kreieren. Die Marke ist inzwischen rechtlich geschützt. Die Präsentation ist für April 2013 im Rahmen einer großen Veranstaltung geplant.

Bernsteinkonferenz & -ausstellung Die Geschäftsführerin Elisabeth Schiller nahm Ende Juni 2012 auf einer internationalen Konferenz mit dem Titel „Past – Present – Future – Cooperation along the Historical Amber Route“ in Vilnius teil. Eine Deklaration zur zukünftigen internationalen Zusammenarbeit wird im Oktober vom Obmann der Bernsteinstraße, Bürgermeister Herbert Nowohradsky, unterschrieben. Im April 2013 soll die Ausstellung „Bernsteinstraße“ auf Schloss Halbturn im Burgenland eröffnet werden. Der Verein „Die Österreichische Bernsteinstraße“ hat mit Kontak-

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Zwölf der 32 Mitglieder des Netzwerkes nahmen eine intensive Einzelberatung vor Ort in Anspruch. Sie erhielten einen detaillierten Plan, ihr Museum bzw. Ausstellung attraktiver und serviceorientiert zu gestalten. Ergebnis ist, dass in Zukunft bei (fast) allen Mitgliedern der Besucher mit dem „Willkommensbrief von Betty Bernstein“ das Museum auf eigene Faust entdecken kann. Es wird Objekte und Ausstellungstafeln geben, die einen Bezug zur historischen Bernsteinstraße herstellen, bis hin zum „Lieblingsplatz von Betty“, einem eigenen Sitzmöbel für Kinder. Denn wo „Betty Bernstein“ draufsteht, soll auch in Zukunft „Betty Bernstein“ drin sein. Wobei die Zielgruppe Familien sind. Kinder sollen mithilfe des Willkommensbriefs, dessen Rückseite ein Orientierungsplan ist, als Fremdenführer agieren. Die sichtbarste Veränderung nach außen ist die Umgestaltung der überregional bekannten Marke „Betty Bernstein“. Da die Zielgruppe des Kinderprogramms zwischen fünf und zehn Jahren liegt, wird die „alte“ Betty Bernstein, die Kleinkinder anspricht, umgezeichnet. Neu ab 2013: Neben dem Hauptwerbemittel „Unterwegs mit Betty Bernstein“, einer Faltkarte für Familien und Kinder, wird es extra für die ca. 150 Regionspartner der Landesausstellung 2013 das Rätselheft Betty Bernstein geben. Bei den Mitglieder-Museen wird erstmals das „Märchenbuch Betty Bernstein“ aufliegen und zu erstehen sein. / Text: Elisabeth Schiller Fotos: z.V.g.

DIE ÖSTERREICHISCHE BERNSTEINSTRASSE

——————————————————— Tel. 02552 3515-18 e.schiller@weinviertel.at www.betty-bernstein.at www.bernsteinstrasse.net


Ausflugsziel / 44

Amethyst Welt Maissau

voll violett Die Amethyst Welt Maissau, heuer um das Edelsteinhaus erweitert, wird im kommenden Jahr Handwerkstechniken rund um die Stein- und Schmuckverarbeitung präsentieren.

Amethyste aus aller Welt …

Halbedelsteine gibt es nicht mehr. „Dann könnte es ja auch Vierteledelsteine geben“, so Prof. Oskar Thalhammer von der Montanuniversität Leoben, der die Amethyst Welt fachlich betreut, „und wo wären da die Grenzen zu ziehen?“ In dem schlicht in Schwarz gehaltenen Edelsteinhaus funkeln, schimmern, glitzern, blitzen und changieren Opal und Fluorit, Smaragd, Turmalin, Quarz und Amethyste aus aller Welt. Das Edelsteinhaus ist der Neuzugang im äußert erfolgreichen Konzept der Amethyst Welt, die einen Mix von Information, Erlebnis und Einkauf bietet. Damit die Besucher nicht nur einmal kommen, gibt es alle paar Jahre Erweiterungen im Angebot. Auch die Parklandschaft wächst beständig

… zeigt das neu errichtete Edelsteinhaus in Maissau.

