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Unabhängiges Magazin

Ausgabe 9  Januar 2019 Ostwestfalen Lippe

artspecial

Interviews mit: Volker der goldene Reiter, Lord Scan, ToOn, Syck, the Young, the Kuhl Kid, Ralf Schlüter, Klaus Scherwinski, Why Ebay, Celia Kaspar, Blue Harvest Tattoo uvm.


STREETART & GRAFFITI ILLUSTRATION MUSIK


GĂźterbahnhof Minden, Foto + Foto auf Backcover: @yung_butjer

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STREETART & GRAFFITI

S.12

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TOON 2RISD SYCK ZEGA ONE theYOUNG the KUHL KID ROFL HERBIRD GRÖHLEMEYER

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S.58

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S. 80

the ICH’S CARLO AKQ LORD SCAN KIRA LIME KASH 110 VOLKER TRENDUI WHY EBAY

DER GOLDENE REITER

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ILLUSTRATION

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INCK PARSPROTOTO INSIDE A GINGER JESSICA KOPPE SASHKA BLUE HARVEST PHILLIP SPRECKELS RALF SCHLÜTER KLAUS SCHERWINSKI CELIA KASPAR SARAH SALIÉ LUISA J. PREISSLER SKETCHBOOK EXCLUSIVE


MUSIK

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RAP MOH THE SHOW DAVID JASPXR RAP ROBERTO BRONCO MADHATTERS POP THE SEEKING SOULS DIVERSE MAJOR ERD DIVERSE TORIAN WEBER & KNECHTE


IMPRESSUM fankyzine № 9

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Unabhängiges Magazin über Fankulturen

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Januar 2019

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SCHMIEREREI ODER KUNST? © Cabot Pictures

Gefühlt 99,9% aller Beiträge über Graffiti in den Leit- und Lokalmedien starten mit demselben Aufhänger. Es scheint eine nicht zu beantwortende Frage zu sein. So wie die mit dem Huhn und dem Ei. Dabei hat Graffiti schon in den frühen 80er Jahren auf Leinwänden den Einzug in die Galerien und Kunsthäuser dieser Welt erhalten. Auch in Paderborn (Anno 2018) wurde Volker vom Bürgermeister der Stadt im Namen der Dose mit der Kulturnadel geehrt. Im August gaben die Barmherzigen Schwestern ihre Klostermauer für Graffiti-Jams frei, und ich darf seit diesem Jahr öffentliche Graffiti-Führungen für die Tourist Information anbieten. In Paderborn. Warum also immer wieder dieselbe Frage stellen? Die Begriffe Kunst und Schmiererei scheinen in den meisten Artikeln bloß Stellvertreter zu sein. Alles was legal entstanden ist oder vermarktbar ist, wird der Kunst zugeordnet. Wilde Tags und Pieces hingegen fallen unter die Kategorie Schmiererei. Ob etwas als Kunst oder nicht angesehen wird, ist ingesamt eigentlich eine höchst unspannende Frage. Sie ist häufig an Gesetzmäßigkeiten eines Konsummarktes oder an die Vorstellungen einer Main­streamkultur gebunden, die für die Akteure selbst und ihre Bilder keine Rolle spielen. Manchmal spiegelt sie den Konflikt wieder, etwas Verbotenes schön zu finden oder alles in eine Schublade stecken zu wollen, was aus der Cap kommt. So veröffentlichte die Stadt Granada beispielsweise ein Begleitheftchen mit Fotos und den Standorten der Werke von Raúl Ruíz, einem Kunstschmierer, den die Stadt selbst gleichzeitig für seine Graffitis auf 3000 Euro Schadensersatz verklagt hat. Wir vermarkten es als Kunst und bestrafen es als Schmiererei. So kassiert man als Stadt gleich doppelt ab... Umso schöner ist es, wenn unabhängige Magazine wie das Fankyzine mit den Aktiven selbst reden und ihre Werke in den Fokus rücken. Am Ende wirst du es selbst entscheiden, ob es dich anspricht oder nicht. Den Schreiberlingen jedenfalls wünscht man ein kleines Stück der Freigeistigkeit, die die portraitierten Menschen dieser Ausgabe en Masse besitzen. Vielleicht lesen wir dann in 25 Jahren mal einen Beitrag im Mindener Tageblatt über Lord Scan, der auf den Aufhänger »Kunst oder Schmiererei« verzichten kann. In diesem Vorwort hat das noch nicht geklappt... Viel Spaß beim Lesen und immer schön fanky bleiben. Euer Cut Spencer

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TOON Bielefeld

Web: Instagram/official_toon

INSPIRATION KANN NICHT ERZWUNGEN WERDEN Was inspiriert dich? Hast du Vorbilder? Inspiration find ich natürlich bei alten Meistern quer durch die Moderne wie Braque, Picasso, Klee, Matisse, Lichtenstein oder Campendonk. Aber auch in der heutigen Zeit inspirieren mich Leute wie KAWS, Invader, Banksy und zahllose andere Streetart-, Graffiti- und zeitgenössische Künstler. Dennoch würde ich nicht sagen, dass ich von bestimmten Dingen mehr inspiriert werde als von anderen. Es kommt auf das Zusammenspiel der Geschehnisse an, auf den Zeitpunkt und natürlich auch den Zufall. Inspiration kann nicht erzwungen werden, sie überfällt dich plötzlich. Deswegen fällt es mir eigentlich schwer, zu sagen, welche Dinge oder auch Tätigkeiten mich inspirieren. So gesehen dann eigentlich alles, nur nicht zum selben Zeitpunkt.

Digitalisiert wird es mittels Siebdruckverfahren auf verschiedene Träger gebracht. Für eine Malerei auf Leinwand gehen meist acht bis zwölf Stunden, bei Sachen über einen Meter auch mehrere Tage drauf. Digitalisierung und Druck dauern im Schnitt bis zum ersten fertigen Druck dann so zwischen zwölf und 24 Stunden.  Alle weiteren Drucke brauchen dann je nach Spielerei wie Farbe oder Rasterwahl unterschiedlich lange.

Zu welcher Tageszeit bist du am kreativsten? In der Regel nachts. Dennoch versuche ich, in einigen Bilder sowohl nachts (oder bei mir im Keller, wo dunkel eher dunkel ist) als auch Tags auf dem Balkon zu malen, um den Kontrast der Farbwahrnehmung zu verstärken.

Welcher Teil des kreativen Prozesses gefällt dir am meisten? Das Verteilen der Kunst im öffentlichen Raum.

Wie lange sitzt du durchschnittlich an einer Collage? Kann man so pauschal gar nicht sagen. Bei Collagen kam es meist auf den Materialbestand an. Wenn ich viel neues Material aus Zeitschriften hatte, war so eine A4 Collage meist nach drei bis vier Stunden auch fertig. Größere Collagen auf Leinwand brauchen auch mal bis zu drei Tage. Aber da die Collage bei mir gerade ein wenig Pause hat und ich mich mit Malerei und Druck beschäftige, sage ich dazu noch ein paar Worte. Mittelst Materialien wie Kreide, Lack, Acryl, Öl, Paste und so weiter wird ein Bild auf Leinwand erschaffen.

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ARTSPECIAL: ToON

Hörst du bei der Arbeit Musik? Wenn ja, welche? Ja ich höre sehr gerne Musik beim Arbeiten, aber habe kein absolut favorisiertes Genre. Meist in die Richtung HipHop, Rap, aber auch Pop, House, Techno oder was sich halt sonst gut anfühlt in den Ohren :D


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ARTSPECIAL: ToON


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2RISD Bielefeld

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aktiv seit: 2006 Schwerpunkt: Graffiti Crew: BordeauXBande Web: Instagram/2risd

ARTSPECIAL: 2RISD


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SYCK Bielefeld

aktiv seit: 1998 Schwerpunkt: Style-Writing Kollektiv/Crew: ABS/TDR/KKP Web: einsyckartig.de  facebook.com/einSYCKARTig  instagram.com/syck_one

Interview am 27. August am Siegfriedplatz, Bielefeld

Wie hat bei dir alles angefangen? Ab 1998 habe ich meine ersten Buchstaben auf Papier gemalt. Erst 1999 lernte ich den Begriff Graffiti wirklich kennen. Richtig aktiv sprühe ich seit 2000. Inzwischen lebst du ja vom Sprühen. Das war nie geplant. Davor habe ich jahrelang jegliche freie Zeit an der Wand gestanden und sehr viel Geld fürs Sprühen ausgegeben. Während des Studiums erhielt ich dann erste Aufträge und organisierte Workshops für Schulen und Jugendzentren. Im Laufe der Jahre nahm es immer mehr zu, so dass ich ein Gewerbe anmelden musste. Jetzt kann ich komplett davon leben, und das macht mir unglaublich viel Spaß. Nicht zu unterschätzen ist der Bürokram dabei. Vom Sprühen leben zu können klingt erstmal so schön. So eine Selbstständigkeit bedeutet auch, dass man nicht nach 8 Std. arbeiten Feierabend hat. Da dauert so ein Arbeitstag oft mal 10-13 Std. Der Spruch »selbst und ständig« passt sehr gut...

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ARTSPECIAL: SYCK

Wie viele Dosen verbrauchst du im Monat durchschnittlich? (lacht) Keine Ahnung. Ich habe inzwischen ein eigenes Lager. Da stehen schon ein paar Dosen herum, auf die ich zurückgreifen kann. Was ich im Monat verbrauche, ist unterschiedlich. Es gibt Monate, da haue ich ein paar hundert Kannen durch. Die nächsten Monate sind es vielleicht 20 Kannen. Es ist immer davon abhängig, welche Aufträge gerade anstehen und wie viel Zeit ich finde um für mich zu malen. Das kann ich gar nicht pauschalisieren. Du bist nun 34 Jahre alt und hast beim Sprühen ein ziemlich hohes Niveau erreicht. Ist das so? Ein hohes Niveau ist stets mein Ziel. Ich möchte immer besser werden. Wie weit ich bin, kann ich selbst nicht beurteilen. Ich male viel und mache mir immer Gedanken, wie ich etwas noch besser gestalten kann. Das ist einfach mein Anspruch.


Bielefeld, März 2018

Tut sich denn da noch so viel? Ich hoffe. Ein gutes Bild basiert auf so vielen verschiedenen Kleinigkeiten, an den man ewig weiter pfeilen kann. Ich glaube, man kommt nie an den Punkt, an dem man denkt, dass es nicht mehr besser geht. Käme ich dort an, würde ich stagnieren, und es wäre vorbei. Immer nur das zu malen, was ich schon kann, wäre auch ziemlich langweilig. Natürlich kann ich nicht jedes mal was völlig neues malen, ich versuche trotzdem stetig mich zu entwickeln, dies klappt mal gar nicht und mal komm ich mit meiner Stilentwicklung schneller voran.

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Was bedeuten dir Social Media Kanäle für deine Arbeit? Für meine Arbeit verzichte ich darauf, weil ich So­ cial Media eher für mein privates Graffiti-Ding nutze. Und auch da bin ich sehr zwiegespalten. Ich finde es schön, mit Leuten zu schreiben, die ganzen Connections, die sich dadurch ergeben, sich auszutauschen und man bekommt viele Bilder zu sehen, die man sonst nicht sehen würde. Aber ich habe das Gefühl, dass es durch Social Media auch negative Einflüsse gibt. Auf all die Likes und Follower geben Menschen zu viel. Ich merke, dass mich diese Scheinwelt von Jahr zu Jahr mehr nervt. Gerade Graffiti muss draußen stattfinden. Wenn ich ein zwölf Meter langes Bild male und es mir als acht Zentimeter großes Foto anschaue, kommen viele Details nicht zur Geltung. All die Liebe, die in

»AUF INSTAGRAM FEHLT DIE WERTSCHÄTZUNG FÜR EIN BILD.«

einem Bild steckt, kommt nicht rüber. Es gibt einige Bilder, die ich gar nicht erst hochlade, weil ich finde, dass sie im Original gesehen werden sollten. Ich musste früher herumfahren, um Bilder sehen zu können. Man hörte, dass es an einer bestimmten Ecke ein neues Bild gibt, also musste man in den Bus steigen und hinfahren, um es sich anzugucken. Wenn man heute einfach Instagram öffnet, fehlt ein bisschen die Wertschätzung für ein Bild. Das gilt für Kunst generell. Es ist einfach viel beein­druckender, vor einem gutem Bild zu stehen, als es auf einem Bildschirm anzuschauen. Trotzdem will ich wegen der genannten Vorteile nicht ganz auf Instagram und Co. verzichten.

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ARTSPECIAL: SYCK

Hat dich auf deinen Reisen eine Szene nachhaltig beeindruckt? Ich war vergangenes Jahr mit einem sehr guten Maler aus Australien in seinem Heimatort unterwegs. Die Hall of Fame dort war fast einen Kilometer lang und direkt am Fluss. Einfach ein besonderer Flavour. Dort gab es nur krasse Bilder, die man selten so geballt in einer Stadt sieht. Das war ziemlich beeindruckend. Generell ist es schön, im Ausland zu malen. Malen und Reisen gehören einfach für mich zusammen. Gibt es etwas, das dich an der lokalen Graffiti Szene stört? (lacht) Jetzt wird es ernst. Ich will niemandem zu nahe treten. Die Szene hat mich geprägt und ist gerade wieder stark am Wachsen. Es gibt einige gute Maler. Sie ist mir wichtig, und ich finde sie inzwischen sehr abwechslungsreich. Schön zu sehen, was da so passiert. Du bist als einer der vier Organisatoren von hoch2wei, dem Bielefelder Verein zur Förderung urbaner Kunst im öffentlichen Raum, tätig. Bist du mit der diesjährigen Auflage zufrieden? Die Vorbereitung so einer Veranstaltung benötigt sehr viel Zeit, und es müssen viele Sachen bedacht werden, die die Besucherinnen und Besucher nicht mitbekommen. Die Veranstaltung hat verdammt viel Energie gezogen. Aber alles klappte gut. Es gab keine schweren Unfälle, und das Wetter war auch super. Die Veranstaltung war auf jeden Fall total rund. Wir haben das Festival veranstaltet, damit hier was passiert und die Leute etwas in Richtung Graffiti erleben können. Ein wichtiger Punkt des Festivals ist es, Leuten die Möglichkeit zum Malen zu geben. Hier gibt es schließlich kaum legale Flächen. Zusätzlich werden große Künstler*innen angefragt, die sonst nie nach Bielefeld zum Sprühen kommen würden. Dieses Jahr hatten wir unter anderem Gamo, Bims und Debza aus Frankreich und Jeroo aus Stuttgart zu Gast.


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Bottle Beach with BABU


TENK & SYCK

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ARTSPECIAL: SYCK

BASIX & SYCK. Murwillumbah, Australien, 2017


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ARTSPECIAL: SYCK


Was würdest du gerne mal besprühen, wenn du weltweit die freie Wahl hättest? Du könntest selbst die Freiheitsstatue auswählen. Da bin ich nicht festgelegt. Das Schönste zum Malen sind Orte, die einen Kontrast zu Graffiti bilden. Ein leerstehendes Haus oder eine Halle zu finden, macht für mich den Charme von Graffiti eigentlich erst richtig aus. Als wir damals in Thailand waren, fanden wir ein totes Dorf, wo nur einige Hütten übrig waren. Dort zu malen, war total beeindruckend. Das Gleiche habe ich mal in Spanien erlebt. Da war mitten in den Bergen ein komplett ausgestorbenes Dorf. Sowas macht am meisten Spaß und an solche Aktionen erinnert man sich noch lange, da es etwas Besonderes ist. Hast du einen liebsten Graffiti-Film? Nein. Was mich sehr prägte, waren die Graffitifilme »Dirty Handz«. Ob sie zu meinen liebsten Filmen zählen, weiß ich nicht, aber es ist eine Verbindung zu meinen Anfangszeiten. Hättest du Bock, dein gesamtes Schaffen in einem eigenen Buch oder in einem Film verewigt zu sehen? Durch das legale Malen wäre ein Film über mich langweilig. Wir setzen aber gerade mit der ABS-Crew ein Buch um. Grundsätzlich ist Graffiti nun einmal vergänglich. Legale Bilder verschwinden oft recht schnell. Sie festzuhalten und somit zu verewigen, ist für alle Beteiligten schön. Ein Buch über meine privaten Graffitis kann ich mir für meine Freunde und mich schon vorstellen. Ein Buch zu verkaufen hingegen ist immer super schwer. Das wäre aktuell nichts für mich. Du hast neulich den Heimat + Hafen verschönert. Wirst du für deine kommerziellen Auftragsarbeiten auch kritisiert? Grundsätzlich gibt es die Kritik in der Szene an kommerziellen Auftragsarbeiten. Einige nennen es beispielsweise »Graffiti-Ausverkauf«. Das kann ich sogar ab und zu nachvollziehen. Die Arbeit am Heimat + Hafen ist für mich ehrlich gesagt gar kein Graffiti. Dazu müssten Buchstaben der Schwerpunkt sein. Wandmalerei trifft es eher. Ich sehe es als Job. Andere gehen beispielsweise bei einer Werbeagentur arbeiten und verdienen dort ihr Geld. Ich trenne mein Hobby Graffiti und meinen Beruf der Wandmalerei. Klar hatte ich in der Vergangenheit manchmal Skrupel. Aber inzwischen frage ich mich, warum ich einen Job ausüben sollte, der mir weniger Spaß macht. Das Malen war schon immer meins. Mein ganzes Leben dreht sich darum: Hobby, Beruf, Workshops, die hoch2wei Arbeit, ... Ich habe sogar meine Diplomarbeit darüber geschrieben.

Wessen Feedback bedeutet dir am meisten? Von Freunden und Sprühern, die ich sehr schätze, und natürlich von meiner Freundin. Sie sprüht zwar nicht, aber trotzdem kennt sie sich aus, weil ich ihr seit Jahren meine Sachen vorlege. Mir ist vor allem ehrliches Feedback wichtig. Wenn Leute immer nur loben, hört man das selbstverständlich gerne, keine Frage. Aber wenn ein guter Freund mich lobt und gleichzeitig Verbesserungsvorschläge macht, ist mir das viel mehr Wert, weil ich daraus lernen kann. Durch ständiges Lob entwickelt man sich weniger weiter. Hast du schon einmal einen Auftrag abgelehnt? Ja, aus ethischen beziehungsweise politischen Gründen kam das vor. Auch wenn Leute etwas 1:1 nachgemalt haben möchten, lehne ich das meistens ab. Hinter meinen Aufträgen muss ich stehen können. Ich probiere mich gerne in verschiedenen Stilen aus, dennoch muss meine Handschrift erkennbar sein. Am allerschönsten ist es, wenn ich auf einer Fläche einfach loslegen darf. Sponsor nur dezent auftaucht. Wenn die Werbung im Fokus wäre, wäre es schwer für mich. Wenn du einen Wunsch für die Zukunft von Graffiti frei hättest, wie würde er lauten? Es gibt viele kleine Sachen, die ich mir wünsche, zum Beispiel viel mehr positiven Austausch untereinander und mehr Zusammenhalt in der Szene. Was ich außerdem wichtig finde, ist, dass die Menschen anders über Graffiti denken. Viele stempeln es als Schmiererei oder Kinderkram ab. Sie wissen gar nicht, was dahinter steckt. Sie beschweren sich über Graffitis, tolerieren aber blöde Werbung. Gerade Bielefeld ist voller Werbung für irgendeinen Mist und wird toleriert, aber es wird geschimpft, wenn an einem Brückenpfeiler ein neues Bild zu finden ist. Wie kann das Menschen stören?

»LIEBER BUNT ALS GRAU.« Lieber bunt als grau. Das versuche ich auch, in meinen Workshops zu vermitteln. Jugendliche sollen wissen, dass sie ihr Umfeld genauso mitgestalten können wie Erwachsene. Graffiti bietet hierzu die Möglichkeit. Bei Graffiti geht es um Raumaneignung. Die Stadt wird unter anderem gestaltet von der Industrie und Menschen, die Geld für Werbung haben. Jeder Bürger und jede Bürgerin hat das Recht, dafür zu sorgen, dass die Stadt nicht trist bleibt, sondern bunter wird. Ob es dann legal oder illegal ist, ist jedem selbst überlassen. Ich versuche es, mit vielen legalen Projekten umzusetzen. Ich kann aber auch Leute verstehen, die nachts losziehen, um alles bunt zu machen. Das finde ich genauso wichtig.

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ZEGA ONE Minden

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aktiv seit: ca. 1993 Schwerpunkt: Graffiti Web: jasonholloway.de instagram @zega_one

ARTSPECIAL: ZEGA ONE


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theYOUNG Minden

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aktiv seit: 1987/2002 Schwerpunkt: aerosol/ stencil artist Web: instagram @cmprms ello.co/theyoung

ARTSPECIAL: THE YOUNG


Interview am 9. März 2018 im Bielefelder Atelier

Tim, wie fing bei dir alles an? Die Stencil-Technik erlernte ich gegen 1987/1988. Ein Bekannter von mir wuchs in Frankreich auf. In Paris waren Stencils schon früh ein Thema. Dadurch konnte er die Technik bei uns in Minden verbreiten. Ein paar Leute fingen mit einfachen Formen an, die nur einfarbig umgesetzt wurden, damit es schnell ging. Vergangene Woche stellte ich fest, dass man tatsächlich noch einige Sachen aus der Mitte der 80er von einigen Bekannten meines Bruders bis heute in Minden entdecken kann, in der Greisenbruchstraße, Höhe Kampstraße. Der Freund, der mir die Stencil-Technik beibrachte, hatte einst im Fachwerk, als das FKK noch drin war, ein Atelier namens Gelbsucht-Büro. Man konnte damals in Minden Schablonen mit diesem Namen sehen. Im Alter von 16, 17 Jahren hatte ich meine erste eigene Ausstellung im ehemaligen Programmkino Stella in der Hermannstraße. Stencils machte ich für ein paar Jahre einfach so als Hobby. Dann war ich jahrelang bis 2002 gar nicht mehr aktiv. Warst du in der Zwischenzeit anders kreativ? Damals spielte ich noch viel Theater und Musik in Minden. Nach der Schule zog ich jobbedingt nach Bielefeld. Nebenbei legte ich ziemlich lange auf.

Was hast du aufgelegt? Drei, vier Jahre lang Drum’n’Bass. Da war ich auch ziemlich viel unterwegs. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich im Endeffekt wieder angefangen habe, Stencils zu fertigen. Vermutlich hatte ich einfach Lust, mal wieder etwas anderes zu machen, und dann hat sich das irgendwie verselbstständigt. Ich schoss mich darauf ein, konzentrierte mich und feilte daran herum. Du hast also keine klassische Ausbildung im grafischen Bereich? Nee. Deine Arbeiten sind krass realistisch. Bist du im Nachhinein zufrieden mit deiner Arbeit? Man will es immer noch einmal besser machen, finde ich. Es gibt so einen Punkt, an dem man sich mit seiner Arbeit zufrieden gibt. Dann findet man kurze Zeit später doch wieder etwas, das man etwas anders hätte umsetzen können. Zu welcher Tageszeit bist du am kreativsten? Ich kann da keinen Punkt ausmachen. Man hat eine Idee und entwirft etwas. Und die Umsetzung erfolgt relativ spät, weil ich zunächst mit dem Schneiden beschäftigt bin. Bei den neuen Sachen wie dem Burger bin ich nicht mehr so lange mit dem Schneiden beschäftigt wie früher, da es sich um eine neue Technik handelt. Die Tageszeit ist eigentlich egal. Manchmal kann es passieren, dass ich am Vorabend eine Idee hatte. Wenn es gut läuft, mache ich morgens einen Entwurf, bin abends schon am Schneiden und kann am nächsten Tag das erste Resultat sehen. Aber das ist selten der Fall. Selbst wenn die Form ziemlich einfach ist, benötigt die neue Technik sehr viel Denkarbeit, damit man diesen Transparenzeffekt hinkriegt. Und zahlreiche Versuche gehören auch dazu. Im Prinzip geht es bei diesen Sachen eher um die Arbeit mit den Farben als mit den Schablonen. Es ist schwer, Außenstehenden zu erklären. Es hat viel mit Deckkraft und Aufschichtung zu tun.

VIEL DENK ARBEIT

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Hörst du Musik beim Arbeiten? Und wenn ja, welche? Im Moment höre ich superviel 90er Jahre HipHop. Hier oben in der Wohnung habe ich meinen Plattenspieler, unten im Atelier höre ich mir bei Soundcloud Mixe an. Es gab diese Doku »Stretch and Bobbito: Radio That Changed Lives.« Seitdem höre ich mir alte Radioshows von ihnen an. Aber ansonsten bin ich musikalisch nicht festgelegt. Du bist jetzt Mitte 40. Wird theYOUNG irgendwann theOLD? Ich bleibe bei dem Namen, da Young mein echter Nachname ist. Die ursprüngliche Idee von theYOUNG war die Antwort auf die Frage »The Who?« Bei den Sachen, die ich 2002 umsetzte, beschäftigte ich mich intensiv mit der Popkultur der 60er Jahre. Ich arbeitete zunächst verstärkt mit meinem Namen, versteckte ihn mal mehr, mal weniger in meinen Bildern. Dann fing ich an, mein Gesicht in Szenerien einzubauen, wo es eigentlich nicht hingehörte. Beispielsweise ein Playboy-Bunny-Bild, wo ich den Kopf von Hugh Hefner mit meinem austauschte. Du hast schon weltweit deine Arbeiten ausgestellt. Bist du dabei meist vor Ort? Nein, das waren Gruppen-Ausstellungen, wo ich Exponate hinschickte. In Italien war beispielsweise eine Zeit lang superviel los.

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ARTSPECIAL: THE YOUNG

Welche Ausstellung ist dir besonders in Erinnerung geblieben? Oder sind dir Ausstellungen nicht so wichtig? Doch, grundsätzlich schon. In den vergangenen Jahren waren es eher wenig. Gut war die erste Ausstellung in Berlin. Ich hatte Spaß, und die Atmosphäre war positiv. Die Veranstaltung in der Galerie GUM am Siegfriedplatz in Bielefeld war auch gut. Dort finden zwei Ausstellungen pro Jahr statt. Ursprünglich war dort mal ein Geschäft, dessen Verkaufsraum nun eigentlich Esszimmer der Betreiberin ist. Das Esszimmer wird für Ausstellungen zur Galerie umfunktioniert. Ist dir Feedback wichtig? Klar, kann man nicht anders sagen. Wünschst du dir eher Rückmeldungen von Künstlern deines Genres oder von außenstehenden Personen? Man wünscht sich Beides. Gut ist natürlich immer unmittelbarer Kontakt. Das Internet gibt nicht mehr so viel her außer Herzchen. Das ist am einfachsten. Die sind auch schnell verteilt.


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Du bist bei einigen sozialen Netzwerken vertreten, bei Instagram, Flickr, deviantArt ... ELLO finde ich gut, sind aber noch nicht so viele Leute drauf angesprungen. Vom Prinzip her ist das eine gute Plattform. Was zeichnet sie aus? Es ist vom Aufbau anderen sozialen Netzwerken ähnlich, aber ziemlich auf Kunst, Musik und Fotografie fixiert. Sie machten damals bei Facebook super Werbung. Sie nutzten ihren gesamten Werbeetat, um bei Facebook Anzeigen mit der Aussage zu schalten, dass Facebook Scheiße ist. Was bedeuten dir regionale Graffiti-Jams wie »Bunte Hunde & Schräge Vögel« in Minden? Ich finde es auf jeden Fall schön, dass es sowas gibt. »Bunte Hunde & Schräge Vögel« und »Hack & Lack« sind gute Veranstaltungen. Das Gelände am Kinder- und Jugendkreativzentrum Anne Frank ist dafür bestens geeignet. Und wenn das Wetter passt, ist die Atmosphäre dort auch super. Was würdest du heute deinem 17-jährigen Ich mit auf den Weg geben wollen? Ich würde mir ein größeres Mundwerk wünschen. Das wäre praktisch (lacht). In welchen Situationen denn? Generell? Ja, generell. Eigentlich ist es ziemlich wichtig, vielen zu erzählen, wie gut man ist (lacht). Okay, aber ob die Leute einen so mögen? Ich weiß es nicht. Ich würde mich dann nicht mögen. Dennoch ist es definitiv nicht unwichtig.

Fühlst du dich denn hier in der kreativen Szene Bielefelds gut aufgehoben? Ich habe nicht wirklich viel mit anderen Künstlern zu tun. Wie bist du auf die Idee der aktuellen Serie gekommen? Vorher arbeitete ich ganz anders und nur in Grau. Es war ziemlich komplex und super arbeitsaufwändig. Teilweise setzte ich Motive um, für die ich 140, 150 Stunden lang am Schneiden war. Ich wurde stets auf die Technik reduziert. Im Endeffekt erhielt ich nur Fragen zum Zeitaufwand und nach der Anzahl der Schablonen. Die Welt, die ich konstruiert hatte, wurde hingegen nicht wahrgenommen. Daher entschied ich mich für etwas anderes. Wenn ich schon auf eine Technik reduziert werde, möchte ich eine entwickeln, die es so noch nicht wirklich gibt. Es ist krass, heutzutage etwas richtig Neues zu erfinden. Mit Schablonen habe ich das, was ich jetzt mache, bislang tatsächlich noch nicht gesehen. Und warum hast du dich für das Gegenständliche entschieden? Ich bin technisch noch nicht in der Lage, Lebewesen umzusetzen. Ich fing ganz reduziert mit Grundformen und Mustern an. Dann ging ich auf Gegenstände über. Da du deine Kunst verkaufst: Wer sollte sich deine Kunst unbedingt zulegen? Und wer sollte auf keinen Fall was davon besitzen? Das weiß ich nicht. Jeder soll was kaufen (lacht). Donald Trump soll nicht vorbei kommen. Er hätte das Geld. Ja, aber der ist eine Pfeife.

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ARTSPECIAL: THE YOUNG


»WENN ICH SCHON AUF EINE TECHNIK REDUZIERT WERDE, MÖCHTE ICH EINE ENTWICKELN, DIE ES SO NOCH NICHT WIRKLICH GIBT.« 33


the KUHL KID NRW/Niedersachsen

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MUSIK:

aktiv seit: 2007 Schwerpunkt: Streetbombing Web: Facebook / Instagram @thekuhlkid


Wann hast du mit Graffiti angefangen? Hattest du Vorbilder? 2007 habe ich das erste Mal Dosen in die Hand genommen und direkt an einem Straßenspot die erste Kuh gemalt. Dabei ist es in dem Jahr auch geblieben. 2008 habe ich dann noch ein paar Wenige gesprüht, die man aber an einer Hand abzählen konnte. Als dann 2009 zwei Freunde ebenfalls ernsthafter anfingen, Graffiti zu malen, ging es bei mir auch richtig los. Die ersten Jahre hatte man natürlich wenig Ahnung und hat einige unterschiedliche Sachen in der Stadt wahrgenommen und diese auch gefeiert, aber das waren jetzt keine Vorbilder. Im Zeitalter des Internets hat man dort natürlich auch Unmengen an Input bekommen, an dem man sich teilweise orientiert hat.

Hast du einen Lieblingsuntergrund zum Sprühen? Nein, sowas habe ich nicht. Natürlich präferiert man manche Wände vor anderen. Beispielweise ist eine stark saugende Fläche schon ziemlich nervig, weil man da viel mehr Farbe verbläst und es länger dauert.

Wann kam die Kuh hinzu? Wie gesagt, 2007 als meine erste Sprüharbeit. Die Kuh an sich habe ich aber Jahre zuvor als Kind auf Papier geschaffen, da muss ich neun Jahre alt gewesen sein.

Wählst du die Orte für Graffiti aus oder wählen die Orte dich aus? Ich wähle die Orte aus. Dabei berücksichtige ich mehrere Sachen und stelle mir verschiedene Fragen, wie zum Beispiel: Was ist das für ein Objekt? Wem gehört es? In welchem Zustand ist es? Wie ist der Untergrund beschaffen? Ist die Stelle gut sichtbar? Wie hoch ist die Stelle tagsüber und nachts frequentiert? Gibt es gute Fluchtwege? Sowas wird im Kopf durchgespielt. Hinzu kommt, dass mich Spots auch vor allem wegen des Hintergrunds interessieren, um ein gutes Foto zu bekommen. Gerne mit Merkmalen, die eine Stadt beschreiben.

Hattest du von Anfang an »Botschaften« gegen Rassismus etc. oder kam das erst mit zunehmender Bekanntheit hinzu? Das habe ich eigentlich schon von Anfang an immer mal wieder gehabt. Aber eine Botschaft definiert sich ja nicht erst durch einen aufgeschriebenen Satz, sondern ist ja auch in den Werken oder schon durch den Prozess der Erschaffung vorhanden.

Hast du noch einen Überblick, wo du dich überall verewigt hast? Klar, so viel war das ja jetzt auch nicht. Amsterdam, Basel, Berlin, Bielefeld, Bologna, Hamburg, Köln, Kopenhagen, Malmö, Paris, Porto, Rom, Ruhrgebiet und einige kleinere Städte. Es geht nicht viel über einen klasse Urlaub oder Ausflug und wenn man dann noch ein Souvenir in Form eines tollen Fotos einer seiner Sprühereien mitnehmen kann, dann ist das nochmal doppelt cool.

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CARABINIERI & HANDFEUERWAFFEN Kannst du eine Anekdote rund um Graffiti mit uns teilen? Ich war mal mit Freunden in Italien, wo wir beim Malen von mehreren Carabinieri überrascht wurden. Beim Abhauen hatten wir, nach mehreren Zickzackläufen, ein wenig Abstand und sind über einer Mauer in einem abgesperrten Wohnbereich gelandet. Der Innenhof war eine Sackgasse und drum herum waren Wohnungen, wo ein Hund richtig Alarm gemacht hat. Die Situation war ziemlich unentspannt und wir auch unsicher, ob die Polizisten unseren Fluchtweg gesehen haben. Meine Mitstreiter haben sich dann unter Autos versteckt, was mir aber zu unsicher erschien, also hab ich in der anderen Richtung des Hofes nach einem Ausgang gesucht. An einer Stelle war es möglich, auf ein Dach zu klettern, was ich dann tat. Leider war die andere Seite wesentlich höher und der Sprung auf die Straße deutlich zu groß, um das unverletzt zu schaffen. Es stand aber eine Straßenlaterne nah am Dach. Also hab ich mich schon darauf vorbereitet, falls die Carabinieri in den Hof kommen würden, an die Stange zu springen und wie ein Feuerwehrmann herunter

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ARTSPECIAL: THE KUHL KID

zu rutschen. Nach ca. 30 Minuten kamen aber lediglich meine Kollegen, denen von einem oberkörperfreien Anwohner mit Handfeuerwaffe klar gemacht wurde, dass sie mich einsammeln und wir dann dort verschwinden sollen. Wir taten dies nicht, weil wir nicht der Polizei in die Arme laufen wollten und blieben noch gute zwei Stunden auf dem Dach liegen, wo wir irgendwann alle immer wieder einschliefen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich geträumt habe, in meinem Bett zu schlafen und aufzuwachen, um dann zu realisieren, dass ich immer noch auf dem verfluchten Dach rumliege. Irgendwann dachten wir, dass die Luft wieder rein sein müsste. Wir sind zurück über die Mauer auf die Straße geklettert und völlig zerstört am Rezeptionisten vorbei ins Hotel gelaufen.


In Minden und Umgebung, wo besonders viele Arbeiten von dir zu finden sind, hast du eine große Fangemeinde, sogar eine eigene Facebook Fanseite. Bekommst du auch von anderen Graffiti Artists Zuspruch? Ja, ist schon ein paar Mal vorgekommen. Die finden die Kühe auch witzig und schätzen die hohe Quantität. Es gibt aber auch von einigen Leuten Neid und Missgunst, die zerstören dann Arbeiten von mir.

Wird die Kuh irgendwann in Rente geschickt? Bestimmt irgendwann, aber erstmal nicht! Ich habe noch einige Pläne mit The Kuhl Kid.

Was macht dich glücklich? Eine Hand voll Menschen, Sport, kreatives Arbeiten und eigene Projekte umsetzen, Essen, Musik. Glaubst du, dass deine Kühe dabei helfen, die gesellschaftliche Akzeptanz von Graffiti zu steigern? Würdest du dir wünschen, dass auch andere Artists so viel Aufmerksamkeit erhalten wie du? Keine Ahnung und ist auch nicht mein Ziel. Wer leidenschaftlich was macht und gut darin ist, der kriegt auch früher oder später Aufmerksamkeit, sofern er oder sie überhaupt Lust darauf hat.

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ROFL Bielefeld

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aktiv seit: 2013/14 Schwerpunkt: Bombing, Tagging

ARTSPECIAL: ROFL


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MUSIK: ARTSPECIAL: ROFL


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HERBIRD GRÖHLEMEYER Bielefeld/Lüneburg aktiv seit: Winter 1995/1996 Schwerpunkt: Graffiti / Sticker / Screenprinting Crew: KTE/ KKP/ KLEBOS / A*Bird – Kollektiv Druck machen Web: Instagram @herbird.groehlemeyer

Dieses gigantische Sketchbook ist das Krasseste überhaupt. Ja, angesichts der Größe musste ich es im Laden unbedingt mitnehmen. Zehn Jahre lang hatte ich kein Skizzenbuch. Als in Lüneburg ein Dosenladen eröffnete, durfte ich mit Jayn das Interieur besprühen. Die Bezahlung bestand wahrscheinlich aus einem Kasten Bier, und ich suchte mir noch zusätzlich ein Blackbook aus. Es war in Windeseile voll, sodass ich mich fragte, weshalb ich in den vergangenen Jahren keins hatte. Allerdings war mir das Format zu klein. Zu meiner bisherigen Zettelwirtschaft in Leitz-Ordnern wollte ich nicht zurückkehren. Ich bin nämlich »leider« so ein Keeper und behalte alles. Wann hast du mit Graffiti angefangen? Mein erstes Graffiti, das den Namen auch verdient, war im Alter von elf Jahren an einem inzwischen abgerissenen Vereinsheim eines Bielefelder Sportplatzes. OPK – Operation Powerkanne. Meine Herren, das waren witzige Zeiten. Bei uns in der 6. Klasse gab es einige Leute, die anfingen, Tische vollzuschmieren und Buchstaben zu zeichnen. Gleichzeitig spielten wir tagsüber noch mit Playmobil. Das muss ich mir immer bewusst machen, weil ich echt jung war, als ich anfing.

