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Unabhängiges Magazin Ausgabe 10

Delano Š Clipskills


Du planst eine Reise in den hohen Norden – nach Kiel. Dabei denkst du zunächst an Ostsee, Hafen und Kälte? Alles zutreffend, auch wenn es im folgenden jetzt stürmisch und zugleich heiß wird. Dafür sorgt (nicht erst seit heute) Rapperin Presslufthanna aus Kiel. In Zusammenarbeit mit dem Münsteraner Label Blumeblau erschien mit „Eingangsbereich“, bereits Anfang März ihr Vinyl-Debüt. Dabei erwarten den Hörer insgesamt acht „ehrliche“ Hip-Hop Tracks, welche von Oskar Hahn und Plusma produziert wurden. Die derben Cuts von Jona Gold, Teleluke, DJ Polar und Sotah runden die Platte perfekt ab. Für alle ohne Plattenspieler gibt es die EP ebenfalls auf allen gängigen Streaming-Plattformen sowie zum Download auf Bandcamp/iTunes. Hip-Hop braucht definitiv mehr davon.  (Ben Fuchs) shop.blumeblau.com/produkt/presslufthanna-eingangsbereich presslufthanna.bandcamp.com facebook.com/Presslufthanna instagram.com/pressluft.hanna

© Svetlana Grigorieva

© JEE

Presslufthanna – Eingangsbereich


© some1 Die Vinyl ist tot. Die CD ist tot1. Print ist tot. HipHop ist tot. Facebook ist tot. Kneipen­ sterben. Diskothekensterben. Clubsterben. In Schönheit sterben2? Zeit, Wiederbelebungs­ maßnahmen einzuleiten? Sterbe­hilfe leisten? Auf Wiedergeburt hoffen? Alles Schwarz­ malerei? Ich weiß es nicht. Aber was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass fankyzine Nr. 10 wieder bis zum Anschlag voller großartiger und vielfältiger Künstlerinnen und Künstler der Umgebung ist, die die Kulturlandschaft mit ihrem Schaffen bereichern. Also kann es nicht wirklich so schlecht um uns bestellt sein. Und: Sterben können wir später3. Vielen herzlichen Dank an alle Beteiligten. Und nun viel Spaß mit der Ausgabe. Ich bin selbst immer wieder davon überrascht, was am Ende dabei rumkommt. Von HipHop, Graffiti, Techno, Melodic Hardcore, Progressive Metal, Punkrock, Fotografie, Literatur, ... sollte hoffentlich für jeden Geschmack wieder etwas dabei sein. Eure Andrea Williams Herausgeberin fankyzine 1

Impressum fankyzine Nr. 10 Mai 2019 Herausgeberin Andrea Williams

Postadresse Keplerstraße 9 33613 Bielefeld Fon: 0521 9498035 www.fankyzine.de info@fankyzine.de

Delano / 2 EP zero/zero / 3 Roman Nico Feiden

Konzept/Gestaltung: Andrea Williams Titel: Delano © ClipSkills; Rückseite: Norbert3000 © Norbert3000 Druck: flyeralarm GmbH

Dies ist weder ein Aufruf noch eine Förderung von Vandalismus und/oder illegalen Aktivitäten. Die Urheber und Künstler sind namentlich nicht bekannt. Illegale Graffiti sind Sachbeschädigungen, der Verursacher macht sich schadenersatzpflichtig und wird strafrechtlich verfolgt. fankyzine distanziert sich ausdrücklich von Vandalismus und illegalen Aktivitäten. Mehr Informationen unter http://bit. ly/1lTT31Q. Sämtliche Texte und Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung. In den Beiträgen geäußerte Meinungen geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. fankyzine __ 3


Moin! Ich male some1, bin seit 2011 mit der Sprühdose zugange und öfter mal an den verschiedenen Hall of Fames in Westfalen anzutreffen. Bei guter Musik und Gesellschaft in Ruhe ein Bild zu malen, mit dem ich später zufrieden bin, sich dabei die Sonne aufs Fell scheinen zu lassen und einfach ’ne gute Zeit zu haben, liegt mir mehr und ist mir wichtiger als Action, die sich in erster Linie an Szene-Anerkennung orientiert.

Mein Interesse für Graffiti wurde in meiner Heimatstadt Gütersloh geweckt. Damals bin ich jeden Tag auf dem Schulweg an der We-

berei vorbeigekommen, wo stets aufwendige, farbenfrohe Produktionen von Syck, Pern, Tier usw. bestaunt werden konnten und ich dadurch schließlich angefixt wurde, selbst mal zur Dose zu greifen. Das Faszinierendste an dem ganzen Graffiti-Ding ist für mich, wie es die unterschiedlichsten Menschen durch eine gemeinsame Leidenschaft zusammenbringt und Freundschaften und Situationen entstehen, die sonst vielleicht nie zustande gekommen wären, aber die mein Leben an vielen Stellen bereichert haben. An dieser Stelle Gruß an die STA-Crew und die Bordeaux Boys!

instagram.com/s0me.one.1

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Die Kraft der Wiederholung KE:NT Genre: Techno Heimatstadt: Berlin/Detmold Web: instagram.com/hey_kent soundcloud.com/sounds-kent Interview am 30. März 2019, Herford Du gibst ganz allgemein Techno als dein Genre an. Verfolgst du eine bestimmte Richtung? Ich mag Techno mit Verstand. Musik, die etwas ver­ mittelt, eine Message hat. Sie muss Gefühl beinhalten. Ich würde meine Musik als ein bisschen düster und melancholisch umschreiben. Auf Facebook gibst du als Einfluss Pink Floyd an. Haben dich deine Eltern musikalisch beeinflusst? Mein Vater war absoluter Pink Floyd und David Bo­ wie Fan. Ich wuchs mit dieser Musik auf und wurde von ihr sehr geprägt, wenn auch nicht in Bezug auf das, was ich auflege. Meine Musikproduktion im Studio und das öffentliche Auflegen sind für mich zwei verschiedene Paar Schuhe.

Wie bist du zum Auflegen gekommen? Mit 16 kaufte ich einem Kumpel zwei Plattenspieler und einen ganz billigen Mixer ab. Ich hatte zwei Plat­ ten und legte diese ständig auf, bis meine Mutter die ewigen Wiederholungen nicht mehr aushielt und mir Geld für neue Platten gab. Members of Mayday und solche Scheiben folgten. Glücklicherweise gab es in Detmold einen Plattenladen. So rutschte ich zuneh­ mend ins Elektronische. Mein Ziel ist es bis heute, Musik mit möglichst wenig Elementen kraftvoll rü­ berzubringen. An Techno fasziniert mich die Kraft der Wiederholung. Das immer Gleichbleibende, das dich mit der entsprechenden Offenheit für das Genre richtig mitziehen kann. Wo war dein erster Auftritt als DJ? Als Jugendlicher hatte ich zwei separate, riesige Zim­ mer. Somit fanden Partys, die ich zum Auflegen nutz­ te, immer bei mir statt. Mit 17 fragte mich ein Kollege, warum ich nicht in Clubs auflege. Eine Partyagentur verschaffte mir meinen ersten Gig im Aura Ibbenbü­ ren. Mein Auftritt dauerte genau zehn Minuten, bis mich der Haus-DJ von der Bühne holte. Zum ersten Mal mit Profi-Equipment zu arbeiten, war, als ob ich mein Leben lang Bobby-Car gefah­ ren wäre und auf einmal eine Boeing 747 fliegen muss. Da­ durch war ich so deprimiert, dass ich mit dem Auflegen aufhörte und wieder verstärkt in die Produktion einstieg.

Da er immer eine Käppi trug und ich eine Glatze habe, nannten wir uns Muetze.Glatze.

Hast du dich in anderen Genres ausprobiert, bevor du ein Techno DJ geworden bist? Als Kind bekam ich von mei­ nen Eltern eine Stereoanlage geschenkt und spielte mit Freunden und alten Kasset­ ten meines Vaters Disco. So fing meine Begeisterung für Musik an. Später wollte ich Rapper werden. Es haperte nicht an meinen Tex­ ten, aber ich mochte meine Stimme einfach nicht. Gegen 2009 begann ich, selbst Beats zu produzie­ ren: HipHop Offbeats ohne Text. Heute nennt man das Trap. Ich schnitt aus Computer- und Hörspielen Stimmen heraus, die mir in den teilweise acht Mi­ nuten langen Tracks als Samples dienten. Leider stellte ich fest, dass niemand meine Musik gut fand. So habe ich mich dann weiter an anderen Sachen probiert und bin letztendlich beim Techno hängen geblieben.

Wie ging es dann weiter? 2010 traf ich einen alten Schul­ kameraden wieder, der sich mit dem Auflegen gut auskannte. Da er immer eine Käppi trug und ich eine Glatze habe, nannten wir uns Muetze.Glatze. Unsere Produktionen gingen eher in Richtung Deep House. Wir releasten bei Oliver Scho­ ries’ SOSO und anderen kleineren Labels. Irgend­ wann lebten wir uns auseinander. So beschloss ich, was unter meinem eigenem Namen auszuprobieren. Mein erster Auftritt als KE:NT war im Sams Bielefeld. Danach entstand der Kontakt zu Absolute Techno, mit denen ich mich super verstand. Sie fanden meine Musik gut. Drei Monate später machte ich bereits das Warm-up für Torsten Kanzler im Borderline Basel. fankyzine __ 7


Von da an ging’s richtig los. Ich checkte selbst nicht richtig, was da alles abging. Ich hatte mega Spaß, aber eigentlich wollte ich mir mit eigenen Produktio­ nen einen Namen machen. Dank meiner Präsenz bei Absolute Techno wurden mir zunehmend die Türen geöffnet. Innerhalb kürzester Zeit konnte ich in allen Clubs der Umgebung auflegen. Leute fanden’s krass, wie ich durchstartete. Mich selbst hat die Situation irgendwann überfordert. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, diesen Zustand halten oder sogar steigern zu müssen. Ich setzte mich selbst unter Druck und ließ meine Leidenschaft, das Produzie­ ren, schleifen.

nach Gefühl zu machen. Bereits früher war die Mu­ sik mein Ventil, um Alltagsprobleme zu verarbeiten. Nun stellte sich mir die Frage, wo ich releasen soll. Über Label veröffentlichen alle. Im Endeffekt geht es heutzutage nur noch darum, wo man erscheint und wer die Scheibe spielt. Ich finde, es wird gar kein Bezug mehr auf den Inhalt genommen. Viele Leute veröffentlichen eine Scheibe nach der anderen und liefern nichts Neues. Die Message dahinter kommt zu kurz. Das ist mein persönlicher Blick auf die aktuelle Entwicklung. Deswegen den­ ke ich darüber nach, eine ei­ gene Plattform zu gründen, um eine total entspannte Atmosphäre für Künstler zu schaffen und wo man sich gegenseitig ein bisschen un­ terstützen kann. Inzwischen ist das sehr schwierig gewor­ den. Früher freute man sich, andere DJs und Produzenten zum Austausch zu tref­ fen, und saß das ganze Wochenende gemeinsam im Studio. Heute ist das so ein Eigenbrötler-Ding. Jeder versucht, nur sich selbst nach oben zu bringen. Man ist DJ / Producer / Veranstalter / Influencer / PokemonTrainer / Hastenichtgesehen in einer Person. Wenn man zu viele Dinge auf einmal macht, kann da nichts draus werden. Mein Plan für die nächsten Jahre ist es, eine Plattform zu schaffen, die die Zusammenarbeit von Musikern, Filmemachern, Designern, Fotografen, Schriftstellern, Modedesignern etc. ermöglicht. Vom Studio aus könnte ich meine Musik weiter voran­ treiben, aber auch Künstler entdecken, fördern und Starthilfe geben. Das einzige Problem ist das Finan­ zielle, da so ein Projekt sehr teuer und zeitaufwän­ dig ist. Klar könnte ich jetzt mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, loslegen, doch wenn ich etwas starte, sollte es professionell und qualitativ hochwer­ tig sein.

Mich selbst hat die Situation irgendwann überfordert.

Wie bist du zurück zum Produzieren gekommen? Es brauchte seine Zeit, bis ich mich weniger unter Druck setzte und wieder ins Studio traute. Bei Nulectric hatte ich vor zwei Jahren einen Release. Mit dem Ergebnis war ich so unzufrieden, dass ich beschloss, erstmal meinen Sound zu finden. Ich bin absoluter Perfektionist, was mich selbst total aufregt. Viele fragen, wann ich endlich wieder etwas veröffentliche. Dann verweise ich auf den Spruch meiner Oma: „Gut Ding will Weile haben.“ In erster Linie muss ich mit der Scheibe zufrieden sein. Des­ wegen lasse ich mir jetzt sehr viel Zeit. Zudem bin ich mittlerweile Vater, dadurch hat sich einiges geändert. Vergangenes Jahr im August hatte ich gesundheitli­ che Probleme, wo ich zurückschrauben musste. Jetzt liegt der Fokus auf dem Produzieren, meinen Sound zu finden und das Auflegen läuft nebenher, weil ich Bock darauf habe. Ich bin der einzige Absolute Tech­ no Resident aus Deutschland. Zu den Auftritten reise ich acht Stunden hin und acht Stunden wieder zu­ rück. Sie sind mittlerweile wie eine Familie für mich. Ihnen bleibe ich wirklich treu. Wir machen auch re­ gelmäßig Familienurlaube in der Schweiz. Im Vorfeld hattest du ein weiteres Projekt erwähnt. Kannst du dazu schon was verraten? Als ich für Absolut Techno meets Abstract mit Tors­ ten Kanzler auflegte, war das für mich nach Muetze. Glatze Neuland. Zunächst hatte ich wahnsinnige Probleme, mich musikalisch darin wiederzufinden. Ich dachte, dass ich als Techno DJ auf Biegen und Brechen die gleiche Musik produzieren muss, die ich im Club auflege. Das machte mich richtig fertig. Nach meiner krankheitsbedingten Pause stellte ich meine Ohren komplett auf Null und ging total unvor­ eingenommen zurück ins Studio, um Musik wieder 8 __ fankyzine

Ist dir ein Auftritt in besonderer Erinnerung geblieben? Eigentlich alle. Die Steigerung war halt unfassbar. Nature One war eine interessante Erfahrung. Zwei Jahre vorher hätte ich nicht einmal erwartet, im Sams auflegen zu dürfen. Im Endeffekt würde ich auf dem Festival nicht erneut auftreten, weil es pu­ rer Kommerz ist. Da bin ich ganz ehrlich. Ein High­ light für mich war das Nordstern in Basel. Das ist das Nonplusultra der Clubs, professionell auf höchstem Niveau. Zudem war das Publikum wahnsinnig dank­ bar, und das finde ich halt immer schön. Teilweise spielt man vor 500 Leuten und hat das Gefühl, auf


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einer Trauerfeier aufzutreten. Auf der anderen Sei­ te gibt es kleine Kaschemmen, die keiner kennt und wo nur 50 Leute reinpassen, und da geht die Party ab. Um den Stressfaktor zu verringern, nehme ich nicht mehr alle Anfragen an, auch meiner Familie zuliebe. Es geht mir nicht ums Geld. Die Leute sollen nicht nur zu mir kommen, weil ich ein Name in einem fetten Line-up bin, sondern weil ich für eine be­ stimmte Art von Musik stehe. Von der ersten bis zur letzten Sekunde sollen es die Leute geil finden, sich meine Mucke zu geben. Das ist mein Wunsch. Ganz oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Publikum erst nach meinen drei Stunden Warm-up für den Haupt­ act des Abends wie beispielsweise Sam Paganini kommt und auf mein Set scheißt. Du bist halt KE:NT

... KE:NT kennt keiner (lacht). Es geht mir nicht da­ rum, immer in einem vollen Club aufzutreten. Ich freue mich schon, wenn jemand nach dem Auftritt zu mir kommt und mein Set feiert. Dann hat sich der Aufwand gelohnt. Ich versu­ che, immer 110 Prozent zu geben und mein Gefühl, das ich beim Auflegen empfinde, an das Publikum zu vermit­ teln. Für mich ist das nicht nur eine Aneinanderreihung von Tracks. Ich versuche, eine Story zu erzählen. Jede Scheibe im Set hat ihre Daseinsberechtigung. Wenn ich merke, dass ich mir zwei Stunden lang einen ab­ gerackert habe und es die Leute nicht interessiert, finde ich das schade. DJ sein ist halt nicht Musiker sein. Mein Traum als Kind war es eigentlich, Musik für Filme zu machen.

Ich versuche, beim Auflegen eine Story zu erzählen.

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© KE:NT

Welche Art Film könntest du dir vorstellen? Im Endeffekt wäre das Filmgenre egal. Ich würde Kurzfilme spannend finden, die ich mit Musik unter­ streichen darf. Damit mein Geld zu verdienen, wäre ein Traum. Ein Buch zu schreiben, ist auch ein Ziel von mir. Vielleicht Kinderbücher oder ein Selbsthil­ febuch: „Mein Leben ohne Haare“. Das ist mein Marken­ zeichen geworden. Man ruft mich nur KE:NT oder Glatze. Die kreative Ader kommt von meinem Vater. Er schrieb Bü­ cher, zeichnete viel und war DJ in Berlin und auf Ibiza. In meiner Geburtsanzeige stand damals: „Diesem jungen Mann steht eine musikalische Zukunft bevor.“ Daher darf ich das Schicksal nicht enttäuschen.

weitergeht. Es klingt total abgedroschen, aber so ist es nun einmal. Einige Sachen konnte ich nur mit Musik verarbeiten. Genau das möchte ich auch für jemanden auf der Welt ermöglichen: Eine Person, der es gerade richtig mies geht, hört meine Mucke und findet alles gar nicht mehr so schlimm. Und wenn es nur für die fünf Minuten meines Tracks sind, mit dem ich ihn aus seinem ganzen Alltagsscheiß raushole. Musik ist ein total emotionales Ding. Darum verfolge ich diese Techno-Geschichte in erster Linie instrumental. Wörter können eine gewisse Emotion auslösen, einen aber auch in eine bestimmte Richtung drängen. Bei InstrumentalMusik gibt es keine Grenzen. Jeder kann den Track anders interpretieren. Eigentlich kann ich noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob meine derzeitige Mu­ sik überhaupt Techno ist. Ich bin gespannt, wie meine nächsten Veröffentlichungen angenommen werden.

„Diesem Mann steht eine musikalische Zukunft bevor.“

Wieso ist dir Musik so wichtig? Musik brachte mich durch viele Etappen meines Lebens, wo ich das Gefühl hatte, dass es nicht mehr 10 __ fankyzine


Was denkst du über aktuelle Entwicklungen der Musikbranche? David Bowie und Pink Floyd erschufen einzigartige Werke. Heutzutage ist Musik oft abgedroschen. Kei­ ner traut sich mehr was Neues, was ich sehr schade finde. Stimming ist für mich ein geiler Typ, da man in jedem Track nach den ersten 30 Sekunden seine Handschrift erkennt. Sehr vielen Produzenten fehlt so etwas. Das ist wie ein Buch von Stephen King, den erkennt man auch nach den ersten Seiten. Inzwi­ schen bin ich auf Hörbücher umgestiegen. Es ist ein coo­ ler Weg, Informationen zu sammeln und Geschichten zu konsumieren. Außerdem verarbeite ich viele Elemente aus Hörbüchern in meinen Tracks. Ich laufe auch gene­ rell mit einem Aufnahme­ gerät herum. Beispielsweise klingt das Quietschen der ein­ geschweißten Plastikflaschen vom Discounter so schön. Das führte schon zu einer Track­ idee. Wenn ich rumlaufe, höre ich nicht die Geräusche, wie sie sind, sondern überlege bereits, was ich daraus machen kann.

Nein. Ich mag komplex aufgebaute Musik mit Details. Kindermusik ist eher Duplo. Mag deine Tochter deine Musik? Ja, voll. Ihre Lieblingslieder sind allerdings „English­ man in New York“ und „Happy“ von Pharrell Wil­ liams. Wenn ich ihr Videos von kahlköpfigen DJs zeige, reagiert sie darauf immer mit „Papa!“ Ich unterstütze ihr Interesse an Musik. Mein erstes Ge­ schenk an sie war ein Schlagzeug. Ich möchte sie da natürlich in nichts reindrän­ gen. Eine frühe musikalische Förderung hätte ich mir ge­ wünscht. Schulisch war ich nicht zu gebrauchen. Nach der neunten Klasse ging ich von der Schule mit einem Abschlusszeugnis von 6,0. Nicht, weil ich dumm war, sondern weil meine Interes­ sen woanders lagen. Ich hatte mehr als 300 unentschuldigte Fehltage. Wenn ich aber am Unterricht teilnahm, schrieb ich unvorbereitet gute Noten. Damals hätte ich mir mehr künstlerische Förderung gewünscht. Meine Tochter soll das machen, was sie glücklich macht. Ich versuche, sie jetzt schon in allen Lebenslagen zu unterstützen, möchte ihr allerdings den kreativen Weg besonders ans Herz legen. Wer weiß, vielleicht klappt’s ja bei meiner Tochter mit der Musikkarriere. Wenn sie lieber Kfz-Mechatronikerin werden möchte, ist das natürlich auch in Ordnung. Hätte mir damals jemand das Wissen vermittelt, das ich inzwischen habe, hätte ich einiges anders gemacht und würde nun wahrscheinlich ganz woan­ ders stehen. Klar, man muss sich ausprobieren und fällt oft auf die Schnauze, das gehört dazu. Gerade an negativen Erfahrungen reift und wächst man ... „KE:NT, der Techno-Therapeut: In 30 Schritten zum Superstar!“ oder „In 15 Schritten zum David Guetta!“ Nichts gegen David Guetta ...

ich verarbeite viele Elemente aus Hörbüchern in meinen Tracks.

Hast du einen Rat an Leute, die ins Producing einsteigen wollen? Manche Leute richten sich zu Beginn für 5000 Euro ein Studio ein und posaunen gleich rum, sie werden Producer. Dabei wissen sie noch nicht mal, ob ihnen das Produzieren liegt. Ich kann jedem nur ans Herz legen, sich erstmal die billigsten Boxen zu besorgen, sich gratis ein Programm zum Produzieren aus dem Netz zu ziehen und zu prüfen, ob einem das Thema überhaupt anspricht, bevor man sich von Anfang an in Unkosten stürzt. Guckst du aktuell DJ-Serien oder Dokus? Nein, da kriege ich die Krätze, wie das Thema teilwei­ se in den Dreck gezogen wird. Berlin Calling finde ich ziemlich unterhaltsam. Gibt es Musik, die du hörst, die dir eher peinlich ist? Helene Fischer beispielsweise. Du hast doch Musik gesagt (lacht). Eigentlich nicht. Ich höre alles. Dank meiner Tochter habe ich oft Kin­ derlieder als Ohrwurm. Könntest du dir vorstellen, Kindermusik zu machen?

Du bist der Erste, der das sagt. Ich feiere seine Musik nicht, aber man muss ihm las­ sen, dass er von seiner Art der Musik überzeugt war und damit zum Superstar wurde. Außerdem ist er ja nicht dran schuld, dass seine Musik so erfolgreich wurde, sondern die ganzen Menschen, die sie so toll finden. Naja, Leben und leben lassen! Wenn meine Musik irgendwann im Radio läuft und alle Leute sie toll finden, wäre das doch schön. Solange ich mir sel­ ber treu bleibe, ist doch alles super. fankyzine __ 11


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Iris aktiv seit: 1996 Schwerpunkt: Stylewriting! Crew: AYC / MVA / 59

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elluess (rechts) mit Toni Dizdar Š @maexister.photography 16 __ fankyzine


Gelungenes Intro elluess Genre: HipHop, Rap Heimatstadt: Hameln Web: instagram.com/elluess_original facebook.com/ELLUESS_original youtube.com/REPART tv

Gesellschaft angekommen. Das merkt man bereits am Radioprogramm mit RIN, Capital und Bausa. Al­ lerdings ist die Art von Rap salonfähig geworden, wo es viel um Drogen und Partykram geht. Früher wurde Rap bereits abgelehnt, als es inhaltlich noch um ganz normale Sachen des Lebens ging, die auch in ande­ ren Musikrichtungen vorkamen. Rap ist auf einer Art und Weise in der Gesellschaft angekommen, die mich stark verwundert.

Interview am 5. März 2019 Welches Konzert hast du zuletzt besucht? Das war Trettmann in Hannover. Kommenden Don­ nerstag bin ich bei Döll, da freue ich mich schon drauf. Hast du dich auch mal in anderen Musikrichtungen ausprobiert oder war Rap immer das Ding für dich? In der Jugend kam noch viel anderes dazu. Ich höre auch gerne mal Elektro und Mucke aus den 80ern. In Richtung Rock bin ich aber nicht so unterwegs. Ab­ seits von Deutschrap und Rap im Allgemeinen höre ich echt viel Musik.

Wer hat dir raptechnisch alles beigebracht? Hattest du Mentoren? Einen Mentoren hatte ich nicht. Mein älterer Bruder hörte viel Rap, dadurch bin ich da, glaube ich, range­ kommen. Meine Anfänge bauen vor allem auf meh­ reren Künstlern auf, die ich cool fand und mich inspi­ rierten, beispielsweise Samy Deluxe, Tua, ... Mädness & Döll kamen erst ein bisschen später, haben mich aber auch geprägt. Hast du Lieblingsrapperinnen? Momentan ist die krasseste weibliche Rapperin Deutschlands, die erst vor ein paar Tagen mit ihrem Lied „Intro“ um die Ecke kam, Juju. Der Track ist megakrass, und ich feiere ihn voll. Ansonsten fand ich SXTN als Gespann ganz cool. Deutschrap wird stark von Männern geprägt, aber unter den Frauen sind viele Gute dabei.

Rap ist auf einer Art und Weise in der Gesellschaft angekommen, die mich stark verwundert.

Du selbst warst aber immer nur als Rapper aktiv? Genau, wobei ich auf mei­ ner „Kreis“ EP ein bisschen weg vom Boom Bap und dem klassischen HipHop gehe, den man früher in der Runde rappte. Die Tracks sind eher melodisch und gehen gut ins Ohr.

Deine Texte werden als sehr lyrisch bezeichnet. Welchen berühmten Lyriker hättest du gerne mal als Rapper erlebt? Das fällt mir schwer zu sagen. Allgemein fände ich es cool, wenn erfolgreiche Musiker der Generation meiner Eltern sich an Rap versucht hätten. Dadurch hätten Ältere vielleicht eher einen Zugang zur Rap­ musik. Hast du nicht das Gefühl, dass Rap heutzutage viel akzeptierter ist? Rap ist auf jeden Fall mehr als jemals zuvor in der

Wo kann man dich live erleben? Ich rappe schon lange privat. Richtig an die Öffent­ lichkeit ging ich erst mit der jetzigen Veröffentli­ chung. Ich trat mal zwischendurch Béi Chéz Heinz in Hannover mit einem einzelnen Track auf. Am 25. Mai steht ein großes HipHop Konzert mit vielen anderen Rappern in der Sumpfblume Hameln an. Mit dabei sind D&D, Eazy und Ikarus aus Hannover, Panorama aus Minden, mein Bruder Tibe, Fuzzelbrain & Mido, Medic, Armando und Lutador aus Hameln. Das wird quasi eine große Jam Session und bestimmt sehr geil. Gibt es solche Jams häufiger in Hameln? Sowas hatten wir noch nicht. Das ist jetzt die erste fankyzine __ 17


in Kürze nach „Trip“, „Treiben“ und „Zehn“ noch eine Videoauskopplung zu „Gut“ mit Ikarus geben. Wie gehst du mit Kritik um? Trifft dich Kritik an deinen Texten stärker, weil deine Texte sehr persönlich sind? Wenn man meine Persönlichkeit oder meine Ge­ schichten angreift, finde ich das dumm. Das ist al­ lerdings so noch nicht vorgekommen. Doch wenn es sich um berechtigte Kritik handelt bezüglich man­ gelnder Qualität oder zu den Videos, kann ich das gut annehmen. Ich weiß nicht, ob die Leute nicht ehrlich sind oder ob sie einem Honig um den Mund schmieren, aber ich habe echt nur gute Rückmel­ dungen erhalten. Es gab nur ganz wenig ernsthafte Kritik. Das hat mich bestärkt und ermutigt, meine Musik weiterzumachen.

© @maexister.photography Auflage dieses Events, die Erkan von Shimmy Ya or­ ganisiert. Er ist auch für die anderen HipHop Partys in Hameln zuständig. Wenn das gut ankommt, wird es bestimmt eine Fortsetzung geben. Der Journalist Philipp Killmann hat dein Debüt „Kreis“ als beste Hamelner Rap-Veröffentlichung seit 1998 bezeichnet. Was hast du dabei empfunden? Das war schon ein großes Kompliment, das mir vor allem von ihm sehr viel bedeutet. Er ist ein cooler Typ, der aus der Szene kommt. Ich fand’s krass, wie gut er mein Erstlingswerk einstufte. Das hat mich auf jeden Fall geehrt. Was steht bei dir als nächstes an? Ich bin am Donnerstag das nächste Mal im Studio. Ich mache gerade was mit einem Pro­ duzenten aus Hameln. Wann daraus ein Projekt wird – eine EP oder ein Album –, möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht festlegen. Ein paar Solotracks werden in nächster Zeit immer mal wieder folgen. Neulich brachte ich den Feature Track „Keine Zeit“ mit meinem kleinen Bruder Tibe heraus. Zu meiner „Kreis“ EP wird es 18 __ fankyzine

Wo würdest du gerne mal auftreten? Unter uns sagen wir spaßeshalber, dass das Splash der Traum wäre. Dort fuhren wir jahrelang als Trup­ pe hin. Da live aufzutreten, wäre natürlich cool, selbst wenn es nur eine kleine Bühne wäre. Viel­ leicht etwas weit gedacht, aber wer weiß? Es wäre schon krass. Die letzten Rapper, die ich in der Sumpf­ blume live sah, waren Marteria und Samy Deluxe. Ich freue mich schon gut über die Möglichkeit, genau dort demnächst ein größeres Konzert mit hoffentlich vielen Leuten spielen zu können. Das wird fett. Setzt du dich auch mit Rap anderer Nationen auseinander, zum Beispiel aus den USA oder Frankreich? Französischer Rap ist so gar nicht meins, obwohl de­ ren Sachen momentan gut rumgehen. Ich verstehe den Text nicht, daher catched mich das irgendwie auch nicht. Manchmal finde ich die Melodien und Beats geil, aus Frankreich kommen gute Sachen, aber ich kann mir das nicht ernsthaft oft reinziehen. Im amerikanischen Rap gibt es schon einige Künst­ ler, die ich gerne höre. Fühlst du dich in der heimischen Musikszene wohl? Könnte was besser sein? Ich finde es krass, dass in letzter Zeit immer mehr Leute anfangen, Mucke zu machen. Hier in Hameln passiert viel. Mit Einigen habe ich nicht wirk­ lich was zu tun. Ich wünsche mir ein paar Leute zurück, die nicht mehr in Hameln sind. Ansonsten fand ich Ha­ meln für Rap schon immer gut.


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Don’t Call It Dad – Flowers Wenn ich ehrlich sein soll, hätte ich dem Debütalbum „Flowers“ von Don’t Call It Dad nicht viel Beachtung geschenkt. Denn passend zum blumigen Titel sieht man auf dem Cover natürlich eine leicht verwelkte Blume, und das alles lässt nicht gerade auf Melodic Hardcore schließen, den die junge Bielefelder Band spielt. Aber hier wird nicht auf der Blumenwiese getanzt, sondern alles in den Boden gestampft. Don’t Call It Dad legen ein starkes, sehr abwechslungsreiches Debüt hin. Mit Songs, die den Moshpit vor der Bühne zum Kochen bringen sollten und mit solchen, die fast wie Balladen klingen, jedoch gleichzeitig zum Headbangen anregen. Solltet ihr also auf der Suche nach neuen Heavy Metal Alben ein scheinbar harmloses Cover sehen, mit einer gelben, verwelkenden Blüte, dann wundert euch nicht, sondern hört mal rein. Es lohnt sich. Mich persönlich hatte die Band schon beim zweiten Song „Changing Seasons“ überzeugt. Die erste Single des Albums „être“ wurde bereits mit dem dazugehörigen Musikvideo im März 2018 veröffentlicht und erschien auf dem Soundz of the City Sampler der Auftakt – Musikkooperative Bielefeld e. V. im Mai 2018. (Thomas Williams) instagram.com/dontcallitdadofficial facebook.com/DontCallItDad Label: Dedication Records

© @heyitsfiona fankyzine __ 21


Bronson XL (links) und Hatemo © Hüseyin Abi

Glaubt nicht euren Eltern

Bronson XL

Hatemo

Genre: Hip Hop, Beatproduktion, Audiorecording & -mixing Heimatstadt: Gütersloh instagram.com/bronsonxl, facebook.com/BronsonXL soundcloud.com/bronsonxl

Genre: Deutsch-Rap Heimatstadt: Gütersloh instagram.com/hatemo35 facebook.com/HatemoGT

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Interview Ende März 2019, Bielefeld Die zweite Hatemo Solo-EP erscheint dieses Jahr. Könnt ihr dazu schon was verraten? Hatemo: Sie heißt „Gesichter der Schatten“ und wird sieben Tracks umfassen. Mayster P ist gerade am Mischen. Ein Video ist schon fertig, ein zweiter Dreh folgt, das dritte im Gespräch. Features gibt es von Fano, mit dem ich 2013 eine Kollabo-EP hatte, und LAD aus Gütersloh. Bronson XL: LAD ist zusammen mit Wizdom und AS Teil der Rap-Gruppe LAW. Seit wann seid ihr gemeinsam als Rapper beziehungsweise Producer aktiv? Bronson XL: Ich kannte Ha­ temos Songs dank Internet schon, bevor wir uns persön­ lich kennenlernten. Damals machte ich noch mit anderen Leuten aus Gütersloh Musik. 2013 lernten wir uns über den Jugendtreff kennen, wo ich damals das Tonstu­ dio betreute. Er war mit Fano einer der Ersten, der dort bei mir aufnahm. Darauf arbeitete ich ganz viel mit dem Format „GT:Rappt“ zusammen. Irgendwann lösten wir uns davon und setzten uns privat als Duo zusammen. Das passte ganz gut. Inzwischen ist eine richtig gute Freundschaft entstanden.

schließen. Der HipHop Markt ist so überflutet, weil es aktuell die Musik schlechthin ist. Du kannst Beats machen, ohne einen Cent für das nötige Equipment zu bezahlen. Es kann quasi jeder mit einem Rechner Beats bauen. Daher überlegte ich eine Zeit lang, ein Schlager Ding umzusetzen. Ich hatte tatsächlich eine Anfrage eines Bielefelder Schlagersängers, was das Recording angeht. True Story. Es kam aber irgend­ wie nicht zustande, und der Typ startet jetzt komplett durch und macht richtig Welle. Da muss man Bock drauf haben. Ich höre nicht nur HipHop gemäß den Beginnern: „Wer HipHop macht, aber nur HipHop hört, betreibt Inzest.“ HipHop lebt vor allem von den Einflüssen anderer Genres. Ohne sie würde man sich stark einschränken. Neulich brachte Hatemo mir von ei­ ner Haushaltsauflösung gratis 50 bis 80 Klassikplatten mit. Totaler Hardcore-Shit, top er­ halten und voller Samples.

