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Eckhard Deschler-Erb, Kurt Wyprächtiger Römische Kleinfunde und Münzen aus Schleitheim – Iuliomagus

mit einem Beitrag von Valentin Homberger

Beiträge zur Schaffhauser Archäologie 4


Beiträge zur Schaffhauser Archäologie 4 Schaffhausen 2010

Die Publikation haben durch Beiträge ermöglicht: Kanton Schaffhausen Pro Iuliomago-Gesellschaft für Archäologie im Kanton Schaffhausen Impressum: Redaktion: Markus Höneisen Fundtafeln: Ruth Baur und Hanna Hromadka Gestaltung: Katharina Bürgin Lithos, Satz und Druck: stamm+co AG, Grafisches Unternehmen, Schleitheim

© 2010 Baudepartement des Kantons Schaffhausen, Kantonsarchäologie ISBN 978-3-9521868-8-6


Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Dank

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I.

III. Die Fundmünzen aus Schleitheim – Iuliomagus 30 (Kurt Wyprächtiger)

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30 30 30 32 32 32 36

Der römische Vicus Iuliomagus (Valentin Homberger)

II. Die Kleinfunde aus Schleitheim – Iuliomagus (Eckhard Deschler-Erb) Typologische und chronologische Einordnung Hausrat Toilett-/medizinisches Gerät Schmuck und Tracht Handwerk Transport und Landwirtschaft Militaria Kleingerät Schrott Funktion nicht bekannt Figürliches Ergebnisse Chronologiefragen Kulturfragen Stratigrafische Fragen Zusammenfassung

Stand der Forschung Das Material 8 Das zeitliche Spektrum Die Nominale Gegenstempel 8 Ein römischer Goldschatz 8 Eine Münzbörse 12 14 Anhang 19 Anmerkungen 20 Abbildungsnachweis 20 Abkürzungen 22 Literatur 22 Tabelle: Fibelspektrum 23 23 Katalog und Fundtafeln Katalog der akeramischen Kleinfunde 24 Katalog der Fundmünzen 24 25 Fundtafeln Kleinfunde (Taf. 1–18) Fundtafeln Münzfunde (Taf. 19–23) 28 29

37 41 41 42 46 50 64 73 91


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Vorwort und Dank

Die rege Grabungs- und Forschungstätigkeit im römischen Vicus Iuliomagus (Schleitheim SH) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist im 20. Jahrhundert arg ins Stocken geraten, obwohl Bautätigkeiten für neue Industriebauten im Salzbrunnen mehrfach zu archäologischen Beobachtungen Anlass gegeben hätten. Leider wurden die Chancen hierzu verpasst, so dass Siedlungsteile unbeobachtet zerstört worden sind, was sich auf dem Gesamtplan mit leeren Flächen widerspiegelt. Erst die Ausgrabung der Thermen Ende 1974 durch Jost Bürgi leitete eine neue Ära von archäologischen Interventionen ein - anfänglich mit Nullbudget und ohne Fachpersonal. Nach einer Konsolidierungsphase folgten in den 80er- und 90er-Jahren und im Jahr 2000 weitere Untersuchungen und Grabungen im «Gehren» und in «Z’underst Wyler», wo noch letzte Flächen der ausgeschiedenen Gewerbezone überbaut wurden. Ähnliches zeigt sich im Publikationsstand. Zahlreichen Forschungsberichten des Historisch-Antiquarischen Vereins des Kantons Schaffhausen (1860-1871) und Vereins für Heimatkunde Schleitheim (1885-1898) stehen nur die Arbeit von Hildegard Urner-Astholz über «Die römerzeitliche Keramik» (1946) und die Publikation von Jost Bürgi und Radana Hoppe über «Die römischen Thermen» (1985) gegenüber. Neufunde wurden nur vereinzelt vorgelegt und zusammenfassende Bearbeitungen und Materialvorlagen fehlen, abgesehen von der (populären) Darstellung W.U. Guyans im Band «Turicum-Vitudurum-Iuliomagus» (1985).

aufgesammelt und der Kantonsarchäologie übergeben. Die Publikation enthält aber auch Funde aus neueren Ausgrabungen, die hier erstmals vorgelegt werden. An dieser Stelle sei allen freiwilligen Helfern für die äusserst wertvolle Mitarbeit mein Dank ausgesprochen. Namentlich erwähnen möchte ich Horst Worm, Willi Bächtold, Hans-Jürgen Eckhardt, Joachim Hessel und Dominik Brasser, die uns schon über Jahre wertvolle Beobachtungen mitgeteilt und Lesefunde überbracht haben. Allen an dieser Publikation Beteiligten danke ich für ihre Arbeit: Eckhard Deschler-Erb und Kurt Wyprächtiger als Autoren, Valentin Homberger für den einleitenden Überblick, Ruth Baur und Hanna Hromadka für die Fundzeichnungen, Daniel Gerbothé für EDV-Arbeiten und die Fertigstellung des Kataloges sowie Katharina Bürgin für die Gestaltung der Publikation. Mögen diese und zukünftige Materialvorlagen dazu beitragen, dass Iuliomagus in der römischen Forschung wieder vermehrt Beachtung findet. Markus Höneisen Kantonsarchäologe

Während die verpassten Chancen nicht wieder gutzumachen sind, kann zumindest der Publikationsstand verbessert werden. In den kommenden Jahren sollen daher Forschungsdokumente, Grabungen und verschiedene Materialgruppen ausgewertet und vorgelegt werden. Die Publikation «Römische Kleinfunde und Münzen aus Schleitheim-Iuliomagus» macht hierzu den Anfang. Verdankenswerterweise haben Eckhard Deschler-Erb die Bearbeitung der Kleinfunde und Kurt Wyprächtiger die Bearbeitung der Münzen übernommen und legen mit dieser Publikation erstmals eine Gesamtbearbeitung dieser Fundgruppen vor. Viele Funde sind Lesefunde, die durch die landwirtschaftliche Bearbeitung über die Jahre zum Vorschein gekommen sind. Etliche stammen aus archäologisch nicht begleiteter Bautätigkeit. Sie wurden von engagierten Heimatforschern aus Profilen und dem Aushub von Leitungsgräben und Baugruben 5


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I. Der römische Vicus Iuliomagus Valentin Homberger

Eingebettet in die sanfte Hügellandschaft des Randens zwischen Wutachtal und Klettgau, in dem schräg von Nordost nach Südwest verlaufenden Tal des Schleitheimer Baches, liegt das heutige Dorf Schleitheim, dessen Wurzeln auf eine frühmittelalterliche Gründung zurückgehen.1 Nur rund 500 m südwestlich, in dem rechtwinklig abgehenden Seitental des Zwärenbachs lag in römischer Zeit die Siedlung Iuliomagus (Abb. 1). Der einzig in der Tabula Peutingeriana, der mittelalterlichen Abschrift einer antiken Strassenkarte, überlieferte Name wurde erstmals 1844 von H. Schreiber aufgrund von Münzfunden mit der Fundstelle bei Schleitheim in Verbindung gebracht.2 Diese These dürfte dann sechs Jahre später auch den Lokalforscher M. Wanner dazu ermuntert haben, seinen Spaten bei Schleitheim anzusetzen. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu Grabungen, die zunächst von M. Wanner, von 1860-1871 durch den Historisch-Antiquarischen Verein des Kantons Schaffhausen und schliesslich von 1885-1898 durch den Verein für Heimatkunde Schleitheim ausgeführt wurden.3 Mit dem 1899 von G. Wanner vorgelegten, zusammenfassenden Bericht der erzielten Ergebnisse endeten dann die regelmässigen und grossflächigen Untersuchungen.4 Bis in die 1920er Jahre gab es lediglich noch einige eher kleinere Schürfungen. Danach ruhte die intensive Forschungstätigkeit für beinahe 50 Jahre, allerdings kam es auch in dieser Zeit wiederholt zu undokumentierten Bodeneingriffen etwa bei Drainagearbeiten. Ab 1942 war dann W.U. Guyan als Direktor des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen und zugleich Kantonsarchäologe zuständig für die Fundstellen des Kantons.5 In seine Amtszeit fallen jedoch nur kleinere Sondierungen im römischen Schleitheim. Nach seinem Rücktritt 1972 war das Amt des Kantonsarchäologen für zwei Jahre unbesetzt, bis im Frühjahr 1974 der Thurgauer Kantonsarchäologe J. Bürgi interimistisch auch das Amt in Schaffhausen übernahm. In der Zwischenzeit war jedoch einiges an antiker Bausubstanz unbeobachtet verloren gegangen, insbesondere beim Bau einer grossen Werkhalle im Zentrum der römischen Siedlung noch im Mai 1974.6 Im Herbst desselben Jahres begann die Freilegung der römischen Thermen – die erste moderne Grossgrabung in Iuliomagus überhaupt.7 Angesichts der guten Erhaltung der Anlage beschloss man, diese unter einem Schutzbau zu konservieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Weitere grosse Grabungen folgten in den Fluren Gehren (1980, 1994) und insbesondere Z’underst Wyler (1985, 1988, 1994, 1995).8 Die bislang letzte grossflächige Untersuchung fand im Jahre 2000 ebenfalls in der Flur Z’underst Wyler statt.9 Die örtliche Sage von einer grossen Stadt «Staufen», die im Zwärenbachtal gestanden habe und in alter Zeit untergegangenen sei, aber auch Flurnamen wie «Hinter Mauern» zeigen, dass sich in Schleitheim eine vage Erinnerung an die römische Kleinstadt über die Jahrhunderte hinweg erhalten hat.10 Nach heutigem Kenntnisstand erstreckte sich die Siedlung in südost-nordwestlicher Richtung auf einer Länge von rund 600 m.

