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zeitschrift mit texten / 3.0: sommer 00 kostenlos


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timecrusher: Graphix

Martin Armbruster: Illustrationen


Markus Ebinger, Michael Sohn: Herzlich Willkommen

“While there is a lower class I am in it. While there is a criminal element I am of it. While there is a soul in prison I am not free.” Eugene Victor Debs (1855 - 1926)

metastabil 3.0 wieder mit Texten und so. Schön ausgewogen diesmal. Die nächste Seite bitte mit großer Aufmerksamkeit lesen. Und dann aktiv werden. Mit dabei: Bdolf, Johannes Finke, Silke Hegemann, Jörg Scheller, Nadia Abou-Aly, Boris Guschlbauer, Stefan Trinkl, loon, Steffen Beck, Justin Larutan, Martin Armbruster (Illustration), Martin Weiss, Frank Bröker, Kurt Russell, Jan Krämer, Daniel Vujanic, Martin Rühling, Ed, Orlando Gammes und Axel Vesper. Man muss immer weiter... metasummer

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metastabil: ÖVP/FPÖ? Nicht mit uns!

Habt Ihr sie nicht auch satt?! Die Schufte von der ÖVP/FPÖRegierung? Die österreichische Opposition ist bei ihrem Kampf gegen diese Gauner auf jede Unterstützung angewiesen. Der Widerstand hat sich im Netz formiert. Einige Adressen:

www.gettoattack.at get to attack wendet sich gegen die Institutionalisierung von Rassismus, Sexismus und Nationalismus. get to attack propagiert die aktive Vernetzung von Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen mit dem Ziel einer offensiven Politik.

www.widerstand.at widerstand versteht sich als eine politische Website und offene Kommunikationsplattform. widerstand ist für jene gedacht, die nicht darauf verzichten wollen, in demokratischen Alternativen zu denken, zu schreiben und zu handeln.

www.popo.at popo steht für politische Potenziale (Move your popo and your ass will follow!). popo sieht aufgeklärte, humanistische, liberale Geisteshaltungen in der österreichischen Gesellschaft bedroht. popo will mit verschiedenen Aktionen dem in der österreichischen Gesellschaft weit verbreiteten Schweigen eine Ende bereiten. Auf den genannten Sites finden sich zahlreiche Links zu weiteren Adressen. Besucht die Websites! Unterstützt die wackeren Widerständler! Haltet die Augen offen! Kämpft!

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salon ZADU bar präsentiert:

metastabil 3.0 Release-Party Mittwoch 7.6.2000 um 20 Uhr (Eintritt frei) Lesung mit Frank (Münster/Westfalen) Daniel Vujanic (Stuttgart/Pula) und spezial guest.

Bröker

Vodka Drinking Performance von Markus Ebinger und Michael Sohn.

Bei entsprechender Wetterlage im idyllischen Hinterhof.

Reuchlinstrasse 4B 70178 Stgt. Tel: 0711-61 23 62 Mo - Do: 18 bis 1h Fr - Sa: 18 bis 2h So: 10 bis 1h


Bdolf: Traumsequenz Nummer sieben

Dem unbefangenen Betrachter ist kein Zweifel möglich: Heroin und das Frankfurter Kreuz gehören untrennbar zusammen. Unser Empfinden brennt es uns mit der Gewalt zu Grau erstarrter Sonnenstrahlen ins Gehirn. Je näher wir uns dem Autobahnkreuz nähern, desto unumstößlicher wird diese Wahrheit. Die Farben weichen aus der Welt und unsere Haut beginnt unerträglich zu jucken. Die Kilometer schmelzen ab und wir fangen an in unseren Körpern nach Endoparasiten zu jagen. So muss Autofahren sein. Die Verkehrsschilder mit den Kilometerangaben werden zum letzten Vermächtnis von Adolf Hitler. Die Geschwindigkeit pulsiert, statt der Bundesautobahn könnte es auch ein den Kältetod gestorbener Kosmos sein. Wir schweigen, denn angesichts der bis auf die stets vorhandene Geschwindigkeit vollkommenen Erstarrung, einem Stillstand, ernster als und weit jenseits des Todes angesiedelt, ist jeder Versuch einer Verständigung sinnlos, wir besitzen keine Münder, keine anderen Körperöffnungen, wir sind nur noch weit offene Adern, Zellen mit brachliegenden Rezeptoren, wir warten auf die Injektion, die wenigstens kurzfristig unser abgestürztes System wieder ticken macht. Biobug. Es wohnen sogar noch Menschen am Frankfurter Kreuz. Das ist wie Heimat. Nicht weit vom Autobahnkreuz stehen fünf Häuser. Im ersten wohnt Päderast und seine Frau, danke, sie haben erbgesunden Nachwuchs. Um die mehr verschwiegenen Triebe kümmert sich der OTTOKATALOG mit seinem breiten Angebot an Kindergummigenitalien. Im zweiten wohnt Sodomit und seine Frau, Tierhaltung wird im Augenblick noch sehr massiv von der Europäischen Union bezu6

schusst, lohnt sich, ist aber nur Nebenerwerbslandwirt. Im dritten wohnt Gummifetischist und seine Frau, die seine Leidenschaft nicht teilt, haben einen OTTOKATALOG, danke, alles kein Problem, nein. Im vierten wohnt Soziopath (Deutsches Nationaldenkmal) und seine Frau, die seine Leidenschaft teilt. Im fünften wohnt die Fixer-Land-WG vom Frankfurter Kreuz, wenn’s Geld nicht reicht geht’s in die Garage zum Abluft schnüffeln. Sex spielt nicht so ‘ne Rolle, nee.


Johannes Finke: Vielleicht mit Waffen

Einfach nur Wordsworkstation. Kann nicht sagen, was es ist. Beschleicht mich ein Gefühl bei Nacht. Ich hatte gedacht: jetzt ist es soweit! Was, wenn ich nicht bereit bin. Hatte meine letzte Geschichte geschrieben und sie hatte kein Ende. Ich war versucht zu glauben: das ist keine Geschichte. Das kann überhaupt keine Geschichte sein! Warum streckt mich nicht ein Blitz zu Boden? Ich gehe über auf ein anderes, schnelleres Programm. Hatte Haifische in meinem Kopf und es fiel mir nichts dazu ein. So ging ich summend einen Sutra suchen und fand ihn ganz versteckt in meinem Kopf. In sieben Sekunden von Null auf Hundert und ich war wieder wach. Ein kleiner Kratzer an der richtigen Stelle. Es ist eine Schande: so geht man nicht ein. Meine Nachbarn klauen mir die Post (glaube ich manchmal). Warte vergebens. Höre Lieblingsmusik. Möchte mir den Kopf wegschießen. Ich schreibe. Ich atme. Ich liebe. Ich lebe. Ich esse ungesunde Kost. Geben Sie den Code raus! Glauben Sie an Außerirdische? Gibt es Gott? Wer macht bei Nacht das Licht aus? Sternzeichen Krebs. Oder Autobahn. Es verblasste hinter my new shape of punk to come. Was denken Sie über Atomkraft? Spielt Ihr Kind mit Waffen? Schämen Sie sich wenigstens manchmal über das, was Sie denken? Hatten Sie Gelegenheit, sich mal näher kennenzulernen? Mich verließen die Geister bei nur fünfzig Stundenkilometern. Kein Spannungsbogen, der sorgfältig gespannt wurde. Ich habe Vertrauen in das Gemeinsame, ohne das Gemeinsame zu kennen. Irgendeiner hatte die Liebe an der Garderobe abgegeben und bekam dafür die dreizwölf. Meine Damen und Herren, sehr verehrte Nachbarn. Sie hatten Gelegenheit mich kennenzulernen. Fuck-Focus und Nachtblindheit. Meine Fenster waren viel zu schmutzig. Mein Wagen um die Ecke geparkt und meine Post kam auf unsichtbarem Wege. Wer hat jetzt vergebens gewartet? Ich nicht. Ich war zum richtigen Zeitpunkt da. Und ich komme wieder. Vielleicht mit Waffen.

