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BREGENZER

MEISTERKONZERTE a ben d p r o gr a m m

10. Oktober 2017


Wer weiß, wo ich in 20 Jahren spiele...?

BREGENZER

MEISTERKONZERTE

Dienstag, 10. Oktober 2017 19:30 Uhr Festspielhaus Bregenz, Großer Saal

Julia Lezhneva Sopran Luca Pianca Laute Dmitry Sinkovsky Violine & Künstlerische Leitung

Ensemble La Voce Strumentale

Unsere schönsten Erfolge stehen nicht in der Bilanz – sie stehen auf der Bühne. Das Leben ist voller Höhen und Tiefen. Ein begeisterndes Konzert zählt dabei zweifelsohne zu den Höhen. Deshalb unterstützt die Bank Austria viele junge Talente und musikalische Institutionen im ganzen Land.

Dauer: ca. 2 Stunden (inkl. Pause)

Impressum und Herausgeberin: Amt der Landeshauptstadt Bregenz – Abteilung für Kultur Bergmannstraße 6, 6900 Bregenz T +43 5574 410 1511, E kultur@bregenz.at Programmplanung: Jutta Dieing Texte: Prof.in Anna Mika Layout: Mikado GmbH, Bad Kissingen Druck: Hecht Druck, Hard Bildnachweis bei der Herausgeberin

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programm Georg Philipp Telemann (1681 – 1767)

Antonio Vivaldi (1678 – 1741)

Concerto für Violine, Streicher und Basso continuo B-Dur TWV 51:B1 „Pisendel-Konzert“

Concerto für Violine, Streicher und Cembalo di ripieno d-Moll op. 8/7 RV 242 „per il Sigr. Pisendel”

Largo – Vivace – Sempre piano – Allegro

Allegro – Largo – Allegro

Nicola Antonio Porpora (1686 – 1768)

Zeffiretti, che susurrate Arie der Hipólita aus der Oper „Ercole su‘l Termodonte“ RV 710

In caelo stelle clare fulgescant Motette für Soprano Graziola de Ospedaletto

Antonio Vivaldi (1678 – 1741) Concerto für Laute, zwei Violinen und Basso continuo D-Dur RV 93

Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) Un pensiero nemico di pace Arie des Piacere aus dem Oratorium „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ HWV 46a

Arcangelo Corelli (1653 – 1713)

Allegro – Largo – Allegro

Concerto grosso B-Dur op. 6 Nr. 11

Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) Salve Regina HWV 241 Geistliches Konzert für Sopran, zwei Violinen und Basso continuo g-Moll

Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) Pure del cielo … Tu del ciel ministro eletto Schlussszene der Belezza aus dem Oratorium „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ HWV 46a

Salve Regina (Largo) – Ad te clamamus (Adagio) Eia ergo (Allegro) – O Mater, o pia (Adagissimo) Pause 4

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Eine Epoche im Höhenrausch Wir erleben im heutigen Konzert die Violine und den Sopran in solistischer Rolle. Die Violine war das führen­­ de Instrument der Barockzeit. Ermöglicht durch den hoch entwickelten Geigenbau, etwa in Cremona, war sie geeignet, dem vor allem in Italien herrschenden Musikgeschmack zu dienen. Denn Virtuosität war ihr ebenso möglich wie das klangvolle Erreichen der aller­höchsten Lagen. Reisende Violinvirtuosen wurden in ganz Europa gefeiert. Einer von ihnen war Johann Georg Pisendel. Ihm begegnen wir heute abend gleich zweimal, mit Konzerten, die für ihn geschrieben wurden, obwohl er übrigens auch selbst komponierte. Der 1687 in Brandenburg geborene Kantorensohn befreundete sich mit den großen Komponisten seiner Zeit. So verbrachte er ein Jahr bei Vivaldi in Venedig und nahm bei ihm, der nicht nur für die Violine kom­­ ponierte, sondern auch ein hervorragender Geiger war, Unterricht. Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach waren Pisendel ebenfalls eng ver­ bunden und schrieben für ihn. Komplizierter verhält es sich mit den gesanglichen Höhenflügen in der Barockzeit. Auch an die menschliche Stimme gab es immer größere Anforderungen im Hinblick auf Tonumfang und Beweglichkeit, sodass sich eine entwürdigende Praxis der Kastration durchsetzte: Knaben, die eine schöne Stimme hatten, zu kastrieren, damit sie ihre hohen Lagen behielten und diese gleichzeitig mit männlicher Kraft führen konnten. Viele Opernrollen des Barock wurden von Kastra­ten dargestellt. Doch es gab auch Sängerinnen, die im Barock Kultstatus erreichten. Bevor wir aber in den barocken Höhenrausch Italiens, wo er am intensivsten Platz griff, eintauchen, begeben wir uns nach Norddeutschland und huldigen dem diesjährigen Jahres­ regenten Georg Philipp Telemann.

