Leseprobe zu »Reise durch die Kunst«

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Aaron Rosen

Eine Reise durch die Kunst UND DIE WELTGESCHICHTE

MIDAS



Aaron Rosen

Eine Reise durch die Kunst UND DIE WELTGESCHICHTE

MIDAS COLLECTION


INHALT 6 Komm mit auf eine Reise PRÄHISTORISCHE & ANTIKE KUNST 10 14 18 22 26 30 34 38 42

Nawarla Gabarnmang c. 35,000 v. Chr. Theben 1250 v. Chr. Ninive 700 v. Chr. Athen 450 v. Chr. Rom Teotihuacán 300 n. Chr. Ajanta 500 n. Chr. Jerusalem 700 n. Chr. Haithabu 900 n. Chr.

MITTELALTERLICHE & FRÜHE MODERNE KUNST 48 52 56 60 64 68 72 76 80

Cahokia 1100 Angkor 1150 Groß-Simbabwe 1300 Peking 1400 Granada 1450 Florenz 1500 Timbuktu 1550 Amsterdam 1650 Isfahan 1700


MODERNE & ZEITGENÖSSISCHE KUNST 86 90 94 98 102 106 110 114 118 122 126 130

Edo 1800 Haida Gwaii 1825 London 1850 Paris 1875 Wien 1900 Moskau 1920 Mexiko-Stadt 1930 New York 1950 San Francisco 1960 Berlin 1990 Seoul 2000 Rio de Janeiro 2020

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Die Reise geht weiter Glossar Index Bildnachweis


KOMM MIT AUF EINE REISE

Dieses Buch nimmt Dich mit auf eine abenteuerliche Weltreise durch die Zeit. Wir starten vor Zehntausenden von Jahren im Norden Australiens, reisen ins heutige Rio de Janeiro und kreuzen in der Zwischenzeit alle Kontinente (außer Antarktika). Stell Dir vor, wie Du auf unserer Reise einen Pfad durch den Dschungel schlägst, mit einer Karawane durch die Wüste reist oder aus dem Krähennest eines Schiffes die Weltmeere überblickst. Vor allem geht es bei dieser Reise jedoch um die Menschen. Viel zu oft betrachten wir Kunstwerke lediglich als wertvolle Schätze, wie geschaffen, um in Museen mit langweiligen weißen Wänden herumzuhängen. Dabei vergessen wir die Kulturen dahinter. Kunst kann mehr als nur schön sein. Sie spiegelt ihr Umfeld wider – von Religion über Politik bis hin zur Lebensweise der Menschen – und sie nimmt Einfluss.


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Ich habe die Orte und Daten für dieses Buch ausgesucht, weil sie unglaubliche Momentaufnahmen unterschiedlichster Kulturen sind. Das heißt jedoch nicht, dass dieser oder jener Ort später uninteressant geworden wäre. Manchmal behaupten die Menschen, jedes Land hätte sein »goldenes Zeitalter«, aber das wäre zu einfach. Jede Kultur ist es wert, zu jeder Zeit besucht und erforscht zu werden. Kultur sollte man nicht als Wettkampf verstehen. Vom großen Mound in Cahokia bis zur Akropolis in Athen hat jeder Ort seine eigenen Geschichten und Mythen, die es zu erleben gilt. Ich hoffe, dieses Buch wird für Dich der Anfang Deiner Reise, statt deren Ende. Für jeden Weg, den ich in diesem Buch nachzeichne, kannst Du noch tausend mehr gehen: von Herat nach Istanbul, von Tikal nach Cuzco oder auch wie bei diesem Buch von London über Ilmenau nach Zürich, denn die Welt steht Dir offen. – Aaron Rosen


PRÄHISTORISCH & ANTIK

Haithabu

Nord-Pazifik

Nord-Atlantik

Athen

Teotihuacán 300 ¤

Süd-Pazifik Süd-Atlantik


u 900 ¤

¤ Rom n 450 v. Chr. ¤ Jerusalem 700 ¤

¤ Ninive 700 v. Chr. ¤ Theben 1250 v. Chr.

¤ Ajanta 500

Indischer Ozean

Südpolarmeer

¤ NAWARLA GABARNMANG ca. 35.000 v. Chr.


NAWARLA GABARNMANG ca. 35.000 v. Chr. EIN PALAST IN EINER HÖHLE

Die Aborigines lebten und reisten bereits vor ca. 50.000 Jahren in Australien. Einige der ältesten Überreste wurden in den Sandsteinhöhlen von Nawarla Gabarnmang in Nordaustralien gefunden. Dort entdeckten Archäologen bei der Arbeit kürzlich eine Steinaxt, die bereits 35.000 Jahre alt ist – die älteste Axt der Welt. Der Name »Nawarla Gabarnmang« bedeutet »Loch im Fels«. Eine Stammesälteste der Jawoyn erklärte, die abgeschiedene Höhle »war eine Art Palast«. An der Decke, den Wänden und Säulen sind


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Gemälde von der Erschaffung der Welt, großer Tiere, die die Aborigines einst jagten, und wichtiger historischer Ereignisse zu sehen, wie der Landung der Europäer in Australien. Für die Aborigines ist das Land zu bedeutsam, um es zu kaufen oder verkaufen. Sie glauben, sie gehörten ihrem Land.


Den Traum malen Für die Aborigines ist Kunst weit mehr als nur Dekoration. Durch die Kunst können sie wichtiges Wissen über religiöse Rituale, Geschichten und Historisches festhalten und untereinander weitergeben. Das Wissen wird in den AboriginesGemeinschaften geachtet und verehrt. Die Geschichten, Symbole und Techniken der Kunst müssen verdient, erlernt und richtig angewendet werden. Zum Beispiel haben innerhalb einer Kulturgruppe nur gewisse Menschen das Recht, ein bestimmtes Tier zu malen. Und selbst Zeichenstile – wie Kreuzschraffur – gehören bestimmten Gruppen. Das Bild eines anderen zu verwenden, ist ein schweres Vergehen!