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Silke Hegemann: Happy Weekend

Es ist Samstag, ich bin bei meinem Freund. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, sechzig Kilometer sind eine lange Strecke, wenn man kein Auto hat. Ich war richtig aufgeregt bevor ich hergekommen bin. Ich habe meine Spitzenunterwäsche an, meine Beine sind frisch rasiert, ich rieche nach seinem Lieblingsparfüm - ich habe mich gut vorbereitet, sogar die Pille habe ich regelmäßig geschluckt und dabei. Den ganzen Weg in der S-Bahn habe ich mir vorgestellt, was ich mit ihm anstellen werde... Jetzt bin ich hier. Es ist still im Zimmer, nur ab und zu erklingt das Klirren von Schwertern, hin und wieder ein Todesschrei. Und ganz oft flucht mein Freund. Er sitzt vor seinem nagelneuen Computer, letzte Woche hat er ihn gekauft, ganz billig. Und Aldi-Computer sind ja auch nicht schlecht. Außerdem braucht er ihn nur zum Spielen, sonst will er nichts damit machen, denn im Prinzip boykottiert er diesen Technik-Scheiß. Er fühlt sich wie ein Anarchist, wenn er mit stolz geschwellter Brust solche Sätze ablässt. Momentan ist mein PC-Anarchist damit beschäftigt, durch unterirdische Höhlen, Verließe und Höllen zu ziehen, um den Herrscher der Finsternis und seine Kumpanen zu besiegen und die Welt zu retten. Er starrt konzentriert auf den Bildschirm, seine Augen sind schon ganz rot. Das kommt allerdings nicht nur vom Starren, mein Freund ist auch ein großer Kiffer vor dem Herrn - vermutlich ist das auch ein Grund dafür, dass die Untergebenen Satans ihm ganz schön was auf die Mütze geben. Ich gehe zu ihm hinüber, lege die Arme um ihn. Knabbere an seinem Ohrläppchen, versuche ihn zu küssen. Ich habe Lust auf Sex. Der große Krieger schiebt mich unwillig zur Seite. Eine Hand an der Maus, in der anderen einen Joint - und keine an mir. “Jetzt lass doch den Scheiß, Mann”, meckert er beleidigt. “Wegen dir hab ich meinen Todesstrahl 8

daneben gesetzt!” Betroffen über meine Schandtat ziehe ich mich zurück. Ich wandere durchs Wohnzimmer, durchquere ein Gebirge aus Salz, das sich auf dem siffigen Flokati ausdehnt - eine Erinnerung an bessere Zeiten, als bei wildem Sex auf dem Teppich noch so manche Rotweinflasche ihr Leben lassen musste und ihren Inhalt fröhlich plätschernd auf den Boden entließ. Vor dem Vogelkäfig mache ich eine kurze Pause, dort wohnt Paul Wellensittich, den kann ich gut leiden. Ich stehe vor dem Käfig und sehe hinein. “He, Paul”, sage ich und klopfe gegen das Gitter. Paul sagt nichts, er liegt auf dem Boden, seine kleinen Beinchen mit den winzigen Krallen streckt er in die Luft. “Hoppla. Ist Paul tot?” frage ich. So wie er riecht schon. Naturjod S11 konnte ihn nicht retten. Der Held dreht sich nicht mal um, er hat keine Zeit. Was ist schon ein Wellensittichleben gegen die Rettung der Welt, die in seinen Händen liegt? Also werfe ich noch einen bedauernden Blick auf Paul und verschiebe eventuelle Nachforschungen auf später. Mal sehen, was das Kabelfernsehen heute zu bieten hat. Ach nein, scheiße, er hat ja gar kein Kabel - ich kann mir also nur öffentlich-rechtlich den Verstand rauben lassen. Und das


dauert auch nur zwei Minuten, dann beschwert sich der Krieger, dass er die heimtückischen Mumien nicht mehr hört, die in den Höhlen rumschleichen und ihn nun beinahe getötet hätten. Nervös zündet er sich einen neuen Joint an, seine Augen sind ganz glasig. Ich sitze frustriert auf dem Sofa rum und nage an meinen Fingernägeln - kein Sex, kein Fernsehen, von seinen Drogen gibt er mir auch nichts ab, das ganze Styling für lau. Wenn ich das Steffi erzähle - der Typ verzichtet darauf, einen geblasen zu kriegen, um ein paar Monster zu killen! Männer. Ich nehme mir meine Jacke und gehe. An der Tür werfe ich noch einen Blick auf den PC-Helden, er schwitzt wie ein Schwein, unter seinen Achseln breiten sich tellerminengroße Flecken aus. Auf dem Bildschirm verendet eine geflügelte Hexe in einem See aus Blut und Gedärmen. Majestätisch ruht das Salzgebirge auf dem Flokati, die untergehende Sonne färbt es in gleißendes Orange, sehr romantisch. Paul vermodert weiter in seinem Käfig, so lange bis seine Mutter zum Aufräumen kommt. Ich wende mich ab und laufe zum Bahnhof. Vielleicht erwische ich ja noch Sonja und Natascha, dann könnten wir noch so richtig was trinken - das wird mir mehr Spaß bringen. Vermutlich hätte er sowieso keinen hochgekriegt, das wäre nichts Neues, seit er gegen die Armee der Finsternis kämpft. Die geflügelten Schlampen rauben ihm seine Manneskraft. Naja, sollten sie sich entschließen, sie ihm wiederzugeben, müssen sie ihm eben einen blasen, bis in die tiefsten Tiefen der Hölle. Die Vorstellung gefällt mir, ich muss lachen. Ich glaube, das Wochenende wird doch noch ganz nett.

Kaltland Beat ist die umfangreichste Poetry-Slam-Compilation. Ein Buch wie ein Clubabend, ein Mix: hinterher verwischen sich die einzelnen Tracks, aber der Sound war gut. Musik zum lesen. BAYERISCHER RUNDFUNK Eine der wichtigsten Anthologien der deutschsprachigen Pop- und Sub-Literatur der letzten Jahre. JUNGE WELT Raptexte zeigen, dass die literarische Subkultur ihre Themen aus dem hier und heute nimmt und den Zeitgeist aufgreift ... Der ultimative Guide für die Slam Poetry Scene. PRINZ

KALTLAND BEAT NEUE DEUTSCHE SZENE Herausgegeben von B. Kerenski & S. Stefanescu 400 Seiten, 39,80 DM Ithaka Verlag, Stuttgart 1999 ISBN 3-933545-07-2

Die Auswahl unterwandert die Ausschliessungsverfahren der institutionalisierten Literaturkritik, die Hierarchie ihrer Maßstäbe. Sie gibt einer literarischen Landschaft der Differenz ... Raum. DIE WOCHENZEITUNG (Zürich) Aus dem Nebeneinander von literarischen Texten und kritischen bis selbstkritischen Reflexionen erwächst die Qualität dieser Monographie. TAZ Vielleicht ein Kultbuch. NEUE LUZERNER ZEITUNG

www.ithaka.de


Jörg Scheller: bonbonstreuselseelenmeer

nicht wissend, was tun doch loser körper kann niemals ruhen wird verfolgt, gezerrt, getrieben bis die zahnräder blankgewetzt wo sind die relikte des urs verblieben wer hat ihn an die sucht verpetzt? beginnend tag mit wahl der marmelade die meistens mehr als einmal da verblasster zug der maskerade vision des leeren kanada treibt loser körper, treibt durch schall und all hält mancherweil sich fest an kabeln mit rußgeschwärzter mienenrotation will endlich sich dem wind entnabeln und klingen, singen im urenknall von fall zu fall, von drall zu drall jubilieren tränenreigen in der leere an weidenkätzchenzweigen manifestiert der tropfen seine schwere und kostend, naschend, hier und da bedienend auch durchaus manchmal rastgenuss siehst in der ecke luzifer du grienen? ich bin mir sicher, denn auch ich muss verlockung wie ein bonbonstreuselseelenmeer die taucherbrille voll der bunten riesenkeit schwimmt hin, schwimmt dort, schwimmt hin und her doch hat man ihn vom schmackesnerv befreit entnahm unmerklich ihm den magen entzog heimlichst ihm die klagen schabte ab die imprägnierte seriennummer strich aus seinem herzen kummer seitdem schwimmt er hin und her im bonbonstreuselseelenmeer.

