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MFG EDITORIAL

KONTERREVOLUTION JOHANNES REICHL

Hält man sich die Macht der Konzerne vor Augen,

die Apathie und Ohnmacht des größten Teils der Bevölkerung, die Unzulänglichkeit der führenden Politiker fast aller Länder, die Gefahr eines Atomkrieges, die ökologischen Belastungen, ganz zu schweigen von Phänomenen wie klimatischen Veränderungen [...] – haben wir dann überhaupt eine berechtigte Chance der Rettung?“ Diese Zeilen stammen nicht etwa aus einem Kommentar zur aktuellen Weltlage, sondern wurden bereits 1979 von Erich Fromm in seinem Buch „Haben oder Sein“ formuliert. In diesem zeichnet er das Bild einer rein auf das „Haben“ fokussierten westlichen Gesellschaft nach, in welcher der Mensch die Technik zur absoluten Religion erhoben hat, Egoismus, Selbstsucht und Habgier Grundwesenszüge darstellen, und der Mensch zur reinen, medial und politisch gelenkten Kaufmaschine verkommen ist. Wenig verwunderlich, dass die Lektüre dieses Buches betroffen macht, führt sie uns doch vor Augen, dass wir uns in den letzten 30 Jahren vom geistigen Standpunkt aus betrachtet praktisch nicht weiterentwickelt haben – mit den aktuellen Auswirkungen. Dabei geht es längst nicht mehr „nur“ um Staatsschuldenkrise, Eurokrise, Wirtschaftskrise. Ebenso konstatieren wir eine Verteilungskrise, Ernährungskrise, Umweltkrise etc. Nicht, dass diese Probleme, siehe Fromm, nicht schon längst in der Luft lagen. Aber nun sind sie derart zwingend geworden, dass wir sie nicht länger verdrängen können. Die westliche Welt erfährt dadurch aktuell eine gesamtgesellschaftliche (Bewusstseins)Krise, die alle unsere Lebensbereiche durchdringt, unser gesamtes bisheriges Handeln, unseren Way Of Life in Frage stellt – und damit jenen jedes einzelnen. Damit haben wir es aber auch mit einer Krise unserer selbst im Angesicht dieser Gesellschaft zu tun, weil der allgemeine Leistungsanspruch auf der einen Seite, und unsere eigene Befindlichkeit sowie Fähigkeit, diesem gerecht zu werden auf der anderen, zumehmend auseinanderklaffen. Sie lösen einen Zwiespalt in uns selbst aus, der nur mehr durch eine Überbeanspruchung des Individuums

auf Kosten des Seins gemeistert wird. Dabei hinterfragen wir aber nicht, ob das System an sich die richtigen Ansprüche stellt, sondern ausschließlich, ob unsere eigene Person im Sinne des Systems „richtig“ funktioniert. Was aktuell bemerkbar wird – und das ist ein gutes Zeichen zunehmenden (Selbst-)Bewusstseins – ist eine Hinterfragung dieses Grunddenkens. Visionär schreibt Fromm diesbezüglich: „Die neue Gesellschaft und der neue Mensch werden nur Wirklichkeit werden, wenn die alten Motivationen – Profit und Macht – durch neue ersetzt werden: Sein, Teilen, Verstehen; wenn der Marktcharakter durch den produktiven, liebesfähigen Charakter abgelöst wird und an die Stelle der kybernetischen Religion ein neuer, radikal-humanistischer Geist tritt.“ Ich höre schon jene Stimmen, die jetzt von „sozialromantischem Geschwätz“ reden – allein: Fromm war kein Sozialromaniker, sondern ein scharfer Analytiker mit Blick auf die menschliche Seele, deren Abgründe und Leiden er unter dem überbordenden Fokus auf das Haben erkannte. In diesem Sinne brauchen wir im „Westen“ vielleicht keine Revolution der Straße, wie wir sie im arabischen Raum erlebten, sehr wohl aber eine des Geistes – ja, eine Konterrevolution, die das Haben wieder zugunsten des Seins zurückdrängt. Dies muss nicht unbedingt eine gänzlich neue Welt bringen, sehr wohl aber eine veränderte. Bewegungen wie „Occupy Wall Street“ fordern ja auch keine Abschaffung des Kapitalismus, sondern einen, wie es Wirtschaftsprofessor Karl Bachinger im Interview formulierte, „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“. Das sind nicht nur Chaoten, wie gerne behauptet wird, sondern Idealisten. Und Idealisten sind nicht zwangsläufig naive Träumer. Bleibt die Frage, wie angehen? Durch Selbstverantwortung! Um mit Fromm zu sprechen: „Doch jenseits aller politischen Parteien gibt es nur zwei Lager: Die Engagierten und die Gleichgültigen.“ Es wird Zeit, dass wir uns auf die Seite der Engagierten schlagen. Dann haben wir, um in Fromms Diktion zu bleiben, noch „eine Chance auf Rettung.“

Blattlinie: Das fast unabhängige Magazin zur Förderung der Urbankultur in Niederösterreich Medieninhaber (Verleger): NXP Veranstaltungsbetriebs GmbH, MFG – Das Magazin, Kelsengasse 9, 3100 St. Pölten Herausgeber: Bernard und René Voak Redaktionsanschrift: MFG – Das Magazin, Kelsengasse 9, 3100 St. Pölten; Telefon: 02742/71400-330, Fax: 02742/71400-305; Internet: www.dasmfg.at, Email: office@dasmfg.at Chefredakteur: Johannes Reichl Chef vom Dienst: Anne-Sophie Settele Redaktionsteam: Thomas Fröhlich, Gotthard Gansch, Althea Müller, Michael Müllner, Marion Pfeffer, Ruth Riel, Thomas Schöpf, Eva Seidl, Anne-Sophie Settele, Beate Steiner, Katharina Vrana. Kolumnisten: Herbert Binder, Thomas Fröhlich, Althea Müller, Michael Müllner, Primadonna, Rosa, Beate Steiner Kritiker: Helmuth Fahrngruber, Thomas Fröhlich, Wolfgang Hintermeier, Simon Höllerschmid, Michael Müllner, Kinga Pietraszewska, David Meixner, Manuel Pernsteiner, Anne-Sophie Settele, Robert Stefan Karikatur: Andreas Reichebner Bildredaktion: Simon Höllerschmid, Hermann Rauschmayr Art Director & Layout: Mr. Shitaki Hersteller: NÖ Pressehaus Druck- und Verlagsgesellschaft mbH Herstellungs- und Verlagsort: St. Pölten Verlagspostamt: 3100 St. Pölten, P.b.b. Alle Rechte, auch die Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2. Urheberrechtsgesetz, sind vorbehalten. Alle Angaben ohne Gewähr. Für den Inhalt bezahlter Beiträge ist der Medieninhaber nicht verantwortlich. Internet: www.dasmfg.at

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INHALT

Urban 6

KULTUR 44

SZENE 60

SPORT 70

URBAN 8 14 16 22 28 30 36

RAUCHER-ALARM DER SCHADEN IST GETAN KRISEN-SZENARIEN HAUPTSTADT VERSTEINERUNGEN SAG MIR WO DIE GRÜNEN SIND REZEPTE ZUM VERLIEBEN TOD EINES VAGABUNDEN

KULTUR 46 48

SCHALL UND RAUCH EINE AXT NAMES KULTUR

50 54

DER BARITON-STÜRMER POETIK DES THEATERS

SZENE

6 7 44 60 76 77

SPORT

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Alles andere ist Spielzeug.


In was für einer Stadt leben wir eigentlich...

...in der es für die Grünen zwar nicht „vom Winde verweht“, dafür aber vom „Hochdruckreinger weggespült“ spielte. So wurden nunmehr die von den Grünen während des Wahlkampfes auf den Asphalt aufgemalten grünen Fußspuren beseitigt. Diese hatten sich ja in Folge als im höchsten Maße resistent erwiesen, was freilich nicht unbedingt für die Performance der Grünen selbst zutraf. Bezeichnend, dass diese Aktion der größte Aufreger der Ära Cagri Dogan war, dessen Tage gezählt zu sein scheinen – zumindest befindet er sich auffallend auf Tauchstation. Aber vielleicht bedarf es ja manchmal der gänzlichen Reinigung für einen Neuanfang, denn siehe da: Die Grünen legen nach hochexplosiven Themen wie Babyklappe für Kätzchen, Hundemord in Osteuropa oder Holzschlägerungen im Stadtwald endlich wieder ein ernst zunehmendes kommunales, grünes Kernthema auf den Tisch: die S 34.

... in der manch Ordnungshüter „Gspiar“ vermissen lässt. So staunte ein Team von „Essen auf Rädern“ nicht schlecht, als ein Polizist ihren Wagen anhielt und angesichts des gesetzeswidrigen Tatbestandes, dass die Insassen nicht angeschnallt waren, Strafe einheben wollte. Dass ihm die freiwilligen Helfer auseinanderzusetzen versuchten, dass sie quasi alle 50-100 Meter stehenbleiben und aussteigen müssen, beeindruckte den Gesetzeshüter nicht vollends – zumindest vom Fahrer hob er die Strafe ein. Auch ein Parksheriff bewies seltenes Einfühlungsvermögen. Eine Mutter parkte ihr Auto in der Kurzparkzone, um die Tochter vom Klavierunterricht abzuholen. Da das kleine Brüderchen im Auto eingeschlafen war, blieb sie mit ihm wartend im Auto sitzen. Der Parksheriff verlangte aber, obwohl sie das schlafende Kind nicht allein lassen konnte, dass sie einen Parkschein löst, andernfalls müsse sie wegfahren.

... in der anhand der immer wieder aufflammenden Diskussion um eine Zusammenlegung von Bezirkshauptmannschaft und Magistrat wunderbar nachvollziehbar ist, warum die „Verwaltungsreform“ bis dato nicht mehr als ein zahnloser Papiertiger ist. Während in diesem Fall nämlich die ÖVP eine Abgabe der Magistratsagenden an die Bezirkshauptmannschaft ventiliert, ist die Lesart der SPÖ genau umgekehrt, also – diesbezüglich sei man gesprächsbereit – eine Übernahme der Bezirkshauptmannschaft-Agenden in den Magistrat, bei Ausgleich der Mehrkosten versteht sich. Keine Spur auf beiden Seiten, eigene Kompetenzen und Pfründe im Sinne einer Gesamtentlastung abzugeben. Für den Bürger, dem es herzlich egal ist, wo er seine Behördenwege erledigt, ist jedenfalls schwer nachvollziehbar, warum in einer Stadt wie St. Pölten zwei Parallelstrukturen bestehen, v.a. wenn er dafür die Mehrkosten tragen muss.

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SHORTCUT URBAN

Griechisch Paradox

Hebi

BUDGET 2012 Auch 2012 wird St. Pölten rund 6 Millionen mehr ausgeben als einnehmen und somit Rücklagen aus vergangenen, fetten Jahren auflösen müssen. Warum schafft Bürgermeister Stadler kein ausgeglichenes Budget – immerhin müsste er die Ausgaben ja „nur“ um 4 Prozent senken? Da die Gemeinde kaum eigene Steuern einheben kann, kann er an den Einnahmen kaum schrauben und lediglich diverse Gebühren anheben. Da diese aber seit fünf Jahren nicht angehoben wurden, kompensiert man damit nur frühere Kostensteigerungen. Stadler spricht von einer „Gratwanderung zwischen Investieren und dem Bestreben zur Haushaltskonsolidierung“ und bleibt dabei, dass bis 2015 der Haushalt ausgeglichen sein wird. Das bedeutet: Sparen – z. B. beim Personal und den Ermessensausgaben (etwa beim umstrittenen Pensionistenausflug?) oder „Verwaltungsstruktur verbessern und den Leistungskatalog der Stadt neu aufstellen“. Beim letzten Punkt wäre wirklich etwas zu holen – Stadler’s Glück ist, dass sich die Opposition aber lieber mit der Friedhofsgebühr die Zeit vertreibt.

TRAISENTRASSE VS. -STRASSE „2014 startet der vierspurige Ausbau der S34 Völtendorf–A1–B1“, verkündete kürzlich LH Erwin Pröll. Damit soll u. a., wie die ASFINAG betont, die Reisezeit verkürzt werden. Ein Argument, welches die Grünen unter Berufung auf die „Stellungnahme zum Umweltbericht Strategische Prüfung –

Verkehr S34 Traisental Schnellstraße“ von DI Harald Frey von der TU Wien bezweifeln. „Durch die erhöhte Geschwindigkeit wird die Strecke natürlich attraktiver, aber dadurch entsteht auch mehr Verkehrsaufkommen“, konstatiert der Verkehrsplaner auch MFG gegenüber. Die im Verkehr aufgewendete Zeit bleibe zumindest konstant. Frey plädiert deshalb „zunächst die vorhandenen Kapazitäten zu überprüfen. Beispielsweise hat die Bahntrasse neben der Traisen noch genug Kapazitäten frei, die man nutzen kann! Das sollte man stärken!“ Angesichts künftig weiter steigender Treibstoffpreise meint Frey kategorisch: „Jeder Euro, der heutzutage in Autobahnen investiert wird, ist ein vergeudeter Euro.“

Seinen Türkischen trinkt der St.Pöltner immer noch am liebsten beim Griechen. Einmal Urlaub auf Tsatsiki, und man genießt die reiche Auswahl zwischen Rhodos und Poseidon! Seinen Retsina heroisch beim Türken zu trinken ist dagegen noch nicht so Ouzo. Aber auch so finden sich bei uns allenthalben „griechische Verhältnisse“: hedonistische Ex-Hackler in den besten Mannesjahren untertags in der Aquacity. Jünger des Äskulap sich weniger Hippokrates widmend, denn dem Antagonismus von Angebot und Nachfrage im klinischen Beschaffungswesen. Unterschiedlich zeigen sich Kirche und Feuerwehr: Obwohl es in Hellas ständig irgendwo brennt, gibt’s im ganzen Land keine freiwillige Feuerwehr. Dafür leistet sich die Kirche für rund 50.000 dortige römische Katholiken immerhin drei Erzbischöfe plus einen Bischof. In der teilautonomen Mönchsrepublik Athos findet man absolut nichts Weibliches, während in der österreichischen Kirche Frauen inzwischen nun doch irgendwie platonisch geduldet scheinen. Den Göttern danken dürfen die in den lokalen Medien optisch omnipräsenten Repräsentanten/innen des politischen Lebens. Wie äolisch leicht ist es doch, einem NÖN-Fotografen wöchentlich vor die Linse zu springen und was käme dagegen heraus, müsste man als Abgeordneter einem Praxiteles für einen lendenschlanken Hermes oder als Stadträtin als neckische Quellnymphe Modell stehen. Und noch eines: Ob Papandreou oder Papademos – hat man irgendwo gelesen, dass einer von ihnen bei den zahlreichen Auslandsreisen der letzten Monate seinen politischen Wettbewerber zum Mitfliegen eingeladen hätte? Na also!

MFG 12.11

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MFG URBAN

Wo Rauch ist, ist auch Feuer Kaum eine andere Diskussion spaltet die Nation so wie jene ums Rauchen. Gastronomie gegen Politiker, Mediziner gegen Ökonomen, Raucher gegen Nichtraucher. Eine neue Studie der MedUni Wien belegt: Rauchen in Lokalen ist gefährlicher als bisher angenommen. 8


Text: Marion Pfeffer, Michael Müllner, Ruth Riel, Anne-Sophie settele, Eva SEidl. | Fotos: Simon Höllerschmid, Fotolia

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ngeheizt wurde die Diskussion rund ums Rauchen in Lokalen durch das umstrittene Tabakgesetz, das die Wirte kleinerer Lokale zur Deklaration in Raucher oder Nichtraucher zwingt, sowie den Betreibern von Lokalen über 50 m² die räumliche Trennung in zwei Bereiche vorschreibt. Dies führte zu Unmut und mangels fairer Ausnahmeregelungen zu massiven Umsatzeinbrüchen in der Gastronomie. Öl ins Feuer hat nun die neue Studie der MedUni Wien „Rauch & Feinstaub“ gegossen, die eine enorme Belastung von Gaststätten durch Feinstaub und Ultrafeinstaub in Folge des blauen Dunstes festgestellt hat. Selbst die rigorose Einhaltung

„Ich wünsche mir strengere und vor allem eindeutigere und damit lebbare Gesetze.“ Ärztekammer NÖ Präsident Ch. Reisner

der Gesetze durch ständig geschlossen gehaltene Verbindungstüren und umfassende Belüftungsmaßnahmen können laut der Studie keine Abhilfe der Gefährdung der Nichtraucher und des Passivrauchens schaffen. Dies wirft gezwungenermaßen die Frage auf: Wie effektiv sind die Gesetze, um die Nichtraucher zu schützen? Weder die Gesetze noch deren (Nicht-)Einhaltung will man bei der Ärztekammer bewerten. Präsident Christoph Reisner betont jedoch: „Aus medizinischer Sicht ist klar: Sowohl Aktivrauchen als auch Passivrauchen haben negative Auswirkungen auf die Gesundheit.“ Allerdings stehe es jedem in unserer Gesellschaft frei, mit seiner Gesundheit so umzugehen, wie er es für richtig hält. Solange niemand anderer durch sein Verhalten gesundheitlich gefährdet werde. Damit gibt sich die Ärztekammer diplomatisch: „Besonders schützenswert sind daher potenzielle Passivraucher, die wenig Alternativen haben, dem Passivrauch zu entkommen. Dies betrifft beispielsweise die Gastronomie im Fall der Angestellten, öffentliche Gebäude, aber auch Rauchen beim Autofahren, wenn etwa Kinder im Auto sind. Ich wünsche mir

strengere, und vor allem eindeutigere und damit lebbare Gesetze.“ Langzeitstudien über die Auswirkungen der Rauchverbote wären interessant, seien aber nicht Sache der Ärztekammer, erklärt Reisner weiter. „Aber aus meiner Sicht ist klar, dass in Summe gesehen gesundheitlich ausschließlich positive Auswirkungen durch ein Rauchverbot die Folge sein können.“ Aufs Ganze gehen? Die Wirte befürchten daher, was ohnehin von Anfang an im Raum stand: Das allumfassende Rauchverbot. Nach aktuellen Studien und Umfragen befürwortet das Gros der Bevölkerung und der Gastronomen das komplette Rauchverbot und attestiert dieser Lösung zumindest eine immanente Fairness. Da jedoch gerade erst die Übergangsfrist des Tabakgesetzes abgelaufen ist und viele Betriebe sich gezwungen sahen, Investitionen im fünfstelligen Eurobereich zu tätigen, um den Regelungen gerecht zu werden, gleicht die Aussicht einer Tschick-Prohibition einem wirtschaftlichen Super-Gau. Schrecken ohne Ende Auch St. Pöltens Wirte werden im Kampf um die korrekte Umsetzung des Tabakgesetztes mürbe – und sehen nur mehr in einem generellen Rauchverbot eine dauerhafte Lösung ohne Wettbewerbsverzerrung oder rechtlicher Unsicherheit. Bald zwei Jahre Kampf und Krampf mit dem neuen Tabakgesetz und dessen Auswirkungen auf die Lokallandschaft haben so manchen St. Pöltner Gastronomen graue Haare wachsen lassen. Alle sind sich einig, dass ein Rauchverbot die Umsätze dramatisch reduziert. „Auch wenn die Raucher immer rücksichtsvoller werden, wollen die Gäste die Möglichkeit haben an der Schank oder in eigenen Bereichen beispielsweise beim Kaffee ganz bewusst ihre Zigarette zu genießen“, berichtet Sabine Eder. Kurt Pemmer legt nach: „Ich habe im eigenen Haus aufgrund von Behördenauflagen sehr viel Geld in eine Lüftungsanlage investiert, die mir aufgrund der Raucherthematik vorgeschrieben wurde. Dann kam ein neues Gesetz, und ich

Rauchen: Hard Facts » In Österreich rauchen 2,3 Mio Menschen, davon 1,2 Mio Männer und 1,1 Mio Frauen - das sind 29% der Gesamtbevölkerung.

» Raucher kosteten den Staat 2010

abzüglich der Steuereinnahmen und verkürzten Pensionsansprüche aufgrund kürzerer Lebenserwartung 659 Millionen Euro.

» Das Einstiegsalter liegt bei etwa 11 Jahren.

» Tabak enthält mehr als 4.000 ver-

schiedene Chemikalien, 250 davon sind nachweislich schädlich und mindestens 50 davon krebserregend.

» 90 Prozent aller Lungenkrebspatienten sind Raucher.

» Rund 14.000 Österreicher sterben jährlich an den Folgen des Tabakkonsums.

» Rund 600.000 Menschen sterben

weltweit jährlich an den Folgen des Passivrauchens, 31 % davon sind Kinder.

» Die Lebensspanne bei Aktiv-

Rauchern verkürzt sich um bis zu 23 Jahre. verwendete Quellen für diesen Artikel: WHO, Statistik Austria, IHS, Krebshilfe, "Rauch und Feinstaub" MedUni Wien, Rauchertelefon


MFG URBAN

MEINUNGEN DER ST. PÖLTNER Renate Seiberl: „Ich persönlich wäre für entweder-oder. Alles andere ist wischiwaschi. Wenn es nicht unbedingt sein müsste, würde ich auf keinen Fall in ein Raucherlokal gehen. Ich muss leider zur Kenntnis nehmen, dass die Bürger sich nur mehr auf den Staat verlassen, der alles regeln soll. Ich finde diese Entwicklung nicht sehr förderlich für die Eigenverantwortung jedes einzelnen. Jeder sollte für sich entscheiden, was ihm seine Gesundheit wert ist.“

Reinhard Dvoracek: „Ich halte die Trennung für sinnvoll, weil man mit Kindern nicht unbedingt in einem Raucherbereich sitzen will. Ich selbst bin auch Raucher und habe kein Problem mit Nichtraucher-

ständig geschlossenen Glastüren sieht man, dass vieles in der Praxis gar nicht funktionieren kann.“ Gerade Leo Graf als Obmann der St. Pöltner Wirte 3100 nimmt eine besondere Rolle ein, ist wohl auch der meist „bestrafte“ Wirt. Seine Lokale in Einkaufszentren gelten als „öffentliche Räume“, somit sind dort generell keine Raucherbereiche gestattet: „Da reden wir von 90 Prozent Umsatzrückgang. Die Zentrumsverwaltung zeigt keine Bereitschaft über eine Mietreduktion zu reden, also hab ich ein massives Problem.“

bereichen oder -lokalen. Rauchverbot in der Öffentlichkeit halte ich für sinnvoll, weil es Kinder und Jugendliche schwerer haben, heimlich zu rauchen. Wir haben früher im Hammerpark nach der Schule immer eine geraucht – das war der Anfang.“

Barbara Dvoracek: „Mich stört es nicht, wenn geraucht wird, solange ich nicht direkt den Rauch ins Gesicht geblasen bekomme. Die strikte Trennung im Lokal ist zwar angenehm, aber aus kommunikativer Sicht sehr negativ zu beurteilen, weil sich alles auseinanderreißt. Mit meinen Kindern vermeide ich aber natürlich Raucherlokale. Jedoch kommt oft auch Rauch durch den Raucher- in den Nichtraucherbereich. Da frag ich mich, was das für einen Sinn hat?“

Michael Haydn: „In meinem Shop ist Rauchen schon von Anbeginn an nicht erlaubt gewesen. Aber viele Leute gehen jetzt öfter raus, um zu rauchen, als vor 5, 6 Jahren. Ich finde, Rauchen hat dieselbe Berechtigung im Genusssinn wie alles andere auch. Aber die Betreiber eines Lokals sollten selber entscheiden dürfen, ob geraucht werden darf oder nicht. Wir sind ja alle nicht verpflichtet auszugehen.“

Gabriele Bajalan: „Unsere Trennung ist mir zu soft als Nichtraucherin. Leider hören hier kaum Leute auf zu rauchen – besonders unsere Jugend nicht! Die Raucher sind sehr militant mit ihrer ‚Selbstbestimmung‘, wir Nichtraucher sind aber immer in Mitleidenschaft gezogen. Ich glaube, es geht eigentlich nur über den Preis: Sehr teure Zigaretten halten vielleicht die Jugend eher ab. Ich finde es toll, wie es in Großbritannien, Irland, sogar Italien klappt!“

musste wieder alles umdrehen und neuerlich viel Geld investieren. Zufrieden ist jetzt aber erst keiner, weder der Gast noch die Behörde. Eine typisch österreichische Lösung, die das freie Unternehmertum ad absurdum führt. Ich bin im eigenen Haus entmündigt!“ Von den rund zehn vertretenen Betrieben haben alle in Folge des neuen Gesetzes beträchtliche Summen investiert, deren Sinnhaftigkeit nun durch immer neue Auslegungen des Gesetzes 10

durch Richter und Behörden fraglich erscheint. Gerade diese fehlende Rechtssicherheit ist es, die viele Wirte besonders mürbe macht. Leo Graf: „Die Magistratsbehörde macht nur ihre Pflicht, uns ist schon klar, dass die das Gesetz umsetzen und uns gegebenenfalls strafen müssen. Wir machen keiner der handelnden Personen einen Vorwurf. Aber wir können nur umsetzen, was in der Praxis möglich ist. Anhand der jüngsten Forderung nach

Gleiches Recht für alle Ein Problem, für das es nur zwei Lösungen gibt: Entweder darf wieder jeder Wirt bestimmen, ob er rauchen lässt oder nicht. Das wäre wohl allen am liebsten, aber abseits der hitzigen Emotion ist den Wirten am Tisch klar, dass dies keine seriöse Forderung sein kann. Georg Loichtl vom Fliegerbräu fasst zusammen, was den allermeisten Wirten mittlerweile auch bewusst geworden ist: „Das Schlimmste ist die Wettbe-

„Die WK soll sich endlich für gleiches Recht für alle einsetzen.“ Georg Loichtl werbsverzerrung. Die Wirtschaftskammer soll sich endlich dafür einsetzen, dass die Zwei-Klassen-Gesellschaft beendet wird und gleiches Recht für alle herrscht. Für alle Lokale, aber auch für gewisse Gruppen, denen man es jetzt versucht mit Ausnahmen recht zu machen.“ Gemeint sind damit etwa Zeltfeste, auf denen Rauchen erlaubt ist. Einig sind sich alle darin, dass in einer rauchfreien Gastronomie die Geselligkeit ziemlich verloren geht – was zahlreiche Euro an Umsatz kostet: „Der Zweck des Zusammenkommens wird damit umgebracht.“ Walter Jahn vom D&C Cityhotel: „Das sieht man auch im Ausland. Natürlich sind dort überall die Umsätze eingebrochen. Ich frag mich also, wer behaupten kann, dass Nichtraucherlösungen in anderen Ländern wirklich funktionieren?!“ Ohne Rauchen würden im ersten Jahr laut Einschätzung der Wirte rund 30 Prozent der Betriebe zusperren: „Die gu-


Wo Rauch ist, ist auch Feuer

ten überleben, die schlechten sind dann weg.“ Auch Wolfgang Wutzl glaubt, dass an einer generellen Nichtraucherregelung kein Weg mehr vorbeiführt. Eine mögliche Lösung sieht er in einer Volksabstimmung zum Thema – die Klarheit schaffen würde. „Wir können nicht alle paar Wochen neue Behördenschriftstücke studieren und uns von einer schlechten Lösung zur nächsten hanteln. Wir brauchen eine Dauerlösung – und die kann leider wohl nur ein generelles Rauchverbot sein“, so Leo Graf.

Feige Politik? Unter der Wirtschaft steigt derweil der Frust- und Zornpegel. Manche meinen, die Politiker hätten sich elegant um die unpopuläre Entscheidung für ein generelles Rauchverbot gedrückt und spielen nun den Wirten den Schwarzen Peter zu. Da das Gesetz in der Praxis nicht funktioniert, würde wohl schon bald der Gesetzgeber unter Hinweis auf das „Versagen“ der aktuellen Regelung ein generelles Rauchverbot durchsetzen und die Schuld den Wirten zuschieben. Besonders groß ist der Ärger derzeit

über die Standesvertretung. Die Wirtschaftskammer macht der aktuellen Regelung – die ja vor allem von der Kammer gefordert und ins Gesetz reinreklamiert wurde – nach wie vor die Mauer. Obwohl ihre Mitglieder offenbar schon längst erkannt haben, dass dies nur ein Schrecken ohne Ende ist. Die Wirtschaftskammer NÖ als Interessensvertretung der Gastronomiebetriebe verteidigt indes den „hart erkämpften politischen Kompromiss“ als gangbaren Weg. Man beruft sich

Rauchen ist wie Russisches Roulette Dr. Harald ARTNER, Lungenfacharzt

Das Raucherthema spaltet aktuell die Gemüter. Wie ist ihre persönliche Einstellung? Ich bin für ein generelles Rauchverbot, vor allem in und um Schulen, damit es Jugendlichen erschwert wird, das Rauchen überhaupt erst anzufangen. Das Einstiegsalter liegt bei 11 Jahren! Leider gibt es kein Pauschalrezept, um die Jugend zu sensibilisieren.

Asthmaspray & Co. Dr. Artner ist täglich mit den Folgen des Rauchens konfrontiert. "Deshalb fordere ich strengere Gesetze!"

Warnhinweise auf Zigarettenpackungen sind sinnlos, weil die Jugend damit aufwächst und keine Abschreckung darin sieht.

Wie halten Sie es mit der Grenze zwischen persönlicher Freiheit und „Zwangsverordnung“, Stichwort Rauchen in Lokalen? Rauchen im Lokal ist, wie wenn am Nebentisch jemand Russisches Roulette spielt. Primär gefährdet er sich damit selbst. Doch was ist, wenn ein Querschläger Sie oder Ihre Kinder trifft? Jeder Raucher spielt mit einer Waffe, jedoch fehlt das Bewusstsein dafür. Man denkt nicht daran, wie sehr man auch andere damit gefährdet! Die Politik in Österreich versagt komplett, wenn es um den Nichtraucherschutz geht. Österreich ist von den EU 27 an 26. Stelle im Hinblick auf die Härte der Nichtraucherschutzgesetzgebung. Sogar die Wirte sind einem generellen Rauchverbot gegenüber aufgeschlossen, wenn gleiches Recht für alle gilt.

Rein gesundheitlich betrachtet – warum ist das Rauchen in Lokalen so schädlich? Es gibt drei Formen des Rauchens: Aktives Rauchen, Passives

ist derart hoch und wirkt sich auf die Kinder so aus, als ob sie selbst

Rauchen und Tertiärstromrauch, das ist der sogenannte „kalte

die Zigarette rauchen würden. Diesbezüglich bedarf es eindeutig

Rauch“. Die gesundheitsschädlichen Stoffe fressen sich in der

mehr Aufklärungskampagnen, auch die Medien sind gefordert!

Kleidung fest und riechen unangenehm, weil sie giftig sind. Diese

Stark betoffen vom Passivrauch und Tertiärstromrauch sind na-

Form des Rauchens führt insbesondere bei Kindern zu Einschrän-

türlich die Angestellten in der Gastronomie. Eine der häufigsten

kungen der Lungenfunktion.

