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N o1 2016

Lesen ist Veränderung

€ 2,99

1 FOR 1

Wie Big Business und bessere Welt zusammenfinden

KUSCHELN FÜR CASH

Nähe wird zur Dienstleistung

EXKLUSIV: BILLY GILMAN

Vom Country-Wunderkind zum mutigen Botschafter für Liebe ohne Grenzen

LOVE

JENNIFER STAPLE-CLARK und 11 weitere Menschen, die uns Liebe vorleben PLUS: WEGWEISER FÜR BODY, MIND & SOUL + AFFEN, ALL & AUTOWÄSCHE


EIN KISSEN FÜR DEINEN KOPF Setz dich einfach hin, Lass alles, Ruh dich aus, Denn nichts ist anstrengender In dieser Welt Als von Gott, Von der Liebe, Getrennt zu sein. Lass mich dir Schalen mit Speisen bringen Und etwas, Das du gerne trinkst. Meine sanften Worte Kannst du wie ein Kissen Unter deinen Kopf Legen. Hafiz (ca. 1320−1389) ist einer der beliebtesten Dichter Persiens. Von einem undogmatischen Freigeist und der zärtlichen Liebe zu Gott und der menschlichen Seele zeugen seine Sufi-Gedichte, die uns der Amerikaner Daniel Ladinsky in einer zeitgemäßen Sprache zugänglich macht. Ladinskys zweiter Gedichtband “Die leuchtenden Worte meines Geliebten“ ist bei Theseus erschienen.


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EDITORI AL & INH ALT

„Deine Aufgabe ist nicht die Suche nach Liebe, sondern nach den Mauern in dir, die du gegen die Liebe aufgetürmt hast.“ Diesen Rat notierte sich und uns der persische Mystiker und Dichter Rumi so irgendwann Mitte des 13. Jahrhunderts. Fast 800 Sommer später haben seine Worte nichts von ihrer Gültigkeit – ach was: Dringlichkeit – eingebüßt. Verfolgt man die Top Fünf der täglichen Nachrichten aus aller Welt, scheint es höchste Zeit für ein Revival von Rumis einfacher Botschaft, aufgeschrieben in einem Afghanistan vor unserer Zeit. Stattdessen ist es chic, Gräben auszuheben, Zäune zu ziehen, sich verbal wie gewaltsam größtmögliche Distanz zu erkämpfen, Schaden zuzufügen, blind vor Angst und Hass dem Abgrund entgegenzutaumeln.

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Genügend Gründe für Enough, eine ganze Ausgabe dem einzigen, dauerhaft wirksamen Mittel gegen Krieg, Terror und von Menschenhand verursachte Katastrophen zu widmen: der Liebe. In allen Facetten. Treffen Sie beispielsweise Country-Star Billy Gilman, der nach einem mutigen Coming-out sein Leben und die Musik neu entdeckt. Erfahren Sie, wie das Biosaft-Unternehmen Voelkel aus Nächstenliebe jungen Flüchtlingen eine berufliche Perspektive bietet. Lesen Sie in einem Auszug aus Christa Ritters bewegendem Buch „Styx“, wie sie und der „Harem“ um 68er-Ikone Rainer Langhans eine schwerkranke Freundin auf ihrer (letzten?) Indienreise begleiteten. Schließlich: Die Geschichte von Jonathan Clark, der 2003 zusehen musste, wie seine Frau mit der Raumfähre Columbia abstürzte. Verlust, die Kehrseite der Liebe.

I N H A LT BODY 22 BÜRSTE FÜR BÜRSTE, SCHUH FÜR ...* ... Schuh: So lautet das Erfolgsmodell von „One for One“-Firmen wie Toms. Wir stellen sechs vor

44 WA(H)RENKORB Wenn schon shoppen, dann richtig. Zehn Tipps kreuz und quer über den Einkaufszettel

MIND

Lesen ist Veränderung, meint Ihr Siems Luckwaldt

14 AM SCHREIBTISCH MIT … der Hessnatur-Designerin Tanja Hellmuth 40 REFUGEES WELCOME Für Stefan Voelkel endet Flüchtlingshilfe nicht bei Spenden und der freigeräumten Couch 56 SAUBERE ARBEIT* Für ihren Sohn gründete Familie D‘Eri in Florida die erste Autowaschanlage für Autisten 61 WEGWEISER: WER LIEBT MUSS ...  auch „Nein“ sagen lernen. Dringend, findet Change Coach und Enough-Kolumnist Attila Albert

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Oliver Nimz; Original Beans; Franziska Russo/Little Sun; Julie Smith Visuals

43 WEGWEISER: ISS MIT LIEBE Diesmal enttarnt Ernährungs-Profi Caroline Bienert, wie Süßes oft Zuneigung ersetzt

Ein echter Gewinn für uns alle sind dagegen Sie, unsere Leser und Fans! Darum möchte ich mich an dieser Stelle sehr herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie neugierig sind auf Enough und unser Herzensprojekt unterstützen. Bleiben Sie uns weiterhin treu, begleiten Sie uns auf dem Weg eines anderen Magazins und erzählen Sie vielen lieben Menschen von Enough.


INH ALT

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62 ECHTE FREUNDE  Das visionäre Trio hinter Little Sun will mit Solar-Power dafür sorgen, dass Kindern in Entwicklungsländern ein Licht aufgeht 65 180 GRAD MIT THUBTEN JAMPA ... aus Berlin, die als buddhistische Nonne ihre Berufung fand 68 LESEN IST VERÄNDERUNG Basic-Gründer und Autor Georg Schweisfurth verrät, in welcher Phase seines Lebens er welches Buch zur Hand nahm

SOUL 16 „ICH FÜHLE MICH FÜR ALLES BEREIT“* ... sagt das einstige Country-Wunderkind Billy Gilman. Nachdem er sich per YouTube-Video outete. Ein Exklusiv-Interview mit Enough 21 WEGWEISER: WIR SIND EINS Thubten Chodron macht klar, wie sehr wir von anderen abhängen 26 DEN STERNEN ZU NAH* Jonathan Clark sah seine Frau mit der Raumfähre Columbia explo- dieren und fand Stück für Stück neuen Halt nach der Tragödie 28 LIEBES-BILDER  Vier Fotografen zeigen Ihnen ihre ganz persönliche Love Gallery 36 DIGITAL LOVE Apps wie Tinder machen aus Menschen bloße Spielzeuge für den Zeitvertreib. Autor Jakob Seewald über Dating 2016

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LOVE AGENTS* Die Amerikanerin Jennifer Staple-Clark kämpft dafür, dass niemand unnötig erblinden muss. Sie und weitere elf Boten der Nächstenliebe stellen wir in unserer Titelgeschichte vor

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STYX: DIE REISE BEGINNT Lesen Sie ein Kapitel aus Christa Ritters neuem Buch über eine Indien-Reise des „Harems“ um Rainer Langhans

58 KUSCHELN FÜR CASH*  Wenn Nähe zur Dienstleistung wird, liegt man mit Fremden im Bett. Journalist R. Tod Kelly hat seine Erlebnisse notiert

STANDARDS 2 LA VIE POÈME 7 IMPRESSUM & VORSCHAU 9 SHARING IS CARING  Ideen und Projekte zum Weitersagen 70 ENOUGH SAID  Siems Luckwaldt grübelt über „Love“ Mit einem „*“ markierte Storys sind Titelthemen.

Hinweis: Einige der aktiven Links in Enough (z. B. zu Amazon) sind Partner-Links, für die wir – bei einem Kauf – eine kleine Kommission erhalten. Für Sie ändert sich weder der Ablauf noch der Preis. Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!

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CONTRIBUTORS & IMPRESSUM

GESICHTER

DIESER AUSGABE

„You never write alone“ – das gilt auch für die zweite Ausgabe von Enough. Lernen Sie einige unserer liebsten Mitstreiter kennen

JAKOB SEEWALD Für unsere „Love“-Ausgabe beschäftigte sich der Koautor von „Welt auf der Kippe“ mit den Auswirkungen digitalisierter Liebe. Der Literaturwissenschaftler und (Fernseh-)Journalist lebt und arbeitet in München und Paris. Seewald studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität, der Bayerischen Akademie für Fernsehen und Université Paris-Sorbonne. Wenn er nicht schreibt oder recherchiert, schippert der 28-Jährige bei gutem Wetter über einen der vielen Seen seiner bayerischen Heimat.

Enough erscheint wieder im November 2016

GREEN

In unserer Ausgabe zur Herbst/Winter-Saison sehen wir grün. Nicht nur in der Küche oder im Kleiderschrank, auch in allen anderen Winkeln unserer Welt. Seien Sie gespannt auf ein grünes Wunder. ERHÄLTLICH BEI:

Cover: Willy Vanderperre für GANT; unsplash.com/Jordan Sanchez; © Google Fonts; PR

R. TOD KELLY

IMPRESSUM

Der erfahrene US-Journalist, Autor und Vortragende schreibt u. a. regelmäßig für „The Daily Beast“, „Newsweek“, „Marie Claire“, „NPR“, „The League of Ordinary Gentlemen“ und „Yahoo! News“. Mit Maud Kelly, mit der er nicht verwandt ist, entwickelt er gerade „The Golden Mean“, eine Radioshow, die kontroversen Journalismus, menschliche Erfahrungsberichte und spannende Kurzgeschichten zusammenbringen soll. R. Tod Kelly wohnt in Portland, Oregon, und wünscht sich, dass mehr Dinge im Leben aus Eiscreme und Whisky bestehen.

CHEFREDAKTEUR Siems Luckwaldt (V. i. S. d. P.) ART DIRECTOR Stefanie Schimoni MANAGING EDITOR Matthias Luckwaldt REDAKTION Hannah Boeddeker, Isabell Stronczek (Prakt.) AUTOREN DIESER AUSGABE Attila Albert, Caroline Bienert, Ven. Thubten Chodron, Kathinka Eckardt, R. Tod Kelly, Daniel Ladinsky, Jakob Seewald FOTOGRAFEN DIESER AUSGABE Thimothy Barnes, Nicolas Felder, Johannes Graf, Ildikó Kieburg-Diehl, Eudes de Santana, Willy Vanderperre

DANIEL LADINSKY Unsere Poesie-Seite ziert diesmal ein Liebesgedicht des großen Sufi-Gelehrten Hafiz, das der amerikanische Schriftsteller Daniel Ladinsky in eine zeitgemäße Sprache übersetzt hat. Ladinsky lebte 20 Jahre in einer religiösen und wohltätigen Gemeinschaft in Indien. In seinen Gedichtesammlungen gelingt es ihm, den Übermut und die spirituelle Kraft von Hafiz einzufangen und uns zugänglich zu machen. Der 68-Jährige lebt auf einer Farm in Missouri und in der Nähe des Meher Spiritual Center in Myrtle Beach, Kalifornien.

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LEKTORAT Schlussredaktion.de VERLAG Lucky Inc. Media, Luckwaldt & Luckwaldt GbR Behringstraße 44B, 22763 Hamburg, hallo@enough-magazin.de ANZEIGEN Matthias Luckwaldt, matthias.luckwaldt@luckyincmedia.com © Copyright 2016 für alle Beiträge Lucky Inc. Media. Nachdruck, Aufnahme in Onlinedienste und Internet sowie Vervielfältigung auf Datenträgern wie CD-ROM und DVD-ROM etc. nur nach schriftlicher Zustimmung.


Lebewesen oder Maschine? Milch von glĂźcklichen KĂźhen? Es ist nicht so, wie Sie denken!

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SHARING IS CARING

Gute Ideen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Weitersagen!

Voller Einsatz: In jedem Ballen Bio-Baumwolle steckt viel Handarbeit

FEEL-GOOD-FASHION Konzentriert drehen die Männer die Stoffbahn wieder und wieder um die eigene Achse. Nicht nur Wasser wringen sie dabei heraus, denn die Bio-Baumwolle wurde auch mit Kräutern und Ölen getränkt. Unter Aufsicht der sogenannten Vaidyas, also anerkannter Ayurveda-Ärzte, und in einem Prozess, der pro Ballen etwa 15 Tage Handarbeit erfordert. Diese aufwendige Veredelung beschert der Mode von Ayurganic ihre seiden-

PR; Texte: Matthias Luckwaldt

weiche Haptik und der Haut ihres Trägers ein Wohlfühlerlebnis. „Herbal Wear“ nennen die Designer Hemant Sagar und Didier Lecoanet, deren Atelier in Neu-Delhi beheimatet ist, ihre lässig geschnittene Kollektion in angenehm ruhigem Design. Zeitlos, puristisch, sanft. Wie ein Spa-­ Besuch zum Anziehen. Neben der Baumwolle sind übrigens auch alle Nahtfäden und Knöpfe natürlichen Ursprungs und meist biozertifiziert,

Mehr als Spa-Garderobe: Die subtilen Kollektionen des Design-Duos verströmen Entspannung pur, egal wo man sie trägt

die Arbeitsbedingungen fair. Ihre Fabrik, die Nachbarn „weißer Elefant“ nennen, bietet den 400 Mitarbeitern sogar eine Kindertagesstätte.

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SH ARING IS CARING

SELTSAM? NA UND!

ÜBLES SPIEL Wer sind die PR-Strategen, die aus einem Genmais-Konzern oder einer Modemarke mit Dutzenden Sweatshops wahre Vorbilder zaubern? In seinem Romandebüt stellt Karl Wolfgang Flender uns einen von ihnen vor – und weiht uns in seine üblen Tricks ein. Greenwash Inc., Dumont, ca. 20 €

Wir sahen Felicia Day zum ersten Mal in einem Werbespot während unseres USA-Sabbaticals. Es ging um irgendeine Versicherung oder so. Nur die lebhafte Frau mit den feuerroten Haaren blieb uns im Gedächtnis. Google verriet uns später, wer Felicia Day ist: eine Schauspielerin mit Rollen in „Buffy“, „Eureka“ und mehreren erfolgreichen Web-Serien, ein YouTube-Star und die „Königin der Geeks“. Ob Fantasy-Bücher oder Online-Games: Für viele Millennials wurde Day zur Botschafterin der (weiblichen) Nerds. Sie merken, das ist zu viel Stoff, um kein Buch daraus zu machen. Voilà, hier sind sie, die urkomischen, grundehrlichen und erstaunlich inspirierenden Memoiren der 38-Jährigen aus Huntsville, Alabama. Dabei lässt Felicia Day nichts aus. Weder ihre Videospielsucht, ihre Angststörung noch ihre Depression oder den krankhaften Drang, immer viel mehr leisten und erreichen zu müssen als andere. Bis zum Zusammenbruch. Doch auch das steckt in dem Buch: Wie sie sich im tiefsten Tal berappelte und mutig neu erfand. You’re Never Weird on the Internet,Touchstone, ca. 19 €

HARTE ANSAGE

ECHTE LAND-LUST Eine verwöhnte New Yorker Journalistin will mit ihrem neuen Öko-Boyfriend eine marode Farm bewirtschaften. Anfangs ein ziemlich absurder Plan, der die beiden Dickköpfe jedoch unzertrennlich zusammenschweißt. Das dreckige Leben, Unimedica, ca. 20 €

VERNUNFT & SOHN „Vordringlich ist heute nicht, die Kultur zu modernisieren, sondern die Moderne zu kultivieren.“ Wenn einem Autorenteam Sätze mit solcher Weisheit und Durchschlagskraft gelingen, muss man ihr Buch einfach lesen, ach was: verschlingen. Und weiterempfehlen. Peter Seewald (er schrieb mit Papst Benedikt XVI. den Bestseller „Licht der Welt“) und sein Sohn Jakob, freier Journalist, ordnen für uns nicht nur den Irrsinn, den wir „News“ nennen, stellen Zusammenhänge her, decken Hintergründe auf, kühlen manchen Hype herunter. Sie lenken unseren Blick auch weg von Schlagzeilen, Clips und Tweets zu den drängenden Problemen unserer Welt, einem Planeten am Abgrund. Neben ihrer Akribie und Klarsicht zeichnet die Seewalds bei aller Kritik und allen warnenden Untertönen ein hoffnungsvolles Urvertrauen aus. Ihr Tenor: Wir können aus dem Gröbsten rauskommen, wenn wir handeln. Oder wie es Bert Brecht formulierte: „Ändere die Welt, sie braucht es. Ändere sie auch, wenn alle dich drängen zu glauben, dies sei unmöglich.“ Kein Zitat passt besser zum Buch – und Enough! Welt auf der Kippe, Ludwig, ca. 19 €

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Christina Ganolfo; PR; Texte: Matthias Luckwaldt

Wer wirklich liebt, der nimmt seinen Partner so, wie er ist. Mit Haut, Haaren und Marotten. Quatsch, sagt Paartherapeut Christian Thiel und tritt in diesem aufschlussreichen Ratgeber den Gegenbeweis an. Liebe ist, den Partner [...], Südwest, ca. 15 €


SH ARING IS CARING

OM TO GO:

Die App „Asana Rebel“ Passé sind die Tage, an denen Yoga nur im Studio praktiziert werden konnte oder man sich mit einer Übungs-DVD aus dem Supermarkt motivieren musste. Mit „Asana Rebel“, der neuen Yoga-Community in einer praktischen App, sind Fitness und Wohlbefinden jetzt nur einen Swipe entfernt. Von der einzelnen Session bis zur mehrtägigen Challenge ist bei „Asana Rebel“ alles auf den Nutzer abgestimmt. Die App spricht damit Einsteiger wie erfahrene Yogis und Yoginis an. Nach dem Download werden das eigene Level und die persönlichen Ziele bestimmt. Mindestens zwei: Bleib gesund, Sei glücklich, Sei relaxed, Sei flexibel oder Sei fit. Zudem kann sich der Nutzer über den News-Feed mit anderen austauschen. Mit mehr als 120 Videos in HD-Qualität kommt bei „Asana Rebel“ selbst für Fortgeschrittene keine Langeweile auf. Los geht’s: Yogamatte ausrollen und Wunschkurs. Namaste!

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SUP-YOGA

HOL MICH VOM ACKER

Die Hamburger Frischepost liefert nicht nur regionale Lebensmittel nach Hause, sondern versorgt auch Flüchtlinge mit Landmilch Wissen Sie, wo genau Ihr Salatkopf herkommt? Eben. Genau hier setzt Frischepost an, ein junges Sozialunternehmen aus Hamburg, das Schluss macht mit der Anonymität in der Lebensmittelbranche. Stattdessen liefert es Obst und Gemüse, Milchprodukte, Brot, Fleischwaren aus der Region an Ihre Haustür. Im Onlineshop erfährt jeder Kunde zudem genau, wo und von wem der Salatkopf geerntet wurde. „Wir wollten wieder einen direkten Bezug zwischen Produzent und Verbraucher herstellen“, erklären die Gründerinnen Juliane Eichblatt und Eva Neugebauer. „Wir fahren persönlich zu jedem Produzenten und achten besonders auf nachhaltige Anbauweisen und artgerechte Tierhaltung.“ Bei der Auslieferung setzt der Onlinedienst auf Mehrwegboxen und Elektrofahrzeuge. Das nachhaltige Konzept wird von Social Impact Start gefördert, einem Stipendienprogramm für Sozialunternehmer. Seit April kann zudem eine „Hilf-Milch“ verschenkt werden, die direkt vom Milchhof zur ­Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Hamburg-Bergedorf geliefert wird.

Was passiert, wenn man Stand-up Paddling, also stehendes „Surfen“ auf Flüssen und Seen, und Yoga miteinander kreuzt? Genau: SUP-Yoga. Eine Trendsportart aus den USA, die auch hierzulande immer mehr Anhänger findet. Asanas auf dem Wasser zu üben, soll durch das Schwanken und Plätschern zusätzliche positive Effekte haben. In Hamburg bieten die Elbgänger ab Juni neue Kurse an.

CHAKRA-CHIC Bei ihren spirituellen Schmuckserien legt die Berliner Goldschmiede Eternal Bliss großen Wert auf authentisches Design, etwa bei der Wahl korrekter Sanskrit-­ Zeichen, Edelsteine und Symbole. Chakren-Ketten zwischen 60 und 260 Euro

Sympathisches „junges Gemüse“: Die beiden Frischepost-Gründerinnen Juliane Eichblatt (4. v. l.) und Eva Neugebauer (3. v. r.) schnupperten schon als Kinder echte Landluft

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PR; Texte: Matthias Luckwaldt

SOMMERTREND


SH ARING IS CARING

Als spanischer Bio-Pionier macht das Mas Salagros Eco Resort in Katalonien keine halben Sachen. So gehören zu dem idyllischen Anwesen beispielsweise ein eigener Badesee und eine Farm, auf der die Gäste mitarbeiten können. Alle Textilien sind aus Öko-Baumwolle, die Möbel aus Recycling-Material selbst gezimmert. Ein weiteres Highlight sind die römisch inspirierten Thermalbäder, denn das Gelände liegt im sogenannten „Vallromanes“, dem Tal der Römer, die sich hier vor über 2000 Jahren ansiedelten. Dieser historische Fakt brachte die Gründer dazu, das ehemalige Farmhaus in eine Bäderlandschaft umzuwandeln. DZ ab circa 130 Euro.

ANDERS REISEN Urlaub trifft Umweltschutz

Das erste Bio-Hotel in Spanien, eine ökologische Wellness­ oase im Norden von Indien oder ein integratives Retreat in New Mexico: Diese Hotels beweisen, dass sich sorglose Ferien und Naturliebe keineswegs ausschließen müssen

Die Natur pflegt und nährt – auf diesem Gedanken basiert das gesamte Konzept des Wellnesshotels Vana Malsi Estate im Norden Indiens. Für die Urlauber bedeutet das ein für sie persönlich zusammengestelltes Retreat-Programm mit Yoga, tibetischer Heilkunst, Spa und feinster ayurvedischer Küche. Zugleich legt man hier großen Wert auf Nachhaltigkeit: Das beginnt mit Bio-Lebensmitteln und endet beim Sammeln von Regenwasser sowie den Bambus-Böden, deren Herkunft zertifiziert ist. Rundum entspannen und zwar ganz im Einklang mit Mother Earth, keine schlechte Ferienphilo­ sophie. DZ ab circa 299 Euro.

PR; Texte: Hannah Boeddeker

Schon vor Hunderten von Jahren war das Tal mit dem klingenden Namen Sunrise Springs im US-Bundesstaat New Mexico eine Oase für Wanderer, die sich durch das karge Gebiet kämpften. Heute kümmert sich das Sunrise Springs Resort mit einer ganzheitlichen Wohlfühltherapie um Alltags-Aussteiger auf Zeit. Dazu werden fernöstliche und westliche Methoden mit dem Heilwissen der amerikanischen Ureinwohner zu individuellen Programmen verbunden. Außerdem locken die Gärten zur physischen Betätigung, gibt es Kunstkurse und hauseigene Hühner und Hunde. Wer Retreat-Koller verspürt, fährt nach Santa Fe. DZ inkl. Wellnesspaket ab circa 255 Euro.

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AM SCHREIBTISCH MIT …

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Als Kind einer Tübinger Architektenfamilie lernte Tanja Hellmuth früh, dass kreative Gestaltung und praktische Umsetzung voneinander abhängen. Bereits während ihres Kunst- und Designstudiums in Pforzheim wurde sie mehrfach für ihre kreativen Arbeiten ausgezeichnet. 1995 erhielt Tanja Hellmuth den „Internationalen Anerkennungspreis für junge Designer“ der Stadt Peking, später arbeitete sie in der Gewandmeisterei des Landestheaters Tübingen. Die Chefdesignerin prägte 18 Jahre die Mode der Marke St.Emile aus Unterfranken. Zu dem war sie Mitglied der Geschäftsleitung und dort für Marketing, Public Relations und Produktmanagement zuständig. Seit April 2015 entwirft Tanja Hellmuth für den Öko-Pionier Hessnatur nachhaltige Mode. hessnatur.com Protokoll: Matthias Luckwaldt

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Was ich im Job gelernt habe: Dass es sehr hilfreich ist, den 360-Grad-Blick auf die Zusammenhänge zu beherrschen. Für viele Menschen ist die Tätigkeit eines Designers ein Buch mit sieben Siegeln. Umso hilfreicher ist es für die erfolgreiche Umsetzung eigener Ideen, sich in den angrenzenden Abteilungen auszukennen – in meinem Falle sind das u. a. Fertigung, Kalkulation und Vertrieb. Dieses Wissen in die kreative Arbeit und Entscheidungsprozesse zu integrieren, trägt entscheidend dazu bei, dass ich eigene Visionen rascher und im Team umsetzen kann.

Mein Morgenritual im Office: Ich nutze meine etwas längere Anfahrt zur mentalen Einstimmung auf die Themen des Tages. Ich genieße es, als eine der Ersten im Büro zu sein, um noch ein paar E-Mails abzuarbeiten und mir heißes Ingwerwasser oder grünen Tee zu brühen. Ab 8 Uhr wird es dann turbulent, der Terminmarathon endet erst abends.

Auf diese Apps möchte ich nicht mehr verzichten: Da fällt mir zuallererst Paper ein – oft entstehen hier erste Ideen, früher war ich ausnahmslos nur mit Skizzenbuch unterwegs, aber mittlerweile finde ich die digitale Variante unheimlich praktisch. Scribbles und Notizen kann ich dann von unterwegs ins Büro weiterleiten, und diese können dort von meinen Kollegen gleich weiterverarbeitet werden.

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Auf meinem Schreibtisch liegen: immer ein Skizzenstift und ein Block für die ganz spontanen Einfälle. Nach wie vor ist für mich die Haptik von Stift und Papier sehr wichtig, trotz der vielen digitalen Möglichkeiten, die ich mittlerweile auch sehr schätze. Ansonsten darf nie eine Duftkerze und meine Kanne Tee fehlen. Diese Dinge habe ich in Miniversionen auch auf meinen Reisen immer im Gepäck.