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ARTSPECIAL: HERBIRD GRÖHLEMEYER

Siehst du dich als Sprüher eher in Bielefeld oder Lüneburg verortet? Ich wohne seit bald acht Jahren in Lüneburg und hatte schon immer das Bedürfnis, viel zu reisen und mich vom Lokalpatriotismus fern zu halten, selbst wenn wir »Bielefeld represent« irgendwo hinschrieben. Ich mag Bielefeld nach wie vor. Klar, bei Graffiti schwingt auch stets eine Stadtabhängigkeit mit, doch die braucht es für mich eigentlich gar nicht. Ich verorte mich dahin, wo ich meine Leute habe, so habe ich natürlich auch in Bielefeld gute und langjährige Wegbereiter mit Graffitikontext. Meine eigene und angeheiratete Familie ist innerhalb Deutschlands sehr breit gestreut. Ich bin zwar ein »Künstler«, der in Lüneburg arbeitet, nehme aber mein Sprühzeugs sowieso überall mit hin. Ich lebe als berufstätiger Erwachsener mit den finanziellen Möglichkeiten, an vielen Orten malen zu können. Das nutze ich sehr intensiv und leidenschaftlich. Mein Bedürfnis nach Malerei besteht permanent. Ich schaffe es dabei immer wieder, überall Leute kennenzulernen. Meine Frau findet das, glaube ich, interessant. Jedenfalls hat sie mich so kennengelernt und beschwert sich nicht.


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Macht sie mit dir Graffiti? Sie hat irgendwann mal gesprüht, aber mehr als Gag. Ich kriege sie nicht dazu, auf eine Jam mitzufahren. Dafür ist sie nicht der Typ, und ich finde es andererseits auch total gut, einfach mal abzudüsen und meinen Scheiß zu machen, und sie erledigt in der Zeit ihren Kram. Die Familie meiner Frau stammt aus dem Erzgebirge, Nahe der tschechischen Grenze. Alle dort wissen, dass ich sprühen gehe und finden es irgendwie spannend. Wenn ich mit ins Erzgebirge fahre, ist es also auch dort voll normal, dass ich tagsüber ein bisschen verschwinde und irgendwo einen Abriss entere. Seit dem vergangenen Jahr gibt es in Schneeberg eine legale Wand, was wiederum dazu führte, dass ich auch dort meine Connections bekommen habe. Ich sorge scheinbar unbewusst dafür, dass für alle in meinem engsten Umfeld Herbird und Graffiti zum Alltag gehören. Du hast auch mehrere Kollektive am Start. Neben meinen Crews KTE, KKP und KLEBOS bin ich noch die eine Hälfte von A*Bird – Kollektiv Druck machen. Das hat aber weniger mit Graffiti zu tun. Als A*Bird machen wir Siebdrucke. Es hat viel mit politischer Arbeit zu tun. So haben wir bereits im Nachklang vom G20 in Hamburg eine Reihe Soli-Shirts mit dem Titel »ONE BIG MOB« für eine lokale Anti-Repressionsgruppe zur finanziellen Unterstützung produziert. Mein Kumpel Denis fragte mich gestern, wie ich es schaffe, Familie, Vollzeitjob und all mein Gesprühe unter einen Hut zu packen. Gerade beim Siebdruck, das ich trotz vorhandener Werkstatt zu selten mache, bringt sich meine

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Frau ein. Unser kinderreicher Bekanntenkreis bekommt zum Geburtstag beispielsweise bedruckte Bodys. Dann kommt natürlich die Nachfrage nach mehr Kinderklamotten, weil meine Vögel so kindlich seien, zumindest sagen das andere. Ich finde den Piepmatz ja voll erwachsen. Stört dich die Nachfrage nach Produkten für Kinder oder findest du das gut? Ich finde es toll, dass meine Frau in dem Moment daran Anteil nimmt und Ideen hat. Insofern finde ich das gut. Ich merke aber, dass ich es nicht auf die Kette kriegen würde, die Geschichte größer aufzuziehen, weil es dann doch zu viel für mich wird. Haben die Vögel eine tiefere Bedeutung? Wie sind sie zu deinem Markenzeichen geworden? Die Vögel entstanden gegen 2006 in Bielefeld. Mit HimBaer wohnte ich ganz lange zusammen. Er macht Sticker unter dem Pseudonym. Von ihm stammt auch das bekannte T-Shirt-Design »Esst mehr Nazis«, das einen Bären mit Messer und Gabel zeigt. Dank ihm wollte ich auch irgendetwas mit Stickern umsetzen. Ich überlegte mir krampfhaft Dinge, und irgendwann kam dieser Vogel dabei heraus. Seitdem hat er sich sehr hartnäckig seinen Platz erkämpft und ist ein ständiger Begleiter geworden. Ich weiß nicht, ob er etwas aussagt. Dafür ist er schon zu stark eine eigene Person, ein Mitmensch. Er ist relativ einfach zu malen, geht schnell, hat Ausdruck. Seine niedliche, freche Art spricht relativ viele Leute an. So konkret habe ich noch nie darüber nachgedacht, ob er mein Markenzeichen ist. Das trifft es aber eigentlich. Von all meinen Pseudonymen nutze ich Herbird mittlerweile doch am häufigsten. Ich weiß gar nicht, ob er mir am wichtigsten ist. Er hat auf jeden Fall Wiedererkennungswert.


»

«

Hast du richtige Fans, die mehr machen, als deine Bilder einfach auf Instagram und so zu liken? Zur Mindener Kuh gab’s beispielsweise eine ganze Fanpage und wiederholte Berichterstattung in der lokalen Presse. Hast du solche Anhänger? Nein, nicht dass ich wüsste (lacht). Bevor ich nach Lüneburg zog, hatte ich dort zwei Jahre lang eine Fernbeziehung. Dadurch war ich regelmäßig vor Ort und klebte die kleine Stadt voll. Und als ich wirklich dort wohnte, dachten viele, ich sei Lüneburger. »Keine Haus-WG ohne Herbird auf dem Kühlschrank« war auf jeden Fall mein Ziel beim Umzug. Machst du auch Skulpturen? Ich weiß nicht, wie sehr du dich mit dem Erzgebirge und seiner Folklore auskennst. Der Vater meiner Frau schenkte mir vor zwei Jahren zu Weihnachten einen Schwibbogen mit Herbirds. Als Vorlage diente ein Kalendermotiv, das ich einst für meine Frau gezeichnet hatte. Von seiner Laubsägearbeit war ich so begeistert, dass ich selbst damit anfing. Das ist aber noch mit sehr viel Frust verbunden. Ich bin sehr schlecht im dreidimensionalen Denken. Für die diesjährige Urban Up in Leipzig wurden meine Schwibbögen angefragt. Ich fand das total seltsam und gleichzeitig witzig. Meine Frau ist Werken-Lehrerin. Mit Laubsäge-Arbeiten hat sie ihr Staatsexamen bestanden. Eigentlich könnte sie die Bögen für die Ausstellung für mich machen. Für unseren anstehenden Camping-Urlaub ist die Laubsäge bereits eingepackt.

Was war das Größte, das du je gemacht hast? Das FlaFla in Herford war definitiv das Größte. Ich gestaltete die Außenwand im vergangenen Sommer mit einem von der Hamburger Gruppe Angry Koala. Es war eine ziemlich spontane und witzige Idee. Ich kenne die Einrichtung noch von früher. In Hamburg gibt es die Street Art School St. Pauli Karo Schanze. Sie geben Street Art Workshops und ähnliches, holen sich Aufträge ran. Einer, der die Veranstaltung dort organisierte, kommt aus dem Kalletal. Er merkte an, dass im Zuge der FlaFla Renovierung ein, zwei Wände zum Malen zur Verfügung stünden. Da ich eh nach Bielefeld reiste, meldete ich mich dafür. Eigentlich wollten mein Kumpel und ich klassisch nebeneinander malen. Wir kamen einen Tag vor dem Rest der Sprüher aus Hamburg an. Die FlaFla Betreiber meinten, wir könnten auch bis ganz oben malen, da die Nachbarfirma Steiger und Hubwagen verleiht. Am ersten Abend strichen wir die Wand gelb. Bis zum Morgengrauen und den anschließenden Tag fuhren wir mit dem Hubwagen herum. Wir waren wegen der großen Fläche derart geflasht. Ich hab definitiv Bock auf mehr Sachen dieser Größenordnung. Trotz aller Spontaneität sind wir beide tierisch happy über das Ergebnis. Es ist in sich schlüssig. Die einzige Vorgabe, die wir hatten, war der Spruch oben »Schulter an Schulter gegen Faschismus.« Ich male gerne Herbird-Haufen, er malt gerne Koala-Haufen, daher passte es so schön. Die gemeinsame Arbeit hatte irgendwie Demo-Charakter. Es gibt vom re/ Vision Medienkollektiv aus Bielefeld ein Zeitraffervideo der Aktion, das sehr witzig ist, weil der Kranwagen ständig auf- und abfährt.

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Hörst du beim Arbeiten Musik? Ja, immer. Gestern kaufte ich meine 711. Schallplatte. Ich habe so viele teure Hobbys. Was habe ich passend dazu neulich gelesen? »Teach your kid graffiti so it will never have money for drugs.« Das Gleiche gilt beim Schallplatten-Sammeln. Dass du sie noch zählst, finde ich krass. Ich fing irgendwann einen Katalog an. Ich hatte ein Jahr und einen Monat lang Elternzeit. Du glaubst gar nicht, was man alles mit einem kleinen Würmchen, das die ganze Zeit pennt, machen kann. Es war Winter, das Kind schlief, und auf Discogs findet man jede Schallplatte. Ich guckte, was ich so an Werten habe. Dann bin ich in so einen Film reingekommen, ging alle Regalbretter durch. Wenn eine neue hinzukommt, landet sie künftig in meinem Katalog. Daher weiß ich, dass es aktuell 711 sind. Und was hörst du so? Natürlich nur MadCap und 1122 ;-) MadCap malt bei KKP und ist einer meiner frühesten Wegbegleiter beim Graffiti. 1122 ist mein KTE-Umfeld aus Hamburg. Es gibt bestimmte Musikrichtungen, die sich bei mir wie ein roter Faden durchziehen. Dazu zählt definitiv HipHop, irgendwie damit verbunden Jazz. Ich geh nicht mehr so wirklich feiern, hing aber in der Vergangenheit am liebsten auf Drum’n’Bass Partys ab. Weil es diese in Bielefeld relativ selten und in Lüneburg noch weniger gab, war eine gute

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Techno Party auch in Ordnung. Von dem Haufen Platten sind circa 150 Drum’n’Bass Dinger aus den 90ern. Das ist vielleicht etwas, worauf man mich festnageln kann. Bei Graffiti, Deutsch- und Ami-Rap bin ich total in den 90ern hängen geblieben. Liegt am Alter oder? Ja, aber ich glaube, das hat auch was mit dem Flair zu tun. Neulich malte ich mit einem gleichaltrigen Typen in Zwickau, der genauso lang wie ich als Sprüher unterwegs ist. Die deutsche Rap-Mucke, die ich total feiere, konnte er überhaupt nicht ab. Die Aggro Berlin Welle sei dagegen genau das Richtige für ihn, was mir wiederum voll auf die Nüsse geht. Evergreens, beispielsweise »Kopfnicker« von den Massiven Tönen aus 1996, kann ich mir immer anhören. Es gibt einen Typen aus Berlin, BeatPete, der Mixe namens »Vinyl Sessions« veröffentlicht. Er trifft ziemlich genau meinen momentanen Geschmack. Er vereint HipHop Beats, manchmal Rap, viel Jazz, bisschen experimentellen Schwachsinn. Das finde ich toll. Dann gibt es auch Leute wie Mac DeMarco, der Gitarre spielt, etwas Country Slack. Den höre ich sehr gerne.


poste und gucke. Wenn jemand, dessen Stil ich mag, mein Bild liked, freut mich das mehr als das Like einer mir unbekannten Person. Ich mag Rückmeldungen auf Augenhöhe, am liebsten in gesprochener oder geschriebener Form. Mir sind auch die Ansichten meiner Frau zu meinen Bildern wichtig. Rückmeldungen wie »Ich kenn deine Sachen« finde ich witzig. Sie zeigen mir, dass sich das viele Reisen lohnt. Zuletzt hatte ich dieses Erlebnis in Zwickau, wo ich noch nie zuvor war. Jemand, der neben mir malte, erkannte meinen Vogel. Das war super. Bei so einer Rückmeldung klopft mir das Herz. Mein Stil hat sich offenbar einer anderen Person eingeprägt. Es liegt mir fern, daraus eine Arroganz aufzubauen.

Okay, du bist wirklich breit aufgestellt. Ich könnte dir auch einfach meine Discogs Seite schicken. Ich bin schon sehr beatlastig. Jazz muss drin sein. Oddisee, ein Rapper aus den USA, finde ich ziemlich cool. Aber auch Daugther, zu deren Musik man brutal ausschweifen kann. Ich finde Musik total gut. Ein Crew-Kollege von mir, der Spam von KLEBOS, erkennt jedes Aesop-Rock-Zitat, das ich in Bildern unterbringe. Da ist er aber auch der Einzige. Aesop Rock und Turbostaat zitiere ich in meinen Bildern scheinbar echt oft. Ich habe mal mehr oder weniger das Bedürfnis, in meinen Bildern Statements abzugeben. Im Formulieren bin ich nicht so gut, dafür aber empfänglich für Aussagen aus Musik, die ein Thema auf den Punkt bringen. Sei es politisch oder die momentane Gefühlslage. Insofern spielt Musik für mich eine große und wichtige Rolle. Ist dir Feedback für deine Arbeit wichtig? Wessen Rückmeldung bedeutet dir am meisten? Ich würde lügen, wenn ich behaupte, Feedback sei mir nicht wichtig. Man befindet sich immer im Austausch, beruflich wie privat. Mit meinen Crew-Buddys tausche ich mich natürlich gerne aus. Auch da gibt es Leute, mit denen ich eher eine Welle habe als mit anderen. In einer Crew mit 15 Leuten muss ich nicht unbedingt jeden Style gut finden. Dann mag ich aber den Menschen als Person. Instagram Likes sind schön, doch nicht die Rückmeldung, die ich brauche. Ich bin kein Feind von Social Media, bin dort mehr oder weniger täglich irgendwie aktiv,

Gäbe es für dich einen Grund, eines Tages mit dem Sprühen aufzuhören? Nö. Warum? Na gut, es gibt Leute, die nur illegal malen und bei legalen Sachen keinen Kick verspüren. Dann kann ich nachvollziehen, warum sie aufhören. Das ist nur konsequent, trifft allerdings auf mich nicht zu. Natürlich war ich früher auch illegal unterwegs, doch nie auf dem Level von Menschen, die losziehen, um regelmäßig Kisten zu malen. Das ist ein Lifestyle, wo ich höchstens Zaungast bin. Ich habe da einen riesigen Respekt vor. In 30 Jahren werden sie vielleicht keine Züge mehr malen, aber trotzdem noch irgendwie sprühen gehen. Also verstehe ich nicht, warum man damit aufhört. Auch mit Familie und Vollzeitjob ist es machbar. Mein Kind findet es sogar manchmal spannend. Da bin ich neugierig, was für eine Entwicklung das mit sich bringt, ob sie irgendwann noch mehr Interesse daran hat. Aktuell mit 2,5 Jahren erwarte ich natürlich keine großen Sprünge von ihr. Sie erkennt meine Sachen und den Vogel. Am schön­sten wäre es, wenn sie irgendwann meine Lebensphilosophie übernimmt: »Mach’s einfach, wird schon alles gut.« Wenn sie ihre Handlungen für sich verantworten kann und niemand damit in die Scheiße reitet, verletzt oder sonstiges, kann sie erstmal machen, was sie möchte. Nur mit ein bisschen Reflexion bitte. Möchtest du sonst noch etwas erwähnen? Graffiti ist viel mehr als ein Hobby. Das ist für die Außenwelt manchmal schwer zu verstehen, es ist ein so großer Teil in meinem Leben, ich gehe fast so weit, dass es meine Person, mein heutiges Auftreten und Selbstbewusstsein stark beeinflusst und gefördert bzw. geformt hat. Sprühen macht mich einfach glücklich. Was will man mehr? Graffiti ist schön ... und macht schön ... immer!

»DAS IST VIEL MEHR ALS EIN HOBBY.« 47


theICH’S Bielefeld

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aktiv als Gruppe seit: 2008 Schwerpunkt: Street- & Trainbombing Member: Arti, Apsu, Carlo, Olive, Orka

MUSIK: ARTSPECIAL: THE ICH’S


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MUSIK: ARTSPECIAL: THE ICH’S


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ARTSPECIAL: THE ICH’S


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CARLO

aktiv seit: 2017 Schwerpunkt: Buchstaben

Bielefeld

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Web: instagram @carlo

ARTSPECIAL: THE ICH’S

CARLO

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ARTSPECIAL: THE ICH’S

CARLO


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AKQ Minden

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aktiv als Gruppe: 2015 Schwerpunkt: Street- & Trainbombing Member: Hoak, Marvin, Pset, Rokus, Serg, Yarak

ARTSPECIAL: AKQ


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LORD SCAN Minden

aktiv seit: Januar 1994 Schwerpunkt: Konzeption und Konstruktion Kollektiv/Crew: Schädelbasis Export Web: mattiasvoss.de, lordscan.de, schaedelbasisexport.de

Wie würdest du dich als Künstler jemandem kurz beschreiben, der dich nicht kennt? Ich hab vor ein paar Jahren mal den Begriff »Surreal Standard« definiert. Der beschreibt vor allem meine Wände ganz gut. Ansonsten würde auch »Hauptsache verspult« und »Von allem zuviel« passen. :-D Mit dem Klan hast du einst HipHop in Minden bekannt gemacht. Inzwischen ist er längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Fühlt er sich für dich aktuell mit den kommerziell erfolgreichen Protagonisten noch richtig an? Oder trauerst du eher der Vergangenheit hinterher? Nein. Hinterher trauern, tue ich allgemein nicht. Das hat immer etwas kontraproduktives. Außerdem war es früher nicht zwangsweise besser, sondern man war jung und hat neue Erfahrungen einfach intensiver erlebt. Zurück erinnern, tue ich mich übrigens sehr gerne. Für mich wie für eine Menge Andere ist das Erleben der Jam Kultur in den 80er/ 90er Jahren sozusagen magisch gewesen. Dieses tief verwurzelte Gefühl ist dann auch der Grund, warum ich an HipHop fest halte. Das HACK & LACK und der Schiefe Bahn Express sind beispielsweise genau aus dieser Haltung heraus entstanden. Was HipHop ausmacht, das muss im übrigen jede Folgegeneration für sich selbst definieren. Es ist eben nicht nur eine Sub-, sondern hauptsächlich eine Jugendkultur.

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ARTSPECIAL: LORD SCAN

Von was lässt du dich heutzutage beim Sprühen inspirieren? Gibt es ein Land oder bestimmte Personen, die du im Blick hast? Bunte Buchstaben schaue ich mir allgemein gerne an. Für mich hat streetfiles.org zum Beispiel jahrelang morgens die Aufwachphase begünstigt und auf eine unterschwellige Art den Bock aufs Sprühen gefördert. Woran ich mich einfach nicht satt sehen kann, sind Berliner Pieces Mitte der 90er. Da gab es diese geballte Innovation in Bezug auf Stylewriting. Füllst du noch regelmäßig Blackbooks? Hast du ein Lieblingsformat? Phasenweise passiert das sogar noch regelmäßig. Ich hab seit gefühlten 100 Jahren ein Hardcover DINA4 Buch in Arbeit, bei dem es aber bestimmt noch weitere 100 Jahre dauert, bis es voll ist. Ein figuratives Skizzenbuch habe ich noch in Arbeit und eins bei dem ich immer zweifarbige Scan-Pieces pro A4 Seite spontan und ohne Vorzeichnung mache. Dazu kommt dann das Jahreskontingent an losen Skizzen. Mit der 18 bin ich sogar ganz gut zufrieden. Vor allem weil die 16 und 17 ganz schön dünn waren.


2016, Minden

Wessen Feedback ist dir am wichtigsten? Über positives Feedback freue ich mich grundsätzlich immer. Allerdings kommt meine Motivation, Kunst zu schaffen, aus einem überwiegend inneren Bedürfnis. Kategorie Künstler eben. An dem Punkt unterscheide ich mich von den meisten Menschen. Ich schaffe auch Kunst, ohne Feedback zu bekommen. Wenn ich jetzt vom Buchstabengraffiti ausgehe, dann ist das mit dem Feedback insofern schwierig, weil das für Normalmenschen einfach nicht zugänglich ist. Dass es da einen geschichtlichen Hintergrund mit zentralen Personen, Strömungen und Innovationen gibt, ist im Grunde für niemanden ersichtlich. Selbst der Durchschnittssprüher mit langjährigem Wirken hat sich nie mit dieser Entstehungsgeschichte befasst. Um auf die Feedbackfrage zurück zu kommen: Ich habe natürlich eine Liste mit Sprühern, mit denen ich gerne mal fachsimpeln würde. »Delta-Mess-INC« aus Amsterdam steht da zum Beispiel ganz oben. Außerdem hätte ich »Dondi CIA« (R.I.P.) gerne noch gezeigt, was ich aus dem Standard Paperstyle gemacht habe. Von Dondi kam mal die Aussage, dass der Paperstyle eine Sackgasse wäre.

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RETROPERSPEKTIV 1994–2018

1994, Minden

1996, Massachusetts

1995, Minden

1997, Minden 1998, Minden

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ARTSPECIAL: LORD SCAN


Was ist deine persönliche Top 3 der besten Graffiti-Filme? Und warum? Eine Top 3 habe ich gar nicht. Ganz oben steht für mich die Dokumentation »Style Wars«, die im New York der frühen 80ern gedreht wurde. Ein Zeitdokument mit dem Schwerpunkt Subway-Graffiti, das mitgeholfen hat, HipHop weltweite Beachtung zu verschaffen. Dann gibt es aus den letzten 15 Jahren natürlich ungezählte Dokumentationen aus dem Bereich Graffiti, die unbedingt sehenswert sind. Wenn man dich googelt, findet man jede Menge Berichte über Workshops, die du gegeben hast. Was bedeutet dir die Arbeit mit Jugendlichen? Zur Arbeit mit Jugendlichen bin ich ja nur über Umwege gekommen. Ich habe keine pädagogische Ausbildung, habe mir aber über die Jahre eine Routine erarbeitet, die ich nicht missen will. Ein zentrales Grundprinzip in meiner Haltung ist es, die Kreativität und deren Austausch zu fördern. Aus diesem Gedanken heraus nehme ich die Arbeit mit Jugendlichen sehr ernst.

1999, Minden

Heutzutage kann man sich ohne Probleme Graffiti der ganzen Welt anschauen. Wie hast du dich zu Beginn in Sachen Graffiti fortgebildet? Hättest du rückblickend gerne den heutigen Input aus dem Internet gehabt? Die Frage habe ich mir auch schon mal gestellt. Nein, ich habe nichts vermisst. Ich hatte Anfang Januar 94 das Glück, über eine Anzeigenspalte in einem Computermagazin an ein Graffiti-Lexikon zu kommen. Das war nicht so besonders fundiert, aber es gab darin die Basis-Infos wie zum Beispiel Skinny- und Fat-Cap und ein paar Adressen, bei denen man Dosen und Caps bestellen konnte. ’95 kam dann auch das »Graffiti Art Germany« raus und damit gab es dann alle Infos, die man brauchte, um zu starten. 1994 kam auch ein Berliner Graffitimagazin mit dem Namen »Backjumps« heraus. Die ersten beiden Ausgaben waren sowas wie meine Style-Bibeln. Außerdem bin ich regelmäßig mit dem Wochenendticket quer durch Deutschland auf die Jams gefahren und konnte den Szenegrößen beim Sprühen zusehen. Das war direkt erfahrbar und dementsprechend beeindruckend. Ich weiß auch gar nicht, ob das heute alles leichter ist. Mit den Massen an Bildern kommt auch die Notwendigkeit des Filterns dazu und die allgemeine Beliebigkeit des Ganzen.

»DAS WAR DIREKT ERFAHRBAR UND DEMENTSPRECHEND BEEINDRUCKEND.«

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Was hältst du von Leuten, die alles, was sie sprühen, sofort ins Netz stellen? Geht dir dabei irgendwie die Romantik flöten? Gab es früher auch schon. Das bezog sich damals aber auf die Magazine. Das Netz ist im Grunde zur Erweiterung des öffentlichen Raumes geworden und damit zu einer Möglichkeit, seinen Namen zu verbreiten und sich zu inszenieren. Mit dem Begriff der Romantik kann ich mittlerweile nicht mehr viel anfangen. Vor 10 bis 15 Jahren hab ich da auch noch anders gedacht. Bei mir hat sich die Perspektive auf das Leben insgesamt geändert. Der wesentliche Punkt dabei ist: Alles ist im Wandel, nichts ist beständig. Sich gegen dieses Prinzip zu stellen und sich daran ab zu arbeiten, führt nirgendwo hin. Die

»ALLES IST IM WANDEL, NICHTS IST BESTÄNDIG.« Welt der sozialen Medien geht aber auf jeden Fall größtenteils an mir vorbei. Ich bin einfach nicht in der Lage, mich auf diesen Modus der Oberflächlichkeit und schnellen Abfertigung einzustellen. Das ist bei mir reines Unvermögen und hat nichts damit zu tun, dass ich diesen Bereich prinzipiell ablehne. Was würdest du machen, wenn man dir sehr viel Geld für deine Kunst zur Verfügung stellen würde? Da muss ich gar nicht lange nachdenken, weil das zur Zeit sehr aktuell ist. Ich würde in Erfahrung bringen, ob man die Wiesenfläche vor dem Anne Frank JUZ kaufen oder pachten kann und als aller

2000, Minden

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erstes den Schiefe Bahn Express sanieren und die Hall auf Vordermann bringen. Ein paar verlässlichen Freunden gut bezahlte Sommerjobs anbieten und dafür Sorge tragen, dass das HACK & LACK in einem jährlichen Rahmen strukturiert und frustfrei stattfinden kann. Dann gibt es noch das Audio-Material, was ich in den Archiven habe und gerne veröffentlichen würde. Sollte das alles unter Dach und Fach sein, würde ich, glaube ich, mal den Gedanken zulassen, über den Bau einer Mindener Straßenbahn nachzudenken. Findest du, dass die Künstlerszene in Deutschland zu wenig Unterstützung erhält? Das kann ich nicht wirklich beantworten. Es gibt auf jeden Fall verschiedene Fördermittel und Töpfe. Von denen muss man aber auch erstmal wissen. Wenn ich das auf mich beziehe, ist die Unsicherheit in Bezug auf Papierkram und Amtswege die Problematik. Verfolgst du noch, was in der Mindener Szene so passiert? Sehr geringfügig. Nicht aus Desinteresse sondern weil es da kaum Berührungspunkte gibt. Die einschlägigen Leute hab ich natürlich auf dem Schirm. Wird es 2019 eine Neuauflage von Hack & Lack geben? Das ist zumindest der Plan. Momentan bin ich mit der Strukturierung, Finanzierung und ganz allgemein der Machbarkeit beschäftigt. Sobald das Datum sicher steht, werden wir das per Facebook und so weiter bekannt geben.

2001, Münster

ARTSPECIAL: LORD SCAN


2002, Minden

2005, MĂźnster

2003, Minden

2006, Sarajevo

2004, MĂźnster

2007, Bochum 2008, Bochum

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2009 Minden

2012 Minden

2010 Minden 2011 Minden

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ARTSPECIAL: LORD SCAN


2013, Minden

2017, Porta

2014, Vlotho

2018, Minden

2015, Minden

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KIRA Paderborn

aktiv seit: 2013 Skizzen/ 2015 Dose Schwerpunkt: Letters Web: Instagram @banalaberfresh

Wer oder was war bei dir der Auslöser, mit Graffiti zu starten? Ich habe schon als Kind gerne gezeichnet. Es fing an mit Landschaften, Vasen und Blumen. Graffiti kam dann einfach mit der Zeit. Das macht mir mehr Spaß als zum Beispiel Landschaften malen. Mit Graffiti erlebt man irgendwie mehr, also bleibt die Motivation dafür.

»MIT GRAFFITI ERLEBT MAN MEHR.«

Kannst du dir deine ersten »Gehversuche« noch gut angucken? Klar, man erinnert sich an die Zeit zurück oder an die Nacht, als man das Bild gemalt hat. Was alles zu dieser Zeit passiert ist ... Hörst du auf die Ratschläge von anderen oder gehst du lieber deinen eigenen Weg und sammelst eigene Erfahrungen? Ist dir Feedback zu deiner Arbeit wichtig? Ich höre mir Ratschläge/Feedback voll gerne an, denn dadurch wird man besser und bekommt vielleicht auch neue Ideen. Manchmal bekommt man dadurch einen Anreiz, etwas besser zu machen. Das Einzige, auf was ich nicht höre, ist, wenn Leute mir sagen, ich soll größer malen. Die Arbeit welcher Graffiti Artists verfolgst du regelmäßig? Besonders mag ich die Bilder von MadC, DMARK, Syck, Was, Skin und einigen mehr, die mir gerade nicht einfallen.

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ARTSPECIAL: KIRA

Was ist dir als Sprüherin wichtiger: Qualität oder Quantität? Mir ist auf jeden Fall Qualität wichtiger. Hast du einen Lieblings-Graffiti-Film? Zu meinen Lieblingsfilmen gehören: Wholetrain, Unlike U, Keep Us In Good Memories. Würdest du gerne mal zum Sprühen die Welt bereisen? Wer würde das nicht? :-) Hast du das Gefühl, als Frau von der Szene anders behandelt zu werden? Ja schon. Auch Frauen malen hin und wieder gute Bilder, aber manche Kerle können das dann nicht zugeben. Die sagen dann »geht doch fit« oder »stabil«. Als Frau hat man es auch schwerer, was Zäune betrifft oder große Wände zu starten, aber vielleicht betrifft das auch nur die etwas kleineren Frauen. Als Frau kann man auch mehr Aufmerksamkeit bekommen, wenn man das unbedingt möchte, da die Szene halt männerdominiert ist.


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LIME Paderborn

aktiv seit: 1999 / Anfang 2000 Schwerpunkt: Stylewriting / Abstraktmalerei Kollektiv/Crew: MOIN TANG CLAN / Generation Arts Web: facebook.com/ lime0ne instagram.com/abstrakt_style_writing

Interview am 25. August bei der Vernissage der MOIN TANG CLAN Generation Arts Ausstellung im Raum für Kunst, Paderborn

Welcher Style zeichnet dich aus? Ich arbeite sehr abstrakt, entwickle meine eigenen Buchstaben und gucke mir keine Buchstaben ab. Das ist alles zu hundert Prozent meins. Es ist mir wichtig, mich von der Masse abzusetzen. Dinge wie Vorzug und Fill-in mache ich nicht. Für mich ist das Fill-in des Buchstabens auch der Hintergrund. Und ich brauche keine sechs, sieben Farben. Vier Farben reichen mir mittlerweile. Früher malte ich sehr bunt. Meine persönliche Entwicklung im Graffiti ist extrem. Irgendwann ging ich ins Dreidimensionale und wollte etwas zum Anfassen haben. Dadurch kam ich zur Recycling-Art. Für all die Dosen, die ich in die Mülltonnen schmeiße, zahle ich jede Menge Geld. Im Endeffekt liefern sie mir nur 400 ml Inhalt, aber ich dachte mir, dass man damit noch mehr anstellen müsste. Dazu sollte man vielleicht wissen, dass ich von Beruf Maler und Lackierer bin. Ich schnitt die Dosen also auf und überlegte, was ich damit anstelle.

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ARTSPECIAL: LIME

Selbst die Kugeln aus dem Inneren sind dafür geeignet, weiter verwertet zu werden. Dadurch kam es zu den Gebilden, die ich auf Leinwand umsetze. Davon werde ich in Zukunft noch mehr machen. Mein Schwerpunkt liegt momentan darauf, zunehmend Feinheit reinzubringen und das Ganze etwas ansehnlicher zu gestalten. Ich finde, dass es aktuell noch in den Kinderschuhen steckt. Die Collagen, die hier ausgestellt werden, sind nicht hundertprozentig so, wie ich sie haben möchte. Ich will sie feiner haben und mit mehr Licht. Ich versuche, die Lichtpole so zu kombinieren, dass man sie mit einem Knopfdruck anschalten kann. Aktuell muss ich drei, vier Hebel bewegen, damit das Licht angeht. Es steckt schon ein bisschen Arbeit dahinter.

»IRGENDWANN GING ICH I 3DIMENSIONALE UND WO ETWAS ZUM ANFASSEN HA


NS OLLTE ABEN.«

Gehörst du aktuell einer Crew an? Ich habe viele Crews, aber eigentlich repräsentiere ich sie nicht mehr so richtig. Der MOIN TANG CLAN und Generation Arts könnte man noch am ehesten als meine Crews ansehen. Sie pushen mich und sind ein großes Standbein. Die Jungs organisieren viel und binden mich wie heute bei dieser Veranstaltung ein. Zudem sind sie super, da sie junge Künstler fördern. Sie machen definitiv viel für Nachwuchskünstler. Es gibt regelmäßige Treffen und kreativen Austausch im sogenannten Corner. Dort war ich allerdings selten, da ich beruflich sehr eingebunden bin. Bei mir ist es stets schwierig, überhaupt an Veranstaltungen teilzunehmen. Ich stehe um 5 Uhr auf und habe vor lauter Arbeit bis jetzt noch nichts gegessen. Meine Stelle habe ich in Willingen. Das bedeutet eine Stunde Fahrt hin und eine Stunde Fahrt zurück. Da war ich echt froh, heute um 18.30 Uhr hier sein und das letzte Ding, das ich gestern Abend noch bis in die Puppen machte, überhaupt hängen zu können. Das läuft bei mir immer alles auf den letzten Drücker.

Wann hast du mit Graffiti angefangen? Mit Graffiti fing ich gegen 1999, 2000 an. Ich sah seit 1997 beim Skateboarding im Inselbadstadion, dass Leute auf der Wand Graffiti sprühten. Dort waren meine großen Helden aktiv, sie waren eine große Inspiration für mich. Vor allem Kash von der 110% Crew, aus der übrigens die KTE Crew entstand, und Fatal. Sie inspirierten mich so sehr, dass ich selbst zur Dose griff. Ich male allerdings schon immer. Im ersten Schuljahr gab es ja noch keine richtigen Noten, sondern Kopfnoten, eine schriftliche Bewertung. Auf meinem Zeugnis steht von meiner Lehrerin in kursiver Füllerschrift »Christian Engels hat kein Sozialverhalten, malt aber sehr schöne Bilder.« Das ist, glaube ich, bis heute noch nicht anders. Ich bin nicht besonders massenkompatibel, vertrage mich zwar mit jedem, bin allerdings ein klassischer Einzelgänger. Ich fahre ab und zu auf Jams und bleibe ansonsten hier in meinem Nest.

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»AUTOUNFALL-STYLE. MIT VOLLGAS GEGEN DIE WAND.«

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ARTSPECIAL: LIME


Welche Rolle spielt Graffiti in deinem Leben? Für mich ist das Malen an der Wand besser als eine Geburtstagsparty. Ich kann nicht mit irgendwelchen Leuten am Tisch sitzen, Bier trinken und glücklich sein. Zwischendurch muss ich immer etwas malen, erschaffen und kreativ sein. Innerhalb einer Gruppe muss ich irgendeine Aktivität mit Farbe ausüben. Selbst auf einer Technoparty saß ich am Tisch und malte. Kein Witz. Dafür bin ich wie meine Frau leidenschaftlicher Flohmarktgänger. Für meine Collagen gab es dort viele Inspirationen. Diese Tonfiguren und Gesichter, die ganzen Accessoires, die Spiegel, das Bastelmaterial, alles drumherum kaufte ich für kleines Geld oder erhielt es teilweise geschenkt vom Flohmarkt. Ich recycle viel und finde es schade, was manche Leute einfach wegschmeißen. Ich schätze Personen, die ihr Eigentum noch ein bisschen lieb haben und es zum Flohmarkt bringen, weil sie wissen, was es für andere Menschen bedeuten kann. Sie verkaufen etwas auf dem Flohmarkt für 50 Cent oder verschenken es sogar. Das sind Dinge, wofür ich persönlich noch zehn Euro zahlen würde, weil ich in dem Moment bereits weiß, dass es mir viel gibt, wenn ich es in meine Collage einarbeite. Ich sehe darin, was ich daraus schaffen kann, und nicht diese alte, dämliche Tonmaske oder diesen blöden Styroporball, der schon einiges abgekriegt hat. Schnell einmal drüber spachteln, drei Stunden später schleifen, und schon hast du wieder einen schönen Ball, der bemalt und besprüht werden kann. Ich mach gern aus Sachen, die weggeschmissen werden, etwas, das man sich angucken und woran man Spaß haben kann. Wo sich der Betrachter fragt, wie krank man sein muss, um sich das auszudenken. Deshalb nenne ich den Stil auf Instagram gerne »Autounfall-Style.« Mit Vollgas gegen die Wand.