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Nadia Abou-Aly: PHOBien I

Ohne zu wissen, warum sie es wusste, war sie sich sicher, dass sie gestern Abend zu viel Wacholderschnaps, viel zu viele Zigaretten und mindestens ein menschliches Wesen zu viel genossen hatte und dass die sehr große Kakerlake dort in dem pinkfarbenen Plastiksieb auch nichts zu suchen hatte. Sie schauten sich in die Augen und erröteten beide leicht. Die Kakerlake hatte nix an, sie nur einen schmuddeligen Bademantel mit dem aufgestickten Namen einer Hotelkette. Beschämt versteckte sich das Insekt hinter einem welken Salatblatt. Ginger schaute sich rasch um, verließ eiligen Schrittes die Küche ihrer Bekanntschaft vom Vorabend und kehrte zurück in ein dunkles Zimmer, von dem sie hoffte, es sei seines (oder ihres). Sie hatte kein Glück. Nachdem sie den tintenschwarzen, stickigen Raum betreten hatte, rutschte sie aus und knallte mit dem Kopf gegen etwas sehr Hartes. Pünktchen mit Fühlern und Turnbeuteln umschwirrten ihr schmerzendes Hirn, piksten sie in die Schläfen und lachten hämisch. Sie rappelte sich auf und kotzte in einen Kosmetikkoffer. Verwirrung und Übelkeit umwaberten sie wie geschmolzene Jelly Beans. Mit zitternden Knien wankte sie auf die mit ultraviolettem Licht beschienene Toilette, sah in einen fleckigen Spiegel und erblickte zu ihrem Entsetzen rotgeäderte Augenschlitze, einen grünen Popel auf der rechten Backe und ein Stückchen halbverdautes Kebabfleisch im Mundwinkel. Eklig. Schnell wandte sie sich ab. Die Kakerlake war ihr gefolgt, putzte sich neben ihrem nackten Fuß die Zähne und hatte eine Gurkenmaske im Gesicht. Die Panik kam wie eine böse Welle, und Ginger kreischte. Die mittlerweile fertig geschminkte und angezogene Kakerlake sah sie verständnislos an und tippte ihr behutsam auf den kleinen Zeh. Ginger verlor den allerletzten Rest ihrer Fassung und hopste mit einem 5-Meter-Satz auf den Flur, wo sie volles Programm mit einem müde aussehenden, menschlichen Wesen zusammenkrachte. Das Wesen sagte etwas. Sagte etwas ein wenig lauter und schüttelte Ginger. Ginger schrie: “Beschämtes Ungeziefer!” Und riss sich den Bademantel herunter. Das Wesen haute ihr eine runter. Ginger rammte dem Wesen ihren Schädel in den Bauch und verlor die Besinnung. Als sie wieder zu sich kam, sah sie einen weißen Kittel und spürte, wie ihr ein weicher Fühler sanft den grünen Popel von der Wange wischte.

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Boris Guschlbauer: Am Ufer

Oft stehe ich am Ufer eines Flusses und blicke auf die braunen, dreckigen Wassermassen, die auf dem Weg ins Nirgendwo sind. Am Schönsten ist es nach der Schneeschmelze und der Regenzeit, wenn das Wasser bis an den Rand der überdimensionalen Regenrinne ansteigt. Ab und zu werden auch Dinge wie Autoreifen, Kanister, Fußbälle, Holzstühle, Müllsäcke und Bierdosen angespült, die ganz anonym, jeder Gegenstand mit eigener Geschichte, an mir vorbei schwimmen und sich einen Anlegeplatz suchen. Ich stehe dort oft stundenlang, und noch heute warte ich auf meine erste Wasserleiche!!!

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Boris Guschlbauer: Gericht

Neben mir sitzt mein Anwalt. Er heißt miese Laune und wird dick und fett. All diese Tage vor Gericht lassen einen bleibenden Eindruck in mir haften und verwandeln meine Gedanken in innereienfressende Monster. Und nie lautet das Urteil: Freispruch!!!

Ratzer Records, Paulinenstr. 44, 70178 Stuttgart, Tel 0711 / 61 63 52

Jeden verdammten Tag sitze ich vor Gericht und muss mich für etwas verantworten, für das ich absolut unschuldig bin.


Stefan Trinkl: Nichts und H-Milch.

Stadtbahnhaltestelle Marienplatz, Mittwoch morgen, 8.33 Uhr. In stummer Agonie versammeln sich Wartende am Bahnsteig. Ein kalter Wind fegt durch die Ödnis. Die Wartenden fokussieren nichtexistente Punkte irgendwo zwischen den schmutzig grauen Oberleitungen. Geben vor, Zeitung zu lesen. Kramen in den Tiefen ihrer Manteltaschen. Finden zerknüllte, gelblich-weiße Taschentücher. Entleeren geräuschvoll ihre Nasenlöcher. Verfallen in Resignation. Und warten. Ich stehe ganz am hintersten Ende des Bahnsteigs, kurz vor dem gähnenden Schlund des S-Bahn-Schachts. Und warte. Lausche klang-gewordenen Alpträumen, die aus der Unterwelt städtischer Verkehrsverbünde an mein Ohr dringen. Ich lasse den Blick schweifen über Müllkörbe, diese orangefarben schreienden Mahnmale der Hässlichkeit, und faschistoide (jawoll) Schienenschwellen. Die nylon-anorakige Unförmigkeit einer rot-wangigen Frau mit Schnurrbart macht mich ungeheuer müde. Ich senke die Lider. Und dämmere. Und warte. Und atme. Und warte. 2, 3 Minuten vergehen. Dann, plötzlich, empfange ich ein Alarmsignal! Irgendetwas, irgendwer durchbricht die Gemeinsamkeit stiftende Reglosigkeit der Wartenden. Ich sehe einen Mann Ende Vierzig, vielleicht 1,75 groß, mit viel zu braunen Augen und einem wachen, gutgelaunten Gesicht mit leisem Hang zum Frivolen. Er trägt Mütze, einen dunkelgrünen Lodenmantel, hellbeige Schuhe und eine braune, leicht abgewetzte Ledertasche, die schon Legionen schwitzender Käsebrote viele Kilometer weit befördert haben mag. Der Mann steht nicht. Er sitzt nicht. Er läuft. Auf und ab. Ganz nah an den Wartenden vorbei. Sieht ihnen frech mitten in die starren Gesichter. Degradiert sie mit seiner aufdringlichen Agilität zu Installationen. Der Mann bewegt sich in meine Richtung. Sein Gang ist

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- Entschuldigung - voller Musik. Nicht nur die Beine gehen, sondern der ganze Körper, wobei jedes Körperteil einem eigenen Rhythmus folgt und in verschiedene Richtung zu drängen scheint. Beinahe obszön federt er aus den kurzen Beinen, schlenkert seine braune Ledertasche wie ein kleiner Junge durch die Luft und sieht mich herausfordernd an. Ergötzt er sich an meiner Unsicherheit? Will er, daß ich als erster den Blick senke? Er geht an mir vorbei und berührt mich fast. Ich kann ihn riechen: Er riecht nach... Nichts. Meine Nackenhaare reagieren. Der Mann kommt zurück, mustert mich erneut, schlenkert, schlendert, läßt mich links liegen, gefällt sich in der Hauptrolle seines Films, genießt meine mühsam vorgetragene Gleichgültigkeit. Mit jedem seiner schlenkernden Schritte wächst meine Wut. Schon nehmen die anderen Wartenden die atmosphärische Veränderung wahr, erwachen aus ihrer Lethargie, beginnen sich zu bewegen, schauen auf die Uhr, rutschen unruhig hin und her. Eine feiste Frau unternimmt gar die Ungeheuerlichkeit eines Gesprächsversuchs, vergeblich, zum Glück. Ich schaue auf die monströse LED-An-