Der Barramundi-Fisch ist in der Felsmalerei weit verbreitet. Er schwimmt noch immer in den Flüssen und Seen Australiens und ist ein beliebter Speisefisch. Frau und Kind mit FischFelsmalerei, Künstler unbekannt, Arnhemland

wie Viele Aborigines-Kü nstler, im hts (rec ma inu Njim Jim my auf ohl sow len ma , en) seh Bild zu . Fels auf h auc als e ind Bau mr ster, Njim inu ma ist Siedlu ngsälte n sein Gemälde von der heilige er uf sch nge hla nsc oge Regenb in in Nja mbolm i bei Nou rlangie esehene Arn hemland. Nu r seh r ang aft Mitglieder einer Gemeinsch . len ma ge lan Sch se die dür fen Regenbogenschlange, Jimmy Njiminuma, Arnhemland


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Die Aborigines benutzen die Kunst, um verschiedenen Menschen unterschiedliche Dinge mitzuteilen. Ihre Kunstwerke bergen häufig eine verschlüsselte Botschaft, die nur für die Gemeinschaft gedacht ist, außerdem eine offene Botschaft an alle anderen. Als die Europäer nach Australien kamen und Krankheiten und andere Übel mitbrachten, standen die Aborigines vor einer schweren Entscheidung. Sie brauchten die Kunst, um ihre Kultur am Leben zu erhalten, wollten aber nicht, dass ihre Traditionen in falsche Hände gerieten. Im Verlaufe dieses Buches werden wir untersuchen, wie Künstler unterschiedlichster Kulturen die Macht der Kunst für ihre wichtige Kommunikation benutzten.

DIE TRAU MZEIT

IM MITTE LPUNKT DER ABO MYTHOLO RIGINESGIE STEH T DIE T DIE VER R A U M Z GANGENH EIT, WEL EIT MIT CHE VERBIND DER GEG E T. Z U B ENWART E G IN N DER W SCHÖPFE R-WESEN ELT FOR MTEN DAS LAN UND VER D UND A WANDELT LLES DA E N RIN SICH DAN LANDSCH N IN TE AFT: IN ILE DER B E R G E , KUNST, M BÄUME U USIK UN ND FLÜSS D TANZ E. DEN GESC ERZÄHLE N VON HICHTEN DER TRA UMZEIT.

s Nou rla ngie -Zeich nu ng au ru gu än K se Die s w ie ein mla nd sieht au Rock in A rn he w ie viel die , st er Stil bewei D . ild nb ge nt Rö r von ih nen die Organe de er üb s ne gi ri Abo ere w ussten. schlachteten Ti ge d un en gt geja bekannter eichnung, un sz el -F ru gu Kän hemland Künstler, A rn

Der Kü nstler David Malangi ist einer der berüh mtesten Maler de r Aborigines und einer de r ersten, die ihre Arbeiten in Galer ien ausstellten . Seine Bilder wu rden oh ne seine Zustim mu ng au f die australische Dollar note ged ruckt. Hier ist er be im Mischen natürlicher Oc kerFarben für ein Gemälde au f Baum rinde zu sehen. David Malangi beim Mi schen seiner Palette


THEBEN 1250 v Chr. DIE STADT DER PHARAONEN Theben war jahrhundertelang ein bedeutender Ort. Der Fluss Nil teilt Theben in zwei Teile. Auf dem Ostufer bauten die Pharaonen Paläste und Siedlungen, der Westteil war die Stadt der Toten mit königlichen Grabstätten und Tempeln. Viele Pharaonen fügten weitere großartige Bauwerke hinzu, aber Ramses II. hinterließ die wohl eindrucksvollsten Spuren. Während seiner 60jährigen Regentschaft ließ er viele riesige und teure Denkmäler errichten (meist für sich selbst!). Sein Vermächtnis war so immens, dass sich neun zukünftige Könige Ägyptens nach ihm benannten. Das einzige Problem


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imposa nte l hatten meist pe m Te e ch is Ä gy pt n Oberbauten, abgeschräg te n, he ho it m Tore Tempel hatte na nnt. Dieser auch Pylon ge Ra mses II. ao n des Phar ue at St he ho zwei Steinsäulen. lisken, riesige und zwei Obe ris. eht heute in Pa Eine davon st . Jh. v. Chr. ls von Luxor, 13 pe m Te s de n Pylo

war, dass Ramses viel zu viel Geld ausgab und Ägypten damit fast in den Ruin trieb. Bis heute gilt er als arroganter Herrscher. Tatsächlich hatte es Ramses zu Lebzeiten darauf angelegt, dass andere an seiner unermesslichen Größe verzweifelten. Aber nichts ist für ewig. Selbst zu Zeiten des Römischen Kaiserreichs war Theben bereits eine Touristenattraktion. Zuvor hatten die antiken Griechen seine verblassende Größe bewundert. Die Ägypter nannten die Stadt eigentlich Waset, erst die Griechen bezeichneten sie als Theben.


Loblied auf die Götter Die religiösen Rituale in Ägypten wurden von den Pharaonen und Adligen als Geheimnisse gehütet. Ab dem 16. Jahrhundert v. Chr., also zur Blütezeit des Ägyptischen Reiches, wurde die Religionsausübung offener. Jedes Jahr wurden Dutzende öffentlicher Feiern in Theben abgehalten. Der Sonnengott, Amun-Re, stand immer im Mittelpunkt dieser Feste. Bei vielen Ritualen wurde ein Heiligenbild des Amun-Re über den Nil zu verschiedenen Tempeln getragen. Ramses II. hatte meh rere Gemahli nnen und meh r als einhundert Kinder. Kön igin Nefertar i nah m als seine Hauptge mahlin jedoch eine Sonderstellu ng ein. Ihr Grabmal ist mit Wandmalereien verziert, die erstmals auch mit Schattierungen versehen waren. Dam it erhalten die Wangen und Falten in ihrer Kleidung etwas Tief e. Tal der Königinnen, Grabmahl von Nefertari, 13. Jh. v. Chr.