Folgekrankheiten ist COPD – Chronisch obstruktive Lungenerkran-

Passivrauchen führt zwar nicht unmittelbar zu Lungenkrebs, je-

kung – was eine irreversible Verengung der Bronchien bedeutet.

doch vor allem bei Kindern zu Lungenfunktionsstörungen. Dies

Diese Erkrankung ist momentan in Österreich nach Herzinfarkt,

merkt man bei Kindern aus Raucher-Haushalten. Ganz tragisch

Krebserkrankungen und Schlaganfällen die vierthäufigste Todes-

ist es, wenn im Auto neben Kindern geraucht wird. Die Intensität

ursache, wird aber demnächst den Schlaganfall überholen!

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MFG URBAN

TABAKGESETZ

Im Gesetzesdschungel

In der Tabakgesetz-Novelle 2008 wurde das Rauchverbot für Räume öffentlicher Orte (gültig bereits seit 2004) auf die Gastronomie ausgeweitet. Viele Ausnahmen und Zusatzbestimmungen verwässern allerdings das generelle Rauchverbot.

auf eine Market-Institut-Studie, laut der 74% der befragten Gäste und Gastronomen mit den aktuellen Regelungen zufrieden sind und diese österreichische Lösung einem generellen Rauchverbot in der Gastronomie vorziehen. Die Fachgruppe Gastronomie berät Betriebe bei der Umsetzung der Vorschriften des Tabakgesetzes. Obmann Rudolf Rumpler: „In vielen Fällen waren das einfache Investitionen wie zum Beispiel eine Verbindungstür.“ Fälle, in denen trotz dieser Beratungen Anzeigen ergangen sind, sind in der Wirtschaftskammer nicht bekannt.

„Wir reden von 90 Prozent Umsatzrückgang.“ Leo Graf

Gastronomie. St. Pöltens Wirte sind mit der Gesetzgebung unglücklich und klagen über Umsatzrückgang. Zu viele Ausnahmen von der Regel, bisweilen praxisfremde Auflagen. Das Gros spricht sich mittlerweile für ein generelles Rauchverbot aus – auch für Zeltfeste.

Vorschriften für Lokale

• Bei

einer Trennung in Raucher- und

• Lokale mit mehr als einem Gastraum

Nichtraucherbereich muss durch eine

können einen Raucherbereich definie-

geschlossene Tür sicher gestellt werden,

ren, mehr als die Hälfte der „Verabrei-

dass der Rauch nicht in den Nichtrau-

chungsplätze“ muss allerdings im Nicht-

cherbereich gelangt.

raucherbereich liegen.

• Lokale mit nur einem Gastraum unter

50m2 haben die Freiheit, zu entscheiden,

• Eine

eindeutige Kennzeichnung von

Raucher- oder Nichtraucherraum bzw. -lokal ist in jedem Fall verpflichtend.

ob sie ein Raucher- oder Nichtraucherlokal sind.

• Lokale mit nur einem Gastraum in der

Strafen bei Übertretungen

• Der

Inhaber der Gaststätte hat dafür

Größe zwischen 50 und 80 m2 sind ver-

zu sorgen, dass das Rauchverbot einzu-

pflichtet, eine bauliche Trennung in einen

halten ist. Tut er das nicht, begeht er eine

Raucher- und einen Nichtraucherbe-

Verwaltungsübertretung und ist mit einer

reich vorzunehmen.

Geldstrafe bis zu 2.000, im Wiederho-

• Lokale mit nur einem Gastraum in der

lungsfall bis zu 10.000 Euro zu bestrafen.

Größe zwischen 50 und 80 m2, bei denen

Kontinuierliche Verstöße können für den

eine bauliche Teilung nicht möglich ist,

Wirt auch die Entziehung der Betriebsge-

können sich entscheiden. Der Betriebs-

nehmigung nach sich ziehen.

inhaber muss nachweisen, dass eine

• Wer sich als Gast nicht an ein Rauch-

Die Argumente der Ärztekammer wischt Rumpler vom Tisch: „Die Ärztekammer sollte sich einmal mehr an der Realität orientieren und zur Kenntnis nehmen, dass in den letzten Jahren sehr viel geschehen ist für den Nichtraucherschutz in Österreich.“ Die rauchfreien Räume seien um ein Vielfaches mehr geworden, die Raucher werden stetig weiter zurückgedrängt. „Wir vermitteln das Gesetz und die Vorschriften des Tabakgesetzes werden in den Betrieben umgesetzt.“ Ein generelles Rauchverbot hält er nicht für sinnvoll: „Man braucht sich nur Statistiken aus Ländern ansehen, die ein komplettes Rauchverbot in der Gastronomie eingeführt haben. Der Tabakkonsum geht dadurch nicht zurück. Das Rauchverhalten verlagert sich dadurch in private Wohnungen und in Vereinslokale. Der Mensch hört deshalb nicht auf, zu rauchen. Er raucht stattdessen zuhause in der Wohnung bei den Kindern.“ Rumpler appelliert an die Ärztekammer, das Positive anzuerkennen und nicht immer nur das Negative zu suchen: „Das schreib ich dem Herrn Dorner (Präsident der österreichischen Ärztekammer) ins Stammbuch“.

Raumteilung unzulässig ist. Darüber ent-

verbot hält, begeht ebenfalls eine Ver-

scheidet die zuständige Bau-, Feuerpoli-

waltungsübertretung und muss mit einer

Umsatzrückgang in St. Pölten

zei- (Gemeinde) bzw. Denkmalschutzbe-

Geldstrafe bis zu 100 Euro (im Wiederho-

hörde (Bundesdenkmalamt).

lungsfall 10.000 Euro) rechnen.

Die allgemeine Ratlosigkeit und Uneinigkeit zeigt sich auch in der Studie von Philipp Eder und Maximilian

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Wo Rauch ist, ist auch Feuer

Hartl, in welcher sie im Rahmen ihres Maturaprojektes der Höheren Lehranstalt für Tourismus St. Pölten die wirtschaftlichen Auswirkungen des Tabakgesetzes auf die Gastronomie in St. Pölten untersucht haben. Einigkeit bestehe lediglich darin, dass die Politiker an der halbherzigen Lösung schuld seien. „Es gibt zu wenige Ausnahmeregelungen für Betriebe, in denen eine Unterteilung einfach nicht möglich ist. Die Regelung ist einfach unfair“, kritisiert Eder. Aus ihrer repräsentativen Umfrage hat sich ergeben, dass das Rauchverbot bei den Nichtrauchern zu keiner Verhaltensänderung geführt hat, was Eder darauf zurückführt, dass Nichtraucher bei Besuchen in Lokalen mit Rauchern ihres Freundes- oder Bekanntenkreis keinen Streit hervorrufen möchten. Meist setzen sie sich dann freiwillig in den Raucherbereich und nehmen daher den Nichtraucherraum gar nicht in Anspruch, wodurch dem Nichtraucherschutz wenig geholfen ist. Ein anderes Bild zeichnet sich bei den Rauchern ab. Über 65% aller Raucher besuchen gastronomische Betriebe weniger als vor Inkrafttreten des Rauchergesetzes. Dies hat sich in einem Umsatzminus von rund 14 % im Raum St. Pölten niedergeschlagen. „Das Rauchverbot in Lokalen löst bei vielen Rauchern eine Trotzreaktion aus, da sie sich oft persönlich angegriffen fühlen. Wir gehen jedoch davon aus, dass dies nur vorübergehend ist

„Der Mensch hört deshalb nicht auf, zu rauchen. Er raucht stattdessen zuhause in der Wohnung bei den Kindern.“ Rudolf Rumpler, WKNÖ

und sich die Lage in ein, zwei Jahren wieder entspannen wird, sobald das Gesetz in den Köpfen der Menschen verankert ist.“ Einen gleichen Effekt schließt er auch bei einem allgemeinen Rauchverbot nicht aus. Hier greift Eder auf die Erfahrungswerte in unserem Nachbarland Italien zurück. Vorbilder im Ausland Ein Jahr

nach Einführung der neuen Rauchverbotsregelungen in Italien gingen

die Zigarettenverkäufe erheblich zurück und mit steigender Akzeptanz in der Bevölkerung gilt das verschärfte Rauchverbot als das erfolgreichste Gesetz, das die Regierung Berlusconi in ihren beiden letzten Amtsperioden verabschiedet hat. Einer Studie der römischen Gesundheitsbehörde ASL zufolge ist bereits im ersten Jahr nach der Einführung die Zahl der Herzinfarkte deutlich gesunken, bei den 35- bis 64-Jährigen um 11 %, bei den 65- bis 75-jährigen um 8 %. In Irland gibt es seit 2004 ein generelles Rauchverbot in geschlossenen öffentlichen Räumen und an allen Arbeitsplätzen, also auch in allen Pubs und Restaurants. Die Einführung wurde von einer umfassenden Gesundheitskampagne begleitet, in deren Verlauf es Rauchern durch staatlich unterstützte Hilfsmaßnahmen leichter gemacht werden sollte, den Ausstieg zu schaffen. Innerhalb weniger Monate erhöhte sich die Akzeptanz für das Rauchverbot auf 80 %. Das Rauchen in geschlossener Gesellschaft ist in Irland nach wie vor erlaubt, weshalb sich viele Pubs anfangs als „geschlossene Gesellschaft“ ausgaben, um die Rauchverbote zu umgehen. Inzwischen sind diese jedoch nur noch sehr selten anzutreffen. Die strikte Anti-Rauch-Politik hat dazu geführt, dass insgesamt weniger Iren rauchen. Auch die skandinavischen Länder haben ein Minus an Rauchern seit Einführung strenger Tabakvorschriften zu verzeichnen. Zu bedenken gilt hier natürlich, dass aufgrund der hohen Tabaksteuer im hohen Norden die Zahl der Raucher wesentlich geringer ist als hierzulande. Die „österreichische“ Lösung ist also ein kläglicher Kompromiss, der die Lieblingsbeschäftigung der Österreicher fördert: das Raunzen. Ob aus dem Gesundheitsministerium in nächster Zeit die eierlegende Wollmilchsau entspringt, bleibt zu bezweifeln. Eine faire Lösung für die Wirtschaft und die Konsumenten zu finden, überstrapaziert aber offensichtlich den Mut der Gesetzgeber, die derweil ihrem wenig förderlichen Motto „entweder und oder“ treu bleibt.

Eine gute Nachricht

Michael Müllner Liegt es an den Inka? Der Inszenierungskraft Hollywoods? Oder ist doch die Wall Street die treibende Kraft hinter der schön orchestrierten Weltuntergangsdramaturgie mit der wir nach drei Jahren voller Höhen und noch mehr Tiefen jetzt auf den Big-Bang im neuen Jahr zusteuern? Auf einen lauten Knall ohne Sektkorken, dafür mit reichlich Katerstimmung? Erinnern wir uns kurz an die fetten Jahre, in denen Politiker und andere Lebemänner erklärt haben, dass mehr Schulden schon okay sind, weil das Mehr an Zinsbelastung durch ein Mehr an Wachstum wettgemacht wird. Heute wissen wir, dass sorgenfreies Wachsen auf Pump doch nicht so toll funktioniert. Weder als Häuslbauer, noch als Investmentbanker und schon gar nicht als Staatenlenker. Wenn die Zinsen den Spielraum für lohnende Zukunftsinvestitionen nehmen und allerorts die Angst regiert, dass nur ja keine Maßnahme die eigene Klientel trifft, dann wird die Luft zum Atmen dünn. Besonders wenn die herrschende Polit-Elite durch braves Parteidenken ohnehin schon denkschwach ist. Noch glauben wir, dass „die Märkte“ gerade „böse“ sind auf Europa im Allgemeinen und auf Griechenland im Speziellen. Doch dass „die Politiker“ an der Problemlösung scheitern, liegt nicht an „den Märkten“ (die nur abbilden, was wir alle erwarten und wollen) – sondern daran, dass das Wahlvolk noch nicht bereit ist zu akzeptieren, dass wir in den letzten Jahren konsequent belogen wurden. Denn: Ja, es ist Zeit zu sparen! Wenn diese schmerzhafte Erkenntnis nach allen OccupyFantasien und Liberalismus-Bashing endlich eintritt, dann gibt’s bei aller Angst eine gute Nachricht: Optimierungspotential haben wir genug. St. Pölten plant für 2012 neue Schulden im Wert von 5.890.600 Euro.

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MFG URBAN

Der Schaden ist getan

Jahr für Jahr Fixstarter in den Top-Ten der unbeliebten Berufe: Journalisten und Politiker. Im Kombi-Pack können beide schon mal für Sorgenfalten und Zornesröte sorgen. Wie man auf den Rücken anderer Geschichten macht.

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m Mai eröffnete das D&C Cityhotel am Völklplatz. Ein Hoteliers-Ehepaar aus Ischgl investierte 14 Millionen Euro in den neuen touristischen Leitbetrieb, auch bei Bürgermeister Matthias Stadler (SPÖ) war die Freude groß, konnte er doch einen wichtigen Punkt seiner Agenda vor der Wahl abhaken: Das langsam verfallende Grundstück mit den denkmalgeschützten „Stadtsälen“ wurde an den Hotelbetrieb verkauft und als Veranstaltungssaal in das Gesamtkonzept eingebunden. Die Stadt wünschte sich ein behindertengerechtes Hotel, weshalb die daraus entstehenden Mehrkosten mittels Förderung abgedeckt und ein rückzahlbares Darlehen gewährt wurde. Seit Mai hat sich das Hotel am Markt laut Hoteldirektor Walter Jahn sehr gut etabliert, „wir liegen mit allen Zahlen im Plan.“ Gerüchten zufolge liegt die Auslastung bei 50 Prozent – man kann das Glas also sprichwörtlich halb voll oder halb leer sehen. Ende gut, alles gut – könnte man meinen. STADLER eins drüberziehen

Klaus Otzelberger, Klubobmann der St. Pöltner FPÖ, ließ im Oktober mit einer Aussendung aufhorchen. Er fragte sich, ob das Hotel zum nächsten Millionengrab für St. Pölten wird. Mit diesen „bad news“ schaffte es Otzelberger sofort auf die Titelseite der Lokalausgabe der Bezirksblätter sowie auf prominente Seiten der NÖN und diverser Tageszeitungen. Für einige Ausgaben gab es wieder einen Aufreger, schließlich mussten der Hotelbetreiber und auch das Rathaus mit Fakten kontern. Walter Jahn: „Das D&C Cityhotel will mit jedem konstruktiv zusammenarbeiten, alle Politiker sind bei uns als Gäste gleichermaßen willkommen. Wir lassen aber nicht auf unserem Rücken politisches Kleingeld wechseln! Wenn Herr Otzelberger Bürgermeister Stadler eine drüber-

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Text: MICHAEL MÜLLNER | Fotos: PHOTOCASE, ZVG

ziehen will, dann soll er das nicht auf unsere Kosten tun.“ Der Ärger von Jahn begründet sich in der einseitigen Aufmachung der Medien zum Thema. Mit dem Gerücht der schlechten Auslastung rund um das vermeintliche „Millionengrab“ seien Partner des Hotels verunsichert worden und eingebuchte Kunden wieder abgesprungen. Schwierige Themenfindung

Das mediale Muster griff wie erwartet. Heinz Lackner von den Bezirksblättern: „Wie alle Journalisten arbeiten auch wir mit dem Hintergedanken der Folgegeschichte. Der Fairness halber schauen wir aber auch in der Auftaktgeschichte, dass wir alle Sichtweisen einbeziehen.“ Gerade bei einer „schwierigen Themenfindung“ wie in St. Pölten schaffen es dann Leute wie Otzelberger mit Themen wie diesem auf die Titelseite – immerhin muss ja Woche für Woche ein Produkt gefüllt werden. Der Platz für eine zweite, meist konträre Meinung wird dann knapp, oder muss auf die nächste Ausgabe warten. Stellt sich die Frage: Muss das so sein?

Der Schaden ist getan

Laut Wolfgang Jahn war es der Eigentümerfamilie Mangold nach der ersten Aufregung wichtig, „dass nicht der Eindruck entsteht, ihr sei hier ein Hotel geschenkt worden. Die beiden haben sehr viel privates Geld investiert, weil sie an das Hotel glauben und waren über diese Berichterstattung nicht begeistert.“ Dass nicht jede „news“ automatisch auch „good news“ fürs Geschäft sein muss, macht Jahn auch deutlich: „Wenn Kunden mit großem Buchungsvolumen nachfragen, ob es überhaupt noch Sinn macht fürs nächste Jahr zu buchen, dann wird klar, weshalb wir auf Politiker mit falschen Gerüchten, die unser Geschäft schädigen, gerne verzichten können. Der Schaden ist getan.“ Aber auch die Medien entlässt Jahn nicht aus ihrer Verantwortung: „Ich verstehe nicht, wie man derart unseriöse und unrecherchierte Geschichten bringen kann. Scheinbar ist es ein Sport das Neue erstmal schlecht zu machen. Die Aussage von Otzelberger, er wolle uns ja nur helfen, setzt dem Ganzen dann noch die paradoxe Krone auf.“

Doch Otzelberger bleibt dabei: „Mein Anliegen ist es dem Cityhotel und anderen Betrieben mit einer städtischen Marketing- und Imagekampagne für den Tourismus zu helfen. Es muss mehr in Werbung investiert werden, sonst ist das in das Cityhotel investierte Steuergeld in den Wind geschossen! Doch die SPÖ bindet uns Opposition nicht in Entscheidungen ein und enthält uns Informationen vor.“ Gute VORSÄTZE

Ähnliches geschah als Max Krempl, Neo-ÖVP-Gemeinderat, vor Kurzem zum Generalangriff auf die „citySUPAcard“ blies. Hinter der Ruhe rund um die städtische Jugendkarte stecke aber nicht mangelndes Interesse nach der Wahl, sondern der anstehende Einstieg eines neuen Projektpartners – also alles gut, wie Jugendkoordinator Wolfgang Matzl meint. Mediale Aufmerksamkeit heischen, Sachargumente finden, Vertrauen über Parteigrenzen hinweg schaffen, das Niveau von Medien und Politik in St. Pölten heben. Gute Vorsätze für 2012. Für Politiker – aber auch uns Journalisten.

Klaus Otzelberger über die Folgen seiner Aussendung zum angeblichen „Millionengrab D&C Cityhotel“. Erkennen Sie den Schaden, den ihre Aussendung angerichtet hat?

Nein, denn das Imageproblem des Hotels habe sicher nicht ich verursacht. Aber meine Aussendung hat viele Leute zum Nachdenken angeregt, auch im Rathaus. Ich habe ausgesprochen, was hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Mir geht es darum dem Cityhotel und anderen touristischen Betrieben zu helfen, darum fordere ich eine Werbe- und Imageoffensive bezahlt von der Stadt. Das klingt nach Hohn. Als FPÖ-Klubobmann hat Ihre Aussage mehr Gewicht als sonstiges „Getuschel“. Wenn sie bei einem unabhängigen, privaten Unternehmen ein „Millionengrab“ vermu-

ten, ist das doch bitte keine „Hilfe“?

Leider Gottes sind die Medien eher destruktiv, da braucht es schon mal eine knackige Formulierung, um die nötige Aufmerksamkeit zu finden. Und das Hotel gibt ja die Auslastungsprobleme sogar zu. Nein, das Management sagt, dass alles im Plan liegt und dass Sie mit Ihrer sachlich unseriösen Aussendung viel Vertrauen und Aufbauarbeit zerstört hätten. Wo liegt da die „Hilfe“?

Es geht jetzt darum, dass der Bürgermeister den Tourismus ankurbelt. Die Nächtigungszahlen müssen steigen, es gibt mehr Kapazität, da soll er Geld in die Hand nehmen und für die St. Pöltner Betriebe was tun. Darum ging es mir von Anfang an.

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MFG URBAN

Welche Krise hätten’s denn Gern? „Es ist alles sehr kompliziert“, lautet ein legendärer, leicht abgewandelter Ausspruch Fred Sinowatz. Damals mit Häme dafür bedacht, beschleicht uns allmählich das ungute Gefühl, dass er so unrecht nicht hatte. Otto Normalverbraucher hat angesichts der medialen Dauerpenetration mit scheinbar widersprüchlichen Krisenmeldungen längst den Überblick verloren. Was stimmt? Was nicht? Wir fragten einen, der es wissen muss: Univ. Prof. Karl Bachinger von der Wirtschaftsuniversität Wien. Alles spricht von Krise: Staatsschuldenkrise, Finanzkrise, Eurokrise, Wirtschaftskrise – da verliert man den Überblick. Welche haben wir denn jetzt wirklich?

Rein theoretisch sind das unterschiedliche Phänomene, aber es geht natürlich eines ins andere über. Chronologisch betrachtet griff 2008/2009 die Finanzkrise, die durch das Plat16

zen der Spekulationsblase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ausgelöst wurde, auf die Realwirtschaft über und erfasste Europa, viele Schwellenländer sowie große Teile der Dritten Welt. Es war nach jener in den 1930er-Jahren die zweitschwerste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Industriezeitalters überhaupt, nur hat man aus den Fehlern von


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Text: Johannes Reichl | Fotos: ZVG

Otto Korten, Vorstandsdirektor Sparkasse NÖ Mitte West AG

Wir haben ein Politikerproblem... damals gelernt, diesmal antizyklisch reagiert und massiv gegensteuert. Das heißt?

Es gehört seit den Erfahrungen der 1930er-Jahren zum wirtschaftspolitischen common sense, dass der Staat in Krisenzeiten bewusst Schulden in Kauf nimmt, um die Gesamtnachfrage zu stabilisieren bzw. ihren Einbruch möglichst zu dämpfen. 2008/2009 ist genau das geschehen. Im Gegensatz zu den 1930er-Jahren, als die Depression in eine schwere Stagnation mit den bekannten politischen und gesellschaftlichen Folgen mündete, konnte so ein Ausufern der Krise verhindert werden. Wie erfolgreich diese Strategie war, zeigt sich darin, dass 2010 zumindest in den meisten Industriestaaten wiederum ein Wirtschaftswachstum einsetzte. Trotzdem stehen wir drei Jahre später offensichtlich schon wieder vor der nächsten Krise?

Bei einer antizyklischen Wirtschaftspolitik geht man von der Annahme aus, dass der Staat im Konjunkturaufschwung nach der Krise die Krisenschulden wieder abbauen kann.

Die aktuelle Situation ist leider sehr verzwickt, wobei wir nicht wirklich ein Wirtschafts- oder Bankenproblem haben. Vielmehr haben wir ein Politikerproblem, denn wie sonst könnte es sein, dass die EU-Politiker es zulassen, dass "Europäische Staatsanleihen", die zuletzt in einem hohen Ausmaß von Banken gekauft wurden, um ihre liquiden Mittel zu veranlagen, von den Banken nun wertberichtigt und zum Teil abgeschrieben werden?! Das heißt, dass die Leistung der Mitarbeiter eines österreichischen Retailinstitutes und der Erfolg eines Sparkassenvorstandes durchaus davon abhängen, welchen "Käse" z. B. ein Berlusconi von sich gibt, denn auf solche Dinge reagieren die Ratingagenturen sofort. Deshalb ist in Europa eine einheitliche Wirtschaftspolitik gefragt, eine verbindliche Richtungsweisung für die nationalen Volkswirtschaften, und deshalb müssen die fähigsten europäischen Politiker nach Brüssel! Nationales Mimosenverhalten ist hingegen nicht mehr gefragt, und den Retailbanken überhaupt ein Verschulden beizumessen, finde ich dilettantisch sowie unprofessionell und zeugt nur von mangelndem Wirtschaftswissen.

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MFG URBAN

Paul Weinberger, Investment Manager bei Venture Capital Investor Gamma

Von Honigbienen und Unternehmern Im Zuge der Euro-Krise wird heftig und ausgiebig über die Macht der Finanzmärkte diskutiert. Doch gerade als Gegenreaktion auf die virtuellen Wetten an den Börsen, müsste wieder der sehr reale Kern einer jeden Volkswirtschaft in den Mittelpunkt gerückt werden: das Unternehmertum. Der Blick nach Österreich ernüchtert: Eine aktuelle Umfrage der EU-Kommission besagt, dass hierzulande nur jeder 20. plant, sich selbständig zu machen. Der EU-Schnitt liegt doppelt(!) so hoch. Freilich gibt es laufend Bestrebungen, den Unternehmergeist in Österreich durch Senkung der Gründungskosten, Abbau der Bürokratie oder Ausbau von Startförderungen zu beleben. Doch es braucht mehr. Zum einen müsste Österreich investorenfreundlicher werden: Heimische Banken finanzieren die Pläne von Jungunternehmern in der Regel nicht. Die so bestehende Lücke kann nur durch Geld sogenannter Venture Capital (Risikokapital) Investoren geschlossen werden. Hier ist die Politik gefragt, Österreich als Standort attraktiver zu machen. Oft wird an dieser Stelle der populistische Vergleich des Investors als Heuschrecke strapaziert. Venture Capital Erfolge wie Google, Facebook, FedEx oder Skype, legen jedoch eher den Vergleich mit der Honigbiene, die Wachstum ermöglicht und beschleunigt, nahe. Auf der andere Seite bräuchte es auch ein kulturelles Umdenken: „Selbstständig sein“ bedeutet eine Chance zu sehen, das Risiko zu nehmen und so die Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Es ist der Schritt aus der Fremdkontrolle und Konformität und daher eine Haltung, die jede Gesellschaft bereichert. Warum also nicht schon vor dem einschlägigen Studium an Schulen das Unterrichtsfach „Entrepreneurship“ anbieten? Steve Jobs, Gründer von Apple einer der größten Unternehmer der Geschichte Zeit, prägte einmal vor Studenten der Haward University den Satz: „Stay hungry, stay foolish!“ – eine erstrebenswerte Lebenseinstellung, die weit über wirtschaftliche Belange hinausgeht.

Für das, was jetzt passiert, gibt es jedoch keine historischen Parallelen: Eine Reihe von Staaten, die sich zur Eindämmung der Krise verschuldet hatten, wird zum Ziel von Spekulationsattacken durch die internationalen Finanzmärkte – die in dieser globalisierten Form in den 1930er-Jahren noch nicht existierten. Für solcherart angegriffene Staaten wird es damit ungemein schwierig bis unmöglich, sich mittel- bis längerfristig zu entschulden. Griechenland zum Beispiel hatte 2007 – also vor Ausbruch der Krise − eine Staatsverschuldung von etwa 107% des BIP, überschritt damit die seinerzeit in Maastricht festgelegte Schuldenobergrenze von 60% beträchtlich. Nur: Drei Jahre später, Ende 2010, betrug die griechische Staatsverschuldung bereits 145%, die Zinsen für griechische Anleihen belaufen sich mittlerweile auf über 22%! Damit haben manche Finanzinstitutionen sehr viel Geld verdient. Natürlich kann man einwerfen, die Griechen hätten in der Vergangenheit getrickst, Fehler begangen etc. – das stimmt alles. Aber erst durch die Finanzkrise und die anschließenden Spekulationsangriffe ist die Staatsverschuldung derart explodiert. Das Dilemma ist, dass die EU zwar Milliarden Euro nach Griechenland pumpt, das Geld landet aber nicht in der griechischen Realwirtschaft, sondern dient lediglich zur Tilgung der Zinszahlungen. Welche Rolle spielen hierbei die Ratingagenturen?

Sie sind Teil des Systems. Meist wird ja der Eindruck erweckt, Ratingagenturen seien bloß ein Warnsystem für Investoren. Natürlich ist es für normale Anleger interessant zu wissen, welche Risiken wo herrschen, aber in Wahrheit sind diese großen, privatwirtschaftlich organisierten Agenturen auch Wegweiser für Spekulanten, sie zeigen sozusagen auf, wo es etwas zu holen gibt. Nehmen wir Spanien, wo gerade die Regierung Zapatero bei Wahlen heftig abgestraft wurde. Noch 2010 entsprach Spanien trotz vorangegangener Krise mit einer Staatsverschuldung von 60% punktgenau den Maastricht-Kriterien, war geradezu ein Euro-Musterschüler! Dennoch gerieten die Spanier ins Visier der Ratingagenturen, die wirtschaftliche Strukturschwächen diagnostizierten, die Bonität herabstuften, womit sich die Zinsen für Anleihen erhöhten, und einen strikten Sparkurs einforderten. Aber viele lebten doch auch über ihre Verhältnisse?

IM INTERVIEW. Dr. Karl Bachinger ist Universitätsprofessor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der WU Wien. 2009 veröffentlichte er (mit Herbert Matis) das Buch „Entwicklungsdimensionen des Kapitalismus. Klassische sozioökonomische Konzeptionen und Analysen“.

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Wenn ein Land nicht zuletzt auf solche Weise in die Schuldenfalle gerät, dann wird in den Medien, in der Boulevardpresse vor allem, nicht selten lapidar angemerkt, diese Staaten hätten einfach „über ihre Verhältnisse“ gelebt. Das ist wahrlich eine merkwürdige Verdrehung der Dinge. Irland z.B., heute ein Sanierungsfall, war 2007, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, nach Luxemburg und vor den Niederlanden und Österreich das zweitreichste Land der EU, deutlich wohlhabender als Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Die Staatsverschuldung lag nur bei 25%, die Wirtschaft boomte. Dann brach das spekulative Kartenhaus, das die irischen Banken errichtet hatten, zusammen.


Welche Krise hätten’s denn gern?

Ende 2010 betrug die irische Staatsverschuldung 95%, die frühere wirtschaftliche Blüte war erloschen. Kann man wirklich sagen, weil sich Banker verspekuliert haben oder Staaten zum Spielball von Ratingagenturen wurden, dass die Iren, die Griechen, die Spanier, die Portugiesen, die Italiener usw. „über ihre Verhältnisse“ gelebt haben? Übrigens: Auch die österreichische Staatsverschuldung ist zwischen 2007 und 2010 von Maastricht-konformen 60% auf 72% gestiegen. Haben die Österreicher in diesen drei Jahren exzessiv in Saus und Braus gelebt wie weiland Ferdinand Raimunds Verschwender? Die Realität ist eine andere. Nicht die Menschen in all diesen Staaten haben über ihre Verhältnisse gelebt, sondern es wurden ohne ihr Zutun neue Verhältnisse geschaffen, mit denen jetzt die Griechen, die Iren, die Spanier, die Portugiesen, die Italiener, auch die Österreicher und viele andere leben müssen. Aber wie sind solche Auswüchse des Kapitalismus möglich geworden?

Im Gefolge des Siegeszuges der neoliberalen Ideologie hat die Politik die Finanzmärkte immer mehr dereguliert, und jetzt bekommt man die Rechnung präsentiert. Um das mit einer Metapher zu verdeutlichen: Der Kapitalismus ist vergleichbar mit einem großen, reißenden Fluss. Wenn man ihn uneingeschränkt gewähren lässt, richtet er Zerstörung und Verwüstung an. Wenn es allerdings gelingt, das enorme energetische Potenzial, das in diesem reißenden Fluss steckt, durch geschickte Regulierung nutzbar zu machen, dann profitiert die Allgemeinheit. In den letzten 30 Jahren wurden aber, der Doktrin der Kapitalfreiheit folgend, sukzessive regulierende Dämme niedergerissen. Mit dem Ergebnis, dass wir jetzt eine Riesenüberschwemmung erleben. Zwar versucht man mit milliardenschweren Sandsäcken Notdämme zu errichten – allein, ob diese halten, ist fraglich. Die Wasserstandsmeldungen sind beunruhigend, der Pegel steigt weiter. Das klingt aber sehr pessimistisch.

