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Ausgabe 16

03 | 2014

http://www.museum.de

MAGAZIN M USEUM.DE

Deutsches Dampflokomotiv-Museum in Neuenmarkt 1


2014 AI T von der net h ic ausgeze

Mila-wall Acoustic. Bessere Akustik. Bessere Optik.

Gerade, wenn mehrere Besuchergruppen durch eine Ausstellung geführt werden, kommt es oft zu störenden Nebengeräuschen, die die Gruppen gegenseitig beeinträchtigen. Gut, dass es jetzt die neue Mila-wall Acoustic gibt. Die Stellwand wurde in Zusammenarbeit mit dem renommierten Fraunhofer-Institut IBP entwickelt, sieht so ansprechend aus wie eine Mila-wall, dämpft aber den Nachhall im Raum spürbar – und das wissenschaftlich belegbar.

acoustic.mila-wall.de


L

eicht soll er sein, der Museumsbesuch.

Als ich kürzlich Prof. Küster im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel besuchte, habe ich mir die Ausstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister angeschaut. Das, was ich dort in einem Ausstellungsraum beobachtet habe, kann man wohl als stille Auszeichnung für das Museum bezeichnen. Da sitzen drei Jungs im besten Flegelalter auf einer Bank vor einem Ge-

In diesem Heft: Louvre Lens – Transparenz de Luxe

mälde und fachsimpeln über das Meisterwerk, als wären sie international geschätzte Kunstkenner. Als Vater von zwei Söhnen aus eben derselben Kategorie kann ich diese Situation nur wertschätzen: Wenn ich ihnen den Museumsbesuch als getarnte Lernveranstaltung anbiete, lehnen sie kategorisch ab. Andererseits sind sie fast süchtig nach dem Quizduell auf ihrem Smartphone, bei dem sie gegen Freunde oder ihre eigenen Lehrer „spielen“. Nun kann ich hier kein Rezept für die „Leichtigkeit der Konzentration“ geben. Mancherorts jedoch ist sie einfach da, plötzlich inspiriert, scheinbar magisch.

Für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten ist ein Museumsbesuch alles andere als leicht. Davon betroffen sind auch Menschen, die nicht gut lesen können oder deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Im Jahr 2011 trat die ergänzte Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung BIVT 2.0 in Kraft, die fordert, dass Angebote der Informationstechnik auch in „leichter Sprache“ angeboten werden sollen. Im Artikel ab Seite 60 erläutert unsere Autorin Annette Stassen, warum das ein Thema für alle Bereiche in Museen ist. Herzlichst, Ihr Uwe Strauch

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App museum.de

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Forum Romanum Museum Schloss Wilhelmshöhe

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Licht und Schatten im Waldmuseum

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Das Bomann-Museum Celle

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stARTcamp Münster

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Seine Augen trinken alles – Max Ernst und die Zeit um den Ersten Weltkrieg

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MUSEUMSTREFFEN 2014

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14. DASA-Szenografie-Kolloquium 42 Gesetzgebung, Normen, Energie: 46 Neue Ausstellungsprojekte von Archimedes KARL LAGERFELD Parallele Gegensätze Fotografie – Buchkunst – Mode

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Museumsreif Leichte Sprache in kulturellen Einrichtungen

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Das Deutsche Dampflokomotiv- Museum in Neuenmarkt

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Lena Pralle (Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit), Prof. Dr. Bernd Küster (Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel), Uwe Strauch (Gründer museum.de) in der Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe, Museumslandschaft Hessen Kassel. Im Hintergrund: Peter Paul Rubens „Maria mit Jesus und Johannes, von reuigen Sündern und Heiligen verehrt“, um 1619. Foto: Mitarbeiterin des Museums

MAGAZIN MUSEUM.DE

Ausgabe Nr. 16

Herausgeber

Kurfürstenstr. 9

Telefon 02801-9882072

museum@mailmuseum.de

Druck: druckstudio gmbH

März 2014

Uwe Strauch, Dipl.-Inf. TU

46509 Xanten

Telefax 02801-9882073

www.museum.de

Vers.: Dialogzentrum Rhein-Ruhr

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Louvre Lens – Transparenz de Luxe Autor: Wolfgang Roddewig, ERCO Leuchten GmbH Auf den ersten Blick flach und unscheinbar sind die Ausstellungshallen der Louvre-Dependance in Lens. Fünf Baukörper reihen sich auf einer Länge von 360 Metern aneinander, eingebettet in einen Landschaftspark, der an die frühere Nutzung als Zechengelände erinnert. Lens, gelegen im Norden Frankreichs in einem ehemaligen Steinkohlerevier, befindet sich aufgrund des Strukturwandels im Bergbau in einem schwierigen Umfeld. Um dem wirtschaftlichen Abschwung entgegenzuwirken, wurde infolge der politisch gewollten Dezentralisierung vorgeschlagen, hier eine Louvre-Dependance zu gründen, einen „zeitgenössischen“ Louvre. Nach einem gewonnenem internationalen Architekturwettbewerb wurde der Louvre Lens dann von dem japanischen Architekturbüro SANAA realisiert.

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Die Architektur Während vergleichbare Museumsbauten zur Aufwertung von Orten (Guggenheim Museum Bilbao, Centre Pompidou Metz) oft mit solitärer, monumentaler Architektur Aufmerksamkeit erregen, präsentiert sich der neue Louvre Lens zurückhaltend und offen. Sensibel schafft der lichtdurchflutete Bau aus Stahl, Glas und Beton auf dem alten Bergwerksgelände einen Dialog mit der Umwelt.

Der Eingangsbereich, ein transparenter Glaskubus, demonstriert die Nähe und Offenheit, mit der sich das Museum den Bürgern präsentieren will. Die Verkleidung der anderen Gebäudeteile mit anodiertem gebürsteten Aluminium spiegelt die Umgebung verschwommen wieder. In die nach außen vollständig offene Halle mit schlanken, weißen Rundstützen sind gläserne Rundräume eingefügt, die als Buchladen, Cafeteria oder Workshop-Räume genutzt werden. Die Werkstätten des Museums, die sich im Untergeschoß befinden und durch die Glasfront einsehbar sind, gewähren den Besuchern einen Einblick in den Betrieb des Museums.


Ausstellungskonzept und –design Das Kernstück des Museums ist die „Galerie du Temps“. Als Galerie der Zeit im Wortsinn verzichtet sie auf auf klassische Ausstellungsgliederungen, etwa nach Regionen, Epochen oder Techniken. Vielmehr geht es darum, Exponate in Dialog zu setzen und auf der Zeitachse zu vergleichen, statt sie in statische Kategorien zu fassen. Durch dieses Präsentationskonzept ergibt sich ein Querschnitt dessen, was Menschen über Jahrtausende hinweg als schön empfanden. Dem Betrachter bleibt es überlassen, Muster und Gegensätze zu entdecken. Die offene Exponatlandschaft mit ihren Brüchen passt gut zur Idee eines Louvre in einem ehemaligen Bergbaurevier. Da die Ausstellung auf insgesamt nur 205 Kunstwerke reduziert ist, können auch Besucher, die sonst vielleicht nie ins Museum gehen, einen guten Überblick bekommen. Eine weitere Besonderheit der „Galerie du Temps“ besteht darin, daß die aluminiumverkleideten Wände nicht als Ausstellungsfläche konzipiert wurden. Die Exponate konzentrieren sich auf das Zentrum des Raumes. Das Ausstellungsdesign in der 125 Meter langen und 25 Meter breiten Haupthalle bricht also mit Gewohnheiten. Im Zentrum steht die Idee, immer alles offen zu lassen, innerhalb der Architektur keinen Raum neu zu bauen und den Objekten untereinander einen Dialog über 360 Grad zu ermöglichen.

Fotos: © Iwan Baan / @ERCO GmbH

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Foto: © Iwan Baan / @ERCO GmbH

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Neben der Grand Galerie gibt es zusätzlich einen Wechselausstellungsbereich, der jedoch „traditionell“ gestaltet ist, d.h. hier werden auch die Wände genutzt.

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Fotos: © Iwan Baan / @ERCO GmbH

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Dokumentation Gute Beleuchtung erkennt man daran, daß der Besucher wenig davon merkt und die Objekte dennoch gut im Detail erkennbar sind. Das Lichtkonzept im Louvre Lens leistet dies und der Betrachter kann sich auf die Kunst konzentrieren.

Optec LED-Konturenstrahler Das Lichtkonzept Schon das Architekturkonzept sah für die Beleuchtung zenitales Tageslicht vor. Da das Tageslicht jedoch starken zeitlichen Schwankungen unterliegt, muss es durch künstliches Licht unterstützt werden. Für die Beleuchtung des Louvre Lens wurde eine blendfreie Decke konzipiert, in der Tageslicht und Kunstlicht kombiniert verwendet wird. Dafür wurde ein System entwickelt, das das Tageslicht je nach Bedarf durch LED-Beleuchtung unterstützt und durch Lamellenrollos zusätzlich zu viel Sonneneinstrahlung verhindert – immer mit dem Ziel eines gleichmäßigen Lichtniveaus. Durch den kombinierten Einsatz von Tageslicht und LED-Strahlern lassen sich außerdem Energie und Kosten einsparen. Die vielfältigen Vorteile der LED-Leuchten treten in diesem Projekt deutlich

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hervor. Da sie ohne Verlust der Lichtqualität dimmbar sind, keine schädigende UV-Strahlung aussenden und durch ihren scharfen Rand deutliche Akzentuierungen ermöglichen, bieten sie eine harmonische Ergänzung des Tageslichts. Durch ihre geringe Größe und die schlichte, durch die Technik bedingte Formgebung entsprechen die LED-Leuchten von ERCO auch formal dem eleganten Architekturkonzept des Louvre Lens.

Doch ein Lichtkonzept muß viele Aspekte berücksichtigen. Daher hat ERCO mit den Projektbeteiligten Interviews durchgeführt und dies als Filmdokumentation veröffentlicht. - - -

Xavier Dectot, der Direktor des Lou vre Lens erklärt das Museumskonzept Jeff Shaw, Lichtdesigner im Büro Arup London, erläutert das Lichtkonzept Adrien Gardère, Museologe und Designer, war für die Ausstellungsgestaltung verantwortlich

Die Filme und weitere Erläuterungen können aufgerufen werden unter: http://www.erco.com/projcts/culture/louvre-lens-5853/de/ Fotos: © Iwan Baan / @ERCO GmbH

Verwendet wurden LED-Strahler und LED-Konturenstrahler aus der OptecStrahlerfamilie. Mit einer Leistung von lediglich 18W kann mit einem LED-Konturenstrahler selbst aus 5 Meter Entfernung noch ein Quadrat mit einer Kantenlänge von 1,50 Meter mit über 300 lx ausgeleuchtet werden.

Dr.-Ing. Wolfgang Roddewig Leiter Segment Museum Reichenberger Str. 113a 10999 Berlin w.roddewig@erco.com www.erco.com


Ich bin Architektin. Ich plane keine Gebäude. Sondern Orte, an denen Menschen sich wohlfühlen. Am Anfang eines Auftrages setze ich mich nicht in ein ruhiges Büro. Ich setze mich in das belebteste Café am belebtesten Platz der Stadt. Sehe die Menschen. Höre die Geschichten. Rieche den Duft. Fühle das Licht. Ich sitze da und warte, bis der Funke an meinen Tisch kommt. Er stupst mich an und sagt „So machen wir es. Genau so.“ Ich bin Architektin. Ich plane keine Gebäude. Sondern Orte, an denen Menschen sich wohlfühlen. Inspiration findet den, der sie sucht. Finden Sie Ihre Lichtlösung unter www.erco.com/inspirations

ERCO, die Lichtfabrik.


Wenn Texttafeln einfach nur stören ... Im Hintergrund ist der Kreuzgang vom St.Viktor-Dom in Xanten zu sehen, der über die geöffnete Holztür rechts eine direkte Verbindung mit dem StiftsMuseum hat. Der Dom und das Museum mit seinen Kirchenschätzen bilden eine Einheit. Mal ehrlich: Empfinden Sie den Text auf dieser Seite im ersten Moment nicht auch als störend? Man kann in Museen kaum auf Texttafeln verzichten; in vielen Häusern wird die Wissensvermittlung jedoch durch Audioguides ergänzt. Die kostenlose App von museum.de verwandelt das Smartphone der Besucher in einen Audioguide. Museumsmitarbeiter können die Tonspuren zum Museum direkt auf den Server von museum.de hochladen und zu jedem Hörbeitrag auch eine Bildergalerie mit Texten anlegen. Im Hintergrund sorgt museum.de dafür, dass die Inhalte sowohl online als auch offline auf dem vertrauten Smartphone der Besucher verfügbar sind. Die kostenlose mobile Texttafel Zurück zum Beispiel in Xanten: Gäste müssen hier außer in Deutsch auch in Niederländisch, Englisch und Franösisch informiert werden. Wie groß würden unsere Texttafeln werden, selbst wenn wir darauf alle Gäste nur mit dem nötigsten Text in ihrer Muttersprache versorgen würden? Die App von museum.de unterstützt nicht nur unbegrenzt viele Sprachen, sondern auch den Modus „Erwachsene“, „Kinder“ und „leichte Sprache“. Künftig wird die App auch Gebärdensprache unterstützen. Ohne hochgeladene Audiospur könnte man das System auch als mobile Texttafel bezeichnen.