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Telemann und der „vermischte Geschmack“ Bei kaum einem Komponisten gibt es einen derart gro­ ßen Unterschied zwischen seinem Ruhm zu Lebzeiten und der Wertschätzung, die ihm die Nachwelt zollt. Lange wurde Georg Philipp Telemann als „Vielschreiber“ abgetan und auch in diesem Jahr, in dem wir den 250. Todestag begehen, halten sich die Aktivitäten der Musikwelt in Grenzen. Dabei war er zu seiner Zeit be­rühm­­ter als Johann Sebastian Bach und sicher ebenso angesehen wie Georg Friedrich Händel. Mit beiden unter­­hielt Telemann freundschaft­lichen Umgang, er war Taufpate von Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel und hielt mit Händel lebenslang enge Beziehungen. Be­­merkenswert ist, wie viele Berührungspunkte bio­gra­fi­scher und geografischer Art es zwischen Bach, Händel und Telemann, diesen drei Großen des deutschen Hochbarock, gibt. Dagegen finden wir Unterschiede in ihrem Kompositionsstil. Telemanns Schreibweise ordnet man dem „vermischten Geschmack“ zu, ein Begriff, der der Erklärung bedarf. Das Europa des Barock erlebte eine Hochblüte der Musik, aber jede Nation bildete ihren eigenen Stil oder eben „Geschmack“ aus. In Italien, dem Musikland schlechthin, zeigte sich die Musik üppig. Experimentierfreude war bei den Kom­ po­nisten wie den ausführenden Musikern gefragt und Aufführungen, ob in der Kirche, im Konzert oder in der Oper, waren von Sinnenfreudigkeit bis zur Bizarrerie ge­prägt. In Frankreich hingegen forderte man von den Komponisten eine klare Schreibart. In der Oper herrschte der deklamatorische Stil vor, statt der Arien bei den Italienern gab es strenge Tänze. Telemann verschmolz diese beiden Stile. Seine Musik war formal gut gearbeitet, aber nicht kompliziert, im Zentrum stand die Melodie, und sei es eine aus der Volksmusik, etwa eine polnische, wie sie Telemann auf einer Reise in die Karpaten kennengelernt hatte. So entstand eine eingängige, aber keineswegs simple Musik, die Telemann so erfolg-

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reich machte – immerhin wissen wir heute noch von tatsächlich 3.600 Werken aus seinem langen Leben, die er, wie damals üblich, im Auftrag komponiert hat. So kann man sich unschwer vorstellen, dass es für reisende Virtuosen eine Ehre war, ein Werk aus der Feder Telemanns zugeschrieben zu bekommen. Einer von diesen war Johann Georg Pisendel, der vermutlich größte Geiger seiner Zeit.