zeige. Noch drei Minuten bis die Bahn kommt. Wahnsinn. Der Mann macht wieder kehrt, schlenkert, schlendert, wackelt gedankenverloren, sieht in die Luft, gibt vor, angestrengt nachzudenken, ganz der in höheren Sphären schwebende Musikprofessor, der er nie war. Sieht mich an. Sieht die anderen an. Lächelt milde. Und kommt auf mich zu. Schweißperlen auf meiner Stirn. Etwas wird passieren. Knarzend spannt sich eine Feder in mir. Sanft schlägt die braune Ledertasche des Mannes beim Gehen an seine Wade. Ist er Arbeitsberater? Erdkundelehrer? Straft er die Eskapaden seiner pubertierenden Tochter mit freundlicher Überheblichkeit? Quält er seine Frau mit routinierter Fürsorge? Er kommt weiter auf mich zu, interessierten Blickes. Ich höre die Fahrstuhlmusik seiner Gedanken, fühle das Grün des abgewetzten Teppichbodens seiner 3-ZimmerWohnung. Die Feder spannt sich knarrend weiter. Etwas wird passieren. Muss passieren. Weiter und weiter kommt er auf mich zu. Schon sehe ich das gelbliche Weiß seiner Zähne, er ist nah, ganz nah. Dann streift seine hellbraune Ledertasche frech mein Bein und ich rieche Nichts und dann einen winzigen Hauch von H-Milch, ganz deutlich. H-Milch! Alles in mir verkrampft sich. Es passiert. Die Feder spannt sich ächzend, knarrend, ein letztes Mal, bis sie bricht. Ich drehe mich um, bin in Sekunden bei ihm und unter Endorphinschauern schlage ich ihm mit der ganzen Kraft verpasster Autobahnausfahrten, verfrühter Ejakulationen und misslungener Gebrauchtwagenkäufe meine knochige Faust mitten ins Gesicht. Etwas knackt. Er geht zu Boden. Hellrotes Blut schießt aus seinen Nasenlöchern. Lächelt das Schwein etwa? Die Stadtbahn kommt. Ich steige ein.


loon: Das Haus, es roch.

Dessen Ausdünstungen saßen längst tief in seiner Lunge, sowie die Wände ringsum seine feuchtwarmen Gerüche atmeten. Nachts, in guten Momenten, waren sie eins, die aus seiner liegenden Perspektive betrachtet steil um ihn herum aufragenden Wände und er, waren sie nichts als verdinglichter Geruch, waren sie nichts als Geruch aus verdichtetem Atom. Zumal, die ohnehin zahmen Hauswinde zogen lange nicht mehr die stehenden Luftschichten durchmischend und fremde Aromen mit sich bringend durch das stumpfe Fenster in seine Kammer, zu mühsam, jene sich fast an der Zimmerdecke befindliche Luke zu öffnen. Keinen Luftzug spendend also, doch die Illusion von Oberlicht verbreitend, brachte die kleine Öffnung jedoch vor allen Dingen das Leben zu ihm. Es kam zu ihm auf Füßen, in Form von Füßen, vorüberhastend, eilend, hüpfend, schlendernd, humpelnd. Er erkannte sie allesamt, konnte dem jeweiligen Gang, dem Schuhwerk, der Größe des Fußes einen Charakter zuschreiben, ein Alter, eine Persönlichkeit, ein Gesicht. Doch hatte er jenes noch nie gesehen. Seit geraumer Zeit kamen sie, stiegen sie herab zu ihm. Brachten fremden Atem, fremde Geräusche. Aufruhr. Er konnte sie hören, auf der Kellertreppe, eilende Schritte, so unerträglich jugendhaft, darin beeinträchtigt nur durch die Last auf ihren Schultern. Er konnte sie riechen, die schmutzigen Höschen, schwählenden Socken und ausschwitzenden Pullover, schon jetzt und trotz der sie noch trennenden Türe. Vor jener Türe, er war sich dessen gewiss, würden sie kurz zögern, sich einem Moment des kurzen Stockens und Innehaltens der Bewegung nicht entziehen können. Atemlos, lauschend. Der Spiegel letztlich zwang ihn, den ersten Blick auf sie zu tun. Trotz dieser Zwischeninstanz sah er sie sofort, die Angst in ihren Augen. Angst und Abwehr ob seiner sie seinerseits fixierenden tauben Augen im Spiegel und seiner vermeintlich erbärmlichen, ihnen rückwärts zugewandten Gestalt. Ihre Münder, mochten sie sich auch einen Gruß formend bewegen, verschwanden fast gänzlich unter dem Eindruck dieser abwehrenden und abwertenden Augöffnungen. Hatten sie doch auch solch schmale Lippen. Ganz anders als einst die Mutter, die Ehefrau. Auch er hatte sie gehabt. Einst. Sie stand noch immer da und schaute ihn an. Seit zwei Jahren war er tot.

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Steffen Beck: X-mas forever

du bist wie diese ritterburg stolz trutzig unbezwingbar und dennoch nur aus plastik die hab ich mir als kind zu weihnachten gewĂźnscht jahr fĂźr jahr ich hab sie nie bekommen seitdem baue ich luftschlĂśsser.


Justin Larutan: Entwurf für eine zukünftige Safer-Sex-Kampagne

Kursiv gedruckte Stellen: abhängig von der Zielgruppe, Unzutreffendes streichen. Wir hatten nichts an. Unsere Leiber ineinander verschlungen, wälzten wir uns auf dem Boden, der war hart und einladend kühl. Endlich verschwanden die letzten Zweifel, das ewige ‘Hätte ich nicht...?’, ‘Sollte ich...?’, ‘Kann ich jetzt...?’ Da waren keine hindernden Gedanken mehr, alle Vorbehalte und Ängste implodiert wie ein eingetretener Fernseher: Augenblicklich war das falsche Programm weg, und die Stille verzaubert vom Geruch, dem Salzaroma eines ach so unbekannten Körpers. Das erregt atmende Geräusch ihrer (seiner) Nähe löschte die letzten Bedenken. Es war nicht mehr wichtig, ja doch ewig getrennt zu sein, es war einfach alles, wie es sein musste und nur sein konnte. Endlich: Wir ruhten, erhitzt von der Gegenwart des anderen, in sanfter Umarmung, badeten in warmer, duftender Nähe aufregend fremder Haut. Da war auch Musik: Geteilte Gier verging im Sog des Augenblicks, ebbte wieder auf, schwelgerisch; endgültiges Vergessen befreite tief schlummernde Lust, und der Taumel des Entgleitens der Momente voll Zärtlichkeit und Verlangen führte uns weit hinaus in die Nacht, bis auch die letzte Kerze niedergebrannt war. ‘Vergangenes kehrt morgen wieder, jetzt ist jetzt...’ Leisen Herzschlag dicht an meiner Brust, fühlte ich im Dunkeln ihren (seinen) warmen Atem und vergaß, was es hieß, hier fremd zu sein. Als sie (er) endlich schlief, erhob ich mich leise, stand einen Augenblick im Schein des Mondes, der eigensinnig-silbern durchs Rechteck des offenen Dachfensters fiel. Ich tastete nach dem Wenigen, was mein war, und ging. Nur ein leises Lächeln des Abschieds ließ ich zurück. Sie (Ihn) habe ich nie wieder gesehen, jedoch noch oft an sie/ihn gedacht und an diese Nacht, seitdem ich erfahren habe, dass ich HIV-positiv bin.

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wilhelmsplatz 10 stuttgart-mitte fon 0711/2369099 fax 0711/2368323

montag: schontag le fonque schläft

dienstag: adapter konzepte, konzerte, dj specials

mittwoch: rhymes & riddims reggae, ska, bluebeat, soul, dancehall

donnerstag: blowshop breakbeats im freestyle

freitag: eclectic electric technoid-housig

samstag: bungalow / volt club freestyle parties / rare groove & nu jazz

sonntag: blue notes classic, nu jazz & progressive groove lounge, konzerte

einlass 20.00, dj’s 21.00, konzerte 22.00 liveacts am wochenende 00.00


Hier war eine tolle Illu von Martin Armbruster zu sehen. Die Datei ist aber leider verloren gegangen.