Foto: © Uwe Strauch

Modus „Leichte Sprache“ integriert

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Die Startseite der App zeigt optional buchbare Promotion-Plätze für Ihr Museum und alle Ausgaben vom Magazin Museum.de als Vollversion. Weitere Informationen zur App erhalten Sie unter http://app.museum.de


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Forum Romanum – Eine Zeitreise durch Sonderausstellung vom 04. April – 27. Juli 2014 im Museum Schloss Wilhelmshöhe. Autorin: Lena Pralle

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3.000 Jahre Geschichte Lange wurden Pläne studiert, Ausgrabungen analysiert, Schriften erforscht und mögliche Exponate ausgekundschaftet. Am 04. April hat die Ausstellung Forum Romanum – Zeitreise durch 3.000 Jahre Geschichte nach intensiver Vorbereitung im Museum Schloss Wilhelmshöhe eröffnet. Die Schau führt den Besucher in die Vergangenheit des römischen Imperiums und macht die Geschichte der historischen Stätte erlebbar. Die Geschichte des Forum Romanum ist nicht nur lang, sondern auch voller noch ungelöster Geheimnisse. Bis heute erforschen Archäologen und Historiker die materiellen Überreste und zahlreichen schriftlichen Quellen, die von der Vergangenheit erzählen. Über Jahrhunderte hinweg war das Forum Romanum ein Ort, an dem die Geschichte Europas geschrieben wurde. Die Geschicke des Imperium Romanum wurden von hier aus gelenkt.

Links: Dr. Philipp Baas (links), wissenschaftlicher Volontär der Antikensammlung, und Arno Hensmanns, MHK-Fotograf, besprechen die Aufnahmen des Modells “Forum Romanum um 10 n. Chr.“ Modell entstanden in Teamarbeit an der Universität Erlangen-Nürnberg, 2005–2011 (180 x 120 cm) Antikensammlung des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Erlangen-Nürnberg.

Cicero, Cäsar und Augustus haben hier gewirkt. Nach dem Ende der Antike verfiel das Forum, nur noch Ruinen blieben zurück. In Form von Plänen, Modellen, verschiedenen Exponaten und historischen Ansichten, belebt die Ausstellung das Forum Romanum wieder. Gezeigt wird ein Querschnitt durch die Geschichte des ehemaligen Mittelpunktes Roms: als Ort von Ausgrabungen, als Ruinenlandschaft des 18. Jahrhunderts, verfallen während des Mittelalters, als Zentrum der antiken Weltstadt Rom zur Zeit des Augustus im Jahre 10 n. Chr. und als sumpfiges Tal, in dem nach römischer Überlieferung eine Wölfin die Zwillinge Romulus und Remus fand. Die Ausstellung in Kassel fasst die verschiedenen Epochen erstmals zusammen und stellt unter anderem einen Bezug zur Forscherleidenschaft der nordhessischen Landgrafen her. In fünf Abschnitten werden Besucher durch die Geschichte des Forum Roma-

Oben: Der Tempel der Dioskuren auf dem Forum Romanum, im Hintergrund der Tempel der Faustina Archiv Museumslandschaft Hessen Kassel Antikensammlung, Inv. Nr. A41335. Fotografie ca. 1885–1890

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Das Forum Romanum um 10 n. Chr., Antikensammlung des Instituts für Klassische Archäologie der Universität Erlangen-Nürnberg. Foto: Arno Hensmanns

num geleitet. Sie tragen die Überschriften Archäologie, Alterthümer, Campo vaccino, urbs marmorea, Roma condita und erzählen von den verschiedenen Epochen der Stätte, von den Anfängen bis in die heutige Zeit. Archäologie Dieser Bereich widmet sich der modernen archäologischen Forschung auf dem Forum Romanum seit den frühesten Grabungen. Hierbei wurden seitdem gewaltige Mengen von Erdreich bewegt. So wurde es möglich, die Monumente und Funde zu deuten und zu beschreiben. Unterschiedliche antike Anlagen, wie beispielsweise die Rednerbühnen (rostra) wurden erst durch die Grabungen entdeckt, andere Ruinen vieler großer Tempel waren niemals ganz verschüttet. Pläne, Ansichten und Fotos erklären die gesamte Grabungsgeschichte wie auch einzelne Monumente. „Alterthümer“ Auch zwei Hessische Landgrafen besuchten Rom: Landgraf Carl im Jahre 1700 sowie sein Enkel Landgraf Friedrich II im Jahre 1777. Der Abschnitt „Alterthümer“ versammelt acht der weltbekannten Kasseler Korkmodelle von Antonio Chichi, die Ruinen des Forum Romanum

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darstellen. Friedrich II. hatte sie während seines Aufenthaltes in Rom für das Museum Fridericianum bestellt. Den Modellen sind entsprechende Ansichten des Forum Romanum von Giovanni Battista Piranesi zugeordnet. Zusammen mit dem großen Rom-Plan des Giambattista Nolli entwirft die Ausstellung so ein Bild der Stadt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Kurze Zeit später beginnt die Epoche der Archäologie, die in Kassel mitbegründet wurde, als Friedrich II. die „Gesellschaft der Alterthümer“ ins Leben rief, nur wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Rom. Campo vaccino Zur Zeit des Besuches von Landgraf Carl trug das Gelände des antiken Forum Romanum den Namen „campo vaccino“, d.h. „Kuhweide“. In einige Ruinen waren zwar seit der Zeit des frühen Christentums Kirchen eingezogen, insgesamt wurde das Gelände aber bis in das 17. Jahrhundert genutzt, um Schafe und Kühe zu hüten. Die Atmosphäre dieser Epoche kommt in ausgewählten Exponaten zum Ausdruck. „urbs marmorea“ Dieser Abschnitt zeigt Illustrationen und Rekonstruktionen aus der archäologischen Forschung und vermittelt einen an-

schaulichen Eindruck von der Geschichte und dem alltäglichen Leben auf dem Forum Romanum zur Zeit des Augustus. Ein großes Flächen-Modell der Stadt Rom und ein detailreiches Architektur-Modell des Forum Romanum sowie verschiedene Exponate aus der Kasseler Antikensammlung laden den Besucher ein, durch die Straßen zu streifen und die prachtvollen Gebäude zu besuchen. Roma condita Den Geburtstag ihrer Stadt feiern die Römer seit der Antike bis heute am 21. April. Im ältesten erhaltenen Kalender ist für diesen Tag eingetragen: Roma condita (Rom wurde gegründet). Schon in der Antike errechnete man das Jahr der Gründung: 753 v.Chr. Dem bekannten Mythos von der Wölfin, die Romulus und Remus nährt, ist der archäologische Befund am Beispiel der sogenannten „Hütte des Romulus“ aus der Eisenzeit auf dem Palatin gegenübergestellt.

Die Sonderausstellung „Forum Romanum – Zeitreise durch 3.000 Jahre Geschichte“ findet vom 04. April – 27. Juli 2014 im Museum Schloss Wilhelmshöhe statt. http://www.museum-kassel.de http://www.weltkultur-kassel.de


Licht und Schatten im Waldmuseum Autorin: Annette Stassen Fährt man, von Oslo kommend, Richtung Nordosten, durch ausgedehnte Wälder, vorbei an Seen, Wiesen und kleinen Ortschaften, gelangt man nach etwa 150 km in die Kleinstadt Elverum. Während des zweiten Weltkrieges, als die Königsfamilie hier auf der Flucht vor den deutschen Besatzern kurz Station machte, war sie norwegische Hauptstadt. Seither geht es in der ehemaligen Holzfällerstadt wieder eher beschaulich zu – wenngleich die Idylle eine zunehmende Zahl auch von internationalen Touristen anzieht... Im Städtchen angelangt, geht es noch ein Stück die Glomma entlang, bis man am weit überregional bekannten Anziehungspunkt Elverums angelangt ist: Das norwegische Forstmuseum ist seit seiner Gründung im Jahr 1954 eines der meistbesuchten Museen Norwegens.

Naturliebhaber und Biologen, Abenteurer und Waldbeseelte zieht es seit jeher nach Norwegen. Die „Schweiz des Nordens“ zeigt sich in der Provinz Hedmark besonders reizvoll. Riesige Föhrenwälder, Wildnis und Hochebenen wechseln einander ab. Nur hier im Østerdalen, dem größten Tal Südnorwegens, finden sich Elche und Wölfe, Rentiere und Bären, Luchse und Adler in einem gemeinsamen Habitat – und die letzten Vielfraße Norwegens. Wirtschaftlich ist die Gegend bis heute durch Forstwirtschaft geprägt. Wer hierher kommt, womöglich nach einer Wanderung durch die üppigen Wälder schon voller Eindrücke, und genauer wissen will, was er denn da gesehen hat oder eben auch: was da, aber verborgen geblieben ist, der findet ganz natürlich den Weg ins Norsk Skogmuseum. Das Waldmuseum am Solørvegen beherbergt Sammlungen zur Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei. Eine Brücke über den Fluss verbindet das Gelände mit dem 1911 gegründeten Glomdalsmuseum, das unter freiem Himmel eine Sammlung von Häusern aus dem Glomma-Tal zeigt. Alltagsnah und anschaulich, sind die bei-

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den Museen beliebt bei einheimischen wie auswärtigen Besuchern; unbestrittene Lieblinge in der Innenausstellung sind die Tierpräparate.

von 120 bis 150 Tieren, die streng geschützt ist. Einem der scheuen Einzelgänger und Langstreckenläufer in der Natur zu begegnen, ist nahezu aussichtslos.

Tiere, die sonst so auf der Hut sind vor ihm.

Dem Scheuen ganz nah

Ganz Zartbesaitete mag es zunächst ein wenig schaudern, doch auf der so menschlichen Suche nach Faszination wird am Ende auch der Romantiker gewissermaßen pragmatisch und lässt sich, jeden Gedanken an „haltbar gemachte Tierkörper“ oder gar „Ausstopfen“ beiseiteschiebend, fesseln von der packenden Ausstrahlung der Exponate.

Das geradezu phantastische Erlebnis ist sowohl der Handwerkskunst der Präparatoren zu verdanken als auch der meisterlichen Ausleuchtung der Inszenierung durch den vielfach ausgezeichneten norwegischen Lichtdesigner Lorang Brendløkken.

Selbst auf ausgedehnten Streifzügen durch die Wälder gehört immer auch ein bisschen Glück dazu, ihre eindrucksvollsten Bewohner zu Gesicht zu bekommen; bei den ganz Scheuen hat man als Wanderer kaum eine Chance. Umso beeindruckter zeigen sich Erwachsene und Kinder, Forschergeister wie Naturschwärmer, von den kunstvollen Präparaten im Waldmuseum. Wer hat schon je einem Vielfraß gegenübergestanden? Selbst sprachlich, als naserümpfend verliehenes Attribut, hat er nahezu ausgedient… In der Tierwelt ist die Lage ernst: Das kräftige marderartige Tier, eher einem Bären als seinen vergleichsweise possierlichen Verwandten gleichend, ist im nördlichen Mitteleuropa schon lange ausgestorben. Nur in Norwegen gibt es noch eine kleine Population

Präpariert, ja, das ist es, dieses Wesen da vor ihm; das klingt hübscher, lenkt ab vom Tod und trifft es doch auch. Das Tier ist präpariert für die Ewigkeit, mindestens nun aber erst einmal für die Begegnung mit dem Menschen. Der lässt sich, auch jenseits von Wissensdrang und naturkundlichem Interesse, gern einfangen von der Vorstellung, dabei zu sein, wo der Mensch eigentlich nicht dabei sein kann, zu sehen, was die Natur ihm verbergen wollte. Er hat sie ein bisschen überlistet und steht nun inmitten scheuer

Wer hat’s gemacht?