Man braucht das Rad nicht neu erfinden, aber man sollte es nicht klauen.

Eine Frage von meinem Producer-Freund Jan an Bronson XL: Du hast ’ne MPC und eine Native Instruments Maschine. Welches Gerät bevorzugst du und warum? Bronson XL: Schwierig. Wenn ich jetzt der richtige Realkeeper wäre, würde ich natürlich mit MPC ant­ worten. Aber das ist leider Schwachsinn. Es ist tat­ sächlich die Maschine, weil man mit ihr Ideen beim Samplen schneller und direkt am Rechner umsetzen kann. Die MPC hat einen schöneren Sound, aber für mich dauert es einfach viel zu lange. Doch ich würde sie nie verkaufen. Sie war immer mein Traum, da die Produzenten, die ich teilweise bis heute anhimmle, sie nutzen, beispielsweise DJ Premier, The Alchemist oder Kanye West. Irgendwann schoss ich das Ding günstig bei ebay Kleinanzeigen. Ich habe eine kleine Sammlerliebe für alte Sampler. Vielleicht sind sie ei­ nes Tages eine Wertanlage. Noch eine Frage von Jan: Was würdest du niemals produzieren? Bronson XL: Ich würde nichts kategorisch aus­

Bronson, arbeitest du „nur“ mit Hatemo zusammen oder supportest du noch mehr Künstler? Bronson XL: Ich mache meine Beats selten zu Ende, deswegen habe ich einen Ordner mit 60 Demos und Skizzen. Mayster P, der derzeit unsere EP mischt, ist Bassist bei Cut the Cord und rappt nebenbei. Wir ste­ hen im regen Austausch und haben für sein Projekt schon neun Songs zusammen. Das wird die zweite EP des Jahres, vielleicht sogar ein Album. Ich kannte ihn vorher schon flüchtig, lernte ihn aber bei Rec & Play im Cutie erst richtig kennen. Die dritte EP wird ver­ mutlich eine Remix-Platte, und dann plane ich noch eine Instrumental-Platte mit den Beats der drei ande­ ren Dinger. Was geht für euch in Sachen Rap gar nicht? Hatemo: Wenn man die Songs von zehn oder 20 Rap­ pern vergleicht, kommen immer die selben Themen. Klar behandle ich diese Themen auch, aber ich bin abwechslungsreicher. Mein Track „Auf der Reise“ handelt zum Beispiel vom Urlaub mit meiner Freun­ din in mein Heimatland Tunesien. Ich erzähle eine richtige Geschichte. Bronson XL: Man braucht das Rad nicht neu erfin­ den, aber man sollte es nicht klauen. Wenn man heutzutage durch die Instagram-Feeds geht, hört man häufig das Gleiche. Hatemo: Ich nenne das die Mero-Generation. Bronson XL: Und was im Rap gar nicht geht, ist, ihn als Sprachrohr zu missbrauchen und die Nazi-Schie­ fankyzine __ 23


Hatemo: Kool Savas und Azad kriegen das ja auch ge­ schissen. Bronson XL: Dendemann macht’s zudem cool. Er än­ dert nicht wie ein Sido über die Jahre seinen Sound oder Image. Wenn du die Platte hörst, ist sie supergut produ­ ziert, hat irgendwie einen ei­ genen Touch und spricht mit sehr politischen und gesell­ schaftskritischen Themen auch ein älteres Publikum an. Es ist keine Musik, zu der du im Auto voll abgehst, aber das ist mal ganz schön. Wer hatte die Idee zum Rapformat „Under Sixty“? Hatemo: Das war eine spon­ tane Aktion. Mein Kollege Joschka aus Paderborn hat mich mit seinem Format „Bars für Bras“ dazu inspi­ riert. Mit den ersten Videos wollte ich gucken, wie das bei den Leuten ankommt. Zu 99 Prozent erhielt ich positi­ ves Feedback. Bronson XL: Die Idee dahin­ ter war auch, ein bisschen Welle zu machen, bevor im Sommer die Platte kommt.

Was feiert ihr am Rap? Bronson XL: Dass, obwohl vieles gleich klingt, er heute so vielfältig ist wie nie zuvor. Es sind immer wieder Sparten des Genres im Fokus – BoomBap in den 90ern, dann diese Aggro Berlin Zeit, zuletzt Afro Trap –, aber alle anderen Richtungen werden weiter­ hin gehört.

Gibt es in Tunesien eine Rapszene und wenn ja, wie sieht die aus? Hatemo: In Tunesien ist die Rapszene sehr stark geworden. Der Künstler Balti brachte vergangenes Jahr einen Song mit einem klei­ nen Jungen namens Hamouda heraus. Der Song hat jetzt schon mehr als 560 Millionen Klicks erreicht. Er ist damit international durchgestartet. Er rappt auf tunesisch mit französischen Parts. Im Vergleich zu den anderen Rappern in Tunesien verkörpert er eine gewisse Ernsthaftigkeit. Dann gibt es noch Kafon, Sa­ mara und die weibliche Rapperin Ily.

Findet ihr, dass Rapper irgendwann zu alt sind, um auf die Bühne zu gehen? Bronson XL: Dendemann macht’s vor, und er hat ein sehr geiles Album rausgebracht.

Bronson XL: Was ist eigentlich deine allerliebste Plat­ te, dein All Time Classic? Hatemo: „The Massacre“ von 50 Cent. Das war 2005 mein erstes Album, das ich mir kaufte.

© Hüseyin Abi

ne zu fahren. Das lässt sich überhaupt nicht verein­ baren.

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Bronson XL: Fugees „The Score“ war meine ers­ te HipHop Platte zu Grundschulzeiten. Mein Vater schenkte sie mir gemeinsam mit Metallicas „Load“. Er hat mich mit seiner Mucke hart geprägt. Es gibt viele geile Alben, aber „The Score“ habe ich mir nun auf Platte nachgekauft. Ich werde vermutlich noch mit 80 im Altersheim mit dem Grammophon „Fu-GeeLa“ hören. Schade, dass es die als Gruppe nicht mehr gibt. Wenn man euch 500.000 Euro für eure Musik schenken würde: Was würdet ihr damit anstellen? Bronson XL: Rückfrage: Müsste ich es versteuern oder nicht? Cash. Bronson XL: Ich würde mir eine SSL 4000 G Konsole kau­ fen. Das ist eine Studiolegen­ de. Ich würde mir natürlich ein Studio zulegen. Heutzuta­ ge wäre es wohl das Wichtigs­ te, ins Marketing zu investieren. Und damit meine ich nicht, Klicks zu kaufen. Ich glaube, heutzutage geht die meiste Kohle dafür drauf. Hatemo: Nichts gegen Bronsons Arbeit, aber ich wür­ de Dr. Dre für einen bestimmten Beat oder eine Pro­ duktion anfragen. Bronson XL: Du bist nicht der Dr. Dre Typ, Alter. Hatemo: Hey, ich könnte mich anpassen. Ich bin wie ein Chamäleon. Bronson XL: Dein Sound ist Bronson XL Sound. Du könntest aber endlich mal für deine Beats bezahlen. Hatemo: Realistisch betrachtet, würde ich mir die Top 4 Produzenten Deutschlands, Bronson einbegrif­ fen, einkaufen, sie ins Studio sperren und ihnen freie Hand lassen. Wenn 100 Beats stehen, picke ich mir 20 Tracks. 15 Beats für ein Album, fünf für eine EP, halt eine komplette Promophase. Das könnte mich 60.000 bis 70.000 Euro kosten, ca. 15.000 Euro pro Person. Dann würde ich noch Videoproduktion auf Endlevel kaufen und mit einem Kamerateam andere Länder bereisen: Mexiko, Dubai, Kapstadt ... Bronson hatte ja schon das fette Studio erwähnt. Bronson XL: Das Problem ist, dass eine SSL Konsole bereits knapp 20.000 Euro kostet, da sie nicht mehr hergestellt wird. Auf diesem analogen Studiomisch­ pult hat zum Beispiel TuPac „All Eyez On Me“ auf­ genommen. „Doggystyle“ wurde darüber gemischt. Vorher arbeitete schon Led Zeppelin damit. Die SSL Konsole ist noch immer High End, obwohl das Ding aus den 80ern ist. Sie sind selten, und allein die Kos­

ten für die Wartung sind immens. Am 13. Juli tretet ihr bei „Fab Kush and FriendsHip Hop meets Reggae“ in Gütersloh auf. Stehen weitere Auftritte an? Hatemo: Dieses Jahr konzentrieren wir uns auf die Platte samt Videodrehs. Live haben wir wenig ge­ plant, obwohl wir wirklich Bock drauf hätten. Nehmt ihr an Talentwettbewerben teil? Hatemo: Bei „Fab Kush and Friends“ bin ich Juror. Ansonsten nahm ich schon an Contests im Rahmen von „GT:Rappt“ teil. 2012 holten mich im Bielefelder Stereo Celo & Abdi für einen Wettbewerb auf die Bühne. Ich war 17 Jahre alt, stand erst zum zweiten Mal im Leben auf einer Bühne und kam so­ gar bis ins Halbfinale. Kurdo ermutigte mich, weiterzuma­ chen. Leider fiel mir kein Text mehr ein. Bronson XL: Deine drei Texte hattest du schon im Vorfeld verpulvert. Hatemo: Jetzt ist man besser vorbereitet, aber da­ mals ... Junge, Junge, Junge. Bronson XL: An dem Abend stand halb Gütersloh auf der Bühne. Unsere Stadt hatte schon immer eine sta­ bile Szene, vieles bekam man nicht mit. Laas Unltd. kommt beispielsweise aus GT. Maltematik. Fab Kush ist ewig dabei, Jawbone auch, der Wahnsinn, aber da waren wir noch Quark. Hatemo: Ich bin übrigens auf der nächsten KollaboEP von Fab Kush und Jawbone vertreten.

2012 holten mich Celo & Abdi für einen Wettbewerb im Stereo auf die Bühne.

Was würdet ihr jungen Leuten raten, die mit dem Rappen beziehungsweise Producing anfangen wollen? Bronson XL: Machen. Und sich nicht so sehr daran orientieren, was andere tun. Man sollte das umset­ zen, was sich gut anfühlt. Erfolg basiert heutzutage nicht zu 100 % auf Talent. Das sind maximal 40 %, der Rest sind Connections und Durchhaltevermögen, den Leuten auf den Sack gehen. Du brauchst Content. Die Qualität ist da erstmal egal, die Musik muss ein Gefühl auslösen. Hatemo: Wenn du Taktgefühl hast, mach weiter. Das ist das A und O. Es gibt Leute, die das nicht lernen können. Bronson XL: Lass sie doch machen, wenn sie das wollen. Hatemo: Okay, dann werden sie sich aber 100 % bla­ mieren. fankyzine __ 25


© Hüseyin Abi

Arbeit wird belohnt.

Bronson XL: Macht’s für euch und glaubt nicht euren Eltern, wenn sie behaupten, ihr seid gut. Hatemo: Bestes Beispiel: „Mein Bizeps brennt“. Das war witzig und ging viral, aber der Typ meinte es ernst! Bronson XL: Wenn du nicht rappen kannst, sei we­ nigstens witzig, irgendwie einzigartig. Hatemo: Nehmt euch an Money Boy oder Hustensaft Jüngling ein Vorbild. Bronson XL: Der Typ ist wirklich verstrahlt. Man sollte Musik aus Leidenschaft betreiben und nicht mit der Intention, damit irgendwann Geld zu verdienen. Qualität und Talent stehen nicht für Verkaufszahlen. Man darf sie nicht gleichsetzen mit Klicks und Be­ kanntheitsgrad. Heutzutage geht derjenige viral, der die größte Scheiße baut. Wollt ihr abschließend noch etwas erwähnen? Hatemo: Die allerliebsten Grüße gehen an Hüseyin Abi und Tonton Mirek. Bronson XL: Hustle always beats talent, when talent 26 __ fankyzine

doesn’t hustle (Zitat von Ross Simmonds, Anm. d. Red.). Arbeit wird belohnt. Das ist mein Leitspruch. Leider sind Ausdauer und Disziplin mein größter Feind. Die Hatemo Platte hatten wir beispielsweise bereits vor Monaten fertig aufgenommen. Ich mache den Beat, nehme ihn auf, muss alles schneiden, exportieren und an den Mischer weiterreichen. Hatemo rappt zum Glück sehr tight. Bei einer Dopplung ist er sehr on point. Ich persönlich habe den Anspruch, perfekte Arbeit abzuliefern. Hatemo: Ich möchte mir zum Ende des Jahres zuhau­ se ein eigenes Studio zulegen, damit ich ihm helfen kann. Da habe ich voll Bock drauf. Zudem möchte ich das Produzieren ein bisschen mehr verstehen. Meiner Meinung nach arbeiten zwei Köpfe besser als einer. Und Bronson ist nicht nur Produzent, der Typ kann auch rappen und Texte schreiben. Er hat wirk­ lich coole Reimketten. Bronson XL: Es ist halt schwierig neben der Arbeit. Wenn du alles selbst machst, machst du nichts zu 100 %.


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Reif fürs Publikum

© instagram.com/sarah_engellage

JMSone Genre: HipHop / Rap / Funk / Lyrik Heimatstadt: Paderborn Web: facebook.com/jmsone88 instagram.com/jmsone_aka_jdakid youtube.com/jaymsone Interview am 28. Dezember 2018, Bielefeld

Alles Gute nachträglich. Dein Album „Karma“ erschien an deinem Geburtstag, dem 17. Dezember 2018. Ja, jetzt bin ich 30 Jahre alt. Die Zeit läuft irgendwie davon. 30 __ fankyzine

War dein Album das beste Geburtstagsgeschenk? Ein Geschenk für mich selbst ist es eigentlich nicht, weil es so anstrengend war. Nach dem Unterricht an der Uni setzte ich mich zuhause hin und arbeitete an meiner Musik. Dadurch hatte ich kaum Freizeit, aber die Arbeit machte natürlich auch Spaß und lohnte sich. Das Album will ich schon seit Jahren herausbrin­ gen. Wie man das von Hobbys kennt, schiebt man Sa­ chen gerne vor sich her. Ich nahm mir vor, das Ding rauszuhauen, bis ich 30 bin. Dass der Release-Tag am Ende dann tatsächlich mein 30. Geburtstag wur­ de, war nicht geplant. Es war mir wichtig, eine gute Platte zu machen. Ein bestimmter Termin sollte mich dabei nicht unnötig unter Druck setzen. „KARMA“ ist eine absolute Herzensangelegenheit und verarbeitet mit wenigen Ausnahmen meine vergangenen neun Jahre thematisch von Track zu Track. Im Endeffekt


Ich machte zwischendurch immer Musik, aber nie so struk­ turiert, dass es für einen Release reichte. 2010 veröffentlichte ich eine Demo mit JT & The Fonky Monkeys. Das war eine JazzRock-Funk-HipHop-Band. 2013 veröffentlichten wir ein Smash Brothers Album. Das ist eine große Graffiti-, Breakdance-, Rapund DJ-Crew aus Paderborn. Dazu gehören beispielsweise die Künstler NAIS, Too Late und Noskep. Mit diesen Leuten arbeite ich stark zusammen, und in Zukunft wird noch viel gemeinsam entstehen. Seit 2010 gab es also mal hier und da ein Feature von mir. Erst jetzt war es soweit, dass ich mich an 16 eigene Tracks setzte, sie produzierte, schrieb, arrangierte, mischte und masterte. 16 Tracks sind eine ganze Menge. Du hattest aber genug Output, um wie angekündigt irgendwann ein Mixtape hinterher zu schieben? Ich versuche bei Releases, die doppelte Anzahl an Tracks zu haben, um die Besten auswählen zu können. Der Rest liegt im Endeffekt nur dumm rum und dann guckt man, was passiert. Vermutlich wird es ein Mixtape, aber ich mache auch gerade mit Grant Le Bart, einem Producer aus Paderborn, eine EP. Mit Mr. Too Late aus Detmold ist auch noch was geplant. Aktuell habe ich 14 Tracks rumfliegen, die ich für das Album nicht gut genug fand, aber auf der anderen Seite auch nicht wegwerfen wollte. Es steckt schließlich Arbeit darin. Was da jetzt genau passieren wird, ist noch nicht klar. Das ergibt sich mit der Zeit. Du hast offensichtlich echt viel Liebe und jede Menge Arbeit in „KARMA“ gesteckt. Tut es dir dann nicht irgendwie leid, dass es „nur“ digital erscheint? Oder findest du physische Datenträger einfach nicht mehr zeitgemäß? Eigentlich wollte ich „KARMA“ gar nicht auf allen digitalen Platt­ formen veröffentlichen. Ursprünglich wollte ich es umsonst ins Internet stellen. Allerdings muss man sich dem Markt anpassen. Wenn du etwas umsonst anbietest, klickt es keiner an, weil die Leute nur auf den gängigen Plattformen rumchillen und die drei Klicks zu anderen Seiten stammt alles von mir: die Beats, die Cuts, die Raps. nicht mehr machen. Um Leute in ihrem Konsumen­ Musikalisch ist das wirklich zu 100 % von mir selbst. tenverhalten zu erreichen, ging ich diesen kommer­ Was gab es da Besseres, als es am Geburtstag raus­ ziellen Weg. Ich bin ein totaler Vinylfan, aber man zuhauen? kann die Produktion vor allem als Student nicht be­ zahlen. Meine Musiker-Kollegen kriegen das über ihr Seit wann machst du Rap? Label hin. Es gehört für mich zu einem guten Album, Schwer zu sagen, seit 18 Jahren vermutlich. Anfangs etwas in der Hand zu haben, ein schönes Cover an­ basierte das natürlich nur auf Spaß, nach einer Zeit zugucken, sich das Booklet durchzulesen, ... Früher nahm es zunehmend Struktur und Form an. 2003 hat­ kaufte ich mir ein Album, setzte mich mit Kopfhörern te ich meine erste Rapcrew. Man lernte mehr Leute auf den Sessel, nahm das Album in die Hand und hör­ kennen, und es wurde ein fester Bestandteil des Le­ te es mir einmal komplett an. Dann baut man auch bens. Immer mehr Freunde um mich herum mach­ eine ganz andere Beziehung zur Musik auf als bei ten Musik. Meine erste EP veröffentlichte ich 2009. Es Streamingdiensten. Allerdings muss man als Künstler dauerte also neun Jahre, bis ich richtig drin war. mit der Zeit gehen. Mit einem Release auf CD hätte ich nicht so viele Leute erreicht. Es ist zwar schade, aber Wieso waren nochmal neun Jahre bis zum Album so sind die Menschen halt. nötig? fankyzine __ 31


Kannst du sagen, wie lange du an dem Album gearbeitet hast? Tatsächlich neun Jahre lang, weil erste Tracks früh entstanden. Der Song „T5“ handelt beispielsweise von meiner Musterung. An Kleinigkeiten merkt man, wie alt die Titel schon sind. In­ tensiver arbeitete ich die vergangenen zwei Jahre am Album.

Track dauerte drei, die Sprüher benötigten sechs Minuten. Am Schluss folgt daher ein Zeitraffer. Ein Sprüher aus dem Video ist der Biele­ felder Shika, ein richtig guter Junge. Musik verbindet einfach. Alleine Mu­ sik machen, ist langweilig. Daher ist es wichtig, sich mit so vielen Leuten wie möglich zu treffen und Spaß zu haben. Es ist eine kreative Art und Weise, Promo zu betreiben. Gerade Leute, die so ticken wie ich, finden die „KARMA SESSIONS“ bestimmt an­ sprechend. Andere werden es eventuell auch nicht verstehen. Auf meinem Album sind generell sehr persönliche Tracks, die für Außenstehende viel­ leicht nicht nachvollziehbar sind.

Du haust ja nicht nur dein Album raus, sondern hast mit den sogenannten „KARMA-SESSIONS“ auch eine echt umfangreiche Promo auf die Beine gestellt. Wie kam es dazu? Seit meinen Anfängen baute ich mir eine große Hö­ rerschaft auf. Dank der großen Pausen zwischen den Releases dachten leider bereits einige, dass es mich als Musiker nicht mehr gibt. Bei Freunden, die Alben raushauten, sah ich häufig, dass der Release im Sand verlief, weil die dazugehörige Promo fehlte. Es gab höchstens ein Musikvideo. Wenn ich so viel Arbeit in etwas hineinstecke, möchte ich auch, dass die Leute das mitkriegen. Weil ich so unnormal viele Musiker, Beatboxer, Breakdancer und Graffitimaler kenne, dachte ich mir, dass ich das nutzen kann, um meine Promo zu machen. Es bereitet mir Spaß, mit Leuten eine Musiksession zu starten. Dadurch entstand die Idee, diese Sessions zu filmen und auf diesem Weg Promomaterial zu generieren. Man hätte anstelle der „KARMA SESSIONS“ auch andere Aktionen starten können, aber sie hätten vermutlich nicht so gut zu mir gepasst. Mit befreundeten Musikern das Album neu einzuspielen, war eine schöne Sache. Ich kann beispielsweise keine Noten spielen. Das läuft bei mir alles über das Gehör. Das Feedback zu meinen Kom­ positionen von Musikern, die sich mit Noten ausken­ nen, war dann sehr spannend für mich.

„Inspector Jay“ auch? Das ist eine der wenigen Ausnahmen. Ich mag es total gerne, Storys zu schreiben. Das merkt man dem Al­ bum auch an. Inspector Jay ist der einzige Track, der komplett erfunden ist. Ich wollte aus einer Geschich­ te eine Art Hörspiel schaffen. Ich studiere Deutsch, mag es, zu lesen und Hörspiele zu konsumieren. Das Ganze zusätzlich in Reimform umzusetzen, ist noch etwas anspruchsvoller. „Holla For My Classics“ ist et­ was represent-lastig. Darin rege ich mich ein wenig über die Szene und den Rap heutzutage auf. Das sind die einzigen Tracks des Albums, die ein bisschen aus dem „KARMA“-Schema rausfallen.

In die ersten Sessions – „MEER“ als Akustikversion, „KARMA“ mit Band – konnte ich schon reinhören, und sie haben mir gut gefallen. Ich bin vor allem auf die Graffiti-Session gespannt. Das kann ich mir noch gar nicht so gut vorstellen. Bei der Graffiti-Session begleitet mich beim Rap­ pen ein Kumpel mit dem Cajon. In der Zeit malen zwei Leute ein JMS-Graffiti im Hintergrund. Als wir dort standen, fiel uns auf, dass die Aufnahme sofort funktionieren musste. Wenn ich beim Rappen ver­ kackt hätte und das Graffiti bereits zur Hälfte gemalt gewesen wäre, hätten wir nicht einfach von vorne beginnen können. Das war eine interessante Her­ ausforderung. Zum Glück funktionierte alles. Mein

Wie sieht es mit Live Auftritten aus? Mein Freund Solay ist sehr connected, was das Ge­ biet OWL und darüber hinaus angeht. Wir gehen mit mehreren Leuten im März auf „KARMA“ Tour. Geplant sind unter anderem Auftritte in Amsterdam, Leipzig und Köln. Los geht’s in Paderborn, wo auch meine Release Party im „Alles Ist Gut“ stattfinden wird. Live auftreten ist für mich sehr wichtig. Wenn man ein Album macht, muss man es auch live vor Publikum spielen. Meiner Ansicht nach wird es erst dadurch richtig zu Musik. Leuten direkt ins Gesicht zu blicken und ihre Reaktion auf die eigene Musik zu sehen: Das ist die wahre Herausforderung für einen Künstler.

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Wie bist du eigentlich auf den Namen „KARMA“ gekommen? „KARMA“ ist nicht nur der Albumtitel, es ist auch mei­ ne Lebenseinstellung. So, wie man sich gibt, kommt es irgendwie auf einen zurück. Die Inhalte der Tracks stammen zu 100 % aus meinem Leben und kreisen um dieses Oberthema.


SoK © Marko Heinze

LEAD Inc. – Mirage

SoK – Mal einfach sein

Erst einmal Hut ab wegen der gelungenen und sauberen Produktion, welche von LEAD Inc. in Eigenregie durchgeführt wurde. Da gibt es von meiner Seite aus nichts zu meckern, denn „Mirage“ hat alles, was ein Studioalbum ausmacht. Musikalisch bewegt sich die Band im Progressive Metal/Rock und erinnert, was das Instrumentale betrifft, am meisten an Tool. Die Songs sind fast durchgehend ruhig, fast schon meditatös. Womit sie sich aber ganz weit von Tool entfernen, ist die Stimme von Sängerin Naomi. Ihr Cleangesang passt wunderbar zu den ruhigen Melodien, in den härteren Momenten des Albums überrascht sie mit aggressiven Growls. Dass diese sich aber nur selten zeigen, gehört zu den Stärken des Albums. Die Songs zeigen sich damit durchdachter. Die Band selber nennt Tool als großen Einfluss, was nicht schlecht sein mag, denn Fans dieser Band sollten LEAD Inc. definitiv mal antesten, jedoch wäre etwas mehr Eigenständigkeit wünschenswert. Da „Mirage“ aber erst das Debütalbum der Band ist, kann in Zukunft noch viel passieren.  (Thomas Williams)

Kennst du solche Tage: Nichts läuft und alles geht schief, obwohl es gar nicht deine Schuld ist? Dann findest du dich vielleicht genau im neuen Song von SoK wieder! In seiner aktuellen Single fragt sich der SingerSongwriter: „Kann’s nicht mal einfach sein?“ und singt über Situationen aus dem Leben, in denen man sich genau diese Frage stellen möchte. Nach seinem Debütalbum Album ohne Titel bringt SoK jetzt eine neue Single über das Label Art4Real heraus. Musikalisch knüpft er in Mal einfach sein an seinen Debütsong Küstenblues an. Produzent Mad Cap hat für das Lied einen groovigen Hip-Hop-Beat kreiert. Der Bielefelder Gitarrist Kauka steuert einige Licks und Soli bei.  (pr) instagram.com/sokmusik facebook.com/SoKMusik Label: art4real.de

instagram.com/leadinc.band fankyzine __ 33


Š Holger Kosbab 34 __ fankyzine


HipHop ist etwas, das man weitergeben muss

Solay aka Michael Hogrebe Genre: Hip Hop, Blues, Soul, Ambient, Stoner/Desert Rock Plattenfirma: Groove Connects Web: facebook.com/solaymusic instagram.com/solaydown soundcloud.com/solay-1 facebook.com/grooveconnects

Interview am 24. Februar 2019, Bielefeld

Wie sieht deine musikalische Laufbahn aus? Ich höre HipHop, seitdem ich zehn Jahre alt bin. Mit 15 fing ich an, in Rockbands zu singen und diverse Instrumente zu spielen. HipHop und Rock waren die Richtungen, die mich immer am meisten gecatched haben. Die HipHop Sache ist daraus entstanden, dass ich in meiner Bremer Zeit keine Band hatte. Ich pro­ duzierte Beats und mangels geeigneter Rapper vor Ort, griff ich selbst zum Mic. Heute arbeite ich als Studiomusiker, mache Vocal Arrangements, schreibe Songs und gebe Workshops im HipHop- und Rockbe­ reich. Mit meiner Rockband RØDEL spielen wir ab fankyzine __ 35 Herbst die ersten Shows mit neuem Material. Mr Too


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Late ist ein Oldschooler, der seit 25 Jahren Rapper ist, viel gesehen hat und sogar ein Master Ace Feature auf seinem aktuellen Album hat. Ich respektiere sehr, was er sich erarbeitet hat. Kommende Woche Freitag startet die „KARMA“Tour mit JMSOne, Leif und Mr Too Late. Wo tretet ihr überall auf? Auf dem Plan stehen Auftritte in Paderborn, Wupper­ tal, Köln, danach Osnabrück und Amsterdam, Leip­ zig und am letzten Wochenende sind wir in meiner Heimat Beckum und Mönchengladbach. Ich trete mit Musikprojekten stets in meiner Heimat auf, weil da ansonsten nix geht. Beckum ist halt so ein Kaff hier um die Ecke, wo wir früher ein großes Rockfestival organisierten, das Phönix Open Air. Die Tour ist nach dem JMSOne Album „KARMA“ benannt. Ich hatte Bock, mal wieder live zu spielen, auch wenn ich selbst derzeit keinen neuen Output habe. Das wird die ers­ te Tour sein, in der wir HipHop mit Soul- und BluesElementen verbinden. Jan spielt sein HipHop Set, Leif spielt einen Mix aus Indie, Pop und HipHop. Ich steuere einen Mix aus Old School HipHop und Blues bei. Künstlerisch und menschlich schätze ich JMSOne und Leif sehr. Sie sind vielseitig und haben Potential. Was ist Groove Connects? Das ist die kleine Agentur von meinem DJ und mir, über die wir Shows buchen, laufende Veranstaltun­ gen in Paderborn umsetzen, aber auch einzelne Par­ tys organisieren. Wir haben einen HipHop Stamm­ tisch etabliert beziehungsweise HipHop Beat Partys. Und das läuft? Ja, dadurch, dass es kontinuierlich stattfindet, klappt es gut. In Paderborn dauert es echt lange, bis sich et­ was etabliert. Die Leute sind skeptisch, gerade wenn du nicht aus der Gegend stammst. Skepsis ist das Grundwesen der OWLer. Das BeatBuffet in Bielefeld findet leider nur noch zweimal statt. Sebi, der Veranstalter, war auch schon mit mir auf Tour. Schade, dass er es nicht mehr macht. Dann ver­ anstalten wir in OWL künftig die einzige Cypher. Wirklich die Einzige? Wer denn sonst? Wir machen gerade echt sehr viel Kram. Wie lang ist euer Bühnenprogramm mit so vielen Leuten? Zwei Stunden. Ich mache freiwillig den Opener, weil

ich relativ gut darin bin, Menschen vor die Bühne zu nörgeln. Sinn und Zweck der Tour ist es, die Jungs zu promoten und meine Gitarrensachen ein bisschen einzubinden. Rap macht Spaß, aber momentan kickt mich das nicht mehr so. Ich bin viel im Blues, Funk, in dieser New Jazz Sache unterwegs. Ich weiß nicht, ob du Tom Misch kennst, FKJ und solche Sachen? Sehr gute Mucke, sehr musikalisch, sehr melodiös, sehr versiert. Hatte ich nicht noch von mehr Leuten gelesen, die eure Tour begleiten? Wir vier stehen im Fokus. Bei den Shows, wo wir vom Clubbetreiber aus selbst das komplette Abendpro­ gramm gestalten, kommen Leute vom 161 Syndikat vorbei. Wir haben Feature-Gäste wie Tobi Nice und Gastmusiker. Ich veranstaltete schon Touren, wo acht bis neun Leute mitkamen. Das kann ich mir nicht mehr antun, fickt meinen Kopf und mein Herz total. HipHopper können sehr anstrengende Menschen sein. Wir wollen auf der Bühne einen Sound bieten, den man locker vertreten kann, der nicht sexistisch oder rassistisch ist. Das ist kein Prollo-Rap, weil wir keine Prollos sind. Wir haben keine Gangster-KoksGeschichten zu erzählen. Das ist nicht meine Lebens­ realität. Was wäre das Schlimmste, was auf Tour passieren könnte? Keine Ahnung, eine Autopanne vielleicht? Ansons­ ten sind wir relativ routiniert. Die Tour läuft ohne Band. Wir haben einen DJ dabei. Leif tritt noch mit Background-Sängerin und Saxophon auf, aber der technische Aufwand hält sich in Grenzen. Solange wir Stromboxen haben, kriegen wir was hin. Wir brauchen nicht viel und funktionieren vor Ort relativ schnell. Daher habe ich keine Bedenken. Ich stehe in der Verantwortung, die Leute zu koordinieren. Un­ vorhergesehenes wie ein Stau kann man schlecht ein­ planen. Ansonsten können wir dank unserer Sessions immer irgendwie improvisieren. Leif und ich sind Multi-Instrumentalisten. Jan ist ein unglaublich moti­ vierter MC. Ihn kannst du aufziehen, mit Tobi auf die Bühne stellen und die Freestylen vier Stunden lang zu zweit. Rasputin war zum Beispiel beim letzten Mal in Amsterdam dabei, und dort haben wir zwei Stun­ den lang einfach nur hin- und her gefreestyled. Was wäre das Krasseste, was auf Tour passieren könnte? Meine Hoffnung ist, dass Leute auf uns aufmerksam werden und einer von uns entdeckt wird. Richtig da­ ran zu glauben, fällt mir allerdings schwer. Meiner fankyzine __ 37


Ansicht nach setzt sich Qualität durch. Wenn du lan­ ge genug deinen Scheiß machst, wird das irgendwann Aufmerksamkeit erregen. Guck dir Trettmann an. Bei meinem Auftritt mit ihm in Leipzig kannte man ihn noch als diesen Dancehall-auf-Ostdeutsch-Typen. Damals fing er gerade mit seriöserem Output an. Er hatte voll die kleine Wohnung und war broke. Ein paar Jahre später ist er in den Charts immer in den Top 10 vertreten und macht Features mit allen mögli­ chen Leuten. Ich glaube, wenn du konstant weiter ar­ beitest und deine Kunst stetig verbesserst, vielleicht auch ein Auge darauf hast, was gerade cool ist und dich ein bisschen auf andere Sachen einlässt, kann was gehen. Wir erhoffen uns von der Tour, Kontakte zu vertiefen und Anschluss-Gigs zu bekommen. Ge­ nerell möchten wir auch mit Künstlern netzwerken. Vielleicht kann sich daraus etwas entwickeln. Bei ei­ nigen Locations der Tour waren wir schon häufiger. Die Leute vertrauen uns, und es ist cool, wenn sie bei der mittlerweile dritten Tour noch immer Bock auf uns haben. Sie merken, dass wir uns verbessern und nicht aufgeben. Das ist ein cooles Kompliment. Kennst du noch jemanden, der gleichzeitig Stoner Rock und HipHop macht? Nein. Es ist halt beides Mucke, die Blues-basiert und Groovebetont ist. Das brauche ich. Beim HipHop verkörpere ich einen positiven Vibe. Die Stoner Rock Sache ist ein bisschen aggressiver. Man schreibt andere Texte und verarbeitet andere Sa­ chen. Das kann man auch ganz anders auf einer Büh­ ne ausleben. Als Künstler finde ich den Unterschied zwischen deutschen Rap- und englischen Rocktexten herausfordernd. Diese Subkultur-Sachen öffnen sich zunehmend für andere Einflüsse, auch wenn sich meine Stoner Rock Leute freuen, dass ich jetzt wieder „vernünftige“ Musik mache. HipHop ist noch immer relativ kompetitiv. Es gibt viel Stress. „Da die Schei­ ße Kampfsport ist, sei drauf gefasst, dass du gedisst wirst.“ Curse-Zitat. Leute sind in dieser Subkultur nicht sehr konstruktiv. Sie stehen sich gerne gegen­ seitig im Weg rum und supporten nicht richtig. Das finde ich schade. Es gibt natürlich Ausnahmen wie beispielsweise Clishé MC. Auf unserer Tour gibt es zum Glück nur entspannte Dudes.

hat immer Gitarre gespielt. Meine Schwester kommt aus dem Klavier-Ballett-Bereich. Die andere Schwes­ ter fotografiert. Ich bin so ein verkappter Künstler, der scheinbar Kunst braucht, um klarzukommen. Du hast vorhin erwähnt, dass du auch Workshops gibst. Unterrichtest du alle Altersklassen? Ja. Früher lag der Schwerpunkt auf Rock-Workshops. Mittlerweile sind Rap und Auflegen gefragter. Ich vermittle, wie man seine Emotionen kanalisiert, da­ raus einen Text macht und einen coolen Charakter kreiert. Dadurch erhalten die Teilnehmer ein Ventil. Einige Workshops standen in Verbindung mit Prob­ lemschulen, wo du echt viele Leute mit kriminellem Hintergrund und Gewaltproblemen hast. Sie kriegen im Alltag zum Teil keine Rückmeldung, dass sie et­ was gut können. Wenn diese Kinder Texte schreiben, kommen auf einmal die familiären Hintergründe ans Tageslicht. Guck dir mal die Vita der Rapper an, die in den Charts vertreten sind. HipHop-Kultur fängt viel auf, sei es mit Tanz als körperliches, Texten als lyri­ sches oder Graffiti als künstlerisches Element. Jeder kann was daran finden. HipHop ist etwas, das man weitergeben muss. Es geht nicht zwingend um Erfolg, eher um den Spaß, selbst etwas zu machen. Ich tourte mir jahrelang den Arsch ab mit meiner Rockband. Erst seit ich im HipHop aktiv bin, kann ich mit den großen Namen wie Afrob, Toni-L, Rasputin, Samy Deluxe und Kitschkrieg beziehungsweise Trettmann auftreten. Dadurch verdiene ich kein Geld, aber ich finde es für mich cool, mit meinen ehemaligen Hel­ den auf der Bühne zu stehen. In der Rockkultur ist es nicht möglich, mit solchen Legenden der Szene aufzutreten. Unmöglich, an Black Sabbath oder Led Zeppelin ranzukommen. Die alten Deutschrapper sind einfach noch da. Man kommt im HipHop relativ schnell auf ein Level, wo man etwas starten kann.

