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MUSEUM

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Nr. 29 6,80 €

Sommer 2017

MAGAZIN M USEUM.DE

Museen mit barrierefreien Angeboten


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Kontakt: Ralf Keuthahn, Telefon: +49 177 6565232


In diesem Heft

Seite

HEIMATGEFLÜSTER 4 Deutsches Schiffahrtsmuseum 6 „Mensch & Meer“ und ein Schiffswrack aus dem Mittelalter Ausstellungen und Termine 19 Die Museumsplattform PROXIPEDIA 21 Das de Young Museum in San Francisco 24 Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln 34 „Pilgern – Sehnsucht nach Glück?“ Museum Stangenberg Merck 46 Der Charme des Details: PETER STEPHAN Inklusion im Deutschen Historischen Museum 58 Deutschen Bahn 70 Barrierefreie Fahrt zum Museum Bunkermuseum Oberhausen 80 Deutsches Automatenmuseum 96 Wirtschaftswunder – Deutsche Automaten der 50er- und 60er-Jahre Titelseite: OZEANEUM Stralsund Foto: © Thomas Ulrich/OZEANEUM Stralsund

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freie Sonderausstellungen realisiert hat. Die verschiedenen Kommunikationswege wurden hier gleichberechtigt für alle Behindertengruppen und Nicht-Behinderten umgesetzt.

arrierefrei.

Im engeren Sinne spricht man von Barrierefreiheit, wenn die Umwelt so gestaltet ist, dass sie von Menschen mit Behinderung in derselben Weise genutzt werden kann wie von Menschen ohne Behinderung (BGG). Museen eignen sich m.E. besonders dafür, sich für ein „kultiviertes Miteinander“ einzusetzen. In Kooperation mit der Deutschen Bahn startete museum.de eine Museumserhebung zur Ermittlung bereits vorhandener barrierefreier Angebote. Die Umfrage bleibt ein laufender Prozess, dessen Ergebnis im Nachschlagewerk „Barrierefreie Angebote in Museen“ zusammengefasst ist (www.museum.de/barrierefrei/pdf). Einige Museen haben sich schon frühzeitig mit dem Thema beschäftigt und dabei Neuland betreten. Zu den Vorreitern gehört das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin, das komplett barriere-

Sicherlich kann der Umbau zum barrierefreien Museum mit hohen finanziellen Aufwänden verbunden sein und mancher mittelalterliche Burgturm wird wohl eine Herausforderung bleiben. Die Mitarbeiter im DHM und in vielen anderen Museen widmen sich bereits mit viel Herzblut und Kreativität dieser gesellschaftlichen Aufgabe. Die Bereitschaft, die dabei gewonnenen Erkenntnisse mit anderen Häusern zu teilen, ist wegweisend. Es gibt sehr unterschiedliche Arten von Behinderungen und man kann vermutlich in jedem Museum irgendein barrierefreies Angebot anbieten, um es dann schrittweise auszubauen. Hier noch eine kleine Erinnerung an alle Gesunden: durch Krankheit, Unfall oder altersbedingt kann man schon morgen zu den Betroffenen gehören! Herzlichst, Ihr Uwe Strauch

Prof. Dr. Raphael Gross, Präsident Deutsches Historisches Museum (DHM) in Berlin. Rechts: Uwe Strauch, Gründer museum.de. Im Pei-Bau vom DHM / Hintergrund: Zeughaus. Foto: © Daniela Cotte.

Ausgabe Nr. 29

Herausgeber

Ostwall 2

Telefon 02801-9882072

museum@mailmuseum.de

Druck: Strube Druck & Medien

Sommer 2017

Uwe Strauch, Dipl.-Inf. TU

46509 Xanten

Telefax 02801-9882073

www.museum.de

Vers.: Dialogzentrum Rhein-Ruhr

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Foto: © Uwe Strauch

HEIMAT

„HEIMATGEFLÜSTER“ Eine Initiative von museum.de Schneller, höher, weiter – in einer Welt der Superlativen bewundern wir das höchste Bauwerk, die längste Brücke und das schnellste Flugzeug.

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Der Begriff „Heimat“ erscheint manchem altmodisch und kann beim Wettlauf um die medialen Reize scheinbar nicht mehr mithalten. Der Arbeitsmarkt ruft noch immer nach flexiblen und ortsungebundenen Facharbeitern, obwohl das Internet schon längst das Homeoffice ermöglicht.

Über das Projekt HEIMATGEFLÜSTER soll nun die regionale Verbundenheit gefördert und in den öffentlichen Focus gerückt werden. Wir laden Sie ein, sich in regionalen Gruppen zusammen zu finden, um in Eigenregie einen Audioguide über Ihre Heimatgeschichte zu erstellen.


GEFLÜSTER Ziel ist nicht die perfekte Vertonung, sondern ein vorzeigbares Gemeinschaftsergebnis, das allen Beteiligten Spaß macht. Wir haben bereits sehr gute Erfahrungen mit Schülerprojekten gemacht, bei denen die „Generation Technik“ einen ganz eigenen Zugang zur regionalen Heimatge-

schichte fand. Damit verbunden ist auch die Chance, junge Menschen für die Mitarbeit in Museen und Heimatvereinen zu gewinnen. museum.de stellt die Platform für die Audioguides, die über die App museum.de abrufbar sind. Es entstehen keine Kosten.

Weitere Infos zum Projekt unter: www.museum.de/heimatgefluester

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„Mensch & Meer“ und ein Schiffswrack aus dem Mittelalter Die neue Ausstellung zur ,Bremer Kogge‘ im Deutschen Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven Autorin: Dr. Marleen von Bargen

Das Deutsche Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven – Leibniz-Institut für deutsche Schifffahrtsgeschichte nimmt mit seinem Forschungs- und Ausstellungsprogramm „Mensch & Meer“ einen neuen Kurs auf. Erster sichtbarer Ausdruck der umfassenden Neuausrichtung des Museums ist die Ausstellung rund um die ,Bremer Kogge‘, die im März 2017 eröffnete. Hier wurde umgesetzt, was in den kommenden Jahren auch für alle weiteren Ausstellungsflächen des Museums realisiert werden wird: ein integratives Konzept, das neue Forschungsfragen, neue Sehgewohnheiten sowie neue Vermittlungsformen und barrierefreie Elemente berücksichtigt.

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Luftaufnahme des Deutschen Schiffahrtsmuseums, Bremerhaven mit dem Museumshafen. Foto: Wolfhard Scheer © DSM

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Schiffe und das weite Meer. Wer beides liebt oder mehr darüber erfahren möchte, ist im Deutschen Schiffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für deutsche Schifffahrtsgeschichte (DSM) richtig. Das Museumsgebäude mit seinem Museumshafen und insgesamt knapp 8.000 m2 Ausstellungsfläche liegt in Bremerhavens touristischem Zentrum der „Havenwelten“ direkt am Weserdeich in Nähe der Nordseeküste. Die Flotte von Museumsschiffen und die dampferartige Form des Hauptgebäudes, entworfen von dem Architekten Hans Scharoun (1893 – 1972), geben erste Hinweise darauf, was hier zu finden ist: eine bedeutende Sammlung schiffahrtsgeschichtlicher Objekte und Archivalien, die Zeugnis ablegen von der wechselvollen Geschichte der Beziehung zwischen dem Menschen und dem Meer sowie den Schiffen, die materieller Ausdruck dieser Beziehung sind. Die Sammlung des DSM ist Grundlage für die Umsetzung eines neuen Forschungsund Ausstellungsprogramms, das im Jahr 2014 unter dem Motto „Mensch & Meer“ verabschiedet wurde. Ein interdisziplinär arbeitendes internationales Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erforscht mit Blick auf aktuelle Fragestellungen die Geschichte der vielfältigen Meeresnutzungen mitsamt den eingesetzten Technologien; es es untersucht die unterschiedlichen Interessen, die Menschen auf das Meer führten und die Rolle, die Schiffe dabei spielten. Eng damit verbunden sind Fragen nach der Wahrnehmung und den Zuschreibungen, die Schiffe und das Meer in unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen erfahren haben. Das DSM zeigt mit seinen Forschungen die Bedeutung der Schifffahrt für unser Leben auf und damit die gesellschaftliche und politische Relevanz maritimer Geschichte vom Mittelalter bis in die jüngere Gegenwart. Als integriertes Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft will das DSM diese Forschungen in seinen Ausstellungen für ein breites öffentliches Publikum mit den verschiedensten Bedürfnissen sicht- und erlebbar machen. Unter diesen Prämissen erfolgt sukzessive eine grundlegende inhaltliche Überarbeitung und Neugestaltung der gesamten Ausstellungsflächen. Die ,Bremer Kogge‘ im Deutschen Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven. Foto: Wolfhard Scheer © DSM

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Die umfassende Neukonzeption ermöglicht, Anforderungen an Barrierefreiheit von Beginn an in die Planungen einzubeziehen und in das Ausstellungskonzept zu integrieren. Die Maßnahmen zur Barrierefreiheit umfassen dabei sowohl den baulichen Bereich als auch die inhaltliche Ebene zur Vermittlung des Bildungsangebotes für unterschiedliche Personengruppen. Diese Maßnahmen wurden im ersten neukonzipierten Ausstellungsbereich des DSM, in der sogenannten Kogge-Halle, umgesetzt. Ein Inklusionsbeirat, bestehend aus dem Landesbehindertenbeauftragen der Freien Hansestadt Bremen sowie aus Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Institutionen wie des Magistrats der Stadt Bremerhaven, der Lebenshilfe Bremerhaven e.V. und des Bundesverbands Museumspädagogik e.V., stand dabei beratend zur Seite. Auf über 1.000 m2, die sich über drei Ebenen erstrecken, werden Besucherinnen und Besucher der Kogge-Halle in die Welt der mittelalterlichen Seefahrt versetzt. Das Hauptexponat der Ausstel-

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lung ist die ,Bremer Kogge‘ von 1380, ein Schiffswrack aus der Hansezeit, das 1962 in der Weser zufällig bei Baggerarbeiten gefunden wurde. Der Fund, die Bergung sowie der Wiederaufbau und die Konservierung des Wracks im Deutschen Schiffahrtsmuseum waren herausragende Ereignisse, gehört das Wrack doch zu den am besten erhaltenen Schiffsfunden des europäischen Mittelalters. Die Kogge-Halle wurde in den 1970er Jahren eigens für das Wrack errichtet, das inmitten der Halle steht. Die erste und zweite Etage sind galerieartig angelegt, so dass die ,Bremer Kogge‘ aus sämtlichen Perspektiven zu besichtigen ist. Neben dem Wrack selbst, sind diverse originale Beifunde und einzelne Bestandteile des Schiffes ausgestellt. Auf jeder Etage laden interaktive HandsOn- und Tastmodelle zum Mitmachen ein. Damit sie leicht zu erkennen sind, wurden sie farblich einheitlich gekennzeichnet. Einzelne Inhalte können über Hör- oder Medienstationen vertieft werden. Infografiken helfen dabei, komplexere Inhalte über eine bildliche Darstellung verständlich zu machen. Die Ausstellungstexte

sind in deutscher und englischer Sprache verfasst. Für Blinde und Sehbeeinträchtigte sind die Tast- und Hands-On-Modelle zusätzlich mit Braille- und Blindenschrift versehen. Auf jeder Etage gibt es einen taktilen Lageplan, der bei der Orientierung hilft. In der gesamten Kogge-Halle führt zudem ein taktiles Leitsystem durch die Ausstellung. Zu den baulichen und gestaltungstechnischen Elementen der Barrierefreiheit zählen neben dem taktilen Leitsystem auch die Ausstellungsmöbel, die mit dem Rollstuhl unterfahrbar sind. Die Verortung der Vitrinen und Tische im Raum ist nach den Vorgaben rollstuhlgerechter Durchgangsbreiten konzipiert worden. Auf allen Ebenen gibt es Sitzgelegenheiten. Alle Etagen sind mit einem Fahrstuhl zu erreichen.

Oben: Ein Tastmodell der Kogge, wie sie im fertiggestellten Zustand ausgesehen haben könnte. Rechts: Die ,Bremer Kogge‘ vom Heck aus gesehen mit Blick auf den Bug. Fotos: Marleen von Bargen © DSM


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Auf allen drei Ebenen der Kogge-Halle werden unterschiedliche Geschichten rund um die ,Bremer Kogge’ erzählt, die aktuelle Forschungsfragen aufgreifen. Im Erdgeschoss erfahren die Besucherinnen und Besucher etwas über den Schiffbau im Mittelalter, über die verwendeten Materialien und die Gewerke, die am Schiffbau der Hansezeit beteiligt waren. Auch die Objektgeschichte des Wracks wird thematisiert und gezeigt, wie es von einem archäologischen Fund zu einem Museumsobjekt wurde. Hier wird zudem über die neusten Methoden der präventiven Konservierung informiert, die angewandt werden, um das Schiff für zukünftige Generationen zu bewahren. Wer mag, kann selbst beim Scannen mit dem Faro-Arm Hand anlegen.

Das Plankenmodell zum Berühren wurde von der Werkstatt des DSM hergestellt. Es zeigt exemplarisch einen der wichtigsten Arbeitsschritte im Holzschiffbau: die Abdichtung der Plankengänge mittels Kalfaterung. Foto: Marleen von Bargen © DSM

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Im Mittelgeschoß können sich die Besucherinnen und Besucher über die unterschiedlichen Interessen informieren, die mit hansezeitlichen Schiffen wie der ,Bremer Kogge‘ im Mittelalter verbunden wurden. Seeraub spielt hier ebenso eine Rolle wie die Hanse und die Handelstätigkeit der Hansekaufleute, die mit Koggen ihren Wohlstand erwarben. Es werden die neuesten Forschungsergebnisse zu den Handelsbeziehungen Bremer und Hamburger Kaufleute nach Island und den Färöer-Inseln präsentiert, die Stockfisch, Schwefel und Gerfalken mit nach Hause brachten. Eine Riechprobe verdeutlicht, wie es an Bord unter Deck bei den Stockfischen wohl gerochen haben mag.

Rechts unten: Blick in die Ausstellung im Mittelgeschoss der Kogge-Halle. Links: Stockfisch war ein wichtiges Handelsgut Bremer und Hamburger Hansekaufleute. Das Bild zeigt die Replik eines Stockfisches, die berührt werden kann. Linke Seite und rechts oben: Auf dem Ausstellungstisch zum Island-Handel Bremer und Hamburger Hansekaufleute gibt es neben einem Stockfisch zum Berühren auch eine Stockfisch-Riechprobe. Fotos: Marleen von Bargen © DSM

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Konnten die Frachtschiffe der Hansekaufleute auch über den Atlantik fahren und wie wurden sie navigiert? Was für Fähigkeiten und Instrumente mussten die Seeleute dafür mitbringen? Auch diese Fragen werden aufgeworfen. Ein Computerspiel lädt insbesondere Kinder und Jugendliche ein, ihr seemännisches Können unter Beweis zu stellen und eine Kogge sicher von A nach B zu navigieren.