Wenn ich Inspiration suche, dann höre ich laut Musik. Das geht leider nur in meinem Atelier und nicht im Büro. Das Atelier ist eine richtige kleine Hightech-Box, in der ich mich mit jeglichem Medium beschallen kann – von Vinyl über CD bis zu iTunes. Alles da!

Mein Führungsstil: Kollegial, teamorientiert, aber mit klarer Vorstellung und Entscheidungswillen. Ich liebe es, mir mit Kollegen in der Runde die Ideen-Bälle zuzuspielen und bin immer mächtig gespannt, was dabei herauskommt. Durch diese Interaktion entstehen die besten gemeinsamen Konzepte, die so auch alle mittragen können und wollen. Wo ich selbst mitgewirkt habe, damit kann ich mich einfach besser identifizieren, klar oder?!

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Mein Entschleunigungs-Tipp: In meinem Atelier mit Collagen, Skulpturen oder Fotografien zu experimentieren. Das klingt nach Arbeit, ist aber meine Strategie, um ohne Druck oder konkretes Ziel die Akkus aufzuladen. Innere Ruhe finde ich beim Yoga, dreimal die Woche für eine Stunde.

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Mein Lieblingssong im Büro: Momentan das Stück „Lilies of the valley“ von Jun Miyake aus Wim Wenders’ herrlichem Film „Pina“. Ich liebe die Arbeit von Pina Bausch sehr, in einem früheren Büro hingen Fotos diverser von ihr choreografierter Tanzszenen. Die Reduktion in ihrer Arbeit, die unbändige Kraft und Rigorosität inspirieren mich.

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AM SCHREIBTISCH MIT … Tanja Hellmuth (45), Chief Creative Officer von Hessnatur

Mein Business-Mantra lautet: „Reduziere auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie.“ Das stammt aus der japanischen WabiSabi-Philosophie. Ich bin davon überzeugt, dass auch in kleinen, vermeintlich unscheinbaren Dingen oder Details sehr viel Kraft und Stärke liegen. Bei der Umsetzung von innovativen Ideen kommt noch ein zweiter Aspekt hinzu: Die Antwort „geht nicht“ kann ich nur schwer akzeptieren, da es eigentlich immer Lösungen für Probleme gibt. Keine Hürde ist unüberwindbar, um die Ziele zu erreichen, von denen ich sehr überzeugt bin.

Ich höre immer auf meine Intuition. Ich habe mit der Zeit gelernt, dass ich mich sehr auf mein Bauchgefühl verlassen kann. Es gibt mir bereits frühzeitig die entscheidenden Hinweise, ob beispielsweise ein Entwurf schon optimal ist oder noch daran gefeilt werden muss. Jedes Mal, wenn ich dieses Signal ignoriert habe, etwa aus Zeitnot, habe ich es später bereut. Und dann oft das schon viel weiter fortgeschrittene Ergebnis nochmals komplett auf den Kopf gestellt.


SH ARING IS CARING

Ein Kind probiert den „LifeStraw“ aus, der Bakterien und Keime aus dem Wasser filtert

Die Unternehmerin Kaya-Line Knust (hinten M.), mit Stop the Water While Using Me eine Unterstützerin, vor Ort in Afrika

EIN FILTER FÜR WICHTIGERES ALS SELFIES Manchmal klingt eine Revolution ganz nüchtern, fast banal: „LifeStraw ist ein 310 mm langes Kunststoffrohr mit 30 mm im Durchmesser. Das durch einen Strohhalm gezogene Wasser fließt durch Hohlfasern, die Partikel (wie etwa Parasiten) über 200 nm Größe physikalisch und ohne Chemikalien ausfiltern. Ein Gerät filtert bis zu 1000 Liter Wasser.“ Was dieses kleine Röhrchen für Familien und Gemeinden vor allem in Afrika bedeutet, kann man sich auf dem Instagram-Kanal des Unternehmens anschauen. Übrigens: Wer

selbst ein LifeStraw-Produkt kauft, etwa eine Filterflasche für Trekking-Touren oder Camping-Ausflüge, der spendet gleichzeitig einen Teil des Kaufpreises für das „Follow the Liters“-­Programm. Und sichert so einem Schulkind in E ­ ntwicklungsländern sauberes Trinkwasser für ein ganzes Schuljahr.

Dr. Bronner’s – Konsequente naturKosmetiK! Dr. Bronner’s ist bekannt für seine bio-zertifizierten und fair gehandelten Naturseifen und Biokosmetikprodukte sowie eine Geschäftsstrategie, die Unternehmensverantwortung, nachhaltige Landwirtschaft und Tierschutz tief in ihrem Wertesystem verankert hat. Durch eine spezielle Mischung natürlicher Zutaten, einer Komposition aus reinen biologischen Pflanzenölen und feinsten ätherischen Ölen entstehen unsere wunderbaren Produkte. Frei von synthetischen Konservierungsstoffen, Schaumbildnern, Petrochemikalien und Verdickungsmitteln. Mit Dr. Bronner’s kannst Du jeden Tag dazu beitragen, die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen. „We are ALL-ONE or none!“

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SOUL

Noch bevor Billy Gilman ein Teenager war, räumte er Musikpreise ab und sang für US-Präsidenten. Der Song „One Voice“ wurde zum Superhit. Dann: Stimmbruch, Zukunftsangst, Outing auf YouTube! In Enough spricht der heute 27-Jährige exklusiv über seine große Liebe, das Comeback nach eigenen Regeln und Liza Minnellis Hochzeit 16

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„Ich bin bereit für alles, was kommt“


BILLY GILM AN

Billy, du bist in einem Dorf mit rund 1500 Einwohnern aufgewachsen. Mit fünf schriebst du „Now starring: Billy Gilman“ auf die frostige Scheibe einer Supermarkt-Gefriertruhe. Woher kam dieser Traum von einer Gesangskarriere? Ehrlich gesagt, das weiß ich selbst nicht. Wir leben bis heute auf einer 24 Hektar großen Pferdefarm. Meine Mutter ritt früher Turniere, mein Vater arbeitete im Handwerksbetrieb seiner Schwiegereltern und mein Bruder will auf die Polizeischule gehen. Eine Show-Familie sind wir also definitiv nicht. Trotzdem kann ich mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht gesungen hätte. Schon mit 18 Monaten habe ich in meinem Hochstuhl die Titelmelodie von der Fernsehshow „Jeopardy“ mitkrakeelt. Wobei sich meine Karriere im Nachhinein geplanter anhört als sie war. Es kam einfach eines zum anderen: Ich ging zur Schule und wurde in den Chor aufgenommen, bekam dort einige Solopartien, dann ganze Songs. Mit sieben trat ich erstmals öffentlich auf, mit neun entdeckte mich der Musiker Ray Benson, und die Medien wurden allmählich aufmerksam. In Hope Valley, Rhode Island, wo ich herkomme, hat das alles niemanden überrascht. Am wenigsten mich. Musik begleitet mein ganzes Leben und hat mir sehr viele Türen geöffnet. Einen Plan B hatte ich nie.

Billy Gilman Management; PR

Wie wichtig war der Glaube in deiner Kindheit – und wie siehst du das heute? Die Religion war immer präsent. Vor dem Essen zu beten und jeden Sonntag zur Kirche zu gehen, das waren einfach Aktivitäten, die man mit der Familie zusammen unternommen hat. Natürlich habe ich auch beim Krippenspiel mitgewirkt. Mein Bruder und ich wurden nach einer einfachen Regel erzogen: Du darfst nichts mit böser Absicht tun, musst andere respektieren, bescheiden bleiben und sollst andere nicht bewerten. Es gibt nämlich nur einen Richter. Jetzt würde ich sagen: Ja, ich glaube an Gott, bin aber ganz offen, was religiöse Institutionen betrifft. Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist? Das ist total faszinierend für mich: Meinem Unterbewusstsein war das vermutlich schon jahrelang klar, aber ich war so mit der Musik beschäftigt, dass ich mir nie Zeit genommen habe, die Signale zu deuten. Ich stand entweder im Studio hinter einem Mikrofon oder auf einer Bühne, gab Interviews, saß im Tourbus … Nicht falsch verstehen: Mir fehlte nichts, denn daheim blieb ich für Familie und Freunde weiterhin bloß Billy. Ganz gleich, wie viele Millionen Platten ich verkauft hatte. Und im Showbusiness lebte ich meine Liebe zur Musik, zum Singen voll aus. Nur blieb mir nie Zeit, mich meinen tiefsten Gefühlen, meinen in irgendeine entlegene Ecke verdrängten Gedanken zu stellen. Warum ich mir bei den wenigen Dates mit Mädchen beispielsweise immer vorkam, als sei ich auf einem anderen Planeten gelandet und würde eine fremde Spezies treffen. Warum nie mehr draus wurde, und warum ich mir eine Heirat mit einer

Frau nicht so recht vorstellen konnte. Erst so mit Anfang, Mitte 20 dachte ich mehr und mehr darüber nach und kam schließlich auf die für mich einzig logische Antwort: Ich bin schwul. Diese Spätzündung war auch ein Segen, denn so musste ich mich nie verstecken oder quälen, dazu war ich viel zu busy. Vor zweieinhalb Jahren lernte ich dann bei einer Studio-Session einen Sänger kennen, dem ich anschließend auf Instagram folgte. Unter seinen Freunden dort wiederum sah ich einen Typen, bei dessen Anblick mir fast das Herz stehen blieb. Dem musst du wenigstens einmal persönlich „Hallo“ sagen, flüsterte mir eine drängende innere Stimme zu. Und jetzt sind dieser Mann namens Chris und ich schon mehr als zwei Jahre zusammen. Manchmal stehen plötzlich die Sterne günstig, und du siehst deinen Pfad im Leben ganz klar vor dir. Gab es in deinem Leben früher homosexuelle Vorbilder? Bestimmt waren bei uns in Hope Valley oder der umgebenden Stadt Richmond noch andere Jungs und Mädchen schwul oder lesbisch. Bekannt war nichts. Ich wusste damals nur, dass der Patensohn meiner Mutter mit einem Mann zusammenlebte. Eine Hürde ist dieses Bekenntnis zu sich selbst und vielleicht einem Partner ja noch heute, vor allem in kleineren Gemeinden, wo jeder jeden zu kennen glaubt. Auch ich war nervös, als ich es 2014 meinen Eltern sagte. Nicht so sehr wegen meiner Mutter, die aus einem ganz besonderen Holz und ein sehr liebevoller, mitfühlender Mensch ist. Bei meinem Vater, der recht konservative Wertvorstellungen hat und auch auf die Jagd geht, wurde mir schon mulmiger. Zu Unrecht, sein Herz hat am Schluss triumphiert. Deshalb wollte ich nach meinem Coming-out auch eine Stimme für andere sein. So wie im Jahr 2000, als ich für den Song „There’s a Hero“ ein Musikvideo mit Patienten des St. Jude’s Children’s Research Hospital drehte, um auf ihren Kampf gegen den Krebs hinzuweisen. Wenn heute andere Menschen aus meinem öffentlichen Leben ein wenig Mut schöpfen können, fände ich das toll. Nimm uns mit in die Nacht vom 19. auf den 20. November 2014, den Tag also, an dem du dein Coming-out-Video ins Netz stelltest. Hast du überhaupt geschlafen? Billy the (Wunder-)Kid: Über 6 Millionen CDs und Downloads verkaufte Billy Gilman bis heute. Der größte Bestseller: die Grammy-nominierte Single „One Voice“

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SOUL

Was war die größte Angst vor deinem Schritt? Natürlich habe ich überlegt, ob nach dem Outing meine Karriere im Country-Business vorbei sein könnte. Schließlich hatte mir meine langjährige Managerin und Freundin Angela Bacari erzählt, wie viele Nachfragen es in den Monaten und Jahren zuvor rund um meine Sexualität gegeben hatte, wie viele Gerüchte. Da ich meine Gefühlswelt noch nicht so recht durchschaut hatte, hätte ich zwischen geplatzten Auftritten oder Deals und meinem Liebesleben nie eine Parallele gezogen. Ich zweifelte eher an meinem Talent, am richtigen Timing. Wenn die Unsicherheit manchen Leuten unserer Branche also ausgereicht hatte, mich nicht zu buchen, wie würden sie auf mein Geständnis reagieren? Doch immer, wenn ich in solche negativen Gedankenspiralen geriet, erinnerte ich mich an eine Wahrheit, die heute im Social-Media-Zeitalter mehr gilt denn je: Ohne Fans bist du nichts, selbst mit grandiosen Plattenverträgen. Und zu loyalen Unterstützern sollte man besser ehrlich sein. Gerade als Sänger. Wir geben so viel von uns auf der Bühne, legen Emotionen in jede Silbe eines Songs, da merkt das Publikum früher oder später, wenn alles nur Show ist. Am Ende waren alle meine Sorgen völlig unbegründet: Meine treuen Fans zollten mir Respekt und neue Zielgruppen habe ich gleich mit erobert.

„Manchmal stehen plötzlich die Sterne günstig, und du siehst deinen Pfad im Leben ganz klar vor dir“

Ich habe kein Auge zugemacht. Das Video war seit einer Woche fertig, lag auf meinem Computer-Desktop, ich wusste jedoch nicht, was ich damit anfangen sollte. Einerseits wollte ich die Wahrheit mit meinen Fans teilen, froh darüber, dass wir als Künstler heute direkt mit ihnen kommunizieren können. Früher, zu Beginn meiner Karriere, war das ja nur über zeitlich begrenzte Chats auf AOL oder MSN möglich. Die Fans wollen heute einfach mehr als ein Album oder alle paar Jahre eine Tournee. Sie wollen Teil deines Lebens sein. Doch diesen Mut aufzubringen, mich mit einem Clip von fünf Minuten und 30 Sekunden der ganzen Welt zu stellen, dafür brauchte ich einige Tage. Keine verkaufte Titelgeschichte in einem Klatschblatt, kein TV-Spezial, nur ich, eine Videokamera und die Magie des Internets. Ganz „nackt“. Lustiger Zufall: Mein Country-Kollege Ty Herndon veröffentlichte ebenfalls ein Outing-Video, nur ein paar Stunden vor mir. Ganz ungeplant, mein Ehrenwort. Das war schon verrückt!

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Dein Song „Say You Will“ erzählt von den Höhen und Tiefen der Liebe und dem Zusammenhalt eines Paares. Hast du so einen Partner gefunden? Absolut! Was mir an Chris sofort gefiel, war sein unumstößlicher Familiensinn. Ich finde, es sagt viel über einen Menschen aus, wie er mit seiner Familie umgeht. Außerdem sind ihm mein Showbiz-Erfolg und Rampenlicht völlig egal. Wenn eine berufliche Chance bei mir wie eine Luftblase zerplatzt, wie das in unserer schnellen, flüchtigen Branche leicht mal passiert, und ich an die Decke gehe oder enttäuscht bin, beruhigt er mich: „Hey, alles halb so wild. Selbst wenn du irgendwann eine Eisbude in Florida aufmachen willst – oder musst – bleibe ich an deiner Seite.“ Egal ob Penthouse oder Strandhütte, er steht wie ein Fels in der Brandung und ist sich unserer Liebe sicher. Punkt. Chris weiß, wer er ist und was er will, kennt seine Ziele und Wünsche. Er arbeitet in der IT-Branche, und obwohl ich nicht alles verstehe, was er da macht, bewundere ich ihn für seine Karriere. Und für seine Geduld mit mir, denn bei Sängern liegen die Emotionen oft dicht unter der Haut, wir sind ganz schön intensive Persönlichkeiten, mit denen man klarkommen


BILLY GILM AN

Julie Smith Visuals; Lost In Translation; Instagram/@billy__gilman

muss. Ich bin extrem kritisch und ständig am Zweifeln. Ich meine, welcher Zwölfjährige weint sich schon nachts in den Schlaf, weil nicht sein Lieblingssong, sondern ein anderer vom Album als Single ausgekoppelt wird? Aus diesem Drama wurde übrigens mein größter Hit: „One Voice“. Wie bei jeder Beziehung, die etwas wert ist, haben auch wir den einen oder anderen Kampf ausgefochten. Doch unser Vertrauen wächst Tag für Tag, was für alle Menschen wichtig ist, besonders aber für jemanden, der prominent ist. Denn mit der Bekanntheit wächst eben auch die Gefahr für Betrug, Neid und Verrat. Nie kannst du sicher sein, ob jemand an dir oder seinen 15 minutes of fame interessiert ist. Ich bin dieses Wagnis trotzdem eingegangen und wurde dafür reich belohnt! Vor deinem Coming-out hast du eine andere echte Krise gemeistert: den Stimmbruch. Du durftest lange Zeit nicht mehr singen, warst aus den Charts und Medien verschwunden. Wie hast du dich für dein Comeback motiviert? Singen ist einfach alles, was ich kenne, was ich kann und machen möchte. Doch manchmal muss man das lassen, was man am meisten liebt, um sich nicht selbst zu schaden. So war es bei mir, als ich eines Abends im Tourbus, nach 110 Konzerten nonstop, ein Kratzen im Hals spürte. Erst dachte ich, das ist bloß eine leichte Erkältung oder Überanstrengung. Doch Angela bestand darauf, dass ich mich in einer Klinik durchchecken lasse. Die Ärzte rieten mir wegen des einsetzenden Stimmbruchs dringend, nicht mehr professionell zu singen. Ich könnte mir sonst mein wichtigstes Werkzeug auf ewig ruinieren. Ein schwarzer Tag. Ich musste meine Band und die Crew entlassen, den Bus einmotten. Nach ein paar Wochen stürzte ich mich in die Charity-Arbeit für die Muscular Dystrophy Association. Über die Jahre sammelte ich mit Komiklegende Jerry Lewis über zwei Millionen Dollar für die Erforschung dieser Muskelschwäche-Erkrankung. Gleichzeitig machte ich eine Stimmtherapie. Meine Stimme wurde tiefergelegt und durch behutsames Training wieder aufgebaut. Sie ist heute voller, runder und hat mehr Power als je zuvor. Ein paar Mal fuhr ich inkognito nach Nashville zu Songwriter-Kursen und Jamsessions. Ich wollte nicht mehr nur Country singen, trat in kleinen Clubs auf, um Ausflüge in andere Genres zu machen. Kurz: Ich fing ein Stück weit ganz von vorn an. Ich fühle mich bereit für alles, was kommt. Ich schreibe neue Songs, kriege viele Anfragen aus den USA und Europa und trete bei Pride-Events auf, was neu für mich ist. Über einen Auftritt möchten wir mehr wissen, und zwar den bei der Hochzeit von Liza Minnelli mit David Gest im Jahr 2002. Eine Ehe, die rasch geschieden wurde. [Lacht] Oh ja, Liza und ich haben einiges zusammen erlebt … Was für eine tolle, liebevolle Frau. Wir trafen uns bei einer Fernsehsendung zur Wiedervereinigung der Jackson Five zum ersten Mal. Wo ich um ein Haar nicht hingegangen wäre, denn

Dream-Team: Auf Instagram teilt Billy Gilman oft und gern sein Liebesglück mit dem IT-Profi Chris Meyer

als eines Morgens um 6 Uhr Michael Jackson bei uns daheim anrief, glaubte ich an einen Witz und legte auf. Glücklicherweise rief er erneut an – und diesmal glaubte ich ihm. Bei der Aufzeichnung, ich sang seinen Hit „Ben“, hatte Liza die Garderobe neben mir. Sie hörte mich Stimmübungen machen, verschiedene Aufwärmtechniken und Tonleitern, dazu Luftbefeuchter, spezielle Tees … Ich bin so besessen von diesen Ritualen wie Céline Dion, mit der ich schon öfter Tipps ausgetauscht habe. Liza war beeindruckt und verpflichtete eine Zeit lang meine Stimmtrainerin, also sahen wir uns oft. Und so landete ich schließlich als Gast und Sänger bei ihrer Hochzeit mit David Gest in New York. Es war bizarr: Michael Jackson war Trauzeuge, David Hasselhoff fiel sturztrunken auf der Toilette zu Boden – und mittendrin ich. Gerade mal 14 Jahre. Einige Wochen später saß ich wieder bei Liza im Apartment, und sie fragte mich: „Billy, was habe ich bloß getan?“ Du hast mal gesagt: „Ich war eine öffentliche Persönlichkeit, ehe ich eine richtige Person war.“ Wie würdest du dich 2016 beschreiben? In ihrer Biografie, die ich verschlungen habe, schreibt Barbra Streisand, wie lange sie brauchte, um sich ganz zu fühlen. So weit bin ich noch nicht, aber doch meinem Kern viel näher. Früher habe ich alles getan, was man von mir verlangte. Jetzt will ich die Richtung bestimmen und bin bereit, für Dinge zu kämpfen, auf volles Risiko zu gehen.  Interview: Siems Luckwaldt

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Einer zahlt immer den Preis Stoppt die Marktmacht von Supermärkten. Macht mit und stärkt Arbeiterinnen und Kleinbauern. Fordert mit uns: jetzt! Make Fruit Fair www.oxfam.de/makefruitfair


SOUL

WEGWEISER

WIR SIND EINS Als Dharma-Lehrerin macht Thubten Chodron gern deutlich, wie oft sich unser Leben um eine Person dreht: uns selbst. Ihr Appell in ihrer Kolumne lautet daher, die Liebenswürdigkeit der anderen nie zu vergessen

S

Thubten Chodron (*1950 in Chicago) ist eine tibetisch-buddhistische Äbtissin und Autorin. Sie studierte jahrelang in Indien und Nepal, u. a. bei S. H. dem Dalai Lama. Als eine von nur wenigen westlichen Frauen wurde sie 1986 in Taiwan als Bhikkhuni voll ordiniert. 2003 gründete sie das Kloster Sravasti Abbey in Newport, Washington. Weitere Infos und Videos auf thubtenchodron.org.

elten wird uns im Alltag bewusst, wie sehr wir anderen unser Leben verdanken. Mehr noch: Die Güte und die wohlmeinenden Bemühungen unserer Mitmenschen nehmen wir zu oft sogar als selbstverständlich hin. Doch wenn wir einmal innehalten und uns klarmachen, dass wir alle voneinander abhängig sind, dann realisieren wir, dass alles, was wir haben, was wir wissen und alles, was wir tun können, erst durch die Liebenswürdigkeit anderer möglich wurde. Denken Sie nur an Ihr heutiges Mittagessen. Woher kam das? Einige Leute haben es angebaut, andere haben es geerntet, wieder andere alles transportiert und verpackt. Und dann sind da noch die Menschen, die es in die Supermarktregale sortiert haben, die Person an der Kasse und natürlich die, die es womöglich noch zubereitet haben. Ohne die Hilfe all dieser Menschen hätten Sie keinen einzigen Bissen auf der Gabel gehabt. Sie sagen jetzt vielleicht: „Ich habe das Essen doch mit meinem Geld bezahlt.“ Das stimmt, aber woher kam dieses Geld? Jemand hat es Ihnen gegeben. Auch wenn Sie dafür gearbeitet haben, brauchen Sie immer noch einen Arbeitgeber, der Sie einstellt. Und dann die zahlenden Kunden, die Kollegen in der Lohnbuchhaltung, die Bankmitarbeiter und noch viele mehr. „Aber das tun sie doch nicht nur für mich“, werden Sie vielleicht entgegnen. „Alle diese Menschen arbeiten dort, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“ Doch deren

Arbeitsmotivation ist hier nicht weiter wichtig. Fakt ist: Würden andere nicht das tun, was sie tun, würde Ihnen weiter der Magen knurren. Nur dank ihrer harten Arbeit und Bemühungen können Sie (und ich) essen. Das macht sie definitiv zu liebenswürdigen Menschen! Wie viele von uns halten einmal inne, um denjenigen zu danken, welche die Glasfaserkabel in unserem Zuhause verlegt haben? Die alle Stromund Telefonleitungen reparieren, den Müll abholen oder als Straßenbauer arbeiten. Manchmal fühlen wir uns von ihnen stattdessen in unserem Tagesablauf gestört! Dabei arbeiten alle diese Menschen bei großer Hitze, im strömenden Regen, in finsterster Nacht – und wir profitieren sehr von ihren unermüdlichen Anstrengungen. Wenn wir einmal in Ruhe über dieses umfassende Netz voneinander abhängigen Beziehungen nachdenken, das uns mit allen Lebewesen verbindet, dann erkennen wir, dass wir nur durch sie überhaupt existieren können. Durch ihre harte Arbeit und ihre Güte. Wenn wir uns dieser Tatsache gegenüber öffnen, wird unsere Dankbarkeit und das Gefühl von Gemeinschaft mit anderen zunehmen und konstant bleiben. Und dies wiederum schafft eine feste Basis, um Liebe und Mitgefühl zu entwickeln. Übung: Wählen Sie etwas, das Sie oft benutzen, eine Aktivität oder Fähigkeit. Machen Sie sich bewusst, wie viele Lebewesen diesen Teil Ihres Lebens ermöglichen. Sehen Sie darin einen Akt der Güte und entwickeln Sie ein Gefühl von Dankbarkeit. Sie sind Empfänger großer Liebenswürdigkeit. Der Wunsch, das zurückzugeben, wird sich einstellen.  Übersetzung: Matthias Luckwaldt

Nur durch all die anderen Lebewesen können wir überhaupt existieren

LESETIPP

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Passend zum Thema hat Thubten Chodron gemeinsam mit dem Psychologen Russell Kolts das Buch „Die Weisheit eines offenen Herzens“ herausgegeben. Die deutsche Erstausgabe erscheint im Arbor Verlag.

