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B I B LI O P H I LE J U B I LĂ„U M SAU S GAB E M IT G I M M I C K zeitschrift mit texten / 4.0 / winter 00/01 / kostenlos


go to *

and you will see why 2000 has not been like 2000.

*ab 25.1.2001 mehr informationen unter: info@augenbluten.de


herzlich willkommen zur rockstar-jubiläumsausgabe! Das vierte metastabil in gerade mal eineinhalb Jahren - höchste Zeit für eine Jubiläumsausgabe! Dass sich dann mit Stefan Trinkl und Jörg Kaier auch noch zwei Rockstars unter die Autoren geschmuggelt haben, dass Jan Off, Bdolf und Silke Hegemann das Thema Musik aufgreifen, und dass Karolina Kos, Alexandra Reichle, Stefan Kalbers, Hartmut Landauer, Tilman Rau und Manfred Wieninger sowieso ganz irre rocken ... An Zufall denkt da keiner mehr. An Schicksal glauben wir nicht. Und ein Konzept? Ach nee. Also feiern: Am Mittwoch, den 10.1.2001, gibt’s die Lesung zum Heft. Auf Seite 5 stehen die Details.

Ganz besonders herzlich heißen wir die lieben Yps!-Leser Willkommen! metastabil bietet den armen Heimatlosen ein neues Zuhause. Wir empfangen die vom Schicksal schwer Gebeutelten mit offenen Armen. Damit die sich in ihrem neuen kuscheligen Heim auch gleich so richtig wohle fühlen, haben wir auf eine dem Yps!-Fan an’s Herz gewachsene Marotte nicht verzichtet: den Gimmick. Mehr dazu auf dem beiliegenden Flyer.

Freundlich und nett wie immer, metastabil


Die Sache entwickelt sich langsam aber sicher zu einer echten Suchtgefahr. Verlockend, diese gnadenlose Erreichbarkeit. Nicht, dass zwölf Stunden von Montag bis Freitag von morgens 8 bis abends 8 und samstags bis 16 Uhr mittags reichten. Nein, an Bahnhöfen kann man sich von 8 bis 21 Uhr eindecken. 13 Stunden täglich, also auch am Sonntag. Einfacher wäre es da fast, die Schließungszeiten anzugeben. Bleiben nur noch etwaige Unsicherheiten für die sogenannten Feiertage. Wie wenn's was zu feiern gäb, wenn man nichts kaufen kann. Bei Lidl kann man alles kaufen, bloß nicht zur selben Zeit, aber das, wie ihr jetzt erfahren habt, wenigstens fast die ganze Zeit. Was es an den Sonderaktions-Monund Donnerstagen an tollen Dingen außer Wurst und Shampoo zu kaufen gibt, erfährt man von vierfarbig und beidseitig bedruckten Hochglanz-Faltblättern, DIN A2 groß! Die liegen zweimal pro Woche bei Lidl an der Kasse. Dass die pfiffige (bei dem Namen) Discount-Kette aus Neckarsulm billig ist, wissen alle. Nur wenige wissen aber, dass Lidl nicht nur gut zu unseren Geldbeuteln ist, sondern auch zu den Bedürftigen. Das kann man zum Beispiel auf dem Olivenöl für 4,89 Mark nachlesen: “Hergestellt für die Lidl-

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Stiftung”. Das wird ein sozialer Salat. Denn Stiftungen machen viele gute Sachen, denkt nur mal an die Björn-Steiger-Stiftung. Jetzt müsste ich eigentlich zu dem Haken an der Geschichte kommen, aber es wird noch besser, denn Lidl agiert fürsorglich und vorausschauend. Verabschiedet sich der Sommer, hat Lidl schon die Handschuhe im Angebot, im Spätfrühling dagegen den Klapp-Grill für den Sommer etc. pp.. Das nenne ich funktionierende Planwirtschaft, kein Wunder, dass die Lidls vor allem in Ost-Berlin aus dem Boden schießen. Ja, Lidl denkt mit. Denken wir bei uns zu Hause beispielsweise intensiver darüber nach, was für ein Stress es ist, leere gegen volle Sprudelkisten auszutauschen, bloß weil man keinen so argen Durst haben will, gehört eine Woche später der AquaSparkler zu den Sonderaktions-Artikeln bei Lidl. Dieser Vorfall ließ mich beinahe an Gedankenübertragung glauben. Einige Wochen zuvor wollte ich nämlich meine durchgelegene Schmalspurmatratze, die mich seit dem Stimmbruch begleitet, gegen eine City-Single-Liege austauschen. Die ist etwas breiter als eine Einmann-Matratze, aber auch nicht zu breit, denn meistens schläft man ja doch allein drauf. Kommt ins Bett überraschenderweise doch mal


salon ZADU bar präsentiert: Release-Party Mittwoch 10.1.2001 20 Uhr (Eintritt frei)

Lesung mit Jörg Kaier aka Der Rock ‘n’ Roll-Diktator (Bietigheim, Berlin), Stefan Trinkl aka Jimmy Doo Doo Dixon (Boiler, Cargo City) (Stuttgart) Silke Hegemann (Schorndorf) und: Karolina Kos feat. Eric Rebmann (Stuttgart)

salon Zadu bar Reuchlinstrasse 4B 70178 Stgt. Tel: 0711-61 23 62 Mo - Do: 18 bis 1h Fr - Sa: 18 bis 2h So: 10 bis 1h


jemand mit, sollte die Matratze wiederum soviel Platz bieten, dass die Frau gerne wiederkommt. Das Problem war am nächsten Tag vom Tisch: In der Sonderposten-Broschüre entdeckte ich sie, meine Traummatratze. Im Vergleich zu einem Ikea-Kreuzzug war der Rest einfach. In der Nacht zum Aktionstag wurde ich allerdings von Alpträumen geplagt. Egal, ob der Traum mich in die Filialen von Friedrichshain, Kreuz- oder Prenzlauer Berg führte, es war immer das gleiche Horror-Szenario: Ich bin im Lidl und die Matratze ist schon weg. Also stand ich schon morgens statt spätvormittags auf und radelte zu Lidl um die Ecke, bezahlte ein Drittel dessen, was ich bei den Skandinaviern ausgegeben hätte und schnallte die Matratze auf den Gepäckträger. Praktisch, dass Lidl Matratzen verkauft, die wie Schlafsäcke zusammengerollt sind. Ich war an einem Punkt angelangt, wo ich fast alles kaufte, was es bei Lidl an Sonderposten

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gab. Es war ein logischer Umkehrschluss: Wenn ich daran denke, mir etwas zu besorgen, und einige Zeit später gibt es eben das bei Lidl zu kaufen, und das billiger als sonstwo, dann gilt bestimmt auch, dass wenn ich bei Lidl etwas jetzt sofort kaufe, was billiger ist als sonstwo, dann denke ich einige Zeit später bestimmt automatisch daran, mir eben das zu besorgen. Also kaufte ich mir das aufblasbare Gästebett, obwohl sich alle Gäste bisher mit meiner alten Matratze zufrieden gaben. Die Sackkarre von Lidl, supergünstig und zum Zusammenklappen, stand erst in der Wohnung und steht jetzt im Keller herum. Auch aus dem Alter, in dem man für gewisse Abenteuer Gummistiefel braucht, dazu noch für schlappe fünf Mark, bin ich wohl heraus. Jetzt, bei Sonnenschein, wo ich statt meinem Aufschrieb nur noch mich auf dem Computermonitor sehe, bleibt mir nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass es bei Lidl bald Jalousien gibt.