und Traum- und Kraftplätze ziehen sich durch den lichten Eichenwald des Manhartsberges. Für Kinder steht ganz klar das Schürffeld an oberster Stelle. Ausgerüstet mit einem Spaten kann hier jeder seine eigenen Edelsteine finden. „Voll violett“, schreit ein Bub, als er fündig wird. Und Funde sind nahezu garantiert. Das Schürffeld wird – „Wir machen das am frühen Morgen, damit uns niemand sieht“, so ein Mitarbeiter – immer wieder aufgefüllt. Dafür wird der Ausschuss jener Amethyste verwendet, die bei den alle zwei Jahre stattfindenden Grabungen abfallen. Die größeren Steine werden verarbeitet und verkauft. Wo Steine sind, ist auch die Heilkraft der Steine nicht weit. Jeder Edelstein hat eine

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besondere Schwingung, die mit Information aufgeladen ist. Es ist eine Gratwanderung zwischen Wissensvermittlung und Esoterik, den die Mitarbeiter der Amethyst Welt zu bewerkstelligen haben. Maissau am Hang des Manhartsberges, zwischen Wald- und Weinviertel, setzt den Edelstein in Szene. Die Stadt hüllt sich in violett. Manche Straßenlaterne und manche Gasthausaufschrift hat in den letzten Jahren Farbe gewechselt.

Amethystband Vor 280 Millionen Jahren erstreckte sich hier ein Urgebirge sowie das Eggenburger Meer. Viele Kilometer unter seiner Oberfläche


Ausflugsziel / 45

Werkstattplatz für eine Goldschmiedin in der Amethyst Welt Maissau.

setzten sich an den Wänden einer riesigen Gesteinsspalte mehrere Schichten Quarzkristalle am Granit ab. Dieser Maissauer Granit enthält seltene radioaktive Partikel, die ionisierende Strahlung aussenden. In Kombination mit den Spurenelementen Eisen, Kalium, Aluminium und Lithium im Quarz bildeten sich über Jahrmillionen die violette Färbung und das charakteristische Zackenmuster im Maissauer Amethystband. Dieses matt schimmernde Violett wellt sich durch das Gestein. Diesem weltweit einzigartig zu begehenden Amethystband können die Besucher 40 Meter lang folgen. Es ist eines von 20 Bänderamethysten, die weltweit bekannt sind. 1845 wurden in einem Steinbruch nahe von Maissau erstmals Amethyste gefunden. Immer mehr Sammler kamen und klaubten die von den Landwirten in die Höhe geackerten Steine auf. Ab den 1980er Jahren begann die Krahuletz-Gesellschaft aus dem benachbarten Eggenburg zu forschen und förderte beeindruckende Amethystfunde zu Tage. Neben dem Bänderamethysten besticht Maissau durch ein großes Vorkommen fast aller Vertreter der „Quarz-Familie“: wasserhelle Bergkristalle, graubraune Rauchquarze, schwarze Morione und blutrote Eisenkiesel. Der begehrte Jaspis ist in vielen Farbschattierungen vorhanden. Als kleines Wunder gilt in

der Fachwelt der einzige zufällig in einem Amethystblock entdeckte Achat. Er kann im Niederösterreichischen Landesmuseum besucht werden.

Brandungsgeröll Das Edelsteinhaus, das im ersten Teil Steine aus aller Welt zeigt, präsentiert im mittleren Bereich besondere Amethyste. Die größten Vorkommen finden sich in Brasilien. Neuzugänge aus Maissau sind die eiförmigen Brandungsgerölle. Die von der Meeresbewegung rund geschliffenen Steine, in denen Amethyste eingelagert sind, fanden sich bei der letzten Grabung in einer Gesteinskluft. Dass Kategorien wie Halbedelsteine obsolet sind, zeigen die Steine aus Waldviertler Ortschaften: honigschimmernd mit grauen Sprengseln, grün geädert, blau gepunktet, rot gefleckt. Der im Waldviertel ansässige Steinschleifer Christian Riedl hat aus unscheinbaren Steinen vom Wegesrand Schmuckstücke gemacht. Aus Drosendorf an der Thaya zum Beispiel kommt der Zoisitfels. Spätestens hier ist klar, dass der Begriff „Edelstein“ ein willkürlicher ist, der sich einerseits aus der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Steins und aus dessen Verfügbarkeit beziehungsweise Rarität zusammensetzt, und andererseits die „4 C“-Kriterien erfüllen soll: Carat, Cut, Clarity, Colour. Wer sagt denn, dass der honiggelbe Mückenstein aus Eibenstein nicht auch ein Edelstein ist? Für Eiben-