Die Häuser reihten sich zu beiden Seiten der damals wichtigen römischen Fernstrasse von Windisch (Vindonissa) nach Rottweil (Arae Flaviae). Diese Handelsroute dürfte entscheidend sowohl für die Gründung, als auch für den Fortbestand der Siedlung gewesen sein. Von den heute bekannten Grundrissen lassen sich die meisten als einfache, langrechteckige Wohn- und Gewerbehäuser (sog. Streifenhäuser) deuten. Nebst einigen meist eher vagen Hinweisen auf Handwerksbetriebe11 ist bislang einzig eine Schmiede in der Flur Z’underst Wyler sicher lokalisiert.12 An öffentlichen Gebäuden sind die Standorte der Thermen sowie mehrerer Tempel bekannt. Die Badeanlage lag im Zentrum der Siedlung in der Flur Salzbrunnen, ursprünglich wohl zusammen mit weiteren öffentlichen Bauten. Westlich davon, jenseits des Zwärenbachs, am flach ansteigenden Hang, erhob sich der beachtlich grosse Tempelbezirk (Hinter Mauern). In dem ursprünglich wohl von einer Temenosmauer eingefassten Areal lassen sich mindestens zwei gallorömische Umgangstempel zusammen mit weiteren Gebäuden nachweisen. Nach den Grabungsunterlagen von 1860 war der grössere Tempel auf einem Podium mit vorgelagerter Freitreppe errichtet und dürfte einst einen eindrücklichen Anblick geboten haben. Nördlich daran anschliessend findet sich ein weiteres Areal mit Gebäuderesten, das möglicherweise ebenfalls teilweise ummauert war, dessen Deutung jedoch bislang ungeklärt ist (Sakralbau, villa suburbana?).13 In jüngster Zeit wurden schliesslich in der Flur Chochbrunnen beim Ausheben von EKS-Leitungsgräben vier Brandgräber und ein Körpergrab angeschnitten, womit nun auch das an der südlichen Ausfallstrasse gelegene, zur Siedlung gehörende Gräberfeld nachgewiesen ist.14

Abb. 1: Schleitheim-Iuliomagus. Übersichtsplan zum römischen Vicus.

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II. Die Kleinfunde von Schleitheim – Iuliomagus Eckhard Deschler-Erb Die Vorlage der Kleinfunde aus dem Vicus von SchleitheimIuliomagus15 berücksichtigt mit Ausnahme der Geschirrkeramik alle Kleinfunde aus den Grabungen 1995 und 2000 sowie eine umfangreiche Auswahl aus Altgrabungen im Vicusbereich,16 wobei bei den Fibeln darauf geachtet wurde, dass alle bisher aus dem Vicus bekannten Exemplare berücksichtigt werden konnten. In einem ersten Kapitel wird das Fundmaterial typologisch und chronologisch vorgestellt und in einem zweiten Kapitel auf ihren Erkenntniswert für die Siedlungsgeschichte von Iuliomagus hin betrachtet.

Typologische und chronologische Einordnung Die insgesamt 414 erfassten Objekte17 aus Buntmetall,18 Eisen, Elfenbein, Glas, Holz, Kieselkeramik,19 Knochen, Silber, Stein, Ton und Zahn verteilen sich auf zehn Kategorien und innerhalb der Kategorien auf weitere Unterkategorien.20 Kategorie Hausrat Toilett-/medizinisches Gerät Schmuck/Tracht Handwerk Transport/Landwirtschaft Militaria Kleingerät Schrott Funktion nicht bekannt Figürliches Total

Summe 90 22 129 18 4 29 81 33 7 1 414

N% 21.7 5.3 31.2 4.3 1.0 7.0 19.6 8.0 1.7 0.2 100

Hausrat (1-90; Taf. 1-7) Unter Hausrat sind alle die Objekte zusammengefasst, die innerhalb eines Haushaltes Verwendung fanden und nicht zur persönlichen Ausstattung gezählt werden können.21 Der Hausrat umfasst total 90 Objekte und verteilt sich auf sieben Unterkategorien. Hausrat Gefässe Beleuchtung Schreibgerät Schloss-/Möbelteile Kochen und Essen Waage/Gewicht Spielgerät Total 8

Summe 15 12 5 15 21 3 19 90

n% 16.7 13.3 5.6 16.7 23.3 3.3 21.1 100

Gefässe (1-15; Taf. 1-2) Die 15 Gefässreste aus Iuliomagus bestehen mehrheitlich aus Buntmetall (n = 12); drei Gefässteile bestehen entweder aus Eisen (5), Holz (14) oder Stein (15). Die Katalognummern 1-3 umfassen Gefässränder von Weitformen. Die ersten beiden sind recht massiv gestaltet und dürften von Kasserollen stammen; in der vorliegenden Ausprägung am ehesten von Kasserollen der mittleren Kaiserzeit.22 Rand 3 ist hingegen im vorliegenden Erhaltungszustand nicht so einfach zuweisbar. Möglicherweise handelt es sich um den Rand eines Blecheimers.23 Der Griffansatz 4 gehört zu sogenannten «einheimischen Gefässgriffen».24 Griffe dieser Art bestehen aus einer durchbrochen gearbeiteten Platte mit reliefierter Oberseite und flacher Unterseite. In der Grundform zeigen sie ein Andreaskreuz mit profiliert gestaltetem Mittelteil und Löchern in den Zwickeln. Die oberen Enden sind für Nietlöcher leicht verbreitert und lassen so den Eindruck von Vogelköpfen entstehen.25 Mit Hilfe dieser Nietlöcher waren diese Griffe höchstwahrscheinlich an Siebgefässen angebracht, die in einheimischer Technik spätrepublikanische Weinsiebe nachahmten.26 «Einheimische Gefässgriffe» wie unsere Nr. 4 gehören zu einer regional begrenzten Gruppe, die sich bisher auf den Raum zwischen Luxemburg im Norden, Bayern im Osten, Waadtland im Süden und Burgund im Westen beschränkt; mutmassliche Halbfabrikate in Oberwinterthur-Vitudurum und Avenches-Aventicum weisen auf eine lokale Produktion hin.27 Aufgrund stratigrafisch gut zugewiesener Exemplare ist die Datierung dieser Gefässe auf tiberisch-claudische (neronische?) Zeit begrenzt.28 Auch der senkrecht stehende eiserne Gefässgriff 5 dürfte einer lokalen Produktion entstammen. Möglicherweise liegt die Nachahmung eines Weinschöpfers (simpulum) vor, von dem es in Buntmetall zahlreiche Varianten gibt.29 Belege in Form von Parallelen lassen sich zu dieser Vermutung nicht anführen, weshalb die vorgelegte Deutung offen bleiben muss. Beim auf der Drehbank hergestellten Schälchen 6 ist ebenfalls zu überlegen, ob es sich um den Schöpferteil eines simpulums handelt.30 Der Omphalosboden ohne Standring spricht aber eher dagegen und am Rand des Gefässes ist auch kein Ansatz für einen in diesem Fall zu verlangenden senkrecht ansetzenden Griff zu erkennen. Deshalb gehe ich davon aus, dass es sich bei 6 um ein Schälchen handelt, das in Nachahmung silberner Vorbilder beim Tafelgeschirr seine Verwendung fand.31 Ganz exakte Parallelen zu unserem Exemplar lassen sich nicht anführen. Verwandte Formen finden sich aber vor allem in Zusammenhängen des 2./3. Jahrhunderts, weshalb ich unser Exemplar ebenfalls in die mittlere Kaiserzeit datieren möchte.32 Die beiden Henkel 7 und 8 waren auf unterschiedliche Weise am jeweiligen Gefäss befestigt. Henkel 7 wurde mit Hilfe einer (heute fehlenden) Manschette am Gefässkörper angemacht und war deshalb in sich beweglich. Bewegliche Henkelgriffe sind weit verbreitet und in massiver Ausführung an Becken oder Griffschalen bzw. in zierlicher Ausführung an Kasserollen zu finden.33 Unser Exemplar dürfte der Grösse nach eher zu einem Becken gehören, das in dieser Ausführung ins 1. Jahrhundert zu datieren wäre.34 Der Henkel 8 in Omegaform war mit beiden Enden (heute fehlend) fest mit der