r Das Ra messeum ist de von el Bestattu ngstemp Pharao Ra mses II. Er n ließ gigantische Freske n von seinen größte . In Triumphen an fer tigen sch de Ka der Schlacht bei in Sy rien besiegte Ra mses mit seinen r Truppen die Ar mee de . ter thi geg nerischen He Relief über die Schlacht bei Kadesch, r. Ramesseum, 1274 v. Ch


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HIEROGLYPHEN HIEROGLYPHEN SIND EINFACHE BILD ER, DIE FÜR WÖRTER ODER BUCHSTABEN STEHEN KÖNNEN. FÜR DIE ALTEN ÄGYPTER WAREN DIE HIEROGLYPHEN DIE WÖRTER GOTT ES. DIE HIEROGLYPHEN LIESSEN SICH KAUM ENTZIFFERN. ERST 1799 MIT DER ENTDECKUNG DES ROSE TTASTEINS, EINER GEMEISSELTEN STEINTAFE L, KONNTEN EXPERTEN HIEROGLYPHEN

Diese Zeichnung soll lustig sein, wie ein Comic. Statt die Gazelle neben sich zu verspeisen, spielen der Löwe und die Gazelle Senet, ein beliebtes Brettspiel aus Ägypten. Statt die Gänse zu fressen, führt sie die Katze herum, als wäre sie ein Schafhirte. Satirischer Papyrus, ca. 1250 v. Chr.

ÜBERSETZEN.

Diese Halle wurde von Ramses II. und seinem Vater erbaut. Sie enthält 134 Säulen, viel meh r, als zum Halten des Daches nötig gewesen wären. Die Besucher sollten sich darin klein fühlen, als gingen sie durch einen riesigen Zauberwald. Die Säulen sind mit Hieroglyphen übersät und waren leuchtend bemalt. Säulen des Hypostyls, Karnak, ca. 1280–70 v. Chr.

In Theben waren die Priester häufig auch Architekten und Künstler, die ihre eigenen Tempel erbauten und mit Skulpturen ausstatteten. Ägyptische Skulpturen wurden in einer Zeremonie scheinbar zum Leben erweckt. Kaum ein Bild galt ohne Hieroglyphen als vollendet, denn Wörtern wurden Zauberkräfte zugeschrieben. Die ägyptische Kunst gilt häufig als flach mit steif wirkenden Personen. Die Künstler Ägyptens wollten jedoch die Idealversion der Realität darstellen. Für die Ägypter wirkten die Kunstwerke keinesfalls flach oder statisch!


NINIVE 700 v. Chr. HAUPTSTADT DES ASSYRISCHEN REICHES Das Assyrische Reich beherrschte ein Gebiet namens Mesopotamien, wo sich Menschen zum ersten Mal dauerhaft niederließen – die älteste Zivilisation auf der Erde also. Vom 9. bis 7. Jahrhundert v. Chr. war das Assyrische Reich eine der einflussreichsten jemals dagewesenen Weltmächte. Es verfügte über die größte und am besten ausgestattete Armee. Assyrische Soldaten fegten über den gesamten mittleren Osten hinweg und eroberten sogar das starke Ägypten. In der Bibel zeichnete der Prophet Jesaja ein schreckliches Bild: »Und siehe, eilends und schnell kommen sie daher. Keiner unter ihnen ist müde oder strauchelt, keiner schlummert oder schläft … ihre Pfeile sind scharf … und sie brüllen wie junge Löwen.«


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Ninive hatte bis zu 15 m dicke Mauern mit 15 Torhäusern und Kanälen, die es mit dem Fluss Tigris verbanden. König Sanherib baute einen so extravaganten Palast, dass er ihn den »Palast ohnegleichen« nannte. Er schmückte ihn mit Reliefs, die seine großartigsten Momente als Kriegsherr zeigten. Der nächste König von Ninive, König Assurbanipal, eiferte ihm nach und baute seinen eigenen prunkvollen Palast, in dem eine der ersten und größten Bibliotheken untergebracht war. Die Kunst und Literatur von Ninive sind zweifellos ihr größter Beitrag zur Weltgeschichte.


Belagerte Geschichte Die Assyrer zeichneten gern alles auf. Mithilfe der Kunst dokumentierten sie sehr detailliert ihre gewonnenen Schlachten. Das sehen wir noch heute an den bis zu zwei Meter hohen, in Stein gemeißelten Reliefskulpturen. Auf den ersten Blick scheinen sie einander zu ähneln, bei genauem Hinschauen erkennt man jedoch, wie verschieden sie sind. Sie zeigen hunderte dramatischer Ereignisse, Angriffe aus dem Hinterhalt, Belagerungen und Kapitulationen. Ohne Papyrus oder Papier schrieben die Assyrer meist auf Tontafeln. Die Schreiber verwendeten ein Keilschrift-Alphabet. Mit einem Schreibgriffel aus Schilfrohr drückten sie verschiedene Keile in den noch weichen Ton. In seiner Bibliothek in Ninive sammelte König Assurbanipal zehntausende solcher Tontafeln und ordnete sie in Kategorien wie militärische Pläne oder Zaubersprüche und Geschichten.

Die Gesch ichte von Gil gamesch gehört zu den ältesten überl ieferten Erzählungen der Welt. Da rin begibt sich Gilgamesch au f die Suche nach dem weisen Utnapischti m. Wie Noah hatte Utnapischtim sei ne Fam ilie und Tiere vor der großen Flu t gerettet. Als seine Gesch ichte entde ckt wu rde, wa ren die Menschen ers ch rocken zu hören, dass die Assyrer eine äh nliche Gesch ichte wie in der Bibel erzählten.

Lamassus waren große Skulpturen an den Stadttoren, die Besucher einschüc htern sollten – Torwächter also. Diese Figu r hat den Kopf eines Mannes, die Flügel eines Adlers und den Körper eines Stier s. Dieses Foto entstand, bevor ihr Gesicht von Terroristen zerstört wurde. Lamassu, Nergal-Tor, Ninive, 8. Jh. v. Chr.