Oben und unten: Ein Computerspiel im Bereich „Navigation“ lädt dazu ein, selbst eine Kogge zu steuern. Rechts: In der Seekiste sind Gegenstände zu entdecken, die zur persönlichen Habe eines Seemannes im Mittelalter gehörten. Die Stoffproben zum Berühren wurden vom Fasermaterial bis hin zur Garndicke und Garndrehung erhaltenen Stoffresten aus dem Nord- und Ostseeraum des 14. Jahrhunderts nachempfunden. Fotos: Marleen von Bargen © DSM

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Ausgehend von der ältesten Schiffstoilette der Welt, die bei der Kogge gefunden wurde, erfährt man im Mittelgeschoß zudem etwas über das Leben an Bord. Eine Hörstation mit Berichten von Reisenden aus dem Spätmittelalter informiert über die unterschiedlichen Personen auf mittelalterlichen Schiffen, über ihre Reisemotivation, über Krankheit, Zeitvertreib und Alkoholgenuss.


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Eine Medienstation zeigt, welchen Einfluss hansezeitliche Frachtschiffe wie die ,Bremer Kogge‘ auf das städtische Leben im Mittelalter nahmen. Am „Bremer Stadtmodell“ wird anhand von digitalen Quellen, Fotos, historischen Bildern und Hörtexten erläutert, wie beispielsweise das Böttchergewerbe vom Bau der Frachtschiffe profitierte oder was für eine Rolle der Hafen und die Kirche für eine Hansestadt wie Bremen spielten.

Oben: Die Medienstation „Bremer Stadtmodell“ informiert mit Hörtexten, zeitgenössischen Quellen und Bildmaterial über den Einfluss, den mittelalterliche Frachtschiffe auf das städtische Leben im Mittelalter nahmen. Unten: Glasbecher, um 1900, mit eingravierter Darstellung eines Hanseschiffes. Der Glasbecher ist ein Beispiel für die Abbildung von Koggen auf Alltagsgegenständen. Fotos: Marleen von Bargen © DSM

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Im Obergeschoß steht die Darstellungsund Wahrnehmungsgeschichte der Kogge im Mittelpunkt. Betreten Besucherinnen und Besucher die oberste Galerie, erfahren sie etwas darüber, wie die Kogge im 19. Jahrhundert als nationales Symbol für die Seemachtspolitik des Deutschen Kaiserreichs in Szene gesetzt wurde und darüber, wie die Kogge später als Marke, etwa für die Lebensmittelindustrie oder Fußballvereine, Eingang in unser alltägliches Leben bis heute gefunden hat. Als zusätzliches Angebot wurde im DSM ein Medienguide entwickelt, der zu den zentralen Themen und Exponaten der Ausstellung führt. Wahlweise kann ein Tablet an der Kasse entliehen oder eine entsprechende App auf das eigene Smart-

phone heruntergeladen werden. Die Führung ist in deutscher, englischer oder in Leichte Sprache wählbar und, je nach Wunsch, als geschriebener oder gesprochener Text. Eine weitere Option, die der Medienguide bietet, ist eine Führung für Blinde oder Sehbeeinträchtigte. Mithilfe eines verbalen Leitsystems werden sie zu den Tast- und Hands-On-Modellen geführt und können sich auf diese Weise die Ausstellung möglichst autonom erschließen. Der Medienguide wird künftig im Rahmen der Neugestaltung der übrigen Ausstellungsflächen im DSM ausgebaut und weiterentwickelt werden. Gegenwärtig erarbeitet ein Team aus den verschiedensten Bereichen des Museums zusammen mit einem Gestaltungsbüro eine weitere neue Ausstellung, die das Thema „Schiffe und maritime Technologien im 20. und 21. Jahrhundert“ behandelt.

Deutsches Schiffahrtsmuseum Leibniz-Institut für deutsche Schifffahrtsgeschichte Hans-Scharoun-Platz 1 27568 Bremerhaven Telefon: 0471 48207-0 www.dsm.museum


Ausstellungen und Termine Koblenz – „ …wie in einem Zauberspiegel.“ Rheinlandschaften von Johannes Jakob und Anton Diezler 3. Juni – 8. Oktober 2017 Unter dem Motto „… wie in einem Zauberspiegel“ zeigt das Mittelrhein-Museum Koblenz in Kooperation mit dem Siebengebirgsmuseum Königswinter und der Sammlung RheinRomantik Bonn das umfassende Werk des in Koblenz-Ehrenbreitstein gebürtigen Künstlers Johannes Jakob und dessen Sohn Anton Diezler (auch Ditzler). Die Diezlers haben sich nicht nur als deutsche Landschaftsund Vedutenmaler des Biedermeiers einen Namen gemacht; sie gelten auch als Vorreiter für die später als „Rheinromantik“ bezeichnete Stilrichtung. Mit rund 50 Gemälden und 20 Grafiken, die von zahlreichen privaten Leihgebern zusammengetragen wurden, bietet die Ausstellung neben fulminanten Rheinpanoramen auch einen aufschlussreichen Blick auf die Welt des Biedermeiers, wie sie von den Zeitgenossen wahrgenommen werden wollte. Anlässlich der Ausstellung ist ein Begleitband zum Werk von Johannes Jakob und Anton Diezler erschienen, 175 Seiten mit zahlreichen Abbildungen Mittelrhein-Museum, Zentralplatz 1, 56068 Koblenz, www.mittelrhein-museum.de, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr, Foto: Anton Diezler, Boppard,1839 © Slg. RheinRomantik Bonn

Koblenz – Mut zur Freiheit: Informel aus der Sammlung Anna und Dieter Grässlin 23. Juni – 1. Oktober 2017 Das Mittelrhein-Museum zeigt erstmals die bedeutende Sammlung des Unternehmerehepaars Anna und Dieter Grässlin aus St. Georgen. Die Sammlung erschließt mit hochkarätigen Werken das breite Spektrum der informellen Ausdrucksformen: Malerei, dreidimensionale Objekte sowie Druckgrafik und Zeichnung. Mit über hundert Exponaten von zwölf Künstlern aus den Jahren 1946 bis 1974 veranschaulicht die Ausstellung somit die Vielgestaltigkeit des Informel. Ausgehend von Bildern Jean Fautriers und Wols, die als Wegbereiter dieser künstlerischen Haltung in die Kunstgeschichte eingingen, präsentiert der Rundgang Werke von Peter Brüning, Carl Buchheister, K.F. Dahmen, K.O. Götz, Gerhard Hoehme, Erich Hauser, Emil Schumacher, Bernard Schultze, K.R.H. Sonderborg und Fred Thieler. Mittelrhein-Museum, Zentralplatz 1, 56068 Koblenz, www.mittelrhein-museum.de, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr, Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Eine für alle – die Museumsplattform PROXIPEDIA PROXIPEDIA ist seit dem Museumstag dieses Jahres verfügbar – rund 300 Museen haben sich schon eintragen lassen. Autor: Stefan Horst

Hausschlüssel, Geldbörse – und Smartphone: ohne diese drei Dinge verlässt heute kaum jemand mehr das Haus. Innerhalb nur eines Jahrzehnts seien Smartphones, so der Branchenverband Bitkom, zum unverzichtbaren Begleiter im Alltag fast aller Menschen geworden. Damit sind diese kleinsten tragbaren Computer mit Telefonfunktion zu einem wichtigen Kommunikationskanal avanciert. Auch Museen entdecken Smartphones mehr und mehr als neue Möglichkeit, Menschen für ihre Häuser zu interessieren und sie über ihre Ausstellungen und Exponate zu informieren. So sagte die Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, Christiane Lange, anlässlich ihrer Ver-

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tragsverlängerung im März dieses Jahres der Stuttgarter Zeitung, dass die neuen Medien Abläufe und Sehgewohnheiten verändern und sich Museen darauf einstellen müssten: „Wenn schon bald 99 Prozent aller Menschen ein Smartphone haben, muss ich keine Kopfhörer und Multimediaplayer mehr anbieten“. Viele Museen haben sich bereits darauf eingestellt und Apps für Smartphones entwickelt. Viele davon sind gut gemacht und informativ, manche weniger. Mit der bloßen Bereitstellung der App in den Appstores ist es allerdings nicht getan: Sie muss auch beworben werden, um die Downloads zu steigern – und in dieser Hinsicht ist jedes Museum Einzelkämpfer.

Ein neuer Ansatz schafft Abhilfe Die in der Weltkulturerbe-Stadt Bamberg ansässige Artirigo AG ist angetreten, Museen aus diesem Dilemma herauszuhelfen und den Einstieg in die digitale multimediale Welt zu erleichtern. Das junge Team aus Kunsthistorikern, IT- und Digital Media-Experten sowie Betriebswirtschaftlern entwickelt und betreibt die Museumsplattform Proxipedia. „Wir haben die Plattform anlässlich des Museumstages am 21. Mai vorgestellt – seitdem haben sich bereits rund 300 Museen eintragen lassen“, sagt Dirk Steinhoff, einer der beiden Gründer und CEO von Artirigo. Steinhoff war schon 1987


Gründer und Geschäftsführer des renommierten Wallstein-Verlages. Er hat danach in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreiche Unternehmen, u.a. in der Tourismus- und IT-Branche aufgebaut. „Die Schaffung einer großen, globalen Plattform im Kulturbereich, als die wir uns Proxipedia mittelfristig vorstellen, ist erst durch die rasante technologische Entwicklung der letzten Jahre denkbar geworden“, erläutert Steinhoff und fügt hinzu: „Ich finde es großartig, diese Idee nun gemeinsam mit einem Team von sehr smarten und hochmotivierten jungen Leuten umzusetzen und dabei meine umfassende beruflichen Erfahrungen einbringen zu können.“

Gegründet hat er Artirigo zusammen mit Cornelius Möhring. Dieser sammelte nach seinem Studium der technischen Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität in München bereits Erfahrungen in der Gründung und dem Aufbau innovativer Unternehmen. Seit dem Start der Artirigo AG verantwortet Möhring die Bereiche der Produktentwicklung und Finanzen.

Linke Seite: Das Stadtmuseum Schwabach präsentiert sich bereits in Proxipedia – so werden die Nutzer der App schon im Umfeld auf das Museum hingewiesen. Rechte Seite: Die Proxipedia-Nutzer können umfassende Informationen zum Museum aufrufen. Text und Bild dazu können Museen kostenlos auf www.proxipedia.io selbst einpflegen.

Möhring erklärt die Grundzüge von Proxipedia: „Das System schafft erstmals eine einheitliche Plattform für alle Museen und ihre Exponate sowie Kunst und Sehenswürdigkeiten im öffentlichen Raum. Die entsprechenden Informationen werden den Nutzern in einer attraktiven App

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Linke Seite: Proxipedia kann aber viel mehr – im Rahmen des Angebots Attraktion+ können die Museen ihren Eintrag zum multimedialen Museumsguide ausbauen. Rechte Seite: Artirigo hat für Proxipedia eigens ein Content Management-System entwickelt, das den Bedürfnissen und Anforderungen von Museen Rechnung trägt. Fotos: © PROXIPEDIA

auf ihren Smartphones standortbezogen angezeigt.“ Die kostenlose App ist, so Möhring, für Apple- und Android-Geräte verfügbar. Eine neue Museumserfahrung Mit der Proxipedia-App auf ihren Smartphones erleben die Nutzer eine neue Museumserfahrung. „Outdoor“ führt die App die Nutzer wie ein Navigationssystem über GPS und informiert sie fortlaufend über die Museen, die sich in ihrer Nähe befinden. Neben einer kurzen Vorstellung des jeweiligen Museums mit Text und Bild liefert Proxipedia Informationen über Adresse, Öffnungszeiten und Eintrittspreise des Hauses. Die Nutzer können aus der App heraus über die üblichen Social Media-Plattformen teilen, was sie in Proxipedia entdeckt haben. Dies erhöht die Reichweite

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der Inhalte und steigert damit den Nutzen für die Museen. Möhring erklärt: „Diese Einträge als Attraktionen sind und bleiben für die Museen kostenlos. Texte und Bilder können über ein einfaches Formular auf www.proxipedia.io an uns übermittelt werden. Unser Ziel ist es, Kulturbegeisterten einen möglichst vollständigen Überblick über die Museumslandschaft zunächst in Deutschland und später auch auf internationaler Ebene zu bieten.“ Ausbau zum digitalen Museumsguide Museen können sich über Proxipedia aber sehr viel umfassender präsentieren. Wenn sie ihren Eintrag zu einer so genannten Attraktion+ hochstufen, können sie ihn kostengünstig zu einem multimedialen Museumsguide ausbauen – mit Text, Bild, Video und Audio. Auf diese Weise können sie die Besucher ihres Hauses über ihre Ausstellungen und Exponate informieren.

Wenn das Museum den Besuchern auf ihrem Smartphone als Attraktion+ angezeigt wird, können sie die weiterführenden Inhalte auf ihr Gerät herunterladen. Sehr positiv: Nach dem Download der Inhalte ist keine Internetverbindung mehr notwendig – damit sind die Museen nicht gezwungen, im ganzen Haus Internetzugang anzubieten. Die Orientierung im Gebäude erfolgt über Beacons, kleine Sender, die diskret neben den gewünschten Exponaten angebracht werden. Via Bluetooth übermitteln diese Sender die Position der Besucher an die Proxipedia-App – die App zeigt den Besuchern genau das Objekt an, vor dem sie stehen und bietet die entsprechenden Informationen, Geschichten und multimedialen Inhalte an. Im Basispaket von Attraktion+ sind bereits zehn dieser Beacons enthalten, für den weiteren Ausbau bietet Proxipedia Erweiterungspakete an.


Hoheit über die Inhalte Als Teil des Attraktion+-Pakets erhalten die Museen Zugang zum Content Management-System von Proxipedia. Dieses CMS wurde von Artirigo eigens für Proxipedia entwickelt, um den Museen die Flexibilität und den Bedienungskomfort zu bieten, die sie benötigen. Das System wird in der Cloud bereitgestellt – damit müssen die Museen keine spezielle Software installieren und können über jeden PC darauf zugreifen. Neben der Unterstützung aller relevanten multimedialen Inhalte und beliebig vieler Sprachen bietet das System eine Vielzahl spezieller Funktionen für Museen. So können umfangreiche Inhalte in Form einzelner Objekte angelegt und anschließend in Ausstellungen gruppiert werden. Auch die Anlage digitaler Führungen mit einem festen Ablauf ist möglich. Artirigo bietet eine kostenfreie Testversion, welche den vollen Funktionsumfang des Systems zur Verfügung stellt. Das Content Management-System von Proxipedia wird in Zukunft den Da-

tenstandard Lido unterstützen. Damit können Inhalte, die in Collection Management-Systemen wie Adlib oder Museum Plus verwaltet werden, einfach in Proxipedia übernommen werden.

kulturellen Führer verwenden, der fortlaufend ergänzt wird. Da die gelisteten Museen die App jeweils über ihre Kanäle kommunizieren, profitiert jedes einzelne Museum von beachtlichen Synergieeffekten beim Marketing des eigenen Hauses.