Experte des Gesanges: Nicola Antonio Porpora Noch weniger als Telemann ist Nicola Porpora heute einem breiten Publikum bekannt, doch auch er hatte zu seiner Zeit einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Musik. Darüber hinaus spannt sein Leben einen Bogen vom Barock zur Klassik, hat er doch in seinen letzten Jahren in Wien den jungen Joseph Haydn als Kammerdiener und Korrepetitor für seinen Gesangunterricht beschäftigt. Zuvor kam der in Neapel geborene Porpora in Berührung mit Georg Friedrich Händel. Und zwar in London, wo die beiden zu ernsthaften Konkurrenten als Impresarios eines Opernhauses wurden. Opernhäuser wurden damals privatwirtschaftlich geführt und waren somit auf Erfolg, nicht zuletzt auf finanziellen, angewiesen. Und wie heutzutage auch war es wichtig, namhafte Sänger zu verpflichten. Das waren damals Soprane wie Faustina Bordoni oder Kastraten wie Senesino oder Farinelli. Letzterer hieß eigentlich Carlo Broschi und ist wie Porpora in Neapel geboren. Er war dessen Gesangsschüler, ja, der bis dahin schon sehr erfolgreiche Stimmbildner Porpora setzte sein Amt am Conservatorio di Sant’Onofrio in Neapel aus, um sich ganz der Förderung Farinellis widmen zu können. Vielleicht erinnern sich manche an den Film über diesen Kastraten und seinen komponierenden Bruder Riccardo Broschi, der 1994 in unsere Kinos kam. Porpora widmete seine überragenden Kenntnisse der Gesangskunst, aber auch der geistlichen Musik. Er war, und hier berühren sich erneut zwei Biografien des 8

heutigen Programmes, wenige Jahre nach Vivaldi, ab 1744, am Ospedale della Pietà in Venedig tätig und danach lehrte er, ebenfalls in Venedig, am Conser­va­ torio del Ospedaletto, wo unsere Arie In caelo stelle clare fulgescant entstand. Julia Lezhneva, die Sängerin des heutigen Konzerts, sieht in dieser den Ausdruck leidenschaftlicher Liebe zur Schöpfung und zu Gott, der sich im Alleluja zur Ekstase steigert.

Antonio Vivaldi und Venedig Antonio Vivaldi hat mit seiner Geburtsstadt nicht nur den Anfangsbuchstaben gemein. Vielmehr ist Vivaldi ohne Venedig nicht denkbar und auch die wohl erstaunlichste Stadt der Welt wäre um einiges ärmer, wäre nicht in ihren Mauern 1678 Vivaldi geboren. Das Leben Vivaldis konnte sich nur in Venedig so abspielen, schon gar nicht in Rom, wo der Vatikan auf Sitte und Ordnung achtete, zumindest was das Öl auf Leinwand, Künstler unbekannt. katholische Fußvolk Museo internazionale e biblioteca della betraf. Nicht so in musica di Bologna Quelle: wikimedia Venedig. Die Serenissima, der Stadtstaat Venedig also, hatte seine Glanzzeit hinter sich, er war wirtschaftlich und moralisch auf Talfahrt. In ausschweifenden Festen wurde Geld verprasst, das nicht mehr vorhanden war, die Prostitution blühte und durch die verbreitete Kriminalität wurde das Leben unsicher. In diesen Zeiten ergriff Vivaldi 9


nicht nur den Beruf des Violinisten, wie auch sein Vater einer war, er strebte zudem das geistliche Amt an. Vermutlich weniger aus Frömmigkeit als aus dem Kalkül heraus, als Priester in sichereren Verhältnissen leben zu können denn als Musiker allein. Denn Musikmachen wollte er zuallererst. Und die Legende, dass er einmal mitten in der Messe den Altar verließ, um ein Fugenthema zu notieren, das ihm gerade einfiel, ist, wenn sie nicht wahr ist, doch gut erfunden. Bald hörte er mit dem Messelesen ganz auf. Er selbst gab als Grund ein Leiden an, das ihn von Geburt an einschränke – vermutlich litt Vivaldi an Bronchialasthma. Das hinderte ihn aber nicht, ein Amt anzutreten, das sein Leben und Schaffen fortan bestimmen sollte: Er wurde an das Ospedale della Pietà berufen. Ursprünglich ein Waisenhaus für Mädchen, war es zu Vivaldis Zeit eine hoch angesehene Stätte der Musikausbildung. Zudem war es ein Internat für Töchter besserer Familien, die die Mitgift sparen und sie daher für ein Leben als Nonne vorbereiten wollten. Aus dem vorher Gesagten ebenso wie aus zeitgenössischen Quellen schließen wir, dass es auch in diesem Ospedale keineswegs nur gesittet zuging. Wie dem auch sei, das Ospedale della Pietà hatte einen legendären Ruf als Pflegestätte der Musik. Staatoberhäupter und Kenner aus ganz Europa besuchten diese Konzerte. Übrigens trugen die Musikerinnen keine Familiennamen, sondern hießen etwa „Maddalena dal Soprano“, „Giuseppina del Violin“ oder eben nur „Graziella“, wie wir bei unserer Arie von Nicola Porpora lesen. Diese sang an einem ähnlichen Institut, dem Ospedaletto. Antonio Vivaldi schrieb seine vielen Instrumentalwer­­ke für die Musikerinnen der Pietà, aber auch für sich, denn er genoss als Geiger europäischen Ruf. Dieser gründete sich auf Konzertreisen, die ihn etwa nach Prag oder Amsterdam führten, aber es kamen auch Violinisten zu ihm nach Venedig, um bei ihm Unterricht zu nehmen, Pisendel etwa. Vivaldis Concerti waren durchwegs dreisätzig, die Ecksätze ließen der Virtuosität Raum, der langsame Mittelsatz hingegen stellte das 10