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Ende des 8. Jahrhunderts wurde das Nordreich Israel von den Assyrern besetzt. Danach überfielen sie das Südreich Juda. Auf diesen Wandbildern nimmt der Assyrische König das Volk Lachisch gefangen. Lachisch-Relief, Südwestpalast, Ninive, 700–692 v. Chr.

Ein Rollsiege l ist ein Zylin der, der über weichen Ton gerollt werde n ka n n, u m kleine Szene eine w ie d iese da rz ustellen. Hie kn iet ein A ss r yrer, u m der Ster nengöttin Ischta r zu hu ld igen. Solche Siegel w u rden w ie Untersch riften verwen de t, ih nen w u rden jedo ch auch mag is ch e, schützende K rä fte zugesc h rieben. Neoassyrisc hes Rollsiege l, 8.– 7. Jh. v. Chr.

Heute sind die Überreste von Ninive in großer Gefahr. Nachdem die Terroristen des sogenannten »Islamischen Staates« die moderne irakische Stadt Mossul besetzt hatten, zogen sie weiter nach Ninive. Dort zerstörten sie Artefakte, die über Jahrtausende erhalten geblieben waren, darunter eine Lamassu-Statue. Die alten Assyrer schufen diese riesigen Kreaturen als Schutzfiguren, um Böses von ihrer Stadt abzuwenden. Leider scheint ihre Macht nicht ausgereicht zu haben.


ATHEN 450 v. Chr. DIE HEIMAT DER DEMOKRATIE Die alten Griechen beeinflussten die moderne Welt auf vielfältige Weise. Ihr Vermächtnis lebt in unserer Sprache fort, wie wir unsere Regierungen wählen und wie wir bauen. Athen war einer von vielen Stadtstaaten in Griechenland, neben Sparta, Korinth und Theben. Das griechische Wort für Stadtstaat ist Polis, daher auch unser Wort Politik. Wenn die Bürger Athens zu politischen Entscheidungen zusammenkamen, glaubten sie, im Namen des Volkes zu sprechen. Das griechische Wort für Volk ist Demos, wir leiten davon das Wort Demokratie ab.


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Der Boden des Parthenon wölbt sich in der Mitte, seine Säulen sind bauchig und nach innen geneigt. Das hatten die Architekten so geplant. Diese kleinen Veränderungen täuschen das Auge und lassen das Gebäude fast perfekt symmetrisch aussehen. Der Parthenon, 447–438 v. Chr.

Im alten Griechenland durften nur freie Männer wählen. Heute jedoch sind wir der Meinung, dass die Stimme eines jeden bei Entscheidungen zählen sollte. Wie viele geschätzte Ideen und Einrichtungen hat die Demokratie ihre Wurzeln im alten Griechenland. Während das Vermächtnis Athens Tausende Jahre überdauert hat, war sein goldenes Zeitalter nur sehr kurz. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. bekriegten die Griechen die Perser in berühmten Land- und Seeschlachten. Unter Perikles, seinem berühmtesten Politiker, erlebte Athen um ca. 450 v. Chr. jedoch eine Zeit des Friedens und Wohlstands. Kunst und Kultur blühten auf. Dichter und Dramatiker wie Aischylos, Sophokles und Euripides übertrafen sich mit ihren Tragödien. Sokrates begann, mit seinen berühmten Fragen und Antworten auf dem Marktplatz Philosophie zu unterrichten. Er sagte: »Das ungeprüfte Leben ist nicht wert, gelebt zu werden«, was nichts anderes heißt, als dass ein Leben ohne Neugier und Lernen ziemlich langweilig wäre.


Baumeister Die Akropolis ist ein Hügel oberhalb des Stadtzentrums von Athen. Die Athener hielten ihn für den besten Ort, um dort den Tempel für die Stadt zu errichten, denn er ließ sich leicht verteidigen und war von der Stadt aus gut zu sehen. Nachdem die Perser die Akropolis geplündert hatten, standen die Tempelruinen als traurige Mahnmale über der Stadt. Darum war es wichtig, sie noch eindrucksvoller als zuvor wieder aufzubauen. Die Athener wollten ihre besondere Bewunderung für die Göttin Athene ausdrücken, die Göttin der Weisheit, denn sie war die Schutzpatronin der Stadt. Der Parthenon war der wichtigste Tempel der Akropolis und wurde Athene gewidmet. Der Künstler Phidias schuf eine riesige Statue der Göttin aus Gold und Elfenbein. Er schmolz die Waffen der persischen Armee ein, um eine weitere symbolträchtige Statue der Athene als Kriegerin zu schaffen. Leider ist keine der Skulpturen erhalten, aber durch Kopien römischer Künstler wissen wir von ihnen.

Mit dem Silber aus seinen Minen produ zierte Athen einige der antiken Münzen mit dem exaktesten Gewicht. Der »Kopf« zeigt Athene, auf »Zahl« ist eine Eule zu sehen, das Symbol der Göttin der Weisheit. Zwar waren die Münzen aus Athen sehr weit verbreitet, dennoch prägten viele griechische Städte ihre eigenen Münzen. Tetradrachme aus Athen, 5. Jh. v. Chr.

Phidias und seine Mä nner schufen 92 Skulptu ren, um den Par thenon dam it zu sch mücken. Diese Skulptu r zeig t eine Szene aus der griechischen My thologie, in der eine Gru ppe von Zentau ren bei einer Hochzeit einen Stre it beginnt. Hier hilf t Theseus, ein Held Athens, sie abzuwehren. Phidias, Südmetope XX XI, 447 v. Chr.–438 v. Chr.


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Das Erechtheion ist ein weiterer Tempel auf der Akropolis. Nach einem Mythos wollten der Meeresgott Poseidon und Athene, die Göttin der Weisheit, beide, dass ihnen die Stadt gewidmet werde. Poseidon schuf eine Quelle, während Athene einen Ölbaum wachsen ließ. Athene gewann, dennoch erinnert Athen im Erechtheion an beide. Erechtheion, Mnesikles, 421–405 v. Chr.