Information nahezu in Echtzeit Über das Proxipedia-CMS können die Museen ihre Inhalte selbst erstellen und pflegen. Dies und die sofortige Verfügbarkeit der Inhalte in der App ermöglicht die Information der Besucher nahezu in Echtzeit. Dies ist ein klarer Vorteil gegenüber individuell erstellten Apps. Bei diesen erfordern Änderungen an Inhalten in der Regel die Bereitstellung einer neuen Version in den Appstores, was einigen Aufwand und immer wieder zusätzliche Kosten bedeutet.

Steinhoff beschreibt abschließend die Zielsetzung von Artirigo: „Wir werden Proxipedia Schritt für Schritt zu einer Plattform ausbauen, die Museen und ihren Besuchern eine Vielzahl nützlicher, komfortabler und preiswerter Serviceleistungen bietet. Weitere Informationen zu Proxipedia sowie das Formular zum kostenlosen Eintrag als Attraktion sind unter www.proxipedia.io zu finden.

Synergien für Museumsmarketing

Außerdem steht das Proxipedia-Team unter museum@proxipedia.io zur Verfügung.

Ein wesentlicher Vorteil der Konzeption von Proxipedia liegt eben darin, dass es sich um eine allgemeine Plattform für Museen, Sehenswürdigkeiten und Kunst im öffentlichen Raum handelt. Damit erhalten die Nutzer eine App, die sie als

Artirigo AG Schützenstraße 21 96047 Bamberg Tel: 0951 30909890 E-Mail info@artirigo.de

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Das de Young Museum in San Francisco Kunst fĂźr jedermann. Autorin: Karina Sturm

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Fine Arts - Expertentum - nur für Spezialisten mit jahrelanger Erfahrung? Nicht im de Young Museum. Das rund 27.000 Quadratmeter große Kunstmuseum, idyllisch gelegen im Golden Gate Park San Franciscos, bietet Ausstellungen für allerlei Kunstliebhaber; vom blutigen Anfänger bis hin zum Fachmann findet jeder seine Nische. 1895 gegründet, erstrahlt das de Young Museum seit 2005 in neuem Glanz. Die aus 950.000 Pfund Kupfer bestehende Fassade fügt sich überraschend gut in das fast ausschließliche

Links: Die malerische Landschaft rund um das de Young Museum mit den angrenzenden Nachbarschaften und den Marin Headlands. Oben: Das Museum aus der Vogelperspektive. 950.000 Pfund Kupfer und 300.000 Pfund Glas wurden in der Fassade verbaut. Foto: © Michael Layefsky 2009 Unten: Das de Young Museum liegt idyllisch im Golden Gate Park San Franciscos. Fotos: © Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

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Die „Oceanic Arts Gallery“ des Museums Foto: © Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

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Grün des Parks ein. Zusätzlich wurden 300.000 Pfund Glas verbaut, welche die hohen Räume lichtdurchflutet und offen erscheinen lassen. Für 15 Dollar Eintrittspreis wird dem interessierten Besucher nicht nur ein Großteil des de Young Museums offen stehen, er darf zusätzlich die Legion of Honor besuchen - vorausgesetzt der motivierte Gast schafft dies am selbigen Tag. Auf zwei Leveln verteilt finden sich Kunstwerke aus Amerika, Ozeanien und Afrika; außerdem aus den Bereichen Fotografie, Skulpturen, Kleidung, antike Möbel, Ge-

mälden und vielem mehr. Mit amerikanischen Stücken aus dem 17. Jahrhundert bis heute, besitzt das de Young Museum die größte Kollektion an amerikanischer Kunst im Westen der USA. Nicht verwunderlich, dass es das de Young Museum 2015 mit 1,2 Millionen Besuchern auf Platz 6 der „Art Newspaper“ in der Kategorie „meist besuchte Museen“ geschafft hat. Neben den dauerhaften Exponaten zeigt das Museum zeitlich begrenzte, wechselnde Ausstellungen, wie den „Summer of Love“, der noch bis August das 50-jährige Jubiläum des Sommers 1967 mit Fotos, Musik, Kostü-

men und mehr feiert. Der vom Lebensgefühl der Flower-Power-Bewegung beeindruckte Besucher kann nun die bekannte Nachbarschaft Haight-Ashbury erkunden, die direkt an den Golden Gate Park angrenzt und Ausgangspunkt des Summer of Loves war. Aber Vorsicht, die Unversehrtheit der Kunstwerke ist oberste Priorität. „Nicht anfassen!“ ermahnt die respekteinflößend aussehende Security-Dame den Herrn, der das Schild, welches das Kunstwerk beschreibt, anfasst. Strenge Regeln herrschen im Museum vor. Wer den Ruck-

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sack auf den Schultern trägt wird freundlich, aber bestimmt, ermahnt diesen neben sich in der Hand zu halten. Der Herr erschrickt und entschuldigt sich für sein Fehlverhalten, weicht zurück und betrachtet die zwei, fast den ganzen Raum füllenden Gemälde von Jo Baer, welche eine quadratische weiße Fläche beinhalten und von einem dünnen blauen, gefolgt von einem schwarzen Rahmen umzäunt sind. Für den Laien ein fragwürdiges Gemälde nach dem Motto: „Das kann auch mein Kind malen“, für den Kenner wahre Kunst. Die schmale blaue Umrahmung führt dazu, dass das Weiß weißer und das Schwarz schwarzer erscheint. Ein anderes Ausstellungsstück, das aus von der Decke hängenden Holzteilen besteht, erscheint im ersten Moment unverständlich, doch liest man die dazugehörige Erklärung, ist man schockiert. Cornelia Parkers „Anti-Mass, 2005“ zeigt Teile einer Kirche aus dem Süden der USA, welche von rassistisch motivierten Menschen abgebrannt wurde. Die in einem dreidimensionalen Würfel angeordneten Stücke erzählen eine Geschichte, die auch kunstferne Menschen verstehen - sie fühlen den Schmerz der

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Zerstörung und die Hoffnung, die durch das Werk entsteht. Der Besucher könnte auf den ersten Blick meinen, dass ein Kunstwerk alleine nicht besonders spannend ist; doch sobald man es im Kontext mit seiner Geschichte sieht, beginnt das Verständnis dafür und lässt es in einem völlig anderen Licht erscheinen.

Oben: Die Jolika Kollektion aus Neu Guinea. Unten: Ein Teil der American Art Gallery. Fotos: © Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco


Oben: Danny Lyons Ausstellung „Message to the Future“ Mitte: Danny Lyon zeigt die wahre Seite der Gefangenen in Texas. Titel: „Weight Lifters, Ramsey Unit, Texas“, 1968. Collection of the artist, L21 © Danny Lyon, courtesy Edwynn Houk Gallery, New York

Unten: Lyon unterwegs mit den „Chicago Outlaws“. Titel: „Route 12, Wisconsin“, 1963. Silverman Museum Collection. © Danny Lyon, courtesy Edwynn Houk Gallery, New York Fotos: © Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Wer sich nach alledem nach wie vor nicht sicher ist, weshalb er dieses Museum besucht hat, wird spätestens vom Herzstück, der Fotoausstellung des Künstlers Danny Lyon, mitgerissen. Mit über 175 Bildern und zusätzlichem Ton- und Videomaterial begleitet der Besucher Danny Lyon auf seinen Reisen als Dokumentarfotograf, die ihn durch die USA, nach Bolivien, Mexiko, Kolumbien, Haiti und China führen. Über 25 Jahre, aber vor allem in den 60ern und 70ern, begleitet der Künstler Menschen, die eher am Rande der Gesellschaft leben und zeigt soziale als auch politische Probleme

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auf. 1962 nimmt Lyon an der Menschenrechtsbewegung in den Südstaaten der USA teil, danach reist er mit den „Chicago-Outlaws“, einem Biker-Club, durch Amerika. Eines der spektakulärsten Fotos zeigt die Biker beim Besuch einer der Ausstellung Lyons Bilder. Außerdem lässt er sich inhaftieren um die wahre Seite der Gefängnisse in Texas zu enthüllen. Seine dokumentarischen Bilder, gemischt mit kurzen Sprachsequenzen, vereinzelten Videos und berührenden Texten lassen kaum ein Auge trocken zurück. Lyon nimmt an der Menschenrechtsbewegung der Südstaaten der USA teil. Titel: „The March on Washington“, August, 28, 1963. The Museum of Modern Art, New York; Gift of Anne Ehrenkranza, 398.1997 © Danny Lyon, courtesy Edwynn Houk Gallery, New York Oben: Der Fotograf Clifford Vaughs wird 1964 von Männern der „National Guard“ in Cambridge, MD, verhaftet. Titel: „Clifford Vaughs, another SNCC photographer, is arrested by the National Guard, Cambridge, Maryland,“ 1964. Collection of the Corcoran/National Gallery of Art, CGA1994.3.3 © Danny Lyon, courtesy Edwynn Houk Gallery, New York Rechts: Danny Lyons Ausstellung „Message to the Future“. Foto: Drew Altizer Photography Fotos: © Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

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Als scharfer Kontrast zur fotojournalistischen Arbeit Danny Lyons erstrecken sich Werke aus Neu Guinea, Ozeanien und Afrika über das erste Stockwerk des Museums. Beim Blick aus den Fenstern liegt dem Besucher der Außenbereich zu Füßen, in dem bei meist sonnigen 20 Grad der Skulpturengarten zu einem Spaziergang, oder das Kaffee zu einem Snack einlädt. Aus dem neunten Stock des Hamon Observation Towers hingegen, sind nicht nur die angrenzenden Nachbarschaften, sondern die Marin Headlands, die San Francisco Bay und Downtown zu bestaunen. Ob ergreifende Fotografie oder erklärungssbedürftige Gemälde, jeder findet

im de Young Museum Kunst die gefällt, überrascht und zum Nachdenken anregt. Und wem das alles nicht genug ist, der kann nur wenige Schritte entfernt eine Rikscha mieten, eine Segway-Tour machen, einer der vielen kostenlosen Aufführungen auf der zentralen Bühne beiwohnen, die gegenüberliegende Science Academy besuchen oder bei einem entspannten Picknick den Tag Revue passieren lassen.

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Oben: Aus dem neunten Stock des Hamon Observation Tower genießen die Besucher den Blick über San Francisco und die Marin Headlands. Mitte: Das Gemälde „California Spring“ von Albert Bierstadt Unten: Max Hollein, Director und CEO des de Young Museums vor dem Kunstwerk „Anti-Mass, 2005“. Fotos: © Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco


findet Gehör.

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Vom 8. Oktober 2016 bis 9. April 2017 präsentierte das Rautenstrauch-JoestMuseum (RJM) auf knapp 1.400 Quadratmetern rund 40 faszinierende Pilgerorte aus sechs Kontinenten. Vierzehn dieser Pilgerorte standen im Zentrum der Ausstellung. Sie wurden in opulenten Großinszenierungen und mit herausragenden Objekten der eigenen Sammlung sowie Meisterwerken international renommierter Museen dargestellt. Zum ersten Mal standen in Deutschland auch weniger bekannte Pilgerstätten großer Religionen ebenso wie lokaler religiöser Traditionen im Fokus einer Ausstellung. So wurden neben einem

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„Pilgern – Sehnsucht nach Glück?“ Eine Sonderausstellung im Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt, Köln Autorin: Dr. Clara Himmelheber

weltweiten Überblick über das Phänomen des Pilgerns auch dessen unterschiedliche Facetten aus einer ethnologischen, kulturvergleichenden Perspektive gezeigt. Die Welt pilgert nach Köln – KölnerInnen pilgern in die Welt Die Stadt Köln als Pilgerort bildete den Einstieg, um die BesucherInnen bei Bekanntem abzuholen. Diese auch in der Dauerausstellung des RJM mit Erfolg praktizierte Form des Einstiegs bot sich für das Thema der Sonderausstellung an. Unter der Überschrift „Die Welt pilgert nach Köln“ wurde Köln als eines der zentralen

Pilgerziele Europas im Mittelalter präsentiert. In diesem Zusammenhang wurden die religiösen, aber auch wirtschaftlichen Implikationen von Pilgerorten als frühe Zentren der Globalisierung aufgezeigt: Mit Köln als einem seiner Zentren, stellt in Deutschland das Rheinland bis heute eine der kulturhistorisch bedeutendsten Pilgerregionen dar. Im zweiten Teil der Einführung kamen unter dem Motto „KölnerInnen pilgern in die Welt“ sieben Kölner PilgerInnen zu Wort, die zu einem der zentralen Pilgerorte aufgebrochen waren. Hier wurde deutlich, dass Köln heute nicht mehr nur katholischer Pilgerort ist, sondern die Heimat von Menschen zahlreicher Glau-

bensgemeinschaften. Am Anfang der Ausstellung berichteten die Interviewten in einem Video vom Aufbruch zu ihren Pilgerreisen. In den inszenierten Orten erzählten sie von ihren Erlebnissen dort und am Ende der Ausstellung von ihrer Rückkehr nach Köln. So bildeten diese Erfahrungsberichte eine Klammer um die gesamte Ausstellung.

