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Page 32

KILIAN ZIEGLER

NaRr

IBAN der Schreckliche

von Matthias von Känel

Paradies Milena drehte sich zu mir um und schaute mich fragend an, in ihrer Hand den grünen Plastikapfel. Ich denke an das Wochenende vor zwei Jahren, an Vera, wie sie kicherte, als wir angeheitert die mit braunem Spannteppich bezogene Treppe des Hotels in der deutschen Provinz hoch rannten und sie die Vitrine mit den Plastikäpfeln entdeckte. «Ich bin Eva», sagte sie, griff nach einem und tat, als würde sie reinbeissen, und als wir danach miteinander geschlafen hatten, übermütig und betrunken, da sagte ich, dass ich jede Sünde mit ihr begehen, für sie begehen würde, und am nächsten Tag, als wir auscheckten, tat ich so, als hätte ich was im Zimmer vergessen, um noch einmal hochgehen und einen Plastikapfel in meine Tasche stecken zu können. «Hallo?», fragt Milena, die ich vor ein paar Stunden in einer Bar kennengelernt habe und die jetzt in meinem Zimmer steht, den Apfel noch immer in der Hand. «Ein Andenken ans Paradies», sag ich, stehe auf und streif ihr sanft die Bluse über den Kopf.

Matthias von Känel (*1986) stammt aus dem Kandertal, lebt bei Bern, arbeitet beim Staat und schreibt für sich selber und für «Das Narr». www.dasnarr.ch

L

ässigen Schrittes und mit gehobener Laune ging ich dem Trottoir entlang, als gehörte es mir. Meine Kopfhörer flüsterten mir HipHop-Beats (Zitat: «Bumm-Zägg, Bumm-BummZägg»), und ich gab Roberto Benigni recht, dass das Vita durchaus bella war. Doch meine eigene kleine Parade endete abrupt, als sich eine Gestalt, komplett in schwarz, vor mich stellte. «Gib mir all dein Geld, aber sofort», forderte mich der Mann auf, der aussah, als hätte er durchaus Gründe, das von mir zu verlangen. «Oha, ein Räuber», dachte ich, gleichermassen überrascht wie beeindruckt von dessen Chuzpe. Was sollte ich tun? Ich legte mir meine Optionen dar: (1) Wegrennen? Zu langsam! Wenn ich renne, bin ich weniger schnell, als wenn ich normal gehe. (2) Angreifen? Zu schwach! Wenn ich jemanden schlage, meint er, ich wolle ihn streicheln. (3) Ihm all mein Geld geben, aber sofort? Mangels Alternativen wählte ich Option drei, klaubte mein Portemonnaie aus der Hosentasche und machte, als ob ich Ueli Schmezer gedenken wollte, Kassensturz. «Ehm», sagte ich, «ich habe mein Geld gezählt und kam auf eine beachtliche Summe von null Franken null null.» «Hmm... Das ist wenig.» «Was machen wir jetzt?», fragte ich, in der Hoffnung, er liesse es gut sein und mich in Ruhe. Der Dieb-in-progress (oder wie ich ihn nenne: der Klaumeier) überlegte und sah dabei aus, als ob er dies nicht oft tun würde. «Du kannst mir sonst einfach was überweisen.» Er zog aus der Innentasche seines Mantels einen

Einzahlungsschein, drückte ihn mir in die Hand und schob ein «E-Banking geht auch» nach. Der Dieb stahl (haha!) sich dann davon. Verkrampften Schrittes und mit gedrückter Laune ging ich, Roberto Benigni hinterfragend, weiter dem Trottoir entlang, als gehörte ich nicht dorthin. Den ganzen Heimweg verfluchte ich die Tatsache, dass ich später zuhause dem Ganoven wohl oder übel das Geld überweisen musste – ausgeraubt werden ist scheisse. Erst als ich in meiner Wohnung ankam, schien ich mich einigermassen zu fangen; mir wurde bewusst, dass ich solche Räubereien eigentlich nicht unterstützen mochte – gehören meine Sympathien doch weniger den Böse- als den Liebewichten. Darum legte ich den Einzahlungsschein unbearbeitet ad acta, also in den Papierkorb. Unwillkürlich dreissig Tage später, hielt ich eine Mahnung in den Händen: «Gerne erinnere ich Sie an folgende Dienstleistung: 1 x Raub à 150.- CHF (Spesen inklusive). Bitte überweisen Sie den Betrag innerhalb der nächsten 10 Tage auf untenstehendes Konto.» Das wollte ich mir nicht bieten lassen! Ich griff zum Hörer und wusste sofort, was zu tun war: Ein Fall für Ueli Schmezer und den Kassensturz.

«Er zog aus der Innentasche seines Mantels einen Einzahlungsschein, drückte ihn mir in die Hand und schob ein ‹E-Banking geht auch› nach.»

Eine gute Zeit Kilian Ziegler PS: In einer Sache war der Mann ein äusserst erfolgreicher Dieb: Er raubte mir viel Schlaf.

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