ROTE

VASE DIE AT HENER IN DE WAREN R TÖP EXPER FERKU BERÜH TEN N S T. D MTEST IE BE EN ST MIT R IDEN ILE SIN OTEN D DIE UND S DIE R VASEN CHWAR OTEN ZEN F FIGUR SPÄTE IGURE EN TA R AUF N. U CHTEN , DAS DER M W ERST A R EIN ALER FACHE KONN R UND BILD TE ME UNTER HR DE BRING T A IL S IM EN UN GESCH D GAN ICHTE N ERZ ZE ÄHLEN .

Nach einer Athener Legende wurde die Stadt gezw ungen, schöne Jünglinge und Jung frauen nach Kreta zu schicken, um sie dem Minotauros (halb Mensch, halb Stier) zu opfer n. Mit einem Faden konnte Theseus seinen Weg durch das Laby rinth fi nden, den Minotauros töten und nach Athen zurückkeh ren. Theseus und der Minotauros, Dokimasia-Maler, 480 v. Chr.

Heute sieht der Parthenon anders aus als zu seiner Bauzeit. Ursprünglich war er in leuchtenden Farben bemalt, heute ist er durch seinen strahlend weißen Marmor weithin zu sehen. Die eindrucksvolle Größe und das clevere Design wirken heute noch auf uns. Der Parthenon inspirierte Architekten auch in der Neuzeit zu ähnlichen Bauwerken, wie z. B. das Britische Museum oder den Obersten Gerichtshof der USA.


ROM VOM ZIEGEL ZU MARMOR Im ersten Jahrhundert v. Chr. stand Rom am Rande einer Katastrophe. Die bereits seit Jahrhunderten bestehende Römische Republik war ein Scherbenhaufen. Julius Cäsar ergriff die Macht, wurde aber von seinem Freund Brutus und anderen Senatoren 44 v. Chr. ermordet. Nach Cäsars Tod kämpften seine Unterstützer gegen seine Feinde. Und selbst als seine Unterstützer gewonnen hatten, bekriegten sie sich untereinander. Schließlich setzte sich Cäsars Großneffe Octavian an die Spitze. 27 v. Chr. erhielt er vom Senat einen anderen Namen: Augustus. Damit wurde Rom von der Republik zum Kaiserreich. Augustus hatte die Macht, aber anders als Cäsar agierte er weise als Diener des Volkes. Er nannte sich auch nicht »Kaiser«, sondern »Erster Bürger«.

Der Circus Maximus war eine riesige Arena in Rom, in der mehr als 100.000 Menschen Platz fanden. Sie wurde speziell für Wagenrennen erbaut. Augustus brachte einen massiven Steinobelisken aus Ägypten mit, der zur Erinnerung an die gewonnenen Schlachten im Mittelmeerraum in der Mitte aufgestellt wurde. Mosaik eines Wagenrennens, 2. Jh. n. Chr., Lyon


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Durch den Bürgerkrieg war Rom unsicher geworden. Augustus reparierte Straßen und Gebäude und stellte sogar eine Feuerwehr ein. Außerdem begann er große Bauprojekte, darunter einen großen Versammlungsort für alles, was Religion, Geschäft und Regierung betraf. Diesen Ort nannte man das »Forum«. Zur Unterhaltung gingen die Bürger zu Wagenrennen in den Circus Maximus oder in elegante öffentliche Badehäuser. Unter Augustus wandelte sich Roms Gesicht von Ziegelstein in Marmor. Für Rom und den größten Teil Europas hatte ein neues Zeitalter begonnen. Diese Zeit ist als Pax Romana bekannt, als »Römischer Frieden«.


Ode an das Römische Reich Augustus wusste um die Bedeutung der Kunst für den Erfolg seines Reiches. Er freundete sich mit Dichtern wie Horaz und Vergil an, die Gedichte, »Oden«, und Erzählungen über das großartige Rom schrieben. Viele Gebäude in Rom wurden von Bildhauern geschmückt. Zuweilen nahmen sie Formen griechischer Meisterwerke ab und kopierten sie für Rom. Römische Bildhauer waren besonders talentiert darin, schmeichelhafte Porträts von Persönlichkeiten zu schaffen. Augustus wurde z. B. immer mit perfektem, jungem Gesicht gezeigt. Viele Führer bedienten sich

Die Ara Pacis, Altar des Friedens, wurde aus Anlass Augustus’ Rückkehr aus Spanien geschaffen. Die Prozession ist aus der klassischen griechischen Kunst geborgt. Sie ähnelt dem Fries im Parthenon, nur tragen die Personen hier zeitgenössische römische Frisuren. Relief der kaiserlichen Familie, Ara Pacis, 13–9 v. Chr.

Die Portlandvase besteht aus Kameoglas. Dabei schnitzt der Künstler eine Lage Glas weg, um die Lage darunter freizulegen. Diese Vase kam im 18. Jahrhundert nach Großbritannien. Sie diente dem großen Töpfer Josiah Wedgwood als Inspiration, der jahrelang mit dieser Technik experimentierte, um sie zu reproduzieren. Die Vase ging im 19. Jahrhundert zu Bruch, zum Glück halfen jedoch Wedgwoods sorgfältige Kopien, sie wieder zusammenzusetzen. Portlandvase, 1–25 n. Chr.