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Kinder schürfen Steine im Freien.

steinerinnen und Eibensteiner ist er es bestimmt. Ab dem kommendem Jahr wird in der violetten Welt das Handwerk rund um die Steinverarbeitung präsentiert. Den Werkplatz für einen Goldschmied gibt es schon, ebenso für einen Steinschleifer. Kurse sollen mit dem Handwerk vertraut machen. Mit der Erkenntnis, dass auch Gold ein Mineral ist, wird der Besucher in die Gärten entlassen. „Keine Steine herausschlagen!“, steht auf einer Tafel. Und weiter: „Nur ehrlich gefundene Steine bringen Glück!“ Aber das Glück ist soundso ein Vogerl. / Text: Mella Waldstein Fotos: Amethyst Welt Maissau

amethyst welt Maissau

——————————————————— Öffnungszeiten: tägl. 9.00–17.00 Uhr 3712 Maissau An der Horner Bundesstraße Tel. 02958 84840 www.amethystwelt.at


Museumsdorf Niedersulz / 46

Forschung

UNIVERSITY GOES MUSEUMSDORF Das Weinviertler Dorf als naturales und soziales System: Kooperation des Museumsdorfs Niedersulz mit dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie dem Institut für Geschichte des ländlichen Raumes.

Aufgaben des Museumsdorfs – das Sammeln, Bewahren, Präsentieren und Vermitteln von historischen Weinviertler Wohn- und Wirtschaftsformen.

Das Museumsdorf Niedersulz führte in den Jahren 2010 und 2011 ein Projekt im Rahmen des Förderprogramms „forMuse – Forschung an Museen“ des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung durch. Ziel war die Entwicklung einer Strategie zur wissenschaftlichen Erschließung und qualitativen Evaluierung des Museumsdorfs Niedersulz, seiner Gebäude und seiner Sammlungen im Rahmen von Arbeitstreffen sowie die Erstellung eines schriftlichen Maßnahmenplans. Außerdem dienten die Treffen der Initiierung von Kooperationen mit Forschungseinrichtungen, Expertinnen und Experten sowie anderen (Freilicht-)Museen in Hinblick auf

mögliche gemeinsame Forschungs-, Dokumentations- und Ausstellungsprojekte.

ter 2012 mit rund 15 Studierenden und zwei Tutoren abgehalten wurde.

Historische Grundlagenforschung

Nach einigen einführenden Terminen zu den Themen Agrarsystem und ländliche Gesellschaft im Weinviertel fand eine Exkursion nach Niedersulz in das Museumsdorf statt. Dort führten Dr. Veronika PlöckingerWalenta, die wissenschaftliche Leiterin des Museumsdorfs, und Prof. Erich Landsteiner die Studierenden sowohl durch das Museumsdorf, das als idealtypisches Weinviertler Bachzeilendorf konzipiert worden war, als auch durch den neu errichteten Bauhof und das Depot. Dabei erhielten die Studierenden

Eine der Kooperationen aus diesem Projekt entstand mit Prof. Erich Landsteiner vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien sowie Dr. Ernst Langthaler vom Institut für Geschichte des ländlichen Raumes in St. Pölten. Sie entwickelten eine Lehrveranstaltung vom Typus Forschungspraktikum mit dem Titel „Historische Grundlagenforschung für das Museumsdorf Niedersulz“, die im Sommersemes-

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nicht nur eine Einführung in die Hausformen des Weinviertels sowie eine Vorstellung einiger der 80 Objekte im Museumsdorf, sondern auch einen Einblick in die musealen Aufgaben eines Freilichtmuseums wie Niedersulz – das Sammeln, Bewahren, Präsentieren und Vermitteln von historischer Weinviertler Architektur, Dorfstrukturen, Wohnund Wirtschaftsformen, aber auch von Blumen, Obstbäumen, Kräutern und Gemüse in Gärten und auf landwirtschaftlichen Flächen.