Deine Arbeiten sind schon sehr abstrakt. Andere malen Buchstaben, verzerren da drei Sachen dran und nennen es Graffiti. Das ist nicht mein Ding. Ich mache meinen Buchstaben so, wie ich ihn gern hätte, ob man ihn versteht oder nicht. Die Meinung anderer interessiert mich nicht. Meine Mutter fragte mich eben bei der Ausstellung, ob in meiner Collage etwas stehen würde. Dabei kennt sie natürlich meinen Sprühernamen. Sie konnte es nicht lesen, fand es aber gut. Also gab es ihr ein schönes Gefühl, auch weil die Arbeit von ihrem Sohn stammt. Kunst ist ein Gefühl. Sie ist für mich nicht, woraus sie

»KUNST IST EIN GEFÜHL.« besteht oder wie sie ist. Auch nicht, was sich derjenige bei ihr gedacht hat. Ich gucke darauf, habe eine Interpretation und ein Gefühl zu dem, was ich gerade sehe. Wenn ich es mag, gucke ich es mir näher an und nehme Details wahr. Details sind das, worauf ich Wert lege. Bei meinen gemalten Bildern steigt kein Mensch durch. Nur ein paar Leute, die wissen, wie ich ticke. Trotzdem feiern es viele, obwohl sie vielleicht nur drauf gucken und nicht kapieren, was es ist. Es hat mir noch nie einer gesagt, dass er erkennt, dass dort Lime steht. Wenn ich sie frage, was sie erkennen können, nennen sie Pilze und ein extrem geiles Muster. Finden sie es geil, freut es sie auch. Dann haben sie das positive Gefühl der Kunst verstanden. Würde es negativ auf sie wirken, entspräche es einfach nicht ihrem Geschmack. Mir ist es viel Wert, wenn die Leute ihr eigenes Ding daraus ziehen. Ich habe Freunde, die 40 bis 50 Wörter dechiffrieren, weil ich so viele Schnörkel und Überbrückungen mache, die sich überlagern. Je nach Blickrichtung kann man bei den Skulpturen mit or-

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KRÖTI & LIME, 2018

dentlich Fantasie verschiedene Buchstaben erkennen. Es ist wie bei den Wolken am Himmel, in denen man Objekte erkennt. Wenn ich auf eine Wand blicke, weiß ich sofort, was ich dort innerhalb von fünf Minuten sprühen könnte. Kein Thema. Es geht im Grunde genommen alles. Bereits bei diesem Pfeiler hier fällt mir was ein. Manche Leute nennen mich krank, andere genial, andere rätseln, was mit mir los ist. Ich weiß es nicht, ich kann davon nicht ablassen (lacht). Selbst wenn die Zeit knapp ist. Klar hätte ich gern mehr Zeit mit meiner Frau, teilweise ziehen wir sogar gemeinsam zum Sprühen los. Ich will immer etwas erreichen. Im Endeffekt weiß ich nicht, worauf das hinausläuft. Arbeitest du auch noch mit anderen Leuten zusammen? Die Leute hier auf der Vernissage kenne ich teilweise seit zwanzig Jahren. Aber ich könnte es mit ihnen keine zwei Tage in einem Raum aushalten. Wir sind so verschieden in den Ansichten. Der eine zieht die Outline mit drei Läufern darunter. Bei mir ist die Outline eher strong und richtig schön gerade. Wenn der Hintergrund nicht bis auf den Boden gestrichen wurde, kriege ich die Krätze. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer meint es Ernst? Ich meine es vom ersten bis zum letzten Pigment an der Wand Ernst. Ich rotze nichts in zwei Stunden an die Wand, sondern arbeite zehn bis zwölf Stunden an meinem

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ARTSPECIAL: LIME

Bild. Im Raum bin ich natürlich schneller. Die ganzen Abrissteile setzte ich in drei bis sechs Stunden um. Bei den Geschichten außerhalb ist extrem viel Talk dabei, so dass man es gar nicht so genau beziffern kann. Die Jungs kommen als Letztes und sind als Erstes wieder weg. Darauf stehe ich nicht. Ich hinterlasse immer komplett meine Handschrift. Alles, was schnell geht, ist für mich keine Liebe. Für andere wiederum schon. Es ist auch eine Interpretationssache. Ich will andere nicht schlecht reden. Ist es dann nicht bitter, dass deine Arbeiten beispielsweise auf Instagram und Facebook für andere nur kurz im Feed erscheinen und dann wieder verschwinden? Stört dich das? Ich mache da immer nur kleine Stichpunkte und zeige nie das ganze Bild. Das ist mehr ein Spoiler, den ich poste. Irgendwie dachte ich dank Instagram, deine Collagen seien riesig. Wenn man sich an der Größe einer Dose orientiert, hätte man sich die echte Größe schon ableiten können. Ein Freund von mir wollte eine Collage für seinen DJ-Pult abkaufen. Er war etwas überrascht, dass es dafür nicht ausreichte. Die Collage bestand aus drei Dosen und Teilen einer Dose. Tatsächlich fragen mich viele Leute nach den Ausmaßen. Wenn ich 30 x 70 cm antworte, sind


sie überrascht. Ich mache ein Foto aus drei Metern Abstand und schneide ringsherum den Hintergrund weg. Deshalb wirkt das dann so riesig. Instagram geht nicht anders. Was soll ich tun? Das ist die logische Konsequenz, warum Bilder in der heutigen Welt oft verzerrt wahrgenommen werden. Man legt einen Filter über Fotos, sodass jede Frau wie Goldie Hawn oder Madonna vor vierzig Jahren aussieht. Ich haue höchstens bei Fotos, die voll überbelichtet sind, ein bisschen Lux rein, damit sie Farbe kriegen. Das war es dann auch schon. Wenn sie zu dunkel sind, helle ich sie vielleicht noch ein wenig auf, sonst setze ich keine Automatik-Filter ein. Das geht eigentlich gar nicht. Das machte ich früher zweimal und habe es sehr bereut. Mich schrieben zehn Freunde an und fragten, ob ich sie verarschen wolle. Das Blau wäre niemals so Blau gewesen... Wie gemein. So ist das bei uns. Du musst vorsichtig sein bei dem, was du machst. Selbst bei einem Kollegen bist du nicht safe. Bei geraden Linien wird mit drei Bier intus in Frage gestellt, dass man sie ohne Abklebung frei gezogen hat. Dann gehen Diskussionen los, und du verlierst Zeit. Wir necken uns gegenseitig permanent. So treibst du dich nach vorne, um beim nächsten Mal mehr Perfektion zu leisten. Wir sind schon echte Bitches, zugegeben. Ich sehe es

nicht als Konkurrenzkampf an. Wenn man das so sehen würde, wäre es auch keine Freude mehr. Wir wollen alle nicht irgendwelche Superstars werden, sondern in der Szene bekannt für schöne Wände sein. Klar komme ich aus der illegalen Szene. Von 2000 bis 2007 habe ich hier richtig gewaltet. Dreiviertel davon sind weg. Der Nachwuchs kümmert sich schon darum, bevor es verwittert. Im großen und ganzen bin ich zufrieden, was meinen Werdegang angeht. Ich wollte damit nie etwas erreichen

»KLAR KOMME ICH AUS DER ILLEGALEN SZENE.« oder Geld verdienen. Darauf finanziell angewiesen zu sein, wäre nichts für mich. Ich arbeite normal in Vollzeit, und das sollte eigentlich reichen. Monatlich sprühe ich 200 bis 300 Euro weg. Dadurch ist der Laden BOOM BAP hier in Paderborn eine große Unterstützung für mich. Der nette Sir Benny Styles gibt mir den kreativen Raum, um mich auszuleben.

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KASH Paderborn

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ARTSPECIAL: KASH110

Schwerpunkt: Lettering, Graphic Design, Writing Web: Instagram/buchstabenakrobatik buchstabenakrobatik.de


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feat. Volker der goldene Reiter

ARTSPECIAL: KASH110

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*AUSGEZEICHNET*

© Jonas Pohl

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MUSIK: ARTSPECIAL: VOLKER DER GOLDENE REITER


VOLKER, DER GOLDENE REITER Paderborn

aktiv seit: Graffiti seit 1998, erste Ausstellung 2006 Schwerpunkt: KĂźnstler, Graffiti, Streetart und professioneller Experte, ausgezeichnet mit der Paderborner Kulturnadel 2018 Kollektiv/Crew: xxcrew / Stupid Sidekicks / Raum fĂźr Kunst (Verein + Ateliergemeinschaft) / Generation Arts / Moin-Tang Clan Web: volkerdergoldenereiter.de/ instagram @volkadergoldenereiter

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© Jonas Pohl

Interview am 22. April 2018 in Paderborn (vor der Auszeichnung)

Der Song »Der Goldene Reiter« von Joachim Witt ist ungefähr genauso alt wie du. Ist das die einzige Parallele zu deinem Künstlernamen? Es musste halt irgendetwas mit Glamour sein. Außerdem mag ich die Neue Deutsche Welle. Und ich finde die Botschaft des Songs einfach gut: sich selbst nicht zu ernst nehmen, weil man schnell runterfallen kann. In dem Lied soll es auch um Schizophrenie gehen. Das hat jetzt keine Bewandtnis? Nee, ich habe, glaube ich, einen gesunden Geist. Ich bin zumindest nicht in Behandlung. Hattest du eine künstlerische Ausbildung? Ich bin Autodidakt und habe schon immer gezeichnet. Meine Mutter bemalte für mich früher Fenster mit Stiften nach meinen Wünschen. Als meine Wünsche ausgefallener wurden und sie diese nicht mehr umsetzen konnte, musste ich selbst zum Stift greifen und malte Comichelden wie Spider-Man und die Turtles. Damals war ich Skateboard-Fahrer mit Leib und Seele, allerdings war ich nicht besonders talentiert. In dem Dorf, wo ich aufwuchs, gab es keine Graffiti-Szene. Dennoch lernte ich zwei Leute kennen, die darin aktiv waren. Wie man so mit 16 ist, hatte man Bock, durch die Nacht zu laufen und Dinge zu machen. In der Schule hieß es von Anfang an, dass ich gut zeichnen kann. Darauf konnte ich aufbauen.

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MUSIK: ARTSPECIAL: VOLKER DER GOLDENE REITER

Wie hat es dich nach Münster verschlagen? Ich absolvierte hier eine ganz normale Ausbildung. 2006 zog ich nach Münster, um eine Weiterbildung zum Gestalter im Handwerk zu machen, in etwa vergleichbar mit einem Produktdesigner. Das Erlernte konnte ich für meine Kunst nutzen. Allerdings merkte ich, dass mir keiner abgeht, wenn ich einen Hocker designe. Ich habe einen freien Geist für Malerei, Gestaltung und Experimente. Zu der Zeit hatte ich ein Atelier in Münster und fand super Anschluss. Ein Teil meines Herzens wird immer in Münster bleiben, und das ist auch gut so. Wie hast du dich als Künstler in Münster weiterentwickelt? In Münster angekommen, war ich bereits seit zehn Jahren mit Leib und Seele Sprüher. Fortan ging es auf die nächste Ebene. Ich habe alles ausprobiert und mich bewusst nicht festgelegt, wie es in der Szene oft der Fall ist. Ein guter Freund fragte mich 2006 für eine Gruppenausstellung an. So bin ich quasi in die Kunstszene gerutscht. Die nächste Ausstellung organisierte ich bereits selbst mit ein paar Freunden.


Wie bedeutend sind für dich Ausstellungen? Ich finde es wichtig, die eigenen Arbeiten irgendwann zu zeigen. Ich gebe schließlich alles, wenn ich ein Bild male. Dann hat es die Arbeit nicht verdient, nur im Keller zu stehen. Sie soll wenigstens einmal gefeiert werden. Der Prozess des Malens ist für

»DIE INTERAKTION IST FÜR MICH EINE GROSSE SACHE.« mich erst richtig abgeschlossen, wenn das fertige Werk präsentiert wird, eine Enthüllung stattfindet und Leute kommen. Die Interaktion ist für mich eine große Sache. Am allerbesten ist es natürlich, ein Bild zu verkaufen. Dann hat’s funktioniert: Jemand findet mein Gemälde so toll, dass er es haben und

sich voll Stolz aufhängen möchte. Das macht mich am glücklichsten. Natürlich will ich auf der anderen Seite auch all meine Bilder behalten und aufhängen. In erster Linie erschaffe ich die Bilder für mich, weil ich einfach Spaß an der Malerei habe und mich selbst überrasche. Dennoch hast du, was Ausstellungen betrifft, ein volles Programm. In den letzten Jahren erhalte ich zunehmend Angebote und Einladungen für Ausstellungen. Das finde ich immer ganz spannend. Vor zwei Wochen eröffneten wir zu dritt in Bochum eine Ausstellung. Der Kontrast zwischen uns war einfach toll. ENOC arbeitet mit Typografie, Norbert3000 aka Henning Feil setzt Weltraum-Landschaften um, und ich habe meine verschobenen Frauen. Die sind schon alle sehr lebendig gemalt. Böse Zungen meinen, sie seien »hingeklatscht« (lacht). Ich kann meine Bilder nicht malen, bis alles perfekt ist. Wenn ich etwas perfekt haben möchte, mache ich ein Foto. Es ist schlichtweg ein Gefühl, das im Bild stecken muss. Ich kann nicht über Wochen etwas malen. Dann verfälscht sich dieses Gefühl. Da kommen meine

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Stehen denn Menschen für deine »verschobenen Frauen« Modell – ist das der offizielle Name? Ich nenne sie »meine Mädels«. Ich male nicht nur Frauen, sondern auch Porträts anderer Personen. Es geht mir um ihren Ausdruck, beispielsweise bei einem Blick über die Schulter. Ich habe keine Frauen, denen ich sage, wie sie sich hinstellen sollen. Das kommt vielleicht noch. Es gibt mit meinen Freunden eine Art Serie unserer gemeinsamen Nächte. Das letzte Foto des Abends male ich am liebsten. Es ist wie ein Souvenir eines tollen Moments mit meinen Kumpels. Dank des Bildes weiß ich wieder, wie sich der Abend anfühlte. Die Preise für deine Arbeiten sind gar nicht so hoch. Legst du Wert auf bezahlbare Kunst? Ich werde langsam teurer, tue mich allerdings schwer mit der Preisfrage. Ich male gerne auf allen Formaten, in letzter Zeit mache ich größere Formate, die mehr Geld kosten. Generell kann jeder etwas von mir haben, beispielsweise T-Shirts. Nicht jeder hängt sich einen riesigen Schinken von mir auf, nur weil ich gerade größer arbeite.

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MUSIK: ARTSPECIAL: VOLKER DER GOLDENE REITER

Bist du hauptberuflich Künstler? Ich gehe ganz normal arbeiten, weil ich meiner Kunst und meinen Bildern nicht zumuten möchte, dass sie mich ernähren müssen. Es gibt genügend Leute, die Auftragsgraffiti machen. Das funktioniert für mich nicht. Ich kann nur das malen, worauf ich Lust habe. Kreativer Austausch mit Freunden klappt. Konkrete Aufträge setzen irgendwelche Barrikaden in meinem Kopf, wobei es Ausnahmen gibt. Ich sollte in Bielefeld was malen, weil den Kunden meine Arbeit gefiel. Deren Vorgabe war, dass ich was Grelles umsetze, also genau mein Ding. Dagegen ist ein Hund auf einem Garagentor keine Kunst für mich. Wie wichtig ist es dir als Künstler, verschiedene Kunstformen zu vereinen? Mit Leuten in Verbindung zu kommen und sich zu kombinieren, ist eine tolle Sache. Meistens entstehen daraus Dinge, an die man vorher nicht gedacht hätte. Wenn man weltoffen ist, eröffnet sich einem wesentlich mehr. Ich muss natürlich nicht alles mitnehmen, aber ich unternehme schon viel (lacht). Vergangenes Jahr hatte ich im Dezember eine Ausstellung mit Felix Meermann in Lippstadt. Wir kannten uns vorher nicht, inzwischen sind wir Freunde. Wir passten wie Faust aufs Auge und stellten eine übertrieben gute Ausstellung auf die Beine. 2019 haben wir eine gemeinsame Hauptausstellung im Kunstverein Lippstadt. Da legen wir hoffentlich eine Schippe drauf.


Was hat es mit Generation Arts auf sich? Wir sind eine Art Verein, der zweimal pro Jahr Graffiti-Veranstaltungen organisiert. In Paderborn gibt es eine legale Wand. Sie entstand aus einem Wettbewerb der Stadt, dessen Ziel es war, das Paderquellgebiet interessanter zu machen. Jetzt kümmern wir uns gerade um eine neue Location. Nach unserer letzten Veranstaltung am 5. Mai beginnen an der alten Wand Bauarbeiten, in deren Rahmen sie abgerissen wird. Hörst du beim Arbeiten Musik? Unbedingt. Ich bin echt breit aufgestellt, was meinen Musikgeschmack angeht. Beim Malen kann sie mich sehr beeinflussen. Wenn ich ein Bild beginne, zeichne ich die Konturen und festgesetzten Linien mit treibender Musik. Später höre ich Punk, Metal oder irgendetwas, das nach vorne geht. Bei einer Acrylarbeit höre ich gerne etwas Entspannteres wie Beats oder Trip Hop. Dann schwimmt alles ein bisschen.

Verfolgst du bestimmte Künstler, die dich inspirieren? Ja, im Netz folge ich unzähligen Graffitikünstlern, Illustratoren und abstrakten Malern. Ich bin häufig auf Instagram unterwegs, weil die Leute dort direkt sind. Man darf sich dabei allerdings nicht mit anderen messen und muss seinen eigenen Weg finden. Ich fühle mich von vielen Menschen inspiriert und beeindruckt. Kunst muss mich immer erstaunen, sonst wird es für mich schnell langweilig. Auf Facebook gibt es diverse Künstlergruppen, die ein gutes Forum zum Austausch sind. Aber sie inspirieren mich nicht. Ich möchte direkt sehen, was heftige Leute machen. Menschen, die noch kein Schwein kennt. Das braucht man einfach für einen gewissen Wettbewerb, glaube ich. Mein Kumpel Henning Feil ist nun mein Nachbar im Raum für Kunst Atelier. Dadurch entstehen schöne Challenges. Wenn er vorlegt, muss ich nachziehen. Eine Art Tritt in den Arsch.

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Wie lange hast du dein Atelier schon? Das müssten nun drei Jahre sein. Vorher hatte ich in Paderborn ein Atelierprojekt. Ein altes Ladenlokal, wo ich mit meinem Schreibtisch im Schaufenster saß und einfach Sachen machte. Die Tür stand offen. Leute kamen vorbei und fragten sich, was das darstellen soll. So kam es zu tollen Gesprächen. Hast du in der Zeit nie etwas Schräges erlebt? Durchaus. Da standen schräge Leute, bei denen ich überlegen musste, wie ich sie wieder los werde. Vorher war in dem leerstehenden Laden natürlich nichts los. Auf einmal kamen Leute zusammen und hatten eine gute Zeit. Ob meine Bilder da hingen oder nicht, war erstmal zweitrangig. Ich finde so eine Zusammenkunft von Menschen immer toll. Wenn dann noch ein paar schöne Bilder hängen, umso besser. Eine gute Zeit miteinander ist vor allem hier in der Region wichtig, wo viele Freunde hinkommen können. Warst du schon einmal für eigene Ausstellungen im Ausland? Nein, meine Arbeiten waren zwar international im Rahmen einer Wanderausstellung zu sehen, ansonsten war ich persönlich nur deutschlandweit unterwegs. Aber Ausflüge ins Ausland sind in Vorbereitung. Du engagierst dich für den guten Zweck, zum Beispiel bei Graffiti für Haiti. Achtest du bewusst darauf, solche Aktionen umzusetzen oder ergeben sie sich eher zufällig? Sowas ergibt sich irgendwie, aber ich bin auf jeden Fall immer bereit, mit meinen Bildern auf irgendeine Art und Weise zu helfen. Ich habe ein Bild für eine Aktion in Münster gespendet, dafür wird nun eine Schule in Afrika gebaut. Vergangenes Jahr spendete ich ein Bild für eine Stiftung, die traumatisierten Opfern von Gewalt hilft. Graffiti für Haiti wird von Freunden organisiert. Ich würde gerne mehr machen, aber ich muss im Rahmen meiner Möglichkeiten bleiben.

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MUSIK: ARTSPECIAL: VOLKER DER GOLDENE REITER

Wie kriegst du Job, Familie und all die künstlerischen Aktivitäten on- und offline auf die Reihe? Ich schlafe wenig. Einfach ist das alles nicht. Kunst ist nicht einfach. Entweder muss man es ganz machen oder gar nicht. Okay, ich mache es halbganz. Auf deinem Instagram Account merkt man, dass du dich selbst nicht zu ernst nimmst. Hast du den Eindruck, dass andere Künstler sich zu Ernst nehmen? Graffiti ist eine ernste Sache, aber im Endeffekt gehen wir alle nur raus, um bunte Bilder zu malen. So ehrlich muss man zu sich selbst sein. Ich habe keinen Bock auf Ghetto-Stress. Wo leben wir denn? Hier ist Paderborn, Münster, Bielefeld, was auch immer. Meiner Meinung nach ist genug Platz für alle. Wenn man nicht über sich selbst lachen kann und das Ganze mit Humor sieht, hat man eh verloren. Das gilt auch branchenunabhängig. Ohne Spaß zu verstehen, hast du ein schweres Leben. Klar muss man mit Graffiti im illegalen Bereich aufpassen. Bei dummen Entscheidungen ist Ärger vorprogrammiert. Was würdest du im Nachhinein deinem Ich raten, als du halb so alt warst wie jetzt? Mach alles genau so. Bau keine Scheiße. Hab keine Angst. Probier dich aus. Bleib am Ball, Volker. Das würde ich mir, glaube ich, raten. Hast du als Künstler einen Wunsch für die Zukunft? Wenn es so weitergeht, bin ich eigentlich zufrieden. Ich bin gerade total happy, ein bisschen organisierter zu sein. Einmal um die Welt zu künstlern, würde ich toll finden. Kunst und Graffiti brachten mich bislang an tolle Orte. Und irgendwann davon leben zu können, würde mich ebenfalls freuen. Bis dahin mache ich weiter und setze mich nicht unter Druck.


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TRENDUI Bielefeld

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aktiv seit: 2017 Schwerpunkt: Visuelle Gestaltung Web: instagram @trenduis

ARTSPECIAL: TRENDUI


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WHY EBAY München

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Bielefeld (2012–2017) aktiv seit: 2016 (ebay) Schwerpunkt: Graphic Design, Tattoo, Graffiti Web: Instagram/why_ebay

MUSIK: ARTSPECIAL: WHY EBAY


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Wie kam es zu deinem Künstlernamen? »ebay« als Marke ohne eigenes Produkt, als Ort für alles Mögliche, als eine anpassbare und freie Identität und als Produkt mit zeitlicher Begrenzung – aus dem Grund habe ich Ende 2016 das erste mal das Alias »ebay« benutzt. Du warst bereits für das y.hurn 1220 Magazin tätig. Kannst du dir noch mehr solcher Kollabos vorstellen oder legst du eigentlich keinen Wert auf große Namen? Kollaborationen mit Magazinen, Künstlern oder Designern fordern mich immer wieder neu heraus und es entstehen stets neue Arbeiten dadurch, die mich weiterbringen. Durch Kollaborationen setze ich mich mit neuen Medien, Formen, Inhalten und Personen auseinander – davon profitieren meine Illustrationen sehr und bleiben im Wandel. Kollaborationen wie diese im 1220 Magazin bringen natürlich für einen kurzen Augenblick große Aufmerksamkeit, aber diese verschwindet auch genau so schnell. Ich hätte die Illustrationen auch für einen Bielefelder Rapper gemacht, der 100 Klicks auf Youtube hat – es geht mir nicht darum, wer fragt, sondern das gefragt wird.

Wie kam es zu deiner ersten Tätowierung? Wer war dein erster Kunde? Mein erstes Tattoo auf einer anderen Person habe ich bei meiner großen Schwester gemacht, danach auf Freunden und dann direkt auf Fremden. Allererster Kunde war natürlich ich selber, zu Übungszwecken habe ich meine Oberschenkel verschönert. Hat dir aus heutiger Sicht dein Grafik- und Kommunikationsdesign Studium an der FH Bielefeld für dein Arbeitsleben viel gebracht oder hätte es eventuell auch so funktioniert? Ja, es hat mir sehr viel gebracht, ohne das Studium würde ich niemals das machen, was ich jetzt mache. Professoren und vor allem auch Freunde und das Umfeld an der Hochschule haben mich sehr geprägt. Was zeichnet gelungene Kunst-Ausstellungen für dich aus? Mich interessiert sehr, wie man ausstellt und wie man einen Raum bespielt. Ich finde es spannend, wenn man individuell auf den Raum eingeht und die Thematik der Ausstellung auch durch die Präsentation visualisiert. Ausstellungen im realen Raum sind Erfahrungen und keine Anschauungen – das macht eine interessante Ausstellung für mich aus. Hast du noch konkrete Ziele als Künstler oder lässt du einfach alles auf dich zukommen? Das einzige Ziel ist es, im Wandel zu bleiben und nicht in einem Stil oder einer Form zu verharren. Im Prinzip der »ebay« Auktionen, alles ist nur temporär erhältlich.

»ES GEHT MIR NICHT DARUM, WER FRAGT, SONDERN DAS GEFRAGT WIRD.« 92

ARTSPECIAL: WHY EBAY


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ARTSPECIAL: WHY EBAY


»marketing solutions« Ausstellung im Container of Modern Art München. 2018

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INCK PARSPROTOTO Bielefeld

Schwerpunkt: Grafikdesign/ Druckgrafik/ Illustration/ Urban Art/ Fotografie Web: Instagram @inckparsprototo /@inckparsprofoto Facebook.com/parsprototo.fanzin, /inckparsprototo

feat. Holm the Tooth

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aktiv seit: 1998

ARTSPECIAL: INCK PARSPROTOTO


feat. WEEEM

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ARTSPECIAL: INCK PARSPROTOTO


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INSIDE A GINGER Bielefeld

aktiv seit: 2017 Schwerpunkt: Collageart, Inlineskating Kollektiv/ Crew: Freundin Web: Instagram @inside_a_ginger Society6.com/inside_a_ginger

Interview am 19. Juli 2018 in der Bierklause, Bielefeld

Wann hast du mit den Collagen angefangen? Als studierter Erziehungswissenschaftler kam ich eher zufällig zur Kunst. Eigentlich ist sie für mich nur ein Hobby. Die Collagen setze ich erst seit einem Jahr um. Durch Zufall schaute ich mir bei einer Vernissage der Galerie HERR BEINLICH Arbeiten diverser Künstler an. Zwischen den Arbeiten von Bildhauern, Malern und Fotografen befanden sich Collagen. Diese nahm ich erst gar nicht als solche wahr. Erst wo ich Ebenen erkannte, wurde mir bewusst, dass der Künstler das Werk geklebt hatte. Einerseits waren die Sachen megageil. Andererseits dachte ich, mit dem richtigen Dreh relativ gut selbst Bilder kombinieren und positive Ergebnisse erzielen zu können. Direkt am nächsten Tag zog ich los, um mir das nötige Material zu besorgen und selbst loszulegen: alte Bücher aus dem Second Hand Store, Skalpell-Klingen und Kleber. Von da an hörte ich nicht mehr auf und arbeite fast täglich daran. Du bist auch täglich auf Instagram aktiv. Die Resonanz ist ganz gut. Wenn etwas ankommt, verfolgt man es naturgemäß weiter. Das tägliche Posten ist der Funktionsweise von Instagram geschuldet. Eigentlich versuche ich, mich davon etwas frei zu machen. Es ist natürlich eine prima Plattform, über die ich Künstler kennenlerne, die das Gleiche machen. Instagram ist Segen und Fluch zugleich. Ich freue mich, wenn Leute meine Bilder toll finden. Zudem besteht eine persönliche Herausforderung darin, täglich etwas abzuliefern.

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ARTSPECIAL: INSIDE A GINGER

Bei deinen Collagen baust du in den Instagram Storys scheinbar gerne Musik ein. Genau, wenn es beispielsweise um Künstliche Intelligenz geht, baue ich ganz banal den Soundtrack von »Ex Machina« ein. Manchmal hat die Musik eine Bedeutung, manchmal nicht. Beatrix (vom Nachbartisch): Hier kommt gleich Radio Bielefeld. Cornelius: Genau. Sind Sie von Radio Bielefeld? B: Das weiß man nie. C: Oder BKA? B: Vorsicht Kamera. C: Da muss man sich doppelt benehmen. B: Sagen Sie nur was Gescheites! C: Das kriege ich nicht hin. B: Warum denn nicht? C: Das kommt auf die Situation an. B: Sie sind so ein Typ wie mein Sohn. Die junge Frau sieht ein bisschen arabisch aus. Fast. B: Passt so. Ich habe Sie eben beobachtet. Man legt doch immer großen Wert darauf, was die Zuschauer so sagen. Ich bin ja eine Fernsehtante. Meine Tochter sagt, dass ich nicht alles glauben soll. Manchmal würde ich mich auch gerne beschweren, aber das kriege ich nicht hin. Davon würde das TV profitieren. Ich würde gerne sagen, dass sie mal andere Dinge im Programm aufnehmen sollen. Wie heißen Sie, junge Frau?


Andrea B: Und ich heiße Beatrix. C: Cornelius. Wenn es richtig schlimm gelaufen wäre, hätten sie mich Cornelius Edwin Otto genannt. B: Für seinen Namen kann keiner was. Warum sitzen Sie hier? Ich interviewe ihn. B: Ja? Und was meinen Sie, was dabei von dem jungen Mann herauskommt? Sehen Sie seinen Bart an, wie mein Sohn. Machst du den mal ab? C: Oh nee, das habe ich schon seit meinem 16. Lebensjahr nicht mehr getan. B: Damit sieht man hundert Jahre älter aus. C: Wenn man keine Haare auf dem Kopf hat, dann wenigstens am Hals. B: Das Ding kratzt wie verrückt. Trägt man ein schönes, teures Hemd, macht man alles kaputt. C: Ich habe auch kein Hemd an. B: So Ökofritzen. Woher haben Sie Ihr Tattoo? C: Das habe ich in Lemgo bei Eisenhauer stechen lassen.

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B: Tat das weh? C: Ja, 500 Stunden wurde daran rumgedoktert. Dann ging es am Ende noch um eine Schattierung, die gemacht werden sollte. Aber für mich war Feierabend. B: Seit wann hatten Sie die Überlegung? C: Schon mit 14 oder 15. Ich setzte es aber erst mit 23 oder 24 um. B: Das kostet auch ein paar Euro. C: Der Preis war relativ versöhnlich. B: Gibt’s das hier in Bielefeld? C: Es gibt zig Läden, aber ich wüsste gar nicht, wo ich hier hingehen würde. Ich habe bis jetzt nur zwei Tattoos, möchte allerdings noch mehr machen. B: Als junge Frau wollte ich mir auf die Brust immer ein kleines Herzchen stechen lassen. C: Warum nicht? B: Jetzt bin ich eine alte Lady. C: Quatsch, das kann man doch noch immer machen. B: Ein süßes kleines Herzchen wäre für den Partner wie ein Überraschungsgeschenk, da braucht man gar keinen Sekt mehr. In meinem Alter wäre das eine kleine Mutprobe. C: Es ist auf jeden Fall eine Selbsterfahrung, sich etwas in die Haut stechen zu lassen, das man nur operativ entfernen lassen kann. B: Was sagen Sie, junge Frau? Ich war gerade nicht ganz aufmerksam, tut mir leid. B: Ich habe damit überhaupt kein Problem, Sie können an sonst wen denken. Das ist mir doch scheißegal. Ich habe öfter schon so etwas gemacht. In unserer Dorfkneipe konnte ich mich früher gut zum Essen und Trinken abseilen. Meinem Mann erzählte ich, dass ich auf einem ausgedehnten

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ARTSPECIAL: INSIDE A GINGER

Spaziergang gewesen sei. Ein bisschen Schummeln darf man doch, oder? Solange man keinen bescheißt. Bescheißen ist etwas Anderes. In der Kneipe redest du mit deinen Dorfleuten. Das ist sowas von schön und wünsche ich jedem, an so einem Ort zu leben ... Was sagen Sie, junge Frau? Sie haben auch eine Stimme. Sonst wähle ich Sie sofort ab. Hallo! ... (lacht) B: Sie lacht so schön. Haben Sie Kinder? Nein. B: Warten Sie mal ab, die kommen noch. C: Was hältst du davon, wenn wir noch was bestellen? Du kannst bei uns sitzen bleiben, und wir gehen die Interviewfragen gerade durch. Willst du was? Nein, danke. B: Sie muss im Kopf ja klar bleiben. Die kleine Avenue, die ich entlang gehe, schaffe ich auch so. Wo waren wir? Gehörst du einem Kollektiv an? C: Bisher noch nicht, aber es gibt Überlegungen. Analoge Collagen haben nicht die supergroße Szene. Die Meisten arbeiten am Computer mit Photoshop. Das Programm reizt mich, habe es allerdings noch nicht ausprobiert. Ich glaube, dass es darin vergleichsweise mehr Möglichkeiten gibt.


Deine Animationen machst du wie? C: Ich schneide die Sachen aus, halte sie dann vor eine Animation, die ich am Laptop ablaufen lasse, filme das mit dem Handy ab und bearbeite das mit einer App so nach, dass es wie ein Imagevideo aussieht. Als ein Kollege, der in dem Bereich tätig ist, herausfand, wie ich das mache, lachte er sich richtig tot. Er hatte vermutet, dass ich das mit After Effects, Afterlight oder ähnlichen Programmen umsetze. Die App, die ich eigentlich nutzen wollte, gab es nur als kostenpflichtiges Pro-Tool. Deshalb saß ich zuhause und überlegte, wie ich das ohne den Quatsch umsetzen kann. Not macht erfinderisch. Ich probierte herum und war selbst überrascht von dem Ergebnis. B: Geh doch mal in die Kunsthalle und frag die Leute, was sie in diesem Werk sehen. Ich war bei der Henry Moore Ausstellung. Dieses Blabla kann man nicht ertragen. Ich möchte behaupten, dass Kunst eine Auslegungssache ist. C: Prost. B: Ich freue mich, Sie kennengelernt zu haben. Prost Jungfrau!

»KUNST BLABLA«

Unterwegs von der Bierklause zum Ravensberger Park

Du verarbeitest in deinen Collagen vorrangig Menschen. C: Nicht ausschließlich. Ich sollte auch mehr Tiere in meinen Collagen einbauen oder mich komplett vom Menschen lösen. Dieser Schritt ist mir bis jetzt noch nicht gelungen. Zuhause setzte ich bereits Collagen um, die nur mit reinen Formen, also Kompositionen zu tun haben. Manchmal habe ich zu viel Schiss, dass das keine Sau rafft. Eigentlich sollte man darauf scheißen. Wenn du deine Kompositionen »Untitled« nennst, glauben eventuell viele Leute nicht, dass da ein tieferer Sinn hinter steckt. C: Manchmal füge ich Gedanken und Überlegungen in Anführungen hinzu. Ich möchte die Bilder nicht auf etwas reduzieren. In der Wissenschaft ist beispielsweise ein Reduktionismus häufig nicht das Richtige. Es heißt, dass am Ende alles auf die Physik reduzierbar sei. Ich gehöre nicht dem Physikalismus an. Sachen wie Farben oder Musik, die man unmittelbar erleben kann, lassen sich nicht auf Formeln der Mathematik oder Physik reduzieren. Ich kenne das unter dem Begriff Antizientismus. Das ist anti-wissenschaftlich, wobei ich sonst immer sehr wissenschaftlich an meine Sachen rangegangen bin. Ich zermarterte mir den Kopf, wie die Realität beschaffen ist.

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Ich las Bücher von Stephen Hawking, Roger Penrose und auch Texte zum Radikalen Konstruktivismus und war mehr oder minder auf der Suche danach, wie der ganze Quatsch um mich herum aufgebaut ist. Zu einer Antwort kam ich nicht. Es führte dazu, dass ich grundsätzlich den Hang zur Realität verlor, obwohl ich genau diese gesucht hatte. Ich versuchte, nach irgendetwas zu greifen, das einem ein bisschen Halt gab. Vergeblich. Ich hätte mich für Lösungen noch mehr der Mathematik oder Physik widmen können, doch ich fühlte, dass sie selbst da nicht liegen konnten. Daher beschloss ich, in die Kunst zu gehen. Wobei ich von mir selbst nie behaupten würde, Künstler zu sein. Das könnte ich nicht machen. Mit dem Begriff würde ich mich nicht wohlfühlen. Wenn jemand bereit ist, in meiner Arbeit Kunst zu erkennen, freue ich mich natürlich. Du setzt deine Collagen also nicht aus dem Bauch heraus um? C: Wenn ich mir meine eigenen Arbeiten anschaue, verstehe ich oft erst im Nachhinein, was für ein Thema ich bearbeitet habe. Ich wähle nicht zufällig genau dieses und jenes Bildfragment aus und füge sie zusammen. Einst schnitt ich Kinder aus und klebte sie auf brennende Hintergründe. Normalerweise total banal, aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass ich als Kind beinahe mal in einem Haus verbrannt wäre. So fügt sich alles irgendwie zusammen. Selbst als Maler würde es mir vermutlich so gehen. Zudem ist mir Meditation wichtig, weil ich in der Vergangenheit oft in meinen Gedanken verharrte. Ein Kollege sagte mal: Nicht reden, machen! Collagen schneiden war »Machen«. Anschließend geht es mir nicht darum, den Sinn reinzudichten, sondern den Sinn irgendwie zu erkennen. Das ist so ein bisschen wie bei der Traumdeutung. Ich beschäftigte mich viel mit luziden Träumen. Kennst du das?