HipHop-Kultur fängt viel auf.

Kommst du aus einer musikalischen Familie? Der eine Teil besteht aus relativ vielen Künstlern. Mein Cousin Georg Zimmermann ist Singer-Songwri­ ter aus Düsseldorf. Meine Cousine ist Künstlerin in Berlin und stellt ihre Bilder weltweit aus. Mein Vater 38 __ fankyzine

Ich glaube nicht, dass das auf alle zutrifft ... Ich bin auch ein guter Kommunikator und stark im Netzwerken. Booking und Promotion auf DIY-Basis mache ich schon immer. Möchtest du professionell in diesem Bereich arbeiten? Am liebsten würde ich das mit der Pädagogik verbin­ den. Musiktherapeutisch zu arbeiten, finde ich auch superinteressant. Erstmal ist mein Studienabschluss dran, dann gucke ich, wie ich mich weiter qualifizie­ re. Musik wird in meinem Leben auf jeden Fall im­ mer eine große Rolle spielen.


Dancehall + Hip Hop + rEGGAE + Soca

Rehmer Insel

Karibische Sa 20.07.19

Nacht Ali-Safari Mr Jawbone Trauma Johnny Talker NavigationSystem Fab Kush Manda Bala Weloti Sound Food Truck Area Cocktail & Rum Area Boxenstop Soundsystem fankyzine __ 39


#wölfejagennichtmithunden JEE Location: Bielefeld aktiv seit: 1995 Schwerpunkt: Writing Crew: 613 Web: instagram.com/johnny_raider

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Hast du „nur“ eine Crew? Es gab mehrere zum Beispiel die PLDcrew, aber über die Jahre hinweg hat es mich irgendwann nur noch zu einer einzigen Crew hingezogen. 2000 hatte ich sie als Erstes gegründet. Vor ein paar Jahren hörte ich auf, andere Crews neben meine Bilder zu schreiben. Das wird sich, glaube ich, auch nie wieder ändern. Für mich ist Writing sehr crew- und bezirksbezogen.


Wer aus Bielefeld kommt, weiß bei 613 Bescheid: Nordpark, Babenhausen Süd, die Ecke. Meine Crew ist für mich das Wichtigste. Grüße gehen raus an DIEB, TER, TEAL, REL, JAR UND GAS. Ihr habt von 2000 bis Anfang 2003 mit mir zusammen alles ausei­ nander genommen. Seit wann bist du aktiv? Mit Writing beziehungsweise Graffiti fing ich an, be­ vor ich wusste, was das überhaupt ist. Muss Mitte 1995 gewesen sein. MC Ice-T aus L.A. führte mich da­ hin. Mit zwölf fing ich an, seine Mucke zu hören, und blieb auf dem Rapfilm hängen. Vom Album „Rhyme Pays“ malte ich das Logo des Backcovers und von

„The Iceberg“ das Frontcover nach. Ich hinterließ draußen an Wänden oder in der Schule die Schrift­ züge Ice-T und Iceberg, bis ich Ende 1995 auf rich­ tige Writer stieß. Sie wiesen mich darauf hin, dass es den Namen schon gibt und ich mir was Eigenes ausdenken muss. Von da an nahm ich die Angele­ genheit ernster. Mein erster richtiger Name war WOSE. Ich verstand, dass das, was ich tat, auch andere betrieben. Dem­ entsprechend wollte ich das vernünftig machen. Ge­ teached hat mich MASE von der STC Crew. Darüber bin ich richtig froh, da ich von ihm sehr viel lernte. Wer MASE von der STC Crew kennt, wird ansatzmä­ ßig an meinen Charactern sehen, dass ich von ihm ge­ fankyzine __ 41


prägt wurde. Leider ging der Kontakt zu ihm irgend­ wann verloren. Soweit ich hörte, ist er nur noch im Kunstbereich aktiv. Er brachte mir einst das Writing, das richtige Graffiti nahe. Ziehst du oft an Wochenenden los? Ich versuche, so viel Zeit wie möglich reinzustecken. Das findet nicht nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche statt. Ich sketche viel und führe Blackbooks. Ich bin nicht oft in anderen Städten un­ terwegs, auch wenn ich gewisse Kontakte pflege und ab und zu mit anderen Leuten gemeinsam male. Ich bin hauptsächlich in Bielefeld und Umgebung aktiv und versuche, jedes Wochenende loszuziehen. Zu­ dem bin ich nicht unbedingt der Schönwettermaler. Solange es nicht nass ist, scheiße ich drauf, ob es kalt ist oder so. In den letzten Jahren male ich sehr viel Hall of Fame, aber für mich ist es wichtiger, auf die Straße zu gehen. Allerdings wird man nicht jünger, deswegen ist man auf der Straße nicht mehr so stark aktiv wie früher. 42 __ fankyzine

Kannst du dir vorstellen, irgendwann aufzuhören? Aufhören ist für mich auf jeden Fall ein NoGo. Da müsste schon gesundheitlich etwas ganz Schlim­ mes passieren, keine Ahnung, dass ich zum Beispiel meine Hände nicht mehr bewegen kann. Dann würde ich mit den Füßen weiter malen (lacht). Für mich gibt es eigentlich keinen Weg zurück. Mög­ licherweise wird’s weniger, aber Hall und Straße werden für mich niemals ein Ende finden, das geht nicht. Wie wichtig sind für dich Jams von Organisationen wie hoch2wei? Ich habe da höchsten Respekt vor und finde es sehr gut, was sie machen. Sie führen die Kultur an die normale Gesellschaft heran, vielleicht auch um sie in ein anderes Licht zu rücken. Sie ermöglichen einen anderen Blickwinkel auf die Szene. Ich per­ sönlich hielt mich früher aus der Jam-Sache kom­ plett raus. Bis vor ein paar Jahren wussten die Leu­


te noch nicht einmal, wer ich bin. Man sah meine Bilder, und das war’s. Für mich war das, ehrlich gesagt, immer ein bisschen wichtiger. Mittlerwei­ le trete ich aus der Dunkelheit ans Licht und male auch mal mit anderen Leuten. Selbst nehme ich an Jams erst seit ein paar Jahren teil. Die letzten drei Jahre zum Beispiel in Vlotho und letztes Jahr am Kesselbrink. Bei der X Hoch 2 Jam an der Universi­ tät habe ich auch mitgemacht. Warst du schon im Ausland aktiv? Ich war 2017 und 2018 bei der internationalen Graffiti-Veranstaltung „Meeting of Styles“. Die Ver­ anstaltung wurde ursprünglich in Wiesbaden ge­ gründet, aber mittlerweile läuft sie weltweit, und ich hatte die Ehre, zweimal im Kosovo daran teilzu­ nehmen. Damit habe ich mir einen Traum erfüllt, das war schon immer ein Ziel. Dieses Jahr habe ich mich wieder dafür beworben. Ein Traum wäre es auch, in Miami beim „Meeting of Styles“ mitzuma­ chen, aber das steht noch in den Sternen.

Gibt es Leute, die du bewunderst? Was inspiriert dich? Inspiration gibt’s viel. Die größte Inspiration direkt aus Bielefeld ist für mich BIRTH S2K CREW. Er ist für mich das B von Bielefeld, der Style King und natürlich MASE. Mehr Inspiration aus Bielefeld gibt es für mich eigentlich nicht. Weltweit gesehen, bewundere ich natürlich die Klassiker: DONDI, LEE, COPE2, SEEN, TKID, LEROY-CMDcrew, BESH-SIMcrew, SKA-CMD Crew, DARE, CANTWO und solche Leute. Da sieht man die Realness, und sie haben einen geilen Style. Ich will nicht alles schlecht reden und möchte nicht wie ein Hater rüberkommen, aber ich stehe nicht auf den ganzen modernen Scheiß. Das Anti-StyleGekritzel kann ich nicht ab. Old School Character und Schriften sind mehr mein Ding. Das hat mich geprägt, und diese Richtung werde ich bis zum Ende weiter­ fahren. Wenn du bereits seit rund 24 Jahren aktiv bist und fast wöchentlich losziehst: Hast du noch einen fankyzine __ 43


Überblick, wo du schon überall deine Spuren hinterlassen hast? Es gab ein paar Jahre, wo ich nicht so aktiv war, da ich zu der Zeit viele andere Dinge gemacht habe, die nichts mit Malen zu tun haben, aber das wäre zu krass, das hier genauer zu erklären ... Ich erinnere mich eigentlich an so gut wie jeden Spot. Je härter die Action war, desto eher bleibt er im Gedächtnis. An die legalen Sachen erinnert man sich dank Fo­ tos. Es ist natürlich traurig, dass man nicht von allen Streetsachen Fotos hat. Vieles ist schon weg. Früher lief man nicht wie heute mit einem Smartphone he­ rum. Man musste Filme entwickeln gehen, manche gingen unter anderem durch Action mit der Polizei verloren ... Das sind alte Geschichten. Dennoch erin­ nert man sich gerne daran zurück. Du hattest im Vorfeld erwähnt, dass du privat Fotobücher deiner Arbeiten umsetzt? Genau, aber es wird auf jeden Fall noch ein crewbezogenes Fotobuch geben, mit Bildern von der 44 __ fankyzine

Straße und Hallpieces. Dies wird dann auch für die Öffentlichkeit sein. Hauptsächlich werden meine Arbeiten drin sein (Hallpieces), da ich mehr oder weniger das letzte aktive Mitglied in der Crew bin. Das ist ein bisschen traurig und zieht einen ab und zu runter. Mit zwei Leuten gehe ich noch so ein-, zweimal im Jahr an die Hall, das war’s dann aber auch. Das letzte Mitglied, das regelmäßig an der Hall aktiv ist und Straßenpräsenz zeigt, ist JEE (lacht). Umso mehr gibt es mir den Ansporn, stand­ haft zu bleiben und weiterzumachen. Ich kann gar nicht mehr anders und würde es traurig finden, wenn es das gar nicht mehr geben würde. Daher versuche ich einfach, das hoch zu halten. Zudem mache ich Sticker. Ab und zu sieht man hier und da welche. Der nächste Sticker wird etwas größer und ein richtiger Burner. DEDE, ein Kollege von mir in China, digitalisiert ihn gerade. Er ist auch CrewMitglied. Ab und zu schicke ich ihm einen Sketch vorbei, da ich mich mit dem ganzen Digitalen gar nicht auskenne. Ach ja ... was Bombings angeht,


Wessen Feedback bedeutet dir am meisten? Feedback ist sehr schön und freut mich immer. Mir bedeutet Rückmeldung, die nicht aus der Szene kommt, ein bisschen mehr. Wenn mich eine alte Omi an der Hall anspricht und mir sagt, dass sie es toll findet, was ich da mache, bedeutet mir das viel mehr als die positive Bestätigung von zehn Writern. Feedback von meiner Familie bedeutet mir auch sehr viel und von meiner Crew. Vielleicht denke ich da ein wenig altmodisch. Keine Ahnung. Ich persön­ lich brauche kein Feedback, da ich nur für meine Crew, für mich und meinen Bezirk male. Für nie­ mand anderes. Ich weiß ganz genau, dass die Jungs aus meiner Gegend das feiern. Das bedeutet mir viel mehr. Ich könnte auch losziehen und nur meinen Namen malen. Das mache ich aber nicht.

deine eigenen Bilder selten gefallen. Weshalb ist das so? Ich bin sehr selbstkritisch. Das beruht irgendwie auf dem Drang zur Verbesserung. An dem Tag, wo ich zufrieden bin, muss ich nicht mehr weitermachen. Daher werde ich niemals zufrieden sein. In Sachen Technik möchte ich mich auf jeden Fall noch sehr stark verbessern. Ich male seit 24 Jahren und tech­ nisch gibt es Leute, die einfach viel krasser sind. Style is the Message. Für mich war es erstmal wichtig, mei­ nen eigenen Style zu finden. Technik stand erstmal im Hintergrund. Nun fühle ich, dass mein Style in eine vernünftige Richtung geht. Jetzt muss ich defi­ nitiv an meiner Technik arbeiten. Da geht noch viel mehr, das sehe ich an Anderen. Am ehesten bin ich mit meinen Charactern zufrieden. Sie sind mein Lieb­ lingsding. Auf Papier male ich fast nichts anderes und eher selten Schriftzüge. Auf der Wand bin ich oft zu faul für Character, aber nicht immer.

Du hast auf Instagram geschrieben, dass dir

Was hältst du davon, dass immer mehr Firmen

werden alle Bilder ins Buch kommen, die ich besit­ ze, alte sowie auch neue.

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auch hierzulande Graffiti in ihrer Werbung nutzen, um junge Menschen zu erreichen? Ich finde das sehr gut, solange der Künstler dafür bezahlt wird. Manche Marken stellen ihr Modell bei Shootings vor ein Graffiti, und der Künstler kriegt noch nicht mal etwas dafür. Da haben Leute ihr Herzblut reingesteckt, und sie klauen das einfach. Sie brüsten sich im Endeffekt mit dem Namen eines anderen. Das Modell alleine würde ohne den Hinter­ grund gar nicht so cool aussehen. Wenn Firmen den Künstler für eine Zusammenarbeit einladen und ihn dafür bezahlen, finde ich das cool. Das ist auf jeden Fall legitim. Wie sehen deine nächsten Pläne aus? Gerne würde ich mehr von der Welt sehen. Ich möchte an zwei für mich wichtigen Veranstaltungen im Ausland teilnehmen. Das hat auch damit zu tun, dass ich diese Länder gerne mal sehen würde. Dann möchte ich noch ein Buch herausbringen. Vielleicht mal eine eigene, kleine Ausstellung machen. Ansons­ ten bin ich ganz zufrieden. Inzwischen gebe ich mich auch mit weniger zufrieden. Man ist nur enttäuscht, 46 __ fankyzine

wenn man etwas nicht schafft. Lieber klein starten und groß schaffen. Möchtest du abschließend noch etwas erwähnen? Was ein ganz wichtiger Aspekt beim Malen ist, wes­ halb ich überhaupt erst damit anfing, ist die Musik. Musik hat mich so extrem hart geprägt. An der Hall bin ich immer mit Musik unterwegs. Ich kann schon fast gar nicht mehr ohne malen. Wenn ich die Musik fühle, bin ich beim Malen richtig im Flow. Was hörst du so? Das geht bei mir Querbeet mit dem Schwerpunkt HipHop. Ich höre viel Funk und Soul, aber auch elektronische Musik in Richtung Breakdance (B-Boy ElektroFunk) wie beispielsweise Funkmaster Ozo­ ne, Dogg Master oder The Egyptian Lover. Bei mir läuft sehr viel Westcoast Musik wie Psycho Realm, Rappin’ 4-Tay, Cypress Hill, Big Syke, Spice 1, 2Pac ... Ohne Ice-Ts Musik und seine Cover hätte ich niemals angefangen, zu malen. Ich höre aber auch Eastcoast Musik: Wu-Tang Clan, Gangstarr, Rakim und Krs-One, Big Pun. Deutsche Musik ist ein wenig schwierig für


mich. Zu ihr habe ich eine gespaltene Meinung. Die alten Deutschrap Sachen wie Too Strong, Stieber Twins, Torch und RAG sind mega. Wer die Klassiker nicht zu schätzen weiß, versteht nicht, was deutscher Rap ist. Deutscher Rap hat sich stark verändert. Ist nicht alles so mein Ding. Meine Gegend supporte ich auf jeden Fall auch, was Rap angeht. DERDO ist der Rapper aus unserem Bezirk. Sein Video „Aktiv“ sollte man definitiv abchecken. Fühlst du dich in der lokalen Sprüherszene wohl? Ich halte mich von der Szene fern. Mittlerweile ken­ ne ich die meisten Leute. Ich male nur mit ganz weni­ gen. Mit Leuten, mit denen ich sitze, esse und trinke, male ich auch. Mit Leuten, auf die das nicht zutrifft, will ich auch nicht unbedingt so viel malen oder zu tun haben. Ganz einfach. Das ist ein bisschen extrem bei mir. Ich habe schon mit Leuten gemalt, mit denen ich nicht so viel zu tun hatte. Bei 90 Prozent der Leute habe ich es bereut, mit denen überhaupt ein Bild ge­ malt zu haben. Sie stellten sich als falsch heraus und vertraten nicht die selben Werte. Syck ist einer der wenigen legalen Maler, mit denen ich gerne losziehe. Er hat viel für die Szene getan und bekommt mei­ nen vollsten Respekt. Wir haben erst zwei Projekte gestartet, aber beide Male sind richtig gut gelaufen. Von ihm kann ich definitiv technisch was lernen. Styletechnisch nicht, da versuche ich immer, meinen Egofilm zu fahren und mich nicht zu sehr beeinflus­ sen zu lassen. Syck hat generell mehr Anerkennung verdient.

Dass er Kritiker hat, ist ihm bewusst. Umso besser, dass ich hinter ihm stehe. Die meis­ ten Menschen mögen mich auch nicht, wegen meiner ernsten Denkweise, was HipHop angeht. Dann passt das schon ganz gut (lacht). Mitleid kriegst du geschenkt, Neid musst du dir verdienen. Es kommt vielleicht ein bisschen egoistisch oder arrogant rüber, aber ich muss versuchen, meinen Namen sauber zu halten. Ich will nicht mit jedem etwas zu tun haben. Daher kommt mein Hashtag #wölfejagennichtmithunden.

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Auch Martin Meiwes ist auf der neuen Jace Platte vertreten. © ClipSkills

Jace – Without Frontiers Jace „Without Frontiers“ ist eine Schweizer Instrumental Vinyl mit 14 Anspielstationen. Nach vielen schweiz-deutscher Collabo-Projekten kommt Jace mit seinem Vinyl Debüt um die Ecke und schafft es dabei, mit klassischen Sample Sound am Puls der Zeit zu bleiben. Boom Bap, der über alle Grenzen hinaus seine Hörerschaft sucht. Bonustracks liefern Martin Meiwes und Manew. Cover by Blaesi Art, Master by Pawcut. Noch Fragen? (pr) www.staubsound.de 48 __ fankyzine


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Gehörst du auch zur Band?

Von Vanessa Lange „Gehörst du auch zur Band?“ fragt mich der Typ hin­ ter der Bar, als meine Bandkollegen und ich „Band­ bier“ bestellen. Das gab es nämlich umsonst, wenn man spielt. „Ja ich gehöre dazu, obwohl ich eine Frau bin.“ Irgendwie ist diese Unterhaltung unvorstellbar, aber das passierte wirklich so. Keiner hat Bock, darüber nachzudenken, ob das eigene Geschlecht eine Rolle spielt. Und für uns als Band tut es das auch wirklich nicht. Dennoch muss ich zugeben, dass es mich und meine Haltung in der Musikszene beeinflusst. 2017 gab es endlich die Möglichkeit für mich, Musik zu machen. Seit Jahren hegte ich diesen Wunsch, 50 __ fankyzine

aber es kam einfach nie dazu. Wahrscheinlich auf Grund von Umzügen, aber mit Sicherheit auch auf Grund von meiner Angst. Ich entschied mich dazu, es mit Gesang zu probieren. Ich hatte Lust, Texte zu schreiben und stellte mir das Schreien als Ventil für den Alltag vor. Den ganzen Stress und die Wut raus zubrüllen. Das tat ich dann auch. Und ich war unzufrieden. Meine Stimme fand ich zu hoch, zu krächzend und überhaupt nicht stark genug. Ich hatte eine Wunschstimme im Ohr, die nichts mit der Realität zu tun hatte. Normalerweise hätte ich an dieser Stelle hingeschmissen. Aber meine FreundIn­ nen und BandkollegInnen Jan, Manuel und zu der Zeit noch Linda ermutigten mich, weiter zu probie­ ren. Und so wurde dann meine Unsicherheit auch


© Cabot Pictures

nicht mehr zum Thema, und wir haben gemeinsam weiter an Songs gewerkelt.

das ist heute auch noch so, aber auf der Bühne fühlt sich alles richtig an.

Es gibt viele Menschen in der DIY Punkszene, die bei einer Bandgründung erst lernen, ein Instrument zu spielen oder das erste Mal ein Mikrofon in der Hand haben. Das ist auch gut so. Aber komischerweise lese ich nie von Männern, dass sie Angst davor ha­ ben oder sich komisch fühlen. Es wirkt so, als wäre es witziger, wenn Männer auf der Bühne schlechten Punk machen und auch akzeptabler. Das ist lustig, die können nichts und sind total betrunken. Doch wir Frauen* fühlen uns beobachtet und als müssten wir abliefern, um ernst genommen zu werden.

Der Support unter uns und unter uns Frauen*, die in Bands spielen, ist einfach riesig. Und genau das ist so wichtig. Es ist wichtig, dass wir über unsere Unsi­ cherheit reden und über Fehler lachen können. Und auch über dumme Sprüche.

Als wir dann die ersten Male auf der Bühne standen, dann schon mit Patrick am Schlagzeug, war diese Un­ sicherheit vergessen. Ich war natürlich nervös, und

Jetzt haben wir als Band, Disgusting News, die erste EP namens Fressfeind veröffentlicht. Jetzt möchte ich das alles nie mehr missen. fankyzine __ 51


© Evander Quinn 52 __ fankyzine


Glückseligkeit der Landstreicher Schriftsteller Nico Feiden hat seine Erfahrungen als Vagabund in seinen Debütroman „Sterben können wir später“ fließen lassen und dadurch einen mit­ reißenden Appell an die Jugend formuliert, etwas zu wagen. Herzlichen Glückwunsch zu deinem Debütroman „Sterben können wir später“. Wer durfte ihn als Erstes lesen? Danke, ich habe lange an diesem Werk gearbeitet. Es war eine große Herausforderung für mich. Wie es eben üblich ist, habe ich das Werk ein paar Leu­ ten parallel zum Lesen gegeben. Darunter natürlich meine Herzdame, mein lieber Freund und Verleger Jannis und ein paar Leuten aus dem Literaturbe­ trieb. Bisher lag dein Schwerpunkt auf Gedichten. Worin bestand die größte Herausforderung, deinen ersten Roman zu verwirklichen? Die größte Herausforderung bei diesem Reisero­ man war es, meine sehr lyrische Sprache in das Prosawerk einzubinden, ohne dabei vom Plot ab­ zuschweifen. Ich habe dieses Werk für junge Leute geschrieben, die noch nicht wissen, wohin sie das Leben führt. Es ist ein Mutmacher, ein Roman, der verdeutlichen soll, dass es unserer Generation ge­ gönnt sein muss, eine Auszeit zu nehmen, zu reisen, Fehler zu machen, schöne Fehler. Es ist sowohl eine lebendige Kritik an dem Bildungssystem als auch am Kapitalismus. Keiner, zumindest nur wenige, wissen nach der Schule, was sie machen möchten, aber der Großteil treibt in diesem Duktus aus Leis­ tung dahin und vergisst dabei vollkommen, was ihm/ihr Freude bereitet. Ich hoffe, ich kann mit die­ sem Werk einigen jungen Leuten eine Alternative aufzeigen.

Wie viel Prozent Nico Feiden steckt in deiner Romanfigur Noan? Wer schreibt, kann seine eigenen Gefühle und Erleb­ nisse nur schlecht von dem trennen, was am Ende auf dem Papier steht. Auch ich habe eine schwieri­ ge Kindheit gehabt und eine wilde Jugend wie der Protagonist Noan. Ich denke, gerade darum ist mir dieses Buch so wichtig. Die Arbeit an diesem Roman hat sehr viel von mir gefordert, und es ist befreiend, ihn nun in der Welt zu wissen. Ich stelle mir Obdachlosigkeit ziemlich furchtbar vor. Zeichnest du aus dramaturgischen Gründen mit Absicht ein romantisch verklärtes Bild vom Leben auf der Straße? Ich muss dazusagen, ich selbst bin jahrelang als Va­ gabund durch Europa gezogen und den Stereotyp, den ich beschreibe, ist wohl eher mit einem Land­ streicher als mit einem Obdachlosen gleichzusetzen. Natürlich habe ich das Bild romantisiert, aber alle Landstreicher, die ich in der Recherche kennenge­ lernt habe, haben mir eine Glückseligkeit gezeigt, die ich inmitten der Gesellschaft nie gefunden hätte. Ich will nicht pauschalisieren, aber die Erfahrun­ gen, die ich „On the Road“ gemacht habe, waren die freisten, schönsten und romantischsten meines Le­ bens. In Südspanien hatte mir mal ein obdachloser Musiker gesagt: „Wenn du einmal unter den Sternen geschlafen hast, sind sie dein Zuhause.“ Ich will nur damit sagen, man muss unterscheiden zwischen den Menschen, die wegen Schicksalsschlägen auf der Straße gelandet sind und derer, für die es ein Lebensentwurf ist. Wem würdest du ein Jahr auf der Straße dringend empfehlen, damit diese Person ihre Weltansichten ändert? fankyzine __ 53


Nico Feiden – Sterben können wir später Keiner wird sagen: „Geh auf Reisen!“, „Finde dich!“, „Schreib Gedichte!“, „Male!“, „Musiziere!“ Alle werden sagen: „Mach deine Schule fertig!“, „Lerne etwas Vernünftiges!“, „Reisen kannst du später noch!“ Doch so werden keine Gedichte geschrieben, keine Bilder gemalt, keine Lieder getextet und komponiert. „Sterben können wir später“ erzählt von einem jungen Mann, der diese Ratschläge ignoriert und aus seiner gefühlten Monotonie und Tristesse ins Ungewisse reist. Er erlebt dabei Räusche ganz unterschiedlicher Art, lernt besondere Menschen und Situationen kennen und stößt an seine Grenzen. Seiner Geschichte kann man eben niemals entkommen ... (pr) Erhältlich als Taschenbuch (112 Seiten, ISBN: 978-3-946196-24-2) und eBook (978-3-946196-25-9), erschienen im Astikos Verlag

Die Liste ist lang! Natürlich denke ich an Trump, aber auch an große Teile unserer Regierung sowie CEOs bestimmter Firmen. Die Askese, in welcher Form auch immer, sollte einen Bestandteil in der Bil­ dung haben. Ich kann nur von meinen Erfahrungen sprechen, aber ich habe in diesem Jahr mehr gelernt als während meines Jahrzehnts in der Schule. Es ist ja nicht so, dass man nur etwas entbehrt, sondern das Leben sieht, in all seinen Facetten. Wenn man tagelang allein durch Wälder zieht oder in den Ber­ gen zeltet und kein anderer Mensch nur in der Nähe ist, dann ist die Schönheit und Weisheit, die man er­ fährt, eine Erhabene. Leute lesen angeblich lieber über „leidende“ als über glückliche Personen. In deinem Buch überwiegen deutlich die schönen Seiten des Lebens. Hattest du bei der Veröffentlichung Bedenken, dass dies bei den Lesern nicht gut ankommt? Ich finde schon, dass der Protagonist einige Schick­ salsschläge wegstecken muss, vor allem am Anfang – aber die Lehre von „Sterben können wir später“ ist, wie man auf diese Schicksalsschläge blickt. Nie­ mand kann sagen, ob eine jetzige Niederlage auch in Zukunft so zu betrachten ist. Es ist die Zeit, die uns den Blick auf unsere Vergangenheit lichtet. Der Pro­ tagonist ist ein Hedonist, für ihn zählt nur das Jetzt. Das augenblickliche Glück über allem. Ich habe mir wenig Gedanken gemacht, wie dieser Roman wohl ankommt. Ich habe ihn für eine junge Zielgruppe geschrieben und hoffe, dass er sie erreicht, aber auf meiner Lesetour im Herbst war die Resonanz posi­ tiv, vor allem von Leuten, die nicht mehr zur Ziel­ gruppe gehören. Ist dir Feedback zu deinen Arbeiten wichtig? Für mich gilt der Satz „Kunst ist nur so groß, wie 54 __ fankyzine

man sie teilt.“ Natürlich strebe ich nach Aufmerk­ samkeit – wie jeder andere auch – und nach Feed­ back. Aber dieses Streben hat keinerlei Auswirkung auf meine Schaffensphase. Ich schreibe über die Dinge, die mich bewegen und bei denen ich ein Ge­ fühl habe, dass sie auch andere wissen sollten. Mit welcher historischen Person würdest du gerne mal einen trinken gehen? Das ist ganz klar. Ich würde gern mal auf ein Jazz­ konzert von früher. Armstrong würde an der Trom­ pete sein & ich würde mir die Seele aus dem Leib zappeln, mit jeder Menge Benzedrin & Kokain und in der Ecke würde die Beat-Generation sitzen und verrückte Gedichte in den Raum spucken. Wo schreibst du am liebsten? Viele meiner Kolleg*innen schreiben gern in Cafés oder Bars. Ich schreibe meist an meiner Schreib­ maschine zuhause, zünde ein paar Kerzen an, höre Jazz, öffne ein oder zwei, manchmal auch drei Fla­ schen Wein und lausche meinen eigenen Gedanken. Wer sind deine Lieblingsschriftsteller? Da gibt es viele. Natürlich die Beat-Generation, aber auch Walt Whitman, Thoreau & Hesse gehören dazu. Bei der zeitgenössischen Literatur fällt es mir schwerer, aber Benedikt Wells als auch Dichter wie Max Czollek, Tobias Roth & Martin Piekar schätze ich sehr. Ist schon ein neuer Roman in Planung? Ein neuer Roman ist nicht geplant, aber irgendwann bestimmt. Gerade arbeite ich an einem Kurzge­ schichtenband und an zwei neuen Lyrikbänden.

instagram.com/nicofeiden


zero/zero – In Schönheit sterben Klimawandel, Populismus, Krieg – aber immerhin geht diese Welt geil zu Grunde. Gebannt in 1080 mal 1080 Pixeln. Hauptsache sexy. Mach mal Story, zero/zero macht den Soundtrack dazu. Aus der Bubble direkt in das lachende Filter-Gesicht der ersten Welt. Sterben müssen wir sowieso, dann sollten wir dabei wenigstens schön aussehen. Ich nehme dann noch einen Soja Latte, war’s das? Mit ihrer neuen EP „In Schönheit sterben“ führen zero/zero das weiter, was sie auf „Erste Welt“ und „Schlangenöl“ begonnen haben. Satirische und sozialkritische Texte im Gewand von eingängigen Melodien und Refrains. (pr) instagram.com/zerozeropix

© instagram.com/ephraunrated fankyzine __ 55


Fotograf mit zittrigen Händen The Picturebooks – Barcelona – Rocksound – APR 8 2019 © Danny Kötter


Lygo – Münster – Gleis 22 APR 8 2017 © Danny Kötter


Oben: Comeback Kid – Münster – Sputnikhalle – JUL 29 2018 Unten: The Baboon Show – Cologne – Bürgerhaus Stollwerck – APR 5 2018 © Danny Kötter

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Frank – Fake People Dortmund – FZW FEB 5 2019 © Danny Kötter

Danny Kötter Genre: Fotografie, Film Heimatstadt: Halle Web: instagram.com/thezitterman Mail: Danny@pre-Post.de Krawehl – Steckenpferd (Tourvideo): https://youtu.be/Euodv-1aZHU

Ganz im Ernst, du bist für mich der mega-krasseste Musikfotograf. Bist du ein Naturtalent oder steckt harte Arbeit dahinter? Als Naturtalent bezeichne ich mich nicht; in der Regel bin ich selbst mein größter Kritiker und hasse alles, was ich mache. Über die Zeit hinweg habe ich gelernt, dass ich, egal ob ich fotografiere oder auch filme, im­ mer hart arbeiten muss. Sobald ich denke „Jau, easy, das ich mach’ ich mal eben so“, kommt meistens kei­ ne wirklich gute Arbeit dabei heraus. Ich habe mir eingeprägt, immer mindestens 1000 % zu geben. Was magst du am liebsten ... ... an der Konzertfotografie?

Angefangen hat die Konzertfotografie bei mir als Musikfan und meiner damals jüngsten Leidenschaft, der Fotografie. Daher habe ich schnell zur Musikfoto­ grafie gefunden. Ich glaube, mich zu entsinnen, dass es damals die actionreichen Momente waren, die ich nun mit meiner „Kunst“ festhalten konnte, die mich faszinierten. ... an Künstlerporträts? Die Nähe! Schon früh fing ich an, Kontakt zu den Künstlern und Künstlerinnen aufzubauen, die ich bei ihren Konzerten dokumentierte. Wirklich besonders wurde es dann, als ich die ersten Male die Chance hat­ te, Bands auch im Backstage und bei anderen Situati­ on neben der Bühne zu begleiten. Eben die intimen Momente festzuhalten, die nicht jeder Andere zu se­ hen bekommt, die Emotionen haben und die eine Ge­ schichte erzählen. Auch wenn diese manchmal nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind, haha. ... an Musikvideos? Auch wenn ich oft eine „One-Man-Show“ bin, genieße ich es doch sehr bei der Arbeit an den Musikvideos, dass ich zusammen mit den Künstlern arbeite und ge­ meinsam mit ihnen ein Konzept entwickele. Der kre­ fankyzine __ 61


ative Output, der entsteht, wenn eine weitere Person mit dabei ist, ist super. Arbeitest du lieber mit Musikern, die du persönlich kennst oder mit unbekannten Musikern? Warum ist das so? Die meisten meiner Arbeiten mit Musikern entstehen durch ein vorheriges Freundschaftsverhältnis. Es gibt dadurch allerdings Situa­ tionen, in denen es schwierig wird, wenn aus dem Freund­ schaftsverhältnis ein Arbeits­ verhältnis wird. Aber auch, wenn ich mit Personen zu­ sammen arbeite, die ich vor­ her nicht persönlich kannte, sind wir spätestens nach der Fertigstellung des Projektes Freunde. Das ist sowieso das wohlmöglich Beste, was mir durch die Musikfotografie passierte; dass ich seit­ dem eine Menge unglaublich guter Freundschaften aufgebaut habe. Nach Jahren ohne Freunde und mit sehr geringem Selbstvertrauen ist dies immer noch sehr wohltuend. Ich bin zwar nach wie vor immer noch ein Einzelgänger; anders würde die Arbeit für mich auch nicht in der Intensität funktionieren. Ein Einzelgänger zu sein, bedeutet allerdings nicht die

totale Isolation vor sozialen Kontakten, sondern ich genieße es auch sehr, viele Leute um mich herum zu haben, die ich mag! Bist du mit deinem aktuellen Equipment zufrieden oder gibt es noch etwas, auf das du hin sparst? Tendenziell möchte ich mir am liebsten tagtäglich irgendetwas Neues an Equipment zulegen, aber ich habe auch gemerkt, dass im Minimalismus die Kunst lie­ gen kann. Wenn ich mit nur einer Festbrennweite arbeite, werde ich meist am krea­ tivsten, und ich bin bei dem Equipment, das ich gerade habe, muss nicht das Objektiv wechseln etc. ...

im Minimalismus kann die Kunst liegen.