Für Optimismus besteht zurzeit auch wenig Anlass. Wir befinden uns schon wieder in einer Phase der Konjunkturabschwächung, für Österreich wird 2012 nur mehr ein Wachstum von 0,6% prognostiziert, was de facto Rezession bedeutet. Sollte sich die Situation weiter verschärfen, schlittern wir erneut in eine Wirtschaftskrise. Effizientes Gegensteuern wie 2008/2009 wird nicht mehr möglich sein, die staatsfinanziellen Handlungsspielräume sind weitgehend ausgeschöpft. Bleibt nur das Einschwenken auf eine prozyklische Wirtschaftspolitik, die zu jener fatalen Abwärtsspirale führt, die wir aus den 1930er-Jahren kennen: Der Staat spart in der Krise, gibt keine konjunkturellen Impulse – die Wirtschaft schrumpft weiter, die Staatseinnahmen sinken, gleichzeitig muss aber die wachsende Arbeitslosigkeit finanziert werden – der Staat spart noch mehr usw. Ich will ja nicht Kassandra spielen, aber wenn es nicht gelingt, die Finanzmärkte stärker zu regulieren, kann dieses Katastrophenszenarium sehr schnell Realität werden. Im Rahmen einer Diskussion hat unlängst ein Teilnehmer gemeint, früher

Karl Kendler, Geschäftsleiter Raiffeisenbank Region St. Pölten

Die Krise als Chance… Soweit das Auge reicht scheint die Welt derzeit hauptsächlich aus Krisen zu bestehen – Wirtschaft, EURO, Politik, Kirche, Klima – man könnte die Aufzählung noch beliebig lang fortsetzen - die Krise hat viele Gesichter und viele Ursachen. Sie ist jedenfalls allgegenwärtig, kaum ein Gespräch in finanziellen Angelegenheiten, in dem nicht Bezug genommen wird auf die aktuellen Geschehnisse und ein massiver Vertrauensverlust zum Ausdruck gebracht wird. Es wird gezweifelt an der Lösungskompetenz der Politik, es wird das Ende der Europäischen Union vorhergesehen, der EURO wird nicht mehr als wichtige Gemeinsamkeit in der EU eingeordnet sondern mit einem Ablaufdatum versehen, die Kirche ist derzeit stark mit sich selbst beschäftigt und der Klimawandel gibt immer öfter in Form von Stürmen, sintflutartigen Regenfällen oder schneearmen Wintern ein Lebenszeichen. Durchaus viele Themen, jedes für sich geeignet, die diversen Novemberdepressionen noch zu beflügeln. Inwiefern die Themen mitsammen verquickt sind, sei aufgezeigt anhand der Schlagzeilen aus der Elektronikindustrie: Die japanischen Konzerne haben nach den schweren Erdbeben ihre Produktion nach Thailand ausgelagert, wo aktuell die dramatischen Überschwemmungen zu einem Stillstand derselben geführt haben – mit der Konsequenz, dass es in Europa gerade zum Weihnachtsgeschäft einen kolportierten Engpass an elektronischen Geräten gibt! Zugegeben, wir sind weit weg von Stabilität in der Wirtschaft und Ruhe auf den Finanzmärkten, wir müssen uns aber auch eingestehen, dass sehr viel „Jammern auf hohem Niveau“ passiert. Wir haben über weite Strecken alle von der Scheinkonjunktur, hervorgerufen durch jahrelange Verschuldungspolitik, profitiert. Nun ist Sparen angesagt, und das trifft die nach wie vor wichtigste Volkswirtschaft USA genauso wie Europa oder China. Die Krise trifft auf ein reiches Amerika und auf ein wohlhabendes Europa – auch wenn der Reichtum ungleicher denn je verteilt ist. Der notwendige Sparkurs beeinträchtigt naturgemäß das Wirtschaftswachstum, ist mit vielerlei notwendigen schmerzhaften Einschnitten verbunden und wird noch erhebliche Veränderungen mit sich bringen. Die Ausgangsposition ist ungleich komfortabler als z. B. die unserer Großväter. Wenn die verantwortlichen Politiker in Europa, die Spitzen der Währungs- und Finanzwirtschaft aus der Krise heraus die Chancen für Reformen wahrnehmen und wir an dieses Europa glauben, dann sind auch die Lösungsmöglichkeiten voll intakt.

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MFG URBAN

Gernot Frech, Leiter Bank Austria, Rathausplatz

Wer weiß, wie es weiter geht? In nahezu jedem Gespräch der letzen Wochen und Monate wurde ich mit Fragen zur Wirtschaftskrise, Bankenkrise, Staatsschuldenkrise etc. konfrontiert. Um dann nach einem kurzen intensiven Dialog und dem etwas mitleidigen Ausspruch - "Naja, leicht habt ihr’s momentan auch nicht!“ in der Rechtfertigungsfalle zu landen und für alle Banker und Politiker, die sich um Lösungen bemühen, Partei zu ergreifen. Mit dem Erfahrungsschatz einer Vielzahl von Diskussionen reicher und einige Monate später freue ich mich auf jedes dieser Gespräche, weil es mir die Chance bietet, diesem bestimmten Menschen zuzuhören und die ganz persönlichen Sorgen, Ängste und Bedürfnisse zu hinterfragen. Denn natürlich sehe ich enorme Herausforderungen auf Österreich, Europa und die ganze Welt zukommen. Trotz weitreichender Reformen und politischer Änderungen lassen die Ängste von Investoren nämlich nicht nach – im Gegenteil. Das ist für mich nach wie vor der Ausdruck mangelnden Vertrauens, das durch entschlossene wirtschaftspolitische Maßnahmen wiederhergestellt werden muss. Die Vielzahl an unterschiedlichen Meinungen zeigt wie unklar und verunsichert die Märkte sind und wie schwierig deshalb klare und eindeutige Aussagen sind. Wir müssen wieder Klarheit und Sicherheit schaffen, und zwar für die Gesellschaft an sich und somit für jeden einzelnen Kunden in seiner persönlichen Situation. Aus meiner Sicht gibt es ja auch genügend gute Gründe, um optimistisch zu sein. Der Euroraum durchlebt derzeit weitreichende politische Veränderungen, die zumindest bislang die Skeptiker, die von einem Zerfall des EWU warnen, Lügen strafen. Die Menschen in Europa wünschen sich nicht weniger Europa sondern mehr! Obwohl die Wenigsten bereitwillig eigene Vorteile und individuelle Besteuerung in Kauf nehmen, wünschen sich die Menschen Stabilität und institutionelle Qualität. Aber gilt dies nicht auch für das eigene, direkte Umfeld, in dem wir leben und arbeiten. Österreich, aber auch insbesondere St.Pölten bieten tolle Rahmenbedingungen, um gemeinsam erfolgreich zu sein und nachhaltig unsere Zukunft zu gestalten. Blicken wir auf die Chancen, die sich bieten, und treffen wir mutige Entscheidungen. Die Zukunft wird zeigen, ob diese richtig waren, aber keine Entscheidungen zu treffen, war und ist immer falsch. Was morgen ist – ich weiß es nicht. Aber befragen wir doch das Orakel... Alle Einschätzungen und Feststellungen stellen meine persönliche Meinung zu einem bestimmten Zeitpunkt dar.

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Welche Krise hätten’s denn gern?

hätten Staaten untereinander Kriege geführt, aktuell kämpfe Europa gegen die Finanzmärkte, die ihm den Krieg erklärt haben. Aber man befleißigt sich dabei einer reinen Defensivstrategie, sucht den Gegner lediglich zu besänftigen. Ist da eine Schuldenbremse eine geeignete Waffe?

Das ist eine solche – letztlich unsinnige – symbolische Geste in Richtung Finanzmärkte: Seht her, wir beugen uns euren Forderungen, also richtet bloß nicht eure Kanonen auf uns! Eindruck wird das wenig machen. Man stelle sich umgekehrt vor, eine derartige in der Verfassung verankerte Schuldenbremse hätte es schon während der Krise 2008/2009 gegeben. Man hätte viel schwerer gegensteuern können, wäre viel weniger handlungsfähig gewesen. Was wären dann aber mögliche Maßnahmen, um die Finanzmärkte in den Griff zu bekommen?

Sinnvolle Vorschläge gibt es viele: Verbot hochspekulativer Finanzprodukte, Einschränkung der Hedgefonds, Einführung einer Tobin Tax, also einer Finanztransaktionssteuer. Heute werden innerhalb von Millisekunden Milliarden um die Welt geschickt. Wenn man diese – und da genügt schon ein Wert von unter 1% – besteuert, lukriert man enorme Summen, zugleich wird die Spekulation dadurch eingedämmt. Überlegenswert wäre auch, dass die Banken ihren Investment- und normalen Geschäftsbereich schärfer voneinander trennen. Im Investmentsektor können sie auf eigenes Risiko zocken. Der Normalbereich hingegen dient den klassischen Bankfunktionen. Es ist auch legitim, dass der Staat, gerät der normale Bereich unter Druck, im Interesse der Allgemeinheit einspringt. Bei Spekulationsverlusten ist hingegen kein Cent Steuergeld gerechtfertigt. Gerade Investmentbanker werden als die „bösen Spekulanten", Heuschrecken dargestellt – zurecht?

Dieser Imageverlust ist schon bemerkenswert. Noch vor wenigen Jahren waren Banker und Manager Gottheiten in der neoliberalen Marktreligion. Heute sind sie von Göttern zu Verdächtigen geworden. Prinzipiell halte ich wenig davon, Systemdefekte zu personalisieren. Spekulation, gesetzlich nicht verboten, entzieht sich den Kategorien „gut“ und „böse“. Sie ist keine moralische, sondern eine politische Frage. Es ist schlicht Aufgabe der Politik, die Aktions- und Nahrungsgrundlagen der „Heuschrecken“, der „Raubtiere“ oder was immer an plakativen Wortgebilden kreiert wird, einzuschränken. George Soros, der wohl schillerndste Großspekulant der Gegenwart, ein Mann, der Bücher geschrieben hat, in denen er mit erstaunlicher Klarheit den Kapitalismus analysiert und der heute mit den erbeuteten Milliarden als großzügiger Philanthrop agiert, hat kürzlich nicht zu Unrecht angemerkt, er verstehe nicht, warum die Politik jammere, dass Spekulieren die Allgemeinheit schädige. Es sei doch die Politik gewesen, die das Zocken erlaubt hat. Wenn man von der Prämisse ausgehe, dass der Mensch von Grund auf gierig ist, dann sei ganz klar, dass er zockt, wenn man ihn zocken lässt.

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24.10.2011

11:46 Uhr

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G e fu n de n!


Hauptstadt Versteinerungen

Vor 25 Jahren wurde St. Pölten zur Hauptstadt erhoben. Während sich die Politik angesichts dessen bei diversen Feierlichtkeiten heuer selbst auf die Schulter klopfte, blieb einer dezent im Hintergrund: Norbert Steiner, ehemals Vorstandsdirektor der mit der Umsetzung des Regierungsviertels und weiterer Hauptstadtbauten betrauten NÖ Landeshauptstadtplanungsgesellschaft.

W

ir treffen den Topmanager am Flughafen Wien, wo er seit 2009 als Projektleiter des Skylink die Fäden zieht, nachdem er diese – als Krisenfeuerwehr geholt – zunächst entwirren und neu spannen musste. Am Security des Office Park, einem typischen Glaspalast der Marke „kalt-modern“ vorbei geht es in den 3. Stock, wo wir im „transparenten“ Besprechungsraum Platz nehmen. Steiner können wir zwar noch nicht sehen, dafür aber hören. Seine sonore Bassstimme ist eines seiner Markenzeichen, ebenso wie seine Geradlinigkeit und die Affinität für seine nunmehrige Heimatstadt St. Pölten, die er vor 25 Jahren über ein Jahrzehnt lang federführend mitgestaltete. Sie waren Leiter der Stadtentwicklungsplanung in München bevor Sie nach St. Pölten wechselten. Wie verschlug es Sie in die Provinz?

Nach 15 Jahren in München hatte ich zunehmend begonnen, verschiedene Projekte nebenbei anzunehmen – für die 22

OECD, im Iran, in den USA. Offensichtlich suchte ich Veränderung. Damals brachte mir mein Bruder ein Inserat aus dem KURIER mit, wo ein Projektleiter fürs Regierungsviertel gesucht wurde. Ich dachte anfangs natürlich, dass das ohnedies eine Scheinausschreibung ist, aber als mich mein Münchner Baustadtrat darauf ansprach, dass sich Hans Hollein bei ihm über mich erkundigt habe, wusste ich, dass die es tatsächlich ernst meinen. Hollein wurde in Folge ja ein treuer Wegbegleiter, er hat mir sehr viel beigebracht. Was zum Beispiel?

U. a. gab er mir den Rat, dass man bei einem solchen Großprojekt mit stetem „Konsenssuchen“ nicht weit kommen wird. (lacht) Naja, ich konnte mir dann ja nicht selten – bis zum Landeshauptmann hinauf – anhören: ‚Der Steiner ist ein sturer Hund!‘ Das wird uns Tirolern ja gerne nachgesagt. Aber es ist doch so: Wenn man von etwas überzeugt ist, muss man es auch durchziehen.


Text: Johannes Reichl | Fotos: HERMANN RAUSCHMAYR

Durchhaltevermögen und gute Nerven waren sicher Schlüsseleigenschaften für Ihren Job, oder?

Der Erwartungsdruck war enorm, die Leute dachten ja, dass wir jetzt nach dem Hauptstadtbeschluss wie eine Rakete abgehen. Aber zunächst mussten wir eine Bestandsaufnahme durchführen. Bald wurden Stimmen laut, die fragten ‚Was machen die Brüder eigentlich?‘ Das war schon eine kritische Zeit. Aber Siegfried Ludwig schenkte uns das Vertrauen, so dass wir das Projekt Schritt für Schritt entwickeln konnten. Und ist damit gut gefahren. Der Zeitplan wurde nicht nur unterschritten, sondern Sie blieben auch 24 Millionen Euro unter dem Voranschlag! Wie ist Ihnen dieses Kunststück gelungen?

Es war in gewisser Weise eine ideale Zeit. Parallel zum Hauptstadtprojekt stand die EXPO 1992 im Raum, die Bauindustrie befürchtete eine Überhitzung des Marktes – daher wurde vorsichtig kalkuliert, außerdem waren gute

„Ich konnte mir nicht selten – bis zum Landeshauptmann hinauf – anhören: ‚Der Steiner ist ein sturer Hund!‘“ Preise auszuverhandeln. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Projekt zu keinem anderen Zeitpunkt finanzierund umsetzbar gewesen wäre. Weder vorher, noch später. So betrachtet war es eine absolute Glückszeit! Auch für Sie? Was war denn das Besondere?

Wir hatten praktisch keine Vorgaben - abgesehen von der Übersiedlung der Landesregierung! Es gab weder einen fixen Standort, noch ein Siegerprojekt, noch ein fixes Programm. Ein Projekt derart in die Tiefe entwickeln zu dürfen, war schlicht einmalig – so eine Chance bekommst du pro Generation vielleicht einmal. Der Ansatz war ja, kein reines Verwaltungszentrum zu schaffen, sondern mehrere Funktionen zu erfüllen.

Ja, auch Sport und Kultur wurden wesentlich, wobei für die „Pflicht“ politisch sozusagen Ludwig und Pröll standen, während die „Kür“, also Sport und Kultur, v. a. von Liese Prokop sehr vorangetrieben wurde. Ich kann mich noch gut erinnern, als es um den Standort der Landessportschule ging und wir ihr Viehofen vorgeschlagen haben. „Im Glasscherbenviertel soll das sein?“, war ihre erste Reaktion. Heute ist das die tollste Freizeitgegend, eingebettet in die Seen, die Auen – alles in allem keine blöde Entscheidung. Auch der Standort fürs Regierungsviertel hat ohne Zweifel Charme. Es gab aber mehrere Varianten.

Es gab damals drei Standorte, die in die engere Wahl kamen: Die Variante am Fluss, dann der Bahnhof – da stand eine Überbauung zur Diskussion – sowie ein Areal westlich der B1, in etwa im Bereich des neuen XXXLutz. Dafür verlangte das Bundesheer allerdings irrsinnige Preise, zudem wollte man einen Neubau, das war nicht durchführbar.

Norbert Steiner Der Mann fürs Gro(ß)be

Norbert Steiner denkt in größeren Maßstäben. Dabei hat dies weniger mit der stattlichen Körpergröße des 1942 in Garmisch Partenkirchen geborenen, freilich in Tirol – wie am gutturralen R unschwer erkennbar – sozialisierten Wahl-St. Pöltners zu tun, als vielmehr mit seinen Arbeitsprojekten, die sämtlich ohne die Begriffe Hektar und Großbaustelle nicht auszukommen scheinen. Nach Absolvierung der HTL in Innsbruck und des Architekturstudiums an der TU Wien verschlug es Steiner in die im Olympiafieber liegenden Boomtown München, die er die nächsten 15 Jahre, zuletzt als Leiter der räumlichen Entwicklungsplanung, entscheidend mitprägte. 1987 ereilte ihn der Ruf aus St. Pölten, Steiner wurde Vorstandsvorsitzender der NÖ Landeshauptstadtplanungsgesellschaft (NÖPLAN) und wickelte das Regierungsviertel, den Kulturbezirk sowie andere Großbauten des Landes ab. Ganz ohne Budgetexplosion und Skandale! 1999 wechselte Steiner zu den ÖBB und wurde Projektleiter der Bahnhofsoffensive, im Zuge derer auch St. Pöltens hässliches Bahnhofsentlein nach Jahren des Schattendaseins endlich zum Schwan mutieren durfte. „Als höchstes Verdienst rechne ich mir beim St. Pöltner Bahnhof an, dass die Durchfahrt gefallen ist“, lacht Steiner eingedenk des Widerstandes der Kaufmannschaft, die bereits ihr Armageddon gekommen sah. War danach der Wechsel in den Ruhestand geplant, so kam es erstens anders, und zweitens als Steiner dachte. 2009 wurde er kurzerhand reaktiviert und als Leiter des gehörig trudelnden Skylink-Projekts des Wiener Flughafens angeheuert, um als Krisenfeuerwehr ein völliges Fiasko zu verhindern. Allen Unkenrufen zum Trotz, die Steiner ein Scheitern prophezeiten, legte der Manager all seine Erfahrung und Persönlichkeit in die Waagschale und machte tabula rasa: Sprich „Neustart“ samt kompletter Neuausschreibung! Seitdem ist es medial ruhiger um die Baustelle geworden, ja sie nähert sich ihrer Fertigstellung. Ob dies das letzte große Projekt des 69-Jährigen sein wird - who knows? Zwar räumt Steiner im Hinblick auf die Branche ein, dass „die Vergabegesetze und das drumherum immer blöder werden“, die gute alte Handschlagqualität zusehends verloren gehe, aber das gewisse Prickeln verspürt er noch immer. „Da ist schon immer ein Nervenkitzel, die Herausforderung, zu beweisen, dass etwas geht. Und wenn dann ein Projekt abgeschlossen wird, ist das ein unbezahlbarer, unbeschreiblicher Moment.“ Das Projektgeschäft ist überhaupt Steiners Sache, „weil es spannend ist, man etwas gestalten kann, Teamarbeit zählt, und man immer wieder etwas Neues lernt!“ Sein schönstes Projekt dürfte wohl, so darf gemutmaßt werden, die Landeshauptstadt-Umsetzung gewesen sein. Als Indiz möge man nicht nur den Umstand werten, dass sich Steiner mittlerweile in der Rainersiedlung quasi Aug in Aug zum von ihm mitgeschaffenen Regierungsviertel angesiedelt hat, sondern als feiner Zeichner seine ganz persönlichen Glückwünsche zum 25-Jahr-Jubiläum vorgelegt hat: „Hauptstadt Versteinerungen“. Dabei kann man den Titel durchaus wörtlich nehmen, dass Steiner St. Pölten nämlich tatsächlich ver-steinert hat, was freilich nichts mit Statik oder Starre zu tun hat, als vielmehr deren Gegenteil: Dynamik, Aufbruch und Anstoß einer in Stein manifestierten umgesetzten Vision namens „Hauptstadt“, die als perpetuum mobile bis heute und auf Jahrzehnte hinaus wohlstandsfördernd und –sichernd für die Stadt fortschwingt.

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MFG URBAN

„Ein Projekt derart in die Tiefe entwickeln zu dürfen, war schlicht einmalig – so eine Chance bekommst du pro Generation vielleicht einmal.“ Geworden ist es die Flussvariante. Die beste Entscheidung Ihrer Meinung nach?

Von der Qualität her absolut, auch der schönste Standort. Wenn ich heute den Flußlauf der Traisen hinaufblicke, das Schiff anschaue, die B1a Brücke, dahinter die Tiefe des Raumes – das ist schon eine einmalige Gegend! Zudem bot der Standort enorme Entwicklungsmöglichkeiten rundherum, für Kulturbauten, Wirtschaftsgebäude, Wohnen. Wobei heute viele monieren, dass es keine Wohnungen direkt im Viertel gibt.

Kompakte Wohnanlagen waren rund um das Viertel vorgesehen, wie späterhin ja die Rainer-Siedlung. Auch die Fläche zum Hammerpark hin war ursprünglich für Wohnungen vorgesehen, wurde dann aber für andere Infrastruktureinrichtungen – die Sportplätze der Hauptschule – benötigt. Nach dem Motto „nachher ist man immer gescheiter“ wird dem Viertel heute manch Schwäche unterstellt. Die Anbindung zur Altstadt sei nicht ideal, außerdem sei generell nix los.

Schauen Sie sich das Regierungsviertel in Berlin an außerhalb der Dienstzeiten, oder gehen Sie an einem Sonntag auf den Rathausplatz anderer niederösterreichischer Städte – da werden Sie nicht viel Unterschiede zum Regierungsviertel finden. Und im Hinblick auf die Anbindung müssen die beiden Stadtteile primär in den Köpfen der Bürger zusammenwachsen. Auch die Verkehrslösung ist okay. Wir kamen damals halt alle aus Großstädten, deshalb war es für uns die logischste Sache der Welt, dass der Verkehr unter die Erde muss. Aus heutiger Sicht muss man einräumen, dass es vielleicht besser gewesen wäre, die B1a direkt durch das Viertel zu führen.

Möglicherweise auch im Hinblick auf die Belebung des Landhausboulvards? Als visionäre EinkaufsFlaniermeile konzipiert mutierte er bald zur spröden Servicestraße, die die „Die Presse“ einmal zynisch „Boulvard Of Broken Dreams“ taufte.

Ein Fehler war sicher, den Speisepavillon getrennt von den Geschäften zu errichten. Und wir haben schlicht das urbane Potenzial der Beamtenschaft überschätzt. Während 2.000 Leute auf der Baustelle gearbeitet haben, hatte der Boulevard keine Probleme. Als dann plötzlich 3.000 Beamte einzogen, kamen die Geschäfte ins Trudeln. Die Beamten gaben kein Geld aus oder flanierten, sondern fuhren nach dem Dienst sofort mit dem Wiesel nach Hause. Insgesamt überwiegen die Vorteile aber bei weitem. Dazu genügt auch ein Blick auf die nackten Zahlen.

Es gibt diverse ex-post Analysen, die klar belegen, dass – mit Ausnahme des Bevölkerungsanstieges – die damaligen Prognosen im Hinblick auf wirtschaftliche Effekte, Nachhaltigkeit etc. praktisch alle eingetroffen sind. Andere Hauptstädte, wie z. B. Potsdam, haben sich jedenfalls viel schwerer getan. In Brasilia stand überhaupt gleich 30 Jahre lang der Grundstein einsam und verlassen in der Gegend herum, bevor etwas passierte. Da herrschte in Niederösterreich schon ein anderer Drive. Was war eigentlich hinsichtlich der Projektabwicklung das Geheimnis des Erfolges?

Ich bin ein Verfechter der Politik des gläsernen Projektes, dass also alles transparent ist und offengelegt wird. Das hat, denke ich, ganz gut funktioniert. Es herrschte eine gute Zusammenarbeit mit dem Land als Bauherr, ebenso mit der St. Pöltner Bevölkerung, die voll hinter dem Projekt gestanden ist. Natürlich gab es mit dem Trupp am Bau bisweilen Matches, aber ich habe damals ein Abendbüro im Gasthaus „Mühle“ eingerichtet, wo man sich nach Dienstschluss kollegial bei einem Bier zusammengesetzt und ausgesprochen hat. Alles in allem war es immer ein Miteinander, alle haben sich identifiziert mit dem Hauptstadt-Projekt.

Väter der Landeshauptstadt.

links (v.l.n.r.): NÖPLAN Manager 1987 Robert Sega, Norbert Steiner, Gerhard Bonelli oben links (v.l.n.r.): LR Vinzenz Höfinger, BGM Willi Gruber, Norbert Steiner bei der 26. Publikumsdiskussion in den Stadtsälen 1988. oben rechts (v.l.n.r.):LH-Stv. Erwin Pröll, LH Siegfried Ludwig, LH-Stv. Ernst Höger bei NÖPLAN Aufsichtsratssitzung im Rathaus St. Pölten 1987

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Hauptstadt Versteinerungen

Hauptstadt. Dort, wo früher Rennbahn, Schrebergärten, Verkehrskindergarten und eine Schotterfläche, wo alljährlich der Vergnügungs-

park stattfand, bestanden (oben), stehen heute Regierungsviertel, Kulturbezirk, ORF NÖ und Tor zum Landhaus (unten, ohne Rainersiedlung).

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Hauptstadt Versteinerungen

HARD FACTS „NÖ Landhaus“ Architekt (Leitprojekt) DI Ernst Hoffmann

Grundstücksfläche

Baugrubenaushub

223.000 m³

Betonmenge

216.929 m²

220.900 m³

Verbaute Fläche

Stahlbedarf

Straßen und Plätze

Schalungsfläche

20.246 m²

35.000 m²

Bruttorauminhalt 798.347 m³

Parkplätze 1.250

16.259.734 kg 448.600 m²

Baukosten (gesamt)

494 Mio. €

Kurzabriss Projekt Regierungsviertel

Ausgewählte statistische Zahlen

1986 Erhebung St. Pöltens zur Landeshauptstadt, Gründung NÖPLAN | 1987 Start der

Bevölkerung

Standortuntersuchungen, Vorbereitung Architekturwettbewerb | 1988 Standortentscheidung für Errichtung an der Traisen; Start des Grundstückserwerbs (72 ha) | 1989 Internationaler Architekturwettbewerb, 1. Preis: Architekt Ernst Hoffmann | 1991 Einreichung Baupläne und Beginn Bauverhandlungen „NÖ Landhaus“ | 1992 Spatenstich „NÖ Landhaus“, Beauftragung Leitprojekt für den „NÖ Kulturbezirk“ | 1994 Baubeginn „NÖ Kulturbezirk“ | 1996 Eröffnung Ausstellungshalle (Shedhalle) , Übersiedlungsbeginn der ersten 600 Landesbediensteten von Wien nach St. Pölten, Eröffnung „NÖ Landhausviertel“ Bauabschnitt I, Klangturm, Landhausboulevard 1997 Spatenstich „ORF-Landesstudio NÖ“, 1. Festsitzung im „Landtagsschiff“, Eröffnung „Festspielhaus“, „NÖ Landesbibliothek“, „NÖ Landesarchiv“ | 1998 Eröffnung der Landesakademie | 2002 Eröffnung „NÖ Landesmuseum“

1986: 50.419 2010: 52.027

Betriebe

1981: 1.798 2010: 3.359

Beschäftigte 1981: 26.758 2010: 43.000

Kommunalsteuer 1986: 6.127.840,5 2010: 23.126.936,5

Nächtigungszahlen 1986: 48.078 2010: 142.590

Architektenwettbewerb

Insgesamt wurden 166 Entwürfe eingereicht, drei kamen in die Endausscheidung. oben: Projekt Ernst Hoffmann links: Projekt Jiri Bugek rechts: Projekt Wilhelm Holzbauer

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MFG URBAN

Reflex-Reflux

Beate Steiner Interessante Reaktion des offiziellen St. Pöltens auf einen reißerischen Artikel in der Tageszeitung „Österreich“: „20 Prozent Ausländer in St. Pölten“ titelte das Boulevard-Blatt. Noch am selben Tag stellte der Magistrat richtig: „Es sind nur 12 Prozent“ – und bestätigte, nährte, festigte damit genau das Vorurteil, das „Österreich“ vorgegeben hat, nämlich: „Es ist schlecht, wenn viele Ausländer in einer Stadt wohnen.“ Weil weniger, vermittelt diese populistische Zahlenspielerei, weniger ist besser. Dieser Stadt-Reflex löst bei mir einen Reflux aus, stößt mir sauer auf. Und nicht nur mir. Ich frag mich ja grundsätzlich, wer in St. Pölten ein Ausländer ist: Der mit dem nichtösterreichischen Pass? Der mit einem nichtösterreichischen Elternteil? Der mit dem böhmischen Großvater? Der nicht hier geboren wurde, aber schon hier zur Schule ging? Der als Kulturmanager die Welt bereist und jetzt gerade in der niederösterreichischen Hauptstadt jobbt? Der deutsche Manager bei Voith? Der Asylwerber? Also – alles klar. Die Ansage hängt mit selektiver Wahrnehmung zusammen. Und: „Die Ausländer“ ist eine undifferenzierte Aussage, nicht klar definiert, kann daher auch nicht gewertet werden, weder positiv noch negativ. Bewertet werden kann im Gegensatz dazu die Qualität von Integration – also: das Mitleben (lassen) von Menschen, für die unser Wertesystem nicht selbstverständlich ist. Darüber können wir alle diskutieren, das können wir bewerten – ob die Integrationsangebote passen, ob diese angenommen werden, und auch, ob sie in ausreichender Quantität vorhanden sind.

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Sag mir, wo die Grünen sind… Vorbei die Zeiten, in denen Silvia Buschenreiter und Sylvia Hehei im Gemeinderat inhaltlich und rhetorisch brillierten. Vorbei der Wahlkampf, von neuen grünen Gesichtern geschlagen. Und auch deren Präsenz im Stadtparlament scheint vorbeizugehen. Denn die jungen Grünen sind bis jetzt nicht wild, sondern schräg oder unsichtbar.