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ARTSPECIAL: INSIDE A GINGER

Ich komme gerade nicht drauf. C: Das sind Klarträume. Träume, in denen du weißt, dass du träumst. Es geht im Grunde darum, zu dem latenten Traumgehalt zu kommen, dem Kern des Träumens. Normalerweise ist er überlagert von irgendwelchen Umdeutungen. Du musst durch anschließende Notizen interpretieren, was der Traum eigentlich bedeutete. Beim Anblick einer Collage komme ich auch zu dem latenten Collagengehalt, wo ich raffe, worum es geht. So ungefähr stelle ich mir das manchmal vor. Neben deiner künstlerischen Tätigkeit bist du ein ziemlich krasser Skater. C: Beim Skaten ist es für mich wichtig, irgendetwas zu machen, das ich noch nicht gesehen habe und selbst gerne sehen möchte. In meiner Zeit als Musiker war das ähnlich. Selbst bei den Collagen verhält es sich so. Das, was ich bei anderen sah, fand ich cool. Mir war es aber wichtig, das hinzuzufügen, was ich nicht kannte. Ich weiß nicht, ob man dieses Verhalten unter den Deckmantel der Kreativität packen kann. Man muss nicht etwas gänzlich Neues erfinden, sondern kann zu einem bestehenden Bereich seinen eigenen Beitrag leisten. Kunst muss nicht an Individuen gebunden sein. Sie funktioniert auch als allgemein großer Prozess. Das geht wahrscheinlich etwas in die Meditationsecke: das Ich eliminieren. Weg von diesem Egopush, der an Likes oder ähnlichem gebunden ist, und sich von dem Ich-Gedanken frei machen. Das fand ich auch beim Skaten schön. Es ereignen sich simultan irgendwo am anderen Ende der Welt fast die gleichen Sachen mit minimalen Unterschieden. Bei den Collagen verhält es sich ähnlich. Auf einmal tauchen Bilder auf, zu denen ich in der vorigen Woche selbst die Idee hatte. Es ist ein großer Prozess, bei dem man sich nicht ärgert, dass die andere Person auch darauf gekommen ist. Das finde ich geil.

»DAS IST EIN BISSCHEN WIE TRAUMDEUTUNG.«


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JESSICA KOPPE Minden, Porta Westfalica

aktiv: frei assoziierend seit 1981 Schwerpunkt: Kunst Web: Jessica-Koppe.de Twitter: @Jessicakoppe IG: @Jessica.Koppe Vimeo.com/Jessicakoppe

Interview am 1. Februar 2018 im Mindener Atelier; Foto: Tobias Rudolph

Im Internet las ich über dich, dass du jeden Tag aufs Neue untersuchst, was es mit der Kunst eigentlich auf sich hat. Zu welchen Erkenntnissen bist du bislang gekommen? Kunst rettet! Das ist die elementare Erkenntnis. Dabei ist es völlig egal, ob man sie erzeugt oder betrachtet. Kunst kann Wegweiser und der Schlüssel zu uns selbst sein. Kunstvermittlung hat den Ansatz, dass die Leute nichts sehen können, was sie nicht wissen. Deswegen gibt es Leute, die Bilder erklären, sodass man tiefer in sie eintauchen kann. So ist es im Leben auch. Man weiß, dass etwas im Argen liegt, bekommt es aber nicht zu packen. Und Kunst kann über das Betrachten helfen, sich selbst ein bisschen näher zu kommen. Sie liefert Hinweise, um festzustellen, wie man gestrickt ist. Wo ist das, was ich mag oder widerlich finde? Wenn man sich fragt, warum sich das so verhält, kriegt man einen neuen Hinweis. In der künstlerischen Praxis ist das noch intensiver, da man sich natürlich im Idealfall mit seiner Arbeit auseinandersetzt. Was wärst du geworden, wenn dir eine Laufbahn in der Kunst nicht möglich gewesen wäre? Künstlerin. Wer hat dich zu Beginn deines kreativen Schaffens nachhaltig geprägt? Starke Frauen. In meiner Familie habe ich auf die Kunst bezogen keine Vorbilder. Sie besteht eher aus Arbeitern und kaufmännischen Berufen. So musste ich mich anderweitig informieren. Dank einer Paula Modersohn-Becker Biografie hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, die Erlaubnis zu besitzen, Kunst machen zu dürfen. Nasen wie Picasso oder Franz Marc kennt jeder. Sie waren Teil des Schulunterrichts. Das fand ich toll, aber erst Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz gaben mir den richtigen Schubs.

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ARTSPECIAL: JESSICA KOPPE

Sind deine Kinder auch kreativ? Na klar! Unser Kleiner ist nun 1,5 Jahre alt und kann gerade zehn Wörter sprechen. Eins davon ist Malen (lacht). Kreative Arbeit ist ein Kernwerkzeug zu einer gesunden Persönlichkeitsentfaltung. Daher sollen unsere Kinder immer die Möglichkeit haben, sie auszuüben. Haben sie dein Schaffen beeinflusst? Auf jeden Fall. Vor der Geburt unseres ersten Kindes war ich oft mit Egokram beschäftigt. Nach der Geburt hatte ich täglich maximal zwei Stunden Zeit, um kreativ zu sein. Dann hält man sich nicht mehr mit unnötigen Gedanken auf. Dadurch bin ich viel präziser geworden. Zudem denke ich dank meiner Kinder vermehrt über Nachhaltigkeit nach. Das hat die Wahl meiner Materialien, meine Vorgehensweise bei der Wiederverwertung von Dingen sehr beeinflusst. Du bezeichnest dich als künstlerisches Multitalent, du zeichnest, malst, machst Collagen, Trickfilme, schreibst ... Gibt es einen kreativen Bereich, den du lieber ignorierst? Alles, was staubt und dreckig ist, nervt mich fürchterlich. Sobald es staubt, kriege ich schlechte Laune. Für Ölmalerei bin ich zu ungeduldig. Bei Aquarellmalerei muss man allerdings auch ein bisschen warten. Aber das kannst du föhnen. Ich föhne sogar Acryl-Farben, weil mir drei bis fünf Minuten Trocknungszeit manchmal zu lange dauern. Wenn ich eine Sache wirklich machen will, muss es schnell gehen.


fragments: »I’ll show you only fragments«; begehbare Rauminstallation; Mischtechnik auf Papier; Breite des Bildausschnitts: ca. 4 m, 2017

Du hast hier ein mega Atelier. Hast du jemals Platzprobleme, all das Produzierte unterzukriegen? Ich bin kein Nostalgiker, ich kann Arbeiten wegschmeißen. Wenn sie mich total nerven, wandern sie in den Müll. Ich verwerte aber auch meine eigenen Arbeiten weiter. Alles, was ich nicht verkaufe, ist immer in Gefahr, zerschnibbelt, zerlegt, neu verarbeitet oder einfach weggeworfen zu werden. Gibt es im Atelier Möbel oder Dinge, auf die du auf gar keinen Fall verzichten würdest? Da gibt es nichts. Das liegt daran, dass meine Arbeitsweise so flexibel ist. Von Goethe stammt das Zitat: »Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.« Das ist meine Grundhaltung. Selbst wenn dir der letzte Bleistift weggenommen wird, kannst du noch mit einem Stein und den Fingern auf dem Fußboden zeichnen. Das Werkzeug ist das, was optimiert werden kann, der Komfortbereich. Wenn du wirklich Kunst machen möchtest, ist es egal, was vorhanden ist. Es ist immer alles da, was man braucht.

Hast du je erwägt, dir ein Synonym zuzulegen? Alles, was mir einfiel, fand ich noch bescheuerter als meinen eigenen Namen (lacht). Es geht schon darum, sich als Marke zu etablieren. Das kann man über ein Pseudonym forcieren. Da ich keine Sachbeschädigung oder ähnliches betreibe, habe ich das Gefühl, dass ich mich nicht hinter einem anderen Namen verstecken muss. Ich bin einfach da, tue, was ich tue, und das ist in Ordnung. Dies hat auch dazu geführt, dass ich mich und meine Arbeit besser aushalten kann. Wenn ich als Person dafür gerade stehe, bin ich diejenige, die mit dem Werk assoziiert wird. Meine Erfahrung ist, dass die Leute nicht ausschließlich am Werk interessiert sind, sondern auch an der Person dahinter. Das kann eine Kunstfigur sein. In bestimmten Bereichen funktioniert das sehr gut. Für mich funktioniert das eben nicht. Wenn ich Kurse gebe, bin ich stets für eine Aufrichtigkeit in der Arbeit, für eine Echtheit, für ein ganz klares Ding. Es gibt Leute, für die diese Echtheit über das Pseudonym läuft. Banksy ist beispielsweise von seinem Pseudonym nicht zu trennen.

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↙ »Meditation«; Zeichnung in Mischtechnik auf Papier; 30 x 42cm auf Papier; 2018 → aus »Manifest«; Comic,28 Seiten; 15 x 21cm; 2015 →→ »Innerei01«; aus der Serie »Innereien«; Mischtechnik auf Papier; 15 x 21cm; 2018 →→→ »Selbstportrait«; 2015

Tauschst du dich mit der hiesigen Kunstszene aus? Es gibt verschiedene Gruppen, die koexistent sind. Der Verein für Bildende Kunst ist vielleicht die erste Adresse, wo man nach Kunst guckt, wenn man hier in der Gegend unterwegs ist. Im Durchschnitt sind die Mitglieder mindestens 15 Jahre älter als ich. Die junge Generation ist eher im Bereich Streetart verortet und lose organisiert. Dann gibt es noch weitere Ateliergemeinschaften, die als geschlossene Biotope funktionieren. Der Austausch ist manchmal etwas dürftig. Ich bin ein bisschen die Außenseiterin, weil ich mich in verschiedenen Genres bewege. Früher wollte ich dazugehören, heute finde ich das okay. Die Stärke meiner Arbeit ist, dass sie so selbstständig ist und unabhängig funktionieren kann. Gestern startete ein neuer Kurs deiner Mittwochsakademie. Wie bist du auf die Idee gekommen? Im Studium der Freien Kunst war ich eine der Jüngsten und ließ mich ziemlich verunsichern von klassischen Professoren, die meinten, ein kleines Mädchen auflaufen lassen zu müssen. Richtig frei gearbeitet habe ich mich erst nach dem Studium, indem ich verschiedene Techniken und Arbeitsweisen zusammentrug, um Angst und Blockaden abzubauen. Dann stand natürlich noch die Frage in Raum, wie ich als freiberufliche Künstlerin Geld verdiene. Auf Grafikdesign hatte ich nach ein paar Jahren keinen Bock mehr. Also entschied ich, anderen Leuten zu helfen, die in dem Bereich ebenfalls Unterstützung brauchen. Toxisches Verhalten ist weit verbreitet. Gerade die Art und Weise, wie im kreativen Bereich miteinander gesprochen und Kritik geübt wird, ist katastrophal. Wenn man eine Gesellschaft dazu bringen möchte, dass sie friedlich ist, fängt das bei kleinen Sachen an. Mir ist es wichtig, gewaltfrei zu kommunizieren, auch wenn man gemeinsam Kunst anschaut, die man gemacht hat. Daraus habe ich im Grunde dieses Kurskonzept entwickelt. Ich nannte es »Akademie«, weil ich mir dachte, dass man sowas eigentlich an den Akademien braucht.

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ARTSPECIAL: JESSICA KOPPE

Was für ein Typ Mensch meldet sich dafür an? Unterschiedlich. Leute, die studieren gehen wollen, eine Mappe machen müssen und ein bisschen auf dem Schlauch stehen. Leute, die in kreativen Berufen schon verortet, aber unzufrieden sind. Leute, die im Hobbybereich oder halbberuflich künstlerisch arbeiten. Am Kurs nehmen auch einige Künstlerinnen teil, die ab und an wiederkommen. Manchmal sind klassische Hausfrauen dabei. Die Kinder sind aus dem Haus, und sie wollen was Neues ausprobieren. In der Regel kommen zu mir Personen, die ein großes Interesse an Kunst besitzen und im Leben viel Gegenwind dafür erfahren haben. Der Kurs ist eine Art Therapie. Ich hänge das allerdings nicht an die große Glocke, weil ich diese ganze Coaching-Nummer etwas schräg finde. Wir entfalten im Kurs eine besondere Magie durch die Techniken, die ich zusammengetragen habe. Zum Abschluss hängen hier von allen Teilnehmern drei bis fünf Blätter aus drei Stunden gemeinsamer Arbeit. Dadurch ergibt sich eine richtige kleine Ausstellung. Man sieht in den Bildern die Persönlichkeiten der Leute. Am Ende gehen alle immer ganz beseelt raus. Es ist eine wunderschöne und konstruktive Atmosphäre. Schlechtmachen und Verbesserungsvorschläge sind verboten. Es wird einfach alles akzeptiert, wie es ist, genau in dem Zustand, in dem es da ist. Das ist ein Grundgedanke, der aus dem Yoga kommt. Ich mache zeichnerisches Yoga. Du arbeitest im Rahmen des Kulturrucksacks mit jungen Menschen zusammen und hattest bereits diverse Lehrstellen. Unterrichtest du lieber Kinder oder Erwachsene? Das ist völlig egal. Ich gucke Leuten und Dingen gerne beim Wachsen zu. Frühling ist meine Jahreszeit. Kinder sind total toll, weil sie automatisch wachsen. Da kann man nichts gegen machen (lacht). Erwachsene müssen sich ein wenig anstrengen, wenn sie über sich hinaus wachsen wollen. Die Prozesse passieren langsamer. Lassen sich die Leute darauf ein, ist es ganz wunderbar. Es interessiert mich,


zu beobachten, wie die Leute an ihre Potenziale kommen. Deswegen ist es mir egal, ob es sich um ein dreijähriges Kind handelt, das zum ersten Mal einen Wachsmalstift in Händen hält oder ob das jetzt eine alte Dame ist, die bereits hundert Jahre gezeichnet hat, aber neue Impulse braucht. Wenn die Leute zu mir kommen und Bock haben, kann ich mit allen arbeiten. Was kannst du jungen Leuten raten, die gerne ein künstlerische Laufbahn einschlagen möchten? Einfach machen. Man kriegt die Dinge nicht durch Denken heraus. Mein Schwiegervater sagte immer, dass ein Erfahrungskonto ein reines Guthabenkonto sei. Jede Erfahrung, die du machst, und somit auch jedes Blatt, das du zeichnest, jede kreative Tätigkeit, der du nachgehst, wird zu Guthaben auf deinem Erfahrungskonto. Irgendwann sedimentieren diese gesammelten Erfahrungen durch unsere Gehirnschichten, und wir haben einen Zugriff darauf. Dann entwickeln wir uns weiter. Aber das bekommt man nicht durch Denken heraus. Das funktioniert nur über das Tun. Deswegen einfach Machen und sich nicht beirren lassen von Leuten, die glauben, besser zu wissen, was man braucht. Und dabei keinem Schaden zufügen.

»DAS FUNKTIONIERT NUR ÜBER’S TUN.«

Richtig poetisch. Ich bemühe mich. Ich habe mal Philosophie studiert. Aber im klassischen Sinn würde ich mich eher als Humanistin sehen. Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt, allerdings als Teil eines großen Ganzen. Es geht stets darum, die eigene Rolle für sich selbst und für die Gesellschaft zu finden, in der man unterwegs ist. Es geht auch darum, dass man sich als Gesellschaft weiterentwickelt. Ich glaube, Bildung trägt viel dazu bei. Und künstlerische Bildung ganz besonders.

Hast du auf deine Kunst bezogen noch einen großen Wunsch, den du dir irgendwann erfüllen möchtest? Ich wünsche mir, dass alle Künstlerinnen und Künstler Ernst genommen, aber nicht erhöht werden. In vielen kulturellen Berufen verdienen alle ihr Geld mit der Kunst, bis auf diejenigen, die sie herstellen. Sie sind immer die Letzten in der Kette. Irgendjemand sagte mal: »Ruhm und Ehre sind auch schön, aber meine Kinder essen lieber Kartoffelbrei.« Hier in Deutschland ist es als Künstler unanständig, Geld zu thematisieren. Man hat die hohe Kunst und den schnöden Mammon voneinander zu trennen. Im amerikanischen Bereich sind Künstler Unternehmer, Artist Entrepreneurs, mit allen kapitalistischen Vor- und Nachteilen. Ob man das jetzt gut findet, ist noch mal eine ganz andere Frage. Ich finde nur diese Beobachtung sehr interessant. Man sollte sich als Künstler nicht rechtfertigen müssen, wenn man von seinem Beruf Leben möchte. Es ist ein Beruf wie jeder andere auch. Man verdient sein Geld und leistet einen gesellschaftlichen Beitrag, der statistisch nicht messbar ist, aber faktisch existiert. Ich wünsche mir in dem Bereich mehr Anerkennung, dafür weniger Künstler-Bohei. Das wäre was.

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SASHKA Bielefeld

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aktiv seit: schon immer Schwerpunkt: Comic und Illustration Web: instagram.com/sashkapris facebook.com/artist.sashka

ARTSPECIAL: SASHKA


Was ist deine bevorzugte Tageszeit, um kreativ zu werden? Ich war schon immer eine Nachteule. Abends kann ich mich am besten konzentrieren und bin auch am kreativsten. Da habe ich dann auch kein Problem damit, bis in die frühen Morgenstunden an einem Bild zu zeichnen. Du bist als Künstlerin oft auf Conventions anzutreffen. Was macht dir daran am meisten Spaß? Ich bin jetzt seit circa vier Jahren auf verschiedenen Comic und Manga Conventions unterwegs und am meisten Spaß habe ich dabei, wenn ich neue Leute kennenlernen kann. Durch diese Conventions konnte ich schon so viele Kontakte zu anderen Künstlern und generell Gleichgesinnten knüpfen, die man so im Alltag vielleicht nicht antrifft. Sogar einige Freundschaften sind dadurch entstanden, die noch bis heute Bestand haben. Und im Großen und Ganzen ist der Austausch mit den Besuchern einfach das Spannendste, denn sonst würde man nur still und allein an seinem Stand sitzen. Was war das bisher Coolste, das du für jemanden illustrieren solltest? Und was war die absurdeste Anfrage? Momentan zeichne ich wirklich sehr gerne Comic Charaktere und öfter mal werde ich dann speziell nach solchen gefragt, die ich dann zeichnen soll. Woran ich dann aber richtig Spaß habe, sind Crossover. Ein Beispiel: Für einen Freund sollte ich mal ein Blank Sketch Cover von Deadpool gestalten und da ich wusste, dass er ein riesen Fan der Alien-Filme ist, gab es dann ein Deadpool-Face-Hugger-Cover. Die absurdeste Anfrage für eine Zeichnung gab es mal auf einer Convention, als ein süßes junges Mädchen vor mir stand und gerne einen Zitteraal gezeichnet haben wollte. Ich musste etwas schmunzeln, habe es aber natürlich gerne umgesetzt.

Deine Illustrationen nehmen oft Bezug zur aktuellen Popkultur. Sind Comics, Serien und Filme deine wichtigste Inspirationsquelle? Was inspiriert dich noch? Hast du Vorbilder? Die Popkultur spielt tatsächlich eine sehr große Rolle bei mir und dient auch oft als Inspiration. Aber nicht nur das animiert mich zum Zeichnen. Oft sind es auch ungewöhnliche Gesichter, Frisuren, Mode oder einfach bestimmte Farbkombinationen. Am allermeisten sind es aber andere Künstler, auf die ich besonders durch die sozialen Medien aufmerksam geworden bin. Da gibt es wirklich sehr viele, bei denen ich alles sehr aufmerksam verfolge. Vielleicht kann ich für andere auch mal so ein Vorbild sein. Du hast eine stetig wachsende Instagram-Community. Findest du es wichtig, als Künstler neben deiner Kunst auch persönlich in Erscheinung zu treten? Oder kann man das gar nicht trennen? Ich hab meinen Instagram-Account jetzt schon seit einigen Jahren, aber erst im letzten Jahr wurden meine Beiträge häufiger gesehen. In meinen kreativeren Phasen gibt es dann mehr Zeichnungen zu sehen, aber ich zeige mich durchaus auch selbst auf Fotos. Ich stehe mit vielen Leuten über Instagram in regelmäßigem Kontakt und da finde ich es immer schön, wenn man ein Bild vom Gegenüber hat. Es gibt aber auch viele Künstler, die nur ihre Kunst für sich sprechen lassen und auch das finde ich völlig in Ordnung. Du hast einige eindrucksvolle Tattoos. Ich hab gehört, dass du dir auch vorstellen könntest, selbst an der Nadel aktiv zu werden. Was fasziniert dich als Illustratorin an Tätowierungen? Das stimmt tatsächlich. Wenn ich mein Studium abgeschlossen habe, möchte ich wirklich sehr gerne eine Tätowierer Ausbildung machen. Ich war mir nie wirklich sicher, in welchem Job ich glücklich werden würde und bin davon überzeugt, dass ich in der Tattoo-Branche am besten aufgehoben bin. Zeichnen ist meine große Leidenschaft und die würde ich gerne in meinen Beruf mitnehmen. Mit Zeichnungen kann man sich wunderbar ausdrücken und wenn ich einen Teil meiner Selbst durch die Tattoos auch nach Außen tragen kann, mache ich mich selbst zu einem kleinen Kunstwerk. Und das könnte ich dann auch für andere tun.

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BLUE HARVEST Bielefeld

aktiv seit: 1998 Schwerpunkt: Tattoos Web: instagram @harvest_1973

Dein Bielefelder Tattoo Studio wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Wie wird das gefeiert? Meine Jubiläumsfeier musste ich aus familiären Gründen verschieben, wird aber definitiv nachgeholt bei meinen Freunden im Plan B… Stay tuned… Wie würdest du Leuten deinen Stil beschreiben, die noch nie was von dir gesehen haben? Ich tätowiere zu 90% black and grey, motivisch bin ich breit gefächert: Fineline, Realistic, Lettering, Japan, ... Als ich vor mehr als 20 Jahren anfing, ging es darum, auf jeden Kundenwunsch eingehen zu können, damit jeder die Tätowierung bekommt, die er/sie möchte. Auch wenn sich heute alle nach zwei Wochen Tätowieren schon spezialisieren, versuche ich den Dienstleistungsgedanken in den Vordergrund zu stellen. Außerdem würde mich eine Spezialisierung auf irgendwas hart langweilen. Du stellst gelegentlich deine Illustrationen aus, zum Beispiel bei deinem ehemaligen Mentoren Igor in der Lionheart Tattoo Gallery. Ist dir Feedback zu deiner Arbeit wichtig? Legst du mehr Wert auf Zuspruch der breiten Masse, zum Beispiel von Instagram Followern, oder von Kollegen? Regelmäßige Ausstellungen, Einzel- oder Gruppenshows haben meine Tätigkeit als Tätowierer schon immer begleitet, ebenso Illustrationsjobs für Plattencover, Shirts, Skateboards etc. Freie Arbeiten auf Papier bieten ein gutes Gegengewicht zum Tätowieren, wo der Kundenwunsch im Vordergrund stehen sollte. Es ist somit ein Ausgleich, der gleichzeitig das Tätowieren positiv beeinflusst. Galerien sind immer ein guter Ort, Arbeiten in einem anderen Kontext und anderen Leuten zu präsentieren.

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ARTSPECIAL: BLUE HARVEST TATTOO

Auch die Möglichkeiten, die die verschiedenen Social Media Plattformen wie Instagram, Tumblr etc. bieten, sind fantastisch. Ich bin immer neugierig und interessiert daran, dass es mit dem Tätowieren nach vorne geht, darum trauere ich »den guten alten Zeiten«, wo es nur zwei Tattoohefte am Kiosk gab, nicht nach. Bist du vor dem Tätowieren neuer Kunden nach all den Jahren noch aufgeregt? Ein Biss Lampenfieber finde ich sowohl angebracht als auch angenehm. Auch wenn viele Handgriffe nach über 20 Jahren zur Routine geworden sind: Der Umgang mit den Kunden als auch der Vorgang des Tätowierens selbst werden es hoffentlich nie. Vielleicht hab ich deshalb auch nach 20 Jahren immer noch voll Bock, jeden Tag!!! Hast du schon einmal eine Person von Kopf bis Fuß tätowiert? Welches Motiv/welche Motive würdest du gerne mal auf einem ganzen Körper umsetzen? Natürlich gibt es Kunden, denen ich in den letzten 20 Jahren einen Großteil ihres Körpers tätowiert habe, viele haben einfach »gesammelt«, bei anderen waren es vorher ausgearbeitete körperumspannende Konzepte.


Wünschst du dir manchmal, dass Tätowierungen wieder mehr »Untergrund«-Charakter hätten und nicht jeder Fünfte damit rumlaufen würde? Das variiert ... Zum einen finde ich es angenehm, dass sich im Freibad kein Mensch mehr nach dir umdreht, selbst wenn du total zugesäbelt bist. Man kann nahezu vorurteilsfrei seinen Alltag bestreiten, Banktermine, Elternspre chtage, Woh nungsbesichtigungen etc. Das war vor 20 Jahren schon was anderes. Die Tatsache, tätowiert zu sein, ist mittlerweile bedeutungslos. Es sagt nichts mehr über Subkultur, Haltung oder soziale Herkunft aus. Wie gesagt, ich heule Vergangenem nicht hinterher, bin aber froh, das Tätowieren noch anders kennengelernt zu haben.

»SCHLAFEN KANN ICH, WENN ICH TOT BIN.« (R.W. Fassbinder)

Du warst DJ bei der Crossover Band Thumb. Denkst du gerne an diese Zeit zurück? Legst du noch immer auf? Kann man dich irgendwo live erleben? Die fast zehn Jahre mit Thumb waren unglaublich aufregend: drei Platten, unzählige Konzerte und Tourneen quer durch die Weltgeschichte wirken auf mich in der Rückschau fast surreal, so viel haben wir da erlebt. Ich denke gern und mit großer Dankbarkeit daran zurück, bevorzuge aber das Hier und Jetzt, denn mein Leben als Vater eines 11-jährigen Sohnes, als Tätowierer und Künstler ist mindestens genau so aufregend. An meinen Plattenspielern stehe ich fast jeden Tag, hin und wieder lege ich auch noch auf, je nach Zeit und Lust! Hast du noch Ziele auf kreativer Ebene? Als kreativer Mensch muss man seine Ziele immer neu suchen und formulieren. Niemals ankommen, nie zufrieden sein, das hält mich am Laufen.

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PHILIPP SPRECKELS Detmold/ Hamburg

Wie hast du Dave kennengelernt? Für meinen Blog »Comic-Kladde« interviewte ich Thomas Wellmann, einen Comiczeichner aus Münster. Von ihm stammen »Pimo & Rex« und »Der Ziegensauger«. Er ist Dozent in Münster, und im Gespräch verstanden wir uns gut. Er empfahl mir für meinen Blog drei Studenten, die als Bachelor-Arbeit Comics umsetzten: Udo Jung, Maike Venhofen und eben Dave Scheffel. Er war an Pen-&-Paper-Rollenspielen interessiert und stieg in meine Gruppe ein. Ende 2015 wollte er einen weiteren Comic starten, hatte aber keine Lust auf das Schreiben. Ich stellte ihm dann einige Geschichten vor, die ich mir als Comic vorstellen konnte. Wir schossen wir uns dann recht schnell auf »Yellow Stone« ein. Wie sieht dein Comic-Background aus? Als Kind las ich extrem viele Comics wie »Micky Maus« und »Clever & Smart«. Ich weigerte mich regelrecht, Bücher zu lesen. Im Teenageralter hatten es mir die Star Wars Hefte angetan. Dann verlor ich das Medium ein wenig aus den Augen. Dank eines naja ziemlich bescheidenen Praktikums bei einer Berliner Zeitung, ließ ich aus Langeweile viel Geld in dem Comicladen »Grober Unfug«. In Münster habe ich dann einen Comic-Leserkreis gegründet. Durch das Bloggen mit der »Comic Kladde« habe ich mich dann noch intensiver mit Comics beschäftigt. Worum geht es bei »Yellow Stone«? Es ist eine Science Fiction Geschichte in der nahen Zukunft. Man befindet sich noch nicht im Weltraum, aber die Welt ist hochtechnisiert. Schauplatz sind die USA, wo ein Teil des Yellowstone Supervulkans ausgebrochen ist. Dies führt dazu, dass sich die USA stark verändern. Staaten im Mittleren Westen müssen komplett evakuiert werden. Eine No-GoZone entsteht. Dadurch kommt ein internes Flüchtlingsproblem auf, das die Gesellschaft umkrempelt. Unsere Geschichte spielt jedoch erst zehn Jahre nach dieser Katastrophe. Im Mittelpunkt steht eine Verschwörung, die aufgedeckt werden muss. Die Handlung ist sehr actiongeladen.

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ARTSPECIAL: PHILIPP SPRECKELS

aktiv seit: 2016 »Yellow Stone«, Comic-Kladde seit 2014 Schwerpunkt: Comics Kollektiv/Crew: »Yellow Stone« mit Dave Scheffel Web: yellowcomic.com

Hat Trump eure Storyline irgendwie beeinflusst? Jein. Die Idee zur »Yellow Stone« Welt existierte bereits vor Trumps Amtsantritt und der Flüchtlingskrise. Ich war für ein Austauschjahr in Amerika und habe dort auch den Yellowstone-Park besucht. Die Geschichte des Supervulkans faszinierte mich auf Anhieb. Ich machte mir Gedanken, wie die Welt nach einem Ausbruch hinsichtlich der Strukturen, der Menschen und der Technik aussehen würde. Welche Machenschaften würden entstehen? Die Zone ist stark gesichert, aber erinnert natürlich an Trumps Mauer zu Mexiko. In Roland Emmerich Filmen geht es stets darum, dass New York oder Washington zerstört wird, weil Aliens kommen, die Welt einfriert und so weiter. Das wirklich Spannende passiert meiner Meinung nach aber erst danach. Am Ende des Films »2012« kommt beispielsweise die Arche mit tausenden schwer bewaffneter, reicher Weißer in Afrika an, dem letzten Kontinent auf der Erde. Schluss. Der Film ist zu Ende. Dabei wird es da doch erst spannend! »Yellow Stone« ist eine Dystopie, ein Cyberpunk-Öko-Thriller und keine Zukunft mit Regenbogen-Schein. Habt ihr von Anfang an Wert darauf gelegt, als gedrucktes Comic und nicht online zu erscheinen? Wir hatten immer die Idee, ein abgeschlossenes Buch zu veröffentlichen. Eine Never Ending Story oder ein Webcomic war nie unser Ziel. Wenn es mit dem Verlag nicht funktioniert hätte, wären wir vielleicht aber andere Wege gegangen. Taucht ihr selbst – offensichtlich oder versteckt – als Charaktere auf? Cameos gibt es in diesem Sinne nicht. Ich finde aber, dass der Hauptcharakter Ähnlichkeiten mit Dave hat. Das war allerdings nicht geplant. Wir haben dafür einige Easter Eggs für Insider eingebaut.


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Philipp Spreckels mit Dave Scheffel (v.l.) ©privat

Was sind deine Inspirationsquellen? Ich finde generell Genres wie Science Fiction und Cyberpunk klasse, wie Ridley Scotts »Blade Runner« oder auch John Carpenters »Die Klapperschlange«. Von der Story her mag ich Geschichten, in denen eine Figur gejagt wird und etwas aufdecken muss. »Minority Report« ist hier ein gutes Beispiel. Wieso ist Dave dein idealer Partner für »Yellow Stone«? Das Wichtigste ist für mich, dass sein Stil passt und das wir uns gut verstehen. Er ist kein Zeichner, der alles stumpf umsetzt. Wir diskutieren gerne. :-) Jeder redet dem anderen ein bisschen in seinen Bereich rein. Dadurch wird die Story besser, und man kommt auf neue Ideen. Dave hat ein gutes Gefühl für Kameraeinstellungen und Dramaturgie. Du wohnst in Detmold, bald in Hamburg. Dave wohnt in Köln. Wie läuft eure Zusammenarbeit so ab? Wir fingen mit »Yellow Stone« an, als wir noch beide in Münster wohnten. Jetzt schreiben wir relativ viel über WhatsApp. Wir geben uns kleinere Updates, die uns gegenseitig antreiben. Ansonsten telefonieren wir regelmäßig.

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ARTSPECIAL: PHILIPP SPRECKELS

Ihr habt dank des Verlags ja eine klare Deadline vor euch. Es sind ca. 112 Seiten geplant. Ich bin bei Kapitel 4, Dave ist bei Kapitel 1. Es ist auf jeden Fall viel Arbeit. Wie viel Zeit fließt wöchentlich in euren Comic? Bei mir sind es in intensiven Phasen fünf bis sechs Stunden pro Woche, verteilt auf viermal die Woche morgens. Bei Dave kann ich das nicht einschätzen. Es ist für uns das Wichtigste, dass der Comic gut wird. Wir arbeiten iterativ und machen kleinere Schritte. Ich schrieb die Story, diese wurde diskutiert. Ich setzte eine grobe Kapitelaufteilung um, diese wurde ebenfalls diskutiert. Es folgten die Seitenaufteilung, das grobe Storyboard, die Dialoge und Daves Inking. An das Inking passte ich wiederum die Dialoge an. Ganz zum Schluss werde ich alles nochmal durchgehen. Reagiert dein Umfeld eher positiv oder negativ darauf, dass du in deiner Freizeit ein Comic umsetzt? Wir verheimlichen das auf keinen Fall. Meist sind die Reaktionen positiv, aber viele unterschätzen den Aufwand, den man für so ein Projekt betreiben muss.


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Euer Comic kommt 2019 bei Zwerchfell heraus. Ihr habt euch zunächst bemüht, bei einem amerikanischen Verlag unterzukommen. Was sind nun die Vorteile für euch, bei einem deutschen Verlag zu veröffentlichen? Ein Vorteil ist natürlich die Sprache. Ich studierte zwar Englisch, bin aber natürlich kein Muttersprachler. Es kommt natürlich auch darauf an, mit was für einer Art Verlag man zusammen arbeitet. Ein kleiner Verlag wie Zwerchfell kann viel mehr Zeit haben, sich um dich zu kümmern. Im Moment passt das zwischen uns mit Zwerchfell relativ gut. Wir haben viele Freiheiten. Wie schnell war euer Pitch-Comic fertig? Anfang 2016 legten wir ohne Zeitdruck los. Anfang 2017 war der Pitch Comic mit den ersten 16 Seiten fertig. Der Pitch beinhaltete eine Summary für den ganzen Text. Die Kapitelstruktur wurde klar. Aktuell setzen wir den Comic in einem feineren Stil um. Das heißt, dass wir das erste Kapitel komplett neu machen müssen. Es wurde aber nicht nachträglich komplett umgeschrieben. Du hast in der Vergangenheit viele Comicschaffende für den Blog Comic Kladde interviewt. Hat dir diese Erfahrung bei der Arbeit an »Yellow Stone« geholfen? Ich glaube schon. Wenn man beispielsweise Kurzgeschichten schreibt und auf einmal ein Comic Skript umsetzen soll, wird es, glaube ich, schwierig. Man ist zu sehr auf die Sprache fokussiert und weiß nicht, was in der Bildebene abgeht. Die Charaktere sagen vermutlich laufend Dinge, die bereits im Bild transportiert werden. Sprache und Bilder müssen gemeinsam funktionieren. Zudem müssen unten rechts stets Page Turner, also kleine Cliffhanger, eingebaut werden. Ich kann dadurch nicht nachträglich einzelne Seiten einfügen. Das muss mithilfe von Storyboards gut geplant werden.

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ARTSPECIAL: PHILIPP SPRECKELS

Ich kenne Leute, die seit Jahren ihr Comic planen und sich darin verlieren. Wie schafft man den Sprung vom Planen zum Machen? Hast du dafür irgendwelche Tipps? Das Wichtigste ist, Sachen abzuschließen. Die planerische Phase ist ohne Druck natürlich toll. Man kann einen Film zwanzig Jahre lang planen, davon wird er allerdings nicht besser. Man sollte sich Ideen nicht so sehr aufsparen und erstmal etwas ver-

»MAN SOLLTE SICH IDEEN NICHT AUFSPAREN.« öffentlichen. Das ist schon schwer genug. Indem man etwas abschließt, sammelt man Erfahrungen für das nächste Projekt. Ich bin froh, dass wir dank des Verlags eine Deadline haben und fertig werden müssen. Man zieht um, man wird krank, irgendetwas ist immer. Man muss ein bisschen Disziplin haben. Solche Projekte machen mir stets Spaß. Mein Brötchenjob ist schließlich im Projektmanagement. Mein Tipp für Comicschaffende lautet, sich einen Verlag zu suchen. Dann wird der Comic konkret. Ihr dokumentiert eure Arbeit sehr ausführlich im Internet. Gab es Tage, wo ihr alles hinschmeißen wolltet? Nein. Es kann manchmal frustrierend sein, aber das ist ganz normal. Irgendwann fängt die Story an zu leben. Die Charaktere entwickeln ein Eigenleben. Die Welt gestaltet sich immer mehr wie ein Mosaik aus. Man ersetzt große Platten durch zunehmend kleinere, dadurch wird sie immer genauer. Habt ihr schon weitere Projekte in der Pipeline oder ist »Yellow Stone« das einzige Projekt für euch? Ich bin als Autor naturgemäß schneller fertig als Dave. Dann muss ich überlegen, was ich als Nächstes schreibe. Es gibt mehrere Ideen von Science Fiction über Romantic Comedy bis hin zu Horror Geschichten, die nicht zwangsläufig als Comics umgesetzt werden müssen. Einen Roman stelle ich mir sehr einsam vor. Ich finde es generell schön, mit anderen kreativ zusammenzuarbeiten.


Philipp Spreckels (li.) mit Dave Scheffel Š privat

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RALF SCHLÜTER Bielefeld

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aktiv seit: 10./11. Lebensjahr Schwerpunkt: Illustration, Comic Web: ralfschlueter.com

ARTSPECIAL: RALF SCHLÜTER


Interview am 2. März im Plan B, Bielefeld.