Wandung eines Beckens verbunden; die Becken selbst hatten eine weit ausladende Wandung und einen niedrigen Fuss. Becken dieser Art mit festem Griff sind in grosser Zahl von augusteischer Zeit bis ins 2./3. Jahrhundert belegt (Eggers Typ 99/100).35 Der stark fragmentierte Henkel 8 lässt sich innerhalb dieses zeitlichen Rahmens nicht mehr näher einordnen. Die beiden glatten Amphorenhenkel 9 und 10 sind durch ihre spitzblattförmigen Attaschen und den ovalen Griffquerschnitt charakterisiert. Beide gehören zu Weinkannen vom Typ Eggers 129, die eine weit verbreitete Form darstellen. Ihre Produktionszeit läuft über das gesamte 1. Jahrhundert; als Herstellungsgebiet wird Italien (Süditalien) vermutet.36 Der Delphin 12 und der Scharnierdeckel 11 gehören zu sogenannten Blechkannen. Dabei waren die Delphine als Daumenstützen in die Scharnierdeckel eingesetzt. Die zugehörigen Blechkannen sind vor allem durch Exemplare aus Pompeji (I) bekannt geworden und sie werden nach diesem Fundort benannt. Ihre Datierung beschränkt sich auf die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts. Blechkannen der hier vorliegenden Art wurden als Wasserkocher oder als Teil einer Waschgarnitur verwendet.37 Beim nur flach gewölbten Deckel 13 ist die Zuordnung nicht ganz klar. Am ehesten dürfte es sich um den Deckel einer Pyxis handeln, in der Salben und Pasten zu medizinischen Zwecken oder zur Schönheitspflege aufbewahrt wurden. Gesichert ist dies für Deckel 14 aus Buchsbaumholz. Deckel und Pyxiden dieser Art dürften höchstwahrscheinlich aus importiertem Holz gedrechselt worden sein; eine Produktion ist für das Legionslager von Windisch-Vindonissa belegt. Zahlreiche Parallelen belegen eine weite Verbreitung; der Deckel allein erlaubt keine exaktere Datierung als in die römische Kaiserzeit.38 Zum Abschluss der Gefässe folgt die grosse Schale 15, wohl aus einheimischem Kalkgestein (Abb. 2). Schalen dieser Art, die sicher in Nachbildung von Marmorschalen geschaffen wurden, sind als Ausstattungsstück eines besser gestellten Haushalts zu interpretieren. Schalen dieser Art erscheinen nicht sehr häufig im Fundmaterial; eine Datierung in die frühere und mittlere Kaiserzeit kann als gesichert gelten.39 Beleuchtung (16-27; Taf. 2-3) Bei den zwölf Objekten, die mit der Beleuchtung zu tun haben, handelt es sich ausschliesslich um Lämpchen. Davon sind zehn Exemplare aus Ton (16-25) und zwei aus Buntmetall (26-27). Von den zehn Tonlämpchen gehören acht Exemplare zu Typen mit Lampenspiegel (16-23); zwei weitere Exemplare sind offene Lampen (24-25). Von den acht Lämpchen mit Spiegel wiederum gehören sieben zu den sogenannten Volutenlampen (16-22),40 während das Schnauzenfragment 23 zu den sogenannten Firmalampen zu zählen ist.41 Für die ersten drei Volutenlämpchen ist die eckige Schnauze charakteristisch. In der bei uns vorliegenden Ausprägung und mit den Spiegelreliefs gehören sie zum Typus Loeschcke I B/C, der ab spätaugusteisch-tiberischer Zeit und dann im gesamten 1. Jahrhundert zu finden ist.42 Die Spiegelreliefs zeigen mit Hirsch (16), Löwe (17) und Tierhatz (18, Hund jagt Eber) all-

Abb. 2: Schleitheim-Iuliomagus. Die Steinschale 15, ohne Massstab.

gemein übliche und weit verbreitete Szenen (Abb. 3).43 Die beiden folgenden Volutenlampen (19-20) sind durch eine gerundete Schnauze charakterisiert. Damit gehören sie zum Typus Loeschcke IV, der ins mittlere 1. bis 2. Jahrhundert zu datieren ist.44 Das Relief von 19 weist ein häufig zu findendes Rosettenmotiv auf. Das nur unvollständige Relief von 20 zeigt drei Amoretten, die mit dem Transport der Herkuleskeule beschäftigt sind (Abb. 3).45 Auch die beiden Schnauzenfragmente 21 und 22 gehören zu den Volutenlampen. Für eine genauere Einordnung ist jedoch von beiden zu wenig erhalten. Das Schnauzenfragment 23 gehört zu den sogenannten Firmalampen, die aufgrund des Herstellernamens auf dem Lampenboden ihren Namen haben. Unser Exemplar, das auch durch den dunklen Ton klar als Firmalampe zu bestimmen ist, gehört zum Typus Loeschcke IX, der u.a. durch einen flachen Schnauzenkanal definiert ist. Dieser Typus ist mehrheitlich ins spätere 1. und ins 2. Jahrhundert zu datieren.46 Den Abschluss der Tonlämpchen machen zwei offene Tiegellampen (24-25), in denen wohl Talg oder Wachs verbrannt wurde und die sicher einer lokalen Produktion entstammen. Eine genauere Datierung dieser einfachen Formen ist nicht möglich.47 Bei den beiden Lämpchen aus Buntmetall handelt es sich um das mutmassliche Schulterfragment 26 eines Lämpchens mit Spiegel48 und um den Deckel für das Brennloch eines weiteren Lämpchens (27). Bei Letzterem hat sich im oberen Abschluss noch der Rest eines Aufhängerings erhalten, in den ursprünglich ein Kettchen zur Sicherung des Deckels eingesetzt gewesen war.49 9


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19 Abb. 3: Schleitheim-Iuliomagus. Bildlämpchen 16-20. M. 1:1.

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Schreibgerät (28-32; Taf. 4)

Schloss-/Möbelteile (33-47; Taf. 4-5)

Das Schreibgerät umfasst insgesamt fünf Objekte und verteilt sich auf drei Stili aus Eisen (28-30), eine Etikette aus Knochen (31) und einen Tintenfassdeckel aus Buntmetall (32). Die drei Stili sind schlecht erhalten und deshalb kaum näher einzuordnen. Stilus 28 dürfte mit seinem gleichmässig dicken Schaft und dem abgesetzten Spatel zur Gruppe 2 nach Schaltenbrand-Obrecht gehören. Diese Gruppe wird ins erste und zweite Drittel des 1. Jahrhunderts datiert. Stilus 29 hat ebenfalls einen abgesetzten Spatel, darüber hinaus aber auch eine Anschwellung des Schafts zur Spitze hin. Damit könnte er zur Gruppe 5 nach Schaltenbrand-Obrecht gehören, die ab der Mitte des 1. Jahrhunderts einsetzt.50 Das Schaftfragment 30 kann nicht weiter zugeordnet werden. Das Beinartefakt 31 ist in seiner Funktion noch umstritten. Es könnte sich um einen Wachsspatel, einen Pergamentglätter, ein Textlineal oder um eine Warenetikette gehandelt haben. Sicher ist, dass das Objekt im Zusammenhang mit dem Schreibwesen verwendet worden ist.51 Von der Form her gehört unser Objekt zu einem frühen Typus, der ins 1./2. Jahrhundert zu datieren ist.52 Mit dem Tintenfassdeckel 32 haben wir ein besonders interessantes Exemplar vor uns.53 Zum einen sind das Scharnier und die Einrastung für das innere Deckelchen sehr gut erhalten und zum anderen weist der Deckel eine ungewöhnlich reiche Verzierung aus Niello und wohl auch Silbertauschierung auf, die mit dem Motiv des «laufenden Hunds» in mindestens zwei konzentrischen Bahnen zu erkennen ist (Abb. 4). Mit dieser Verzierung gehört unser Deckel zu einer seltenen, aber weit im Westen verbreiteten Gruppe von sehr reich dekorierten Tintenfässern. Die Herstellungsspanne dieser Tintenfässer scheint wohl auf das letzte Viertel des 1. Jahrhunderts beschränkt gewesen zu sein.54

Die 15 Schloss- und Möbelteile verteilen sich auf fünf Schlüssel (33-37) und zehn Objekte, die zum Mobiliar gehören (3847). Bei den Schlüsseln55 bestehen drei (33-35) aus Buntmetall und zwei (36-37) aus Eisen. Alle fünf Exemplare gehören zu sogenannten Hebe-Schiebschlössern mit Fallriegelverschluss. Diese Schliesstechnik war in römischer Zeit mit am häufigsten genutzt.56 Die Griff- und Bartformen (ein- und zweireihig, unterständig) gehören zum allgemein üblichen Formenspektrum provinzialrömischer Schlüssel.57 Eine präzisere chronologische Unterteilung dieser technischen Unterschiede ist bis anhin noch nicht möglich, eine Datierung der Schleitheimer Schlüssel in die frühe bis mittlere Kaiserzeit ist jedoch sicher anzunehmen.58 Von der Grösse her dürften die vorliegenden Schlüssel am ehesten zu Möbel oder Kästchen gehören, einzig der etwas grössere Schlüssel 37 könnte als Türschlüssel genutzt worden sein. Die zehn Teile vom Mobiliar umfassen eine eher heterogene Gruppe. Mit 38 haben wir einen einfachen Kästchenhenkel aus Buntmetall vor uns;59 auch die eisernen Scharniere 39 und 40 müssen aufgrund ihrer geringen Grösse von Kästchen stammen.60 Die Beschlagteile 41, 42 und 44 aus Buntmetall sind ebenfalls als Zierelemente von Kästchen oder auch Möbeln (Betten?) zu deuten, wobei genaue Vergleiche dazu fehlen.61 Bei der Scheibe 43 aus Knochen ist eine Interpretation als Endstück eines Schrankscharniers möglich, eine Zuweisung zu den Pyxidendeckeln ist allerdings ebenfalls nicht völlig auszuschliessen.62 Zum Schluss folgen drei Scharnierkloben aus Eisen (45-47), die im Zusammenhang mit einfachen Türverschlüssen zu sehen sind.63

Abb. 4: Schleitheim-Iuliomagus. Tintenfassdeckel 32. M. 2:1.