Presshaus aus Niedersulz, Objekt Nr. 54.

Fünf Arbeitsgruppen Grundsätzlich sollte der Inhalt der Lehrveranstaltung möglichst eng mit den im Museumsdorf vorhandenen Gebäuden und Objekten verknüpft werden. So bildeten die Studierenden fünf Arbeitsgruppen zu den Themen „Dorf als wirtschaftliches und soziales System“, „Hausgeschichte“ von ausgewählten Häusern im Museumsdorf – dem Streckhof aus Bad Pirawath, dem Zwerchhof aus Waidendorf und dem Kleinhäuslerhaus aus Wetzelsdorf –, „Grundherrschaft“ am Beispiel der Hofmühle aus Walterskirchen, „Kirche und Pfarrer im Dorf “ sowie „Weinbau“ am Beispiel eines Presshauses aus Niedersulz im Museumsdorf. Zu diesen Themen forschten sie – tatkräftig unterstützt von den beiden Tutoren Mag. Martin Bauer und Mag. Rudolf Buchinger – im Niederösterreichischen Landesarchiv in St. Pölten und dessen Außenstelle in Bad Pirawath, im Diözesanarchiv Wien und in der Pfarre Sulz im Weinviertel.

Angewandte Forschung Die Recherchen stellten eine direkte Verbindung zwischen wissenschaftlicher Analyse in der Theorie und angewandter Forschung an einem spezifischen musealen Objekt dar. Als Quellen wurden Katasterpläne mit den zugehörigen Besitzverzeichnissen, Beschreibungen der lokale Wirtschaftsweisen samt Kalkulation des Bodenertrags („Operate“), Personenstandslisten mit Angaben über die Angehörigen der Haushalte eines Dorfes („Seelenbeschreibungen“), Verzeichnisse der Besitzstände an Vieh, Land, Gegenständen und Geld eines Verstorbenen („Inventare“), kirchliche Tauf-, Heirats- und Sterberegister, Pfarrchroniken und Pfarrakten sowie ältere, auf das Weinviertel Bezug nehmende oder

Einblick für die Studierenden in das Weinviertler Dorfleben.

aus dem Weinviertel stammende Literatur verwendet.

Beispiel Objekt Nr. 54 So konnte beispielsweise ein Stück der Weinbau-Geschichte von Niedersulz am Beispiel eines Presshauses (Objekt Nr. 54 im Museumsdorf) eruiert werden: Laut Bauparzellensowie Inventurprotokoll gehörte das Presshaus zum Haus Niedersulz Nr. 96. Dieses hatte Elisabeth Wagner gehört, die laut einem Inventurprotokoll am 26. 5. 1822 starb. Die Verstorbene hatte den Besitz mit Hilfe einer Magd und eines ortsansässigen Bauern, der die Zugarbeit gegen Bezahlung verrichtet hatte, bewirtschaftet. Allerdings wurden in Niedersulz – wie im Weinviertel üblich – auch Keller ohne Verbindung zu einem Presshaus angelegt, da sich nicht alle ein eigenes Presshaus leisten konnten. Das Bauparzellenprotokoll von Niedersulz weist 102 Wohnhäuser, aber nur 53 Presshäuser aus. Das bedeutet, dass nicht einmal alle Halblehner über ein eigenes Presshaus verfügten. In Inventuren ist auch von „Pressschüpfeln“, also von Holzbauten, in denen die Presse aufgestellt war, die Rede. Kleinere Landwirte

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Ein weiteres Forschungsobjekt: der Waidendorfer Hof.