Krawehl © Danny Kötter 62 __ fankyzine

Gute Fotos sind für Musiker echt wichtig. Hast du das Gefühl, dass deine Arbeit ausreichend Wertschätzung erfährt? Ich habe mit der Fotografie angefangen, als die So­ cial Media Netzwerke immer größer und präsenter wurden. Ich kann nicht wirklich sagen, wie es vor­ her war, aber ich bin mir sicher, dass guter Content wichtiger ist denn je. Allerdings sind die Quantität und die Geschwindigkeit, wie der Content entsteht,


Oben: Norbert Buchmacher Bochum – Die Trompete – JAN 12 2019 Mitte: Donots Osnabrück – Rosenhof – DEC 29 2018 Unten: Greyscale Promo – 2016 © Danny Kötter

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Danger Dan – Cologne – Luxor – SEP 27 2018 © Danny Kötter 64 __ fankyzine


mittlerweile auf einem absurden Level. Das ist of­ fensichtlich zurückzufüh­ ren auf die Smartphones. Jeder Besitzer kann LIVE der Welt jegliche Dinge präsentieren; davon sind natürlich auch Events wie Konzerte betroffen. Fotos und Videos vom gestrigen Abend werden oft bereits als „alt“ abgestempelt. Bei der Überflut und der ge­ ringen Aufmerksamkeits­ spanne, die die Menschen zunehmend entwickeln, gehen dann natürlich oft Arbeiten unter und werden kaum betrachtet. © Danny Kötter Wertschätzung erfahre ich dennoch sehr viel, teilwei­ se so sehr, dass es mir schon fremd ist. Du bist ziemlich groß. Empfindest du das beim Fotografieren auf Konzerten eher als Vor- oder Nachteil? Ja, es kann schon unangenehm sein, ich möchte die Show ja so wenig stören wie möglich. Dennoch be­ trachte ich meine körperliche Größe als wichtigen Teil meinerseits. Wenn ich mich selbst betrachte, sehe ich mich als eine sehr signifikante Gestalt. Mir wurde mal gesagt, dass es defintiv mein Vorteil sei. Wenn man meine Silhouette sehen würde, wäre di­ rekt klar: „Das ist Danny Kötter“. Der 204,9 cm lange Fotograf mit den zittrigen Händen und dem „Zausel­ haar“ ist dann halt echt ein Unikat (lacht). Nerven dich all die Zuschauer, die auf Konzerten ihr Smartphone zücken und damit irgendwie die Stimmung zerstören? Ich kann es nachvollziehen, dass Menschen gerne eine Erinnerung an das Konzert mit nach Hause neh­ men. Letztendlich mache ich ja nichts anderes: Ich dokumentiere Momente, an die Menschen irgend­ wann einmal zurückblicken können. Aber den gan­ zen Abend auf der Stelle stehen und auf den Screen ihres Handys zu gucken, kann ich nicht nachvollzie­ hen. Wenn ich ein Konzert fotografiere, gucke ich zwar auch viel durch und auf meine Kamera, aber ich habe gelernt, mir auch zwischendurch die Show einfach in ECHT anzugucken, um die Stimmung zu fühlen und mich hinterher an den Abend erinnern zu können. Die Taschenlampen der Smartphones haben

aber allmählich die Feuerzeuge ersetzt, was vielleicht gar nicht so schlecht ist. Machst du selbst auch Musik? Nur für mich und meine Nachbarn! Du hast zwölf Tage lang die Tour von Krawehl als Fotograf begleitet. Was waren die Highlights aus dieser Zeit? Das wohl Interessante an der Tour mit Krawehl war, dass ich niemanden der Band vorher persönlich kannte. Das war schon eine ungewöhnliche Situation, als ich in den Van stieg, um für zwölf Tage mit frem­ den Menschen auf einem Raum zu leben. Glückli­ cherweise haben wir uns alle auf Anhieb gut verstan­ den, und ich zähle die Band heute zu guten Freunden. Viele Momente der Tour habe ich in einem kleinen Video festgehalten, welches auf YouTube zu sehen ist. Kann dich jeder für Fotos buchen oder gibt es Bereiche, die du lieber ablehnst? Ich arbeite gern in vielen verschiedenen Bereichen. Es ist schön zu merken, dass ich das, was ich auf ei­ nem Gebiet erlernt habe, auch auf ein anderes über­ setzen kann. So sehe ich keinen großen Unterschied, ob ich nun eine Band begleite oder ein Brautpaar. Welche Pläne hast du für deine fotografische Zukunft? Eigentlich genau das, was ich jetzt tue, nur noch intensiver. Ich möchte weiterhin viel reisen und et­ was von der Welt sehen, alte und neue Freunde tref­ fen und von meiner „Kunst“ leben! fankyzine __ 65


66 Andrea __ fankyzine © Williams


Mindens neue Blütezeit Marcel Komusin / Prime Minden Veranstalter der Prime Minden im BÜZ Vorsitzender Papagei Musiktreff am Beat e. V. Web: instagram.com/prime_minden facebook.com/Prime-309323869726235

Interview am 27. März 2019, Minden Stell dich meinen Leserinnen und Lesern doch bitte kurz vor! Hallo, mein Name ist Marcel Komusin. Ich bin 34 Jahre alt und gehe noch zur Schule (Marcel arbeitet an einer Schule, Anm. d. Red.). Mein Sternzeichen ist Waage (lacht). Seit Januar bin ich einer von drei Pro­ grammveranstaltern im Kul­ turzentrum BÜZ Minden.

Kram zu kümmern, mit den Leuten zu telefonieren und den ganzen Ablauf zu organisieren. Da es einen Mitarbeiter gibt, der sich um das Thekenpersonal kümmert und Kassierer einteilt, kann ich mich voll auf die Künstler, den Ablauf des Abends, die Orga­ nisation im Vorfeld und die ganze Nachbereitung konzentrieren. Kannst du genauer erklären, was du mit „urbanen Anstrich“ meinst? Ich möchte das etablieren, was es in Minden mei­ ner Ansicht nach seit langer Zeit nicht mehr gab: bekannte Bands, die in der Regel nur in größeren Städten wie Hamburg, Berlin, meinetwegen auch in Hannover und Bielefeld auftreten, in eine provinzi­ elle Stadt wie Minden holen. Es hängt natürlich da­ von ab, ob das Publikum das akzeptiert. Ich glaube fest daran, dass es in Minden und Umgebung genug Interessen­ ten gibt. Ich werde verschie­ dene Genres wie beispiels­ weise HipHop, Stoner und Alternative ausprobieren. Es gilt, herauszufinden, worauf die Leute Bock haben. Die verschiedenen Läden hier vor Ort, – der Bunker, der Papagei, die Ameise, Markt 15, sogar Jess Weinbar –, haben ein Konzertpublikum. Es gibt also genug Anlaufstellen für Livemusik. Beim Papagei hatten wir in der Vergangenheit ohne großen Aufwand die Hütte voll. Es ist mein Anspruch und mein Ziel, Leu­ te mit der entsprechenden Werbung, Inszenierung und vor allem der Livemusik ins BÜZ zu holen. Das Niveau, das ich erreichen möchte, setzt Bands vor­ aus, bei denen man sich verlassen kann, dass es gut wird. Es wird natürlich ein ganzes Stück Arbeit, und ich muss mich noch immer auf den Papagei bezie­ hen, da das meine Wurzeln sind. Dort bin ich nach wie vor aktiv und werde es auch bleiben, weil ich ihn über alles liebe.

Die Arbeit im BÜZ ist eine neue Erfahrung für mich.

Dort ziehst du mit der Prime eine neue Veranstaltungsreihe auf. Kannst du dazu was erzählen? Grob formuliert, kümmere ich mich um die Programmgestaltung für 20- bis 35-Jährige. Natürlich können auch Leute kommen, die älter sind. Ich erhielt vom BÜZ keine weiteren Vorgaben und habe somit freie Hand. Die Leute dort kannten mich teilweise schon vorher durch die Pa­ pagei Veranstaltungen im BÜZ und wussten somit, was auf sie zukommen wird. Ich stamme aus dem Bereich der selbstverwalteten, nicht kommerziellen DIY-Szene. Es ist meine Absicht, coole Veranstal­ tungen mit einem urbanen Anstrich umzusetzen, wie man sie beispielsweise aus dem Papagei kennt. Allerdings möchte ich diese mit einer eigenen Note versehen. Die Arbeit im BÜZ ist eine neue Erfah­ rung für mich, die mir große Freude bereitet. Ich habe totalen Bock drauf, mich um den Social Media

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Ich möchte Prime als coole Marke etablieren. Wann hast du das Gefühl, die Prime erfolgreich etabliert zu haben? Mein Ziel ist es, eine Metaebene zu erreichen. Leute erfahren, dass im BÜZ ein Konzert unter dem Mot­ to „Prime“ stattfindet und müssen gar nicht weiter darüber nachdenken, weil sie automatisch wissen, dass es gut wird. Ich weiß, dass das ein sehr hohes Ziel ist, aber das möchte ich mir selbst auch stellen, um es mit den Leuten, die ins BÜZ kommen, zu er­ reichen. Deswegen will ich weiterhin versuchen, Rückmeldungen einzuholen, um Prime für die Leute und mich selbst zu optimieren. Ich habe Bock dar­ auf, dass es funktioniert. Es ist die Ergänzung des bereits vorhandenen Kulturprogramms auf einer anderen Ebene. Das klingt so, als ob du in der Aufgabe voll aufgehst. Der Job ist ein absoluter Traum von mir. Seit 15 Jah­ ren mache ich das hobbymäßig. Ich habe eine der­ artige Freude an dem ganzen Kram und gehe davon aus, dass es auch so bleibt. Diese Möglichkeit vom BÜZ möchte ich selbstverständlich nutzen. Deswe­ gen lege ich da alles rein. Ich nehme die Thematik ernst, um die Möglichkeit nutzen zu können, mich da selbst vor Ort zu verwirklichen, immer mit der Prämisse, was ich für die Stadt tun kann und wel­ che Veranstaltungen ich ermöglichen kann, auf die die Leute Bock haben. Ich komme aus der Subkultur und bleibe in der Subkultur, aber ich denke, das hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren derart re­ lativiert, dass es zum Glück nicht mehr diese eine beziehungsweise abgeschottete Szenen gibt. Das ist mittlerweile so irrelevant. Leute haben auf alles mögliche Bock und sind aufgeschlossener. Sie gehen auch mal zu einem Konzert eines anderen Genres, wenn sie das Gefühl haben, dass vor Ort gute Stim­ mung herrscht.

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Wann geht es denn konkret los? Im April starten die ersten Termine, die ich betreue. Los geht’s mit einer bereits bestehenden Reihe, die


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ihren Ursprung mit Papageileuten hat: die Delight Night. Ich versuche, die Veranstaltung nach vorne zu pushen. Für den kommenden Termin hat der her­ vorragende Paul Olfermann das Design umgesetzt. Er gestaltete in der Vergangenheit bereits viel für den Papagei. DJ Mattis legt bei der Delight Night wie­ der auf und ist praktisch der Kern des Ganzen. Benz, der Rapper von Mono & Benz, hat die Veranstaltung mitinitiiert. Er gab der Reihe seinen Namen. Dilosau­ rier legt bei der Delight Night Habibi-Funk auf. Wer das nicht kennt, mag die Musik befremdlich vor­ kommen, aber ich kann nur versprechen, dass die Mucke live in einer coolen Location einfach zieht. Es 70 __ fankyzine

macht Bock zu hören und dazu zu feiern. Im BÜZ gab es stets coole, subkulturell geprägte Events für Leute, die Bock auf Livemusik, Tanzveranstaltungen oder Partys haben. Es mangelte aber oft an der Wer­ bung, sodass die Events kaum einer mitbekam. Das zu ändern, zähle ich mit dem Team und den jeweils involvierten Leuten nun zu meinen Aufgaben. Ich möchte Prime als coole Marke etablieren. Das heißt, Plakate und Flyer mit coolen Designs zu verteilen, wo die Leute sie sehen. Rechtzeitig Internetwerbung zu schalten, damit auch Leute außerhalb des typi­ schen Dunstkreises das registrieren und es ihnen schmackhaft gemacht wird.


Wird es bei der Delight Night den Habibi Cocktail geben? Wenn du das wünschst ... Was ist denn der Habibi Cocktail? Den habe ich mir eben ausgedacht. Du hattest mal im Vorfeld erwähnt, dass du zu den Veranstaltungen passende Getränke anbieten möchtest. Danke für die Erinnerung ... Die Delight Night ist so strukturiert, dass zu Beginn eine Liveband auf­ tritt. Den Anfang machen DAS GüNTHER aus Han­ nover. Sie traten bereits bei der Fusion auf und spie­ len komplett improvisiert. Ihr Programm kann vom Free Jazz, über ein Techno Set zum Alternative Krach wechseln. Das wird schon eine kleine provokante Note haben. Wer performanceund musikinteressiert ist, wird vermutlich auf seine Kosten kommen. Es wird mindestens höchstinteressant (schmunzelt). Nach ei­ ner Dreiviertelstunde bester Unterhaltung durch die Band geht es mit der Tanzmusik weiter.

Termine Leute vom Forum als Türsteher gewinnen konnte. Es fiel mir ein gigantischer Stein vom Her­ zen, als die Zusage kam. Ich finde es wichtig, vor Ort eine Frau zu haben. Meine Türsteher entsprechen dem Alter der Zielgruppe. Sie stecken im Studium oder sind fertige Akademiker. Zudem kann man Mitarbeiter des Forums, also in Nähe des Bielefelder Bahnhofs, durch nichts schocken. Warum der Name Prime? Ich wollte einen Namen, der sich absetzt und ganz andere Assoziationen hervorruft als beispielswei­ se Papagei und andere ty­ pische, eher subkulturell konnotierte Namen. Prime heißt Blütezeit. Ich möchte, dass etwas Neues hervor­ kommt, etwas wächst. Es ist ein positiv besetzter Begriff. Als Verb steht es dafür, sich einen anzutrinken. Das fin­ de ich auch ganz charmant. Popkulturell ist Prime verschiedenartig besetzt und drückt ein gewisses Selbstbewusstsein aus. Gleich­ zeitig ist der Name nicht so nischenhaft und bedeu­ tungsschwanger, wie man es von anderen Veran­ staltungsreihen kennt. Er hat genug Substanz, nicht ganz banal zu sein.

Die Rituals ist die erste eigene Reihe, die ich ins BÜZ holte.

Welche Veranstaltung kommt nach der Delight Night? Die Rituals ist die erste eigene Reihe, die ich ins BÜZ holte. Ich glaube, dass das Techno und Dark Mini­ mal Duo tinstinct für sich selbst spricht. Sie werden bei ihren Veranstaltungen mindestens einen Gast-DJ dabei haben. Hast du vor Ort optische Veränderungen vorgesehen? Ich werde das BÜZ für alle Veranstaltungen, die un­ ter Prime laufen, optisch abwandeln. Zu Beginn wer­ den wir die Seitenwände in schwarzen Dekomolton hüllen. Hinten auf der Bühne wird immer eine gro­ ße Kinoleinwand stehen, die das BÜZ normalerwei­ se für ihre Kinovorführungen nutzt. Wir verwenden sie für Beamerprojektionen. Die grandiose Lichtan­ lage vor Ort werden wir mehr nutzen, um richtig Stimmung und Atmosphäre zu erschaffen. Für die Rituals wird es von Veranstaltung zu Veranstaltung immer eine andere optische Inszenierung mit eige­ nen Visuals geben. Gibt es auch personelle Veränderungen? Das Image des Ladens ist für alle Veranstaltungen wichtig. Ich bin sehr froh, dass ich für die ersten

Kann man sich als Künstler bei dir melden? Man kann sich liebend gerne bei mir melden. Leute, die auflegen und auftreten, müssen einfach tieri­ schen Bock mitbringen. Wir wollen das Ganze nach vorne bringen, und das wird man den ersten Prime Veranstaltungen anmerken. Ich sehe es nicht nur als meine Aufgabe, den Leuten eine Bühne zu bieten, um sich selbst zu verwirklichen und coole Abende zu verbringen, sondern möchte, dass Künstlerinnen und Künstler gerne im BÜZ auftreten. Leute, die gerne auftreten, können das Publikum auch davon überzeugen, wiederzukommen. Kannst du zu zukünftigen Veranstaltungen schon was verraten? Die Konzerte starten im September. Man kann sich überraschen lassen. Wenn sich die Delight Night, die Rituals und die Love Di Vibez hält, sind die gesetzt. 2020 wird es mindestens eine weitere Partyreihe geben. Zudem soll es nicht bei Partys und Konzer­ ten bleiben. Je nach Pensum und Möglichkeit wird es auch Lesungen, Kinofilme und vielleicht ein paar popkulturelle Ereignisse geben. Da will ich noch nicht näher drauf eingehen. fankyzine __ 71


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Frankensteins RAketenmonster im Blutrausch

Der Bielefelder Autor Thomas Williams ist einer von elf Schriftstellern in der Anthologie „German Kaiju“ Nach diesem Buch ist nichts mehr, wie es war. Elf Autoren entführen dich in die Welt der Riesenmonster, wo sich ver­ rückte Wissenschaftler abnormer Monstrositäten bedienen, außerirdische Aggressoren mit Hilfe von Giganten nach der Herrschaft streben und sich Mutter Erde mit brachialer Ge­ walt gegen die Ausbeutung durch den Menschen zur Wehr setzt. Sei dabei, wenn Deutschland in Schutt und Asche ge­ legt wird und nichts und niemand den Aufmarsch der Ger­ man Kaiju aufhalten kann. Unter „German Kaiju“ vereint Herausgeber Markus Heitkamp elf Autorinnen und Autoren aus Deutschland, die in Anlehnung an japanische Monsterfil­ me deutsche Großstädte zerstören. Unter anderem kriegen Hamburg, Berlin, Karlsruhe und Dortmund ihr Fett weg. Und Bielefeld gibt es nach dieser Anthologie wirklich nicht mehr. Humorvolle und düstere Geschichten zeigen sich genauso ab­ wechslungsreich wie die Monster, welche sich das Team hin­ ter dem Buch ausgedacht hat. Tom Daut, Thomas Heidemann, Markus Heitkamp, Hanna Nolden, Markus Kastenholz, Tors­ ten Scheib, Thomas Williams, Finley McKinley, Simona Turini und Wolfgang Schroeder legen Deutschland gemeinsam in Schutt und Asche.  (Text: pr / Foto © Andrea Williams)

German Kaiju Anthologie. Mit einer Bonusgeschichte von Christian von Aster und einem Vorwort von Detlef Claus, sowie Illustrationen von Christian Günther. Erschienen ist „German Kaiju“ beim Leseratten Verlag von Marc Hamacher. 378 Seiten, 20 Euro.

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76 __ fankyzine Brooklyn, Jefferson st. station


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eroberer von Welten Henning Marten Feil aka Norbert 3000 Location: Brilon/Sauerland aktiv seit: 1998 Schwerpunkt: Künstler, Graffiti, Street Art & AuSSerirdischer Kollektiv/Crew: FSKommando / Moin Tang Clan / POW WOW JAPAN Web: henning-feil.de Instagram: @henningfeil / #norbert3000 Interview am 6. Februar 2019 im Slider Boardshop, Paderborn Wusstest du, dass ein Nautilus 3000 eine Springbrunnenpumpe ist? Nein, das wusste ich nicht (lacht). Gut, dass ich Nau­ tilusse male und Norbert 3000 mein Künstlername ist.

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Du verwendest aber inzwischen vermehrt deinen echten Namen? Norbert 3000 ist meine Alter Ego Figur, die aus dem Sagittarius-Arm unserer Galaxis stammt und um die sich ganz viele Storys drehen. Norbert ist immer nur am Fluchen und ist ständig auf der Flucht vor den galaktischen Föderationstruppen. Als höher entwi­ ckeltes Wesen aus dem All hasst er alle Menschen und ist dafür, solche primitiven Spezies auszurotten. Wir sind leider die Pest auf dem Planeten, unsere Generation zumindest. Für ihn sind wir eigentlich alle gleich. Wir sind nun mal aus seiner Sicht eine Spezies, da wir alle auf dem gleichen Planeten leben. Mit diesem Perspektivenwechsel aus dem All kann man dem Rechtsruck, der durch unsere Gesellschaft geht, ganz gut den Wind aus den Segeln nehmen. Mit Norbert 3000 mache ich auch Live Shows. Im Raum für Kunst hier in Paderborn fand meine erste dicke Show statt. Den Namen Henning Marten Feil verwende ich für meine Auftragsarbeiten. Als gelernter Malermeis­


ter lebe ich von meiner Auftragskunst, Graffiti und Street Art. Ich setze Leinwände, Innen-, Fassadenund Flugzeuggestaltung um. Jetzt suche ich noch ein U-Boot. Einen Helikopter hatte ich auch schon (lacht). Bei Kunden ist es ganz gut, mit etwas Seriö­ sem wie der Malermeister-Ausbildung zu punkten. Ich kann mich auf meine 17 Jahre im Handwerk berufen. In deinen Bildern tauchen immer wieder Unterwasserwelten beziehungsweise Meereswesen auf. Ich habe ganz verschie­ dene Themen. Der Nauti­ lus ist mein „Icon“, mein Symbol, den ich immer in verschiedenen Variatio­ nen bringe. Beispielsweise in Kombination mit Unterwasserlandschaften, aber auch Samurais und andere japanische Themen setze ich gerne um. Die Landschaften der Welt von Nor­ bert 3000 gehören ebenfalls zu meinem Repertoire. Bei Auftragskunst kommt mein individueller Style zum Tragen. Bei Graffiti habe ich wieder einen an­ deren Style. Da ich vielseitig unterwegs bin, kommt bei mir keine Langeweile auf. (lacht)

Bist du neidisch auf die 1UP Aktion mit dem 3DUnterwasser-Graffiti aus Korallen? Neidisch bin ich auf gar nichts. Als Jugendlicher war ich vielleicht mal neidisch, wenn einer ein Bild mehr gemalt hatte als ich. Heute gönne ich es je­ dem, empfinde einfach nur Respekt und feiere die Aktion. Natürlich hätte ich auch gerne ein Norbert 3000 Unterwasser Korallenriff. Naja, dafür versuche ich doch mal an die ISS Raumstation ranzukommen (lacht). Mein erstes Bild da oben, das wäre doch mal was. Leider glaube ich, dass ich die Ausbildung da­ für nicht schaffen würde. Allein dank der Zentrifu­ ge würde ich den Laden vollkotzen ... (lacht)

GröSSenwahn liegt an der Tagesordnung!!!

Deine Bilder kreisen um Endzeitszenarien, Weltraum, Samurai und Unterwasserwelten. Klingt nach optimalen Ausgangsbedingungen für Jungs­ fantasien. Ja, auf jeden Fall. Ich bin auch großer Star Wars Fan und habe einen guten Unterwasserdrang, weil ich früher öfter mal tauchen war. Ein prägendes Erleb­ nis war, Haie beim Tauchen zu sehen. Da spürt man, nicht mehr das Ende der Nahrungskette zu sein. Da

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der Nautilus mein Hauptcharakter ist, ein ziemlich fettes Viech, dessen Ursprung zwischen 200 und 400 Millionen Jahren liegt, möchte ich mit ihm auch den sozialkritischen Aspekt meiner Arbeit zum Tragen bringen. Diese Tiere gibt es schon so lange und in­ nerhalb von nur knapp 100 Jahren haben wir Men­ schen sie wie auch anderen Arten vom Thunfisch bis zur Biene fast ausgerottet. Es ist ein richtig spaciges Tier, wie von einem ande­ ren Planeten. Das Coole am Nautilus ist, dass man ihn in voll vielen Variati­ onen bringen kann. Für mich ist es halt wichtig, Veränderungen zu haben und neue Sachen zu malen.

Davon habe ich schon mehrere bemalt. Es kommt auf die Wünsche an. Im vergangenen Sommer hatte ich einen richtig witzigen Auftrag für einen Motor­ radfahrer im Stil der Werner Comics. Das war mal was anderes. Da ich aus dem Sauerland komme, bin ich fast der einzige Ansprechpartner, was kreative Auftragsmalerei angeht. In größeren Städten wie im Ruhrgebiet oder auch in Bielefeld sieht das schon wieder anders aus.

Peitsche, Vorwärtsgang!!!

Gibt es Auftragsarbeiten, die du aus ethischen Gründen ablehnst? Generell versucht man ja, von der Auftragskunst le­ ben zu können. Heute gibt es manchmal schon frag­ würdige und grenzwertige Jobs, auf die ich nicht so Bock habe, beispielsweise Prinzessin Elsa im Kinder­ zimmer einer 6-Jährigen auf eine rosa Wand. (lacht) Zu Garagentoren würdest du dich herablassen?

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In unserem Alter gehen Sprüher oft dazu über, den Nachwuchs zu schu-

len. Machst du sowas? Ich muss morgen früh in die Schule, da ich eine 10. Klasse in Brilon bei einer Projektwoche betreue. Wir gestalten gerade eine Wand zum Thema Europa mit Themen wie Politik, Sehenswürdigkeiten und Klima­ wandel etc. Dank dir ist also der Graffiti-Nachwuchs im Sauerland auf einem guten Weg? Auf jeden Fall. Brilon ist nun Hansestadt, und da­ durch veranstalten wir 2020 die Hansetage. Da will ich versuchen, ein kleines Street Art Festival zu or­


ganisieren, beziehungsweise ein paar Murals auf die Beine zu stellen. Wenn du Artwork für einen Film beisteuern dürftest: Was für ein Film wäre das? Star Wars! Keine Frage! Aber eigentlich habe ich vor, mit Norbert 3000 Star Wars abzulösen. (lacht) Du übst neben dem Sprühen auch verschiedenen Techniken wie Acryl, Aquarell und Zeichnungen aus. Gibt es etwas, das dir so gar nicht liegt? Ich sag’s mal so: Ich kann zwar nicht alles ma­ len, aber ich habe ein gewisses Talent von meiner Oma wohl vererbt bekommen. Als Bildhauerin und Schnitzerin zeichnete sie viel. Sie fertigte Heiligenfi­ guren für Kirchen, für die Feuerwehr und sowas an. Da habe ich zugeguckt und mitgekrickelt. Im Fach Kunst hatte ich schon immer eine 1 ... okay, das war auch die Einzige im Zeugnis (lacht). Ich besitze quasi so gesehen ein Grundtalent, an dem ich immer wei­ ter arbeite. Wie kommt man an Abfangjäger und Helikopter zum Besprühen ran? Die hatte ich schon jahrelang im Auge. Bei uns im Sauerland sammelte ein Kartbahn-Betreiber Ab­

fangjäger und Helikopter auf seinem Gelände. Jedes Mal, wenn ich an ihnen vorbeifuhr, stellte ich mir vor, wie cool es doch wäre, einen davon zu bemalen. Irgendwann fragte ich ihn einfach, ob es in Ordnung sei, einen Kampfjet zu bemalen. Er wollte Details zur Gestaltung haben, ich zeigte ihm eine Skizze und durfte loslegen. Da ihm meine Arbeit so gut gefiel, durfte ich einige Zeit später auch noch den Helikop­ ter in Angriff nehmen. Du lebst und arbeitest in Brilon, wir treffen uns hier heute aber in Paderborn. Wie ist deine Verbindung zu Paderborn? Paderborn ist natürlich die Hauptstadt und die Mainbase des Moin-Tang Clans. Volker (der Paderborner Künstler Volker#1 der Goldene Reiter, Anm. d. Red.), mein Herzblatt, kenne ich schon eine gefühlte Ewigkeit. In Paderborn bin ich bereits seit Jahren ak­ tiv unterwegs da es relativ nah am Sauerland liegt. Generell bin ich halt schon viel rumgekommen, wohnte im Ruhrgebiet, in England. Man kennt sich halt untereinander in der Szene, das ist ja normell. Vor drei Jahren hattest du deine erste Ausstellung „Weg der Farben“ im Rathaus von Brilon. Dafür, dass du schon lange als Künstler aktiv

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bist, kam sie relativ spät zustande. Meine Kunstsachen habe ich ziemlich lange nur für mich gesammelt. Die Ausstellung war cool. Es war für mich mein Auftakt vor heimischer Kulisse im Briloner Rathaus. Im Sauerland, also in der ländli­ chen Region, bin ich bekannt wie ein bunter Hund. Man kennt mich halt. In einer Großstadt wie Biele­ feld, Berlin, Köln oder Dortmund würde das schon anders aussehen. Wenn demnach irgendwo illegales Graffiti auftaucht, wirst du gleich verdächtigt? Das nicht mehr (lacht). Mein Fokus liegt ja auf der Kunst und der Auftragsmalerei, wovon ich leben kann. Nachts beim Malen steckt man ja nur Geld rein. Und wenn man den ganzen Tag über am Sprü­ hen war, hat man außerdem abends auch keinen Bock mehr loszuziehen. Wirst du für deine Auftragsarbeiten von illegalen Sprühern kritisiert? Vielleicht hinter meinem Rücken, aber das interes­ siert mich auch nicht wirklich. Ich habe mit nieman­ dem Stress, das will nämlich keiner. (lacht) Früher suchte ich ja vielleicht auch mal Ärger. Heute ist das Gegenteil der Fall. Ich bin ja mit der Szene seit 20 Jahren verwurzelt. Alles cool. Woher kommt der Name? Selbst gegeben? Jain. Früher sprühte ich lange unter einem ähnli­ chen, assoziierten Namen. Die Ableitung davon war Norbert. Es war wie mein Spitzname, den ich früher nicht wirklich mochte. Vor ein paar Jahren jedoch griff ich ihn dann wieder auf und packte noch eine 3000 dahinter für Future, Next Millennium und so. (lacht) Du warst 2018 auf einer Art Weltreise. Was hat dich dazu veranlasst? Mein ganzes Leben lang reise ich viel, hab in Europa jedes Land von vorne bis hinten gesehen. Ich hat­ te riesig Bock, mal nach Asien, insbesondere Japan zu reisen. Mit Samurais und der japanischen Kultur kenne ich mich – wie schon erwähnt – ganz gut aus. Von Deutschland aus baute ich mir einige Kontakte zu Leuten auf, die bereits in Hongkong etc. waren. Über Hongkong, Taiwan, Japan und Korea ging’s rü­ ber nach San Francisco, New York und dann wieder zurück nach Frankfurt. Das war mit die geilste Zeit meines Lebens. Ich war einen Monat lang alleine un­ terwegs. Am ersten Tag dachte ich mir bereits, dass 82 __ fankyzine

Berlin, mit Volker, Joys und Sokaruno

es nicht mehr besser werden kann. Ich kam in Hong­ kong an, lernte dort Künstler aus Atlanta im Hostel kennen, die vor Ort eine Gruppenausstellung orga­ nisierten. Ich kam mit ihnen ins Gespräch und frag­ te, ob ich mitmachen könnte, und so war ich gleich am ersten Abend ein Teil einer Gruppenausstellung in Hongkong. An dem Tag war auch ein chinesischer Feiertag, weswegen ein großes Feuerwerk veranstal­ tet wurde. Die Chinesen haben das ja erfunden. Die können das! Sah sehr geil aus. Wie ging es danach weiter? Auf der Reise entstanden viele neue Kontakte, bei­ spielsweise zu der „Whole 9“ Crew. Für mich mit Nummer 1 in Japan, was Street Art angeht. Sie sind unnormal. Asien hat den Next Level. Sie sind mega sauber, stylisch, und man findet sich selbst dank ih­ nen vergleichsweise schlecht (lacht). Vergangenes Jahr war die Crew auf Amerika-Tournee, malte in allen möglichen Städten und von ihnen erhielt ich Connections für San Francisco und New York. Von einem anderen Kumpel kam auch die Connection mit Shiro-One zustande, einer Japanerin, die in New York lebt. Dadurch erhielt ich einen Auftrag im New York Moore Hostel, einem Street Art Hostel in Brook­ lyn, wo die Jungs aus Japan auch schon gemalt hat­ ten. Sie gaben dem Besitzer Bescheid, der sich auf die Empfehlung der „Whole 9“ Leute verließ und mich einfach machen ließ. Da penne ich jetzt bei


meiner New Yorker Ausstellung zwei Wochen lang. Zuletzt war ich im Oktober zwölf Tage lang dort. Ich halte mich für gewöhnlich in Brooklyn auf. Dort malte ich viele Wände, unter anderem auch eine Wand in Harlem mit Old Schoolern. Die waren ca. um die 60 Jahre alt. Voll surreal. Da malst du mit Leuten, die schon in den 70ern die ersten U-Bahn Züge in New York mit bemalten, echt crazy. An einem anderen Tag lief ich mit Rucksack, Ta­ sche und Farbeimer durch Brooklyn Bushwick, dem heutigen Gegenstück zum abgerissenen Five Points, einem Graffiti Hot Spot. Auf jeder Straße ist kein Quadratmeter Platz, weil alles voll ist mit Kunst, Graffiti und Street Art. Eine Gegend so groß wie Pa­ derborn oder Bielefeld und absolut jede Wand ist bemalt. Die Leute sind dementsprechend tolerant und cool drauf. Ich traf wieder mal auf einen Japa­ ner (lacht), der ein Rolltor bemalte, hinter dem sich eine Galerie befand. Ich kam mit dem Galeristen vor Ort ins Gespräch und zeigte ihm einige Arbeiten, die ich dabei hatte. Darauf war meine NORBERT 3000 – Astronautilus Ausstellung ab dem 25. April in der 3RD ETHOS™ Gallery in Brooklyn geritzt.