Wann hat deine Leidenschaft für Illustration und Comics begonnen? Ich zeichne seit Kindheitstagen, malte mit Nachbarsjungs Cowboys und Indianer, was man eben so in dem Alter mag. Im Alter von 10, 11 Jahren fing ich an, eigene Comics umzusetzen, weil ich das Bedürfnis hatte, mit Figuren Geschichten zu erzählen. Hauptsächlich war das vom Fernsehen und von Büchern beeinflusst. Damalige Comichefte wie Bessy waren nicht so meins. Meine abgeschlossenen Geschichten waren vom Zeichenstil natürlich grauenvoll. Einen Teil davon habe ich sogar noch im Keller. Erst waren es Abenteuer-, Ritter-, historische und viele Fantasygeschichten, inspiriert von Sindbad, dem Seefahrer. In den frühen 80ern interessierte ich mich eher für Endzeitplots. Zwischendurch stellte ich fest, dass ich mehr Anatomie üben muss und kaufte mir entsprechende Bücher. Meine Figuren wurden realistischer. Dann setzte ich im Horrorbereich Anfang der 90er diverse Geschichten um. Wer hat dich als Zeichner zu Beginn am stärksten beeinflusst? Das fing hauptsächlich durch Hermann an, einem belgischen Zeichner, der sehr realistische und dynamische Sachen umsetzte. Seit den 1970er-Jahren ist er bis heute sehr aktiv. Ich habe viel von ihm gesammelt. Mein Interesse für Comics, insbesondere frankobelgische, begann erst richtig, als große Geschichten wie »Reisende im Wind« veröffentlicht wurden. Kleine Comicstrips sind bunt und schön, konnten mich allerdings filmtechnisch nicht so begeistern. Die Fortsetzungsgeschichten waren für mich unbefriedigend. Gesammelt habe ich alles mögliche, vor allem Historisches und Science Fiction. Damals war das Angebot natürlich auch noch nicht so groß wie heute. Wie kam es zu deinen ersten Veröffentlichungen? Beim Comicsalon Erlangen 1990 hatte ich zum ersten Mal Seiten von mir dabei. Ich hoffte, dass ein Miniverlag Interesse an einer Veröffentlichung zeigt. Ein Veranstalter von Film- und Comicbörsen im Ruhrgebiet schlug mir vor, etwas zu publizieren, das es nur auf seinen Börsen zu kaufen gibt. Zu diesem Zeitpunkt war das Schwarz-Weiß-Comic »Nachtodyssee« fast fertig. Das war meine erste Veröffentlichung gegen 1994. Die Auflage war nicht gerade

groß. Ich zeichnete auf den Börsen in Dortmund und Münster. Inzwischen arbeitete ich weiter im Fantasy-Horror-Bereich. »Nachtodyssee« war quasi eine Fingerübung für meine Story »Schattengänger«, das ich später in Farbe umsetzte. Inzwischen hatte ich Kontakte zu dem Vorgänger vom Splitter-Verlag und zur Bielefelder Redaktion von Comic Speedline. Zu dem Zeitpunkt war vom »Schattengänger« bereits eine ganze Menge fertig. Comic Speedline wollten irgendwann auch deutsche Comics veröffentlichen. Da wir beide aus Bielefeld kamen, passte die Zusammenarbeit ganz gut. Die zwei Bände waren meine erste Veröffentlichungen bei einem richtigen Verlag gegen 1997/1998. Kannst du was zu deinem beruflichen Werdegang erzählen? 1986 fing ich mein Grafikdesign-Studium in Bielefeld an, das ich 1992 beendete. Ich setzte als Diplomarbeit einen Trickfilm um. Es war mir klar, dass man im Comicbereich in Deutschland vermutlich nicht arbeiten kann. Ich räumte mir allerdings Chancen in der Trickfilmindustrie ein und hörte mich um. Dadurch landete ich Ende 1992 bei einem Studio in Hamburg als Freelancer. Knapp zehn Jahre blieb ich dort und arbeitete unter anderem an »Derrick, die Pflicht ruft«, »Der kleine Eisbär« und dem letzten Werner Film mit. In meiner Freizeit zeichnete ich meine Comics weiter. 2002 war in Hamburg Schluss. Das Studio löste sich auf. Ich arbeitete von Bielefeld aus freiberuflich weiter. Der Splitter Verlag fragte mich 1997 für die Umsetzung der Kai Meyer Trilogie »Wolkenvolk« an. Nach ersten Testseiten engagierten sie mich.

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War ein Auftrag in dieser Größe was besonderes zu jener Zeit? Mit insgesamt fast 400 Seiten war die Größe des Projektes schon beeindruckend. Die sechs Bände stellte ich nach sieben Jahren 2014 fertig. Sie hatten in mir einen Verrückten gefunden, der sich voll reinhing. Wenn die Story nicht mein Fall gewesen wäre, hätte ich sie in der Länge nicht umsetzen können. Ich kannte Kai Meyers Stil ein bisschen dank seiner historischen Romane. Von der Wolkenvolk-Story war ich ziemlich begeistert. Ich mag beispielsweise »Herr der Ringe«, hätte mich aber nicht sechs Jahre lang mit Orks und Elfen beschäftigen können. Von der Geschichte passte es einfach. Dann war an dem Job natürlich der berühmte Autor im Hintergrund reizvoll. Die Zusammenarbeit mit Yann Krehl, der die Adaption schrieb, verlief sehr gut. Hast du parallel an eigenem Material weitergearbeitet? Ja, viel landete in der Schublade, unter anderem wollte ich »Schattengänger« fortsetzen. Im vergangenen Jahr kam eine weitere Splitter-Anfrage rein, eine neue Science Fiction Geschichte von Kai Meyer umzusetzen: »Die Krone der Sterne«. Die Story war genau das Richtige für mich, weil er wie ich ein Fan der alten Star Wars Filme und anderer alten Science Fiction ist. Ursprünglich war es ein Band, nun ist daraus erneut eine Trilogie geworden. Nebenbei mache ich viele Figuren-Designs für einen Puppenbauer, der ursprünglich aus Bielefeld kommt, und nun im Münsterland unterwegs ist. Er nennt sich Figurenschneider. Er fertigt so muppetartige Klappmaulfiguren an. Mit ihm arbeite ich seit zehn Jahren zusammen. Immer, wenn er neue Figuren für Theater, Fernsehwerbespots oder Sonstiges benötigt, arbeite ich mit ihm zusammen. Zudem setze ich Storyboards um, unter anderem weil ich viel Kontakt zu der Film- und Medienszene hier habe. Was wärst du geworden, wenn du nicht Illustrator geworden wärst? Schwierig. Bereits als Kind wollte ich in den zeichnerischen Bereich. Medien und Zeichnen waren schon immer der Plan, Trickfilm eher eine geheime Leidenschaft. Welches Comic hast du zuletzt gelesen? Ich lese natürlich viel von Splitter, »Magdas Apokalypse« zum Beispiel.

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ARTSPECIAL: RALF SCHLÜTER

Hörst du neben dem Arbeiten Musik oder guckst Filme? Es kommt darauf an, was gerade anliegt. Eigentlich lasse ich nebenbei Musik laufen, manchmal auch ein bisschen den Fernseher. Filme eignen sich weniger, Sitcoms schon eher, da man nicht immer hingucken muss. Wenn ich für mich texte, läuft nichts nebenbei. Dann muss Ruhe herrschen. Hast du nach all den Jahren noch das Gefühl, dass sich dein Stil weiterentwickelt? Persönlich versuche ich, verschiedene Stile umzusetzen. Durch den neuen Comicauftrag bin ich natürlich wieder sehr festgelegt. Mein Ziel ist es, Gesichter realistischer zu zeichnen als beim »Wolkenvolk«. Wie gehst du mit Gefallen um? Beim Comic-Salon Erlangen und auf anderen Messen kommen natürlich viele, die Zeichnungen haben wollen. Durch die Veröffentlichung von »Wolkenvolk« in Holland kamen kistenweise Sachen zum Signieren an. Gegen ein Entgelt mache ich dann auch eine farbige Zeichnung rein. In den Niederlanden gibt es ein echt gutes Publikum. Wie wäre deine Karriere wohl verlaufen, wenn du heutzutage noch einmal von vorne anfangen würdest? Wenn ich heute 18 wäre, hätte ich gleich mit digitalen Mitteln, beispielsweise mit einem iPad oder Cintiq, koloriert. Ich arbeite zwar in Photoshop, zeichne aber alles analog auf Karton, scanne es ein und koloriere es dann digital. Das ist natürlich auch eine Geldfrage. Reich wird man mit dem Job nicht gerade.


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KLAUS SCHERWINSKI Bielefeld

aktiv seit: 1998 Schwerpunkt: Storyboarding Web: www.klausscherwinski.de

©Luisa J. Preissler

Welches deiner bisherigen Projekte bedeutet dir sehr viel? Nennenswerte Projekte gibt da es tatsächlich sehr viele, von meinen Comic Erstlingswerk Kopeck damals 1999, dass mir (bei allen Fehlern die es noch hatte) den Weg in die Branche geebnet hat, bis zu meiner Arbeit an dem Computerspiel RYSE: Son of Rome, denn die Kollegen die ich damals bei CRYTEK kennenlernte sind heute noch sehr liebe Bekannte die überall auf der Welt zeigen wo der (Games-) Hammer hängt, und das ehrt und inspiriert mich gleichermaßen. In Richtung Film muss ich natürlich die Illustrationen nennen die ich für die, grad auf DVD und Blu-ray erschienene, Doku »Rudi Assauer - Macher, Mensch, Legende« erstellen durfte. Das Projekt mit Art Direktor Oliver Koch und Regisseur Don Schubert (tolle Menschen und Kreativzugpferde) zog sich lange hin aber dürfte für einige Zeit das persönlichste und intensivste Erlebnis in dieser Sparte bleiben. Ein besonderes Ding war als ich 2015 die Cover für die Saber Rider and the Star Sheriffs Hörspiele gezeichnet habe. Da ich wegen dieser alten Zeichentrickserie damals überhaupt erst angefangen habe zu zeichnen, war das ein großartiger Meilenstein. Oder als ich mit dem legendären Transformers Comic-Autor Simon Furman das Wheelie One-shot gestemmt habe... okay, ich sollte aufhören. Ich sag mal so, ein paar Dinge konnte ich schon von meiner »Bucket-List« streichen.

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ARTSPECIAL: KLAUS SCHERWINSKI

Du hast beruflich viel Kontakt zu den USA. Gibt es etwas an deren Arbeitsmentalität, das dir hier fehlt? Ich arbeite aktuell von Zuhause aus, und wenn ich mal bei einer Firma vor Ort bin, wie im Mai die drei Wochen beim Ubisoft Studio MASSIVE in Schweden, fehlt mir dort nichts, weil das Team sehr international ist und die richtige Einstellung und Dynamik mitbringt, die solche Projekte erfordern. Da kann ich mir eher noch ein paar Scheiben abschneiden. Die Unterschiede können natürlich frappierend sein, wenn man sich manche deutsche Eigenarten anguckt. Was hier oft fehlt ist eine positive, konstruktive Einstellung. Auch das Konzept von »Ownership«, also Verantwortlichkeit für eine Aufgabe, wird hier oft nicht gelebt. Aber die Mühlen mahlen in Deutschland auch teilweise langsamer und für einige Leute hier ist die Branche der visuellen Künste und Unterhaltung einfach zu schnelllebig und Herausforderungen scheinbar zu hoch um durchhalten zu können. Wenn man für den Job nicht komplett brennt sollte man es besser als Hobby weiterführen, das macht das Leben einfacher und Kunst und Zeichnen ist immer noch das beste Hobby der Welt! Hörst du Musik beim Arbeiten? Und wenn ja, welche? Beim Storyboarden kannn ich nur Entspannungsmusik hören, oder ich mache die Terrassentür auf um der Natur zu lauschen. Andernfalls lenken mich Songs zu sehr ab, denn Storys visuell umzusetzen bedeutet selber zum Geschichtenerzähler zu werden, und beim Erzählen kann man nur schlecht zu hören, gell? Ansonsten gern Podcasts oder YoutubeBeiträge wie Dokumentationsfilme oder amerikanische Comedians wie Stephen Colbert oder die Daily Show. Und, als Kind der 80er, hör ich auch mal Soundtracks für Zeichentrickserien (von Transformers bis Duck Tales) und alles was so ähnlich klingt. Oder die Musik zu »Kung Fury« - alles super gemachter Elektro-Pop!


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ARTSPECIAL: KLAUS SCHERWINSKI


↙ »The Transformers Spotlight Wheelie« gestaltete Klaus Scherwinski als Einzelheft 2008 zusammen mit dem englischen Autoren Simon Furman für IDW Publishing (USA). ↘ Comic-Illustration aus dem Computerspiel RYSE: Son of Rome. © Microsoft/CRYTEK

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ARTSPECIAL: KLAUS SCHERWINSKI


Gegenüberstellungen von Klaus Scherwinskis Storyboard-Entwürfen, auf deren Basis die finale CG Umsetzung von seinen Auftraggebern und Kollegen gebaut wurde.

Dein Name ist eher komplex. Hast du je überlegt, dir einen Künstlernamen zuzulegen? Nicht wirklich. Mein »K-ski« Kürzel hat mir mein alter Freund Michael »Curse« Kurth gegeben der damals seine Rap-Karriere begann und für dessen Demo-Kassetten ich Covers zeichnete.

»MEIN KÜRZEL ›K-SKI‹ HAT MIR MEIN ALTER FREUND CURSE GEGEBEN.«

Funktioniert super als Signatur. Und natürlich bin ich heutzutage super happy, dass man Klaus Scherwinski gut googlen kann! Was machst du zum Ausgleich bei all der Schreibtischarbeit? Um meinen Zeichner-Buckel wieder aufzurichten mache ich seit 15 Jahren Aikido. Oder ich versuche es. Mein Lehrer in der Aikido Schule Bielefeld ist Gott sei Dank sehr geduldig. Weiter als bis zur Graduierung des dritten Kyu bin ich, dank ein paar Pausen und Umzügen, noch nicht gekommen, aber bei Kampfkunst ist es wie beim Zeichnen, der Weg ist das Ziel und man sollte aus Spaß an der Sache dabei sein und für sich selbst besser werden - das versuche ich zu tun. :)

Was würdest du heute deinem Ich von vor zwanzig Jahren mit auf den Weg geben wollen? Okay, das sprengt den Rahmen dieses Interviews. Das geht von »Geh in die Storyboard-Branche, Junge!« bis »Mach Studien von Fotoreferenz und hör auf deine Mutter, geh zum Aktzeichnen um zu lernen wie man richtige Menschen zeichnet«. Letzteres hab ich in meinem jugendlichen Leichtsinn natürlich nicht gemacht, ich wollte schließlich »Superhelden zeichnen, und nicht nackte Menschen«, hahaha. Für wen würdest du gerne mal arbeiten? Der Name ist mir da egal, solange es so kreative und nette Menschen sind wie bisher, aber Guillermo del Toro wäre schon ein interessanter Typ. Für MARVEL Superheldenfilme zu arbeiten ist einer meiner generellen Pläne und da Game of Thrones schon durch ist, hmm ... vielleicht für die »The Witcher« TV-Serie storyboarden? Ich denke da geht irgendwann schon was, man muss noch Ziele haben im Leben! Woran arbeitest du aktuell? Zur Zeit arbeite ich an Storyboards für die Spieleschmiede Guerilla Games aus Amsterdam (Killzone, Horizon Zero Dawn) und nebenbei produziere ich mit einem Team an Kreativen einen Marketing Comic für einen internationalen agierenden mittelständischen Betrieb. Damit bin ich für 2018 bereits komplett ausgebucht – das Luxusproblem eines jeden Freelancers. Wie gehst du mit »Gefallen« um? Du meinst im Bezug auf künstlerisches Arbeiten ohne Bezahlung? Na klar, ich nehme gern jederzeit Gefallen entgegen! Hahaha.

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CELIA KASPAR Bielefeld

aktiv seit: Findungsphase von Kindergarten bis 2014, Freelancer seit 2015 Schwerpunkt: Character Design, Illustration Web: celiakaspar.de facebook.com/CeliaKasparIllustration

Interview am 3. August im New Orleans, Bielefeld.

Vergeht je ein Tag, an dem du nicht zeichnest oder malst? Ja klar. Bist du ein Naturtalent oder steckt harte Arbeit dahinter? Ich glaube nicht an Talent, daher war es sehr viel Arbeit. Bei meinem Bruder war das definitiv auch der Fall. Sein Faible für 3D entdeckte er im Alter von 13 Jahren. Mit 15 lud er sich Blender runter und verließ im Grunde das Haus nicht mehr, bis er drei Jahre später auszog. Täglich übte er und brachte sich selbst Englisch bei, um mit dem Programm umgehen zu können. Nun arbeitet er bei Blender. Daran sieht man, was ein paar Jahre intensive Arbeit bringen können. Erst als ich mich dazu entschloss, Illustratorin zu werden, hängte ich mich mehrere Monate intensiv rein. Jetzt sehe ich, wie ich mich weiterentwickle, wie mein Stil und meine Fähigkeiten sich einfach verändern. Ich hoffe, dass ich niemals an den Punkt komme, wo ich denke, dass ich mich nicht mehr weiterentwickle. Hattest du von Anfang an den Drang, deine Zeichnungen animiert zu sehen? Nein. Erst 2013 kam ich auf den Trichter, in den Bereich einzusteigen. Vorher hatte ich gar nicht wahrgenommen, dass dort Jobs für mich verfügbar waren. Das kam einem so weit weg vor. Man schaut sich beispielsweise Pixar Making-ofs an und denkt sich, dass man dort niemals hinkommt. Wie kam es zu deinem Animationsstudium in Volda, Norwegen? Das war ein Auslandssemester im Rahmen meines Studiums in Lemgo. Lange konnte ich mich nicht für ein Land entscheiden. Da eine gute Freundin auch nach Norwegen wollte und ich eine Band dort super fand, entschied ich mich dafür, und es hat sich gelohnt. Das war bislang meine beste Entscheidung.

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ARTSPECIAL: CELIA KASPAR

Welche Werkzeuge und Programme bevorzugst du? Am liebsten arbeite ich eigentlich mit Stift und Papier. Bei Stiften nutze ich gerne Animationsstifte und Polychromos. Die Farbe Indigo Blau ist toll, das ist mein aktueller Favorit. Ansonsten arbeite ich mit Photoshop und TV Paint. Das ist ein französisches Programm. Die Arbeit darin fühlt sich wie Zeichentrick auf richtigem Papier an. Es basiert nicht auf Vektor-Grafiken und hat somit nicht diesen Clean-Look. Man muss wirklich per Hand Frame für Frame zeichnen. In Norwegen animierte ich auf richtigem Papier. Daher war es mir wichtig, dass ein Programm dieser Arbeitsweise ganz nahe kommt. Wir hatten einen Old School Animationsraum mit entsprechenden Animationstischen. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir als Freelancer aus? Ich versuche, gegen acht, spätestens neun Uhr aufzustehen. Das Studio in Irland, für das ich arbeite, liegt glücklicherweise eine Stunde hinter uns. Daher habe ich eine Stunde mehr am Morgen. Dann mache ich mir erstmal einen Cappuccino und gucke etwas Lustiges auf YouTube an, um in eine gute Stimmung zu kommen. Anschließend suche ich mir einen Podcast, eine gute Spotify-Playlist oder eine Netflix-Serie, die ich längst auswendig kenne und deswegen nebenher hören kann. Vielleicht beantworte ich auch ein paar E-Mails, die sich morgens schon eingefunden haben. Und darauf mache ich mir eine To-Do-Liste für den Tag anhand der Aufgaben, die ich vom Studio kriege. Diese ziehe ich dann durch. Abgesehen von der Mittagspause, die ich gerne nutze, um draußen ein wenig Vitamin D zu tanken. Der Arbeitstag für das Studio in Irland dauert etwa sieben Stunden. Momentan arbeite ich einen Tick weniger.


↖ Mobile Game »City of Love« ↗ Robin Hood Charaktere aus dem Buch »Master of Anatomy«

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→ Kinderbuch »Ivy«

Ich habe Abschnitte, in denen ich versuche, sehr produktiv zu sein. Wenn ich merke, dass meine Konzentration nachlässt, nehme ich wieder ein bisschen Abstand. Ich zwinge mich nicht, sitzen zu bleiben und unbedingt weiterzumachen. Stattdessen verlasse ich lieber den Tisch mit Ideen, die ich am nächsten Tag umsetzen kann. Ich bin kein Schwamm, auf den man einmal draufhaut und dann ist gar nichts mehr drin für den nächsten Tag. Ich lasse lieber irgendetwas Angefangenes am Tisch, damit ich am nächsten Tag nicht von einem leeren Papier aus starte. Im Laufe des Tages kommuniziere ich natürlich noch mit meinen Kollegen in Irland via Skype und den verschiedensten Chat-Programmen. Man muss ja kompensieren, dass man von zuhause aus arbeitet, während alle anderen im Studio sitzen. Bist du die einzige Mitarbeiterin, die nicht dort arbeitet? Außer mir arbeiten alle vor Ort. Mein Home Office haben bislang alle Studios, für die ich tätig wurde, mitgemacht. Ich arbeite gerne so und weiß, dass es ein paar Andere in der Branche genauso handhaben. Ich dachte, Home Office sei in der Branche üblich. Viele reisen und ziehen extra zum Studio. Ich bin zumindest oft zu Besuch in Irland. Im Art Department gibt es drei Spanier, drei Italiener, vier Franzosen, eine aus Singapur, eine Amerikanerin, und ich bin die einzige Deutsche. Ein paar Iren gibt es natürlich auch noch. Es ist sehr multikulti. Einige nehmen berufliche Umzüge gerne wahr und reisen von einem Ort zum nächsten. Ich benötige mein Rudel und meinen bekannten Ort. Das wurde mir im Auslandssemester richtig bewusst.

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ARTSPECIAL: CELIA KASPAR

Hättest du gern mehr Zeit für eigene Projekte? Ja. Nebenher nehme ich mir ein bisschen Zeit, aber ich hoffe, dass es mehr wird. Ich arbeite derzeit mit meinem Freund an einem animierten Kurzfilm. Wir stellen ihn hoffentlich dieses Jahr fertig. Er geht sieben Minuten lang, und wir setzen ihn nur zu zweit um. Doch ich bin schon sehr stolz darauf, was wir geschafft haben. Malt dein Freund auch? Ja, aber bei unseren gemeinsamen Projekten übernimmt er eher all das, womit ich überhaupt nichts anfangen kann. Er ist eher der Storyteller und Skriptmensch von uns, der sich die Shots überlegt, am Storyboard und am Schnitt sitzt und den Ton drauf setzt. Ich bin theoretisch nur die Person für die Charaktere und das Animieren. Du unterrichtest in Kürze wieder in Norwegen. War es eine Überwindung, dich als Lehrerin vor eine Klasse zu stellen? Ich hätte früher nie gedacht, dass ich das später gerne machen werde. Public Speaking ist nicht meins. Als ich das Angebot erhielt, fand ich es auf der einen Seite cool, auf der anderen Seite war ich extrem abgeschreckt, war furchtbar nervös und hatte Angst. Doch das Unterrichten war von Anfang an extrem cool. Ich genoss es total. Zwar bekomme ich nach wie vor einen Herzinfarkt, wenn ich ein Referat halten soll, aber es liegt mir seltsamerweise. Letztes Jahr hielt ich auf einem Festival einen Vortrag und auch da bin ich im Vorfeld fast gestorben. Aber es war mit die beste Erfahrung meines Lebens. Mich verbindet damit eine seltsame Hassliebe. Auf der einen Seite die tierische Angst, auf der anderen Seite ist es der Kick.


Sind die Schüler eher in deinem Alter? Das ist total gemischt, was ich gut finde. Ich gehe dort nun in mein fünftes Jahr. Als ich dort anfing, waren alle in meinem Alter. Inzwischen liegt die Altersspanne zwischen 18 und 40. Es ist stets eine gute Mischung und eine sehr entspannte Atmosphäre. Außerdem lerne ich von den Schülern meist mehr als sie von mir. Die sind so gut! Ich komme immer extrem motiviert und inspiriert zurück. Was machst du als Ausgleich zur ganzen Arbeit am Schreibtisch? Im vergangenen Jahr bekam ich übelste Rückenprobleme. Deshalb besorgte ich mir einen neuen Stuhl, der wie ein Foltergerät aussieht, aber meine Wirbelsäule gerade hält. Außerdem wurde ich Mitglied im Fitnessstudio. Am Anfang neigte ich noch dazu, zum Stressabbau ein bisschen zu viel Sport zu machen. Ich hatte das Bedürfnis, täglich hinzugehen. Nun versuche ich, die Balance zu halten. Mir fehlt aktuell ein Hobby, weiß aber nicht, was ich machen möchte. Meine Abwechslung vom Schreibtisch ist aktuell eine andere Tätigkeit am Schreibtisch oder etwas auf Netflix gucken. Das ist auch toll, aber ich würde gerne draußen ein Hobby ausüben.

Woran arbeitest du derzeit? Ich arbeite gerade für Boulder Media, ein Animationsstudio aus Irland. Leider darf ich über viele Projekte der vergangenen Jahre nicht reden, da sie noch nicht veröffentlicht wurden. Die Arbeit ist spannend, selbst wenn man das Gefühl hat, die ganze Zeit an einer Sache zu malen. Ich finde es toll, dass unterschiedlichste Bereiche eine Rolle spielen. Es gibt Tage, die ich nur damit verbringe, mir beispielsweise etwas über Meereskreaturen durchzulesen. Dadurch entsteht Abwechslung. Für das Freelancen an sich bin ich jeden Tag sehr dankbar. Eine feste Hierarchie, wo jemand einen bossmäßig klein macht, wäre nichts für mich. Da ich an mehreren Projekten arbeite, habe ich als Freelancerin das Gefühl, alles selbst unter Kontrolle zu haben und meine Seele nicht für einen Arbeitgeber zu verkaufen. Selbst in Phasen, wo ich mehr arbeite, als ich eigentlich sollte, habe ich das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Ich arbeite zu meinen Konditionen und habe das Gefühl, mehr Freiheit zu besitzen, obwohl ich so manches Mal im Endeffekt weniger Freizeit habe.

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SARAH SALIÉ Niedersachsen

Was motiviert dich? Sobald ich mich für ein Projekt entscheide, beschäftige ich mich mit dem entsprechenden Thema oder einer Story. Dann fängt es bei mir im Hirn an zu rattern und rollen, mir kommen die ersten Bilder und Ideen in den Sinn, und ich bin Feuer und Flamme für das Projekt. Man könnte sagen, gute Geschichten oder interessante Themen motivieren mich. Und die Herausforderung, besser zu werden, etwas Neues auszuprobieren, Lösungen für Umsetzungen von Ideen zu finden. Am Ende ist natürlich ein gutes Ergebnis oder ein zufriedener Auftraggeber oder positives Feedback auch eine mega gute Motivation zum Weitermachen. Das merke ich auch bei Conventions immer wieder. Wenn ich direkt Feedback von Leuten am Stand kriege oder mit anderen Künstlern ins Gespräch komme, gibt mir das einen richtigen Energieschub. Hörst du Musik beim Arbeiten? Ja klar. Manchmal höre ich einfach meine Lieblingsmusik, da ist vor allem viel Metal dabei. Letztes Jahr hab ich Gorod und Fleshgod Apocalypse rauf und runter gehört, aber auch Klassiker wie Judas Priest oder ZZ Top. Oder Soundtracks von Videospielen, das geht auch gut. Ansonsten höre ich auch oft Hörspiele oder Podcasts nebenbei (»John Sinclair«, »Gruselkabinett«, »Ohrenkneifer«, »Mindnapping«, »Die drei ???« gehen auch immer/Podcasts zuletzt viel »Creepy« und »The Ghastly Tales«).   Für wen würdest du gerne mal arbeiten? Grandios wäre es, mal im Heavy Metal Magazin drin zu sein. Es gibt auch einige Bücher, die ich zu gerne illustrieren würde (zum Beispiel die Amelia Peabody Romane, das ist eine Krimireihe, die in der viktorianischen Zeit spielt und in der die Autorin ihr Wissen als promovierte Archäologin einfließen lässt) oder ein paar Klassiker der schwarzen Romantik, die völlig bilderlos in meinem Bücherregal herumstehen. Es gibt auch viele Künstler, mit denen ich gerne mal eine Zeichen-Session machen würde, zum Beispiel David Petersen, weil er so schön analog zeichnet und man von ihm eine Menge lernen kann.  

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ARTSPECIAL: SARAH SALIÉ

aktiv seit: Kindheit Schwerpunkt: Illustration, Comic (Fantasy, Horror, historisches, Kunstobjekte wie Longboard-Decks) Web: TheArtofSarahSalie.com facebook/ Instagram: TheArtofSarahSalie/ @Theartofsarahsalie

Würdest du dein Illustrationshobby gerne zum Beruf machen? Mit der Zeichnerei Geld zu verdienen, wäre schon die Erfüllung eines Traumes. Leider ist das gar nicht so einfach. Dass der Druck, Geld zu verdienen, den Spaß auf der Strecke bleiben lässt, befürchte ich nicht so sehr. Aber dass die Motivation manchmal leidet, wenn es keine geregelte Vergütung gibt, kann ich mir schon gut vorstellen. Außerdem ist man dann in der Auswahl seiner Projekte sicher etwas strenger und man lehnt vielleicht auch mal etwas ab, was einem Spaß gemacht hätte, weil es sich finanziell nicht lohnt. Da genieße ich zur Zeit Narrenfreiheit. Arbeitest du lieber digital oder analog? Ich arbeite lieber analog. Mit der digitalen Nachbearbeitung von Zeichnungen habe ich erst im vergangenen Jahr angefangen, weil es zum Beispiel beim Coloring-Prozess von Comics enorm Kosten, Zeit und Platz auf dem Schreibtisch spart.   Tauschst du dich mit anderen Kreativen aus? Ja, das finde ich ganz wichtig und extrem hilfreich. Besonders mit Fabian Marscholik (fabian-marscholik.de), Angelina Bahr (facebook.com/Katjakaiart) und Kai Graf (hat noch keine Homepage) übers Zeichnen. Der Austausch mit anderen Künstlern ist auch einer der besten Parts bei Conventions. Da habe ich bislang fast ausschließlich gute Erfahrungen gemacht und viele großartige Künstler kennengelernt. Auch den Austausch mit Kreativen aus anderen Bereichen, zum Beispiel dem Theater oder der Musik, finde ich klasse. Ich schätze mich sehr glücklich, so viele kreative Menschen zu kennen!   Woran arbeitest du aktuell? Meistens habe ich mehrere Baustellen gleichzeitig. Zur Zeit liege ich mit dem Lackieren von einem neuen Longboard-Deck, das ich für Cadielle Longboards bemalt habe, in den letzten Zügen. Die Schichten Lack müssen immer einige Stunden aushärten, sodass sich der Prozess über ein paar Tage ziehen kann. Daneben arbeite ich an zwei Comicprojekten. Eines mit einem netten jungen Schreiberling namens Darian, das in der aktuellen Zeit spielt und eines für mein lokales Lieblingsmuseum, das von historischen Ereignissen inspiriert ist. Außerdem gibt es da noch ein Buchprojekt, das ist aber noch top secret (Wer neugierig ist: #hanghuhn suchen) ;-)


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LUISA J. PREISSLER Bielefeld

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aktiv seit: 2011 Schwerpunkt: Buchcoverillustration Web: www.luisapreissler.de Twitter: @LuisaPreissler Instagram: @luisapreissler

ARTSPECIAL: LUISA J. PREISSLER


Was inspiriert dich? Hast du Vorbilder? Ich lese gerne Fantasy-Bücher und besonders inspiriert haben mich vor vielen Jahren die Buchcover zur »Mercy Thompson« Buchreihe - gemalt von Dan Dos Santos. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mir gefällt, dass der Fokus auf der Darstellung von Figuren liegt, oft sind es Portraits mit einem starken Gesichtsausdruck und toller Beleuchtung. Besonders beeindruckt mich, dass der Künstler so realistische Bilder mit traditioneller Ölfarbe malt. Aber auch die digitalen Buchcoverillustrationen von Charlie Bowater im semirealistischenStil gefallen mir, hier sieht man noch einen leichten Manga-Einfluss. Generell sind viele Illustrationen, die man auf Karten des »Magic« Sammelkartenspiels findet, inspirierend und entsprechen höchster Qualität, allen voran die meiner Lieblings-Magic-Künstlerin Anna Steinbauer. Arbeitest du lieber analog oder digital? Und warum ist das so? Beides hat seine Vorteile, aber ich bin definitiv eine digitale Künstlerin. Mit 17 Jahren habe ich mein erstes Grafiktablett zu Weihnachten geschenkt bekommen und durch Programme wie Photoshop öffnete sich mir eine Welt des wilden Ausprobierens. Digital kann man alles rückgängig machen und man muss nicht warten bis das Bild getrocknet ist. Die Farben werden nie leer, trocknen nie ein und können beliebig verändert werden – auch wenn das Bild schon fertig gemalt ist. Zu welcher Tageszeit bist du am kreativsten? Das macht für mich keinen Unterschied. Morgens habe ich noch am meisten Elan, aber abends werde ich weniger unterbrochen. Ich warte auch nicht darauf, dass mich die Kreativität packt, das Bild muss schließlich fertig werden. Ich male am liebsten über den Tag verteilt und brauche regelmäßige Pausen, um wieder einen frischen Blick auf die Illustration zu entwickeln und Fehler zu erkennen.

Hörst du Musik beim Arbeiten? Und wenn ja, welche? Meistens nicht, lieber Podcasts oder ich schaue Sendungen. Während der Skizzen und Farbentwicklungsphase brauche ich absolute Konzentration und Stille. Danach, während des Ausformulierens, habe ich Gehirnkapazität über und höre gerne Podcasts, die sich im weitesten Sinne mit dem Illustrations-Business befassen. Oder ich »höre« Netflix (ab und zu schiele ich mit einem Auge rüber auf meinen zweiten Bildschirm). Die Sendungen dürfen aber nicht besonders anspruchsvoll sein. :) Was würdest du aus heutiger Sicht deinem Ich von vor zehn Jahren mit auf den Weg geben wollen? Dass es sich lohnt, mutiger zu sein und Dinge auszuprobieren. Es ist okay, mal über seinen Schatten zu springen und sich selber stärker zu vermarkten. Keiner reißt einem den Kopf ab, wenn man sich initiativ bewirbt oder seine Bilder online präsentiert. Nicht zu viel nachdenken. Welches deiner bisherigen Arbeiten bedeutet dir sehr viel? Tatsächlich mein aktuellstes Projekt, bei dem ich Illustrationen für meine Lieblingsautorin Ilona Andrews anfertigen durfte. Es ist definitiv ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Ich hatte zudem sehr viel kreative Freiheit und in solchen Projekten steckt dann immer besonders viel von einem selbst drin. Für wen würdest du gerne mal arbeiten? In Zukunft würde ich gerne mehr für amerikanische Fantasy-Buchverlage wie »Tor« oder »Orbit« arbeiten. Oder mal eine Magic-Karte für »Wizards of the Coast« malen. Bis dahin liegt aber noch ein Stück Arbeit vor mir und ich bin gerade glücklich, viele Buchcover für Selfpublisher zu malen.