Kochen und Essen (48-68; Taf. 5-6) In diesem Kapitel sind alle Objekte vereinigt, die mit der Zubereitung des Essens und dessen Verzehr zu verknüpfen sind. Es handelt sich dabei um zwölf Löffel (48-59), acht Messer/ Messerteile (60-67) und eine Herdschaufel (68). Von den zwölf Löffeln sind acht aus Knochen, drei aus Buntmetall und einer aus Silber. Zwei Grundformen lassen sich unterscheiden. Die eine gehört zur Gruppe mit runder Laffe (48-56) und die andere zu der Gruppe mit mandelförmiger und abgesenkter Laffe (57-59). Alle zusammen gehören zu der Gruppe der kleinen Löffel, den sogenannten Cochlearia, mit denen man Schnecken, Süssspeisen oder auch Muscheln löffeln konnte und zusätzlich das zugespitzte Stielende zum Aufspiessen von kleineren Häppchen nutzte.64 Die Löffel der ersten Grundform sind bis auf 56 aus Knochen gefertigt. Letztere sind ein sehr weit verbreiteter Typus, der generell ins 1. bis frühe 2. Jahrhundert zu datieren ist.65 Gleiches gilt auch für den Löffel 56 aus Buntmetall, bei dem einzig der durch Zierrillen gegliederte Stielansatz etwas aus dem allgemein üblichen Rahmen fällt.66 Die Löffel 57-58 dürften alle ein Zwischenstück aufgewiesen haben. Löffel dieser Art sind erst ab dem späteren 1. und mehrheitlich dem 2./3. Jahrhundert nachweisbar.67 Eine gewisse Besonderheit stellt natürlich der Silberlöffel 58 dar, den man als Hinweis auf einen besseren Haus11


halt nehmen kann. Von der Form an sich und seiner Datierung entspricht er aber den Löffeln aus Buntmetall.68 Bei Löffel 59 ist die obere Kante des Verbindungsstücks zur Laffe hin ausgezogen und endet in einem stark stilisierten Tierkopf (?). Aufgrund dieser Ausprägung erscheint es denkbar, dass dieser Löffel an den Beginn der Spätantike (3./4. Jahrhundert) datiert werden könnte.69 An Messern liegen vier Griffteile (60-63), ein Ortband (64) und drei Klingen (65-67) vor. Von den vier Griffteilen bestehen die ersten drei aus Knochen. 60 und 61 umfassen zweischalig die Griffplatte einer heute fehlenden Klinge. Beide sind mit einem vergleichbaren Dekor aus Strichmustern verziert. Die Datierung derartiger Griffe ist allgemein in die mittlere Kaiserzeit zu setzen.70 62 umfasst als glatt polierter Vollgriff die Griffangel eines heute verlorenen Messers. Es ist davon auszugehen, dass dieser Griff ursprünglich zu einem sogenannten Volutenmesser gehörte. Griffe dieser Art, die auch mit dem Militär in Verbindung gebracht werden, sind ins 1. Jahrhundert zu datieren.71 Der Griff 63 aus Buntmetall gehörte zu einem Messer mit Griffplatte. In der Griffzwinge finden sich noch einige wenige eiserne Reste der heute fehlenden Klinge. Das Ortband 64 eines durchbrochen gearbeiteten Messerfutteral-Beschlags gehört zu einem sogenannten Thekenbeschlag.72 Dieser lässt sich dabei der Motivgruppe F, Serie IIa (Beschläge mit Ornament), Typ 33 Augst 1, Ortband O22 zuweisen.73 Thekenbeschläge dieser Motivgruppe sind am ehesten ins 3. Jahrhundert zu datieren.74 Von den drei Klingen 65-67 sind einzig 65 und 66 näher bestimmbar. Bei 65 handelt es sich um ein Griffangelmesser mit horizontaler Schneide und regelmässig abschwingendem Rücken.75 Bei dem Griffplattenmesser 67 ist die Schneide geschweift mit geschwungenem Rücken und hochgezogener Spitze gestaltet. Dieser Typus zählt zu den Leitformen provinzialrömischer Messerklingen.76 Zum Abschluss folgt mit 68 eine Herdschaufel mit eisernem Griff und eisernem Blatt. Mit Geräten dieser Art wurde das Herdfeuer angefacht und in Gang gehalten; eine Nutzung beim Schmieden ist allerdings ebenfalls nicht auszuschliessen. Das Gerät ist weit verbreitet und bereits seit der Eisenzeit bekannt.77

he bis mittlere Kaiserzeit zu datieren.79 Die beiden Eicheln 70 und 71 könnten unter Umständen als Laufgewichte verwendet worden sein. Diese Interpretation ist allerdings nicht ganz sicher.80

Waage/Gewicht (69-71; Taf. 6)

Toilett-/medizinisches Gerät (91-112; Taf. 7)

Zur Unterkategorie Waage und Gewicht zählen die Waage 69 und die beiden mutmasslichen Gewichte 70 und 71 für eine Schnellwaage. 69 kombiniert interessanterweise das Prinzip der gleicharmigen Waage und das Prinzip der sogenannten Schnell- oder Laufgewichtswaage.78 Mit den beiden Lastarmen, an denen Waagschalen befestigt wurden, war es möglich, die zu wiegende Ware in der einen Schale mit definierten Gewichten in der anderen Schale auszuwiegen. Darüber hinaus ermöglichte es die Skala auf dem rechten Lastarm die Waage als Schellwaage zu nutzen. Dabei wurde das zu wiegende Gut auf der linken Seite in einer Waagschale aufgehängt und auf der rechten Seite mit Hilfe eines Laufgewichts ausbalanciert. Das erzielte Gewicht konnte man dann anhand der Skala am rechten Lastarm ablesen. Kombinierte Waagen wie 69 sind nicht sehr häufig nachgewiesen und wohl in die frü-

Unter dieser Kategorie sind alle Objekte versammelt, die mit der Körperpflege oder der Gesundheit des Körpers zu tun haben. Die insgesamt 22 Objekte verteilen sich auf fünf Unterkategorien.

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Spielgerät (72-90; Taf. 6-7) Das Spielgerät aus Schleitheim-Iuliomagus besteht aus zwei Würfeln (72-73) und 17 Spielsteinen (74-90). Die Würfel 72 und 73 bestehen beide aus dunkel gefärbtem Knochen und wurden jeweils aus der Wandung eines Langknochens hergestellt. Beide sind morphologisch gesehen mit den heutigen Würfeln kubischer Form identisch, d.h. dass die einander gegenüber liegenden Seiten immer sieben ergeben.81 Bei dem nur fragmentarisch erhaltenen Würfel 73 ist dies allerdings nur zu vermuten. Die Würfel wurden generell zu Glücksspielen eingesetzt; eine genauere Datierung ist bei beiden Exemplaren aus Schleitheim-Iuliomagus nicht möglich.82 Die 17 Spielsteine verteilen sich auf neun Exemplare aus Knochen (74-82) und acht aus Glas (83-90). Die Spielsteine aus Knochen wurden auf der Drehbank hergestellt; die Spur der Fixierung auf der Drehbank ist jeweils in der Mitte der einzelnen Steine gut zu erkennen.83 In unserem Material lassen sich drei Typen unterscheiden: ein glattes unverziertes Exemplar (74), Exemplare mit einer Mulde (75-77) und Exemplare mit konzentrischen Rillen (78-81). Damit entsprechen sie dem üblichen Typenspektrum provinzialrömischer Fundstellen; eine genauere Datierung dieser Spielsteine ist nicht möglich.84 Als zusätzliche Verzierung sind auf der Rückseite von 80 Graffiti zu erkennen und auf der Rückseite von 81 drei eingetiefte Mulden. Diese Markierungen belegen möglicherweise eine sekundäre Nutzung als Rechensteine.85 Die Spielsteine aus Glas (83-90) sind allesamt konvex geformt; bis auf 83 bestehen alle aus dunklem Glas. Auch dieser Typus ist weit verbreitet und chronologisch nicht näher einzuordnen.86 Spielsteine gehörten zu Brettspielen verschiedenster Art, die im römischen Reich eine weite Verbreitung hatten. Eine Zuweisung bestimmter Formen zu bestimmten Spielen ist derzeit nicht möglich.87