gesangliche Spiel in den Mittelpunkt. Überwiegend schrieb Vivaldi seine Konzerte und Sonaten für sein Instrument, die Geige, ungefähr vierhundert, aber er komponierte auch welche für andere Instrumente, etwa das Violoncello, die Traversflöte, das Fagott, die Mandoline oder eben die Laute. Diese war ein zu Vi­valdis Zeiten bereits aus der Mode gekommenes In­strument. So erfolgreich Vivaldi als Komponist von Instrumental- und auch Kirchenmusik bereits war, so sehr reizte ihn doch die Königsdisziplin der Barockmu­ sik, die Oper. Denn auch Venedig lag im Opernfieber, die Stadt konnte bis zu fünfzehn Opernhäuser aufwei­ sen, die alle privatwirtschaftlich geführt waren und natürlich rivalisierten. Wo die berühmteren Kastraten oder Soprane auftraten, wo die opulenteren und raf­­finierteren Bühnenbilder gezeigt wurden, dorthin strömte das Publikum. Und es ging keineswegs nur der Musik wegen in die Oper. In den Logen unterhielt man sich, man flirtete, man speiste. Im unbestuhlten Parkett standen die einfachen Leute und mussten dul­den, dass Abfall aus den Logen auf sie geworfen, ja gespuckt wurde. Antonio Vivaldi komponierte nicht nur Opern, sondern er leitete auch neben seinen Ver­pflichtungen im Ospedale della Pietà selbst ein Opern­ haus, das Teatro Sant’Angelo, das sich am Canal Grande nahe der Rialtobrücke befand. Heute kennen wir etwa fünfzig Opern von Vivaldi. Hatte er in seinen In­stru­mentalwerken eine unverkennbare Handschrift ent­wickelt, so ist über seine Opern nicht das Gleiche zu behaupten. Sie entsprechen der Konvention und es fehlt ihnen, anders als den Opern Händels, das Über­ ragende, Unverwechselbare. Offenbar haben Vivaldi die Instrumente mehr inspiriert als die menschliche Stimme und das, obwohl die Gefährtin seiner letzten Jahre eine Sängerin war. Anna Giró lebte mit Vivaldi, „il prete rosso“, dem rothaarigen Priester, die letzten 15 Jahre seines Lebens zusammen und begleitete ihn auch auf die Reise nach Wien, wo er 1741 starb. Wie Wolf­­gang Amadeus Mozart aufs Jahr genau ein halbes Jahrhundert später wurde auch Vivaldi in einem Armenbegräbnis in der Kaiserstadt beigesetzt. 11