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Machen Ausstellungen als Künstler für dich im Zeitalter von Social Media noch Sinn? Wie begründest du deine Einstellung? Teil einer Ausstellung zu sein ist sicherlich cool, allerdings ist es kein Ziel, was ich aktiv verfolge. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich Galerien hier in Deutschland für Fantasy-Illustrationen interessieren und weiterhin kommt hinzu, dass ich als digitaler Künstler keine Originale produziere. Es gibt wohl ein paar Galerien in Amerika, die diese Art von Kunst ausstellen, aber bis dahin ist es ein langer Weg und ich denke schon, dass man heutzutage über Social Media einen ebenso guten Werbe-Effekt erzielen kann. Gibst du dein Wissen irgendwie weiter (Stichwort Imagine FX)? Ich gebe seit 2018 wieder Workshops an verschiedenen Niederlassungen des SAE Intitutes und habe in der 158. Ausgabe des ImagineFX Magazines einen Workshop zum Thema »Paint dramatic Light and Shadow« erstellt, wo ich meinen Bildschirm beim Malen eines kompletten Bildes aufgenommen und einen Artikel dazu geschrieben habe. Aktuell erscheint auch ein weiteres Tutorial in selbigem Magazin. Woran arbeitest du aktuell? Aktuell arbeite ich parallel an zwei Bildern, ein Buchcover für eine amerikanische Selfpublisherin und eine zusätzliche Nachzügler-Illustration für meine Lieblingsautorin. Außerdem bereite ich mich auf einen Workshop zum Thema Portraitzeichnen vor! Updates dazu gibt es auf meinem Twitter und Instagram Account. Das Arbeiten als Illustratorin ist auf jeden Fall abwechslungsreich. :)

Buchcoverillustration für »The Society of Two Houeses« Illustration für »Zhor« Coverillustration für das Jugendbuch »Paradiesfluch«

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ARTSPECIAL: LUISA J. PREISSLER


instagram: @dplxr

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SKETCHBOOK EXCLUSIVE

@DROSTE

@CARLO

@SOMETAME

@KapoTSC

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ARTSPECIAL: EINSENDUNGEN

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@pubnpaper


@THE_BOONBAP

@ILLYONKAS

@DER_ERPEL_105

@DIE_Janine

@JEANETTE_VOL

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ARTSPECIAL: EINSENDUNGEN


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RAP ALBINO & MAD CAP aka PLAN 88 - 88 IS GREAT Vor einiger Zeit stellte Falk Schacht in seinem wöchentlichen Podcast mit Jule Wasabi fest, dass es eine Zeit gab, in der Rap sehr viel politischer war. Das sei momentan einfach nicht die Richtung, die sich gut verkaufen ließe. Als im April Farid Bang und Kollegah von der breiten Masse für ihre politisch unkorrekten Texte kritisiert wurden, gaben so einige öffentlich ihren Senf dazu. Im Gegensatz zu Carmen Geis kennt sich der Rapper und Produzent Mad Cap, der zu dem Fall in der »WDR OWL Lokalzeit« befragt wurde, mit der Materie wenigstens aus. Im August hat der Bielefelder mit Albino unter dem Namen Plan 88 das hochpolitische Album »88 is great« aus 2008 re-released – passenderweise am 8.8. Der Titel des Albums weckt wohl bewusst falsche Assoziationen. Beim Hören der CD oder Lesen des sechzehnseitigen Booklets zeigt sich, dass unter anderem über rechte Symboliken aufgeklärt wird. Albino und Mad Cap machen hier deutlich, worum es ihnen mit ihrer Idee des Plan 88 geht: Die »88« als Symbolik wird abgelöst durch eine kreative, positive und lebensbejahende Kraft: HipHop! Auch wenn die Schwere des Themas sehr ernst umgesetzt wurde und dadurch musikalisch wohl nicht die breite Masse erreicht wird, ist es schön, dass manche Künstler noch die Eier haben, solche Themen offen anzupacken. Ab sofort ist das Werk auf allen digitalen Kanälen zu hören. Der aktuelle Song »We don´t learn« steht als Gratis Download, Video und Bonustrack auf dem digitalen Album zur Verfügung. (pr/aw)

ACO MC – FINDE DEINEN BEAT »Finde deinen Beat« ist die dritte EP der Bielefelder Rapperin Aco MC. Der gleichnamige Opener appelliert, auf seinen eigenen, inneren Rhythmus zu hören. In fünf weiteren Songs thematisiert Aco MC weitere Schritte dieses Prozesses in teilweise ernster, andererseits auch in sehr humorvoller Weise. Neben ihrem Featuregast IZDW aus Münster arbeitet sie außerdem mit den DJs Cut Spencer (Paderborn), DJ Robert Smith (Berlin) und Mosayk (Bielefeld) zusammen. Wie auch bei den vergangenen Veröffentlichungen hat Mosayk den Löwenanteil übernommen und ist für die gesamte Produktion verantwortlich. Die CD gibt es auf allen Konzerten. Ein kostenloser Download der Tracks ist über Bandcamp möglich. Mein Anspieltipp ist »Kaffeeknopf«, der als Track auch auf dem Soundz of the City Sampler 2018 vertreten ist. Aco MC überzeugt auf ganzer Linie dank ihrer lockeren, direkten Art. Nach drei EPs ist es höchste Zeit für ein Album. Einige werden es vielleicht schon bemerkt haben, aber 2018 ist definitiv das Jahr von Aco. Neben dem Release absolvierte sie Auftritte auf dem Campus Festival Bielefeld, auf dem Juicy Beats, auf dem Blend Festival Frankfurt, beim Umsonst & Draußen in Veltheim und war Support für Culcha Candela. (pr/aw; Foto: © Jamie Lee Ann Fischer)

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MUSIK: RAP


LEMUR - DIE HERRSCHAFT DER KAKERLAKE

Die Kakerlake. Sie überlebt sie alle. Die Dinosaurier. Die Mammuts. Die Chinesischen Flussdelfine. Die Menschen. Mit seiner neuen EP »Die Herrschaft der Kakerlaken« entführt Lemur seine Hörer in die Abgründe dieser Welt – in die vielen kleinen Ritzen, Spalten und tiefen Löcher, die wir zu gern übersehen, dorthin, wo Angst und Ekel zu Hause sind. Nach seinem 2017 veröffentlichten Solo-Album »Die Rache der Tiere« sind nun die Kakerlaken an der Macht. Düstere Biester beherrschen die Erde, sie überleben radioaktive Strahlung, werden in schlechten Zeiten zu Kannibalen und können sogar völlig kopflos über eine Woche überleben. »Die Herrschaft der Kakerlaken« ist ein Abgesang auf die Welt – dystopisch, tief sarkastisch und doch mit einem Blick auf den Zauber in allen Dingen, so hässlich sie auch sein mögen. Denn schließlich hat doch alles ein Lied verdient. Mit »Everything deserves a song«, dem Gedicht des irischen Poeten David Ryan, eröffnet die fünf Songs starke EP ihren düsteren Reigen. Nach der Ouvertüre »Alles hat ein Lied verdient« seziert Lemur all jene Dinge, die der Abfall der Menschheit so hervorbringt, fröhlich weiter: Von Gentrifizierungswahnsinn und großstädtischer Oberflächlichkeit (»Späne«) über persönliche Krisenherde (»Katastrophen«) und globale Endzeitszenarien (»Die Herrschaft der Kakerlaken«) bis hin zu illustren Verschwörungstheorien (»Chemtrails«) bekommt auf seiner neuen EP wirklich alles ein Lied. »Ich hatte Lust, mal ausschließlich in der Finsternis fischen zu gehen und zu schauen, ob ich dort etwas an den Haken

bekomme, das eine spannende Geschichte birgt. Die Arbeit an der EP war ein bisschen wie eine aufregende Expedition ins Abseits für mich«, beschreibt der Rapper den Songwriting-Prozess. Die Texte entstehen größtenteils auf Wanderungen innerhalb und außerhalb Berlins, werden von Lemur live ins Handy eingesprochen. Der musikalische Unterbau folgt im heimischen Studio. Hier verbarrikadiert sich der selbsternannte Feuchtnasenaffe mehrere Monate lang bei zum Teil tropischen Temperaturen und gerät in einen regelrechten Strudel der Experimentierfreude: »Ich habe das Gefühl, eine Art Metamorphose durchlaufen zu haben, und Musik nun mit ganz neuen Augen zu sehen, wie ein Kind, das sich über die unendlich vielen Möglichkeiten freut, auf dieser Welt Dinge zu veranstalten.« Als Grundgerüst der Beats sowie zur Untermalung von Hauptmelodien und Samples arbeitet Lemur ausschließlich mit dem Einsatz seiner Stimme. Durch Beat­ boxing und Chöre, die er selbst mit mehrfach verstellten Stimmen einsingt, entwickelt der Wahlberliner sein eigenes Soundkonzept, das er unter anderem durch ein Akkordeon ergänzt. Für den Song »Katatrophen« holt sich Lemur zudem das musikalische Universalgenie Jonathan Walter ins Studio. Das Ergebnis sind ein im deutschen HipHop einmaliger Detailreichtum, der mehr nach postapokalyptischer Filmmusik klingt als nach Rap-Beats, sowie ein perfekt ineinandergreifendes Zusammenspiel von Musik und Text. (pr/Mona Lina)

SOK – ALBUM OHNE TITEL Songwriter SoK – Sänger ohne Künstlername – veröffentlichte diesen Sommer sein Debüt »Album ohne Titel«. Unter den neun Anspielstationen befinden sich Tracks wie »Cooler Musiker«, »Bielefeld« oder »Gewalt kann eine Lösung sein«. Seine Texte sind ehrlich, direkt, verträumt, humorvoll und gesellschaftskritisch. SoK nimmt sich selbst nie zu wichtig. Ein besonderes Highlight ist die Zusammenarbeit mit Tokin One und Aco MC – hier wird eine Brücke zur Rap-Musik geschlagen, die das Album künstlerisch abrundet. Instrumentell begleitet werden Gesang und Gitarre teilweise mit Klavier, klassischen Streichern oder zusätzlichen Bässen von Produzent MadCap. Das Artwork stammt von Syck. (pr/aw; Foto: © Marko Heinze)

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MOH the SHOW Bielefeld

Genre: Rap/HipHop Web: instagram @mohtheshow facebook.com/Mohtheshow

Ein trüber Sonntagnachmittag Ende August in der Bielefelder Innenstadt. Auf dem Terminplan steht eine Pre-Listening Session im Heimstudio von Moh Kanim. Vorab brachte ich wenig über ihn in Erfahrung. Er gehört nicht zu den Leuten, die pausenlos auf allen verfügbaren Kanälen verkünden, was sie gerade so treiben. Bislang kenne ich ihn hauptsächlich als Fashion Modell und als Moderatoren des Kanal 21 Live Stream Formats Beatpole. Soviel vorweg: Mein durchweg positiver erster Eindruck von Moh als Künstler und Privatperson wurde dank seiner knapp zweistündigen Präsentation ins Unendliche gesteigert.

FAMILIE

»Meine Mutter hat mich von klein auf bei öffentlichen Auftritten unterstützt. Ich war immer die Person, die etwas machen wollte. Ich entwickelte viele Programme für Sport, HipHop, Musik und Tanz.« Moh ging im Sudan zur Schule. Er interessierte sich für Sprachen, folglich studierte er Deutsch, Englisch und Arabisch. Mittlerweile ist er dabei, sich in Bielefeld einen Namen zu machen und sammelt mehr und mehr Erfahrung auf der Bühne, wie zum Beispiel beim diesjährigen NRW Street-Basketball Turnier. So half er bei der Organisation und gestaltete dessen Rahmenprogramm, welches neben seinem Auftritt auch Tanzaufführungen und einen Graffiti Workshop anbot. In Jugendzentren ist er als ehrenamtlicher Mitarbeiter tätig, wo er Kinder und Jugendliche betreut. Sein Angebot wird gut angenommen. Er macht mit den Teilnehmern Musik und setzt Tonaufnahmen um. Dabei geht es nicht ausschließlich um HipHop. Zuletzt wurde ein Radio-Podcast aufgezeichnet, um den Kindern die Scheu vor einem Tonstudio zu nehmen. In der Pre-Listening Session erwartet mich eine perfekt vorbereitete Playlist, die sein musikalisches Schaffen chronologisch wiedergibt. Das erste Projekt »Miss me« hatte er einst aus den Augen verloren. Der präsentierte Track hat keine Hook und ist ein bisschen unkonventionell. Damals komponierte er noch auf dem Keyboard und ging anschließend ins Tonstudio. Moh vereint gerne die harte und die weiche Seite des HipHop. Gerne würde er stärker in die R’n’B Richtung gehen, allerdings sei seine Stimme dafür viel zu tief.

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MUSIK: MOH THE SHOW

»Ich schreibe von klein auf gerne Texte. Mit meinem Bruder schrieb ich Poems. Der eine brachte den Text des anderen zu Ende. Unsere Mutter ermunterte mich zum Schreiben. Mein erster Auftritt war zuhause. Alle versammelten sich, und ich trug mein Gedicht vor. Seitdem schreibe ich regelmäßig. Musik machte ich immer nur zum Spaß. Ich dachte nie daran, etwas zu veröffentlichen.«

FRANCIS

In der Anfangsphase von Beatpole fing Moh selbst mit dem Bauen von Beats an, da er noch niemanden kannte, mit dem er musikalisch harmonieren und gemeinsam Projekte umsetzen konnte. Zur gleichen Zeit lernte er den New-Yorker Musiker Francis Cagle kennen. Sie traten bereits gemeinsam bei Beatpole, Electric Ulmenwall und anderen Veranstaltungen auf, produzierten Songs zusammen und arbeiteten gemeinsam an diversen Projekten. Francis’ East-coast-Rapstyle in Abwechslung mit Mohs tiefem Tiembre bieten interessante Variationen des Raps. Zudem mischt Moh auch öfter mal einen arabischen Vers zwischen die englischen Texte, was beim Publikum sehr gut ankommt. Damit hatte Moh anfangs nicht gerechnet. Die Sprache trifft den Hörer unerwartet. Einige dieser Songs erscheinen demnächst als kleine EP von Francis. Parallel nimmt dieser sein eigenes Album auf. »Francis und ich harmonieren auf der Bühne, haben aber andere Ansichten hinsichtlich dem Beatmaking. Das macht das Ganze interessant. Wären wir gleich, hätten wir keinen guten Austausch. Wir generieren unterschiedliche Sounds.«


Š Fotosstrecke von @ronja_falkenbach mit Fashiondesign von @mr. Vernie

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MOH

LINDNER

Als nächstes darf ich in ungemasterte, aber bereits sehr wohlklingende Tracks des Albums »Bipolar« reinhören. Vor ungefähr zwei Jahren lernte Moh über die Musik den Indie R’n’B-Artist Lindner kennen. Er stammt ursprünglich aus Leipzig, absolvierte seinen Bachelor Abschluss der Popmusik in Paderborn und lebt mittlerweile in Bielefeld. Moh findet es cool, dass momentan jeder in seinem Freundeskreis so produktiv ist. Das inspiriert ihn. »Wir arbeiteten zusammen, unterstützen uns gegenseitig und fragen den anderen um Rat.« »Bipolar« ist das bald veröffentlichte zweite Album von Lindner. Es vereint Fröhlichkeit mit Tiefe, In­ trovertiertheit und Extrovertiertheit. Zwei weitere Freunde aus seiner Studienzeit arbeiteten daran mit. Die Beats produzierte Lindner selbst. Es folgen zwei Lieder mit Features von Moh und Francis. Nachdem sie ihre Parts eingerappt beziehungsweise eingesungen hatten, waren sie von den fertigen Aufnahmen ein paar Monate später super geflasht. »F.M.L.«, die Abkürzung für Francis Moh Lindner, ist ein zusätzliches gemeinsames Projekt, das in der Pipeline steckt.

TENSION

Ein weiterer musikalischer Weggefährte ist Tension. Er ist Mitglied des Techno-Labels Nulectric, arbeitet als DJ und ist für Moh technisch gesehen einer der besten Producer in Ostwestfalen. Mit ihm zu arbeiten, gibt ihm unglaublich viel. Dank ihm ist ein weiteres Album in Planung. Bei einer Jam pickten sie gemeinsam 14 Beats. Dabei habe er quasi sein HipHop Alter Ego aufgeweckt.

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MUSIK: MOH THE SHOW

Die Lieder der bald erscheinenden EP mit dem Arbeitstitel »Frankenstein« schrieb Moh vor längerer Zeit. »Die Tracks und besonders die Texte haben einen sehr künstlerischen Wert für mich. Ich möchte sie loswerden, bevor das große Album kommt, weil sie thematisch quasi als Überleitung dienen.« Für diese EP bediente er sich ausschließlich an Francis’ Beats. Er pickte innerhalb von zwei Stunden seine Favoriten und passte die Texte an. Gelegentlich baute er Spoken Words ein. »Mohtheshow-Style steht für meine Selbstfindungsphase. Ab dem Album werde ich mit meinem zweiten Vornamen, Moh Kanim, auftreten. Dadurch werde ich mehr Diversität hineinbringen.« Die EP ist musikalisch mit seinem Album verbunden und kann in einer Reihe gehört werden. Seit Oktober 2017 arbeitet Moh am Album »Mistakes«. Bei der Produktion wurden bewusst »Fehler« hingenommen. Sie sind Teil des Konzepts. Die ursprünglich 20 Tracks reduzierte er auf 14. Er hat viel selbst komponiert. Freunden spielte er Beats vor und fragte, ob sie musikalisch etwas beisteuern möchten. Dadurch ergab sich eine ganze Reihe Features. Ein Bekannter vom Theater steuerte für einen Track eine Art Mumble Rap bei. Sein Freund Toto spielte Gitarre. Rosario, eine Musikerin aus Chile, spielte Geige. Die internationalen Freundschaften haben seinen kulturellen Horizont erweitert. Er baute sogar eine arabische Sprachnachricht seiner Mutter ein. Im Anschlusstrack folgt ein Sample einer Sängerin aus den USA, die er dank Francis auf YouTube entdeckte und die sudanesische Volkslieder singt. Bei der Arbeit im Jugendzentrum traf er wiederum im Tonstudio auf einen Typ, dessen ebenfalls tiefe Stimme zu seinem Beat passte. Er bat ihn vor Ort um einige Aufnahmen, und nun ist auch er auf seinem Album vertreten.


Bei einem weiteren Track nutzte Moh als Sample Beethovens Mondscheinsonate. Das Defizit des Notenlesens gleichte er dabei mit viel Rechenarbeit aus, um das Sample an den Song anzupassen. Es war eine Herausforderung, die eigene Stimme zu bearbeiten und aufzunehmen, da Moh sie nicht objektiv betrachten konnte. Unterstützung gab es von Lindner, da er sich dank seines Studiums besser auskennt und sein Equipment qualitativ hochwertiger ist. Sie trafen sich einmal pro Woche, vereinbarten offizielle Termine, da eine gewisse Form der Professionalität dem Produktionsprozess half. Das Konzept des Albums/Films bezieht sich auf die Nacht. Die Titel heißen ausgehend von seinem Künstlernamen Mohtheshow »Mohthepain«, »Mohtheflow«, ... Das habe sich irgendwie so ergeben. Jeder Track erhält sein eigenes Cover. Die Zusammenarbeit mit dem Studiengang Mode hat Moh dabei stark inspiriert. Zum Album erscheint ein circa 20 Minuten langes Shortmovie, das von ihm geskriptet wurde. Zu jedem Track kommt eine Filmsequenz in enger Verbindung mit dem Modebereich der FH. Der Film werde sehr abstrakt, da die Filminhalte konträr zu den Songtexten seien, die viele versteckte Botschaften enthalten.

NINA

Selbst einen Krankenhaus-Aufenthalt nutzte Moh, um an neuer Musik zu arbeiten. So verarbeitete er beispielsweise das Piepen des EKGs. Es entstand eine Art Konzeptalbum, zweigeteilt in jeweils acht Beats. Die Hälfte »Nature« ist – wie der Name schon suggeriert – von der Natur inspiriert. So gibt es beispielsweise einen Track, der akustisch an auftreffende Wassertropfen erinnert. Die andere Hälfte, »Destroy«, klingt eher technisch und industriell. Moh wollte den Leuten nicht wie üblich mit Texten, die zu mehr Umweltschutz ermahnen, auf die Nerven gehen. Als ein Sample von Nina Simones »Strange Fruit« zu hören ist, erwähnt er, dass er es sehr traurig findet, dass ihre Karriere mit ihrer Courage endete. Sie setzte sich in ihren Liedern für die Black Community ein, brachte soziale Ungerechtigkeit zur Sprache, teilweise sehr aggressiv.

Das fanden die Hörer leider nervig. Bei seinem Projekt habe er viel in Sachen Soundbearbeitung gelernt. Der Krankenhausaufenthalt motivierte ihn, mit der Musik weiterzumachen und fokussiert zu bleiben. »Das ist meine kleine künstlerische Welt momentan. Ich wollte nichts machen, was es schon gibt. Das war schwierig. Ich bin gespannt, wie es ankommen wird.« Künftig möchte Moh auch als Songwriter und Producer für andere arbeiten. Es liegt ihm am Herzen, Kunst in alle Richtungen zu unterstützen. Noch nie wurde mir im Rahmen von fankyzine so gut ein umfassendes Bild vom künstlerischen Schaffen eines Musikers vermittelt. Die Fülle all seiner Projekte hat mich ziemlich beeindruckt. Zudem nahm sich Moh die Zeit, auch für seine Weggefährten ordentlich die Werbetrommel zu rühren. Er ist unglaublich talentiert, arbeitet mit Hingabe an seiner Musik und ist obendrein ein unheimlich angenehmer Zeitgenosse. Moh ist definitiv ein Künstler, den man in jeder Hinsicht im Auge behalten sollte.

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DAVID JASPXR Bielefeld

Genre: Rap, Musikproduzent Web: Instagram @davidjaspxr 3hundertx.de

Interview am 16. Oktober 2018 im Milestones, Bielefeld

Wie sieht dein musikalischer Background aus? Zur Musik kam ich dank meines Vaters. Als ich 2 1/2 Jahre alt war, spielte er mir ein endloses, sphärisches Intro von Pink Floyd vor. Viel zu laut für ein kleines Kind, aber ansonsten sehr geil. Er feierte es richtig ab. Heute habe ich den Eindruck, dass dieser Moment dafür ausschlaggebend war, dass ich Kinderlieder nie mochte. Mich prägten Musiker wie Bruce Spring­steen und die Rolling Stones. Ursprünglich wollte ich Drummer werden, doch meine Eltern befürchteten, dass ich das nicht durchziehe und dass es dadurch Zuhause viel zu laut wird. Deswegen fing ich mit sieben Jahren an, Gitarrenunterricht zu nehmen. Ich spielte eine Zeit lang in einer Schülerband, die eher in den Tocotronic Bereich ging und mit der ich bereits bezahlte Auftritte hatte. Es war eigentlich eine ganz schöne Zeit, aber wie das mit 16 so ist, bricht hier und da ein bisschen was auseinander. Als sich die Band auflöste, hörte ich auch mit dem Gitarrenunterricht auf. Mit 13 fing ich mit dem Skateboard-Fahren an. Dadurch stieg ich in die Graffiti- und HipHop-Kultur ein. Ich sprühte selbst lange Zeit, male noch immer Bilder und war neulich an der Hall of Fame, was ich seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht hatte. Ich habe an der Kultur nach wie vor ein großes Interesse.

»DADURCH STIEG ICH IN DIE GRAFFITI- UND HIPHOP-KULTUR EIN.«

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MUSIK: DAVID JASPXR

Wie ging es damals für dich weiter? Die Band Rage Against The Machine bildete musikalisch meinen Übergang zum Rap, gefolgt von Limp Bizkit und dann schlug bei mir Dr. Dre mit »Still D.R.E.« wie eine Bombe ein. Das ist immer noch einer meiner Lieblingsklassiker. Ich habe stets viel geschrieben, gehört, selbst komponiert und von anderen Musikern gelernt. Mit Tonmeister-Studenten aus Detmold, Jazzmusikern und einem kubanischen Sänger arbeitete ich an diversen Projekten. Hier und da gab es kleinere Pläne, die aber wieder einschliefen, weil nicht ausreichend Drive dahinter steckte. Bei Kollektiven fehlt mir oft der Fokus. Die anfängliche Begeisterung verpufft relativ schnell. Wenn sich das ändern und entsprechende Leute finden würden, wäre es großartig. Ich muss einfach mehr hausieren gehen. Meine Musik steht ganz am Anfang, und mit Marketing habe ich es nicht so. Die Alben zu erstellen und einen kreativen roten Faden zu spinnen, ist eher mein Gebiet. Produzierst du nur für dich oder auch für Andere? Im Moment arbeite ich nur für mich. Ich verkaufe noch keine Beats. Der Markt ist natürlich sehr groß. Es gibt Leute, die gerne Beats umsonst haben möchten, doch das ist dann wieder so eine Sache. Ich wäre eher bereit, mit ihnen einen Kollabo-Track zu machen: Ich bringe den Beat mit, jeder rappt einen Part, auf der anderen Seite wird das Mixing und Mastering übernommen. Dann ist das eine Win-Win-Situation, die passt. Dazu ist es noch nicht gekommen, aber ich bin generell offen für Kooperationen.


© Sue Schwieger

Welches Album hast du dir zuletzt gekauft? Ich nutze Spotify, daher kaufe ich relativ selten Alben. Zuletzt hörte ich mir ein Jazz-Album von Am­ brose Akinmusire an, einem amerikanischen Trompeter. Ich höre generell sehr gerne Jazz und Rap. Trittst du auch auf oder ist das nicht so deins? Ich würde gerne auftreten, habe mich aber bislang noch nicht darum gekümmert. Das ist auf jeden Fall etwas, das ich ändern möchte, um meine Musik stärker zu verbreiten. Manchmal habe ich Schwierigkeiten damit, mich in den Vordergrund zu drängen. Ohne das geht es allerdings nicht. Da muss ich noch ein bisschen an mir selbst wachsen. Beim BeatBuffet im Bunker wäre vielleicht eine gute Gelegenheit? Neulich war ich zum ersten Mal dort, um mir das anzugucken. Ich erfuhr erst via Instagram von der Veranstaltung. Es herrschte eine lockere, offene und sehr entspannte Atmosphäre. Der nächste Termin ist am 7. Dezember. Vielleicht wird das meine Premiere am Open Mic. Im privaten Rahmen gab ich als Rapper vor zwei Jahren an meinem Geburtstag mit einem Kumpel ein Konzert. Ich lud Freunde ein, und wir trugen 17 Tracks vor. Das war ein schöner Abend, an dem ich viel positives Feedback bekam.

Würdest du gerne mal an einem bestimmten Ort auftreten? Ein Ziel wären natürlich die Festivals der Umgebung. Im Moment kann ich davon nur träumen, weil mich einfach keiner kennt. Mal sehen, wie sich das ändert und wer mich dann bucht. Ohne die Bühne fehlt dir doch auch das direkte Feedback der Zuhörer oder? Natürlich. All die Emotionen und die Arbeit, die in meiner Musik stecken, würden in dem Moment stärker rüberkommen. Das kenne ich von mir selbst, wenn ich Musik nur nebenher laufen lasse und mich nicht intensiv mit ihr auseinandersetze. Qualität hin oder her: Letzten Endes sind die subjektive Wahrnehmung und der Geschmack das Ausschlaggebende. Ob man versteht, was derjenige sagt, und ob man einen persönlichen Bezug zu den Texten aufbauen kann, ist natürlich auch immer die Frage.

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Kommen wir zu »Das Refugium«: Wie lange hast du an deinem Debütalbum gearbeitet? Etwa ein Jahr. Viele Künstler veröffentlichen zunächst einen einzelnen Song oder eine EP. Warum hast du dir gleich ein ganzes Album vorgenommen? Ich habe meistens Ideen für komplette Alben mit Geschichten, die ich erzählen möchte. Das passiert mir eher, als dass ich mir nur einen Track ausdenke. Ich höre auch sehr gerne Konzeptalben von anderen Musikern. Im Endeffekt schrieb ich schon vier bis fünf Alben. Ein paar habe ich noch auf CD, andere liegen mir nicht mehr vor, da ich damals die Möglichkeiten und finanziellen Mittel für eine Aufnahme nicht hatte. Vor der Veröffentlichung von »Das Refugium« wollte ich ursprünglich mit einem sehr guten Freund zusammen ein Album umsetzen. Das wurde aber aus Zeitgründen verschoben. So kam die Idee für das Soloprojekt. »Das Refugium« gibt es nur digital. Aus Kostengründen oder weil du in Tonträgern keinen Sinn mehr siehst? Beides trifft irgendwie zu. Dennoch liebe ich Platten und den Flair, die Muße, die ich mit ihnen verbinde. Derzeit besitze ich allerdings noch keinen Plattenspieler – ändert sich aber sicher nochmal. Ich produziere also ausschließlich digital. Daher liegt mein Fokus nicht auf dem physischen Träger. Der Kostenfaktor spielt da natürlich auch rein. Ich habe generell den Eindruck, dass du als Musiker viel selbst umsetzt. Bis auf das Mischen und Mastern stimmt das, aber den Teil will ich irgendwann auch noch übernehmen. Die Akustik in dem Raum, wo ich aufnehme, ist dafür aktuell nicht gut genug. Ich habe da noch nichts eingemessen und muss auch weiter an meinen Mixingskills arbeiten. Vor allem daran, dass es überall gut klingt und nicht nur bei mir zuhause. Die externe Zuarbeit war dementsprechend natürlich der größte Kostenfaktor des Albums.

»Das Refugium« startet inhaltlich vor der Geburt und endet nach dem Tod. Hast du es auch in dieser Reihenfolge geschrieben? Ursprünglich habe ich es so geplant. Der erste Track »Sie liebt es«, der ein bisschen poppiger klingt als die anderen Titel, wurde nachträglich überarbeitet. Der Song spielt vor der Geburt und behandelt eine Kennenlern-Story. Vorher hatte er eine herzschlagartige Percussion, damit man sich in die Perspektive des Embryos versetzt fühlt. Ich versetze mich sehr gerne in andere Perspektiven, da ich selbst viel erlebt habe und mich somit in ein anderes Ich von früher hineinversetzen kann. Zudem habe ich Freunde, die intensive Zeiten hinter sich haben. Auf dem Album spreche ich aber tatsächlich eher in der dritten Person. Für die zwölf Tracks habe ich bestimmt 25 Beats gebaut und an 18 Texten gearbeitet. Ich überlegte, was alle Menschen irgendwie verbindet. Welche Stationen und Gefühle kennt jeder? Diese habe ich dann aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Bei »Amen« geht es darum, dass jeder auf seine Art mit oder gegen die Religion sozialisiert wird. Da kommt die Perspektive des Priesters zum Tragen. In der zweiten Strophe ist es die Perspektive des Atheisten, der behauptet, dass nur Geld die Welt regiere und somit die Religion in Frage stellt. Die dritte Perspektive ist die Religion selbst, die sich darüber beschwert, dass sie als Grund für Kriege verwendet wird. Da kommt das »PX« aus meinem Namen als Abkürzung für das lateinische Wort Pax zum Tragen. Peace ist meine Message: Lasst uns nicht einander die Köpfe einschlagen wegen dem, was wir glauben. Der dritte Track »Ich laufe« dreht sich um die Hoffnung. Ein kleiner Junge haut wegen häuslicher Gewalt von zuhause ab. Der Song ist glücklicherweise nicht autobiografisch. Der Junge muss sich entscheiden, ob er voller Hoffnung oder voller Verzweiflung ist, wenn er obdachlos auf der Straße landet. Der vierte Track »Angst« ist sehr persönlich. Ich spreche sie direkt an und rede mit ihr, beispielsweise »Du bist von innen nur hohl, ein Funken Wahrheit aufgebauscht«. Dann kommt das Thema Wut bei »Zwischen Schatten und Licht« dran.Wut kann Angst im Vorwärtsgang sein. Dieses Gefühl kennt bestimmt jeder. In dem Track gibt es auch mehrere Perspektiven darauf. Dankbarkeit ist dann das zentrale Thema bei »Wie im Paradies«.

DAVID JASPXR - DAS REFUGIUM 152

MUSIK: DAVID JASPXR


© Sue Schwieger

Ich finde, ohne Dankbarkeit verliert man sehr schnell – beerdige. Im letzten Track »Mon Frère« agiere den Blick für das Wesentliche, vermutlich auch die ich erneut aus der Ich-Perspektive als Leben, das Zufriedenheit. Darauf kommt ein großer Batzen über zum Lebenden spricht. Über die Textinterpretaden Struggle um Kohle.»Für die Dollars« bringt das tionen des Albums alleine könnte ich vermutlich auf den Punkt, bevor in »Daumen und Zeigefinger« zwei Stunden lang sprechen. Ich glaube, dass das alles ein Ende findet und schließlich mit den letzten Album nur Wenige verstehen. Vielleicht breche ich drei Tracks beleuchtet wird. Der Track »Chamäleon«, auf meiner Webseite noch jeden einzelnen Track vor »Für die Dollars«, handelt von der Anerkennung runter. Ich sprach mal allein zwanzig Minuten über und davon, was man alles macht, um sie zu bekom- den ersten Teil von »Wie im Paradies«, weil man men – bald gibt es dazu auch ein Video. sonst gar nicht merkt, wie viel in den einzelnen Wörtern steckt, die ich aneinander reihe. Es ist schade, Tauchst du endlich selbst im Video auf? In den wenn das untergeht. Vorgängern warst du nicht zu sehen. Ja, weil ich diesmal einen Freund beim Dreh mitnehWie sehen deine nächsten Pläne aus? me und auch, weil »Chamäleon« aus meiner Pers- Es stehen eine ganze Menge Projekte an. So werpektive geschrieben ist. de ich eine eigene EP veröffentlichen, die einen anderen Fokus als das aktuelle Album haben wird. Es wäre jedenfalls cool, dich mal in Aktion zu Sie umfasst sehr wahrscheinlich sechs Tracks und erleben. Gerade Rapper posieren doch sehr viel. konzentriert sich auf die entspannte SonnenseiSchon, aber ich bin da eben etwas anders als die te des Lebens. Ich finde, das gibt es im Rap noch Anderen. Um die Message des Songs zu verdeutli- etwas zu selten, nur bei den Cloud Rappern vielchen, werde ich im »Chamäleon« Video wahrschein- leicht. Irgendwann mache ich mit dem besagten lich verschiedene Kostüme tragen. Man kann auch Freund das bereits begonnene Album zu Ende. Er mit Schauspielern eine gute Story erzählen. Ich lege spielt Klavier, dadurch werden die Instrumentals es wirklich nicht darauf an, ungesehen zu bleiben. abwechslungsreicher und ausgefuchster werden Aber ich bin auch kein Selfie-King und selten zufrie- als auf »Das Refugium«. Er ist auf jeden Fall der den mit Aufnahmen. Auf dem Album geht es außer- bessere Komponist von uns beiden. Inhaltlich wird dem nicht ausschließlich um mich, sondern um eine es sehr persönlich und auch emotional. Ich erzähle Gesamtgeschichte. Das ist der Hintergrund, warum Geschichten von mir oder von Freunden, die sehr man mich nicht sieht. Der andere Grund ist natürlich, intensiv geraten sind. Außerdem habe ich Bock, dass ich viel alleine umsetze. Bei »Für die Dollars« ein jazzlastiges HipHop Kollektiv aufzubauen. Rap filme ich mit einer Action Cam auf dem Kopf (lacht). ist so extrem vielseitig, dass ich die verschiedenen Ich renne durch den Wald und vergrabe Geld und Facetten ausnutzen möchte. Durch zwei Alben von Schmuck, die ich unter einem CREAM-Kreuz – als Kendrick Lamar wurde der Wunsch in mir, HipHop WuTang-Zitat »Cash rules everything around me« und Jazz zu verbinden, noch stärker. Das gefällt mir einfach sehr gut.