Richtung Oktober, November in Osaka auszustellen. Wenn ich dann wieder in Asien bin, fliege ich bei ei­ nem Kollegen in Singapur vorbei und male mit ihm eine Wand. Und in Hongkong habe ich auch noch ei­ nen Job für das Jugendzentrum, wo ich schon malte. Findest du es mit zunehmendem Alter leichter oder schwerer, dich kreativ auszudrücken? Kann ich so nicht beantworten. Es gibt halt Phasen. Mal sprudelt es aus dem Kopf heraus, dann gibt es Zeiten, in denen einem nichts Kreatives, nichts Neues einfällt. Danach kann ich die Uhr leider nicht stellen.

Next Stop – New York!!!

Wie sehen deine weiteren Pläne für 2019 aus? Ich will versuchen, mit einem Kumpel zusammen

Du bleibst trotz all dem Jetset in Brilon? Ich möchte derzeit nicht mehr in einer Großstadt wohnen. Klar liebe ich Städte wie Tokyo, New York und so, aber ich liebe es auch, wieder in mein Sauer­ land zu kommen, das Bodenständige zu haben. Das Verrückte ist gut und schön. Ich bin ja eh bekloppt von vorne bis hinten. (lacht) Doch im Sauerland und in Brilon habe ich Freunde, Family und wir Sauer­ länder bleiben gerne der Heimat treu, egal wie ver­ rückt man durch die Welt tigert. Irgendwem möchte man ja auch erzählen können, was man so alles in der weiten Welt erlebt hat. fankyzine __ 83


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Das ist halt Liebe

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Delano Genre: Hip Hop Heimatstadt: Bielefeld/Aktueller Wohnort: Essen Web: instagram.com/delano_original https://fanlink.to/NiemalsWeniger Interview am 26. Februar, Bielefeld Würdest du heutzutage noch gerne in der Küche duschen? Woher stammt diese Insider-Info? Von Fabe? Ja. Sagen wir es mal realistisch: Es war eine geile Zeit und eine geile Wohnung in Bielefeld. Hätte ich jetzt noch eine Wohnung, wo die Dusche in der Küche ist, hätte ich damit auch kein Problem, weil ich es irgendwie witzig fand. Welches Konzert hast du zuletzt besucht? Das ist noch gar nicht so lange her: Witten Untoucha­ ble in Bochum, auf internationaler Ebene Kendrick Lamar in Köln. Kendrick hatte die krasseste Live Show, die ich je in meinem Leben sah. Das lag aber weniger an ihm, sondern an dem ganzen Special Effects Tohuwabohu drum herum. Ich bin eher ein Fan von Konzerten, wo weniger Tohuwabohu ver­ anstaltet wird und man wirklich die Kompetenz des Künstlers sieht, den man feiert. Ich will wissen, ob er das, was er auf Platte abliefert, auch live bringt. Da bin ich ziemlich Old School. Um es kritisch aus­ zudrücken: Es gibt ja diese neue Generation von Mu­ sikern, die total dazu stehen, Playback aufzutreten, weil sie sagen, dass die Leute ihre Musik gar nicht live erleben wollen. Ihnen reiche einfach nur Turn up und darauf durchzudrehen. Solche Konzerte würde ich mir nicht angucken, da bin ich echt klas­ sisch unterwegs. Ich will Musiker noch musizieren und Rapper noch live rappen sehen. Lakmann war halt super. Er ist einer der krassesten Live Rapper, die ich so kenne. Ich glaube, ich habe bislang keinen großen Rapper live gesehen. Kommt darauf an, was man als „klein“ und „groß“ bezeichnet. Das ist Definitionssache. Bei kleinen Konzerten liefern Künstler teilweise besser ab als manche, die richtig erfolgreich sind. Alles schon ge­ sehen. Kannst du noch Akkordeon spielen? Hab ich das irgendwo erzählt?

Das stand in deinem Backspin Interview. Keine Ahnung, dass ich das mal erzählt habe. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich seit meinem 13. Lebensjahr kein Akkordeon mehr in der Hand hatte. Wie krass ist es, sich selbst als riesiges Graffiti von DEMON & THE TOP NOTCH an der Wand zu sehen? Ganz ehrlich: Das war für mich einer der krassesten Momente des vergangenen Jahres. Ich wurde damit überrascht. Unter dem Vorwand einer Einladung zu einem gemeinsamen Bier fuhr ich zur besagten Wand. Um dorthin zu gelangen, muss man durch einen Tunnel gehen. Auf einmal stand ich vor mei­ ner eigenen Visage. Die Jungs lächelten sich mit dem Bier in der Hand einen ab, und ich war echt gerührt. Hab ich so nicht mit gerechnet. Da war klar, dass mit dem Graffiti etwas passieren muss. Ach so, ich dachte, das Graffiti war bewusst für den Videodreh zu „DAS BARS VOL. 1“ von dir und B-Doub gesprüht worden. Nein, keine Ahnung ... Das ist halt Liebe, ne? Ich glaube, das hat mit Wertschätzung zu tun. Meine Songs drehen sich oft um meine Jungs. Für mich war das eine große Ehre, auf die ich sehr stolz bin. Neulich wurde die Wand neu gestrichen. Sie schick­ ten mir davon ein Video, da war ich kurzzeitig echt traurig. Wieso hast du dich als Vorabveröffentlichung für „Kein Plastik“ entschieden? Es war einfach der erste Song, der fertig war. Zudem handelt es sich um einen Track in Zusammenarbeit mit DJ Stylewarz, was für mich einen emotionalen Wert hat. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass wir überhaupt ein Album machen. Zu dem Zeit­ punkt, als „Kein Plastik“ entstand, war ein Album gar nicht in Planung. Zudem hat der Song diese ty­ pische „Wir saufen Bier“-Ruhrpott-Attitüde und ist somit eine authentische Nummer. Dein Album „Niemals weniger“ erscheint am 29. März, und ich weiß jetzt schon nicht, wie du die Promo in eigener Sache noch steigern willst. Wo nimmst du die ganze Energie her? Ein Kollege schickte mir neulich einen Artikel eines Bloggers zu. Er wurde wohl dank einer Empfehlung meiner Insta-Story auf mich aufmerksam und fand es superinteressant, wie ich in Sachen Promo vorge­ he und das Konstrukt aufbaue. Und ich dachte nur: wat? Ich mache alles intuitiv aus dem Bauch heraus und setze viel mit meinen Freunden um. Wir sind fankyzine __ 87


nicht die Dudes, die gemeinsam abhängen und Play­ si zocken. Wir machen Musik, drehen Videos und haben alle das gleiche Engagement. Ich finde es gar nicht so krass, was wir umsetzen. Wenn das so wirkt, freue ich mich darüber. Dann ist es mit Sicherheit auch cool. Ich mache mir wenig Gedanken dazu, das hat sich irgendwann verselbstständigt. Unterm Strich sehen 300 bis 400 Leute meine Instagram Storys. Das ist noch steigerungsfähig. An die große breite Masse bin ich bis jetzt nicht rangekommen. Kannst du dir deine Promo heutzutage noch ohne Social Media vorstellen? Ich fände es total geil, wenn das ohne ginge. Alter­ nativ gibt es in Deutschland ein paar Promoagen­ turen. Je mehr Geld du bei ihnen investierst, desto mehr passiert, desto mehr Platzierungen erhältst du in Medien. Wenn du so drauf bist wie wir, kannst du dir maximal das kleine Promopaket leisten. Das bringt dir aber nichts. Als kleiner Künstler ohne gro­ ßes Budget versuchst du, mit dem zu arbeiten, was möglich ist. Ob meine Social Media Aktivitäten jetzt positiv oder negativ ankommen ... Das bin einfach ich. Entweder die Leute fühlen und feiern das oder halt nicht. Dies gilt prinzipiell für alle Lebensberei­ che, sei es zwischenmenschlich oder für die Musik. Man kann Menschen nicht zwingen, etwas zu feiern. Was erwartet die Hörer deines ersten Solo­ albums „Niemals weniger“? Zehn Songs, 31 Minuten Spielzeit. Features kom­ men von Mortis One, DJ Hypa aktiv und natürlich DJ Style­warz. Wer durfte es zuerst komplett durchhören, der an der Produktion nicht beteiligt war? Kann ich dir gar nicht mehr sagen, weil das Album bereits seit Mai 2018 fertig ist. Mein bester Freund war bestimmt einer der ersten. Es gibt eine ganze Liga an Leuten, denen ich Sachen zuschicke. Wenn dein Album ein 3-Gänge-Menü wäre, was würde aufgetischt? Das wäre eine kräftige Rinderbrühe, ein saftiges Steak mit fettigen Bratkartoffeln, aber auf gediegen gedünstetem Gemüse – man muss doch auch ein bisschen was für den Körper tun. Und eine ordent­ liche Herrencreme zum Nachtisch. Nicht weil das mein Lieblingsessen ist, doch mein Album ist deftig geworden. Wenn dein Album eine Streaming-Serie wäre: Was wäre die Handlung? 88 __ fankyzine

© Thomas Boecker


Als bekennender Serienjunkie wäre es wohl eine Mischung aus „Stranger Things“, „Gomorrha“ und „Modern Family“. Wird es eine Release Party geben? Wir haben das Angebot von einem Club, dort eine Release Party zu machen. Angesichts vieler anste­ hender Termine weiß ich jetzt noch gar nicht, ob wir das annehmen können. Am 30. März tritt Stylewarz in einem unserer Stammläden in Essen auf. Das ist ein Tag nach unserem Release, wohin wir vermut­ lich all unsere Leute einladen und quasi eine MiniRelease-Party feiern werden. Wirst du auf Tour gehen? Ich würde super gerne eine Tour spielen. Wir ha­ ben keine Booking Agentur und alle Konzerte, die wir gaben, liefen über Mundpropaganda. Es steht noch nichts fest, aber eine Tour wäre ein Traum. Mit Glück ergibt sich auch was in Richtung Festivals. Fehlt dir Bielefeld? Unter dem Strich muss ich sagen, dass Bielefeld der Ort ist, an dem meine Musik anfing und wo ich lernte, sie zu lieben. Die geilste Zeit mit den größten Hochgefühlen hatte ich hier. Der Ort prägte mich. Musik, Bielefeld und meine Jugend sind ein Ding, das lässt sich nicht auseinander klamüsern. Meine Jugend mit der Mucke hier in Bielefeld habe ich mega genossen. Ich weine der alten Zeit nicht hin­ terher. Ich gedenke ihr positiv. Welcher Rapper hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Jetzt kann ich natürlich lauter Freunde aufzählen, die mega dope sind. Wer auf jeden Fall mehr Auf­ merksamkeit verdient hätte, ist mein Kumpel Max­ stah aus dem Pott, weil er live total die Maschine ist. Er zieht sich regelmäßig aus und dreht durch. Maxat aus Paderborn hat einen sehr individuellen Sound und ist für seine Kompetenz völlig underrated. Defi­ nitiv ein krasser Musiker. Ich könnte bestimmt noch viel mehr nennen. Welche deutschsprachige Rapperin feierst du? Da gibt es sogar mehrere. Ich find Eunique schon ziemlich krass, SXTN, also Nura und Juju, auch, wo­ bei einige ihrer Songs inhaltlich gar nicht gehen. Manche Tracks finde ich von der musikalischen Um­ setzung richtig cool. Die können was. Möchtest du abschließend noch etwas erwähnen?

Wann und wo immer ich Gehör finde, möchte ich einen Dank an die Leute anbringen, die mich unter­ stützt haben. Danken möchte ich meinem Produzen­ ten B-Doub, DJ Stylewarz, Soundspretty aus Berlin, Suburb Studio Berlin, Sirius Sounds, Volker IDR Gebhardt, Benjamin Benson, Treesons aus Pader­ born, David Pfeffer und der CVA-Crew. Wahrschein­ lich habe ich jetzt 2000 Menschen vergessen. Und kauft mein Album! Oder streamt es einfach. Wird es denn physisch erhältlich sein? Nein, nur auf allen gängigen Streaming-Plattformen. Physisch hätte sich in meinem Fall nicht gelohnt. Das ist eine Nullnummer, die du nur aus Pres­tige machen kannst. Ich bin nicht der Typ, der zwei Jahre lang mit Platten durch die Gegend fährt und versucht, sie den Leuten anzudrehen. Da habe ich keinen Bock drauf. Wenn der Bedarf da sein sollte, kann man immer nachpressen. Es gibt ein, zwei Singles – unabhängig vom Album –, die erst danach rauskommen. Bei diesen denke ich über eine Plat­ tenpressung als Liebhaberstück nach. Aber CDs sind tot. Spätestens in einem Jahr gibt es save keine CDs mehr, oder es werden zumindest keine neuen CDs mehr hergestellt.

Delano – Niemals weniger Essens charismatischer Vollblut-Rapper Delano veröffentlicht sein erstes Soloalbum „NIEMALS WENIGER“. Darin beschreibt er – zum Teil Revue passierend – seinen steinigen Weg aus dem Nichts in das oft zynische Musikgeschäft, in einem immer materialistischer werdenden Genre, in dem das Zwischenmenschliche inhaltlich kaum noch Platz findet. Wobei ihm dies deutlich das Wichtigste ist – das Persönliche, die Liebe und die Herzlichkeit seines loyalen Umfelds im Ruhrpott. Live-taugliche, hittige Hooks und knackige Beats, die fast vollständig aus den Geräten von Produzent B-Doub stammen, welcher u. a. schon für MC Eiht, Edo G und Oddisee produzierte. Den Großteil der feurigen Cutz lieferte niemand Geringeres als DJ-Legende DJ Stylewarz. „NIEMALS WENIGER“ ist ein einnehmendes, entwaffnend offenes und energiegeladenes Album. Delano zeigt sich brutal authentisch, extrem fokussiert und liefert zu Beginn seiner Karriere einen absolut sehenswerten Einblick in die Weltanschauung eines plötzlich aufgewachten Machers. (pr) fankyzine __ 89


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Die Stadt zum Leben erwecken zike Heimatstadt: Hannover Web: Instagram.com/zike_monkesquad Instagram.com/wood.stock-palettentraum MOIN MOIN Zu meiner Person: Ich heiße Christian Stolle, bin 39 Jahre alt, verheiratet und habe ein Sohn im Alter von acht Jahren. Ich bin in Hannover geboren und lebe dort mit meiner Familie in der Oststadt, Nähe der Ei­ lenriede. In meiner Jugend verspürte ich schon den Drang nach Freiheit und Kreativität. Ich war viel in der Na­ tur. Dort spielte und baute ich Dinge aus allem, was meine Umgebung hergab. Später entdeckte ich, dass man auf trostlosen Betonwänden die Stadt zum Le­ ben erwecken kann. Mit bunten Sprühdosen und viel Einfallsreichtum zauberte ich aussagekräftige Bilder an die Wände. Die Dosen sind heute noch ein Teil meiner Materialien. Nach meiner Schulzeit entschied ich mich für eine Ausbildung, die mir Natur und Kreativität bot. Ich lernte im Erlebnis Zoo Hannover

den Beruf des Landschaftsgärtners. Themen-Welten zu erschaffen und meiner Fantasie alles abzuverlan­ gen, fand ich toll. Das erlernte Wissen mit den unter­ schiedlichen Materialien spiegelt sich noch heute in meinen Arbeiten wider. 2009 entschied ich mich dann für eine Teilselbst­ ständigkeit und beschäftigte mich anfangs mit der Balkongestaltung. Dies beinhaltete nicht nur schöne Pflanzen, sondern auch tolle, einzigartige Möbel, die ich passgenau mit viel Kreativität anfertigte. Mittler­ weile gebe ich zudem Wohnräumen etwas Besonde­ res und Einzigartiges. Ich entwerfe beziehungsweise baue Uhren aus Flaschen und Sprühdosen. Außer­ dem fertige ich Lampen, Bilder und auch Möbel (Tische, Betten, Regale) an, wobei Upcycling immer eine große Rolle spielt. Gastronomen und Getränke­ hersteller sind inzwischen auf meine Arbeiten auf­ merksam geworden: ob es individuelle Möbel für die Terrasse sind oder aber ein tolles Einzelstück für die Inneneinrichtung. Mit viel Ideenreichtum, Leiden­ schaft und handwerkliches Geschick ist alles mög­ lich. Neue Herausforderungen und Ideen geben mir immer wieder die Freiheit und Kreativität in meinen Arbeiten. fankyzine __ 93


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© David Chebbi @ucproductions_de

Mehr als die Gefühlsschiene XELA WIE Genre: HipHop / Pop / Rock Heimatstadt: Mülheim an der Ruhr Web: facebook.com/xelawie instagram.com/xela_wie Spotify: https://spoti.fi/2XCdV28

Was hat dich musikalisch zuletzt tief bewegt? Ich bin ein sehr großer Linkin Park Fan, deren Sänger ja 2017 verstarb. Im vergangenen Jahr war ich auf dem Konzert des anderen Linkin Park Sängers Mike Shinoda in Köln. Das war bewegend. Ich hatte An­ fang 2018 selbst einen Trauerfall in der Familie. Der Kontext zu Verlust und Trauer holte mich bei seinem Konzert ziemlich ab.

Interview am 16. Januar 2019

Welches Konzert hast du zuletzt besucht?

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jetzt ein paar Singles rausgehauen, aber generell mag ich es, wenn man eine Palette an Songs hat, die quasi dem selben Universum angehören. Zum einen mache ich das neue Album, bei dem ich so viel wie möglich selbst umsetze. Zuletzt saß ich lange an den Instrumentals. Anschließend traf ich mich mit ei­ nem Freund, mit dem ich bereits beim ersten Album zusammengesessen hatte. Gemeinsam arbeiten wir die Tracks weiter aus. Wir binden zum Beispiel vie­ le Live-Instrumente, Drums, Gitarren und Bass, ein. Ich wollte die Songs eher wie ein Songwriter ange­ hen, was nicht der typischen Arbeitsweise bei einer Rapplatte entspricht. Das war schon eine Heraus­ forderung, aber mit dem Endprodukt bin ich super zufrieden. Im krassen Kontrast dazu erscheint jetzt allerdings erstmal eine EP zusammen mit meinem Live DJ, der auch Beats macht. Das geht musikalisch in eine ganz klassische HipHop Richtung mit Boom­ Bap und Old School Sound, mit krassem Fokus auf die Texte. Du tendierst also dazu, ein Arbeitstier zu sein? Ja, ich habe so Phasen. Im Winter mache ich immer super viel. Dazu muss ich mich dann auch nicht zwingen. Ich mache praktisch jeden Tag Musik, an den Wochenenden sowieso. Dann gehe ich nicht mehr raus zum Feiern. Ich widme mich ausschließ­ lich der Musik. Sobald es wieder etwas wärmer wird, sieht das dann allerdings auch anders aus. Im Som­ mer schreibe ich fast gar keine Texte. Vermutlich klingt meine Musik deshalb so depressiv (lacht).

Das letzte größere Konzert muss Incubus in Köln ge­ wesen sein. Vielleicht war ich danach noch bei einer lokalen Veranstaltung. Ich geh relativ oft auf Konzer­ te. War’s gut? Ja, Incubus waren sehr gut. Das ist eine Band, die ich bereits in meiner Jugend feierte. Damals sah ich sie, glaube ich, live in Bonn. Sie sind wieder rockiger ge­ worden, nachdem sie zwischendurch eine ruhigere Phase hatten. Du arbeitest derzeit an deinem Nachfolge-Album zu „VIVA THE UNDERDOGS“. Kannst du schon was dazu verraten? Die letzten Monate war ich sehr produktiv. Ich habe

Kannst du etwas mehr zu deinem Album verraten? Es geht ein bisschen zurück zu meinen Wurzeln, als ich noch in einer Rockband spielte. Es wird keine Rockplatte im eigentlichen Sinne, aber die Art und Weise, wie die Songs geschrieben werden, ähnelt vom Songwriting her eher einer Band, auch wenn wir nur zu zweit sind. Bei einer HipHop Produktion hat man ja im Zweifel einen Beat und rappt darauf. Wir versuchen, „richtige“ Songs zu schreiben: mit einer ganz anderen Dynamik, mehr Abwechslung, einem echtem Schlagzeug und allem, was dazu ge­ hört. Würde man die Titel nur instrumental hören, käme man wohl nicht auf die Idee, dass es sich um ein Deutschrap-Album handelt. Gibt es schon ein Release Datum? Ich hoffe, dass es in der ersten Hälfte des Jahres er­ scheint. Die EP wird vorher kommen. Da bin ich so gut wie fertig. Released du „nur“ digital? fankyzine __ 97


Das ist immer die große Frage. Bei meinem letzten Album habe ich noch CDs drucken lassen. Das funk­ tioniert gut, wenn man viele Shows spielt. Dann wird man die auch los, weil Leute etwas mitnehmen wol­ len. Wenn ich nicht viele Konzerte habe, lohnt sich das nicht wirklich. Beim neuen Album bin ich noch etwas unschlüssig, aber für mich selbst hätte ich es gerne physisch vorliegen. Hier in der Gegend setzen Musiker verstärkt auf Vinyl und Tapes. Ich bin ein totaler Vinyl-Fan, aber das ist natürlich nochmal eine Ecke teurer. Wie viele meiner Leu­ te Plattenspieler zuhause haben, weiß ich nicht. Da würden sich vermutlich eine Hand voll Menschen super drüber freuen, aber das steht dann in keiner Relation zu dem, wie viel mich das am Ende kostet, da ich alles selbst finanziere. Eine eigene Vinyl wäre aber natürlich ein Traum. Wie kommt man denn vom Metalcore zum RapBusiness? Ich hatte schon immer einen super breitgefächer­ ten Musikgeschmack. Während meiner Zeit in der Metalcore Band „Venom in Veins“ nahm ich hin und wieder einen HipHop Song für mich auf. Die waren zwar nicht besonders bahnbrechend, aber ich habe es durchgezogen. Als sich die Band auflöste, wollte ich unbedingt weiter Musik machen. Ohne Bandmit­ glieder ist Rap das Naheliegende. Hinzu kommt, dass die textliche Komponente im Rap viel größer ist als im Metalcore. Ich schreibe schon immer wahnsin­ nig gerne Texte und selbst bei Venom in Veins gab es hier und da schon Rap. Wenn du deine Texte als Metalcore-Sänger schreist, versteht dich vor der Büh­ ne niemand. Das Publikum kann die Texte höchstens im Booklet nachlesen. Die Chance, sich auszudrücken und mitzuteilen, ist im Rap einfach viel größer und Fan der Musik bin ich schon immer. Hören deine musikalischen Weggefährten von früher deine heutige Musik oder rümpfen sie eher die Nase? Micha, mit dem ich alles aufnehme, spielte früher in meiner Liveband eine Zeit lang Gitarre. Wir machen jetzt schon seit über acht Jahren gemeinsam Musik. Unser ehemaliger Bassist spielt live bei mir mit. Un­ ser damaliger Schlagzeuger hat mir auch schon Sa­ chen für meine Songs eingespielt. Ich glaube, die fin­ den das größtenteils ganz okay, was ich mache (lacht). Hast du auch noch andere Musikprojekte? Ich würde super gerne zwei, drei Songs machen, die 98 __ fankyzine

© David Chebbi @ucproductions_de von den aktuellen Projekten komplett weggehen. Ein­ fach den Kopf wegschießen mit härterer Musik. Viel­ leicht kriegen wir ja 2019 noch ein paar Songs hin. Dabei würde es aber nur darum gehen, zu zeigen, dass wir es noch können. Ohne große Hintergedan­ ken. Aber wenn wir das machen, dann wird es krass (lacht). Am 16. Februar bist du als Rapper mit Band aufgetreten. Ist das eine einmalige Sache? Das wird sich zeigen. Normalerweise trete ich mit DJ auf. Das hat den Vorteil, dass wir nicht proben und den Termin nicht mit mehreren Leuten abstimmen müssen. Meine Bandmitglieder für den Live-Gig haben noch andere Projekte am Start. Daher sind regelmäßige Auftritte in dieser Konstellation eher unwahrscheinlich, ich werde aber jede Möglichkeit wahrnehmen. Du warst als Support für Chakuza vorgesehen ... Ich hätte mit auf Tour gehen sollen. Leider wurde sie kurzfristig abgesagt. Schade, das wäre bestimmt krass geworden. Hast du vor Auftritten noch Lampenfieber? Ja, total. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele Leute vor der Bühne stehen. Unter Umständen ist es sogar schlimmer, wenn dort wenige Leute stehen und es dadurch persönlicher wird. Vor jedem Auftritt habe ich eine Stunde vorher richtig schlimmes Lampenfie­


ber, aber die Befreiung auf der Bühne ist dann umso größer. Es handelt sich nicht um eine ekelhafte Ner­ vosität, sondern um ein positives Gefühl, das einen sehr fokussiert macht. Wenn es mich quälen würde, würde ich nicht auftreten, doch ich bin schon sehr nervös vor Shows. Erinnerst du dich noch an deinen ersten Auftritt? Ja, als 16-Jähriger trat ich mit meiner ersten Band auf dem Fußballplatz meines damaligen Fußballvereins auf. Es waren vielleicht 20 Leute mittleren Alters an­ wesend, die alle überhaupt nichts mit harter Musik am Hut hatten. Dann kamen wir mit unserem Nu Metal an, und nach zwei Songs hat sich ein Mädchen direkt das Knie aufgeschlagen. Vermutlich war unser Auftritt komplett fürchterlich, wir waren eine ganz schlechte Band. Diesen Auftritt vergesse ich aber nicht. Kannst du Rapper nachvollziehen, die Alben raushauen, aber nie öffentlich auftreten? Nee, für mich sind Bühnenauftritte das Ding. Beim Songwriting überlege ich schon im Hinterkopf, wie er live funktionieren könnte. Auftritte machen mir an der Musik am meisten Spaß. Wenn Leute nur Sa­ chen im Studio aufnehmen und YouTube Videos dre­ hen wollen, ist das supercool, aber für mich wäre das nichts. Wo würdest du gerne mal auftreten? Mein vollkommen illusorischer Traum wäre ein Auf­ tritt bei Rock am Ring. Danach würde ich vermut­ lich mit der Musik aufhören. Das wäre wirklich das Krasseste, das ich mir vorstellen kann. Als Rapper bei Rock am Ring wäre natürlich nochmal geiler. Fühlst du dich in deiner lokalen Musikszene (Mülheim an der Ruhr) wohl? Könnte was besser sein? Mülheim ist echt schwierig. Es gibt eine Musikszene, die aus der Musikschule hier vor Ort gewachsen ist. Früher war ich auch ein Teil davon, als es hier noch ganz viele Bands und Konzerte gab. Das ist ein biss­ chen abgeflacht. Ich kenne nicht mehr viele Bands, die superaktiv sind. Manche sieht man immer mal wieder, aber mir fällt keine ein, die den nächsten Schritt gemacht hätte. Was hier ganz cool ist, ist die Freilichtbühne, wo mittwochs in den Sommermona­ ten Veranstaltungen mit Akustik-Künstlern stattfin­ den. Dann ist es hier brechend voll. Die Leute haben ein Interesse an Livemusik. Bei gutem Wetter ist das auch eine super Location, wo ich gerne hingehe. Es gibt auch einige Rapper in Mülheim, und man sieht sich auf Konzerten immer wieder, aber ich glaube

nicht, dass man hier von einer richtigen Szene reden kann. In der Nachbarstadt Essen geht mehr, wobei Hip Hop dort auch schwierig ist. Ich glaube, bei Lä­ den, wo härtere Musik läuft, hat man oberflächlich eher das Gefühl von einer Szene. Du bist ja auf Instagram ziemlich aktiv. Ist es dir als Künstler wichtig, so einen Kanal zu haben? Ganz am Anfang tat ich mich damit superschwer. Bereits zu Bandzeiten war ich nie derjenige, der sich um Social Media kümmerte. Da machte ich eigentlich nichts. Als Solokünstler ist man quasi dazu gezwun­ gen. Das kann man gut oder schlecht finden: Ohne geht es heute halt nicht mehr. Das Erste, was Leute heutzutage machen, wenn sie von dir hören, ist, auf dein Instagram- oder Facebook-Profil zu gehen oder zu gucken, was für Videos du bei YouTube hast. Frü­ her musste ich mich regelmäßig dazu zwingen, ein Bild zu posten. Inzwischen macht es mir sogar Spaß, mich mitzuteilen und mehr von mir zu zeigen, als die Musik hergibt. Positives Feedback und Interakti­ on mit den Followern macht Spaß, und Instagram ist dafür eine super Plattform. Positive Bestätigung tut ja jedem gut. Unter den Leuten, die dich feiern, sind scheinbar sehr viele Frauen. Zumindest ist das mein Eindruck. HipHop ist ja oft eine ziemliche Männerdomäne. Aktuell habe ich auf Instagram 51 % Frauen unter meinen Followern. Ich glaube, dass Männer meine Musik genauso gut finden können wie Frauen, nur teilen sich Frauen vermutlich eher mit oder geben schneller ein positives Feedback. Dass eine gewisse Emotionalität in der Musik eher Frauen anspricht, glaube ich nicht. Frauen können das wahrscheinlich eher zeigen, da können wir Männer vielleicht noch was lernen. Ein Grund dafür, dass ich diese Themen in meinen Texten behandelt, ist zum Beispiel gera­ de, dass ich nie wirklich gelernt habe, darüber zu reden. Ich glaube, das Problem haben viele Männer. Meine Persönlichkeit hat aber verschiedene Facet­ ten. Die sensible Seite kommt in der Musik zum Bei­ spiel mehr zum Ausdruck, doch ich persönlich finde mich auch ganz witzig (lacht). Meine Musik zielt aber nicht auf bestimmte Geschlechter ab (lacht). Ich habe auch härtere Songs und bediene nicht nur die Gefühlsschiene, um die Herzen der Frauen zu erobern. Dass das Mann-Frau-Verhältnis relativ ausgeglichen ist, finde ich gut. Erst gestern sagte mir jemand, dass er mit seiner Freundin zu meinem Konzert kommt, weil sie mich beide cool finden. So finde ich das am besten. fankyzine __ 99


Interview am 8. April, Minden, mit Labelchef Costa Makrogiannis, DJ Inzölmi Entertainment Welches Konzert habt ihr zuletzt besucht? Marla: Ich sah Beyoncé mit Jay Z in Berlin, das war sehr gut EMSI: Ich war bei Azad und natürlich bei Ayo & Sky im Hamburger Hof. Das war auch top. Seit wann seid ihr als Musiker aktiv? Marla: Ich fing vergangenen Sommer mit Instagram Videos an, in denen ich singe. Das waren hauptsächlich Cover aus dem R&B und Soul Bereich. So wurde Costa auf mich aufmerksam. Costa: Ein gemeinsamer Freund wies mich auf ihre Videos hin. EMSI: Mit 13, also vor neun Jahren, begann ich, Raptexte zu schreiben. Meine Vorbilder stammten überwie­ gend aus dem Deutsch-Rap-Sektor. Costa organisiert ja regelmäßig den regionalen Talentwettbewerb City Talent. Wäre die Teilnahme in einer Casting Show etwas für euch? Marla: Ja klar, geplant ist es nicht, aber ich mache sowas gerne. EMSI: Vorstellen kann ich mir alles. Es kommt darauf an, was das für eine Veranstaltung ist. Auf ein Rap-Battle hätte ich auch mal Bock. © Dennis Friesen @16zuneun_

Costa, wieso hast du dich für die Beiden als Signing entschieden? Costa: EMSI bringt für mich als Künstler viele Sachen mit, auch ein Stück weit Er­ fahrung, da er bereits früh mit dem Rappen anfing. Er verkörpert für mich diese EMSI Mischung aus der neuen Ge­ neration von Rap, gepaart Genre: Rap mit einer alten Attitude und Heimatstadt: Minden heftigen Punchlines. Tech­ Label: DJ Inzölmi Entertainment nisch ist er sehr stark, das Web: instagram.com/emsi_offiziell wird man schon bei seiner ersten Single merken. Von facebook.com/EMSI32 zehn Rappern kann viel­

Wir werden abreiSSen Marla Genre: R&B und Soul Heimatstadt: Minden Label: DJ Inzölmi Entertainment Web: instagram.com/marlamusic_32 facebook.com/Marla-2160632214267347 100 __ fankyzine


leicht einer doubletimemäßig bei ihm mithalten. Das Besondere an EMSI ist zudem, dass er kein reiner Stu­ diorapper ist. Er bringt diese Leistung auch live. Das hat mich fasziniert und fügt sich gut in das Konzept meines Labels ein. Marla passt als Künstlerin eben­ falls sehr gut in diese Zeit. Sie meistert den schmalen Grat zwischen Frau im HipHop und R&B. Den muss man erstmal beherrschen können. Für mich gehört es ein bisschen zur heutigen Emanzipation, dass eine Frau offensiv zeigen darf, was sie drauf hat. Sie darf auch mal auf die Kacke hauen und muss kein Mauer­ blümchen oder Popsternchen sein. Sie kann klarstel­ len, dass sie cool ist, Talent besitzt und Stil hat, ohne dabei billig zu wirken. Für mich sind EMSI und Marla definitiv Leute für die Zukunft. Woran arbeitet ihr gerade? EMSI: Meine erste Single „Van Damme“ kommt samt Video am 12. April. Der Track ist etwas härter. Ich haue darin ein bisschen auf die Kacke, um zu zeigen, was ich an Reimketten und Punchlines so drauf habe. Der Videodreh mit Dennis Friesen von sechzehnzu­ neun war top und witzig. Richtig schön. Ansonsten arbeiten wir natürlich an neuen Songs. Der nächste Track ist schon geplant. Er wird geil und geht in eine andere Richtung als die erste Single. So möchte ich meine Vielfalt zeigen. Der Vibe wird andere Leute catchen. Marla: Ich arbeite auch an Songs, weiß aber noch nicht, wann die erste Veröffentlichung ansteht. Costa: 2020 werden definitiv EMSIs und Marlas Al­ ben erscheinen. Marla: Dabei werden EMSI und ich uns gegenseitig featuren. Was inspiriert euch? Marla: Beyoncé und Alicia Keys, obwohl ich deutsche Musik mache. Wenn ich an diese Künstlerinnen den­ ke, kriege ich voll die Motivation. Mittlerweile finde ich sogar Shirin David mit ihrem Stil gut. Ich feiere sie dafür, dass sie nun das visuell umsetzt, was zuvor nur Männer brachten: das Posen mit fetten Autos und so. Das wurde mal Zeit. Und Costa inspiriert mich (lacht). EMSI: Als ich im Alter von 13 Jahren anfing, Musik zu machen, inspirierte mich Azad. Ich hörte seine Musik durchgehend. Jetzt gucke ich auf die gesamte Szene, höre viel amerikanischen und französischen Rap, auch wenn ich von letzterem wenig verstehe. Aber diese Vibes und Flows gefallen mir sehr gut. Schlech­ tere Rapper inspirieren mich auch. Dann gucke ich, was ich besser machen kann. Euch kann man demnächst häufiger live erleben?