Analphabeten sind zu entlassen Lageristen werden ausgelagert Auch in der fertigung wird abgefertigt Bettnässer sind abzubauen Raucher raus Behinderte werden uns nicht mehr behindern Zu wenig schaffende sind abzuschaffen Über fünfundvierzigjährige müssen gehen Lässige werden entlassen Krankenständler bekommen den laufpass Feuerwehrmitglieder sind zu feuern Schwitzer haben bei uns ausgeschwitzt Zu wenig kundige sind zu kündigen Schwachsichtige haben in zukunft das nachsehen Alkoholiker werden geschasst Kinderlose können sich mehr um ihre hobbys kümmern Ungelernte werden hier nichts mehr lernen Freie mitarbeiter werden freigesetzt Zuspätkommende bekommen unbegrenzt viel freizeit Hochbezahlte können wir uns nicht mehr leisten Am schluss entlässt sich der vorstandsvorsitzende Und dreht das licht ab

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Wuppertal 1955. Gotthilf Fischer schlägt sich jede Nacht in der führenden örtlichen Existenzialistentaverne um die Ohren. Rotwein. Schwarze Pullis. Sogar solche, die sich über üppige Oberweiten spannen. Ahnung von Strumpfhaltergürteln unter Röcken gerade so lang wie es der Anstand eben noch erlaubt. Gotthilf Fischer fühlt eine Anziehung. Erregung. Wichtiger ist jedoch die Kunst. Man spielt auf räudigen Wandergitarren die Lieder der französischen Chansoniers und Revolutionäre. Ein Freund deklamiert im Rotweinrausch die Worte der großen Philosophen. Ein anderer spielt dazu monotone Akkorde. Gotthilf Fischer summt dazu. “Summ-summ-summmmmm!” Der Rhythmus peitscht das Blut. Frau Wirtinnen-Lieder werden gegrölt. Ungeheuerliche, gewagte Obszönitäten fordern die Gesellschaft heraus. Gelächter erschüttert den Gewölbekeller. Kerzen flackern. Wachs tropft auf die Nierentische. Wenige Jahre später. Die meisten Freunde sind in die Bürgerlichkeit abgeglitten. Karnickelfamilien. Volksmusik. Beamtenkarrieren. Volkswagen. Rimini-Urlaube. Aber Gotthilf Fischer schließt keine Kompromisse mit der Spießergesellschaft. Durch Zufall lernt er im Wuppertaler MaxiGrill Ernst Jünger kennen. Man entdeckt gemeinsame Interessen. Kunst. Kultur. Philosophie. Den Rausch. Der fidele Dichter macht ihn mit einem Freund bekannt. Es ist Albert Hoffmann. Die lustigen Drei lassen sich die Haare wachsen und tragen bunte Hemden. Nacht für Nacht begeben sie sich in den Zauberkreis der Droge. Herrliche Farben. Visionen. Phantastische Bilder. Gotthilf Fischer schont sich nicht. Handvollweise verschwinden die magischen Zuckerwürfel in seinem Schlund. Er ist der Wildeste. Der Ausgeflippteste. Der Wahnsinn in Tüten. Er beginnt sich für ein Mitglied von Grateful Dead zu halten. Volkslieder entwinden sich seiner Kehle. In seinem drogenumnebelten Gehirn denkt er, er spiele stundenlange Gitarrensoli. Für die Einwände anderer Menschen erweist er sich als taub. “Gotthilf, du hast keine Gitarre! Du singst immer nur diese komischen alten Lieder!”, sagen sie. Er hört nicht. Er ist das Grateful Dead-Mitglied mit den längsten Soli. Endlos. Kosmisch. Abgefahren.

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Nach vielen Jahren denkt er, er sei mit seinen Kumpeln mal wieder auf Tour. Viele Menschen um ihn herum. Sound. Sonnenbad. Er hält das Brandenburger Tor für den Eingang von Haight Ashbury. Ein Bad in der Menge. Aufpeitschende Rhythmen. Jemand reicht ihm ein Bier. Er sieht überall Blitze. Er blickt nicht mehr durch. Alkohol ist er nicht gewöhnt.

entziffern. “Gotthilf Fischer im Alkoholrausch!”, muss er entsetzt lesen. “Alkohol ist doch schädlich”, durchzuckt es ihn. Nur die Musik kann ihn trösten.

Jerry Garcia ist gestorben, er muss durch seine Soli die entstandene Lücke im Bandsound füllen. Er greift seine in psychedelischen Mandalamustern bemalte Gibson SG und fetzt los. “We all live in a yellow U-Bootwagen”, will er diesen derben Ein Reporter der Bild-Zeitung nutzt seine Track nennen. Lage aus und entfacht einen Skandal. Tage Ein einsamer Zuschauer denkt sich: “Wie später hält Gotthilf Fischer eine stark damals bei dem Wolfgang Borchert - nun oszillierende Bild-Zeitung in der Hand. Die singen sie wieder ...!” Er schüttelt den Kopf. Schrift verschwimmt etwas vor seinen “Volksmusik!” Augen. Trotzdem gelingt es ihm, sie zu


“Schöne Leiche”, sagte Joe McDough und nickte anerkennend. “Schöne Leiche, was Jack?” “Ja”, pflichtete ihm sein Kollege bei, “so’ne Figur sieht man nicht alle Tage. Nur schade, dass der Kopf fehlt.” Daraufhin kicherte er heiser in sich hinein, wie immer wenn er einen Scherz gerissen hatte. Die beiden Männer waren seit vielen Jahren in der Mordkommission und entsprechend hart im Nehmen. “Jetzt haltet mal die Schnauze, ihr Deppen, ich muss nachdenken!”, ließ sich die vertraut-nasale Stimme von Kommissar McBrain vernehmen, ein großer, vierschrötiger Mann mit markanter Plattnase, der mühelos mit der rechten Hand Türklinken zerquetschen konnte. Die beiden Sergeants wussten sofort, dass jetzt absolute Ruhe geboten war. Wenn McBrain nachdachte, durfte man nicht stören, sonst bedankte er sich womöglich mit einem freundlichen Händeschütteln. Und Joes Finger waren nach den komplizierten Brüchen nie wieder die alten geworden. Zwanzig, dreißig Minuten vergingen. Die Männer standen vor der grässlich anzusehenden Leiche und atmeten kleine Wölkchen in den kalten Morgen. Vögel begannen zu zwitschern, die ersten Jogger trabten durch den Central Park. Jack liebte diese Momente. Die

Freundschaft, die die drei erfahrenen Polizisten verband, konnte auch langes Schweigen ertragen. Sie waren zusammen durch die Scheiße gegangen. Und so wie es schien, waren sie immer noch drin. Sie schwiegen minutenlang, ein groteskes Bild, drei Männer und eine kopflose Leiche. “Das Leben ist doch verrückt”, dachte Joe, der ältere der beiden Sergeants, “erst letzte Woche habe ich in dieses Gebüsch gekotzt, jetzt stehen wir hier und müssen einen schrecklichen Mordfall untersuchen. Alles nur Zufall?” Plötzlich begann Kommissar Nicko McBrain hörbar einzuatmen. Zischend sog er die Luft in seine riesige Plattnase, aus der dicke Büschel wilder Haare sprießten. “Was ist los, Boss?”, durchbrach Joe die Stille. “Geht’s dir nicht gut?” “Wozu habt ihr eigentlich eure Nasen?”, brummte McBrain statt einer Antwort. “Riecht ihr denn nichts?” “Doch, Boss, Joe hat gefurzt”, sagte Jack und kicherte heiser. McBrains Augen funkelten böse. “Gib mir deine Hand, Jack”, sagte er leise. Jack begann sofort zu winseln: “Alles, nur das nicht, Boss, bitte, bitte, du weißt doch, Sie brauchen mich beim Mordkommission-Basketball am Dienstag, bitte, noch eine Chance ...” “Also gut, Jack, ich gebe dir noch eine Chance”, sagte McBrain bedächtig. “Riech an der Leiche!” “Wie bitte?” “Riech an der Leiche, Jack! Los!” Widerwillig begann Jack zu schnuppern. “Was riechst du?” “Parfüm, Boss!” “Ein Männer- oder ein Frauenduft?” Jack schnupperte wieder. “Ich würde sagen, ein Männerduft.” “Jetzt sieh dir die Leiche an, Jack. Ist es eine Männer- oder eine Frauenleiche?” “Eine Frau, Boss!”, rief Jack aufgeregt, denn er begann zu begreifen. “Du