S

chwer erreichbar ist zur Zeit Cagri Dogan. Vor wenigen Wochen hat St. Pöltens grüne Nummer eins noch bestätigt, dass die Partei sich umstrukturiert: „Eine diesbezügliche öffentliche Stellungnahme wird es in den nächsten Wochen geben“, sagte er damals, und dass ihm bewusst sei, dass die Grünwähler mit der derzeitigen Situation der kleinen Oppositionspartei unzufrieden sind. So haben sich die Grünen St. Pöltens bei der Wahl auf zwei Gemeinderäte reduziert und sind seither mehr durch wenig originelle Meldungen, wie z. B. der Forderung

nach einer Babyklappe für Katzenkinder, aufgefallen, denn durch ernstzunehmende St. Pöltner Sachthemen. Und sie haben ihr eigenes Statut aufgegeben, sind jetzt also Teil der Landespartei, von der sie „politisch und organisatorisch unterstützt werden“, so Landesgeschäftsführer Thomas Huber. Nachsatz: „Die St. Pöltner bleiben so eigenständig wie alle anderen 100 niederösterreichischen Gruppen auch.“ Jetzt hat Cagri Dogan das Handy abgedreht, bleibt unsichtbar, im Gegensatz zu den grünen Fußspuren, die er seit dem Wahlkampf in der Fußgän-


Text: Beate Steiner | Fotos: Hermann Rauschmayr, zvg

gerzone hinterlassen hat. Nicole Buschenreiter, ursprünglich Nummer vier auf der Grünen-Liste, springt als Gesprächspartnerin ein – ob da schon die neue Grünen-Chefin vor uns sitzt? Mit erfrischend direkten Sprüchen erläutert sie ihre konkreten Vorstellungen von Politik: „Es kann nicht sein, dass die Grünen als Opposition zur Witzfigur werden, sie waren ernst zu nehmen und werden das wieder sein“, sagt die 30-jährige Tochter von Ex-Stadträtin Silvia Buschenreiter. Es sei wichtig für eine Stadt wie St. Pölten, dass man eine Opposition weit weg von rechts hat. Derzeit basteln Nicole Buschenreiter und ihre Mitstreiter an einem Konzept. „Ist ja nicht so, dass wir eines gehabt hätten.“ Inhalt: „Was brauchen die Leute, was haben sie für Bedürfnisse?“ Kostproben gefällig?

» Thema Wohnen: „Wo in St. Pölten gibt es billige Wohnungen?“

» Thema

öffentlicher Verkehr:

»

Denn eine Tagesmutter als Ersatz könnten sich etwa Alleinerzieherinnen nicht leisten, weiß die zweifache Mutter aus Erfahrung. Grüne Prägung

Nicole Buschenreiter. Die Grünen waren ernst zu nehmen, und werden es wieder sein.

„Das Bussystem gehört erweitert. Dass sich das nicht rechnet, ist die falsche Einstellung. Wenn das Angebot passt, steigt die Nachfrage.“ » Thema S34: „In den Straßenverkehr zu investieren, wo klar ist, dass der Individualverkehr zum Sterben verurteilt ist, ist idiotisch.“ » Thema Kinderbetreuung: „Die ist unflexibel in St. Pölten, bis 16.30 Uhr, das geht sich mit der Arbeitszeit nicht aus.“ Und: „Eine sinnvolle Betreuung in den Ferien wäre wichtig.“

Und welche Rolle spielt beim neuen Grünkonzept Silvia Buschenreiter, die immerhin 20 Jahre lang die Kommunalpolitik mitgeprägt hat? „Sie ist klassische Konsulentin“, so Nicole Buschenreiter. „Ich hüte mich, gute Ratschläge zu geben“, meint ihre Mutter. Für sie waren 20 Jahre Grüne Kommunalpolitik "lehrreich, herausfordernd, ernüchternd, beflügelnd, aufregend, nervig... Ich möchte nichts davon versäumt haben. St. Pölten ist heute, auch dank Grüner Politik, eine feine Mittelstadt, und jedes Mal, wenn ich an einem der wenigen lauschigen Tage in einem der Schanigärten in der doch recht großzügigen Innenstadt sitze, freue ich mich, dazu meinen persönlichen Beitrag geleistet zu haben.“

Drei Fragen an die „Ex“

Silvia Buschenreiter

Die Grünen sind nicht mehr das, was sie unter Ihrer Agädie waren. Was raten Sie den Nachfolgern?

Grundsätzlich: Ich kommentiere das Tun meiner Nachfolgerinnen und Nachfolger nicht.

Warum sollte heute jemand in die Politik gehen?

Nun, die Herausforderungen dieser Zeit sind enorm. Wir stehen vor einer umfassenden Krise des politischen Parteiensystems. Die Politikerinnen und Politiker, die jetzt am Zug sind, denken weitgehend innerhalb bestehender Strukturen, bezogen maximal auf die laufende Funktionsperiode. Sie sind mit der neuen Art der politischen Kommunikation – Stichwort social media, Chronikalisierung der Berichterstattung, Charisma und Glaubwürdigkeit, Offenheit und Diskursfähigkeit – häufig überfordert und wollen vor allem eines: Besitzstände wahren. Das geht nicht mehr! Dafür reichen weder unsere Finanzen, noch unser Wirtschaftssystem, noch unsere Rohstoffe. Etwas muss sich ändern. Dafür braucht es mutige, unverbrauchte Köpfe, innovative, flexible Gestalter, leidenschaftliche, energische "Macherinnen" und „Macher“. Nachhaltigkeit, Zukunftsorientierung, Chancengleichheit, Gerechtigkeit, Weltoffenheit brauchen ihre Fürsprecher – Grund genug, auch als junger Mensch Politik zu machen.

Was macht einen guten Politiker aus?

Eine klare und gut vermittelbare politische Vision, die Bereitschaft, diese einer öffentlichen Diskussion zu unterziehen, die Leidenschaft, für die eigenen Überzeugungen einzutreten, die Offenheit, neue Ideen anzunehmen, die Ehrlichkeit, auch eigene Grenzen zu erkennen und einzugestehen - und die Gelassenheit, mit Rückschlägen zu leben.

MFG 12.11

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MFG URBAN

REZEPTE ZUM VERLIEBEN Heute, wo sich die alten Systeme und Rollenbilder langsam auflösen, schießen immer mehr alleinstehende Menschen – Singles – aus dem Boden. Stehen da so rum, tummeln sich in Facebook, werken ratlos vor sich hin und sind nicht zwingend unglücklich. So ein bisschen Solist zu sein kann ja auch mal ganz spaßig sein. Allerdings wollen die wenigsten unter ihnen auch solo bleiben … 30


Text: Althea Müller, JOHANNES REICHL. | Fotos: Hermann Rauschmayr

nicht von Brot und Luft allein, und rund um seine oder ihre Suche nach dem Seelen-, Lebensabschnitts- oder Ehepartner hat sich bereits eine ganze Industrie gebildet.

60% mehr Singles als vor 20 Jahren

Die Statistik umschreibt den Zustand des Alleinseins nüchtern: „Eine Lebensform, die mehr und mehr Verbreitung findet, ist jene der Alleinlebenden (Singles). Ein Grund für das Absinken der durchschnittlichen Haushaltsgröße liegt in der überproportionalen Zunahme der Einpersonenhaushalte. Derzeit wohnt fast jede/r Siebte allein. Gegenüber 1985 ist die Anzahl der Einpersonenhaushalte um 61 Prozent gestiegen. Von den 1,24 Mio Personen in Einpersonenhaushalten sind 354.000 im Alter von 15 bis 39 Jahren, wobei in dieser Altersgruppe mehr Männer (14,9%) als Frauen (10,8%) einen Einpersonenhaushalt bilden.“(Quelle: www.statistik.at)

Jeder VIERTE wandelt auf Solopfaden

Auch das IFES hat sich die Mühe gemacht, Ende 2010 ganze 1.000 österreichische Singles an die Strippe zu holen und über ihren Singlestatus zu befragen – als Abbildung eines Landes, in dem immerhin jeder 4. alleinstehend ist. Die meisten davon leben in Wien und Niederösterreich; Oberösterreich dagegen ist das Bundesland der Gebundenen. Als Gründe für ihren Singlestatus wurden am häufigsten der Wunsch nach Unabhängigkeit, hohe Ansprüche und viel Arbeit angegeben. Getrennt nach Geschlechtern wiederum kristallisiert sich bei weiblichen Singles etwas anderes als Hauptgrund für die Einsamkeit heraus: schlechte Erfahrungen in den vorangegangenen Beziehungen ... (Quelle: www. ifes.at)

B

eziehungen halten vielerorts nicht lange, und wenn doch, so enden sie mittlerweile oft Knall auf Fall und ohne Blick zurück. Es soll Partnerschaften geben, die mittels SMS beendet wurden oder aufgrund einer falsch aufgefassten Statusmeldung auf Facebook. Die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit, die sich gemächlich breit macht, fordert ihren Tribut, und wie auf vielen anderen Ebenen im Leben gilt, dass ja vielleicht doch noch „was Besseres“ nachkommen könnte, etwas Passenderes, etwas Schöneres, etwas Jüngeres, etwas Aufregenderes. Langeweile ist nicht unser Ding, und meist ist Zweisamkeit auch nicht mehr nötig, um zu existieren, wie es früher der Fall war. Und wenn doch, wird eine WG gegründet. Trotzdem: Auch der Single lebt

weniger glücklich, aber mehr unterwegs! Interessant erscheinen auch die Forschungsergebnisse der Singlestudie der Partnervermittlung ElitePartner: » Jeder dritte Single nutzt Internet zur Partnersuche. » Singles sind sozial aktiver: Wenn Liierte gern fernsehen, gehen Solisten mehr aus, sehen ihre Freunde häufiger und sind öfter in sozialen Netzwerken unterwegs. » Während Singlefrauen vor allem die Unterstützung im Alltag als positiv an einer Beziehung bewerten, spielt bei Singlemännern die Aussicht auf ein regelmäßiges Sexualleben eine größere Rolle. » Und auch nicht uninteressant ist das Studienergebnis, demzufolge Paare glücklicher sind als Singles… (Quelle: www.ElitePartner.de)

Doch Studien hin oder her – wie findet der moderne Single nun wieder zurück in den Hafen der Zweisamkeit? Viele der Alleinkämpfer stehen bereits fest im Leben, haben Wohnung, Job, eventuell noch zusätzliche Ausbildungen und natürlich ihr soziales Netzwerk unter einen 24-Stunden-Hut zu bringen. Für die Suche nach der Liebe bleibt da wenig Zeit, so scheint es jedenfalls. Wir haben uns einige Rezepte zum Verlieben abseits vom beliebten Ich-geh-aus-und-steh-totalaufgetakelt-an-der-Bar-rum-System angeschaut… MFG 12.11

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MFG URBAN

Mutprobe Speed Dating JA ankreuzen nicht vergessen! Anfang November gehen wir zu unserem ersten Speed Dating. Das Lokal im 1. Bezirk ist nobelhobel, die Singles versammeln sich in einer gemütlichen Nische mit mehreren Tischen, und dass im selben Raum zufällig mein ehemaliger Englisch-Professor und seine Frau zu Abend essen, ist mir nur kurz unangenehm (warum eigentlich?). Denn schon bin ich mitten drin im rasend schnellen Daten, spreche etwa zehn Minuten lang abwechselnd mit mir fremden jungen Männern, die im Gegensatz zu uns Mädels die Plätze wechseln müssen und alle sehr höflich, sehr gut gekleidet, sehr gebildet, sehr karrierefixiert und vor allem sehr nervös sind. „Ach“, sagt meine Tischnachbarin zu mir, „du bist so ruhig und relaxt.“ So fühle ich mich zwar nicht, aber vielleicht wirke ich deshalb so, weil ich nur um des MFG willen hier bin. Ich habe mir also nicht wirklich Gedanken gemacht, hier jemanden kennenzulernen. Nett ist es, mit unterschiedlichen Leuten zu quatschen, mit denen man ansonsten sicherlich schwer ins Gespräch kommen würde. Die Teilnehmer bekommen Karten, in die sie sich Notizen zum jeweiligen Vornamen machen können, und JA oder NEIN ankreuzen. Kreuzt jemand beim anderen JA an, der seinerseits ebenfalls ein JA vergibt, ist das die Übereinstimmung, die zwei Tage später von den die Karten einsammelnden Veranstaltern damit quittiert wird, dass beide die EMail-Adresse des jeweils anderen zugeschickt bekommen. Der Rest liegt dann bei den Speed Datern. Im Anschluss an das eigentliche Speed Dating sitzen die Teilnehmer noch locker beisammen, trinken etwas, plaudern. Durch die quasi erzwungenen Gespräche davor ist das Eis gebrochen. Allein das ist schon sehr positiv. Und warum es so viele Singles gibt, wird schnell klar – sowohl die Damen als auch die Herren haben bis jetzt vor allem eines gemacht: erst studiert und dann gear32

Connecting. "Mit Speed Dating schaffe ich seit Jahren die Möglichkeit, dass sich Singles auf angenehme Art und Weise begegnen", so Organisatorin Karin. www.cityspeeddating.at

beitet. Neben Ausbildung und Karriere kam die Liebe irgendwie immer zu kurz, wurde hinausgeschoben oder aus Zeitgründen verjagt, und mit Ende 20, Anfang 30 kommen wohl die ersten Panikattacken, niemals den richtigen Partner zu finden. In Summe ist es ein gelungener Abend mit vielen kurzen, aber interessanten Gesprächen.Und nein, natürlich habe ich niemanden kennengelernt, der mir gefallen hätte. Nein, echt nicht. Na gut, um ehrlich zu sein: Einer war ja doch dabei… Salonfähig

„Leider polarisiert Speed Dating, da die Single-Events früher einfach sehr kitschig abgehalten wurden und das ‚Outing‘, ein Single zu sein, nicht so gesellschaftsfähig war“, erklärt Veranstalterin Karin im Anschluss an unsere

Speed Dating-Premiere ihre Branche, „durch Serien wie ‚Sex and the City‘ wurde das Thema aber langsam aufgegriffen und salonfähig gemacht. Es gibt fast eineinhalb Million Singles hier, und die sind nicht alle ‚komisch‘. Ich versuche mit meinen Events Lifestyle-Feeling hinein zubringen und somit Imagekorrektur zu betreiben. Mit Speed Dating schaffe ich seit Jahren die Möglichkeit, dass sich Singles auf angenehme Art und Weise begegnen. Habe schon immer diese soziale Ader gehabt, Leute, die alleine sind, zu integrieren. Zudem ist das Schönste im Leben einfach die Liebe – selbst wenn man Karriere gemacht und Geld hat, fehlt einfach etwas“, spricht sie weiter über ihre Intentionen, „jeder hat ein Recht auf Zweisamkeit und der Mensch ist ein Beziehungsmensch und kein Einzelwesen. In Zeiten von Internet, Facebook und Chat hat die persönliche Begegnung eine neue Wertigkeit geworden: Deswegen funktioniert Speed Dating heute ganz gut.“


REZEPTE ZUM VERLIEBEN

Online-Singlebörse Mit Mausklick zur Liebe Mit Rückendeckung meines Kumpels Andi, der früher die eine oder andre liebreizende Bekanntschaft über eine Online-Singlebörse schloss, stürzte ich mich freudig in das penibel abgesprochene Experiment „1 Monat registriert auf einer Single-Plattform“ ... 2.7., 22:30 Unter Telefon-Support von Andreas: Registrierung in der Börse unseres Misstrauens. Hints wie „Nimm ja nicht DarkAngel oder so an Scheiß als Decknamen“ sind Gold wert. Kurz vor Mitternacht ist meine neue Identität, origineller Weise Anna80x getauft, geboren: Steht auf eigenen Beinen, mag Rock und Pop und Katzen. Foto: ein Ausschnitt aus einem alten Foto – von meiner Hand. 2.7., 23:35 Noch während ich mit Ausfüllen des selbstverliebten Profils von Anna80x beschäftigt bin, trudeln erste Nachrichten ein. architekt75vienna, blumenheinz und Sun_of_your_ Life schreiben mir, dass ich wunderschön bin (ich, die Hand), dass sie mit mir Sonnenaufgänge erleben möchten, wie ich denn so lebe, welche Filme ich denn so schaue. XaVer schreibt, dass er AUCH aus dem Burgenland (!) ist. 3.7., 20:00 Log-In. 616 Profilbesucher, 330 Anstupser – z.B. von NigelTrent, Eros_69 oder Hotbikeman – und 29 Privatnachrichten kann ich verzeichnen. Singlefrauen um die 30, die keine Kinder wollen und ihre Hand öffentlich zur Schau stellen, sind anscheinend heiß begehrt. Ich fühle mich sehr geschmeichelt und freue mich über die Messages, in denen ich z. B. lese, wie toll es ist, dass ich Nichtraucherin bin (habe angegeben, dass ich rauche), oder dass Mann in meinen Augen versinken möchte (meine Hand ist die einzige, die Augen hat). Da ich ein romantisches Wesen bin, ist aber auch ein Brief unter den teilweise standardisierten Copy+Paste-Texten, der mich anspricht. Muss natürlich gleich Andi anrufen und ihm erklären, dass ich bereits nach einem Tag meinen Traummann gefunden habe. Er sagt, ich solle das alles bloß nicht ernst nehmen. Was

ich natürlich nicht tue. Weswegen ich H. Traummann gleich mal antworte. 7.7., 20:15 220 neue Anstupser, fünf neue Privatnachrichten. Gästebucheinträge sowieso. Ich bewundere mir zugestellte Fotos freizügiger Männer, auf denen z.B. hinter dem selbst abfotografierten Sixpack (mit Haaren drauf) eine faszinierende Türschnalle zu sehen ist, an der ein kleiner Stoffclown baumelt. 8.7., 10:30 Helle Freude: Traummann hat eine Mail geschickt. Ich würge also den Brechreiz wegen Kuschelbär_71 (ernsthaft? ernsthaft!) runter, der mit mir eine Beziehung eingehen möchte, blockiere Samos_Salamander, weil mich sein Getrieze (vier Nachrichten in 2 Tagen) absolut nervt, und schreibe meiner potentiellen großen Liebe. 8.7., 19:00 Aufregung im Hause Single, denn der Traummann hat seine Telefonnummer geschickt. „Geh bitte“, sagt Mentor Andi warnend, „ruf ihn bloß nicht an.“ Als würde ich das tun! Ich schicke lieber eine SMS. 10.7., 21:00 Haha. Ha. Traummann hat angerufen, während ich unter der Dusche war. Ist somit auf meine Box gekommen. Und da ist mein ganzes

Leben drauf: mein richtiger Name und meine Website. Projekt Anonym ist fehlgeschlagen. Was soll’s. Ich höre die Nachricht ab, und da ich ein spontaner Mensch bin, rufe ich zurück. 18.7., 22:00 Huch! SMS vom Traummann! Jetzt aber: Treffen! Wir vereinbaren einen hellen, von allen Seiten gut einsehbaren, öffentlichen Ort. 22.7., 22:00 Nettes Treffen, aber uninteressant. Ich kann den Typen nicht riechen. Um mich rauszuwinden, übernehme ich zur Sicherheit die Rechnung von dem Café. Traummann adé. 31.7., 20:00 30 neue Anstupser, zwei neue Privatnachrichten. Fad. Ich gehe selbst mal auf die Suche und schau mich unter „Singlemänner – Österreich – 31 bis 35 – Statur: normal“ um. Fühle mich wie in der Bestellmaske von La Redoute: „Jacken – Größe 34 – unifarben“ … 3.8., 23:00 Experiment over, die Registrierung wird feierlich gelöscht. Und ich habe rund 100 Nachrichten von Lurch_133, Maxiking, TREUstory Hillbillyextrastrong und anderen mysteriösen Herrn zwischen 25 und 45 gespeichert…

MFG 12.11

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MFG URBAN

Klassiker Zeitungsannonce Chiffre „Vertrauen 6130“ Wie ein altes Ehepaar sitzen mir Grete und Gottfried gegenüber, obwohl sie gar keines mehr sind. Aber immerhin waren sie 25 Jahre lang verheiratet. Kennengelernt haben sie einander Anfang der 70’er, in einer Zeit, als Begriffe wie Lebensabschnittspartner oder Online-Partnerbörse noch gar nicht existierten – und zwar über eine Zeitungsannonce. „Für mich war das die natürlichste Sache der Welt, eine Form der Kommunikation. Das ist nichts anderes, wie wenn jemand ein Boot zu verkaufen hat, und jemand anderer sucht eines. Die würden sonst nie voneinander erfahren“, weiß Grete, die damals in diversen Magazinen nach Mr. Perfect suchte: „Wichtig war mir vor allem die Sprache!“ Fehler, hölzerner Stil wurden sofort auf den Verfasser umgemünzt – und dieser, wie man neudeutsch sagen würde, hinausgewählt. Die Initiative ging damals freilich von Gottfried aus – oder, wie die Familienhistorie bisweilen mit einem Augenzwinkern vermutet, dessen Mutter. Der damals 22 jährige schaltete im „Wiener Wochen-Blatt.“. „Das war für damals schon etwas Besonderes, in der

Form gab es das auch nur im WiWo. Für gewöhnlich ist man damals in die sogenannten 5 Uhr Tees gegangen, um jemanden kennenzulernen.“ Legendär, auch ein herrliches Stück Gesellschaftsgeschichte, ist dabei Gottfrieds Anzeigentext an sich. „Da stand in der Art ‚Brav muss sie sein‘, und eine gute Hausfrau“, lacht Grete herzhaft, und Gottfried stimmt prustend mit ein. Dass sich gerade die quirlige Grete auf dieses, ein biederes Frauenbild zeichnende Inserat meldete, sorgt im Übrigen bis heute für Rätselraten und „Häckeleien“ im Bekanntenkreis. Wie auch immer, sie war eine von 40 Damen, die auf Gottfrieds Anzeige antworteten. Acht Damen zog er damals in die engere Wahl, traf sich mit ihnen persönlich. „Grete war die letzte in der Reihe, weil sie am weitesten wegwohnte“, schmunzelt er über seinen Pragmatismus. Der gebürtige Wiener tingelte per Bahn nach St. Pölten – und sollte es nicht bereuen. „Grete hat mir sofort gefallen, mit ihrer offenen und witzigen Art.“ Indiz dafür ist der Umstand, dass die beiden so lange mit einander spazieren gingen

und plauderten, dass Gottfried den Zug verpasste. Grete, damals stolze Besitzerin eines Puch 500, kutschierte den Galan daraufhin höchstselbst zurück nach Wien. „Das hat mich schon beeindruckt“, lacht Gottfried, wenngleich das Auto schließlich in Hietzing schlapp machte. Ein Beginn mit Hindernissen, aber auch einer guten Portion Leichtsinn. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich am ersten Tag einen quasi wildfremden Mann allein im Auto zurückführte“, wundert sich Grete über sich selbst. Aber damals war das Sicherheitsgefühl halt vielleicht noch höher, oder zumindest Gretes Hormonspiegel. Wie auch immer. Schließlich haben die beiden geheiratet, Kinder bekommen und sich alsbald in St. Pölten niedergelassen. Und auch wenn die Ehe nach einem Vierteljahrhundert aufgelöst wurde, so bedeutete dies doch nicht das Ende ihrer Bande. Grete und Gottfried sind Freunde fürs Leben geworden, und das ist schon bedeutend mehr, als vielen anderen je zuteil wird – alles dank ein paar Zeilen im Wiener Wochen-Blatt unter der Chiffre „Vertrauen 6130“.

Lebensmenschen. 25 Jahre lang waren Grete und Gottfried miteiander verheiratet, bevor sie sich trennten. Sehr gute Freunde sind sie aber bis heute geblieben, Lebensmenschen - gefunden haben sie einander über eine Zeitungsannonce im Wiener Wochen-Blatt unter der Chiffre „Vertrauen 6130".


REZEPTE ZUM VERLIEBEN

Love is in the net

Yoni

Liebesaktien auf der Partnerbörse Österreichs Branchenprimus in Sachen onlinePartnersuche ist love.at. Wir sprachen mit Geschäftsführererin Magdalena Fränzl über aktuelle Trends, schwarze Schafe und Hochzeitsglocken.

Wer nutzt love.at?

Die Abdeckung betrifft eigentlich alle Zielgruppen, wobei wir einen sehr hohen Anteil von Frauen zwischen 35 bis 45 haben. Aber auch die Usergruppe 50+ steigt laufend. Erwähnenswert ist vielleicht, dass 56% unserer User Matura oder eine höhere Bildung haben. Wie oft findet man einen Partner?

Es gibt keine Auswertung über die Erfolgs-Storys, weil sich ja nicht alle rückmelden. Aber wir erhalten täglich Dankesschreiben – und natürlich enden diese Beziehungen oft auch in Hochzeiten und Familiengründungen. Wie weiß der Kunde, dass eine Plattform seriös ist?

Einen Vergleich zu anderen Anbietern

möchte ich nicht ziehen. Prinzipiell hat love.at als älteste online-Partnerbörse Österreichs den bekanntesten Namen, und wir sind sehr stolz darauf, ausschließlich österreichische Profile anzubieten. Wir wollen auch wirklich nur Partnersuche anbieten, d. h. wer auf love.at einen Partner sucht, soll die Sicherheit haben einen Partner, eine Beziehung oder eine Freundschaft zu finden. Sucht er ein Abenteuer oder eine Affäre, so verweisen wir gerne auf unseren Kooperations-Partner C-Date. Kunden haben bisweilen Angst, an „Psychopathen“ zu geraten gibts diesbezüglich Kontrollen?

Welche Kontrolle gibt es in der Bar? Im Zug? Wie weiß ich, ob der Mann, der mich gerade zu einem Drink einlädt, kein Psychopath ist? Beim Online Dating ist es im Prinzip wie in der Realität: Man sollte nicht gleich zu viel von sich preis geben, nicht gleich beim ersten Date zu weit gehen, keine Adressen oder Telefonnummern verteilen – kurzum, einfach den gesunden Menschenverstand einschalten. Was tun wir von love.at? Wir kontrollieren jedes Profil, handverlesen! Checken Fakes, löschen unseriöse Profile, Prostituierte etc.

ACHTUNG!

Online suchen ja – aber nicht irgendwo! „Fast zwei Drittel aller Partnersuchen im Internet bleiben erfolglos.“ Das zumindest hat der Branchendienst Partnersuche.org herausgefunden und nennt als Grund für die geringe Erfolgsquote v. a. die Wahl einer falschen Singlebörse. So schreibt die Redaktion “ ... die Spezialisierung der einzelnen Plattformen beispielsweise auf bestimmte Regionen oder gesellschaftliche Kreise wird oft nicht erkannt.” Es ist wohl so, als wäre man immer im falschen Lokal bei der falschen Musik zur falschen Zeit unterwegs – kein Wunder, dass keine passenden Kandidaten auftauchen – was dann zu Frustration und Aufgabe der Online-Part-

Primadonna Single sein 2011 – sicherlich kein leichtes Pflaster. So ließ mich Freundin J. an ihrem persönlichen, tiefen Einblick in die Welt der online Partnerbörsen teilhaben ... und den wiederum darf man der Welt nicht vorenthalten: Hallo P.! Das Universum schickt einem angeblich genau das, was "frau" braucht, oder auch nicht. Für die doch etwas allgemein gehaltene Berufsbezeichnung "Masseur und Personal Trainer" im Profil eines potentiellen Kandidaten war ich offenbar etwas zu naiv. Bei näherer Nachfrage organisiert mein angeblicher Mr. Perfect nämlich Tantraseminare, Yonimassagen und besucht gerne Swingerclubs! Lass uns dies mal in der Fantasie durchspielen: 1. Tantra, hmm..... vögeln wir dann im Kopfstand? Nö, lieber net! 2. Yonimassage......alles wird massiert, Hoden, Penis, Brüste, Vagina; Orgasmus ist nicht Ziel der Sache, kann aber passieren! Per se keine unangenehme Sache, aber wenn's einer BERUFLICH macht? Nö, lieber net! 3. Swingerclub... .als erotische Fantasie, viele appetitliche, gut gebaute und muskulöse Männer, die nur nach mir Göttin lechzen und mich verwöhnen... bitte, gerne .... Wohl eher die Realität: Swingerclub in Wien... lauter wamperte, verschwitzte Ungustl, die einen auf die schon verpickte Latexmatratze (oder was es dort auch geben mag) werfen... Nein, danke! War aber trotz allem ein interessanter und witziger Mailpartner. Irgendwie eigenartig: Da hat frau auf nette Weise die Möglichkeit zu allen möglichen erotischen Schandtaten, die es so gibt, und nützt sie nicht. Warum? Wenn man alle Fantasien realisiert, wo bleibt dann die Fantasie? lg die unmassierte Yoni

nersuche führt. Infos zu Online-Portalen gibt es z. B. unter www.singleboersen-vergleich.at.

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Tod eines Vagabunden Von Manfred Wieninger

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ahrräder werden relativ häufig vergessen. Egal ob schnieke City-Bikes oder rostige Drahtesel. Der große Lagerraum des St. Pöltner Fundamtes, der sich in einer schon seit Jahren leerstehenden Holz- und Bastelwarenhandlung am Rande des Karmeliterhofes befindet, ist jedenfalls voll davon. Etwas verwundert bin ich allerdings, dort auch ein nagelneues, weißes Surfboard vorzufinden und eine große Pappkarton-Schachtel mit circa 150 Propagandavideos von Jörg Haider aus einem längst geschlagenen Wahlkampf. Der ärarische Lagerraum ist schlecht, das heißt gar nicht belüftet, und die Beleuchtung, eine einzige, in unregelmäßigen Abständen flackernde Neonröhre, verdient die Bezeichnung Lichtquelle gar nicht. Unter solchen Umständen bin ich auf den Meldezettel von Leopold Karner gestoßen, denn die Ansammlung von sperrigen Fundsachen, die im ehemaligen Lagerraum der Firma Holz-Wallner ihrer Rückgabe, Versteigerung oder Beseitigung harren, hat mich weit weniger interessiert als eine ganze Reihe von alten, gusseisernen Karteikästen, die dort ebenfalls gelagert werden.

Ehemalige Ziegelfabrik tam Eisberg, wo ein wildes Notquartier für Arme, Arbeitslose und Ausgesteuerte bestand.