Vielleicht findet ihr aber ja auf Martin Armbrusters Webseite etwas das euch gef채llt: www.herrarmbruster.de


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PAULINENSTR. 44 STUTTGART TEL. 0711 / 6 15 18 00 MOBIL 0172 / 6 32 69 77 MO. - FR.: 14 - 20 h, SA.: 13 - 16 h


Martin Weiss: Eine Ode an alle Gemüsehelden

Diese Geschichte handelt von Jens Gurke und Michael Radieschen. Die zwei fröhlichen Gemüsegesellen, liefen singend und lachend durch den verbotenen Zauberwald der Reibebrettfee Schab-Dich-Klein. So manches junges und allzu übermütiges Gemüse geriet in einen Hinterhalt dieser grausamen, bösen Hexe und fand so sein klägliches Ende als Pizza Vegetale. Dieser sonnige und warme Frühlingsmorgen sollte aber das Ende dieser alten Schachtel werden. Jens Gurke trottete fröhlich vorne an, die Sonne brannte auf seine zarten Gurkenschenkelchen. Michael neckte ihn desöfteren, indem er ab und zu mittelgroße, schillernde Kieselsteine vom Wege aufhob und sie Jens an den Hinterkopf warf. Tja, so waren unsere beiden lustigen Gesellen, stets fröhlich und gut gelaunt. Nach allzu langen Spaziergängen hatte Jens oftmals schwere Kopfschmerzen. SchabDich-klein hörte das vergnügte Lachen der beiden Freunde von weitem und versteckte sich hinter einem Baum, der am Wegesrand stand. Mit einem Satz sprang Sie auf den

Weg und bedrohte die beiden mit Ihrem Gemüseschäler. Michael Radieschen zögerte nicht lange, und enttarnte den Gemüseschäler als Teelöffel. Die Hexe war zwar ziemlich böse aber nicht besonders hell im Oberstübchen - wer sonst würde sich denn schon Schab-Dich-Klein nennen? Jens Gurke, der mutige Gurkerich, griff beherzt nach dem Löffel während Michael, die Hexe mit einem doch recht beachtlichen Felsbrocken werfenderweise neckte. Schab-Dich-Klein wurde durch diesen Treffer auf den Hinterkopf nicht intelligenter - sie nennt sich seither Beinaheklein-geschabt-hätte-können. Jens und Michael hingegen wurden aber reif und berühmt. Sie kauften sich eine Gemüsehazienda im Ruhrgebiet. Und wenn Sie nicht gestorben sind leben Sie noch heute in Ihrem Häuschen auf Ihrer Hazienda Schlumpfeis. (Den Namen hat sich Jens ausgedacht - offensichtlich waren die Spaziergänge mit Michael seiner Intelligenz nicht besonders förderlich).

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Frank Bröker: Das ist es! Verdammt - es ist nicht die Regierung Kohl, das Sparpaket, die Durchschaubarkeit der Macht in Mitteleuropa oder ein Kongress der wiedererstarkten NPD. Es ist nicht mal die Leserbriefseite der TAZ, Oma General nebenan mit ihrem neuen ObiWischmob und der quäkenden Stimme (“GERHARRRD...ESSEN IST FERTIG!”). Oder dass Bahnfahren wieder teurer wird, ich mir mal wieder kein Auto leisten kann, die GRÜNEN zu blöd und die Stadtwerke zu teuer sind. Es ist auch nicht die unglaubliche Dummheit in den Vorabendserien, die Meinung in den Köpfen der Menschen da draußen - so deutsch, gemütlich, liberal: shake and wash hands. Allen Häusern eine Nummer, eine Tür, weiße Fenster und ein knarziger Vermieter. Achtzehnuhr und dreißig Minuten am Dienstagabend. Kippe im Mund. Alles im Griff. Verdammt - es ist nicht der Euro, kein Fighter, keine Wehrmacht, kein Parkhaus und kein Mahnmal. In den immer gleichen Westfußgängerzonen laufen die Zeitbesessenen dem Abendbrot hinterher; sie kommen und sie gehen aber sie werden nie wirklich da gewesen sein. Die Telekom schickt eine Mahnung an mich - die Druckund Portokosten sind gestiegen. Doch das ist es auch nicht und aus Franky wurde Frank, aus einem wohlgeformten Athleten ein hoffnungsloses Wrack. Unter Qualen strampeln sich heilige Gedanken an so was wie Weihnachtsgeschenke heran. Schmidt war Bundeskanzler, dann der Buß- und Bettag. Ich mochte den Mann mit der Mütze in Bonn, hatte von Vater befohlene Angst vor der RAF (“...die sind überall!”), kaute auf Mutters Pfannekuchen und sah mein blasses Gesicht im Apfelmuß ersaufen. Schatten überall - der Schwarzweiß-Fernseher führte auch mich zu WESTERN VON GESTERN und ZORRO und jeder Freitag schien golden unter dem Gedröhn des Neckermann-Rasenmähers. Vater wusch das Auto - Mutter ging putzen. 24

Im Grunde war ich nie allein. Obwohl Einzelkind, doch nie verwöhnt - es gab soviel auf die Flossen wie nur möglich; man schubste mich vor einen Fußball und ich musste nur zutreten. Im Netz landeten die Bälle selten. Ich wurde zum Verteidiger degradiert. Blutgrätsche. Aber das ist es auch nicht. Achtzehnuhr und vierzig Minuten am Dienstagabend. Kippe ausgedrückt im Aschenbecher. Laut lachen konnte ich vor WETTEN DASS mit Frank Elstner damals noch. Konnte nur nicht verstehen, was Onkel und Tante dagegen hatten, mit meiner Cousine (die jetzt Arzthelferin ist) unter einer Decke zu schlafen. Mann, wir hatten doch überhaupt keine Ahnung von Sex, nur von Sünden machen und die wurden am Samstagabend in der Vorabendmesse schon zur Genüge vergeben (wenn man kräftig mitsang und an den heiligen Stellen die Klappe hielt). Waren wir Untertanen? Waren wir Schäfchen? Hielten wir stets die andere Backe auch noch hin? Haben wir uns nicht alle irgendwie nur übersehen? Aber so wie die Dinge liegen: Das ist es auch nicht. Achtzehnuhr und dreiundvierzig Minuten am Dienstagabend. Kaffeetasse in der Hand. Voll. Castoren rollen ins Endlager, Massaker in Algerien, Kinderschänder im Emsland (meine Heimat, wenn man das so sagen kann), Boulevardsendungen als Anklageinstrumente. Die Trompeten, die dort geblasen werden, sind eine doppelzüngige falsche Lebensmitteilung aus Sicht der Opfer und Täter. Versteckte Pornographie - natürlich klären wir auf! Wir kaschieren die kleinen Jungenärsche in Thailand mit Weichzeichnereffekt und zeigen die Bestie Mensch in Gestalt eines wahnsinnigen Geschäftsmannes aus vielleicht Ingolstadt. Aber das ist es auch nicht. Achtzehnuhr und fünfundvierzig Minuten am Dienstagabend. Noch eine letzte f6-Kippe. Verdammt - in fünfzehn Minuten geht mein Bus zum Nachtdienst. Mein Abgabetermin


für die Abschlussarbeit zum Thema Sozialpsychiatrie des 20. Jahrhunderts rückt so nah wie eine Windrose und ich reite hinein (Micky in NATURAL BORN KILLERS). Ein hungriger Magen schmerzt vor sich hin, Wäscheberge, aufgeschlagene Bücher, ein Seelenleben von durchzechten Nächten zerfressen. Mein Puls tickt schneller als der AldiWecker neben meinem Matratzenlager. Kalter Schweiß zwischen den Fingern und wo ist morgen? Was war gestern? Lebe ich in einem Cosmic-Comic als Held (Frauen!), als Krieger (Schwerter!), als Narr (Gitarre!), als “Was fang ich an mit diesem Stahlkörper”? Der Anrufbeantworter blinkt im Flur wie ein Lotsignal auf offener See. Ist euch schon mal aufgefallen, dass Existenzbeweise auf Stromzählern festgehalten werden? Kinder schreien in der Nähe. Das Rädchen und die weißen Zahlen auf schwarzem Grund: Nur ein leichtes Surren. Ansonsten Stille. Mütter hacken sich Stricknadeln in die Palmoliv-Hände. Der Kaffee will in die Kanalisation - Kippen wollen gelöscht werden in dieser Schwüle der Nüchternheit. Suchen wir ihn! Knallen wir dem Boss die Sonne auf den Tisch. Das ist es!