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r Im kaiserlichen Rom kon nten meh eren höh n eine Bürger als je zuvor Der gesellschaftlichen Stat us erla ngen. sehr war s sace Eury reiche Großbäcker einen stolz auf sein Geschä ft. Er beza hlte e, artig groß e sein Arch itekten, um ihm mit – hten erric zu e einmalige Grabstätt denen Löchern ähnlich den Gefä ßen, in de. das Brot gelagert wur . Grabmal des Eurysaces, ca. 30 v. Chr

Augustus Pose war durch eine Skulptu r eines Speerkä mpfers des griechischen Bild hauers Polykleit os inspirier t. Stat t jedoch einen Speer zu halten, hebt er den Arm, als würde er zu seinen Truppen sprechen. Seine Brustplatte träg t die Symbole seiner Triu mphe, seiner militärischen Siege und der Hilfe, die er durch die wichtigsten Götter erfa hren hatte.. Augustus von Primapor ta, 1. Jh. n. Chr.

eines Models, egal, ob es ihnen in Wirklichkeit ähnlich war oder nicht. Vermögende Römer trafen sich gern zu ausufernden Festessen mit Freunden. Auf Sofas halb liegend, verspeisten sie exotische Gerichte wie Pfauen und Hummer. Solche Partys waren ideale Anlässe zum Prahlen, um seinen sozialen Status zu sichern. Jedes Detail musste beeindrucken – bis hin zum Geschirr. Auf feine Glasarbeiten war man besonders stolz. Mit der neuen Technik der Glasbläserei konnten Künstler neue Formen und Farbkombinationen herstellen. Auch die Architekten experimentierten, sie benutzten traditionelle Materialien wie Marmor, aber auch neuere wie Beton. Es war eine Epoche voller Möglichkeiten, und die Römer folgten gerne dem Ratschlag des Dichters Horaz: Carpe diem, »Nutze den Tag.«


TEOTIHUACÁN 300 n. Chr. EIN AZTEKISCHES STADTMODELL Den wirklichen Namen der einstigen Stadt werden wir wohl nie erfahren. Nach ihrer Zerstörung war sie für die Azteken so eindrucksvoll, dass sie sie Teotihuacán nannten, »Wo man zu einem Gott wird«. Vor seiner Zerstörung lebten in Teotihuacán 200.000 Menschen, was sie zu einer der größten Städte weltweit machte. Diese reiche und religiöse Stadt hatte bedeutenden Einfluss auf die Kunst und Architektur in Zentralamerika.


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Die Straßen sind in einem exakten Raster angeordnet. Die Straße der Toten verläuft mitten durch die Stadt. Den gruseligen Namen bekam die Straße, weil man die Strukturen an ihren Rändern für Grabmale hielt. Tatsächlich entdeckten Archäologen, dass es sich bei diesen Hunderten von Gebäuden um Wohnblöcke handelte. Hier lebten Familien in Appartements nebeneinander, den Hof benutzten sie gemeinsam – ähnlich wie in einer heutigen Wohnanlage. Es gab sogar Gräben für Ab- und Trinkwasser. Zwar hinterließen die Einwohner Teotihuacáns keine Schriftstücke, dennoch ist die Stadtanlage ein Vorbild für viele. Kein Wunder, dass die Azteken sich diese Anlage auch für Götter vorstellen konnten.


Stadt der Götter Die Anlage der Stadt ist eng mit der natürlichen Landschaft verflochten. Die Straße der Toten weist direkt auf den heiligen Berg Cerro Gordo. Die Sonnenund die Mondpyramide sehen aus wie die Berge im Hintergrund. Die Stadtplaner Teotihuacáns legten die Positionen für heilige Gebäude anhand der Sterne fest. Frühe Archäologen hatten eine sanfte, idealistische Vorstellung vom religiösen Leben in der Stadt. Neuere Entdeckungen legen jedoch nahe, dass die Einwohner der Stadt im Tempel der Gefiederten Schlange durchaus Menschenopfer darbrachten.

Die Sonnenpyramide gehört zu den größten Bauwerken im alten Amerika. Sie war ursprünglich mit Gips überzogen und wahrscheinlich rot gestrichen. Sie wurde über einer natürlichen Höhle errichtet. Wie im Mythos von Quetzalcóatl glaubten vermutlich auch die Einwohner Teotihuacáns, dass dies die Wiege der Menschheit sei. Sonnenpyramide, ca. 200 n. Chr.

Zu den faszinierendsten Kunstwerken aus Teotihuacán gehören die »Host Figures«, kleine Skulpturen mit einer weiteren in der Brust. Experten sind sich über ihre Bedeutung uneinig. Vielleicht zeigen sie die Seele in einem Körper, vielleicht auch spirituelle »Zwillinge« oder die Schutzkraft Gottes. Figur aus Teotihuacán, 0–750 n. Chr.


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Der männliche Sturmgott und eine Göttin der Fruchtbarkeit dominieren die Wandbilder in Teotihuacán. Manche Archäologen halten die Göttin für die mächtigste Gestalt in der Religion Teotihuacáns. Wandbild mit der Großen Göttin, ca. 200 n. Chr.

Die furchteinflößenden Gesichter der Gefiederten Schlange waren für die Krieger der Stadt wichtige Symbole. Die regal-ähnliche Struktur des Tempels wurde zum Modell für spätere Zivilisationen. Kürzlich entdeckten Forscher flüssiges Quecksilber unter dem Tempel. Die Bewohner Teotihuacáns hielten das silbrige Metall vielleicht für einen mythischen See. Steinköpfe, Tempel der Gefiederten Schlange, ca. 200 n. Chr.

Die Gefiederte Schlange ist an mehreren antiken Stätten in Mexiko zu finden. Der Kult um die mythische Figur könnte in Teotihuacán seinen Anfang genommen haben. Als die Azteken Teotihuacán erkundeten, widmeten sie Skulpturen der Gefiederten Schlange dem Gott Quetzalcóatl. Sie glaubten, Quetzalcóatl schuf die Menschen, indem er alte Gebeine mit seinem Blut benetzte, um sie zum Leben zu erwecken. Vielleicht glaubten das auch die Bewohner Teotihuacáns. Jahrhundertelang besuchten Menschen aus ganz Zentralamerika Teotihuacán, um die berühmten und besonderen Rituale dort zu erleben.