Tierpräparate stellen Lichtdesigner vor eine große Herausforderung. Das einstmals lebendige Subjekt ist erstarrtes Objekt und soll doch leibhaftig, atmend, womöglich noch beseelt wirken; Mimik und Haltung eines Augenblicks müssen genügen, facettenreiche Körpersprache erahnen zu lassen. „I wanted to make the animals seem alive …“ Brendløkken nutzte Lichtleitfasern von Roblon, um wie mit feinstem Pinselstrich das wechselvolle Spiel von Licht und

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Schatten in der Natur nachzuahmen. Respekt vor dem Objekt und eine feine Wahrnehmung sind neben meisterhafter Beherrschung der Technik Zutaten der kreativen Leistung des Künstlers. Ausgehend vom Gesicht – „the most difficult part to light, especially the eyes“ –, wurde buchstäblich in Millimeterarbeit Licht „aufgetragen“. Wirken die Augen lebendig, ist die Wahrnehmung des Betrachters bereit, sich dem animierten Gesamteindruck weiter zu öffnen. Die geschickte Platzierung von Endlicht-Lichtleitfasern und teils fokussierenden, teils streuenden optischen Vorsät-

zen, alle Vorteile der biegsamen Fasern nutzend, schafft so beeindruckende Szenen. Der Designer malt mit dem Licht und erzeugt Stimmungen; so entstehen Bewegung und Ausdruck, wo kein Leben mehr ist, ein Augenblick scheint eingefangen und zieht den Betrachter in den Bann, dessen Phantasie wandert…

Lichtdesign: Lorang Brendløkken, www.lorangb.no Installation: AVAB, www.avab-cac.no Fotos: © Arnfinn Johnsen, www.fotograf-johnsen.no Weitere Fotos: www.roblonlighting.com

Auch der nüchterner gestimmte Besucher, eher morphologisch oder anatomisch interessiert als träumerisch entrückt, kommt auf seine Kosten; die Beleuchtung erfasst ebenso kreativ wie präzise sowohl das Wesen als auch die Gestalt des so seltenen Gegenübers.

Roblon Lighting Roblon A/S 9900 Frederikshavn - Dänemark E-Mail: info@roblon.com Kontakt: Stefan Lendzian Telefon: +45 9620 3300 www.roblonlighting.com


Eine besonders leise, kompakte, vielseitige und extrem energieeffiziente Lichtgeneratorserie von Roblon. Reduziert den Energieverbrauch um mindestens 63 % im direkten Vergleich zu Halogen-Generatoren bei gleicher Lichtleistung. Diese Produktserie ist bereits in vielen bedeutenden nationalen und internationalen Museen zum Einsatz gekommen.

• Dimmbar • Warm- und neutralweißes Licht • Hohe LED-Qualität mit CRI 90+ • Austauschbares LED-Modul • Extrem lange Lebensdauer • Einfache Handhabung • 1:1 anwendbar bei existierenden Glasfaserreferenzen • Ideal für viele funktionelle Lichtlösungen, zum Beispiel in Vitrinen

„Wir lieben die Beschäftigung mit winzig kleinen Details. Der Gesamtentwurf muss absolut zuverlässig sein, dann bringen die kleinsten Details das Ganze zum Lächeln.“ Steffen Schmelling | Schmelling Industriel Design

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Das Bomann-Museum Celle Autorin: Hilke Langhammer

Foto: Š Fotostudio Loeper, Celle

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Die kleine aber feine Celler „Museumsinsel“ am Schlossplatz strahlt! Hier, mitten im Stadtzentrum, präsentieren drei Museen ihre Sammlungen: Das Bomann-Museum Celle ist eines der größten und bedeutendsten kulturgeschichtlichen Museen in Niedersachsen. Es zeigt seit über 100 Jahren umfangreiche Sammlungen zur niedersächsischen Volkskunde und zur Celler Regional- und Stadtgeschichte. Direkt nebenan bietet das Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon als erstes 24-Stunden-Kunstmuseum der Welt bei Tag und Nacht Begegnungen mit moderner und zeitgenössischer Kunst. Gegenüber macht das Residenzmuseum im Celler Schloss in einem der schönsten Welfenschlösser Hofgeschichte und -geschichten lebendig.

Seit Ende 2013 präsentiert sich nun nach vierjähriger Umgestaltungszeit das Bomann-Museum völlig neu. Die Kuratoren des Hauses haben gemeinsam mit der Agentur Homann Güner Blum – Visuelle Komunikation in Hannover alle Dauerausstellungen überarbeitet und dabei auch inhaltlich neue Wege beschritten. Auf die Beibehaltung der alten Abteilungen Volkskunde, Stadtgeschichte, Handwerks- und Industriegeschichte sowie Textilgeschichte wurde verzichtet, um ein modernes, an die heutigen Konsum- und Lerngewohnheiten angepasstes Ausstellungskonzept zu ermöglichen. Anstatt die Exponate für sich selbst sprechen zu lassen, zielen die Ausstellungen darauf, menschliche Lebensformen zu beschreiben und rücken so den Menschen in der Vielfalt und Veränderlichkeit seiner Erfahrungen, seiner Verhaltens- und Ausdrucksweisen in den Mittelpunkt. Ganz konkret geschieht dies durch lebendige Inszenierungen, die von Szenographen geschickt ins Bild gerückt wurden und mithilfe von zahlreichen Film- und Hörstationen, in denen die Menschen mit ihren Biographien zu Wort kommen.

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Foto: © Fotostudio Loeper, Celle

Celle und sein Umland – Eine Reise durch die Zeit Ein chronologischer Rundgang führt in die Celler Stadtgeschichte ein. Anhand von herausragenden Daten der Geschichte werden die Ereignisse in Celle dargestellt – immer auch am Beispiel einzelner

Persönlichkeiten und deren Lebensgeschichte. Ergänzend nimmt ein Film die Besucher mit auf eine Rundreise durch den Landkreis, die viele Themen, Objekte und Geschichten der neuen Dauerausstel-

lungen vor Ort zeigt und mit zahlreichen Luftaufnahmen eine neue Perspektive auf die Region bietet.

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Rauch, Gestank und Plackerei – Das Bauernhaus Ein neues Gesicht haben das seit Gründung des Museums eingebaute niederdeutsche Bauernhaus und das angrenzende „Bienenzimmer“ erhalten. Inszenierungen in der Diele, den Stallungen und im Flett machen typische, dort stattfindende Arbeiten wie Dreschen, Kochen oder Schlachten anschaulich. In der Essecke kommen Gerichte, die im 19. Jahrhundert den Speiseplan bereicherten, appetitlich angerichtet auf den Tisch. Eine geschickte Lichtführung unterstreicht den Charakter des Hallenhauses, in dem sich Wohnräume, Stallungen und Erntebergungsraum unter einem Dach befinden. Die Herdstelle mit dem offenen Feuer bildet den Mittelpunkt des Hauses. Rechts: Leistung, Streik und Gastarbeit – Perspektiven der Arbeit Fortschritte in Technik, Wissenschaft und Wirtschaft prägen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert auch Celle und sein Umland. Die Entdeckung fossiler Rohstoffe, Erfindungen und Forschergeist verändern Produktionsverfahren und Arbeitsweisen, Mobilität und Kommunikation. Am Beispiel einzelner Unternehmen aus der Region Celle werden Veränderungen von Arbeitsplätzen sowie Arbeits- und Lebensbedingungen von Handwerkern und Arbeitern veranschaulicht, Voraussetzungen für Unternehmertum und Umsatzsteigerung skizziert und das Ringen der Gewerkschaften um bessere Arbeitsbedingungen sowie die Bedeutung von Arbeitslosigkeit thematisiert. Heide – Honig – Hightech: Eine Region im Wandel Vorstellungen von einem idyllischen Landleben bestimmen bis heute das Bild vom Bauern. Die Realität besteht jedoch bis ins 19. Jahrhundert hinein aus schwerer körperlicher Arbeit und der Abhängigkeit von verschiedenen Dienstherren. Erst die Agrarreformen führen zur Aufhebung der alten Strukturen. Die von England ausgehende Mechanisierung verändert die Arbeitsprozesse. Globale Märkte schaffen heute neue Abhängigkeiten und Verflechtungen, der Landwirt wird zum Unternehmer.

Fotos: © Fotostudio Loeper, Celle Foto unten links: © Joachim Giesel, Hannover

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Fotos: © Fotostudio Loeper, Celle

Nicht von hier? Migration und Integration im Celler Land Wanderungen unterschiedlicher Art bestimmten und bestimmen die Schicksale vieler Menschen in Vergangenheit und Gegenwart in der Region Celle. Bis heute sind Stadt und Landkreis Celle von Menschen geprägt, die zu unterschiedlichen Zeiten – freiwillig oder unter Zwang – hierher kamen und geblieben sind. Am Beispiel der hugenottischen Glaubensflüchtlinge des 17. Jahrhunderts, der Flüchtlinge und Vertriebenen, die in Folge des Zweiten Weltkriegs in die Region verschlagen worden sind, und der êzidisch-kurdischen Flüchtlinge in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden Erfahrungen mit Heimatverlust und dem Einleben in der Fremde zu unterschiedlichen Zeiten gezeigt. Dabei kommen die Menschen immer auch persönlich zu Wort, in zahlreichen Interviews und mit persönlichen Erinnerungsstücken, die dem Museum zur Verfügung gestellt wurden.

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Foto: Bomann Museum Celle

Elterleiner Straße 62-64 09468 Geyer Tel.: (037346) 6376 Fax: (037346) 93807

Optimal geschützt – durch unser Handwerk. Elegante Vitrinenbaureihe mit passiver Klimatisierung.

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Fotos: © Fotostudio Loeper, Celle

Gemalt, besungen, bereist – Die Entdeckung der Heide Hier wird der Blick auf die Lüneburger Heide gerichtet – auf ihre Entdeckung durch Reisende, Künstler und Literaten und auf ihre Erschließung durch Ausflügler und Wanderer. Bis ins 19. Jahrhundert gelten die Heideflächen zwischen Elbe und Aller als öde und trostlos. Erst mit dem Wachsen der Städte und Industrien ändert sich der Blick. Die Schilderungen Hermann Löns‘ machen die Landschaft berühmt. Sein Heidebild zieht zahlreiche Natursuchende in die Region, der Tourismus kommt in Fahrt. Die Dichter der Heide – neben Hermann Löns darf da auch Arno Schmidt nicht fehlen. Durch ihn hat die Heide einen Platz in der Weltliteratur gefunden. Ein Teil der Ausstellung ist daher diesen beiden Literaten gewidmet, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber nicht nur Schriftsteller entdecken ab dem 19. Jahrhundert die Schönheit der Heide. Auch in der Malerei spüren Künstler der Strahlkraft dieser Landschaft nach – repräsentiert durch zwanzig Gemälde aus 150 Jahren.

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Und noch mehr… Weiterhin zeigt das Museum historische und kulturgeschichtliche Sonderausstellungen und Präsentationen moderner Kunst. Ob Schulklassen-Besuche, Werkstatt-Kurse, Kindergeburtstage, Künstler-Workshops oder Führungen: Das museumspädagogische Programm der Abteilung „Bildung und Vermittlung“ bietet ein breitgefächertes Veranstaltungsprogramm. Darüber hinaus finden ganzjährig Vorträge, Lesungen, Filmabende und vieles mehr statt, die die Sonderund Dauerausstellungen ergänzen und bereichern. Das Museums-Café in der ehemaligen Hofapotheke und schöne Innenhöfe, die bei Veranstaltungen einbezogen werden, runden das Angebot ab.

Bomann-Museum Celle Museum für Kulturgeschichte Schloßplatz 7 29221 Celle Tel. 05141 / 12 372 (Verwaltung, Mo – Fr 08.00–16.00 Uhr)

Tel. 05141 / 12 544 (Museumskasse, Di–So 10.00–17.00 Uhr) E-Mail bomann-museum@celle.de www.bomann-museum.de Öffnungszeiten: Di – So 10.00–17.00 Uhr


Mobile Webshop/Mobile Ticketing/Neue Zielgruppen

Das Mobile Plus Gerade jetzt planen viele Museen, Science Center und Kulturstätten die Einrichtung von Mobile Webshops für Tickets und für Museumsartikel. Dabei geht es um drei Dinge: Um die Flexibilisierung und Entlastung der Kassen. Um den Verkauf auch außerhalb der Öffnungszeiten. Und um einen zeitgemäßen öffentlichen Auftritt mit Erhöhung der Attraktivität sowohl für jung gebliebene alte wie für neue jüngere Zielgruppen. Basierend auf dem permanenten Erfahrungsaustausch mit den Kunden hat Beckerbillett für die bekannte Verwaltungssoftware TOPII ein Modul für Mobile Webshops entwickelt. Dieses Modul hat sich bereits im Alltag bewährt und lässt sich von jedem Smartphone oder Tablet aus nutzen. Gern stehen wir mit weiteren Informationen zu Ihrer Verfügung. Beckerbillett GmbH · Tel. +49 (0) 40-399 202-0 dtp@beckerbillett.de · www.beckerbillett.de

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Das erste stARTcamp in Münster findet im LWL-Landeshaus statt. Foto: © Arendt/LWL

Münster bekommt ein eigenes stARTcamp Kunst und Kultur im virtuellen Raum. Autorin: Michelle van der Veen Am 29. März findet zum ersten Mal ein stARTcamp in Münster statt. Das erfolgreiche Format, das seit 2010 an wechselnden Orten in Deutschland und Österreich realisiert wurde, lädt nun alle Kulturschaffenden aus Münster, dem Münsterland und ganz Deutschland zu einem Tag rund um das Thema „Kunst und Kultur im virtuellen Raum“ ein. Als Auftakt aller stARTcamps 2014 verspricht es viele Anregungen und einen intensiven Austausch für Kulturschaffende, die sich mit dem Thema der virtuellen Möglichkeiten von Kultur beschäftigen.