pressten ihre Trauben in fremden Presshäusern gegen Abgabe eines Teiles der Ernte und transportierten anschließend den Most in Fässern in den eigenen Keller oder lagerten diesen in fremden Kellern ein. (Vgl. Josef Stöger, Die Landwirtschaft des Dorfes Niedersulz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seminararbeit im Rahmen des FPK Historische Grundlagenforschung für das Museumsdorf Niedersulz – Universität Wien, Sommersemester 2012.) Die Studierenden hatten während der Forschungsarbeit Zugang zu den Objekten des Museumsdorfes und standen in engem Kontakt und Kooperation mit der wissenschaftlichen Leitung des Freilichtmuseums. Die Ergebnisse der Recherchen wurden in Form von Seminararbeiten dokumentiert und dienen dem Museumsdorf als Grundlage für zukünftige Beschriftungen, Folder oder Ausstellungen. So sollen die Synergieeffekte von universitärer Forschung und praktischer Museumsarbeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. / Text: Veronika Plöckinger-Walenta Fotos: Museumsdorf Niedersulz


Museumsdorf Niedersulz / 48

Service Civil International

Taten, nicht worte Zwei Wochen lang arbeiteten im Sommer 2012 Jugendliche aus der ganzen Welt im Weinviertler Museumsdorf.

Das SCI-Freiwilligenteam im Museumsdorf Niedersulz.

Bereits zum zweiten Mal waren jugendliche Volontäre im Zuge des SCI-Freiwilligenprojekts bei einem Arbeitscamp im Museumsdorf Niedersulz. Neun Jugendliche aus Deutschland, Spanien, Russland, der Ukraine und Taiwan unterstützten in unterschiedlichen Arbeitsbereichen und -gruppen die Teams in Niederösterreichs größtem Freilichtmuseum. Apfelernte, Unkrautjäten, mulchen, Strohballen aufschichten, auspflanzen – das waren für zwei Wochen die Aufgabengebiete der SCI-Freiwilligen. Die Organisation Service Civil International, kurz SCI, wurde 1920 nach dem Ersten Weltkrieg von Pierre Cersole in Frankreich gegründet und ist eine der größten und ältes-

ten Friedens- und Freiwilligenorganisationen. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg standen vor allem Projekte im Bereich des friedvollen Wiederaufbaus im Vordergrund. So wurde im Rahmen des ersten Workcamps 1920 ein zerstörtes französisches Dorf bei Verdun von den freiwilligen Helfern wieder aufgebaut. Internationale Solidarität und Toleranz sollten durch die Hilfe und Kooperation von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen gefördert und wieder aktiviert werden. In den Anfangsjahren waren es hauptsächlich längerfristige Arbeitseinsätze in Gebieten, die durch Kriege oder Naturkatastrophen zerstört worden waren, bei denen sich die SCIAktivisten betätigten. Die direkte Zusam-

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menarbeit, Kommunikation und der Kontakt zu den betroffenen Menschen vor Ort standen dabei im Fokus.

Interkultureller Austausch „Deeds not words“ – „Taten, nicht Worte“ war dabei die Maxime dieser anfänglichen Gründungsprojekte des SCI und die Idee der friedvollen Freiwilligenhilfe verbreitete sich rasch weltweit. In den 1960er Jahren kam es sukzessive zu einer strukturellen Umwandlung der SCIWorkcamps: Die Dauer der einzelnen Projekte verkürzte sich im Schnitt auf zwei bis vier Wochen, die Auseinandersetzung mit sozialen Problemen und die Zusammenarbeit mit anderen „non-governmental“- und „nonprofit“-Organisationen (NGO bzw. NPO) wurden forciert. Dadurch wurden gesellschaftspolitische Aspekte innerhalb der SCI immer wichtiger – neben der eigentlichen Freiwilligenarbeit wurden der interkulturelle Austausch und die Sensibilisierung gegenüber Menschen aus anderen Ländern oder in anderen Lebenssituationen sowie auch die inhaltliche Auseinandersetzung bei den einzelnen Projekten immer essenzieller. Mittlerweile umfasst das SCI-Netzwerk aktuell 44 Partner- und Unterorganisationen und ist in fünf Kontinenten aktiv. Die österreichische Dependance des Service Civil International wurde 1947 gegründet und wird ausschließlich ehrenamtlich geführt. Das Gros seiner aktiven Mitglieder besteht aus Studentinnen und Studenten, die die Koordination der Freiwilligenprojekte und Büroarbeit, das Versenden und Vorbereiten der Freiwilligen und vieles mehr organisieren und dafür unentgeltlich arbeiten. Deeds not words! / Text: Freya Martin Foto: Museumsdorf Niedersulz/Ingrid FröschlWendt