Händel in Italien Georg Friedrich Händel, geboren in Halle, feierte in Hamburg erste Erfolge als Komponist, als er durch einen in Deutschland lebenden Florentiner Adeligen, Gian Gastone de‘ Medici, angeregt wurde, sich in Italien weiterzubilden. Das Angebot des Fürsten, in seinem Gefolge zu reisen, schlug Händel, der Zeit seines Lebens Eigenständigkeit schätzte, aus und begab sich selbst auf den Weg. Zuerst besuchte er Florenz, das Machtzentrum der Medici und die Geburtsstadt der Oper, zog aber bald weiter nach Rom. Den 22-jährigen Sachsen („Il Sassone“) erwarteten dort besondere Ver­­­hältnisse, denn zu dieser Zeit waren die Oper, aber auch das Sprechtheater durch ein päpstliches Dekret untersagt worden. Zudem war es Frauen und Mäd­chen verboten, öffentlich zu singen, was das Kastra­ ten­­wesen förderte. Die Kastration war zwar bereits 1587 verboten worden, aber das kümmerte niemanden. Und die Lust auf musikdramatische Aufführungen war auch in der Nähe des Vatikan nicht zu bändi­ gen, sodass gewiefte Komponisten eine neue Form der Darbietung erfanden: das Oratorium. Dieses wurde damals nicht so formell gegeben wie heute, vielmehr gab es üppige Kulissen, Kostüme, Gestik und Mimik und nicht selten auch erotische Handlungselemen­te, immer unter dem Deckmantel eines biblischen oder allegorischen Geschehens. Ein solches liegt uns vor mit Händels „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“, zu übersetzen mit Der Triumph der Zeit und der Er­nüch­­terung: Bellezza (die Schönheit) gerät in Versuchung, sich Piacere, der Lust, hinzugeben. Die Allegorien Tempo (Tenor) und Disinganno (Alt) weisen auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hin, von der auch die Schönheit nicht ausgenommen ist. Die ernüchterte Bel­lez­za erkennt, dass die wahre Schönheit allein bei Gott liegt. Der Text ist von Kardinal Benedetto Pamphilj. Er war Dichter, Musikliebhaber und Kunstförderer und einer der Repräsentanten römischer Musikpatronage, mit dem Händel seit Beginn seines Aufenthalts in der 12

Ölgemälde von Balthasar Denner (1685 – 1749)

Quelle: wikimedia

Papst-Stadt zusammenarbeitete. Die Uraufführung des Oratoriums fand vermutlich im Mai / Juni 1707 im Tea­ tro del Collegio Clementino in Rom statt, ist jedoch nicht nachweisbar. Händel wurde in Rom zum gefeier­ ten Star, komponierte unablässig und konzertierte auf Orgel und Cembalo. Warum er schließlich der ewigen Stadt wieder den Rücken kehrte, wissen wir nicht. Hat man ihn, der zeitlebens Protestant blieb, bedrängt, katholisch zu werden? Es ist uns nämlich vergleichsweise wenig bekannt aus seinem Leben. Deshalb bleibt auch im Dunkeln, ob er Vivaldi kennengelernt hat, als er auf seiner Rückreise nach Deutschland anlässlich der höchst erfolgreichen Uraufführung seiner Oper Agrippina drei Monate in Venedig verweilte. Das Salve Regina von Händel, das im ersten Teil des heutigen Programms erklingt, wurde aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst in einer Privatkapelle im Ort Vignanello, 60 km nördlich von Rom, im Juli 1707 gegeben, möglicherweise von einem weiblichen Sopran. 13


Arcangelo Corelli: Vaterfigur des italienischen Barock Es ist sehr sinnvoll, in dieses Programm ein Werk Arcangelo Corellis aufzunehmen, hat dieser doch die Spieltechnik auf der Violine sowie die Form des Konzertes maßgeblich vorangebracht und somit der Generation von Komponisten dieses Abends den Boden bereitet. 1653 nahe Rom geboren blieb Corelli zeitlebens in der ewigen Stadt, obwohl er verlockende Angebote von anderswo erhielt. Seine Werke wurden in ganz Europa verbreitet und hochgeschätzt. Er selbst brachte es als Geiger und Konzertmeister in Rom zu hohem Ansehen und Wohlstand. Mit Händel gab es in dessen Zeit in Rom vielfache Verbindungen, unter anderem wissen wir, dass Corelli die außerordentlich prunkvolle Aufführung von Händels Oster-Oratorium La Resurrezione leitete. Gegen Ende seines Lebens sammelte Corelli seine Werke zu sinnvollen Gruppen und sorgte für deren Drucklegung. Das Erscheinen seiner berühmten Concerti grossi Opus 6 erlebte er nicht mehr. Händel gab 25 Jahre später ebenfalls Concerti grossi mit der Opuszahl 6 heraus. Dies dürfte weniger aus dem Gefühl der Verehrung heraus geschehen sein als vielmehr aus dem Kalkül, sich dem immensen Erfolg Corellis anzuschließen. Dessen Concerti grossi blieben aber bis ins 19. Jahrhundert hinein beliebter als die von Händel. Unser Konzert wird abgerundet mit einer weiteren Arie Pure del cielo… Tu del ciel ministro eletto, die Schlussszene der Bellezza, in der sich Sopran und Violine vereinigen.