Toilett-/medizinisches Gerät Wundhaken/Schere Pinzetten Sonden Spiegel Toilettgerätfragment Total

Summe 2 2 13 4 1 22


Schere/Wundhaken (91-92; Taf. 7) Bei der Schere 91 handelt es sich um das sehr kleine Exemplar einer Bügelschere. In dieser kleinen Ausführung konnte sie im medizinischen Bereich, vor allem aber zum Schneiden von Haar oder Bart genutzt werden.88 Beim Wundhaken 92 aus Buntmetall handelt es sich um ein sehr fein verziertes und sorgfältig gestaltetes Objekt (Abb. 5). Haken dieser Art, die den lateinischen Namen hamus acutus tragen, sind einzig im medizinischen Bereich denkbar. Mit ihnen konnten Blutgefässe und Gewebeteile fixiert und Wundränder offen gehalten werden.89 Wundhaken der vorliegenden Gestaltung sind vor allem aus Italien und dort aus Pompeji bekannt.90 Höchstwahrscheinlich stellt auch unser Haken einen italischen Import dar, der wohl in neronisch-flavischer Zeit in Schleitheim-Iuliomagus von einem hier praktizierenden Arzt genutzt wurde.

Abb. 5: Schleitheim-Iuliomagus. Wundhaken 92. M. 1:1.

Pinzetten (93-94; Taf. 7) Pinzetten dienten als Vielzweckinstrumente im medizinischen und kosmetischen Bereich.91 Die beiden Pinzetten aus Buntmetall unterscheiden sich durch die Gestaltung des Kopfes. 93 endet mit einer separat ausgeführten Aufhängeöse. Pinzetten dieser Art waren meist Bestandteil eines mehrteiligen Toilettbestecks, das an einem Ring oder einem Scharnier befestigt war. Die Form kennt viele Parallelen und ist ins 1./2. Jahrhundert zu datieren.92 Die Pinzette 94 weist einen einfach ausgeführten Balusterkopf auf. Pinzetten dieser Form sind ebenfalls weit verbreitet und häufig auch Bestandteil von Arztbestecken. Ihre Datierung reicht von der Mitte des 1. bis ins 3. Jahrhundert hinein.93 Sonden (95-107, 112; Taf. 7) Die dreizehn Sonden aus Buntmetall verteilen sich auf acht Ohrlöffelchen (95-102), vier Löffelsonden (103-106) und eine Spatelsonde (107). Genau wie die Pinzetten konnten die Ohrlöffelchen im Toilett- und im medizinischen Bereich eingesetzt werden.94 Sie weisen ein kleines, leicht abgewinkeltes Löffelchen am einen Ende und eine Spitze am anderen Ende des Schafts auf. Sie gehören zu dem am weitesten verbreiteten Typus der römischen Sonden mit einer Datierung über die gesamte römische Kaiserzeit hinweg.95 Auch die Löffelsonden lassen sich als multifunktionelle Instrumente bezeichnen.96 Die vorliegenden Exemplare sind leider immer etwas fragmentiert. 103 zählt zum Typ mit einfachem Halsknoten; 104 und 105 zählen zum Typ mit mehrfachem Halsknoten und glattem Schaft. Beide Typen gehören in die frühe und mittlere Kaiserzeit, wobei letzterer Typus im Gegensatz zum Typ mit einfachem Halsknoten bis ins 3. Jahrhundert hinein läuft.97

Beim Löffel 106 ist keine genauere Datierung möglich. Bei der recht einfach gearbeiteten Spatelsonde 107 scheint es sich zuletzt um ein ad hoc vor Ort hergestelltes Instrument zu handeln, deren Form keine genauere Datierung zulässt.98 Spatelsonden gelten als Universalgeräte, die von Malerei bis hin zur Medizin vielfältig verwendet werden konnten.99 Vom Schaftfragment 112 ist zu wenig erhalten um eine genaue Zuweisung entweder zu den Löffelsonden oder zu den Spatelsonden zu ermöglichen. Spiegel (108-111; Taf. 7) Von den vier Spiegelteilen aus Buntmetall gehören 108 und 109 mit rechter Sicherheit zu ein und demselben Dosenspiegel (trotz unterschiedlicher Inventarnummern, vgl. Katalog) sowie 110 und 111 zu Scheiben von Griffspiegeln. Spiegel werden generell der weiblichen Sphäre zugewiesen; es ist allerdings nicht auszuschliessen, dass sie auch von Männern genutzt wurden.100 Der zweiteilige Dosenspiegel 108/109 zählt zu den bisher bedeutendsten Kleinfunden aus dem Vicus (Abb. 6). Zu seiner Herstellung wurden die beiden Seiten zuerst getrieben/abgedrückt und danach überdreht, so dass sich auf den Schauseiten eine Abfolge von konzentrischen Wulstbändern, Rippen und Profilzügen ergab. Jeweils in die Mitte setzte man danach ein auf einer Matrize hergestelltes Reliefblech, von denen nur das Bild auf der Rückseite erhalten geblieben ist. Dieses zeigt das Motiv der adlocutio, der Ansprache des Kaisers an seine Soldaten.101 Auf den Innenseiten beider Deckelhälften befanden sich ursprünglich leicht konvexe Spiegelscheiben, mit deren Hilfe man sich von vorne und hinten betrachten konnte.102 108/109 gehört zu einer sehr interessanten Gruppe von Dosenspiegeln, deren Schauseiten entweder mit Münzen oder mit Münzen nachahmenden Reliefblechen besetzt waren. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Münzen aus der Regierungszeit des Nero und aus der Münzprägestätte von Lugdunum-Lyon (F). Aus diesem Grund kann diese Gruppe der Münzspiegel bzw. der Spiegel mit imitierendem Reliefblech recht genau auf die Jahre der Regierungszeit Neros nach 64 n. Chr. datiert werden.103 Man weist sie lokalen Werkstätten in Lyon selbst zu und deutet sie als eine Art Loyalitätsbekundung privater Personen gegenüber dem Kaiserhaus und insbesondere gegenüber dem Kaiser Nero, der aus seiner Privatschatulle Geld für den Wiederaufbau in Lugdunum nach einem Brand von 65 n. Chr. spendete.104 Dosenspiegel der hier vorliegenden Gestaltung konzentrieren sich auf die Nordwestprovinzen, aus dem Bereich der heutigen Schweiz ist bis heute neben unserem Exemplar kein weiteres Stück mehr bekannt geworden.105 Man kann davon ausgehen, dass 108/109 in neronischer Zeit, irgendwann nach 65 n. Chr. mit seiner Besitzerin/seinem Besitzer nach Schleitheim-Iuliomagus gelangte. Die beiden anderen Spiegelfragmente 110 und 111 stammen beide von Griffspiegeln; nur 111 ist näher zuweisbar. Dieses Fragment gehört zu einem Griffspiegel mit Lochrand. Spiegel dieser Art zählen zu dem am weitesten verbreiteten Typ in den Nordwestprovinzen mit einer Datierung von der Mitte des 1. bis über das gesamte 2. Jahrhundert hinweg.106 13


Schmuck und Tracht (113-241; Taf. 8-12) In dieser Kategorie sind alle Objekte vereinigt, die am Körper bzw. auf der Kleidung getragen wurden. Eine Unterscheidung zwischen Schmuck und Tracht ist dabei nur im Einzelfall möglich.107 Mit 129 Objekten handelt es sich um die grösste Kategorie unter den hier vorgestellten Kleinfunden; sie sind in sechs Unterkategorien gegliedert. Haarnadeln (113-116; Taf. 8) Von den vier Haarnadeln sind drei aus Knochen (113-115) und eine aus Buntmetall (116). 113 weist einen schmalen, profilierten Kopf auf. Dieser meist ziemlich lang ausgeprägte TySchmuck / Tracht Haarnadeln Schmuck-/Trachtanhänger Fibeln Armringe Fingerringe Fragmente Total

Summe 4 28 88 4 3 2 129

n% 3.1 21.7 68.2 3.1 2.3 1.6 100

pus ist in die mittlere Kaiserzeit zu datieren.108 Bei 114 und 115 handelt es sich um Haarnadeln mit einfachem rundem/ ovalem Kopf. Haarnadeln dieses Typs finden sich während der gesamten römischen Kaiserzeit.109 Die Haarnadel 116 weist einen leicht verdickten Kopf auf. Sie gehört damit zu einem weit verbreiteten Typus der mehrheitlich aus dem späteren 2. und früheren 3. Jahrhundert bekannt ist.110 Schmuck-/Trachtanhänger (117-144; Taf. 8) Die insgesamt 28 Schmuck-/Trachtanhänger verteilen sich auf drei Glöckchen (117-119), drei Schmuckanhänger (120-122) und 22 Perlen (123-144). Die drei Glöckchen aus Buntmetall mit Verzinnung/Versilberung gehören zum pyramidalen Typus (117) und zum halbkugeligen Typus (118-119?), die beide weit verbreitet und während der gesamten römischen Kaiserzeit nachweisbar sind.111 In der vorliegenden kleinen Ausführung dürften diese Glöckchen als Amulette gedient haben. Diese wurden – entweder gemeinsam mit anderen Objekten oder allein – an Hals- oder Armkettchen getragen; als Träger kamen vor allem Kinder aber auch Haustiere in Frage.112 In Kombination mit phallischen Elementen konnten Glöckchen der vorliegenden Art aber auch in Wohnhäusern oder vor einem Verkaufsraum aufgehängt werden um Unglück abzuhalten.113 Auch eine militärische Nutzung (Anhänger Pferdegeschirr) ist zumindest in einem Fall belegt.114

Abb. 6: Schleitheim-Iuliomagus. Dosenspiegel 108/109. M. 1:1 (Ausschnitt vergrössert).