SERVICE CIVIL INTERNATIONAL

——————————————————— 1010 Wien, Schottengasse 3a/1/4/59
 Tel. 01 535 91 08 www.sci.or.at


Kultur.Region / 49

Aktuelles

INTERN Wir gratulieren

—————————————————————— Ihren besonderen Geburtstag feiert unser Ehrenmitglied Johanna Rodler, Korneuburg, 25. November Ihren besonderen Geburtstag feiert unser Mitglied Leopoldine Haydn, Kirnberg an der Mank, 12. November Ihren runden Geburtstag feiern unsere Ehrenmitglieder: Abg. z. NR a. D. Anton Bayr (85), Krummnußbaum, 18. November KR Harald Lutz (85), Nussdorf ob der Traisen, 30. November Ihren runden Geburtstag feiern unsere Mitglieder: Leopold Bauer (50), Simonsfeld, 15. November Rudolf Hell (50), Statzendorf, 19. November

Foto: Grafenegg

Wir gratulieren Elisabeth Schöffl-Pöll zur Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Republik Österreich. Zur Verleihung des Silbernen Ehrenzeichens gratulieren wir herzlichst Ök.-Rat Lieselotte Wolf und Anton Mörwald sen.

neulich bei …

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so schmeckt niederösterreich adventmarkt —————————————————————— 30. 11. und 1. 12. 2012, 10.00–21.00 Uhr Palais Niederösterreich Altes Landhaus, 1010 Wien, Herrengasse 13 Ein stimmungsvoller Markt des Landes Niederösterreich für seine Landsleute und Freunde in Wien. Zum Schauen Kunsthandwerk aus Niederösterreich, Krippen vom Hollabrunner Krippenbauverein.

... der Buchpräsentation mit (v. l. n. r.) Mag. Carl Aigner, Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseums; Dorli Draxler, Geschäftsführerin der Volkskultur Niederösterreich; Buchautor Sepp Forcher, Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll und Karl Hohenlohe. Über das Buch lesen Sie auf Seite 36. Foto: Erich Marschik

Zum Schenken Produkte aus Niederösterreich, geschmackvolle Geschenkideen. Zum Genießen Traditionelle Köstlichkeiten und geschmackvolle Raritäten.

RADIOTIPP

Zum Zuhören Das musikalische Programm gestaltet die Volkskultur Niederösterreich. Unter anderem mit den Mostviertler BlechMusikanten, KrassBrass, Sängerbund Neustift, NiglHoga, D’Quetschsaitenpfeifal. Lesung: Isolde Kerndl u.a.

aufhOHRchen spezial „Alle heiligen Zeiten“

Eintritt frei!

—————————————————————— Do, 1. 11. 2012, 11.04–12.00 Uhr Gestaltung: Dorli Draxler & Edgar Niemeczek

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Die letzte Seite / 50

2nd life Allerspätestens seitdem in der Textilfabrik Ali Enterprises im pakistanischen Karatschi mehr als 250 Menschen verbrannten und erstickten, muss es klar sein, dass wir Blut am Körper tragen. Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten, politisch korrekt und modisch gekleidet zu sein. „Aus Alt mach Neu“ ist der einfache Nenner der Upcycling-Bewegung. Hier werden alte Kleider gesammelt und zu neuen umgestaltet. Immer mehr Modeateliers arbeiten nach diesem kreativen Prinzip. Milch (www.milch.mur.at) recycelt Herrenhosen zu Hosenkleidern. Auch aus Herrenhemdkragen werden Kleider, ganz nach dem

Kleid aus einer alten Herrenhose. Foto: Mirjana Rukavina.

biblischen Motto „Schwerter zu Pflugscharen“. Steinwidder (www.steinwidder.com) macht aus Strumpfhosen und Socken Kreationen, die auch am Laufsteig reüssieren.