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RAP JOHNNY KATHARSIS & ZENIT – EISEN Der Leipziger Rapper und der Berliner Produzent liefern mit ihrem Album »Eisen« den ersten Teil ihrer Zusammenarbeit. Das Material kommt auf freshem Tape und mit grandiosem Artwork, treff­sicheren Texten und kolossal produzierten Beats. Dazu gesellen sich Interludes aus der Beat-Schmiede von pawcut aus Minden. Als Feature-Gäste finden sich alte Bekannte wie Gossenboss mit Zett, DJ Access, Mase, Pseudo Slang, Melodic und Hektik auf den 48 Minuten Spielzeit ein. Das Cover-Artwork stammt vom Bielefelder Inside A Ginger/Cornelius Grunt. Lettering/Druck übernahm wie gewohnt Hr. Pixel von WeTakeMoney. Das Album gibt es überall digital zum Download, als Stream und kann auch als limitiertes Tape für das Deck erworben werden. (pr; Foto © Alena Sternberg)

DENKA ONE – BRANDALARM Vier Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Solo-Albums »Denkzettel« meldet sich Denka One mit »Brandalarm« zurück und gibt einen F*#ck auf aktuelle Deutschrap Trends. Der Bielefelder MC und Wahl-Berliner bleibt dem Oldschool HipHop treu und reißt mit seinen Lines und heftigen Beats in neun Tracks alles nieder, was ihm über den Weg läuft. Schwer bei so vielen starken Titeln einen Favoriten zu finden. Bei der Namensgebung springt einem natürlich der Track »Mila Superstar« ins Auge. Die Manga-Reihe hat wohl nicht nur bei dem Mindener Rap-Duo zero/zero bleibenden Eindruck hinterlassen (vgl. zero/zero Podcast Folge 1). Fett wie die Tracks ist auch das Cover Artwork von Dete62. Insgesamt kann ich das Album einfach nur weiterempfehlen. Seit Oktober ist »Brandalarm« auf allen gängigen Streaming Plattformen erhältlich. (aw)

TRAUMA – DIE KUNST ZU LEBEN Nach dem Ende von Stress & Trauma gehen die beiden Rapper zwar getrennte Wege, sind aber der Musik treu geblieben. Den Alleingang von Trauma kann man ab sofort auf allen gängigen Streaming Plattformen und via Bandcamp als Vinyl beziehen. Das Solodebüt »Die Kunst zu leben« umfasst zwölf Tracks und ist genau das Richtige für Hörer, die Wert auf tiefergehenden Rap legen. Zudem ist die Platte ziemlich fantastisch produziert. Drei Viertel der Beats stammen von HipHop Produzent Brisk Fingaz aus Hannover, der Rest von dem Mindener Produzenten-Duo Hitnapperz. Feature-Gäste sind der Rapper Donato aus Dortmund und Germany von Italo Reno & Germany. Mein Anspieltipp des Konzeptalbums ist definitiv »Gib ’n Schluck«, der erfrischend anders ist. (aw; Foto: © Artur Wiens)

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MUSIK: RAP


SKING OF RAP

Ist Sking ein rappender Clown? Ein Komiker? Ein Verrückter auf der Flucht? Ein Vagabund abseits aller gesellschaftlichen Normen? Diese Fragen hätte man noch nicht beantworten können. Wahrscheinlich ist es dem Meister der Selbstdarstellung selber nicht ganz klar. Er vergisst die Vergangenheit und plant nicht für die Zukunft. Zum Glück hat er zwei Brüder. Das Trio ergänzt sich sehr gut und gemeinsam vereinen sie alle Eigenschaften, um in der Musikantustrie eine erfolgreiche Karriere aufzubauen. Im Sommer 2018 wurden 15 eigens produzierte Folgen des Kurzfilms »Rap de Varieté« auf YouTube veröffentlicht. Die Geschichte um die drei Brüder Sking (Rapper), Tony Eskay (Moderator und Produzent) und Felix Van (Coach und Ghostwriter), welche in einer fantasievollen Parallelwelt leben, ist in dem Film eindrucksvoll dargestellt und gibt Einblicke in kreative Prozesse, die Arbeit des Labels »Eskay Production« und die Entstehung des kommenden Albums. Ab Anfang November veröffentlicht Sking nun jeden ersten Freitag im Monat eine Single mit Musikvideo über 13 Monate. So wird das neue Album »Rap de Varieté« nach und nach released. Jeder Song ist eine Single und hat ein eigenes Musikvideo. (pr; Fotos: © Erich Saar)

RAP DE VARIETÉ

»Rap de Varieté« ist ein Film über Musik, Hoffnung, Freundschaft und die kleinen Absurditäten des Lebens. Die drei Brüder Sking, Tony Eskay und Felix Van planen, gemeinsam ein Album zu produzieren. Aber erstmal muss Sking gefunden werden. Seit seinem letzten Release »27« treibt sich der Rapper mit seinem DJ auf den Stränden und in den Straßen Nizzas herum. Dort schlagen sich die beiden mit Straßenmusik und Tee tagtäglich das Leben um die Ohren. Für DJ Jaxn reicht es gerade so für die Miete. Sking lebt in einem Zelt am Strand. Alice Eskay (Miss Miri) bekommt von dem Boss Richard Harmelton (Mirko Harmel) die Aufgabe, Sking aufzuspüren und ihre Bürotätigkeiten gegen einen Platz im Bühnenensemble einzutauschen. Die Reise führt von Nizza über London nach Münster und Osnabrück und wieder zurück. Immer begleitet von skurrilen Situationen, schrägem Humor und viel Tee! (pr)

MAXAT – GROB

TRACKLIST: 1. TRÄNEN (Prod. by MAXAT) 2. NIEMAND IST SCHULD (Prod. by MAXAT) 3. GROB (Prod. by MAXAT) 4. KOMISCHE ZEITEN (Prod. by MAXAT) 5. HAIE HABEN KEINE FREUNDE (Prod. by MAXAT) 6. WEN MEINST DU? (Prod. by MAXAT) 7. BRENNEN fr. MXP (Prod. by MAXAT)

facebook.com/maxat.offiziell Instagram @ichbinmaxat youtube.com/maxatmusic

Voll auf die Zwölf, mitten in die Fresse – das ist zwar nicht die feine englische Art, beschreibt aber MAXATs neue EP »GROB« vortrefflich. Grob wie Schmirgelpapier ist der Paderborner auf dem Lied »Komische Zeiten« zur Musikszene voller Fakes und Versagern. Grob ist MAXAT, wenn er wie im Titel-Track zupacken muss und die Dame im Bett es verlangt. Auf den sieben Tracks mischt er Trap und Indie-Rock-Sounds und schafft einen Stil, den Deutschland als Unikat feiern wird, auch weil MAXAT brennt. Wie ein Elefant im Porzellanladen stampft der Grobian auf dem neuen Release alles, was sich ihm in den Weg stellt, nieder. Nun hat MAXAT, der mit Chakuza auf Tour war und bereits drei Solo-Alben veröffentlicht hat, das Video zum Titel-Song »Grob« und »Niemand ist schuld« herausgebracht. Die EP »GROB« , produziert in Eigenregie, ist seit dem 21. September draußen und auf den gängigen Online-Plattformen wie Apple Music, Spotify und Amazon erhältlich. (pr; Foto: Daniel Servais)

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ROBERTO BRONCO Melle

Chillout/Hiphop/Instrumental/whatever Web: robertobronco.com facebook.com/robertobronco.music instagram @broncolounge

Deine aktuelle LP »Move In Silence« ist dein viertes Album. Kannst du ein bisschen erzählen, wie die Arbeit daran abgelaufen ist? Die Arbeit an dem Album ist sehr entspannt gelaufen. Kurioserweise hab ich für das Album »nur« ein Jahr gebraucht. Die anderen Alben haben bisher immer wesentlich länger gedauert. Dementsprechend ging die Arbeit sehr schnell und ohne jeglichen Druck voran. Normalerweise produziere ich ca. 40 – 50 Songs für ein Album. Unter diesen treffe ich dann die Vorauswahl und in Absprache mit dem Label dann die Endauswahl, sozusagen bis alle Beteiligten zufrieden sind. Bei »Move In Silence« ging das alles wesentlich schneller und von »nur« knapp 25 produzierten Tracks haben sich dann schnell 15 durchgesetzt. Du bist bekannt für die extrem positiven Vibes in deiner Musik. Kannst du auch Beats bauen, wenn du schlecht drauf bist? Ja auf jeden Fall, das ist für mich das Schöne beim Produzieren. Für alle Roberto Bronco Lieder ist die Stimmung beim Produzieren jedoch immer positiv, sonst würde die Musik in dem Projekt nicht so klingen. Die Musik, die an nicht so positiven Tagen entsteht, erblickt bei mir eigentlich meist nie das Licht der Öffentlichkeit. Das kann vom Genre dann auch alles sein, dient dann aber eher dem Abbau der schlechten Laune als dem Zweck der Veröffentlichung. Dadurch kann ich als Ausgleich viel kompensieren. 365 Tage im Jahr gut drauf zu sein, ist illusorisch, somit spiegelt die Musik auch die Bandbreite all dieser Emotionen wieder. Genau das ist für mich Sinn und Zweck von Musik. 2017 warst du auf mehr als 80 Compilations vertreten. Weißt du schon, ob du diese Zahl 2018 toppen kannst? Das ist weniger mein Verdienst als das von meinem Label Lemongrassmusic. Das Label ist weit verzweigt und erreicht dementsprechend viele andere Labels, die dann lizensiert auch die Musik veröffentlichen. Dieses Jahr werden es nicht ganz

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Genre: Lounge/Downbeat/Lo-Fi/Ambient/

MUSIK: ROBERTO BRONCO

so viele sein. Da es aber in der Regel meistens ein Jahr oder noch länger dauert, bis ein Album seine Kreise zieht, bin ich eher auf das kommende Jahr gespannt. In deiner Bio steht, dass du dir alles selbst beigebracht hast. Hättest du zu Beginn gerne eine Art Tutor gehabt? Oder war gerade das dein Vorteil? Einerseits hat man, glaub ich, als Autodidakt bei allen kreativen Tätigkeiten den Vorteil, einen eigenen Style zu entwickeln. Auf der anderen Seite ist es schwer, wenn sich bestimmte handwerkliche Fehler einschleichen, die auch wieder wegzubekommen. Ich habe zum Beispiel bestimme Abläufe, die von außen für einen »gelernten« Produzenten ziemlich chaotisch aussehen würden, sich aber seit Tag 1 so entwickelt haben und für mich somit Sinn ergeben, insbesondere was die Ordnung im Projekt angeht. In Bezug auf Musikproduktion ist es einfach wichtig, viele grundsätzliche Basics zu kennen und zu beachten, ansonsten wird sich die Musik auch nie gut anhören. Da hab ich über die Jahre viel nachgeholt beziehungsweise musste viel nachholen, um den Unterschied zwischen Amateur und halbwegs professioneller Produktion zu erreichen. Da wär ich im Nachhinein schon froh, hätte mir jemand zu Anfang beispielsweise Grundsätzliches über Frequenzen oder den Aufbau eines Liedes erklärt. Ich habe mich jahrelang nie mit Musiktheorie beschäftigt, sondern immer nur Beats gebaut, ohne irgendetwas zu beachten. So haben sich die Sachen dann auch angehört. Auf der anderen Seite ist es aber genau das, was für mich bei Musik so schön ist. Denn nur weil ein Lied perfekt gemischt und arrangiert ist, heißt es ja nicht, dass es sich in meinen Ohren ebenfalls gut »anhört«. Ein aus meiner Sicht beschissen und langweilig komponiertes Lied bleibt für mich halt auch in perfekter Mische ein beschissenes und langweilig komponiertes Lied, nur eben in audiotechnisch guter Qualität. Auf der anderen Seite kann ein Audio Engineer noch so gut sein: Wenn be-


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© CLIPSKILLS

stimmte Grundsätze bei der Produktion eines Liedes vom Produzenten komplett missachtet wurden, kann auch er kaum etwas rausholen um den Klang zu optimieren, insbesondere wenn zum Beispiel Signale komplett übersteuert sind. Da kann das Arrangement total gut sein, letztlich hilft da nur noch Neuaufnahme. Somit hat das Autodidaktentum Vorund Nachteile, obwohl die Vorteile aus meiner Sicht überwiegen, da man die gesammelten Erfahrungen besonders in Bezug auf Kreativität halt nicht aus einem Buch erlernen oder nachlesen kann. Und Kreativität ist bei der Musikproduktion für mich letztlich das Wichtigste.

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MUSIK: ROBERTO BRONCO

Gibst du heutzutage dein musikalisches Wissen irgendwie an Jüngere weiter? Ich gebe mein Wissen immer weiter, egal ob jung oder alt. Wenn man mit anderen Leuten ins Gespräch kommt, die selber Musik produzieren, findet das eigentlich immer automatisch statt. Aber ich gebe jetzt keine Workshops oder so was. Das Schöne an Musik ist ja, dass die Wege zum fertigen Lied in der Produktion so unterschiedlich sein können und es den einen einzigen Weg eigentlich nicht gibt. Es existiert nur ein Rahmen, in dem sich der Weg befinden sollte, aber dieser Rahmen ist auch sehr weit. Letztendlich ist halt entscheidend, was aus den Boxen kommt. Mit welchem Equipment, Programm oder sonst was es dahin kommt, ist für mich persönlich relativ egal. Dementsprechend ist der Austausch mit anderen


ROBERTO BRONCO - MOVE IN SILENCE »Move In Silence« ist das vierte Album von Roberto Bronco. Bislang lief uns noch kein Bielefelder über den Weg, der chilligere Musik macht. In 15 Tracks vereint er scheinbar mühelos Elemente elektronischer Musik mit den Genres Soul, HipHop, Downbeat, Chillout und Lounge, durchzogen von seinem typischen positiven Vibe. Anspieltipps können wir an dieser Stelle nicht geben, weil einfach alles durchgängig gut klingt. Wer in Sekundenschnelle seinem grauen Alltag entfliehen möchte, sei Roberto Broncos »Move In Silence« wärmstens empfohlen. Auf den üblichen Streaming-Plattformen erhältlich. Erschienen bei Lemongrassmusic. (aw)

Produzenten darüber immer wieder interessant, ganz egal ob jemand seit 20 Jahren professionell im Studio oder seit einem Jahr hobbymäßig im Keller produziert. Ich lerne in solchen Gesprächen immer wieder dazu. Mit welchem Equipment arbeitest du? Ich nutze Software sowie Hardware in Kombination. Die DAW, die ich dafür hauptsächlich als Schnittstelle nutze, ist Reason von Propellerhead. Welchen Part des Produzierens findest du am Besten? Welchen Part findest du am Anstrengendsten? Am meisten Spaß macht mir eigentlich immer der Anfang eines neuen Liedes. Das bedeutet von Null, eine gewisse Grundidee zu haben, und die dann umzusetzen und im Laufe der Produktion zu erweitern. Aber eigentlich macht mir tatsächlich alles, was die reine Produktion eines Liedes angeht, Spaß, vom ersten bis zum letzten Ton. Der Spaß minimiert sich bei mir erst, wenn es in Richtung Mixing geht. Aber das ist ja wieder ein anderer Bereich, den ich, wenn es möglich ist, auch gerne abgebe, da es nochmal eine Kunst für sich ist. Wie wichtig ist dir Feedback zu deiner Musik? Wessen Rückmeldung bedeutet dir am meisten? Feedback ist schön, aber nicht essenziell. Letztlich mache ich Musik, weil es mir Spaß macht. Aber ich kann nicht leugnen, dass es ein schönes Gefühl ist, wenn jemand einem positives Feedback gibt. Und da ist es letztlich auch egal, wer das ist. Wenn jemand sagt »geil, was du machst« ist das immer cool

und freut mich und mein Musiker-Ego natürlich, alles andere wäre gelogen. Wenn jemand selber produziert oder Musiker ist, wiegt die Freude eventuell noch ein kleines Stück mehr, aber letztlich ist positives Feedback, egal von wem, immer schön und natürlich auch sehr motivierend für Kommendes. Würdest du gerne mal einen Soundtrack für einen Film komponieren? Auf jeden Fall würde ich das gerne mal machen. Wenn ich wählen könnte, sollte es ein Film sein, zu dem melancholische Klavierkompositionen passen. Da ich seit Ewigkeiten ein Album machen will, das nur Klavier mit minimaler Unterstützung anderer Instrumente wie Streicher oder Gitarre enthält, wäre das eine passende Verbindung. Grundsätzlich bin ich aber offen für alles. Ich habe auch schon Musik für Werbeclips produziert, aber einen Film zu untermalen, wäre da nochmal eine ganz andere Herausforderung. Bisher hab ich noch keinen Anstoß für die Umsetzung gehabt, also Regisseure: Meldet euch! Ich warte auf solch eine Anfrage :) Kann man dich live erleben? Ich arbeite gerade an einem Live Programm, was ich im Laufe des kommenden Jahres auf der Bühne umsetzen werde. Bis es soweit ist, heißt es aber noch: üben, üben, üben. Es ist noch sehr viel Arbeit, um es auch so umzusetzen, wie ich es mir vorstelle.

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MADHATTERS SKATESHOP Gütersloh

Skate- und Streetwear Inhaber: Michael Bejschenow, Jörg Bröckling Instagram @madhatters_skateshop

Interview am 9. Juli 2018 im Gütersloher Store Im November wird euer Shop ein Jahr alt. Michael, bist du soweit zufrieden? Natürlich wünsche ich mir, dass noch mehr Skater aus Bielefeld und der Umgebung herkommen und checken, was hier abgeht. Weil der Madhatters Skateshop ein komplett neuer Laden ohne übernommene Bestandskunden ist und keine große Kette im Hintergrund hat, müssen wir alles selbst stemmen und eine Käuferschicht aufbauen. Euer Mitbewerber Titus in Bielefeld hat kürzlich geschlossen. Ich fand es sehr cool und fair, dass die Betreiber des Ladens ihre Kunden zu uns schickten. Das hätte ich so nicht erwartet. In Bielefeld gibt es aktuell keinen Skaterladen mehr. Bis zu uns sind es nur ein paar Minuten mit dem Zug. Würdet ihr alles nochmal so machen? Die Inneneinrichtung gefällt mir nach wie vor. Es gibt bestimmte Sachen, die man so nicht wiederholen würde. Manche Dinge weiß man vorher nicht besser, da sie erst bei der täglichen Arbeit auftauchen. Es wäre auch langweilig, wenn man vorher alles wissen würde. Wobei ich mich freuen würde, alles zu wissen. Dann könnte ich ruhiger schlafen. Wie lang dauerte es damals von der Idee bis zur Eröffnung? Ungefähr im Juni trafen Jörg und ich aufeinander. Im August fingen wir mit der konkreten Arbeit an. Es ging also recht schnell. Alles 2017? Ja, das war so etwas wie Teenage Love und Boom: Auf einmal ist man schwanger. Habt ihr gleich Räumlichkeiten gefunden? Ja, ich dachte, das würde lange dauern und dann schrieb mir mein Companion von diesem Laden. Ich sah das Foto und fand ihn direkt super. Das Interesse an dem Geschäft war natürlich groß.

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FASHION: MADHATTERS SKATESHOP

Euer Laden sieht sehr schick aus. Hattet ihr Hilfe beim Shop-Design? Wir machten alles selbst. Das Design basiert auf meinen Entwürfen. Kommst du aus dem Bereich? Nein. Ich musste unseren Shop so aufbauen, dass meine Kollegen und Freunde ihn mit uns umsetzen können. Das Bild an der Wand malte beispielsweise mein Kumpel. Ich rief ihn morgens an, skizzierte einen groben Entwurf, und er setzte es professionell um. Was habt ihr vorher beruflich gemacht? Ich war bei einem anderen Gütersloher Laden beschäftigt, widmete mich der Musik und dem Skaten. Mein Kollege kommt aus dem IT-Bereich. Eure Eigenmarke Utterly Fantastic Gifts existierte schon vorab? Jörg setzte unter dem Label Boards für Kumpels um. Bei der Geschäftseröffnung nahmen wir UFG als unsere House Brand, um Personen das Skaten zu ermöglichen, die nicht so liquide sind. 40 Euro für ein Deck ist ein guter Preis. Sie werden in den USA produziert. Euer Sortiment besteht generell eher aus Marken aus den Staaten oder? Wir haben amerikanische, englische und australische Marken. Unsere eigenen Shirts sind Made in Germany, Fair Trade und Bio. Das Sortiment wähle überwiegend ich aus. Ich lege Wert auf freshe Produkte, die Qualität besitzen und keine Massenware sind. Es muss schon ein bisschen individuell sein. Ich mag es nicht, wenn halb Gütersloh mit dem selben Shirt rumrennt. Habt ihr Lieblingskunden? Ich freue mich über jeden Support. Wir haben supercoole Stammkunden und Laufkundschaft, die einfach anders ist. Neulich kam eine Rentnerin im Rollstuhl rein, die sich die bekloppteste Creature-Cap kaufte. Sowas trage ich selbst.


Gründer: Jörg Bröckling (li.) und Michael Bejschenow

Ich hätte nicht erwartet, dass eine Frau im Alter meiner Großmutter hier selbstbewusst reinkommt und sich gezielt Sachen raussucht wie diese grüne Creature Cap und ein Bones T-Shirt mit Totenköpfen. Die Cap trug sie total lässig. Das hat mich sehr gefreut. Unsere Zielgruppe ist weit gefasst, wobei wir natürlich hauptsächlich die Jungen ansprechen. Wisst ihr, wie groß euer Einzugsgebiet ist? Eigentlich ist das der Kreis Gütersloh und Umgebung. Ich hatte allerdings auch schon Kunden aus Berlin und Amerika. Ein Berliner Punker, der hier am Theater ein Gastspiel hatte, war völlig begeistert von unserem Store. Dabei findet er sowas in Berlin an jeder Ecke. Dank seiner Begeisterung hatte ich fast Tränen in den Augen. Gleichzeitig macht es einen traurig, da ein cooler Mensch aus Berlin voll checkt, was hier abgeht, und der eigene Gütersloher next door fragt sich, was das hier darstellen soll. Wenn zehn bis 15 Leute eine neue Marke wie Butter tragen, wollen sie auf einmal alle haben. Das ist ein bisschen crazy. Also ist es euch generell wichtig, dass Leute außerhalb der Szene bei euch einkaufen? Ja, diesen Spagat möchte ich schaffen. Wir sind zwar ein Skateshop, haben aber auch Waren für Leute, die einfach den Style oder den Mix mögen. Du skatest selbst. Mit was bist du unterwegs? Ich bin gerne mit unseren Boards, aber auch mit Creature unterwegs. Zudem mag ich Old School Boards.

Fährst du auf der Mini-Rampe hier im Laden? Sometimes. In my dreams (lacht). Bei unserem letzten Treffen hattest du erwähnt, dass du viele Events umsetzen möchtest, unter anderem eine Plattenbörse. Wir sind dran. Je mehr Skater und Kunden uns unterstützen, desto mehr kann ich in Sachen Marken, Veranstaltungen etc. umsetzen. Es ist mir wichtig, Leute aus der Region, die kreativ sind oder sich mit Style beschäftigen, zu verknüpfen. Regionale Marken und Künstler möchte ich verbinden. Das Coole ist, dass es Leute gibt, die wirklich helfen wollen und uns auf irgendeiner Art und Weise feiern. Leute bringen beispielsweise Gegenstände für unsere Hall of Fame vorbei. Diese Gitarrengurte schickte mir beispielsweise der Vertreter von Jim Dunlop. Ein Online-Shop ist generell nicht in Planung? Das Thema müsste ich eigentlich mal angehen. Ich habe in Sachen Computer leider zwei linke Hände. Es haben auch schon viele Leute danach gefragt. Offline finde ich persönlich auch schöner. Das Ganze muss als Business irgendwie wirtschaftlich sein. Möchtest du abschließend noch etwas erwähnen? Wir planen, einen Verein zu gründen. Ich möchte eine Anlaufstelle für Kids, Jugendliche und Erwachsene etablieren, die am Skaten interessiert sind, beispielsweise in Form von Workshops. Ein Verein würde uns bei Veranstaltungen mehr Möglichkeiten bieten. Und ich möchte die Community weiter aufbauen.

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POP SMASH INTO PIECES - EVOLVER Die schwedische Antwort auf Imagine Dragons erobert nach dem bahnbrechenden Erfolg in ihrem Heimatland nun auch den Rest Europas: Smash Into Pieces geben mit ihrer Kombination aus dem Synth-Bombast von 30 Seconds To Mars und der jugendlichen Frische Paramores dem Mainstream-Pop die persönliche Note, die er verdient. Mit Millionen Streams und mehr als 100 Shows weltweit seit letztem Jahr trifft auf ihrem neuen Album melodiöse Catchiness auf zeitgemäße Beats und rohen schwedischen Rock-Sound. The Apocalypse DJ, der mysteriöse Mastermind, schwebt verborgen hinter seiner charakteristischen LED-Maske über der Band und verleiht ihr mit seinem geheimnisvollen Auftreten eine beeindruckende, nebulöse Aura. Nach ihrer Gründung 2008 und den beiden Studioalben »Unbreakable« (2013) und »The Apocalypse DJ« (2015) mauserten sich Smash Into Pieces, ursprünglich aus dem Alternative Rock kommend, zu einer der angesagtesten Bands Schwedens und spielte bereits internationale Support-Touren. 2017 explodierte ihr Erfolg dann bahnrechend mit der Veröffentlichung ihres dritten Albums »Rise And Shine«: Mehr als 15 Millionen Spotify-Streams, mehrere Top-Platzierungen in den Album-Charts Europas, mehr als 100 gespielten Shows in 17 Ländern seit Januar 2017 (USA, CAN, GER, UK, FRA), zahlreiche gewonnene Preise und Gold-Auszeichnungen haben die Messlatte für dieses Jahr hoch angesetzt. Anderthalb Jahre nach ihrem letzten Album erschien mit »Ride With U« im Juni bereits der erste Vorbote auf das nächste Kapitel der Band: Smash Into Pieces sind mittlerweile als Stadionpop-Band mit Rock-Hintergrund auf den Spuren von All Time Low oder Fall Out Boy. (pr/Uncle M)

WEILAND - GLÜCKLICH VEGETIEREN Weiland: Wahrlich kein Bandname, der mich dazu bewegen würde, freiwillig deren Musik anzuhören. Doch das haarige Etwas auf dem Cover ihres Albums »Glücklich vegetieren« gibt ihnen eine Chance. Also wandert die CD in die Anlage meines Wagens für die nächste längere Fahrt. Die zwölf Tracks eignen sich übrigens bestens für die Autofahrt von Bielefeld nach Paderborn, Parkplatzsuche an einem Samstag inklusive. Und schon beim ersten Song »Glücklich vegetieren« stimme ich wie automatisiert beim Chorus ein. Das Trio aus Leipzig hat scheinbar ein tiefes Bad in meinem Plattenschrank genommen, um das Beste aus den vergangenen 30 Jahren mitzunehmen. Erinnerungen an Nirvana, Oasis, Phoenix und anderen Alternative Bands werden wach, obwohl Frontmann und Bassist Peter auf deutsch singt. Die markigen, melodischen, bisweilen nöligen, stets songtragenden Vocals von ihm machen das abwechslungsreiche Album erst rund. Kaum zu glauben, dass die Band sich erst 2016 fand und nach ihrer Debüt-EP »Trümmerpark« bereits so ein Brett von Studioalbum hinlegt. Mit eingängigen Melodien, umspielt von knackig reduzierten Riffgitarren und einem lässigen Groove, zeichnen die stets zynischen Texte ein musikalisches Spiegelbild der Gesellschaft – nachdenklich, in sich versunken, irgendwie mitreißend und trotz allem voller Hoffnung. (pr/aw; Foto: pr/Noizgate Records)

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MUSIK: POP


CITY KIDS - FEEL THE BEAT Pop-Punk für eine neue Generation: CITY KIDS FEEL THE BEAT fackeln auf ihrem Debütalbum »Cheeky Heart« ein Feuerwerk aus mitreißenden College-Hymnen und kurzweiligen Gitarrenriffs zwischen ungezügelter Lebensfreude und Realitätsflucht ab. Getragen sowohl von jugendlichem Optimismus als auch gereiftem Songwriting präsentiert uns der Fünfer aus dem Süden einen zeitgemäßen Mix aus Pop-Rock, Party- und melodischen Hardcore-Anleihen, der Fans von Zebrahead, Anti-Flag oder Neck Deep voll auf ihre Kosten kommen lässt und der das schwäbische Hinterland in ein sonniges, kalifornisches Punk-Mekka verwandelt. »Cheeky Heart« markiert einen neuen Abschnitt für CITY KIDS FEEL THE BEAT: Mit dem neuem, aus dem Produktionsumfeld von Cro und Casper stammenden Produzenten Benny Hermann startete die Band Anfang des Jahres das Projekt Debütalbum. Heraus kam ein packendes, erfrischendes und vor allem musikalisch gewachsenes Punk-Album mit Teenie-Attitüde, das sich im Songwriting auf den Weg Richtung künstlerischer Selbstbestimmung macht. »Wir haben uns sowohl am Sound unserer Vorbilder und Lieblingsbands orientiert, als auch dem Ganzen unseren neuen, persönlichen Stempel aufgedrückt«, so Frontmann Sven. Vitale Gitarrenriffs, nach vorne peitschende Beats und unwiderstehlich versüßte Refrains kleben sich im Ohr fest und verlassen dieses so schnell nicht wieder – das alles atmet den Geist anerkannter Szene-Größen und macht »Cheeky Heart« zu einem außergewöhnlichen Album, das sich auch im internationalen Vergleich nicht verstecken muss. CITY KIDS FEEL THE BEAT treten im August 2019 beim »Hütte rockt Festival« in Georgsmarienhütte auf. (pr /Uncle M)

DIE LIEFERANTEN – ALLES WAS DU HAST

Die EP »Alles was du hast« ist auf den üblichen Streaming-Plattformen erhältlich. dielieferanten.com facebook.com/dieLieferanten Instagram @dielieferanten

Die Lieferanten sind ein Lieferdienst für und aus Liebe zur Musik aus Münster. Nach der Gründung im September 2016 haben sie zusammen mit einem ungewöhnlichen Bandnamen auch ihren eigenen Stil gefunden: Schabernacksoul! Dabei treffen deutsche Texte auf Motown-Grooves, moderne Indie-Elemente und mitreißende Pop-Melodien. Schabernacksoul ist dabei aber nicht nur eine Stilbezeichnung, sondern vielmehr eine Lebenseinstellung, die sich in den oft ironischen Texten, den verspielten Arrangements und den energetischen Bühnenauftritten wiederfindet. Schwere Zeilen mit leichtfüßigen Gitarrenklängen. Alter schrottiger Tourbulli mit glamouröser Inneneinrichtung. Gesellschaftskritische Aussagen und Instagram-Blödsinn. Die Lieferanten sind voller Widersprüche und grau in seinen buntesten Facetten, genau wie ihre Musik. Nachdem sie im Januar 2017 ihre erste EP »Eine Frage der Begeisterung« veröffentlichten, erschien vor kurzem ihre zweite Platte »Alles was du hast«. Darauf sind vier neue, mitreißende Songs zu hören, die diesen Sommer mit der üblichen Portion Schabernack auf Festivals in ganz Deutschland präsentiert wurden. Dazu zählten unter anderen das Early Bird Open Air (Reichenau), Forrest Funk (Lauchringen), Come2gether Festival (Witzenhausen), Wein am Stein (Würzburg), Festivalkult Umsonst & Draußen (Porta Westfalica), Rink Festival (Melle) und das Stemweder Open Air (Stemwede). Gekrönt wurde dieses Jahr mit einer Nominierung für den Pop NRW Preis 2018 in der Kategorie Newcomer. (pr; Foto: © Anna-Lisa Konrad)

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THE SEEKING SOULS Aschersleben

Habt ihr euch bewusst dafür entschieden, als Duo eine Band zu gründen? Oder liegt das an der Band »The Black Keys«, die ihr anfangs gecovert habt? Dass wir uns als Duo zusammengefunden haben, liegt hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass wir seit frühen Kindheitstagen beste Kumpels sind und einen ähnlichen Musikgeschmack teilen. Während wir beide noch als 8-Jährige beim alljährlichen Musikschul-Weihnachtsvorspiel Jingle Bells auf dem Keyboard runtergerockt haben, trafen wir uns in späteren Jahren zum Jammen in der Garage, um im Stile unserer Idole Musik zu machen. Die Black Keys hatten dabei insofern einen Einfluss auf uns, als dass wir nicht nur ihre Musik mochten, sondern ebenso von ihrer DIY-Attitüde und ihrer anfänglichen musikalischen »Zweisamkeit« fasziniert waren. Hört euch doch nur mal »Magic Potion« oder »Brothers« an! Wahrscheinlich wirft man als Duo immer einen Blick auf andere Duos?! Es hat einfach seinen Reiz, zu zweit zu spielen. Auch wenn es manchmal einige Schwierigkeiten mit sich bringt, ist der Sound am Ende echt cool. Man guckt sich beim Spielen an und denkt sich »Alter Falter, ja!«. Während man als Duo diese gesunde Einfachheit zelebrieren kann, gibt es aber noch die andere Variante: das gemeinsame Ausschmücken zu zweit. Man wird beim Hören unserer Platte kaum die Black Keys raushören. Ebenso wenig den reinen Klang von Gitarre und Beat-Kit. Auf »hidden« haben wir vielmehr versucht, klangreich unsere Sounds in Szene zu setzen. Man hört also auch Bass und Overdubs. Uns hat diese Art des musikalischen Bastelns auf »hidden« gefallen. Ob wir es nochmal so machen würden: Wer weiß? Euer Album »hidden« ist seit einiger Zeit draußen. Wie lief die Arbeit daran ab? Habt ihr alles gemeinsam gemacht oder waren die Aufgaben klar verteilt? Die Arbeit an »hidden« war der reinste Genuss! Unsere ersten Songs sind entstanden, ohne die Absicht zu haben, sie irgendwann mal auf einer CD zusammenzubringen. Entspanntes, hingabevolles und bedachtes Songwriting also. Mit zunehmenden Schritten Richtung Abi und der anschließenden blöden Frage, wie sich die Wege in Anbetracht von Studium und Work & Travel fortsetzen werden,

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MUSIK: THE SEEKING SOULS

Genre: Blues Rock/Alternative Rock Mitglieder: Peter Kersten (Guitar, Bass), Florian Helmecke (Drums, Vocals)

kam dann eine gewisse Zielsetzung in den Prozess. Wir wollten unbedingt ein Album machen, damit all die guten Sounds, die wir bisher zusammengeklimpert hatten, nicht einfach so in der Senke des Vergessens verschwinden. Und so fingen wir an, immer mehr Parts unserer Jams niederzuschreiben und zu Songs zusammen zu schustern. Klare Aufgabenverteilung widersprach dabei unserer Auffassung gemeinsamen Musizierens. Vielmehr hingen wir ständig miteinander rum und experimentierten an Riffs und Beats, um einzufangen, was unserem damaligen Musikverständnis entsprach. Es kam also durchaus vor, dass Peter mal vorschlug, aufs Standtom zu gehen und Florian Akkorde für Songparts schrieb. Lediglich bei den Lyrics und den Bass-Lines hat jeder sein eigenes Ding gemacht. Da wir eher Jam geprägt sind und eigentlich nur in der Kombi Gitarre und Schlagzeug spielen, auf »hidden« aber gerne Bass und Gesang hören wollten, haben wir die Aufgaben etwas verteilt. So betrieb Peter Bass Studien während Florian die Lyrics schrieb – irgendwie für fiktive Bandmitglieder, die bis zum Ende der Aufnahmen einfach nicht kommen wollten.

»SO FINGEN WIR AN, IMMER MEHR PARTS UNSERER JAMS NIEDERZUSCHREIBEN.«

Mit wem habt ihr bei der Produktion zusammengearbeitet? Bei der Produktion haben wir mit unserem guten Freund Alex Wurlitzer von RedBlooms zusammengearbeitet. Was für ein guter Kerl! Er hat uns nicht nur mit musikalischen Tipps und Tricks versorgt, sondern ebenso ausdauernd versucht, all unsere Wünsche umzusetzen. Seine angenehme Art in Kombination mit seinem wirklich gemütlichen Studio haben die Produktion wirklich zum Erlebnis gemacht! Auf unserem Stück »Soul Division« kann man ihn sogar am Bass hören! Beim Versuch, einen Jam in nur einem Take aufzunehmen, brauchten wir einfach zwei Hände mehr, um einen fetten Sound heraus zu kitzeln. Nicht zu vergessen, sei auch Beat-Kit Experte Toni Wendenburg, der immer mal hier und da seine Hände im Spiel hatte.


THE SEEKING SOULS - HIDDEN Checkt uns auf Facebook, Soundcloud oder Youtube aus! PS: Auf Soundcloud gibt es kostenlose Downloads! https://bit.ly/2yFr2oI facebook.com/theseekingsouls Youtube: https://bit.ly/2Of8O2j

Wo ist euer Album erhältlich? Unser Album ist mittlerweile nur noch bei uns oder Suppository Recordings erhältlich. Schreibt einfach eine Facebook Nachricht, und wir verschicken die Scheibe! Wer allerdings auf die gute alte Plattenladen-Erfahrung nicht verzichten möchte, könnte mit Glück auch noch ein paar Exemplare im Whispers Records (Halle/Saale) finden! Was stresst euch als Musiker, die das Ganze nicht hauptberuflich ausüben, am meisten? Die Promo in eigener Sache, die zeitliche Koordination untereinander oder die technischen Möglichkeiten? Da wir aktuell nicht wirklich aktiv sind und viel mehr unserer alten Liebe – dem isolierten und unprotokollierten Jamming im Proberaum – fröhnen, können wir die Frage gar nicht so präzise beantworten. Zeitliche Koordination ist natürlich auch bei Jams zwischen Studium und Nebenjob so eine Sache. Da wir aber aktuell kein spezielles Ziel verfolgen, ist Musik mehr das Entspannungsprogramm am Abend. Was eine Band aber immer stresst, ist das Finden eines (geeigneten) Proberaums, der im besten Falle noch Portemonnaie-freundlich ist. Uns hat dieses Gesuche in Hamburg ein halbes Jahr absolute Inaktivität gekostet. Nehmt ihr an Bandwettbewerben teil? Nein. Auch wenn Florian mit einer anderen Band mal ordentlich Emergenza Erfahrung gesammelt hat, haben wir eine eher skeptische Haltung gegenüber Bandwettbewerben. Es erscheint uns nicht sinnvoll, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Zudem hatten wir ironischerweise noch nie einen Gig als Seeking Souls. Wir sind also das Bandphantom mit Album, man kann uns hören, aber nicht sehen. Es sei denn, man schaut auf ein Bier in unserer Hafenkammer vorbei!

fankyzine ist eigentlich ein Musikmagazin für die Region Münster bis Hannover. Habt ihr Kontakte zu hiesigen Bands oder kennt ihr zumindest welche? Die Region Münster-Hannover ist für uns bisher völlig unbekannt. Unsere Radien beschränken sich auf Sachsen-Anhalt und Hamburg. Aber sowas lässt sich ja auch ändern ... Wie sieht die regionale Musikszene bei euch in Aschersleben aus? Wie es schon anklang, sind wir aktuell etwas raus aus der aktiven Musikszene. Obwohl wir recht regelmäßig in Aschersleben sind, scheint es dort aktuell keine Szene in unserer Altersklasse zu geben. Bands wie Throwback oder Shrinkhead sind entweder aufgelöst oder ebenso inaktiv wie wir momentan. Es gibt mit Bombthreat eine beständige Old School Death Metal Band, die gefühlt seit einer Ewigkeit existiert. Ebenso lange tüftelt Danilo Busse aka The Maphews ähnlich einem ostdeutschen Ty Segall an ungewöhnlich interessanten Tunes. Dann gibt es neben ein paar Oldie Bands, die fleißig Klassiker covern, dreist formuliert nur noch Musik für eine reifere Hörerschaft. Bands um Alex Wurlitzer und Toni Wendenburg (u. a. The Brogues, Toni Standhaft & Band, Black Eye, Grey Wolf) sowie Jule Werner & Rehab. Bands im Bereich Rock im Alter 16 – 25 sind also gerade nicht in der Ascherslebener »Szene« zu finden. Was will man aber auch von einer 25.000 Einwohnerstadt erwarten? Woran arbeitet ihr gerade? Aktuell arbeiten wir salopp gesagt an gar nix. Wir haben ein paar Songs und ein paar Fragmente, aus denen man was machen kann, aber momentan dreht sich alles ums Jammen. Wir experimentieren viel rum, probieren uns an Effekten und Loopern, schrauben immer mehr am Schlagzeug ab, versuchen, neue Klangfarben zu entwickeln. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Habt ihr Wünsche für die Zukunft? Der größte Wunsch für die Zukunft ist etwas mehr Zeit. Wir betreiben das ganze vorrangig als Hobby und finden neben Studium und Nebenjob nicht die Zeit, um das Ganze auf eine Wir-spielen-alle-zweiWochen-einen-Gig-Ebene zu heben. Cool wäre es aber schon, wenn wir irgendwann mal einen Nachfolger von »hidden« produzieren und Bühnenpremiere feiern könnten.