Radierung von John Smith (1690/1713), LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster  Quelle: wikimedia

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Julia lezhneva (*1989) Die russische Sopranistin wurde als Tochter zweier Geophysiker auf der Insel Sachalin nördlich von Japan geboren. Ihre Gesangsausbildung absolvierte sie in Moskau, wo sie das Studium 2008 mit dem Diplom abschloss. Bis 2010 vervollkommnete sie ihre Fertigkeiten noch bei Dennis O’Neill an der Cardiff International Academy of Voice und bei Yvonne Kenny an der Londoner Guildhall School. Außerdem besuchte sie Meisterklassen u. a. bei Elena Obraztsova, Alberto Zedda und Thomas Quasthoff. Bereits als 17-Jährige konnte Julia Lezhneva die „Elena Obraztsova International Competition“ gewinnen, 2009 ging sie als Siegerin aus dem Mirjam-Helin-Wettbewerb in Helsinki hervor und 2010 aus dem „Concours international de chant lyrique“ in Paris. Rasch sorgte sie danach in der Opernszene für Aufsehen: Für ihr Debüt am Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie in Meyerbeers Hugenotten wurde sie 2011 in der Jahresumfrage des Magazins Opernwelt sogleich zur „Nachwuchssängerin des Jahres“ gekürt. Marc Minkowski verpflichtete sie als Fiordiligi für eine Aufführungsserie von Mozarts Così fan tutte, die Salzburger Festspiele luden sie 2012 für Händels Tamerlano ein. 2015 gab sie als Zerlina in Mozarts Don Giovanni ihren Einstand am Londoner Royal Opera House, 2016 war sie als Desdemona in Rossinis Otello am Gran Teatre del Liceu in Barcelona zu Gast. Julia Lezhneva arbeitet regelmäßig mit dem Ensemble Il Giardino Armonico und Giovanni Antonini zusammen, mit denen sie auch das Album Alleluia und ihre jüngste CD mit Werken von Händel eingespielt hat. Sie wurde mit dem „ECHO Klassik“, dem „Diapason d’Or“ und dem „ICMA Award“ ausgezeichnet.

Foto: SImon Fowler

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Luca Pianca (*1958) Der Lautenist studierte am Salzburger Mozarteum bei Nikolaus Harnoncourt, der ihn ab 1982 regelmäßig für Konzerte mit seinem Concentus Musicus Wien verpflichtete. 1985 gründete Pianca mit Giovanni Antonini das Ensemble Il Giardino Armonico. Gemeinsam mit dem Gambisten Vittorio Ghielmi bildet er ein Duo. Für seine CDs erhielt er allein fünfmal den „Diapason d‘Or“, viermal den „Choc“ von Le Monde de la Musique und außerdem den „Gramophone Award“ sowie den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“.

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Dmitry Sinkovsky (*1980) Der in Moskau geborene Geiger, Dirigent und Countertenor studierte zunächst das klassische Violinspiel bei Alexander Kirov am Konservatorium seiner Heimatstadt und bildete sich anschließend bei Maria Leonhardt in der Spezialdisziplin der Barockvioline fort. 2008 gewann er den Ersten Preis sowie den Publikumsund den Medienpreis bei der Konkurrenz „Musica Antiqua“ in Brügge, 2009 den Romanus-Weichlein-Preis beim Biber-Wettbewerb und 2011 den Ersten Preis beim Telemann-Wettbewerb in Magdeburg. Als Konzertmeister leitete er bald Ensembles wie das Concerto Köln, Il Pomo d’Oro, das Helsinki Baroque Orchestra, Il Giardino Armonico, die Accademia Bizantina, B’Rock und das Australian Brandenburg Orchestra und von 19