Blicke in die Ausstellung: Links: Szene „Ajmer“, Indien. Foto: © Taimas Ahangari Rechts: Szenen „Santiago de Compostela“, Spanien, „Mexiko-Stadt“, Mexiko und „Sinakara“, Peru. Foto: © Greggor Diessner / goldblau.com Unten: Intro mit Pilgerimpressionen. Foto: © Taimas Ahangari

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Die zentralen Pilgerorte Im Mittelpunkt des Raumes und damit auch der Ausstellung standen vierzehn Pilgerorte aus allen Kontinenten: l Santiago de Compostela, Spanien: Grab des Heiligen Jakobus (Christentum) l Sinakara, Peru: Heiligtum des Señor de Quylluriti’i (Christentum und indigene Religion) l Mexiko-Stadt, Mexiko: Basilika der Jungfrau von Guadalupe (Christentum) l Lalibela, Äthiopien: Felsenkirchen (Christentum) l Jerusalem, Israel: Westmauer – Grabeskirche – Felsen- dom (Judentum, Christentum, Islam) l Mekka, Saudi-Arabien: Heilige Stätten (Islam) l Kerbela, Irak: Schrein des Imams Hussein ibn Ali (Islam) l Touba, Senegal: Mausoleum des Sheikh Amadou Bam- ba (Islam) l Ajmer, Indien: Schrein des Sheikh Moinuddin Chishti (Islam und Hinduismus) l Varanasi, Indien: Heilige Stadt (Hinduismus) l Kailash, Tibet, VR China: Heiliger Berg für vier Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, indigene Religion) l Shikoku, Japan: 88-Tempel-Weg (Buddhismus) l Yangon, Myanmar: Shwedagon-Pagode (Buddhismus)

l Ra’iatea, Französisch-Polynesien: Zeremonialplatz Taputapuatea (indigene Religion)

Szene zur Shewdagon-Pagode in Yangon, Myanmar Foto: © Greggor Diessner / goldblau.com

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Oben: Szene des Zeremonialplatzes Taputapuatea in Ra’iatea, Französisch-Polynesien Foto: © Greggor Diessner / goldblau.com Mitte: Szene des senegalesischen Pilgerortes Touba mit Bildnissen des Sheikh Amadou Bamba von Mamadou Sall. Foto: © Taimas Ahangari Rechts: An der Inszenierung des heiligen Berges Kailash sowie des senegalesischen Ortes Touba wirkten zeitgenössische Künstler mit. Szene des heiligen Berges Kailash in Tibet mit einer Kalligraphie von Puntsok Tsering. Foto: © Greggor Diessner / goldblau.com

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Ein thematischer Wandelgang An den Wänden des Ausstellungsraums wurden thematische Einheiten präsentiert, die zahlreiche Aspekte des Phänomens Pilgern visualisierten. Sie umschlossen die vierzehn zentralen Pilgerorte wie ein Wandelgang – in Anlehnung, daran, dass in Pilgerorten die zentralen Heiligtümer häufig umrundet werden, wie die Kaaba in Mekka, der heilige Berg Kailash in Tibet oder die Shwedagon Pagode in Yangon, Myanmar. Anhand der Wandthemen wurden neben der spirituellen Dimension auch wirtschaftliche, logistische, politische sowie ästhetische Aspekte des Pilgerns behandelt. Zudem wurden „Superlativen“ einzelner Pilgerorte vorgestellt. Am Ende der Ausstellung wurden unter dem Überbegriff „Anziehungspunkte“ nichtreligiöse Pilgerorte thematisiert, die den BesucherInnen allgemein als abschließende Diskussionsanregung dienten, etwa darüber, inwieweit der Louvre als „Mekka für Kunstbegeisterte“ oder das „Pilgern“ von Fußballfans ins Stadion des 1. FC Köln mit religiös motiviertem Pilgern vergleichbar sind. Diese Station diente insbesondere auch dazu, jugendlichen BesucherInnen das Thema der Ausstellung zugänglich zu machen. Im Rahmen der Wandthemen wurden neben den vierzehn zentralen Pilgerorten Beispiele aus 25 weiteren Pilgerorten herangezogen.

Links: Blick in den Wandelgang und auf das Wandthema „Glaube“. Foto: © Taimas Ahangari Unten: Im Wandthema „Anziehungspunkte“ wurden nichtreligiöse Pilgerorte thematisiert. Foto: © Taimas Ahangari

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Die Ausstellung als interaktives Erlebnis Steckbriefe zu acht in der Ausstellung thematisierten Glaubensgemeinschaften konnten die BesucherInnen ebenso mitnehmen wie Geburtshoroskope und Rezepte für Pilgerspeisen. In den Stationen Shikoku und Kerbela konnten Wunschzettel ausgefüllt und hinterlegt werden. Neben zahlreichen Videos, die den performativen Aspekt des Pilgerns visualisierten, gab es auch eine Fotostation, an der man sich wie die PilgerInnen in Mexiko-Stadt vor einem Bild der Jungfrau von Guadaloupe fotografieren lassen konnte. Die Fotos konnten die BesucherInnen sich per E-Mail nach Hause senden. Hörstationen und eine Duftstation machten die Pilgerorte sinnlich erlebbar.

Der zweisprachige Begleitband wurde aufgrund der großen Nachfrage insgesamt zweimal nachgedruckt und war am Ende der Ausstellung erneut ausverkauft.

An jugendliche BesucherInnen richteten sich ein Suchspiel mit Stempelbuch und Stempelpässe, an Familien ein Kinderrucksack, der verschiedene Aktivitäten in der Ausstellung anregte. Die von Kindern und Jugendlichen in einem eigenen Saal gestaltete „Pilgerstadt“ wuchs während des gesamten Ausstellungzeitraums auf rund 100 Quadratmeter an. Speziell für PilgerInnen auf dem Jakobsweg gehörte das Museum während der Ausstellungslaufzeit zu den Stempelstationen. Wer einen aktuellen Pilgerausweis vorlegte, erhielt zusätzlich zum Stempel ermäßigten Eintritt. In 2017 fanden zudem monatlich Stadtrundgänge in Kooperation mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte statt – eine gelungene Verortung des Themas im Kölner Stadtraum und in der Kölner Geschichte. Im Rahmen der Kooperation entstand zudem die BIPARCOURS-App, mit der sich SchülerInnen auch über das Ausstellungsende hinaus auf eine Pilgerreise durch unterschiedliche Kulturen begeben können.

Links: Fotostation nach mexikanischem Vorbild. Foto: © Taimas Ahangari Unten: An der Duftstation bekamen die AusstellungsbesucherInnen einen Eindruck von den für viele Pilgerorte charakteristischen Düften. Foto: © Taimas Ahangari

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Neue Netzwerke – neue Besuchergruppen Im Rahmen des Ausstellungsprojektes wurden unter anderem mit dem Schreinmuseum in Kerbela (Irak) und dem nationalen Ethnologischen Museum Japans (MINPAKU) Kooperationsvereinbarungen geschlossen. An der Ausstellung wirkten neben Studierenden der Universitäten Köln und Hamburg rund 20 internationale wissenschaftliche BeraterInnen aus diversen Fachrichtungen wie Ethnologie, Äthiopistik, Vergleichende Religionswissenschaften, Islamwissenschaften und Volkskunde mit. Das Thema „Pilgern“ erschloss dem Museum ganz neue Besuchergruppen. So fanden sich unter den BesucherInnen neben dem allgemein an Kulturgeschichte und Kulturvergleich sowie an Reisen interessierten Publikum zusätzliche tendenziell konservativ-religiöse Gruppen ebenso wie Sinnsuchende und PilgerInnen unterschiedlichster Couleur. Die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften in Köln (äthiopisch-orthodoxe und mexikanisch-katholische Gemeinde sowie senegalesische Sufigemeinde) führte zu einem erhöhten Interesse in den unterschiedlichen Kölner Communities, die im Rahmen der Ausstellung häufig zum ersten Mal das Museum besuchten und stolz waren, an so einem zentralen Ort in Köln präsentiert zu werden.

„Pilgern – Sehnsucht nach Glück?“ Der Streifzug durch die Pilgerorte der Welt lieferte mehr als nur eine Antwort auf die Frage, warum Menschen pilgern. Überragende Besucherzahlen, begeistertes Feedback der BesucherInnen sowie der mehrfach ausverkaufte Begleitband zeigen, dass das Ausstellungsthema relevant und die szenografische Umsetzung gelungen ist.

Rautenstrauch-Joest-Museum Kulturen der Welt Cäcilienstraße 29-33 50667 Köln www.museenkoeln.de/rjm rjm@stadt-koeln.de

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Die Ausstellung „Pilgern – Sehnsucht nach Glück?“ bestach vor allem durch ein hervorragendes Konzept und die kreative Umsetzung des breit angelegten Themas. Dass diese Exposition trotz ihrer Vielgestaltigkeit den vorgegebenen Kostenrahmen nicht überschritt, lag vor allem an der klugen Kombination des hauseigenen modularen Ausstellungssystems Mila-wall mit zahlreichen individuell gefertigten Gestaltungselementen. Die modulare Wandtechnik Mila-wall ermöglichte den Einsatz einer Vielzahl wiederverwendbarer Ausstellungselemente und repräsentierte somit ein besonders gelungenes Beispiel für Nachhaltigkeit und hohe Ästhetik im Ausstellungsbau.

www.mila-wall.de

Oben: Szene zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe in Mexiko Stadt Foto: © Greggor Diessner / goldblau.com Unten: Szene zu den Felsenkirchen in Lalibela, Äthiopien Foto: © Taimas Ahangari

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Der Charme des Details: PETER STEPHAN Am 11.Juli 2017 wäre er 90 Jahre alt geworden: der Maler und Radierer Peter Stephan, dem das Museum Stangenberg Merck in Jugenheim (nahe Darmstadt) noch bis 17.09.2017 eine Sonderausstellung widmet. Autorin: Daniela Walther.

Peter Stephan war in Kunstkreisen vor allem durch seine Radierungen bekannt – er hat um die 900 Motive geschaffen, wie sich jetzt, bei der Archivierung seines Werks herausgestellt hat. Nicht minder phantasievoll sind seine Ölbilder, die der 2014 in Griechenland verstorbene Künstler oft extrem teuer auspreiste, um sich nicht von ihnen trennen zu müssen. Peter Stephan wurde am 11. Juli 1927 in Dessau als drittes von acht Kindern geboren. Seine Eltern, der Maler Heinrich Stephan und Dolly Borkowsky wa-

ren damals Schüler am „Bauhaus“, wo zu dieser Zeit Persönlichkeiten wie Oskar Schlemmer, Wassily Kandinski, Paul Klee, Lyonel Feininger unterrichteten. Der Bauhaus-Gründer, Walter Gropius, war Taufpate von Peter Stephan. Die Familie lebte an den verschiedensten Orten, aber hauptsächlich in Pécs (Fünfkirchen, Ungarn). Dorthin kehrte die Familie 1930, zur Zeit der Wirtschaftsnot in Deutschland, zurück. 1944, als die rote Armee auf ungarisches Staatsgebiet vorrückte, wurde Peter (damals 17) als Soldat eingezogen. Er desertierte über Österreich nach Italien und da

er dort ohne Papiere ankam, verbrachte er ein (eher angenehmes) Jahr im Gefängnis. Peter lernte italienisch und wollte die italienische Staatsangehörigkeit annehmen, doch seine Mutter Dolly fand ihn über das rote Kreuz und überredete ihn 1947 zur Rückkehr in die Familie.

Links: Museum Stangenberg Merck. Foto: © Daniela Walther Oben Peter Stephan in den späten 1970-ern an Bord seiner „Diogenes“

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Geld war immer Mangelware. Während seiner Studentenzeit in den 1950er Jahren auf der Kunstakademie in München lebte er auch zeitweise in einem Gartenhäuschen. Bei Frost ließ er sich in der Kunstakademie einschließen, zum Duschen ging er ins Nordbad, wo er auch gleichzeitig seine Kleider wusch. Seine größte finanzielle Not überbrückte Peter mit Arbeiten für den Studenten-Schnelldienst, er war sich nie für eine Arbeit zu schade. Um auf seinen Reisen durch Italien, Frankreich, Griechenland, Jugoslawien, Ägypten, Syrien, Türkei, Libanon, Algerien Geld zu verdienen, verdingte er sich meist als Seemann.

Mittag undatiert, Öl 82,0 x 105,0 cm

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1960 zog Peter mit Ehefrau Ute und den drei Kindern nach Milina, ein kleines Fischerdorf in Griechenland, wo er malte, zeichnete und radierte, immer wieder unterbrochen durch Fahrten nach Deutschland, um Geld zu verdienen oder Bilder auszustellen. Gegen Ende der 60er Jahre begann Peter, auf einem 11-Meter-Segelschiff Chartertörns anzubieten, um seine unterdessen auf vier Kinder angewachsene Familie zu versorgen. Auch, wenn er später mit seiner zweiten Ehefrau, einer Amerikanerin, zwischen Griechenland, USA und Deutschland pendelte – am glücklichsten war Peter Stephan immer in Griechenland, wo er inmitten von Fischern, Bauern und Handwerkern wohlgelitten sein einfaches, un-

kompliziertes Leben führen konnte, wo er malen, radieren oder an seinen philosophischen Büchern schreiben konnte. Das einfache Leben am Meer und auf Schiffen gehörte zu den Kernmotiven in seinem Werk. Auch von Familien- und Zigeunerclans war er fasziniert, letztere zeigte er oft mit dem Tanzbären, wie er es wohl aus Ungarn her kannte. Peter Stephan bildete auf erzählerische Weise den Alltag der einfachen Leute ab, zeigte Menschen, die trotz aller Armut immer noch die Geige unter dem Arm haben und zur Musik tanzen. Parallel finden sich in seinem Nachlaß aber auch einige große Gemälde mit sei-

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ner Anklage, seiner Kritik. Militärdiktaturen wie seinerzeit in Griechenland, Chile und Argentinien bewegten den Maler sehr und regten ihn zu seinen düstersten Bildern an. In „Chile“, sitzt die Familie zusammengedrängt im Zelt, daneben Särge, Tote, Panzer. Das Gemälde „In Culo alla balena” (heißt übersetzt “viel Glück“), ausgestellt bei der großen Kunstausstellung München Sezession 1979, zeigt Militär und Kirche fröhlich vereint auf dem Balkon, darunter verhungernde Gefangene und leidendes Volk.

Linke Seite: Oben: Im Schiff. undatiert, Öl, 89,0 x 100,0 cm Mitte: Die Diogenes, 11 m lang, wurde in Milina in der Werft gebaut. Unten: Griechischer Hafenbäcker. undatiert, Öl, 97,5 x 77,0 cm Rechte Seite: Oben: Katzen am Hafen. undatiert, Öl, 34,5 x 42,5 cm Unten: Peter und Ute Stephan mit ihren vier Kindern, Milina, ca. 1966

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Peter Stephan war Zeit seines Lebens nie angepasst. Leerer Small Talk bei Ausstellungen lag ihm nicht - er nutzte seine Zeit lieber zum Schaffen neuer Kunstwerke, als sein Werk zu vermarkten und schlug so auch das eine oder andere Ausstellungsangebot aus. Dennoch zeugen Aus-

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stellungsteilnahmen im MĂźnchner Haus der Kunst sowie Einzelausstellungen im In- und Ausland, u.a. in New York, Italien, Polen, Chile und in der TĂźrkei vom regen Interesse an seinem Werk, wenn ihm auch der verdiente grosse Ruhm bisher verwehrt blieb.


Links: Eldivan mit blauer Teekanne undatiert, Öl, 34,5 x 42,5 cm Rechte Seite: Oben: Mai 2013 – Peter Stephan (86) am Widdersberg / Ammersee Mitte: Rad. # 146 Fähre im Regen, 7,5 x 11 cm Unten: Rad. # 105, kleiner Hafenzirkus, 9,5 x 11,5 cm

Peter Stephans Bilder sind – wie seine Radierungen - erzählte Geschichten. Der Betrachter muss eintauchen in diese Geschichten, muss sich Zeit lassen beim Anschauen. Dann wird er Stimmungen spüren und Details erkennen, die sich erst auf den zweiten Blick öffnen.

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Wir bedanken uns beim Schriftsteller und Radierer Christoph Meckel, Komilitone von Peter Stephan an der Akademie in München, für die Erlaubnis, seinen 1973 in der Zeitschrift „Graphische Kunst“ erschienenen Artikel hier erneut abdrucken zu dürfen.