meinst, das passt nicht zusammen?” McBrain klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. “Gut gemacht, Jack. Ja, ich glaube, wir haben eine erste Spur. Oder kennt Ihr eine Frau, die ein ekliges Männerparfüm tragen würde?” “Aber nein, Boss!”, riefen Joe und Jack wie aus einem Mund. “Dann steht hier nicht rum und haltet Maulaffen feil, sondern verständigt sofort Carlos ‘Die Nase’ Murphy”, befahl McBrain rüde. Carlos ‘Die Nase’ Murphy hatte früher bei Chanel gearbeitet, bis herauskam, dass er teuren Parfüms gelegentlich kleine Mengen Mittelstrahl beizusetzen pflegte. Jetzt war er Hausmeister bei der Mordkommission. Fünf Minuten später stand der kleine Mann mit dem großen Spürsinn bereits bei ihnen. “Hier stinkt's gewaltig”, sagte er fachmännisch und verzog angewidert sein perfekt ausgebildetes Riechorgan. “Prima, Nase”, näselte McBrain, “so weit waren wir auch schon. Jetzt sollten wir nur wissen, wonach es hier stinkt! Wenn Du so gut wärst ...” Folgsam beugte sich Murphy zur Leiche hinunter. Er schnupperte konzentriert mit geschlossenen Augen. “Ein Männerparfüm, Boss”, sagte er schließlich. “Vielen Dank, Carlos”, knurrte McBrain freundlich. “Wenn Du uns jetzt noch sagen könntest, welcher Duft ...” “Kleinen Moment, Boss, ich kenne diesen Duft, ich kenne ihn ...” “Er kennt ihn”, sagte Joe bewundernd. “Du schaffst es, komm Nase, ich weiß es!”, feuerte Jack ihn an. “Würdet ihr bitte alle mal verschwinden”, entgegnete die Nase genervt. “Ihr stinkt wie Bock, so komme ich nicht weiter.” Peinlich berührt zogen sich die drei zurück und rochen unauffällig an ihren Achselhöhlen. Nach wenigen Minuten kam die Nase triumphierend zu ihnen. “Ich hab's”, sagte er trocken. “Es ist ein äußerst seltener Duft. Er heißt 'Gabriela Sabatini for men'.” “Und weiter?”, fragte McBrain grimmig, während sich Joe und Jack schon Fünf gaben. “Nun, zuletzt habe ich ihn bei der Signierstunde in einem Buchladen


gerochen. Es war der Autor. Er musste in dem Zeug gebadet haben!” “Wer war es, wer war es?”, riefen die beiden Sergeants aufgeregt. “Es war ...”, begann die Nase und machte eine bedeutungsschwangere Kunstpause, “es war Bret Easton Ellis!” “Wer?”, fragten alle drei enttäuscht, da sie den Namen noch nie gehört hatten. “Bret Easton Ellis”, wiederholte Carlos, “der Schreiber von ‘American Psycho’”. “Worum geht's in dem Buch?”, fragte McBrain. “Um nichts Besonderes”, sagte die Nase, “um Zahnseide, Anzüge, Ficken und Foltern.” “Und das nennst du nichts Besonderes”, warf Jack ein, “ein Typ, der über Zahnseide schreibt, muss ja wohl irgendwie pervers sein.” “Richtig”, pflichtete ihm McBrain bei. “Wir sollten ihn uns vorknöpfen. Nase, du bringst die Leiche ins Revier, und wir statten diesem Ellis einen Besuch ab.” Gesagt, getan. Zwanzig Minuten später standen die drei vor den Klingelschildern des gewaltigen Wolkenkratzers, in dem Bret Easton Ellis unter dem Namen “Patrick Bateman” eine Penthouse-Suite bewohnte. “Wenn er sich das leisten kann, hat er Dreck am Stecken”, sagte Joe mit der Erfahrung des langgedienten Polizisten. McBrain klingelte Sturm bei Patrick Bateman, bis sich nach Minuten ein dünnes Stimmchen meldete. “Hallo?” “Spreche ich

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mit Bret Easton Ellis?” “Woher wissen Sie das?” “Steht hier auf der Klingel”, bluffte McBrain. “Ach ja, natürlich”, sagte Ellis. “Mr. Ellis, mein Name ist Nicko McBrain, ich bin Kommissar bei der Mordkommission und brauche Ihre Unterstützung im Fall ‘Zahnseide'.” “Zahnseide?”, klang es entgeistert aus der Sprechanlage, “na gut, dann kommen Sie eben hoch.” Der Summer summte, und die drei traten ein. 175 Stockwerke höher warteten sie dann gespannt vor Bret Easton Ellis, alias Patrick Batemans Appartement. Der berühmte Autor öffnete in einem weißen T-Shirt, das stellenweise üppig mit einer bräunlich-roten Substanz verschmiert war, untenrum trug er zur Überraschung der drei Männer rein gar nichts, außer weißen Leder-Sneakers. Seine Haare standen wirr vom Kopf ab. “Gabriela Sabatini for men” waberte schwer aus der Wohnung. Ellis zeigte ein gewinnendes Lächeln, und bat freundlich darum, doch einzutreten. “Schluck zu trinken?”, fragte er höflich. Ein nervöses Flackern seiner Augenlider verriet, dass er ... nervös war. “Danke, nein”, sagte McBrain höflich aber bestimmt, “aber was sind das für rote Flecken auf Ihrem T-Shirt?” “Rote Flecken?”, Ellis schwitzte, “ach die, hihi, das ist äh, Ketchup.” “Welche Sorte denn?”, fragte Joe, der alte Fuchs. “Wie? Ach, äh,


PM

Kaltland Beat ist die umfangreichste Poetry-SlamCompilation. Ein Buch wie ein Clubabend, ein Mix: hinterher verwischen sich die einzelnen Tracks, aber der Sound war gut . Musik zum lesen. Bayerischer Rundfunk Eine der wichtigsten Anthologien der deutschsprachigen Pop- und Sub-Literatur der letzten Jahre. Junge Welt Raptexte zeigen, dass die literarische Subkultur ihre Themen aus dem hier und heute nimmt und den Zeitgeist aufgreift ... Der ultimative Guide für die Slam Poetry Scene. Prinz

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ich glaube ‘Heinz’”, antwortete Ellis wenig überzeugend. “Das glaube ich nicht”, sagte Jack bestimmt, der sich mit Ketchup auskannte, “‘Heinz’ hat nicht diesen Braunanteil. Ich glaube eher, es ist ein billiges Curry-Ketchup.” “Ja, ha, genau das war es, ein billiges, ordinäres CurryKetchup”, sagte Ellis erleichtert und wischte sich drei große Schweißtropfen von der Stirn. Nun schaltete sich McBrain wieder ein, der sich in der Zwischenzeit ein wenig in der Wohnung umgesehen hatte. “Interessante Knochen und Schädel haben Sie da”, sagte er und deutete auf ein Regal. “Wie?”, kreischte Ellis und hüpfte penisschwenkend im Zimmer umher. “Na, die Schädel auf dem Regal da!” “Oooch, ach die, das sind Mitbringsel aus dem, äh, Mäandertal.” “Neandertal”, meinen sie wohl, warf Jack ein, der in Naturkunde immer gut gewesen war. “Ja, völlig richtig, Neander, natürlich”, keuchte Ellis, setzte sich auf einen Hometrainer und begann zu radeln, so als könne er damit der Situation einfach davonfahren. “Warum tragen sie eigentlich keine Unterhose?”, fragte Joe interessiert. “Wie?”, kreischte Ellis erneut, “was meinen Sie mit keine Unterhose ... huch ... tatsächlich, oh Gott ist mir das aber peinlich.” Er hielt sich eine Hand vor seinen Penis. “Sie müssen entschuldigen, ich arbeite gerade an ‘American Psycho II’”, sagte er hastig, so als könne dies irgendetwas erklären. Jetzt hatte McBrain einen seiner großen Auftritte, für die er bei der Mordkommission berühmt und bei allen Gangstern der Stadt gefürchtet war. “Hören Sie, Mr. Bateman!” “Ellis!” korrigierte Ellis spitz, “also gut, Mr. Ellis. Sie sind als scharfsinniger und cleverer Autor bekannt. Wir brauchen ihre Kombinationsgabe zur Aufklärung eines grässlichen Mordfalls! Heute morgen fanden wir im Central Park die Leiche einer jungen Frau ...” “Wie alt ungefähr?”, fragte Ellis scheinbar interessiert, während er sich nebenbei wie besessen am Po kratzte. “Vielleicht 25”,