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BODY

Bürste für Bürste, Schuh für Schuh

Text: Hannah Boeddeker 22

TOMS

Konzerne, die größere Summen für den guten Zweck lockermachen, sind ein alter Hut. Viel hilft viel, keine Frage, trotzdem gewinnt ein anderes, direkteres Konzept seit etwa zehn Jahren an Bedeutung: die „One for One“-Businesses. Dabei wird pro Kauf eines Produktes ein anderes an hilfsbedürftige Menschen gespendet. Wortwörtlich oder im übertragenen Sinn, um dem gespendeten Geld ein „Gesicht“ zu geben. Enough stellt sechs von ihnen vor


1 FOR 1

TOMS; Original Beans

TOMS

Wer sich mit dem Prinzip „One for One“ auseinandersetzt, kommt kaum an „TOMS“ vorbei, schließlich war es Gründer Blake Mycoskie (s. Enough 1/2015 „Change“), der als Erster das Konzept verwirklicht hat. 2006 war der Unternehmer auf einer Reise durch Argentinien geschockt von dem Anblick der vielen Kinder, die ohne Schuhe lebten. „Ich war überwältigt von der Lebensfreude der Menschen in Südamerika, insbesondere derjenigen, die so wenig hatten. Und ich verspürte sofort den Wunsch, ja die Verantwortung, etwas zu tun“, beschreibt Mycoskie seine Motivation. Mit reichlich Geschäftserfahrung im Gepäck – er hatte schon vorher erfolgreich fünf Firmen aufgebaut – krempelte der damals 29-Jährige die Ärmel hoch und schuf „TOMS“. Das simple Konzept: Für ein Paar verkaufte Schuhe wird ein Paar gespendet. Innerhalb von zehn Jahren hat die Company nicht nur 50 Millionen Paar Schuhe in 70 Ländern an Bedürftige verteilt, sondern nebenbei, quasi „im Vorbeigehen“, eine ganz neue Bewegung kreiert. Mittlerweile hat sich die Produktpalette noch um Taschen, Rucksäcke, Kaffee und Brillen erweitert: Während die ersten beiden eine sichere Geburt für Mutter und Kind bedeuten, der Kaffee für Trinkwasser steht, garantiert der Kauf einer Brille das Augenlicht für eine erkrankte Person. shoptoms.de

Original Beans

„Jede weise Verwaltung muss den Wald so nutzen, dass nachfolgende Generationen wenigstens ebenso viel Nutzen daraus ziehen können, wie sich die jetzt lebende Generation zueignet.“ So hat es der deutsche Forstwirtschaftler Georg Ludwig Hartig Ende des 18. Jahrhunderts formuliert. Was das mit 1-for1-Unternehmen zu tun hat? Nun, mit einem solchen Urahn wundert es nicht, dass „Original Beans“-Gründer Philipp Kauffmann sich schon früh für den Umweltschutz interessiert und eingesetzt hat. Nach Stationen beim WWF und den Vereinten Nationen hat Kauffmann 2008 sein Unternehmen ins Leben gerufen. Spezialisiert auf Schokolade aus seltenen Kakaosorten, wird dort das One-for-One-Prinzip auf ganz eigene Weise interpretiert und umgesetzt: Für jede gekaufteTafel wird ein Baum in den jeweiligen Anbauregionen gepflanzt. Diese Gebiete wie beispielsweise die Regenwälder im Kongo sind oftmals von Krisen, Konflikten und Armut gebeutelt: Neue Setzlinge schaffen es daher nicht nur, die Flora zu erhalten, sondern für Kleinunternehmer und Bauernfamilien wird auch eine neue wirtschaftliche Grundlage hergestellt. Auf Qualität wird dabei nicht verzichtet, im Gegenteil: Die „Original Beans“ (in kompostierbarer Folie) werden mittlerweile in Sterne-Restaurants rund um die Welt verarbeitet und sind in der kurzen Zeit ihres Bestehens mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. originalbeans.com

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SOUL

Smile Squared Inspiriert wurde der Initiator von „Smile Squared“ von TOMS-Gründer Blake Mycoskie. Statt wie dieser auf Schuhe hat sich Eric Cope jedoch auf ein fast noch alltäglicheres Produkt konzentriert: die Zahnbürste. Denn während für einige Bleaching schon zur Pflegeroutine gehört, kommen Millionen Kinder weltweit nicht einmal an die Basics der Dentalhygiene. Daran wollte Cope etwas ändern. Für jede verkaufte Bürste – die übrigens entweder in kunterbunter Plastikoptik oder mit umweltfreundlichem Bambusstiel daherkommen – wird eine gespendet. Bevor Cope die Idee für „Smile Squared“ in den Sinn kam, war zunächst einmal der allgemeine Wunsch da, Kindern in Not zu helfen. 2010 hatte er auf einer Reise durch Guatemala gemeinsam mit seiner Frau gesehen, wie schlecht es zum Großteil dort um den Zugang zu sauberem Wasser und banalsten Hygienegegenständen wie eben der Zahnbürste stand. Auch fiel Cope auf, dass die schlechten Zähne bei vielen Kindern dazu führten, dass diese aus Schamgefühl kaum noch lächelten. Zahnbürsten mögen auf den ersten Blick also ziemlich trivial wirken, doch wo sie vorher gefehlt haben, können sie tatsächlich ein Lächeln zurückbringen. smilesquared.com

Out of Print

Ob „Sherlock Holmes“, „Alice im Wunderland“ oder „Der große Gatsby“ – fast alle Bücherwürmer lieben ihre Schmöker so sehr, dass sie sie gern ständig am Leib tragen würden. Dank der Initiative „Out of Print“ ist das kein Ding der Unmöglichkeit mehr: T-Shirts, Sweatshirts, Tops und Schals werden mit den ikonischen Covern von literarischen Klassikern bedruckt. Auch Accessoires und Papeterie-Produkte wie Notizbücher kommen im Look von „Der Kleine Prinz“ oder, wer es eher dramatisch bevorzugt, von „Hamlet“ daher. Was auf der einen Seite modisch-literarischen Zuwachs für unseren Kleiderschrank bietet, bedeutet auf der anderen Seite gleichzeitig Bildung für afrikanische Schüler und Studenten. Denn für den Kauf jedes Produktes spendet „Out of Print“ ein Buch an „Books for Africa“. Bereits seit 28 Jahren arbeitet diese US-amerikanische Hilfsorganisation daran, Bücher und Lesefutter in die abgelegensten Gegenden und Dörfer zu transportieren, um so Heranwachsenden Schulmaterial ermöglichen zu können – und im allerbesten Fall auch ihnen ein neues Lieblingsbuch zu bescheren. outofprintclothing.com

Borstige Entwicklungshilfe: Dank Smile Squared haben diese Kids länger etwas von ihrem Lachen

Kolumbien, Haiti, Indien, Somalia, Myanmar – die Liste der Länder, wo „2 Degrees“ gegen Mangelernährung von Kindern gekämpft hat, ließe sich noch weiter fortsetzen. Dabei kommen die beiden Gründer Will Hauser und Lauren Walters eigentlich mehr aus der Business- als aus der Charity-Welt. Während Hauser nach seinem Harvard-Abschluss bei Goldman Sachs gearbeitet hat, war Walters lange als Unternehmensberater und Dozent an etlichen Ivy-League-Universitäten der USA tätig. Ihr unternehmerischer Hintergrund brachte beide zu der Überzeugung: Ja, Spenden können einen Effekt auf den weltweiten Hunger haben. Münzt man jedoch alltägliche Einkäufe in Spenden um, lässt sich noch sehr viel mehr erzielen. Daher produzieren sie seit 2010 die „2 Degrees“-Riegel: unbehandelte, glutenfreie Gesundheits-Booster mit ausgewählten Zutaten wie Trockenfrüchten, Chiasamen, Nüssen und Quinoa. Für jeden verkauften Snack wandert eine Spende an verschiedene – regionale und globale – Partnerorganisationen, die dadurch wiederum ein hungerndes Kind ernähren können. Das Prinzip zahlt sich aus: Über eine Million Mahlzeiten wurden so an Mangelernährte ausgegeben. twodegreesfood.com

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Smile Squared; Out of Print Clothing; 2 Degrees

2 Degrees


1 FOR 1

ALLE FÜR EINEN:

SIEBEN TIPPS FÜR 1-FOR-1-GRÜNDER

Helfen will gelernt sein. Enough befragte deshalb Sebastian Fries, früherer Chief Spenden Officer von TOMS, zu den Tücken, die ein One-for-One-Business mit sich bringt. Fries ist heute Executive Director für Public Health Partnerships an der Columbia University. KRITIK ANNEHMEN: Gerade wenn die Companies expandieren und in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rücken, werden vermehrt skeptische Stimmen laut, die fragen: Ist das auch wirklich gute, nachhaltige Entwicklungshilfe? Statt die Kritik einfach zu ignorieren, kann sie intern zu Denkanstößen verhelfen, die sich zu einer neuen Strategie weiterentwickeln lassen.

Bombas

BEWEISAUFNAHME: Wie kann man messen, dass die Produkte auch effektiv etwas verändern? Hier lohnt es sich, die Zusammenarbeit mit unabhängigen Universitäten oder Forschungslaboren in Betracht zu ziehen, um den Wirkungsgrad der Spenden zu überprüfen: Machen sie so, wie sie jetzt eingesetzt werden, wirklich am meisten Sinn? Wo kann man noch verbessern – und wie? NICHT UNTERSCHÄTZEN: Das Konzept des One for One ist unter anderem auch deshalb so erfolgreich, weil es so simpel ist – beziehungsweise klingt. Daher passiert es schneller, als man denkt, dass man die strategische Arbeit, die dahintersteckt, unterschätzt: Es ist also umso wichtiger, Mitarbeiter einzustellen, die sich in ihrem Fachgebiet exzellent auskennen. Auch eine Schnittstelle zwischen den Unternehmen und den Entwicklungsorganisationen sollte gegeben sein. LOKALE WIRTSCHAFT UNTERSTÜTZEN: Um die regionale Industrie durch die Spenden eines bestimmten Produktes nicht zu untergraben oder gar zu zerstören, bietet sich für One-for-One-Unternehmen zusätzlich die Investition in den Aufbau von Arbeitsplätzen an. „In Haiti hat TOMS gemeinsam mit den NGOs vor Ort aus dem Nichts 700 Jobs geschaffen. Das war unsere bislang größte Herausforderung“, erzählt Fries. ERFOLG: Gerade für One-for-One-Projekte bedeutet wachsender Umsatz eine noch größere Verantwortung für die gesamte Firma, für jede Entscheidung und Zusammenarbeit die richtigen Gründe zu haben und Grundlagen zu schaffen. Die Wirkung des eigenen Tuns zu messen ist dabei ein extrem wichtiges Werkzeug. Dabei kann auch die Kooperation mit Wissenschaftlern von Universitäten sinnvoll sein. OPTIMISMUS: Auch als erfolgreiches One-for-One-Business stellt sich manchmal ein „Tropfen auf den heißen Stein“-Gefühl ein. Davon darf man sich keinesfalls entmutigen lassen, denn selbst ein Meer besteht aus vielen kleinen Tropfen. Nimmt man beispielsweise die Zahlen der Millennium Development Goals, so sieht man, dass es in Ländern der Subsahara eine klar sinkende Kindersterblichkeit gibt. Es bewegt sich also sehr wohl etwas.

Bombas

Bei „Bombas“ geht es zwar eigentlich um Socken, anfangen muss die kurze Geschichte aber ganz woanders: bei den Hummeln. Die fleißigen Bestäuber unserer Flora sind dafür bekannt, sich wie ihre Schwestern, die Bienen, in ihren Völkern extrem solidarisch umeinander zu kümmern. Dieser Leitgedanke veranlasste die Gründer von „Bombas“ zu ihrem Markennamen, „bombus“ beutetet auf Latein nämlich „Hummel“. Als die beiden Freunde Randy Goldberg and David Heath im Jahr 2013 lasen, dass Socken das meistbenötigte Kleidungsstück von Obdachlosen seien, war die Idee geboren: Ein Paar Socken wird gekauft, ein Paar Socken wird gespendet. Kooperiert wird mit verschiedensten US-amerikanischen Wohltätigkeitsorganisationen wie beispielsweise der „Veteran’s Association“, die sich für obdachlose Veteranen einsetzt. Neben dem Charity-Aspekt, unter dem mittlerweile über eine Million Socken an Bedürftige verteilt wurden, wird bei dem Unternehmen vor allem Wert auf ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis wie auch auf möglichst hohen Tragekomfort gelegt: Zwei Jahre lang wurde geforscht und experimentiert, um die „perfekte“ Socke zu kreieren. Am Ende hatten sie also nicht nur ein One-for-One-Business geschaffen, sondern auch eine Socke, die nicht rutscht, ein bequemes Fußbett und eine verstärkte Ferse hat. bombas.com

PARTNERSUCHE: Wie bei allen Geschäften kommt es auch hier vor allem auf die richtige Partnerwahl an: Welche Non-Profit- oder Entwicklungsorganisationen sind für unser Unternehmen die richtigen? Wer arbeitet vor Ort? Wollen wir mit regionalen oder globalen Organisationen kooperieren? Denn ganz auf sich allein gestellt, wird es schwierig, in so unzugänglichen Regionen Einfluss zu nehmen.

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istock.com/Homunkulus28

DEN STERNEN ZU NAH


DER M ANN DER ASTRON AUTIN

„Houston, we have a problem“: Am 1. Februar 2003 um 8.59 Uhr Ortszeit ging die Welt von Jonathan Clark in Flammen auf. Präzise ausgedrückt: Sie verwandelte sich bei einer Geschwindigkeit von 20 117 km/h und rund 63 Kilometer über dem Erdboden in einen glühenden Feuerball

Jonathan Clark/NASA

J

onathan Clark und sein damals achtjähriger Sohn Iain Clark. Er denkt oft an diesen Tag. Ein fast gruseliges Omen, wenn es so schauten von der Besuchertribüne des Kennedy Spawas gibt. „Auf dem Rückflug sagte sie mir: ‚Das ist genau das, was ich ce Centers in Florida aus zu, wie die Weltraumfähre machen will‘. Sie wollte ein Astronaut sein.“ Ohne dieses Erlebnis, ist Columbia beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre sich Clark sicher, hätte Laurel vielleicht nie die Ausbildung begonnen, auseinanderbrach. Ungefähr über Dallas, Texas. Keiner es wäre ihr vielleicht nie in den Sinn gekommen. Als Laurel sich 1996 der sieben Astronauten, darunter Jons Ehefrau und für das Astronautenprogramm der NASA anmeldete, war sie im achten Iains Mutter, Dr. Laurel Clark, überlebte die Katastrophe. Ein defekter Monat schwanger. Mit Iain. Hitzeschild würde später die technische Erklärung lauten. Dürre Worte Direkt nach dem Absturz, im Chaos, übergab Jon seinen Sohn an eine für das, was mit der Explosion in Jon und Iains Leben einschlug wie Freundin der Familie und betrank sich mit einigen Navykumpels ein gigantischer Asteroid. „Bei einem Absturz überlebt man oder eben und reichlich Wodka. Er fühlte sich taub. Körperlich, emotional. Am nicht. Für die Toten ist damit alles vornächsten Tag hatte die Realität ihn bei“, sagt Jon Clark. „Die härteste Prüwieder fest im Griff. Er lernte, ein fung ist aber, ganz ehrlich, weiterzuzupackender Vater zu sein. Kein Woleben.“ In seinem Fall hieß das neben chenend-Dad: „Ich erinnere mich, wie der Trauer um Laurel als alleinerziejemand in der Schule sagte: ‚Ihr Sohn hender Vater die wichtigste Rolle im hat ja Caprihosen an.‘ Weil ich ihm Leben seines Sohnes zu übernehmen. nach einem Wachstumsschub einfach Als einen Weg, um seinen Verlust in keine neuen gekauft hatte. Mir war eine Kraft des Guten umzuwandeln, das nicht aufgefallen.“ Und manchmal schloss sich der Neurologe und Narief ich nach endlosem Suchen im vy-Veteran dem NASA-Team an, das Waschkeller plötzlich: „Laurel, wo die Columbia-Katastrophe untersuchsind meine Socken?“ te. In die Daten und Fakten einzutauNach dem Unglück wollte Iain unchen, Probleme zu analysieren und so bedingt eine Zeitmaschine erfinden, hoffentlich zukünftige Unglücksfälle damit er seine Mutter warnen könnte, verhindern zu können, das half Jona­ nicht an Bord der Columbia zu gehen. Dr. Laurel Clark (1961–2003) lebte für Wissenschaft und Abenthan Clark über manche tiefschwarze Stattdessen verschwanden er und sein teuer. Sie war ausgebildete Kinderärztin, beherrschte TauchmediStunde hinweg. Das Paar war sich Vater wenige Jahre nach der Tragödie zin und betreute Marine-Spezialeinheiten. Später ließ sie sich zur des Risikos von Laurels Job durchaus nach Arizona, weit weg von ReporFliegerärztin ausbilden, dann zur Astronautin. Die Columbia-Misbewusst. Die zwei lernten sich in terfragen und den vermeintlichen sion war ihre erste – und letzte. Der US-Kongress verlieh ihr posder Navy kennen, beim Training von Freunden, die von dem Geld angelockt tum die Space Medal of Honor, auch ein Asteroid trägt ihren NaTauchnotfällen. Beide teilten eine wurden, das die Hinterbliebenen der men. Das Foto zeigt sie mit ihrem Mann Jonathan und Sohn Iain. Leidenschaft für Scuba Diving. BeColumbia-Besatzung 2007 vor Gericht sonders Laurel interessierte sich für von der NASA erstritten. Extrembedingungen. Zum Militär zog es beide ursprünglich aus einem Die Tragödie hat Sohn und Vater spirituell aufgeschlossener gemacht. Grund: Sie sparten Geld fürs College, weil das Studium bezahlt wurde. „Iain ist ein großartiger Kerl, und ich frage mich manchmal, ob er geIhre Karrieren brachten sie auf unterschiedliche Kontinente. Jon nauso toll geraten wäre, wenn er seine über alles geliebte Mutter nicht diente im ersten Golfkrieg, Laurel war an einem U-Boot-Stützpunkt so früh verloren hätte.“ Vielleicht war das Laurels Geschenk an ihn. in Schottland stationiert. Sie überstanden die Trennung, heirateten in ihren Dreißigern und ließen sich in Florida nieder. Dr. Jonathan Clark, 62, war als Berater u. a. am „Red Bull Stratos Als Jon als Freiwilliger für Space-Shuttle-Unglücke trainierte, wollte Project“ und dem „StratEx Stratospheric Freefall Project“ beteiligt. Er Laurel sich ihm anschließen. Am letzten Tag des Programms wurde unterrichtet Neurologie und Weltraummedizin in Texas. ein Absturz simuliert. „Die Seminarleiter brauchten noch jemanden, Iain Clark, 21, teilt die Scuba-Leidenschaft der Eltern und hat bereits der eines der Opfer spielen wollte, und Laurel meldete sich dazu und etliche Fallschirmsprünge absolviert. Er will Meeresbiologie studieren. Info: Der Beitrag „An Astronaut’s Husband, Left Behind“, auf dem diese Story baschrieb später sogar einen Bericht darüber, wie unsere Rettungsbemüsiert, war als Podcast „Death, Sex & Money“ zu hören. Produktion: WNYC Studios hungen aus der Opferperspektive wirkten“, erinnert sich Dr. Jonathan

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SOUL

LIEBES-BILDER „Schickt uns bitte ein Foto von der Liebe“, darum baten wir fünf Top-Fotografen, die ihren ganz eigenen Blick durch den Sucher und auf die Welt besitzen. Ihre Beiträge für unsere kleine „Love Gallery“ fielen ebenso verschieden aus

„Es gibt kein Mittel gegen die Liebe, außer noch mehr zu lieben.“ (Henry David Thoreau) Foto: Eudes de Santana

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LOVE GALLERY

„Es spielt keine Rolle, wer du bist oder wie du aussiehst, solange einen nur jemand liebt.“ (Roald Dahl, „Hexen hexen“) Foto: Ildikó Kieburg-Diehl

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SOUL

„Wir werden alle allein geboren, wir leben allein, wir sterben allein. Nur durch die Liebe und die Freundschaft können wir für einen Moment die Illusion erschaffen, nicht allein zu sein.“ (Orson Welles, „Someone to Love“) Foto: Timothy Barnes

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LOVE GALLERY

„In der Liebe gibt es genau zwei Dinge – Körper und Worte.“ (Joyce Carol Oates) Foto: Eudes de Santana

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SOUL

„Liebe ist ein Rauch, der vom Hauch der Seufzer erregt wird.“ (William Shakespeare, „Romeo & Julia“) Foto: Ildikó Kieburg-Diehl 32


LOVE GALLERY

„Love is the voice under all silences, the hope which has no opposite in fear; the strength so strong mere force is feebleness: the truth more first than sun, more last than star.“ (E. E. Cummings) Foto: Johannes Graf

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SOUL

„Man liebt nicht weil, man liebt obwohl. Nicht wegen der Tugenden, sondern trotz der Fehler.“ (William Faulkner, „Mississippi“) Foto: Nicolas Felder

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LOVE GALLERY

„Liebe ist wie der Wind. Man kann sie nicht sehen, aber fühlen.“ (Nicholas Sparks) Foto: Timothy Barnes

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MIND

Würde er heute geschrieben, Márquez hätte seinen Bestseller vermutlich „Liebe in den Zeiten von Facebook“ genannt. Nie zuvor hat Technik unsere intimsten Momente so deutlich verändert. Enough-Autor Jakob Seewald über Dating anno 2016

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DIGITAL LOVE

istock.com/Valery Kachaev

Darling, ich liebe dich fast so sehr wie mein Smartphone.

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MIND Wenn Nico Maler* seine Mittagspause macht, dann verbringt er sie nicht in Begleitung von Kollegen oder einer Freundin, sondern mit seinem silberfarbenen Smartphone. Der 29-jährige Münchner ist Unternehmensberater. Und Single. Nico ist einer dieser gut aussehenden Young-Urban-Professionals, drahtig, topfrisiert, immer bester Laune. Nur Zeit, um eine potenzielle Partnerin kennenzulernen, ist in seinem Leben Mangelware. Deshalb nutzt er Tinder. Die Dating-App findet Nico „genial“. Sie schlägt ihm im Minutentakt alleinstehende Frauen aus seiner GPS-Umgebung vor. „Nach nur fünf Wochen über 100 Frauen kennenzulernen“, lacht er, „besser geht’s doch gar nicht.“ Selbst auf der Toilette geht Nico rasch auf Brautschau, gibt er zu. Digitale Romantik. Irgendwie. Mit den Einstellungen der App lassen sich die gewünschte Maximalentfernung und das Alter der Damen wählen. „Nicht mein Typ … Die auch nicht … Oh, die ist aber hübsch!“ Er blättert durch das Angebot der App wie durch den Werbeprospekt vom Discounter. Blondinen aus Schwabing, jetzt nur 1,99 Euro. Wundern würde einen so ein Pop-up-Fenster nicht. Zum Dessert dann ein letzter kurzer Check. Könnte ja sein, dass ihm der Tinder-Algorithmus gerade jetzt die Frau seiner Träume herausgepickt hat. Nö. Aber: vielleicht später. Nico folgt bei seiner Hightech-Partnerwahl Impulsen, die wir so ähnlich auch beim Shopping, in Videospielen oder auf Facebook gesetzt bekommen. Drei, vier Bilder von datingwilligen Damen anschauen und auf das Herzsymbol tippen. Drückt sie dann auf dasselbe Symbol, kommt es bei Tinder zu einem „Match“. Zwei Menschen finden sich nun dank geradezu amtlichem Emoji gegenseitig „attraktiv“. Ding-ding-ding. Zu Hause, nach einem stressigen Tag im Job, betritt Nico erneut und gleich für einige Stunden die Singlebar in seinem Smartphone. Immer geöffnet, immer Happy Hour. Vielleicht kommt es nach dem Laden einiger Megabytes, neuer Fotos und Userinnen doch noch zu einem weiteren seiner speziellen Online-Dates. Ein letzter Check findet im Bett statt, bevor der leere Akku das Displaylicht endgültig erlöschen lässt. Ob eine neue Tinder-Bekanntschaft wirklich zu ihm passt, sagt Nico, dass könne er spätestens nach einem Chat beurteilen. Für gewöhnlich wischt er die Frauen binnen Sekunden vom Bildschirm. Next, please! Wie in einer Casting-Show, nur dass keine der Kandidatinnen wenigstens eines ihrer Talente demonstrieren, um die Jury-Gunst ringen durfte. Eine Einladung zum Recall? Keine Chance. Schließlich sind rein demografisch die Männer in der Unterzahl, das Angebot beherrscht also die Nachfrage. Nur leider offenbaren Menschen ihren Charakter, ihr Wesen, ihren USP nicht so schnell wie ein neuer Toaster oder eine Jeans. Indem Nico Frauen wie ein Produkt sortiert, kategorisiert und lautlos abserviert, lernt er sie eben nicht mehr kennen. Er vertraut ganz auf seinen flüchtigen Blick auf die Verpackung. Wisch. Wir stellen überhaupt heute mühelos Kontakte zu Menschen in allen Ecken des Globus her, die jedoch weitgehend unverbindlich bleiben, austauschbar werden. Next, next, next. Das digitale Zeitalter mit seinen neuen Funktionsweisen und Bedingungen für zwischenmenschliche Beziehungen verändert unser Liebes-

NICO WISCHT FRAUEN IM SEKUNDENTAKT VON DER APP. NEXT!