Sein Kommilitone Christoph Meckel über Peter Stephan: „Uns geht es gottlob sehr gut, es ist dieses Jahr ein sehr milder Winter. Unsere Kinder haben ein Eselchen, dieses fand ein Deutscher hier, vermachte es uns (es war ausgesetzt), es wächst mit Hilfe von Magermilch für Kälber. Es läuft der Ute überallhin nach, wie ein Hündchen - an der Leine jedoch geht es bestimmt nicht eine solche Klugheit in dem Alter, obwohl doch die Sehnsucht eines Untertanen ist, an der Leine herumgeführt zu werden.“ (Aus einem Brief Peter Stephans)

Als ich Peter Stephan kennenlernte, 1956 in München, war er ein zigeunerisch erscheinender, ungesprächiger junger Mann mit rauher Stimme, der kleine Radierungen um sich her verstreute. Er kam irgendwo aus dem Osten, ich glaube, er

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stammt aus Ungarn, lebte von Gelegenheitsarbeit und gelegentlichen Verkäufen seiner handtellergroßen Blätter und war erstaunlich arm. Wir alle waren arm, ich war es auch, aber ich glaube, Peter Stephan war noch viel ärmer als ich. Offiziell war er als Schüler eines bekannten Professors, eines noblen Menschen, an der Münchner Kunstakademie eingetragen, aber er tauchte selten in der Kunstklasse auf. Er arbeitete lieber in der Radierwerkstatt. Die Werkstatt war richtiger für uns: dort ging es ums Handwerk. Ein von uns allen verehrter Werkstattmeister, der Zeichner und Maler Thiermann (jahrzehntelanger Umgang mit Salpetersäure hatte seine Bronchien unheilbar beschädigt), verschaffte uns dort, was wir dringender brauchten als Theorien über Picasso oder abstrakte Kunst: Freundlichkeit, Zeit, Arbeitsmaterial und einen ruhigen Platz zum Arbeiten. Die Möglichkeit, jederzeit drucken zu können, die einfachen, pragmatischen Hinweise des Werkstattmeisters waren einprägsamer und weitreichender als die Exkurse des hochgeachteten, in Tennisschuhen unterrichtenden Professors. Von ihm wurde Peter Stephan aus der Kunstklasse geworfen mit der Begründung: der Kunstschüler Stephan störe, er verhalte sich zu unabhängig, sei nicht recht faßbar, nicht recht ordentlich, das sei schon an seiner Kleidung abzulesen. Dies ist keine Anekdote, sondern besagt, daß Peter Stephan von Anfang an nur sich selbst und seinen Bildern gehörte. Er konnte seinem Wesen nach kein Schüler sein. Er war von Anfang an er selbst: nicht bereit, etwas zu lernen, was er nicht brauchte: akademische Pfiffigkeit, das trockene, end­lose und langweilige Aktzeichnen oder eine vernünftige Starthaltung für einen regelrech­ten Broterwerb. Oder anders gesagt: Er war nur imstande, das zu tun, was er mußte; er verkörperte das, was er als richtig, gut und notwendig erkannt hatte, auf selbstverständ­ liche Weise, mehr wollte er nicht. Seine Armut hatte nichts mit der damals noch in Schwabing um sich

greifenden Bohème zu tun, er betonte sie nicht und sie war nicht romantisch, sondern natürlich. Sie war so natürlich wie die Armut von Peter Hille oder Pascin. Diese Art von Armut oder Bedürfnislosigkeit mußte ana­chronistisch erscheinen im Kreis lernenwollen­ der Zeichner mit Berufsabsicht. Peter Stephan war weder unsicher noch überheblich, das brauchte er nicht zu sein, denn er wußte es besser: seiner äußeren Einfachheit entsprach ein instinktives genaues Wissen von dem, was er wollte und was er nicht wollte. Er wollte nichts Vorgefaßtes übernehmen, er wollte keine Karriere machen und er wollte, jetzt und zukünftig, er selber sein. Sein Wissen von sich und seiner zeichnerischen Möglichkeit brauchte nicht hochgestapelt, herausgeputzt oder in eine tragbare bürgerliche Form umge­arbeitet zu werden. Peter Stephan war da, er war einfach da, das war überzeugend, mehr brauchte er nicht zu sein. Ich freue mich, daß es ihn gibt - ein Satz, der vielleicht nicht unbedingt hierher gehört, aber keinesfalls so harmlos ist, wie er klingt. So gehört er zu meinem Leben und zum Leben wohl aller Leute, die ihn und seine Bilder kennen. Es ist mir leicht gefallen, ihm durch fast zwei Jahrzehnte mit Augen und Gedanken die Treue zu halten, denn seine Arbeiten (Radierungen, Lithos, Zeichnungen, Ölbilder und ein paar Holzschnitte) besitzen eine seltene Eigenschaft: sie werden nicht nur respektiert oder von diesem und jenem Standpunkt aus für möglich gehalten, sondern: sie werden geliebt. So einfach ist das. Im Lauf der Zeit haben sich bei mir, aus Griechenland, Frankreich und Bayern mit der Post eintreffend, eine Menge von Radierungen und Lithos angesammelt, ich könnte eine Ausstellung davon machen. Es handelt sich um kleine und mittelgroße Formate, in Schwarz­und Braunton gedruckte Radierungen, meist Strichätzungen mit Kaltnadel auf Zinkblech, gelegentlich auch mit Aquatinta durchgearbeitet. Sie haben einen dichten Kritzel- und Strichelcharakter, es gibt auffallend wenige durchgehende oder durchgreifende Linien. Zu sehen sind Kinder, Mütter, Väter, Großmütter und Großväter, bärtige Mannsbilder vor allen Dingen; vielköpfige Familien in der zu ihnen passenden Umgebung: alte Häuser (mit Mönch- und Nonnen-Ziegeln) am Meer, auf den Strand gezogene Fischerboote, ein kleiner Hafen, ein Esel, ein Eselreiter. Und Innenräume: Kneipenecken, Wohn-


küchen oder dunkle Hausdielen, Stühle, Fenster, Tabakrauch und Ofenqualm; einfache Mahlzeiten an kleinen Tischen, Kartenspieler, griechische Tänzer. Alltägliche Vorgänge in einfachen und ärmlichen Umgebungen; kleine Chroniken, Heiterkeit. Er hat das nicht etwa bloß mal erlebt oder nachempfunden oder abgeguckt, sondern er hat es selber gelebt, und so ist, was er zeichnet, authentisch auch in biographischer Hinsicht und besitzt eine innere und äußere Richtigkeit. Ich erinnere mich, dass er die verarbeiteten, schönen, etwas traurigen Gesichter, die kindhaften Frauengestalten schon zeichnete, bevor er nach Griechenland ging. Es ist möglich, daß er sie aus seiner Kindheit nach München mitbrachte. Seine Radierungen heißen zum Beispiel „Brotzeit in der Fabrik“, ,,Bärenführer“, ,,Grigoristraße“, ,,Mazedonische Landschaft“, oder „Kukuleika“, ,,Milina im Winter“, die Namen griechischer Dörfer. In Milina hat Peter Stephan gelebt, aber nicht weltflüchtig oder zurückgezogen, sondern auf die ihm eigene selbstverständliche Weise: dort waren die Menschen, die ihn mochten und mit deren Leben er übereinstimmte. Dort hat er sich ein Haus gebaut entsprechend seiner - wohl intuitiven - Absicht, nichts Vorgefertigtes zu übernehmen. Ein Leben in Fertigteilen: für ihn undenkbar.

oder nostalgische Ansichtskarten mißzuverstehen sind. Daß alles, was er malt oder zeichnet, ein Wissen um soziale Zusammenhänge zeigt, daß seine Bilder Poesie besitzen, lyrischen Charme und Menschlichkeit (dieses schwierige Wort ist sein unanfechtbares Eigentum), daß er sich treu bleibt und daß er etwas kann - darüber braucht nichts weiter gesagt zu werden: das ist seinen Blättern ohne weiteres zu entnehmen. Daß eine voreilige Kritik ihn in die Nähe von Chagall schieben wollte (im Sinn des üblichen „Beeinflußtseins“) und seine Bildwelt als „illustrativ“ bezeichnet hat - ist das richtig? „Illustrativ“: das ist eine abgegriffene, oberflächliche, bequeme und ungenaue Vokabel, eine verharmlosende Kategorie, mit der viele Zeichner seit jeher belästigt worden sind. Zille etwa - war der bloß illustrativ? Der von Menschen und ihren Verhältnissen berichtende Zeichner ist nicht Illustrator, sondern Erzähler. Wenn

also eine Bestimmung des Werkcharakters unerläßlich sein sollte (sie ist für Peter Stephan und mich erläßlich) dann träfe auf ihn am ehesten vielleicht die Bezeichnung „erzählerisch“ zu. Vor allen Dingen ist Peter Stephan als solcher, dieser oder jener und überhaupt: er selbst, und das heißt: er hat von Anfang an eine eigene Welt, ein eigenes Menschenbild in einer eigenen Handwerklichkeit hingestellt, und daß dies schön wie eine alte Legende, menschlich und sogar ergreifend erscheint (wir haben keine Angst vor diesen Wörtern) macht seine gute Arbeit noch besser.

Linke Seite: Peter Stephan notiert auf der Rückseite „Jan.78 in Freiburg Abreise nach Vernissage, die ganze Kunst in 2 Händen“ Unten: Fischhändler mit Brotbeutel undatiert. Öl. 36,5 x 45,0 cm

Ihn einen proletarischen Künstler zu nennen wäre wohl falsch, aber eine Nuance davon ist doch richtig: der Stoff des Zeichners und Malers ist das Leben von Arbeitern, Bauern, Fischern; er zeichnet weder Stadtmenschen noch Bosse noch deutsche Bürger. Es ist kein „einfaches Leben“, das er zeichnet, sondern das natürliche, arbeitende, harte oder fröhliche am geographischen Rand der Zivilisation, das dörfliche Leben in Griechenland zum Beispiel. Da er weder von oben herab zeichnet (etwa als Beobachter oder Tourist mit Rückfahrkarte) noch von unten herauf (also etwa als Ankläger, Propagandist oder Realist mit Zeigefinger) sondern als mitlebender Mensch, gibt es keine typischen Mitleid-Studien oder soziologisch eindimensionalen Vorzeigeblätter, die von einer Tendenz beansprucht werden könnten. Aber es gibt, auf die selbstverständlichste Weise, Sozialkritik in allen Bildern. Sie ist ein Element unter den andern Elementen des Zeichners und freien Menschen Peter Stephan. Sie bewirkt, daß seine Blätter nicht als Idyllen

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Die Sonderausstellung im Museum Stangenberg Merck

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Alle ausgestellten Bilder können erworben werden. Das Museum vermittelt gerne den entsprechenden Kontakt zur Familie Stephan. Ähnlich verhält es sich bei den Radierungen. Der Großteil ist unterdessen katalogisiert. Einige ausgewählte Blätter stehen im Museum zur sofortigen Mitnahme bereit, über weitere erhältliche Motive gibt ein vorläufiges Katalogbuch Auskunft, welches im Museum auf Anfrage eingesehen werden kann. Mehr über Leben und Werk von Peter Stephan im ausführlichen Buchkatalog PETER STEPHAN: Maler, Seefahrer, Erzähler (ISBN 978-3-936237-37-5, 112 Seiten, 25,00 Euro zzgl. Versand) - erhältlich im Museum oder beim Orlandus Verlag (info@orlandus.de)

Museum Stangenberg Merck Helene-Christaller-Weg 13 64342 Seeheim-Jugenheim www.museum-jugenheim.de Rechts: Heidy Stangenberg-Merck im Februar 1988 bei einem Besuch bei Peter Stephan in Widdersberg am Ammersee

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Inklusion im Deutschen Historischen Museum Barrierefreiheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Autorinnen: Brigitte Vogel-Janotta und Friedrun Portele-Anyangbe

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Fotoausstellung „The Eyes of War. Fotografien von Martin Roemers“ Foto: © Deutsches Historisches Museum/Vaupel

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Seit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 2006 sowie deren Inkrafttreten 2008 ist Inklusion verpflichtend für jeden unterzeichnenden Staat. Artikel 1 definiert: „Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern.“1 Dazu gehört, die Teilhabe aller Menschen am politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Auf dem Weg zur Inklusion, der „Einschließung“ aller in das gesellschaftliche Leben, gilt es Barrieren im Raum und in den Köpfen zu erkennen und zu überwinden. Gelingt Inklusion, verändert sich Gesellschaft grundlegend, weil neue Perspektiven eingebracht werden. Damit wird Inklusion auch für alle Museen zur Aufgabe und Herausforderung – und zu einer Chance. Das Thema „Barrierefreiheit und Inklusion“ wird in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen. Bereits Ende des Jahres 2009 hatten ungefähr 7,1 Millionen Menschen in Deutschland einen Schwerbehindertenstatus, was neun Prozent der Bevölkerung entspricht. Hinzu kommen jene Personen, die zu weniger als 50 Prozent behindert sind. 70 Prozent der Behinderungen sind nicht sichtbar. Die Zahlen werden aufgrund des demografischen Wandels kontinuierlich steigen.2 Am 28. Juni 2016 hat das Bundeskabinett die zweite Auflage des Nationalen Aktionsplans zur UN-Behindertenrechtskonvention „einfach machen“ verabschiedet. Damit bringt die Bundesregierung die Inklusion von Menschen mit Behinderungen durch langfristige Maßnahmen auf der Bundesebene weiter voran. Das Ziel ist es, „Zugänge für alle“ zu schaffen. Das Deutsche Historische Museum macht sich auf den Weg Das Deutsche Historische Museum hat sich dem Thema bereits seit längerem gewidmet und nimmt in der deutschen Museumslandschaft eine Vorreiterrolle ein. Bereits seit über zwanzig Jahren werden in ausgewählten Ausstellungen Führungen für Blinde und Sehbehinderte oder in Deutscher Gebärdensprache (DGS) angeboten. Als Reaktion auf die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen setzte sich

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das Museum in den letzten drei Jahren noch intensiver mit dem Thema Inklusion auseinander, gründete die abteilungsübergreifende Arbeitsgruppe „Inklusives Museum“ und konzipierte inklusive Angebote in Sonderausstellungen. Für die Fotoausstellung „The Eyes of War. Fotografien von Martin Roemers“, die vom 1. Oktober 2014 bis zum 4. Januar 2015 gezeigt wurde, arbeitete die Arbeitsgruppe, die unter anderem aus den Gestaltern und Museumspädagoginnen besteht, eng mit dem „Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverband Berlin 1874 e.V.“ zusammen und erschloss erstmals die Präsentation gezielt auch für ein blindes und sehbehindertes Publikum. Die großformatigen Fotografien zeigten Menschen, die im Zweiten Weltkrieg oder in dessen Folge erblindet waren. Zu jedem Porträt bot die Hörführung eine Audiodeskription, Blinde und Sehbehinderte mit Langstock konnten einen taktilen Grundrissplan und ein Bodenleitsystem zur Orientierung nutzen. Bei der Ausstellungsgestaltung stand eine kontrastreiche Präsentation im Mittelpunkt. Neue Netzwerke für inklusive Projekte schaffen Im Rahmen der Ausstellung organisierte das Deutsche Historische Museum am 3. Dezember 2014, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, ein Podiumsgespräch zum Thema „Barrierefreies Museum“ mit Vertretern und Vertreterinnen von Behindertenverbänden, vom Land Berlin und von Kultureinrichtungen. Bei dieser Diskussion trugen u.a. betroffene Besucherinnen und Besucher ihre Wünsche und ihre Kritikpunkte vor. Sehr deutlich wurde dabei der Wunsch, durch möglichst eigenständigen Besuch von Ausstellungen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Veranstaltung verstärkte die Vernetzung mit den Zielgruppen als auch mit den damit befassten Kolleginnen und Kollegen aus an-