Lautsprecher Verlag 2000 der lautsprecher band 4 neues land 2000 mit Beiträgen von Isabel Alvestegui-Müller Nadine Barth Markus Ebinger Johannes Finke Stefan Kalbers Boris Kerenski Justin Larutan Michael Schönauer Daniel Vujanic und anderen ISBN 3-932002-16-6 AB 01.07.00 Im Internet unter www.lautsprecherverlag.de und natürlich in jeder guten buchhandlung

demnächst: Crashkurs Paris


Michael Sohn und Markus Ebinger: Den Hollywood-Stars auf den Mund geschaut

Alle artikulierten Laute des Hauptdarstellers Kurt Russell aus dem 98-minütigen Action-Soldaten-Hippie-Spektakel “Soldier”:

- Sir! - No, Sir! - I was replaced by a better soldier, Sir! - Fear... Fear and discipline. - Always. - Stay with me, Sir! - Because they’re soldiers, Sir, like me. - They’re being ordered, Sir. It’s their duty. - Seventeen more, Sir! - No! - Soldiers deserve soldiers, Sir! - I’m goin’ to kill’em all, Sir! - One. - Affirmative, two. - Report to nine and commence firing. - Affirmative, proceed to port nine. - Affirmative, two. - Affirmative, two. - Your men are obsolete. - We should go, Sir! - Take him! - Go back! - There. Mehr ist da nicht... Ehrlich.

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Jan Kr채mer: Angst

Beim Essen sitzend, Spinat, den ich jetzt erst mag Auf einmal wird mir schlecht/warm, muss auf mein Zimmer gehen liege im Bett und denke, der Tod holt mich zu sich, denn ich werde verr체ckt aber nach einer Weile wird die Angst ausgeschwitzt, ich stehe auf und lebe weiter.

Jan Kr채mer:Blut

Niemand will mein Blut, ich rette keine Leben. Niemand will mein Blut, ich kriege keine Kinder. Niemand will mein Blut, ich bin ein lebender Toter der Gesellschaft, ohne mein Blut seid ihr tot.

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Daniel Vujanic: Mono-Cut

Ich erwarte, dass du dich emotional weiterentwickelst (links-rechts-oben-unten-vornehinten), oder wenigstens mal über deinen Tellerrand hinwegsiehst und darauf achtest wenn du dich mit Menschen umgibst: Strukturen, Muster, Schleifen, Feedback, Symptome, weißes Rauschen, Archetypen, Klischees. Es gibt mindestens zwanzig Antworten auf jede Frage, und sehr viele davon sind nicht gerade positiv oder im menschlichen Sinne charmant. Es kann nicht immer nur alles o.K. sein, nur weil es sich eben so äußert. So zahlreiche alltägliche Banalitäten sind -es tut mir leid- eine Zumutung, teilweise einfach nur ob ihrer billigen Durchschaubarkeit (siehe Klischees in Wort und Bild); lebendige Skizzen, besser gesagt Karikaturen menschlicher Züge, die man irgendwoher kennt (Bezugsgruppe, Pubertät, Liebe, TV etc.). Es gibt Dinge und Situationen, die äußern sich überall auf der Welt gleichermaßen qualvoll: ob in Mexico City, bei den jüngeren Geschwistern, in der Beziehung und im Freundeskreis, unabhängig von der geographischen, sozialen, persönlichen oder irgendeiner anderen Komponente. Meinen Grad

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des Missfallens über “Menschlichkeiten” beinflusst keine dieser Sparten. Ich will nicht geschmäcklerisch sein, nach dem Motto: er/sie darf das, weil... oder bei ihm/ihr ist das in Ordnung, weil er/sie halt so ist. Nicht noch mehr Filter, bitte. Stell dich nicht auf einem Auge blöder als du bist. Wenn du so vorgehst, relativierst du alles, was mir auf dem Herzen lag mit einer manierlichen, selbstgenügsamen Geste. Meine Sinne werden mir abgesprochen. Weil ich lauter werde, je unnachsichtiger du wirst, bin ich ohnehin schon latent unglaubwürdig. Schlimmstenfalls werde ich zum halben Menschen, weil nichts von dem, was ich noch sage, überhaupt angehört, geschweige denn als weitere ergänzende “Diskussionsgrundlage” aufgegriffen wird. Mein Verstand wird mir abgesprochen. Exodus, aber High Noon war noch nicht mal.


Durch eine andere Meinung kann man viel über sich selbst erfahren. Wenn dieser Handlungsstrang beschnitten, oder nicht in Anspruch genommen wird und man die verbale Äußerung nur als gehaltlose Kritik mit dem Vorwand des vordergründigen “Jemanden-verletzen-wollen” betrachtet, kann nichts mehr eine bestehende Meinung, ein erweiterbares Bild von einer Sache ergänzen, ausbalancieren oder bereichern. Toller Defensivmechanismus. Es können ja nicht mal Kontrapunkte gesetzt werden. Wo stehst du also wirklich, wenn du schon darauf beharrst, alleine im Raum zu stehen? Es kann hart sein, Kritik ertragen zu müssen, weil man denkt man hätte von vornherein alle möglichen Angriffspunkte zur Seite geschafft, aber das Gegenüber findet nun doch einen Ansatz. Wirklich schlimm, egal wie weit es mit dem Selbstbewusstsein her ist. Man hat doch alles versucht, und jetzt kommt jemand und erzählt mir er/sie sieht den Lauf der Dinge doch deutlich anders. Dinge, die man selbst seit Monaten/Jahren als reale Begebenheiten und persönliche/weltliche Wahrheiten abgetan und gefestigt hat. Ab diesem Zeitpunkt ereignen sich die haarsträubendsten Situationen, weil jemand vehement versucht sein “Gesicht-zu-wahren”. Jeder Zuspruch an den anderen, scheint dazu zu führen, unglaubwürdig zu erscheinen, also beharre ich auf meiner Meinung bzw. dem gordischen Knoten zwischen uns, anstelle eines vordergründig peinlichen Zugeständnisses, oder einer Frage nach Aufklärung und Erläuterung der Gegebenheiten. Superkommunikation. “Einmal Mono, bitte”. Stereo oder Mehrkanal braucht wohl niemand mehr, es leben die Anachronismen, es lebe der Status Quo.