leben von Kopf bis Fuß. Brautschau, Kennenlernen und Zusammensein vollziehen sich immer weniger im realen, sondern dem virtuellen Leben im Internet. Und sogar der Akt an sich findet über das Netz statt. 12,5 Prozent der Webseitenaufrufe entfallen heute dabei auf Angebote mit „Erwachsenen-Inhalten“. Bereits jeder zweite 13-Jährige konsumiert online regelmäßig Sexvideos. Eine der Folgen sind 500.000 Pornosüchtige, die inzwischen in Deutschland gezählt werden. Nicht immer geht es bei den Millionen von einsam Suchenden, von Streunern, Abenteurern oder einfach nur Menschen mit wenig Gelegenheiten beim Digital Love um schnellen Sex – allen Vorurteilen zum Trotz. Ganz im Gegenteil: Die Mehrheit der Deutschen, die Dating-Apps nutzen, hofft auf eine feste Beziehung. Elf Millionen sollen es sein, die sich nach Branchenschätzungen hierzulande regelmäßig auf Dating-Portalen nach einem Partner umsehen. Wenn die Portalnutzer dabei verstärkt auf äußere Reize anspringen, ändert das laut Harvard-Professor und Online-Dating-Experte Michael Norton nichts daran, dass die meisten letztlich eine langfristige Partnerschaft anstreben. Das Ergebnis, so eine Studie des Oxford Internet Institute: 30 Prozent der Paare in westlich geprägten Ländern lernen sich derzeit über Online-Dating kennen. Ist der Smartphone-Quickie in der Tinder-App und sind die unzähligen Singlebörsen wie Parship oder Elitepartner und Plattformen wie Ypsilon für die Suche nach dem Traummann und der Traumfrau im digitalen Zeitalter das, wofür es früher Kuppler und Zeitungsannoncen gab? Eine Art Hightechmodell, mit dem Menschen mithilfe ausgetüftelter Algorithmen gut berechnet und sicher ausgewählt zueinanderfinden? Manchmal auch nur just for fun? Oder liegt darin einer jener unkontrollierbaren Treibstoffe, die das Potenzial haben, nicht nur Kommunikations- und Gesellschaftsformen zu verändern, sondern das Wesen des Menschen an sich? Die amerikanische Soziologin Sherry Turkle vom renommierten Massachussetts Institute of Technology hat sich ausgiebig mit den Phänomenen von New Love auseinandergesetzt. In ihrem Buch „Reclaiming Conversation“ erklärt sie, weshalb Online-Kommunikation unsere Fähigkeit zur Empathie und zu Beziehungen gefährdet. Weil die vernetze Gesellschaft heute Einsamkeit als Problem ansieht, das die Technologie lösen sollte, sind wir aus Angst, alleine zu sein, immer connected, so Turkle. Damit würden wir online nicht nur realen Konflikten aus dem Weg gehen, sondern auch das Fundament menschlicher Kommunikation aufs Spiel setzen. Die Medienforscherin gibt zu bedenken, dass wir uns mit Kurznachrichten und Mails unterhalten, ohne unser Gegenüber anzusehen, ohne ihm zuhören und ohne uns dabei selbst offenbaren zu müssen. Dabei sei das persönliche Gespräch der Grundbaustein ist für Mitgefühl, Freundschaft, Liebe, Lernen und Produktivität. Sherry Turkle weiter: „Das Teilen vieler kleiner Info-Häppchen resultiert eben nicht in einem großen Ganzen. Sicher, das mag für Nachrichten wie ‚Ich denke an dich‘ funktionieren, oder gar um zu sagen ‚Ich liebe dich‘. Aber der virtuelle Small Talk auf dieser oder jener Plattform hilft herzlich wenig beim gegenseitigen Kennenlernen, wenn es darum geht, einander wirklich zu verstehen. Wir brauchen diese Unterhaltungen von Angesicht zu Angesicht außerdem, um zu lernen, wie wir Gespräche mit uns selbst führen sollen. Eine Flucht vor dem Vis-à-Vis ist schließlich von Bedeutung, weil sie unsere Fähigkeit für Selbstreflexion

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DIGITAL LOVE

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gefährden kann. Und diese Fähigkeit ist für Kinder ein wichtiges Fundament für ihre Entwicklung!“ Fest steht auch: Bei den Protagonisten, die Internet-Foren für ihre Partnersuche nutzen, weicht die anfängliche Freude über einen Kontakt mit der Zeit dem frustrierenden Check der bloßen Namenslisten. Zwar steigt die Anzahl der potenziellen Partnerinnen und Partner in der ersten Phase der Jagd nach einer Beziehung rasant. Nach nur fünf Wochen der Nutzung hatte Nico bereits über 100 Frauen „kennengelernt“. Aber schon mit „Match“ Nummer 15 schwanden bei dem jungen Münchner die Kräfte. Statt der individuellen Kontaktaufnahme gab es von da ab nur noch standardisierte Anschreiben – aber auch nur noch standardisierte Antworten. Und Absagen. Nicht unbedingt der Liebesrausch, von dem Nico geträumt hatte. Und selbst wenn sich eine Art von Verliebtheit eingestellt hatte und es zu einem sympathischen Kennenlernen kam, so der Unternehmensberater, habe sich sehr schnell die Frage nach dem Haltbarkeitsdatum dieser Liebe gestellt. Nico: „Den eigenen Partner bei der Stange zu halten wird immer schwieriger. Schließlich konkurrieren wir durch dessen Smartphone mit unzähligen Nebenbuhlern.“ Wir leben in einem technischen Universum, in dem wir jederzeit kommunizieren. Fast 40 Prozent der unter 29-Jährigen fühlen sich inzwischen vom Partner vernachlässigt, weil der zu Hause lieber mit seinem Smartphone kommuniziert. In einer Studie des Pew Research Center stellte sich 2015 heraus, dass 89 Prozent der Handybesitzer es bei ihrem letzten Zusammensein mit anderen – Freunden, Kollegen, dem Partner – benutzt hätten. Und 82 Prozent der befragten Erwachsenen sind sich darüber klar, dass ihr Gebrauch von Mobiltelefonen in sozialem Rahmen ihre Unterhaltung negativ beeinträchtig habe. Experimente von Turkle und ihren Kollegen haben genau das bewiesen. Vor allem beim Dating. Allein die Anwesenheit eines Smartphones etwa auf dem

Tisch im Restaurant – ausgeschaltet und mit dem Bildschirm nach unten – ließ das Gespräch signifikant oberflächlicher ablaufen. Es konnte sich nicht das Gefühl einstellen, dass es bei dieser Begegnung um etwas Außergewöhnliches gehen, etwas Großes daraus werden könnte. Das Smartphone, auch deaktiviert, erinnert uns im Augenwinkel an die Möglichkeit, jederzeit woanders sein zu können. In unserem E-Mail-Postfach, auf Facebook, in einem Level von „Candy Crush“. „Multi-Lifing“ nennt die US-Soziologin diesen Spagat zwischen Wirklichkeit und mobilem Web. Am Ende, so Sherry Turkle in ihrer Untersuchung, haben wir eine gute, persönliche, intime und echt menschliche Beziehung für bloße Connection eingetauscht. Die US-Amerikanische Medienwissenschaftlerin warnt deshalb vor einer neuen Kommunikationsrevolution, die dabei sei, die Qualität menschlicher Beziehungen zu verringern. Auf diese neue Herausforderung, so Turkle, könne es nur eine Antwort geben: face-to-face conversation first! In einem vielbeachteten TED-Talk argumentiert Turkle so: „Wir haben Angst, wie junge Liebende, dass zu viele Gespräche die Romantik zerstören. Aber es ist an der Zeit zu sprechen. Wir sind mit digitaler Technologie aufgewachsen und halten sie somit für erwachsen. Dabei ist sie noch in den Kinderschuhen. Es gibt noch viel Zeit für uns, unseren Gebrauch davon zu überdenken, wie wir Technologie in unser Leben einbauen. Ich schlage nicht vor, dass wir uns von unseren elektronischen Geräten abwenden, wir sollten einfach eine bewusstere Beziehung zu ihnen entwickeln, miteinander und mit uns selbst.“

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„Eine amüsante Reise in die Lügenwelt des Internets“, schrieb Schauspieler James Franco über „In Real Life“. Und wer wäre für diesen Trip ein besserer Guide als Nev Schulman, Moderator der MTV-Kuppelshow „Catfish“. In dem amerikanischen TV-Format daten Menschen, die sich im echten Leben noch nie trafen. Schwindel vorprogrammiert! Grand Central Publishing, ca. 12 €

Wir kommunizieren per Facebook, Twitter und Whatsapp, und zwar nonstop. Leider reden wir immer seltener mit den Menschen, die uns gegenüber sitzen. Für „Reclaiming Conversation“ hat die Soziologin Sherry Turkle das Phänomen durchleuchtet. Ihr Fazit: Nur von Angesicht zu Angesicht können wir echte Zuneigung kultivieren! Penguin Press, ca. 26 €

Digitale Kommunikation vernetzt natürlich nicht nur unsere Liebesbeziehungen, sondern das ganze Leben. Und manchmal braucht es einen kleinen Anstoß, um sich daran zu erinnern, wie erholsam die analoge Welt sein kann. Julius Hendricks (23!) gibt in seinem ersten Buch „Be A Little Analog“ simple Alltags-Tipps mit Augenzwinkern. Thiele Verlag, ca.10 €

In besten Fällen kann eine moderne Dating-Platform ein Paare zum Traualtar führen. Doch wie ist es, auf einen virtuellen Betrüger reinzufallen, für den sogar wahre Gefühle entwickelt hat? Victoria Schwartz erzählt in ihrem Buch „Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde“ ihre eigenen unglaubliche Geschichte. Hochspannung! Blanvalet, ca. 13 €

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MIND Stefan Voelkel, wann und wie begann Ihr Engagement für Flüchtlinge? Wir engagieren uns schon länger mit kleinen Projekten, im September 2015 aber hat mich die ganze Situation so betroffen gemacht, insbesondere die schlimme Situation auf Lesbos. Und dann habe ich den Elias Bierdel von der Menschenrechtsorganisation Borderline Europe kennengelernt.

Direkt zu helfen, das ist Ihnen seit Längerem ein besonderes Anliegen. Ich sage immer: „Was nützt es, wenn die Menschen ihrem guten Willen keine Taten folgen lassen können?“ Deshalb unterstützen wir seit zwei Jahren Missio, ein katholisches Hilfswerk, das in Syrien und im Irak wichtige Projekte umsetzt. Ein Teil der Umsätze unserer Fruchtpunsche kommt dieser Arbeit zugute.

Nachdem Sie durch ein „Anne Will“-Interview auf ihn aufmerksam wurden. Ja, genau. Ich dachte sofort: Mensch, das ist es doch, nicht immer nur den Schmerz in der Brust haben, sondern was tun! Ich hab mich also mit ihm in Verbindung gesetzt, und er sagte: „Komm, komm runter zu uns, ich zeige dir alles.“ Einen Küstenstreifen von Lesbos bin ich mit ihm diverse Male rauf-­ und runtergefahren und habe Boote mit Flüchtlingen in Empfang genommen. Aber das war damals bei warmen Temperaturen. Ganz andere Zustände. Dann sagte Elias zu mir: „Stefan, wir wollen hier ein Empfangslager aufbauen, so, dass die Menschen, die vom Ufer hochlaufen, sich erst einmal abtrocknen, einen Kaffee trinken und ein, zwei Nächte zu Kräften kommen können. Ehe sie weiter zum Hafen marschieren.“ Da sagte ich spontan: „Das finde ich super, das unterstütze ich!“ Geplant war eine stillgelegte Käserei als Basis. Nach meiner Rückkehr habe ich hier alle verrückt gemacht, Container kommen lassen und mit Feldbetten, Notstrom­aggregaten und allem gefüllt, was man für den Start eines solchen Projekts dringend braucht. Gekauft habe ich das von über 20 000 Euro an Spenden. Natürlich habe ich viele Ausrüstungsteile von den Herstellern billiger oder auch mal umsonst bekommen. Das war eine richtig schöne Aktion. Tja, und dann kam die Hiobsbotschaft aus Lesbos. Die Kommunalpolitiker oder die Rechten, wie auch immer, wollten Lesbos nicht zu einer „Flüchtlingsinsel“ machen und stoppten alle größeren Hilfsaktionen, auch unser Empfangslager. Man drohte uns sogar, es brutal zu zerstören, wenn irgendwer doch weitermacht.

Warum ist Ihnen das Engagement in der Flüchtlingshilfe so wichtig? Das rührt wahrscheinlich daher, dass wir viele Anbau-­Projekte im Ausland haben, nach Bio-, Fairtrade- und Demeter-Grundsätzen. Wo es möglich ist, fördern wir in diesen Regionen zudem soziale Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten. Ganzheitlich zu denken, also Mitarbeitern und Zulieferern faire Preise zu zahlen, damit die Kinder in die Schule gehen können, das ist in unserer Firma seit Langem verankert.

Nächstenliebe heißt für Stefan Voelkel, Geschäftsführer der Familien-Mosterei, auch: Jobs für Flüchtlinge sernen. Alles komplett abgeriegelt, während Flüchtlinge übereinander auf den Bürgersteigen übernachten mussten. Ich habe Bilder! Ach, wir kennen sie ja alle, diese Bilder … Solche unmenschlichen Zustände mit eigenen Augen zu sehen, ist etwas anderes. Und ob! Wegen dieser Bilder war ich ja zurück nach Deutschland, um das alles zu organisieren. Und dann kam die Hiobsbotschaft, kurz bevor wir den ersten Container losschicken wollten. Zum Glück haben wir den Inhalt immerhin sinnvoll vor Ort verteilen können, ans Rote Kreuz und andere Stellen, die Notleidenden helfen. Aber natürlich war das nicht das Gleiche wie unser geplantes Basislager. Wir wollten für die Menschen da sein, die unterkühlt, hungrig und entkräftet in ihren Booten an die Küste gespült worden waren. Doch man ließ uns nicht.

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Können Sie beschreiben, was Ihr Engagement Ihnen persönlich gibt? Ganz ehrlich: Ich könnte gar nicht anders. Meine Mutter kam aus Königsberg und schaffte es mit dem letzten Schiff übers Haff. Viele von uns hatten in unseren Familien schon Flüchtlingssituationen. Wie könnten wir jetzt die Augen davor verschließen? Uns geht es, bis auf Ausnahmen, ich sage mal, megagut hier in Deutschland. Wenn jeder davon ein bisschen abgibt … Das ist das Gebot der Stunde! Inwieweit teilen Ihre Söhne diese Ansicht? Und wie kam die Idee, auch Ihre Firma für Flüchtlinge zu öffnen, bei diesen an? Meine vier ältesten Jungs sind auch in der Firma tätig. Jacob ist Betriebsleiter, der hatte bereits den Container für Lesbos organisiert. Und Boris war vor Kurzem auf der Balkan‐Route unterwegs und hat mehrere Tage in einem Flüchtlingslager mitgeholfen, um sich von der Situation vor Ort einen Eindruck zu verschaffen. Dafür habe ich ihm auch Geld mitgegeben, damit er Hilfsgüter einkaufen kann. Außerdem unterstützen wir hier in Dannenberg das Café Zuflucht. Und P.R.I.S.M., eine EDV-gestützte Flüchtlingshilfe, die Computer zur Verfügung stellt, on- und offline Deutschkurse anbietet, Kinderlernsoftware und wichtige Ämter-Web­ sites in der jeweiligen Landessprache. Sehr wichtig ist und bleibt uns bei Voelkel,

Voelkel; Missio/Dirk Planert

Was ging Ihnen da durch den Kopf? Wut ohne Ende, das muss ich schon sagen. Ich war schließlich auch vor Ort gewesen, hatte die leer stehenden Campingplätze gesehen, das ungenutzte Militärgelände mit alten Ka-

REFUGEES WELCOME!


Helfen als Chefsache: Am Strand von Lesbos räumt Stefan Voelkel Überreste von Flüchtlingsbooten und Hilfsmaterial auf

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STEFAN VOELKEL all jene Helfer zu unterstützen, die vor Ort ihre Zeit zur Verfügung stellen. Im Rahmen des Projekts „Helfern helfen“ versorgen wir sie mit unserer „BioZisch“-Limonade. Wie wird auf Ihr Engagement reagiert? Klar bekamen wir E-Mails mit Fragen wie „Und was ist mit den Obdachlosen?“ oder „Warum denkt ihr nicht an diese oder jene Gruppe?“. Daher spreche ich auch immer gern allgemein von Menschen in Not. Also nicht nur von den Flüchtlingen, die gleichwohl derzeit stark im Vordergrund stehen müssen. Prinzipiell aber erweitere ich das auf alle, die unverschuldet sozial benachteiligt sind.

Noch einmal zurück zu den Flüchtlingen. Um ihnen eine langfristige Perspektive in Deutschland zu geben, bilden Sie einige in Ihrem Unternehmen aus. Welche Hürden gab es dabei zu überwinden? Sobald eine Aufenthaltsgenehmigung vorliegt, beginnt unser Part mit einem Praktikum. Wer seine ganzen Papiere vollständig hat, kann in der Saison durchaus auch richtig angestellt werden. Zunächst mit einem Zeitvertrag. Eine spezielle Ausbildung wie etwa Elektriker oder Ähnliches ist natürlich von Vorteil. Derzeit haben wir sechs Auszubildende und Praktikanten bei uns. Das Ziel ist, sie danach bei Voelkel behalten zu können. Die Kommunikation ist natürlich eine Aufgabe – ich sage bewusst nicht „Problem“ –, weshalb wir jeden Samstag einen Deutschunterricht eingerichtet haben. Kommen müssen sie natürlich von sich aus. Die nach einem Jahr zu erreichenden Sprachkenntnisse, also „Deutsch leicht“, „mittel“ oder „schwer“, werden wir wohl zukünftig in die Arbeitsverträge aufnehmen. Das setzt eine gewisse Eigeninitiative voraus, ist in der Produktion aber allein schon eine Frage der Betriebssicherheit.

Zukunft schützen: Eine der Organisationen, die Stefan Voelkel unterstützt, ist das Internationale Katholische Missionswerk (Missio) das u. a. in Syrien und im Irak hilft Um das Deutschlernen zu fördern, setzen Sie diese Kräfte auch ganz bewusst in unterschiedlichen Schichten ein, richtig? Ja, unbedingt. Damit keine reinen Flüchtlingsgruppen entstehen, sondern sie immer mit langjährigen Mitarbeitern im Einsatz sind. Gab es Unmut von Kollegen? Das zählt zu den weiteren „Aufgabenstellungen“. Insgesamt war die Zustimmung extrem hoch, aber es gab von 50 Mitarbeitern schon so ein oder zwei, die hinter vorgehaltener Hand gepöbelt haben. Dafür haben wir dann ganz klare Worte gefunden: „Wer keine wohlwollende Akzeptanz hinbekommt, kann sich einen neuen Job suchen.“ Was sind Ihre Zukunftspläne? Für uns ist gesunder Boden ein echtes Anliegen, wofür wir mit unseren Bio-Anbauprojekten sorgen. So etwas wird man vielleicht auch in Krisenregionen realisieren können, wenn beispielsweise Syrien eines Tages wieder sicher ist. Wir fangen jetzt Projekte im Iran und in der Türkei an, damit die Menschen dort ein Auskommen und befriedigende Arbeit haben. Ein Schlusswort, bitte. Folgen Sie so oft es geht Ihrem Herzen – und helfen Sie, wo Sie können! Interview: Kathinka Eckardt

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Unerschütterlich: Der geplatzte Traum vom Basislager auf Lesbos hält den Unternehmer keineswegs von seinem Engagement ab

Voelkel; Missio/Dirk Planert

Aus diesem Grund sind Sie auch in der Kinderhilfe engagiert. Ja, wir unterstützen seit vielen Jahren Plan International. Die haben jedes Jahr neue, wirklich konkrete Projekte, die wir mit Spenden fördern. Die Brücke ist dabei unser Voelkel Kindersaft. Die üble Situation, in der sich die Jüngsten aber auch Jugendliche in vielen Ländern der Erde befinden, lässt mir wieder und wieder den Atem stocken.


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WEGWEISER

ISS MIT LIEBE! Als Ernährungsberaterin analysiert Caroline Bienert regelmäßig das Essverhalten ihrer Klienten und bekommt so oft Einblicke in deren Familienleben. Was sie dort allerdings beobachtet, stimmt die Enough-Expertin nicht immer glücklich

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ennen Sie auch diese Momente? Sie sitzen komplett ausgepowert am Schreibtisch, haben gerade mit Ihrer Mutter am Telefon gestritten oder warten sehnsüchtig auf eine Nachricht Ihres Partners. Erschöpfung, Ärger oder Besorgnis machen sich in Ihnen breit. Und plötzlich ist sie da, diese innere Stimme, die nach einem Trostpflaster verlangt. Zunächst flüsterleise, dann Caroline Bienert machte in New York ihren Abschluss als ohrenbetäubend laut. Am Nutritional Consultant (Detox und orthomolekulare Mediliebsten Schokolade, fügt sie zin). Sie absolvierte Zusatzausbildungen in chinesischer Errasch noch hinzu. Bio und nährungslehre und mikrobiologischer Homöopathie in Münfairtrade natürlich, schließchen sowie in ayurvedischer Ernährungslehre in Sri Lanka; lich gehören wir ja nicht carolinebienert.com mehr zu den „unwissenden Massen“, die sich mit Junkfood vollstopfen. Wir snacken gesund, gönnen uns nur in ganz besonderen Stressmomenten ein süßes „pick me up“. Klar, das kennen wir alle. Fakt ist: Viele Menschen essen, um negative Gefühle zu verdrängen, aus purer Langeweile – und nicht selten vor Einsamkeit. Doch warum funktioniert diese Strategie der süßen Entschädigung für emotionale Ausnahmezustände eigentlich so zuverlässig? Die Antwort lautet: Biochemie. Denn Zucker spricht im Gehirn das Wohlfühl- und Belohnungszentrum an. Dort wird das Glückshormon Dopamin produziert und ausgestoßen, dessen Anreicherung im Blut sich Schokostück für Schokostück erhöht. Wir fühlen uns happy! Ich behaupte sogar, Zuckersucht ist in Wahrheit nur die Linderung eines großen Sehnens nach Liebe. Wir hungern nach Nähe und Zuneigung und füllen die Leere mit Zucker auf. Hingegen braucht das Hirn erstaunlich wenig Nahrung, wenn man verliebt ist. Ein biochemischer Prozess läuft im Körper ab, durch den wir nicht nachts zum Kühlschrank schleichen oder im Büro die Snackbox leeren müssen. Noch ein anderer Punkt ist wichtig. Über 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg leben wir hier in einer friedlichen Welt – des Perfektionismus. Besser, schöner, reicher, höher, weiter. Eine wenig kompromissbereite Gesellschaft aus Singles, welche die Großfamilie bloß noch aus Erzählungen kennen. Diese neuen Dynamiken landen, bildlich gesprochen, auch auf dem Teller. Saß man früher mindestens mor-

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gens und abends für eine gemeinsame Mahlzeit um den Küchentisch herum, ist das heute eher eine sonntägliche Ausnahme. Dabei ging es um weit mehr, als bloß satt zu werden. Stattdessen: „Wie war dein Tag? Gibt’s Probleme, können wir helfen?“ Man tauschte sich aus, teilte Erlebnisse und Liebe. Wenn ich meine Familie kaum mehr außerhalb einer Whatsapp-Gruppe treffe, wie weiß ich, wie es ihr geht? Wann nehme ich Eltern oder Geschwister, Großeltern in den Arm? Eine verheerende Entwicklung, auch ernährungsphysiologisch. Dreimal am Tag zu festen Zeiten, in Ruhe und sitzend essen ist das gesündeste Ritual zur Nährstoffaufnahme. Wer dabei steht, vor dem Laptop hockt oder zwischen zwei Bissen aufs Smartphone schielt, wird kaum ein Sättigungsgefühl verspüren. Unangenehme Dinge sollte man eine Stunde vor oder erst nach dem Essen besprechen! Sonst aktiviert der Körper seinen genetisch programmierten Fluchtreflex. Die Folge: Das vegetative Nervensystem für den Stoffwechsel funktioniert nicht, die Speisen werden unzureichend verdaut. Nehmen Sie Ihr Essen lieber bewusst wahr, erle­ben Sie es als einen Akt der Liebe zu sich und Ih­rem Körper, als eine dringend benötigte Pause. Danken Sie für Ihre Mahlzeit und die Gesundheit Ihres Organismus, die Sie mit ihr erhalten und för­dern wollen. Seien Sie es sich wert, solche genussvollen Augenblicke fest in Ihrem Alltag zu verankern. Am liebsten mit Freunden und der Familie.

LESETIPP In ihrem neuesten Buch erklärt Caroline Bienert die Grundzüge des Entgiftens und liefert gleich noch Smoothie-Rezepte sowie Infos zu etlichen Superfoods und Kräutern mit.


