BoehmPflege_ergaenzende_Informationen

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Ergänzende Informationen zur Böhm-Pflege In den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich die Landschaft in der Altenpflege stetig verändert. War es vor dieser Zeit durchaus möglich, großteils ungelerntes - bzw. angelerntes Personal mit einem "gesunden Hausverstand" in der Altenpflege einzusetzen, so ist das heute undenkbar. Sowohl die Krankheitsbilder der Heimbewohner als auch die Qualitätsansprüche (häufig seitens der Angehörigen) haben sich gewandelt. Nicht zuletzt der Gesetzgeber sorgt für immer strengere Vorgaben in allen Bereichen der Pflege. Qualitätsstandards und Qualitätstransparenz in Form einer lückenlosen Dokumentation über 24 Stunden durch das Pflegepersonal lassen zeitlich kaum Spielraum für menschliche Zuwendung. Umso mehr sind heutzutage die Experten der Pflege gefragt, Mittel und Wege zu finden, um unseren alten Menschen in den Heimen einen zufriedenen und liebevollen Lebensabend zu ermöglichen. Qualitätsmerkmale wie Validation (heißt: in den Schuhen des anderen gehen, sie ist eine Kommunikationsform und Therapie mittels der man mit dementen, geistig verwirrten und sehr alten Menschen in Verbindung treten und bleiben kann), Basale Stimulation (heißt: den Menschen dort abholen, wo er wahrnehmen kann und von dort aus zu fördern sie knüpft an die primärsten Wahrnehmungserfahrungen des Menschen an und setzt nichts voraus), Palliative Care (heißt: die Würde eines jeden Menschen und seine Einzigartigkeit werden im Leben und über den Tod hinaus geachtet, seine Autonomie wird respektiert und unterstützt, er erfährt die gleiche respektvolle Zuwendung - unabhängig von Glauben, Religion oder Herkunft bis zuletzt. Keiner muss allein oder mit Schmerzen in unserem Hause sterben). Oder der Umgang mit Aromatherapie gehören in vielen Alten- und Pflegeheimen inzwischen zum Pflegealltag und sind keine Besonderheiten mehr. Viel wichtiger ist, dass die Mitarbeiter, besonders in der Altenpflege, auch Fortbildungen im Erkennen und Akzeptieren der Lebensqualität jedes einzelnen Heimbewohners erhalten. Wird dies übersehen, ist bei so viel Spezialwissen die Gefahr der "Ich-weiß- besser- was- für- den- alten- Menschengut- ist - Pflege" sehr groß. Ähnlich ging es uns im Seniorenheim der Sozialdienste Wolfurt. Die Mitarbeiter leisteten täglich eine qualitativ hochwertige Pflege. Jeder Einzelne tat aus seiner Sicht das Beste für die ihm anvertrauten Heimbewohner, aber es gab kein "Messinstrument" um feststellen zu können, ob das auch immer das Beste war. Als Pflegedienstleiterin war ich verzweifelt auf der Suche nach einer "gemeinsamen Sprache" in unserer Pflege bei der die Heimbewohner mit all ihren gesundheitlichen Defiziten aber auch ihren Ressourcen, Wünschen und Ansprüchen an das Leben wirklich im Mittelpunkt standen. Es musste quasi ein alles überspannendes Dach gefunden werden, unter dem unsere alten Menschen die größtmögliche Lebensqualität in einem erfüllten Lebensabend und jeder meiner Mitarbeiter ein berufliches Zuhause finden konnten. Auf dieser Suche entdeckte ich das Psychobiografische Pflegemodell von Professor Erwin Böhm neu, las alle seine bisher erschienenen Bücher, diskutierte zunächst meine Gedanken zu diesem Thema mit meinen Stationsleitungen und später mit allen Pflegemitarbeitern/innen. Das Ergebnis war anfangs abwartend aber keinesfalls ablehnend. Nachdem unser Geschäftsführer, Herr Mag. Gruber, von der Wichtigkeit dieses Projektes überzeugt worden war und "grünes Licht" gab, konnten im Jahr 2003 meine Recherchen nach Ausbildungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter/innen beginnen. Im Jänner 2004 saßen bereits 50% unserer Pflegemitarbeiter auf der Schulbank und setzten sich mit dem "Böhmschen Pflegemodell" (was hat der Bewohner nicht mehr? Was fehlt ihm in seiner jetzigen Situation? Was ist anders als früher? Welche Umstände verursachen Probleme bzw. Symptome wie Angst, Unruhe, Aggression usw.? Was behindert die freie Entfaltung seines Lebens oder die Anpassung an institutionelle Begebenheiten? Wodurch kommt es bei ihm zu Unlust oder Frust?), dem dazugehörenden psychobiografischen Normalitätsprinzip, dem Wunsch nach Lebensqualität, Wärme, Zuwendung, Individualität oder auch Vigilanzsteigerung (Setzen von anregenden Impulsen aus der jeweiligen Biographie oder im Gegenzug Setzen von beruhigenden, sicherheitsgebenden Impulsen beruhend auf dem Daheim- und Normalitätsprinzip), Copings (Bewältigungsverhalten) usw. auseinander. Schon im ersten Jahr der Böhmausbildung gab es ganz viele "AHA-Effekte" bei meinen Mitarbeitern, so dass es eine Freude war, miteinander die alten Zöpfe im pflegerischen Verhalten und Denken abzuschneiden.


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