© Dennis Friesen @16zuneun_

Marla: Am Samstag trete ich in der Diwan Lounge Bad Salzuflen beim Black Smoke Konzert Vol. 1 auf. Wird das dein erster öffentlicher Auftritt sein? Marla: Nein, ich sang bereits auf einer Hochzeit, bei der Neueröffnung unseres Restaurants, beim Ab­ schluss und in Kroatien hatte ich noch einen Auftritt. EMSI: Wir schauen mal, was die Zukunft bringt. Erst­ mal brauche ich mehr Songs, dann können wir bei Auftritten auf die Kacke hauen. Marla: Du immer mit deinem „Kacke hauen“. EMSI: Ich stand bereits auf der Bühne. In der An­ fangszeit trat ich häufig im Hamburger Hof auf. fankyzine __ 101


Damals kamen ganz viele Rapper vorbei, Olli Banjo, Laas Unltd., ... Mit Summer bin ich als Voract auch schon aufgetreten. Der Sommer steht vor der Tür. Würdet ihr gerne auf einem Festival auftreten? EMSI: Sehr gerne. Da ist die Stimmung immer so schön. Gibt es ein konkretes Festival, wo ihr gerne auftreten würdet? EMSI: Ich glaube, das wäre jetzt zu hoch gegriffen. Marla: Splash! EMSI: Und Frauenfeld ... Festivals, wo halt Leute sind, die unsere Musik verstehen. Das wäre cool. Costa, dann weißt du ja, was du zu tun hast (lacht). Costa: Es ist gar nicht so unrealistisch, sich dort mal zu platzieren. Bei all den Bühnen beim Splash sollte es möglich sein, irgendwann einen Slot zu bekom­ men. Rap ist im Moment so stark wie noch nie. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ist es euch generell wichtig, live aufzutreten? Marla: Auf jeden Fall. EMSI: Liveauftritte machen extrem viel Spaß. Noch besser ist es, wenn Leute da sind, die die Musik verste­ hen. Sie viben mit und verstehen, was uns antreibt. Marla: Bei Liveauftritten kann man als Künstler viel mehr zeigen, was man kann. Im Studio kann jeder irgendwas hinbekommen. Das ist heutzutage nicht schwer. EMSI: Ich finde es bei Auftrit­ ten auch schön, mit den Zu­ schauern in Kontakt zu kom­ men, mit ihnen zu quatschen.

ein. Irgendwann blieb nur noch EMSI übrig. Fühlt ihr euch als Musiker in der Region gut aufgehoben? Marla: Ich stehe als Musikerin noch am Anfang, füh­ le mich hier aber bislang wohl. Irgendwie habe ich das Gefühl, einfach jeden zu kennen. Für den Anfang ist es in Minden erstmal leichter als beispielsweise in Berlin. EMSI: Hier kennt halt wirklich jeder jeden. Das kann ein Vor- und ein Nachteil sein. EMSI: Wenn man cool mit jedem ist, hat man keine Nachteile. Leute sollten halt immer respektvoll mit anderen umgehen. Also ich fühle mich hier ganz wohl. Costa: Ich mich nicht. Möchtest du dich aussprechen, Costa? Ist dein Real-Talk-Video noch online? Wo bleibt Teil 2? Costa: Nach Teil 1 erhielt ich so viele Anrufe von Leu­ ten, die ihre Sicht der Dinge schildern wollten. Das fand ich auch in Ordnung. Teil 2 ist sogar etwas böser und hätte mit noch mehr Leuten abgerechnet als Teil 1. Ich weiß aber nicht, ob ich das veröffentlichen soll. Zwar stehe ich zu meinen Aussagen, doch es basiert wie Teil 1 stark auf Vergleichen zu Ayo & Sky. Da sie sich als Duo aufgelöst haben, ist es ein wenig proble­ matisch. Fandest du Teil 1 so böse? Ich erinnere mich noch an die Aussage, dass du neben Ayo & Sky in Minden aktuell keine ernstzunehmenden Rapper siehst. Wobei du die „alte Garde“ bewusst ausgeklammert hast. Costa: Klar, man soll ja die Kirche im Dorf lassen. Curse, Italo Reno & Germany haben auf jeden Fall ihr Ding ge­ macht. Jetzt sind EMSI und Marla mit im Game. Bei allem Respekt, aber mit Ausnahme von zero/zero machen die Anderen alle doch gar nichts. Es traut sich kei­ ner was. Na gut, es muss nicht immer so einen Be­ kloppten wie mich geben, der ein finanzielles Risiko eingeht, um jungen Leuten eine Plattform zu geben. Heutzutage kann aber jeder was in die Hand nehmen und was tun. Es kommen keine Videos, keine Gegen­ wehr, ... Ich fühle mich in der Region als Alleinunter­ halter und finde meine „Monopolstellung“ schade. Es würde mich freuen, wenn mal jemand EMSI ein bisschen kitzeln und auf sportliche Art und Weise herausfordern würde. Das wäre okay. Man muss ja

Es traut sich keiner was.

Marla ist ja dein echter Name. EMSI, wie bist du auf deinen gekommen? EMSI: Der Name ist MC einfach ausgeschrieben. Frü­ her nannte ich mich noch Psycho EMSI. Ich kam im Matheunterricht auf den Namen. Das war nie mein Fach. So beschäftigte ich mich lieber mit anderen Sachen wie dem Suchen von Künstlernamen. Mein Kollege, mit dem ich mich unterhielt, wollte mit mir rappen und sich Sniper nennen. Darauf erwiderte ich wie aus der Pistole geschossen, dass ich mich dann Psycho nenne. Das hat irgendwie zusammen gepasst. Keine Ahnung, wie wir darauf kamen. Da­ mals waren wir noch so richtig kleine Putzis. Später baute ich in einem Track den Namen Psycho EMSI 102 __ fankyzine


© Dennis Friesen @16zuneun_

nicht gleich eklig werden. Das gehört zum HipHop und zum Rap dazu. Aber es macht einfach keiner was. Man muss im Wettbewerb aktiv bleiben. Das belebt das Geschäft. EMSI: Wir sind jetzt nicht auf Rap Beef aus, möch­ ten aber auch keinen Schritt zurück machen, falls er sich ergibt. Rein in die Masse, wie man so schön sagt. Wenn es zu Beef kommt, sind wir auf jeden Fall standhaft. Stresst euch die Betreuung eurer Social Media Kanäle? Marla: Nein, darüber bekommt man ja auch Feed­ back. Auf der Straße kommt eher selten jemand auf mich zu und lobt meine Musik. Im Netz hat man eher die Chance, eine Rückmeldung zu erhalten und zu erfahren, wie man ankommt. Das muss nicht immer gut sein, negatives Feedback bringt einen auch wei­ ter. Wessen Feedback bedeutet euch am meisten? EMSI: Von Leuten, die musikalisch weiter sind und Ahnung vom Genre haben. Dann nehme ich mir das Feedback auch richtig zu Herzen und arbeite daran. Wenn jemand ankommt, der wirklich keine Ahnung von 16ern, Hook Schreiben oder Songpro­ duktion hat, und behauptet, ich könnte das besser

machen, nehme ich das nicht ernst. Marla: Das finde ich auch. Außerdem ist es ein Un­ terschied, Feedback von Fremden oder von Freunden und Bekannten zu erhalten. EMSI: Es ist schön, wenn Leute einem sagen, dass meine Musik ihnen gefällt und sie meine Arbeit ver­ folgen. Das gibt mir Motivation. Wie sehen eure nächsten Pläne aus? Möchtet ihr deutschlandweit bekannt werden? Würdet ihr für die Musikkarriere wegziehen? Marla: Eigentlich schon. Ob das klappt, ist die andere Sache. Ich will, glaube ich, nicht in Minden wohnen bleiben, weil ich es mir nicht vorstellen kann, immer am gleichen Fleck zu bleiben. Aber erstmal muss ich hier mein Abi machen. EMSI: Ich habe nicht vor, wegzuziehen. Deutschland­ weit zu übernehmen, ist schon ein Ziel. Wir machen beide moderne Musik, die Anklang finden wird. Wir sind gut in dem, was wir machen. Mal gucken, was die Zeit bringt. Möchtet ihr abschließend noch etwas erwähnen? Marla: Folgt mir auf Instagram. EMSI: Die Augen und Ohren offen lassen. Da wird noch so einiges auf die Leute zukommen. Wir werden abreißen. Nicht wahr, Costa? fankyzine __ 103


Auf einer Wellenlänge

© Romy Kohlhage 104 __ fankyzine


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Mosayk

Tobzen

Genre: HipHop Heimatstadt: Bielefeld Web: facebook.com/mosaykmusik soundcloud.com/mosaykbeats maxundmoritz.bandcamp.com

Genre: Hip Hop Heimatstadt: Bielefeld facebook.com/tobzen23 instagram.com/tobzen_abc123 simplyrap.bandcamp.com/releases soundcloud.com/tobzen88 soundcloud.com/simplyrap tars1.bandcamp.com/track/spindelkraut-vol-1


scheinlich keinen Bock mehr auf Konzerte, aber aktu­ ell freue ich mich drauf. Woran arbeitet ihr gerade? Tobzen: Mosayk und ich wollen dieses Jahr eine Vi­ nyl veröffentlichen. Das Album wird „Hinter den Spiegeln“ heißen. Wir haben jetzt knapp zwei Jahre daran gebastelt. Mosayk: Die Musik ist seit ein paar Monaten fertig. Insgesamt gibt es zwölf Tracks. Auf eine Platte haben wir Bock, aber wir wissen noch nicht genau, wie wir releasen werden ... Tobzen: Ich persönlich sitze ein bisschen auf hei­ ßen Kohlen. Als Mensch und somit auch als Künstler entwickelt man sich weiter. Deswegen haben Musik und Texte auch immer einen Bezug zu ihrem Ent­ stehungsmoment und können an persönlicher Ak­ tualität verlieren. Was nicht bedeutet, dass man die Musik schlecht findet, aber zum Zeitpunkt der Veröf­ fentlichung befindet man sich häufig schon wieder woanders. Generell wollen wir nach diesem Album weiter gemeinsam Musik machen, weil sich unsere Arbeitsweisen ganz gut ergänzen und mittlerweile aufeinander abgestimmt sind. Ein Rapper sagte neulich zu mir, Vinyl sei jetzt auch tot. Habt ihr da keine Bedenken? Tobzen: Wir sammeln beide Platten. Es ist für uns das Medium der Wahl, und es geht in erster Linie darum, selbst eine Vinyl gemacht zu haben. Ich gehe nicht davon aus, dass wir auf Anhieb alle Exemplare ver­ kaufen werden, aber wir haben richtig Bock drauf.

Mosayk (links) und Tobzen © Romy Kohlhage

Interview und Alben-Pre-Listening am 3. April 2019, Bielefeld Welches Konzert habt ihr zuletzt besucht? Tobzen: Ich war auf dem Samy Unplugged Konzert im Lokschuppen. Ein gutes Konzert, leider nur viel zu voll. Mosayk: Mein letztes Konzert war Retrogott & Hulk Hodn im Nr. z. P. Tobzen: Der Konzert-Marathon steht jetzt noch be­ vor. Ich fahre mit meinem Mitbewohner zu Mos Def, Erykah Badu und Wu-Tang. Danach habe ich wahr­

Ihr seid ja schon eine ganze Weile in der Musikszene aktiv. Wäre es denn jeweils euer erster PlattenRelease? Tobzen: Wir sind beide auf dem „Zu Hause“ Album von Comar vertreten, welche letztes Jahr rauskam. Mosayk: Eine eigene Vinyl haben wir bisher aller­ dings beide noch nicht veröffentlicht. Das Pre-Listening des Albums beginnt. Tobzen: Jannik F., den man hier hört, ist ein guter Freund von mir. Ich wollte ihn unbedingt auf dem Album haben. Er spielte bereits in verschiedenen Bands. Derzeit ist er dank eines Umzugs eher alleine unterwegs. Er macht ziemlich rock ’n’ rollige Sachen und ist meiner Meinung nach ein wirklich talentier­ ter Musiker. Generell sind eh nur Freunde auf dem Album vertreten. Es ist mir wichtig, dass ich die Leute kenne, mit denen ich zusammenarbeite. Mosayk: Features in Sachen Rap und Gesang stam­ fankyzine __ 107


men von Rain, Random aus Amsterdam, Afree, ... Tobzen: Gemeinsam mit Afree brachte ich zuletzt als Simply Rap das Mikrokosmos Album heraus. Mosayk: Außerdem arbeitete Laura H. von Weak Ties am Album mit und steuerte eine Hook bei. Das Saxo­ phon auf dem „Fluss“ Track spielte Lina H. ein. Unser Cover Artwork entsteht derzeit in Zusammenarbeit mit der Fotografin Romy Kohlhage und dem Bielefel­ der Sprüher Syck (einsyckartig.de). Tobzen: Romy fotografiert Architektur und Land­ schaften. Das wird ihre erste Coverfotografie. Ein Video zu dem Song „Anthrazit“ ist in Arbeit. Gedreht wird es von Marek Lück (luecklich.de). Was wir gera­ de hören, ist ein Skit als Einleitung zu „Anthrazit“. Es handelt sich dabei um ein Gedicht von Sebastian P. Ich fand die Idee geil, ihn so am Album zu beteiligen. Eine Zeit lang war er bei Kopfsalat aktiv und mischt nun bei Dünamit mit. Eine Vorabversion des Videos wird gezeigt. Habt ihr euch die Geschichte des Videos selbst ausgedacht oder dem Filmemacher freie Hand gelassen? Tobzen: Er hatte die ungefähren Bilder im Kopf, und wir haben das dann gemeinsam konzipiert. Vorher hatten wir Ideen zu anderen Liedern, aber er schlug vor, genau diesen Song umzusetzen. Es ist halt so ein Reminiscence Song, wie es in den Cuts auf den Punkt gebracht ist. In den Texten des Albums geht es viel um Selbstreflektion. Dies soll auch durch den Titel „Hinter den Spiegeln“ ausgedrückt werden, der an Alice im Wun­ derland angelehnt ist.

album über 58Muzik veröffentlicht und war früher einige Jahre Teil der Air Morden Klikk. Die Beats, die Mosayk für unser Treffen herausgesucht hatte, gingen alle in eine etwas düsterere Ecke. Eigentlich wollte ich genau das nicht mehr machen. Aber dann haben wir was Passendes gefunden, aufgenommen, und das hat sich dann so entwickelt. Mosayk: Als ich mit Aco an der „Finde deinen Beat“ EP saß, fragten wir ihn ursprünglich für ein Feature an. Tobzen: Damals hatte ich eine krasse Schreibflaute, wie das halt manchmal so ist. Sorry, Aco! Ich wäre gerne drauf gewesen. Der Beat ist auf jeden Fall Bom­ be. Ich finde, dass sich während unserer Zusammen­ arbeit herauskristallisierte, dass man geschmacks­ technisch auf einer gemeinsamen Wellenlänge ist. Irgendwer kam immer mit Ideen um die Ecke. Das hat man nicht mit jedem. Normalerweise schickt dir jemand einen Beat, und du kannst dir überlegen, ob du darauf schreibst. Am Ende nimmt man das irgend­ wo auf. Hier macht man wirklich gemeinsam die Mu­ sik. Das weiß ich zu schätzen und ist schon geil. In Bielefeld hatte ich das sonst nur mit Afree. Da haben wir allerdings selten eigene Beats gebaut. Mosayk: Wir arbeiteten ziemlich nah aneinander, wodurch sich eine gute Dynamik entwickelt hat. Tobzen: Und eine Freundschaft ist entstanden. Zum Großteil machte ich früher mit Freunden Musik. Dann gab es die Entwicklung, dass ich neue Leute kennenlernte, die Musik machten und erst dadurch Freundschaften entstanden.

ich war für einige Jahre Teil der Air Morden Klikk.

Wer von euch kam auf wen zwecks Zusammenarbeit zu? Tobzen: Ich sah sein Gesicht häufiger beim BeatBuffet und bei anderen Veran­ staltungen. Irgendwann legte Mosayk beim Umsonst & Draußen spontan für uns auf, weil Afree und ich keinen DJ dabei hatten. Er machte das sehr gut, und wir waren ihm äußerst dankbar. Mit einem richtigen DJ aufzutreten, ist schon was anderes, als Beats vom Laptop laufen zu lassen. Damals kannte ich noch nicht seine eigene Musik. Letztendlich wurde ich dank seines Beatsets bei Beatpole auf ihn aufmerk­ sam. Da waren einige Sachen dabei, die ich geil fand. So kam man erneut ins Gespräch. Irgendwann saßen wir hier zusammen. Er spielte Beats vor, die gar nicht mehr zu mir passten. Das entsprach eher meiner al­ ten Musik, die er kannte. Ich hatte bereits ein Solo­ 108 __ fankyzine

Arbeitet ihr parallel noch an anderen Projekten? Mosayk: Ich bin an einigen Sachen dran. Gerade ist das Mixtape „Vier Viertel“ mit DJ Dookie, SBM und DJ Aser er­ schienen.

Mosayk holt die Kassette hervor. Das habe ich gar nicht mitbekommen. Mach doch mal ein bisschen mehr Social Media, damit ich sowas mitkriege. Mosayk: Ich habe da nicht so richtig Bock drauf. Tobzen: Das kann ich verstehen. Wenn man das nicht gewohnt ist, fällt es einem schwer, sich in Social Media reinzufinden. Bei Facebook kann man einfach einen neuen Song teilen. Mit Instagram hat sich das krass geändert. Manche Leute machen echt viele Fo­ tos. Dafür muss man wohl ein Gefühl entwickeln. Mosayk: In naher Zukunft werde ich mich da wohl


© Romy Kohlhage

etwas mehr rantrauen. Es ist ja an sich auch eine ganz gute Möglichkeit, auf neue Sachen aufmerksam zu machen. Aber es fluchen viele darüber. Tobzen: Absolut. Die Musik tritt teilweise echt in den Hintergrund. Gerade die Leute, die ich voll in­ teressant finde, machen da gar nichts. Personen wie Kendrick Lamar haben es auch einfach nicht nötig. Die veröffentlichen irgendetwas, und alle hören es. Mosayk: Jetzt aktuell im April ist die Remix-EP von Chris Brauer und Comar über Bandcamp rausgekom­ men, auf der Chris Tracks von Comars letztem Album „Zu Hause“ geremixt hat. Dazu habe ich die Cuts beigesteuert. Das nächste Projekt, welches das Tages­ licht erblickt, wird ein Projekt mit Cut Spencer sein. Über Silvester besuchte ich ihn für ein paar Tage. Wir haben uns eingeschlossen und ein Beat-Tape zusammengeschraubt. Insgesamt hat jeder von uns einen Anteil von 20 Minuten. Hauptsächlich besteht das Tape aus Instrumentalmusik. Aber es gibt auch Rap-Parts auf zwei, drei Tracks. Das Cover wird gera­ de erstellt, und die Musik geht demnächst ins Master. Mit Rain habe ich eine EP gemacht. Da fehlt noch das endgültige Cover, und das Video ist gerade im Schnitt. Das Max & Mo Ritz-Projekt zusammen mit Max Meho­

ni wird derzeit wieder konkreter. Die meisten Sachen für einen zweiten Teil stehen auch schon. Die ande­ ren Projekte sind noch ein bisschen zu unkonkret, um sie hier anzukündigen. Für die Bielefelder Graffiti-Szene setzt man sich derzeit massiv für eine legale Wand ein. Findet ihr, dass ihr lokal als Künstler genügend Unterstützung bekommt? Mosayk: Die Förderung von Graffiti finde ich mega­ gut. Tobzen: Solange das Album nicht draußen ist, fällt es mir schwer, diese Frage zu beantworten, da ich nicht so viel davon mitkriege. Wir waren beide auf diesem Soundz of the City Sampler vertreten, eine feine Sa­ che. Allerdings weiß ich nicht, ob sich diese Sampler überhaupt jemand kauft. Dasselbe gilt auch für den Beat Buffet Sampler. Wenn Clishé MC mit dem Beat Buffet aufhört, was nicht passieren darf, sieht es hier auf jeden Fall erstmal mager aus. Wir müssen mit ihm nochmal ein ernstes Wort sprechen, was das be­ trifft. Er verursacht hier viele Tränen. Mosayk: Gefühlsmäßig würde ich nicht sagen, dass wir hier keinen Support bekommen. Die Frage ist aber auch, von welcher Art Unterstützung wir hier reden. Von so einer Art institutioneller Unterstüt­ fankyzine __ 109


zung, zum Beispiel durch die Stadt oder so, bekomme ich nichts mit. Manche sagen, dass die gegenseitige Unterstützung untereinander manchmal fehlt und man sich nichts gönnt. Tobzen: Das dachte ich ganz lange beziehungsweise fand Support aus Bielefeld für mich nicht statt. Mit den Air Morden Jungs war ich viel in Lüdenscheid unterwegs. Dort gab es das 58Muzik Label. Mit denen machten wir häufig Musik, traten auf deren Jams und zu anderen Gelegenheiten auf. Dementsprechend hatte ich das Gefühl, dass ich in Bielefeld gar nicht stattfinde. Wir bekamen nie das Angebot, irgendwo aufzutreten. Das fanden wir irgendwie schade, war uns dann aber letzten Endes auch egal. Mit Afree machte ich die ganze Zeit Musik für uns. Irgendwann erhielten wir beim Beat Buffet die Möglichkeit auf­ zutreten, um unser Mikrokosmos Albumrelease zu feiern. Danach traten viele Leute an uns heran. Erst da hatte ich das Gefühl einer Hip Hop-Subkultur, wo Leute connecten, beispielsweise bei den FreestyleSessions. Mosayk: Was so szeneinternen Support angeht, habe ich schon das Gefühl, dass der gegeben ist und auch, dass die Leute sich untereinander was gönnen können. Aber so eine Einschätzung ist natür­ lich auch sehr abhängig von den eigenen Erfahrungen, die man damit macht. Auf jeden Fall könnte in Bielefeld mehr stattfinden, wenn man das mit anderen Städten vergleicht. Tobzen: Viel läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda. Mosayk: Es gibt den Beat-Stammtisch im Cutie. Tobzen: Rec & Play.

den Medien reden alle darüber, dass es zu wenig Rapperinnen gibt. Doch über die fehlenden Produ­ zentinnen redet gar keiner. Mosayk: Ich kenne auch keine Produzentinnen in Bielefeld. Das ist tatsächlich sehr schade, und wir könnten sicherlich ein eigenes Gespräch darüber führen, warum das so ist. Ich denke aber, dass sich das in Zukunft weiter ausgleichen wird. Also ich be­ komme auf jeden Fall immer mehr aktive Frauen im Hip Hop mit. Mit welchem Equipment arbeitest du? Mosayk: Ich habe nicht viel: ein MIDI-Keyboard und Sony ACID als DAW, inklusive diverser Plug-Ins. An­ sonsten arbeite ich intensiv mit Platten und nehme häufig mit Percussions und so auf. Gibt es etwas, auf das du hinsparst? Mosayk: Konkret eigentlich nicht. Das Nächste wird aber ein neuer Mixer zum Auflegen sein. Ansonsten gibt es natürlich Equipment, dass mich interessiert und mit dem ich gerne arbeiten würde, aber im Prin­ zip reicht das aus, was ich habe, um das größtenteils umzusetzen, was ich mir so vorstelle.

ich bekomme auf jeden Fall immer mehr aktive Frauen im Hip Hop mit.

Da sind nur Männer anwesend. Hab ich auf Fotos gesehen. Traurig. Tobzen: Ich kenne hier in Bielefeld leider keine Beatproduzentin. Generell im Hip Hop Kosmos fällt mir deutschlandweit erstmal nur Melbeatz ein. Selbst für Amerika muss ich scharf nachdenken. Erykah Badu macht ihre Mucke stellenweise selbst. Aber es gibt wohl leider wirklich nicht so viele. In 110 __ fankyzine

Seit wann produzierst du? Mosayk: Mit 14, 15, 16, ir­ gendwie sowas, fing ich an, mich mit Beats-Bauen zu beschäftigen. Aber erst so mit Anfang 20 kamen dann die ersten Tracks, auf denen dann Leute gerappt haben, zustande.

Hattest du einen Mentoren? Mosayk: Nicht wirklich. Im Alter von sechs Jahren nahm ich Schlagzeugunterricht. An der weiterfüh­ renden Schule spielte ich dann in Schulbands und fing irgendwann an, mich dafür zu interessieren, wie man generell Musik aufnimmt. Dadurch bekam ich dann Bock, eigene Beats zu machen und mit Samples zu arbeiten. Und wo fanden eure ersten Auftritte statt? Tobzen: Das war in einem Gütersloher Schuppen, wo eigentlich immer Dancehall Partys stattfanden.


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Ich weiß noch, dass um die Bühne Absperrband ge­ spannt war. Vermutlich sollte das cool aussehen. Ich war super aufgeregt und hab meinen Text sofort ver­ kackt. Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich glaube, ich ging dann einfach von der Bühne und hatte kei­ nen Bock mehr. Da war ich 17 oder so. Ein traumati­ sches Erlebnis. Danach unternahm ich lange keinen Versuch mehr, öffentlich aufzutreten. Mosayk: Meine ersten Sachen waren 2009 die Club Vogelhaus Geschichten. Damals benannten wir den Falkendom in Club Vogelhaus um. Wir tauschten die Logos aus und haben ihn neu gestaltet. Tobzen: Ach, du warst dafür verantwortlich. Mosayk: Auslöser waren die wöchentlichen Treffen mit verschiedenen Leuten im Falkendom, um Musik zu machen. Es wurde aufge­ legt und gerappt. Leute wie Cut Spencer, Syck, Vinylholik und ein paar Andere waren dabei. Insgesamt organisier­ ten wir drei Partys ... Stimmt gar nicht. Das erste Mal legte ich bei einer Kamp-Party im Keller auf. Tobzen: Habt ihr mal an Sil­ vester eine Party gemacht? Mosayk: Ja. Tobzen: Da war ich. Mosayk: War geil, ne? Tobzen: Keine Ahnung, ich war übelst voll, als ich an­ kam. Aber war geil. Mosayk: Die Partys waren gut und auch immer voll. Für mich waren das auf jeden Fall sehr besondere Veranstaltungen, an die ich mich gerne zurückerin­ nere. Tobzen: Dort lief halt auch Mucke, die ich gut fand.

mit der Musik des neuen Albums aufgetreten. Es machte Spaß, eine Soloshow zu spielen. Es ist was anderes, wenn man alleine am Mikrofon steht. Ei­ nen Auftritt in Versmold fand ich furchtbar. Man lud mich zu einer Release Party ein, weil ich mit einem Feature Part vertreten war. Mein Auftritt verzögerte sich nach hinten. Da ich so gut wie kein Schwein vor Ort kannte, ließ ich mich ziemlich volllaufen. Als ich dann endlich dran war, habe ich meinen Part der­ maßen verkackt. Aber ich glaube, das geschah auf einer sympathischen Art und Weise, sodass die Leu­ te es feierten. Die Stimmung war gut. Alle anderen waren auch total voll. Nicht zu viel Bier vor einem Auftritt ist auf jeden Fall wichtig! Wenn man euch 500.000 Euro zur Verfügung stellen würde, die ihr nur für eure Musik ausgeben dürft: Was würdet ihr damit anstellen? Tobzen: Ich wüsste, was er machen würde. Neben Equip­ ment und einem Studio wür­ de er vermutlich ziemlich viel Geld für Platten ausgeben. Ich würde mir auf jeden Fall ei­ nen Ort schaffen, um nur Musik zu machen, in Equip­ ment investieren und eine kleine Tour mit den Biele­ felder Freunden organisieren, weil da eigentlich alle Bock drauf haben. Bisher sind wir noch nicht dazu gekommen, ein wenig durch die Gegend zu tingeln. Mit Geld wäre das vielleicht ein bisschen einfacher. Und die Platte pressen! 500.000 Euro ist schon ein krasses Budget. Was antworten andere auf die Frage? Manche würden sich bestimmt einen krassen Beat einkaufen, beispielsweise von DJ Premier. Das würde ich gar nicht machen. Features würde ich auch nicht kaufen. Das ist wack! Es gibt diese Leute, die sich ganz viel Equipment kaufen, aber noch nie einen Beat ge­ baut haben. Sie denken, dass sie damit automatisch einen guten Beat bauen können. Die gleichen Leute hören dann meist nach einem Jahr wieder auf und verkaufen das Equipment günstig. Mosayk: Ich würde Geld in Equipment und Instru­ mente investieren. Ich hätte zum Beispiel Bock, mir ein Schlagzeug zu kaufen. Tobzen: Oder ein ganzes Album mit einer krassen Liveband einspielen. Ein Orchester, das dir die Samples nachspielt. Ein Typ, der dir alles samt Noten schreiben kann. Das ist auch voll geil.

Meine ersten Sachen waren 2009 die Club Vogelhaus Geschichten.

Gibt es für dich einen Auftritt, den du nie vergessen wirst? Tobzen: Der schönste Auftritt war auf jeden Fall der beim Beat Buffet mit dem Simply Rap Album. Der Laden war an dem Abend supervoll. Wir hatten unser Album ziemlich dilettantisch 58x auf CD ge­ brannt und das ausgedruckte Cover auf Papphüllen geklebt. Wir verkauften sie vor Ort für eine Spen­ de und waren sehr überrascht, dass wir so viele los wurden. Die generelle Resonanz war halt geil. Und wir waren zufrieden mit unserem Auftritt. Ansons­ ten fand ich meine letzten Auftritte mit Mosayk auch sehr cool. Im vergangenen Sommer sind wir schon

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von links: Basti, Max, Lars, Ben und Milla © Dysraised

Aufsteh’n – Spiel’n – Schlaf’n DysRaised Genre: Punk, Rock Mitglieder der Band: Milla (Vocals), Lars (Lead Guitar), Ben (Rhythm Guitar, Screams), Max (Bass), Basti (Drums) Heimatstadt: Bielefeld Web: facebook.com/DysRaised youtube.com/user/DysRaised www.bandcamp.com/DysRaised

Interview am 24. Februar 2019, Bielefeld Wieso habt ihr als Bielefelder Punkband hauptsächlich englische und keine deutschen Texte? Milla: Das liegt an unserer musikalischen Orientie­ rung. Deutschpunk unterscheidet sich deutlich von unseren musikalischen Vorbildern wie NOFX, Bad Religion und Lagwagon. 116 __ fankyzine

Ben: Von Tocotronic stammt der wundervolle Text: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen. Denn allzu leicht könnt’s im Deutschen peinlich klingen.“ Das wollten wir vermeiden. Hab ich das richtig verstanden, dass ihr bei eurem aktuellen, zweiten Studioalbum „Dichotomies are Cancer“ alles selbst aufgenommen habt? Ben: Ja, wir waren unser eigenes Studio, unsere ei­ genen Produzenten, haben alles selbst gespielt, ge­ schrieben, designed ... Würdet ihr diese Vorgehensweise weiterempfehlen? Max: Ja, auf jeden Fall. Milla: Es muss halt klar sein, dass man sich mit der Technik wirklich auseinandersetzen muss, sonst wird das nichts. Max: Es gibt heutzutage Apps und anderes Compu­ tergedöns, womit du ganz simpel Songs strukturiert basteln kannst.


Ben: Man steht vor dem typischen Dienstleistungs­ gesellschaftsproblem: Du hast entweder Zeit oder Kohle. Eins von Beiden oder ein Mix muss investiert werden, damit das Produkt gut wird. Allerdings hat man beim Selberma­ chen halt auch die meiste Kontrolle ... Was erwartet die Hörer auf dem Album? Wie viele Tracks sind drauf? Ben: Wie beim Vorgängeralbum sind wir mit 15 Tracks unterwegs. Außer­ dem gibt es einen hidden Track. Macht man das noch heutzutage? Ben: Alle coolen Alben unserer Ju­ gend hatten hidden Tracks. Selbstverständlich woll­ ten wir uns mit dem neuen Album in die „coolen Alben“ einreihen. Ihr habt euch für einen Release auf CD und Vinyl entschieden. Wie kam es dazu? Basti: Unsere Erfahrungen mit CDs waren gut, sie verkaufen sich auf Konzerten. Das wird nun unsere erste Platte, eine feine Sache. Wer hat schon seine eigene Schallplatte zuhause im Regal stehen? Ben: Etwas Greifbares zu haben, finden wir einfach schön, daher die Entscheidung für zwei physische Datenträger. Streaming ist sicherlich im Kommen. Es ist die Frage, ob sich das für Bands unserer Reichwei­ te lohnt. Darüber haben wir noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Milla: Wir machen das in erster Linie als Hobby. Es ist nicht unsere hauptberufliche Einnahmequelle. Wir wollen Spaß haben, das Publikum auch. Viele Jugendliche hören uns, daher sind unsere Preise niedrig. Habt ihr was Besonderes auf der Release Party im Drum Hard vor? Milla: Bei unserem 10-Jährigen starteten wir Aktio­ nen mit ehemaligen Bandmitgliedern und bezogen das Publikum in die Show mit ein. Bei der jetzigen Re­ lease Party wird die Präsentation des neuen Materials im Fokus stehen. Trotzdem wird es ein paar interes­ sante Kooperationen geben – seid gespannt! Ben: Unsere Supportbands, Lektion:Hammer und 2Boys1Pub, können wir zudem wirklich nur emp­ fehlen. Und wer es zur Release Party nicht schaffen sollte, kann uns am 12. Juli in der Uni Bielefeld bei der Nacht der Klänge sehen. Die hat ja auch den Vorteil, kostenlos zu sein UND neben uns noch viele großartige andere Bands, Künstler und Performer im Programm zu haben.

Wer schreibt eure Lieder? Ben: Ich schreibe die Musik und die Texte, aber sie dienen mehr als eine Art Diskussionsgrundlage. Basti: Die Gitarrenline und die Ge­ sangslinie sind im Prinzip schon fertig. Alles weitere – zweite Gitarre, Schlagzeug, Bass – wird darum ge­ baut. Dann werden die Breaks zusam­ men erarbeitet. Am Ende entsteht ein buntes Package aus einem Guss. Milla: Wobei wir viel über Texte dis­ kutieren. Ben: Das ist auch wichtig. Punk ins­ gesamt ist eine halbwegs politische Musikrichtung, die sich mit alltags­ politischen oder metagesellschaftlichen Problemen und Realitäten auseinandersetzt, über die es sich nachzudenken lohnt. Wir betrachten das als eine Art Sinnangebot für Hörer. Wenn wir Glück haben, fühlt sich der Hörer gut unterhalten oder zum Nachden­ ken angeregt. Du kannst das Zeug aber auch einfach anhören, weil es schöne schnelle Punk-Mucke ist, die nach vorne geht und Spaß macht. Das ist völlig in Ordnung. Wir sehen da nicht den großen Erziehungs­ auftrag auf unserer Seite. Milla: In Songs legen wir Wert auf unterschiedliche Perspektiven, was für Hörer herausfordernd sein kann. Besonders in Zeiten der „Outrage Culture“ innerhalb und außerhalb des Internets. Im Track „CultoftheOffended“ geht es darum, dass Leute keine Notwendigkeit mehr darin sehen, zu legitimieren, wie sie handeln. Das ist in einer Gemeinschaft pro­ blematisch. Ben: Ein bisschen ans Eingemachte zu gehen, ist gut. Milla: Wir wollen in erster Linie entertainen, im zweiten Schritt wollen wir zur Diskussion anregen, was heutzutage viel zu wenig passiert. Ben: Deswegen probierten wir in der Auto-KulturWerkstatt mal ein interessantes Konzertformat aus. Nach dem Konzert konnten Gäste bleiben und mit uns über Texte diskutieren. Das war echt spannend und ging kontrovers zur Sache. Wird es eine erneute Veranstaltung dieser Art geben? Basti: Es muss in den Rahmen passen. Das kann na­ türlich nicht an einem Abend stattfinden, an dem fünf verschiedene Bands spielen. Milla: Wir sind auf jeden Fall für andere Konzertfor­ mate zu haben. Bei der „Nacht der Klänge“ sind wir auch schon ein paar Mal aufgetreten, wo Laufkund­ schaft eigentlich üblich ist. Bei uns waren allerdings der Raum, in dem wir spielten, und der Flur voll. fankyzine __ 117


Vorne pogten Leute, kleine Kinder saßen auf den Schultern ihrer Eltern, weiter hinten tanzte ein älte­ res Paar Standard. Das war ziemlich abgefahren. Bei einem unserer Konzerte in umliegenden Jugendzent­ ren traten wir vor Geflüchteten aus Syrien auf. Ben: Und sie kannten keinerlei westliche Rockmusik. Milla: Aber sie hatten viel Spaß. Es gab dort Schaum­ stoffwürfel zum Sitzen. Irgendwann fingen die klei­ nen Kinder an, damit rumzupogen und zu werfen. Die Erwachsenen versuchten – mehr oder weniger erfolglos –, sie davon abzuhalten, und wir dachten uns: Okay, Kulturtransfer erfolgreich! Ben: Ein Circle Pit aus unter 12-jährigen Kindern, großartig. Milla: Wir haben jedenfalls sehr unterschiedliches Publikum. Ben sagt gerne, dass wir die Punkband für die ganze Familie sind. Wie sahen die Anfänge von DysRaised aus? Ben: Die Anfrage für unseren ersten Auftritt als Dys­ raised erhielten wir vier Tage vor dem Auftritt, als es uns noch nicht gab. Unser damaliger Lead-Gitarrist Chris rief mich an und meinte zu mir: „Benny, wir haben am Samstag einen Auftritt. A: Wir brauchen Songs – schreib mal welche! B: Wir brauchen ein Logo – mach mal eins!“ Ich setzte mich an den Rech­ ner und schrieb über Nacht sechs, sieben Songs in der Hoffnung, dass diese halbwegs taugen. Noch schnell ’n Logo zusammengeklickt – tadaa! Unser Name „Dys­ raised“ basiert darauf, dass wir unzu­ frieden sind, wie wir von der Gesell­ schaft sozialisiert wurden und in Rollenstereotypen reingepresst werden, die wir nicht mögen.