Ins Leben gerufen wurden die stARTcamps bereits 2010 von startconference e.V., dem Veranstalter der bekannten stART-Konferenzen. Da Konferenzen nicht nur ein festes Thema und feste Sprecher haben, sondern auch auf Grund des großen Aufwandes nicht öfter als einmal im Jahr realisierbar sind, entstand mit den stARTcamps eine attraktive Alternative, die seit dem mehrmals im Jahr an verschiedenen Orten stattfindet. Zudem spricht ein stARTcamp eine viel breitere Teilnehmerzielgruppe an und ist mit den

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sehr preiswerten Tickets im Vergleich zu einer großen Konferenz auch für jeden zugänglich. Im Unterschied zu einer klassischen Konferenz folgt das stARTcamp dem amerikanischen Barcamp-Prinzip und wendet sich bewusst von einer starren, teils ermüdenden Vortragenden-Zuhörer-Trennung ab. Ziel ist eine partizipatorische, offene Tagung, die sich ganz nach den Bedürfnissen ihrer Teilnehmer richtet. Jeder hat die Möglichkeit eine Session zu seinem Wunschthema anzubieten. Morgens entscheiden alle Teilnehmer gemeinsam, welchen Fragen sie sich widmen wollen. Ziel ist dabei immer der Austausch mit Kollegen, der im Arbeitsalltag der meisten Kulturinstitutionen oft zu kurz kommt. Bei dem stARTcamp dürfen und sollen Teilnehmer alles fragen und ansprechen: Wie war das nochmal mit Facebook? Welche Möglichkeiten bietet mir ein Tweetup für meine Kulturarbeit? Und was bedeutet Big Data wirklich? Der Tag dreht sich ganz um die Frage wie Social Media im Kulturbereich am besten zu Einsatz kommt. Von Workshops über Vorträge bis zu kritischen Diskussionsrunden rund um das Oberthema „Kunst und Kultur im virtuellen Raum“ kann alles statt-

finden, was die Teilnehmer sich wünschen und vorschlagen. Aus diesem Grund richten sich stARTcamps auch nicht nur an Museums- oder Theatermitarbeiter, sondern auch an Freiberufler, Selbstständige, Künstler, Studenten, Buchhändler, Verleger und Agenturen. im Vordergrund steht, im Gegensatz zu einer klassischen Konferenz, der Austausch mit Kollegen unterschiedlichster Fachrichtungen. Es ist auch schon vorgekommen, dass auf stARTcamps offene Stellen erfolgreich besetzt wurden. Mit dem Hauptsponsor, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), hat das stARTcamp Münster einen starken Partner gefunden, der sich den Anforderungen der virtuellen Zukunft gegenüber offen zeigt. „Museen sind schon lange keine reinen „Verwahr- oder Sammlungsorte“ mehr. Vielmehr müssen sie, um attraktiv und serviceorientiert zu sein, am Puls der Zeit agieren und den Kontakt mit den Besucherinnen und Besuchern suchen. Dabei ist das stARTcamp eine interessante Möglichkeit, um über neue Herangehensweisen und Chancen der virtuellen Zukunft zu diskutieren“, so Dr. Barbara Rüschoff-Thale, LWL-Kulturdezernentin. Mit der Förderung vom ersten stARTcamp


Münster setzt der LWL als Träger von 17 Museen in ganz NRW ein Zeichen, wie wichtig es ist, in den sozialen Netzwerken und Plattformen aktiv zu sein und den offenen Umgang mit den neuen Herausforderungen an die Kulturarbeit zu suchen. Wenn das stARTcamp wie erwartet großen Zuspruch in Münster bekommt, wird es deshalb 2015 im neueröffneten LWL-Museum für Kunst und Kultur stattfinden. Eine nachhaltige Etablierung des Konzeptes im Münsterland ist von den Veranstaltern angestrebt, da es eine sehr breite Kulturlandschaft in der Region gibt. Eine umfassende Auseinandersetzung und intensive Nutzung der Möglichkeiten von Social Media ist jedoch noch nicht flächendeckend bei den Institutionen zu erkennen und soll mit der Veranstaltung gefördert werden.

Die Organisatoren der Veranstaltung: Sarah Gossmann, Jan Graefe und Michelle van der Veen (v.l.) vor dem Neubau des LWL-Museum für Kunst und Kultur Foto: © Judith Frey

Das stARTcamp in Münster bildet den Auftakt für das gut gefüllte stARTcamp-Jahr 2014. In NRW finden alleine drei der Veranstaltungen statt. Diese widmen sich aber bewusst unterschiedlichen Schwer-

punktthemen, da die einzelnen Camps sich ergänzen und ein Besuch in Münster nicht den in Dortmund ersetzen kann oder umgekehrt: Wer nicht in Münster war, kann das in Köln nicht nachholen. Mit den über das ganze Jahr verteilten Terminen (29. März -Münster, 14.-15. Juli - Dortmund und 27. September - Köln) liegen sie weit genug auseinander, um sich neben ihren Oberthemen den aktuellen Trends und kurzfristigen Entwicklungen der virtuellen Welt zu widmen. Am besten informiert und vernetzt werden 2014 demnach vor allem diejenigen sein, die sämtliche stARTcamps besucht haben. Weitere finden in München (10. Mai), Wien (24. Oktober) und Potsdam (NN. November) statt und werden definitiv eine Reise wert sein.

stARTcamp Münster Jan Graefe Gossmann - van der Veen GbR scms14@gmx.de http://startcampmuenster.wordpress. com/ https://twitter.com/stARTcampMS

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Seine Augen trinken alles – Max Ernst und Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl des LVR vom 23. Februar bis 29. Juni 2014 Autorin: Dr. Anne-Cécile Foulon

ten wie Delaunay, Macke, Klee, Picasso oder Matisse gegenübergestellt. Werke der von ihm kritisierten Künstler aus den Beständen des ehemaligen Städtischen Museums Villa Obernier kontrastieren mit diesen avantgardistischen Positionen. Die konservativ geprägte Ausbildung am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn sowie seine Faszination für ozeanische und afrikanische Kultobjekte werden thematisiert. Ebenso werden seine Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges anhand von Briefen dokumentiert. Ein exemplarischer Ausblick auf seine Kunst nach 1918 zeigt seine Entwicklung hin zu neuen Formen und Inhalten. Somit erschließt die Ausstellung wichtige Wegmarken der künstlerischen Entwicklung von Max Ernst in einem bedeutungsvollen Kontext mit internationalen Leihgaben. Die Sonderausstellung ist Teil des Verbundprojekts »1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg« des LVR-Dezernates Kultur und Umwelt mit anderen Institutionen, das an den Beginn des Ersten Weltkrieges erinnert. Begleitend zur Ausstellung werden darüber hinaus Veranstaltungen (Dada-Abend, Konzert, Modesalon), Führungen, Workshops sowie ein Sonderprogramm für Schulen angeboten. Die Termine und Themen werden auf der Museumshomepage www.maxernstmuseum.lvr.de sowie im Veranstaltungsprogrammheft bekannt gegeben. Max Ernst beim Anstrich einer Feldkanone, 1915, Fotografie aus dem Familienalbum von Philipp Ernst als Anhang zum Brief von Max Ernst an seine Mutter vom 15.5.1915, Privatbesitz

Im Jahr 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Die Sonderausstellung »Seine Augen trinken alles – Max Ernst und die Zeit um den Ersten Weltkrieg« im Max Ernst Museum Brühl des LVR beleuchtet die künstlerische »Inkubationszeit« des 1891 in Brühl geborenen Ausnahmetalentes in den 1910er und 1920er Jahren. Mit den poetischen Worten »Seine Augen trinken alles was in den Sehkreis kommt« charak-

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terisierte Max Ernst im Rückblick die vielfältigen Eindrücke, die er während seines Studiums an der Bonner Universität gesammelt hatte. Es werden Kunstwerke und Objekte präsentiert, die ihn beeindruckten und die er kritisch rezipierte. In der von Achim Sommer und Jürgen Pech unter Mitwirkung von Ljiljana Radlovic´ kuratierten Ausstellung werden eigenen frühen Werken Beispiele seiner damaligen Favori-

Dieses Ausstellungsprojekt wird durch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit ca. 270 Seiten. Preis an der Museumskasse: ca. 34 € Max Ernst Museum Brühl des LVR Comesstraße 42 / Max-Ernst-Allee 1, 50321 Brühl www.maxernstmuseum.lvr.de Tel +49 (0) 2232 5793 -0


die Zeit um den Ersten Weltkrieg

Pablo Picasso, Tête de femme (Frauenkopf), 1909, Nationalmuseum Belgrad, Š VG Bild-Kunst, Bonn 2014 Hof

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Max Ernst, Kampf der Fische, 1917, Aquarell auf Papier, 14 x 20,5 cm, Sammlung Dallas Ernst Š VG Bild-Kunst, Bonn 2014


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MUSEUMSTREFFEN 2014 Einladung für den 8. Oktober im Militärhistor Das Motto in diesem Jahr: „Der begeisterte Museumsbesucher“ Ein Museum sollte m.E. seine ganz eigene Ausstrahlung auf seine Besucher haben. Weil jeder Mensch für sich einzigartig ist, müsste doch prinzipiell das von den Mitarbeitern geführte Museum dann ebenso einzigartig sein. In einer Zeit, in der alle von zielgruppenspezifischer Ansprache reden, ist ein eigenes Profil der erste wichtige Schritt, um Menschen auf eine ganz unverwechselbare Art und Weise anzusprechen. In diesem Sinne wird auch das MUSEUMSTREFFEN 2014 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (MHM) an einem Ort mit einzigartigem Charakter stattfinden. Dazu möchte ich den amerikanischen Ar-

Foto: © Uwe Strauch

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chitekten Daniel Libeskind zitieren, der den Erweiterungsbau entwarf: „Ich denke, das Haus ist deshalb so attraktiv, wei es Militärgeschichte nicht glorifiziert, weil es sie nicht hinter den großen Kriegen versteckt. Das Museum bereichert die Menschen, indem es ihnen diese Stadt näher bringt, sie die verschiedenen Schattierungen ihrer Geschichte erleben lässt und dazu anregt, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Nach meiner Wahrnehmung fasziniert das Haus vor allem auch dadurch, dass es gar nicht nur diejenigen anspricht, die sich nur für Militärgerät oder Schlachten interessieren, sondern eher Familien, Kinder, eben die gesamte Breite der Gesellschaft. (...)“

Zum MUSEUMSTREFFEN 2014 am 8. Oktober möchte ich Sie auch im Namen der Mitarbeiter des MHM – allen voran der Direktor Oberst Prof. Rogg – herzlich einladen. Traditionell sind wieder acht Persönlichkeiten aus der Museums-Szene eingeladen, um in halbstündigen Redebeiträgen über ihre praktische Arbeit und Visionen im Bezug auf das Tagesmotto zu referieren. Lassen Sie uns voller Optimismus nach vorn schauen und uns austauschen, wie wir unsere Museumsgäste für den Besuch im „Wohnzimmer der Kultur“ begeistern können.


rischen Museum der Bundeswehr in Dresden Unser Dank gilt den Sponsoren:

Die Veranstaltung findet am Mittwoch, den 8.10.2014 am besucherfreien Tag des Museums statt. In den Pausen kann das komplette Museum mit seinen Ausstellungen kostenlos besichtigt werden. Zur Teilnahme sind ausschließlich Mitarbeiter aus Museen und der Sponsoren eingeladen. Die Referentenliste und das Anmeldeformular zur Teilnahme befinden sich aktuell unter http://treffen.museum.de. Für die ganztägige Teilnahme wird lediglich eine Bewirtungsgebühr erhoben, mit deren Begleichung eine erfolgreiche Anmeldung abschließt. Wir sehen uns in Dresden! Uwe Strauch

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14. Szenografie-Kolloquium in der DASA Wenn das Unsichtbare groรŸe Wirkung hat. Autor: Monika Rรถttgen, DASA Dortmund

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– Zur Topologie des Immateriellen

Referenten: Gregor Isenbort, DASA-Leiter / Marcus Starzinger, DASA / Gisela Staupe, Deutsches Hygiene Museum / Jacqueline Strauss, Museum für Kommunikation, Bern / Jörg Schmidtsiefen, Archimedes Exhibitions GmbH / Prof. Uwe R. Brückner, Atelier Brückner / Vera Franke / Anna Schäfers, Archimedes Exhibitions GmbH / Beat Hächler, Alpine Museum / Uwe Strauch, museum.de als Gast / Jan Paul Herzer, hands on sound GmbH / akustische Szenografie / Nicole Kober, Lichtplanungsbüro LDE Kober / Max Kuhlmann, hands on sound GmbH / akustische Szenografie / Marie-Paule Jungblut, Historisches Museum, Basel / Bodo-Michael Baumunk / Jennifer Santer, Miami Science Museum / Dr. Thomas Köhler, Berlinische Galerie / Dr. Christoph Rodatz, Bergische Universität / Tristan Kobler, Holzer Kobler Architekturen GmbH

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Das 14. Szenografie-Kolloquium in der DASA Arbeitswelt Ausstellung im Januar näherte sich einem eher flüchtigen Thema der Szenografie. Über 200 Experten aus Museumswissenschaft, Architektur und Ausstellungsgestaltung kamen an drei Tagen dem Wesen des Immateriellen auf die Spur.