Martin Rühling: Information Overload

Harvey, war mehr als geschockt, als er die leibhaftige, perfekte Verkörperung und Umsetzung seines nächtlichen Alptraumes, der ihn am Morgen schweißgebadet hatte aufwachen lassen, jetzt über die Fernsehschirme in einem Hifi-Geschäft flimmern sah. Jede einzelne Faser, seines sich verkrampfenden Körpers, erinnerte ihn schmerzhaft daran, wie er vor Angst und Entsetzen schreiend, seine Decke wie ein nasser Waschlappen in einer Arschfalte, an seinem schweißgebadeten Leib klebend, aufgewacht war. Und jetzt dies! Acht Stunden später in der Stadt verfolgte er durch ein Schaufenster, vor einem Geschäft, in einer Fußgängerzone stehend, SEINEN Alptraum und sah zu, wie dieser in Technicolor und Hifistereo über die Bildschirme einiger der Fernseher in dessen Auslage flimmerte. Er musste sich auf der Stelle übergeben. Pizzareste, Nudeln, Müsli und der Rest seines Mageninhaltes trübten nun erheblich die Qualität, der sonst so gestochen scharfen Farbbilder, welche durch das nun ebenfalls bunte Schaufensterglas nach außen drangen. Außerdem konnte einem schon alleine der üble Geruch das Sehvergnügen in nicht unerheblichem Maße vermiesen. Ein zweiter Schwall aus den tiefsten Tiefen seiner Gefilde übertöte beinahe das einzig klar gebliebene Moment dieser Vorführung, den aus zwei kleinen Außenlautsprechern scharf in sein Oberstübchen drängenden Ton. Was ihn veranlasste, sich während seines weiteren Intermezzos vor der Scheibe, auch noch in die Hose zu machen. Kaum dass er sich allmählich ein wenig gefasst hatte, musste er sofort den nächsten Tiefschlag verdauen, “Klarer und schärfer als Vidicomp TV Set 2000 sind nur Ihre Träume!”, las er auf einem knallroten Pappaufsteller in Blitzform. Es traf 30

ihn wie ein selbiger, als er das Bewusstsein verlor und zusammenbrach. Nur um, auf dem Trottoir liegend und einen jämmerlichen Anblick bietend, noch einmal den Schrecken der vergangenen Nacht durchleben zu müssen. Er befand sich in seinem Bett. Nicht jedoch um zu schlafen. Auch nicht alleine, sondern mit seiner über alles geliebten Lucille, deren Anblick und Duft, ja selbst ein bloßer Gedanke daran, schon genügten, um ihn aus der Realität seiner ihn umgebenden Situation, mühelos ins Reich der Schwärmerei und des Genießens zu versetzen. Kurz, sie waren einander die pure Verzückung. Im Streit wie auch im Leben und der Liebe gaben sie sich Kraft und Kreativität durch Kritik, Provokation und viel ehrliches Lebensgefühl, mit all seinen Höhen und Tiefen. Nichts war bei ihnen sicher und für sie unmöglich, so schien es zumindest. Also war es für sie auch. So schufen sie sich


ihre eigene Realität, wenn sie zusammen waren. Nur sie zählten, keine Grenzen. Ganz egal, was ihre Freunde oder sonst wer dachten oder sagten. Sie wussten, sie waren alle ihr eigenes Universum und manchmal gab es schwarze Löcher oder es entstanden Paralleluniversen. Aber öfters eben auch nicht. Such is life, fuck it! So lagen sie also seit einiger Zeit schon sich einander hingebend und sich liebend, ineinander verschlungen und versunken in seiner Bude. Genauer gesagt in seinem Bett. Er teilte sich eine Wohnung, welche im Lowerend lag, mit einem guten Freund und genoss es, eine gute, wenn auch wenig sorglose Zeit, als Student mit WG-Leben, zu haben. Immerhin hatten sie ein beinahe komplettes Haus für sich alleine und außer vereinzelten Stänkereien und den obligatorischen Sirenen, die ihn nur nachts manchmal nervten, gab es bisher keinen Grund, sich nicht über die billige Miete und ihr Glück zu freuen. Am meisten aber genoss er neben seiner Kreativität die Zeit, welche er und Lucille gemeinsam verbrachten. Zu lange hatte er als Junggeselle aufreibende Jahre der seelischen Einsamkeit verleben müssen. Auch wenn er immer seine Verzückung und Liebe zu ihr fühlte, wenn er sie dann anschaute, so schien es doch, als hätte ihr ganzer Körper auf ihrer Haut einen sonnig strahlenden, goldenen Glanz. Eine ihn mit Zauber und Wärme erfüllende Aura tragend, welche ihn wie von selbst ergriff und mit unendlichem Frohsinn füllend, strahlend lächeln machte. Plötzlich durchfuhr es ihn wie tausend Blitze und er wusste nicht, wie ihm geschah. Von sehr weit her, so schien es ihm, hatte er ein sehr lautes Geräusch, einen schwer zuzuord-

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nenden, ihn aus seiner Gefühlswelt reißenden Lärm vernommen. Eine Fehlzündung oder Donner? Nein, ein Schuss! Ein verfluchter scheiß Schuss, durchfuhr es ihn erneut. Diesmal jedoch nüchterner, fast sachlich es erfassend, blickte er auf und schaute um sich. Da, etwas erregte seine Aufmerksamkeit, war anders als gewohnt. Ja, dort an der Wand gegenüber des Bettes, sonst war es komplett dunkel, schien ein dünner gebündelter Lichtstrahl in sein schummriges Zimmer. Licht fiel von der Straßenseite in den Raum, traf durch ein Loch in der Wand auf sein Gesicht. Ein Loch in der Wand. Ein Loch in der Wand seines Zimmers, das ihn anstrahlte wie ein Auge, wie ein Spion. Jetzt erst bemerkte er die heiße, feuchte Klebrigkeit, welche ihn schon fast völlig umgab. Blut. Scheiße, Blut! Da erst bemerkte er, dass sie schon die ganze Zeit reglos auf ihm lag. Kein Atmen, keine spürbare Bewegung, nichts, einfach nichts. Erst als er schrie, wie verrückt, als ihr Ohr seinen Mund berührte und ihr kupfriges rot hinein troff, ohne dass sie auch nur eine Regung machte, begann er zu begreifen. Da erst schien er zu ahnen, was er nicht erkennen wollte. Ganz weit außen, am Rand schimmerte etwas über den Horizont, doch bevor er es erreichen konnte oder es ihn, riss es ihn fort wie er seine Bettdecke. Wie in Trance und völlig benebelt von seinem Schock begann er langsam zu erwachen. Während er noch “verirrte Kugel, stray bullet,...nur ein scheiß Alptraum!” dachte und sich gleichzeitig fragte, ob er es auch laut daher sagte, schaute er komplett verwirrt in die völlig verständnislosen Augen, des total entsetzten Timothy Harding, des alljährlichen Gewinners des Vertragsabschlusswettbewerbspokals aller Promotionteams des Mittleren Westens und ganzer Stolz der Firma Vidicomp. Der Gestank raubte ihm die Sinne, wie er ihn so daliegen sah, in seinem Erbrochenen liegend und all den stinkenden Körperflüssigkeiten, die ihn umgaben. Beinahe hätte auch er sein Bewusstsein verloren, konnte sich jedoch gerade noch beherrschen. Entsetzlich, dieser Gestank! Mit diesem Gestammel und dieser undenkbaren Situation konnte und wollte er einfach nichts anfangen und unmöglich zurecht kommen. Total weggetreten, am hellen Tag... Einfach unglaublich! Wenn ihn nur keiner seiner Bekannten oder noch schlimmer, einer seiner Kunden oder gar seiner Kollegen so sah. Nicht auszudenken! Harvey wusste sich, vielmehr sie gerettet, als er ihn sah und dankte dem Schicksal für den Anblick dieses Arschlochs, den es ihm geschickt hatte. Und begann erst einmal, vor Timothy auf der Erde liegend zu weinen. Unmöglich, wie jemand sich so gehen lassen und so wenig im Griff haben konnte. War ihm unbegreiflich und kostete ihn ein Jahr extra und mehrere tausend Dollar für seinen Therapeuten.

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Ed: An Himbeeren

Eines Tages kam der Himmel zu mir. Er erzählte von der Sonne, wie lustig sie sei. Sofort begrub ich mein Mitleid in der Boutique zum Selberschneidern, um mit der Heiterkeit zu ficken, wofür mir aber mein surrealer Vater zur Strafe eine Lebensversicherung schenkte, die wieder den Witz schnell in eine Ray-Ban-Sonnenbrille verwandelte, während die Sonne telefonierend am Strand lag. Sie küsste gerade den Champagner, als ich plötzlich meine Beine nicht mehr enthaaren musste. Ich spürte auch die Frivolität, denn ich war eine Tomate.