14

Die drei Schmuckanhänger bestehen aus Silber (120), Buntmetall (121) und dem Eckzahn eines Hausschweins (122). Anhänger 120 ist als Schmuckscheibe gestaltet (Abb. 7). In der vorliegenden Ausführung gehört die Scheibe zum Typ Lun-


nern/Hettingen, der ins spätere 2. und vor allem ins 3. Jahrhundert zu datieren ist. Schmuckscheiben dieser Art wurden von Frauen der ländlichen Mittelschicht als Teil eines Tracht­ ensembles getragen. Ihre Verbreitung beschränkt sich auf die südöstliche Germania Superior sowie Westrätien und scheint damit eine Trachtprovinz zu markieren.115 Der Anhänger aus Buntmetall 121 ist als Phallus mit Aufhängeöse geformt. Anhänger dieser Art wurden als Amulette zum Schutz gegen den bösen Blick getragen; besonders Kindern, aber auch Haustieren wurden derartige Amulette – vergleichbar den oben bereits vorgestellten Glöckchen – umgehängt. Phallusanhänger der hier vorliegenden Art sind weit verbreitet und ins 2. bis 3. Jahrhundert zu datieren.116 Der Anhänger 122 gehört zur Gruppe der «Zahnanhänger mit Aufhängeloch». Anhänger dieser Art wurden mit Sicherheit als Amulette getragen. Ihre Datierung umfasst die gesamte mittlere Kaiserzeit.117

Abb. 7: Schleitheim-Iuliomagus. Silberne Schmuckscheibe 120. M. 1:1.

Die 22 Perlen 123-144 bestehen aus Buntmetall (123), Ton (124), Glas (125-127) und Kieselkeramik (128-144). Besonders interessant sind dabei die beiden Augenperlen 125 und 126 mit plastischen Auflagen (Abb. 8). Es handelt sich dabei um einen bereits in vorrömischer Zeit bekannten Typus, der in der vorliegenden Ausformung bis in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts hergestellt wurde.118 Die grösste Gruppe mit 17 Exemplaren umfasst die sogenannten Melonenperlen aus Kieselkeramik. Dabei handelt es sich um Quarzsplit, Glaspulver und ein organisches Bindemittel, das bereits bei relativ niedrigen Temperaturen von 600-800°C gebrannt werden konnte. Die bläulich-grüne Glasur dieser Perlen wurde aus Mischungen von Sand, Soda und Kupferverbindungen hergestellt.119 Melonenperlen wurden einzeln oder paarweise als Teile von Halsketten oder Armreifen getragen. Sie wurden nicht nur von Menschen getragen; Melonenperlen sind auch als Bestandteil vom Pferdegeschirr bekannt. Der Typus ist reichsweit bekannt. Sein Datierungsschwerpunkt findet sich im 1./2 Jahrhundert, darüber hinaus ist sein Vorkommen aber bis mindestens ins 3. Jahrhundert belegt.120

Abb. 8: Schleitheim-Iuliomagus. Augenperlen 125-126 mit plastischen Auflagen. M. 1:1.

Fibeln (145-232; Taf. 9-12) Mit 88 Exemplaren bilden die Fibeln die grösste Einzelgruppe unter den Kleinfunden aus Schleitheim-Iuliomagus. Bis auf das eiserne Exemplar 151 sind alle aus Buntmetall. Ihre Vorstellung folgt nach Riha, die eine Gliederung römischer Fibeln anhand technischer Merkmale durchführte.121 Riha Gruppe Gruppe 1 Gruppe 2 Gruppe 5 Gruppe 7 Gruppe 8 Spätantike Fibelnadeln Total

Katalog 145-150 151-158 159-209 210-223 224-227 228-229 230-232

n 6 8 51 14 4 2 3 88

Gruppe 1, eingliedrige Spiralfibeln mit vier Windungen und oberer Sehne: Die Fibeln dieser Gruppe stehen in keltischer Tradition und dienten mehrheitlich als Mantelschliessen.122 Die fünf Exemplare verteilen sich auf drei verschiedene Typen. Mit 145 und 146 stehen zwei Fibeln am Anfang, die in Augusta Raurica gar nicht vorkommen. Charakteristisch für diesen Typus ist das zum Bügel hochgebogene Fussende, das mit einer Manschette am breiten, gerippten Bügel fixiert ist.123 Fibeln dieser Art finden sich hauptsächlich in Gallien; ihre Datierung reicht von spättiberischer bis claudisch/neronischer Zeit.124 Exemplar 147 gehört zu den sogenannten Fibeln vom Mittellatèneschema.125 Allerdings gehören diese Fibeln nicht in die Eisenzeit, sondern sie stellen eine eigenständige Entwicklung der römischen Kaiserzeit dar. Dieser weit verbreitete Typus (mehrheitlich westliche Provinzen) hat seinen Datierungsschwerpunkt in tiberisch-claudischer Zeit.126 Der dritte Typus ist durch die Fibel 150 vertreten. Fibeln dieser Art wurden in sehr einfacher Art aus Draht geschmiedet und massenhaft produziert.127 Dieser Typus, der zum Verschluss des Mantels genutzt wurde, findet sich hauptsächlich entlang der Rheingrenze und scheint aus dem Rheinland zu stammen. Mit claudisch/neronischem Beginn hat der Typus seinen Datierungsschwerpunkt in domitianischer bis hadrianischer Zeit.128 Gruppe 2, eingliedrige Spiralfibeln mit oberer Sehne und Sehnenhaken: Diese Gruppe, die eine Weiterentwicklung der Gruppe 1 darstellt und ebenfalls als Mantelverschluss diente, beinhaltet westliche und östliche Typen.129 Die acht Fibeln dieser Gruppe verteilen sich auf drei Typen. Bei der eisernen Fibel 151 handelt es sich um eine sogenannte einfache gallische Fibel, deren Charakteristikum der glatte, ungeteilte Bügel ist. Typisch für die Variante aus Eisen ist dabei zusätzlich der scharfe Halsknick des Bügels.130 Die einfache gallische Fibel, die als Mantelfibel genutzt wurde, stammt vor allem aus dem Westen. Der Typ ist ab frühaugusteischer Zeit nachweisbar; die Variante aus Eisen datiert allerdings erst ab claudisch-neronischer Zeit.131 Mit 152 liegt ein Vertreter der sogenannten Augenfibeln vor, die ihren Namen nach den runden, augenförmigen Öffnungen am Bügelkopf haben. Unser 15