BEWUSSTER KONSUM HEISST WEDER VERORDNETE SHOPPINGASKESE NOCH ÖDE PRODUKTE. DAS BEWEISEN DIESE ZEHN STRENG AUSGEWÄHLTEN DINGE, AUF DIE UNSER GRUNDSATZ „LESS IS BETTER IS MORE“ ABERMALS WUNDERBAR ZUTRIFFT 44

unsplash.com/Jess Sheldon

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Enough präsentiert zwölf Persönlichkeiten, deren Engagement zu guten Taten inspiriert und uns an den wichtigsten aller Werte des Menschseins erinnert: die Liebe. Für den Nächsten, für Tiere – oder gleich für den ganzen Planeten

Die Greens sind eine moderne Vorzeigefamilie. Sie verliebten sich online, heirateten mit 21 und zogen nach Loveland in Colorado. Ryan arbeitete als freier Programmierer, Amy kümmerte sich um die Söhne Caleb und Isaac. Sonntags gingen sie in die Kirche. 2006 wurde Joel geboren. Als er ein Jahr alt war, fanden die Ärzte in seinem Kopf einen aggressiven Tumor. Die Hälfte der Kinder überlebt keine zwei Jahre. Für Joel bedeutete die Diagnose: über Monate immer wieder Chemotherapie und eine Operation. Kurz darauf wurde ein neuer Tumor entdeckt, der zweite von insgesamt acht. Die Ärzte dämmten deren Wachstum mit Bestrahlung ein. Der Glaube des Paares wurde einer schier unmenschlichen Probe unterzogen. Als Ryan eines Abends im Krankenhaus seinen entkräfteten Sohn im Arm wiegte, erinnerte ihn die Situation an ein Videogame. Wie dessen Hauptfiguren mussten er und Amy herausfinden, wie sie Joel helfen konnten. Ryan begann, „That Dragon Cancer“ zu erschaffen, das erste Spiel, das die Eltern schwerkranker Kinder versteht und ihre Situation in multimediale Welten übersetzt. Nach dem Tode Joels, dessen kleiner Körper bis ins Frühjahr 2014 tapfer gekämpft hatte, wurde die Arbeit daran, begleitet von Dokumentarfilmern, für Ryan und Amy zur Trauerbewältigung. Und das Ergebnis zu einem virtuellen Denkmal für ihren Sohn. Einem echten Superhelden! (Trailer)

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thatdragoncancer.com/Amy & Ryan Green; Sue Klebold; John Castro; PR

Amy & Ryan Green erfinden ein Trauer-Spiel


LOVE AGENTS

Sue Klebolds

Sohn war ein Columbine-Schütze

Es gibt Momente, da stürzt die Welt ein. Alles, was man als stabil und selbstverständlich betrachtete, bricht weg. In Sekunden. Für Sue Klebold war das am 20. April 1999. Als ihr 17-jähriger Sohn Dyland mit seinem Freund Eric Harris in der Columbine High School Amok liefen. Schwer bewaffnet töteten sie 13 Menschen, verletzten 24 weitere und richteten sich selbst. Ein Teenagerleben später sucht die heute 66-Jährige in ihrem mutigen Buch mit dem frei übersetzten Titel „Eine Mutter legt Rechenschaft ab: Weiterleben nach einer Tragödie“ schonungslos nach Antworten. Warum hat mein Sohn das getan? Hätte ich es verhindern können? Noch wichtiger: Wie lässt sich eine Seelenpein verhindern, die sich in so einer brutalen Katastrophe entlädt?

AMIR LEVINE & RACHEL HELLER GEBEN BEZIEHUNGSTIPPS 2.0 Er ist Neurowissenschaftler und Psychiater, sie ist Paar­ therapeutin und beide haben an renommierten Eliteuniversitäten studiert. Eine gute Basis für einen fundierteren Liebesratgeber für Fans von Forschungsfakten. In ihrem Buch analysieren Levine und Heller die drei wesentlichsten Beziehungstypen: den Ängstlichen, den Vermeider und den Sicheren. Nur wer weiß, welchem Muster der eigene Partner folgt, kann dessen Handlungen voraussagen und Enttäuschungen vermeiden.

DORIS DAY TAUSCHTE GALAS GEGEN TIERSCHUTZ Als „America’s Sweetheart“ und Sauberfrau wurde die Blondine aus Cincinnati in Ohio bekannt und feierte in den 1950ern und 60ern einen Kinoerfolg nach dem anderen. Oft stand sie dabei gemeinsam mit Rock Hudson vor der Kamera. Doch im Gegensatz zu vielen Kollegen von einst verfiel Doris Day nie der Versuchung, bis ins hohe Alter ein regelmäßiger Gast auf roten Teppichen und TVShows zu bleiben. Vielleicht noch chirurgisch restauriert. Stattdessen zog sie ins beschauliche Städtchen Carmel in Kalifornien und gründete 1978 die Doris Day Animal Foundation, die sich für Tierschutz in den USA einsetzt. Auch heute, mit 92, sorgt sich Day zudem persönlich um vernachlässigte Streuner.

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MONKEY HELPERS BILDEN ÄFFCHEN ZU PFLEGERN AUS

Eva Maria Weigert lässt Kinder tanzen „Wenn ich etwas sagen könnte, bräuchte ich es nicht zu tanzen“, sagte Isodora Duncan, die Begründerin des Ausdruckstanzes. Erlebtes nicht aussprechen zu können, aber verarbeiten zu müssen – das ist ein Phänomen, das Flüchtlingskinder nur allzu gut kennen. Die Münchnerin Eva Maria Weigert, die sich seit 1990 bei der Caritas ehrenamtlich für Asylbewerber engagiert, hat deshalb das Projekt „Freudentanz“ ins Leben gerufen. Hier tanzen Jugendliche, die erst seit wenigen Monaten in Deutschland sind, gemeinsam mit Kindern, die hier aufwuchsen – und mit Altersgenossen, die mit einer Behinderung leben. Bollywood-, Hip-Hop- und Poptanz werden durchchoreografiert, ein harmonisches Miteinander, um den Ausdruck drängender Emotionen zu ermöglichen. Für ihre ganzheitliche Idee und deren mitreißende Umsetzung wurde die 55-Jährige 2015 von ZDF und Clarins mit dem „Prix Courage“ ausgezeichnet.

Aufgrund ihrer feinmotorischen Fähigkeiten wurden Kapuzineraffen früher oft als putzige Drehorgelspieler auf Jahrmärkten missbraucht. Seit 1979 setzt die Organisation Helping Hands: Monkey Helpers for the Disabled aus Boston die Fingerfertigkeit der klugen Tiere artgerechter – und vor allem sinnvoller ein. Die Äffchen werden nach aufwendigem Training, finanziert durch Spenden, für Menschen mit Rückenmarksverletzungen oder Querschnittslähmungen zu treuen Gefährten und vergrößern deren Unabhängigkeit. Sie übernehmen praktische Handgriffe, spenden Wärme, Freude und geben den oft isolierten Rollstuhlfahrern eine Aufgabe. In wenigen Wochen werden aus Helfern Familienmitglieder.

JEFFREY SCHMALZ GAB DER AIDS-KRISE (S)EINE STIMME Die eigene Homosexualität behielt man in den 80ern im Newsroom der „New York Times“ besser für sich. Natürlich nicht nur dort! Als sein Schwulsein und seine Aids-Erkrankung 1990 öffentlich wurden, ging der Reporter Jeffrey Schmalz in die publizistische Offensive. Er nutzte jede Zeile in der „NYT“, um ausführlicher, ehrlicher und intimer über Aids zu schreiben, als es je zuvor ein US-Medium gedruckt hatte. Ein Multimediaprojekt und gleichnamiges Buch beleuchten, wie Schmalz der Epidemie mit Worten einen Teil des Stigmas nahm.

PRINCE EA SPRECH-SINGT VON EINER BESSEREN WELT Den meisten Rapper-Klischees wird Richard Williams aus Missouri definitiv nicht gerecht. Statt einer abgebrochenen Schullaufbahn, machte er seinen Abschluss in Anthropologie (und zwar „magna cum laude“). Außerdem rappt Richard alias Prince Ea nicht über Drogen, Sex und Sportwagen, sondern über Politik, Umweltschutz und soziale Ungleichheit. Kostprobe: „Cooperations tell us buy, buy, buy, get this, get that, you must keep up, you must fit in.“ Auch Silicon Valley kriegt sein Fett weg: „Mr. Zuckerberg, geben Sie endlich zu, was Facebook wirklich ist: ein anti-soziales Netzwerk.“ Trotz solch heißer Eisen gelang Prince Ea eine rasante Karriere. Er gewann wichtige Musikwettbewerbe, veröffentlichte zig Songs mit nachdenklichen Texten und Videos mit gesellschaftskritischen Kommentaren. Hip-Hop, meint er, muss Substanz haben, kritisch und tiefgründig sein.

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ZDF; monkeyhelpers.org; Prince EA via Instagram; PR

Rap


LOVE AGENTS

GENE BAUR GIBT NUTZTIEREN ASYL „Sanctuary“ bedeutet so viel wie Heiligtum und Zufluchtsort. Für den 54-jährigen Amerikaner (l) sind Tiere genau das, heilig. Und viele von ihnen brauchen eben dies, einen geschützten Lebensraum. Baurs 1986 gegründete Organisation Farm Sanctuary ist die erste in den USA, die sich für verstoßene Farm- und Nutztiere einsetzt. Denn nach engem Stall oder Legebatterie warten auf die körperlich mitgenommenen Veteranen der industriellen Landwirtschaft keine verdienten Rentnerjahre, sondern das Bolzenschussgerät. Nicht so auf mittlerweile drei großen Farmen für „Oldtimer“, die unter der Fürsorge von Baur und seinem Team Freiwilliger richtig aufleben dürfen. Und wie man bereits beim Einkaufen die Weichen für das Wohl der Tiere stellt, erzählt Baur in seinem neuen Buch.

James Rebanks macht Lust aufs Schäfer-Leben

Eamonn McCabe; Farm Sanctuary; PR

Der Brite (u.) studierte Geschichte in Oxford, nur um dann Schäfer im englischen Hochland zu werden, der Lake-District-Region. So wie schon sein Vater und Großvater. Weit entfernt von Nine-to-five-Jobs in tristen Büros, widmet sich Rebanks Tag für Tag einer harten Arbeit, die sich seit Jahrhunderten nicht wirklich verändert hat, und über deren Gelingen einzig der Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt. Doch da sich die Welt um ihn herum eben doch gewandelt hat, meldete sich Rebanks 2012 bei Twitter an. Rasch hatte er 40 000 Follower, die seine Worte wie die Nachrichten eines Außerirdischen lasen. Das Treiben der Herde im Sommer, die Strapazen eines langen Winters, dazu Bilder vom Scheren, von Lämmergeburten … Aus Rebanks Tweets wurde ein Buch – ein Überraschungserfolg, der wiederum zu Interviews auf der ganzen Welt führte. Wer ihn hört, kann nicht genug kriegen von seiner Begeisterung für die Herdwick-Schafe, den kauzigen Charakteren aus seiner Umgebung, der karg-schönen Landschaft. Rebanks größte Hoffnung: Wenigstens eines seiner drei Kinder würde eines Tages in seine Fußstapfen treten.

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OLIVER GOTHE WILL LIEBE FAIR HANDELN Gummi ist in unserem Leben fast so omnipräsent wie Plastik, egal ob wir radeln oder Auto fahren. Und auch beim Sex mit Kondomen. Was die wenigsten wissen: Die Herstellung von Naturkautschuk, aus dem Reifen und Verhüterli bestehen, ist unter Umwelt- und sozialen Gesichtspunkten ein äußerst schmutziges Geschäft. Monokulturen, Herbizide, Pestizide, Abholzung, Hungerlöhne. Vor allem in Indien. Schluss damit, sagte sich der Kölner Oliver Gothe, der 1988 die Marke Condomi gegründet und zum Millionenunternehmen gebracht hatte. 2005 ließ er unter dem Namen „Hot Rubber“ das erste Kondom mit fair gehandeltem Latex entwickeln. Heute bündelt die Marke Fair Squared Gothes Engagement für fair gehandelten Schutz in the act. Jetzt sogar als vegan zertifiziert. Der Unternehmer mit Mission ist außerdem Vorsitzender des Vereins Fair Rubber.


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JENNIFER STAPLE-CLARK ÖFFNET UNS DIE AUGEN

Interview: Siems Luckwaldt

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Unite for Sight

Unite for Sight heißt die Organisation, welche die Amerikanerin während ihres Studiums gründete. Das war im Jahr 2000. Seitdem hat ihr Engagement weltweit mehr als zwei Millionen Patienten eine augenärztliche Behandlung ermöglicht


JENNIFER STAPLE-CL ARK

JENNIFER STAPLE-CLARK, GAB ES EIN ERLEBNIS IN IHREM LEBEN, DAS SIE DAFÜR SENSIBILISIERT HAT, DASS HUNDERTTAUSENDE MENSCHEN UNNÖTIG ERBLINDEN? Im Sommer 2000 während meines Studiums der Biologie und Anthropologie an der Yale University habe ich bei einem Augenarzt in New Haven, Connecticut, gearbeitet. Eine ganze Reihe der Patienten litt unter Glaukom oder Grünem Star, eine Erkrankung, die nach und nach zu irreversibler Erblindung führt. Dabei hätte ihnen in den meisten Fällen geholfen werden können, etwa durch eine Therapie des erhöhten Augeninnendrucks, wenn sie nur zu einem Augenarzt gegangen wären. Und zwar ehe die Symptome bereits gravierend waren. Für diese Patienten, die krankenversichert waren, lag die Hürde eher in mangelndem Wissen. Doch, kam ich damals ins Grübeln, für wie viele Menschen auf der Welt kommen noch finanzielle Barrieren hinzu, infrastrukturelle und familiäre? Das war der Aha-Moment, der mich Unite for Sight starten ließ. Aus meinem Studentenzimmer. WEN VON ALL DEN PATIENTEN, DENEN DURCH SIE UND IHRE VIELEN FREIWILLIGEN MITSTREITER DIESES SCHICKSAL ERSPART GEBLIEBEN IST, WERDEN SIE NIE VERGESSEN? Ich erinnere mich oft und gern an einen Jungen aus Ghana, der durch eine fortschreitende Trübung seiner Linsen fast nichts mehr sehen konnte. Bis die Eltern durch unsere Outreach-Kollegen, die in einem Nachbardorf einen Info-Abend veranstalteten, von Unite for Sight erfuhren, hatten sie keine Ahnung, dass die moderne Medizin ihrem Sohn helfen konnte. Sie brachten ihn zu einer unserer mobilen Augenkliniken, wo die Ärzte Katarakt feststellten und ein Termin für eine Operation gemacht wurde. Einen Monat danach konnte er endlich wieder erkennen, was die Lehrer an die Tafel schrieben, und erfolgreich am Unterricht, am Leben teilnehmen. Es gibt viele solcher Geschichten. WENN SIE DIE LETZTEN 16 JAHRE REVUE PASSIEREN LASSEN, AUF WELCHE ERREICHTEN MEILENSTEINE SIND SIE BESONDERS STOLZ? Wir konnten bis heute 2,1 Millionen Menschen die Möglichkeit einer augenärztlichen Behandlung geben und haben über 93.000 Operationen unterstützt, die einem Patienten sein Sehvermögen gesichert oder wiedergegeben haben. Hinter diesen Zahlen steckt so viel mehr: Wenn in Ghana, Honduras und in Indien, wo wir besonders aktiv sind, jemand nicht sehen kann, hindert ihn das nicht nur daran, ein selbstbestimmtes, erfüllendes Leben zu führen. Es beraubt seine ­Familie oft eines lebenswichtigen Einkommens. Und viele Kinder ihrer Schulbildung, denn meist pflegen sie die erblindete Mutter oder den Vater. So vergrößert sich ihre Armut, sie werden ihrer Zukunft beraubt. Was für eine Ehre für mich und mein Team, dass wir den Ärzten vor Ort helfen können, ihre fantastische Arbeit zu tun.

GAB ES EINEN MOMENT IN DEN ERSTEN JAHREN, WO SIE ERSTMALS DAS GEFÜHL HATTEN, DAS IST NICHT BLOSS EINE SPONTANE IDEE, DAS KANN EINE BEWEGUNG WERDEN? Oh ja, da fallen mir gleich mehrere ein. Als ich ­anfing, war Unite for Sight für gut drei Jahre bloß ein Studentenprojekt an der Yale University. Wir kümmerten uns um Bedürftige in und um New Haven und feilten an unserem Konzept. Nach und nach interessierten sich dann andere Universitäten und Colleges für Unite for Sight, und wir rekrutierten weitere Helfer landesweit. Im Frühling 2004 passierte dann etwas Unglaubliches: Im Flüchtlingslager Buduburam im Süden von Ghana suchte ein Mann namens Karrus auf dem einzigen internetfähigen Computer des Camps nach Hilfe für die vielen Flüchtlinge mit Augenerkrankungen. Er fand Unite for Sight und schrieb uns eine E-Mail. Ich forschte nach, was wir tun könnten, und

„36 Millionen Menschen sind unnötig erblindet. Das spornt mich an!“ gelangte schließlich zu Dr. James Clarke, der heute unser medizinischer Direktor in Ghana ist. Seine Klinik lag nur 90 Autominuten von dem Lager entfernt, und so begannen wir, Modelle zu entwickeln, wie wir Augenbehandlungen und Vorsorgeuntersuchungen in die ärmsten Gebiete der Welt bringen konnten. WAS SOLLTEN WIR AUSSERDEM UNBEDINGT ÜBER UNITE FOR SIGHT WISSEN? Dass wir mittlerweile nicht nur Ärzte in Entwicklungsländern mit den nötigen Ressourcen ausstatten, damit sie sich noch besser um ihre Patienten kümmern können, sondern dass wir unser Wissen und unsere Erfahrungen, sooft es geht, mit anderen teilen. Zu diesem Zweck findet in Yale einmal im Jahr eine Global Health and Innovation Conference statt, die größte ihrer Art, zu der gut 2000 Interessierte aus ganz Amerika und weiteren 50 Ländern reisen. Dort tauschen sich alle in Vorträgen, Workshops und bei Get-togethers über neue Strategien im Kampf gegen Erblindung, HIV/AIDS, Malaria und andere Epidemien aus. Aber auch andere Aspekte eines „sozialen Business“ werden besprochen. Die beste Idee wird mit einem Preisgeld von 10.000 Dollar belohnt. IN DEN LETZTEN JAHREN IST IM SILICON VALLEY UND ANDERSWO VIEL DIE REDE VON „SOCIAL ENTREPRENEURSHIP“, VOM GRÜNDEN AUS ANDEREN MOTIVEN ALS PROFIT.

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WELCHE HERAUSFORDERUNGEN WARTEN AUF ALLE, DIE ES IHNEN NACHTUN WOLLEN? Das sind eine ganze Menge. Denn neben dem Aufbau einer Firma, die mit ihren immer zu begrenzten Mitteln effizient und zielgerichtet umgeht und auch sonst alles meistert, was ein neues Business an Problemen mit sich bringt, gilt es, die beste Marschrichtung festzulegen. Und sich zu konzentrieren. Im Gesundheitsbereich spielen neben den rein medizinischen nämlich auch die finanziellen Faktoren eine Rolle, es geht um Wissensvermittlung, um Ernährung, also auch die Landwirtschaft, zum Teil auch kulturelle Besonderheiten und, und, und. Wo kann der größte Fortschritt erzielt werden? Und wie? Für uns ist besonders wichtig, alles zu messen, was wir tun. Nicht die Zahl der Operationen allein ist wichtig, sondern wie viele davon erfolgreich verliefen. Ebenso sollte ein Projekt zur Malariabekämpfung nachverfolgen, ob alle Moskitonetze auch zu diesem Zweck verwendet werden. Viele enden nämlich als Fischernetz oder zwischen zwei Torpfosten. Das alles zu überwachen, ist natürlich viel schwieriger, als auszurechnen, ob ein Unternehmen mehr Umsatz macht als im letzten Jahr. WAS IST IHR „ELEVATOR PITCH“, UM UNTERSTÜTZER UND INVESTOREN ZU GEWINNEN? Wir sind ein Pionier in der verantwortungsvollen Bereitstellung von Gesundheitsversorgung. Wir dienen, unterstützen und beraten Organisationen und Individuen dabei, qualitativ hochwertige Lösungen für Augenerkrankungen und die nötige Infrastruktur in den ärmsten Gegenden der Welt anzubieten. KOMMEN WIR ZU DER WERBEKAMPAGNE DER MODEMARKE GANT, DIE UNTER DEM TITEL „PIONEERS“ STEHT UND FÜR DIE SIE AUSGEWÄHLT UND FOTOGRAFIERT WURDEN, WIE MAN AUF UNSEREM TITELBILD SEHEN KANN. WARUM HABEN SIE SICH DAFÜR ENTSCHIEDEN? Als man mich anrief und ich mehr über die Aktion erfuhr, die eine tolle Bandbreite von Persönlichkeiten vereint, auch vom Alter her, die ganz unterschiedliche soziale Belange unserer Gesellschaft anpacken, sagte ich spontan zu. HATTEN SIE KURZ DEN GEDANKEN, DASS SICH HIER VIELLEICHT NUR EINE FIRMA MIT IHREM BEEINDRUCKENDEN ENGAGEMENT FÜR DAS AUGENLICHT VON MILLIONEN MENSCHEN SCHMÜCKEN WOLLTE? Ich kannte nicht nur Gant, sondern wusste auch, dass es eine lange Beziehung der Marke mit der Yale University gibt, meiner Alma Mater. Das gab mir schon mal ein gutes Gefühl. Ich finde es auch grundsätzlich keineswegs negativ, wenn eine Company, statt über sich selbst zu reden, ihre Stimme Projekten wie U ­ nite for Sight und anderen leiht. Das ist eine Win-win-Situation für uns und die anderen Protagonisten.


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WAR ES FÜR SIE SELTSAM, FOTOGRAFIERT ZU WERDEN? VON KEINEM GERINGEREN ALS DEM BELGIER WILLY VANDERPERRE ÜBRIGENS. Gott sei Dank war das nicht mein erstes Mal vor der Kamera, ich wurde schon hier und da für Zeitungen oder Magazine fotografiert. Mir macht das Spaß, es ist eine aufregende Abwechslung.

WIE SEHEN SIE DIESEN OFFENSICHTLICHEN FEHLER IN UNSEREM ÖKONOMISCHEN SYSTEM? Ich will da gar nicht übermäßig politisch werden, sondern gebe Ihnen ein Beispiel aus unserer Arbeit, aus dem Sie eigene Schlüsse ziehen können. Seth Wayne, mit dem wir schon lange zusammenarbeiten, ist der einzige Augenarzt im gesamten Norden von Ghana, zuständig für zwei Millionen Menschen in einem der ärmsten Gebiete des Landes. Als wir ihn kontaktierten, fehlte ihm die Ausrüstung, um Katarakt-Operationen durchzuführen, bei der die getrübte körpereigene Linse gegen eine künstliche ausgetauscht wird. Leisten konnten sich seine Patienten den Eingriff, der damals etwa 55 Dollar kostete, ohnehin nicht. Heute operiert er über 2000 Mal im Jahr, 2012 schaffte er sogar 4200. Wenn ein einzelner Mensch so viel Gutes tun, den Teufelskreis aus ­Armut-Krankheit-mehr-Armut durchbrechen kann, ist es geradezu sträflich, ihm die Mittel und den Menschen vor Ort seine Expertise vorzuenthalten.

MEHR UND MEHR SICKERT IN UNSER ­V ERSTÄNDNIS DURCH, WIE VIELE UNSERER HEUTIGEN PROBLEME MIT DER GERADEZU ZYNISCHEN UNGLEICHHEIT IN DER VERTEILUNG DES EINKOMMENS ZUSAMMENHÄNGEN.

ZUM SCHLUSS INTERESSIERT MICH NOCH, WO EIGENTLICH IHR UNTERNEHMERGEIST SEINEN URSPRUNG HAT. Meine Eltern sind beide keine Unternehmer, aber sie haben mir schon früh klargemacht, wie wichtig es ist, der Gemeinschaft zu dienen und soziale Projekte zu fördern oder selbst zu starten. Später als Studentin hat mich ein eigenes Business brennend interessiert, dann noch mehr eine Verknüpfung aus sozialer Mission und einem Unternehmen. In Yale habe ich unglaublich viel über beides gelernt – vom Businessplan bis zur Identifizierung der Nische im Markt, wo das eigene Vorhaben die größte Wirkung entfalten kann. WIE KÖNNEN UNSERE LESER IHRE ARBEIT UND DAS PROJEKT UNITE FOR SIGHT UNTERSTÜTZEN? Die einfachste Form ist eine Spende. 100 Prozent davon ermöglichen die eben beschriebenen Operationen. Wer darüber hinaus an unserem Programm Global Impact Core teilnehmen will, der hilft unseren Augenärzten vor Ort und sammelt ihr Feedback, damit wir aus allem lernen können. Und dann möchte ich Sie alle einladen, unsere Konferenz in Yale zu besuchen. „Pitchen“ Sie uns Ihr eigenes soziales Projekt, vielleicht wird Ihr Einsatz mit einem Preis belohnt. Links: Ein Arzt in Ghana passt einer Frau ihre erste Brille an, unterstützt wird er von Unite for Sight. Oben: Die Gründerin der Organisation, Jennifer Staple-Clark, in der „Pioneers“-Kampagne der Modemarke Gant, fotografiert von Willy Vanderperre.

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Unite for Sight; Willi Vanderperre für GANT

WELCHEN DER ANDEREN „GANT-PIONIERE“ BEWUNDERN SIE BESONDERS FÜR DAS, WAS SIE ODER ER FÜR EINE BESSERE WELT TUT? Ich habe mich über alle von ihnen informiert. Einen, George Weiner, traf ich am Set der Fotoproduktion, wir hatten den gleichen Termin. Ich hatte George 2007 kennengelernt, als er sich für das Freiwilligen-Portal Do Something einsetzte, aber seitdem nicht gesehen. Jetzt sorgt er mit Whole Whale dafür, dass Not-For-Profit-Projekte und NGOs ihre eigenen Daten richtig auswerten und digital verbreiten. Mit der Power des Internets und Social Media.