antwortete McBrain, “sie war ein attraktives junges Mädchen mit einer guten Figur und schulterlangen, blonden Haaren ...” “Stimmt nicht”, korrigierte Ellis mit sanfter Stimme, “sie hatte kurze, schwarze Haare.” Entsetzt hielt er inne und merkte, dass er sich verraten hatte! “Sie Schwein”, kreischte er, “das war eine Falle! Ja, sie hatte schwarze, kurze Haare. Na und? Was macht das für einen Unterschied? Jetzt ist sie ja tot, hihihihihihihihihi.” Daraufhin schlug er zur Verblüffung aller ein Rad durch die Wohnung und setzte sich dann ins Spülbecken seiner geräumigen Küche. “Kommen sie sofort da runter, sie durchgeknallter Autor!”, herrschte McBrain ihn an und richtete seine Smith & Wesson auf den schrecklichen Schriftsteller. “Wo haben Sie den Kopf versteckt, los raus mit der Sprache.” “Sag ich nicht, sag ich nicht”, kicherte Ellis mit hoher Fistelstimme. Zwei Stunden später. Die drei saßen in “Eddies Bar” und tranken kühles Lager. Ellis war längst in Untersuchungshaft und würde so schnell keinen Mord mehr begehen. McBrain und Jack unterhielten sich über Football und aßen schmatzend Eddies berühmte Sardellen-ApfelmusKarotten-Pizza. Nur Joe konnte noch nichts essen. Er hatte den Kopf auf Ellis' Schreibtisch im Schlafzimmer gefunden, mit einem Apfel im Mund. Auf dem Bildschirm von Ellis' Laptop hatte nur eine


Zeile gestanden: “American Psycho II Erstes Kapitel.” Weiter war er noch nicht gekommen. Gott sei Dank. “Scheiß Schriftsteller”, näselte McBrain. “Man sollte sie alle einsperren.” “Genau”, pflichtete Jack ihm bei, “die verdienen sich dumm und dämlich und ihre Leichen schmeißen sie einfach in den Central Park - wer weiß, wen dieser Tom Wolfe alles auf dem Gewissen hat.” “Und Bukowski erst”, ergänzte Joe. “Lebt der noch?”, fragte McBrain und schluckte ein großes Stück Sardellen-Karotten-Apfelmus-Pizza. Draußen stand die Sonne schon hoch. Gedämpft drang Straßenlärm zu ihnen herein. Was der Tag wohl noch bringen würde? Von Stefan Trinkl im Lautsprecherverlag erschienen: Cargo City “Songs And Stories” (7”)

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In Fr. Brauns Wohnung sind Leute eingezogen, die ihre Wohnung nachts zu einer Ausstellung machten. Das Licht im linken Zimmer reichte auch für das Zimmer nebenan. Die Türe dazwischen stand offen.

gebrochen hat, er hatte ihn angezeigt wegen dem 15 cm-Abstand von irgendwas zu irgendwas. Auch Schlafende zucken, wenn man sie schlägt.

Ich schnappte erleichtert nach Luft, ihre Seele war jetzt endgültig frei. Der Tod ist kein Zustand, sondern ein Moment. Dauerte der Schmerz der Überlebenden länger als das Doppelte dieses Momentes, war er selbstgemacht.

Auch unser Haus tanzte an diesem Sonntagmorgen - 4.57 h - aus der Reihe. Die zur Straße gewandte Seite leuchtete wie ein Leuchtturm. Die Stürme waren in uns. Und in denen um uns verhungert.

Am linken Zimmerfenster brach sich der Schatten der Straßenlaterne in zwei Hälften, die nicht mehr zusammenpassten. Das Fenster stand ganz offen.

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Eine Falle für Menschen mit kriminellen Anflügen - auf den ersten Blick eine Einladung, auf den zweiten zu auffällig und das war das Problem. Der Dieb im Rampenlicht in einem Haus in einer Gegend, in der nachts alle schliefen und tagsüber arbeiteten. Die andere Hälfte genoss ihre Rente und das sind die Schlaflosen. Ihnen konnte man Strafzettel verdanken, die nachts, sagen wir gegen 3.47 h ausgestellt wurden. Sie ließen den Herren Uniformierten einfach keine Ruhe und riefen gleich zweimal an. Die Unruhe ist eine ansteckende Krankheit. Der grüne Agent nannte es, “auf Streife gehen”. In den Straßen von San Francisco. Es ist auch schon vorgekommen, dass der eine Nachbar dem anderen das Nasenbein

Ich hatte plötzlich ein Bild vor Augen - wie ich meiner Mutter erkläre, dass die Welt, die sie wahrnimmt, nicht viel mehr oder weniger mit der Realität zu tun hat als meine Welt. Und deswegen gab es auch keinen Grund zur Sorge um ihren guten Ruf in der Gegend - die Moral war nichts weiter als ein Paket meist willkürlich gewählter Spielregeln, nur spielten die meisten das Spiel im Ernst. Nein, den letzten Halbsatz spreche ich besser nicht aus, der würde sie nur durcheinander bringen. Und darauf reagierte meine Mutter wie viele mit eisernen Masken und scharfen Messern. Ich fühlte mich wie Don Quijote zehn Jahre später, der aufgewacht ist und dennoch entdeckte, dass ihm die Windmühlen doch lieber waren als die sich immer wiederkehrenden vier Wände - das Schulzimmer, das Standesamt, die Garage, der Sarg. Er wusste, dass ihn alle für verrückt erklären würden.


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Stefan Kalbers: Wieder einer mehr Ein Lächeln, so klar und rein, dass es jeden guten Menschen zu Tränen rühren muss Die kleinen Fingerchen spielen mit der Butterbrezel und unter unverständlichem Geblubber, mit etwas Speichel, gibt es Brezelbrei für alle Ein Lächeln, so mitfühlend und echt, dass jedem aufrichtigen Menschen klar sein muss, ein Kind ist Sinn im Leben der Eltern geworden und unter gutgemeintem Geflüster gibt es ein Tätscherchen auf den Kopf Ein Lächeln, so tapfer wie unentschlossen, der Blick des Vaters auf seinen fidelen Balg Er freut sich und weiß gar nicht, was er sagen soll zu den Gerüchten, denen zufolge er überhaupt keinen Einfluss .......... na, ja ...... Wohin man auch blickt, nur freundliche Gesichter, gütiges Wohlwollen und volles Einverständnis Die Natur hat wieder einmal gesiegt, zwei Menschen haben sich erfolgreich fortgepflanzt Wieder einer mehr, der was zu fressen braucht Wieder einer mehr, der Platz und Luft zum Atmen haben will Wieder einer mehr, der auf die Zukunft baut mit allem was dazugehört Wieder einer mehr, der einen Kredit beantragt oder sich vom Aktienfieber packen lässt Wieder einer mehr, der sein Geld ausgeben muss um die Wirtschaftskrise aufzuhalten und die Chancen stehen gar nicht schlecht, dass wir hier wieder einen mehr haben, der seine Verwesungsgene gerne weiterreichen möchte gratis, ohne Grundgebühr, bei einer Laufzeit von neun Monaten Sechs Milliarden und kein Ende Gebärindustriearbeiter aller Länder, vereinigt Euch!