Rechts: Inklusive Angebote in der Ausstellung „Alltag Einheit“ Foto: © Deutsches Historisches Museum/Bruns ____________ 1 Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vom 13. Dezember 2006, Bundesgesetzblatt (BGBL) 2008 II S. 1419, S. 3. 2 Deutscher Museumsbund e. V./Bundesverband Museumspädagogik e. V./Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit (Hrsg.): Das inklusive Museum. Ein Leitfaden zu Barrierefreiheit und Inklusion, Berlin 2013, S. 7f.

deren Museen. Stand in der Ausstellung „The Eyes of War“ nur eine Zielgruppe mit Beeinträchtigungen im Fokus, war die Veranstaltung die Initialzündung, das inklusive Angebot noch weiter auszubauen und inklusive Angebote für möglichst viele Menschen zu konzipieren. Ausstellungsdesign für alle Die erste Sonderausstellung, die diesen Ansatz verfolgte, war „Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft“. Die Ausstellung, die vom 27. Mai bis zum 28. Februar 2015 gezeigt wurde, nahm


die Epoche der Vereinigungsphase nach 1990 aus verschiedenen kulturellen, politischen und sozialen Perspektiven in den Blick. Die inklusiven Angebote und die unterschiedlichen Zugänge waren von Beginn an darauf angelegt, einen Mehrwert für Menschen mit und ohne Behinderungen zu schaffen – also für alle Menschen. Kernidee des inklusiven Konzeptes waren das Ansprechen unterschiedlicher Sinne sowie gleichberechtigt präsentierte Informationsebenen an so genannten „Inklusiven Kommunikations-Stationen“ (IKS). An den Stationen wurden Leitobjekte und Modelle präsentiert, die für die

jeweiligen Themenräume standen und in diese einführten. Sie waren alle über mindestens zwei Sinne erfahrbar. Einige Stationen luden auch zum Mitmachen ein, so beispielsweise ein Tipp-Kick, mit dem das Siegestor von Andi Brehme bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 nachgespielt werden konnte oder das Rätsel um typische Ost- bzw. West-Gerüche. Kernstück der Stationen war eine sechseckige und drehbare „Trommel“ mit sechs gleichwertig präsentierten Informationsebenen in deutscher und englischer Sprache, in Leichter Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten, in Brailleschrift sowie in

Deutscher Gebärdensprache. Ergänzend dazu waren Audiotexte mit Audiodeskriptionen via Kopfhörer bzw. über die Hörführung abrufbar. Die Trommeln waren an runden Tischen befestigt, an denen sich links ein Kopfhörer und rechts ein Stockhalter für Langstöcke und für Gehhilfen befand. Ein kleines Detail mit großer Wirkung: Dadurch bleiben die Hände frei, um zu tasten. Alle Stationen waren an ein taktiles Bodenleitsystem angeschlossen und für Rollstühle unterfahrbar. Am Eingang der Ausstellung bot zudem ein taktiler Grundrissplan Orientierung für den Rundgang.

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Inklusive Angebote in der Ausstellung „Alltag Einheit“ Foto: © Deutsches Historisches Museum/Bruns

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Alle Raumtexte waren sowohl in deutscher und englischer Sprache als auch in Brailleschrift und in Leichter Sprache verfasst bzw. in Deutscher Gebärdensprache verfilmt. Die gleichwertige Präsentation sollte verhindern, dass Besucherinnen und Besucher sichtbar machen müssen, ob und in welcher Form sie körperlich und/oder kognitiv beeinträchtigt sind. Eine Besucherumfrage sowie eine „unbeteiligte Beobachtung“ zeigten, dass die Mehrzahl aller Besucherinnen und Besucher die IKS als hilfreiches Angebot wahrnahmen. Viele waren über die größere Schrift dankbar, das ausländische Publikum schätzte die leichte Verständlichkeit der Leichten Sprache, Neugierige verfolgten die Gesten der Deutschen Gebärdensprache, mehrere nutzten die Mitmachangebote zur sinnlichen Wahrnehmung bzw. für den – teilweise heiteren – Austausch untereinander. Die inklusive Geschichtsvermittlung ermöglichte das Be-Greifen und Lernen mit allen Sinnen und war so eine Bereicherung für alle, die die „Inklusiven-Kommunikations-Stationen“ nutzten.

Oben: Inklusive Angebote in der Ausstellung „Alltag Einheit“ Rechts: Besucherinnen im Austausch über typische Westund Ostgerüche in der Ausstellung „Alltag Einheit“ Fotos: © Deutsches Historisches Museum/Bruns

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Erfolgsfaktor: Die Zusammenarbeit mit den Zielgruppen Wesentlich zum Gelingen der inklusiven Angebote trugen die Kontakte zu den Zielgruppen bei, die regelmäßig in den Produktions- und Auswertungsprozess einbezogen wurden. Bei Rundgängen durch die Ausstellung mit Gehörlosen, mit der Prüfgruppe für Leichte Sprache und mit Blinden und Sehbehinderten wurden Kritikpunkte aufgenommen und, wenn möglich, umgesetzt. So wurden beispielsweise im Nachhinein Raumtexte als Ausdrucke in Großschrift in die Ausstellung integriert. Vor allem waren die Rundgänge aber auch Anlass, sowohl die eigene Perspektive zu überdenken, als auch das Thema „Inklusion“ verstärkt als bereichernde Chance zu verstehen. Im Rahmen der Ausstellungen „Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute“ (20. April 2016 bis 31. Juli 2016) und „Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ (14. Oktober 2016 bis 14. Mai 2017) wurde die Zusammenarbeit zwischen Museumsteam und Betroffenen noch enger gestaltet: Im Vorfeld der Kolonialismus-Ausstellung organisierte das Deutsche Historische Museum Workshops mit den unterschiedlichen Zielgruppen, um die Inklusiven Kommunikations-Stationen einzeln zu besprechen. Wieder wurden an den Stationen mehrere Sinne angesprochen. Besucherinnen und Besucher jeden Alters und mit unterschiedlichen Voraussetzungen sollten beim Wissenserwerb im Museum unterstützt und handlungsorientiertes und ganzheitliches Lernen während der Nutzung der Angebote erfahren. Ziel war, zur Annäherung aus mehreren Perspektiven einzuladen und damit bei der Erschließung von historischen Zeugnissen unterstützend zu wirken sowie das Interesse für die dahinterstehenden Geschichten zu wecken. Besonders für Leserinnen und Leser von Texten in Leichter Sprache ist die Verbindung von einerseits kognitiven und andererseits sinnlichen Erlebnissen hilfreich bei der Erschließung von historischen Zusammenhängen. Oben: Mitglieder der Prüfgruppe Leichte Sprache Rechts: Die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Verena Bentele, an einer „Inklusiven Kommunikations-Station“ Beide Fotos: © Deutsches Historisches Museum/Siesing Unten: Führung und Diskussion mit Gehörlosen in der Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ Foto: © visitBerlin, Andi Weiland / Gesellschaftsbilder.de

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Museumsübergreifende Querschnittsaufgabe

Oben, unten: Inklusive Kommunikations-Stationen in der Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ Fotos: © Deutsches Historisches Museum/Schützhold

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Barrierefreiheit und Inklusion können am besten gelingen, wenn sie abteilungsübergreifend in Angriff genommen werden. Die museumsinterne Arbeitsgemeinschaft „Inklusives Museum“ des Deutschen Historischen Museums ist für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Fachgebiete offen und lädt zum Austausch über den Weg zu einem Inklusiven Museum ein. Das gemeinsame Ziel ist, im Sinne eines „Museums für alle“ Angebote für alle zu konzipieren. „Zugänge schaffen“ bedeutet auch „Eingänge öffnen“ in Geisteswelten, neue Erkenntnisse, sinnliche Erfahrungen und einen kommunikativen Austausch, was für Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen unterschiedlicher Wege bedarf. Ein Ziel ist dabei, alle Besucher und Besucherinnen unabhängig von Herkunft, Bildungsstand und Alter anzusprechen. Derzeit arbeitet das Deutsche Historische Museum an Möglichkeiten, die in den Sonderausstellungen gewonnenen Erfahrungen auf die Dauerausstellung „Deutschland von allen Zeiten“ im Zeughaus anzuwenden.

Ausblick Das Deutsche Historische Museum versucht mit seinen Angeboten, der sich ständig verändernden Gesellschaft gerecht zu werden und die Definition des Internationalen Museumsrats ICOM von 2010 zu erfüllen: „Ein Museum ist eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“ Mit dem Thema Inklusion hat das Deutsche Historische Museum einen Lern- und Entwicklungsprozess angestoßen, der noch lange nicht abgeschlossen ist.

Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2 10117 Berlin www.dhm.de info@dhm.de


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Barrierefreie Fahrt zum Museum – mit der Deutschen Bahn Autorin: Anne Gideon

Unterhalb der Rudelsburg im Tal der Saale rollt ein ICE T Baureihe 411 nach München Foto: © Copyright: Deutsche Bahn AG / Georg Wagner

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Ob Kunst, Kultur, Umwelt oder Technik, im Land der Dichter und Denker finden Sie an vielen Orten charmante und sehenswerte Museen, die für jung und alt, für groß und klein Ihre Pforten öffnen und Sie herzlichst willkommen heißen! Doch zunächst muss man diese auch erreichen! Die DB bietet Ihnen eine bequeme Art zu Reisen! Besonders in der Ferienzeit ist eine Zugfahrt mit Abstand die stressfreiere Alternative: Die Landschaft fliegt vor dem Fenster vorbei, während man bequem einen Kaffee trinkt oder zwischendurch mal einen Blick in die Zeitung wirft. Damit auch Menschen mit kognitiven, körperlichen oder Sinnesbehinderungen mobil bleiben können, bietet die Deutsche Bahn umfassende Serviceleistungen an.

Barrierefreiheit bei der Deutschen Bahn Für die Deutsche Bahn gewinnt die Herstellung von Barrierefreiheit zunehmend an Bedeutung. Menschen mit Behinderungen stellen eine wichtige Kundengruppe dar, die gerade auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung weiter wachsen wird. Ziel ist es, Reisenden mit Behinderungen eine selbstbestimmte Mobilität zu ermöglichen – sukzessive werden Bahnhöfe modernisiert sowie neue Züge und Busse angeschafft, die barrierefrei nutzbar sind. Die DB orientiert sich dabei am Konzept des „Design für Alle“. Schließlich ist Barrierefreiheit für rd. 10% der Bevölkerung zwingend erforderlich, für 30 % notwendig, allerdings für 100% der Reisenden komfortabel. Bereits 2002 wurde im Unternehmensbereich Personenverkehr der Deutschen Bahn ein zentraler Bereich eingerichtet, um konzernübergreifend die Anliegen von Kunden, Behindertenverbänden und politischen Gremien zu koordinieren. Die

Oben: Blindenleitsystem im ICE 4 Foto: © Copyright: Deutsche Bahn AG / Ralf Kranert Unten: Einstiegshilfe im Nahverkehr Foto: © Copyright: Deutsche Bahn AG / Johannes Vogt Rechts: Das Angebot „Blinde führen Blinde“ im Stadtmuseum Kaufbeuren mit der blinden Ausstellungsbegleiterin Angelika Mann Foto: © Melanie Gotschke / Stadtmuseum Kaufbeuren

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Bemühungen der Deutschen Bahn Barrierefreiheit zu realisieren, wird seither maßgeblich begleitet vom Dialog mit Menschen mit Behinderungen, um bewusst deren Kompetenz mit einzubringen und die Maßnahmen an den spezifischen Bedürfnissen dieser Zielgruppe auszurichten. In regelmäßig stattfindenden Gesprächen wirken die „Experten in eigener Sache“ an der Fortschreibung der Programme zur Barrierefreiheit der Deutschen Bahn mit und stehen in Fragen der schrittweisen Herstellung von Barrierefreiheit von der Planung bis zur Umsetzung der einzelnen Vorhaben beratend zur Verfügung. Mit dem 2016 veröffentlichten 3. Programm knüpft die Deutsche Bahn an das bisher gemeinsam Erreichte an und setzt weitere entscheidende Meilensteine in Richtung Barrierefreiheit. Alle Programme online unter: www.bahn.de/programm-barrierefrei. Uneingeschränkt unterwegs Menschen mit Behinderungen scheuen oft längere Fahrten. Um ihnen das Reisen zu erleichtern, hat die Deutsche Bahn die Mobilitätsservice-Zentrale eingerichtet, die Fahrgäste mit Behinderungen bei ihrer Reiseplanung kompetent unterstützt – von der Fahrkartenbuchung über die Reservierung von Sitzplätzen bzw. Rollstuhlstellplätzen bis zur Hilfe beim Ein-, Um- und Aussteigen. Um einen bequemen und stressfreien Ein- und Ausstieg zu gewährleisten, wird empfohlen, dass Reisende ihren Wunsch nach Hilfestellung bis 20:00 Uhr des Vortages der Reise bei der Mobilitätservice-Zentrale anmelden. Der kostenlose Service richtet sich an Reisende mit Behinderungen, aber auch an Familien mit kleinen Kindern oder ältere Menschen. Damit sind Reisen nicht nur in ICE- und IC-Zügen, sondern auch in Regionalzügen (IRE, RE, RB) und S-Bahnen besser zu planen und durchzuführen.

Links: kelten römer museum manching Foto: © Gerhard Nixdorf Rechts, Foto: © Thomas Ulrich/OZEANEUM Stralsund

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Allein im Jahr 2016 wurden so mehr als 660.000 Hilfeleistungen organisiert. Die wichtigsten Stationen sind mit insgesamt mehr als 900 mobilen Hubgeräten, Rampen, Treppenliften oder Elektromobilen ausgerüstet. Von 16 festen Standorten aus, den so genannten Basisstationen, sorgen zusätzliche mobile Teams an weiteren 47 kleineren und mittleren Bahnhöfen dafür, dass Fahrgäste mit Behinderungen sicher und bequem ein- und aussteigen können. Spezielle Schulungen bereiten die Servicemitarbeiter der DB auf den Umgang mit dieser Zielgruppe vor. Außerdem beteiligen sich Kooperationspartner der DB wie die Bahnhofsmission und örtliche Taxibetriebe an diesem Service.

