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WELTVERBESSERER


Die Welt, das Schicksal und die Kinderrechte bildeten den Sinn des Wirkens und des Schaffens von Henryk Goldszmit, besser bekannt unter seinem literarischen Pseudonym Janusz Korczak. mehrdimensionale Persönlichkeit, experimentierte im Handeln und Denken jenseits der Konventionen sozial engagiert, förderte die Idee der Selbstbestimmung von Kindern in außergewöhnlichen Einrichtungen für Waisen Intellektueller, der für Kinderrechte in allen Bereichen seiner Tätigkeit kämpfte: seine Erziehungskonzepte beschrieb er in 24 Büchern Schriftsteller, der die Bedeutung der besonderen Kommunikation mit Kindern verstand: seine Kinderromane, die in über 20 Sprachen übersetzt wurden, zeigen seine sprachliche Sensibilität und die Fähigkeit, die Form an den Inhalt und die Empfänger anzupassen effektiver Ideenförderer, der für die damaligen Verhältnisse neue Medien einsetzte: er gründete eine einzigartige Kinderzeitung und moderierte Rundfunksendungen durchweg konsistent im Denken und Handeln: er widmete sein ganzes Leben den Kindern und lehnte die Chance auf seine eigene Rettung ab; starb im Vernichtungslager zusammen mit seinen Schützlingen und Mitarbeitern des Waisenhauses

Sein für die damaligen Zeiten revolutionäres Werk ist bis heute Inspiration für die ganze Welt.

Obwohl einige Jahrzehnte seit seinem Tod vergangen sind, ist Korczak immer noch seiner Zeit voraus. Thomas Hammarberg, Menschenrechtskommissar des Europarates


Mensch mit einer bunten Biografie: Studium an der Medizinischen Fakultät der Kaiserlichen Universität in Warschau während des russisch-japanischen Krieges Arzt an der Front, lernte in der Mandschurei von Kindern Chinesisch im russischen Teilungsgebiet wegen seiner Tätigkeit in der Gesellschaft für die Polnische Kultur verhaftet während seines Militärdienstes im Ersten Weltkrieg in ukrainischen Waisenhäusern tätig Mitglied der Freimaurerloge „Stern des Meeres“ und Sympathisant der Polnischen Theosophischen Gesellschaft moderierte Rundfunksendungen während der Belagerung Warschaus im September 1939


Erziehungstheoretiker und -praktiker, der von früher Jugend an diese beiden Tätigkeits-bereiche verband. Medizinstudent, dann Arzt in einem Kinderkrankenhaus, sein Wissen erweiterte er in der Schweiz, in Berlin, Paris und London. Er war gleichzeitig sozial engagiert, arbeitete als Journalist und Erzieher und wurde schließlich Direktor eines Waisenhauses und Mitbegründer des Waisenhauses „Nasz Dom“ (Unser Haus).

In den beiden Waisenhäusern setzte er den Grundsatz der Achtung von Kindergrundrechten um, was damals eine Neuerung war: Verzicht auf Gewalt klare Regeln, die sowohl für Schützlinge als auch für Erzieher galten die den Kindern zustehenden Rechte und Pflichten resultieren aus der Mitverantwortung für den pädagogischen Prozess

Wir wollen das Kind nicht kneten und ummodeln, sondern wir wollen es verstehen und uns mit ihm verständigen. Janusz Korczak


Ab 1912 leitete Korczak gemeinsam mit Stefania Wilczyńska das jüdische Waisenhaus in Warschau. 1919 begann er eine langjährige Zusammenarbeit mit Maria Falska. Gemeinsam leiteten sie das Waisenhaus für polnische Kinder „Nasz Dom“ (Unser Haus). Die beiden Gemeinschaften wurden nach den gleichen Grundsätzen – der Selbstbestimmung und Einbeziehung der Schützlinge in die Organisation des Lebens – in den Einrichtungen strukturiert. Dies war ein langfristiges pädagogisches Experiment, welches bewies, dass Kinder echte Partner für Erwachsene sein können.

Maria Falska – polnische Sozialaktivist und Freiheitskämpferin, Pädagogin, Direktorin von „Nasz Dom“

Stefania Wilczyńska – polnische Jüdin, Absolventin der Universität in Lüttich, Haupterzieherin im Waisenhaus


Das Kameradschaftsgericht war eine der wichtigsten Erziehungsinstitutionen, die von Janusz Korczak eingeführt wurden. Im von ihm erstellten Gerichtskodex waren 99 Paragraphen entlastend und nur 10 verurteilend. Die Richter wurden ausgelost. Die Kinder entschieden selbst über die gemeldeten Fälle und hatten die Möglichkeit, auch ihre Erzieher vor das Gericht zu bringen.