CHRISTA RIT TER

Rainer Langhans und Jutta Winkelmann in Indien

LESEN SIE DAS 1. KAPITEL DES BUCHES „STYX: DIE REISE BEGINNT“ VON CHRISTA RITTER. DARIN BESCHREIBT SIE EINE DRAMATISCHE INDIEN-REISE MIT DEM HAREM UM RAINER LANGHANS. MEHR ÜBER DIE AUTORIN AUF WWW.ENOUGH-MAGAZIN.DE

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privat

mmer wieder totschlagen! Wie die Furien ackerten wir in unserem Labor der Selbsterfindung, dem Münchner Harem, und vernichteten über die letzten Jahrzehnte alles, was uns vom richtigen Leben abhielt. Nur gefühlt alles: Denn alles muss raus! Motto: Bei uns werden keine Zärtlichkeiten ausgetauscht, sondern Grobheiten. Denn wenn eine Frau aus der Komfortzone ins Himmelreich will, muss auch sie durch die Hölle gehen. Vorwärts sterben lernen der Liebe wegen. Oder so.

Ein Rolls neben dem leprakranken Bettler, ein Fünfsternehotel, daneben Hüttenruinen, bedeckt von zerfetzten Lumpen. Alles schillert doppeldeutig: Das Luxushotel erscheint wie ein hässliches Versprechen, die Hütte als erleuchtete Bescheidenheit. Neonbeleuchtetes Takeaway-Sweet-Dreams-Lokal neben einem uralten, zerbeulten Alutrog auf einem dreibeinigen Stuhl schwankend, in dem Chai für die Nachbarschaft (nur Männer!) stundenlang geköchelt wird. Jutta: „Mit uns finde ich es schon jetzt verdammt schwierig. Immer bin ich der Trottel, der vorgeführt werden soll. Diese ständige Konkurrenz unter uns: Ich sitze gestern mit meinem kaputten Rücken im Taxi eingequetscht oder kann hinter allen nur mühsam hertrotten. Niemand hilft mir.“

Juttas Krebs ist zurück. Diesmal nicht wie vor zehn Jahren als Brust-, sondern als fortgeschrittener Knochenkrebs. Warum meine Harems-Sista, warum überhaupt, was will ihr der Krebs sagen? Was bedeutet diese tödliche Zellen-Explosion auch für mich? Plötzlich war Jutta entschlossen: nach Indien reisen, um zurück zum größeren Leben zu finden. Rainer an ihrer Seite, Brigitte und ich als ihre Sterbebegleiterinnen. Neu-Delhi: Der Ameisenhaufen Indien scheint in seinem Widerspruch von Himmel und Hölle die reale Welt im Miniformat ganz direkt und verstörend schonungslos abzubilden. Als Lebensrad der Illusionen aus Hoffnung und Qual: Arm und Reich unmittelbar nebeneinander.

„Weißt du, Rainer, dass du so ein Arschloch bist? Ich will mit dir schon jetzt nichts mehr zu tun haben. Ich will dich auch nicht dauernd anheulen mit so was wie ,lieb mich doch auch‘. Fuck off, scheiße, geh weg, mir ist das so arschegal! Es reicht mir total. Wo wart ihr in all den letzten Jahren mal trans-pa-rent? Ich bin sehr krank und versuche, damit irgendwie zu leben, erwarte aber von euch auch etwas Hilfe. Dass zum Beispiel Rainer mal zu mir kommt und nicht nur mit Brigitte hinten

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MIND rumtuschelt. Christa, ich gebe dir nachher mal ein paar Vitamine, damit deine Erkältung nicht noch schlimmer wird.“ Ich: „Ich habe mir vorhin Tee geholt, wollte keine Lungenentzündung riskieren. Daher geht es mir schon ein bisschen besser.“ Jutta: „Gleich besorgen wir vom Markt noch Zitronen zum Ausquetschen … Rainer: „Mich überrascht nicht, was du jetzt hier wieder abziehst. Du kannst dich doch einfach mal bewegen.“ Jutta: „Ich habe so eine Wut, dass ich am liebsten ein Brett nähme, um es dir und Brigitte über den Kopf zu hauen. Dass ich das nicht tue, ist schon eine Bewegung.“ Rainer: „Ja, genau …“ Jutta: „Die Frage ist: Warum bewege ich mich nicht woandershin?“ Rainer: „Genau, du führst seit Jahrzehnten ein Leben mit deiner Schwester, zusammen essen und Schuhe schnüren und … dein Krebs signalisiert aber etwas anderes: dass es dir ernst ist, dass du etwas verändern willst, der Krebs ist also widervernünftig, oder?“ Jutta: „Das klingt so scheiße. Den Krebs hast du mir wirklich eingebrockt, das weiß ich ganz genau.“ Rainer: „Der Krebs ist aus deiner Hoffnung auf ein anderes Leben entstanden.“ Jutta: „Nein, weil du mich so entsetzlich verlassen hast. Und dich das auch nicht im Geringsten gekratzt hat, was du mir da angetan hast. Ich bin deshalb so böse, das ist einfach schrecklich.“ Ich: „Böse, böse, böse …“ Jutta: „Ich habe keinen Fatz Liebe in mir. Ich könnte euch auf den Mond schießen.“ Der alte Mann und Rainer scheinen um die Liebe desselben Meisters, die höchste Liebe, zu wissen. Die höchste? Sie schauen sich im Innenhof des Aschrams in die Augen und Tränen fließen. Auch ich muss weinen. Das Leben ist in einer eigenartigen Schwebe, so scheint mir, alles hinter der täglichen Gewalt ständig in liebender Bewegung auf etwas Eigentliches hin. So etwas wie ein Nichts? Meine Unsicherheit auf diesem mühsamen Weg ins Unbekannte ist also realer als die behauptete Sicherheit auf dem Trampelpfad, mit dem ich mich noch immer häufig identifiziere? Im Haldiram ist es wohl immer voll, hoher Umsatz, du isst in dieser Fastfood-Kette aus Plastikgeschirr, aber kein verkochtes altes Zeug. Besonders gut für empfindliche westliche Mägen. Abends fällt mein Mail-Account im Hotel aus und ich gerate in Panik. Keine Mails, weder raus noch rein. Verdammt. Was ist los? Mit meinem Netbook renne ich von Zimmer zu Zimmer, zuletzt zu den Jungs eine Etage tiefer. Vorerst ist keine Lösung in Sicht. Ausfallende Technik verursacht bei mir leicht einen depressiven Anfall: Ich kriege die verdammte Welt nicht hin, ich kriege mich nicht hin! Loser! Wie gehetzt versuche ich, das Gerät wieder zum Laufen zu kriegen und alles wird nur immer schlimmer. Schließlich gebe ich auf und tröste mich mit einem herrlichen Abendessen: Papaya, Orangen, getrocknete Aprikosen, Physalis, Cashews, Pistazien, Mango, Banane, grüne und blaue Rosinen, Mangostan, Granatapfel für alle. Wir schwelgen. Schreiben, Aufladen der Geräte, duschen, schlafen. Schnarchen irgendwann. Und Lüfte, wegen des späten Frucht-Diners. In der Altstadt: übereinandergeschichtete, nein, geklebte, dann in der Luft verankerte Bauteile, alte wie neue, die sich als Lehm, Marmor oder Beton miteinander anfreunden mussten, wie es den erfinderischen Maurern gerade passte. Ein paar Knäuel Kabel wurden irgendwie mehrfach und im Kreuzstich in die Richtung der Dächer geworfen, ich vermute, vom Monsun unterstützt, und dann hat so ein wilder Typ mit eng anliegendem schwarzen Turbanstrumpf und flackerndem Blick

die Kabelenden mit seinen spitzen Zähnen zusammengebissen. Pfuitt! Und schon hatten sie Strom, diese Wahnsinnigen, die hier in den Irgendwie-Häusern wohnen. Wir verschwinden in eine enge, etwa drei Meter breite Seitengasse, weg vom Boulevard mit seinen Müllhaufen. Ich habe den Abfall um Chandni Chowk genau gesehen: Dal- und Gemüsereste, deren sich nicht einmal eine heilige Kuh oder ein räudiger Hund erbarmt hatte, zwischen verkohlten Gummireifenstücken und zertretenen Gebetsblumen, verrosteten Eisenteilen und verklebtem Zeitungspapier. Die Gasse durch den alten Basar ist so schmal, dass wir hintereinanderlaufen müssen. Moped-Artisten und Handkarren, übervoll mit Granatäpfeln, Blumenketten und jeder Sorte Bananen. Goldschmuck neben Elektroschrott. Es duftet nach Weihrauch, Zimt, Seife, verbranntem Plastikmüll und schweren Lilien, Kerosin und Rosenwasser. Blass lehnt sich Brigitte in einen Hauseingang, hält sich den Schal vor die Nase. Duft oder Gestank, das ist die Frage. Atemlos drängelt es hinter und vor uns. Ich springe zur Seite, stürze fast, erwische ein Stück Mauer, halte mich fest. Überhaupt: Immerzu hupt oder klingelt auf indischen Straßen irgendein Gefährt. Unaufhörlich, nervig ohne Ende, aber offenbar zu aller Menschen Vergnügen. Aus der alten Körper-Matrix führt der Weg zunehmend in etwas Ungewisses, ein unendlicher, fließender Übergang. Der Styx als Wasser des Grauens und der Schönheit. Jutta stolpert fast über eine sterbende Ratte, die Menschen starren uns unverwandt an, selten scheinen in diesen verwackelten alten Mauern Europäer aufzutauchen. Brigitte schaut gepanikt, sie könnte kotzen, sagt sie und will nur noch raus aus dieser Hölle. Sie ist blass und verzieht gequält ihr Gesicht. Hier sei es schmutzig und hässlich. Jutta wirkt eher munter, fotografiert, beobachtet. Auch mir geht es gut, ich find’s wunderschön, aufregend, lebendig, ich fühle mich richtiger, irgendwie entfesselt auf dieser Nachtmeerfahrt, gleichzeitig fröhlich schwebend, obwohl mir die Beine langsam sehr weh tun. Ich streichle noch hastig das zarte Maul einer weißen (heiligen) Kuh am Straßenrand und schon stehe ich gerade mal auf den Zehen zwischen hin- und herschwankenden Menschen in einer vollgestopften U-Bahn, gebe beim Umsteigen jeden Halt auf und mich dieser treibenden Masse hin, mit ihnen zuversichtlich schubsend, quetschend, um beim nächsten Halt, meine verlorenen Leute suchend, an die rettende Oberfläche des unterstädtischen Molochs zu hetzen. Endlich oben frische Luft schnappen, wenn auch versetzt mit scharfem Smog. Ihr könnt euch vorstellen, wie wunderbar beruhigend mir nach solchen körpernahen Ausflügen mein weiches Bett erscheint. Vorher aber noch: lauwarmes Duschen, frische Früchte usw. Jutta: „Nicht mein Krebs – dass du schlafen kannst, ist unser Hauptthema.“ Brigitte: „Das ist auch wichtig!“ Jutta: „Aber dass ich vor Schmerzen keinen Schlaf kriege, kratzt keine Sau. Guck nicht rum, sondern besorg mir mal ein Bügeleisen. Dafür bist du mit, um mich zu unterstützen. Bisher geht es nur darum, dass du gepflegt wirst. Aber ich bin die Kranke und ich habe dich mitgenommen, weil ich jemanden brauche, der mich auffängt.“ Brigitte: „Der dir ein Bügeleisen besorgt.“ Jutta: „Es ist hier alles furchtbar und schön und schrecklich zugleich. Rainer hat Durchfall, und Gisela meldet sich am Smartphone aus Kalifornien: Aha, dann steckt ihr euch vermutlich an.“ Jutta: „Nee, überhaupt nicht.“ Brigitte: „Wir essen ja keine Krümel von einem indischen Boden vor ei-

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CHRISTA RIT TER nem indischen Restaurant.“ Jutta: „Rainer fiel gestern wirklich in der schlimmsten Gegend, die du dir vorstellen kannst, sein Eis runter auf den Boden. Das musste er natürlich wieder aufheben und sich in den Mund stecken.“ Ich: „Hab auch schlecht geschlafen, bin heute früh ein bisschen genervt. Von der ungewohnten Nacht mit einem völlig in sich gekehrten Mann neben mir, der auch noch mit heftigen Durchfallattacken jede Viertelstunde ins Badezimmer stürzt und Flüssiges rausdonnert. Und außerdem die beiden anderen Frauen. Sind Frauen nicht furchtbar, Gisela? Entsetzlich.“ Jutta: „Nur du nicht.“ Ich: „Das Deprimierende ist, ich bin eine davon.“ Inzwischen in Varanasi, der Stadt der Toten: Zwischen den Geschäftigen werden neben mir in Tücher eingewickelte Tote transportiert, begleitet von Musikanten und Sängern lachen Kinder, kacken heilige Kühe und weniger heilige Ziegen, ist überhaupt der Teufel los. Oder haben wir das Diesseits längst hinter uns gelassen und sind gar in die Nähe Gottes geraten? In beiden Vehikeln sitzen wir überbesetzt: Dany vorn neben dem Fahrer fast auf der Gangschaltung, drei von uns hinten auf der Sitzbank, die aber nur für zwei gebaut ist. Klar, alle Inder fahren überbesetzt. Unser zweites Tuk-Tuk sieht nicht anders aus. Wir schlängeln uns völlig unbeirrt zwischen sperrigen Ochsenkarren, Hunden (auch viele!), Taxis, Lkws (oft turmartig mit Warenballen überladen), klingelnden Fahrrädern, hupenden Motorrädern, Fahrradrikschas, Diesel stinkenden Bussen, von rechts nach links einbiegend, überquerend, rückwärts als Geisterfahrer, dazwischen Bettler, die uns ihre Hände entgegenstreckten, Schulkinder in Uniformen, die uns anlachen oder neugierig beobachten. Auf den Schoß unseres Fahrers springt plötzlich ein Polizist (so mitzufahren ist verboten!), im Sprung checkt er, dass dort auf der Gangschaltung schon Dany sitzt, er dreht sich schnell noch im Sprung, eine Pirouette drehend, geschickt zur Seite und landet grimmig zurück auf der Straße. Ein Varanasi-Loop! Puh! Did you see this? Balwinder turns her head asking about the flying policeman. Yes we did! Oder: Kung Fu in Varanasi? Wir lachen und ringen nach Luft, als wir am ersten Ghat unserer Himmelfahrt einlaufen. Ich kenne nur wenige Frauen, die sich trauen, wirklich ins Unbekannte ihrer tiefen Lieblosigkeit hineinzuschauen, ihr Inneres mit all dem Hässlichen zu erforschen und es ans Licht zu holen, sage ich. Brigitte war schon seit gestern Abend in heftige Eifersuchtsgefühle abgetaucht und vereiste zusehends weiter. Jede litt auf ihre Weise: nicht genug Aufmerksamkeit, Zuneigung, Resonanz. Alte Verlassensängste meldeten sich als Attacken der Boshaftigkeit: Eh du es merkst, rasen sie wieder in dir, du stürzt mitten ins schwarze Loch. Jede will als Einzige konditionslos geliebt werden. Ich auch! Brigitte: „Hör auf mit der alten Scheiße, lass uns einen neuen Ansatz finden.“ Jutta: „Nein, ich will keinen Ansatz finden. Schon neben den Toten habe ich gedacht: Hoffentlich fährt sie endlich.“ Brigitte: „Da siehste mal, das ist doch wenigstens ehrlich.“ Jutta: „Ich bin dauernd ehrlich, nur du bist es nicht. Es interessiert dich null, was ich mache.“ Brigitte: „Dieses uralte Gekeife ödet mich an. Kannst du mal aufhören?“ Jutta: „Nein, ich mäßige mich überhaupt nicht mehr. Ich habe mich jetzt dreißig Jahre gemäßigt. Kurz vor meinem Tod werde ich mich null mäßigen, null!“ Ich: „Jutta, hör auf mit deiner Opfer-Arie, die macht

dich noch kränker. Und sie kotzt mich an!“ Jutta: „Null werde ich mich mäßigen, null! Mir scheißegal!“ Diese Hölle mangelnder Selbstwahrnehmung will sich auf dieser Höllenfahrt erlösen. Toben, Stille, die Illusion des Mangels hat sich verflüchtigt. So wird aus unseren häufigen Encountern Schritt um Schritt ein wenig Liebe, Freundlichkeit, Zärtlichkeit. Seit fast 40 Jahren läuft dieser Haremsprozess in vielen Facetten bei jeder von uns. Eine lange Zeit der Suche als vielleicht das einzig Wahre, um aus der Opfer-Projektion und alltäglicher Gewalt Schritt um Schritt rauszufinden. Wenn wir nicht hinter allem Geschrei zuversichtlich wären, hätte sich jede möglicherweise längst wieder an eine tröstende Schulter der klassischen Versorgung gelehnt. Nach dem Motto der alten Matrix: die Frau an seiner Seite. Nie und nimmer! Jutta: „Warum akzeptiere ich mich nicht so, wie ich bin? Ich kann keine Heilige werden, nicht den Krebs in einem Amoklauf besiegen, nicht erzwingen, dass mich irgendjemand liebt, nicht verlangen, dass die Frauen sich über die Reise freuen, dass sie mich als Gegengeschäft lieben, dass auch Rainer mich liebt oder meine Schwester oder Gott. Nichts geht mehr. Und langsam fühlt sich das schön an. Manchmal ganz friedlich. Ich muss nichts erreichen!“ Rainer und ich liegen wie zwei dahingeworfene Puppen auf dem Bett und halten unsere Hände. Es wird ein ganz behutsames Streicheln. Ich bin erstaunt. Ganz langsam, ganz bewusst, wie beim ersten Mal, erkundende Küsse, zartes Streicheln. Ich bin nackt, braun und dünn, und mir fehlt eine Brust. Aber das bedeutet nichts, alles ist schön, exquisit und sehr hell und offen. Alles ist unbekannt. Ich kenne den Mann da gar nicht, dieses schöne, fremde Wesen auf meinem Bett. Aber irgendwie leuchtet er so 3-D-mäßig, ganz detailliert und real, und das bin ich auch. Warum mache ich dauernd davor die Augen zu? Warum habe ich so viel Angst vor der Liebe? Weil es dann kein Zurück gibt? Weil sie so saugefährlich ist? Weil sie geteilt sein will und nichts zum Festhalten ist? Ich weiß es doch eigentlich. Warum nur bin ich so wahnsinnig dumm? In diesem Moment habe ich keine Angst mehr. „Es ist nicht leicht, dich zu lieben“, sage ich zu Rainer. „Och“, sagt Rainer, „finde ich eigentlich nicht … es ist nicht mehr so schwer … eigentlich …“ Ich frage ihn, ob ich mich auf ihn legen kann und ob ihn meine Vernarbung der entfernten Brust nicht stört. Er findet sie auch eigenartig, aber mit seinen rauen Händen streicht er darüber. Es ist so still hier im Zimmer. Im Auge des Hurrikans: Keine Angst, keine Hetze. Ich lege mich wieder neben ihn. Streichle ihn ganz langsam. Dann zuckt Rainer zusammen. Das wolle er nicht, ein wenig Samenerguss, zu weit gegangen, zu wenig achtsam, irgendwo doch über die Grenze. Er beherrscht sich mit aller Kraft. Ich spüre seine Enttäuschung. Nach sieben Wochen zurück in München: Ich blinzle hinaus in den grauen Nebel. Wie langweilig diese Stadt wirkt, dieses Paradies Wohlstands-Depressiver. War mein Leben der letzten Jahre entsprechend verschlafen? Überversorgt im Ruhestand? Deutschland, was bist du für eine graue Maus! Ich muss lächeln: Die graue Maus bin ich. Nicht bunt, indisch, laut, schmutzig und wild. Wie kann ich indisches Sterben um zu leben auf mein bequemes Sofa übertragen?

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MIND

„Jeder kann beurteilen, ob sein Auto sauber wurde oder nicht. Wenn er dann erfährt, dass der Mitarbeiter autistisch ist, verbindet er beides positiv“ – TOM D‘ERI


RISING TIDE CAR WASH

SAUBERE ARBEIT

Rising Tide Car Wash; PR

WIE EINE AUTOWASCHANLAGE AUTISTEN HILFT „Fast jeden Tag starten Kunden bei uns ihren Wagen mit Freudentränen in den Augen. Sie sind froh darüber, dass es uns gibt. Welche Auto­ waschanlage kann das von sich sagen?“, fragt Tom D’Eri. Rein rhetorisch, denn die Antwort müsste wohl „keine“ lauten. Schließlich gibt es Rising Tide Car Wash bisher nur einmal auf der Welt – in Parkland, Florida, eine halbe Autostunde von Fort Lauderdale entfernt. Knapp 45 Angestellte waschen und wienern hier im Monat bis zu 10 000 PKW. Der Grund für die eine oder andere Träne bei den Fahrern: 35 der Angestellten sind auf dem Autismus-Spektrum. Dazu hochmotiviert, detailversessen und extrem gründlich. Die Fluktuation tendiert gegen null. Die einzigartige Idee hat einen persönlichen Hintergrund. Tom, ein junger Business-Berater, und sein Dad John, ein erfolgreicher Unternehmer, sorgten sich um Toms Bruder Andrew. Mit drei wurde dieser als autistisch eingestuft. 2011 würde er seinen 22. Geburtstag feiern – und damit in den USA aus der staatlichen Unterstützung und den klassischen Hilfsangeboten herauswachsen. Die Folge ist allzu oft ein Verkümmern erlernter Fähigkeiten, weil ein Job schwierig bis gar nicht zu finden ist. Deprimierende 80 bis 90 Prozent sitzen früher oder später ohne sinnvolle Beschäftigung und soziale Stimulation zu Hause. Das wollten die D’Eris für Andrew auf gar keinen Fall. Vater und Sohn dachten über eine Firma nach, die Menschen auf dem Autismus-Spektrum beschäftigen könnte. Nach ausgedehnter Recherche kamen sie auf eine Autowaschanlage. Die Vorteile lagen klar auf der Hand: Menschen mit Autismus sind in der Regel einfacher für repetitive Tätigkeiten zu begeistern, die hohe Genauigkeit erfordern. Und durch den Arbeitsplatz unter freiem Himmel und mit reichlich Kundenverkehr sehen die Nachbarschaft, die nähere Umgebung und andere Unternehmer, wie leistungsfähig und wertvoll diese besonderen Arbeitnehmer sind. „Jeder kann beurteilen, ob sein Auto sauber geworden ist oder nicht. Und wenn er dann noch erfährt, dass der Mitarbeiter autistisch ist, verbindet er beides positiv miteinander“, erläutert Tom D’Eri. Die autistischen Angestellten werden zusehends selbstbewusster, und ihr Verlangen

Mit Rising Tide Car Wash schuf Familie D’Eri aus Florida ihrem Sohn Andrew eine echte Job-Perspektive. Ein Herzensprojekt zum Nachmachen! nach Austausch mit anderen steigt. Sie werden Teil einer größeren Gruppe – und das besondere Business regt einen Austausch über Autismus und Behinderungen im Allgemeinen an. Ein Jahr später zog die gesamte Familie, auch Johns ExFrau Donna, bei der Andrew lebte, von New York ins Umland von Miami. Sie fanden eine Waschanlage mit trüber Zukunftsaussicht und eröffneten dort am 1. April 2013 ihre Rising Tide Car Wash. Ohne Zuschüsse oder Darlehen. Erste Medienberichte und TV-Beiträge ließen die Waschanlage förmlich explodieren – das Geschäft boomt. Bis heute. Deshalb hat John D’Eri auch große Pläne: Drei Stationen sollen es Ende 2016 sein, die gut 150 Mitarbeiter beschäftigen. 80 Prozent von ihnen Autisten. Autismus betraf in den 1980er-Jahren noch etwa jedes 10 000. Kind in den USA, heute erhält jedes 68. Kind dort die Diagnose „auf dem Spektrum“ zu sein. Könnten also Projekte wie Rising Tide Car Wash ein Beitrag zur Bewältigung eines wachsenden Problems sein und den betroffenen Menschen und ihren Familien eine Perspektive sowie Entlastung bieten? Dazu würden Tom und John D’Eri gern Forschungen anstellen, gemeinsam mit Autismus-Organisationen und Therapeuten. Ihre Theorie: Jedes Business kann so strukturiert werden, dass autistische Menschen darin eine Rolle spielen und Verantwortung übernehmen können. Ein Job ist gleichwohl kein Allheilmittel, und nicht alle Autisten gehören in die Kategorie „hochfunktionell“ oder gar „Mathe-Genie“, wie es Hollywood uns gern weismacht. Und doch inspiriert der Ansatz von Rising Tide Car Wash als sinnvoller Baustein im Umgang mit Menschen mit

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Behinderungen wie Autismus. Vor allem, weil Tom und sein Vater nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Schicksal, das Familien mit einem autistischen Kind ereilt, alles andere als roses and daisies bedeutet. „Mein Bruder Andrew weinte viel, sein Verhalten war unberechenbar. Für mich selbst bedeutete das, meinen Eltern bloß nicht auch noch Probleme zu bereiten. Sie hatten ja alle Hände voll zu tun mit Andrew.“ Auch finanziell, denn die 40 Stunden Intensiv-Therapie jede Woche, welche die Familie für Andrew bezahlte, belief sich auf rund 100 000 Dollar pro Jahr. Sie wollten ihn bestmöglich fördern, nur in die Ewigkeit verlängern ließ sich diese Kostenbelastung natürlich nicht. Vor allem, als mit Andrews Eintritt ins Erwachsenenalter jegliche staatliche Unterstützung versiegte. Statt zwei Stunden am Tag irgendeiner unbezahlten Sortiertätigkeit in einem Büroarchiv nachzugehen oder als Einpackhilfe bei Walmart zu landen, wünschten sich Andrews Eltern eine echte Chance für ihren Sohn. Die sie ihm schließlich selbst boten. Und mit ihm vielen weiteren Betroffenen. Bei bis zu zwölf Dollar Stundenlohn plus Trinkgeld. „Unser General Manager kommt aus der Gastronomie“, erzählt Tom D’Eri, „und er ist immer wieder beeindruckt von der konzentrierten Arbeitsweise unseres Teams, von ihrem Stolz, bei uns einen Platz gefunden zu haben und Verantwortung übernehmen zu können, und vom Arbeitseifer.“ Doch was ist mit den Kontaktproblemen, die Autisten oft von der Außenwelt ausschließen? Das treffe auch auf ihre Mitarbeiter zu, erklärt Tom D’Eri. Aber mit wachsender Routine und positiver Interak­tion mit Kunden anhand vorgefertigter Sätze würden fast alle ihre Scheu Zentimeter für Zentimeter ablegen. Für jene, die „hochfunktionell“ autistisch sind oder unter dem Asperger-Syndrom leiden, sei Rising Tide Car Wash ohnehin nur ein erster Job. Wie für einen Collegestudenten, der in einer Burgerbratbude erste Erfahrungen sammelt. Info: Der Artikel basiert in Teilen auf einem Interview, das Tom D’Eri dem Podcast „Good Life Project with Jonathan Fields“ gab. Das Gespräch und weitere Informationen finden Sie hier. „Besuchen“ Sie Rising Tide Car Wash einmal in diesem Video.