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Orlando Gammes: Dabei

Manchmal gibt es Tage, an denen Kakerlaken in meinem Kopf rumoren. Sie krabbeln herum, wirr, aufgeschreckt von jedem kleinsten Geräusch. Verstecken sich, kommen wieder. Sie sind wie auf den Klos Bangkoks. Wenn das Licht angeht, verschwinden sie und du denkst, endlich in Ruhe scheißen. Aber dann, wenn sie merken, dass der Scheißer fort ist - Bumm! Krabbel, Krabbel, Krabbel. Millionen von den Viechern. Keine Ruhe! Alles kommt wieder hervor. Die Vergangenheit, das vergangene Leid! Wo wird das alles hinführen? Werde ich? Bin ich? Oder bloß unnützes Hinterfragen von Dingen, die keine Antwort finden? DABEI Die Angst etwas zu versäumen ist groß. Nicht dabei zu sein. Was ist man, wenn man nicht dabei ist? Am Puls. Wenn man nicht mit der Masse ist, trunken, davongetragen im Rausch des Dabeiseins. Wo ist man, wenn man nicht dabei ist? Woran soll man sich orientieren, wenn man nicht dabei ist? Immer erscheint alles, was nicht in meiner Umgebung ist, verlockend. Alles, was ich erlebe, ist schwer, mühselig. Alles andere erscheint wild, erotisch, frei! Nur mein Leben nicht. Ich bin weder gut für etwas, noch bin ich ein Mensch, welchen man gerne sieht. Ich bin nicht schön, noch reich. Dreck - alles was ich bin! Ein kleiner Narr. Alle anderen: groß, stark, frei! Nur ich bin nicht DABEI.

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Axel Vesper : Jein (Der Autor sitzt zurzeit in der JVA Schwäbisch Hall. Eine Diskussion über seine Texte ist möglich: Axel Vesper, Kolpingstr. 1, 74523 Schwäbisch Hall)

Ja, ich spüre, ich soll schreien. Nein Mutter, nein. Ja, ich will mit euch spielen. Nein Bruder, nein. Ja, Vater ich will bei dir sein. Nein Schwester, nein. Ja, ich will nie mehr fort laufen. Nein Vater, nein.

Ich zeige dir: Du hattest Recht Du hättest an meiner Statt Lieber einen Baum gepflanzt Der wäre dankbarer Der hätte Früchte getragen Und dann: Die Frucht auf meinem Kopf Und du:

Nein Bulle, nein. Nein Richter, nein.

Mit Pfeil und Bogen Triffst - mich.

Ja Vater!

Rotebühlstr. 159 70197 Stuttgart Mo.-Fr. 11-19 / Sa. 10-14 Tel. 0711 / 625914


Axel Vesper: Ein Besuch in Zoo oder On the Road again 1940

Ich hatte mal das “Glück”, eine Führung im Knast zu beobachten, davon muss ich dir jetzt unbedingt berichten. Es war in Adelsheim, aber es hätte auch in jedem anderen Knast sein können, wo so ungefähr 20 Leutchen erklärt wurde, wie schön wir es im Knast haben, was es für tolle Ausbildungsmöglichkeiten gibt, was für phantastische Freizeitangebote und dass überhaupt alles super wäre. Es wurde geschwärmt, geheuchelt und geblendet, es wurde gelogen, betrogen und beschissen, es wurde Schwarz zu Weiß und aus Scheiße Schokolade. Nun, als ob das noch nicht genug des Guten gewesen wäre, schwätzte, vom gepflegten Reden kann und möchte ich hier nicht sprechen, der Führer auch noch von dem löblichen humanen, resozialisierenden Strafvollzug. Damals war ich noch zu feige und phlegmatisch und habe mein Maul gehalten, aber trotzdem hatte ich bei den Worten human und resozialisierend schon einen üblen Geschmack im Mund. Wie soll ich es dir beschreiben? Es war ein etwas bitterer, pelziger Geschmack, ein Geschmack, der lange schal im Mund bleibt. Hast Du deine Frau vor lauter Geilheit schon mal am Arschloch geleckt? Wenn Du dir jetzt den Schweiß und die Geilheit wegdenkst, kannst Du dir ungefähr vorstellen, welchen Geschmack ich meine. Ich habe mir gedacht, was das für Menschen sein müssen, die so offensichtlichen Lügen Glauben schenken. Sie müssten doch sehen, wissen, fühlen, dass sie verarscht werden, dass es so nicht sein kann. Wo kann man resozialisiert werden? Nur ich kann mich resozialisieren. Wenn ich darauf warten würde, dass das der Knast tun würde, müsste ich so circa 400 Jahre warten, nur um dann festzustellen, dass ich immer noch nicht resozialisiert wurde. Aber die

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Besucher haben es scheinbar geglaubt. Auch die Story der Humanität haben sie geschluckt, ohne mit der Wimper zu zucken, obwohl sie vorher sehen konnten, dass selbst auf den Zwei-Mann-Zellen die Scheißhäuser offen im Raum standen. Ob die es wohl als human ansehen, dass man beim Scheißen darauf achten muss, die Töne so leise wie möglich zu halten, damit man sich nicht schämen muss, vom Gestank bei manchen Sitzungen mal ganz zu schweigen? Ob sie es human finden, dass dein Besuch abgegrabscht wird, egal ob jetzt deine 70jährige Oma, dein 6-jähriges Kind oder deine Eltern kommen? Ob sie es human finden, dass deine sozialen Bindungen ganz langsam, aber dafür ganz sicher, den Bach runter gehen, weil sie es nicht verkraften können, wie Verbrecher behandelt zu werden, nur weil sie einen Verbrecher kennen? Ob sie es als human ansehen, dass einen jeder Ein-Sterne-General zum Strippen animieren darf? Ob sie es als human ansehen, dass dir jede, aber auch jede persönliche Freiheit, mit der fadenscheinigen Begründung, dass die Sicherheit und Ordnung vorgeht, abgenommen wird? Also wenn sie das alles als human ansehen, dann müssen die echt pervers sein, obwohl ja angeblich der Perversitätsgrad im Auge des Betrachters liegt. Aber ich möchte fast glauben, dass der Führer sie, mit Hilfe seiner Handlanger, man könnte sie auch Schergen nennen, so geschickt täuscht, dass sie gar nicht auf solche Gedanken kommen können. Sollte es echt so sein, dann kann ich nur sagen: “Oh, ihr armen Leute, es ist ein Wunder ohne Gleichen, wie leicht man euch zum Narren halten kann.”


Nur ich werde mich nicht damit abfinden, dass man von Humanität und Resozialisierung spricht, denn es wird denen zu leicht gemacht, mit ihren Lügen durchzukommen. Ich bin nicht bereit, ein Teil dieser Lüge zu sein. Es ist mir egal, was Du über mich denken magst, ich muss abends in den Spiegel schauen können - und das ohne Hass. Ich werde nicht ruhig sein, ich werde es jedem ins Gesicht schreien, dass das eine verlogene Seilschaft ist. Ich werde mich nicht damit abfinden, dass die wie Götter gleich handeln dürfen, ohne großartig auf Gegenwehr zu stoßen. Es soll jeder wissen, dass der Vollzug weder human ist, noch die geringste Möglichkeit hat, oder auch haben will, jemanden zu resozialisieren. Dieses ist schon lange jedem kleinen Schließer klar, aber trotzdem wird die Gesellschaft, in die wir ja wieder zurückgeführt werden sollen, von vorne bis hinten beschissen. Und da ich nicht beschissen werden möchte, kann ich mich auch nicht in diese Gesellschaft der Schafe einreihen, da ich aber auch nicht in die Gesellschaft der Wölfe möchte, bleibt mir nur der Weg, aufzuzeigen, wie die Wölfe heulen. Bei dir habe ich heute angefangen, und ich mache weiter. Aber da ich mir sicher bin, dass auch bei den nächsten 10.000 Führungen der humane, resozialisierende Strafvollzug vom Führer gepriesen wird, ende ich hier mal mit Götz von Berlichingen, damit Du bei der nächsten Führung den selben schalen Geschmack im Maul hast, den ich habe, wenn ich etwas von Humanität oder Resozialisation lese oder höre.


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