Mehr als 20 Referenten und sechs Moderatoren von Workshops gingen der Frage nach, wie Ausstellungen ohne vermeintlich sinnfällige und zeichenreiche Objekte funktionieren. Erstmalig unter Leitung von DASA-Direktor Gregor Isenbort und in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Szenografie an der Fachhochschule Dortmund, namentlich Prof. Oliver Langbein, entstand in entspannt-kreativer Atmosphäre ein fruchtbarer Boden für viele Diskussionen und Gespräche rund um das, was Ausstellungen im Innersten zusammenhält. Der erste Tag legte das Fundament für die Beziehungssuche zwischen Objekten und ihrer Bedeutung. Aus eher akademischer Perspektive widmeten sich die Redner der manipulativen Kraft des Ausstellens, insbesondere bei abstrakten Themen. Wie geht eine Ausstellung zum Gerücht, zum Ritual oder zur Schönheit? Erst wenn die Szenografie in der Lage ist, einen Dialog zwischen Umgebung und Gegenstand zu initiieren und Dinglichkeiten und Zusammenhänge vorzuschlagen, gelingt das Begreifen des Immateriellen, so Isenbort in seiner Eröffnung: „Das Immaterielle zwischen dem Konkreten ist die Verbindung, ist der Baustein unserer Weltwahrnehmung“. So formen Ausstellungen Botschaften zu einer Geschichte. Wie wirken diese aber ästhetisch, räumlich und erzählerisch so, dass sie beim Empfänger ankommen? Workshops boten Experimentierfelder zum Ausprobieren der „Topologie des Immateriellen“. Ob Lichtmalerei, Assoziationsübungen oder das Erfühlen von Raum und Zeit: Das Szenografie-Kolloquium lebt immer wieder von der Partizipation und der Selbsterfahrung seiner Teilnehmer. Um dem Unsichtbaren im Gestus des Zeigens zu begegnen, stand der zweite Tag ganz im Zeichen konkreter Projekte. Orna Cohens „Dialog mit der Zeit“, ein interaktives Spiel mit dem Alter, Innovatives aus dem Stapferhaus im schweize-

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rischen Lenzburg oder die vielschichtigen Ausstellungsstrategien des Dresdener Hygiene-Museum fanden ein aufmerksames Publikum. Vom sinnhaften Rollenspiel bis zu opulenten Raummetaphern, von begehbaren Zahlenwelten bis zum „audience engagement“ reichen die vorgestellten Methoden, dem Abstrakten erlebnishaft zu begegnen. Einen „Big Bang“ aus New York landete am dritten Tag Mitchell Joachim, der laut „Rolling Stone“-Magazin zu einem der 100 Menschen gezählt wird, die Amerika noch ändern werden. Seine Utopien „organischer“ Architektur mittels Fleischzellen, Muskelmasse und Abfallprodukten sorgten für wahrhaft innovative Blicke über den Tellerrand der zentraleuropäischen Museums- und Ausstellungswelt. Praxisnahe Anregungen gingen auch von Vorträgen zur Rolle des Lichts in der Ausstellungsplanung oder zur Handfestigkeit von Klang und „Sound Design“ aus. Illustre Diskutanten wie Kurator Bodo-Michael Baumunk, Prof. Uwe R. Brückner, Beat Hächler vom Alpine Museum aus der Schweiz oder Jennifer Santer vom entstehenden und nicht weniger als 23.200 Quadratmeter großen Patricia und Philipp Frost Museums of Science in Miami sorgten für die Verknüpfung von Theorie und praktischer Arbeit. Offene Worte fand immer wieder Marie-Paule Jungblut vom Historischen Museum in Basel, die der musealen und der szenografischen Szene gleichermaßen oft genug den Spiegel vorhielt. Das Szenografie-Kolloquium hat Tradition und ist zum Meilenstein am Jahresstart geworden. Daher lohnt schon jetzt ein Eintrag im Kalender für 2015: Vom 21. bis 23. Januar 2015 lädt die DASA Arbeitswelt Ausstellung wieder in Kooperation mit der FH Dortmund Experten zum Dialog und zur Diskussion anlässlich der einzigen regelmäßigen deutschen Tagung zur Ausstellungsgestaltung in Museen ein.

Fotos © Andreas Wahlbrink, DASA Dortmund

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Gesetzgebung, Normen, Energie: Neue Autorin: Anna Schäfers

Bundespräsident Norbert Lammert bei der Eröffnung der Ausstellung im Deutschen Dom. © Archimedes Exhibitions

Archimedes hat sich in den fast zwanzig Jahren seiner Firmengeschichte vor Allem als Vermittler harter Wissenschaften hervorgetan. Doch wie präsentiert man als Ausstellungsmacher noch abstraktere Themen? Wir werden in diesem Essay verschiedene Strategien anhand von drei Ausstellungsprojekten aufzeigen: 1. Entwicklung einer zentralen Hauptattraktion als Klammer für das Ausstellungsthema. 2. Aspekte der Nutzung prägen das Gesamtbild. 3. Das Ausstellungsthema bildet die szenografische Klammer.

1. Parlamentarische Demokratie in Deutschland Der Deutsche Bundestag zeigt im Deutschen Dom am Gendarmenmarkt eine Geschichte der Demokratie in Deutschland. Die Ebene 1.1 präsentiert seit September 2013 in der „Parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland“ auf 560 Quadratmetern die folgenden Themen: Das Grundgesetz von 1948; Teilung und Einheit; Der Alltag der Abgeordneten; Institution Bundestag; Weg der Gesetzgebung.

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Diese Materie ist zunächst einmal eher trocken. Deshalb braucht es eine zentrale Hauptattraktion, die die Besucher das Thema erleben lässt, Relevanz schafft und sie motiviert, sich intensiv mit der Ausstellung zu beschäftigen. Hier ist das der Nachbau des Plenarsaals, wie er sich im Reichstagsgebäude findet. Er ist das Herz der Ausstellung durch seine Lage im Mittelpunkt der Ausstellung und erfüllt diese Rolle auch durch seine Gestaltung: Ob Bundestagsadler, blaue Sitze, Rednerpult oder Präsidentenplatz – der Saal ist in vielen Details dem Original im Reichstagsgebäude nachempfunden. Dazu ist er auch durch seine Nutzung eine Attraktion: Die Besucher können hier selber Parlamentssitzungen nachstellen. Die Besucher erleben den Plenarsaal ganz inhaltlich; sie tun, was auch Abgeordnete tun: Diskutieren und Abstimmen. Die Themen dazu können die Besucher selbst wählen. Demokratie wird so an Themen, die für die Besucher relevant sind, erfahrbar. Der gesamte Plenarsaal wird zum riesigen interaktiven Exponat und ermutigt die Besucher, auch die anderen Bereiche eingehend zu studieren.

Der nachgebaute Plenarsaal im Deutschen Dom, Berlin. © Archimedes Exhibitions


Ausstellungsprojekte von Archimedes

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2. NormenWerk Am 13. Januar 2014 hat im Deutschen Institut für Normung (DIN) in Berlin das „NormenWerk“ seine Eröffnung gefeiert. Die Ausstellung informiert über Normung und Standardisierung, sie erklärt den Nutzen von Normen. Ziel ist es, die Prozesshaftigkeit der Normung dem Besucher verständlich zu machen. Diese Bedingung macht die Ausstellung

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zu ihrem prägenden Element. Szenografischer Mittelpunkt ist eine Werkbank: Das DIN ist aus Initiativen der Industrie entstanden. Die Werkbank zieht sich durch den Raum und bietet Platz für wechselnde Exponate. So wie im Haus Normen für eine Vielzahl von Bereichen entwickelt werden, so können sich auch die Besucher immer wieder aktuelle Themen erarbeiten.

Szenografie und Exponate dienen durch Involvierung direkt dem Erkenntnisgewinn der Besucher. Beispiel dafür ist die DIN Treppe: Nebeneinander wollen zwei Treppen erklommen werden, doch nur eine entspricht der Norm, die sich an der Schrittlänge des durchschnittlichen Menschen orientiert. Im Prozess des Steigens bemerken die Besucher sofort, was das bedeutet; nur die genormte Treppe


lässt sich ohne große Konzentration erklimmen. Die Besucher erfahren so am eigenen Körper, dass die Normung nicht Selbstzweck ist, sondern sich am Menschen orientiert. Die Normausschüsse, die die tatsächliche Normungsarbeit leisten, haben im NormenWerk die Möglichkeit, ihre Leistungen für je sechs Monate zu zeigen.

Links: Die Werkbank im NormenWerk. © DIN/Kruppa Rechts Oben: Das NormenWerk lässt Objekte selber die Geschichte ihrer Normung erzählen. Rechts Unten: Energy in Motion – An der „Dropzone“ erfahren die Besucher, wie viel Energie für Produktion, Transport zum Kunden, Nutzung und Entsorgung von alltäglichen Produkten benötigt wird.

Fotos Rechts: © Archimedes Exhibitions.

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Der Eingangsbereich von „Energy in Motion“ samt Energielinien. Fotos: © Archimedes Exhibitions

3. Energy in Motion Der Energiekonzern TOTAL hat in Berlin in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs seine neue Konzernzentrale für Deutschland erhalten. In der 14. Etage des Tour Total wird im März 2014 die Ausstellung „Energy in Motion“ eröffnet. Unsere Vorstellungen von Energie sind sehr unterschiedlich. Was ist Energie überhaupt?

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Wie kann man sie in einer Ausstellung so darstellen, dass jeder die „Idee“ der Energie erkennt? Wir wissen: Energie ist überall, sie umgibt uns ständig, ist in Bewegung und hält in Bewegung. Deshalb haben wir diese Allgegenwart und Dynamik zur szenografischen Klammer der Ausstellung gemacht: Energy in Motion! Energielinien ziehen sich durch den ge-

samten Raum, über den Boden, die Wände und Decken. Auch die Exponate nehmen diese Linien auf, schwimmen im Energiefluss. Es entwickelt sich ein übergreifendes, für alle Besucher verständliches Gesamtbild, das den Ausstellungsbesuch zum immersiven Erlebnis macht. Die Energielinien umfließen die Themeninseln, die den Besuchern die Kon-


zentration auf jeweils ein Thema ermöglichen. Jede Insel vereint eine Kombination aus Hands-on Exponaten, Hör- und Videopräsentationen, Grafik und Originalexponaten. So werden die Besucher auf mehreren Ebenen und mit verschiedenen Mitteln angesprochen.

grund und unterstreicht so die Herausforderungen unserer Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und dass die globale Lage in Bezug auf steigenden Energiebedarf bei gleichzeitig steigender Bevölkerungszahl gar nicht ernst genug genommen werden kann.

Archimedes Exhibitions GmbH Saarbrücker Str. 24 10405 Berlin www.archimedes-exhibitions.de

Die Ausstellung hält das Thema Energie über die Szenografie immer im Vorder-

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KARL LAGERFELD Parallele Gegensätze 15. Februar – 11. Mai 2014 im Museum Folkwang Essen

Highlights der Ausstellung • Sieben Modezeichnungen für die Haute Couture-Kollektion von CHANEL FW 2013/14 • Haute Couture-Modelle für CHANEL Inszeniert auf einem Laufsteg nach dem Vorbild der Modenschau vom Oktober 2013 im Grand Palais, Paris • CHANEL - Then and Now Lagerfelds Blick auf das Modehaus Chanel, ein raffinierter Mix aus Fotografie, Zeichnung und Collage; die grafischen Blättern zeigen Kleider nach Entwürfen von Coco Chanel und Karl Lagerfeld; das gesamte Portfolio umfasst 60 grafische Blätter • Le Voyage d’Ulysse Ein über 16 Meter langer, ca. 2,5 Meter hoher Fotofries, inspiriert von dem Versepos des Homer; ein Rollenspiel mit Models, Freunden und Mitarbeitern Lagerfelds, u. a. mit Amanda Harlech, Sébastien Jondeau und Bianca Balti

Foto: © Museum Folkwang, Sebastian Drüen, 2014

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• The Glory of Water Fotoserie über die Brunnen von Rom, präsentiert als Daguerreotypien, d. i. nach dem Vorbild dieses historischen fotografischen Verfahrens • Historische Plakate von Ludwig Hohlwein, Lucien Bernhard u. a. Präsentiert als Maueranschläge wie zur Zeit ihrer Entstehung und als kostbare, von Sammlern und Museen gesuchte Einzelstücke; zusammengestellt zu vier Themengruppen: Männer, Frauen, Dinge, Plakate über Plakate • Coco 1913 – Chanel 1923 und Once upon a Time … Zwei von insgesamt fünf aufwendige Filmproduktionen, die im Kinosaal innerhalb der Ausstellung gezeigt werden; eine Hommage von Karl Lagerfeld an Gabrielle „Coco“ Chanel • 7L, Pop up-Store in der Ausstellung Eine „Filiale“ auf Zeit der von Karl Lagerfeld gegründeten Buchhandlung in Paris, 7 rue de Lille; das Sortiment wird von Karl Lagerfeld kuratiert und versammelt Veröffentlichungen aus seinen Verlagsunternehmungen 7L und L.S.D.