Exemplar gehört dabei zu einer Variante, bei der diese «Augen» nicht mehr vorkommen.132 Die Augenfibeln stellen eine germanische Entwicklung dar, die ihren Verbreitungsschwerpunkt in Mitteleuropa ausserhalb der römischen Grenzen hat; innerhalb des Reichs ist dieser Typ vor allem im Rheinland zu finden. Sie stellen eine augusteische Entwicklung dar, die bis in neronisch/frühflavische Zeit vorkommt; dabei steht die Variante ohne Augen datierungsmässig an letzter Stelle.133 Mit insgesamt fünf Exemplaren (153-157) ist die sogenannte «eingliedrige kräftig profilierte» Fibel vertreten. Charakteristika dieses Typs sind ein stark geschwungener Bügel, ein kurzer, stark verbreiteter Kopf mit Bügelknoten und ein Fuss mit nach oben gerichtetem Endknopf. Unsere Exemplare sind darüber hinaus noch durch einen nur einseitig ausgeprägten Bügelknopf und einen geschlossenen Nadelhalter definiert.134 Der Typus stammt aus dem norisch-pannonischen Raum und hat dort seinen Verbreitungsschwerpunkt mit geringen Ausläufern in die Westprovinzen. Die in Schleitheim-Iuliomagus einzig vertretene Variante ist eher spät zu datieren und gehört in neronisch-flavische Zeit.135 Gruppe 5, Hülsenscharnierfibeln: Die Fibeln dieser Gruppe haben mit dem Hülsenscharnier ein Verschlusssystem, das sich vollständig von der Spiralkonstruktion abhebt und auf mediterrane Traditionen zurückgeführt werden kann. Wie alle bisher vorgestellten Gruppen dienten auch die Hülsenscharnierfibeln zum Verschluss des Mantels.136 Mit insgesamt 51 Fibeln, von denen sich 46 bestimmen und auf 11 Typen verteilen lassen, bilden die Hülsenscharnierfibeln die grösste Gruppe in Schleitheim-Iuliomagus. Zu Beginn steht mit der Fibel 159 ein Vertreter der Aucissafibeln.137 Diese Fibeln haben ihren Namen aufgrund eines Fabrikantenstempels, der sich bei gewissen Exemplaren auf dem Bügelkopf findet, bei unserem Exemplar aber nicht nachweisbar ist. Die Aucissafibeln gehören zu den Fibeln mit der weitesten Verbreitung überhaupt. Auch wenn sie häufig als reine Militärfibeln angesehen werden, konnten diese Mantelfibeln sehr wohl auch von Zivilpersonen getragen werden. Der Datierungsschwerpunkt dieses Typs reicht von augusteischer bis claudischer Zeit.138 Mit 160 und 161 folgen zwei Fibeln, die als Nachahmungen der Aucissafibeln zu bezeichnen sind.139 Sie haben im Prinzip die gleiche Ausformung, die aber in den Einzelelementen nicht so klar ausgeprägt ist, wie bei der echten Aucissafibel. Dieser Typus findet sich hauptsächlich in Gallien und datiert in die Mitte bis zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts.140 Es folgen mit 162-163 drei Vertreter der Fibeln mit einem Bügel, der durch Querrippen verziert ist.141 Dieser Typus ist ab claudischer Zeit bis Anfang des 2. Jahrhunderts in Nutzung; er findet sich hauptsächlich in Nord- und Ostgallien, dem Rheinland und der Schweiz.142 Wiederrum drei Fibeln (165-167) zählen zu den sogenannten Scharnierflügelfibeln.143 Charakteristisch sind die vom Bügel abstehenden Fortsätze, die je nach Variante am oberen oder unteren Ende des Bügels ansetzen. Bei unseren Exemplaren sind beide Varianten vertreten. Die Scharnierflügelfibeln dürften von spätlatènezeitlichen Kragenfibeln abgeleitet sein und sind eine westliche Entwicklung. Mit Schwerpunkt im gallischen und helvetischen Raum reicht ihre Verbreitung aber auch weit in den Osten bis auf den Balkan. Die Form ist ab spättiberischer Zeit nachweisbar und 16

reicht, mit claudischem Schwerpunkt, bis in neronisch/flavische Zeit.144 Die Fibel 168 gehört zu dem Typus mit ungeteiltem Bügel und Fussknopfrudiment.145 Dieser ist sehr eng verknüpft mit dem vorhergehenden Typus und wird deswegen meist mit diesem zusammen behandelt. Demzufolge befindet sich der Verbreitungsschwerpunkt dieser Fibeln im Westen bei einer Datierung in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts.146 Mit 15 Exemplaren (169-183) bilden die Fibeln mit längsverziertem Bügel die grösste Gruppe unter den Hülsenscharnierfibeln.147 Je nach Gestaltung des Bügels unterscheidet die Forschung verschiedene Varianten; in Schleitheim-Iuliomagus gehören nahezu alle bestimmbaren Exemplare zu der Variante Riha 5.12.2, bei der der Bügel durch drei oder mehr Längsleisten gegliedert ist. Dieser Typus gehört zu dem am weitesten verbreiteten Typus in den Nordwestprovinzen mit einem Verbreitungsschwerpunkt von England über Nord- und Ostgallien, das Rheinland bis in die Schweiz. Seine Datierung läuft ab spättiberischer Zeit bis ans Ende des Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt in claudisch-neronischer Zeit.148 Auch der Typus der Fibeln mit geteiltem, dachförmigem Bügel ist mit sechs Exemplaren (184-189) recht gut vertreten. In Schleitheim-Iuliomagus sind dabei die Varianten mit Mittelrinne (z. B. 186), mit Niellodekor (z. B. 185) und mit Punzverzierung (z. B. 184) vertreten.149 Mit der ungefähr gleichen Verbreitung wie der vorangegangene Typus sind die Scharnierfibeln mit geteiltem, dachförmigem Flügel in die zweite Hälfte des 1./ Anfang des 2. Jahrhunderts zu datieren.150 Zwei Fibeln (190-191) gehören unter Umständen zum Typus mit seitlichen Bügelknöpfen und Varianten, wobei bei unseren beiden Exemplaren diese Bügelknöpfe gerade fehlen.151 Dieser Typus wird von Varianten der Aucissafibel abgeleitet und findet sich hauptsächlich in Nord- und Ostgallien sowie den Rheinlanden, Grossbritannien und der Schweiz. Die Datierung des Typs läuft von claudischer bis flavischer Zeit.152 Mit zu den umfangreichsten Typen in Schleitheim-Iuliomagus gehören mit neun Exemplaren (192-200) die nielloverzierten Scharnierfibeln und deren Varianten.153 Charakteristisch sind die bandförmigen, längsprofilierten Bügel, die eine Punz- oder Nielloverzierung tragen. Das Hauptverbreitungsgebiet entspricht dem der vorhergehenden Typen; der Datierungsschwerpunkt liegt ab claudischer Zeit bis zum Beginn des 2. Jahrhunderts.154 Mit einem Exemplar (201) haben wir den Typus der Scharnierfibel mit eingefügten Platten auf dem Bügel.155 Diese sind bei unserem Exemplar durch Kreisaugen verziert. Das Hauptverbreitungsgebiet dieser Fibeln befindet sich in Nordgallien und den rheinischen Provinzen. Ihre Datierung reicht von claudischer Zeit bis an den Beginn des 2. Jahrhunderts.156 Als letzter bestimmbarer Typ der Gruppe 5 folgen drei Fibeln mit emailverziertem Bügel (202-204). Davon gehören die ersten beiden zur Variante mit Emailverzierung zwischen Wellenbandstegen und die dritte zur Variante mit kleinen Emailfeldern.157 Scharnierfibeln mit emailverziertem Bügel bilden die letzte Entwicklungsstufe der Hülsenscharnierfibeln. Bei einer weiten Verbreitung in den nordwestlichen Provinzen liegt die Datierung dieses Typs zwischen der zweiten Hälfte des 1. und der Mitte des 2. Jahrhunderts.158 Den Abschluss der Gruppe 5 bilden mit 205-209 fünf Fragmente von Hülsenscharnierfibeln, die nicht mehr näher zugewiesen werden können.


Gruppe 7, Backenscharnierfibeln: Im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Gruppen sind die meist reich verzierten Fibeln mit Backenscharnier als reine Schmuckstücke zu verstehen, die ähnlich unseren heutigen Broschen getragen worden sein dürften. Gerne werden diese Fibeln auch als Bestandteil der weiblichen Tracht angesehen.159 Die 14 Exemplare dieser Gruppe (210-223), von denen sich zwei nicht näher zuweisen lassen, verteilen sich auf sieben Typen. Am Beginn steht mit 210 eine hervorragend erhaltene Fibel mit Punzornament und Beinplättchen (Abb. 9.1).160 Die Exemplare dieses Typs sind alle in sehr ähnlicher Weise verziert und könnten von ein und derselben Werkstatt stammen. Ihre Verbreitung beschränkt sich mehrheitlich auf Ostgallien, die Schweiz und das Rheinland bei einer Datierung in claudisch-neronische Zeit.161 Mit 211 haben wir das stärker fragmentierte Teil einer tutulusähnlichen Fibel vor uns. Dieser Typus wird bei der vorliegenden Variante durch ein zentrales Näpfchen und randliche Zacken charakterisiert.162 Die Fibeln dieses Typs konzentrieren sich auf Nordgallien, Britannien, das Rheinland und den Schweizer Raum bei einer Datierung vom Ende des 1. bis weit in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts hinein.163 Die Fibeln (212216) gehören zum Typus der gleichseitigen Scheibenfibeln.164 Fibeln dieses Typs weisen eine achsensymmetrische Ausführung auf und sind mit Niello (z. B. 216) (Abb. 9.2) oder einfachen Emaileinlagen (z. B. 212) verziert. Die gleichseitigen Scheibenfibeln sind in den Nordwestprovinzen weit verbreitet. Ihre Datierung reicht je nach Ausprägung von der Mitte des 1. (Nielloverzierung) bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts (Emailverzierung).165 Es folgt 217 als Vertreterin der flachen, mehrfarbigen Emailfibeln. Dieser Typ ist durch seine ganzflächige Verzierung mit Email charakterisiert, die bei unserem Exemplar leider heute vollständig fehlt.166 Die flachen Emailfibeln sind in den gesamten Nordwestprovinzen verbreitet bei einer Datierung ins 2. Jahrhundert.167 Die nur teilweise erhaltene Fibel 218 dürfte am ehesten zum Typus der Fibeln mit Perlen gehören.168 Bei diesem Typ ist der Bügelrahmen durchbrochen gestaltet und auf dazwischen gefügten Stiften finden sich aufgeschobene Perlen. Diese sind bei unserem Exemplar verloren gegangen. Fibeln mit Perlen sind eher selten, aber weit verbreitet. Von der Datierung her gehören sie ins spätere 2. Jahrhundert.169 Mit 219 haben wir das Endstück einer mehrteiligen Emailfibel vor uns.170 Fibeln dieses Typs wurden aus mehreren flachen emaillierten Grundscheiben zusammengesetzt und konnten verschiedene Formen bilden. Sie sind wie die Fibeln mit Perlen ebenfalls eher selten nachweisbar und ebenfalls weit verbreitet bei einer Datierung von der Mitte des 2. bis ins 3. Jahrhundert hinein.171 Das nahezu vollständige Exemplar einer mehrteiligen Fibel fand sich interessanterweise bei den Altgrabungen im frühmittelalterlichen Gräberfeld von Schleitheim-Hebsack. Möglicherweise stammte diese Fibel ursprünglich aus Schleitheim-Iuliomagus, wurde bereits im Frühmittelalter aufgelesen und gelangte dann als Grabbeigabe ins Gräberfeld.172 Als letzte genauer bestimmbare Fibeln der Gruppe 7 folgen mit 220 und 221 Vertreter der Figurenfibeln mit Emaileinlagen.173 Während von 220 nur noch das Hinterteil eines nicht weiter zuweisbaren Tiers erhalten ist, ist die Fibel 221 in Form einer genagelten Schuhsohle vollständig vorhanden (Abb. 9.3). Figurenfibeln mit Emaileinlagen sind im römischen Reich weit verbreitet; ein Produktionszen-