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He Rockstar, gut siehst du aus auf der Bühne. Geile Klamotten, du hast Stil, den Cowboyhut lässig aus der Stirn geschoben, ein paar lange Haarsträhnen hängen dir in die Stirn, verwegener Look. Wenn du Gitarre spielst, flippen die Mädels aus, deine Stimme, tief und rau, bringt sie zum Kreischen. Du bist der Hero, deine Lyrics sind die besten, du triffst das Lebensgefühl deiner Generation. Du weißt, worum es im Leben geht, ewiger Rebell. Die anderen Jungs in deiner Band sind nur Statisten, das wissen alle. Du stehst im Mittelpunkt, wirst von den Mädchen angehimmelt und von den Jungs beneidet. Deine neue Freundin ist ein echtes Babe, jeder war scharf auf sie, aber du hast sie gekriegt. In buntes Licht getaucht stehst du hinter dem Mikro, verschwitzt, du rockst richtig ab. Schüttele dein Haar für uns, Rockstar. Und du tust es. Wild und unbeherrscht. Du trinkst ein Bier nach dem anderen, irgendwer gibt dir immer eins, jeder will dir nur zu gerne was spendieren. Die Konzerte sind ausverkauft, die Mädchen alle ganz aufgeregt, auf der Damentoilette, zwischen Lippenstift und Wonderbra, bist du das einzige Thema. Am Ende des Konzerts wirfst du dein nasses Handtuch ins Publikum. Beinahe gibt es eine Schlägerei darum. Dann hebt es deine Freundin auf und nimmt es mit zum Waschen. Schließlich

ist es ein teures Handtuch und so viele hast du nicht davon. Du kommst von der Bühne des kleinen schmuddeligen Jugendzentrums, im kalten Neonlicht sieht man deine Pickel. Sofort umringen dich die Freundinnen deiner kleinen Schwester, die anderen sind schon wieder beim Tischfußball. Und als du mit deinen Kumpels die Verstärker und das ganze Zeug zum Auto schleppst, interessiert sich keiner mehr für dich. Rockstar, dann bist du doch nur wieder der Typ, dessen Bierbauch langsam größer wird und der Cowboyhut, der nicht aus Texas sondern aus der Kaufhalle in Schießmichtot kommt, verdeckt bloß noch deine fettigen Haare, die sich auch schon lichten. Die Freundinnen diskutieren kichernd mit deiner Schwester darüber, ob du schon immer so fett warst; dein Mädchen, die kleine Schlampe, die es hier schon mit jedem getrieben hat, flirtet heftig mit dem Kerl hinter der Bar und auf der Mailbox meckert dein Vater, weil du mit dem Studium nicht vorankommst, das er ja schließlich finanziert. Aber, Rockstar, irgendwann wirst du es schaffen zumindest du bist davon überzeugt. Und einer ist mehr als keiner, sagt deine Oma auch immer, wenn du ihr den Rasen mähst, damit sie dir deine Dreckwäsche wäscht, weil deine Mutter sich schon lange weigert.


BESOFFEN ZU FUSS, MAGARETE MITSCHERLICHS SCHALMEIENORCHESTER, MUTTIS SCHUPPEN und SMEGMA FÜR ALLE - so hieß die Band in den Jahren 1982 - 84. Und genau aus dem Grund hatten wir sie auch gegründet - wir empfanden eine unendliche, beinahe frühkindliche Freude daran, uns immer wieder neue Namen zu geben. Zum Zeitpunkt dieses bitteren, für den Fortgang meines Daseins höchst schwerwiegenden Intermezzos hatten wir uns wieder einmal umbenannt und hießen nun DER CHEF HAT VIER EIER. Ein Instrument beherrschte keiner von uns, genauso wenig wie irgendwer über Kenntnisse im Songschreiben verfügte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, so hätte wohl niemand Lust gehabt, den anderen die erdachte Akkordfolge NÄHERZUBRINGEN. Wir hatten noch nicht mal Lust zum üben. Unser Repertoire bestand aus zwei geklauten Stücken von SLIME und einer trashigen Version des Kufsteinlieds - eine Art Polka zu der Achmed Vornefett, unser Frontmann, in kurzer Folge immer wieder die Zeilen “Ich bin ein Hengst. Ich brauch 'ne Kopfnuss.” hervorstieß. Kein Wunder, dass wir noch kein Konzert gegeben hatten. Aber Konzerte interessierten uns ohnehin nicht. Wir nutzten den Übungsraum ausschließlich zum Trinken und zum herumexperimentieren mit weichen bis mittelharten Drogen. Wenn Frauen anwesend waren (was hin und wieder vorkam), rissen wir kurz unser Programm ab, nur um im Anschluss daran angeberische Diskussionen anzuzetteln, die uns einen zumindest SEMI-professionellen Anstrich geben sollten. “Alter, du musst wirklich 'n bisschen aufs Tempo achten”, mahnte Properski unser übergewichtiger Gitarrist, den wulstigen Finger anklagend auf Handgranate,

unseren Bassmann gerichtet. “Wenn du beim Spielen nicht ständig furzen würdest, hätte ich auch keine Probleme, den Takt zu halten”, entgegnete Handgranate, während er vergeblich versuchte, mit der Linken eine Dose HANSA EXPORT zu zerquetschen. Properski konterte mit der ihm eigenen intellektuellen Überlegenheit. “Hätte mein Alter mich gegen die Eisenbahn gespritzt, hätt' ich was von der Welt gesehen.” Es kam einfach GUT in einer Band zu sein. Und natürlich hätte nichts, aber auch gar nichts, dagegen gesprochen, den Status des fidelen Freizeitmusikanten noch eine Zeit lang aufrecht zu erhalten, wenn, ja wenn, uns das Schicksal nicht doch einen AUFTRITT auf’s Auge gedrückt hätte. Properski war bei einer seiner Sauftouren einem lokalen Konzertveranstalter begegnet und hatte - durch den Genuss codeinhaltiger Hustentropfen leichtsinnig geworden - große Töne gespuckt. Provoziert durch das ebenso überhebliche wie zweifelnde Gebaren des Kulturmoguls, hatte er am Ende gar behauptet, DER CHEF HAT VIER EIER wären nichts anderes als Niedersachsens Antwort auf BLACK FLAG, DIE kalifornische Hardcore-Legende. Und nun waren wir plötzlich gebucht, standen auf einem Plakat, das die einschlägigen Treffpunkte der Stadt dekorierte. In kleiner Schrift zwar und relativ weit unten - aber dennoch unübersehbar: “DER CHEF HAT VIER EIER - Deutschlands Antwort auf Black Flag, 26. 05., 21 Uhr.” Jesus, das waren keine vier Wochen mehr. Natürlich nahmen wir uns vor, dem bandeigenen Uterus noch ein paar Songs abzuringen. Natürlich wollten wir üben, wie wir noch nie geübt hatten. Aber aus unerfindlichen Gründen kam ständig etwas dazwischen. Und am Tag der Entscheidung bestand unser Programm NOCH IMMER aus zwei geklauten Stücken von SLIME


und einer trashigen Version des Kufsteinlieds. Eins stand fest: Nüchtern würde das zu erwartende Debakel nicht zu überleben sein. Und so überführten wir im Backstageraum zwei Paletten Dosenbier in unseren Blutkreislauf, während Achmed Vornefett uns noch einmal ins Gebet nahm. Wir hatten ihn nicht umsonst zum Bandleader gekürt. “Männer!”, sagte er mit getragener Stimme. “Männer, heute erwartet uns unser persönliches Tschernobyl. Machen wir das Beste daraus. Versuchen wir die Erinnerungslücken so groß wie möglich zu halten.” Dann verteilte er an jeden circa drei Gramm, in Terpentin eingelegte Psilocybine. Während ich die bittere Masse der Kraft meines Speichels überantwortete, betrachtete ich noch einmal meine Mitstreiter. Rein optisch hatten wir uns nichts vorzuwerfen. Handgranate trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck “ENTJUNGFERT DURCH MARGOT HONECKER”. Achmed Vornefett hatte sich ein halbes Glas Griebenschmalz ins Haar geschmiert. Properski steckte in einer Hose, die so weit geschnitten war, dass man den Arschansatz (das sogenannte Maurerdekolleté) schon sehen konnte, bevor er überhaupt den VERSUCH einer Hocke unternahm. Ich selbst trug einen alten Lodenmantel meines Vaters, auf den ich mit weißer Airfixfarbe das Vereinswappen von Traktor Tscheljabinsk gemalt hatte. Wir waren ohne Zweifel Punkrock. Aber Punkrock


war auch das Publikum. Mitbürger mit Vitamin- und Calciummangel und Hang zu Gewalttätigkeiten; zu 95 % männlich, zu 98 % alkoholisiert. Gerade machte sich die Meute über vier Halbwüchsige her, die das schwere Los gezogen hatten, den Abend zu eröffnen. Sie nannten sich ZOMBIES ZAHNBEFALL, spielten eine Art Dark Wave und waren hier unüberhörbar fehl am Platz. Begleitet vom Einschlaggewitter der Bierflaschen drangen laute “Aufhör'n! Aufhör'n!”-Rufe an unsere geröteten Ohren. Es fiel keinem von uns schwer, die Losung auf sich selbst zu beziehen. “Scheiße, wir hätten Schnaps kaufen sollen”, stöhnte Properski, während er seine leere Dose gegen eine volle austauschte, “besser noch Heroin.” Handgranate machte nervös an seinem Nietenarmband herum. Und dann brach der Gothic Rock-Ersatz abrupt ab, die vier Juniorsatanisten strömten aufgelöst in den tröstenden Schutz der Backstagemüllhalde und es war an uns, der reißenden Bestie namens Publikum ein Opfer zu bringen. “Hey, viel Glück”, rief