KUSCHELN FÜR CASH

Wir tragen Hightech in der Hosentasche, himmeln Silicon Valley und seine tollkühnen Gründer an und sehen einander vor lauter Bildschirmen nicht mehr. Unsere Grundbedürfnisse haben sich aber seit der Ära von Mammut und Säbelzahntiger kaum verändert: Zeit, Nähe, Berührung. Die Folge: Kuscheln wird zum Service, wie R. Tod Kelly erfuhr

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Flickr.com/Arup Malakar

„DRÜCK MICH. GANZ FEST. FÜR GELD.“


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eht es dir gut?“, fragt die attraktive junge Frau, die auf mir liegt. „Willst du es weiter auf diese Art machen oder die Position wechseln?“ „Ja, lass uns wechseln“, antwortete ich. Vielleicht ein wenig zu hastig, um noch freundlich zu klingen. Aber ich wollte wirklich schon eine ganze Weile anders liegen. Wirklich! An dieser Stelle sollte ich vielleicht erklären, dass die Frau auf mir, deren Name Sam lautet, vollständig bekleidet ist und wir keineswegs Sex haben. Sam ist eine professionelle Kusch­ lerin, was eben kein abgelehnter Martina-HillSketch für „Knallerfrauen“ ist, sondern eine echte Aufgabe. Für rund 100 Euro pro Stunde berühren professionelle Kuschler ihre Kunden. Auf, wie sie betonen, komplett platonische Weise. Manchmal auf einer Couch, gelegentlich auf einem Teppich, meist

hundert-Version archaischer Barrikaden ging und sich mächtig sträubte: Ich hatte es einfach nicht nötig, eine hübsche Frau dafür zu bezahlen, dass sie keinen Sex mit mir hatte. Ich war erfolgreich und gutaussehend genug, um gratis nicht mit ihr zu schlafen. Herzlichen Dank auch. Trotzdem hatten die Profi-Kuschler und ihre „Patienten“ in einem Punkt absolut recht: Je mehr ich über ihre Welt als ein objektiver Beobachter erfuhr, desto weniger kapierte ich das Wie und Warum. Und so schluckte ich schließlich widerwillig meinen Stolz herunter, machte einen Termin und begann zu überlegen, wie ich das meiner Frau erklären sollte.

Männer ist platonisches Anfassen richtig problematisch, wenn man es durch die Brille größerer Gruppen betrachtet. Soll ich meine männlichen Freunde umarmen, wenn ich sie treffe, oder ihnen bloß die Hand schütteln? Übertrete ich die Grenze des guten Tons, wenn ich eine Frau berühre, mit der ich nicht zusammen bin? Wie oft und in welcher Weise darf ich sie in der Öffentlichkeit anfassen, ehe ein Skandal daraus wird, auch wenn sie einverstanden ist? Was ist mit den Kindern meiner Freunde: Darf ich sie halten oder ein „High Five“ austauschen? Oder ist der Fakt, dass dabei meine Haut die ihre berührt, bereits Anlass für den Anfangsverdacht einer unaussprechlichen Straftat?

„Auf welche Position hast du jetzt Lust?“ Sam liegt immer noch auf mir, als sie mich das fragt. In einer Position, die sich Seestern

Diese Überlegungen machen deutlich: Wenn wir uns heute auf nicht-romantische Weise berühren, dann bewegen wir uns auf extrem

„Wenn Kuscheln ein Urbedürfnis ist, dann macht unsere Gesellschaft eine Ware daraus“ jedoch auf einem Bett. Wie ein professioneller Escort-Service, dessen Dame oder Herr Sie aber in die „Freunde-Zone“ verbannt hat. Wie eine ausgedehnte post-koitale Umarmung ohne lästigen Geschlechtsverkehr vorweg. Löffelchen ohne f*cken, wenn Sie so wollen. Seitdem ich davon hörte, dass es eine aufstrebende Kuschel-Industrie gibt, wusste ich: Darüber musst du schreiben. Ich sprach also mit einer ganzen Reihe professioneller (Be-) Kuschler und ihren Kunden; ich fuhr sogar zur CuddleCon, der ersten Kuschel-Messe der Welt. Jeder, mit dem ich mich unterhielt, sagte mir dabei das Gleiche: Solange ich es nicht selbst versuchte, würde ich professionelles Kuscheln nie begreifen. Zunächst blockte ich bei dieser Idee innerlich ab. Jemandem 100 Euro dafür zu zahlen, dass er sich an mich schmiegt, erschien mir recht kostspielig für eine leidlich komfortabel verbrachte Stunde. Ich merkte auch, dass mein männliches Ego auf eine moderne, 21.-Jahr-

nennt. Ich liege dabei bäuchlings auf Sams Bett, mein Gesicht in ein Kissen gedrückt. Sam liegt direkt auf mir, ihre Brust gegen meinen Rücken gepresst, ihre Arme und Beine exakt auf meinen. Keine leichte Übung, so auf einem Bett zu liegen, in gleichsam intimer wie platonischer Berührung – und nicht eine Sekunde an Sex zu denken. Denn beim Seestern unten zu liegen, das fühlt sich für mich so an: Sam hat sich beim rein hypothetisch vorangegangenen Akt alles von mir geholt, was sie braucht, hat das Gelobte Land eines Orgasmus aber vor mir erreicht und ist danach einfach auf mir eingepennt, ohne sich die Mühe zu machen, sich herunterzurollen. „In diesem Moment“, antworte ich ihr mit größerer Ehrlichkeit, als ich es sonst vermag, „ist mir alles andere lieber. Egal was!“ *** Unsere moderne Gesellschaft hatte schon immer eine schwierige Beziehung zu der nicht-romantischen Berührung. Gerade für

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unsicherem Terrain, dessen Oberfläche sich ständig weiter verändert. Berührungen, die gestern noch als offensichtlich sexuell motiviert gesehen wurden, können jetzt schon zur Etikette gehören und morgen entweder allgegenwärtig oder wieder verboten sein. Abgesehen von diesen teils schizophrenen Unsicherheiten rund um die platonische Berührung haben wir Menschen als Säugetiere einen tief verwurzelten, genetisch getriebenen Drang danach. Besonders für Primaten liegt die psychologische Wichtigkeit der Berührung in der Maslowschen Bedürfnishierarchie näher bei Nahrung und Wasser, als man denkt. In den 1950er-Jahren führte der berühmte Verhaltensforscher Harold Harlow eine Reihe von Experimenten durch, bei denen Puppen als Ersatzmütter für Rhesusaffenbabys eingesetzt wurden. Die Puppenmamis konnten alle ihren Nachwuchs „versorgen“, jede aber war aus einem anderen Material gefertigt. Manche bestanden aus Draht und Holz, andere waren


KUSCHELN FÜR CASH

In diesem Licht betrachtet, überrascht das Konzept des professionellen Kuschelns als Konsumgut kaum. Wenn menschliche Berührung ein urzeitliches Grundbedürfnis ist, dann findet unsere moderne Welt natürlich einen Weg, daraus eine Handelsware zu machen. Die eigentliche Überraschung ist also eher, warum erst jetzt jemand darauf kommt, den Unberührten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Kuschel-Kunden, mit denen ich gesprochen habe, sind, wenig verwunderlich, nicht gerade Männer, die man mit „Glück in der Liebe“ beschreiben würde. Die meisten von ihnen verdienten auch eher wenig Geld, knapsten davon dennoch jeden Monat genug ab, um sich eine Dosis Kuscheln leisten zu können. Und alle von ihnen gestanden mir im Vertrauen: Sie fühlten eine Verbindung und Nähe zu ihrer Bekuschlerin, die über das normale Verhältnis zwischen Dienstleister und Kunde hinausgeht. Irgendwann einmal, so ihre gehegte Hoffnung, wenn sie genug Sitzungen gekauft hätten, würden sie mit ihrer Bekuschlerin in den Sonnenuntergang reiten. Ich lächelte sie an, als sie mir von diesem sehnsüchtigen Traum erzählten. Beteuerte, dass ich ihnen das von Herzen wünsche. Ich wusste ehrlich nicht, was ich sonst hätte sagen sollen.

„Kuschel-Kunden hoffen insgeheim, dass mehr daraus wird“

*** Ehe unsere Sitzung begann, versuchte mir Sam zu erklären, was sie an ihrem Job so reizt. Professionelle Kuschler, sagte sie, geben ihren Kunden das Gefühl bedingungsloser Liebe. Ich erinnere sie daran, während wir uns vom Seestern in die Grundposition des Löffelns bewegen. Als ihre Arme mich von hinten umschlingen, teile ich ihr meine Zweifel mit, dass jemand einen Service, für den er bezahlt, als bedingungslos ansehen könnte. „Genau da liegst du falsch“, flüstert mir Sam mit ihrer Singsang-Kuschel-Stimme ins Ohr. „Geld ist bloß ein Weg, um Wertschätzung auszudrücken. Wenn ich meinen Kunden eine Sitzung berechne, dann zeige ich ihnen damit, dass ich sie mehr liebe als ihre Ehefrauen oder Freundinnen. Das ist die Bedeutung von Geld: Ich liebe dich mehr.“ Ich entgegne, ob sie das wirklich glaubt. Ob sie im Ernst lieber einen

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guten Freund hätte, der nur weiterhin mit ihr Zeit verbringt, wenn sie ihn oder sie stundenweise bezahlt. „Du grübelst zu viel“, sagt sie und beendet damit die Diskussion. Und so liege ich also da, in den Armen meiner professionellen Kuschlerin und werde bedingungslos geliebt. Solange ich die Rechnung bezahlen kann. Ich habe keinerlei Zeitgefühl und weiß also gerade nicht, wie viele Minuten mir in dieser Sitzung wohl noch bleiben. Ich hoffe, es ist bald vorbei. Hier wird auch gekuschelt: cuddlery.ca, thesnuggery.org, seelenmassage-hamburg.de, alle-kuschelpartys.de (Anm. d. R.: Für die Seriosität der angebotenen Leistungen sowie auf diesen Websites gelisteten Events kann keine Haftung und Garantie übernommen werden!)

istock.com/AleksandarNakic

mit weichem Stoff überzogen. Harlow fand heraus, dass jene Affenbabys, deren Ersatzmütter aus einem Material waren, das sie gern anfassen mochten, glücklich und psychologisch unauffällig aufwuchsen. Dagegen wuchsen die Babyaffen, die komplett ohne weiche Berührung oder deren billige Imitation groß wurden, zu unzufriedenen Wesen mit gewalttätigem Verhalten gegen sich und ihre Umwelt auf. Als ich von Harlows Forschungsarbeit las, stellte ich mir diese unberührten Äffchen als Teenager in schwarzen Goth-Klamotten und bleichem Make-up vor, die sich in ihren Zimmern verbarrikadieren, Evanescence hören und grottige Gedichte schreiben. „Du verstehst mich nicht“, schrie sie in meiner Fantasie ihren Puppenmüttern entgegen. Und: „Wäre ich doch nie geboren.“


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WEGWEISER

WER LIEBT, MUSS AUCH NEIN SAGEN LERNEN

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as haben Sie schon alles aus Liebe gemacht? Vielleicht Ewigkeiten auf das erste Date gewartet, Blumen verschenkt, Kinder getröstet, an Krankenbetten gesessen und einen Seitensprung verziehen. Die echte Liebe ist ganz anders als in einem Rosamunde-Pilcher-Roman, das wird uns mit jedem Lebensjahr klarer. Die schwerste Lektion aber lernen viele erst sehr spät oder nie: aus Liebe Nein zu sagen. Ich erinnere mich an eine Frau, die ihren Partner über zehn Jahre lang finanziell versorgte. Er trat während dieser Zeit ständig auf der Stelle: Mal fand er angeblich keine angemessene Stelle, dann war er krank. Und wenn er doch einmal kurz einen Job hatte, brauchte er das Geld für sich selbst. Ihre Reaktion hätte lauten müssen: Ich liebe dich, aber dieses Verhalten endet jetzt. Ein anderer Mann, durchaus wohlhabend, hatte drei Töchter allein aufgezogen. Sie gingen als Teenager aber doch lieber auf Partys, brachen später ihre Ausbildungen ab, die teilweise der Vater finanziert hatte – und zogen schließlich eine nach der anderen wieder zu Hause ein. Er brachte es jedoch einfach nicht übers Herz, ihnen zu sagen: Ich liebe euch, aber ihr geht jetzt wieder. Eine junge Frau, die ich kürzlich kennenlernte, erzählte mir, dass ihre Mutter einsam sei und sie deshalb jeden Abend anrufe und in stundenlange Gespräche verwickle. „Ich halte das nicht mehr aus, aber es geht ihr doch sehr schlecht.“ Ihr wichtiges Nein wäre stattdessen: Ich liebe dich, aber das musst du auch selbst lösen. Doch warum fällt uns das eigentlich so schwer? Warum schämen wir uns, wenn andere zu Härte raten, die uns logisch erscheint, aber antworten lässt: „Das kann ich nicht machen. Ich bin doch seine Ehefrau/ihr Vater/der Einzige, den sie haben.“ Fast alles, was wir aus Liebe für andere tun, fühlt sich großherzig und edel an. „Ich habe meine alten Eltern gepflegt, bis zuletzt.“ Wer das sagt, wird bewundert. „Wir haben unserem Sohn durchs Studium geholfen, die jungen Leute haben’s ja auch nicht leicht.“ Oder: „Es stand nicht gut um unsere Ehe, aber ich habe ihm verziehen.“ Wer Nein sagen soll, fühlt sich klein und egoistisch. Wahrscheinlich hat er es sogar einmal zaghaft versucht und Antworten wie diese gehört: „Wenn du mich wirklich liebst, dann musst du mir doch helfen!“, „Wenn ich dich mal brauche, lässt du mich im Stich“ und „Wie kannst du nur so selbstsüchtig sein – gerade jetzt?!“ Wenn Sie die betreffende Person wirklich lieben, ist genau das der Moment, ihre Definition von Helfen weiter zu fassen und Nein zu sagen. Nur wenn Sie Konsequenzen nicht länger von einem erwachsenen Menschen fernhalten, ermöglichen Sie den Lerneffekt. Bei Kindern erscheint uns das normal: Natürlich könnten wir leicht die Hausaufgaben eines Zehnjährigen lösen, wenn er uns dringend bittet.

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Nach 20 Jahren in den Medien, u. a. als Textchef von „Bild“, berät und begleitet Attila Albert heute Journalisten und Verlagsmanager bei ihrer beruflichen Neuorientierung. Der Coach und Enough-Experte lebt in Zürich. Mehr auf media-dynamics.org. Aber wir tun es nicht, damit er es selbst lernt. Wir würden auch nicht im Sportstudio jemandem die Hanteln abnehmen, „damit er es nicht so schwer hat“. Denn gerade die Last ist es, die ihn stark macht. Ebenso ist es bei den Menschen, die wir lieben. Vielleicht muss der Ehemann einen Job annehmen, den er anfangs hasst, die Töchter in karge WG-Zimmer ziehen und die Mutter sich um ihr Privatleben oder einen neuen Partner bemühen. Unser Nein aus Liebe ist der Schritt, der andere vielleicht zunächst wütend auf uns macht, dann auf das Leben insgesamt. Doch am Ende gibt er ihnen Eigenverantwortung und Stärke. Denken Sie also daran, dass Ihr Nein ein Geschenk ist, dessen Wert sich oft erst später zeigt.


ECHTE FREUNDE

Was wäre, wenn Kinder in Afrika Licht zum Lesen und Lernen hätten – und Strom? Das ermöglichen Felix Hallwachs und Frederik Ottesen mit dem SolarStart-up Little Sun. Ein sonniges Duo im Gespräch

Sonnenschein für alle: Mit so einer e­ rschwinglichen und robusten LED-Solarlampe (Design: Olafur Eliasson) verändert Little Sun schon jetzt das Leben Tausender Kinder und Familien in Afrika Wie haben Sie beide sich eigentlich kennengelernt? Felix: Wir haben uns über die Firma kennengelernt, also letztlich über die verrückte Vorstellung, dass wir gemeinsam von Sonnenenergie angetriebene Geräte auf der ganzen Welt verfügbar machen können. Und zwar zu erschwinglichen Preisen. Das alles mit einer motivierenden, positiven Botschaft. Frederik k ­ annte Olafur Eliasson, unseren dritten Co-Gründer, mit dem wiederum ich bereits zusammenarbeitete. Ende 2010 steckten wir erstmals zu dritt die Köpfe zusammen und begannen diese Reise namens Little Sun.

Best Buddies: Durch das gemeinsame Abenteuer Little Sun lernten sich der studierte Architekt Felix Hallwachs und der Ingenieur und Solarvisionär Frederik Ottesen kennen und die Fähigkeiten des anderen schätzen. „Wir sehen beide oft Möglichkeiten, wo andere sie übersehen würden“, sagt Hallwachs

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Felix: Davor haben wir uns auch schon mal gesehen, bei deinem Vortrag auf der DLD-Konferenz, in dem du über Solarflugzeuge gesprochen hast. Jedenfalls beschlossen wir, unsere Kräfte zu bündeln. Zunächst nur als eine Spielerei für Freitagnachmittage. 2012 haben wir dann entschieden, dass unserer Idee nur Flügel wachsen, wenn wir ihr unsere ganze Aufmerksamkeit und Tatkraft widmen. Das tun wir seither, mit einer großen Anzahl von Unterstützern, Partnern und Freunden. Dieses Netzwerk ist überlebenswichtig und auch der Kern von Little Sun: Uns treibt mehr an als nur die konkreten Produkte, also die Solarlampen und Ladestationen. Wir glauben, dass wir alle unter der gleichen Sonne leben und allein so miteinander verbunden sind. Was mich an Frederik begeistert, ist seine starke Vision, die manchmal wunderbar irrationale Formen annimmt. Zugleich aber ist er ist der nüchterne Ingenieur.

Pili Studio; PR

Frederik: In Olafurs Berliner Studio könnte das gewesen sei. Oder in Kopenhagen?


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Unter Strom: Frederik Ottesen (l.), der Künstler ­Olafur Eliasson und Felix Hallwachs wollen mithelfen, wenigstens einen Teil der weltweit 1,1 Milliarden Menschen ohne Zugang zu Elektrizität „ans Netz“ zu bringen. Etwa mit diesem neuen Solarladegerät Frederik: Moment mal, ich halte mich für überaus rational! Es ist nur so: Wenn man eine überbordende Vorstellungskraft hat, kommen einem manchmal Einfälle völlig sachlich und möglich vor, die für andere Menschen (noch) ziemlich crazy klingen. Man ist manchmal der Zeit voraus. Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Solarenergie und dachte oft: Jetzt nimmt die Sache richtig Fahrt auf. Nichts geschah. Daraus habe ich gelernt, dass sehr viele Sterne günstig stehen müssen, damit sich ­etwas bewegt. Nur zwei Beispiele: Warum sitzen wir auf einem Langstreckenflug immer noch aufrecht? Warum verbrennen wir noch immer Unmengen von Öl? Für beides gibt es komplizierte Erklärungen, abgewägte Risiken, ökonomische Beweggründe. Nur: Man könnte das auch entgegengesetzt denken und rechnen, mit Mut und geistiger Flexibilität. Little Sun wird von unserer Überzeugung getragen, dass Menschen für ein gutes Ziel zusammenkommen. Ist das verrückt?

Franziska Russo; Maddalena Valeri; PR

Welche Werte, Meinungen und Überzeugungen teilen Sie?

Frederik: Wir fühlen uns beide wohl im Ungewissen, das ist für eine solche Mission unverzichtbar. Ich habe es mir in dieser Discomfort Zone bereits viele Jahre bequem gemacht und erlebe Felix als jemanden, der bei einem Fragezeichen ebenfalls nicht in Panik gerät. Er hat mit Olafur die wahnsinnigsten Kunstwerke und Installationen entwickelt, und jedes dieser Werke ist wie ein eigenes Start-up. Etwas Neues zu kreieren, das ist das berauschendste Gefühl, das ich kenne! Felix: Enthusiasmus ist ein wichtiges Stichwort. Nur mit eigener Begeisterung kann man ein Team anstecken. Diese Überzeugung eint Frederik, mich und viele meiner Freunde. Wir hatten das Glück, ohne große Rückschläge an Leidenschaftsprojekten arbeiten zu können. In befriedeten Ländern, ohne Armut und Nöte. Ein ungeheures Privileg. Frederik: Stimmt, das ist eine glückliche Fügung und Chance. Doch die haben andere auch, und wir sind zwei Menschen, die Möglichkeiten ergreifen und ihr Bestes tun, etwas daraus zu machen. Und was verbindet Sie jenseits von Little Sun? Frederik: Einige Jahre lang war Felix der Jung­geselle in unserer Freundschaft. Ich hatte bereits Kinder, zwei Söhne. Jetzt hat er auch einen kleinen Sohn, und plötzlich sprechen wir über Baby- und Elternthemen. Es gibt nichts Größeres im Leben als ein Kind. Und ihn das jetzt erleben zu wissen, macht mich extrem happy. Was ich ihm als mehrfacher Gründer geraten habe: Die Familie und deine Kids gehen immer vor, denn die Arbeit ist morgen noch da. So viel Spaß sie dir auch macht, und das ist wundervoll, die Prioritäten müssen andere sein. Ein Kind ist heute nicht so wie gestern, es startet in sein eigenes Abenteuer namens Leben. Und wer da nicht häufig dabei sein will oder kann, der wird das bereuen. Das hat mir früher als junger CEO niemand geraten, vielleicht hätte ich es auch nicht hören wollen. Lass die Sonne rein: Allein in Äthiopien sitzen Millionen Kinder vor flackernden Kerosinlampen, um zu lesen und zu lernen. Viele haben nicht einmal diese Möglichkeit. Dagegen kämpft Little Sun mit innovativen Produkten

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ECHTE FREUNDE Felix: Was ich beim Vatersein über das Business gelernt habe: Es ist alles nur eine Phase, die guten wie die schlechten Zeiten. Ich bewege mich einfach mit unserem Kind, wie es vom Liegen zum Krabbeln übergeht. Das hätte ich mir so nie träumen lassen. Toll! Viele unserer Interessen sind oft mit Little Sun verbunden. Wenn Tesla ein neues E-Auto vorstellt oder eine wandhohe Batterie, die ganze Häuser mit Strom versorgt – das interessiert uns beide privat wie beruflich. Frederik ist außerdem ein begeisterter Segler. Ich bin zwar nicht so gut darin, teile aber die Bewunderung für die Natur und besonders formschöne, innovative Boote.

arbeitern ein komplexes Vorhaben. Und dabei haben wir zwei so unsere eigene Sprache, die wir manchmal für Kollegen dechiffrieren müssen. Frederik: Und manchmal diskutieren wir diese Punkte auch wieder und wieder und wieder. That happens. Was sind die Vor- und Nachteile, wenn man sich freundschaftlich versteht und ein Unternehmen gemeinsam voranbringen will? Felix: Ich kenne es nahezu nicht anders, ich habe nur einen einzigen Job mit traditioneller Hierarchie gehabt. Der Rest, das mag an der Berliner Kreativszene liegen, hatte immer eine berufliche wie menschlich Komponente. In kleinen Architekturbüros, im Kunstbereich und in Start-ups läuft das immer ähnlich ab. Mit allen Möglichkeiten und Problemen. Vielleicht wird Little Sun auch mal ein großer Konzern, und es geht nicht mehr so freundlich und harmonisch zu. Aber das dürfte noch einige Jahre dauern  …

„NUR MIT EIGENER BEGEISTERUNG STECKT MAN ­ANDERE AN“

Worüber streiten Sie im (Geschäfts-)Alltag? Frederik: Belege und Spesenabrechnungen. Ich werde allmählich besser, aber zu Anfang meiner Arbeit für ein deutsch geprägtes Start-up war mir die große Bedeutung des akribischen Sammelns von Quittungen nicht so bewusst. Da hat Felix gemeinsam mit unserer Buchhaltungskollegin hier und da Überzeugungs- und Erziehungsarbeit geleistet.

