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Women In Computer musIC Lieblingselektronikerinnen und wo sie zu finden sind. Ein persönlicher Bericht

Sonia Güttler Wenn ich nach meinen Lieblingskünstlerinnen in der elektronischen Musik gefragt werde, so fällt mir eine Antwort inzwischen leicht. Ich kann mich an Erinnerungen, Erlebnissen, Entdeckungen bedienen, die so gut haften geblieben sind, dass ich eine Collage von Lieblingsmomenten zusammen stellen kann. Mal gefällt mir der Schnipsel einer Arbeit besonders gut, ein Track, ein DJ Mix, ein Remix. Manchmal kenne ich von einer Künstlerin auch nur diesen einen Schnipsel. Oder es ist die Bühnenpräsenz oder eine Artist Identity, die mich beeindrucken. Es gibt auch Frauen, deren Musik für mich nicht primär entscheidend ist, sondern die ich in ihrer Summe einfach klasse finde, wie The Black Madonna oder Pan Daijing. Ich kann mich in der elektronischen Musik inzwischen souverän in einer weiblichen Grundmenge bewegen, einer diffusen Wolke aus Sounds, Bildern und Namen, die ich mir ähnlich schlecht merken kann wie die ihrer männlichen Kollegen. Und ich zweifle nicht an der Gültigkeit oder Messbarkeit dieser weiblichen Grundmenge: ich weiß, dass es sie gibt. Alleine female:pressure, ein internationales Netzwerk von weiblichen, non-binary und trans Artists in der elektronischen Musik und digitalen Kunst, zählt derzeit 2.353 Mitglieder, und das ist nur eines von vielen Netzwerken und Kollektiven, in denen sich Nicht-Männer zusammentun. Discwomen, Omnii, Female Frequency, Oramics, Mint, Pink Noises, Shesaidso – sie alle widmen sich dem Bemühen, Protagonistinnen sichtbarer zu machen. female:pressure liefert Zahlen, seit 2013 gibt es Facts, eine jährliche Zählung von Frauenanteilen in Line-ups von Clubs und Festivals der elektronischen Musikszene. Keychange ist ein internationales Programm gegen die ungleiche Geschlechterverteilung in der Musikbranche, das Künstlerinnen featured und mit Festivals zusammenarbeitet, um sie zu dem Ziel eines gender-balanced Line-ups bis 2022 zu bewegen. Die Musikpresse widmet sich mit liebevoller Hingabe, die ich ihr glaube; kaum jemand hat wohl so viel Freude an Umbrüchen wie Journa-

listen. Wenn man über die Seiten von Groove, Spex, Resident Advisor, The Wire oder Fact Magazine scrollt, dann finden sich Protagonistinnen all over the place. Im Vorbeigehen erfahre ich, dass Jlin mit Holly Herndon ein ziemlich abgefahrenes Musikvideo gemacht hat, Laurie Anderson einen Grammy bekommen hat, dass Julia Kent und Kate Carr neue Alben veröffentlicht haben. Hier noch ein Mix von Helena Hauff, dort noch eine Meldung von Laura Halo. In der Peripherie, in der ich mich bewege, gibt es Frauen zu entdecken. Ob es anteilig genug sind, ist eine nächste Frage, und dass Frauen nicht die Antwort auf alle Geschlechterfragen sind, dürfte auch klar sein. Sogar die Best-Of Listen werden weiblich. „Half of this year’s picks are from female artists, who represent a growing strength in the industry“, bemerkt A Closer Listen. Und Antigravity Bunny „noticed a theme: a lot of them were made by women.“ Doch die meiste Musik entdecke ich nicht in den Medien, sondern auf meinen alltäglichen Trampelpfaden, wenn ich unterwegs bin, durch persönliche Begegnungen, durch Empfehlungen aus meinem Freundeskreis oder meinen liebsten Plattenläden. Grade letzte Woche hab ich mich in Afrodeutsche verliebt, weil meine Freundin Katja mich auf sie brachte. Break Before Make ist ihr Debütalbum (Skam Records, 2018), aber vor allem ihre Mixe haben es mir angetan. Eine meiner neueren Lieblingsplatten ist Diverted Units von Maria W. Horn (Holodisc, 2016). Sie ist sowas von auf den Punkt, die klangliche Energie präzise gebündelt und dort plaziert, wo sie hingehört. Ähnlich fasziniert war ich von den Alben Anticlines von Lucrecia Dalt (Rvng Intl., 2018) und Love Letters von Thembi Soddell (Room 40, 2018), einer intensiven Betrachtung psychologischer Phänomene, begleitet von Videos, die sich in einer unaufgeregten Bildsprache der Grenze zum Ekel nähern. Auf Perera Elsewhere wurde ich durch einen Remix aufmerksam, den sie von dem Danielle de Picciotto Stück „Desert Fruit“ gemacht hat (Monika Enterprise, 2017), da ist ihr Name bei mir hängen geblieben. Richtig gut fand ich ihren Fact Mix (2018). Live hat mir