AJANTA 500 n. Chr. EIN VERSTECKTES FELSENKLOSTER Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begab sich eine Gruppe britischer Soldaten in den Wäldern Zentralindiens auf Tigerjagd. Plötzlich standen sie an einer Klippe, die wie ein Hufeisen einen See umgab. Sie wurden neugierig, schauten genauer nach und entdeckten, als sie Buschwerk und Wurzeln von den Felsen entfernt hatten, die Eingänge zu einem Dutzend antiker Höhlen. Zufällig hatten sie das Kloster Ajanta entdeckt, bestehend aus nahezu 30 in den Felsen gehauenen Hallen und Tempeln. Buddhistische Mönche lebten seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. in Ajanta und blieben für über 900 Jahre bis zum Rückgang des Buddhismus dort. Um 500 n. Chr. erlebte Ajanta seine Blütezeit. Es lag nahe


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In der Regenzeit, dem Monsun, blieben die Mönche zur Meditation und zum Studium in den Höhlen. Der starke Regen schuf einen 18 m hohen reißenden Wasserfall außerhalb der Höhlen. Die Wandbilder befanden sich jedoch in den Höhlen, geschützt vor Sonne und Regen, und blieben so erhalten. 24 Höhlen waren Schlafräume, 5 waren Tempel. Ajanta-Höhlen, Indien, 500 n. Chr.

einer Handelsroute zur Stadt Pataliputra, der Hauptstadt des mächtigen Gupta-Reiches. Die Mönche konnten nahegelegene Städte zu Fuß erreichen und von den Einwohnern und Händlern Spenden erbitten, um sich als Gegenleistung dem Gebet und dem Studium zu widmen. In Ajanta lebten sowohl Lehrer als auch Schüler, von denen wir sogar einige Namen kennen, weil sie in die Wände der Höhlen geschnitzt sind. Sie arbeiteten hart, lasen viel über Religion, Philosophie, Mathematik und Astronomie und lebten ein einfaches Leben. Als Schlafstätte dienten Betten aus Stein. Sie bewohnten jedoch auch einen Ort von unglaublicher künstlerischer und natürlicher Schönheit. In den Höhlen von Ajanta sind die ältesten erhaltenen Gemälde Indiens zu finden, daneben einige Felsskulpturen und großartige Bauwerke.

BUDDHISMUS DER BUDDHISMUS ENTWICKELTE SICH VOR MEHR ALS 2.000 JAHREN IN ASIEN NACH DEN LEHR EN VON SIDDH AR TH A, DEN MAN SPÄTER AL S BUDDHA BEZE ICHNETE. ER WURDE REICH GEBOREN, BEME RKTE ABER SPÄTER, WIE VI EL LEID UND SC HMERZ DIE MENSCHEN ERFU HREN. ER FAND EINEN WEG ZU SPIRIT UELLER ERLEUC HTUNG UND FRIEDEN, DEN ER AUCH ANDERE LEHRTE .


Meisterwerke im Urwald Künstler aus ganz Asien ahmten die Kunst aus Ajanta nach, vor allem die Gemälde. Viele entstanden tief in den Höhlen im Lichtschein des Feuers. Im Unterschied zu modernen Künstlern signierten die Maler aus Ajanta ihre Bilder nicht. In jeder Höhle arbeiteten mehrere Maler zusammen, so dass sich verschiedene Stile im selben Bild wiederfinden. Die Arbeit war schwierig, allein das Vorbereiten der Farben konnte Tage dauern. Die Künstler gruben dazu roten und gelben Ton aus der Erde, sammelten für die schwarze Farbe Ruß aus den Feuerstellen und zermahlten wertvolle Steine, Lapislazuli, um leuchtendes Blau zu gewinnen. .

als Diese Skulptu r wirk t so lebensecht, en Fels n wäre sie aus einem sepa rate ren gehauen. Wie die meisten Skulptu Fels den in in Ajanta wurde sie jedoch n den ert, gemeißelt. Das war komplizi , nen kön zu n ohne hinter die Figu r trete , iten arbe musste der Künstler seitl ich en zu um an schwer zu erreichende Stell r aus inba sche gela ngen und die Figu ren dem r Übe der Wand treten zu lassen. ras zu Haupt des Kön igs sind sieben Kob sitzen igin Kön sehen. Der Kön ig und die n ente Reg entspan nt, wie es nur den eren nied n vorbehalten war. Mensche mmeln! Ranges durf ten nicht so heru mlü , Naga-König und -Königin Höhle 19, spätes 5. Jh.

Dies ist eine der neuesten und am reichsten verzierten Gebetshallen in Ajanta. Die Struktur im Hintergrund heißt Stupa, sie enthält buddhistische Heiligtümer. Vorn ist ein Bild von Buddha zu sehen. Häufig hält er eine Hand erhoben, um die Menschen zu segnen oder Anweisungen zu geben. Gebetshalle, Höhle 26, spätes 5. Jh.


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Der Lotus wächst in Seen und Teichen in ganz Indien. Für Budd histen haben seine Blüten eine besondere Bedeutung – sie symbolisieren die Erleuchtung. Daru m hält der Bodh isattva ihn auch in den Händen. Im oberen Bild schüt telt ein weißer Elefa nt, zuweilen ein Symbol für Budd ha, die Blüten nach dem Bad in einem Lotusteich ab. Detail eines Deckengemäldes, Höhle 1, spätes 5. Jh.

Buddhisten glauben, dass sich ihre Taten in einem Leben auf ihr nächstes auswirken. Je nach Lebensführung kann man als alles Mögliche wiedergeboren werden – vom Tier bis zum Gott. Ein Bodhisattva wie hier hat den Zyklus der Wiedergeburt durch die Erleuchtung fast durchbrochen. Bodhisattva Padmapani, Höhle 1, spätes 5. Jh.

Bevor die Mönche aus Ajanta die Wände der Höhlen bemalen konnten, mussten sie diese mit Ton und Gips abdecken, gefolgt von Steinstaub und Bindemitteln. Sie schufen außerordentlich detailreiche Kunstwerke mit feinen Schattierungen, die Menschen und Tiere fast lebendig erscheinen ließen. Häufig ist auf den Bildern Buddha bei der Predigt zu seinen Anhängern zu sehen. Er sorgte sich, dass die Kunst die Menschen von der eigentlichen Botschaft ablenken würde. Seine Anhänger hielten das Risiko jedoch für lohnenswert, um schöne Dinge betrachten zu können. Manchmal kann die Malerei Botschaften besser erklären als jede Schrift.