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Im März 2002 wurde das Meldewesen in Städten mit Bundespolizeibehörden vom Bund an die jeweiligen Kommunen übertragen. Die Stadt St. Pölten erbte nolens volens nicht nur diese neue Aufgabe, sondern auch das historische Meldearchiv der Bundespolizeidirektion St. Pölten. Mitüberstellt wurden auch die uralten, ausgeleierten Karteikästen. Dieses Archiv besteht meiner groben Schätzung nach aus circa 150.000 Meldezetteln, die aus dem Zeitraum der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stammen – bis dato völlig unbearbeitetes Material, ein Objekt der Begierde für jeden (Lokal-)Historiker, aus meiner Sicht jedenfalls unendlich faszinierender als De Rosa-Rennräder, teure Surfbretter und politische Botschaften. Laut seinem Meldezettel wurde Leopold Karner am 21. März 1896 in Rossatzbach im Bezirks Krems geboren. Als seine „Heimatsgemeinde“ ist Krummnußbaum im Bezirk Melk angegeben. Als Beruf ist „H.A.“, also Hilfsarbeiter vermerkt. Als Staatsangehörigkeit ist Österreich, als Familienstand ledig und als Religion „r.k.“, also römisch-katholisch dokumentiert. Ab 11. Mai 1938 ist Leopold Karner in der Jean-Paul-Straße in St. Pölten gemeldet, die in Klammer hinzugefügte Kurzbezeichnung der Liegenschaft ist unleserlich. Unter der Rubrik „Zugezogen woher“ ist in akkurater Handschrift „Wanderschaft“ eingetragen. Mit Datum 21. Juli 1938 wird die Abmeldung nach „Dachau“ amtlich vermerkt. In einer Datenbank des Dokumentationsarchives findet sich noch die Eintragung: „Gestorben 10. Januar 1940 in Mauthausen.“ Der DÖWSachbearbeiter hat noch hinzugefügt: „Eingeliefert als „Arbeitsscheuer“ zur Zwangsarbeit. Zu dieser Zeit wurde im KZ Mauthausen noch „Vernichtung durch Arbeit“ betrieben – erst der für die Nazis ungünstige Kriegsverlauf


links: Eisberg - Gasthaus Stieglinsel 1934 unten: Meldezettel Karners mit dem Vermerk der Abmeldung nach Dachau am 21. Juli 1938. Am 10. Jänner 1940 findet er in Mauthausen den Tod.

erforderte den Einsatz von KZ-Häftlingen für produktive Zwecke und damit ihre bessere Versorgung.“ Das ist alles, was von Leopold Karner geblieben ist, das ist alles, was wir von Leopold Karner wissen. Es ist wohl kein Zufall, dass ein armseliger Tagelöhner und Vagabund, der von den Nazis durch mindestens zwei KZs geschleift worden ist, bis er zu Tode geschunden war, 1938 in der JeanPaul-Straße Obdach gefunden hat. Diese erst 1933 geschaffene Stichstraße lag und liegt am nördlichen Ende der sogenannten Eisberg-Siedlung nördlich des Kaiserwaldes und westlich des Hauptbahnhofes. Die Siedlung – heute eine der besseren Wohnlagen der Landeshauptstadt mit vielen neuen Einfamilienhäusern wie aus dem Elk-Katalog – wurde in den dreißiger Jahren nicht zu Unrecht „Bretteldorf“ genannt und war ein weitgehend ‚wild‘, also konsenslos errichtetes Notwohnquartier von Arbeitslosen, Ausgesteuerten und Pauperisierten auf dem lehmig-sumpfigen Gelände einer aufgelassenen Ziegelei. Der alte Riedname der Gegend lautete Kaltenbrunn. Seit 1886 hatte hier eine große Ziegelbrennerei bestanden, die zahlreiche Ziegelteiche hinterlassen hatte. In den Wintern sägten St. Pöltner Gastwirte, aber auch Fleischhauer und Lebensmittelhändler große Eisplatten aus den zugefrorenen Teichen und ließen sie zur Kühlhaltung bis in den Sommer hinein in ihre tiefen Vorratskeller schaffen. Daher auch der Name Eisberg. Unter den Menschen des damaligen Bretteldorfes am Eisberg dürfte eine armselige Existenz wie Leopold Karner nicht weiter aufgefallen sein, jedenfalls bis ein damaliger NS-Beamter oder – Funktionär seinen Meldezettel mit dem Vermerk

„Wanderschaft“ und sein Vorstrafenregister, den Sündenkatalog eines Vagabunden, der heute fein säuberlich getippt an den Meldezettel angeheftet ist, miteinander in Beziehung setzte und seine Deportation in das KZ Dachau veranlasste. Am 23. April 1914 wurde Leopold Karner vom Bezirksgericht Haugsdorf nach Paragraph 468 des Strafgesetzbuches, also wegen „Übertretung der boshaften Beschädigung fremden Eigentums“ zu vier Wochen Arrest verurteilt. Danach folgten bis in die Dreißiger Jahre gut zwei Dutzend Verurteilungen durch Gerichte in St. Pölten, Krems, Mank, Kufstein, Leonfelden, Hartberg und Graz. Karner wurde wegen diverser Diebstahlsdelikte, aber auch immer wieder nach dem sogenannten Vagabundengesetz von 1885 verurteilt, das unter anderem Folgendes unter Strafe stellte: „§ 1. Wer geschäfts- und arbeitslos herumzieht und nicht nachzuweisen vermag, dass er die Mittel zu seinem Unterhalte besitze oder redlich zu erwerben suche, ist als Landstreicher zu bestrafen. Die Strafe ist strenger Arrest von ein bis zu drei Monaten.“ Auch wegen eines weiteren heute längst nicht mehr unter Gefängnisstrafe stehenden ‚Verbrechens‘ wurde Leopold Karner nach diesem Gesetz angeklagt, verurteilt und eingeMFG 12.11

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Blick auf den Eisberg. Hier lebte in der Jean Paul Straße von 11. Mai bis 21. Juli 1938 Leopold Karner in einer Barrackensiedlung in ärmlichsten Verhältnissen. sperrt: „§ 2. Wegen Bettelns ist zu bestrafen: 1. Wer an öffentlichen Orten oder von Haus zu Haus bettelt oder aus Arbeitsscheu die öffentliche Mildtätigkeit in Ansprech nimmt. Die Strafe ist strenger Arrest von acht Tagen bis zu drei Monaten.“ 1927 wurde Leopold Karner vom Bezirksgericht Graz nach Paragraph zwölf des Strafgesetzbuches, also wegen „Beleidigungen der öffentlichen Beamten, Diener, Wachen, Eisenbahnangestellten usw.“ zu vierzehn Tagen Arrest verurteilt. Keine Frage, dass Leopold Karner mit einer solchen Latte an Vorstrafen gerade in den wirtschaftlichen Krisenzeiten der Zwanziger und Dreißiger Jahre wohl nirgends in Österreich eine ordentliche Arbeitsstelle gefunden hat, wahrscheinlich auf mühselige und schlecht bezahlte Tagelöhnerjobs etwa als saisonaler Erntehelfer angewiesen war und sich daher niemals aus dem Vagabundenleben befreien konnte. Seine bittere Armut und vermutlich langjährige Obdachlosigkeit kosteten ihn schließlich sogar das Leben, der Verwaltungsmord an der armseligen Karnerschen Existenz wurde im KZ Mauthausen endgültig vollstreckt. Leopold Karner ist wohl kein beispielhaftes, kein edles und makelloses, kein heldenhaftes NS-Opfer, 38

schon gar kein Widerstandskämpfer. Er taugt nicht für die Geschichtsbücher. Er ist kein Bild für die antifaschistische Auslage. Keine politische Richtung würde ihn für sich reklamieren wollen. Er ist Zeit seines Lebens öfters mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt geraten. Aber wenn er gestohlen hat, so viel ist sicher, dann wohl doch nur, um sein armseliges Leben zu fristen, um nicht zu verhungern. Leopold Karner war ein Mensch. Die Bestrafung mit dem Tod – und die Deportation in ein KZ war nichts anderes als eine solche – hatte er jedenfalls nicht verdient. 1955, kurz nach dem Abzug der Roten Armee aus St. Pölten, wurde wohl auf Betreiben des sozialdemokratischen Bürgermeisters Dr. Wilhelm Steingötter die Jean-Paul-Straße, die seit 1933 diesen Namen getragen hatte, in Weinheberstraße umbenannt. Der neue Namenspatron war der österreichische Schriftsteller und einst prominente (Kultur-)Nazi Josef Weinheber. Buchtipp: Manfred Wieninger: „Das Dunkle und das Kalte. Reportagen aus den Tiefen Niederösterreichs“. edition Mokka: Wien 2011.


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Let’s dance…

… and have fun lautet auch heuer wieder das Motto beim Hauptstadtball 2012 am 7. Jänner im VAZ St. Pölten. Der größte Ball Niederösterreichs lockt jedes Jahr über 5.500 Besucher in die Landeshauptstadt und bietet eine Vielzahl an Programmhighlights.

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er dabei sein möchte, muss schnell sein, denn „der Run auf die Karten hat bereits begonnen, die Logenplätze sind schon alle vergeben“, verrät Bürgermeister Matthias Stadler. Bereits die Eröffnung wird zum ersten Highlight, wenn die Solotänzerin der Wiener Staatsoper Karina Sarkissova gemeinsam mit dem städtischen Ballett über die Bühne schwebt. Danach ziehen rund 40 Paare mit der Fächerpolonaise von Karl Michael Zierer ein. Die Eröffnung wird zur schwungvollen Musik „Im Kahlenbergdörfel“ von Philipp Fahrbach getanzt. Ist der offizielle Akt erstmal abgeschlossen, steht jung und alt ein vielfältiges Programm zur Auswahl: Altbewährt, aber trotzdem gut führt wieder die Wolfgang Lindner Band bei der ORF NÖ Bühne im Hauptsaal gekonnt durchs musikalische Programm des Abends. Die Show-, Ball- und Partyband „smash“ mit sechs Top-Solosängern, darunter zwei Eurovisions-Songcontest-Finalisten, heizt mit einer geballten Ladung Musik-Power den Besuchern bei der ACP-Bühne im Saal A kräftig ein. „Die Kuschelrocker“ bespielen die ORF NÖ-Bühne in der neuen Halle C und im Sparkassen Jazzkeller sorgen Siggi Fassl’s Tribute to Jerry Lee Lewis, die Mika Stokkinen Band sowie die Reini Dorsch Band für chillige Jazz-Musik. In Sachen Housemusik bitten Resident DJ Little John und Gast DJ Ronaldo mit „finest Club & Housemusic“ zum Cottageclub ins Warehouse. Zum richtigen Abshaken führt der Weg an der NÖN-Disco mit DJ Nils und den Hits der 70er & 80er nicht vorbei. Als Krönung – oder als kleine Verschnaufpause – erwartet die Besucher zur Mitternachtseinlage ein poetisches Hitfeuerwerk mit den „Metropol Singers“. Und was wäre ein Ball ohne Tombola: So gibt es neben zahlreichen TOP-Preisen heuer als Hauptpreis eine Reise nach Zypern für zwei Personen im Wert von rund 2.500 Euro vom Raiffeisen Reisebüro sowie einen Warengutschein im Wert von EUR 1.500 Euro der Firma Leiner zu gewinnen. Also, packt die Tanzschuhe ein und schwingt das Tanzbein am 7. Jänner!

Fakten zum Hauptstadtball 2012 Datum: 7. Jänner 2012 Ort: VAZ St. Pölten Tickets: VVK € 27,– / AK € 32,– / Ermäßigt € 24,– Säle: 6 Tanzbereiche Info: www.buerov.com

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Sehnsucht

nach Annaberg und Mitterbach Wenn man im Spätherbst nach Annaberg aufbricht, kann Folgendes leicht eintreten: Man tritt die Fahrt im Nebel an, um sich ab spätestens Rotheau im herrlichsten Sonnenschein wiederzufinden. Eine Reise in die Berge vor der Haustür.

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An einem Strang. Vier Musketiere für Anna-

berg & Mitterbach: Andreas Purt, Walter Burger, Alfred Hinterecker, Franz Karner (v.l.n.r.)

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s geht unschwer erkennbar aufs Land. Die Luft wird klarer, Carports behüten Traktoren anstelle von Sportflitzern, und auf den Weiden – Indiz für den „Jahrhundertherbst“ – grasen noch immer gemütlich die Kühe. Dabei freut man sich – spätestens wenn in den engeren Talabschnitten die Bäume romantisch mit Raureif überzogen sind – schon auf den Schnee, der diese sich immer höher hinaufschlängelnde Zauberlandschaft wieder in gedämpftes Weiß hüllen wird. Dann werden die noch jetzt beizeiten anzutreffenden Wandersleute ihre Rucksäcke zuhause in die Ecke stellen, gegen die Wintermontur austauschen und hierher zurückkehren: zum Schifahren, Langlaufen, Tourengehen oder einfach nur zum Seelebaumeln lassen. „Es kommt auch nicht selten vor, dass eine Mutter kurzerhand ihr Kind schnappt, wenn es in St. Pölten wieder eine Nebelsuppe hat, und mit ihm zu uns in die Sonne und frische Luft fährt“, so Walter Burger, seines Zeichens Geschäftsführer der Annaberg Lifte. Annaberg und Kindheit passen überhaupt


gut zusammen, da werden bei vielen wehmütige Erinnerungen wach, als man als kleiner Knirps am Pfarrboden die ersten Bogerln fuhr. War man einigermaßen firm, wechselte man nach Mitterbach, wo auf der selektiven und anspruchsvollen Gemeindealpe die Sportler auf ihre Rechnung kommen, „wobei das Angebot noch durch den Privatliftbetreiber am Josefsberg komplettiert wird“, wie Mitterbachs Bürgermeister Alfred Hinterecker ergänzt. So war es damals, und so ist es auch heute noch, wobei Annaberg und Mitterbach mittlerweile als Partner sozusagen gemeinsame Sache machen. Das ist ein Novum: „Früher sahen sich die Orte ja als Konkurrenz, da kämpfte man gegeneinander!“, erinnert sich Hinterecker, und fügt hinzu: „Miteinander geht viel, gegeneinander wenig. Das mussten wir aber erst lernen“ Die Wiege des Schilaufs

Offensichtlich mit Erfolg. Heute sitzen die beiden Herren gemeinsam mit Andreas Purt von Mostviertel Tourismus und mir am Tisch des Gasthof Meyer in Annaberg, und wir philosophieren über Gott und die Welt. Irgendwie fühlt sich alles sehr familiär an in der Gaststube, und so ist es ganz selbstverständlich, dass sich auch der Dorfpfarrer zum Mittagessen zu uns setzt. „Um den beneiden uns ja alle“, lacht Burger. Das versteht man. Pater Justin ist nicht nur jung, er hat auch eine freundlich ungezwungene Art, ist voll integriert. „Er spielt z. B. mit in der Blasmusik und kickt im Fußballverein!“ Mit einem Augenzwinkern bittet Burger den Geistlichen „ob du nicht ein gutes Wort bei deinem Chef für uns einlegen kannst, damit wir bald Schnee kriegen.“ Hochwürden verspricht, BurPionier. Mathias Zdarsky revolutiger in seine Gebete mit onierte den Schilauf und machte einzuschließen. die Region zu seinem 1. Zentrum. Auch der 96 Jahre alte „Altbürgermeister“ Franz Karner sitzt inmitten unserer illustren Runde. Ihn könnte man wohl als überzeugendstes Werbe-Testimonial für die gesunde, offensichtlich jung haltende Annaberger Luft vermarkten, ist er doch geistig noch topfit und rezitiert aus dem Gedächtnis heraus ein selbst verfasstes Gedicht, nein, vielmehr eine Hymne auf „sein Annaberg“. Natürlich ist er auch ein wandelndes Lexikon, wenn man wissen möchte, wie das so war, damals mit der Entstehung des Schilaufs in

Anno dazumal.

Wo schon unsere Großeltern dem Schilauf frönten und viele von uns ihre ersten „Bogerln“ fuhren: der Pfarrbodenlift in Annaberg

der Region. „Ich bin ja noch mit einem Stock gefahren“, erzählt Karner. Also nach der legendären „Lilienfelder Schilauftechnik“, die Mathias Zdarsky im nahen Lilienfeld, am Muckenkogel „erfunden hat“ und damit zum Begründer des alpinen Schilaufs im heutigen Sinne wurde. „Er war auch viel in unserer Gegend herinnen“, weiß Burger „während in Mürzzuschlag der Toni Schruf so ein Pionier war“. Niederösterreich, ja genau diese Region– und nicht etwa der hochalpine Westen, wie man annehmen könnte – ist die Wiege des alpinen Schilaufs, und wurde auch deshalb dessen erstes Zentrum. „Schon vor dem 1. Weltkrieg kamen die Leute hierher, mit Bussen, später mit der Mariazeller-Bahn, und sind auf die Berge rauf“, erklärt Hinterecker. Zu Fuß, versteht sich – Lifte gab es damals noch nicht. Anschließend düsten sie mit den Schiern wieder ins Tal hinunter. „Damals gab es allein in Annaberg 20 Schlittengespanne, außerdem wurde eine fixe Rundreise mit den Stationen ‚WienAnnaberg-Türnitz-Wien‘ angeboten“, erinnert sich Zeitzeuge Franz Karner. Die ersten Aufstiegshilfen, Lifte, wurden dann in den 50’er Jahren gebaut, nach dem Zweiten Weltkrieg. Teil des Wirtschaftswunders, einer sich normalisierenden Zeit, die allmählich auch wieder ein bisserl „Wohlstand“ zuließ – und Annaberg und Mitterbach zu Tourismusorten machte, mit dementsprechenden Einfluss auf die dörfliche Struktur. Wirtshäuser und Landwirtschaftsbetriebe bauten Zimmer dazu, wo die Besucher quasi im Familienverband mitlebten, Almhütten wurden zu Labstellen umfunktioniert, erste Hotels entstanden. Der Beginn einer goldenen Ära! Mitterbach stellte in den 60’ern mit Franz Digruber einen bekannten österreichischen Schirennläufer, der noch heute eine Tankstelle im Ort betreibt, und die Wiener „Reichen und Schönen“ kamen in die Region auf Sommerfrische und frönten im Winter dem gepflegten Schilauf. „Im nahen Alpenhotel Gösing logierten etwa Granden wie Bruno Kreisky“, weiß Andreas Purt. Bis in die 80’er Jahre hinein zehrte man von dieser ersten Gründerzeit und goldenen Ära. „In den 50’er, 60’er und auch noch 70’er Jahren lebte man zuhause in einfachen Verhältnissen, solche genügten auch im Urlaub. Aber mit dem steigenden Wohlstand stiegen selbstverständlich auch die Ansprüche an die Tourismusorte und –betriebe“, so Burger, und verweist damit auf einen einsetzenden Wan-

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Mitterbach

Egal ob die mit 8 Kilometern längste Familienabfahrt Niederösterreichs oder die steilen Hänge der schwarzen Piste – die Gemeindealpe besticht durch Variantenreichtum und Funfaktor.

Liftpreise & Aktionen

1 Tag: € 29,- Erwachsene, € 15,- Kinder 7 Tage: € 150,50 Erwachsene, € 75,50,- Kinder Familien mit mehr als 2 Kindern zahlen nur für die 2 ältesten Kinder, alle weiteren fahren gratis! Junior’s Weekend: an Wochenenden und Feiertagen zahlen Kinder (bis Jg. 2005) € 12,–, Jugendliche (bis Jg. 1996) € 19,– pro Skitag Senioren: MO - FR um € 21,- (ausgenommen Weihnachtsferien und Februar)

del, der – wie Hinterecker überzeugt ist „letztlich bei uns in der Gemeindestube verschlafen wurde. Wir haben die Zeichen der Zeit damals nicht erkannt.“ Eine allgemeine Stagnation im Wintertourismus „wobei Carving der gesamten Branche später das ‚Leben‘ gerettet hat“, sowie eine mächtig aufrüstende Konkurrenz im Westen taten ein Übriges – eine Strukturelle, aber auch eine Identitätskrise in dem Sinne, welche Nische man besetzen soll, waren die Folge. In Mitterbach führte dies sogar soweit, dass Anfang der 2000’er Jahre der Liftbetrieb einige Jahre gänzlich eingestellt werden musste.

Info Skigebiet: T 03882/417 20, www.gemeindealpe.at

Annaberg

9 moderne Lifte erschließen 20 Pistenkilometer, von der FIS-tauglichen Piste bis hin zu idealen Flachstücken für Anfänger und Kinder. Tipp für Skitourengeher: Tirolerkogel (1.377m). Aufstieg ca. 2 Stunden

Liftpreise & Aktionen

1 Tag: € 29,– Erwachsene, € 15,– Kinder 7 Tage: € 150,50.- Erwachsene, € 75,50,- Kinder Senioren: MO - FR € 21,– Jugendliche: (Jg. 1993–1996) Sa, So, Ftg. € 19,– Kinder: (Jg. 1997–2005) € 12,– INFO SKIGEBIET: T 02728/82 45, www.annaberg.info, www.annabergerlifte.at Informationen zu allen Mostviertler Skigebieten finden Sie unter: www.mostviertel.info/winter

NEU: Wintercard Niederösterreich

In Kooperation mit dem Land NÖ bieten die 7 Top-Skigebiete des Bundeslandes erstmals einen übertragbaren Skipass an, darunter die „Mostviertler“ Annaberg, Hochkar, Lackenhof sowie Gemeindealpe/Mitterbach. Die Wintercard NÖ ist wahlweise an 3 oder 5 Tagen während der Saison gültig und übertragbar! Die 3-Tages-Karte kostet € 94,-, die 5-Tages-Karte € 138,-.

Erhältlich über den Landesskiverband, an den Liftkassen der beteiligten Skigebiete sowie auf www.wintercard.at

fo tviertel.in www.mos „Finanziert aus Mitteln des NÖ Wirtschafts- und Tourismusfonds“

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Kein 0815 Tourist

Aber die Leute in der Region sind ein zäher Menschenschlag. Anstatt in Depression zu verfallen, krempelten sie die Ärmel hoch und setzten – mit Unterstützung des Landes „die uns nicht hängen lassen“ – zur Gegenoffensive an. „Einfach weil das Potenzial vorhanden ist, und es auch gar keine Alternative gibt!“ Um wieder an alte, bessere Zeiten anzuschließen unternehmen die Gemeinden große Anstrengungen – die bereits erste Früchte tragen. Der Lift in Mitterbach wurde komplett neu gebaut, Beschneiungsanlagen sind ohnedies „state of the art“, wobei Burger schmunzelnd einwirft „dass wir in Annaberg zwar einen riesigen Schneiteich haben, der ist aber nichts gegen den in Mitterbach!“ Wenig verwunderlich: Dort kommt das Wasser direkt aus dem Erlaufsee, womit man wohl den Titel „größter Schneiteich“ der Welt für sich reklamieren darf. „Böse Zungen behaupten ja, dass man bisweilen Fische unter der Piste findet, wenn diese mitangesaugt wurden“, witzelt Burger. Auch in den nächsten Jahren rüsten die beiden Wintersportorte weiter auf. Allein in Annaberg werden rund 8 Millionen Euro investiert. Ein neues Kinderland wurde bereits geschaffen, auch in Mitterbach etwa ein neuer Förderteppich installiert, die Reidlhütte erfährt ein Facelifting, wofür man die NDU und die FH Krems zum Ideenwettbewerb eingeladen hat „und auf der Stadleralm hat ein Architektenehepaar die erste zertifizierte Genießerzimmer-Almhütte geschaffen!“, wie Purt hinzufügt. Gerade im Segment Gastronomie und Beherbergung möchte man wieder attraktiver werden, den Komfort heben, ohne deshalb den Charme von Klassikern wie


etwa der beliebten Terzerhaus zu beeinträchtigen. Es bewegt sich jedenfalls etwas, ja selbst die Mariazellerbahn hat nach Jahren des Dahinsiechens nach der Übernahme durch die NÖVOG wieder an Fahrt und Attraktivität gewonnen. Und so hat man sich zum Ziel gesetzt, neben den Tagesgästen aus der Homebase Ostösterreich, auch bei den Nächtigungen Terrain gut zu machen. „Schon jetzt zählen wir etwa zu den Top Ten Winterdestinationen der Ungarn.“ Dabei setzt man auf eigene Stärken. „Wir sind sicher nicht die BallermannParty Orte“, so Burger, „aber wir sind genial für Familien, für Kinder, die Schifahren lernen, für Wiedereinsteiger – unsere gemeinsame Schischule mit Mitterbach hat einen hervorragenden Ruf. Und in Mitterbach kommen die anspruchsvollen Schifahrer voll auf ihre Kosten. Wir komplettieren uns also perfekt und können ein attraktives Gesamtangebot bieten.“ Und dies in relativer Nähe, ohne stundenlange Anfahrt, ohne klaustrophobische Momente beim Liftanstellen oder auf der Hütte, zu einem unschlagbaren Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis. „Das stimmt bei uns in jedem Fall!“, betont Hinterecker. Egal ob beim Lift, bei den Betrieben oder auf den Hütten. Ärger über Glühweinpreise jenseits der Zumutbarkeitsgrenze bleiben

Hüttenzauber. Die Reidlhütte wird ein Facelifting erfahren. Eine von vielen Hütten, mit dem beliebten Terzerhaus/Gemeindealpe als Klassiker.

einem nervenschonender Weise erspart. All jene, die also noch eine gewisse Heimeligkeit und Kleinstrukturiertheit schätzen, ehrliche Authentizität einer gespielten Volkstümlichkeit vorziehen, und gerne stressfrei schifahren möchten, werden sich in Annaberg und Mitterbach pudelwohl fühlen. Die Tagesgäste aus der Region, egal ob sie im Sommer zum Wandern oder im Winter zum Wintersport kommen, wissen ohnedies die unglaubliche Schönheit dieses Fleckchens Erde zu schätzen und kehren deshalb immer wieder zurück. Wie schreibt Franz Karner in seinem Gedicht: „Von diesem schönen Gebirgsort/geht keiner gern fort/weil dort recht nette Leute wohnen/will jeder gerne wiederkommen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.


SHORTCUT KULTUR

Sprach-Los

Thomas Fröhlich

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Summertime

Fritz Küffer

Österreichs unbekannte Malergröße

Die Facebookgruppe „Kopfzerbrechen Rathausplatz“, die sich mit dem Film- und Kulturfestival in derzeitiger Form unzufrieden zeigt, hat ihren Ideenkatalog für ein Alternativmodell präsentiert. So soll der „Kultursommer St. Pölten“ in Hinkunft innerhalb von sechs Wochen vielfältiges kulturelles Angebot auf vielen Plätzen der Stadt bringen, mit gastronomischem Zusatzangebot dort, wo es weniger Lokale gibt. Angedacht sind etwa ein Domorgelkonzert am Domplatz, Blasmusik im Sparkassenpark, Guerilla-Disco im Kulturbezirk, Poetry Slam und Speaker’s Corner auf dem Riemerplatz, Skulpturenpark, Kinderanimation in der Linzerstraße, zeitgenössische Medienkunst bei der FH uvm. Budgetär gehen die Kopfzerbrecher, die sich nicht als Veranstalter, sondern rein als Impulsgeber begreifen, von ca. 150.000 Euro Budget aus. Vielleicht sollten sich Veranstalter und Kopfzerbrecher ja einmal ehrlich zusammensetzen und auch die Möglichkeit eines „Fusionsmodells“ ventilieren. Adaptiertes Film- und Kulturfestival (das sehr beliebt ist!) unter Einbindung der Ideen der Kopfzerbrecher.

Siegfried Nasko/Thomas Pulle

„Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können: Das macht den Journalisten.“ Meinte schon Karl Kraus vor etwa 100 Jahren. Und man ist geneigt, das auch Heute in Österreich zu glauben. Denn selten war journalistisches Ethos dermaßen am Boden: Die Willfährigkeit der „Medienkellner“ (© Martin Compart) entspricht nur noch jener einer sich selbst abhanden gekommenen politischen Klasse dem frei vazierenden Finanzkapital gegenüber. Nehmen wir etwa die völlig einseitige Berichterstattung über Griechenland. Nicht, dass es da etwas zu beschönigen gäbe, aber die Häme, mit der über die „Pleitegriechen“ hergezogen wird, dient letztendlich dazu: ein ganzes Land öffentlich zu demütigen, quasi reif zu machen für eine feindliche Übernahme durch die global agierende Investoren-Mafia, der wir uns schon längst ergeben haben und die sich von der „richtigen“ Mafia einzig dadurch unterscheidet, dass sie über keinerlei Ehrenkodex verfügt. Doch gibt es Impfstoffe gegen grassierende Blödheit: zum Beispiel die Karl Kraus-Lesung „Die letzten Tage der Menschheit“ von Hans Hollmann im Landestheater. Brillant und präzise wird hier Sprache an sich thematisiert. Was diese anrichten kann, wenn sie manipulativ verwendet wird. Wie Kriegstreiberei und Börsenkurse zusammenhängen. Undundund … Apropos Sprache: Im Megaplex gibt’s den löblichen Brauch, neu anlaufende Filme auch tageweise in Originalfassung zu spielen. Was zur Folge hat, dass man zu diesen Terminen oft allein im Kino sitzt. Schade: Denn Filme erschließen sich im Original besser als in der – verfälschenden – deutschen Synchronisation. Und Fremdsprachen erweitern ja bekanntlich den Horizont. Wie auch der bewusste Umgang mit der eigenen.

Fritz Küffer (1911-2001)

Österreichs unbekannte Malergröße ISBN.-Nr.: 978-3-200-02381-9a

Siegfried Nasko/Thomas Pulle

Unbekannte Malergröße Mit dem Buch „Fritz Küffer. Österreichs unbekannte Malergröße“ würdigen Siegfried Nasko und Thomas Pulle anlässlich des 10. Todestages des Wilhelmsburger Ausnahmekünstlers dessen Singularität. So schreibt Nasko: „Seit meinem Dienstantritt im St. Pöltner Rathaus [...] ragte Fritz Küffer mit

seinen Gemälden, Zeichnungen und Plastiken wie ein zweiter Domturm in die kulturelle Landschaft des niederösterreichischen Zentralraumes.“ Durch Küffers Kunst bleibt auch ein Stück Geschichte lebendig. “Küffer war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der wohl bedeutendste Maler des niederösterreichischen Zentralraumes, der der Landschaft und den Menschen Niederösterreichs ein Gesicht gab.“ Für Herausgeber Josef Renz,der den Nachlass verwaltet, liegt Küffers Strahlkraft auch in seiner Erdung. „Menschen suchen Beständiges, Nachhaltiges auch in der großen Kunst. Es wundert mich nicht, wenn das Interesse an Bildern des begnadeten Meisters Prof. Küffer sehr hoch ist.“


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Schall und Rauch

Die Autorin und Literaturhaus-Krems-Chefin Sylvia Treudl ist ja der friedlichste Mensch auf Erden. Außer sie ärgert sich. Über Dummheit, Ignoranz oder „familienfreundliche“ Lokale mit Rauchverbot. Da sollte man in Deckung gehen. Oder zuhören. Wie etwa beim Interview im Innenhof des Stadtmuseums nach ihrem Blätterwirbel-Auftritt.