Digital unterwegs Mit dem Projekt „DB Barrierefrei“ ist eine App in Vorbereitung, die sich an den Bedürfnissen von Menschen mit kognitiven, körperlichen und Sinnesbehinderungen orientiert. Im Sinne des „Design für Alle“ bietet die App auch allen anderen Reisenden einen Mehrwert. Lautsprecheransagen sind für Reisende mit Hörbehinderungen oftmals nur schwer oder gar nicht zu verstehen, das Lesen von Anzeigetafeln kann für Menschen mit Sehbehinderungen eine Herausforderung sein. Kunden erhalten mit der neuen App wichtige Informationen zu ihrer Reise als Text- oder Sprachnachricht direkt auf ihr Smartphone. Oftmals scheitert für Fahrgäste mit

Mobilitätseinschränkungen die Reise an der Funktionsfähigkeit von Aufzügen, um barrierefrei zu den Gleisen zu gelangen oder wieder den Bahnsteig verlassen zu können. Mit der neuen App können Reisende mit Mobilitätseinschränkungen technische Störungen bereits vor Reisebeginn sehen und kommen über alternative Wege pünktlich ans Ziel. Mit der dritten Funktion der App können z.B. blinde Fahrgäste Bahnmitarbeiter im Zug um Hilfe bitten. Per Sprachsteuerung kann das Anliegen direkt benannt werden, damit das Personal situationsgerecht schnellstmöglich zur Stelle sein kann. Die App zielt auf leichte Verständlichkeit und wird im Zwei-Sinne-Prinzip akustisch und

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visuell umgesetzt. An der Entwicklung der App „DB Barrierefrei“ waren und sind in einem agilen Prozess Kunden mit körperlichen und Sinnesbehinderungen beteiligt. Das heißt, Betroffene wurden von der ersten Idee bis zum endgültigen Produkt kontinuierlich mit einbezogen, sie stehen im Mittelpunkt der zu treffenden Entscheidungen und haben die App so mitgestaltet. Mit diesem Lösungsansatz eröffnen sich vollkommen neue und innovative Möglichkeiten einer reisebegleiten-

den Unterstützung aller Reisenden. Ende 2017 kommt die App auf den Markt und stellt hiermit einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung eines ganzheitlichen, barrierefreien und inklusiven Konzepts entlang der gesamten Reisekette dar. Leichter Reisen Nie mehr schwer schleppen! Für den Gepäcktransport gibt es ebenfalls Unterstützung. Die Deutsche Bahn bietet im Inland, nach Österreich und Italien gegen Entgelt einen Haus-zu-Haus-Service für Koffer und Sondergepäck an. Mit Vorlage eines Schwerbehindertenausweises gilt ein ermäßigter Preis und Krankenfahrstühle, Gehhilfen sowie andere orthopädische Hilfsmittel mit vergleichbaren Abmessungen können mit Merkzeichen „G“ kostenfrei befördert werden. Weitere Informationen zum DB Gepäckservice erhalten Sie unter www.bahn.de/gepäckservice. Barrierefreie Reiseziele Für die schönste Zeit im Jahr! Die Deutsche Bahn hat in einer Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft „Barrierefreie

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Reiseziele in Deutschland“ und dem Projekt „Barrierefrei Austria“ individuelle Mobilitätspakete entwickelt, die die Wünsche und Bedürfnisse mobilitätseingeschränkter Urlauber in den Mittelpunkt stellt. Diese beinhalten neben der Unterbringung am Urlaubsort auch ein mögliches Ausflugs- und Kulturprogramm. Auch die An- und Abreise mit einer möglichen Ein-, Um- und Ausstiegshilfe sowie die Anschlussmobilität am Urlaubsort können vorab gebucht werden. Die Reiseangebote richten sich vorwiegend an Rollstuhlfahrer sowie an sehund hörbehinderte Personen, aber auch an ältere Menschen sowie Familien mit kleinen Kindern. Mit diesem Serviceangebot sind Reiseerlebnisse für den Tagestrip, den Kurz- und den Jahresurlaub buchbar. Egal, ob Natur, Kultur, aktive Erholung oder Entspannung gewünscht wird, auf der Internetseite www.bahn.de/reiseziele-barrierefrei werden umfassende Informationen gegeben und alle Serviceleistungen und Ansprechpartner genannt. Alle Angebote für die Reise können telefonisch über die Mobilitätsservice-Zentrale gebucht werden.


Barrierefreie Angebote in Museen In Kooperation mit der Deutschen Bahn führt museum.de eine praxisnahe und flächendeckende Erhebung zu barrierefreien Angeboten in Museen in Deutschland, Österreich und der Schweiz durch. Ob das Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven oder das Hygiene-Museum in Dresden, viele spannende Museen stehen allen Museumsfreunden, ob mit oder ohne Behinderung, zur Verfügung. Online unter museum.de finden sich viele praktische Tipps für den nächsten barrierefreien Museumsbesuch.

Linke Seite: Oben: Blindenführung. © LWL-Museum für Naturkunde, Steinweg. Unten: Zu Gast beim Projekt WORT:BILDER Foto: © DASMAXIMUM KunstGegenwart Traunreut Rechte Seite: Oben links: Gebärdenführung Oben rechts: Blindenführung. Beide Fotos: © LWL-Museum für Naturkunde, Steinweg. Oben mitte: Zu Gast beim Projekt WORT:BILDER Foto: © DASMAXIMUM KunstGegenwart Traunreut Rechts: Einstiegshilfe in den ICE 4 Foto: © Deutsche Bahn AG / Volker Emersleben

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Die Kooperation mit der Deutschen Bahn ist dabei besonders wegweisend, denn es werden nicht nur barrierefreie Angebote in Museen benötigt, sondern auch die Möglichkeit, diese barrierefrei erreichen zu können. Schon jetzt spricht man von der intelligenten Vernetzung der Verkehrsmittel, bei der die Bahn eine bedeutende Rolle einnimmt. Auf der Basis der Erhebung von museum.de empfiehlt die Deutsche Bahn ihrerseits den Besuch ausgewählter Museen auf ihren zielgruppenspezifischen Internetseiten unter www.bahn.de/barrierefrei. Barrierefreiheit ist komfortabel für Alle. In allen Bereichen des Alltags spielt Bar-

rierefreiheit eine zentrale Rolle. Mangelnde Barrierefreiheit ist für die Betroffenen aufgrund ihrer Diversität ein Verlust von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und für die jeweiligen Unternehmen ein Verlust an Kunden. Barrierefreie Angebote entlang der gesamten Servicekette sind demnach nicht nur die Grundlage einer selbstbestimmten gesellschaftlichen Teilhabe, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Download Nachschlagewerk „Museen mit barrierefreien Angeboten“ unter www.museum.de/barrierefrei/pdf

IC Bus - barrierefreier Einstieg über eine mitgeführte Rampe © Deutsche Bahn AG / Ralf Braum

Museen mit barrierefreien Angeboten Kooperationspartner

Editorial [2] Anzahl Museen

397 428

Anzahl Seiten Erstelldatum Empfehlungen [3]

04.07.17 11:41

Herausgeber

Inhaltsverzeichnis [4]

museum.de Ostwall 2

Museen [28]

46509 Xanten, Germany

In Fahrzeughalle I des DB Museums Nürnberg steht die legendäre Schnellzug-Dampflokomotive S 2/6 Foto: © Copyright: Deutsche Bahn AG / Mike Beims

museum.de

Updates [425] www.museum.de contact@museum.de Tel: +49 (0)2801-9882072 Anhang [427]

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Bunkermuseum Oberhausen Geschichte kontextualisieren. Autor: Clemens Heinrichs

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Wer sich über den Zweiten Weltkrieg informieren will, wird auf bemerkenswerte Museen und NS-Gedenkstätten stoßen, die eine sehr fundierte Schilderung der Ereignisse bieten. Das Bunkermuseum Oberhausen ist insofern besonders, als es nur wenige vergleichbare Einrichtungen gibt, die sich ausschließlich auf den Zivilschutz und den Luftkrieg konzentrieren. Dieser Themenschwerpunkt lag aufgrund des Museumsgebäudes, einem Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, nahe und wurde seit der Eröffnung des Museums im Juni 2001 kontinuierlich bearbeitet. Lange Jahre präsentierte das Museum außer einer ersten Dauerausstellung zahlreiche Wechselausstellungen, darunter Hochkaräter wie Christina Kubischs Licht-Klang-Installation „Arkadien“. Im Mai 2011 wurde eine neue, umfassende Dauerausstellung eröffnet, die seitdem das inhaltliche Rückgrat des Museums darstellt.

Gebäude und Räume

Oben: Eingang zum Bunkermuseum Foto: © Bunkermuseum Oberhausen Rechts: Christina Kubisch: Arkadien, Licht-Klang-Installation, Bunkermuseum 2002/2003 Foto: © Rolf Giegold

Der Hochbunker hat eine Grundfläche von etwa 50 x 20 m und wurde Anfang 1942 fertig gestellt. Hier sollte die Bevölkerung des Knappenviertels, das vor allem ein Wohngebiet von Arbeitern in der Montanindustrie war, vor den alliierten Luftangriffen geschützt werden. Bauherr des „Knappenbunkers“ war das städtische Luftschutzbauamt. Gebaut wurde der Bunker im Gartenbereich einer Arbeitersiedlung der benachbarten Zeche Oberhausen. Auf einer Seite des Bunkers war ein Aufmarschplatz für die HJ vorgesehen, der aber nicht realisiert wurde. Ein um das Jahr 1943 aufgenommenes Foto zeigt, dass direkt neben dem Bunker zwei Barackenunterkünfte für die ausgebombte Nachbarschaft errichtet worden waren. Der Bunker ist in Stahlbeton gefertigt und hatte auf drei Ebenen eine Nutzfläche von ca. 1.550 m². Die Decken- und Bodenstärke beträgt 1,40 m, die Stärke

der Wände 1,10 m. Er hatte drei reguläre Zugänge für die Zivilisten und einen separaten Zugang zu den Technikräumen. 767 Liegestellen sollten den Schutzsuchenden eine Ruhemöglichkeit bieten. Nach den Berechnungen der Stadt sollte der Bunker 2.300 Personen Platz bieten. Ein Bunkerwart kontrollierte den Zugang, andere Räume waren für Wachgruppen und eine Erste Hilfe reserviert. Unmittelbar nach dem Krieg bis 1956 diente der Bunker als Notunterkunft für ausgebombte Oberhausener und für Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Von 1957 bis 1963 wurde der Bunker als Champignonzucht genutzt. Seit 1963 stand der Bunker leer, bis er 1999 von der Stadt Oberhausen gekauft und zum Bürgerzentrum umgebaut wurde. Das Bunkermuseum umfasst etwa die Hälfte des untersten Geschosses. Diese Fläche besteht aus dem Eingangs- und Schleusenbereich, einem umlaufenden Erschließungsgang mit 15 je 6 m² großen Aufenthaltsräumen, einem etwa 20 m² großen Gruppenraum, je einem Sanitärbereich für Frauen und Männer, einem Treppenaufgang in die beiden darüber liegenden Geschosse sowie drei Technikräumen mit Belüftung, Heizung und Strom. Die Räume selbst befinden sich in dem Zustand, in dem sie vorgefunden wurden, d.h. nach den verschiedenen Nutzungen als Behelfsunterkunft und als Champignonzucht. Daher finden sich an den Wänden hauptsächlich Spuren der Nachkriegsnutzung, d.h. mit Musterrollen aufgebrachte Wandtapeten sowie Ta p e t e n r e s t e aus der Zeit der Wo h n n u t z u n g des Bunkers und ein pastellgrüner Spritzputz aus der Zeit der Pilzzucht. Die Leitungen und Schalter von Lüftung, Heizung und Strom sind erhalten, ebenfalls sind die Belüftungsmaschinen original. Zusätzlich befinden sich weitere Belüftungsmaschinen, Heizöfen und ein Notstromaggregat aus anderen Oberhausener Bunkern im Museum. Das ursprüngliche Mobiliar ist nicht mehr erhalten.

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Hauptgang im Bunkermuseum Foto: Š Bunkermuseum Oberhausen

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Geschichte vor Ort und Zeitgeschichte Zentraler Aspekt der Ausstellung ist die Erläuterung der Situation im Zweiten Weltkrieg am Beispiel Oberhausens unter Berücksichtigung der allgemeinen Zeitumstände. Analogien mit anderen kriegswichtigen Orten im Ruhrgebiet oder andernorts drängen sich allenthalben auf. Im Oberhausener Osten, an der Stadtgrenze zu Essen, wo der „Knappenbunker“ errichtet wurde, lebten vorwiegend Arbeiter mit ihren Familien, die bei der Gutehoffnungshütte (GHH) beschäftigt waren. Unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 riefen die Nationalsozialisten staatliche Luftschutzmaßnahmen ins Leben. Diese bestanden aus aktiven militärischen Maßnahmen wie Luftraumüberwachung, Abfangjägern und Flak sowie aus passiven Warn- und Schutzsystemen. Der im April 1933 gegründete Reichsluftschutzbund organisierte Schulungen für ehrenamtliche Luftschutzhelfer und weitete diese seit 1935 zu einer grundsätzlichen Dienstpflicht für große Teile der Bevölkerung aus. Bis 1939 gehörten dem Reichsluftschutzbund über 13,5 Millionen Mitglieder an. Behörden, NSDAP-Ortsleitung, Polizei, Feuerwehr und medizinisches Personal bereiteten die Bevölkerung mit Luftschutzübungen und Verdunkelungsaktionen auf einen möglichen Ernstfall vor. Die erste Fliegeralarmübung fand in Oberhausen am 25. Mai 1937 statt. Fortan wurden entsprechende Kriegsvorbereitungen zum festen Bestandteil im Alltag der Oberhausener. Seit 1933 wurden systematisch Kriegsvorbereitungen getroffen. 1935 erfolgte die offizielle Gründung der Reichsluftwaffe. Zu ihrem ersten Einsatz kam diese im spanischen Bürgerkrieg, Deutschland sandte zur Unterstützung der Putschisten unter General Franco die Legion Condor nach Spanien, die am 26. April 1937 die baskische Kleinstadt Guernica bombardierte und dabei etwa 300 Menschen tötete. Guernica war die erste Stadt, die durch einen deutschen Luftangriff nahezu flächendeckend zerstört wurde.