uns einer der kariesgeplagten Untoten hinterher, während er die Platzwunde auf seiner Stirn notdürftig mit einem Handtuch versorgte. Ich meinte aufrichtige Anteilnahme aus seiner Stimme herauszuhören. Und dann befanden wir uns auch schon inmitten des Scheiterhaufens, der da allgemeinhin als Bühne bezeichnet wird. “Wir heißen DER CHEF HAT VIER EIER und wir sind gekommen, euch die Unschuld zurückzugeben”, brüllte Achmed Vornefett ins Mikrofon. Dann brachten wir das Kufsteinlied, unseren größten, unseren ergreifendsten, ja, unseren einzigen Hit. Soweit ich das hinter den Sichtblenden meines Schlagzeugs beobachten konnte, hielten sich die Flaschenwürfe deutlich in Grenzen, und das war wohl mehr, als wir erwarten konnten. Leider spielten wir noch einen Song. Und leider begannen unterdessen die Pilze zu wirken. Properski, der eben noch virtuos die Laute gezupft hatte, schmiss das Instrument plötzlich von sich und machte


sich mit seelig-süßem Gesichtsausdruck daran, Kleidungsstücke abzustreifen. Nicht auszuschließen, dass er ob des überraschend milden Empfangs und der in seinem Hirn herumschwappenden Pilzsuppe seine Umgebung einfach vergessen hatte. Vielleicht wähnte er sich in der Umkleidekabine irgendeines Hallenbads oder auf der Drehscheibe einer Peepshow. Einer Peepshow der besonderen Art wohlgemerkt. Denn Properski entsprach dem gängigen Schönheitsideal nur bedingt. Er verfügte über ganze HEERSCHAREN von Wülsten und Fettringen - weißes, ausgesucht weiches Fleisch, das er seiner Umwelt nun mit einer Anmut präsentierte, die an kopulierende Orkas denken ließ. Der Rest der Band schlug sich derweil tapfer mit SLIMES “Polizei/SA/SS” herum. Aber was nützt das größte Engagement, wenn ein wichtiger Teil des Ensembles unvermittelt seine exhibitionistische Ader ausleben möchte. Properski jedenfalls ließ in seinen Bemühungen nicht nach und noch bevor der Song sein offizielles Ende gefunden hatte, schnupperte sein Fortpflanzungsorgan bereits die lang ersehnte Bühnenatmosphäre. Die Menge begrüßte diesen emanzipatorischen Akt mit lautem Gejohle und Zugaberufen. Eigentlich hätten wir diesen Moment genießen müssen. Die Sympathien der Massen gehörten eindeutig dem CHEF IN DESSEN BESITZ SICH VIER EIER BEFANDEN, auch wenn im Scheinwerferlicht nur ZWEI Eier präsentiert wurden. Aber auch wir anderen hatten von den Pilzen gegessen (ganz abgesehen von dem Umstand, dass wir auf Properskis Einlage nur unzureichend vorbereitet waren). Mir beispielsweise wurde zunehmend blümerant in der Schaltzentrale. Da traf es sich gut, dass ich unterdessen, Allah sei's gedankt, meine Sticks zertrümmert hatte, bis auf Weiteres also von jeglicher Aktivität befreit war. Und auch Handgranate stellte mit einem Mal die Arbeit ein. Vielleicht war


ihm eine Saite gerissen. Wahrscheinlicher aber, dass er, wie ich selbst, endgültig vom Scheitern unserer Mission überzeugt war und einfach einen Saitenriss SIMULIERTE. Einzig Achmed Vornefett, unser tapferer Shouter, ließ sich nicht beirren. Jeglicher Bekleidung beraubt begann er, seine Botschaft unverdrossen a capella zu verbreiten. “Schmiert euch euer Hirn aufs Brot. Nutella ist braun. Marmelade ist rot”, wetterte er, die linke Hand zur Faust geballt, als wäre Günther Mittag persönlich in seine Seele gefahren. Ein Text, der mir gänzlich unbekannt war. Ohne Zweifel eine Art früher Freestyle-Rap. Properski begleitete diesen Vortrag, indem er mit zwei Fingern arhythmisch an seinem Glied zu zupfen begann. Jürgen Zeltinger hat jahrelang Ähnliches versucht. Wer jemals eines dieser Fotos in die Finger bekommen hat, auf denen der “Chef”, wie er sich gerne zu nennen pflegt, schweißüberströmt an einem Penis der Größe XS herummacht, erhält eine ungefähre Vorstellung von dem, was unser übergewichtiger Gitarrist im Programm hatte. Handgranate, dem wahrscheinlich die Erkenntnis gekommen war, dass Nichtstun immer die schlechteste aller Möglichkeiten darstellt, unterstützte das bizarre Duo, indem er Properski die Rückseite seines Rickenbacker über den nackten Hintern zog. “Wir sind die Mantafahrer von morgen”, brüllte Achmed Vornefett derweil. “Die Verkrustungen im Geflecht unserer Schamhaare sind majes-tätischer als jeder eurer Samenergüsse!” Ich beobachtete dieses Szenario aus der sicheren Perspektive des Schlagwerkers, kam aber nicht dagegen an, dass eine Vision von mir Besitz ergriff, die uns alle als Jünger Otto Muehls begriff. Herrgott, dies war kein Punkkonzert, dies war eine Performance geistig zerrütteter Kunststudenten, die nichts weniger im Sinn

hatten, als die Anwesenden vom zwangsläufigen Scheitern jedweden Fortschrittglaubens zu überzeugen. Auch ich musste mittun. Auch ich musste meinen Beitrag leisten. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich mit den Resten meiner Trommelstöcke einen neuen Rhythmus vorgeben sollte, irgendetwas Archaisches, irgendetwas Monotones, das die Thesen eines Georges Bataille vermitteln konnte. Da traf mein Blick auf die Biervorräte, die irgendeiner meiner Bandkollegen in weiser Voraussicht auf die Bühne mitgenommen hatte. Knapp zwei Dutzend Büchsen waren noch ungeöffnet. Heiland, dies war die Munition, die ich brauchte. Einem Werfer beim Baseball nicht unähnlich schmiss ich den weißblechummantelten Gerstensaft in die Menge, deren Begeisterung in den letzten Minuten etwas nachgelassen hatte, und die dringend - das spürte ich - der Labsal bedurfte. Zu meiner großen Freude kamen nur drei Dosen zurück. Dafür stieg plötzlich dieser hünenhafte Skinhead auf die Bühne; die Muskeln angespannt, die flache Stirn zornig in Falten gelegt, die Nüstern weit geöffnet. Ganz klar, von den Thesen eines Otto Muehl hatte dieser aufrechte Sportsfreund während seiner aktiven Zeit auf der Sigrid Löffler-Schule für Lernschwache nicht viel vernommen. Er wirkte deutlich verbittert, sah auch nicht gut aus; der schwielige Schädel und das


weiße Fred Perry-Shirt waren unerklärlicherweise klatschnass. Es hatte den Eindruck, als ob er sich zwei Liter Apfelsaft über den Kastenkopf gegossen hätte. Wie ich später erfuhr, hatte Properski, dem es nicht gelingen wollte, eine anständige Erektion zu erzeugen, dieses Unterfangen irgendwann eingestellt und statt dessen damit begonnen, die ersten Reihen mit dem biergeschwängerten Inhalt seiner sprichwörtlichen Elefantenblase einzudecken. Die massige Fleischmütze wird wohl direkt unter der Bühne gestanden haben. Jetzt schwang er sich also ins Rampenlicht, griff sich Properskis verwaisten Mikroständer und öffnete das plombenbeschwerte Maul, um einen markerschütternden Schrei zu formulieren. Und das war der Moment, in dem ich nicht nur die Band verließ, sondern endgültig beschloss, mich dem Schreiben zuzuwenden.