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a steig’n an’ ja die Krausbirn’ auf!“ Ja, Sie haben richtig gelesen: Krausbirn’. Mit K. Wie Karl Kraus. Obwohl natürlich die handelsüblichen Grausbirnen gemeint sind. Aber da es hier natürlich und in erster Linie um Sprache geht … also K. Der Grund, besser, ein Grund dafür: die Bambi-Preisverleihung für Integration (!) an den Maulhelden Bushido, der es in seinen lyrics ja immer wieder cool findet, Frauen als schlagenswerte Schlampen hinzustellen. Da kann Sylvia Treudl so richtig in Saft gehen. Sie, die gerade mit dem Böszen Salon-Orchester im Rahmen des Blätterwirbel eine hinreißende Hommage á H.C. Artmann im Stadtmuseum absolviert hat, lässt ihrem

Grant wieder einmal lautstark freien Lauf: „War diese Preisverleihung jetzt nur dumm? Oder eine gezielte Provokation? Ich glaub’ ersteres. Für bewusste Provokationen ist die Menschheit in der Zwischenzeit eh zu blöd.“ Wobei sie selbst gegen gepflegte Derbheiten gar nichts hat. „Die Beschäftigung mit Artmann hat in mir den Wunsch geweckt, im Dialekt zu schreiben.“ Was sie nun seit einem 46

Jahr tut. „Das ist manchmal auch derb.“ Aber es käme ihr nie in den Sinn, für eine Pointe auf irgendwelche Rand- oder überhaupt Bevölkerungsgruppen los zu dreschen. „Da gibt’s derzeit einen gesellschaftspolitischen Backlash – da kriegt nicht nur eine Altfeministin wie ich das große Speiben.“ Wobei sie jetzt nicht unbedingt Klischeebildern entspricht. Feministin ja – aber mit Kampfsportvergangenheit, High Heels und Motorrad in Reichweite. Und einer vollständigen Bruce Lee-DVD-Sammlung zuhause. Geboren wurde Treudl 1959 in Krems, wo sie auch die Schule besuchte („Würg!“, wie sie diese Zeit umfassend kommentiert). 1984 promovierte sie in Politikwissenschaft, danach war sie zwölf Jahre lang Verlegerin und Herausgeberin im Wiener Frauenverlag, den sie gleichsam mit erfand. „Damals war Frauenliteratur bei uns praktisch nicht existent.“ Danach schon. Auch schrieb und publizierte Treudl selbst jede Menge Prosa sowie Lyrik, zumeist in knappem, immer präzisem Stil gehalten, der nicht selten an gute Rocknummern erinnert. „Der Schreibanlass hat sich in den letzten Jahren allerdings von der Liebe/Beziehung/Wahnsinn-Thematik zunehmend in Richtung allgemeinen Furors verlagert.“ Weil die Dinge sind wie sie sind. Nämlich entsetzlich. „Mit 20 Jahren haben wir geglaubt, mit einer künstlerischen Produktion die Welt verändern zu können.“ Jetzt sei sie oft ratlos. Obwohl die Beschäftigung mit Kunst, speziell Literatur, unabdinglich

sei. Und auch deren Vermittlung. Was dann – vor 11 Jahren – auf Betreiben von Treudl und dem Literaturvermittler Michael Stiller in die Gründung des ULNÖ, des Unabhängigen Literaturhauses Niederösterreich, mündete. „Wo das ULNÖ seinen Sitz nehmen würde, das war eine Entscheidung des Landes. Hauptsache anfangen: Wir wären überall hin gegangen!“ Als sie erfuhr, dass es in Krems seine Pforten


Text: Thomas Fröhlich | Fotos: Hermann Rauschmayr

AUSGLEICH. Schuhgeschäfte sind für Treudl ähnlich gefährlich wie Buchhandlungen. Als Ausgleich zum Berufsalltag „freizeitgartelt“ sie gerne mit ihrem Gatten.

öffnen würde, war ihr erster Gedanke: „Okay, back to the roots.“ Was hat es da eigentlich mit den angeblichen kulturellen Animositäten zwischen St. Pölten und Krems auf sich? Treudl winkt ab: „Ich kann’s nimmer hören. Ich mag ja Verschwörungstheorien – aber grad die hat echt keinen Unterhaltungswert.“ Und weiter: „Ich selbst bin gerne in St. Pölten. Ich war da schon bei mehreren Veran-

staltungen dabei, die alle sehr fein waren.“ Treudl, die eine große Katzenliebhaberin ist, Schuhgeschäfte als ähnlich gefährlich einstuft wie Buchhandlungen und als Ausgleich zum intellektuell fordernden beruflichen Alltag als Literaturhaus-Betreiberin, freie Autorin, Kolumnistin und Rezensentin gerne gemeinsam mit ihrem Gatten Peter in Mitterretzbach „freizeitgartelt“, ist auch einer guten Zigarette nicht abgeneigt. Was aber immer schwieriger wird: „Diese ganzen Zwangsreglementierungen – furchtbar! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man auch in der Wohnung kontrolliert wird.“ Dafür dürfe man sich dann in der schönen neuen, „familienfreundlichen“ Rauchfrei-Welt im ehemaligen Lieblingswirtshaus das Gezeter der lieben Kleinen anhören, die unter den Augen

ihrer enthusiasmierten Eltern jegliche Rücksicht vermissen lassen. „Ich hab’ mit 14 schon eins sicher gewusst: Keine Kinder! Und bis jetzt hab’ ich’s nicht bereut.“ Spricht’s und sucht ihr Zigarettenpackerl, das in den Untiefen ihrer Tasche versteckt ist: „Je Tasche, desto such.“ Rauchpause. Weil: Jetzt erst recht.

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Eine Axt namens Kultur Chekilis Berberorchester brachte im Oktober einen Hauch Tunesien in die Bühne im Hof und damit auch ein Stück jüngster Zeitgeschichte. MFG sprach mit Bandleader Fawzi Chekili über den Arabischen Frühling, die Demokratiebewegung in Tunesien, den Beitrag der Kunst sowie die fast vergessene Berbermusik. Anfang des Jahres nahm der Arabische Frühling seinen Ausgang in Tunesien. Wie stellt sich dort die aktuelle Situation auf dem Weg zur Demokratie dar? Wird die Revolution siegen oder besteht die Gefahr des Scheiterns?

Es scheint, dass die meisten Menschen in Tunesien für die Demokratie eintreten. Daher habe ich ein gutes Gefühl, dass uns dies auch gelingen wird, wenngleich es noch ein weiter Weg ist und viel Arbeit auf uns wartet. Wie nahmen Sie die Umwälzungen persönlich wahr – hätten Sie je gedacht, dass Derartiges in Ihrem Land passieren könnte oder waren Sie, wie wir in Europa, überrascht von der neuen Demokratiebewegung?

Obwohl wir ganz klar empfanden, dass die letzte Regierung in die falsche Richtung geht, hätte ich Derartiges nicht für möglich gehalten. Es war eine Überraschung für viele von uns, vor allem auch die Tatsache, dass die Tunesier letztlich so entschieden „nein“ sagten, aufstanden und entschlossen waren, selbst über 48


Das INTERVIEW FÜHRTE: JOHANNES REICHL | Fotos: Hermann RAUSCHMAYR

Kulturbotschafter. Fawzi Chekili und sein Berberorchester begeisterten in der Bühne im Hof. „Unsere Botschaft heißt Friede und Toleranz“, so Chekili.

ihr Land zu entscheiden. Ich bin nach wie vor ein bisschen überrascht von der neuen Situation, aber ich denke, das ist einigermaßen normal, wenn man solange nicht die Möglichkeit hatte, seine Meinung frei zu äußern. Welche Rolle spielte die Kultur für den Emanzipationsprozess? Gab es eine Art intellektuellkünstlerische Aufbereitung im Vorfeld, oder war es eine reine Revolution der Straße?

Natürlich setzten sich viele Künstler in ihren Arbeiten mit der Unterdrückung der Freiheit sowie der Zensur auseinander, aber die Revolution ging letztlich zum Gutteil von der jungen Generation aus, der Facebook-Generation! Wie steht es um den aktuellen Beitrag der Kulturszene, spielt sie eine Rolle im Demokratieprozess?

Ich denke, Kultur ist eine der stärksten Äxte, welche die neue Regierung zur Fortentwicklung der Demokratie nutzen sollte, insbesondere auch im Landesinneren, wo es einen massiven Mangel an vielfältigen Räumen und

Einrichtungen gibt.

Kann Musik zur Integration beitragen – einerseits in Tunesien zwischen altem Establishment und der neuen Generation, andererseits aber ebenso zwischen Afrika und Europa?

Musik ist eine der grundlegenden Kunstformen in Tunesien überhaupt, die nicht nur zur Integration beiträgt, sondern prinzipiell der Bevölkerung beim Zugang zur Demokratie hilft sowie den Durchschnittsgeschmack erweitert. Mit Ihrem Orchester sind Sie auch eine Art Botschafter Ihres Landes. Was können Sie den Menschen in Europa über Tunesien erzählen?

Ich möchte der Welt vermitteln, dass die Tunesier ein weltoffenes Volk sind, gleichzeitig aber auch stark mit Ihren eigenen Wurzeln verbunden. Zwischen Tradition und Moderne streben die meisten von uns nach einer besseren, in diesem Sinne einfachen Lebensführung. Was macht die Mystik der Berbermusik aus, die Ihr Orchester in St. Pölten dargeboten hat?

Unser Konzert in Österreich zollte der Berberkultur im Maghreb Tribut, ist inspiriert vom reichen Schatz der Berbermelodien sowie dem einzigartigen rhythmischen Erbe dieser Musik, die leider ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Möchten Sie dem Publikum mit Ihrer Kunst auch eine Botschaft mit auf den Weg geben?

Die Botschaft heißt Friede und Toleranz, die Einladung zu einer modernen und prosperierenden Zukunft, die auf Glauben sowie dem Bekenntnis zu starken Traditionen und Wurzeln gründet.

Kulturdialog Seit über 10 Jahren ist der „Dialog zwischen den Kulturen“ von der Bühne im Hof aus bemüht, andere Kulturen (be)greif- und erlebbar zu machen. „Kulturverständnis wird nicht in elitären Hochschulen vermittelt, eher findet sie im Gespräch mit einem Straßenmusiker statt. Bildung ist wichtig, aber man sollte dabei nie den Boden vergessen, auf dem man steht“, so Dialog-Leiter Reinhard Gosch. Infos: www.vdk.at

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Der BaritonStürmer „Eigentlich wollte ich ja Fußballer werden“, scherzt Lukas Kargl, “aber damit hatte ich bei den Eltern keine Chance, die hielten das für zu gefährlich.“ Stattdessen wurde im Hause Kargl – Vater Otto ist u. a. Domkapellmeister in St. Pölten – musiziert. Eine Frühprägung, die offensichtlich hängen geblieben ist. Heute ist Lukas Kargl Sänger, Stimmlage Barito.

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ußball spielt der flinke Stürmer trotzdem: Im Zuge seiner raren Österreichbesuche bei seinem Stammverein Lok Traisen, in seiner neuen Heimat London zweimal die Woche. „Sport ist ein wichtiger Ausgleich. Da kann ich Druck abbauen. Außerdem ist es für einen Sänger – Singen hat ja viel mit dem Körper zu tun – extrem wichtig, fit zu sein.“ Dass es in London sportlich Fußball sein muss, scheint ja aufgelegt wie ein Elfmeter – doch weit gefehlt. Denn der lauschige Stadtteil Twickenham im Südwesten Londons, wo Kargl mit seiner Frau lebt, ist keine Fußball-, sondern DIE Rugby Hochburg Englands. Dort steht das größte Rugby Stadion der Welt mit einem Fassungsvermögen von 82.000 Besuchern! Wohl nur aus diesem Grund wird dem zugereisten „austrian“ verziehen, dass seine fußballerische Fanliebe nicht einem der Londoner Traditionsklubs, sondern den Reds aus Liverpool gilt.

Das Tägliche BroT

Dabei war London an sich keine ausgemachte Sache, sondern indirekt die Idee von Rudolf Piernay. Der berühmte deutsche Gesangslehrer, der schon Größen wie Bryn Terfl zu seinen Zöglingen zählte, legte Kargl nach einem Vorsingen die Stadt an der Themse nahe. „Eigentlich wollte ich ja nach Mannheim, wo Piernay ebenfalls als Professor tätig ist. Doch er meinte, 50

ich solle zu ihm an die Guildhall School in London kommen. Im Nachhinein betrachtet war das die beste Entscheidung!“, ist Kargl überzeugt. Und so „riss“ er nach absolviertem Kirchenmusikkonservatorium St. Pölten und vier Jahren Sologesang am Institut für Gesang und Musiktheater in Wien das Postgraduate in England an, wo er Musical Drama studierte. Prinzipiell gehört zur Ausbildung neben dem Klassiker „Stimmbildung“ natürlich auch das Fach „Schauspiel“, das enorm an Bedeutung gewonnen hat. „Heute wird viel nach Stanislawski unterrichtet. Und es genügt nicht mehr, einfach nur eine gute Stimme zu haben und statisch auf der Bühne herumzustehen“, so Kargl, der selbst leidenschaftlich gerne Darsteller ist. „Ich liebe Schauspielen. Das hilft mir auch extrem im Musikalischen.“ Was ihm an der Guildhall besonders faszinierte und auch ein grundlegender Unterschied etwa zu Wien war, betraf die Bedeutung des Sprachcoachings. „Als Opernsänger musst du jeden Text übersetzen und verstehen. Das wurde an der Guildhall extrem gefördert.“ Kurzum, man muss die Opernsprachen Französisch, Englisch, Deutsch, Tschechisch usw. perfekt aussprechen können. Und man muss das, was man singt, Wort für Wort verstehen, „weil du es ja auch musikalisch ausdrücken musst.“ Wenig verwunderlich, dass daher im aktiven Sängerleben dem

Texteinstudieren breiter Raum gewidmet ist. Ebenso relevant ist das Auswendiglernen des Textes. „Der zeitliche Aufwand dafür hängt von der Aufgabe ab – ist es ein Liederabend, ein Oratorium, eine Oper. Auf die Rolle des Don Giovanni etwa habe ich mich rund ein halbes Jahr lang vorbereitet. Du solltest die Rolle ja schon auswendig können, wenn die eigentlichen Probearbeiten beginnen. Dann muss man sich auf das andere konzentrieren können, die Musiker, den Dirigenten, die Kollegen, die Bühne, das Schauspiel!“ Stimmübungen gehören selbstverständlich ebenfalls zum täglich Brot, wenn auch nicht so intensiv, wie es der Laie vermutet. „Stimmübungen nehmen täglich ca. eine halbe bis dreiviertel Stunde in Anspruch. Das muss man sich vorstellen wie bei einem Sportler, der ja auch täglich seine Muskeln trainieren muss – so ist das auch bei uns.“ Family Affairs

Im Hinblick aufs Texteinstudieren nimmt sich Kargl immer einen Coach – in den meisten Fällen seine Frau, die fließend Englisch und Französisch spricht und selbst Musikerin ist. Sie ist das strenge Korrektiv und gibt Feedback. Zudem bestreiten die beiden gemeinsam Liederabende – er singt, „meine Stimme ist ja zur Zeit prädestiniert für das lyrische Baritonfach“, seine Frau begleitet ihren Gatten am Klavier. Wie so oft kommt die Vermengung von Beziehung und Arbeit bisweilen dem Wandel auf einem schmalen Grat gleich. „Es ist schon sehr intensiv. Manchmal, insbesondere bei Wettbewerben, kommt auch großer Druck hinzu.“ Aber die beiden mei-


TExt: JOHANNES REICHL | Fotos: ZVG

stern diesen bravourös, einer der Höhepunkte war ohne Zweifel der Einzug ins Semifinale des renommierten Hugo Wolf Wettbewerbs. Zwischendurch stehen für das Ehepaar auch bemerkenswerte, ausgefallene Engagements am Programm – so wurden sie unlängst eigens nach New York eingeflogen, um auf der Geburtstagsfeier eines Sponsors von Cambridge zu musizieren. Dass man in dem Beruf überhaupt Fuß fasst, noch dazu als freischaffender Sänger, ist ohnedies alles andere denn ausgemacht. Die Konkurrenz ist groß, die Qualität hoch, die Spitze dünn. Ein Agent ist daher selbstverständlich „wenngleich du aber nie aufhören darfst, dich selbst zu vermarkten. Davon hängt sehr viel ab, auch wie du deine Kontakte pflegst, wie du dich bei Konzerten z. B. gegenüber dem Dirigenten verhältst. Entsprichst du, wirst du wieder eingeladen“, führt Kargl pragmatisch aus. Mit Anbiederung habe das nichts zu tun. „Es heißt eher, dass du dem Dirigenten einfach zeigen musst, was er an dir hat, was du drauf hast.“ Zudem darf man sich nicht verrückt machen lassen. „Natürlich gibt es harte Zeiten, während derer der Druck steigt, man vielleicht nicht so viele Engagements hat, möglicherweise eine stimmliche Krise dazu kommt – da gilt es, nicht die Nerven zu verlieren.“ Selbstzweifel und existenzielle Ängste sind demnach Am Weg nach oben. Opernsänger Lukas

Kargl setzt von London aus zum Sturm auf die Opernhäuser und Konzertsäle der Welt an. Auch in seine Heimat St. Pölten verschlägt es ihn immer wieder, zuletzt brillierte er in Händels „Solomon“ im Zuge des Festival Musica Sacra im Dom St. Pölten.

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Der Bariton-Stürmer

Variantenreich. Lukas Kargl hat schon eine Reihe von Partien gesungen: links als Don Giovanni; oben als Kilian in Webers „Freischütz“, links unten als Phoebus in Purcells „The Fairy Queen“; rechts unten als Herr Fluth in Nicolais „Die Lustigen Weiber von Windsor“.

zwischenzeitige Begleiter, „aber es war noch nie so, dass ich gesagt hätte, ich schmeiße alles hin.“ Hingabe

Dazu wiegt der Beruf als solcher, weil er eben vor allem eine Berufung darstellt, jegliche Unbill viel zu sehr auf. Die Rolle als Don Giovanni in Grenoble etwa oder sein Mitwirken beim Glyndebourne Opern Festival sowie bei den BBC Proms in der Royal Albert London waren absolute, erfüllende Highlights seiner jungen Karriere. Und so banal es klingt – so ist für den Künstler, wie eine alte Binsenweisheit sagt, der Applaus der höchste Lohn für alle Mühen. „Das ist schon ein befriedigendes Gefühl, weil man gibt ja sehr viel von sich. Umgekehrt möchte man die Leute bewegen, etwas vermitteln.“ Dabei stellt sich die absolute Befriedigung von der Sorte beschwingter Gelassenheit selten ein – zu hoch ist der Selbstanspruch 52

des Künstlers an sich selbst. „Ich bin selten mit mir selbst zufrieden. Als Künstler möchte man immer mehr.“ Dieser Hang zum Perfektionismus, zur völligen Hingabe hält auch seine (psychischen) Fallstricke parat, die man als darstellender Künstler sorgsam im Auge behalten muss, um sich nicht gefährlich zu verheddern. „Ich habe die Rolle des Don Giovanni natürlich sehr fies angelegt“, lacht Kargl, entdeckte dabei aber auch manch Untiefe in sich selbst. „Während der ersten Vorstellung gab es Momente, da bin ich selbst vor mir zurückgeschreckt. Das hat mir beinah Angst gemacht“, schildert er seine Erfahrung der eigenen Abgründe im Spiegel der Rolle. Und was wünscht er sich für die Zukunft? Ruhm und Erfolg? Die Antwort ist überraschend: „Berühmt werden möchte ich auf keinen Fall, das stelle ich mir sehr schwierig vor. Der Druck ist ohnehin groß genug in un-

serer Gesellschaft, da muss man schon sehr Acht geben, dass man nicht vergisst zu leben“, meint er nachdenklich und gibt sich bescheiden. „Ein Glück ist ja schon die Tatsache, dass ich einen Beruf ausüben kann, den ich liebe.“ In Sachen Kunst gehe es ihm v. a. darum, „mit der Musik soweit zu kommen wie möglich.“ Ganz weit würde aber dann doch wohl Berühmtheit miteinschließen?! Kargl räumt zumindest ein, dass es „natürlich ein Wunsch ist an den größten Opern und Konzerthäusern der Welt zu musizieren, mit den besten Musikergrößen zusammenzuarbeiten.“ Aber selbst dies würde nicht ausreichen. „Letztlich geht es darum, ein Werk, eine Solopartie, einen Liederabend so zu singen, dass man die Leute bewegt und für sich das Gefühl hat ‚Das ist es!‘“

Website

www.lukaskargl.com


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Rückblick Obmann Lothar Fiedler

v.l.n.r: Dominique Meyer, FV Obm. Stv. Caroline Salzer, Michaela Schlögl, Obm. Lothar Fiedler

Stars zum Anfassen Im bis auf den letzten Platz gefüllten Ambiente des NV-Forums, wo „Hausherr“ Generaldirektor Hubert Schultes die Gäste willkommen hieß, stellten Dominique Meyer und Autorin Michaela Schlögl den Mitgliedern des Fördervereins Kulturbezirk exklusiv ihr Buch „Dominique Meyer. Szenenwechsel Wiener Staatsoper“ vor. Dank der exzellenten Moderation durch ORF CR Christiane Teschl er-

hielten die Besucher viele interessante Einblicke in die (Gedanken)Welt Meyers. Der Staatsoperndirektor gewann dabei durch seine einnehmende Art sofort das Publikum für sich. „Wir möchten nun in regelmäßigen Abständen unseren Mitgliedern die Möglichkeit bieten, interessante und bekannte Persönlichkeiten aus dem kulturellen Leben im kleinen Rahmen kennenzulernen“, stellte Fiedler fest.

Das Jahr 2011 war für den Förderverein ein in jeder Hinsicht ereignisreiches. Dies nicht nur im Hinblick auf einen ganzen Reigen hochkarätiger Veranstaltungen, die uns einmal mehr die Möglichkeit bescherten, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, manch Star zum Anfassen in unserer Mitte begrüßen zu dürfen, uns auf Tages-, aber auch der großen Mehrtagesreise im positiven und spannenden Sinne fortzubilden, sondern vor allem auch im Hinblick auf unsere Mitgliederstruktur. Zum einen haben wir bereits Anfang Herbst die 500-Mitglieder-Schallmauer durchbrochen, zum anderen haben wir aber auch zwei weitere Institutionen in unsere Familie aufgenommen, die Beweis dafür sind, wie sehr sich der Förderverein Kulturbezirk – einem unserer Grundgedanken entsprechend – auch zusehends in die ganze Stadt vernetzt. Nachdem wir im Herbst letzten Jahres bereits das Landestheaters als „ordentliches Mitglied“ begrüßen durften, folgten heuer die Bühne im Hof sowie die Niederösterreichischen Nachrichten nach. Für uns als Verein, für unsere Mitglieder bedeutet dies ein noch größeres Spektrum an Veranstaltungen, ein noch größeres Angebot exklusiver Mitgliedervorteile. Ich danke allen unseren Mitgliedern für ihre Treue und ihre aktive Teilnahme am Vereinsleben, all unseren Firmenmitgliedern, Partnern und Sponsoren für ihre so wertvolle Unterstützung, ohne die – wie man so schön sagt – gar nichts ginge! Ihnen allen darf ich an dieser Stelle eine geruhsame Vorweihnachtszeit und ein schönes Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben wünschen, und freue mich schon auf viele angenehme Stunden im Kreise des Fördervereins Kulturbezirk im kommenden Jahr!

v.l.n.r: FV Obm. Stv. Johannes Reichl, Silvia Lang, Obm. Lothar Fiedler, Ehrenobm. Herbert Binder

500. Mitglied Im Rahmen der Festspielhaus-Saisoneröffnung hatte auch der Förderverein Kulturbezirk Grund zur Freude. Obmann Lothar Fiedler konnte mit Silvia Lang das 500. Mit-

MITGLIED WERDEN!

glied des Vereins begrüßen. Wie viele andere gab Lang an, dass sie gerne Kultur konsumiere und v. a. von den zahlreichen attraktiven Angeboten des Fördervereins begeistert sei.

Genießen Sie unsere exklusiven Vorteile (Ermäßigungen in den Institutionen des Kulturbezirks sowie den Partnerhäusern, Previews, Künstlertreffs, Ausflüge etc.), egal ob als Privatperson, Firma, Familie oder Jugendlicher. Nähere Information: Tel. 02742 / 908080-812, www.kulturbezirk.at

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nur, dass Kica den Kaffee nicht zeitgeistig aus der Nespresso-Maschine herunterdrückt, sondern noch klassisch mit der Espresso-Maschine aufkocht, Kekse auf einem mit Goldrand verzierten Porzellanteller serviert und der Tisch keine vier Beine hat, sondern eine Hutschachtel darstellt, neben der wir uns gemütlich am Boden niederlassen. Die Gastgeberin selbst, der Chic ihrer Kleidung, die sie – wie sie verrät – „selbst schneidert“, fügt sich perfekt in dieses poetische Ambiente, das einem eher die romantische Vorstellung einer Pariser Bohème-Wohnung vermittelt, denn einer Garconnière am Wiener Fleischmarkt. Die Polen-Connection

Poetik des Theaters

Es ist ein nebeliger, nasskalter Novembertag, als wir an der Wohnung von Kostümbildnerin Aleksandra Kica läuten. Nicht gerade Wetter, das die Stimmung hebt, und doch schlägt diese sofort um, als wir ihre „Arbeitswohnung“, wie sie sie selbst nennt, betreten.

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us der Konserve raunt Marlene Dietrich und erfüllt den Raum bis in den letzten Winkel mit ihrem unverwechselbaren Timbre. Eine Modepuppe steht im Zimmer, ein weiß getünchtes Hochbett bildet ein kuscheliges Dach über einer darunter befindlichen Couch, auf der einen Seite des Raumes räkelt sich lasziv eine Venus auf einem Gemälde, während gegenüber die Heilige Mutter Maria das Jesuskind in Händen hält. Konsequent ist da

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Dabei liegen Kicas Wurzeln weder an der Donau, noch an der Seine, sondern in Polen. Der Vater kommt von dort, die Mutter ist Deutsche. Die Tochter wird zwar bereits in Deutschland geboren, „ich war sozusagen ein typisches Flüchtlingskind“, nach zehn Jahren übersiedelt sie aber nach Polen, wo sie bis zu ihrer Volljährigkeit aufwächst. „Aus dieser Zeit stammt wohl auch mein Faible für die großen russischen Autoren – das ist so eine Art ObstblockNostalgie“, lacht sie. Sie besucht eine Klosterschule – eine prägende Zeit, die sie noch Jahre später in ihren Kostümen oder auch in der Diplomarbeit für die Modeschule verarbeitet: „Wir konnten uns ein Thema frei auswählen, ich nahm ‚Zölibat‘, schneiderte so Kuttenteile mit Tellern. Ich finde Nonnen ja sehr elegant.“ Auch wenn die Schule sehr konservativ ist, gewisse Filme und Bücher quasi am Index stehen, so ist es gerade die Literaturlehrerin, die Kica für das Dramatische begeistert, „weil sie uns beigebracht hat, die Texte zu fühlen.“ Selbstverständlich spielt auch das Elternhaus eine entscheidende Rolle. Vater Janusz Kica ist der bekannte Theaterregisseur, über ihn schnupperte sie schon als Kind Theaterluft, lernte manch berühmten Theatermacher aus der Nähe kennen. Die Mutter wiederum „nahm mich oft auf den Restplatz zu Aufführungen von Pina Bausch mit!“ Wiener Lehrjahre

Nach der Schule geht Kica nach Wien, „weil mir in Polen das Herzen gebrochen worden war und ich einfach nur wegwollte.“ In der Donaumetropole verbringt sie die erste Zeit mehr im Kinosaal als anderswo – eine erste Heimat in der fremden Stadt. „Filme haben mein Leben immer beeinflusst! Bis heute zählen Jim Jarmusch, Martin Scorcesse und Roman


TEXT: JOHANNES REICHL | Fotos: SIMON HÖLLERSCHMID

Polanski zu ihren Heroen. „Ihre Bildsprache ist grandios, die Art, wie sie etwas erzählen – gerade durch das, was sie nicht zeigen!“ Selbst einmal für den Film als Kostümbildnerin zu arbeiten reizt sie allerdings wenig, „das wäre mir zu langweilig. Später vielleicht einmal.“ Zur damaligen Zeit ist Kica jedenfalls so film­ affin, dass sie Filmkritikerin werden möchte, es aber aus Selbstzweifel, „weil ich dachte, dass mein Deutsch nicht gut genug ist“ bleiben lässt. Stattdessen landet sie in der Modeschule Herbststraße, nachdem sie vorher freilich einen schicksalhaften Zwischenschritt am Theater einlegt: Über ihren Vater hat sie Isabella Suppanz, damals Dramaturgin an der Josefstadt, kennengelernt, die ihr empfiehlt die Zeit vor dem Start der Modeschule als Voluntärin am Theater zu nutzen. Kica nimmt an – und fängt Feuer. Vor allem das Kostümwesen hat es ihr angetan, auch wenn sie dort so aufregende Tätigkeiten wie Sockenwaschen verrichten darf. Und so beginnt sie die Modeschule bereits mit dem festen Vorsatz, nicht etwa Modedesignerin, sondern Kostümbildnerin zu werden. „Prinzipiell hatte ich mit Mode vorher ja überhaupt nichts am Hut. Als Jugendliche hab ich mich sogar ganz unvorteilhaft gekleidet. Blaues Zellophan, eine Art Bälle am Kopf, pinke Haare, dazu Doc Martens – davon hatte ich 12 verschiedene Paare“, schmunzelt sie. Heute hingegen näht sie nicht nur ihre Kleidung selbst, sondern legt auch bei den Kostümen – keine Selbstverständlichkeit, wie man als Laie meinen könnte – immer wieder selbst Hand an, setzt sich in den diversen Theaterschneidereien schon mal an die Nähmaschine „bevor ich langwierig erkläre, wie ich es meine.“ Bei den Schneiderinnen hat ihr dies einen guten Ruf eingebracht, „weil ich die Fachbegriffe kenne, oft mit Werkzeichnungen aufmarschiere und daher sehr genaue Anweisungen geben kann.“ Ihren aktiven Einstieg in die Theaterwelt findet die Modeschülerin über das Max Reinhard Seminar, wo sie als Kostümbildnerin für diverse Studentenproduktionen mitarbeitet. „Damals habe ich enorm viel gelernt. Das Reinhardt Seminar ist ja besser ausgestattet als jedes Theater, außerdem durfte man Fehler machen, konnte viel ausprobieren.“ Ebenfalls nicht unwesentlich sind die Kontakte, die sie in dieser Zeit mit heute gestandenen Schauspielern, Regisseuren etc. knüpft. Mit vielen von ihnen arbeitet sie bis heute zusammen, umgekehrt hat sie den vielleicht einfacheren Weg, das Netzwerk des Vaters auszunützen, immer ausgeschlagen. Witzig

ist daher, dass Kica und Kica heuer erstmals für die Produktion „Einsame Menschen“ am Landestheater zusammenarbeiten. „Ich habe ja so meine Zweifel, ob das funktioniert. Aber man muss halt abstrahieren, professionell sein. Das wird mir schon gelingen“, meint Kica, und fügt schelmisch hinzu, „aber ob es auch meinem Vater gelingt, da bin ich mir nicht so sicher.“ Bereits im Zuge der Ausbildung werden die Aufträge fürs Theater so umfangreich, dass Kica das Studium zugunsten der Arbeit hintanstellt. Mittlerweile hat sie für 33 Produktionen die Kostüme entworfen, darunter namhafte Adressen wie Josefstadt, Schauspielhaus Wien, Landestheater Vorarlberg, Landestheater Niederösterreich, Projekte im Zuge von Linz 09 oder auch Stationen im Ausland, wie etwa Amsterdam, Edinburgh oder Chicago, „wo es schon vorgekommen ist, dass neben dir plötzlich Philip Seymour Hoffman gestanden ist.“

Anschauung. Nicht nur in der Arbeitswohnung wichtig, sondern auch bei der Arbeit in den Theatern: Puppen zum Anprobieren.

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Akribisch. An den

Kostümen für ein Stück beginnt Kica oft schon ein Jahr vorher zu arbeiten, beginnend mit diversen Studien.