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Milla: Eigentlich heißen wir Dysfunctionally Raised, aber das kann keiner aussprechen, daher haben wir das abgekürzt. Ben: Für unser Logo kombinierte ich die Eule als Symbol für Weisheit und rationale Auseinanderset­ zung mit einem Stoppschild. Ich dachte, dass das ganz gut zeigt, wie moderne Sozialisation diesen Werten entgegensteht. War ein Schnellschuss innerhalb von einer halben Stunde. Milla: Ben gründete die Band 2007, von den restli­ chen Gründungsmitgliedern ist keiner mehr dabei. Ende 2008 kam Max hinzu. 2011 stieß ich dazu. Basti, unser Drummer, und Lars folgten vor ca. zwei Jah­ ren. Wir haben zu allen Ehemaligen noch Kontakt. Habt ihr immer schnell Ersatz gefunden? Milla: 2011 spielten wir mit einer Rumpfbesetzung aus Ben, Max und mir. Es war durchaus schwierig, einen Drummer zu finden. 2012/2013 stießen wir glücklicherweise auf Fabian, der leider aus berufli­ chen Gründen wieder ausstieg. Darauf folgten un­ ser Drummer Dumbo und unser Gitarrist Luke aus einer befreundeten Band. Sie waren untereinander eingespielt, was sehr viel wert war. 2016 wollten sie sich einem eigenen Projekt widmen. Zum Glück fan­ den wir innerhalb von drei Wochen einen Ersatz für den Drummer. Die aktuelle Besetzung kann gerne so bleiben. Basti ist eine Maschine an den Drums. Und Lars ist sowohl ein top Lead- als auch als verlässli­


cher Rhythmusgitarrist. Lars und Ben haben sich inzwischen amp- und soundtechnisch abgestimmt, und es ist sehr schön, dass man vor einer Klangwand steht, wenn sie spielen. Abgesehen davon begleitet uns seit ein paar Jahren Tiberius (ein Stofftierdrache, Anm. d. Red.), unser Senior Sales Manager. Er ist vor allem dazu da, um in Ostwestfalen das Eis mit dem Publikum und den Veranstaltern zu brechen. Das funktioniert ganz gut. Ben: Er hat sich damit beworben, dass er 1600 Jahre Erfahrung im Marketing hat. Darauf konnten wir nicht verzichten. Tiberius: Außerdem bin ich niedlich. Von wem stammt euer Bandmotto? Milla: Max hat das geprägt. Es war einer dieser Tage, an dem wir intern kontrovers diskutierten. Das war nervenaufreibend, und so sprach Max ein Macht­ wort: „Alles, was ich will, ist: Aufsteh’n– Spiel’n– Schlaf’n.“ Max: Was jeder Musiker gerne macht ... Wie geht ihr mit Kritik um? Basti: Immer ran, kann man nur von lernen, wenn es Kritik ist, die wirklich Hand und Fuß hat. Ben: Ich hatte in Sachen Songwriting das Glück, dass in unserer ursprünglichen Besetzung Tim als Schlag­ zeuger mitspielte. Als guter Ostwestfale lebte er nach dem Motto: Nicht gemeckert, ist genug gelobt. Da

lernte ich sehr schnell, mit Kritik umzugehen, weil es quasi nichts anderes gab. Und tatsächlich verbesserte sich mein Songwriting dadurch stetig, und die Kritik nahm ab. Man darf sich halt einfach nicht entmuti­ gen lassen, sondern muss dazu eine gewisse Distanz aufbauen. Dann wird das schon. Fühlt ihr euch in der Bielefelder Musikszene wohl? Basti: Musiker sind auch nur Menschen. Manche mag man, manche nicht. Die Bielefelder Musikszene ist groß. Von richtig Guten bis richtig Schlechten ist alles dabei. Ben: Von richtig Netten bis richtig Arschigen auch. Ich fühle mich hier wohl, habe aber nicht so viele Musikszenen zum Vergleichen erlebt. Milla: Hier in Bielefeld ist mehr Deutsch-Punk vertre­ ten, was dazu führt, dass wir öfter mit solchen Bands „gematched“ werden und das Publikum sich bei den ersten Songs akklimatisieren muss. Ben: Gematched? So wie ’n Punk Rock Tinder? Tiberius: Herr Gitarrist, be­ herrschen sie sich! Milla: Naja, wir werden jedenfalls oft erstmal angestarrt, aber so­ bald sich die erste Verwirrung ob der englischen Texte gelegt hat, feiern die Leute mit uns. Und das freut uns schon sehr!

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Mein Kopf explodiert vor Ideen.

© medea

Interview am 29. März, Herford Seit wann legst du auf? Ich bin seit März letzten Jahres dabei, stecke quasi noch in den Kinderschuhen. Zuhause entdeckte ich meine Leidenschaft und Passion für das Auflegen. Der Rest hat sich entwickelt. Musik war schon im­ mer mein Hobby. Früher probierte ich verschiedene Instrumente und das Singen aus. Das war aber nicht so meins. Mit dem Auflegen öffnete sich für mich eine neue Tür. Nun war ich endlich in der Lage, mich musikalisch auszudrücken.

bea.tum Genre: EBM, Wave, Industrial, Techno Heimatort: Herford Web: instagram.com/bea.tum soundcloud.com/bea_tum facebook.com/beatummusic 120 __ fankyzine

Dein erster Auftritt fand im vergangenen November bei der Balikali im Lokschuppen Bielefeld statt? Ich wurde bei dieser riesigen Veranstaltung gleich ins kalte Wasser geworfen. Meine Freundin medea und ich sollten „all night long“ spielen. In diesem Fall legten wir von 0 bis 7.30 Uhr auf. Da stand ich vor einer echten Herausforderung. Die du erfolgreich gemeistert hast. Oder ging was schief? Bis jetzt ist eigentlich bei jedem Auftritt etwas schief gelaufen (lacht). Im Lokschuppen zog ich einen USB Stick ab, worüber an sich keine Musik lief. Als ich den entfernt hatte, herrschte plötzlich kompletter Stillstand.


musiktechnisch auf unsere Kosten kommen, und verbinden das mit einem Städtetrip. So waren wir bereits in Stuttgarts Nachtleben unterwegs oder fah­ ren mal für ein langes Wochenende nach Leipzig, London oder Berlin.

Wie bist du an den Auftritt in Bielefeld gekommen? Das lief über eine gute Freundin von mir. Dank ihr hörte mich der Veranstalter beim Auflegen. Er fand meinen Sound und meinen Musikstil ganz interes­ sant. Vorher lief im kleinen Club bei der Balikali House und Deep House Musik. Ursprünglich plante man mangels Resonanz, diesen Raum bei künftigen Veranstaltungen geschlossen zu halten. Da man nichts zu verlieren hatte, schlug ich vor, etwas Expe­ rimentelles mit EBM, Wave und Industrial umzuset­ zen. Die technoide Schiene sollte beibehalten wer­ den, aber was anderes bieten, da in der großen Halle bereits Techno läuft.

Ist was besonders hängengeblieben? Das war eine Party im Schumacher Club in Bochum, wo sehr experimenteller Sound gespielt wurde. Die Musik war sehr facettenreich, und in den Sets wurden verschiedene Genres zusammengefasst. Hast du Vorbilder in Sachen auflegen? Ich finde Inhalt der Nacht aus Berlin und I Hate Models inspirierend. Fühlst du dich in der regionalen Musikszene wohl? Könnte was besser sein? Das Angebot an Techno Veranstaltungen ist sehr groß und regional auch sehr facettenreich gewor­ den. Gerade bei elektronischer Musik kann man schon von einem Überangebot sprechen. Als ich noch viel auf der Tanzfläche unterwegs war, sah das anders aus. EBM ist re­ gional eher weniger vertreten. Da muss man gezielt gucken. Das Genre hat seinen Ursprung in der Gothic Szene. Bei den entsprechenden Veranstaltungen gehört EBM mit Industrial zum Programm. Deren Musik ist mir allerdings häufig zu düster und etwas zu langsam. Ich gehe gerne aus, weil ich tanzen möchte und dabei auf meine Kosten kommen will.

ich bin nun offiziell Resident bei der Balikali.

Bei der letzten Balikali durftest du erneut auftreten. Wo warst du noch in Aktion zu erleben? Ich legte in der Musikbox Minden und auf der Desorientiert im Fla Fla Herford auf.

Wirst du dieses Jahr auch mal Open Air auflegen? Das ist mein nächstes größeres Ziel. Konkrete Pläne gibt es noch nicht. Dafür stehen diverse andere Pro­ jekte an. Mit den Organisatoren der Desorientiert ist beispielsweise eine Extra-Veranstaltung mit EBM, Wave und Industrial Sound geplant, wo ich mit ins Boot geholt werde. Dabei kann ich meinem Stil treu bleiben und muss mich keinem Sound anpassen. Das Techno BBQ plant ab Mai eine neue Veranstal­ tung, wo ich involviert sein werde. Und ich bin nun offiziell Resident bei der Balikali. Nach vier Auftritten eine respektable Leistung. Das ging alles so schnell. Am 15. Juni findet die Veranstaltung wieder statt. Welches Musikevent lässt du dir nicht entgehen? Ich bin sehr reiselustig und fahre mit einer kleine Truppe alle zwei Monate weiter weg zu Events. Wir suchen uns irgendeine coole Veranstaltung, wo wir

Bist du mit dem Publikum hier zufrieden? Ja. Keine steifen Ostwestfalen? Es geht. In der Techno Szene empfinde ich das noch ein bisschen lockerer. Dem ostwestfälischen Feier­ volk fällt es allerdings schwer, hemmungslos zu sein. Wenn du ein eigenes Event auf die Beine stellen dürfest: Wie würde es aussehen? Es hätte tatsächlich gar nichts mit EBM, Techno, Industrial oder Wave zu tun. Das wäre eine Veran­ staltungsreihe im Raum Bielefeld mit Italo-Disco, Synthie-Pop, 80er und 90er Musik, allerdings neu aufgelegt. Zuhause experimentiere ich viel mit diesen Musikrichtungen. Ich hätte sehr großen Spaß daran, das mal vor Publikum aufzulegen. Da herrscht noch einmal ein ganz anderer Vibe. fankyzine __ 121


Gibt es bereits konkrete Pläne? medea und ich haben ein Projekt im Auge, wo wir in dieses Genre der Musik eintauchen wollen. Die Idee war, dass wir beide ein Set aufnehmen, dessen Mu­ sik nicht unserem aktuellen Stil bei Auftritten ent­ spricht. Dabei würde das Experimentelle im Fokus stehen. Habt ihr einen eigenen Namen für eure Kollabo? So weit sind wir noch nicht. Ich will nicht zu viel verraten, aber wir spielen mit dem Gedanken, eine kleine Veranstaltungsreihe auf die Beine zu stellen. Schon ein bisschen trashig, dass sich die Leute ein wenig bunter, verrückter anziehen, 70er, 80er, 90er – wie jeder möchte. Es wäre das komplette Gegen­ teil zu einer üblichen Techno Veranstaltung, wo alle schwarz und düster angezogen sind. Generell gibt es so viel mehr neben der Chartsmusik, die man von den typischen 80er, 90er Jahre Partys kennt und die schon bis zum Ende ausgeleiert ist. Wir ziehen Musik abseits vom Mainstream vor, die sich schön anhört und Spaß macht. Wessen Feedback ist dir wichtig? medeas Meinung ist mir besonders wichtig, weil sie einen sehr anspruchsvollen Musikgeschmack hat. Es hat mir am meisten Bauchschmerzen bereitet, ihr mein erstes Set vorzuspielen. Ich war total aufgeregt und habe es lange vor mir her geschoben. Sie kann mein Set konstruktiv kritisieren und wirklich ausei­ nander nehmen.

Aber ihre Rückmeldung war doch bestimmt positiv? Ja. Sie wusste gar nicht, was sie erwartet, und war von meinem Set positiv überrascht. Ihr waren im Vorfeld nur die Musikgenres, die ich zum Ausdruck bringen wollte, bekannt. Bei der Rückmeldung eines Live-Publikums bekommt man natürlich die meiste Resonanz. Und die Meinung der Veranstalter ist mir auch wichtig. Wie gehst du mit Kritik um? Gerade jetzt, wo ich mein erstes Set hochgeladen habe, hätte ich mir mehr konstruktive Kritik ge­ wünscht. Das Feedback war durchweg positiv, was aber nicht sein kann. Es gibt immer irgendetwas, das man verbessern kann. Daher ist mir medeas Meinung, wie bereits erwähnt, so wichtig. Als ich ihr mein Set vorspielte, gab ich ihr einen Zettel mit Stift inklusive Stoppuhr in die Hand und sagte, dass sie notieren soll, wenn an bestimmten Stellen etwas nicht passt – wenn der Sound überladen ist, es zu viele Nebengeräusche gibt oder was auch immer. Blieb der Zettel leer? Fast. Sie gab mir noch ein paar Tipps. Man muss ja generell die verschiedenen Tracks der Geschwin­ digkeit anpassen. Bei den Tracks, die ich spiele, ist es oft so, dass die Geschwindigkeiten sehr stark variieren. Manche Sachen laufen auf 130 oder 140 BPM, andere wiederum nur auf 110 oder 115 BPM. Wenn man langsame Lieder zu schnell spielt, hört sich das oft zu verspult an, der Micky-Maus-Effekt tritt ein. medea zeigte mir ein paar Tricks, wie ich das von der Geschwindigkeit regeln kann. Sie sollte mir auch ge­ nau aufschreiben, wenn der Stimmungsvibe von der Mu­ sik sich zu doll oder abrupt ändert. Aber wie gesagt, der Zettel blieb fast leer.

© medea 122 __ fankyzine

Welche Musik hörst du gerne, wofür du dich eher schämst? Den ein oder anderen Track von Modern Talking und Blümchen höre ich dann doch eher heimlich. Bei deren Lie­ dern kriege ich sofort gute Laune und muss total bescheu­ ert mitsingen.


Wie gehst du ein Set an? Ich nutze die Musik als Ventil. Was mich im Leben beschäf­ tigt, kommt dank ihr zum Aus­ druck. Das Set „Manie“ ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, mit dem ich das letzte halbe Jahr mit allen Höhen und Tie­ fen zum Ausdruck brachte. Beim Hören wird das Auf und Ab sehr deutlich. Generell fan­ ge ich stets mit dem Intro an. Darauf baue ich alles andere auf, was dann auch mal zwei Monate lang dauern kann. © medea Ich bin laufend auf der Suche nach Musik, die sich anders anhört. Mit meinen Sets will ich mich schließlich von anderen abheben. Persönlich arbeite ich viel mit deutschsprachiger EBM-Musik. Bist du denn mit der Plattform Soundcloud zufrieden? Ich halte Soundcloud für die perfekte Plattform für Artisten und Labels, um Musik zu verbreiten. Bis vor ein paar Jahren war es noch eher eine Underground-Seite. Meines Erachtens hat sich das in den letzten Jahren gewandelt. Dort trifft man auf Geeks, die sich wirklich intensiv mit Musik befassen und auseinandersetzen. Bei Endverbrauchern sind leider eher kommerziellere Plattformen führend. Ich schätze den hohen Anteil an Untergrund-Musik und unbekannten Künstlern auf Soundcloud. Das ist für mich ideal. Ich arbeite lieber mit Musik, die kein Schwein kennt, als mit kommerziellen Elektro-Charts, die dann häufig bei Veranstaltungen rauf und runter laufen.

Nach zwei Jahren bin ich ausgebildeter Audioprodu­ zent. Getreu dem Motto: „Wähle einen Beruf aus, den du liebst, und du wirst nie das Gefühl haben, arbeiten zu müssen.“ Das hat sich alles entwickelt, als ich mein erstes Set zusammenstellte. Mein Kopf explodiert vor Ideen und Klängen. Auditiv ist meine Vorstellungs­ kraft grenzenlos. Ich informierte mich bei verschie­ denen Schulen und forderte Infomaterial an. So fiel meine Entscheidung auf die Deut­ sche POP. Sie hat einen guten Ruf und bietet mir die Mög­ lichkeit, die Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren. Voll­ zeit kommt für mich nicht in Frage. Meinen aktuellen Job übte ich zehn Jahre lang aus und bildete mich entsprechend fort. Er erfüllt mich enorm, ich übe ihn mit Herz und Seele aus. Allerdings vermisse ich es zum jetzigen Zeitpunkt, etwas nur für mich zu machen. Ich war mit medea beim Schnup­ pertag an der Deutschen POP. Wir nahmen an einem kostenlosen Seminar im Beatdesign teil. Dieses Ge­ fühl, dort mit Gleichgesinnten zu sitzen und seinem Hobby in Richtung Professionalität mehr Aufmerk­ samkeit zu widmen, war unbeschreiblich. Ich fühlte, dass dieser Schritt für mich nicht falsch sein kann. Es ist ein großes Risiko, das ich jetzt eingehe, aber dank des Infotags gehe ich diesen Weg viel lieber. Meine Hauptintention liegt nicht darauf, mit der Musik eines Tages Geld zu verdienen. Ich mache das erst­ mal nur für mich. Notfalls kann ich in meinen alten Job zurückkehren. Die Musik wird dennoch ein Teil meines Lebens bleiben. Ich finde, wenn man etwas wirklich machen will, muss man es zu 100 Prozent angehen.

Ab April gehe ich an die Deutsche POP in Hannover.

Könntest du dir vorstellen, als Musiker Vollzeit zu arbeiten? Ab April gehe ich an die Deutsche POP in Hannover. Das ist eine Privatschule für kreative Berufe. Vom Synchronsprecher, Studio-, Audioproduzenten und Songwriter kann man eigentlich alles, was das Herz begehrt, vor Ort erlernen. Dort mache ich mein Di­ plom in Tonassistenz, darauf folgen Abschlüsse in Tontechnik und Musikdesign. Zur Erklärung: Da es keine richtige anerkannte Ausbildung ist, macht man an der Akademie mehrere Diplome hintereinander.

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126 Kush __ fankyzine Fab © Dirk Künne Photography


So viel Output wie noch nie Fab Kush Genre: HipHop, Künstlervermittlung, Jugendarbeit, Veranstaltungsmanagement Heimatstadt: Gütersloh Plattenfirma: Art 4 Real Web: art4real.de

Interview am 31. März 2019, Enger, mit MadCap und DJ Rapit Fab Kush, wie kriegst du Familie, Freunde, Vollzeitjob und deine Musikprojekte unter einen Hut? Fab Kush: Viele fragen mich, wie ich das alles schaf­ fe. Ich habe eine Menge Energie und bin ein rastloser Typ, der immer eine Beschäftigung braucht. Sonst werde ich nervös. Als gelernter Koch bin ich viele Arbeitsstunden wohl irgendwie gewohnt. Ich arbei­ te täglich an Texten und neuer Musik. In meinem Vollzeitjob kann ich mir dafür zum Glück Freiräume schaffen. Meine Veranstaltungen sind von einer gu­ ten Organisation abhängig. Dabei greife ich auf ein schönes Netzwerk an Leuten zu, mit denen ich zusammen­ arbeite. Was meine Familie betrifft, habe ich gute Arbeits­ zeiten und komme nach Feier­ abend gegen 14, 15 Uhr direkt nach Hause. Allerdings fange ich morgens bereits um 6 Uhr an. Dementsprechend schlafe ich wenig. Vier bis fünf Stunden Schlaf müssen reichen. Ich habe eine tolle Frau, die sehr viel Verständnis mitbringt. Gemeinsa­ me Zeit bleibt leider ab und zu auf der Strecke. Mein kulturelles Engagement gibt mir dafür sehr viel zu­ rück. Körperlich gesehen, könnte ich mehr machen. Regelmäßiger Sport würde mir dabei helfen, noch mehr Power aufzubringen.

Bald erscheint deine Nachfolge-EP zum Album „Mein Ding“. Kannst du zu „Family Guy“ schon was verraten? Fab Kush: Die EP ist mit sechs Tracks soweit fertig, und die Promo ist in Planung. Meine vorherigen Pro­ jekte liefen mit DJ Knick Neck bei PDM Caravan über Potsdam. Aus Zeitgründen arbeite ich nun mit Mad­ Cap und seinem Label Art4Real zusammen. Wir ken­ nen uns schon ewig. In Sachen Mastering und Sounds ist er für mich hier das Beste, was ich kriegen kann. Die gemeinsame Arbeit läuft super harmonisch. Bei den Themen Vertrieb und Vermarktung genießt er mein hundertprozentiges Vertrauen. Zudem sind wir privat gut befreundet, was ich wichtig finde. Es herrscht Transparenz, und ich kann mich auf ihn verlassen. Beim Artwork arbeite ich diesmal mit Pixel zusammen. Ist der Albentitel eine Anspielung auf die Trick­ serie? Fab Kush: „Family Guy“ hat im Endeffekt überhaupt nichts mit der gleichnamigen Serie zu tun, wobei wir mit der Covergestaltung eine Brücke in die Rich­ tung geschlagen haben. Man hört der EP einfach an, dass mir das Thema Fami­ lie nun sehr wichtig ist. Aus meiner Bielefelder Zeit bin ich vielen Leuten noch ganz anders in Erinnerung.

Freestyle in 20 Minuten recorded!

Welche Features sind auf der EP? Fab Kush: Die Cuts stammen von DJ Rapit aus Bre­ men und Dj Mirko Machine aus Hamburg. Das Intro ist eine Hommage an Armand van Helden, ein Beat, der mich zu meinen Anfangszeiten stark beeinflusst hat, mit Mad Caps Drumset unterlegt einfach BOMBE! Das Outro ist ein Beat von MadCap und mit Dj Rapid, Freestyle in 20 Minuten recorded! DJ Mirko Machine ist auf der EP mit zwei Songs vertreten. Sonst habe fankyzine __ 127


ich noch Jawbone und Prog dabei. Zwei ältere Stücke von DJ Knick Neck als Produzent sind darauf. Zudem habe ich Sub Sonic aka Jan Fiete Volkmer von der Band Haptix als Bassisten in meine Songs eingeglie­ dert. Ein Beat stammt von Tony Crisp aus München. Ich habe außerdem meine Söhne Leonard und Julius – 10&4 – für das Intro gewinnen können! Sie feiern meine Musik und schnipseln sie beim Hören ausein­ ander. Es ist total süß, wenn sie genau wissen möch­ ten, was ich mit meinen Texten ausdrücken will. Als ich eben kurz reinhören durfte, war ich überrascht, dass die Platte viel ernster klingt, als ich es bei dem Cover und dem Titel erwartet hätte. Fab Kush: Ich glaube aber, dass durchweg eine posi­ 128 __ fankyzine

tive Nachricht von der EP ausgeht und sich Leute, die Familie haben oder mich kennen, damit identifizie­ ren können. Ähnlich wie bei „Mein Ding“ muss man nicht unbedingt aus dem HipHop Genre kommen, um diese Songs zu feiern. Es ist nicht dieser typische Boom Bap oder Underground Rap mit expliziten Lyrics. Wird die EP rein digital released? Fab Kush: Ich werde auf jeden Fall eine kleine Auf­ lage CDs zum fairen Preis selbst produzieren. Um ei­ nen digitalen Release kommt man heutzutage nicht herum, aber ich finde es wichtig, dass die Leute auch was in der Hand halten können. Vielleicht werde ich erstmalig mit Pixel von WTM eine kleine Auflage an


T-Shirts machen. Das heißt jetzt nicht, dass ich wie diese ganzen Rapper mit Deluxe Boxen und ähnli­ chem anfangen möchte. MadCap, wie war die Zusammenarbeit mit Fab Kush aus deiner Sicht? MadCap: Wie erwähnt, kennen wir uns schon seit Ewigkeiten. Vor circa 17 Jahren kamen bereits erste Features zustande. Im Endeffekt war das zwischen uns immer eine entspannte Geschichte. Die Songs brauchten nur wenige Takes, bis die Strophen saßen. Fab Kush: Ich glaube, wir sind musikalisch relativ nah, auch wenn wir unterschiedlichen Rap machen. Wir fingen in Bielefeld mit HipHop zu einer Zeit an, wo man noch gemeinsam mit einem Anti-Nazi-Song

auf einem Truck vor dem Postmeister auftrat, damit dieser geschlossen wird. Durch das HipHop Büro (Einrichtung zur Förderung von HipHop Jams, Konzerten, Partys sowie diversen Projekten der lokale Szene, Anm. d. Red.) damals, wo MadCap ja auch immer zu­ gegen war, lernte ich als kleiner Dude aus Verl die HipHop Kultur erst kennen. Und wie lief für dich die Zusammenarbeit? DJ Rapit: Ich bin ja im Prinzip Gründungsmitglied bei Art4Real und des HipHop Büros. Als das HipHop Büro auslief, zog ich mich eine Zeit lang zurück. Seit zwei, drei Jahren bin ich wieder da und seitdem wurde neues Feuer entfacht. MadCap: Wir hatten unseren ersten gemeinsamen fankyzine __ 129


Auftritt mit unserem ersten Song 1998 bei der Ab­ schlussfeier in der Gesamtschule Schildesche. Von 1998 bis 2002 hatten wir beide ganz viele Auftrit­ te, vor allem im Rahmen von OWL rockt. Das erste Album hieß Art4Real, und das war im Endeffekt der Namensgeber für das Label. Ursprünglich war Art­ 4Real auch eine Graffiticrew. DJ Rapit: Aktuell genieße ich es, bei Art4Real und Ma­ dCap zurück zu sein. Umso schöner ist es, wenn man auf so Leute wie Fab Kush trifft. Das war total ent­ spannt, ich kann mich da nur anschließen. Wir kön­ nen zielgerichtet zusammen arbeiten. Gemeinsam trafen wir gute und schnelle Entschei­ dungen. Fab Kush: Ich bin tatsächlich geflashed von DJ Rapit, weil ich noch nie mit einem DJ zu­ sammengearbeitet habe, wo ich im Endeffekt etwas wie eine Live Session erlebe. Er stellte sich hin, wir suchten uns die Cuts raus, und das wurde dann umgesetzt, bis es saß. Es machte Spaß, weil der Flow nicht abbrach. Dem Ergebnis hört man die schnelle Arbeitsweise nicht an. Ich habe schon Sachen im Studio erlebt, wo ich am Ende frustriert nach Hause ging und nichts mitnahm.

JMS, Jawbone, Clishé MC, ... In meiner Commu­ nity ist es Standard, dass wir uns gegenseitig zu Veranstaltungen einladen. Im Anschluss fragte mich der Veranstalter, ob ich nicht Lust hätte, bei einem Open Air Event im Parkbad ein bisschen mehr zu machen. So entstand „Fab Kush and Friends“, eine Umsonst & Draußen und Familienveranstaltung. Ich wollte schon immer ein Event unter dem Motto „HipHop meets Reggae“ umsetzen. Zudem möchte ich unbedingt mal mit einer Liveband spielen und die gibt es eher im Reggae-Genre. Mein Freund Luke Nukem sagte glücklicherweise sofort zu. Er reist mit seiner kompletten Band, der Chameli­ on Crew, an. Mit ihnen wird es eine gemeinsame Jam Session mit allen anwesenden Rap­ künstlern geben. MadCap: Und wir beide ma­ chen noch eine Choreografie im Synchronschwim­ men (lacht). Fab Kush: Der komplette Pool ist 30 cm hoch. Die Leute tanzen im Wasser. Da ist nichts mit Schwim­ men. Den Künstlern und mir geht es darum, dass man bei einer Open Air Veranstaltung gemeinsam etwas Schönes hinblättert. Trotz alledem soll die Kultur eine Rolle spielen, dementsprechend kommt noch der Bereich Graffiti mit circa zehn Künstlern hinzu. Ich möchte eine aktuelle Jugend- und Sze­ nekultur präsentieren und den Fokus setzen bezie­ hungsweise eine Gegenüberstellung inszenieren zu dem Bundes­thema 100 Jahre Bauhaus. Also eine gute Gelegenheit, Kultur an diesem Ort zu reflek­ tieren. Ich finanziere diese komplette Nummer aus Spenden. Es gibt kein Budget. Ich unterstütze bei dem Festival unter anderem auch die Westfalenban­ de, die Sport an Schulen bringt. Zudem veranstalte

Ursprünglich war Art4Real auch eine Graffiticrew.

Die Release Party könnte spektakulärer nicht sein. Sie findet am 13. Juli bei „Fab Kush and Friends“ im Parkbad statt. Was treibt dich an, in der Gütersloher Szene so ein Event auf die Beine zu stellen? Fab Kush: Wir wurden vom Parkbad eingeladen, eine Benefiz-Jam für den Hambacher Forst auf die Beine zu stellen, um Kohle zu sammeln. Ich frag­ te ein paar Künstler der Umgebung an, ob sie Bock haben, mitzumachen, unter anderem Ali Safari, 130 __ fankyzine


Mad Cap Š Marko Heinze fankyzine __ 131


ich einen Songcontest, die den Jugendzentren vor Ort die Möglichkeit gibt, ihre Arbeit ein wenig vor­ zustellen. Und wie ich hörte, ist Hatemo Teil der Jury. Fab Kush: Genau, ihn wollte ich zum Thema Street Credibility dabei haben. MadCap ist auch in der Jury. Ich finde es gut, wenn sich Kids für HipHop inter­ essieren. Leider ist es schwierig, den jungen Leuten zu vermitteln, keine expliziten Lyrics zu verwenden. Ein bisschen Kapitalismus ist inhaltlich okay. Ich bin kein Musiknazi, der die heutige Mucke kritisiert. Teilweise kann ich mich sogar mit ihr identifizieren. Bei bestimmten Themen wird es für mich in der Ju­ gendarbeit schwierig. Ich muss ihnen ehrlich sagen, was ich von ihrer Musik halte. Manchen Gymnasi­ asten nehme ich gewisse Texte nicht ab, wenn sie offensichtlich ihren großen Vorbildern nacheifern. Es fehlt die Authentizität. Dabei könnten sie was wirklich Cooles machen. Unsere Generation hat sich noch intensiv mit den Ursprüngen von HipHop beschäftigt. Das ist heute nicht mehr unbedingt so. Ich glaube, es ist wichtig, diesen Leuten zu zeigen, warum wir das machen und ihnen die Säulen von HipHop näherzubringen und nicht nur den Einheits­ brei aus den Charts. Von den aktuellen Contest-Teil­ nehmern bin ich überrascht. Die Sachen, die ich von ihnen bislang gehört habe, sind wirklich moderne, gut produzierte Stücke, die zu 70 Prozent was mit Liebe zu tun haben. Welcher DJ darf im Parkbad auf den 3-MeterTurm? Fab Kush: Mirko Machine. Er reist bereits am Frei­ 132 __ fankyzine

tag an und gibt einen DJ-Workshop im Jugendzen­ trum Rietberg. Kids im Alter von 8 bis 14 Jahren können sich dazu anmelden. Mirko Machine lebt ja von der Mucke und gibt in Hamburg permanent Workshops. Meganice. Ist es nicht etwas selbstverliebt, eine neue Partyreihe nach sich selbst zu benennen? Fab Kush: Ich weiß gar nicht mehr, wie wir dar­ auf kamen, und finde das, ehrlich gesagt, gar nicht so schlimm. Der Name „Fab Kush and Friends“ hat einen Wiedererkennungswert. Klar kann das selbst­ verliebt rüberkommen, aber wer mich kennt, weiß eigentlich, dass das auf mich nicht zutrifft. Ich orga­ nisiere alles selbst und stehe zu 100 Prozent dahin­ ter. Ich trage die Verantwortung und die finanzielle Belastung. Das allein rechtfertigt es schon, dass „Fab Kush“ im Namen steht. DJ Rapit: Ich glaube, es wäre egoistischer, wenn der Titel „Fab Kush presents ...“ lauten würde. MadCap: Im Endeffekt hat, glaube ich, jeder ein bisschen Ego, vor allem wenn es um Rap geht. Da kann man das auch mal machen. Der Name ist nicht auf eklige Weise selbstverliebt oder selbstdarstelle­ risch. Im Endeffekt kommt es darauf an, was man damit transportiert. Hast du in Sachen Jugendarbeit ein Vorbild? Fab Kush: Wenn ich sagen müsste, welchen Men­ schen ich aktuell im Musikgeschäft am meisten mag, würde ich definitiv Spax nennen. Ich finde es so cool, wie engagiert er ist und wie viele Sachen er umsetzt. Man kann das jetzt mögen oder nicht, wenn er sich dabei politisch positioniert. Aber allein, was


v. l. DJ Rapit, Fab Kush und MadCap

er an Schulen bewegt und wie er mit Kindern arbei­ tet, macht ihn zu einem echten Vorbild für mich. Ich glaube, da will ich irgendwann mal hin. Was sind denn eure Lieblingsplatten aller Zeiten? MadCap: Aus dem Deutschrap ist Torch – Blauer Samt ganz weit oben. Vermutlich hat er nie wieder eine Platte gemacht, weil er das nicht toppen kann. Bei den 25 Tracks skippe ich manche Songs, aber da sind so starke Dinger drauf, auch gesellschaftskri­ tische. Es wundert mich nicht, dass Kids von heute das nicht kennen. Die Textansprüche sind so hoch, dass eine gewisse Reife nötig ist, sich darauf einzulassen und es nachzuvollziehen. Und bei dir? Fab Kush: Stieber Twins – Fenster zum Hof lag früher bei mir ganz vorne, was deutsche Sachen angeht. Und Blauer Samt tatsächlich auch. Die Platte hat mich sehr ge­ prägt. Ich konnte sie komplett auswendig. Was Ami­ rap angeht, bin ich bei Wu-Tang und 36 Chambers, weil ich die Beats so ultimativ fand. Wobei ich auch ein absoluter Busta Rhymes Fan bin und durchweg fast alle Platten von ihm richtig nice fand. Seitdem ich selbst Texte schreibe, habe ich mich aus Deutschrap ein bisschen rausgehalten. Ich habe ein paar Sachen gehört, aber ganz selten was gekauft. Da bin ich echt bei Megaloh im Moment. Meine Kids können das Me­ galoh Album auswendig. Er ist schon lange aktiv und verkörpert für mich etwas richtig Cooles. Megaloh malocht noch und versucht, seine Family durchzu­

bringen, wie er es auch auf dem Album beschreibt. Da werden die Trucks in einer Doppelschicht entla­ den. Danach setzt man sich auf den Pott und schreibt Songs. Wenn das dabei rumkommt, ist er ein Tier. Das ist nicht normal. Flowtechnisch finde ich Chefket ak­ tuell sehr stark. Ich feiere ihn extrem. DJ Rapit: Als DJ muss ich länger über die Frage nach­ denken. Ich würde A Piece of Strange von Cunnin­ Lynguists als beste Scheibe bezeichnen. Es ist nicht die beste Rapscheibe, vielleicht auch nicht diejenige mit den besten Beats, aber es ist das schönste Album, die ich einlege und so durchhöre. Eigentlich müsste ich die Frage lange differenziert beantworten, und das muss hier jetzt nicht sein.