Zoe Mc Pherson besonders gut gefallen, die ich beim Chouftouhonna Festival in Tunis getroffen hab’. Da war etwas Trockenes, Dreckiges in ihrem Sound, das einfach sexy ist, in Verbindung mit einer meditativen Art mit Stimme umzugehen, sie wie ein instrumentales Klangelement einzubeziehen. Sie selbst scheint wie eine körperliche Verlängerung ihrer Musik zu sein, in der Art, wie sie aussieht, wie sie sich bewegt. Als ich danach mehr über sie erfahren wollte, stieß ich auf ihr Projekt String Figures – eine umfassende Arbeit, ausgehend von einer Recherche über die Kultur der Arktis-Völker Inuit, über die entlang dieser Erkenntnisse und Eindrücke entwickelten Musik des Albums (SVS Records, 2018) bis hin zur bildlichen Übersetzung von Alessandra Leone in Video-Clips und Live-Visuals. Mit besonderem Interesse schaue ich auf die Arbeiten von Weggefährtinnen, seien es die meiner Labelkolleginnen, Künstlerinnen aus dem female:pressure Umfeld oder jener, die unweigerlich um einen kreisen, wenn man sich im selben Metier herumtreibt. Allen vorweg gilt das für Gudrun Gut, die mich auf Monika Enterprise und damit in den vermutlich wichtigsten Teil meines Musiklebens geholt hat. Es war ihr Album Wildlife (2012) und ganz besonders der Track „Garten“, der mir wie ein Lockruf erschien: das Gärtnern, das mir neben der Musik ein lebenswichtiges Therapeutikum geworden war, vertont von einer Labelmacherin, das konnte kein Zufall sein! Gudrun hat eine Begabung, beseelte Kreaturen zusammenzubringen, das Monika Roster ist eine eklektizistische Ansammlung von Künstlerpersönlichkeiten, aus dem Gudrun das Format Monika Werkstatt entwickelte. Sie sind mir besonders vertraut, ihre spezifischen Eigenheiten berühren mich immer wieder: Danielle de Picciotto, die Eindrücke ihrer Lebenswirklichkeit als Nomadin in allen künstlerischen Formen wiedergibt. Sie zeichnet, malt, illustriert, schreibt, spielt, schneidet, produziert alles selbst, wie ihr Album Tacoma (Moabit, 2015). Sie kreist aber nicht nur um sich selbst, sondern kuratiert, organisiert, dokumentiert. Islaja zwirbelt gerne an alter Hardware herum, umringt

von Kabelsalat definiert sie mit einfachen Entscheidungen die Situation, und setzt sich in einer schlecht überschaubaren Bühnensituation schonmal einfach auf den Tisch, so simpel wie genial. Powerwomen Pilocka Krach, die Bühnen wie ein Steuermann übernimmt und damit Mengen begeistert. Für mich ist sie eine Mischung aus Jack Sparrow und Charlie Chaplin. Die strahlende Barbara Morgenstern, die von einer ansteckenden Spielfreude getrieben ist. Mit ihrem Track „Dr. Mr.“ vom Album Fjorden (Monika Enterprise, 2000) hat sie mir einen persönlichen Alltime Favourite beschert. Natalie TBA Beridze, bei der mich das tight produzierte, von frickeligen Details umspielte Soundfundament begeistert, das ihre Songs trägt. Und AGF, gesamtkünstlerisch forward thinking, mit einem immensen Output, und vor allem liefert sie produktionstechnisch ab.

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