Texte von Jan Off erschienen in “Der Lautsprecher Band 4” (Lautsprecherverlag)


Bevor ich meinem kleinen Heimatdorf für immer den Rücken zukehren würde, hatte ich beschlossen, noch einmal den alten Schulweg entlang zu gehen, um zu sehen, ob er noch da war: jener Kaugummiautomat auf halber Strecke zwischen Schulund Elternhaus. Ich bog um die Ecke, als ich eine Mädchenbande gewahrte, die das kleine rote Metallkästchen mit einem Feuerwerkskörper in die Luft sprengte. Da flogen sie davon, meine kleinen süßen, runden Kindheitsträume. Die Mädchen hatten es bestimmt nicht böse gemeint, doch sie bestärkten mich in meinem Entschluss, in die Welt hinauszufahren und nie wieder zurückzukehren. Ich fuhr mit dem Schiff von Antwerpen nach Havanna, wo mich Che vom Hafen abholte, um unsere zukünftige gemeinsame WG zu inspizieren. Die kleine Bude befand sich im vierten Stockwerk eines heruntergekommenen herrschaftlichen Mietshauses an der Rampa mit Blick auf das soeben in “Habana Libre” umbenannte Hilton. Che und Fidel teilten sich ein Zimmer mit Ventilator. Ich selbst bezog eine kleine stickige Kammer neben der Latrine. Da stand er auch schon in der Tür: “Herzlich willkommen in Havanna”, sagte Fidel und schenkte uns einen billigen Zuckerrohrschnaps ein, von dem er behauptete, dass es sich um Rum handle. “Den haben die Revolutionäre selbst gebrannt”, fügte er nicht ohne Stolz hinzu und kippte den Inhalt seines Bechers in eine Öffnung auf dem Grunde seines Bartes. “Als wir noch studierten, hast du immer großen Wert auf die tägliche Rasur gelegt”, meinte ich zynisch. Mir kamen meine beiden Kumpel ziemlich verwahrlost vor. “Alle freien Kubaner tragen jetzt Bart! Auch dein Rasierzeug wird konfisziert werden”, lachte

Fidel künstlich und stopfte das nach Trester stinkende Loch mit einem Tabakpfropfen. Er salutierte lässig und verließ die Wohnung. Ich spülte erstmal ab, um die Küche erkennen zu können, während sich Che an seine Schreibmaschine setzte. Er hockte im Schneidersitz auf dem Boden und tippte unerträglich kitschige Liebesgedichte, die er theatralisch intonierte, um meine Meinung darüber zu erfragen. “Was wird eigentlich meine Aufgabe sein?”, unterbrach ich seine Schmachtkanonaden. “Du wirst mich morgen ins Ministerium begleiten, dann sehen wir weiter. Nikita Chruschtschow kommt auf Staatsbesuch.” Ich hatte mir die postrevolutionäre Aufbauphase auf Kuba beileibe anders vorgestellt, aber ich wollte kein Spielverderber sein. Die halbe Nacht lang reparierte ich im Hof Ches alten Jeep: Che wollte am nächsten Tag nicht wie gewöhnlich mit dem Fahrrad am Regierungsviertel vorfahren. Wie gut, dass ich mein Werkzeug mitgenommen hatte. “Venceremos”, brüllte Guevara und stand mit zwei Miniaturtässchen frisch aufgebrühten Zichorienkaffees vor meinem Schlafsack. Der Morgen blinzelte in das geöffnete Fenster meiner Kammer. “Die Revolution braucht keine Schnarchnasen”, dröhnte er. Ich hatte einen Alptraum von einer Kaugummiautomaten-Sprengung gehabt und brauchte lange, um mich zu sammeln. Wir fuhren den Malecon entlang, wo sich bereits die ersten Angler eingefunden hatten. Es war ein herrlicher Morgen. Che parkte den Jeep direkt vor dem Parlament. Fidel und Chruschtschow standen schon vor dem Haupteingang und verteilten Autogramme an die Frühaufsteher. “Guten Morgen, Genossen”, rief Nikita und knutschte uns ab. Er roch nach


Alkohol und auch der Maximo Lider schien schon gebechert zu haben, als ich seinen ungeschickten Bruderkuss empfing. Wir setzten uns in das kleine Konferenzzimmer, wo Raul, Castros jüngerer Bruder und Verteidigungsminister sowie Camilo Cienfuegos bereits mit Zichorienkaffee und weichen Keksen warteten. Außer dem amerikanischen Geheimdienst in Form von Putzpersonal war niemand anwesend. Der Kremlchef packte eine kleine Atombombe aus und stellte sie auf den Tisch. “Dies ist mein Angebot ...”, flüsterte er gewichtig. “Kommunismus plus Atombombe für Kuba oder ... Abbruch der Verhandlungen und keine Atombombe”, prustete er lachend hervor. “Kommunismus und Atombombe für Kuba!!”, schrie Fidel und unterzeichnete den Bruderstaatenpakt mit einer übertrieben schnörkeligen Unterschrift. “Du gefällst mir”, sagte Nikita und begrub den Kubaner unter schmatzenden Küssen. Che schaute mich an und verdrehte die Augen. “Das ist typisch

Fidel”, flüsterte er mir ins Ohr. “Er fällt alle Entscheidungen allein.” Ich hasste Chruschtschow, ich hatte ihn schon immer gehasst. Doch jetzt kam er mir noch viel widerwärtiger vor mit seinem fetten, schlitzäugigen Grinsen. “Er ist nicht nur der allergrößte Antiimperialist, er ist auch das allergrößte Arschloch”, dachte ich und verließ die Tafelrunde, um an einem geöffneten Fenster Luft zu schnappen. “Alles setzen!”, brüllte der Sowjet. “Auch der Deutsche! Jetzt wird gefeiert!”, Raul und Camilo servierten das zweite Staatsgeschenk: eine Fünf-Liter-Pulle Kartoffelschnaps, von dem Chruschtschow behauptete, dass es sich um Wodka handle. Die Mittagshitze kroch durch die Fenster, als der Kanister den letzten Schluck ausspuckte. Ich hatte mir all die hundert Gläschen in den Kragen geschüttet und war nüchtern wie das Neugeborene einer Zeugin Jehovas. Nur mein Hemd war nass und stank entsetzlich nach Taiga. Die frisch-

Di,Do 10-19 Uhr, Mi,Fr 10-20 Uhr Sa 10-16 Uhr, Mo geschlossen www.unternehmenform.de Nesenbachstr. 48, Tel. 0711.236.19-40 hinterm Tagblatt-Turm, Parkvergütung 1h Parkhaus Eberhard-Passage


gebackenen Kommunisten und der dicke Russe lagen unter dem Tisch. Ich tat, was ich tun musste: Schnell entschärfte ich die Atombombe und warf den Zünder aus dem Fenster. Dann legte ich mir Che über die Schulter und eilte mit dem Bärtigen huckepack zu dessen Auto. Der Jeep ließ mich nicht im Stich. Ich raste zum Hafen. In diesem Augenblick gab das chilenische Frachtschiff NERUDA das Signal zum Auslaufen. Ich hastete humpelnd mit meinem besoffenen Gepäckstück über den Kai und bekam im letzten Moment eine der soeben gelösten Leinen zu fassen. Zwei Chilenen zogen uns an Bord. “Ist das nicht Ernesto Che Guevara?”, fragte einer der beiden Matrosen. “Sehr richtig”, antwortete ich und schraubte meine ausgekugelten Arme zurück in ihre Pfannen. “Sorgen Sie dafür, dass dieser Mann in Südamerika weitere Revolutionen anzettelt, er taugt nicht zum Beamten”, sagte ich und sprang in das Hafenwasser. Ich fuhr mit dem Jeep zurück in die WG, rollte meinen Schlafsack zusammen, schrieb Fidel einen Abschiedsbrief und ging zu Fuß zum Malecon. Ich verscheuchte ein paar Jugendliche von ihren LKW-Schläuchen, mit denen sie im Wasser herumtollten und band mir daraus ein Floß zusammen. Drei Tage später hatte ich Key West erreicht. Ich trampte nach Miami und nahm den nächsten Flieger nach Berlin.


boris guschlbauer martin rühling

freestyle!