Meine Kids können das Megaloh Album auswendig.

Fab Kush, du hast auch was Neues mit Mr. Jawbone in Planung? Fab Kush: Die Haze der Bastla EP „Tracks Imperial“, gemas­ tered von Art4Real, kommt. DJ Mirko Machine, DJ Rapit und Hatemo sind als Fea­ turegäste vertreten. Die EP hat soundtechnisch nichts mit Family Guy zu tun. Wir achteten bewusst darauf, andere Styles draufzuballern, nicht dass wir uns am Ende nachsagen lassen müssen, immer den gleichen Flow zu haben. Mit Jawbone habe ich jemanden gefunden, mit dem es super Spaß macht, Texte zu schreiben. Wir haben wirklich sauviele Projekte am Laufen. Es kommen noch ein ganzes Album und ei­ nige Feature Tracks für Mixtapes. Wir verticken auch Dubplates für Soundsystems. Es geht voll ab und macht mega Bock mit meinem Homie Jawbone. Ich glaube, so viel Output wie jetzt hatte ich noch nie. fankyzine __ 133


© Björn M. – @bm_fotografie 134 __ fankyzine


Wie eine groSSe Familie Nick Stroth Genre: Melodic-Techno, Techno Heimatstadt: Bielefeld Label: Nulectric Web: nulectricrecords.com instagram.com/nick_stroth_official

Interview am 2. April 2019, Bielefeld

Das Label gehörte früher einem guten Freund von mir. Als ich vor drei Jahren nach Bielefeld zog, mach­ te ich sehr viel Musik mit ihm. Eines Tages fragte er mich, ob ich Bock habe, beim Label einzusteigen. Da musste ich nicht lange überlegen. Ich las, dass zwei Leute bei Nulectric ausgestiegen sind? Tim Rehme, der Gründer des Labels, und sein bester Freund Will hörten Anfang des Jahres auf. Nils Ben­ tlage, Greyscale und ich übernahmen die Labelarbeit. Tim und Will stehen uns aber noch zur Seite.

Welche Musik hörst du, die dir irgendwie peinlich ist? Oldies und Musik der 70er und 80er. Privat höre ich generell sehr viel House Musik. Techno höre ich ei­ gentlich nur, wenn ich weiß, dass ein Gig ansteht. Dann mache ich mich gezielt auf die Suche nach neu­ en Tracks.

Kann sich denn jeder, der bei Nulectric veröffentlichen möchte, bei euch melden? Ja, man kann jeden von uns einfach ansprechen. Zu­ geschickte Tracks hören wir uns bestimmt zehnmal an und überlegen sehr lange, ob sie in unser Pro­ gramm passen.

Wie hat alles bei dir angefangen? Mein bester Freund legte oft auf. Mit ihm fing ich vor gut zehn Jahren an. Mein erster öffentlicher Gig fand im Zeitlos in Hameln statt. Das war ein cooler Auftritt. Später war ich in dem Club für mehrere Jahre Resi­ dent.

Nulectric feiert dieses Jahr Zehnjähriges. Habt ihr dazu was Besonderes geplant? Es wird auf jeden Fall eine sehr große Party hier in Bielefeld geben. Leider kann ich nicht so viel dazu verraten, weil wir uns noch mitten in der Planung befinden.

Von der Musikszene in Hameln habe ich keinen Plan. Dort ist die Technoszene auch ausgestorben.

Vergangenes Jahr erschien eine Nulectric Platte. Ist in die Richtung mehr geplant? Wir sind gerade dabei, die nächsten Releases fertig­ zustellen. Ich stelle gerade noch einen Remix fertig. Die neue Platte soll zeitnah rauskommen.

Seit du nicht mehr dort bist? Eigentlich ja (lacht). Ein Jahr nach meinem Umzug nach Bielefeld schloss der einzige Technoschuppen in Hameln. Seitdem gibt es dort nur noch ganz wenige Technoveranstaltungen. Dann muss man sich schon eher Richtung Hannover bewegen. Mit dem Zug ist das zum Glück keine Entfernung. Dein erster DJ Name war Enniicks. Wieso trittst du jetzt unter deinem echten Namen auf? Vor anderthalb Jahren wurde ich beim Label Nulec­ tric aufgenommen. Das war für mich ein musikali­ scher Neuanfang. Somit wollte ich als Künstler auch einen neuen Namen haben. Wie bist du zum Label Nulectric gekommen?

Wird es 2019 wieder ein Open Air geben? Bestimmt, das steht auch auf unserem Zettel. Jetzt ist erstmal an Ostern unsere nächste Party im Forum mit Christina Grincenko (Raussens), Kellerbeats und Greyscale angesagt. Danach wird weitergeplant. Mit welchem Equipment arbeitest du? Mit CDJs, Platten, ganz selten mal mit einem Laptop. Wie gehst du ein Set an? Viele DJs planen ihr Set vorab. Ich gehöre zu der Sor­ te, die einfach drauf los spielt. Ich gucke mir die Men­ ge an und reagiere spontan. Weil ich nicht vorarbeite, habe ich immer alles dabei. fankyzine __ 135


Regt es dich auf, wenn Leute im Publikum komisch tanzen? Nein, überhaupt nicht. Die sollen tanzen, wie sie wol­ len (lacht). Was natürlich nervig sein kann, sind Mu­ sikwünsche.

sehr viele Videos. Wir trafen uns nach Jahren durch Zufall auf einer Party wieder. Als wir uns austausch­ ten, kam heraus, dass er Musiker für Filme sucht. So nahm das Ganze seinen Lauf. Für das Label wird er auch noch was filmen.

Warum hast du aktuell nur ein Set auf Soundcloud? Ich habe meist nur ein oder zwei Sets online. Warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Meine neu­ en Sets finde ich stets besser als meine alten Sachen. Und sagen wir es mal so: Ich setze gerne einen oben drauf. In Zukunft werde ich vielleicht verstärkt Sets online lassen. Auf unserem Label fange ich derzeit mit dem Produzieren an. Diese Tracks werden dann ja auch online verfügbar bleiben.

Ist die Beschränkung bei Filmen auf eine Minute bei Instagram nicht grausam für das TechnoGenre? Zum Spoilern reicht es auf jeden Fall. Für ein After Movie wäre es vielleicht ein bisschen kurz, kriegt man aber auch hin.

Du bist am Samstag beim Kellerbeats Live Stream. Trittst du gerne bei Live Streams auf? Ja, ich finde das ganz cool. Klar hat man gerne Pu­ blikum vor Ort. Wenn ich für Streams gebucht wer­ de, mache ich das gerne, weil es unter anderem gute Werbung ist. Wie war dein Auftritt bei der Desorientiert in Herford? Die Party war super. Eigentlich war der Plan, eine Stunde nach meinem Gig wieder nach Hause zu fah­ ren. Ich muss gestehen, dass ich dann bis morgens um 6 Uhr blieb. Du hattest schon Auftritte hier in Bielefeld, in Hameln, Hannover, Stemwede, Herford, ... Trittst du nie außerhalb der Region auf? Osnabrück? Okay, das ist auch nicht so weit entfernt (lacht). Natürlich wären für mich Auftritte außerhalb der Region interessant, es sind sogar welche in Pla­ nung. Ich stehe in Kontakt zu Leuten, aber man muss halt gucken, wann es für beide Seiten passt. Gibt es eine Location, wo du unbedingt mal auftreten möchtest? Da gibt es eigentlich nichts Bestimmtes ... wobei es ganz cool wäre, bei der Ruhr in Love mal zu spielen. Machst du nur über das Label Musik oder auch privat? Beides. Momentan bin ich privat auf der Techno Schiene. Ich überlege, eine Mischung aus Techno und Minimal Deep zu machen, und probiere derzeit aus, was man zusammen mixen kann. Demnächst erscheint neues Videomaterial von mir auf Insta­ gram. Mein Kumpel dreht momentan professionell 136 __ fankyzine

Hast du musikalische Vorbilder? Len Faki, Enzo Leep und Gary Back, weil sie einfach geilen Sound spielen. Als Person kommen sie bei Auf­ tritten richtig cool rüber. Wie viel gibst du im Monat für Musik aus? Das sind bestimmt zwischen 30 und 80 Euro. Wenn man dir 500.000 Euro für deine Musik zur Verfügung stellen würde: Was würdest du damit anfangen? Ich würde erstmal ein richtig professionelles Studio aufbauen. Dann wäre das Geld vermutlich weg. Ak­ tuell haben wir bei Nulectric kein gemeinsames Büro. Mit dem Geld würde ich auf jeden Fall für uns und privat in ein Studio investieren. Würdest du gerne hauptberuflich mit Musik zu tun haben? Nein. Es ist ein Hobby und soll ein Hobby bleiben. Kannst du dir vorstellen, noch im Alter von 50, 60 Jahren aufzulegen? Wenn mein Körper es zulässt, auf jeden Fall (lacht). Ist dir beim Auflegen mal was Krasses passiert? Als ich beim letzten Mal im Nr. z. P. auflegte, standen drei Männer in Boxershorts vor mir und tanzten. Das war schon wirklich crazy, war aber auch echt warm in der Bude. Gibt es etwas, dass dich an der regionalen Musikszene aufregt? Es stört mich, dass jeder Zweite versucht, mit Techno groß rauszukommen. Wenn man diese Leute fragt, ob sie mit Platten oder CD-Playern auflegen, verneinen sie direkt, da sie nur mit Laptop auflegen können. Was ich an der Szene dagegen echt gut finde, ist, dass es sich wie eine große Familie anfühlt. Es gibt nie ir­ gendwo Stress.


© Rouven S. – @alchemyproduction fankyzine __ 137


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Satanael

gießen. Es wurde Zeit, anzufangen. Das erklärt auch mein hohes Alter (lacht).

Genre: Neofolk, Darkfolk, Neoclassical Heimatstadt: Bielefeld Web: facebook.com/SatanaelLuciferi satanaelluciferi.bandcamp.com instagram/satanaelluciferi satanael.eu

Interview am 19. Januar 2019, Bielefeld Wann hast du mit Musik angefangen? Ich war bei der ersten Bandgründung 16 Jahre alt. Damals spielte ich hauptsächlich Bass, privat kam be­ reits die Gitarre zum Einsatz. Ich habe meinen ersten Song(s) geschrieben und mei­ ne ersten Stücke gemacht.

Woher kommt der Name Satanael? Ich schrieb mal ein Gedicht über Vergänglichkeit und Tod, das ich – aus welchen Gründen auch immer – mit Satanael unterzeichnete. Wann hat deine Passion für Okkultes begonnen? Ich würde nicht von Leidenschaft sprechen, eher von Bewusstsein und vielleicht noch von Faszination. Ent­ weder man fühlt es oder nicht. Meine Musikrichtung ist Dark Folk. Dunkelheit ist ein wichtiger Aspekt im Sinne der Abwesenheit von Licht sprich Wahrneh­ mung. Etwas, das nicht sichtbar ist, aber existent. Musik ist ein Mittel, diese Dinge wahrnehmbar zu machen. Der satanische Aspekt birgt natürlich auch den okkulten Aspekt. Meine Musik wurde auch als Neo­ klassik bezeichnet, was ich zunächst nicht ganz nachvoll­ ziehen konnte. Aber mittler­ weile füge ich beim Kompo­ nieren verschiedene Stimmen und Melodien hinzu und lasse so teilweise mit sechs verschiedenen Instrumenten gleichzeitig unterschiedliche Harmonien entstehen. Es ist ein wenig die andere Seite von Black Metal, akustischer, ruhiger mit viel Klargesang, aber auch auch aggres­ siv, extrem oder radikal. Daher wird meine Musik auch mal als Neudefinition eines Genres gesehen. Ich transportiere den „Spirit“ des Blackmetals mit ande­ ren Mitteln, nutze zum Beispiel Tremoloriffs, verwen­ de aber auch Strukturen die man im Neofolk findet. Somit bin ich keine Kopie von irgendetwas oder eine bloße Wiederholung.

Mit 19 fühlte ich mangels Lebenserfahrung, nicht in der Lage zu sein, Texte schreiben zu können, die irgendeinem Anspruch genügen.

Was habt ihr für Musik gemacht? Schwierig zu beschreiben. Ich wollte damals psychede­ lische Musik machen ... Aber die Band war nicht gewillt, diese Richtung zu verstehen oder umzusetzen Es endete schlimm, die Band löste sich auf, daher habe ich gegen­ über Bands bis heute Vorbe­ halte. Dementsprechend spiele ich alleine, meistens.

Wie ging es dann für dich weiter? Mit 19 fühlte ich mangels Lebenserfahrung, nicht in der Lage zu sein, Texte schreiben zu können, die ir­ gendeinem Anspruch genügen. Daher beschloss ich, ca. 20 Jahre zu warten ... In der Zwischenzeit lief die Musik eher privat weiter. 2007, ein Jahr vor der Ge­ burt meiner Tochter, trat der Gedanke, den ich mit 19 gefasst hatte, langsam aus dem Unterbewusstsein hervor. Das Pflänzchen war größer, man konnte es

Woran arbeitest du gerade? Momentan bereite ich mich hauptsächlich auf den fankyzine __ 139


Ein Konflikt mit dem Mainstream zeigt mir, dass ich richtig liegen muss.

nächsten Live-Auftritt im Extra vor und spiele viel im Probe­ raum ... Gestern schrieb ich einen neuen Song. Er basiert auf dem Gedicht „Alle Lust will Ewigkeit“ von Friedrich Nietz­ sche, ein treffender Text. Es ist nicht gerade einfach, Möglich­ keiten für Auftritte zu erhalten, weil meine Musik schnell als zu dark, zu satanisch und zu eigen abgestempelt wird. Lieber lassen sie SingerSongwriter Gefälligkeitsmusik spielen. Mein Musik­ genre beziehungsweise meine Musik erhält interna­ tional Anerkennung, und hier wird es noch nicht mal gespielt. Allein für meinen Namen werde ich schon diskreditiert. Ich mache keine Mainstream-GuteLaune-Musik, sondern schreibe Texte, die sich um die wirklichen Dinge im Leben drehen. Andererseits ist es auch völlig in Ordnung, dass ich anecke. Ein Kon­ flikt mit dem Mainstream zeigt mir, dass ich richtig liegen muss. 140 __ fankyzine

Hast du demnächst noch weitere Konzerttermine? Wie gesagt, spiele ich dem­ nächst im Extra zusammen mit Leding, und danach in Pader­ born auf dem SPH Bandcon­ test. Die sind ja teilweise ziemlich verpönt bei Musikern? Wahrscheinlich zurecht. Ich beuge mich nicht der Mei­ nung anderer. Generell passe ich mich weder dem Mainstream, noch dem Untergrund an. Ich gehe meine eigenen Wege, wobei mir der Untergrund sicherlich wichtiger ist als der Mainstream. Du bedienst Kanäle wie Facebook und Instagram, die auch eine Form der Selbstvermarktung sind. Social Media ist für mich eher unwirklich. Ob du jetzt 10.000 oder 100.000 Likes hast, 100 oder eine Milli­ onen Klicks, das kann völlig egal sein. Es gibt keine Beziehung zu dir und diesen Klicks. Ich bin mittler­


weile eher ein Feind dieser virtuellen Welt und fürch­ te, dass für die Mehrheit der Menschen eine schlechte Richtung eingeschlagen wird. Beispielsweise kannst du 15.000 Klicks auf einem Al­ bum bei YouTube haben, aber nur fünf CDs verkaufen. Von einer Anerkennung der mu­ sikalischen Leistung in Form von Klicks kann sich keiner was kaufen. Es gibt Alben mit 50 Klicks, die unglaub­ lich geil sind, und Alben mit 50.000 Klicks, die unglaublich schlecht sind. Qualität wird nicht zwangsläufig erfolg­ reich. Für hohe Klickzahlen musst du häufig mög­ lichst flach, primitiv und dumm sein, damit es jeder versteht. Das ist ein Spiegel der Welt, und ich bin ich ein Feind dieser Verarmung. Wie man weiß, soll Virtualität noch zunehmen. Durch künstliche Intelli­ genz kann oder wird dafür gesorgt werden, dass der Mensch immer weniger wird. Auf mittlere Sicht ist das ein weitere Beitrag zur allgemeinen „menschli­ chen Intelligenzreduktion“. Daher mache ich vermut­ lich auch akustische Musik mit relativ einfachen Mit­ teln, Elektrizität ist für mich nicht zwangsläufig nötig.

extrem viele Musiker. Nicht jeder, der Musik macht, erschafft etwas mit Substanz. Musik ist oft zur Weg­ werfware mutiert, was schon immer so war, aller­ dings deutlich zugenommen hat in meinen Augen. Die meisten Alben, die zurzeit auf den Markt kommen, kann man sich nicht mehr als einoder zweimal anhören. Ein paar Ausnahmen gibt es noch, was nicht heißt, dass diese Bands immer in irgendeiner Form dafür belohnt werden.

Wenn du in der Lage bist, Dinge aus dem Jenseits in unsere Realität zu transportieren, entsteht Kunst.

Dank Internet können Leute weltweit deine Musik hören. Das ist schon cool. Zwei meiner Songs liefen bei einem Radiosender, der weltweit bis zu 100.000 Zuhö­ rer hat. Klar ist das toll, aber was habe ich davon? Es ist na­ türlich gut, wenn jemand An­ teil an meiner Musik nimmt. Sicherlich muss man auch die positiven Seiten und Möglich­ keiten sehen: Die Musik wird gehört. Das ist immerhin das notwendigste.

Was hat dich dazu bewegt, deine Philosophie zu formulieren? Es geht bei Musik nicht darum, nett zu unterhalten oder um Oberflächlichkeiten, die dich ablenken. Es geht um das Gegenteil: die Tiefe, die dich auf die existenziellen Dinge bezieht. Um sich Kunst nennen zu dürfen, muss Musik mehr sein als Musik. Melodie, Rhythmus und Text reichen nicht aus, wenn nicht irgendetwas dabei ist, das „nicht aus dieser Welt“ stammt. Die Wiederholung der Realität in der Musik degeneriert. Unsere Welt wird dabei kleiner. Wenn du in der Lage bist, Dinge aus dem Jenseits in unsere Realität zu transportieren, entsteht Kunst. Mit „Jen­ seits“ meine ich alles, was nicht augenscheinlich in dieser Welt zu finden ist. Das ist der Grund, warum ich Musik mache. Musik ist mehr, als man auf dem ersten Blick denkt. Manche verstehen das vielleicht nicht, allerdings sollte man nicht über Dinge urteilen, die man nicht versteht, sondern besser die Klappe halten. „It comes from beyond and it goes beyond“ ist eigentlich der wichtigste und der erste Satz meiner „Philosophie“ gewesen: Er besagt, dass es notwendig ist, etwas in diese Welt zu bringen, dass noch nicht existiert hat in ihr. In je­ dem Fall geht es darum, den engen Kreis, den man als unsere Welt bezeichnet, zu erweitern, vielleicht auch zu durchbrechen. Außerdem sind „andere Sphären“ essentiell für unser Leben, ob wir das wissen oder nicht, es ist so. Ohne dunkle Materie oder dunkle Energie, die uns völlig „unlogisch“ und „unberechen­ bar“ erscheint, würden wir nicht existieren. „Too much pain causes too much death“, lautet ein anderer Teil meiner Philosophie. Ich habe den Ein­

Ohne dunkle Materie oder dunkle Energie, die uns völlig „unlogisch“ und „unberechenbar“ erscheint, würden wir nicht existieren.

Kann man deine Musik derzeit denn käuflich erwerben? Aktuell ist alles ausverkauft. Ich habe eine Split CD veröffentlicht bei Zazen Sounds, einem im okkulten Bereich nicht ganz unbekannten Label und verschie­ dene Eigenproduktionen. Eigentlich müssten sich heutzutage Künstler irgendwie zusammentun und dafür sorgen, dass sich die Umstände ändern. Eine andere Form von Künstlerschaft könnte bestimm­ te Sachen boykottieren, andere wiederum fördern. Aber das wird jetzt zu politisch. Heutzutage gibt es

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Es ist im Kleinen wie im Großen: Wir betrachten Menschen als Objekte, die sich beliebig ersetzen lassen, indem man sich was „Neues kauft“, das Alte wird weggeschmissen und im besten Falle recycelt. Dies wird suggeriert, demnach wird gehandelt, es ist aber fernab von jeglicher menschlichen Wirklichkeit.

druck, dass es zu viel Schmerz gibt. Früher fand dieser eher körperlich beispielsweise durch Folter statt, heute ist er psychischer Natur. Das wird sich irgendwann rächen. Die Natur wird auf den ausge­ lösten Schmerz reagieren. Schmerz ist das Zeichen des Todes. Wenn du Schmerz empfindest, bedeutet das, dass dein Leben bedroht ist oder stirbt. Apoka­ lypse ist in dem Zusammenhang ein heikles Thema, das sehr kontrovers diskutiert wird. Der Lauf der Dinge lässt sich ja nur schwer noch umkehren. Das ist das Traurige. Man fragt sich immer wieder, wie das enden soll. Ich glaube auch, dass sich die­ ser Prozess nicht mehr aufhalten lässt, und das ist ziemlich fatal. Es ist im Kleinen wie im Großen: Wir betrachten Menschen als Objekte, die sich beliebig ersetzen lassen, indem man sich was „Neues kauft“, das Alte wird weggeschmissen und im besten Falle recycelt. Dies wird suggeriert, demnach wird gehan­ delt, es ist aber fernab von jeglicher menschlichen Wirklichkeit. Das, was ich an menschlichem Verhalten erlebe, 142 __ fankyzine

spottet teilweise jeder Beschreibung. Insgesamt führt dies zu zunehmender menschli­ cher Isolation und den damit verbundenden Folgen. Oberflächlichkeit, Ignoranz, Depressionen, Frustra­ tionen und ein tief empfundener seelischer Schmerz werden das zeitigen, was es ist: Zerstörung. Das ist keine gute Entwicklung. Meine Antwort ist nihilistisch und satanistisch. Es geht darum, für sich und aus seinem Leben das Beste zu machen, und der erste Schritt ist, die Abwärtsbewegung zu verlassen. Man hat nur ein Leben und wenn man es sich von dieser temporären Gesellschaft zerstören lässt, ist es zu spät. Es geht nicht darum, das sinkende Schiff zu verlassen, das ist nicht mehr möglich. Man sollte sich vielmehr der untergehenden Kultur bewusst sein, und dieser nicht mehr so viel beimessen. Ich bin nicht direkt gesellschaftskritisch oder politisch in meiner Musik, dies ist eher ein Kollateralschaden, der durch die Musik entsteht. Kreation und Zerstörung gehö­ ren immer zusammen. Das ist nichts Besonderes eigentlich, für manche vielleicht befremdlich. Aber nur so kann etwas entstehen, dass dem Wert des Lebens gerecht wird.


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Arbeitstitel „The american years“ Heiko Kamann Genre: electro-acoustic music, Pop, Rock, Blues, Folk/Country Heimatstadt: Hannover WeB: heikokamann.de

Welches Konzert hast du zuletzt als Gast besucht? Wie war es? Das war Melissa Etheridge im Capitol, Hannover. Eine Powerfrau, die mit Musik und Worten perfekt umgehen kann. Kannst du der Musik, die aktuell in den Charts ist, beispielsweise Straßenrap, etwas abgewinnen? Ja, ich kann grundsätzlich jeder Musikrichtung et­ was abgewinnen. Es gefällt mir nicht alles; aber je­ der Stil hat seine Berechtigung und kann auch inspi­ rierend für das eigene Schaffen wirken. Woher nimmst du in diesen hektischen Zeiten die Ruhe, so entspannt klingende Musik zu machen? Wenn ich aus meinem Studiofenster blicke, schaue ich in einen sehr grünen Hinterhof mit vielen Bäu­ men und Sträuchern und direkt vor unserem Haus ist die Eilenriede (größter Stadtwald Europas) ... die Natur schafft die Ruhe. Ende 2018 erschien dein Soloalbum „And if“ und jetzt arbeitest du bereits am Nachfolge-Album. Woher nimmst du nur die Energie? Es ist so viel Musik in mir, die will einfach raus ... Da ich im eigenen Studio produziere, kann ich Ideen

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immer auch gleich umsetzen. Kannst du schon etwas zu deinem neuen Album verraten, zum Beispiel den Namen, Featuregäste, Anzahl der Tracks? Die ersten Songs sind komponiert und aufgenommen, und es domi­ niert das Thema Amerika, so dass ich als Arbeitstitel „The american years“ gewählt habe. Es wird wie­ der einige Gäste geben, aber mehr möchte ich noch nicht verraten. Wird es auch digital erhältlich sein? Oder setzt du allen Trends zum Trotz weiter auf die CD? Es wird wieder eine CD werden; für mich gehören Musik und auch das Artwork (das ich auch selbst erstelle) eines Albums zusammen. Was inspiriert dich? Das Leben und auch das Sterben. Trittst du auch noch mit deiner Band auf? Nein. Fühlst du dich in der Hannoveraner Musikszene wohl? Ein ganz klares Ja! Ich bin vor ca. zehn Jahren nach Hannover gekommen und konnte so viel tolle Musi­ kerkollegen kennen lernen. Es hat sich hier ein schö­ nes Netzwerk voller Musik gebildet. Wo kann man dich live erleben? Derzeit gar nicht ... aber man findet mich im Radio oder im Plattenladen.


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Bekannte Marotten Die DrHeY Genre: Country, Swing, Rockabilly Pop, Rock, Blues, Folk/Country Mitglieder der Band: Tobias Hey (Gitarre und Gesang), Daniel Hey (Schlagzeug), Thorwald Hey (Bass) Heimatstadt: Bückeburg Web: facebook.com/diedrhey

Interview am 29. Januar 2019, Bückeburg Die Gründung eurer Familien-Band wird auf Facebook mit Dezember 2016 angegeben. Fand das unterm Weihnachtsbaum statt? Daniel: Den Vorgänger zu Die DrHeY, also uns beide, gibt es seit Dezem­ ber 2016. Unser Vater kam etwas später dazu. Die allererste Band mit uns beiden gründeten wir bereits 1998. Tobias: Im Oktober, das weiß ich noch, da ich mir damals mein erstes Musikinstrument kaufte, ... naja, einen Bass. Daniel: Nicht der Rede Wert. Tobias war dann ganz lange weg in Berlin. Tobias: Na danke, mein Studium ist nicht der Rede Wert. Daniel: Isso. Hat’s was gebracht? Na gut, wir haben gemeinsam Theater gespielt. Tobias: Und in wie vielen Kinofilmen bist du? Ich bin schon in drei zu sehen. Hat nur keine Sau interessiert. Daniel: Nach seiner Rückkehr wollten wir damals wieder gemeinsam Musik machen und dachten uns, dass wir schon irgendwie einen Bassisten finden werden. Unser Vater spielt seit Mitte der 60er Jahre Bass, da war sein Eintritt in die Band naheliegend. Wir sagen jetzt nicht, dass wir sonst keinen gefunden haben oder? Ihr beherrscht mehrere Instrumente. Gab es den üblichen Streit, wer welches Instrument spielen darf? Tobias: Nein, ich kann ja nichts anderes. Na gut, Bass hätte ich auch noch gekonnt. Daniel: Bass kann jeder. Tobias: Von Oktober 1998 bis Ende 1999 spielte ich nur Bass. Als ich 2016 aus Berlin zurückkam, spielte ich bereits Gitarre. Mit einem anderen Bassisten sind Daniel und ich übrigens noch in der Band STÖP aktiv.

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Seid ihr trotz des Altersunterschieds denn schnell auf einen musikalischen Nenner gekommen? Tobias: Absolut. Eigentlich gab ich vor, was wir spie­ len, weil ich keine Lieder vom Blatt spielen kann. Daniel: Das kann ich auch nicht. Unser musikalischer Schwerpunkt fing, denke ich, mit dem Theater in Berlin an, das ein Country Stück war. Tobias: Wir spielen aber auch Swing und Nirvana. Daniel: Vater hat einfach Spaß daran, mit uns Musik zu machen.

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Soll der Doktortitel in eurem Bandnamen Seriosität vermitteln? Daniel: Wir heißen Die DrHeY wie „Die Drei“. Das hat mit einem Doktoren nichts zu tun, auch wenn unser Vater Arzt ist. Ich habe das persönlich tatsächlich nie anders gelesen. Tobias: Wir spielen nur englische Lieder, dadurch ist die englische Aussprache unseres Namens eigentlich naheliegend.


Seid ihr aktiv in der regionalen Rockabilly Szene? Tobias: Nein. Gibt es die überhaupt? Daniel: Ich weiß, dass Mehdi in Minden (Betreiber des Kulturzentrums Ameise Kulturhügel, Anm. d. Red.) was organisiert. Tobias: Wir stehen nach drei Auftritten auch noch am Anfang unserer „Karriere“. Daniel: Rockabilly ist zudem nicht ganz korrekt. Wir spielen eine Mischung aus Country, Swing und Rockabilly. Gibt es hier eigentlich eine Country-Szene? Daniel: Es gibt Porky & Mike. Und Nadine aus der Schraub-Bar hat das Simple Life Festival mit Sou­ thern Rock und Countrymusik gegründet. Ansons­ ten glaube ich, dass Country hier nicht so weit ver­ breitet ist. Woran arbeitet ihr derzeit? Tobias: Wir bereiten unseren Auftritt im BarRock vor, wo wir unser bislang längstes Set spielen werden. Ihr covert nur Songs oder? Daniel: In dieser Band trifft das zu, ja. In wie vielen Bands spielt ihr? Tobias: Ich spiele in zwei Bands. Daniel: Ich verließ vergangenes Jahr aus Gründen eine Band meines Vaters nach 26 Monaten. Nun bin ich noch in drei Bands aktiv und solo als SingerSongwriter unterwegs. Unser Vater spielt in zwei Bands und singt im Schütte-Chor. Hat es eher Vor- oder Nachteile, als Familie auf der Bühne zu stehen? Tobias: Beides trifft zu. Wir zahlen selten die Essens­ rechnung nach den Proben (lacht). Ein weiterer Vor­ teil ist, dass man sich und seine Marotten schon lange kennt, und sich dadurch weniger aufregt. Wenn ein Haufen Unbekannter zusammen kommt, gibt es im­ mer Ärger. Das weiß Daniel auch aus Erfahrung. Daniel: Ich bekam schon Post von Anwälten. Das wird uns bei Die DrHeY nicht passieren. Tobias: Ein Nachteil ist, dass man innerhalb der Fa­ milie manche Dinge nicht so direkt ausspricht, weil man den Anderen nicht verletzen möchte. Mehr Nachteile fallen mir gar nicht ein. Also überwiegen wohl die Vorteile. Wollt ihr denn dieses Jahr häufiger auftreten? Daniel: Ja, auf jeden Fall.

Tobias: Das ist das Ziel. Aber wenn du nur eine halbe Stunde Programm bieten kannst, musst du dich nir­ gends bewerben. Daniel, du arbeitest aktuell an deinem Soloalbum „Akustikmoment“? Daniel: Genau, seit Ende letzten Jahres kann man vorab zwei Songs des Albums streamen. Wo würdet ihr gerne mal auftreten? Tobias: Wir waren beim Foo Fighters Konzert auf der Pferderennbahn in Hamburg. Das wäre als Location cool und beängstigend zugleich. Wenn dann natür­ lich nur drei Leute im Publikum stehen, wäre es ein wenig albern. Daniel: Wieso? Das hätte Style. Ich würde natürlich gerne in Wacken spielen, aber nicht mit dieser Band. Tobias: Da würde unsere Band STÖP eher reinpas­ sen. Daniel: Wir würden einfach überall gerne spielen. 2011 trat ich mit meiner ehemaligen Band Silver­ creek auf einer Privatfeier unter Tage im Steinbruch Kleinenbremen auf, das war cool. Schön Hard Rock und über dir die Felsen ... Im Rahmen meiner Album Release Tour werde ich unter anderem in der Pinte Hameln spielen. Tobias: Mein coolster Auftritt war auf einer Hoch­ zeitsfeier in Weimar, Texas, wo ich als Solokünstler Johnny Cash Songs spielte. Die Gastgeberin meinte erstaunt, dass ich überhaupt keinen Akzent hätte, wenn ich singe. Bassist Thorwald kommt dazu. Thorwald: Mit meinem Outfit wollte ich zeigen, dass ich neben meiner Frau noch zwei weitere Leiden­ schaften habe: eine ehemalige, den Motorsport. Und die Zweite ist meine andere Band Route 66. Daniel: Wir waren gerade bei dem Thema, wo wir gerne mal auftreten würden. Kneipennächte wären generell attraktiv für uns. Tobias: Oder Wohnzimmerkonzerte. Thorwald: Die veranstaltete Gunter Gabriel ja auch. Daniel: Vorhin hatten wir das Thema Vor- und Nach­ teile einer Familienband. Thorwald: Ich bin eine männliche Glucke und habe meine Jungs gerne in der Nähe. Gemeinsam Musik zu machen, ist eine tolle Angelegenheit. Alles in allem also eine chaotisch-charmante Familienband. Wenn euer Interesse geweckt ist, dann besucht sie doch einmal bei Facebook und klinkt euch ein in die Welt der DrHeY. fankyzine __ 149


Profile for Andrea Williams

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Mit Delano (Titel), Ben Fuchs, Presslufthanna, some1, KE:NT, Iris, elluess, Don’t Call It Dad, Bronson XL, Hatemo, JMSONE, LEAD Inc., SoK, S...

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