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Dienstleister

Kica hat dabei ihre ganz eigene Arbeitsmethode entwickelt. Sie saugt ein Stück richtiggehend auf. „Der Text ist enorm wichtig für mich. Ich muss wissen, was das für Leute sind, die vorkommen, brauch eine Geschichte zu ihnen.“ Zwecks Inspiration kann es dann schon vorkommen, dass sie sich in die Bibliothek der Angewandten Kunst zurückzieht, freilich nicht um irgendwelche Modefotos zu studieren, sondern Situationen „wie etwa Menschen an einem Tisch zusammen sitzen. Ich muss verstehen, welche Atmosphäre da herrscht.“ Die Arbeit an einer Produktion beginnt für sie oft schon ein Jahr vorher, wobei sie es schätzt, sich mit dem Regisseur auszutauschen. „Mit Stefan Jäger etwa habe ich mich bei der letzten Produktion einmal die Woche getroffen. Da haben wir gemeinsam den Text laut gelesen, sind Szene für Szene durchgegangen!“

Auf dieses „Studium“ fußend entwickelt Kica ihre Entwürfe, steckt Stunde um Stunde hinein, arbeitet oft nächtelang bis zum letzten Moment durch und fiebert der 0er Probe entgegen, wenn die Teile erstmals auf der Bühne unter „Realbedingungen“ getragen werden. „Das ist immer ein Überraschungsmoment, weil man ja nie weiß, ob es so wirkt, wie man es sich vorgestellt hat.“ Passt alles, gelingt die Premiere, dann „ist das ein unglaubliches Glücksgefühl!“ Ungehalten reagiert Kica hingegen auf Respektlosigkeit. „Ich erinnere mich an einen Schauspieler, der nach einer Szene ein Kostüm einfach achtlos irgendwo hingeschmissen hat – mein Kostüm, in dem ja mein ganzes Herzblut steckt. Du bist ja quasi selbst das Kostüm.“ Kica reagierte auf ihre Weise. „Als der Schauspieler dann seinen Text sprach, fingierte ich einen Anruf und begann ganz laut zu telefonieren, so dass er aus dem Konzept kam und verstand, was Respektlosigkeit ist.“ Respekt hält die Kostümbildnerin für eine der Schlüsseleigenschaften überhaupt! In diesem Sinne versteht sie sich „auch weniger als Künstlerin, denn als Dienstleisterin. Es geht darum, die Schauspieler ernst zu nehmen, sie gut zu betreuen. Von mir bekommt ein Schauspieler niemals ein Kostüm, in dem er sich nicht wohlfühlt!“ Kica versucht auf die Mimen einzugehen, ihnen – auch kostümtechnisch – entgegenzukommen. „Wenn es etwa um eine erotische Szene geht, bitte ich sie oft, mir Sachen mitzubringen, die sie persönlich erotisch finden, denn das ist ja eine sehr individuelle Angelegenheit.“ Damit trägt sie ohne Zweifel entscheidend zum Gesamterfolg bei, „denn ein Kostüm kann noch so schön sein, aber wenn es der Schauspieler ungern trägt, beeinträchtigt das sein gesamtes Spiel.“ Was wiederum dem abträglich ist, was die Künstlerin – natürlich ist sie eine! – als wichtigsten Aspekt des Theaters begreift. „Poetik! Das Theater muss ein Ort der Verzauberung sein! Selbst wenn ich ein total modernes Stück inszeniere, muss diese spürbar sein.“ Wobei da noch mehr ist. Denn diese Poetik scheint überhaupt ein Grundwesenszug Kicas zu sein, wenn man ihre, den trockenen Terminus „Arbeitswohnung“ ganz und gar nicht verdienende Garconniere als Indiz dafür gelten lassen möchte. Und die Verzauberung funktioniert auch in Realität, denn als wir nach dem Gespräch – unbewusst Dietrichs „Lili Marleen“ summend – wieder in den nasskalten Nebel hinaustreten, kann uns das die gute Laune beim besten Willen nicht verderben.


MFG ADVERTORIAL

Kultur für Senioren

LESUNGEN UND BUCHPRÄSENTATION Das NÖ Kulturforum ist für alle Generationen offen. Für die Jugend – sie­he Gestaltungsraum Traisen – und die Senioren. Eine seit Jahrzehnten aktive Künstlerin, Topsy Küppers, internationaler Star und legendäre Gründerin der Freien Bühne Wieden, setzt sich neben ihrem humanen Engagement auch für die Seniorenkultur ein. Sie erhielt im übrigen erst kürzlich vom Bundespräsidenten das Große Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst verliehen. Namens des NÖ Kulturforums nahm NR Ewald Sacher an der Feier teil und gratulierte der Künstlerin persönlich. Topsy Küppers, die sozialkritisch unbeirrt Engagierte und unermüdlich Tätige, und das NÖ Kulturforum verbindet eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Im Haydn-Jahr stieß sie mit ihrem musikalischen Programm „Liebe und Leiden beim Haydn“, begleitet vom Pianisten Christos Marantos, beim Publikum auf großes Interesse. Nunmehr präsentiert sie ihr Buch „Wenn dein Leben trist ist, erleuchte es mit Humor! Erlebtes – Erhörtes – Erdachtes“ in Lesungen, die vom NÖ Kulturforum in Zusammenarbeit mit der Volkshilfe NÖ organisiert werden. Auftakt war kürzlich in Wr. Neudorf, wo eine große Zahl an Seniorinnen und Senioren den humorvollen Lebenserinnerungen der Künstlerin folgten.

Ewald Sacher, Topsy Küppers und Richard Watzko (Volkshilfe Wr. Neudorf) beim Auftakt zur Serie von Lesungen der bekannten Künstlerin für SeniorInnen.

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NÖ Kulturforum fördert Gestaltungsraum Traisen

MAKE SOME THING Bilder, Musik und Begegnungen

I

n Traisen brauchen viele Jugendliche besondere Aufmerksamkeit. Der Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist im 4000-Seelen-Arbeiterort Traisen besonders hoch. Soziale Spannungen sind spürbar. Im Kleinen zeigt sich hier das momentan weltweit in vielen Regionen eskalierende Problem: Sozial benachteiligte Menschen haben in unserer Demokratie keine Ausdrucksmöglichkeiten – unsere Gesellschaft stellt diese nicht zur Verfügung. Diese Situation zeigt sich als Pulverfass, das schon zu explodieren begonnen hat.“ So beschreibt Mag. art Marianne Plaimer in einem Essay den Hintergrund, vor dem sie seit längerem in Traisen Projekte mit Jugendlichen gestaltet, um dieses „Explodieren des Pulverfasses“ zu verhindern. Der Gestaltungsraum Traisen wird zum Symbol für dringend notwendige Integrationsarbeit. „Das ist ganz im Sinne des Leitbildes des NÖ Kulturforums, das daher seit mehreren Jahren dieses Projekt in Traisen fördert“, betont NR Ewald Sacher, Obmann des NÖ Kulturforums. Die in Traisen durchgeführten Projekte verstehen sich als vorsichtiger Versuch, im kleinen geschützten Raum funktionierende Basisdemokratie exemplarisch zu inszenieren. Im Rahmen eines künstlerischen Vorhabens werden alle relevanten Entscheidungen von den Betroffenen selbst durch ihre unmittelbare Beteiligung abgestimmt. Seit vergangenem Jahr wird im Gestaltungsraum Traisen gearbeitet. Er ist die künstlerische Aktivität in einem schon lange leerstehenden und zum Abbruch vorgesehen Haus mitten im Ortskern der Industriegemeinde. Bürgermeister LAbg. Herbert Thumpser und seine Kulturreferentin Heidi Edelmaier haben dieses Objekt für dieses Projekt zur Nutzung vorgeschlagen. Im Oktober fand das Abschlussfest des diesjährigen Kunstprojekts MAKE SOME THING im Gestaltungsraum Traisen statt. „Mach ein Ding“ war die direkte Aufforderung, welche diesen Sommer an die Bevölkerung gerichtet wurde und zur Beteiligung animierte. Zahlreiche Jugendliche und Erwachsene nahmen dieses Angebot an. Das Endprodukt ist eine beeindruckende, farbintensive Installation, die durch die Verschiedenheit und starke Symbolik der Einzelbilder ein aussagekräftiges Gesamtkunstwerk ergibt. „Die sozialpolitische Dimension dieser Arbeit ist besonders hervorzustreichen“, bewertete Prof. Gotthard Fellerer namens des NÖ Kulturforums das Ergebnis.


KULTURFORUM

Kulturforum

für Schulen & Kunsterzieher Das NÖ Kulturforum hat schon immer Schulen, KunstpädagogInnen und die Jugend als Partner in Bezug auf Kulturvermittlung gesehen. Zahlreiche Projekte wurden mit Bildungseinrichtungen gemeinsam durchgeführt. Publikationen, Broschüren – etwa der „NÖ Kunstproviant“, eine Sammlung von Biografien zeitgenössischer niederösterreichischer KünstlerInnen – stehen den Schulen als Lernmaterialien für die Kunsterziehung zur Verfügung. Ausstellungsserien werden den NÖ Schulen kostenlos angeboten. Nunmehr geht das NÖ Kulturforum einen Schritt weiter: Es begründet Schulpartnerschaften, in deren Rahmen Projektkooperationen stattfinden. Die erste Partnerschule ist die Neue Mittelschule Wr. Neustadt unter Direktorin Gabi Puschnig. Der Initiator vieler Projekte des Kulturforums, Prof. Gotthard Fellerer, und Johannes Winkler, Lehrer an der NMS Wr. Neustadt, sind die Väter dieser Innovation. Zum Auftakt der Partnerschaft wird ab 9.12. in der NMS Wr. Neustadt die Fotoausstellung des Kulturforums „Roma in Mitteleuropa“, gestaltet von Ulrich Gansert, für mehrere Wochen gezeigt. Weitere Schulpartnerschaften werden angepeilt. So besteht z. B. schon eine Zusammenarbeit mit dem BRG Krems-Ringstraße beim alljährlichen Adventkalenderprojekt, das auch heuer wieder vom NÖ Kulturforum gefördert wird, woraus sich eine weitergehende Partnerschaft entwickeln könnte.

StR Wolfgang Chaloupek, Wolfgang Peranek, NR Ewald Sacher, GR Heinz Kubinecz, Michael Lurger, Vbgm. Reinhard Resch, Florian Stöger (Obmannstellvertreter der Winzergenossenschaft Krems) bei der Vernissage in der Sandgrube 13

Wein & Kunst in Krems

WOLFGANG PERANEK & MICHAEL LURGER Wein & Kunst in Krems – das sind Selbstläufer. Da muss man nicht erst lange rufen, dass Publikum kommt. Insbesondere dann, wenn der Kremser Wolfgang Peranek zu seiner Kalenderpräsentation in die Sandgrube 13, dem Sitz der Winzer Krems, einlädt. Anfang November präsentierte er im stimmungsvollen Hof die Originale seiner Federzeichnungen, die sich im Wachaukalender 2012 wiederfinden. Nach alten Wachaufotos und -bildern, aus der Zeit der Jahrhundertwende, bringt der Kremser seine herrlichen Federzeichnungen zu Papier. Ihm zur Seite präsentierte sich Michael Lurger, der mit seinen Steinskulpturen ebenfalls kein Unbekannter mehr ist. Kulturforum-Obmann NR Ewald Sacher eröffnete die Ausstellung und stellte die Künstler vor. Die Besucher waren begeistert.

Ist Volkskultur die Kultur der Rechten? NR Ewald Sacher Vor kurzem wurde im Nationalrat des Budget 2012 beschlossen. Es ist geprägt von den Sparmaßnahmen in Folge der aktuellen Finanzund Schuldenkrise. Fast alle Ressorts des Staatshaushaltes sind davon betroffen und müssen Einsparungen vornehmen. Einer der wenigen Bereiche, die davon ausgenommen sind – man höre und staune! – ist das Kulturressort. Die Tatsache, dass es gleich viel Budget wie im Vorjahr erhält, ist unter den gegebenen Umständen ja direkt ein Plus. Als Mitglied des Kulturausschusses könnte ich jetzt mehrere besondere Schwerpunkte nennen, die von BM Claudia Schmied gesetzt werden, etwa den der Nachwuchsförderung junger Künstlerinnen und Künstler, die Filmförderung, die zeitgenössische Kunst u.a. In einem Bereich wurden zuletzt sogar die Mittel erhöht, in dem man es nach landläufiger Meinung einer sozialdemokratischen Kulturministerin nicht zugetraut hätte: Der Volkskultur. Mit einer Aufstockung der Mittel werden die Arbeit der Dachverbände wie Chor- und Blasmusikverbände, Laientheater, Fortbildungsseminare, Kulturaustauschprojekte u.v.a.m. gefördert. Die tausenden, fast immer ehrenamtlichen Vollskulturschaffenden, MusikantInnen, SängerInnen bilden die Basis, auf der künftige Künstlerinnen und Künstler heranwachsen, die den Ruf Österreichs als Musikund Kulturland auch in Zukunft sichern. Ist denn Volkskultur nicht die Kultur der Rechten? „Wir sind die einzige Partei, die sich für Volkskultur einsetzt“, tönte die Kultursprecherin der FPÖ. Allein, liebe Dame, das stimmt nicht! Die Rechten haben in keiner Weise einen Alleinvertretungsanspruch, ganz im Gegenteil! Ja, die Rechten haben in der Geschichte leider allzu oft die Volkskultur für sich politisch-ideologisch vereinnahmt und missbraucht. Umso mehr ist es ein dringend notwendiges und wohltuendes Signal, das die SPÖ-Kulturministerin setzt: Die Sozialdemokratie tritt für eine offene Volkskultur ein, einen zeitgemäßen Heimatbegriff, einen offenen Zugang zu Tradition und Brauchtum, anders als die Rechten, aber mit größtem Verständnis und Toleranz gegenüber Minderheiten, Volksgruppen, MigrantInnen und fremden Kulturen. Insoferne versteht sich das NÖ Kulturforum auch als Teil dieser Volkskultur.

MFG 12.11

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SHORTCUT SZENE

Cocktail de luxe!

Rosa „Werd du erst mal so alt wie ich und schau dabei so jung aus wie ich!“ knallte mir Freundin B. um die Ohren! „Ah ja, was ist denn so dein Grundgeheimnis, dein Jungbrunnen? Dein Schönheitschirurg, die Geldtasche deines 1A-Ehemanns oder Alkohol? Konserviert bekanntlich auch!“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. „Rosa, du bist unfair!“ Ja, ist schon klar. Rosa ist unfair und Rosa muss verdammt noch mal zugeben, dass B. verdammt noch mal unverschämt gut aussieht für ihr Alter. „Na los, sag schon. Woran liegts? Gute Gene, kein Essen nach 14 Uhr, Achterbahnfahrten jeden zweiten Tag, die dir wie von selbst die Falten nach hinten wegglätten?“ Doch B. konnte anders, wenn sie wollte. Und B. wollte. „Sex mit jüngeren Männern und – ach ja – ich habe uns für den nächsten Ayurveda-Kochkurs in der Volkshochschule eingetragen. Wenn du dich schon nicht durch Sex jung hältst, sollst du zumindest etwas für deine innere Ausgeglichenheit tun. Und Essen zeigt bei dir bekanntlich immer einen Effekt – wie man sieht!“ Rosa im ayurvedischen Kochkurs, zwischen körperlich und geistig Erleuchteten, die Essen als heilende Kraft sehen und Kochen als Meditation? Geht nicht. Geht gar nicht. „Können wir uns nicht auf die zweite Variante einigen. Sex mit jüngeren Männern hört sich für mich schmackhafter an, als Kochen nach Farben!“ Wenn schon kochen, dann bevorzugt Rosa diesen phänomenalen Cocktail aus Hormonen, der dir Schmetterlinge in den Bauch zaubert, die Knie vor Lust butterweich macht und Adrenalin als Aufputschmittel gratis mit aufs Tablett bringt. Dieser Cocktail macht verdammt süchtig. Und manchmal sind biochemische Abläufe eben doch mehr als nur trockene ChemieTheorie.

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Habemus Club 3! „Wir haben einen neuen Saal!“, jubeln aktuell die Macher von Cinema Paradiso in Analogie zum ersten Film, der dort gezeigt wird: „Habemus Papam“. Club 3 nennen sie das multifunktionale „Wunderding“, das ab Dezember neben cineastischer Versorgung vor allem auch für Live Veranstaltungen zur Verfügung steht. Jedes Wochenende werden Konzerte und DJ-Lines mit regionalen und internationalen Künstlern über die Bühne gehen, gestartet wird von 7.-10. Dezember mit einem großen Eröffnungs-Fest. Weniger groß ist die Freude diesbezüglich bei diversen privaten Veranstaltern kleinerer Club-Gigs und Konzerte, die nunmehr eine übermäßige Konkurrenz sowie Wettbewerbsverzerrung durch den subventionierten „Kinobetrieb“ befürchten. Den Konsumenten freilich wird’s egal sein – sie dürfen ab sofort aus einem größeren Gesamtangebot schöpfen. Ohne großen Tamtam hat übrigens auch das Hollywood Megaplex Kino auf eigene Kosten aufgerüstet, wobei auch hier die Zahl 3 Programm ist. So hat man im Bereich der ehemaligen Discothek drei neue Kinosäle gebaut.

citySUPAcard – Vorhang auf! Kurz vor der sommerlichen GR-Wahl wurde auf der To-Do-Liste des St. Pöltner Jugendkoordinators Wolfgang Matzl ein Punkt abgehakt. Schon vor Jahren stellte der Jugendentwicklungsplan „limelight“ fest: Eine Jugendkarte mit zahlreichen Benefits und Ermäßigungen muss her! Neben nächtlicher

Mobilität (Anrufsammeltaxi „Sternschnuppe“ um 3 Euro) soll die Karte laufend neue Vorteile bringen. Matzl: „Kurz nach dem Start wollte die Sparkasse mitmachen. Das freut mich gewaltig, weil es ein Musterbeispiel für eine funktionierende Public-PrivatePartnership ist.“ Neben Ermäßigungen und Gewinnspielen folgt irgendwann auch ein Eventkalender. Seit der Ankündigung im Juli wurde hinter den Kulissen gewerkt, nun tritt die Karte (farblich ans Layout der Sparkasse angepasst) vor den Vorhang – aber ohne Schnellschuss, sagt Matzl: „Wir betreuen die ‚citySUPAcard‘ neben unseren regulären Jobs, darum geht nichts von heute auf morgen. Der Markenaufbau braucht eben etwas Zeit.“


Text: ANNE-SOPHIE SETTELE | Fotos: ZVG

10 JAHRE MELTING POT

Das zehnjährige Jubiläum des legendären Melting Pot am 17. Dezember im VAZ hält heuer für jung und alt besondere Specials bereit. Neben den zahlreichen Nachwuchskünstlern hat sich mit den "Vamummtn" ein echter Topact Live on Stage angesagt. Reidling hat es beruflich zwar nach Wien verschlagen, „den Kontakt zur St. Pöltner Szene haben wir aber nie verloren!“ Auf einer von vielen Partys, wo die beiden auflegten, ist die Idee zur Melting Pot-Teilnahme entstanden. Zur Jubiläumsparty möchten Frank und Martina versuchen den Begriff Indie/Alternative etwas ad absurdum zu führen und verkünden: „Vielen Dank an alle Voter. Wir werden es krachen lassen!“ P/f/oser vs. T-ohm | DJs Beats & Reggae

D

urch Mixtapes, YouTube und Myspace haben sich "Die Vamummtn" eine sensationelle Fanschar in Österreich aufgebaut. Ende September erschien ihr neues Album "Rap is (k)a Ponyhof". Am 17. Dezember werden Ansa, Zwara und Dreia für provokante Überraschungen sorgen. Alle ab 20 erwartet heuer in der bewährten Senior Lounge ein Neue-Deutsche-Welle-Special. Aber was wäre ein Melting Pot ohne die eigentlichen Stars des Abends?

Seit ca. einem Jahr legen der 19-jährige Maximilian Pfoser und der 17-jährige Thomas Nagl gemeinsam auf. „Unsere Zusammenarbeit startete eigentlich als Scherzidee, aber aus Spaß wurde Ernst, da wir uns schnell einen Namen machten und in mehreren St. Pöltner Lokalen einheizten“, so die beiden Schüler aus St. Pölten. Ihr Musikstil umfasst feine Electro Beats gemischt mit House. „Wir freuen uns natürlich riesig auf unseren Auftritt und versprechen für beste Stimmung zu sorgen!“ White Light | Visuals

And the Melting Pot Crown goes to… 82 Gruppen, 184

Künstler in vier Kategorien stellten sich heuer dem Melting Pot-Voting. Das Publikum hat entschieden – nun stehen die Gewinner fest: The Crocked | Band

Hinter dem Namen stecken fünf junge Musiker aus dem Bezirk Korneuburg. Sie selbst bezeichnen sich als „eine, oder besser DIE Newcomerband aus Niederösterreich.“ Mit feuriger Rockmusik, aber auch dem ein oder anderen ruhigen Song wollen sie den Besuchern am 17. Dezember einheizen. „Wir belästigen unser Publikum gerne mit Ohrwürmern, bringen die Fans zum Tanzen und sorgen einfach für eine geile Stimmung. Den Auftritt beim Melting Pot 2011 sehen wir als eine Riesenchance auch mal St. Pölten zu rocken.“ DJ Frank.K & DJane Martina | DJs Alternative

„Melting Pot, wir kommen!“ lautet der Schlachtruf von DJ Frank.K und DJane Martina. „Wer uns noch nicht kennt, der darf gespannt sein.“ Die zwei Mittzwanziger aus Sitzenberg-

Der 18-jährige Konrad Rozana ist ein Newcomer unter den VJs und will in der Clubszene so richtig durchstarten. Am Melting Pot möchte er die Musik der DJs mit seinen Animationen und Visuals mitgestalten, um die Atmosphäre noch berauschender und einmaliger zu machen. „Ich freue mich sehr, dass ich das Voting in der Kategorie gewonnen habe und kann das Event am 17. Dezember gar nicht mehr erwarten“, so Konrad.

Qualifizierte Teilnehmer beim MELTING POT X LIVE BAND 1. The Crocked | 2. Lily@theFields | 3. She and the Junkies ALTERNATIVE DJ 1. DJ Frank.K und DJane Martina | 2. Funky Brothers 3. Bruckmüller-Endl-Zellhofer-Weissenböck-Ensemble BEATS & REGGAE DJ 1. P/f/oser vs. T-ohm | 2. James Illusion | 3. WoooW Crashers 4. NeonBible | 5. DJ Enrique Perez VISUALS 1. White Light | 2. Cinema Paradisco Die restlichen Platzierungen findet ihr ab 5. Dezember auf www.meltingpot.at

MFG 12.11

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MFG SZENE

Dein neues Album ist, wie du selbst sagst, sehr persönlich geraten. Inwiefern?

Ich habe mich lange mit dem Album beschäftigt! Der erste Song enstand bereits 2008, der letzte im Juni dieses Jahres. Alle Lieder drehen sich um Geschichten, die mir selbst oder rund um mich in dieser Zeit passiert sind und mich persönlich betroffen haben. So geht es etwa um Trennungen, Erkrankungen, Kündigungen, aber auch um das oft Positive dahinter – die Unterstützung durch Freunde, Familie, und wie Menschen mit solchen Schicksalsschlägen umgehen.

Ben Martin

Ben Martin, einer der wohl umtriebigsten Musiker St. Pöltens, hat ein neues Album veröffentlicht. Außerdem fungiert er neuerdings als Programmchef des „frei:raum“ und setzt damit in Sachen Jugendkulturförderung eine Duftmarke. Grund genug, zum Gespräch zu bitten.

„Persönlich“ ist aber auch die Produktion an sich, die in sehr intimem Rahmen entstand.

Stimmt. Ich habe das Album mit einem kleinen Ensemble, das aus Musikern aus dem Jazz- und IndieBereich bestand, in der Musikschule St. Pölten eingespielt, jenem Ort, an dem ich vor mittlerweile 25 Jahren das erste Mal vor Publikum aufgetreten bin! Wir haben das Album innerhalb von zwei Tagen aufgenommen, danach ist es über ein Jahr gelegen, weil ich nicht zufrieden damit war. Erst nach mehrmaligem Überarbeiten war es geeignet für die Veröffentlichung! Veröffentlichen, vor allem auch Verkauf und Vertrieb sind ja so eine Sache. Welchen Weg gehst du?

„Für mich liegt die Zukunft des frei:raums ganz klar in der Förderung von Jungbands und Subkulturen.“ 62

Ich habe ein eigenes Label, über welches das Album veröffentlicht wurde. Ich denke, man muss gerade in der heutigen Zeit allen modernen Strömungen offen gegenüber stehen, darum wurde das Album erstmals auch nur digital veröffentlicht! Auf der anderen Seite habe ich jedoch gemerkt, dass Leute doch gerne etwas in der Hand haben. Daher gibt es in limitierter Auflage auf Konzerten und über meine Homepage auch CDs zu kaufen. Das Besondere daran: Das Cover der CDs gestalte und bedrucke ich selbst. So ist jede CD etwas Besonderes. Das schätzen die Leute!

Seit kurzem hast du sozusagen auch eine Managementaufgabe übernommen, zeichnest für die Programmierung und das Booking im frei:raum verantwortlich.

Richtig, diesbezüglich bin ich Ansprechpartner für das Team sowie die Stadt St. Pölten. Unterstützt werde ich dabei von Sandra Waltenhofer, welche die Routinearbeiten übernimmt! Ich freue mich sehr über diese Möglichkeit! Wie sieht dein Ansatz aus?

Für mich liegt die Zukunft des Frei. Raums ganz klar in der Förderung von Jungbands und Subkulturen. Junge Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, Veranstaltungen zu organisieren, ohne großes finanzielles Risiko eingehen zu müssen. Hier steht das Frei. Raum Team gerne mit Rat und Tat zur Seite. Außerdem möchte ich mehr in Richtung Workshops und Coaching für junge Künstler und Veranstalter gehen. Meine Vision ist, junge engagierte Leute mit den „alten Hasen“ des Business zusammenzubringen und eine Basis für Erfahrungsaustausch sowie gegenseitige Inspiration zu schaffen! Das Miteinander scheint dir sehr wichtig. Wie möchtest du den frei:raum gegenüber anderen, nicht subventionierten Einrichtungen aufstellen?

Ich möchte auch hier weg vom Konkurrenzverhältnis hin zu einem Miteinander. Ich habe sehr gute Kontakte mit den Betreiber anderer Häuser und für mich wäre es wünschenswert, wenn man sich z. B einmal im Monat trifft, um sich bei Programmierung etc. abzustimmen, damit man sich ergänzt und nicht miteinander konkurriert. Ich sehe den frei:raum auch eher passend für die Abdeckung von Nischengruppen und für die Durchführung von Veranstaltungen, welche sonst nirgends hinpassen. Natürlich hat das Haus das Potenzial, auch kommerziellere, größere Konzerte zu veranstalten, aber das betrachte ich nicht als unsere Hauptaufgabe!


Text: Ruth Riel | Fotos: CHRISTOPH HAIDERER

Website

www.benmartin.at

MFG 12.11

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MFG ADVERTORIAL

Eine Villa zum

Gruseln Medientechnik-StudentInnen der Fachhochschule St. Pölten drehten ihren ersten Psychothriller. Zehn Minuten lang erleben die ZuseherInnen Schockmomente und böse Überraschungen. Schaurige Story Tim möchte seine Freundin Hannah überraschen. Geplant hat er einen besonderen Abend in einer noblen Villa mit einem romantischen Picknick. Ein harmonischer Abend im Kerzenlicht – alles scheint perfekt zu sein, bis Hannah einen Zeitungsartikel findet und anfängt Fragen zu stellen. Was so romantisch begonnen hat, endet mit Grauen und einer überaus bösen Überraschung. „Die unheimliche Atmosphäre sowie die plötzlichen Wendungen führen die Zuschauerinnen und Zuschauer für gut zehn Minuten in eine spannungsgeladene Welt und sorgen dabei für den einen oder anderen Schockmoment“, ist Regisseur Roland Holzer zufrieden mit dem Endprodukt. Der Kurzfilm „Die Villa“ entstand im Freifach „Spielfilm“ im Studiengang Medientechnik an der FH St. Pölten. Aus der Vorgabe, einige wenige Szenen zu drehen, entwickelte sich schlussendlich ein kompletter Psychothriller. 64

Das Projekt Ein 20-köpfiges Team, bestehend aus elf MedientechnikStudierenden der FH St. Pölten sowie neun freiwilligen HelferInnen, hat es in sechs monatiger Arbeit geschafft, einen Film auf hohem Niveau zu drehen. In einer vier monatigen Vorbereitungsphase wurde das Drehbuch verfasst, Storyboards gezeichnet, Schauspieler gecastet, Kameras getestet, ein passender Drehort und Sponsoren gesucht. Ein kompletter LKW voll Equipment wurde zum Drehort gefahren, die Ausleuchtung des Sets optimiert und die Verpflegung des kompletten Teams mittels Caterings sichergestellt. „Die passende Villa wurde durch einen überaus glücklichen Zufall im Zuge des Castings gefunden. Eine CastingTeilnehmerin unterbreitete uns das Angebot, ihre Villa in der Nähe von Wien kostenlos für den Dreh des Films nutzen zu können. Die Nachbarn bewiesen Toleranz, starke Nerven und Verständnis bezüglich der nächtlichen Dreharbeiten und dem damit verbundenen Lärmpegel“, dankt Regisseur Roland Holzer.