In der Mensa der Universität Kopenhagen ist der Sex ausgebrochen. Überall wohin man sieht, läuft die Personifizierung der Sünde. Trotzdem essen wir Salat statt Mösen!


Warum heißt der Stuttgarter Feuersee genug für zwei. Oder drei.” Worauf der Alte, “Feuersee”? Wie bekam er diesen Namen? schon in schärferem Ton, ihn anfuhr: “Weil Das war so: es sich geziemt, dem Alter den Vorrang einzuräumen. Einen Schritt zur Seite zu Als der Stuttgarter Westen noch wild war, gehen, stehenzubleiben, die Respektsund seinen Namen Wilder Westen noch person passieren zu lassen und mit einer verdiente, war es üblich, dass man an - zumindest angedeuteten - Verbeugung zu dieser Stelle kleine Gefechte austrug. grüßen.” Damals hatte jeder Stuttgarter, der etwas Der Junge darauf, indem er hell auflachte: auf sich hielt, eine Waffe dabei, wobei es “Ha, wie komme ich dazu, dich respektsich nicht um eine Pistole handeln musste, voll zu grüßen? Auch wenn du alt bist und sondern einfach etwas, womit man drohen ich jung. Weiß ich denn, ob du in deinem konnte. Zum Beispiel eine Schachtel Leben schon etwas geleistet hast, das Kakerlaken oder Insekten. Oder faulige meinen Respekt verdient?” Lebensmittelabfälle. Aber manchmal eben Worauf der alte Mann in die Tasche seines auch Pistolen. Rockes griff und die Waffe zog, die ihn Und da es darauf ankam zu drohen, und wahrscheinlich schon in den letzten Krieg nicht sich gegenseitig zu verletzen, wurde begleitet hatte. hin und wieder ein Schuss in den See “Wenn mein Alter dir keinen Respekt einzuabgegeben. flößen vermag, Rüpel, dann vielleicht diese Man beleidigte sich eine Weile, drohte mit Bewaffnung?” dem, was man dabei hatte, und feuerte Worauf der Jüngling einen weißen, danach in den See oder warf rein, was fleckigen Stofffetzen aus seiner Tasche man sonst so dabei hatte. Alle Konflikte zog, der erst nach mehrmaligem Hinsehen wurden so ausgetragen: Zwischen Alt und als Unterbuchse zu erkennen war. Jung, Männern und Frauen, Gymnasiasten “Alter, wenn du mir Angst einjagen willst, und Volksschülern, Royalisten und Demo- mit deiner Kanone, dann habe ich die kraten, Studenten und Maurergesellen ... passende Antwort parat: meines GroßÜberall sonst war man freundlich zuein- vaters Unterbuchse. Er hat sie mehrere ander. Wer also einen Konflikt scheute, Wochen getragen, und sie ist imstande, dir mied den See. Und wer eine große Wut im für mindestens sechs Monate GeruchsBauch hatte, nahm schon mal einen Um- und Sehsinn zu nehmen, wenn ich sie dir weg in Kauf, um am See seine Aggression ins Gesicht schleudere.” abbauen zu können. Worauf der Alte seine Waffe auf das Diese Möglichkeiten machten aus den Gemächt des Jungen richtete. Stuttgartern sehr ausgeglichene und “Mag sein, dass du mich blind und zufriedene Menschen. geruchstaub machen kannst, SpringinsWie ging es aber zu am See? Was pas- feld. Doch ich habe in meinem Leben sierte, wenn ein alter Mann und ein Jüngling wahrhaftig genug gesehen und gerochen einander begegneten? Nun, es konnte eine von dieser Welt. Ich frage mich nur, ob DU ganze Menge passieren. Es konnte zum genug Kinder gezeugt hast in deinem Beispiel sein, dass der alte Mann sprach: Leben. Ich denke also, dass es dich härter “Junge, geh mir aus dem Weg!” Worauf trifft, wenn ich dir deine Eier wegschieße.” der antwortete: “Weshalb soll ich dir aus Worauf der Jüngling den Fetzen sinken dem Weg gehen, Alter, hier ist doch Platz ließ und sprach:


“Gut, Alter, wollen wir es nicht darauf ankommen lassen. Sollen der See und alles, was darin schwimmt, entscheiden, was schlimmer ist.” “So sei es.” Dann warf der Junge die Unterbuchse in den See, und der Alte gab einen Schuss darauf ab. Darauf gingen beide schweigend, aber tief zufrieden und mit einem Gefühl des Triumphes auseinander. Und die Sache war vergessen, bis zum nächsten Zusammentreffen mit einem Kontrahenten. So bekam der See im Stuttgarter Westen den Namen “Feuersee” und es war nicht unüblich, dass man - auch Jahre, nachdem die Sitte schon gar nicht mehr existierte in den Leibern verendeter Fische und Enten Patronenhülsen oder Stofffetzen fand. Ja, damals lebte man noch friedlich in Stuttgart. Eine Frau, deren Mann wegen nichts einen Streit vom Zaun brechen wollte, konnte sagen: “Lass deine Wut am Feuersee aus und komm wieder, wenn du ruhiger bist.” Dann gab sie ihm ein paar verfaulte Kartoffelschalen oder holte seine alte Pistole aus der Kommode. Ja, damals lebte man noch friedlich in Stuttgart, und es gab auch wesentlich weniger Scheidungen. Damals, als der Feuersee seinen Namen bekam.

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Zeitloch, Halluzination, Flashback - ich kann dich riechen, höre dein nicht wirklich menschliches, abgefahrenes, geiles Stöhnen, knalle in Gedanken mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte und aus meiner Kehle kommt in derselben Tonlage im selben Rhythmus der gleiche Laut. Bin nicht in der Lage, heute und hier irgendetwas für mein Geld zu tun. Und nun geehrtes Publikum kommt der Gedankensabber, der mir entlief, als ich mich nach Stuttgart begab. Süchtigmachende, geile fuckscheißdrogedu. Disziplin, Dispilzin, Pizlipind, Dindlipiz. Scheiß Wort geh weg. Du hast es geschafft, totale Gehirnerweichung. Heute nix mehr Plan oder so. Ups, fünf Minuten in die Leere gestarrt und nix gedacht. Das muss aufhören, denn wenn ich denke, sehe ich intelligenter aus. Außer vielleicht beim Ficken (die Logik erschließt sich nicht auf den ersten Blick, wenn überhaupt). Fickenfickenfickenfickenfickenfickenfickenfickenfickenficken fickenfickenfickenfickenfickenfickenfickenfickenfickenficken Zug fahren, richtiger ZugZug, nicht S-Bahn. Es pisst und ich fahre rückwärts. Ein rotes Auto leuchtet auf in trüber Pissregen-Luft, fährt langsamer als der Zug in abweichendem Winkel eine baumbestückte Landstraße in gleicher Richtung, jedoch vorwärts. Mindestens zwei Punkte von Liste müssen schärfstens verfolgt werden. Linszidip. Drei Tage, von mir aus auch zwei, unbedingt, dringend, bald, sofort. Dein schiefes Faltengrinsen macht mich weich wie KleenexFeuchttuch. Wenn der andere Mundwinkel sich dazu gesellt und in meine Richtung gesendet wird, dann ........ grüner Wackelpudding mit kleinen roten, pfeildurchbohrten Herzen drin.


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CEE MICHAEL SOHN

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Impressum metastabil 4.0 Anschrift: metastabil@Michael Sohn, Gutenbergstr. 80, 70176 Stuttgart metastabil@Markus Ebinger, Gutenbergstr. 18, 70176 Stuttgart Mail: metastabil@lycos.com Herausgeber: Markus Ebinger und Michael Sohn Chief Executive Editor: Michael Sohn Gonzo Factor: Markus Ebinger Commander of Arts: Timecrusher Wizard of Words: Mario Loncar Illustrative Engineering: Till Sperrle Additional Person: Thomas Wörner Anzeigen: Michael Sohn 0711-3166667 Auflage: 1200 Dies ist keine Veröffentlichung im Sinne des Presserechts. Alle Rechte der Beiträge bleiben bei den AutorInnen. Die Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Keine Haftung für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos!


metastabil 04, reissue 2009

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