Wenn ich dem Gericht unverhältnismäßig viel Platz einräume, so in der Überzeugung, dass das Gericht zum Ausgangspunkt der vollen Gleichberechtigung der Kinder werden könnte, dass es zu einer Verfassung führt und letztendlich dazu zwingt – eine Deklaration der Rechte des Kindes zu verkünden. Janusz Korczak


Die Ergebnisse von Korczaks Tätigkeit weckten großes Interesse im In- und Ausland. Der berühmte Psychoanalytiker Bruno Bettelheim, Verfasser des Vorworts zur amerikanischen Ausgabe von Korczaks Roman „König Maciuś der Erste”, hielt ihn für einen der größten Erzieher aller Zeiten.

Dieser große Mensch hatte den Mut, den Kindern und Jugendlichen zu vertrauen, um die er sich kümmerte, so dass er bereit war, die Fragen der Disziplin ihnen zu überlassen und das Individuum mit den schwierigsten und verantwortungsvollen Aufgaben zu beauftragen. Jean Piaget, anerkannter Schweizer Psychologe, der das Waisenhaus persönlich besucht hatte


Die innovative Arbeitsweise des Waisenhauses und von „Nasz Dom“ fußte auf den revolutionären Ansichten Janusz Korczaks im Bereich der Kinderpsychologie und -erziehung. Die für polnische Verhältnisse bahnbrechenden Arbeiten Korczaks sind Teil der Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Bewegung für eine neue Erziehung, zu deren Vertretern unter anderen John Dewey, Maria Montessori, Rudolf Steiner und Ellen Key – die Autorin des 1900 veröffentlichten Werkes Das Jahrhundert des Kindes – gehörten. So wie sie betonte auch Korczak die Notwendigkeit eines Dialogs mit dem Kind als einem gleichberechtigten Partner.

Das Kind ist ein vernünftiges Wesen, es kennt sehr wohl die Bedürfnisse, Schwierigkeiten und Hindernisse seines Lebens. Nicht der despotische Befehl, die aufgezwungenen Ordnungen und die misstrauische Kontrolle, sondern taktvolles Vorgehen, Glaube an Erfahrung, Zusammenarbeit und Zusammenleben. Janusz Korczak


Die wichtigsten Bestandteile des Erziehungskonzeptes von Korczak: Ablehnung von körperlicher und verbaler Gewalt sowie von Gewalt, die durch ein höheres Alter oder eine ausgeübte Funktion motiviert ist Idee der pädagogischen Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern, die über die Definition der klassischen Pädagogik hinausgeht Überzeugung, dass das Kind in der gleichen Weise ein Mensch ist wie ein Erwachsener Grundsatz, dass der Erziehungsprozess die Individualität jedes Kindes berücksichtigen soll Glaube daran, dass das Kind seine Bedürfnisse, Wünsche und Emotionen am besten kennt und daher das Recht auf Berücksichtigung seiner Meinung durch Erwachsene hat Recht des Kindes auf Achtung, Unwissen und Misserfolge, Privatsphäre, eine eigene Meinung und Eigentum Anerkennung des Entwicklungsprozesses von Kindern als ihre harte Arbeit


Korczak war Vertreter einer bedeutenden Gruppe von Aktivisten, vor allem Pädagogen, Ärzten und Anwälten, welche gesellschaftliche Veränderungen für dringend notwendig hielten. Sie kämpften für politische und soziale Rechte der damals ausgeschlossenen Gruppen – vor allem der Arbeiter, Frauen, Kinder und ethnischen Minderheiten (einschließlich Juden).

Sowohl als Sozialaktivist, Schriftsteller und Journalist als auch als Arzt im Kinderkrankenhaus und in Militärkrankenhäusern war Korczak empfindlich gegenüber Unrecht, das Kindern widerfährt – vor allem gegenüber Unrecht, das ein armes und verwaistes Kind trifft, aber auch ein Kind, das unter gestörten familiären Beziehungen leidet.