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DIVERSES LUKE NUK’EM – NEWCLEAR Luke Nuk’em, der Geheimtipp für frischen Dancehall aus Deutschland, hat vor kurzem sein zwölf Track starkes Debütalbum »Newclear« veröffentlicht. Aufgewachsen und Reggae-sozialisiert in »Soundquake City« Detmold führte ihn sein Weg erst in den Szene Hot-Spot Münster und nun in die Dancehall-Hochburg Deutschlands nach Wuppertal. Das Album ist die Essenz seiner zehnjährigen Aktivität in der größtenteils europäischen Dub/Reggae/Dancehallszene. Eine ebenso lange Freundschaft plus die Liebe zu Dancehall verbindet ihn mit seinem Produzenten Loy. Der Labelboss von Loyal Records übernahm die gesamte Produktion des Albums, und auch alle Instrumentals entstanden in seinem Studio in Köln. Der gut ausproduzierte Albumsound wird zum Großteil von zeitgemäßen Reggae/Dancehall Elementen bestimmt, inspiriert durch die Vorbilder der letzten vier Jahrzehnte aus Jamaika. Ihrem Lebenswerk widmete Luke Nuk’em seine Leidenschaft, die ihn das Jugglen von Vinyl und das Singen auf Patois erlernen ließ. Seine Texte sind persönlich, ehrlich und positiv. Mal beschreiben sie singend sorgenfreie Nächte oder beleuchten mit hartem Sprechgesang Ungerechtigkeiten in Gesellschaften unserer Welt. Das Album will durch seine thematische Flexibilität sowie in der Vielfalt der Flows, Melodien und Grooves überzeugen. (pr; Foto: Laurenz Paas)

BANANA ROADKILL – SHELTER

Vorbestell-Link EP: bananaroadkill.bigcartel.com /product/shelter facebook.com/BananaRoadkill Instagram @bananaroadkill

HEIKO KAMANN – AS IF Das neue Album, »As if« eine Reise durch »electro-acoustic music«, ist im November 2018 erschienen. Unsere Songs haben Schärfe und Tiefe, aber auch starke lyrische Anteile und gehen unter die Haut. Chansons, Balladen, Schlager, Folk,Folk-Rock gehören zu unserem Programm. Ausgesuchte und neu arrangierte bekannte oder auch nicht so bekannte Songs anderer Künstler, www.heikokamann.de komplettieren unser Set. (Website)

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MUSIK: DIVERSES

Mit ihrer EP »SHELTER« erzählen Banana Roadkill die Geschichten vom andauernden Versuch des Erwachsenwerdens und der Suche nach dem neuen eigenen Zuhause. Fünf Songs in neuer musikalischer Diversität, die am 18. Januar 2019 via Uncle M als Vinyl und digital erscheinen. Für das Songwriting und die Aufnahme zogen sich die beiden Musiker Eike Sorgatz und Björn Reschabek im Frühjahr 2018 in ein abgelegenes Haus auf dem Land zurück, um fernab vom Alltag Songs zu schreiben und selbst live aufzunehmen. Im Winter 2017 veröffentlichte das Duo aus Münster und Hannover ihr Debüt »A Quiet Conversation«, das sie mit über 30 Konzerten deutschlandweit präsentierten. Seit Ende Oktober 2018 sind sie zusammen mit The Aqualung aus Osnabrück und Berlin auf Tour. (pr; Foto: Jonas Klünemann)


THE USCHI OBERMAIER EXPERIENCE - TROUBLE Schon als wir den Vorgänger »Are You Happy Now?!« als Spontankauf im Bielefelder Plattenladen mitnahmen, waren wir von The Uschi Obermaier Experience hellauf begeistert. Umso geiler, dass sie zu uns Kontakt aufnahmen, um auf ihr neues Album »Trouble« hinzuweisen. Die Bielefelder Band legt damit ihr mittlerweile drittes Album vor. Der Unterschied zu den beiden Vorgängern: Das neue Album ist erstmals als Deluxe Version in braunem Vinyl + CD, als schwarzes Vinyl + CD sowie nur als CD im Pappschuber erhältlich. »Trouble« erschien bei der Bad Salzufler Plattenfirma Dedication Records. Die drei Musiker der The Uschi Obermaier Experience haben auch bei ihrem neuen Werk großen Wert auf ein breites musikalisches Spektrum gelegt. Die Hörer erwartet Country (»Trouble«), Reggae/Dub (»New Drug in town«), Punkrock (»We don´t wanna be like them«) und klassischen 1970er Rock (»Burning down the House«). Das Album hat Michael Ulbrich (Foto links), der Drummer der Band, in seinem Studio auf dem Kornboden in Spenge aufgenommen und gemixt. Bei fünf Liedern stand der bekannte Bielefelder Lyriker Hellmuth Opitz der Band textlich zur Seite, während sich die beiden Songwriter der Band – Gunnar Gliech (Bass und Vocals, Foto rechts) und Bernd Hövelmeyer (Gitarre und Vocals, Foto Mitte) – das Songwriting für das Album teilten. Zwei befreundete Musiker unterstützten die Band bei vier Liedern mit Keyboard und zweiter Gitarre. (pr/aw; Foto: Sven Krieg-Prante)

BADGER’S BROTHERS – HEAVY FOLK

Heavy Folk: Wenn ich ehrlich bin, ist das keine Genre-Bezeichnung, die mich auf Anhieb zu begeistern vermag. Bei aller musikalischen Offenheit bin ich unter normalen Umständen in dieser Ecke des regionalen Musikkosmos nicht zuhause. Doch den Badger’s Brothers gelingt es mit ihrem Album »heavy folk«, mich vom Gegenteil zu überzeugen und über meinen Tellerrand schauen zu lassen. Vielen Dank dafür! Instrumental auf das Wesentliche reduziert und mit zwei ausdrucksstarken und dennoch sehr unterschiedlichen Stimmen prägen die beiden Singer/Songrocker Karli und Jonas aus Bielefeld einen ganz eigenen Sound. Sie selbst sagen von sich: »Musikalisch ist es der rohe, ungeschliffene Charme der akustischen Instrumente, den wir unverfälscht unserem Pu-

blikum nahe bringen wollen, so als würde der Zuhörer direkt neben uns sitzen. Der kontrastreiche Klang der Mandoline und der Bariton-Gitarre hat uns inspiriert, unser ganz eigenes Genre zu kreieren.« Der Dachs steht nicht nur Pate für den Bandnamen des Heavy Folk Duos, sondern ist auch Synonym für den alten, erfahrenen Geschichtenerzähler Grimbart, der in Fabeln und Legenden am Lagerfeuer von seinen Reisen und Abenteuern erzählt. Und so kann man sich die Badger’s Brothers live auch eher bei kleinen, intimen Events wie einem Wohnzimmerkonzert oder einem Gig in einer kleinen, gemütlichen Kneipe vorstellen. Die elf abwechslungsreichen Tracks ihres bereits zweiten Albums befinden sich weit ab vom Mainstream, irgendwo zwischen Akustik-Rock und Folk. Es wäre vielleicht ganz spannend, sie irgendwann mal mit deutschem statt englischem Liedgut zu hören. Wer handgemachte, ehrliche Mukke mag, kommt bei den Beiden auf jeden Fall voll und ganz auf seine Kosten. Meine Anspieltipps sind Track 7 »bound to roll« und Track 9 »bloodred sheets«. Live konnte ich das Duo noch nicht erleben, aber ich bin mir sicher, dass sie in der Lage sind, live das Niveau zu halten, was sie auf ihrem Album »Heavy Folk« präsentieren. Im Gegensatz zu manch anderen Bands … (pr/aw; Foto: pr)

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MAJOR ERD Bielefeld

Genre: Artcore Mitglieder: Björn Eric Brodner (Vocals), Jan Herßebroick (Gitarre), Markus Schmidt (Bass), Dennis Ricke (Drums) Web: facebook.com/majorerd instagram @major_erd

Interview im Oktober 2018 in Bielefeld; Fotos: Danny Kötter

Eure neue 3-Track Single »Weg nach Süden« erwir uns von Familie und Freunden alle möglichen schien am 26. Oktober digital über Deafground Gummitiere, Schwimminseln, Sonnenschirmen Records. Ist auch ein Album in Arbeit? Björn: Erstmal feiern wir jetzt natürlich unsere ak- und Aufblaspalmen geliehen. Das wird über kurz oder lang alles irgendwann mal Plastikmüll. Aber tuelle Veröffentlichung und genießen es, dass es auch am Straßenrand sind wir erschreckend einein neues Lebenzeichen von uns gibt. Wir waren ja fach fündig geworden. Am Ende hatten wir also eieine Zeit lang – weil nicht komplett – notgedrungen weniger aktiv. Aber seit Anfang des Jahres sind wir nen kompletten Lkw voll mit kunterbuntem Plastikeben wieder vollständig und mega happy darüber. scheiß und dem übelsten Schrott. Soviel Müll wie das deutsche Durchschnittsherz pro Jahr begehrt. Jan an der Gitarre, Markus am Bass und nebenbei Und von diesem Müll werden leider auch paradiehaben wir so den Altersdurchschnitt unserer Band sische Orte nicht verschont. Auch in der Geschichum zehn Jahre gesenkt. Das alles gibt natürlich auch Schub für neues Material ... Markus ist übri- te, die das Video erzählt, nicht. Jeder trägt dazu bei – ob bewusst oder nicht. Das macht man sich viel gens gerade weg – nach Süden (grinst). zu selten klar. Also konnten sich die neuen Mitglieder trotz Jan: Es ist schön, dass das Lied durch das Video auf zwei Ebenen funktioniert. Altersunterschied gut in der Band einfinden? Björn: Ja, es gibt viel zu entdecken. Jan: Das hat wirklich super funktioniert. Und es ist Wer ist bei euch für das Songwriting zuständig? auch interessant zu sehen, dass das offensichtlich auch von unserem Publikum angenommen wird. Björn: Die Texte schreibe ich. Bei der Musik ist das unterschiedlich. Der Song »Rosarot« zum Beispiel, Auf unseren Konzerten tanzen 17-Jährige. Neulich der ja auch auf unserer neuen Single ist, war unkam im Anschluss aber auch ein 80-Jähriger auf uns zu, um uns mitzuteilen, dass ihm die Musik ge- sere erste Gemeinschaftsproduktion in der neuen Besetzung. Es gibt aber auch Songs, die mehr oder fällt. Das ist doch eine schöne Erfahrung. weniger aus einer Feder stammen. Wenn man es Dennis: Und was lernen wir daraus? Musik verbindet! aber hinkriegt, vier ERDs in einen Raum zu stellen, und die sich mit ihren vielen geistigen Ergüssen orDas wäre ein gutes Schlusswort. ganisiert kriegen, dann wird’s richtig spannend. Da Björn: Ja, Schlussworte haben wir drauf (lacht). steckt viel Musik drin. Zum Titeltrack »Weg nach Süden« gibt es auch Sind Alben für euch zeitgemäß in Zeiten von ein Musikvideo. Ist das euer Erstes? Spotify & Co.? Björn: Es ist tatsächlich das erste Musikvideo von MAJOR ERD und es ist ganz fantastisch geworden. Jan: Auf jeden Fall. Ein Album ist wie ein Kinofilm ein zusammenhängendes Gesamtkunstwerk, das Dank der vielen tollen Unterstützung und natürlich Dank Danny Kötter, der das Video gedreht und ge- jemand für sich entdecken kann. Natürlich könnte man nur noch einzelne Lieder veröffentlichen. Dann schnitten hat. Mit Danny zu arbeiten, macht einfach immer Spaß. Er hat ein geniales Auge für den Mo- würde allerdings der Anspruch flöten gehen, dass in ment, coole Ideen und ist überhaupt ein super Typ. einen Gesamtzusammenhang zu bringen. Das Bild, das ein Album erzeugt, sorgt dafür, dass man auch Dennis: Man muss sich auf jeden Fall keine Sorgen als Band einen bestimmten Eindruck erweckt. Und machen, dass etwas in die Buchse geht, da er stets das Bedürfnis von Menschen, sich bewusst einer großartig abliefert. Sache zu widmen, wird nicht verschwinden. Nur weil Im Video wird die Plastikmüll-Problematik thema- es eine Tendenz dazu gibt, dass Leute schnelllebig Musik konsumieren, glaube ich nicht, dass Alben tisiert. Könnt ihr dazu was Näheres erzählen? vom Aussterben bedroht sind. Björn: Wenn man den Song so hört, ist der Text erst mal hübsch positiv, fast schlageresk. Die Sehn- Björn: Für mich ist der Begriff Album auch noch sucht nach einem schöneren Ort. Viel Eskapismus. stark mit einem physischen Tonträger verknüpft. Ich Unser Darsteller Lia Bro sucht im Video nach die- mag es total, Musik und Artwork buchstäblich in der Hand zu halten, sei es auf CD oder auf Vinyl. sem Ort. Für unsere Performanceszenen haben

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MAJOR ERD - WEG NACH SÜDEN Die 3-Track-Single ist auf den üblichen Streamingplattformen erhältlich. Erschienen bei Deafground Records.

Unsere Single ist zwar ein Digital-Release, wir planen aber zum Ende des Jahres noch eine kleine, limitierte CD-Auflage pressen zu lassen. Auch damit das tolle Artwork von Felix Link – das für die CD sicher erweitert werden wird – nochmal besser zur Geltung kommt. Dennis: Ich fände es schade, wenn die Zukunft nur noch aus nackten Dateien bestünde. Wo würdet ihr gerne mal auftreten? Jan: Wacken. Das ging schnell. Dennis: Ich hab mal ein Video gesehen, wo eine Band am Nordpol vor circa 50 Leuten spielte. Die haben eine relativ kleine Kuppel gebaut, eine kleine Bühne reingesetzt. Das finde ich ganz spannend. Mir geht es weniger darum, ob eine Bühne etabliert ist oder nicht, sondern um die Location an sich. Ein alter Canyon, eine Steinwüste, ein U-Boot, ... Vielleicht finden wir etwas, das noch keine Band zuvor gemacht hat. In zwanzig Jahren gibt es vielleicht erste Konzerte auf dem Mond oder dem Mars. Ist euch das ostwestfälische Publikum manchmal zu passiv? Björn: Wie kommst du darauf? (lacht) Nein, überhaupt nicht. Wir sind kürzlich auf dem FlunkyRock noch eines besseren belehrt worden. Außerdem sind wir zum Teil doch selbst Ostwestfalen. Jan: Ich stamme aus dem Sauerland und halte es auch für vollkommenen Quatsch, dass das Publikum hier zu passiv sei. Aber der ostwestfälische Halbkreis existiert. Björn: Der existiert deutschlandweit ... mmhhh, und wenn ich nochmal drüber nachdenke: In anderen Ländern habe ich den auch schon gesehen. Ist das der neue OWL-Exportschlager? Dennis: Den kenne ich genauso aus dem Emsland. Björn: Sag ich ja, andere Länder. Dennis: Es ist auf jeden Fall nicht kategorisch ausgeschlossen, dass ein ostwestfälisches Publikum komplett ausrastet.

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Ist euch mal etwas besonders Abgefahrenes auf der Bühne passiert? Björn: Komplette Stromausfälle gehören bei uns inzwischen zur Regel. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie passiert uns das relativ häufig. Das hilft auf jeden Fall dabei, den ostwestfälischen Halbkreis zu beseitigen und führt grundsätzlich zu einer noch besseren Stimmung.

»KOMPLETTE STROMAUSFÄLLE GEHÖREN BEI UNS INZWISCHEN ZUR REGEL.« Dennis: Die stagedivende beziehungsweise crowdsurfende, angehende Braut fand ich gut. Das war ein Junggesellinnenabschied bei einem Open Air Konzert von uns und eine nette, ungeplante Showeinlage. Björn: Oder der Gig, bei dem wir schon aufgebaut hatten und sich ein paar Kinder total interessiert nach der Funktion unserer Instrumente erkundigten. Nach einer kurzen Erklärung waren sie so safe, dass sie vor unserem Set spontan gejammt haben. Dennis: Eine Art musikalische Früherziehung. Woher kommt euer Bandname? Björn: Darum ranken sich viele Mythen. Es gibt diverse Geschichten. Keine und alle davon sind wahr, und die Richtige haben wir vergessen. Entstand der Name aus einer Alkohollaune heraus? Björn: Wieso? Ach wegen der Geschichte mit dem echten raketenstarken Dosenbier? Könnt mich nicht erinnern. (lacht) Dennis: Es kommen durchaus Leute auf einen zu, die vorgeben zu wissen, woher der Name kommt. Dann erfährt man wieder eine neue, bisher unbekannte Geschichte. Irgendwann verliert man ein bisschen den Überblick. Vielleicht werden wir irgendwann ein Buch veröffentlichen mit allen Geschichten zur Namensgebung.


© Danny Kötter

Zum Abschluss eine Runde Sekt oder Selters? Alle: Na klar! Major Tom oder Captain Jack? Dennis: Major Tom natürlich. Helene Fischer oder 187 Straßenbande? Jan: 187 Straßenbande. Dennis: Ich habe ein Hintertürchen im System gefunden. Ich würde mich hier für das »oder« entscheiden. CD oder Vinyl? Björn: Ohne System: Und. Jan: Ich habe keinen Plattenspieler, daher CD.

Facebook oder Instagram? Björn: WhatsApp. Margarita oder Bier? Björn: Für die kommenden Sommermonate empfehle ich Margarita. Bestuhlung oder Moshpit? Dennis: Ich fragte mich gerade, wie ein bestuhlter Moshpit aussieht. Politik oder Umwelt? Björn: Umweltpolitik. Lametta (Debütalbum, Anm. d. Red.) oder Wunderkerze? Björn: Das war eine rhetorische Frage, oder?

INVISIBLE DAMAGE Genre: Rock der letzen 50 Jahre Mitglieder: Mika Beier (Gitarre), Cynrik Schulte (Gitarre), Andreas Stefan (Bass), Julian Brandthorst (Schlagzeug) und Kristin Kokemoor (Vocals), Web: facebook.com/InvisibleDamage

Angefangen mit einem Auftritt bei der Zeugnisvergabe des Gymnasiums Petershagen 2016 trennten sich unsere Wege zunächst für ein Jahr bis wir uns für das Rock Nachwuchsfestival im Anne-Frank-Haus in Minden wieder zusammen gefunden haben. Das war die Geburtsstunde von »Invisible Damage«. Musikalisch spielen wir Rock der letzten 50 Jahre von Nutbush City Limits von Tina Tuner bis Satellite von Rise Against. Mika und Julian spielen noch bei den Hoggar Nights. Kristin ist im diesjährigen Finale vom City Talent und tritt zudem als Solokünstlerin bei Hochzeiten oder Geburtstagen auf. (Foto: Jannis Brandthorst)

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DIVERSES ROSI – HOPE

Web: facebook.com/rosi.info Instagram @rosi_sad_dance_band rosi-music.bandcamp.com

ROSI wurde 2014 von Sänger Sven Rosenkötter ins Leben gerufen, der im Studio auch am Bass, Synth und den Arrangements arbeitet. Im März 2015 stieß Gitarrist, Bassist, Arranger und Synthspieler Mirco Rappsilber zu ROSI. Zwei Jahre nach dem Debütalbum »Grey City Life« erschien am 27. Juli 2018 mit »HOPE« das neue Album des Bielefelder Duos. Aufgenommen und gemischt wurde es von Mirco und Sven, unterstützt von Jan-Niklas Jansen. Das Mastering übernahm Daniel Husayn in der North London Bomb Factory, um den energiegeladenen Livesound des Duos optimal auf Vinyl zu bannen. Dass es gelungen ist, die zwischen Indie, Darkpop und Postpunk oszillierenden Klangbilder packend und lebendig einzufangen, ist unbestreitbar – die tanzbaren und poppigeren Stücke ertönen nun noch klarer, der Punkteil sleazt hingegegen mit einer ordentlichen Schippe Dreck und Druck extra daher. Referenzen sind Wipers, Joy Divsion, Nick Cave und die 39 Clocks. Elf Stücke aus dem Schatten einer Großstadt. ROSI gelingt der Kunstgriff, diese Stimmungen nicht im Tümpel der »schwarzduseligen« Effekthascherei und Theatralik ersaufen zu lassen, sondern stets an den richtigen Stellen Farbkleckse einzufügen. Trotz einer Schwere, die die Menschen hin und wieder nach unten zieht, bleibt stets die Hoffnung. (Thomas Feßler; Foto: Danny Kötter)

ALLIGATOR RODEO – GHOST IN THE MACHINE »Three song EP, three attempts to make existence worthwhile, three bullets in the head.« Alligator Rodeo ist eine Sludge Band aus Detmold. Sie setzt sich zusammen aus Till (Gitarre,Vocals), Jones (Gitarre), Tobyos (Bass) und Theo (Drums). Gegen 2012 als Trio gegründet, veröffentlichten sie dieses Jahr ihre EP »Ghost in the Machine« bereits als Quartett. Die Aufnahmen fanden Ende 2017 bei Björn Brodner in den 7Klang Studios statt. Dort wurde bereits ihr Debütalbum produziert, welches 2016 bei Deafground Records erschien. Die neue EP verlegen sie in Eigenregie. Sie umfasst die drei Songs »Ghost in the Machine«, »Ogun« und »Freight Train«. Die Spieldauer beträgt ca. 18 Minuten. Für das Mastering zeigt sich die Tonmeisterei in Oldenburg verantwortlich.Das fantastische Coverdesign sowie das Layout haben Alligator Rodeo Maike Klamp zu verdanken. Zum Titeltrack existiert ein Musikvideo von Danny Kötter. (pr/aw; Foto: Hanna Retz)

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HORSEMAN – ... OF HOPE, FREEDOM AND FUTURE Seitdem ich Horseman als Vorband bei einer Releaseparty im Nr. z. P. sah, bin ich Fan der Bielefelder Hardcore Metaller. Deswegen freue ich mich ganz besonders über ihr drittes Album »... Of Hope, Freedom and Future«. Zuerst wusste ich nicht, was ich erwarten soll. Das Cover von Gregor Panic sieht nicht wirklich nach dem einer Hardcoreband aus. Erwarten den Zuhörer etwa Balladen? Entwarnung: Horseman hauen in ihrem neuen Album wieder mächtig auf die Ka*** und überraschen mit Refrains, die auf Konzerten zum Mitgrölen animieren. Mal gibt es astreine Old School Hardcore Nummern und dann Songs mit Metalspitzen, großartigem Clean Gesang und tollen Gitarrensolos. Die Jungs haben es verdammt noch mal drauf, oh ja. Der altbekannte Song »Die Gedanken sind frei« dient als kurze Verschnaufpause, bevor es auch gleich weitergeht. Nach mehrmaligen Durchgängen verstehe ich nun dank der Songtexte auch das Cover besser. Der eine oder andere Song trägt sicher eine Botschaft zur heutigen Zeit in sich. Den erhobenen Zeigefinger sucht man aber vergeblich und deswegen macht das Album auch noch Spaß, wenn man es bereits mehrmals angehört hat. Die CD gehört auf jeden Fall in meine Sammlung. Müsste ich ein abschließendes Fazit schreiben, bliebe mir eigentlich nur noch eins zu sagen: Geiles Teil!!! (Thomas Williams)

DROWN MY DAY - THE GHOST TALES Für einen angemessen düsteren Start in die dunkle Jahreszeit sorgen in diesem Jahr Drown My Day: Die Krakauer Deathcorehelden legen auf ihrem neuen Studioalbum »The Ghost Tales«, das im November beim Bielefelder Indielabel Noizgate Records erschien, zehn echte Thriller vor, die für ordentlich Gruselatmosphäre und kalte Schauer sorgen dürften. Für das zweite Album ließ Sänger Maciej sich von J-Horror inspirieren, und so heißt die Scheibe nicht umsonst »The Ghost Tales«. Auch das Artwork von Kuba Sokòlski passt zum Programm. Die Deathcore-Metaller geben den düsteren Stücken aber immer wieder etwas Groove, der das Anhören nicht langweilig werden lässt. Die Midtemponummern gehen stark in Richtung Doom Metal, auch wenn der grollende Gesang nicht zu dieser Art Musik passen will. Interessant ist es allemal. Hier und da wirkt es so, als würden die Bandmitglieder etwas zu viele Stilrichtungen miteinander verweben, was einen an Sampler mit unterschiedlichen Bands denken lässt. So dürfte für viele Geschmäcker etwas dabei sein. (Text/Foto: pr Noizgate/Thomas Williams)

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TORIAN Paderborn

Genre: Power Metal Mitglieder: Marc Hohlweck (Vocals), Carl Delius (Guitars), Alexander Thielmann (Guitars), Bengt Kunze (Bass), Manuel Gonstalla (Drums) Web: torian-legion.de

Interview mit Gitarrist Carl am 18. November; Fotos: Oliver Kleibrink

Carl, du hast die zehn Songs eures neuen Releases »God of Storms« geschrieben. Wie bist du an das Album rangegangen? Ausgangspunkt für neue Songs sind Refrains, die ich im Kopf habe. Darauf baue ich auf. Manchmal wird noch ein Refrain ausgetauscht oder woanders eingebaut, wie es halt passt. Diesmal ging die Arbeit sehr locker von der Hand. Vor einigen Jahren setzten wir ein Konzeptalbum um. Das war etwas nervenaufreibender, weil alles zusammenpassen musste. Jetzt gibt es einfach nur zehn Metal-Songs. Das Songwriting ging sehr schnell. Wie lange hat die Arbeit am Album insgesamt gedauert? Das Songwriting brauchte in etwa nur ein halbes Jahr. Sonst dauerte es immer wesentlich länger. Dann folgten natürlich noch die Aufnahmen und die Produktion. Wer hat daran mitgearbeitet? An der Ausformung meines Grundgerüsts war am Ende die ganze Band beteiligt. Ich liefere den Großteil der Gesangsmelodien, für die unser Sänger Texte schreibt. Die Songs wurden gemeinsam arrangiert. Jeder übernimmt seinen Teil, beispielsweise die Soli, die unser Leadgitarrist schreibt. Die Gitarren-, Bass- und Gesangsaufnahmen setzten wir gemeinsam mit Nikko von Bloodwork aus Paderborn um. Schlagzeug und Chöre setzten wir im Studio unseres Produzenten um, der das Album zum Schluss auch mischte. Wie ist der Kontakt zu Claudio Bergamin, dem Illustrator eures Covers, entstanden, der bereits für Bands wie JudasPriest und Battle Beast tätig war? Das lief über das Label. Wir hatten eigentlich schon ein cooles Cover von einem Künstler aus dem Ruhrgebiet fertig, aber der Chef von Ram it Down Records wollte lieber eine andere Richtung einschlagen. Das neue Artwork ist absolut großartig und passt viel besser zur Musik. Damit waren dann alle Beteiligte zufrieden.

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MUSIK: TORIAN

Wie hat der Illustrator euer Album visuell umgesetzt? Hatte er eure Musik als Grundlage? Er kannte vorab den Titel »God of Storms« und ließ sich davon inspirieren. Er wollte eine Figur – den »Flattermann« – im Zentrum haben, die etwas bewirkt, einen Sturm entfesselt. Die unterschiedlichen Interpretationen der beteiligten Künstler sind echt faszinierend. Claudio Bergamin war vielleicht etwas mehr im Power Metal Thema als unser erster Grafiker. Wir ließen ihm relativ freie Hand, da er ein Profi auf seinem Gebiet ist und wir keine guten Zeichner sind. Von seinem ersten gemalten Entwurf waren wir sofort überzeugt. Die Alben-Produktion und das Performance-Video gaben wir ebenfalls in professio­nelle Hände. Es ist sehr angenehm, mit Fachleuten zusammenzuarbeiten. Auf unser neues Label Ram it Down Records lässt sich diese Aussage auch übertragen. Man muss gar nicht groß seine Wünsche vermitteln. Sie arbeiten von selbst, und das Ergebnis ist super. Das macht einfach Spaß. Eure Release Party findet in Hamburg und in Bielefeld statt? Genau, in Hamburg bildet eine Label Night den Rahmen. Dystopolis, eine Power Metal Band aus Bremen, wurde gleichzeitig mit uns von Ram it Down Records gesigned. Dazu kommt noch eine sehr coole Hamburger Support Band. Im Norden haben unsere Konzerte schon ein paar Mal sehr gut gezogen. Unser Label sitzt dort. Hamburg ist eins der Zentren für Power Metal in Deutschland. Running Wild und Helloween stammen von dort. Daher passt die Stadt einfach für unsere Release Party. Der Termin im Stricker hat sich sehr gut ergeben und liegt nicht so weit von unserer Heimat Paderborn entfernt, wo wir erst vor kurzem beim Metal Inferno auf der Bühne standen. Es ist uns wichtig, den Release auch in unserer Heimat OWL zu zelebrieren.


Habt ihr was Besonderes für eure Release Party geplant? Wir werden das ganze Album spielen. Zwei, drei alte Gassenhauer haben wir zwar auch dabei, aber grundsätzlich liegt der Fokus auf »God of Storms«. Das gesamte Album live in einem Stück wird es so danach nicht mehr geben. Ansonsten haben wir ein neues Banner, ein neues Bühnenbild, neues Merch, einfach alles am Start. Wir sind sehr gespannt. Es wird schon geil, und wir freuen uns megamäßig darauf. Ist eine Tour geplant? Wir sind für das kommende Jahr noch am Gucken. Nach und nach trudeln Angebote ein. Gesetzt ist ein kleiner Abstecher in die Slowakei. Dann müssen wir gucken, was an Open Airs noch so geht. Wir wollen natürlich so viel wie möglich live spielen und gute, dicke Shows zocken. Die Zeichen stehen auf Sturm, die Rezensionen sind bisher alle super, auch in den großen Magazinen wie »Rock Hard«. Die Vorbestellungen laufen gut. Es ist eine sehr spannende Zeit. Habt ihr euch für einen Release auf Vinyl entschieden oder kam die Idee von eurem Label? Das war tatsächlich die Anregung unseres Labels. Natürlich mussten wir darüber nicht lange nachdenken. Und die Vinyl sieht wirklich megageil aus. Das Cover Artwork war der Hauptgrund für diesen Schritt.

Torian gibt es ja schon seit 2002, die aktuelle Besetzung seit 2005. Wie kann man als Band so lange bestehen? Wir haben gemeinsam Spaß und setzen uns bestimmte Ziele. Es ging für uns bisher immer eine Stufe höher. Wir haben alle Bock auf die Band und die richtige Einstellung dazu. Während wir versuchen, stets das Beste rauszuholen, setzen wir uns gleichzeitig nicht zu sehr unter Druck. Vor unserem aktuellen Label wurden wir nur innerhalb des deutschsprachigen Raums vertrieben. Nun ist unsere Musik weltweit erhältlich. Abseits der ganz großen Mainstream Metal Festivals absolvierten wir richtig geile Auftritte. Wir waren Support für größere Bands und hatten Headliner Shows bei Umsonst & Draußen Festivals, die für mich wegen der Größe des Publikums zu den geilsten Auftritten zählen. Inzwischen haben wir uns einen Namen erarbeitetet und können uns aussuchen, wo wir spielen. In der Regel fahren wir nach Shows zufrieden nach Hause. Bei Torian haben sich fünf Leute gefunden, die die Band gemeinsam durchziehen und die richtige Einstellung mitbringen. Wenn du dich verkrampfst, merken die Leute das. Somit macht man sich selbst den Spaß kaputt. Man muss die Balance und die richtige Mischung finden. Dann klappt es auch.

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Fühlt ihr euch wohl in der Metalszene Paderborns? Absolut. Paderborn hat eine Menge Leute, die zu Konzerten gehen. Gegen 2010 gab es mal zu viele Veranstalter. Der Markt war übersättigt. Einige warfen das Handtuch, doch die Metal Inferno e. V. hat diese Zeit beispielsweise gut überstanden, und nun gibt es sie schon so lange wie Torian. Vor zehn Jahren mischte ich in dem Verein auch mal mit. Das diesjährige Metal-Inferno war ausverkauft, und das Publikum feierte nahezu jede Band ab. In Paderborn finden ansonsten nicht besonders viele Metalkonzerte statt. Wenn es mal eins gibt, kommen die Leute allerdings in Scharen. Die Szene hier ist sehr lebendig, langsam kommen wieder jüngere Bands nach. Vor zehn Jahren hatten wir eine riesige Metalcore Szene mit jungen Bands.

Kannst du was zum Stichwort »Jungsmusik« erzählen? Der »Jungsmusik« Initiator und Ex-Bielefelder Michael Goehre wohnt inzwischen im Ruhrgebiet und hat uns als Band immer irgendwie begleitet. Unsere erste Akustik-Show war vor vier Jahren im Rahmen von »Book meets Metal« mit einem Autoren aus dem Ruhrgebiet in Hagen. Irgendwann kam Michael auf uns zu und fragte, ob wir auch seine Lesungen akustisch begleiten wollen. Daraus wurden sehr coole Veranstaltungen, die viel Spaß machen. In diesem Jahr fand »Jungsmusik« viermal statt. Technisch hält sich der Aufwand in Grenzen. Die Auftritte sind ziemlich stressfrei. Als Power Metal Band muss man bei Akustik-Sets allerdings erstmal den Mut aufbringen, unplugged zu spielen. Es ist sehr melodische Musik, die mit einer Akustikgitarre gut funktioniert. So entstehen die Songs übrigens meist auch. Man hört natürlich jede Unsauberkeit dabei. Wir setzen die Songs nur zweistimmig um. So klappen die Auftritte überraschend gut. Eine Death Metal Band könnte natürlich keine Akustik-Show machen ... Obwohl das auch sehr witzig werden könnte.

TORIAN – GOD OF STORMS Hört man sich Torians viertes Album »God of Storms« an, mag man gar nicht glauben, dass es sich bei der Truppe um eine Undergroundband handelt. Denn mit Bands wie Sabaton, Running Wild oder Hammerfall kann es die Scheibe locker aufnehmen. Und schließlich sind sie schon mit solchen Größen aufgetreten. Schon der erste Song »Old Friend Failure« macht klar, in was für eine Richtung es geht: Pedal to the Metal. Mit viel Schmackes und Chorusen. Tempowechsel gibt es kaum, was leider auch dazu führt, dass es ein wenig an Abwechslung mangelt. Das tut der Stimmung der Scheibe aber keinen Abbruch. »God of Storms« ist so etwas wie ein Partyalbum unter den Power Metal Alben. Viele der Songs gehören bereits zum Live Set und wurden vom Gitarristen Carl Delius geschrieben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie das Publikum diese feiert. Die Refrains bieten bestes Potenzial mitzusingen. Produziert wurde das Album von Seeb Levermann, der unter anderem schon schon mit Rhapsody of Fire und Orden Ogan zusammengearbeitet hat und 2016 Torians EP »Phantoms Of The Past« produzierte. Sänger Mark Hohlweck gibt hörbar alles. Auch auf der Bühne, wie ich 2014 sehen konnte, und dank dem neuen Album freue ich mich umso mehr darauf, die Jungs hoffentlich bald wieder live sehen zu können. (Thomas Williams)

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MUSIK: TORIAN


WEBER & KNECHTE Bielefeld, Detmold

Genre: Rock Mitglieder: Dirk Weber (Gesang), Dirk Starke (Gitarre), Samuel Lück (Gitarre), Konrad Roll (Bass) Web: weberundknechte.de

Wer sollte sich euer Debütalbum »Im roten Bereich« auf keinen Fall entgehen lassen? Niemand sollte sich unser Album entgehen lassen! (lacht) Wir spielen sehr düsteren, deutschsprachigen »Bombastrock«. Wer also auf böse, harte Musik steht, der sollte auf jeden Fall mal reinhören. Wie viele Songs befinden sich darauf? Das Album wird insgesamt zwölf Tracks enthalten. Worum dreht es sich in den Songs? Inhaltlich sind viele Songs sehr düster, genau wie die Musik selbst. In »Dämon« zum Beispiel geht es um Austreibung. Viele Songs erzählen tatsächlich kleine Geschichten. Neben den phantastischen Themen gibt es aber auch einige sehr ernste Titel aus dem echten Leben zum Beispiel zum Thema Sucht und Gewalt. Der rote Faden durch alle Tracks ist die Ansiedlung im »roten oder grenzwertigen Bereich«. Wo kann man das Album erhalten? Aktuell nur über unsere Homepage weberundknechte.de. Einfach eine Mail an uns schreiben. Im Laufe der nächsten Wochen werden wir aber noch über andere Plattformen das Album vertreiben. Infos dazu folgen auf unserer Facebook Seite »Weber & Knechte«. Wenn »Im roten Bereich« ein Film wäre: Was wäre die Handlung und wer würde mitspielen? Vorweg: Wir lieben gute Filme und Serien! Deswegen ist das echt eine spannende Frage für uns. Der Film würde vermutlich in die Richtung von Pans Labyrinth von Guillermo del Toro gehen. Zum einen weil die ganze Atmosphäre im Film vielen Songs ähnelt. Zum anderen weil der Film unterschwellig auch eine gesellschaftskritische Message hat. Außerdem sind viele Requisiten tatsächlich von Hand gemacht und nicht nur am PC entstanden. Genauso haben wir selbst jeden Song in den eigenen Händen gehabt und alles nach unseren Vorstellungen selbst produziert. Das hat uns natürlich sehr viele Freiheiten, aber auch sehr viel Arbeit beschert.

Kennt ihr eine andere Bombastrock-Band, die ohne Drummer arbeitet? Es gibt ja einige Bands die nur aus ein bis zwei Mitgliedern bestehen. Dort werden häufig Instrumente digital eingespielt. Allerdings spielen die Bands dann oft trotzdem mit externen Musikern ihre Gigs. Eine Band, die wie wir komplett auf einen Drummer verzichtet, kennen wir tatsächlich nicht. Kennst du eine? Fühlt ihr euch wohl in der lokalen Musikszene? Wir sind mit Weber & Knechte erst seit knapp zwei Jahren in der Szene unterwegs. Trotzdem wurden wir mit offenen Armen empfangen. Unsere ersten Gigs werden wir zusammen mit unseren Freunden von »Endlust« und »Pillbox« spielen. Auch Johnny, der Sänger von Soulbound, hat uns vor allem zu Beginn einige super Tipps gegeben. An dieser Stelle nochmal herzlichen Dank! Wo würdet ihr gerne mal auftreten? Wo ist uns tatsächlich ziemlich egal! Solange die Leute mit uns zusammen rocken und alle Spaß dabei haben, sind wir absolut zufrieden. Wo kann man euch live erleben? Wir planen für 2019 gerade einige Gigs. Sobald die Termine stehen, werden wir das natürlich auf unserer Facebook Seite mitteilen. Bielefeld, Detmold, Minden und Gütersloh sind bisher als Konzertstädte angepeilt. Wollt ihr abschließend noch etwas erwähnen? Wir würden in 2019 gerne noch mehr Konzerte spielen. Wer uns die Gelegenheit gibt, seinen Laden zu rocken, darf uns jederzeit anschreiben. Wer Bock hat, uns zu unterstützen, kann per Mail unser Album bei uns bestellen. (Foto: Alex Klug)

WEBER & KNECHTE

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BIELEFELD MINDEN PADERBORN GUTERSLOH DETMOLD

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