Fotografie – Buchkunst – Mode

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Vorwort und Dank: Dr. Tobia Bezzola, Direktor Museum Folkwang Wir freuen uns außerordentlich, dass die erste große Museumsausstellung Karl Lagerfelds im Museum Folkwang in Essen gezeigt werden kann. Der Glanz, die Pracht, der Luxus und das Raffinement haben im Ruhrgebiet gewiss nicht ihre angestammte Heimat. Es ist aber hier daran zu erinnern, dass ein solches Projekt für das Museum keineswegs einen programmatischen Paradigmen-wechsel bedeutet – weg von der hohen Kunst, hin zu Mode und Design. Das Gegenteil ist der Fall: Textilkunst bildet seit den Anfängen einen integralen Bestandteil der Sammlungen des Museum Folkwang, so wie auch angewandte Kunst, Design im weiteren Sinne. Die „Kunst in Handel und Gewerbe“ zu fördern und zu würdigen, war von Anbeginn ein zentrales Moment des Folkwang-Gedankens. Wenn wir also dem weltweit bekanntesten und bedeutendsten deutschen Designer eine Ausstellung widmen, führen wir damit schlicht eine Tradition weiter, deren Ursprünge sich unschwer im „Hagener Impuls“ von Karl Ernst Osthaus erkennen lassen.

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Das Museum Folkwang zeigt mit „Karl Lagerfeld. Parallele Gegensätze“ in Essen die weltweit erste große Museumsausstellung des international bedeutendsten deutschen Designers, die sämtliche künstlerischen Facetten des Modemachers präsentiert. Karl Lagerfeld arbeitete seit 1955 für renommierte Modehäuser wie Balmain, Patou und Chloé. Schon als künstlerischer Direktor von FENDI (seit 1965) wurde er schnell zu einem der wichtigsten Impulsgeber in der internationalen Modewelt. Mit CHANEL (seit 1983) führt er bis heute eines der wenigen großen Haute Couture-Häuser. Zudem bringt er unter seinem eigenen Namen aufsehenerregende Kollektionen auf den Markt (seit 1984). Karl Lagerfeld gilt als Perfektionist. Der rastlos Kreative hat sich stets neu erfunden: als Modemacher, Verleger, Fotograf und Sammler. Die Ausstellung im Museum Folkwang zeigt auf 1400 Quadratmetern die unerschöpfliche Ideenvielfalt des Gestalters Lagerfeld. Sie schließt damit an die Tradition des Museumsgründers Karl Ernst Osthaus‘ an, Kunst und Leben zu verbinden und die Grenzen zwischen freier und angewandter Kunst zu überwinden.

Durch 14 Ausstellungsräume zieht sich der Bogen von den glamourösen 90ern bis zur Gegenwart. Dabei lässt Lagerfeld sich regelmäßig von Künstlern wie Edward Hopper, Lyonel Feininger oder Literaten wie Oskar Wilde inspirieren. Mehr als 400 Exponate, darunter Zeichnungen, Fotografien, „Karlikaturen“, Bücher, Designobjekte und Filme, Bühnenbilder sowie natürlich aktuelle Haute Couture-Modelle aus der Herbst/Winter-Kollektion 2013/14 sind zu sehen, außerdem eine für Karl Lagerfeld typische Arbeitssituation sowie die Buchhandlung 7 L und L.S.D. in Paris, die der Designer zusammen mit Gerhard Steidl gegründet hat. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit Lagerfeld konzipiert und von Gerhard Steidl und Eric Pfrunder kuratiert.

Oben: Karl Lagerfeld Ausstellungsansicht im Museum Folkwang, 2014 Raum Frühe Arbeiten, Arbeitssituation von Karl Lagerfeld, © 2014, Karl Lagerfeld © Museum Folkwang, Sebastian Drüen, 2014 Rechts: Karl Lagerfeld Modezeichnung für CHANEL Haute Couture-Collection FW 2013/14 Buntstift, Schminke auf Papier 51 x 36 cm © 2014 Karl Lagerfeld


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Raum CHANEL Haute Couture-Mode, CHANEL 2013 Modezeichnungen, CHANEL 2013 © 2014, Karl Lagerfeld © Foto: Museum Folkwang, Sebastian Drüen, 2014

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Karl Lagerfeld Karl Lagerfeld wurde 1938 in Hamburg geboren. Dreisprachig erzogen, wurde er 1952 in einer französischen Schule aufgenommen. Seine Schullaufbahn brach er ab, als er Ende 1954 den Amateur-Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats IWS gewann. 1955 begann er als Assistent von Pierre Balmain/ Paris, in der Mode zu arbeiten. Neben seiner internationalen Karriere als Modedesigner und Stylist ist Lagerfeld seit 1987 auch als Fotograf tätig. Im Oktober 1993 erhielt er den Lucky Strike Design Award der Raymond Loewy Foundation, 1996 den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie, und 2007 den Trustees Award des International Center of Photography in New York. Mit Gerhard Steidl gründete er 2000 die Edition 7L, die seither neben der im gleichen Jahr eröffneten Buchhandlung Librairie 7L in Paris besteht.

2010 gründete Lagerfeld L.S.D. (Lagerfeld, Steidl, Druckerei Verlag), einen Verlag für deutsche Literatur und Sachbücher. 2011 wurde die erste Ausstellung seiner Photos The Little Black Jacket in Tokyo eröffnet. Es folgte 2012 eine Welttournee mit den Stationen New York, Taipei, Hongkong, London, Moskau, Sydney, Paris, Berlin, Seoul, Mailand, Dubai, Peking, Shanghai, São Paulo und Singapur. 2013: Eröffnung der Ausstellung The Glory of Water in Paris – Platinotypien und Daguerreotypien römischer Brunnen. Diese Ausstellung ist ebenfalls als Welttournee für 2014 geplant. Januar 2014: Ausstellung Parallele Gegensätze im Museum Folkwang Essen

Oben: Karl Lagerfeld, Selbstportrait, 2011/2012, Aus der Serie Atelier Fendi, Inkjet auf Leinwand, 84 × 120 cm, © 2014 Karl Lagerfeld Re. Oben: Karl Lagerfeld, Heidi Mount, Vermont, 2009, Aus der Serie Wintertale, Direktdruck auf Aludibond, 50 × 70 cm. © 2014 Karl Lagerfeld Re. Unten: Karl Lagerfeld, A Portrait of Dorian Grey, 2005, Direktdruck auf Aludibond, 70 x 100 cm, © 2014 Karl Lagerfeld

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Museumsreif Leichte Sprache in kulturellen Einrichtungen Autorin: Annette Stassen Mit der Möglichkeit, neben fremdsprachlichen auch eine Version in „leichter Sprache“ einzubinden, vervollständigt Museum.de das Angebot eines kostenlosen Audioguides für alle kulturellen Einrichtungen und ihrer Vernetzung. Damit rückt das Ziel, mit nur einer App Informationen zu allen Museen jederzeit für alle Smartphone-Besitzer verfügbar zu machen, in greifbare Nähe.

Neue Besuchergruppen erreichen Das kleine Programm ermöglicht jedem Museum, komfortabel eigene Inhalte einzustellen; Informationen zur Vor- und Nachbereitung des Museumsbesuchs, erläuternde Texte zu den Exponaten, zusätzliche Ansichten und Erläuterungen, Audios, Videos… Dies erschließt nicht nur neue Besuchergruppen, sondern ist auch ein ebenso umsichtiger wie unkomplizierter Schritt Richtung Inklusion. Mit Vergnügen bilden Schauen und staunen, genießen, lernen und entdecken, verknüpfen und verstehen, anfassen und begreifen, erleben, forschen, fragen und finden… über die meisten Gruppengrenzen hinweg sind Wissens- und Horizonterweiterung sowie die Suche nach ästhetischem Genuss die stärksten Motive für einen Museumsbesuch. Der (gesamten) Gesellschaft Zugang zu beidem – Bildung und Unterhaltung – zu ermöglichen, ist, wie etwa in den ICOM-Statuten formuliert, Selbstverständnis und öffentlicher Auftrag von Museen. Dass dies selbst in kleinsten Einrichtungen stets auch beinhaltet, zielgruppengerichtete Varianten in Vermittlung und Ausstellung bereitzustellen – interaktive Pfade, Spiele, Vorträge und Workshops, um nur einen Bruchteil zu nennen… oder zum Beispiel auf Sprachebene Übersetzungen sämtlicher Texte auf Tafeln, in Flyern, Broschüren und Katalogen in verschiedene Fremdsprachen –, ist Kulturvermittlern wie Besuchern selbstverständlich geworden.

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Die durchgehende Verwendung von Hoch- beziehungsweise Standardsprache sowohl in den Original- als auch in den kindgerecht gestalteten oder in Fremdsprachen übersetzten Texten ist natürlich pragmatisch legitimiert; dass aber eine zunehmend große gesellschaftliche Gruppe von Menschen regelmäßig an der für sie nicht aus Bildungsunwillen, sondern wegen einer Behinderung unüberwindlichen Sprachhürde scheitert und so von eben jenem Bildungsprozess ausgeschlossen bleibt, rückt erst in jüngster Zeit zunehmend ins Bewusstsein. Bestenfalls Zaungäste Als Deutschland 2009 das von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die sogenannte Behindertenrechtskonvention (BRK) ratifizierte, lebten in der EU 80 Millionen Menschen mit leichten bis schweren Behinderungen, in Deutschland allein 9,6 Millionen, davon 7,1 Millionen Schwerbehinderte – etwa jeder zehnte Einwohner. Insgesamt zehn Prozent der Weltbevölkerung leben mit einer Behinderung; damit stellen sie die weltgrößte Minderheit dar. Als ärmstes Fünftel stehen sie selbst in „zivilisierten“ Ländern häufig am Rand der Gesellschaft. Schlechte Bildung, Armut und das Risiko einer Behinderung bedingen einander auf bedrückende Weise; selbst das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist für Behinderte bis heute weltweit besonders gefährdet. Die Formulierung, Anerkennung und völkerrechtlich verbindliche Verpflichtung zur aktiven Sorge für die Einhaltung der Menschenrechte von Behinderten schien überfällig. Bildungs- und kulturpolitische Konsequenzen ergeben sich aus den Teilzielen der BRK, • Behinderten „Zugang zu Informationen und eine gute Bildung“ zu gewähren, ihnen die • „volle und wirksame Teilhabe an der und Einbeziehung in die Gesellschaft“ zu ermöglichen und dabei

„die Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit“ zu achten, insbesondere auch die „sich entwickelnden Fähigkeiten von Kindern mit Behinderungen.“ (Artikel 3 BRK)

Das aktive Bemühen darum, behinderten Menschen die Teilhabe an allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu ermöglichen, wurde so zur Pflicht für alle gesellschaftlich relevanten Einrichtungen – ein Paradigmenwechsel. Barrieren abzubauen, ist Leitziel der Konvention, ihr zentrales Anliegen die sogenannte Inklusion: das selbstverständliche Einbeziehen von Menschen mit Behinderungen in sämtliche gesellschaftlichen Vorgänge. In verschiedensten Aktionsplänen auf Bundes- und Länderebene werden seither konkrete Maßnahmen zum Abbau materieller, immaterieller und mentaler Schranken beschrieben und Fristen für ihre Umsetzung gesetzt – bisher noch nicht immer mit überzeugenden Ergebnissen, immerhin aber offensichtlich mit steigendem Bemühen. Gut gemeint, manchmal gut gemacht Wichtigstes Medium, um aus Anschauung oder sinnlicher Erfahrung einen nachhaltigen Wissenszuwachs zu generieren, ist auch im Ausstellungsbereich nach wie vor die Sprache. In und mit Texten wird erläutert, vor- und nachbereitet, gelenkt und vermittelt. Wer die muttersprachliche Führung nicht versteht, dem Audioguide nicht folgen oder Texttafeln und vor- und nachbereitendes Material nicht entschlüsseln kann, dem bleibt vom Museumsbesuch allenfalls das ästhetische Vergnügen; der „Zugang zu Informationen“, „eine gute Bildung“ und insofern „die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft“ bleiben ihm zumindest hier versagt. Von verschiedenen Seiten werden Versuche unternommen, für die große Gruppe