FH ST. PÖLTEN

Das Making Of gibt es auf: www.visualaddiction.at/filmprojektvilla

Drei anstrengende und lange Drehnächte im August zeigten den Studierenden, wie aufwendig ein Filmdreh sein kann. Mit dem Aufbau und den Vorbereitungen wurde täglich gegen 17 Uhr begonnen. Aufgrund des frühen Sonnenaufgangs endete dieser meist um 4.30 Uhr. „Wir waren total aus dem Rhythmus“, so der Regisseur. Schlafmangel, unregelmäßiges Essen und übermäßige Koffeinzufuhr stellten die Schattenseiten des Projekts dar. Um Kosten und Zeit zu sparen, wurde nicht in chronologischer Reihenfolge gedreht. Die Postproduktion wurde planmäßig Anfang Oktober fertiggestellt. „Wichtig und schwierig dabei war es ‚objektiv zu bleiben‘“, so Roland Holzer. Das Engagement und der tatkräftige Einsatz des Filmteams wurden belohnt: Ende Oktober war Filmpre­ miere im Wiener Schikaneder Kino und Mitte November im St. Pöltner Cinema Paradiso. Unterstützung Die Fachhochschule St. Pölten unterstützte die Studierenden und stand diesen mit Rat und Tat zur Seite, ebenso stellte sie auch einen Teil des Equipments zur Verfügung. Die beiden FH-Lektoren Prof. Mag. Kurt Brazda und Bernhard Schärfl begleiteten das Team weit über das Freifach „Spielfilm“ hinaus. Da ein Filmdreh diverse Risiken mit sich bringt, wurde für die Drehzeit eine Versicherung abgeschlossen. Auch das Land Niederösterreich, WEBSERVICESunited und die Pension Iris konnten zur Freude der Studierenden als Sponsoren gewonnen werden. Eingereicht wurde „Die Villa“ unter anderem bei: Athens International Short Film Festival, Bamberger Kurfilmtage, Diagonale, Go Short, Internationale Hofer Filmtage, International Random Film Festival, Regensburger Kurzfilmwoche, Sehsüchte und SSF London. Auch beim „shortfilmdepot“ soll „Die Villa“ hinterlegt werden, um noch weitere Film-Festivals zu erreichen. MFG 12.11

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ADVENTSKALENDER

MFG – DAS MAGAZIN

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1

2

3

4

5

Die Sonne

SOS Kinderdorf

Waris Dirie Foundation

Tagesheimstätte

Caritas St. Pölten

100 354 470

50333903555

0000052050

76000

Ktnr

00510061977 BLZ

60000

6

Neustart Bewährungshilfe

Ktnr BLZ

16000

7

Die Möwe Ktnr

Ktnr

104100400

BLZ

31000

11

Club 81 St. Pölten

90101500

0000051110 BLZ

20256

16

Tierschutz verein St. Pölten Ktnr

0000024208

BLZ

Ktnr

Ktnr

BLZ

BLZ

12000

20256

32585

8

9

10

Ambulatorium Sonnenschein

Care

St. Anna Kinderkrebsforschung

1236000

BLZ

60000

6101244441

BLZ

32585

12

13

14

Aids Hilfe

Verein Ute Bock

Krebshilfe NÖ

BLZ

7527933 60000

Ktnr

240115606/00 BLZ

12000

17

Rettet das Kind Ktnr

1700000 BLZ

Ktnr

52011017499 BLZ

57000

18

Angehörige Drogenabhängiger

BLZ

15

Ktnr

Verein Tibethilfe für Tashi Jong

BLZ

40931

3255600590

Ktnr

53000

BLZ

32585

19

20

Emmaus Gemeinschaft

Hilfswerk Ktnr

Ktnr

6100082784

BLZ

32000

Ktnr

0000038570

BLZ

20256

50554518001

Ktnr

Ktnr

Ktnr

60000

Ktnr

Ktnr

BLZ

BLZ

60000

21

22

23

24

Rote Nasen

NÖ Volkshilfe

Happy Kids

MFG Magazin

90990900

90175000

92101010

01600601700

20256

Ktnr BLZ

60000

Ktnr BLZ

60000

12000

Ktnr BLZ

60000

Ktnr BLZ

20256


:

Open House

4.2012

Freitag 27.0

Gestalte dich selbst! Die NDU fördert die eigenständige Entwicklung ihrer Studierenden durch persönliche, individuelle Betreuung. www.ndu.ac.at

Massenbetrieb ist out – Individuelle Betreuung ist in! Überzeuge dich selbst. Die NDU ist einzigartig in ihrem Bildungsangebot: Foundation Course, Bachelorstudien: Innenarchitektur & 3D-Gestaltung, Grafikdesign & mediale Gestaltung, Event Engineering. Masterstudien: Innovations- & Gestaltungsprozesse, Innenarchitektur & 3D-Gestaltung.

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Die New Design University ist eine Studieninitiative der Wirtschaftskammer NÖ und ihrem WIFI.

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MFG ADVERTORIAL

WAREHOUSE DEZEMBER Die Weihnachtszeit rückt immer näher und mit ihr auch die große und ganz sicher nicht besinnliche Feierzeit im Warehouse.

COTTAGECLUB

Brazil Edition am Freitag, den 9. Dezember Dieser CottageClub wird trotz des winterlichen Termins richtig heiß werden, denn geballte Beats gibt’s von MICHAEL KUTALEK (Resident des Pacha in Rio, Brazil), DJ OLIVAREZ und Resident LITTLEJOHN. Mehr als Hot wird aber auch die Lifeshow von und mit HERRN TISCHBEIN.

BEATPATROL WINTER EDTION am Mittwoch, den 07. Dezember

Frieren wird man bestimmt nicht auf der diesjährigen Beatpatrol Winter Edition, denn das Line-Up lässt nahezu keine Wünsche mehr offen. ED RUSH (UK), TC (UK), MC COPPA (UK) am Drum&Bass Floor mit Unterstützung von Xpirienz sowie Pres:sure & Eits; FRITTENBUDE DJ-Set by KALIPO (GER), iPUNK, Lazy Jerks und Richard Rise am Electro Floor; DSOPA (GER), ILSE (GER) und DICA (GER) sowie Lagun und Marcato am Psytrance Floor – Party on!

VIERMALVIER

mit MARKUS KAVKA am Freitag, den 16. Dezember Der Name ist Programm, denn wer kennt den ehemaligen MTV Moderator MARKUS KAVKA nicht? „Musik ist sein Leben“ und damit ist er beim ViermalVier Publikum schon einmal gut aufgehoben – feinster Sound bis in die frühen Morgenstunden.

PROGRAMM 02.12. 03.12. 07.12. 09.12. 10.12. 15.12. 16.12. 17.12. 23.12. 25.12. 29.12. 30.12. 31.12.

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Electronic Night – FREE ENTRY SUMMER SUCKS Winter Season Opening BEATPATROL WINTER EDTION COTTAGECLUB – Special HERR TISCHBEIN Crazy DJ Night NDU – Christmas Party ViermalVier – MARKUS KAVKA MELTING POT X plus: DIE VAMUMMTN - Live Capital City Christmas Club SEVEN X-MAS SPECIAL Electronic Night – FREE ENTRY Weil ich ein Mädchen bin… SILVESTER SPLASH  


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MFG SPORT

Text: Ruth Riel | Foto: Simon Höllerschmid

Dekathlon Die Härtesten unter der Sonne Juli 2010, Minigolf-Platz Wilhelmsburg, ein paar Sommerspritzer. Vier ehrgeizige junge Männer sitzen an einem Tisch und diskutieren angeregt über die verschiedensten Sportarten. Jeder hat so seine Stärken, aber wer ist wohl der beste Allrounder? Über die Entstehung des Dekathlon.

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ie Stimmung schaukelt sich hoch, so dass man schließlich einen Entschluss fasst: Man möchte jeden Monat eine Disziplin durchführen, um den besten sportlichen Allrounder zu eruieren – der Dekathlon, der etwas andere 10-Kampf, war geboren! Welche Kreise dies ziehen würde, konnten die Jungs damals noch gar nicht abschätzen! Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Idee, immer mehr Leute wollten mitmachen. Sogar ein Hauptsponsor klopfte an. „Unseren Grundgedanken eines sportlichen Wettkampfes, der auf Leistungsdruck basiert, konnten wir so nicht mehr umsetzen“, erklärt Walter Riel vom Organisationsteam. Die Sache war sozusagen zu breit geworden. „Wir wollten jetzt den gesellschaftlichen Wert in den Vordergrund rücken und jedem die Möglichkeit geben, teilzunehmen – und auch gewinnen 70

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zu können. Ein Wettbewerb ohne Leistung? Mitnichten, aber einer, in der die Leistung anders definiert wird. Dekathlon – the Social Network Bestes Beispiel hierfür war die

erste Disziplin, ein Ski- bzw. Snowboardriesentorlauf. So galt es nicht die schnellste Zeit ins Ziel zu bringen, sondern die zwei gleichmäßigsten Durchgänge! Ein Konzept, das zog. „Wir hatten innerhalb kürzester Zeit 60 Anmeldungen“, erinnert sich Riel. Das große Teilnehmerfeld stellte das junge Organisationsteam allerdings auch vor organisatorische Probleme: Etwa - wer haftet? „Über solche Sachen hatten wir uns anfangs ja kaum Gedanken gemacht, weil wir dachten, es bleibt eine Wette zwischen Freunden.“ Der sporterprobte Sponsor stand schließlich mit Rat und Tat zur Seite, bereits die erste Veranstaltung wurde

professionell abgewickelt – mit dem Ergebnis, dass der Ansturm auf die weiteren nicht ausblieb. Beim Schnapsen, Uphill-Wandern, Stockschießen, Boccia, Minigolf, Laufen und Luftmatratzenschwimmen konnte man bis jetzt über 100 Personen in der Gesamtwertung zählen! Für den guten Zweck Wichtig ist

den Organisatoren auch der gesellschaftliche und soziale Faktor! So werden nicht nur die Kooperationsvereine vorgestellt, sondern man wird auch die eingesammelten freiwilligen Spenden zu 100 % an ein bedürftiges Kind in Wilhelmsburg weitergeben! Die Vorfreude auf die noch ausstehenden Bewerbe ist jedenfalls groß – auch Das Organisationsteam (v.l.n.r.): Gernot Brauneder, Marcel Höhenberger, Walter Riel, Bernhard Seeböck


Unsere neuen Kinosäle!     

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MFG SPORT

Legendär. Während der gol-

denen VSE-Ära pilgerten über 10.000 Leute auf den Voithplatz, etwa anlässlich der Flutlichtpremiere am 13. 9. 1988 gegen die Wiener Austria. Das Spiel endete 1:1 Unentschieden.

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Text: Thomas Schöpf | Fotos: ZVG, Aus "Die Wölfe" (Helmut Lackinger)

Mythos Voithplatz

Neun Mal wird im kommenden Frühjahr noch am altehrwürdigen Voith-Platz professionell gekickt. Dann übersiedelt der SKN St. Pölten in die neue Arena im Norden der Stadt. Eine Euphorie wie einst der VSE werden diese „Wölfe“ wohl nie entfachen können.

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as auf dem Voith-Platz war, das wird’s nie wieder geben. Darüber sind sich alle einig. Alleine die Spielmacher, die hier waren: Antonin Panenka - Europameister 76 mit der CSSR und weltbekannt durch seinen Elfmeter-Schupfer im Finale – beim VSE St. Pölten in der Regionalliga. Mario Kempes – Weltmeister und WM-Torschützenkönig 1978 in Argentinien, „El Matador“ als Fädenzieher – beim Bundesliga-Aufsteiger VSE. Oder Lajos Detari – einst teuerster Spieler der Welt (1988 zahlte Olympiakos 17 Millionen Mark Ablöse) – beim Zweitdivisionär FCN St. Pölten. Aber auch unzählige andere Kicker schrieben auf der Anlage neben dem Mühlbach Geschichte. Jungspund Ivica Vastic schoss in der Saison 1992/93 gleich 18 Tore für den VSE. Frenkie Schinkels und Leopold Rotter schafften es von hier aus ins Nationalteam unter Teamchef Ernst Happel. Die älteren Fans erinnern sich sicher auch noch gerne an den legendären DreiMann-Sturm, gebildet von Ernst Ogris, Franz Zach und Slobodan Brankovic, der den VSE (mit Kempes als Regisseur und dem beinharten Manndecker-Duo Leopold Rotter und Hans-Peter Frühwirth) zwischenzeitlich an die Spitze der Bundesliga schoss. Die legendäre

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ORF-Sendung „Sport am Montag“ verlegte damals ihr TV-Studio für eine Sendung ins Braustüberl von VSEHauptsponsor Egger, um gemeinsam mit Präsident Helmut Meder, Trainer Thomas Parits, Kempes und „TurboRudi“ Steinbauer das sprichwörtliche Geheimnis des Erfolgs zu lüften. Kult-Kicker Alfred Tatar (in den 80ern u.a. mit halbseitigem Bart und/ oder schwarz lackierten Fingernägeln unterwegs) erinnert sich sehr gut. „23 Jahre ist es her. Mir ist es aber so nah, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als ich gekommen bin, war der VSE Letzter in der zweiten Liga. Beim Training haben ein paar Leute zugeschaut, denen man angesehen hat, dass sie wirklich nichts Besseres zu tun hatten“, sagt Tatar und scherzt, „Mit mir und Kempes kam dann der Erfolg. Halt. Okay. In dem Fall kann man sagen: Mit Kempes und mir kam der Erfolg. Wir hatten auch das beste Publikum, das ich bis heute erlebt habe. Diese Fans sind immer voll zu uns gestanden, auch wenn es nicht gelaufen ist, und das auf so genannten Tribünen, die nicht mehr als aufgeschüttete Steinhaufen waren.“ Jene hatte Meder zu verantworten, der nach dem Meistertitel der 2. Division 1987/1988 binnen kürzester Zeit ein Stadion für die Bundesliga bauen musste. „Am Vormittag vor dem ersten Spiel gegen Rapid, habe ich selbst noch schnell die letzten Steine weggeräumt.“ Dann wurde der regierende Meister aus Wien vom Aufstei-

Wunder VSE. Präsident Helmut Meder (l.) mit Trainer Thommy Parits (4.v.l.), Mario Kempes

(5.v.l.) und Rudi Steinbauer (6.v.l.) zu Gast bei "Sport am Montag" mit Gerhard Zimmer (3.v.l.).

ger aus der „Provinz“ vor 7.000 Besuchern 1:0 (Tor: Kempes) bezwungen. Graben, statt „Affenkäfig“ Für den einzigartigen Graben rund um den Voith-Platz zeichnet sich auch Meder verantwortlich: „Einen Zaun so nah bei der Tribüne wollte ich nicht. Das wäre ja wie bei den Affen.“ Sieben Wochen später war auch das Flutlicht fertig und die „Wölfe“ spielten gegen die Austria vor 10.000 Besuchern 1:1-Unentschieden. „Wir hatten damals fast immer so viele Zuschauer“, erinnert sich Thomas Parits, „weil wir einen attraktiven Fußball gespielt haben. Den spielt der SKN St. Pölten heute zwar auch, aber da kommt kaum wer. Bei uns sind auch zu den Auswärtsspielen tausende Fans mitgefahren, einmal hat der Verein sogar einen Sonderzug nach Innsbruck organisiert. Nach zweieinhalb Jahren aber war ich ausgebrannt, auch weil ich täglich aus Siegendorf gependelt bin, und habe Meder um die Vertragsauflösung gebeten.“ Nach Parits’ Abgang setzte allmählich der mit steigenden Schulden korre-

Kultfans. Alfred Tartar erinnert sich: "Wir hatten das beste

Publikum, das ich bis heute erlebt habe. Diese Fans sind immer voll zu uns gestanden, auch wenn es nicht gelaufen ist, und das auf so genannten Tribünen, die nicht mehr als aufgeschüttete Steinhaufen waren."

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lierende sportliche Abstieg des VSE ein. Dafür fanden vermehrt Eigenbauspieler ihren Weg in die Mannschaft, wie zum Beispiel der waschechte St. Pöltner Hannes Weber Hannes, der den Voith Platz von Kindesbeinen an kannte. „Ich habe gleich neben dem Voithplatz gewohnt, da sind wir als Jungs immer heimlich eingeklettert und haben gekickt – bis uns der Platzwart verstampert hat“, erinnert er sich. Weber war es schließlich auch vorbehalten, am 8. Juni 1994 die letzten Bundesligatore am Voith-Platz zu schießen. Dank seines Doppelpacks siegte VSE St. Pölten gegen Sturm Graz 2:1. Der „Nachfolgeverein“ FCN (Fußballclub Niederösterreich) St. Pölten schaffte es trotz Detari und Co. nie wieder zurück und ging ebenfalls in Konkurs. Nicht ohne vorher noch eine der peinlichsten Geschichten zu schreiben: FLASH. Präsident Franz Hein und sein Vorstand erlagen den Schalmeientönen eines Betrügers, der mit angeblichen Dollar-Millionen aus den USA die St. Pöltner in die Champions League führen wollte. Die Politik jubelte, mit dem deutschen Manager Rolf Rüssmann wurden Baugründe für ein neues Stadion inspiziert und eine lokale Wochenzeitung berichtete auf acht (!) Seiten über künftige Helden-


Mythos Voithplatz

Schwarzweiß

Althea Müller

Stars. Der Voithplatz erlebte einige große Stars, auch als diese noch im Saft standen, etwa Antonin Panenka (oben) oder den besten Legionär, der je in Österreich spielte: Mario Kempes.

taten. Letztlich kickte man dann aber weiter auf dem Voith-Platz, wie seit 2000 der neu gegründete SKN (Sportklub Niederösterreich) St. Pölten, der im Laufe der Jahre von der Landesliga bis in die Erste Liga durchmarschierte. Vornehmlich mit Spielern aus der Akademie, Heimkehrern wie Hannes Weber oder Thomas Nentwich, aber auch einigen tollen Verpflichtungen wie Markus „Magic“ Aigner, dem wieselflinken Sambo Choji oder dem Offensivgespann Heli Prenner und Christoph Knaller, das im März 2005 im Achtelfinale des ÖFB-Cups Austria Salzburg quasi im Alleingang 5:1 abschoss. Die Salzburgfans stürmten den Platz, "Feuer war am Dach", wie – im wahrsten Sinne des Wortes – auch bei einem Legendespiel mit Mario Kempes, "als ein Feuerwerk zu Ehren des Matadors außer Kontrolle geriet", erinnert sich das damalige Vorstandsmitglied Raphael Landthaler. Die Zukunft Neues Feuer soll nun die Übersiedelung ins neue Stadion mit dem etwas sperrigen Namen „Niederösterreich Arena powered by die Niederösterreichische Versicherung“ bringen. Ein Fußballwunder wie beim VSE ist kaum zu erwarten. WM-Torschützenkönig wird für den SKN garantiert

keiner kicken. So tief wird Thomas Müller (Titelträger 2010) nicht sinken und Miroslav Klose (2006) oder Ronaldo (2002) sind jetzt schon älter als Kempes zu Beginn seiner VSE-Zeit. Aus dem aktuellen EuropameisterLand Spanien wurden immerhin schon Daniel Lucas Segovia (3. Liga) und Giovanni Perez Rodriguez (4. Liga) verpflichtet. Panenka kam damals ja auch nur aus der CSSR über Rapid zum VSE, weil es in seiner Heimat nichts zu verdienen gab. SKN-Trainer Martin Scherb – der übrigens 1988 als 19-jähriger Schützenkönig vom SC St. Pölten nach zweiwöchigem Probetraining beim VSE wieder „heimgeschickt“ wurde – rechnet nach der Übersiedelung in die 26 Millionen Euro teure Arena „mit einer zehnprozentigen Leistungssteigerung“ seines Teams, „alleine durch die Infrastruktur und die besseren Trainingsbedingungen.“ Meder begrüßt das Stadion prinzipiell, ist aber skeptisch: „Mit ein bis zwei Millionen Euro hätte man den VoithPlatz ausbauen können. Ich bin neugierig, ob die Leute, die hier herkommen, was trinken und dann heimgehen auch immer wieder in den Norden raus fahren.“ Ab kommender Saison, wenn sich das Kapitel Voith-Platz für immer schließt, werden wir es wissen.

Schwarzweißdenken ist super. Es macht das Leben leichter. Lade auf, Meinung rein, Lade zu. Mund auf, Meinung raus, Mund zu. Ganz simpel. Und ohne Angst oder Anstrengung. Schwarz bleibt schwarz, Weiß bleibt weiß. Man hat immer recht. Der Kreis dagegen, in dem ich mich bewege, ist oft voller Angst, strengt sich täglich enorm an. Nichts ist gegeben, Dinge können sich verformen, manches bleibt, wie es nie war. Sowas macht Mühe. Und die Welt bunt: Man kann reich und trotzdem kein Arschloch sein. Ein hoher Bildungsgrad bedeutet nicht gleich hohe Intelligenz. Es ist möglich, gewisse Bands zu hören und trotzdem kein Prolo/Rechter/ Idiot zu sein. Planlose Menschen sind nicht automatisch unfähig, alte Menschen nicht automatisch langweilig, junge Menschen nicht automatisch dumm. Ideen darf man verwerfen, wenn sie nicht funktionieren, man muss sie aber nicht gleich im Keim ersticken, weil sie sowieso nur wieder Blödsinn sind. Man kann jemanden richtig arg mögen und grad deshalb richtig arg ehrlich zu ihm sein. Man denkt gleichberechtigt, obwohl man immer „man“ schreibt. Und nur weil etwas schon immer so war, muss es nicht für immer so bleiben – und schon gar nicht in Ordnung sein. Jede Sache hat mindestens drei Seiten, wenn nicht fünfzehn. Nein, meine Leute sind keine Schwarzweißdenker, haben keine vorgefertigten Schubladen mit Etiketten dran und denken nicht nur, bevor sie reden, sondern auch unmittelbar danach. Das ist wirklich, wirklich anstrengend. Mühsam. Zeitaufwändig. Und ich bin wirklich, wirklich froh darüber. Schwarzweiß ist sehr einfach. Bunt ist mir lieber.

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MFG KRITIKEN

ZUM HÖREN

Manshee, mikeSnare, Graf Andrássy, Fröhlich, Rob.STP, Höllerschmid (von links nach rechts)

Apparat

The Devils Walk Das neue Album von Apparat „The Devil‘s Walk“ ist nach einem Gedicht des Romantikers Percy Bysshe Shelley benannt und setzt die Segel, um die Küste des heimischen Electrofrickellandes weit hinter sich zu lassen und Kurs auf Befreiung zu nehmen. Für dieses Abenteuer hat Sascha Ring eine neue Band gegründet, in der er selbst einfach nur mehr Sänger und Gitarrist sein muss. Seine Thom-Yorke’schen Heulerfrequenzen setzt er auf fast allen Stücken ein.

Elf

And Bevor ElF... Vor eineinhalb Jahren verstummte eine der ganz großen Stimmen des Heavy Rock/Metal überhaupt: Die von Ronnie James Dio. Vor seinen Starkstrom-Erfolgen mit Black Sabbath, Rainbow oder Dio spielte er in den 60ern und frühen 70ern mit der Band Elf bzw. Elves astreinen Honkytonk-Bluesrock mit federleichtem Hippie-Popfeeling ein, das auch liebliche (!) Balladen nicht ausschloss. Nachzuhören hier. Groovy!

ZUM SCHAUEN

Manshee, Kinga Pietraszewska

Eine dunkle Begierde

GOTYE

Making Mirrors Na endlich. Einen Australier mit belgischen Wurzeln braucht es also schließlich, um uns hierzulande vor dem endgültigen Kippen in die Herbstmelancholie zu bewahren. Das Album, gut zwischen analog und elektronisch geeicht, vereint zehn eigenständige, perfekt geschliffene Pop-Juwelchen, die es darauf abgesehen haben, sich ohne Abschweife sofort im Trommelfell des Hörers einzunisten. Danke sehr.

NERO

Welcome Reality Das Duo, das mit seinem neuartigen Pop-Dubstep Sound das Genre Dubstep vom düsteren Keller in die Mainstream Clubs brachte, legt sein Debut-Album vor. Neben bereits bekannten Hits reicht die Palette von House bis D‘n‘B, manche Tracks erinnern an Justice, andere an Pendulum. Sie sind die nächsten, die übliches Genre-Denken hinter sich lassen, ein Bass Music Album raushauen und damit in den Englischen Pop-Charts ganz vorn vertreten sind!

ZUM SPIELEN Michael Müllner

Roachford addictive

Er geht noch immer runter wie Öl: Andrew Roachford, Ende der 80’er soetwas wie der Erfinder des Soul-Pop-Rock, beherrscht noch immer die Klaviatur des Feelgood-Sounds. „Addictive“ lässt den Faserschmeichler insbesondere bei den Balladen wieder zur Höchstform auflaufen. Wenn Ihnen also jemand Songs wie „I Get High“ oder „Wishing You Knew“ widmen sollte ... der meint es wirklich ernst! Der ideale Sound für kalte Wintertage.

We Are The In Crowd Best Intentions

Seit der ersten EP konnten We Are The In Crowd nochmals eine ganze Ecke zulegen und überzeugen nun als Musiker und Menschen auf voller Länge. “Best Intentions” erschien im Oktober und ist ein wirklich einzigartig, gefühlvolles und einfühlsames erstes Full Length Album der Band aus New York geworden, das merkt man bereits an dem Opener Rumor Mill. Eine sehr empfehlenswerte CD die auf jedenfall gehört werden sollte.

ZUM LESEN

H. Fahrngruber, W. Hintermeier

David Cronenberg

NAUGHTY DOG / SONY

Uncharted 3

Kurt palm

Carl Gustav Jung ist Leiter der psychiatrischen Klinik Burghölzli, und erwartet zusammen mit seiner Frau sein erstes Kind. Sein bisheriges Leben gerät ins Wanken, als sich er und seine Patientin – die schöne Russin Sabina – näher kommen. Um seinen Ruf nicht aufs Spiel zu setzen, wendet er sich von ihr ab. Die junge Frau verspürt währenddessen den Drang, selbst Psychoanalytikerin zu werden …

Wer Lara Croft cool fand, der wird in Nathan Drake seinen neuen, besten Freund finden. Schon in der dritten Auflage steuert man den Abendteurer dieses mal durch Europa und den Nahen Osten auf der Suche nach einer geheimnisvollen Stadt. Den Erfolg des Spiels wird wohl wieder der Mix aus hochentwickeltem Gameplay, kinotauglicher Grafik und packender Story ausmachen. Multiplayer-Spieler erwartet Neues!

Kein Alpen-Krimi, so der Untertitel, und trotzdem führen die vielen Handlungsfäden mit den ständig überraschenden Wendungen zu einem furiosen Showdown in Bad Fucking. Kurt Palm trifft die österreichische Seele tief im Innersten, irgendwie wirken die meisten Charaktere bei genauer Betrachtung gar nicht so sehr überzeichnet. Jetzt auch als Taschenbuch erhältlich.

Der gestiefelte Kater

ZUMBA FITNESS

Anneliese Rohrer

Der wohl berühmteste Kater (Garfield ausgenommen) ist zurück. Diesmal erlebt er sein ganz persönliches Abenteuer, lange bevor er Shrek und Esel kennen lernt! Kater hat die Aufgabe, nämlich seinen Namen rein zu waschen. Aber gelingt ihm das? Er muss Jack & Jill überlisten, was nicht leicht ist, magische Bohnen am richtigen Platz anpflanzen und das alles in einer kurzen Zeit.

Dank Move-Motion-Control & Co. wissen moderne Konsolen, wie sich der Spieler bewegt. Das macht Konsolenspiele für Leute interessant, die sonst keine Games spielen, ein Beispiel ist die erfolgreiche „ZUMBA FITNESS“-Reihe. Egal ob Anfänger oder Profi, der Zumba-Trend macht auch vorm Wohnzimmer nicht halt - und das Einsteigen ist auch für schüchterne Bewegungsmuffel jederzeit möglich, die Ausreden somit hinfällig.

Wutbürgerin Anneliese Rohrer liefert eine scharfsichtige Analyse der politischen Missstände in Österreich, womit sich das Buch in die zahlreichen aktuellen Publikationen zum Thema Politikverdrossenheit einreiht. V.a. ehemalige Politiker und Journalisten schreiben sich ihren Frust und Zorn über unsere erstarrte Politlandschaft von der Seele. Die junge Generation lässt die Politik, mit geballter Faust in der Hose, über sich ergehen.

Chris Miller

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505 GAMES

Bad Fucking

Das Ende des Gehorsams


MFG VERANSTALTUNGEN

HIGHLIGHT VAZ St. Pölten

ANDY LEE LANG GOES COUNTRY Seit mehr als 25 Jahren steht Andy Lee Lang nun auf der Bühne. Gemeinsam mit einigen der besten Musiker der heimischen Country Szene nahm er sein 20. Album „Goes Country“ auf. Auch für seine Live-Show konnte Andy diese hochkarätigen Musiker gewinnen. Mit einer 7-köpfigen Band wird Andy pures „Country Feeling“ auf die Bühne zaubern und eine Zeitreise der Country-Music von den 50er bis in die 90er Jahre 2. Februar 2012 präsentieren.

16. 12. stp rock christmas

19./20. 01.

Es wird wieder eingeheizt im Egon: Die drei „lokalen“ Rockbands – Rooga, J.A.G. und „Austria’s awesomest female-fronted Rock’n’Roll band“ Rocquette – werden mit Special Guest Bernhard „Bernsen“ Högl dafür sorgen. Dazu offizielle Weihnachtsfeier und Geburtstagsparty von Rocquette’s Gitarrist „Mr. TMP“ Thomas M. Perry!

Wenn Alexander Goebel 6 Jahrzehnte aufrollt, von den 50ern bis heute, hat alles seinen Platz: der Zeitgeist, die Gesellschaft, die Mode, die Gefühle, der Schmäh, und vor allem die Musik wie die Schlager der 50er, die Roaring Sixties, 70er-Discofieber, Rock-Klassiker und Goebel-Hits. Erinnern, Lachen, Mitsingen – „Gute Gefühle“ eben.

party

28. 01.

musikcafé Egon

laurie anderson

comedy

03. 02.

gute gefühle

bühne im hof

„Das Geheimnis Des Qi“ ist die neue Show der Shaolin Mönche, die in kräftigen bunten Bildern und Szenen ihre perfekte Meisterschaft in Kung Fu und Qi Gong demonstrieren. Die interaktive Beteiligung des Publikums garantiert den Besuchern ein völlig neues Gefühl für die geheimnisvolle Welt der chinesischen Mönche und ihrer mystischen Kräfte.

konzert

festspielhaus

vaz

13. 04.

ROGER CICERO

Zweieinhalb Jahre nach „Artgerecht“ legt Roger Cicero nun Album Nummer vier vor und bricht damit das mittlerweile zu eng gewordene Swing-Korsett auf. Der elegante Sound der 50er bot nur Spielfläche für einen kleinen Teil seiner stimmlichen Möglichkeiten, jetzt geht er einen Schritt weiter. Man darf sich also auf den Zwischenstop im April freuen! konzert

wiener Stadthalle

26. 04.

STEFANIE WERGER

Nach all den negativ behafteten Begriffen, Krisen, politischen Kellerfahrten, globalen und alltäglichen Katastrophen, die uns in letzter Zeit zugesetzt haben, verspricht die kultige Steirerin mit der rauchigen Stimme, begleitet von zwei MusikerInnen, in ihrem neuen Musik- und Kabarettprogramm „Alles wird gut!“ endlich konstruktive Lösungen anzubieten. SHOW

wiener virtuosen

„Lang, lang ist’s her …“ – so das Motto des kommenden Faschings­konzertes der Wiener Virtuosen. Jeder hat dazu wohl seine eigenen Assoziationen. Also können wir gespannt sein, worauf sich das neue humoristische Erfolgsprogramm nun wirklich beziehen wird. Höchste Musizierqualität trifft Lust am Verkleiden – Jahr für Jahr ein Ereignis für sich. konzert

stadtsäle

28. 01.

einsame menschen

Einsame Menschen, entstanden 1890, ist ein frühes Werk von Gerhart Hauptmann. Realer Hintergrund ist ein Konflikt, der sich in Hauptmanns Familie abspielte. In die Figur der Käthe sind viele Züge von Hauptmanns Ehefrau, Marie Thienemann, eingegangen. Mit Pauline Knof und Christian Nickel. Premiere am 28. Jänner 2012, Großes Haus. landestheater

theater

shaolin mönche

Laurie Anderson ist ein Solitär. Schwierig ist es jedoch, ihre Musik, die vielfach „elektronisch“ genannt wird, zu beschreiben. Tatsächlich entzieht sie sich sämtlichen konventionellen Schubladen. Ja, selbst mit der Zuweisung „Musik“ befindet man sich bereits auf dem Holz-, oder zumindest auf einem Nebenweg eines Labyrinths künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten.

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Reich(l)ebners Panoptikum

SURFIN‘ KRISE. Während manche auf der Welle reiten, sind sich die Politker der Welt nach wie vor uneins, mit welchen Mitteln sie einen völligen Dammbruch verhindern sollen. An ein Surfverbot hat – noch – keiner gedacht ... 78


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