Abb. 9: Schleitheim-Iuliomagus. Auswahl gut erhaltener Fibeln. M. 1:1. 9.1: Scheibenfibel 210 mit Backenscharnier; 9.2: Gleichseitige Scheibenfibel 216 mit Backenscharnier; 9.3: Schuhsohlenfibel 221 mit Backenscharnier.

trum für Schuhsohlenfibeln wird am Oberrhein vermutet. Ihre Datierung umfasst das gesamte 2. und das frühe 3. Jahrhundert.174 Die Gruppe 7 wird abgeschlossen mit den zwei Fragmenten 222 und 223, deren genauer Typ nicht bestimmbar ist. Gruppe 8, Fibeln mit Drehverschluss: Diese Fibeln, die von allen getragen werden konnten, können als typische Mantelfibeln angesehen werden.175 Die vier Exemplare aus Schleitheim-Iuliomagus (224-227) verteilen sich auf zwei Typen. Mit 224 und 225 liegen Vertreter der Omegafibeln vor.176 Sie haben ihren Namen aufgrund der Formgleichheit mit dem griechischen Buchstaben; unsere Exemplare gehören zur Variante mit Schlangenkopfenden. Omegafibeln sind im gesamten 17


römischen Reich zu finden und während der gesamten römischen Kaiserzeit in Nutzung. Die Variante mit Schlangenkopfenden könnte möglicherweise im Bereich der heutigen Schweiz produziert worden sein.177 Die Fibel 226 gehört zur Variante vom Typus der Ringfibeln mit eingerollten Enden.178 Diese hat einen Verbreitungsschwerpunkt in Grossbritannien, ist aber auch sonst häufig zu finden. Ihre Datierung liegt im späten 3. und vor allem 4. Jahrhundert.179 Den Abschluss der Gruppe 8 bildet mit 227 eine typische Fibelnadel. Spätantike Fibeln: Ausser der Ringfibel 226 mit eingerollten Enden stammen noch zwei weitere spätantike Fibeln (228229) aus dem Siedlungsareal von Schleitheim-Iuliomagus. Bei 228 handelt es sich um eine Zwiebelknopffibel, deren technisches Charakteristikum das Röhrenscharnier ist. Typochronologisch wichtig sind bei unserem Exemplar die Kreisaugen auf dem Fuss und die angedeuteten Absätze auf dem Querbalken.180 Zwiebelknopffibeln sind ein im ganzen Imperium verbreiteter Bestandteil der männlichen Kleidung gewesen. Die Datierung unserer Variante geht ins mittlere 4. Jahrhundert.181 Bei der zweiten spätantiken Fibel (229) handelt es sich um ein vollständig erhaltenes Exemplar mit Armbrustkonstruktion, breitem punzverziertem Bügel, spitz zulaufendem Fuss und festem Nadelhalter.182 Fibeln dieser Art haben ihren Ursprung im Donauraum und fanden ihre Verbreitung über den elbgermanischen Raum bis nach Südwestdeutschland und die Rheinzone. Unser Exemplar zählt eigentlich zum elbgermanischen Formenspektrum, das erst im Zuge der germanischen Landnahme nach Südwestdeutschland gelangt sein dürfte. Als Datierung kann man das mittlere 3. bis frühere 4. Jahrhundert ansetzen.183 Fibelnadeln: Den Abschluss der Fibeln bilden die drei Nadeln 230-232, die entweder zur Gruppe 5 der Hülsenscharnierfibeln oder zur Gruppe 7 der Backenscharnierfibeln gehören. Armringe (233-236; Taf. 12) Die vier Armringe aus Schleitheim-Iuliomagus verteilen sich auf vier verschiedene Formen. Bei Armringen ist anzunehmen, dass sie vor allem von Mädchen und Frauen getragen wurden. Am Anfang steht 233 mit offenen Enden, die leicht verdickt und abgeflacht sind. Schwach zu erkennen ist auf der Aussenseite eine umlaufende Rillenzier. Armringe dieses Typs gehören ins Umfeld der Schlangenkopfarmringe mit einer stark stilisierten Darstellung. Armringe dieses Typs sind in die mittlere Kaiserzeit zu datieren.184 Während der sehr einfache Armring 234 mit offenen Enden nicht weiter eingeordnet werden kann, erinnert der Armring 235 mit dem muffenförmigen Steckverschluss am ehesten an Typen aus der Stufe Latène A der jüngeren Eisenzeit. Bei diesen handelt es sich allerdings um Hohlblechringe,185 während unser Exemplar aus einem massiven Rundstab besteht. Zuletzt folgt der Armring 236, dessen rundes Mittelstück mehrfarbige Einlagen aus Email aufweist. Aufgrund des Emails wird dieser Armreif in die mittlere Kaiserzeit zu datieren sein. 18

Fingerringe (237-239; Taf. 12) Die drei Fingerringe aus Iuliomagus gehören zu drei verschiedenen Gruppen; zwei sind aus Buntmetall (237, 239) und einer aus Eisen (238). Fingerringe stellen ein Tracht- oder Schmuckelement dar, das von Männern und Frauen gleichermassen getragen wurde. Man könnte höchstens einschränkend anmerken, dass eiserne Ringe eher den römischen Männern allein vorbehalten waren.186 Zu Beginn steht der Schlüsselfingerring 237. Dieser gehört zum Typus mit einem senkrecht gestellten Schlüsselbart, der heute leider fehlt. Mit diesen Schlüsselfingerringen konnte man ein Drehschloss, wie es zum Beispiel bei Schmuckkästchen häufig angebracht war, öffnen. Schlüsselfingerringe des vorliegenden Typs datieren mehrheitlich ins 3. Jahrhundert.187 Mit 238 haben wir einen eisernen und ziemlich schmucklosen Fingerring mit vorgewölbter Ringplatte vor uns, bei dem einzig die Schultern durch ein einfaches Kreuzmuster verziert sind. Ringe dieser Art gehören zu einem ziemlich schlichten Typus, der eine regelmässige Verbreitung kennt und generell in die frühe und mittlere Kaiserzeit datiert werden kann.188 Da er aus Eisen ist, könnte es sich um einen Fingerring handeln, der von einem Mann getragen worden war. Am Schluss steht der Fingerring 239. Er gehört zum Typus der Ringe in Sphendonenform mit leicht betonter Platte. Von der ursprünglichen Einlage aus Glas oder Stein hat sich leider nichts mehr erhalten.189 Fingerringe dieser Art sind sehr weit verbreitet und hauptsächlich ins 1. bis frühe 2. Jahrhundert zu datieren.190 Fragmente (240-241; Taf. 12) Am Schluss der Schmuck- und Trachtobjekte stehen die zwei nicht ganz sicher zuweisbaren Fragmente 240 und 241. Das sehr feine Kettchenfragment 240 besteht aus kleinen Draht­ ringen, die zu Doppelschlaufen gebogen und ineinander gehakt wurden. Kettchen dieser Art sind auch unter dem Namen «Fuchsschwanzkettchen» bekannt. Ihre Nutzung lässt sich nicht auf eine Schmuckkette allein eingrenzen. Möglich wäre auch eine Verwendung als Halterungsteile von Lämpchen oder Laternen.191 Beim Häkchen 241 – die Hakenspitze ist abgebrochen – dürfte es sich am ehesten um den Verschlussteil einer Schmuckkette handeln, wobei diese jedoch meistens aus Silber und Gold bestanden.192

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