JERUSALEM 700 n. Chr. WESSEN LAND IST DAS ÜBERHAUPT? Nur wenige Städte waren so stark umkämpft wie Jerusalem. Juden, Christen und Muslime behaupten, einige der wichtigsten historischen Ereignisse hätten sich hier abgespielt – oder werden es noch tun. In Jerusalem wurde vor 3.000 Jahren der erste jüdische Tempel erbaut, der heiligste Ort in der Welt der Juden. Tausend Jahre später erbaute König Herodes an derselben Stelle einen noch großartigeren Tempel, der später zerstört wurde. Erhalten geblieben ist nur die westliche Mauer, die Klagemauer, wo Juden noch immer in Erinnerung an den Tempel beten. Um 300 n. Chr., als die Christen die Kontrolle über den Tempelberg übernahmen, nutzten sie ihn als Müllhalde. Sie hielten den alten jüdischen Gebetsort nicht mehr

OPHE T DE R P R

ED MOHAMM

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Dieses Bodenmosaik aus einer byzantinischen Kirche ist eine der ältesten erhaltenen Karten des nahen Ostens. Dieser griechisch beschriftete Teil zeigt Jerusalem mit der Kuppel der Grabeskirche in der Mitte. Die Karte ist überraschend genau und hat Archäologen bei der Suche nach wichtigen Ruinen gute Dienste geleistet. Mosaikkarte von Madaba, St.-Georgs-Kirche, Madaba, Jordanien, Mitte 6. Jh.

für wichtig, weil Jesus selbst die Erlösung versprach. Ganz in der Nähe erbauten sie die Grabeskirche über der Stelle, wo Jesus begraben und auferstanden sein soll. 638 wurde Jerusalem von den Muslimen besetzt. Ihr Anführer besuchte die Kirche, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, bestieg dann den Tempelberg und forderte seine Reinigung. Dort erbauten die Muslime ihr erstes großes Monument, den Felsendom, in der Hoffnung, er wäre eindrucksvoller als der erste jüdische Tempel und die Grabeskirche.


Heilige Stadt im Heiligen Land Bis 700 n. Chr. hatten die muslimischen Truppen von der arabischen Halbinsel aus den gesamten Nahen Osten und Nordafrika eingenommen und schickten sich an, auch Teile Südeuropas zu besetzen. Durch diese Siege kamen die Muslime nicht einmal 70 Jahre nach dem Tod von Mohammed mit vielen künstlerischen Einflüssen auf einmal in Berührung. Da sich der Prophet zur Kunst nur spärlich geäußert hatte, mussten die frühen Muslime selbst bestimmen, wie islamische Kunst aussehen sollte. Vor allem von der byzantinischen Architektur zeigten sie sich beeindruckt, darunter von der Kuppel der Grabeskirche in Jerusalem. Bei der Besetzung Jerusalems errichteten die Muslime einen Schrein, den Felsendom, in ähnlicher Bauform und mit detaillierten Mosaiken verziert.

Als die islamischen Truppen christliches Territorium besetzten, passten sie auch die Bilder an ihren Glauben an. Hier wurde der Kaiser auf der christlichen Münze durch Kalif Abd al-Malik ersetzt. Die Münze rechts zeigt eine Säule statt des Kreuzes auf der christlichen Version. Die arabische Schrift ersetzte zudem das von Christen verwendete griechische Alphabet. Gold-Dinar, 695–6 n. Chr.

Im 4. Jh. n. Chr. reiste die Mutter von Kaiser Konstantin nach Jerusalem. Sie behauptete, das Kreuz gefunden zu haben, an dem Jesus gekreuzigt wurde, ebenso sein Grab, das heute von einem hölzernen Schrein in der Kirche umbaut ist. Grabeskirche, 335 n. Chr.


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Die Erbauer des Felsendoms kopierten dabei nicht einfach die christliche Kunst; sie wählten sorgfältig Bilder aus, die ihren Glauben illustrierten. Mohammed warnte davor, zu einem anderen Gott als zu Allah zu beten. Im Felsendom vermieden die Künstler darum Bilder von Menschen oder Tieren, um Verwirrungen zu vermeiden. Während die Muslime zu anderen Zeiten und an anderen Orten der Welt ihre eigenen Regeln für die Kunst aufstellten, waren sie sich in einem einig: Gott abzubilden ist unmöglich.

Der Felsendom wurde über dem Gründungsfels errichtet. Laut Judentum und Islam ist das der Ort, an dem die Entstehung der Welt begann. Für Muslime trat Mohammed von hier seine nächtliche Reise in den Himmel an, um Abraham, Moses und Jesus zu treffen. Auf dem Felsen hinterließ er seinen Fußabdruck. Felsendom, fertiggestellt 691 n. Chr.

Das Dach war mit Bleiplatten gedeckt, bis man in den 1960er Jahren die Original-Goldkuppel restaurierte. Der Felsendom ist berühmt für seine markante Fassade aus blauen türkischen Kacheln. Im 12. Jh. verwandelten ihn Kreuzfahrer kurzzeitig in eine Kirche. Felsendom, fertiggestellt 691 n. Chr.


Eine Reise durch die Kunst ist ein ganz besonderes Buch, das erzählt, wie sich die verschiedensten Künste und Kulturen entwickelt haben. Unsere Reise führt durch die ganze Welt an 30 verschiedene Orte. Wir erleben Geschichten erstaunlicher Kunstwerke und erfahren Neues über die Kulturen, in denen sie entstanden. Wir starten in den Höhlen von Nawarla Gabarnmang im Jahr 35.000 v. Chr., reisen zum Tempel von Luxor in Ägypten im Jahr 1250 v. Chr., nach Rom zu Beginn der Zeitrechnung, ins kambodschanische Angkor Wat von 1150, ins Florenz während der Renaissance, ins New York der 1950er Jahre, schließlich nach Rio de Janeiro, wo wir einen Blick in die nahe Zukunft DIESE REISE URCH wagen – und noch viel weiter. HRT UNS D

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ILLUSTRATIONEN VON LUCY DALZELL

www.midas.ch ISBN 978-3-03876-124-2

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