Schleusengang vor dem eigentlichen Aufenthaltsbereich Foto: © Bunkermuseum Oberhausen

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Turbine der Belßftungsanlage des Bunkers Foto: Š Bunkermuseum Oberhausen

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Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Es folgten Angriffskriege gegen Dänemark, Norwegen, die Benelux-Staaten und Frankreich. Die gegnerischen Truppen wurden dabei nach dem Konzept des „Blitzkrieges“ in kürzester Zeit geschlagen. Die raschen Siege der Wehrmacht führten zu einer regelrechten Kriegseuphorie in der deutschen Bevölkerung. Victor Klemperer notierte damals, das deutsche Volk sei geradezu „berauscht“ und in seinen sittlichen Begriffen „verwirrt“: Hitler wolle ja nur, was Deutschland gehöre und im Übrigen habe er versprochen, Frieden zu halten. Der Sieg im Westen wurde als verdiente und rechtmäßige Wiedergutmachung für die Niederlage von 1918 und die „Schmach von Versailles“ begriffen und gefeiert. Den im August 1940 begonnenen Luftkrieg gegen England konnte die deutsche Luftwaffe nicht für sich entscheiden, eine Invasion Englands kam deshalb nicht in Frage. Die Bedrohung Deutschlands durch die britischen Bomber nahm jedoch zu. Dies führte zu einem Umdenken in Sachen Luftschutz auf deutscher Seite. Hatten bislang Pläne zum Luftschutz als zersetzend gegolten, galt es nun, den Unmut der Bevölkerung aufzufangen. Außerdem waren für die Kriegswirtschaft der Nationalsozialisten die Arbeitskräfte in der Kriegswirtschaft unverzichtbar, deren Schutz garantiert werden musste. Daher beschloss Hitler am 10. Oktober 1940 das „Führer-Sofortprogramm“, das Luftschutzmaßnahmen für 61 und dann noch einmal für 56 Städte umfasste, unter ihnen zahlreiche Orte im Ruhrgebiet. Ziel des Programms war es, gegen gegnerische Luftangriffe bombensichere Luftschutzräume für die Zivilbevölkerung zu bauen. Da das Programm nur zu einem geringen Teil umgesetzt wurde, blieb der Schutz der Menschen vor Luftangriffen

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begrenzt. Für Ärger sorgte jedoch weniger die Raumknappheit als der Verdacht der ungerechten Verteilung und der Bevorzugung von Familien von Angehörigen der NSDAP und ihrer Gliederungen. Von 1941 bis 1945 wurden in Oberhausen 17 Großbunker zum Schutz der Zivilbevölkerung errichtet. Beim Bau durch Oberhausener Firmen kamen auch holländische und belgische Zwangsarbeiter sowie französische Kriegsgefangene zum Einsatz. Auch einige Bunker des Werksluftschutzes standen für die Zivilbevölkerung zur Verfügung, ebenso Groß-Luftschutzstollen in den Abraumhalden, die von Industriebetrieben errichtet wurden. Neben diesen bombensicheren Bauwerken gab es noch über 200 in Selbst- und Nachbarschaftshilfe gebaute kleine und mittlere Bunker und Stollen, die aber keineswegs sichere Zufluchtsorte darstellten. Im Falle eines Luftangriffes oder wenn feindliche Flieger im Anflug waren, wurde die Bevölkerung in der Regel über Sirenen gewarnt. Da dann alles schnell gehen musste, schliefen viele in Straßenklei-

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dung. Das Bunkerhandgepäck, das die wichtigsten Dokumente wie Ausweise, Lebensmittelmarken und Wertsachen sowie Wechselkleidung enthielt, war stets griffbereit. Kam es zu einem Angriff, lie-

fen die Menschen damit zum nächstgelegenen Schutzraum. Die Häufigkeit der Luftangriffe nahm im Verlauf des Krieges stetig zu. Musste die Bevölkerung 1940 nur gelegentlich Schutzräume aufsuchen, so war etwa seit Ende 1942 kaum mehr ein geregeltes Leben möglich. Oft griffen Flugzeuge mehrmals täglich das Ruhrgebiet an, so dass insbesondere ältere und kranke Personen länger in den Schutzräumen blieben. Auch variierte die Dauer der Angriffe stark. Auch wenn sich mit Kriegsbeginn die Lebensqualität der Menschen in Deutschland verschlechterte, sollte eine friedensähnliche Kriegswirtschaft die Auswirkungen auf die „Heimatfront“ abfedern – die Angst der Nationalsozialisten vor einer Revolution wie im November 1918 machte sich hier bemerkbar. Dennoch kürzte die „Kriegswirtschaftsverordnung“ seit Herbst 1939 die Löhne und strich viele Zuschläge. Grundnahrungsmittel waren nur noch über Lebensmittelkarten zu bekommen. Allen Maßnahmen zum Trotz war die „Heimatfront“ in den Krieg einbezogen, denn je länger der Krieg dauerte, desto mehr wurde das Reichsgebiet zum Kampfgebiet. Die seit 1942 zunehmenden Luftangriffe bestimmten den Kriegsalltag der Menschen auch in Oberhausen. Verdunkelung, Luftalarm und längere Aufenthalte in Luftschutzräumen wurden zur Gewohnheit. Propagandamaßnahmen sollten in dieser Situation die Opferbereitschaft der Bevölkerung mobilisieren. Plakate,

Links: Raum-Durchblick Unten; Broschüre: Fliegen, Deutsches Schicksal, Berlin 1941. Es handelt sich um eine Propagandaschrift an die Deutsche Jugend Oben: Aus der Broschüre: Fliegen, Deutsches Schicksal. Die „schicksalhafte Bedeutung der Fliegerei für das deutsche Volk“ sah ab 1943 völlig anders aus, als es in dieser Propagandaschrift gedacht war Fotos: © Bunkermuseum Oberhausen

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Alte Stromversorgung im Bunker Foto: Š Bunkermuseum Oberhausen

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Flugblätter und Nachrichten vermittelten ein zensiertes Bild vom Krieg und ließen die meisten Deutschen trotz Luftangriffen und Entbehrungen nicht am Regime zweifeln. Durchhalteparolen prägten die letzten Kriegsmonate.

Links: Englisches Flugblatt, undatiert Foto: © Bunkermuseum Oberhausen Rechts: Zerstörte Gebäude in Oberhausen-Ost, undatiert (nach 11.4.1945) © Rolf Kempkes

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Bis zur vollständigen Befreiung Oberhausens am 11. April 1945 durch amerikanische Truppen wurden insgesamt 161 Luftangriffe auf die Stadt geflogen. Dabei wurden schätzungsweise 11.100 Luftminen, 25.000 Sprengbomben, 39.000 Phosphorbomben und 356.000 Stabbrandbomben abgeworfen. Die Auswirkungen der Angriffe waren fatal, auch wenn die Schäden in Oberhausen im Vergleich zu seinen Nachbarstädten geringer waren: 40% aller Gebäude in der Stadt wurden beschädigt oder zerstört. Nur 7% von insgesamt 53.200 Wohnungen blieben unbeschädigt. 8.500 Unterkünfte waren total, 15.000 schwer und 24.000 leicht beschädigt. Es gab Tausende Bombentrichter im Straßennetz und auf den Straßen lagen 1,3 Mio. m³ Schutt. 16 Straßen- und 21 Eisenbahnbrücken waren beim Näherrücken der Front von der Wehrmacht gesprengt worden. Durch Bombenangriffe und Artilleriebeschuss am Kriegsende starben insgesamt um die 2.200 Menschen in Oberhausen, darunter über 500 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.

Wer sich die unterschiedlichen thematischen Perspektiven in der Ausstellung vergegenwärtigt, wird auf Zitate aus Interviews mit deutschen und britischen Betroffenen des Luftkriegs aufmerksam werden. Durch sie wird die persönliche Dimension von Menschen in den Blick genommen, um die Erfahrung der Verheerungen, die der (Luft)Krieg auf beiden Seiten der Front verursachte, auf einer individuellen Ebene bewusst zu machen und ernst zu nehmen. Die Austauschbarkeit der Erfahrungen macht den transnationalen Charakter des Leids deutlich.

Vom „Blitzkrieg“ zum Luftkrieg Der Titel der Dauerausstellung steht dafür, wie im Bunkermuseum Oberhausen die Geschichte des Luftkriegs verstanden wird. Der Luftkrieg über dem Ruhrgebiet wird in den Kontext des von den Nationalsozialisten begonnenen Eroberungsund Vernichtungskriegs gegen fast ganz Europa gestellt. Der Luftkrieg begann folgerichtig nicht erst mit den Angriffen der Briten, später auch der Amerikaner auf Deutschland, sondern spätestens mit dem Überfall der Wehrmacht ab September 1939 auf Polen. Die erste vorsätzliche Zerstörung einer Stadt im Zweiten Weltkrieg traf die polnische Hauptstadt Warschau. Wie der damals 17-jährige, spä-


tere polnische Außenminister Władysław Bartoszewski berichtete, war er damals selbst in Warschau und musste erfahren, wie 20.000 polnische Zivilisten ums Leben kamen. Luftangriffe wie der auf Rotterdam am 14. Mai 1940, auf Coventry in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940, auf die City von London am 29. Dezember 1940 und viele andere belegen, dass das nationalsozialistische Deutschland im Rahmen des „Blitzkriegs“ auch vor dem Luftkrieg gegen Zivilisten nicht Halt machte. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde insbesondere durch die Luftwaffe die bis dahin typische Trennung von Heimat und Front aufgehoben. Reichspropagandaminister Goebbels notierte, London werde durch die deutsche Luftwaffe zum Höhlendasein zurückkehren. Die Luft-

schlacht gegen England 1940 kostete etwa 23.000 englische Zivilisten das Leben, davon etwa 14.000 allein in London. Spätestens ab 1943 sah sich Deutschland einer militärischen Übermacht gegenüber, die nun ihrerseits mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für erhebliche Totenzahlen unter deutschen Zivilisten und für massive Zerstörungen der Infrastruktur nicht nur von kriegswichtigen Städten verantwortlich war. Vor diesem Hintergrund macht die Chronologie der Ereignisse deutlich, wie wichtig die Kontextualisierung dieser Ereignisse für das Verständnis der damaligen Verhältnisse ist. Zugespitzt formuliert: ohne die nationalsozialistische Ideologie des Volks ohne Raum keine Expansion, ohne nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg kein Luftkrieg in Europa,

weder an der Ruhr noch andernorts im damaligen deutschen Staatsgebiet. Der am 18. Februar 1943 auf deutscher Seite jubelnd begrüßte „Totale Krieg“ hatte mit dem Luftkrieg nach den alliierten auch die deutschen Zivilisten erfasst.

Bunkermuseum Oberhausen im Bürgerzentrum „Alte Heid“, Alte Heid 13 46047 Oberhausen Info-Telefon: 0208-6070531-11 www.bunkermuseum-oberhausen.de


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Wirtschaftswunder – Deutsche Automaten der 50er- und 60er-Jahre Autor: Sascha WÜmpener, Deutsches Automatenmuseum

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Kaum ein anderer Zeitabschnitt der deutschen Geschichte war so prägend, so von grundlegenden Veränderungen bestimmt wie die Jahre nach 1945. Die Demokratie, die durch das Grundgesetz garantierten Rechte und die neue Wirtschaftsordnung veränderten das Land von Grund auf. Mit der Sonderausstellung „Wirtschaftswunder – Deutsche Automaten der 50er- und 60er-Jahre“ zeigt das Deutsche Automatenmuseum vom 10. Juni 2017 bis zum 23. Mai 2018 einmal mehr, wie spannend und faszinierend sowohl Politik- und Kultur-, als auch die Münzautomatengeschichte „Made in Germany“ ist. Die 1950er- und 1960er-Jahre gingen als Zeit des Wirtschaftswunders in die Geschichtsbücher ein. Die Soziale Marktwirtschaft, die Einführung der Deutschen Mark und das enorme und unerwartete Wirtschaftswachstum ließen die Bevölkerung nach den traumatischen Kriegsjahren optimistisch in die Zukunft blicken. Als Motor und Symbol für Fortschritt und wirtschaftlichen Erfolg etabliert sich der Münzautomat in diesen Jahren nahezu in allen Bereichen des Lebens in der Bundesrepublik. So verdeutlichen Warenautoma-

ten das steigende Konsumverhalten der Deutschen im Wirtschaftswunder, während die neu aufkommenden Geldspieler und Flipper eine neue Möglichkeit zur Freizeitgestaltung boten. Die Musikboxen brachten das moderne Lebensgefühl in die Kneipe und verhalfen nicht zuletzt dem deutschen Schlager zu seinem Erfolg. Das Plakat der Ausstellung ziert eine Fotografie Josef Heinrich Darchingers, die eine Bonner Straßenszene aus dem Jahr 1955 zeigt. Ein Haufen Lederhosen tragende Jungen versammeln sich mit ihren Tretrollern vor einer Hauswand, an der ein leuchtend gelber „Storck Riesen“-Au-

Oben: Einblick in die Sonderausstellung „Wirtschaftswunder - Deutsche Automaten der 50er- und 60erJahre“ Mitte: Besucher hat den Durchblick am Bildbetrachter Maxim aus Pfronten, 1955 Rechts: Museumsleiter Sascha Wömpener und Sammler Armin Gauselmann an der Musikbox Symphonie M80, 1957 Unten: Besucher haben Freude am Elektrisierer Elektra aus Bielefeld, 1956 Alle Fotos: © Deutsches Automatenmuseum

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tomat hängt. Einer von ihnen ist gerade im Begriff, seine 10 Pfennig in die allseits bekannte Süßigkeit zu investieren. Während um ihn herum alle vom Warenautomat gebannt scheinen, schaut allein der Junge mit der Münze in der Hand in die Kamera, als auf den Auslöser gedrückt wird. Neben dieser authentischen Momentaufnahme werden weitere Arbeiten Darchingers (1925-2013) gezeigt, der als Fotojournalist aus Bonn u.a. für den „Spiegel“ oder „Die Zeit“ arbeitete. Er begleitete mit seiner Kamera neben Persönlichkeiten aus der Politik den Alltag der Bevölkerung in der jungen Bundesrepublik. Mit seinem ausgeprägten Sinn für Ästhetik und dem Talent, diese in den kleinen Situationen des Lebens zu erkennen, ließ er Bilder entstehen, die die Zeit des Wirtschaftswunders in all ihren Facetten dokumentierten. Mit Hilfe eines Zeitstrahls ist es möglich, als Besucher der Ausstellung in die Vergangenheit zu reisen – von der Gründung der Bundesrepublik über das Erscheinen der ersten „Bravo“ bis hin zum ersten elektrischen Zigarettenautomaten Europas. Das Deutsche Automatenmuseum befindet sich auf dem Areal von Schloss Benkhausen in Espelkamp. Der Zugang zum Museum stellt sich für die Besucher als barrierefrei dar. Auf Wunsch bieten wir individuelle Führungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen an und stellen Gruppen auch gerne entsprechende Bestuhlungen zur Verfügung.

Öffnungszeiten: Di. - Fr. 10-17 Uhr Sa., So. und an Feiertagen 11-18 Uhr Weitere Informationen unter: www.deutsches–automatenmuseum.de Oder in den sozialen Netzwerken unter: www.facebook.de/deutschesautomatenmuseum www.instagram.com/deutschesautomatenmuseum


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