2012 bis 2015 war er ständiger Gastdirigent bei Il Complesso Barocco und leitete dort u. a. eine große Tournee mit Joyce DiDonato und dem Projekt „Drama Queens“ durch Europa, die USA und Asien. Parallel zu seiner internationalen Karriere als Violinvirtuose ließ Dmitry Sinkovsky auch seine Stimme als Countertenor ausbilden: durch Unterricht bei Michael Chance in Den Haag, Marie Daveluy in Montreal und Jana Ivanilova in Moskau. Mittlerweile hat er sich in diesem Fach ein breites Repertoire mit Händel-Partien wie dem Rinaldo, Arsace, Bertarido oder Giulio Cesare erarbeitet, aber auch Glucks Orfeo, die BachPassionen sowie Kantaten von Vivaldi, Leonardo Leo und Alessandro Scarlatti. 2012 legte Sinkovsky seine Deutung von Bibers Rosenkranzsonaten auf CD vor, 2013 folgten Vivaldi-Violinkonzerte, für die er mit dem „Diapason d’Or“ ausgezeichnet wurde und 2015 schließlich eine weitere Vivaldi-Aufnahme, die ihn als Geiger und Countertenor präsentiert. Dmitry Sinkov­ sky spielt eine Violine von Francesco Ruggeri aus dem Jahr 1675.

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La Voce Strumentale Das Ensemble La Voce Strumentale, das nach den Erkenntnissen der Originalklangbewegung und auf historischen bzw. auf Streichinstrumenten mit Darmsaiten musiziert, wurde 2011 in Moskau von Dmitry Sinkovsky gegründet. Es vereint Virtuosen aus Russland und ganz Europa, die meistenteils Preisträger internationaler Wettbewerbe sind. Das Repertoire des Ensembles konzentriert sich auf das 17. und 18. Jahrhundert. Barocke Instrumentalwerke stehen ebenso auf den Programmen wie Vokalmusik aus dieser Zeit: Hier wären insbesondere Georg Friedrich Händel, Antonio Vivaldi, Alessandro Scarlatti, Leonardo Leo und Antonio Caldara zu nennen. In Russland ist La Voce Strumentale regelmäßig mit Konzerten im Bolschoi Theater, in der Moskauer Philharmonie, in St. Petersburg oder in Perm zu erleben. Mittlerweile tritt das Ensemble aber auch immer häufiger in Westeuropa auf: So gastierte es in den vergangenen Monaten in der Salle aux Grains in Toulouse, im portugiesischen Braga, in der Berliner Philharmonie, in der Liszt-Akademie in Budapest und im Auditorio Nacional in Madrid. Im Frühjahr 2015 veröffentlichte La Voce Strumentale die erste CD u. a. mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ so­ wie seiner Kantate „Cessate, omai cessate“. Dmitry Sinkovsky ist Solist auf der Geige und als Countertenor. 21


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Foto: Matt Hennek

www.hechtdruck.at

DAS N Ä C H ST E

MEISTERKONZERT

Sonntag 3.12.2017

Sie

Wir

Festspielhaus Bregenz 19:30 Uhr

HÉLÈNE Grimaud Klavier KAMMERORCHESTER DES SYMPHONIEORCHESTERS DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS RADOSLAW SZULC Leitung Samuel Barber: Adagio für Streichorchester op. 11 Valentin Silvestrov: „Der Bote“ für Streichorchester und Klavier, „Zwei Dialoge mit Nachwort“ für Streich­orchester und Klavier Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58 Joseph Haydn: Sinfonie C-Dur „Il Distratto“ Nr. 60 Hob I:60

Auch Ihren Unternehmensauftritt im Festspielhaus Bregenz inszenieren wir gekonnt.

Tickets EUR 70 / 60 / 50 / 40 / 36 Bregenz Tourismus & Stadtmarketing Rathausstraße 35a, A–6900 Bregenz T +43 (0) 5574 4080, E tourismus@bregenz.at www.bregenzermeisterkonzerte.at


www.bregenzermeisterkonzerte.at

Bregenzer Meisterkonzerte Abendprogramm 10.10.2017  
Bregenzer Meisterkonzerte Abendprogramm 10.10.2017  

Julia Lezhneva, Luca Pianca und Dmitry Sinkovsky mit dem Ensemble La Voce Strumentale

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