von Museumsbesuchern mit Behinderungen auch sprachliche Barrieren zu entfernen. „Leichte Sprache“, als Begriff nicht geschützt, wird teils ein wenig unterschiedlich definiert. Verschiedene Disziplinen erheben Anspruch auf Erforschungsund Definitionshoheit, gelegentlich wird gar davor gewarnt, eine Sprache zu benutzen, deren Standard noch näher zu definieren sei; gleichzeitig weist man darauf hin, einen Standard womöglich gar nicht finden zu können, zu unterschiedlich seien die Behinderungen, deren Ausprägungen man je gleichberechtigt Rechnung tragen müsse. Ein wenig aus dem Blick scheint dabei gelegentlich zu geraten, dass „leichte Sprache“ sich als eine von vielen Varietäten derselben Sprache längst im Gebrauch befindet. Ihre Anwendungsregeln wurden und werden im täglichen Umgang mit Behinderten oder etwa Menschen mit dementiell bedingten Einschränkungen entwickelt. Zur reflektierten Standardisierung trägt ergänzend auch der bereits aktive Dialog mit verschiedensten Behindertenvertretungen und Selbsthilfeorganisationen bei; insofern scheint eine akademische Begleitung natürlich sinnvoll

und wünschenswert, ist aber zumindest in der alltäglichen Praxis für die erfolgreiche verbale Kommunikation mit der Zielgruppe schon heute nicht mehr unabdingbar. Common Sense wiederfinden Ungeachtet akademischer Grabenkämpfe wird die Verwendung von leichter Sprache als sinnvoller Ansatz zu zielgruppengerechterer verbaler Kommunikation in sämtlichen öffentlichen Einrichtungen immerhin einhellig gefordert. Im Internet, im Papier- wie im elektronischen Postfach wimmelt es dieser Tage von Ratgebern, Broschüren und Leitfäden zum Thema. Den Inklusionszug besetzen ausgewiesene, aber auch selbsternannte Fachleute. Wo es Fördergelder abzuschöpfen und überhaupt etwas zu verdienen gibt, findet sich, womöglich nicht ganz überraschend, zwischen Profis auch mal der ein oder andere Profiteur. Institutionen, öffentliche Einrichtungen und Behörden geben teils große Summen aus für die Übersetzung ihrer Texte in leichte Sprache. Wo dies reflektiert, mit Sprachkompetenz und Augenmaß geschieht, befördert es tatsächlich und

nachweislich das bessere Textverständnis Behinderter. Wenn aber in einem Ratgeber und Leitfaden nach dem anderen immer wieder weitschweifig ausgebreitet wird, was es zu beachten gelte in der verbalen Kommunikation mit Lern- oder anderweitig geistig Behinderten, wenn Mitarbeiter, die vorhandene Texte in leichte Sprache übersetzen oder neue in leichter Sprache verfassen sollen, mit Anleitungen von bis zu 160 Seiten traktiert werden, dann ist dies in puncto sach- und zielgruppengerechte Kommunikation zumindest fragwürdig. So ist etwa in einem 154 Seiten starken großformatigen Leitfaden jede einzelne Seite in behindertengerechter Aufmachung gestaltet, beispielsweise mit der Aufforderung „Benutzen Sie einfache Wörter“. Begleitet von zwei Piktogrammen, folgt ein Beispiel: „Schlecht: verfassen. Gut: schreiben“. Das ist inhaltlich natürlich gut und richtig, als Arbeitsanleitung in dieser Darreichungsform aber für augenscheinlich mindestens durchschnittlich begabte Leser eine Zumutung. Wer käme auf die Idee, den gesamten prüfungsrelevanten Lernstoff für künftige Erzieherinnen in

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Praktisch und gut Auszug aus „Das inklusive Museum – Ein Leitfaden zu Barrierefreiheit und Inklusion“ Zum Thema „Texte verfassen“ finden sich im Leitfaden des Deutschen Museumsbundes folgende Hinweise zur Verwendung von leichter Sprache: = Alle Texte sind klar strukturiert, kurz, eindeutig und in verständlicher Sprache,

sie besitzen einen einfachen Satzaufbau und sind an der Alltagssprache orientiert.

= Fachbegriffe, Fremdwörter, lange, zusammengesetzte Wörter, abstrakte

Formulierungen und Abkürzungen werden vermieden oder erklärt.

= Es werden eine bildhafte und aktive Sprache verwendet, praktische Vergleiche

und Beispiele gegeben sowie Zahlen als Ziffern geschrieben.

= Bilder und Piktogramme werden an geeigneter Stelle eingesetzt. = Auf Sonderzeichen wird verzichtet. Das inklusive Museum – Ein Leitfaden zu Barrierefreiheit und Inklusion. Herausgegeber: Deutscher Museumsbund e. V., Bundesverband Museumspädagogik e. V. und Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit e. V. Berlin 2013, ISBN 978-3-9811983-9-3

Einzelsätzen auf 40.000 farbenfroh illustrierten kartonierten Bilderbuchseiten aufzubereiten? Mindestens Befremden, vielleicht Spott oder Verärgerung, womöglich echte Unlust folgten im echten wie im überspitzten Beispiel – so funktioniert zielgruppengerechte Kommunikation nicht. Für deren Gelingen gilt hier wie in allen anderen Lebenszusammenhängen das ebenso schlichte wie unabdingbare Gebot, den der eigenen Absicht entsprechend adressatengerecht definierten Inhalt in einer der anvisierten Leser- oder Hörerschaft angemessenen Sprache zu vermitteln. Das setzt beim Verfasser des Textes einerseits eine präzise Vorstellung der zu vermittelnden Botschaft voraus und andererseits die Kompetenz, aus den möglichst umfangreich zur Verfügung stehenden eigenen sprachlichen Mitteln das dem Inhalt und der Zielgruppe jeweils adäquate zu nutzen – nicht mehr, aber eben auch keinesfalls weniger. So kann es gehen Wie die Umsetzung größtmöglicher Barrierefreiheit auf allen materiellen wie immateriellen Ebenen im Museum funktionieren kann, zeigt anschaulich und

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= Zwischenüberschriften und Absätze werden zur inhaltlichen Gliederung genutzt. = Als zusätzliches Angebot gibt es Ausstellungstexte in leichter Sprache.

Diese können, gekennzeichnet mit entsprechenden Signets, als Saaltexte in matt laminierter Folie ausgelegt werden.

praxisnah die Handreichung „Das inklusive Museum“, herausgegeben vom Deutschen Museumsbund. Inhaltlich ebenso umfassend wie weitsichtig, finden sich in dieser gleichwohl kompakten Broschüre Anregungen und praktische Vorschläge auch für kurzfristig mögliche und kostengünstige Maßnahmen. Die Ausführungen zur leichten Sprache etwa sind auf das Wesentliche konzentriert; museumsinter-

ne wie professionelle externe Texter werden kaum mehr Anleitung benötigen, um künftig auch mit diesem Mittel für eine große Gruppe von Besuchern Hürden beim Museumsbesuch abbauen zu können. Empfehlung: Online-Handbuch Inklusion als Menschenrecht, www.inklusion-als-menschenrecht.de

Aussagen von Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Bildungsangebot in der Gedenkstätte Hadamar: diese Nazizeit geschildert, aber man kennt sich trotzdem nicht aus und ich „Lernen ist für alle Menschen wichtig. find das sehr gut, dass diese MöglichSich mit der Geschichte zu befassen, ist keit in Hadamar möglich ist, dass man auch für Menschen mit Lernschwierigda hin gehen kann und sich mal genau keiten interessant. (…) informieren lässt und zeigen lässt, ja.“ Uns ist dadurch klar geworden, dass viele von uns damals den Krieg nicht „Aber wir müssen uns nicht gerade überlebt hätten.“ ausruhen und das ist auch ein wichtiger Aspekt, den man, den solche Gedenk„Für mich war‘s halt eben sehr, wie gestätten haben. Also praktisch sozusasagt, erschütternd auf der einen Seite, gen, ne Mahnung bleiben.“ (34) aber auch sehr interessant, zu erleben (...) Man hört zwar so viel, über Bücher, Quelle: http://www.inklusion-als-menoder aber auch über Filme, wie ‚Mein schenrecht.de/index.php?id=310 Kampf‘, zum Beispiel. Wo dann eben


Im Ringlokschuppen des Deutschen Dampflokomotiv Museums sind mehr als zehn einzigartige Exponate der Eisenbahngeschichte zu sehen. Fotos: Reinhard Feldrapp, Naila

Das Deutsche DampflokomotivMuseum in Neuenmarkt Autoren: Julia Uehlein / Georg Waldemer

Unter den Verkehrsmuseen bieten neben den Museen zur Geschichte des Flugverkehrs die Eisenbahnmuseen in der Regel die imposantesten Exemplare an historischen Fahrzeugen. Nicht nur die schiere Größe der Hauptexponate räumt diesem Museumstypus eine besondere Position hinsichtlich Sammlungs- und Ausstellungsstrategien ein, sondern auch die vielfach geübte Praxis von Schaufahrten, bei denen die Fahrzeuge im realen Einsatz auf der Schiene erlebbar werden. Die Inbetriebnahme von Fahrzeugen, die aus restauratorischer Sicht ohnehin mit kritischem Auge betrachtet werden muss, kann dabei aber manchmal andere, weniger spektakuläre Formen der Präsentation in den Hintergrund rücken. In Neuenmarkt hat der Träger die Chance, welche

sich nach einer bedeutenden Erweiterung der Freiflächen und der Inaussichtstellung erheblicher Zuschußmittel eröffnete, dazu genutzt, eine Sanierung großer Teile

der historischen Betriebsanlagen vorzunehmen und das Vermittlungsangebot außerhalb von Schaufahrten deutlich zu verbessern und zu erweitern. G. W.

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Foto: Š Michael Jungblut

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Historisch Gewachsenes im Dreiklang: Museum, Schiefe Ebene, Eisenbahnerdorf Seit 1977 begeistert das Deutsche Dampflokomotiv Museum im oberfränkischen Neuenmarkt Eisenbahnfreunde aus Deutschland und Europa. 2013 konnte eine jahrelang vorbereitete Neugestaltung abgeschlossen werden, die dem Besucher seit den Pfingstdampftagen im Mai zugänglich ist. Das Deutsche Dampflokomotiv Museum präsentiert sich nun neu, in Szene gesetzt unter zeitgemäßen museumsdidaktischen und szenographischen Gesichtspunkten (Ausstellungsgestaltung: ATELIER BRÜCKNER). Kann es im neuen Gewand eingefleischte Eisenbahnbegeisterte und auch Zielgruppen

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wie Familien und historisch Interessierte gleichermaßen begeistern? Also vom Museum für Spezialisten zum Museum für alle? Der Standort des Deutschen Dampflokomotiv Museum bildet ein echtes Alleinstellungsmerkmal unter den Eisenbahnmuseen in Bayern und darüber hinaus: Das Museumsgelände umfaßt gegenwärtig mit seinen rund 100.000 m² Fläche den Großteil des ehemaligen Bahnbetriebswerks Neuenmarkt-Wirsberg, auf dem sich ein Ringlokschuppen mit vorgelagerter Segmentdrehscheibe, wei-

tere Betriebsgebäude für Pflege- und Reparaturarbeiten an den Fahrzeugen sowie Gleisanlagen und ein sogenannter „Kohlenhof“ erhalten haben. Dort wurde der Tender der Lok mit Kohle befüllt; diese mit Wasser betankt und nach der Fahrt in der Schlackegrube gesäubert. Der Lokschuppen ist quasi die Garage der Lokomotive, nebst Werkstatt für kleinere Reparaturen und Ausbesserungsarbeiten. Dieses historische Bahnbetriebswerk liegt direkt gegenüber dem Bahnhof Neuenmarkt-Wirsberg, der als Talstation für die in der Geschichte der Eisenbahn in


Deutschland sehr wichtige, sogenannte „Schiefe Ebene“ fungiert. Diese Eisenbahn-Steilstrecke der ehemaligen Ludwig-Süd-Nord-Bahn gilt als technische Meisterleistung ihrer Zeit. Bereits im Jahre 1848 fertig gestellt, wurde mit dieser aufwendig geschaffenen Trasse bis zur Bergstation Marktschorgast ein Höhenunterschied von 158 m überwunden. Dazu waren u.a. gewaltige Steinwälle vonnöten, die den Anstieg der Schiefen Ebene möglichst gleichmäßig auf die vorhandene Strecke von 8 km verteilten. Im Bahnbetriebswerk Neuenmarkt

standen für die Züge, die den Anstieg meistern sollten, zusätzlich anzukoppelnde Schiebe- und Zuglokomotiven bereit. Das dritte historisch gewachsene Element des „Eisenbahnerlebnisses Neuenmarkt“ bildet die Ortschaft Neuenmarkt selbst. Diese ursprünglich rein landwirtschaftlich geprägte Siedlung erfuhr durch den Bahnhof und das daran anschließende Betriebswerk des neuen Fortbewegungsmittels Eisenbahn eine tiefgreifende Umgestaltung. So errichtete man beispielsweise große Wohnblocks mit Werkswohnungen in nächster Nähe zum Arbeitsplatz. Die

Bevölkerungszahl nahm schnell zu, der wachsenden Zahl von Reisenden bot bald ein Hotel die Möglichkeit zur Übernachtung. Die Eisenbahner errichteten auch ihre eigenen Kirchen: evangelisch und katholisch, für jede Glaubensrichtung eine eigene. Foto: © Michael Jungblut

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Dieser Dreiklang aus ehemaligem Bahnbetriebswerk, der Schiefen Ebene und dem Eisenbahnerdorf Neuenmarkt bildet die Besonderheit der räumlichen Situation des Deutschen Dampflokomotiv Museums. Bei der Neukonzeption verfolgte man konsequenterweise das Ziel, dieses Spezifikum als Alleinstellungsmerkmal deutlicher als bisher herauszuarbeiten und erlebbar zu machen. Die Idee dieser Dreigliedrigkeit ist auch im neu gestalteten Logo mit seinen drei gelben Pfeilen auf schwarzem Grund ablesbar. In überdimensionalem Format rahmen sie das Museumsareal und markieren damit für vorbeifahrende Zugfahrer und Besucher des gegenüberliegenden Bahnhofs die Ausdehnung des großflächigen Areals. Historische Dampflokomotive bei der Fahrt über die „Schiefe Ebene“ von Neuenmarkt nach Marktschorgast.