Wenn wir die Menschheit in Erwachsene und Kinder einteilen und das Leben in Kindheit und Reife, so haben wir in beiden Fällen sehr, sehr viele Kinder. In den eigenen Kampf und die eigenen Sorgen vertieft, nehmen wir sie nur nicht wahr, so wie wir früher die Frauen nicht wahrgenommen haben, die Bauern, die unterdrückten Schichten und Nationen. Janusz Korczak


Korczak setze sich für Kinderrechte auch als Schriftsteller und Autor von pädagogischen Schriften ein. Durch sein literarisches Geschick erreichten schwierige Wahrheiten, die er übermittelte, viele Leser. Seine bis heute aktuellen und hauptsächlich in „Wie man ein Kind lieben soll“ und „Das Recht des Kindes auf Achtung“ enthaltenen Ansichten wurden nach dem Krieg ein Teil legislativer Initiativen zum Wohl der Kinder. Einen großen Beitrag leistete hierfür Polen – sowohl bei der Ausarbeitung der „Erklärung der Rechte des Kindes“ aus dem Jahre 1959 als auch bei der Entstehung des „Übereinkommens über die Rechte des Kindes", das von der UN-Generalversammlung 1989 angenommen wurde.

Die Achtung der Kinder und deren Ansichten ist Kernbotschaft des polnischen Schriftstellers, Arztes und Erziehers Janusz Korczak, dessen Lehre als Quelle und Inspiration für die Ausarbeitung des Übereinkommens diente. Thomas Hammarberg, Menschenrechtskommissar des Europarates


Der bekannteste Roman von Janusz Korczak ist „König Maciuś der Erste“, in dem gezeigt wird, wie Sensibilität, Spontanität und Kreativität des Kindes die Realität verändern können, aber auch, wie wirksam die Welt der Erwachsenen dagegen einschreitet. Die Geschichte eines Jungen, der als Herrscher und Weltreformer die Rechte von Kindern und Erwachsenen gleichzusetzen versucht, ist auch weitgehend die Geschichte von Korczak selbst. Das Buch wurde in über 20 Sprachen übersetzt.

[…] denn so, wie ein Kind in der Schule lesen, schreiben und rechnen lernt, so lernt es auch, auf dieser Welt zu leben. Janusz Korczak


Also, als ich so aussah wie auf dieser Photographie, wollte ich all das selber machen, was hier beschrieben wird. Aber später habe ich es vergessen, und heute bin ich alt. […] Und ich denke, dass es überhaupt besser ist, Photos von Königen, Weltreisenden und Schriftstellern zu zeigen, bevor sie erwachsen und alt sind, denn sonst könnte man denken – sie seien von Anfang an klug und niemals klein gewesen. Und die Kinder dächten, sie selbst können keine Minister, Weltreisenden und Schriftsteller werden, aber das stimmt doch gar nicht. Aus der Einleitung zu „König Maciuś der Erste“


Die Innovation von Korczaks Ansatz bestand auch im Einsatz neuer Medien zur Popularisierung seiner Ansichten und zur Einbeziehung der Kinder in das gesellschaftliche Leben. 1926 gründete er die „Kleine Rundschau", eine wöchentliche Beilage zu einer Erwachsenenzeitung. Diese einzigartige Zeitung wurde von Kindern für Kinder geschrieben. Ihr Themenspektrum war sehr breit – von privaten Erfolgen und Misserfolgen der Korrespondenten bis hin zur Beschreibung aktueller Probleme in Polen und in der Welt. Um die Zeitung herum entstand eine gesellschaftliche Bewegung und gewann Tausende Leser und viele Mitarbeiter. Die „Kleine Rundschau” bewies unwiderlegbar, dass man mit Kindern zusammenarbeiten kann und sollte, dass eine solche Zusammenarbeit ausgezeichnete Ergebnisse bringt und dass Kinder vollberechtigte Dialogpartner sind. Es gibt viele erwachsene Leute, die schreiben nur deshalb, weil sie sich nicht genieren; es gibt Kinder, die viele interessante Ideen haben, die vieles bemerken und beobachten, aber sie schreiben nicht, weil ihnen der Mut fehlt oder weil sie keine Lust haben. Unsere Zeitung ermuntert die Jugend zum Schreiben. Sie ermuntert und ermutigt sie. Janusz Korczak


Das Verständnis für die Bedeutung der Medien und deren Einsatz zur Förderung der eigenen Ansichten kam auch in Korczaks Arbeit im Rundfunk zum Ausdruck. In einer Sendereihe, die unter dem Pseudonym „Alter Doktor” moderiert wurde, entwickelte er einen eigenen besonderen Stil, wie er seine jüngsten Zuhörer ansprach. Auf unkomplizierte Art und Weise sprach er über wichtige Themen. Durch sein exzellentes Sprachgefühl und die Fähigkeit, sich dem Empfänger anzupassen, erfreuten sich seine Sendungen großer Beliebtheit sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.