Neben Wien ist Berlin die Modezentrale für Upcycling. Das Veränderungsatelier „Bis es mir vom Leibe fällt“ bietet seinen Kundinnen und Kunden Do-it-yourself-Tools an. /

Landeinwärts

Besser als sein ruf Verehrter Leserkreis, ich versprech’s: Sie werden an dieser Stelle nicht jeden Monat etwas über den gerade anbrechenden Monat zu lesen bekommen. Aber dem November habe ich es versprochen! Er wird gemobbt. Er wird nicht gemocht. Dabei ist er viel besser als sein Ruf. Der November ist ein Monat, der endlich keine Erwartungen weckt. Man muss nicht heiraten (Mai) und niemanden in den April schicken. Man muss noch nicht an Weihnachten denken. Man muss keine guten Vorsätze haben (Jänner). Man muss nicht Ski fahren (Februar) und nichts anbauen (März). Man muss nicht aus dem Bürofenster schauen und die schönen Sommertage vorbeiziehen lassen (Juni, Juli, August). Man muss keine Torschlusspanik bekommen, dass der Sommer schon wieder vorbei ist und die Schule beginnt (September). Man muss keine

Revolution machen (Oktober). Der November ist der November ist der November. Er leitet seinen Namen aus dem römischen Kalender ab und war der neunte Monat (lat. novem = neun). Alte deutsche Namen für den November sind Windmond (eingeführt von Karl dem Großen im 8. Jahrhundert), Wintermonat und Nebelung. In den Niederlanden wurde der Monat auch Schlachtmond oder Schlachtemonat genannt. Weniger grausam klingt’s im Tschechischen, der November heißt Blätterfall (= listopad). Der November ist so herrlich unbesetzt. Er ist nicht kommerzialisiert – abgesehen von ein bisserl Kerzen kaufen für den Friedhof. Er verspricht nichts, außer ein paar Nebeltagen. Und ja, es stimmt, dass der November statis-

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tisch die meisten Nebeltage aufweist. Aber statistisch gesehen passieren die meisten Verkehrsunfälle im Oktobernebel. Im November haben wir uns schon an die Fahrverhältnisse gewöhnt. Es ist gerade der Nebel, der den schlechten Ruf beschert. Der Nebel ist aber gut für die Haut, kluge Frauen machen im Nebel lange Spaziergänge und pflegen ihren Teint. Dichter pflegen das Klischee. November, Nebel, Einsamkeit. Schön ist’s trotzdem. Seltsam, im Nebel zu wandern!
 Einsam ist jeder Busch und Stein,
 Kein Baum sieht den andern,
 Jeder ist allein. (aus „Nebel“ von Hermann Hesse) / Mella Waldstein


Damit Visionen Wirklichkeit werden, ermöglicht Raiffeisen viele Kulturveranstaltungen durch seine regionalen und lokalen Förderungen. Denn Realisierung und Erfolg von Kulturinitiativen hängen nicht nur von Ideen, sondern auch von finanziellen Mitteln ab. Gemeinsam ist man einfach stärker. www.raiffeisen.at


Freitag, 25. Jänner 2013 Einlass: 19.30 Uhr

2. Niederösterreichischer

Trachtenball Schloss Grafenegg

Musik: Franz Posch & seine Innbrüggler, Weinviertler Kirtagsmusik, AB3, Duo Gradinger-Koschelu, Big Band der Militärmusik Niederösterreich

Kartenvorverkauf Flanierkarte: EUR 35,00 (inkl. Eintritt, Aperitif) Kartenbüro Grafenegg im Auditorium Grafenegg: T. 02735 5500 (Fr bis So 11.00-17.00 Uhr) bis 16. Dezember 2012 Kartenbüro der Tonkünstler Grafenegg im Museumsquartier Wien: T. 01 5868383 (Mo bis Fr 9.00-17.30 Uhr) · tickets@grafenegg.at

Tischplatzkarte: EUR 75,00 (inkl. Eintritt, Tischplatz, Gedeck, Aperitif, Vorspeisenpotpourri, Schmankerlreigen, Mitternachtssuppe) tischkarten@volkskulturnoe.at

Informationen: www.wirtragennoe.at · www.volkskulturnoe.at


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