Felix: Wir diskutieren oft das Warum hinter allem, was wir tun, das ist für die Effizienz eine unverzichtbare Übung. Das Design entsteht mit Olafur Eliasson, die technischen Finessen verantwortet Frederik mit meinem Input, und ich bin vor allem für die Mission und unsere Botschaft an den globalen Norden zuständig. Das ist gerade mit wenig Mit-

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t h c i n Mit t man l ü p s n Lebe

Frederik: Stimmt, das ist bei uns beiden so. Ich hatte nie einen richtigen Job! Ich bin immer meiner Leidenschaft gefolgt. Nach der Uni und dem Informatikstudium in Kopenhagen wollte ich um die Welt segeln, mit der Erde nähere Bekanntschaft machen, viel sehen. Als ich zurückkam, ging der IT-Boom los. Jeder, der irgendwas über Software und Computer wusste, konnte für eine Zeit machen, was er wollte. Ich fand einen Investor, der an meinem Küchentisch 200.000 Euro lockermachte, und los ging’s mit meinem ersten Unternehmen. Wann hatten Sie gemeinsam den meisten Spaß? Frederik: Das war, als Felix und ich vor ein paar Jahren im Senegal waren, sein erstes Mal in Afrika. Felix: Ein weiterer Beweis für Frederiks Spontaneität und seinen Enthusiasmus. Unsere Tour startete mit ein paar Kisten voller Solarlampen in Dakar, die – gut getarnt in einem Container voller alter Matratzen, Trödel und ein paar reizvollen Gütern – gottlob angekommen und nicht beim Zoll geplündert worden waren. Mit unserem Leihwagen standen wir Stunden später vor einem kleinen schrabbeligen Hardwarestore. Frederik sprang heraus, griff sich ein paar Lampen und hatte den Besitzer hinter der Theke bereits in ein Verkaufsgespräch verwickelt, ehe ich die Autotür aufgemacht hatte. Das werde ich nie vergessen. Welche Eigenschaft des anderen treibt Sie in den Wahnsinn? Felix: Die gleiche, die ich wunderbar finde – unbeirrbarer Enthusiasmus. Frederik: Felix ist regelmäßig ein bisschen spät dran. Ich versuche immer, pünktlich zu sein, und bin es in der Regel. Bei ihm fehlen doch meist zwei, drei Minuten. Das würde im Rest der Welt wohl niemandem auffallen, in Deutschland schon.

Wissen Sie, was Ihr Spülmittel verursacht? Sie kaufen kein Palmöl? Vielleicht nicht bewusst, doch der Stoff, der die Regenwälder zerstört, steckt in beinahe jedem zweiten Alltagsprodukt.

www.regenwald.org

Felix: Das ist wahr und wirklich schrecklich. Und nur zwei Minuten sind es auch nicht. Ich habe nach dem Studium einfach das akademische Viertel nicht wieder zurückgestellt, sondern verdoppelt.


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180 GRAD MIT

Thubten Jampa Vor fünf Jahren zog Dani Mieritz aus Berlin in ein buddhistisches Kloster in den USA – und in ein neues Leben

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ch bin in Ostberlin geboren. Als ich sechs Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Danach war meine Mutter mit mir und meinen drei Geschwistern völlig überfordert. Die Lehrer in der Schule meldeten der Kinder- und Jugendhilfe, dass ich offensichtlich nicht gut versorgt wurde, und ich kam für vier Jahre in ein sozialistisches Kinderheim nach Berlin-­ Hohenschönhausen. Das war eine ziemlich intensive Zeit, die mich sehr ängstlich gegenüber meiner Umwelt machte. Schon mit zehn fiel mir auf, dass die anderen Kinder in meiner Klasse viel glücklicher wirkten als ich. Das machte mich nachdenklich. Kurz nach der Wende, ich war gerade elf geworden, zog ich zurück zu meiner Mutter, die in der Zwischenzeit zwei ­weitere Kinder im Babyalter hatte. Sie wurde schwer krank, und so musste ich als so junges Mädchen die Rolle einer Fürsorgerin übernehmen. Eine tiefgründige Erfahrung, auch weil der Freund meiner Mutter mich schlug. Mit 15 hielten eine gute Freundin und ich in Berlin nach einer religiösen Gemeinschaft Ausschau, verwirrt von den Problemen in unseren Familien. Ich habe mich damals ziemlich allein und eingeengt gefühlt, suchte nach einer Zuflucht vor meinen seelischen Schmerzen. Bis dahin hatte ich keinerlei Kontakt mit einer Glaubensrichtung gehabt. Meine Eltern hatten keine Religion, waren aber auch keine waschechten Sozialisten. Nur das Christentum kannte ich, zumindest dem Namen nach. Auf eigenen Wunsch kehrt ich in eine staatliche Einrichtung zurück, um in Ruhe mein Abitur machen zu können. Meine Suche nach einer Religion ging derweil weiter. Ich fing sogar mit Sufi-Tanz an, keine Ahnung warum. Mit den christlichen Gemeinschaften hatte ich allerdings so meine Probleme. Ich verstand und fühlte dieses „Gott-System“ einfach nicht. Das Zusammentreffen mit vielen jungen Menschen gefiel mir dagegen sehr, das hatte ich in der Gesellschaft so bisher nicht erlebt. Mit 20 hörte ich vom Zen-Buddhismus. In den langen, ruhigen

Venerable Thubten Jampa wurde als Dani Mieritz in Ostberlin geboren. Sie studierte Soziologie und Politologie. Nach Stationen im japanischen Zen-Kloster und Tibetischen Zentrum in Hamburg lebt sie seit 2011 als buddhistische Nonne in der Sravasti Abbey in den USA

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Meditationssitzungen habe ich dann zum ersten Mal eine stabile Basis gefunden, verlässlichen Boden unter meinen Füßen. Mittlerweile hatte ich angefangen, an der Humboldt-Universität in Berlin zu studieren: ­Soziologie und Politologie. Die Vorlesungen waren leider ­extrem trocken, mir fehlten dabei echte Emotionen. Als ich dann ein Buch des Dalai-Lama in die Finger bekam, in dem er über eine Politik des Mitgefühls sprach, war ich hin und weg. Diesen Geist wollte ich unbedingt in mein Studium integrieren. Neben dem Buddhismus hat mich Mahatma Gandhis gewaltfreier Weg unheimlich inspiriert. Also bin ich mit einer S ­ tudiengruppe nach Delhi gereist und habe die Gandhi Peace Foundation besucht. Wir sind in die Slums gegangen, haben uns mit den ­Bewohnern unterhalten, auch mit den „Unberührbaren“, die tief im Dschungel hausen müssen. Danach sind wir weiter nach Japan geflogen. Ich war fasziniert Ruhepol: Im Buddha fand Thubten Jampa ihre langersehnte Zuflucht

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von dem religiösen Einfluss auf das alltägliche Leben. Und mich hat begeistert, wie respektvoll die Menschen miteinander umgingen. Nach meinem Abschluss bin ich ein zweites Mal dorthin gereist und habe bei Freunden gelebt. Ich wollte wissen, was die Japaner antreibt, warum ich mit ihnen auf einer Wellenlänge war. Damals dachte ich erstmals darüber nach, Nonne zu werden. Also verbrachte ich einige Monate in einem Zen-Kloster. Das tägliche Meditieren empfand ich weiterhin als Medizin, doch ich wollte mehr darüber erfahren, wie ich meinen Geist umwandeln könnte. Im tibetischen Buddhismus lernte ich zusätzlich, wie man Mitgefühl und liebende Güte entwickelt. Ich flog zurück nach Berlin. Dort lebte ich einige Zeit in einer Partnerschaft. Mein Freund war interessiert am Buddhismus, ging mit mir zur Meditation und zu Vorträgen des Dalai-Lama. Mein Problem: Nur Laien-Buddhist zu sein, war mir nicht genug. Ich wollte morgens aufstehen und in Ruhe sitzen, über die Lehren nachdenken und mein Bewusstsein schulen. Das sollte mein Leben werden, und davon wollte ich mich von nichts ablenken lassen. Keiner Karriere, keiner Heirat, keinem Kind. Ich trennte mich von meinem Freund und ging nach Hamburg. Von 2007 bis 2011 studierte und arbeitete ich am Tibetischen Zentrum. Leider lebten die Nonnen dort nicht in einer richtigen Gemeinschaft zusammen, trafen einander nur gelegentlich zu Zeremonien. Eine der Nonnen nahm mich unter ihre Fittiche und schlug mir andere Orte vor, an denen ich ein klösterliches Leben und die Nonnenregeln erlernen könne. In Indien, ­Australien, Italien – und in den USA. Meine Entscheidung fiel auf Sravasti Abbey, weil mit der Äbtissin Venerable Thubten Chodron hier dauerhaft eine Lehrerin und erfahrene Nonne vor Ort sein würde, um mich und andere junge Novizinnen bei der Ausbildung zu unterstützen. 2010 kam ich für einen dreiwöchigen Probeaufenthalt nach Newport, Washington. Das „Exploring Monastic Life“-Programm hat mich vom ersten Tag an inspiriert. Und überrascht. Ich konnte zunächst gar nicht glauben, dass die Nonnen nur von Lebensmittel-Spenden lebten und kein eigenes Geld hatten. Die Nonnen, die ich in Deutschland kennengelernt hatte, bekamen ein kleines Taschengeld, kauften selbst ein und mussten Miete zahlen. Ein Jahr nach dem ersten Aufenthalt kehrte ich nach Newport zurück. Doch erst nachdem ich dank der Unterstützung einer Freundin in der Heimat meine Studienschulden zurückgezahlt hatte. Diese Hilfe anzunehmen, fiel mir extrem schwer. Nach knapp zwei Jahren Training bin ich in der Sravasti Abbey ordiniert worden – der schönste Tag meines ganzen Lebens. Die Ordination begann mit einer Kopfrasur. Dann legte ich meine normale Kleidung ab und bekam eine rote Robe. Es folgte eine zweistündige Zeremonie, bei der ich mich dem Leben einer Nonne verpflichtete, ohne Familie und Sexualität. Gleichzeitig versprach ich, meiner Lehrerin zu folgen. Als ich die Gelübde empfangen habe, weinte ich vor Freude. Dieses bewusste Loslassen von allen bisherigen Sorgen. Ein Moment voller Hoffnung und Zuversicht in meinen neuen Weg. Natürlich wusste ich noch nicht, was das im Detail bedeuten

Siems Luckwaldt

180 GRAD


SOUL

Sravasti Abbey

Ordination: Aus Dani Mieritz wird Thubten Jampa. Hier mit ihrer Lehrerin Thubten Chodron (l.) und wie schwierig der Prozess des Loslassens sein würde. Doch mich motivierte das große Ziel der Selbstbefreiung. Ich wollte anderen helfen und damit zu einer besseren Welt beitragen. Einer Welt, die von Liebe und Zuneigung getragen ist. Also das komplette Gegenteil von dem, was ich in meiner Familie erlebt habe. Anfangs war es eine Herausforderung, mich in die Rolle der „Baby-Nonne“ hineinzufinden. Ich hatte schließlich schon acht Jahre Berufserfahrung als Event Manager und Fundraiser gesammelt und sehnte mich nach mehr Verantwortung. Unsere Äbtissin meinte nur: „Genieß diese Zeit, die Verantwortung kommt früh genug.“ Und auch beim Zuschauen lernt man viel. Heute klingelt mein Wecker um 4.45 Uhr. Dann bereite ich mich für den Tag vor, lege die Robe an und richte meinen Geist auf eine positive Motivation, ­darauf, dass ich ein ethisches Leben führen, niemandem Schaden zufügen und die Erleuchtung erlangen möchte. Von Zeit zu Zeit habe ich Tempeldienst. Dabei reinige ich den Altar und bringe symbolische Opfergaben dar, ehe die anderen Nonnen kommen und wir um halb sechs gemeinsam mit der Morgenmeditation beginnen. Früher dachte ich nach dem Aufwachen: „Jetzt brauche ich einen Tee.“ Ganz auf mich allein fokussiert. Die Arbeit für die Gemeinschaft ist viel erfüllender und macht mich glücklich. Natürlich möchte ich noch immer einen Tee, aber der Dienst lenkt mich ab und hilft mir, an diesem Hindernis zu arbeiten. Von 7.30 bis 8 Uhr gibt es Frühstück. Dann folgt ein kurzes Meeting für die Tagesplanung. Zusammen mit einer älteren Nonne bin ich für unsere Gäste verantwortlich. Wir ermutigen sie, an unseren diversen Projekten teilzunehmen. Wir arbeiten in dem umliegenden Wald, um ihn vor Feuer zu schützen und gesund zu halten. Wir reparieren und sanieren die Gebäude, transkribieren und übersetzen Dharma-Texte. Das alles koordiniere ich bis um 12 Uhr, bis zur lunch break. Nach einer kurzen Pause wird bis 16.30 Uhr weitergearbeitet. Wir nennen das „Offering Service“, denn wir ehren damit die Drei Juwelen (Buddha, Dharma, Sangha). Bis 18 Uhr ist Studienzeit, dann gibt es Abendessen. Ich nehme

immer nur ein kleines „Medicine Meal“ ein, da Nonnen nach dem Mittag eigentlich nicht mehr essen dürfen. Wenn wir körperlich geschwächt sind oder tagsüber besonders hart gearbeitet haben, gibt es natürlich eine Ausnahme. Danach folgt eine einstündige Abendmeditation, und bis circa 22 Uhr geht jeder seinen Studien nach. Im Winter machen wir ein dreimonatiges Schweige-Retreat. Manchmal hadere ich noch mit der englischen Sprache, auch würde ich mir ab und an wünschen, meinen Alltag selbst strukturieren zu können, ein freies Wochenende zu haben, mal zwei Tage in Klausur zu gehen oder einfach nachmittags entspannt ein Buch zu lesen. Aber das tägliche Training hilft mir, alle Zweifel zu überstehen und den Wert der Gemeinschaft schätzen zu lernen, die mich trägt. Die älteren Nonnen haben mich sehr unterstützt, negative Geisteszustände wie Ärger umzuwandeln. Sie merken, wenn etwas nicht stimmt, und bieten ihre Hilfe an. Vorbilder und Erfahrungen sind für das Erlernen der Gelübde wichtig. Bücher allein ändern kein Leben.

Neue Heimat: Sravasti Abbey wurde 2003 in Newport, Washington, gegründet

In der Ruhe liegt viel Kraft: In diesem Raum der Abtei trifft sich die Ordensgemeinschaft der Nonnen mehrmals täglich zu Meditation und Gebet

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MIND

GEORG SCHWEISFURTH

Der Mitbegründer von Basic gilt als Öko-Pionier. In Büchern und Vorträgen wirbt er um ökologische und ethische Verantwortung. Für Enough öffnet Schweisfurth seine Bibliothek WELCHES GENRE LESEN SIE GERN? Früher hab ich gern historische Romane gelesen, vor allem auf Reisen: „Shogun“ von James Clavell, „Eine Südamerikanische Reise“ von Alexander von Humboldt oder „Der Nachsommer“ von Adalbert Stifter. In Oberösterreich, wo dessen Roman spielt, besitzen wir ein Haus, doch dieses herrlich ausschweifende Buch habe ich während meiner Zeit in Japan gelesen. Eine interessante Erfahrung! Nicht zu vergessen: die Memoiren „Ich bekenne, ich habe gelebt“ von Nobelpreisträger Pablo Neruda, der sich gegen den Faschismus in Chile gestellt hat.

IHR LIEBLINGSGEDICHT? „Stufen“ von Hesse, weil es uns mit Zeilen wie dieser die Angst vor Veränderung und Tod nimmt: „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“. WELCHE AUTOREN BEWUNDERN SIE? Ich bewundere viele Journalisten, die in Ländern mit deutlich weniger Bürgerrechten und Pressefreiheit arbeiten müssen, als wir sie in Deutschland haben. Die sich dennoch trauen, den Mund aufzumachen – und manchmal dafür mit dem Leben bezahlen, wie etwa Anna Politkowskaja. Das, was diese Reporter und Autoren wagen, ist mutiger und bedeutungsvoller als vieles von dem, was manch deutscher Redakteur an Unsinn verzapft.

DAS LETZTE BUCH, DAS SIE ZUM WEINEN BRACHTE? Geschluchzt hab ich beim neuen Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells, weil die Szenen, in denen seine Figuren sich ihre Liebe bekunden, so herzzerreißend sind. ENTTÄUSCHEND, ÜBERBEWERTET, MIES: WELCHES BUCH HABEN SIE SEIN LASSEN? Viele, die waren aber nicht unbedingt schlecht. Ich hatte vermutlich nur einfach mal wieder nicht genug Zeit und habe dann den Anschluss verpasst. WELCHES BUCH ÜBER UMWELTSCHUTZ UND NAHRUNGSMITTEL-ERZEUGUNG IST EIN LESE-MUSS? „Foodcrash“ von Felix zu Löwenstein, „Die Kuh ist kein Klimakiller, sondern Klimaschützer“ von Anita Idel und „Der große Weg hat kein Tor“ von Masanobu Fukuoka.

WELCHES BUCH HAT SIE ALS KIND FASZINIERT? Ottfried Preussler „Die kleine Hexe“.

INSTABOOKS

DAS BESTE BUCH DER LETZTEN ZWEI, DREI JAHRE? Ein Buch, das mich im letzten Jahr sehr berührt hat, war Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“. Er geht der Frage nach, ob wir unser Leben wirklich so nutzen, wie wir es uns vorstellen und wünschen. Der Protagonist lebt in einem einsamen Tal und blickt zurück auf vergangene Jahre und verpasste Chancen. SIE GEBEN EIN LITERARISCHES ABENDESSEN: WEN LADEN SIE EIN? Hans Magnus Enzensberger, wenn es ein klares Thema gibt, wie beispielsweise das demokratische Gedächtnis der Deutschen vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Bewegungen. Ich habe ihn neulich bei mir auf Gut Sonnenhausen kennengelernt, eine schöne Begegnung. Außerdem Jakob Augstein. Und eine Frau wie die kluge Hildegard Hamm-Brücher, die noch sehr fit ist trotz ihrer 95 Jahre!

@rowdykittens (Bloggerin) Bevor ich jetzt gehe von Paul Kalanithi

@malalafund (Nobelpreisträgerin) Tagebuch von Anne Frank

@brenebrown (Autorin) Big Magic von Elizabeth Gilbert

@lenadunham (Feministin) Hunger Makes Me a Modern Girl von Carrie Brownstein

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Silvio Knezevic; PR

WELCHES BUCH HAT SIE MASSGEBLICH BEEINFLUSST? Das war vermutlich ein Buch von Bill Mollison, der aus Tasmanien stammt: „Permakultur: Landwirtschaft und Siedlungen in Harmonie mit der Natur“. Es erschien Ende der 1970er auf Englisch und stellte den Beginn aller Überlegungen zur besseren Erzeugung von Lebensmitteln dar. Mollison argumentiert, dass die industrielle Landwirtschaft, wie wir sie betreiben, ein Irrweg ist. Nach seinen Thesen habe ich mein ganzes Leben ausgerichtet.


LESEN IST VERÄNDERUNG

DAS LETZTE BUCH, BEI DEM SIE TRÄNEN GELACHT HABEN? Ich glaube, das war der Psychothriller „Nullzeit“ von Juli Zeh um eine fatale Dreiecksbeziehung …

WELCHE BÜCHER LIEGEN GERADE AUF IHREM NACHTTISCH? Das sind „Die Wegwerfkuh“ von Tanja Busse und „Der Geliebte meiner Mutter“ von Urs Widmer. Ein Kontrastprogramm.

WENN SIE POLITIKERN EIN EINZIGES BUCH EMPFEHLEN KÖNNTEN, WELCHES WÄRE DAS? Alle Titel, die den Status quo unserer Landwirtschaft kritisch beleuchten und Alternativen aufzeigen. Vielleicht aber auch die Biografie „Entscheidungen“ von Hillary Clinton, die zwar mancherlei konträre Auffassungen zu mir hat, aber stark für Frieden und Veränderung brennt.

DAS LETZTE BUCH, DAS SIE WÜTEND GEMACHT HAT? Das Buch des Berliner Journalisten und Juristen Christian Bommarius „Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914“, das über den Völkermord Hamburger Reeder an den Duala in Kamerun berichtet. Grauenhaft! Die ganze deutsche Kolonialzeit gehört dringend aufgearbeitet, sie war der Auftakt zum Dritten Reich. WELCHES BUCH WERDEN SIE ALS NÄCHSTES LESEN? Die Umweltenzyklika von Papst Franziskus, „Laudate si’“. Darin beschreibt er ungewohnt dramatisch den Zustand der Erde und ruft zur Umkehr auf!

IHRE LIEBSTE ROMANFIGUR? Der Antiheld Ulrich aus „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil mit seinen utopischen Träumereien. Er lehnt sich innerlich – und erfolglos – auf gegen die aufsteigende Diskrepanz zwischen Menschlichkeit und Allmachtsgefühlen des auslaufenden Kaiserreiches. Und dessen ruhmlosem Appendix, der Weimarer Republik.

Der Lebensweg des Betriebswirts und gelernten Metzgers Georg Schweisfurth, der 1959 in München geboren wurde, bietet eine radikale Kehrtwende. Sein Vater Karl Ludwig leitete mit Herta den größten Fleisch verarbeitenden Konzern Europas. Nach dem Verkauf folgte der Sohn seiner Berufung: die ökologische Landwirtschaft. 1988 war Schweisfurth Mitinitiator der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, seit 1996 ist er Geschäftsführer des ökologischen Seminarhotels Sonnenhausen. 1997 gründete er mit Freunden die Bio-Supermarktkette Basic, wo er bis 2004 im Vorstand saß. Georg Schweisfurth engagiert sich zudem für Greenpeace Deutschland, die Schweisfurth-Stiftung, die Umweltakademie München e.V. und das Ethikkomitee Invera in Zürich. Sein neues Buch heißt „Nachhaltig Leben für alle“ (Irisiana). WER SOLL EINMAL IHRE MEMOIREN SCHREIBEN? Nach Möglichkeit ich selber. Die Jahre bis zu meinem 53. Lebensjahr habe ich bereits veröffentlicht, unter dem Titel „bewusst anders“. Zumindest war das mal der erste Versuch.


ENOUGH SAID

Wann immer man über Liebe spricht, über Frieden, über Gerechtigkeit, Wünsche für eine bessere Welt, wird uns unser hoher Anspruch zum Verhängnis. Bremst eigener Perfektionismus uns aus. Mich auch, immer wieder. Wir glauben, jemanden nicht lieben zu können, weil er oder sie eben Fehler hat, dunkle Seiten, nervige Angewohnheiten. Wir boykottieren Weltkonzerne nicht, weil wir uns gegenüber ihrer scheinbaren Allmacht wie Vegan-Würstchen fühlen. Es nützt ja doch nichts. Wir demonstrieren nicht, weil … Ach, das Wetter ist richtig mies heute. Und hassen uns selbst dafür. Selbstliebe. Noch so sein heikles Thema. Ein Autor sagte mir kürzlich, Selbstliebe lerne man nicht allein, sondern im Lieben anderer Menschen. Seines Partners, seiner Eltern, Kin-

Heart too hard Je öfter wir davon sprechen, desto weiter entfernen wir uns von … der Liebe. Ein Appell um fünf vor zwölf von Siems Luckwaldt der, seines Hundes. Das machte mich stutzig, denn heißt es nicht immer: Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben? Dieser Autor aber entgegnete: „Ich werde mich vermutlich nie vollends lieben, dafür weiß ich zu viel über mich.“ Dann müsse er ja warten, bis er 90 und voller Selbstakzeptanz sei, um eine erste Beziehung zu wagen.

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Wir müssen also mit einer unperfekten Welt leben. Auch in unserem Liebesleben. Doch können wir Liebe überhaupt noch genau definieren, ihre Bedeutung greifen, sind wir mit diesem Gefühl in unserer Körpermitte, das uns von dort wohlig warm durchströmt, überhaupt in Verbindung? Oder haben Werbung, Facebook-Herzen und dahingesagte „I love yous“ uns in eine Parallelwelt gelockt? In der Liebe bloß digitale Floskel ist, der überdreht kieksende Aufschrei von zwei Hipstern darüber, den letzten glutenfreien Cupcake in der Café-Vitrine ergattert zu haben. Love it. High five. Wie viele Menschen können wir überhaupt echt und aufrichtig lieben? Ihnen unsere ganze Aufmerksamkeit schenken, unser Ohr leihen und ihnen die Tränen trocknen? Ihnen unser Herz öffnen, zeigen, wer wir sind? Ich kenne Ihre Energiereserven nicht, aber ich vermute, dass es nicht die Hunderte von Freunden sind, die wir wie manisch zusammengeraffte Karteileichen auf diversen sozialen Kanälen mit uns herumschleppen. Und denen wir manchmal ein bedeutungsloses „Ich liebe euch“ zuhauchen. Ich mag dich. Mir gefällt das. Du siehst toll aus. Was du machst, bewundere ich. Werden wir stattdessen doch mal konkret, erweitern wir unser Vokabular. Dann klingt selbst Smalltalk nicht länger wie die Reklame eines Burgerbräters, dessen „I’m lovin’ it“ uns alle eher den Magen umdrehen sollte. Liebe ist kein Klick, keine Reflexantwort, kein Pixelhäuflein. Liebe ist. Alles.

Oliver Nimz Visuals

Ich liebe es. Ich liebe meinen Job. Love it. LUV! Ich liebe diese Tasche, dieses Smartphone, dieses Hotel … Herz-Emoji. Wow, wie inflationär wir den Begriff für das wichtigste Gefühl gebrauchen, zu dem wir fähig sind. Das uns einander als Menschen erkennen lässt, unser Leben biologisch möglich und seelisch erträglich macht. Ich habe über die Leichtfertigkeit eines „Ich liebe …“ nie so recht nachgedacht, bis eine Kollegin mich vor Wochen darauf stieß. Für eine Story stellte ich gerade eine Liste von „Dingen, die wir lieben“ zusammen. Sie war alles andere als begeistert: „Ich finde, wir sollten langsam wieder mehr nachdenken, ehe wir dieses Wort benutzen. Ich liebe diese Schuhe? Wirklich?“ Ob es nicht um mehr ginge, fragte sie sich. Größere Bedeutung, tiefe Emotion, eine unzertrennliche Verbindung.


Fotolia.com/ptyphoto; Willy Vanderperre für GANT

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ENOUGH 02: LOVE  
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