Diese Plaudereien waren eine kleine Sensation im polnischen Rundfunk. Eine originelle Herangehensweise an das Thema ist mit der Originalität der Sprechweise organisch verbunden, wodurch eine einzigartige Einheit entsteht. m. waga, Radiokritiker


Janusz Korczak lebte getreu seinen Werten. Die Einheit von beruflicher und privater Sphäre und die tägliche Umsetzung der öffentlich vertretenen Ideale waren wichtig für ihn. Er verzichtete auf eine eigene Familie, weil er so die Hingabe an Kinder verstand. Er arbeitete unentgeltlich im Waisenhaus und lebte vom Schreiben. Als Arzt, Erzieher und Schriftsteller begegnete er den Kindern mit Respekt. „Es gibt keine Kinder – es gibt nur Menschen“, schrieb er.

Zurückhaltend in seinen Urteilen über die Welt, zutiefst den Grundsätzen der Ethik ohne Sanktionen verpflichtet, führt er uns auch das Geheimnis der übermenschlichen Kraft der Liebe vor Augen. Czesław Miłosz, polnischer Dichter, Nobelpreisträger für Literatur


Korczak war auch konsistent in seiner mehrdimensionalen nationalen Identität. Er betrachtete sich selbst als einen Juden und einen Polen. Am wichtigsten war für ihn die universelle Dimension der Menschlichkeit. Daher lebte er nicht nur in der jüdischen und polnischen Welt, sondern verband sie auch in seinem sozialen und literarischen Schaffen, indem er parallel für die beiden Gruppen wirkte, schrieb und arbeitete. In den 30er-Jahren erwog er die Auswanderung nach Palästina, wohin er zweimal reiste, aber er konnte sich nicht dazu durchringen, Polen zu verlassen. Er war Offizier in der polnischen Armee. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Militärdienst. Er wurde aber aufgrund seines Alters nicht einberufen. Im Übrigen verstellt mir das Problem „Mensch“ […] ein wenig das naheliegende Problem „Jude“. Janusz Korczak


Im November 1940 wurde das Waisenhaus in das von Deutschen errichtete Warschauer Ghetto zwangsverlagert. Korczak lehnte alle Angebote ab, das Ghetto zu verlassen und sich auĂ&#x;erhalb seiner Grenzen zu verstecken.

Im Rahmen der AuflĂśsung des Ghettos Anfang August 1942 wurden die Kinder und Mitarbeiter des Waisenhauses im deutschen Vernichtungslager Treblinka ermordet.


Das Waisenhaus vor dem Krieg

Das Leben und Werk des „alten Doktors“ bleiben Inspiration für viele Menschen in aller Welt – von Lehrern und Studenten über Künstler und Kinderrechtler bis hin zu den Organisationen, die in der „International Janusz Korczak Association“ mit Sitz in Warschau vereint sind. Der Tod von Janusz Korczak wurde zu einem der Symbole für die Vernichtung polnischer Juden. Er wurde in vielen Filmen thematisiert. Der wichtigste von ihnen ist der deutschpolnische Film „Korczak“ von 1990, der vom späteren OscarPreisträger Andrzej Wajda gedreht wurde. Das Drehbuch schrieb Agnieszka Holland. Die Archivmaterialien von und über Korczak werden im Dokumentations- und Forschungszentrum KORCZAKIANUM – einer Abteilung des Historischen Museums der Hauptstadt Warschau – aufbewahrt, das auch Forschungsarbeit betreibt, sowie im Ghetto Fighters' House Museum in Israel.

Das Waisenhaus heute


Mahatma Gandhi

Ich bin bereit zu sterben, aber es gibt keinen Grund, für den ich zu töten bereit wäre.

Albert Schweitzer

Dem wahrhaft ethischen Menschen ist alles Leben heilig.

Janusz Korczak

Ich wünsche niemandem etwas Böses. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie man das macht.


Die Präsentation wurde im Auftrag des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen vorbereitet. Programmkonzept: Stiftung Fundacja Korczakowska Redaktion: Anna Domańska und Elżbieta Frister, Abteilung für die Öffentliche und Kulturelle Diplomatie des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten Kooperation: Polnische Janusz-Korczak-Gesellschaft Beratung: Dokumentations- und Forschungszentrum KORCZAKIANUM – Abteilung des Historischen Museums der Hauptstadt Warschau Die Fotografien wurden vom Historischen Museum der Hauptstadt Warschau zur Verfügung gestellt und stammen aus der Sammlung der Abteilung KORCZAKIANUM. Das Original des in der Folie Nr. 16 verwendeten Bildes befindet sich im Ghetto Fighters' House Museum in Israel.


Korczak - German