Fotos: © Reinhard Feldrapp, Naila

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Neukonzeption im Ringlokschuppen: Vom ersten „Aha-Erlebnis“ zum „Dampflokprofi“

Eine Besonderheit des Deutschen Dampflokomotiv Museums ist die Anzahl und Typenvielfalt seiner Großexponate. Die Sammlung enthält mehr als 30 Lokomotiven bekannter Baureihen und darf ihrem Umfang nach als einzigartig in Deutschland gelten. Diesen Schwerpunkt der Präsentation zu wahren, aber durch eine didaktisch überarbeitete Konzeption neu zu interpretieren, war das Ziel der Umgestaltung. In diesem Zusammenhang wurde entschieden innerhalb des 15-ständigen Ringlokschuppens nur noch 11 Lokomotiven aufzustellen und damit auch die Möglichkeit einer variablen Nutzung zu schaffen. Die derzeitige Auswahl bietet dem Besucher eine chronologische Reihung der schwarzen Giganten, in der die Entwicklung der Dampflok anschaulich wird. Das älteste Modell ist der sogenannte Glaskasten aus dem Jahre 1908. Die jüngste Lok stammt aus dem Jahr 1956: Von der Baureihe 10, die dieses Fahrzeug repräsentiert, wurden damals nur zwei Stück gebaut. Da die Schwesterlokomotive nicht erhalten ist, besitzt das Museum mit seiner „10 001“ das einzige noch existierende Exemplar dieser Reihe. Zwischen diesen beiden Eckpunkten treffen die Besucher auf neun weitere Lokomotiven, die beispielsweise einzelne Typen wie Güterzuglok und Personenzuglok repräsentieren.

Die Darstellung beginnt mit der Fahrt des „Adlers“ im Jahr 1835 und endet 1977, als in der BRD die letzten Dampfloks außer Betrieb genommen wurden. Ein wichtiges Ziel bei der Konzeption war es, hier dem historisch Interessierten Aspekte und Rückwirkungen zwischen Eisenbahngeschichte und politischer Geschichte zu bieten. Der Besucher kann nun technische Begriffe wie Verbunddampflok, Heißdampfkessel und nahtlose Reifen den geschichtlichen Ereignissen gegenüber stellen. Dreht er sich um, so sieht er entsprechende Lokomotiven aus der gerade erkundeten Zeit. Damit ist eine wunderbare Klammer zwischen his-

torischer Einordnung und dem jeweiligen Großexponat gegeben.

Wer sich im Ringlokschuppen intensiver mit technischen Aspekten der Dampflok auseinandersetzen will, kann dies auf einem speziellen „Technik-Pfad“ tun. Ein aufgeschnittener, originaler Nassdampfkessel bildet dessen Auftakt. Ergänzend hat man zwei Medienstationen in den Rundgang integriert, die tiefer in technische Details einführen. Dem Arbeitsplatz Bahnbetriebswerk widmet sich eine weitere Führungslinie im Fotos: © Michael Jungblut

Der angesprochene Raumgewinn kommt auch einer eindrucksvollen medialen Präsentation zugute: eine auf die Größe der Dampflok 39 230 exakt angepasste Projektion zeigt eine Animation des Vorgangs der Umwandlung von Hitze zu Dampf und schließlich auf die mächtigen Treibräder übertragenen Bewegungsenergie, unterlegt mit den entsprechenden Geräuschen. Damit wird unmittelbar anschaulich, was innerhalb der Lokomotive geschieht. Wie sich in den ersten Monaten nach der Eröffnung bereits gezeigt hat, findet diese Präsentationsform besonderes Interesse unter den Besucherinnen und Besuchern aller Alterstufen. Eine Zeitleiste aus zehn großformatigen Tafeln mit Infographik zur Eisenbahngeschichte nimmt formal das Halbrund des Lokschuppens auf bildet ein dominierendes Element innerhalb des Gebäudes.

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Ringlokschuppen, deren Schwerpunkt auf sozialgeschichtlichen Themen liegt. Im Mittelpunkt stehen dabei die körperlich schweren Arbeiten an der Lok, so beispielsweise das Wechseln der Pumpen, das Auswaschen der Rauchkammer und das Auswechseln der Achsen in der sogenannten Achssenke. Gelbe Umrandungen am Boden heben diese Bereiche für den Besucher hervor. Das Museum hat sich hier für eine Mischung aus Infographik und inszenatorischen Elementen wie beispielsweise einer naturalistisch wirkenden Brotzeitecke als Objektensemble entschieden, die so „echt“ wirkt, dass der eine oder andere Besucher vom Museumspersonal dort

schon beim Vespern gesichtet werden konnte. Den Abschluss in der Reihe der Großexponate innerhalb des Lokschuppens bildet ein außergewöhnliches und für Besucherinnen und Besucher sicherlich überraschendes Objekt: Der Salon-Speisewagen 10 242. Im Jahre 1937 vom Reichskanzler Adolf Hitler in Auftrag gegeben, diente er nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1955 wieder der politischen Spitze: den jeweiligen Kanzlern der Bundesrepublik Deutschland. Bis 1988 blieb er so Teil des Kanzlerzuges und wurde somit zu einem Sachzeugen der deutschen Geschichte von Nationalsozialismus bis zur Wieder-

vereinigung. Ein „Besucher-Bahnsteig“ entlang des Wagens erlaubt im Museum nunmehr den Blick ins Innere. In direkter Nachbarschaft zum Salonwagen ergänzt ein in Kinoqualität für das Museum erstellter Dokumentarspielfilm mit dem Titel „Mit den Kanzlern unterwegs“, die Präsentation in eindrucksvoller Weise. Dieser circa 15 Minuten dauernde Film ist das erfolgreiche Ergebnis eines tschechisch-deutschen Förderprojektes unter Beteiligung zweier Schulen: dem Gymnázium a strední odborná škola Aš und dem Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium Kulmbach. Fotos: © Reinhard Feldrapp, Naila

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Neukonzeption im Außenbereich: Lehrpfade im Kohlenhof, durch das Eisenbahnerdorf und entlang der Schiefen Ebene Wichtiger Teil der didaktischen und museumspädagogischen Neukonzeption war es, das komplette Gelände des Museums als zusammenhängende funktionale Einheit erlebbar zu machen. Die weitläufigen Außenanlagen im Bereich des ehemaligen Bahnbetriebswerkes wurden dazu in den Museumsbereich einbezogen. Ein neugeschaffener Museumsbahnsteig mit entsprechenden Gleisanlagen erleichtert die Zugänglichkeit der Anlagen. Von Seiten der Gestaltung tragen nun 32 lebensgroße Silhouetten, die bei den fränkischen Projektbeteiligten als „Männle“ firmierten, zu einer Vorstellung der Arbeitszusammenhänge auf dem Gelände bei. Die „Cutouts“ zeigen in der Regel einen oder mehrere Arbeiter in typischer Pose. Vorlage waren teils aufwendig recherchierte historische Photographien. Die gelb gefasste Rückseite bietet einen Kurztext mit Informationen zur Arbeitssituation oder zu den Arbeitsvorgängen. Ein weiterer Rundweg mit 12 Stationen erschließt das Eisenbahnerdorf Neuenmarkt. Hier werden sozialgeschichtlich signifikante Bauten beleuchtet, welche die große Bedeutung des Arbeitgebers Eisenbahn innerhalb der Gemeinde ablesbar machen, darunter auch Werkswohnungen mit Waschküche und die für die Selbstversorgung mit Gemüse und Obst wichtigen Eisenbahnergärten. In Ergänzung des Dampflokomotiv Museums und des Rundgangs durch das Eisenbahnerdorf Neuenmarkt-Wirsberg soll bis zum Frühsommer 2014 noch ein Lehrpfad entlang der eindrucksvollen Ingenieursleistung „Schiefe Ebene“ geschaffen werden. Damit entsteht der oben erwähnte Dreiklang zwischen Museum, Gemeinde und Schiefer Ebene – in didaktisch für den Besucher aufbereiteter Form.

Depotneubau und Inventarisierung Als Vorstufe und im Zusammenhang mit der Neuausrichtung der musealen Vermittlungsstrategie unternahm der Träger eine umfassende Sanierung großer Teile der baulichen Anlagen. Dazu zählt auch der Ringlokschuppen vom Jahr 1892 als zentrales Ausstellungsgebäude, welches mit einer Temperierung ausgestattet wur-

de und zusätzlich – der raschen Erwärmbarkeit für Veranstaltungen wegen – mit Wärmestrahlelementen im Dachbereich.

Der nach historischen Vorbild rekonstruierten Kohlenhof wird im Museumsalltag praktisch genutzt. Fotos: © Reinhard Feldrapp, Naila

Der Träger setzte mit dem Neubau eines circa 1500 Quadratmeter Grundfläche umfassenden, temperierten Depots für Fahrzeuge eine Empfehlung der Landesstelle um, die besondere Erwähnung verdient. Mit diesem Gebäude, das etwa 15 Großexponaten konservatorisch perfekte Lagerbedingen bietet, hat das Dampflokomotiv Museum einen wichtigen Schritt in die professionelle Museumsarbeit vollzogen.

Paula I. ist die amtierende Kohlenhofprinzessin und stolze Repräsentantin des Deutschen Dampflokomotiv Museums.

Eine weitere wichtige Maßnahme, die insgesamt dem museologischen Standard in Neuenmarkt dient, ist die über etwa vier Jahre anberaumte Inventarisation und photographische Dokumentation des gesamten mobilen Bestandes an Sachzeugen. Derzeit umfaßt diese Sammlung von v.a. Streckenkarten, Plakaten und Uniformen annähernd 5.000 Objekte. Im Jahr 2005 wurde für die Abwicklung des operativen Museumsbetriebes und der damit verbundenen Service- und Dienstleistungen eine GmbH gegründet. Über diese bietet das Museum Räumlichkeiten für Feste und Feierlichkeiten vor allem im Ringlokschuppen an. Die funk-

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Entsprechende zielgruppenspezifische Angebote der museumspädagogischen Vermittlung sollen ausgearbeitet werden und zur weiteren Vertiefung beitragen. Träger, Förderer & Mitwirkende

Fotos: © Reinhard Feldrapp, Naila

tionsfähige Infrastruktur des ehemaligen Bahnbetriebswerkes mit Drehscheibe, Wasserkränen, Schlackegrube und Kohlekran steht den das Museum anfahrenden Dampflokomotiven und Dampfsonderzügen zur Verfügung. Für den Betrieb dieser Infrastruktur und die Aktivitäten des Museums wie Führerstandsmitfahrten und Kleinbahnbetrieb ist im Besonderen der Förderverein „Freunde des Deutschen Dampflokomotiv Museums e.V.“ verantwortlich. Dessen ehrenamtlich geleistete Arbeit, Fachwissen und auch finanzielle Unterstützung sind ein bedeutender Pfeiler im Museumsbetrieb.

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Fazit Mit der Neukonzeption erweitert das Deutsche Dampflokomotiv Museum in Neuenmarkt sein Vermittlungsangebot an die Besucherinnen und Besucher entscheidend. Erklärtes Ziel dieser Maßnahmen war es, über die in erster Linie technikinteressierte Zielgruppe der Experten sowie das zu den termingebundenen Schaufahrten anreisende Publikum hinaus neue Besuchergruppen anzusprechen mit einer breiter gefassten Darstellung dieses speziellen Zweigs der Verkehrsgeschichte.

Die Träger des Museums sind mit jeweils 45% der Bezirk Oberfranken und der Landkreis Kulmbach sowie mit 10% die Gemeinde Neuenmarkt. Insgesamt umfasste die Baumaßnahme und die Neukonzeption des Deutschen Dampflokomotiv Museums eine Summe von 7,5 Millionen Euro. Die Umsetzung erfolgte in vier Teilprojekten.

Deutsches Dampflokomotiv Museum Birkenstraße 5 D-95339 Neuenmarkt Info-Hotline (0 92 27) 57 00 Fax (0 92 27) 57 03 info@dampflokmuseum.de www.dampflokmuseum.de


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... wenn der Text entscheidet ! 78


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